Siebentes Kapitel
Warum der Schulmeister sägte und warum der alte Baron rumorte

[284] Der Schulmeister war, nachdem der Freiherr das Fenster zugeworfen hatte, mit einem Seufzer und dem Ausrufe: »Nicht einmal eine Widerlegung!« in seine Wohnung auf dem Taygetus gegangen. Dort blieb er, kopfschüttelnd und sinnend, die kleine Blendlaterne vor sich auf den Tisch gestellt, einige Stunden lang sitzen. Er blickte unverwandt in das Licht der Laterne und hatte seine beiden Arme auf die Kniee gestemmt. Nachdem er so längere Zeit gesessen, erhob er sich, strich mit der Hand langsam über sein Kinn und sagte: »Ja, es ist so, ich bin darüber nun im klaren und habe meinen Entschluß gefaßt.« – Er ging in die Ecke, worin sein Lager aufgeschüttet war, und sprach, es mit untergeschlagenen Armen betrachtend: »Dieses ist Stroh, und zwar krummes, keinesweges aber Schilf.« – Er nahm die Laterne, begab sich mit ihr hinaus, leuchtete auf dem Platze vor dem Gartenhäuschen umher und sprach: »Ein gewöhnlicher Schneckenberg, und was da unten murmelt, ist ein Wässerlein ohne Namen.« – Er holte den Becher oder Kothon, das heißt, den alten irdenen Topf aus dem Gartenhäuschen und zerschmetterte ihn mit den Worten: »Du sollst mich nicht mehr verführen!« durch einen heftigen Wurf. Dann sank er auf sein Strohlager zu einem festen und erquicklichen Schlummer nieder. Nach wenigen Stunden, als das Frühlicht angeglommen war (denn er brauchte wenig Schlaf), erhob er sich wieder, rückte ein altes Schreibzeug zurecht, fand glücklicherweise einen Bogen Papier und schrieb an den Schulrat Thomasius.

Mit diesem Briefe in der Hand trat er hinaus in das Morgenrot. Er freute sich der aufsteigenden Sonne und rief: »Es ist denn doch ein anderes Ding, die liebe Gottessonne, als der längst begrabene Heidengötze Helios.« – »Guten Morgen, Agesel!« rief eine Stimme von unten ihm zu. »O glückliche Vorbedeutung!« sagte der Schulmeister, »ich werde wieder bei meinem Taufnamen genannt, ja, den Agesilaus hätten wir[284] wohl hinter uns.« Hinabblickend sah er den Kreisboten, welcher, seinen braunen Stecken in der Hand und die schwarzlederne Skripturentasche über den Rücken gehängt, längst des Gartens durch die Dornen seinen Dienstweg schritt. »Halt!« rief der Schulmeister und warf den Brief hinunter, »nehmt das an den Herrn Schulrat mit, Rittersporn, aus Gefälligkeit.«

Er ging nach dem Schlosse, wo er das Fräulein, welche auch wenig geschlafen hatte, schon munter fand. »Könnte ich nicht eine nützliche Beschäftigung erhalten?« fragte er sie. »O ja«, war die Antwort, »es ist Holz zu sägen und kleinzumachen.« – Fröhlich ging der Schulmeister nach dem Holzstall, stellte den Sägebock unter dem Fenster des Freiherrn auf und begann nun jene geräuschvolle Arbeit, von welcher im vorigen Kapitel die Rede gewesen ist, emsig und unverdrossen, sich schon freuend auf das Hacken, wenn das Sägen vorbei sein möchte.

Letzteres wäre sonach erklärt, mit dem Rumoren aber hatte es folgende Bewandtnis. In den alten Baron war durch die industriellen Entwürfe der Nacht ein unauslöschliches Feuer gedrungen. Vor seinen Augen erhoben sich Brücken, Kunststraßen, Paläste, ja ganze Städte aus versteinerter Luft. Er hatte sich zwar, nachdem er Münchhausen verlassen, abermals niedergelegt, konnte jedoch jetzt ebensowenig schlafen, als vorher, sondern wälzte sich, die Luftbauten vor den brennenden Augen, schlaflos von einer Seite zur andern. Nicht lange währte es, so wurde er bei seiner Lebhaftigkeit des unangenehmen Bettes müde, sprang auf und ging, einen närrischen aber festen Plan im Busen, auf den Söller.

Es war ihm nämlich eingefallen, daß die Streitigkeiten unter den Luftaktionären häklicht und spitzig ausfallen könnten, und daß es daher, um das Syndikat mit Auszeichnung zu verwalten, rätlich sein dürfte, im voraus den Scharfsinn auf gerechte Urteilsfällungen einzuüben. Er beschloß daher, sich eine vorläufige Gerichtsstube einzurichten, und zwar fern von störendem Geräusche, oben auf dem Söller in der sogenannten Polterkammer, in welcher Lisbeth die Notizen über die Zinsrückstände gefunden hatte. Münchhausen sollte, das war sein Entwurf, ihm erdichtete Rechtsfälle, wie sie die jungen Studenten im Praktiko nach den Pandekten ausklauben, vorlegen,[285] und er wollte sie dann nach der ratio nunquam scripta des Luftrechtes entscheiden.

