Clerdon an Sylli

[512] Den 8. März.


Liebste Sylli! daß Sie so lange nicht schrieben! Wir alle zerbrechen uns die Köpfe darüber, die gute Amalia, die Nichtchen und ich, jeder nach seiner Weise. Aber nächsten Sonnabend kömmt sicher ein Brief von Ihnen, denn ich weiß, Sie lassen meinen letzten keinen Tag unbeantwortet. In Fällen, die das Herz angehen, will ich alles Gute mit weit größerer Zuverlässigkeit von Ihnen, als von mir selbst, voraussagen; denn Sylli kann da nicht straucheln. Sie seufzen doch wohl nicht über meinen starken Glauben?

Hier bei uns sollten Sie itzt sein, liebste Sylli, daß wir Sie mit in unsere Reihen schlängen, den neuen Frühling zu umtanzen. Die unwiderstehliche Wonne des gestrigen Tages müssen auch Sie gefühlt haben. Mich hat sie ganz durchdrungen, gelagert sich in all mein Gebein. Mir ist, wie einem Jünglinge, der soeben aus[512] eines frommen Mädchens Auge sich die Seele voll Liebe und Hoffnung getrunken hat; so froh, und zugleich so heimlich ist mir's im Busen.

Früh mit dem Morgen ging's an. Ich erwachte von der ersten sanftesten Dämmerung, fand mich aufgerichtet, wie von dem Arm eines Freundes, der mich zum unerwarteten Wiedersehen aus dem Schlummer küßte. Ich streckte meine Arme aus nach dem Liebenswürdigen; irrte ihm nach, und fand ihn, fand ihn -schaffend am Aufgange. – Wer an einer Musik für das Auge zweifelt, der hätte diese Morgenröte sehen sollen. Ein solcher Engelsgesang schwebte mir nie auf Tönen in die Seele. Doch was weiß ich, mit welchen Sinnen ich empfand? ich war außer mir. Gleich im ersten Moment, beim Erreichen der Gegenwart, überwandelte mich's, durchschauderte mich's; dann tiefer in der Brust ein Beben, immer tiefer und inniger; im geheimsten Busen auflösendes Beben, das den ganzen Erdensohn tötete. Tod, schöner, himmlischer Jüngling! Des verwesenden Teils entladen, flog ich in seine Arme, sank in seinen Schoß, war bei ihm, war in ihm, in Ihm, der da ist, war und sein wird; kostete Allmacht, Schöpfung, ewiges Bleiben in Liebe. – Ach, Sylli, daß ich wieder zurückkehren, daß es Tag werden mußte!

Aber dennoch ein herrlicher Tag, wohl der schönste meines Lebens!

Mit dem ersten Blicke der Sonne, der meine Augen auf die umher verbreitete herrliche Gegend sich niedersenken machte, und den von Erde Gebornen wieder weckte, schoß mir lichtschnell durch die Seele ein Strafgedanke: welch ein sündlich Wesen es doch sei, diese herrliche Pracht Gottes so über Wall und Graben nur zu beschielen, nur etwa am Abend ein wenig daran vorbei- oder hinterherzuschleichen, da doch nichts wehre, sich hinein zu lagern in diese Herrlichkeit ganze Tage lang, sich anzukleiden über und über mit dieser Pracht Gottes, zu genießen das Seinige, den weiten offenen Himmel, und die große offene Erde.

Ich raffte mich zusammen, und zog hinaus in den vollen Sonnenglanz, wandelte, und nahm Besitz von Acker, Wiese, Bach, Wald und Strom, Höh und Tiefe, Himmel und Erde. Und als ich nun an den Hügel, mein Ziel, gelangte, hinankletterte, endlich droben stand in meinem ganzen Vermögen, und weit umherschaute; da hüpfte in meinem Blut, und pochte auf meiner Brust, und trotzte in meinem Gebein, und schauerte in meinem[513] Haar, jauchzte, klang und sang in allen meinen Nerven, Liebe, Lust und Macht zu leben.

