Sechstes Kapitel
Die Ereignisse eines Abends und einer Nacht

[272] An jenem Abende, an welchem Münchhausen und der Schloßherr gegenseitig offen geworden waren, ließ sich Karl Buttervogel fünfmal rufen, bevor er zu seinem Herrn kam, der sich entkleiden wollte. Als er endlich erschien, holte der Herr mit den Worten: »Du Gauch! Du Bestie!« nach ihm aus, der Diener aber ergriff einen Stuhl, hielt ihn zu seiner Verteidigung vor sich hin und schrie, als ob er am Spieß stäke. Auf dieses Geschrei eilte der alte Baron im Nachtkleide die Treppe hinauf, Emerentia aber, tief in ihre Welt versunken, hörte davon nichts, sondern fuhr in ihren Eröffnungen gegen die Wand fort, in welchen sie noch begriffen war. Der alte Baron, das Nachtlicht in der Hand, fragte: »Was gibt es denn hier schon wieder?« Münchhausen versetzte: »Mit diesem Racker ist nichts mehr anzufangen, jeden Tag wird er fauler, ich weiß nicht, was dem Ungeheuer im Kopfe steckt!« – »Liebe steckt dem Ungeheuer im Kopfe!« schrie der Mensch erbost; »Liebe von einer ganz vornehmen Person, und es gibt Schwiegerväter, die noch von nichts wissen und sich sehr verwundern werden, wofern fernerweite gute Verköstigung ausgemacht wird.«

»Ist der Kerl verrückt?« sagte der alte Baron.

»Und am Dienst habe ich keinen Geschmack mehr, und am allerwenigsten mag ich so einem Munkel noch ferner dienen, der mich noch überdem prügeln will!« rief Karl Buttervogel. »Und ich begehr' meinen Lohn, zwölf Gulden, vierundzwanzig Kreuzer seit vier Monaten, und was ich ausgelegt habe, tut auch zweiundvierzig Stüber, drei Heller, und das begehre ich[272] und fordre ich, und dann gehe ich gleich fort, denn ich kriege doch außerdem mein gutes Essen und Trinken durch meine Konnexionen, und wenn mir noch ein Wort zu nahe gesagt wird, so gebe ich alles an bei meinem Schwiegervater von der unnatürlichen Erzeugung und den chemischen Schmierereien –«

Münchhausen setzte sich erschöpft auf sein Bett. Er zitterte, wie gewöhnlich, mit den Nasenflügeln, seine Miene war äußerst leidend. »Schreckliches Verhängnis, welches mich in die Hand eines Buben gibt!« stöhnte er. »O warum schwieg ich nicht auch gegen dich, Unmensch, wie ich gegen jeden sonst geschwiegen habe? Ich öffnete dir mein Herz, ich bedurfte einer Seele, die ich in die Apotheke schicken konnte, und du wirst hingehen und mich verraten.«

»Alteriere dich nicht, Bruder«, sagte der Schloßherr. »Dieses Individuum bleibt ewig ein Bedienter; über solches Pack müssen sich Männer unserer Extraktion nicht ärgern. Freilich, was die unnatürliche Erzeugung und das Chemische angeht, da wäre ich äußerst verlangend –«

Münchhausens Gebärde wurde groß. »Verlange nicht danach«, sagte er erhaben. »Ich kenne dich, du bist schwach, Baron Schnuck, du kannst Offenheit ertragen, du kannst ertragen, daß der deutsche Mann zum deutschen Manne sagt: ›Schafskopf!‹ aber das würdest du nicht ertragen. Du hängst an Ideen, die du mit der Ammenmilch eingesogen hast, du willst den Menschen menschlich gezeugt. Die Entdeckung, welcher dein unseliger Fürwitz zusteuert, würde dich deinen Freund kosten!« Er warf mit leidenschaftlicher Heftigkeit seine Kleidungsstücke ab und sah im Hemde zum Fenster hinaus, den Anwesenden den Rücken kehrend.

