Fünftes Kapitel
Wofür Semilasso von dem Ehinger Spitzenkrämer angesehen wird. – Der alte Baron rennt nach einem Bürgermeister und a public character im braunen Oberrock tritt auf, dessen Erscheinung die wenigsten Leser vermuten mögen

[558] Das türkische Fahrzeug war langsam bis an den Fuß des Schloßberges oder -hügels gediehen, konnte jedoch dort nicht weiter auf der holprichten Straße vordringen. Semilasso sah sich daher genötigt, abzusteigen und zu Fuß bergan zu gehen. Der Ehinger Spitzenkrämer holte ihn ein und gab sich mit ihm in ein vertrauliches Gespräch, weil er ihn wegen der fremdartigen Kleidung, worin der berühmte Reisende sich zeigte, für seinesgleichen oder vielmehr für etwas noch Geringeres, als er selbst war, hielt, nämlich für einen Kunstreiter oder für den Inhaber einer Tierbude. Denn zwischen diesen beiden Vermutungen schwankte der Ehinger in seinen Gedanken.

Semilasso hielt es bei seinem freien Weltblicke nicht unter sich, mit den verschiedenartigsten Leuten ohne Zwang zu verkehren. Er gab daher der Ansprache des Ehingers leichte und natürliche Erwiderung, redete mit ihm über die Spitzenklöppeleien in dem Distrikte, woher der Ehinger gebürtig war und die er auf seinen Reisen besucht hatte. Den Standesunterschied bewahrte er nur insofern, daß er nicht auf der Seite des Weges gehen mochte, den die Füße des Spitzenkrämers traten. Vielmehr wollte er gern die ganze Breite der Straße zwischen sich und dem Ehinger sehen. Kam daher dieser zu ihm hinüber, so kreuzte Semilasso die Straße nach der anderen Seite zu. Da aber der Ehinger die geheime Absicht dieser ausweichenden Bewegungen nicht kannte und am liebsten dicht neben seinen Reisebegleitern gehen mochte, so folgte er dem vornehmen Türken überallhin und beide waren daher die Schloßstraße[558] hinauf in einer beständigen Zickzack- und Schlängelwanderung begriffen.

Oben stand Semilasso still und wischte sich mit einem Taschentuche von feinem Batist den Schweiß von der Stirn. Der Ehinger zog eine Branntweinflasche aus dem Ränzel, nahm einen derben Schluck und bot seinem Genossen, dessen Eigenschaften ihm so unbekannt waren, die Flasche gleichfalls dar. Semilasso wies aber mit einem Zuge des innigsten Widerwillens in dem feinen blassen Gesichte den Schnaps zurück und schien überhaupt nachgerade den Ehinger lästig zu finden. Seine Neigung zu dem Manne stieg nicht, als dieser mit der Frage sich an ihn wandte: »Sagt mir, Landsmann, wo Ihr Eure Bude stehen habt?« und als er durch verwunderungsvolle Erkundigung von ihm herausbrachte, wofür er angesehen wurde. »Voilà ce qui est bien drôle!« sagte er mit einer süßsäuerlichen Mischung im Tone der Stimme und suchte dem Ehinger zu entkommen, der ihn aber mit wiederholentlichen Fragen nach der Bude bis vor die Türe des Schlosses verfolgte. Denn er hatte viel Geld gelöst und wollte sich nun auch in der Tier- oder Bereiterbude ein Vergnügen machen.