Was hier weiter mit mir vorgegangen, und die vollständige Geschichte dieses Tages bekommen Sie, wenigstens heute, nicht. Ich ward in meiner Begeisterung durch einen Besuch von Eduard Allwill unterbrochen. Er blieb mit uns zu Tische, und nun bin ich zerstreut und in ganz veränderter Stimmung. Nicht wahr, Sie erkundigten sich ja ohnlängst nach unserm Eduard? Geduld! meine Frau soll Ihnen ausführlich von ihm erzählen. Seitdem Sie ihn sahen, hat er sich sehr ausgebildet, aber ein eben unbegreifliches Durcheinander von Mensch ist er noch immer. Nie habe ich eine solche Allgemeinheit des Gefühls gesehen, und das in einem Alter von zweiundzwanzig Jahren, wo sie nicht aus vielen Erfahrungen und Bemerkungen abgezogene, kalte, mangelhafte Erkenntnis, sondern nur unmittelbare Empfindung sein kann. Ein so schneller und fast gleich mächtiger Sinn für alles muß eine wunderbare Mannigfaltigkeit seltsamer Erscheinungen hervorbringen. Dabei ein so glühendes mutiges Herz, seine ganze Seele so offen, so lieb, kurz, für mich ist dieser Eduard einer der interessantesten Gegenstände.

Sein Vater erzählte jüngst von ihm, er wäre seit seinem dritten Jahre nie heil gewesen, hätte immer ein paar Beulen am Kopfe, und Wunden überall gehabt. Man wird nicht müde, den guten Major von den seltsamen Streichen des Knaben erzählen zu hören; und wie er selbst und die Herren Präzeptoren ihn eben für kein Kind guter Hoffnung gehalten, weil er, mit aller seiner Lebhaftigkeit, doch im Studieren sehr träge, und mit aller seiner Gutherzigkeit äußerst hartnäckig, ausgelassen, beißend und trotzig gewesen. Für etwas schwach am Geist hielt man ihn, weil seine Kameraden ihn beständig überlisteten, ohne Müh ihn zu allem beredeten, und ihn alle Zechen bezahlen ließen. Ein größerer Held in der Freundschaft und Liebe ist nie gewesen, und verliebt bis zur Raserei war er schon in seinem neunten Jahre. Mir fallen eben ein paar Züge ein, die kurz und leicht zu erzählen sind. Gegen sein sechstes Jahr hatte er sich in den Kopf gesetzt, sein treues Schaukelpferd, genannt der Fuchs, würde lebendig werden, wenn er ihm eine lebendige Fliege beibringen könnte. Er quälte sich ohnermüdet mit den Zubereitungen zu seinem Versuch, der so leicht nicht angestellt werden konnte, weil die Schaukelmaschine nicht hohl war. Einst, als er sie sehr heftig in Bewegung brachte, so daß sie mit den vordersten Enden[514] beständig auf den Boden stieß, ward er unverhofft inne, daß sie fortrutschte. Nun trieb er sein Tier stärker an, und gelangte ziemlich geschwinde mit ihm bis ans entgegengesetzte Ende des Gemachs. Seine Freude war ausgelassen. Kein Mensch vermochte ihm auszureden, daß sein Fuchs zu leben anfange, und für nichts in der Welt wäre er mehr von seiner Seite gewichen. Es ward Mittag, und Eduard hatte keinen Hunger. Sein Vater ließ ihm sagen, wenigstens herunterzukommen; aber sosehr er sonst den Major fürchtete, konnte er diesmal nicht gehorchen. Alle Leute im Hause, die schon im Geiste ihren lieben Eduard bis aufs Blut peitschen sahen, liefen hinauf, fleheten, schmeichelten, verhießen, droheten: alles war umsonst. Der Major, der schlechterdings gehorcht sein wollte, befahl, den Knaben mit Gewalt herunterzuschleppen. Das geschah. Nachdem er weidlich ausgescholten worden, sollte er sich zu Tische setzen; nein, er hatte keinen Hunger. Man drohte, man zwang; alles vergeblich: er sah nur seinen Fuchs, und den Himmel offen. Da nun aber schlechterdings ihm der Kopf gebrochen werden sollte, so blieb nichts übrig, als ihn tüchtig abzuprügeln, und von seinem Fuchse zu trennen, welches dann ohnverzüglich also ins Werk gerichtet ward, daß man ihn auf ein paar Stunden in ein finsteres Loch sperrte.