Karl Buttervogel rief, ohne sich stören zu lassen, in dieses Konzert: »Und es ist schändlich von so einem Herrn, wenn so ein Herr immer lügen tut. Das Lügen ist für uns geringe Leute, wir können oft nicht darüber hin, und der liebe Gott vergibt es uns, weil wir sonst unser Brot nicht haben, und wenn ich erst meinen gnädigen Schwiegervater besitze und auf meine fernerweite gehörige Beköstigung rechnen darf, so will ich's auch lassen, und von so einem Herrn, wie von meinem Herrn von[273] Münchhausen ist es sehr unrecht, und allen Leuten lügt er etwas vor, und allerorten hat er gelogen, und sie sind so dumm und glauben ihm auch immer, obgleich kein wahres Wort aus seinem Munde geht.«

»Es ist gut, Karl, bringe das andere draußen an«, sagte Münchhausen, sich umwendend. Der Ton seiner Stimme war sanft aber fest geworden. Er band einen rot- und gelbseidnen Tuch mützenartig um den Kopf, so, daß die Zipfel an seinen Ohren herunterfielen. »Gute Nacht, Bruder Schnuck, du hast recht, man muß sich über dergleichen Leute nicht ärgern. Ich werde mich ohne Diener zu behelfen wissen. Du kannst gehen, Karl, ich brauche dich nicht weiter, deine zwölf Gulden vierundzwanzig Kreuzer sollst du morgen ausgezahlt erhalten. Geh, Karl, folge deinen höheren Sternen, du kannst nun gut und gern deinen Anteil an der Luftverdichtungsaktienkompanie, den ich dir zugedacht hatte, entbehren.«

Karl Buttervogel machte ein langes Gesicht, ließ den Stuhl, den er bis jetzt noch immer vor sich hin gehalten hatte, sinken, und sagte, so kleinlaut, als er vorher trotzig gesprochen hatte: »Wie, mein Herr von Münchhausen?«

»Luftverdichtungsaktienkompanie?« fragte der alte Baron.

»Ja«, antwortete Münchhausen und streifte den Strumpf vom linken Beine, »in Paris haben sie ein Mittel gefunden, die neueren Chemiker, Luft körperlich zu machen, sie in fester Gestalt darzustellen.«

»Körperlich? In fester Gestalt?«

»In einer Masse zwischen Schnee und Eis, ungefähr wie steifer Brei. Als ich von der Sache hörte, ließ ich mich näher in sie ein und überzeugte mich sehr bald, daß die also körperlich und fest gemachte Luft, vermöge Präzipitierens, Kalzinierens, Oxydierens und gewisser anderer Mittel, die vorderhand mein Geheimnis bleiben, in eine solche Dichtigkeit, Härte und Schwere zu treiben sei, daß sie sich vom Steine nicht unterscheide.«

»Vom Steine nicht unterscheide?«

»Nein. Warum erstaunst du, Schnuck? Was Brei ist, kann doch auch Stein werden. Willst du die Probe? Karl, erzeige mir die Freundschaft, denn befehlen darf ich dir nichts mehr, und[274] bringe aus der Reisetasche mir die grüne Kapsel Nummer vierzehn.«

Karl Buttervogel, dessen ganzes Benehmen sich, seitdem von der Luftverdichtungsaktienkompanie die Rede war, in die fügsamste Demut verwandelt hatte, lief beflissentlich nach der Reisetasche und holte die grüne Kapsel Nummer vierzehn, aus welcher Münchhausen einen faustgroßen Stein nahm. Er zeigte dem alten Baron den Stein und fragte ihn, was er wohl glaube zu sehen?

Der alte Baron versetzte, indem er den Stein gegen das Nachtlicht hielt und ihn blinzelnd beschaute: »Meines Erachtens ist das ein Feldquarz.«

»Fest gemachte, präzipitierte, kalzinierte, oxydierte und durch gewisse andere geheime Mittel versteinerte Luft ist es«, sagte Münchhausen gähnend und tat den Stein wieder an seinen Ort. Er streifte den Strumpf auch vom rechten Beine und fuhr fort: »Du siehst nun mit deinen Augen; haue mit Stahl dagegen, so gibt der Luftstein Feuer, solche Festigkeit hat derselbe.«

»Das ist ja eine ganz ungeheure, unermeßliche, unberechenbare Erfindung!« rief der alte Baron.