An der Schloßtüre nahm jedoch die Verrammelung derselben die Aufmerksamkeit beider Wanderer statt alles anderen in Anspruch. Sie riefen, sie pochten, sie rüttelten, aber im Innern des vereinsamten Schlosses antwortete niemand, niemand kam von innen an die Türe, sondern es schnarchte da drinnen nur taub und gefühllos weiter. Zuletzt mußten sie sich wie die übrigen an der Türe Gewesenen auch von der Notwendigkeit des Wartens überzeugen. Zufällig hatten sie einander von dem Zwecke ihrer Wanderung nichts mitgeteilt, sie gingen auch jetzt ohne nähere Erklärung nach verschiedenen Seiten ab. Semilasso schlug, da der Ehinger mit ihm wieder die Schloßstraße hinunterwandern wollte, einen Nebenweg in das Gebüsch ein, um nur von diesem Plebejer sich loszumachen. Er brauchte dabei einen wahrscheinlichen Vorwand; die Geschichte hat ihn aber vergessen oder Scheu getragen, ihn aufzuzeichnen. Der Ehinger stellte sich dagegen unten am Fuße des Hügels zu dem türkischen Fahrzeuge und suchte sich die Zeit, so gut es gehen wollte, mit den Affen und Papageien[559] zu vertreiben. Auch mit dem jungen Neger sprach er. Dieser redete gebrochen Deutsch und antwortete auf die Frage, wo sein Herr die Bude stehen habe? nachdem er ihren Sinn gefaßt hatte: »Kein Herr mein Bud' halten – wollt' sagen – Mein Herr kein Bud' halten – Furst sein – heißen – nicht aussprechen kann den Namen schwierig.«

Über diese Auskunft wollte sich der Ehinger des Todes verwundern, lachte aus vollem Halse und rief: »O, was für ein Ansehen sich so ein Volk geben kann! Der Junge lügt wahrhaftig schon wie gedruckt und wenn ich den Herrn nach seinem Stand' frag', ist er ein König wenigstens.«

In diesem Augenblicke ging der alte Baron rasch an dem Gefähr vorüber. Er war so verdrießlich, daß ihm selbst der fremdartige Anblick des Fahrzeuges keinen Blick abnötigte, er stieg vielmehr, ohne sich umzusehen, die Schloßstraße empor. – »Landsmann«, rief der Ehinger, der alle Völker der Erde für seine Kompatrioten hielt, dem Alten nach, »Euer Laufen hilft Euch nit, Ihr kommt oben nit ein, die Zugäng' sind verbollwerkt.« – Der Baron wandte sich um, fragte, was das bedeuten sollte? und erfuhr zu seinem größten Ärger, was wir schon wissen.

»Nein!« rief der alte Baron knirschend vor Zorn, »was zu arg ist, ist zu arg! Ich füttere den Hasenfuß, er verrückt uns allen die Köpfe und zum Beschluß und zur Krönung der Schandtaten treibt er die rechtmäßigen Eigentümer aus dem Hause und setzt sich darin fest. Das ist offenbare Gewalt, Friedensbruch und Beschädigung mit gemeiner Gefahr, und auf der Stelle laufe ich zum Bürgermeister, denn jetzt, jetzt tut Polizeihülfe not.« – Mit einer Schnelligkeit, die man seinem Alter nicht hätte zutrauen sollen, lief der Schloßherr zurück und bog in den Weg, der nach dem Dorfe führte, worin der Bürgermeister wohnte.

Als er aber rasch um eine Hecke schwenkte und nichts im Sinn und Auge hatte, als den ihm nun so verhaßt gewordenen Duzbruder, rannte er heftig mit einem andern zusammen. Dieser andere war ein Mann, der in entgegengesetzter Richtung dahergeschritten kam und wegen seiner Kurzsichtigkeit oder aus Zerstreuung auf den alten Baron nicht geachtet hatte.[560] Da er auch sehr rasch ging, so war das Zusammenprallen, wie gesagt, ein heftiges, der Schloßherr verlor seine Seehundskappe vom Haupte, der Mann im braunen Oberrock (denn einen solchen trug der zweite) den Strohhut. Nachdem beide ihre Kopfbedeckungen aufgerafft hatten, machten sie einander gegenseitige Entschuldigungen, denen der im braunen Oberrock die ironische Bemerkung hinzufügte, daß diese Art Bekanntschaften zu knüpfen die glücklichste sei, weil sie mit dem Gefühle beginne, daß einer dem anderen etwas nachzusehen habe, der erste Moment derselben daher sich von aller Überspannung in den Erwartungen fernhalte.