Einige Zeit nachher hatte er sich abends im Dunkeln auf ein hohes Gestell geschlichen, in der Absicht, einen großen Sprung zu versuchen, den er nach vielen Übungen und Sukzessen itzt glaubte wagen zu dürfen. Er sprang herzhaft zu, stürzte aber so gewaltig, daß man fürchtete, das Nasenbein wäre entzwei. Kleinigkeit! Aber am folgenden Tage vor dem Vater zu erscheinen! Alles in der Welt; nur das Ausschelten konnte der Junge nicht leiden. Man hatte es diesmal leicht beim Major dahin gebracht, daß er seinem Eduard alle Strafe, und noch obendrein das Zu-Tische-Sitzen erlassen. Nun aber sollte nach dem Essen der Junge denn doch vor ihm erscheinen, und da entstand große Not. Der schüchterne Starrkopf wollte durchaus nicht hinunter, bis sein älterer Bruder Wilhelm, ein feiner, beredter, doch aber grundguter Knabe, ihn unter den heiligsten Versicherungen, der Vater werde der zerquetschten Nase mit keiner Miene erwähnen, endlich dazu vermochte. Große Mühe hatte es dennoch gekostet, weil Wilhelms Kunst Eduard schon in so manchen schlimmen Handel verwickelt hatte; aber eine unversiegende Quelle von Glauben im Grunde seines Herzens überschwemmte immer bald sein Gedächtnis, so daß er auch noch von dieser Seite nicht[515] weiser geworden, und es wohl nie werden kann. Nun wanderte Eduard an des Bruders Hand zum Major, der ihn verheißenermaßen ganz milde ansah, doch aber zu bemerken nicht unterließ, er würde ihm wohl müssen ein Nasenfutteral machen lassen. Rasch dreht sich mein Eduard: und zu Wilhelm: »da Lügner!« mit einem so kräftigen Stoße, daß dieser vier Schritte weit rücklings in einen Sandtrog tummelte. Der Major entsetzte sich, und warf den Täter, als das verächtlichste Ungeheuer, von sich.

Dergleichen begab sich alle Tage, aber Eduards Mut und guten Humor konnte von der Seite nichts beugen. Schwerlich hat ein Mensch mehr Schläge erlitten, denn nie wollte er sie durch willige Übernehmung nur der kleinsten Schmach abkaufen, noch den Unwillen seiner Vorgesetzten durch Tränen oder Flehen mildern. Er selbst erzählte mir neulich, daß er einst nah auf den Tod gegeißelt worden, da sein Präzeptor ihn durch sokratische Fragen zu dem Geständnisse versuchet, Prügel sein Wohltaten, und er ihn immer durch verstellte Albernheit aus der Folge gebracht. Für seine Kameraden übernahm er mehrmals Schuld und Strafe, nicht sowohl aus Freundschaftsenthusiasmus und Mitleiden, als weil ihm vor ihrem Flehen und Heulen während der Exekution unerträglich ekelte. Bei allem dem nicht ein Schatten von Keckheit; im Gegenteil so schüchtern, so demütig gegen jedermann, wovon er Gutes dachte; zugleich so vorliebend, so dankbar, so mild und so gut, daß er den meisten, teils für einen Tropf, teils für einen Schmeichler galt.

Vor Unwahrheit, ja vor bloßem Irrtum – Gut daß ich hier ein neues Blatt suchen mußte, sonst wäre mir schwerlich eingefallen, daß in einer Viertelstunde die Post abgeht. Wenn Sie wollen, so komme ich nächstens auf diese Materie zurück, und erzähle Ihnen von den Kontrasten im kleinen Eduard, wie er bei aller seiner Unbändigkeit nicht wild, sondern zur Stille, zum vertraulichen Leben geneigt war; wie er bei seiner heftigen Begierde nach sinnlicher Lust, bei seiner Unbesonnenheit im Handeln, doch immer grübelte, und mit ganzer Seele an unsichtbaren Gegenständen hing; wie er hierüber zu Ansichten gekommen, deren Größe sein ganzes Wesen zerrüttete, ihn bis zur Ohnmacht drückte; so, daß er, um den Anwandlungen davon zu entrinnen, sich oft die Hände blutig biß, oder gar sich die Treppe hinunter in den Keller wälzte; wie er endlich im vierzehnten Jahr ein Pietist geworden, usw. – Es ist unaussprechlich reizend, alles dies vom Kinde zu wissen, und hernach den Jüngling zu beobachten:[516] wie es immer noch dieselbigen Karten sind, nur etwa ein paar dazu oder davon, anders gemischt und anders gespielt.


N.S. Mir fällt ein, Ihnen einen Brief beizulegen, den Eduard mir jüngst aus Kambeck schrieb. Ich muß ihn aber ohnfehlbar zurückhaben, um zu seiner Zeit die erste Hälfte davon dem Verfasser wieder vorzulegen. Der gute Allwill glaubt schon geliebt zu haben. Aber dennoch wieviel Wahres liegt nicht in seinem leichtfertigen Geschwätz! Die Waldbegebenheit wird Sie freuen.


Beilage zu Clerdons Briefe
Quelle:
Sturm und Drang. Band 1, München 1971, S. 512-517.
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