»Ziemlich wichtig ist sie allerdings«, sagte Münchhausen kalt. »Gebaut wird allenthalben jetzo zu Friedenszeiten, Häuser, Brücken, Straßen, Paläste, Narrenhäuser, Monumente. Das Material ist nur in manchen Gegenden zu teuer. Das will ich denn für solche steinarme Landstriche liefern, nämlich versteinerte Luft. Luft ist überall zu haben. Die Bereitungskosten sind so gar groß eben nicht, es kommt hauptsächlich bei dem ganzen Prozesse auf die Beschaffenheit der Luft selbst an, und der rechten Steinluft glaube ich hier auf der Spur zu sein. Deshalb rieche ich und schnüffle ich so viel im Winde umher. Hier wollte ich die Fabrik anlegen; die Mutterfabrik, von der dann gelegenen Orts die Tochterfabriken ausgehen sollen, quantum satis. Das Unternehmen wird auf Aktien gegründet, die Bestätigung des Statuts habe ich in der Tasche. Es muß, wenn das Geschäft einigermaßen schwunghaft getrieben wird, schon nach einem Jahre, schlecht gerechnet, eine Dividende von einhundertsechsunddreißig drei achtel Prozent geben. Dieses ist denn die[275] Luftverdichtungsaktienkompanie, nach welcher du fragtest. Zwei Direktoren werden angestellt mit offenem Kredit, zwölf besoldete Verwaltungsräte; die Zahl der Sekretäre und der übrigen Unterbeamten ist vorläufig auf einige und vierzig bestimmt. Karln da, meinen ehemaligen Diener, wollte ich zum technischen Mitdirektor machen – nun, das geht denn nun jetzt nicht mehr an, und ich muß mich nach einem andern umsehen.«

Hier stieß Karl Buttervogel einen solchen Seufzer aus, daß die Stube widerhallte. Der alte Baron aber blies die Backen auf, warf seine Nachtmütze gegen die Decke und tat einen Schritt, den man einen Satz nennen konnte, so daß seine Kerze wild aufflackerte. »Hast du noch Aktien?« fragte er Münchhausen, der sich gleichgültig zu Bette legte.

»Alle untergebracht«, versetzte dieser, die Decke über sich ziehend, »stehen schon höher als pari. Ich will dir aber doch deine Gastfreundschaft vergelten, Schnuck. Dein Schloß ist etwas baufällig; sobald meine Fabrik und die Aktienkompanie ins Leben getreten ist, baue ich dir ein neues aus meinem Material.«

Der alte Schloßherr setzte heftig sein Licht weg, schoß auf den im Bette zu, nahm ihn mit beiden Händen beim Kopfe und rief: »So werde ich ja künftighin gleichsam in einem Luftschlosse wohnen, du Mordkerl!«

»Meinetwegen kannst du es so nennen, alter Junge«, antwortete Münchhausen. »Reiße mir nur die Ohren nicht ab. Siehst du, das ist ja eben das Große in der Gegenwart, daß so vieles, was lange nur als uraltes Märchen, Bild oder Gleichnis galt, aufgebracht durch die Kinderphantasie der Anfangszeiten, nunmehr durch die Forschungen der Wissenschaft sich als historische Realität ausweiset. Und so kommt denn auch das verjährte Sprichwort von Luftschlössern durch meine Aktienkompanie zur Würde wahrer Existenz. Luftbauten werden nicht mehr phraseologisch gemeint sein, sondern die Menschen werden wirklich ihr Geld hineinstecken. Aber geh zu Bette, Schatz, ich bin müde und will schlafen.«

Münchhausen wendete sich um und schlief ein. Der alte Baron murmelte: »Das gewinnt denn freilich jetzt eine andere[276] Gestalt, wir kommen ins Praktische. Er muß – er muß – –« der Alte ging in so tiefen Gedanken fort, daß er selbst sein Nachtlicht mitzunehmen vergaß.