Er schloß die Polterkammer im ersten Dämmer auf. An der schrägen Dachwandung, wo gebrochene Lichter sich zwischen den Ritzen der Ziegeln und Schindeln hindurchstahlen, stand ein ehemaliger L'hombretisch mit eingelegten Holzfiguren auf drei Beinen, den ernannte er zur Gerichtstafel. Er mußte, um zu ihm zu gelangen, einige Reihen leerer Champagnerflaschen, drei alte zerbrochene japanische Vasen, ein messingnes Papageienbauer und ein verbogenes Jagdhorn wegräumen; Zeugen und Denkmäler einstiger glücklicher Tage. Hierauf ließ sich der Tisch bequem in die Mitte der Polterkammer bringen und mit Hülfe eines Guéridons von vergilbtem Alabaster, der sich dort auch irgendwo fand, auf einen sicheren vierten Fuß stellen. In einer andern Ecke stand ein orangeplüschener Großvaterstuhl, den schob er als Richterstuhl hinter die Gerichtstafel. Nun fehlten nur noch die Akten, die Bücher und das Richterkostüm, um dem Ganzen das gehörige ehrwürdige Ansehen zu geben. Akten und Bücher fanden sich leicht, denn es lagen da ganze Bündel alter Papiere und Haufen schweinslederner Bände auf dem Boden umher. Er nahm verschiedene Konvolute unbeantwortet gebliebener Mahnbriefe auf und bedeckte damit die Gerichtstafel. An deren Rändern ringsherum stellte er den »Abbé de la Pluche«, »Schelmuffskys Reisen«, das »Curieuse Welttheater« und die »Asiatische Banise« samt dem »Leben der weltberüchtigten Frau Neuberin« als richterliche Hand- und Hülfsbibliothek auf. Das Kostüm ließ sich schwerer entdecken, doch war er auch in dieser Beziehung zuletzt glücklich. Denn als er von der der Dachwand entgegengesetzten einen Bettschirm mit Schäfern aus Geßners »Idyllen« hinweggetan hatte, sah er eine Reihe alter Kleidungsstücke an den Nägeln hangen. Unter diesen erblickte er einen schwarzen Domino, von dem er sich erinnerte, ihn auf der Vermählungsredoute des letzten Fürsten von Hechelkram getragen zu haben, eine Sammettoque, in der seine Gemahlin einst einen englischen Herzog bezaubert hatte, und eine abgelegte Spitzenfraise, deren Geschichte ihm entfallen war. Er nahm diese drei Stücke, welche ihm Richtermantel, Barett und Kragen bedeuten[286] mußten, und hing sie an einem Pflocke der Gerichtstafel gegenüber auf.

Nachdem der Schloßherr, also rumorend, die Gerichtsstube eingerichtet hatte, setzte er sich in den orangeplüschenen Großvaterstuhl, legte die Hände auf die Gerichtstafel und freute sich über sein zustandegebrachtes Werk.

»Das hat mir gefehlt!« rief er. »Eine feste praktische Beschäftigung mangelte mir! Darum fühlte ich ungeachtet aller Studien bisher eine so peinigende Leere. Denn wie gefüllte Blumen zwar die schöneren zu sein scheinen, eigentlich aber kränkeln und früher absterben, als die einfachen, so ist ein unbeschäftigter Mensch, wenn er seinen Geist auch noch so herrlich schmückt, im besten Falle doch nur einer gefüllten Blume gleich. Die Kräfte seiner Seele vergeuden sich in eitler Blätterfülle und abgesehen davon, daß nach ihm keine Frucht bleibt, so erstickt er auch selbst bald an dem Übermaße mißgewandter Säfte. Dagegen leitet ein tätiger Beruf die Geister, welche das Leben nähren, in die rechten Röhren und Kanäle, von denen sie dann in gesunden und gottgefälligen Bildungen als schlanke Stengel, frische Blätter, duftige Blüten ausgehen. Alle müßigen Menschen, und seien sie die bestgearteten, haben oder bekommen eine Neigung, andern wehe zu tun, nur um doch mit etwas ihre Tage auszufüllen, während der Fleiß, der durch Geschick oder durch Vorsatz auferlegte, auch geringere Seelen zu veredeln pflegt. Nicht mit Unrecht kann man sagen, daß er wie ein Magnet durch fortgesetztes Tragen unglaublicher Lasten mächtig wird, während die Trägheit ein Stahl in der Scheide ist, den zuletzt doch der Rost zernagt. Auch ist ferner zu sagen, daß die emsigen Bienen, obzwar ihnen die Natur einen scharfen Giftstachel gegeben hat, nur gereizt stechen, und den Nichtbeleidiger unbeleidigt durch ihren Schwarm hindurchgehen lassen, wogegen die nicht sammelnden Wespen jeden, auch den Ruhigsten mutwillig anzufallen pflegen. Weshalb der Fleiß ein Freund seiner selbst und anderer genannt werden darf, die Faulheit aber als Feindin an sich und jedermann handelt. Und darum ist es mir so lieb, daß meine letzten Tage nunmehr aus dem müßigen Schwärmen, welches mich ganz aushöhlte und vernichtigte, in eine rühmliche Tätigkeit[287] sich retten, bei welcher ich mit gutem Gewissen und starkem Bewußtsein geduldig die Rückkehr der alten Verhältnisse und meinen Eintritt in das höchste Gericht erwarten kann. Auch daß der Wohlstand sich wieder hebt, ist keinesweges gering zu schätzen. Sechsmalhunderttausend Luftsteine sind ein schönes Einkommen, denn wenn ich das Tausend Steine auch nur auf zehn Taler anschlage, so gibt das eine jährliche Revenue von sechstausend Talern. Von diesen will ich viertausend verzehren, und den Rest zurücklegen, halb für meine Tochter und halb für mein Pflegekind Lisbeth zu einer Aussteuer.«

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 284-288.
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