»Mit wem habe ich die Ehre ...?« fragte der alte Baron.

»Ach«, versetzte der im braunen Oberrock, »lassen wir meinen Namen unausgesprochen! – Durch eine seltsame Laune des Schicksals, deren es mehrere an mir übte, ist mir auch ein Name zuteil geworden, der mehr versprach, als meine geringe Persönlichkeit zu halten imstande gewesen ist. Aber vergönnen Sie mir dagegen eine Frage: Wissen Sie nicht, ob sich ein gewisser Freiherr von Münchhausen hier herum in der Nähe aufhält?«

Der alte Baron sah den Fremden groß an. »Haben Sie auch durch ihn gelitten? Können Sie mir irgendeinen haltbaren Verdacht wider ihn liefern, mittelst welches ich ihn vor die Gerichte bringe?« fragte er darauf mit Eifer.

»Mein Herr«, versetzte der andere, »was denken Sie von mir? Ich habe mit diesem Freiherrn von Münchhausen ganz eigene und zarte Beziehungen, die mir die Lippen über ihn versiegeln würden, selbst wenn ich etwas Schlechtes von ihm wüßte. – Sonach kann ich nur meine Frage wiederholen: Hält sich dieser Mann hier in der Nähe auf?«

»In meinem Schlosse sitzt der Spitzbube und hat sich verbarrikadiert!« rief der alte Baron. »Dort geht die Straße hinauf, und ich bin in diesem Augenblicke auf dem Wege, die Polizei wider ihn zu Hülfe zu rufen.« – Er lief eilig seine Straße nach dem Dorfe weiter.

»Halten Sie an!« rief der Fremde mit starker Stimme dem Davoneilenden nach. »Der Freiherr ist zwar ein großer Schalk, gehört aber doch nicht in die Kategorie der Spitzbuben und ist[561] über die Angriffe der Polizei erhaben.« – Der alte Baron hörte aber nicht auf ihn, sondern rannte spornstreichs seinen Weg. – »O der Unselige, in welche Verwickelungen hat er sich gebracht!« sagte der Fremde. – »Ich muß sehen, wie ich ihn rette«, setzte er murmelnd hinzu und lief die Schloßstraße hinauf.

Denn auch er lief mehr als er ging, was einen ziemlichen Kontrast mit seiner Figur abgab, die man schon zu den korpulenten zählen konnte. Es war ein breitschulteriger untersetzter Mann, dieser Fremde im braunen Oberrock, der seinen Wanderstock bei jedem Schritte mit Energie auf die Erde stieß. Er besaß eine große Nase, eine markierte Stirn, deren Protuberanzen jedoch mehr Charakter als Talent anzeigten und einen feingespaltenen Mund, um den sich ironische Falten wie junge spielende Schlangen gelagert hatten, die je doch nicht zu den giftigen gehörten. Seine Augen wurden in den Reisepässen gewöhnlich als graue bezeichnet. Sie lagen auch wirklich wie hellgraue Perlhühner in ihren Höhlen unter Brauen eingewühlt, die trockenem gelbbräunlichem Reisig glichen. Mehrere Damen seiner Bekanntschaft aber, die ihm wohlwollten, behaupteten, diese Augen hätten einen angenehmen blauen Ausdruck, und seit der Zeit glaubte er selbst an ihre Bläue. Nicht allein in dem Antlitze dieses Mannes, der nach seinem Habitus ein Vierziger zu sein schien, sondern überhaupt in seinem gesamten Wesen war eine eigene Mischung von Stärke, selbst Schroffheit, mit Weichheit, die hin und wieder in das Weichliche überging, sichtbar.

»Es wäre ja traurig, wenn dieser merkwürdige Charakter in einem elenden Abenteuer umkäme, man muß sehen, man muß sehen ...« flüsterte der braune korpulente Laufende, als er die beiden Wappenlöwen erreicht hatte.


Da die Absicht der gegenwärtigen Geschichten nicht sein kann, den Leser beizeiten über jenen Fremden zu unterrichten ...[562]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 558-563.
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