Von dem Scheine dieser Kerze düster beleuchtet, blieb Karl Buttervogel neben dem Bette stehen. Sein Gesicht war von Bestürzung ganz aufgelaufen, bisweilen schlich eine dicke Träne die Nase entlang, regungslos stand er da, wie eine Bildsäule, und ließ die Tränen, ohne sie abzuwischen, still fließen. Der Urheber der Betrübnis schnarchte dazu. Nachdem der traurige Diener über eine Stunde also gestanden, gab er sich daran, die Kleidungsstücke des Freiherrn, welche am Boden und auf den Stühlen zerstreut umherlagen, sacht zu erheben. Er legte sie sorgfältig geordnet an die ihnen bestimmte Stelle, nahte sich auf den Zehen dem Bette, zupfte den Freiherrn am Hemde und flüsterte: »Gnädiger Herr!«

Münchhausen fuhr auf, rieb sich die Augen und sagte: »Warum weckst du mich, Impertinenter?«

»Ich wollte Sie nicht wecken«, erwiderte Karl Buttervogel schüchtern, »sondern nur fragen, wann Sie morgen früh befehlen, geweckt zu werden?«

»So!« rief Münchhausen. »Willst wieder bei mir im Dienst bleiben, du Vieh? Nein, mein Sohn, halte fest an deinem Entschlusse, geh, geh von dem Lügner, sei nicht so dumm, ihm zu glauben, ihm, dem kein wahres Wort aus dem Munde kommt, mit einem Worte: pack dich, du Schuft!«

Karl Buttervogel sank am Bette auf seine Kniee, ergriff die Hand des Freiherrn, küßte sie, heulte und schluchzte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, selbst einen aus Luft, und rief: »Gnädiger Herr, ich weiß ja, daß ich ein Schuft gewesen bin. Aber ich will es in meinem ganzen Leben nicht mehr tun. Ach, vergeben Sie mir doch nur dieses eine Mal, damit ich technischer Mitdirektor bleibe, ich habe schon so sehr auf diesen Posten und auf dieses gute Brot gerechnet, und wäre ein geschlagener Mann, wenn mir's entginge, denn mit dem Herrn Schwiegervater kann es noch im weiten Felde stehen, und wer weiß auch, ob mir die fernerweite gute Verköstigung ausgemacht wird, wofür ich's allein tue, und ich will nimmer wieder von der unnatürlichen Erzeugung plappern und vom[277] Munkel und von den chemischen Schmierereien, weil ich sehe, daß es Sie kränkt, und von Lohn, und was ich ausgelegt, soll gar keine Rede mehr sein, nein, alles gratis, Aus- und Anziehen und Wasserholen und sonst, und ich wollte doch so gern Ihr Bedienter bleiben.«

»Dein scheußlicher Eigennutz läßt dich so eifrig diese Bitte aussprechen«, sagte Münchhausen ernst. »Die technische Mitdirektorschaft ist es allein, welche dir im Sinne liegt. Aber tröste dich, mein Freund, du wirst nichts verscherzen, wenn du von mir gehst. Wie sollte ein Lügner jemals Wahrheit sagen? Auch die Luftverdichtungsaktienkompanie habe ich nur vorgespiegelt.«

»O nein, nein, nein!« rief Karl Buttervogel laut und begeistert. »Ich lass' mich nicht irremachen. Nein, wenn der gnädige Herr auch sonst jezuweilen aus Liebhaberei 'n bissel flunkern, damit hat es seine volle Richtigkeit. Ach, ich sehe wohl, der gnädige Herr prüfen mich nur noch und spaßen schon; und ich bleibe bei Ihnen.«

»Nun denn«, sagte Münchhausen, »für dieses Mal will ich dir verzeihen; es ist aber das letzte Mal. Ob du indessen technischer Mitdirektor wirst, hängt lediglich von deiner ferneren Aufführung ab. Und nun hole mir den Stock da her, du Spitzbube, denn der neue Kontrakt, welchen wir beide abschließen, will seine Bekräftigung und Draufgabe haben.«

Karl Buttervogel brachte den Stock, welcher in der Nähe des Bettes stand, getragen, sein Herr zog ihm damit einige sogenannte Jagdhiebe über den Buckel; der Diener ächzte zwar unter der Last dieser Streiche, schüttelte sich aber nachher und sagte getröstet: »Es wird einem doch gleich wieder so wohl, wenn man wieder seine feste Anstellung hat.«

Nach seinem Abgange blieb der Freiherr im Bette emporgerichtet sitzen und sprach: »Erstaunlich, was für eine Gewalt ich über meine Umgebungen ausübe!« Er warf sich auf sein Kissen nieder, wandte sich um und schlief abermals ein. Indessen sollte ihm noch keine dauernde Nachtruhe gegönnt sein. Denn nachdem er etwa eine halbe Stunde geschlummert haben mochte, erwachte er wieder von einem Geräusche am Fenster. Im ersten Augenblicke meinte er, daß Diebe sich zum Einsteigen[278] rüsteten; halb schlaftrunken fuhr er aus den Federn und an das Fenster, sah aber, nun durch den kühlen Nachtwind völlig geweckt, unten im Hofe eine dunkle Gestalt, mit einer überlangen Stange in der Hand. »Wer ist da? Und was soll das?« rief Münchhausen die Gestalt an.

Dieser erwiderte: »Ich bin es, der Schulmeister, auch Agesilaus geheißen, und diese aus mehreren Bohnenstiefeln zusammengefügte große Stange klopfte an Ihr Fenster, um Ihre Aufmerksamkeit mir zuzuwenden, Herr von Münchhausen, da mein leises und bescheidenes Rufen Ihres werten Namens nicht verfangen wollte. Noch Licht in Ihrem Zimmer sehend, hielt ich es nicht für unhöflich, eine Zwiesprach mit Ihnen zu begehren, welche ich denn hiemit begehrt haben will. Mich verlangt sehnlichst nach einer Unterredung über einen mir hochwichtigen Gegenstand. Wollen Sie mir wohl leise, auf daß die Hausbewohner nicht erwachen, die Türe öffnen und den Zutritt in Ihr Gemach verstatten?«

»Zum Teufel, Herr, das werde ich bleibenlassen!« rief Münchhausen ärgerlich. »Wer erlaubt Ihnen, die Leute aus dem Schlafe zu stören? Was Sie mir zu sagen haben, können Sie mir von da unten sagen.«

»Auch dieses«, versetzte ruhig der unten mit der Stange. »Die Unterredung aber muß vor sich gehen, damit ich heute noch meinen Entschluß fassen kann. Kürze, die körnige Kürze der Sparter sei mein Muster, denn es zieht hier etwas stark an der Ecke. – Herr von Münchhausen, der Mensch, welcher überhaupt diesen Namen verdient, hat Gedanken. Diese Gedanken haben einen Inhalt und dieser Inhalt kann wahr oder falsch sein. Falsch ist er, wenn er der Wirklichkeit wider-, wahr, wenn er ihr entspricht. Was nun die Wirklichkeit sei, ist zwar schwer zu sagen, indessen, bis dieses große Geheimnis entdeckt wird, müssen wir mit dem, was andere Menschen über unsere Gedanken denken, uns behelfen. Deshalb ist es so überaus wichtig, letzteres zu erfahren, weil wir dadurch zwar noch nicht die Wirklichkeit selbst, aber doch gleichsam eine Anweisung auf sie in die Hände bekommen. Eine solche Anweisung wünschte ich gegenwärtig von Ihnen zu empfangen, Herrn von Münchhausen.«[279]

»Herr, kommen Sie zur Sache! Nennen Sie diese Umschweife Kürze?« rief Münchhausen zornig, denn es fror ihn am Fenster.

»Zur Sache denn! Ich begehre Ihre Gedanken über meine Gedanken. Ich denke mir noch immer, daß ich meine Abkunft von den Lakedämoniern und insonderheit von jenem ihrem großen Könige herleiten darf. Was aber denken Sie über diese meine Gedanken?«

Münchhausen riß die Geduld. »Ich denke, daß Sie ein Narr sind!« rief er und wollte das Fenster zuschlagen.

»Einen Augenblick erbitte ich mir noch Gehör. Ihre Äußerung macht mir klar, daß Sie meine mir bis jetzt teuerste Überzeugung für unrichtig halten. Wären Sie wohl so gefällig, mir den Beweis der Unrichtigkeit zu führen, mir auseinanderzusetzen, warum die Agesels nicht von jenem griechischen Volke abstammen können?«

»Nein. Sein Sie, was Sie wollen, Athener oder Spartaner, mir gilt es gleich!« – Münchhausen schlug das Fenster zu, murrte: »Das ist ja heute eine verhenkerte Nacht!« sprang wieder in sein Bette, wandte sich zum dritten Male um und schlief zum dritten Male ein.

Jetzt aber ließ ihn der Geist, welcher heute spuken ging, kaum eine Viertelstunde rasten. Er war kaum wieder eingeschlummert, als er sich derb am Arme gerüttelt fühlte. Auffahrend mit den Worten: »Sackerlot, was gibt es nun schon wieder?« sah er zu seinem großen Erstaunen bei dem Schimmer der Nachtkerze den alten Baron abermals vor dem Bette stehen, noch gekleidet, wie früher, nämlich an den Füßen gelbe Pantoffeln und den Leib in einen roten kattunenen Schlafrock mit grünen Weinblättern eingehüllt. – »Bruder Münchhausen«, sagte der Schloßherr und setzte sich auf den Stuhl vor dem Bette, »nimm es nicht übel, daß ich dich störe, aber ich kann kein Auge schließen. Du hast mir mit deiner Luftentreprise eine Unruhe in das Blut geworfen, daß ich in meiner Kammer nicht zu bleiben vermag. Sieh mir einmal recht steif ins Gesicht, und sage mir dann, Kavalier gegen Kavalier: Hast du mir nichts vorgelogen?«

»Schnuck ...«[280]

»Ich bitte dich, habe mir nichts vorgelogen! Ich glaube dir gern; es wäre schrecklich, wenn du gelogen hättest, denn meine ganze Seele ist schon bei dem Unternehmen, die Freude meines Alters wäre dahin, wenn nichts aus der Sache würde. Und an und für sich ist sie auch nicht unglaublich, da so viele andere staunenswerte Erfindungen neuerdings gemacht worden sind, als zum Beispiel: Licht aus Unrat zu ziehen, und Essig aus Holz, Zitronensäure aus Kartoffeln und Zucker aus Urin. Warum sollen sie also nicht Steine aus Luft machen können? Fällt sie uns doch oft schwer genug auf die Brust! Dein Wort wird mir daher genügen, dein Manneswort: Hast du mir nichts vorgelogen?«

Der im Hemde mit dem Zipfeltuche um das Haupt sah seinen Wirt starr an und sagte feierlich: »So wahr du geborener Geheimer Rat im höchsten Gericht wirst, so wahr tritt die Luftverdichtungsaktienkompanie ins Leben.«

»Wohl«, versetzte der im roten kattunenen Schlafrock mit den grünen Weinblättern, »nun bin ich beruhigt.«

Der Freiherr bat seinen Wirt um Gottes willen, ihn denn auch ruhen zu lassen, der Alte aber war außer aller Fassung und blieb unter erhitzten Reden auf dem Stuhle sitzen. »Du mußt mir einen Gefallen tun, Münchhausen«, rief er. »Abweisen lasse ich mich nicht von deiner Kompanie, denn die Zeiten sind schmal und einhundertsechsundreißig drei achtel Prozent nach dem ersten Jahre stehen nicht zu verachten. Wenn mir Lisbeth die Zinsen bringt, kriege ich eine runde Summe, eine Aktie zu bezahlen – ich will und will und will eine haben.«

»Verfluchter Aktienschwindel!« rief der Freiherr. »Ich habe dir ja gesagt, daß keine mehr zu kaufen ist. Geh doch um aller Heiligen willen zu Bette!«

»Und zu Bette gehe ich nicht!« kreischte der aufgeregte Alte. »Versagst du mir die Luftaktie, so laß ich dich morgen zum Hause 'nauswerfen!«

»Das ist ja eine schöne Erfahrung, die ich an dir mache!« sagte Münchhausen und lehnte sich matt zurück. »Seit wir einander du nennen, kommen nichts als Grobheiten zwischen uns zum Vorschein. Es bleibt also doch wahr, daß manche[281] Freundschaften durchaus nur auf: Sie eingerichtet sind und diesen Terminus ohne Gefährde nicht verlassen dürfen.«

Der alte Baron, der von seiner Aufregung zurückgekommen war, bat seinen Gast um Verzeihung, und es sei nicht so übel gemeint gewesen, sagte er. Dann ersuchte er ihn, ihm wenigstens eine besoldete Anstellung bei der Kompanie zu geben, damit er doch einigen Vorteil von der Unternehmung ziehe. – »Ja, was soll ich aus dir machen?« fragte Münchhausen. »Das Direktorium ist besetzt, der Verwaltungsrat vollzählig, Sekretariats- und Botengeschäfte passen nicht für dich; das einzige Syndikat, das Richteramt für die Streitigkeiten unter den Luftaktionären, ist noch offen – willst du das haben?«

»Ei!« rief der alte Baron, »dieses würde mich ganz trefflich kleiden. Es wäre eine Zwischenbeschäftigung, eine gute Vorübung auf die Zeit, da die alten Verhältnisse wiederhergestellt werden, und ich meinen geborenen Geheimerratsposten im höchsten Gericht antrete. Ja, das nehme ich mit Freuden an.«

»Topp!« rief Münchhausen. »Du sollst Richter unter den Luftverdichtern werden und einen Gehalt von sechsmalhunderttausend Pfund Luftsteinen jährlich beziehen. Denn wir haben, wie man in China mit Reis, als dem gangbarsten Produkte der Landeskultur bezahlt, die Verfügung getroffen, nur in unserem Produkte, nämlich in versteinerter Luft alle Besoldungen zu entrichten.«

»Sehr vernünftig«, versetzte der alte Baron. »So spart ihr bar Geld. Ich bin damit zufrieden. Nur bitte ich mir probemäßige Luftsteine aus und verwahre mich gegen allen Müll und Abfall.«

Münchhausen mußte hierauf dem neuen Syndikus noch ein Langes und Breites von der Bereitung der Luft erzählen, wobei er sich freilich die eigentlichen Fabrikgeheimnisse vorbehielt.

Damit aber war sein Zuhörer noch nicht zufrieden, sondern er forschte auch gründlich nach der Verfassung der Kompanie, nach den stimmfähigen und stimmlosen Mitgliedern, nach dem Gesellschaftskapital, nach der Geschäftsführung, nach den Universal-, General-, Partikular- und Spezialversammlungen, damit er, wie er sagte, beizeiten alles erfahre, was zu seinem Amte ihm zu wissen not tue.[282]

Münchhausen gab ihm über jeden dieser Punkte, obgleich er lieber geschlafen hätte, notgedrungen die bündigste Auskunft, so daß er sich ganz heiser sprechen mußte. Endlich ging der Alte.

Die Nacht war über diesen Vorfällen und Gesprächen verstrichen. Phöbus mit dem goldenen Haar sah in das Fenster. Erschöpft legte sich Münchhausen abermals zurück, um wenigstens noch eine Stunde Morgenruhe zu genießen. »Es ist doch übel, wenn man bei den Leuten allzuviel Ideen anregt«, sagte er vor dem Einschlafen.

Aber bald erhob sich unter seinem Fenster das Getöse einer eifrig arbeitenden Säge; der Ton, welcher vom erschrecklichsten Schrillen in einem unausgebildeten Sopran zum schauderhaftesten Schnurren in einem verdorbenen Alt regelmäßig sich senkend, bekanntlich auch den Taubsten erwecken kann. Münchhausen sagte anfangs zu sich selbst: »Es ist nur Täuschung«, und stopfte sich tief in die Kissen hinein; dann sagte er: »Es ist zwar keine Täuschung, aber ich will diesen sinnlichen Eindruck durch Abstraktion überwinden.« – Er begann daher von dem Schrillen und Schnurren seine Gedanken mit Macht seitwärts zu führen, und würde vielleicht bei der großen geistigen Kraft, die ihm beiwohnte, des Sinneneindrucks Meister geworden sein, wenn sich nicht plötzlich mit dem Sägegeräusche ein heftiges Rumoren über seinem Haupte verbündet hätte. Es ließ sich nämlich ein Gepolter über seiner Stube vernehmen, als ob der ganze Söller umgekehrt würde. Zwischen Sägegeräusch und Söllergepolter eingeklemmt, konnte er es nicht länger aushalten. Er rief: »So ist es und bleibt es demnach unmöglich, heute zu einem leidlichen Schlafe zu gelangen!« und sprang mit beiden Füßen aus dem ruhelosen Bette. Er schellte und ließ sich von seinem technischen Mitdirektor, der zugleich Prätendent von Hechelkram und Karlos der Schmetterling war, ankleiden.

Von der durchwachten Nacht sah er sehr gelbgrünlich aus, und die Augen standen ihm wüst im Kopfe. Das Sägen aber rührte vom Schulmeister und das Rumoren vom alten Baron her.[283]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 272-284.
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