An Schloßer

[204] Ἐγω ἐιμι παν το γεγονος, και ὀν, και ἐσομενον

Και τον ἐμον πεκλον ὀυδεις πω ϑνητος ἀπεκαλυψεν.

Plutarch. de Isid et Osir.


Ἐμβλεψατε ἐις τα πετεινα του ὀυρανου.

Matth. VI. 26.


Emmendingen, bey Freyburg, den 28. September 1786.


O Freund, die Stürme werden wach;

Schon geht der Herbst auf welken Matten,

Schon dünner wird der Bäume Schatten,

Und Deiner Laube grünes Dach!

Es scheint der helle Mühlenbach,

Mit ihm die Bretma sich zu grämen,

Daß von den Ufern allgemach

Die letzten Blümlein Abschied nehmen.[205]

Siehst Du den öden, grauen Wald

In Nebel-Wolken sich verstecken?

Er wird mit seinen Blättern bald

Der Erde nackten Schooß bedecken.

Dann schweiget auch der Winzer Lied,

Dann flüstern die entlaubten Reben,

Wo jede Wonne, jedes Leben

Vom kahl gewordnen Hügel flieht.


Nach wenig Monden schmücket zwar,

Umweht von Blüthenvollen Aesten,

Zum May-Gesang, zu Frühlings-Festen

Mit neuen Veilchen sich das Jahr;

Ach, aber von den besten Freuden

Wie viele, die auf immer scheiden!

Geschwinder, als das Grün der Weiden,

Verwelket unser liebstes Glück,

Und keine Sonne bringts zurück!

Was sollen mir die Veilchen alle,

Mit denen sich der Hügel krönt,

Wenn in den Thälern, wo ich walle,[206]

Nicht mehr des Freundes Stimme tönt?

Was hilft der Mond im Silber-Schleyer,

Der auf die junge Blüthen-Pracht.

Herab vom blauen Himmel lacht?

Mir fehlt zur neuen Frühlings-Feyer,

Der Jugend holder Genius;

Und mehr als das – ein Götter-Kuß

Der Muse, zum Gesang der Leyer.


Vergieb, O Freund! Ich klage nicht;

Will nur die weisen Männer schelten,

Die, täuschte mich ihr falsches Licht,

Den Trost des Lebens mir vergällten;

Die großen Lehrer unsrer Zeit,

Die aller Menschen-Seligkeit.

Ein kurzes, flüchtiges Ergötzen

An Erden-Glück, zur Gränze setzen,

Und jedes Ahnden beßrer Lust,

In reiner, liebevoller Brust,

Geringer, als ein Mährchen, schätzen.

Ihr Geist hat sich vom Höhern los

Geklügelt, dünkt sich frey und groß[207]

Mit seinen ewigen Gesetzen

Der allbelebenden Natur;

Denn was ein weisrer Epikur

Mit seinen trauten Schülern nur

In der geweihten Laube sprach,

Das lallen sie verstümmelt nach.

Wir aber, Freund, wir folgen besser,

Zum mindsten treuer, jeder Spur

Der uns belehrenden Natur.

Ein still hinrauschendes Gewässer,

Ein lindes Wehen durch die Flur

Bey Sonnen Auf- und Untergang,

Der Nachtigallen Brautgesang

Beseligt uns auf goldnen Auen;

Weil überall, wo Büsche thauen,

Wo Lüfte säuseln, wir den Gang

Des Unsichtbaren und mit Dank,

Mit Kinderglauben und Vertrauen,

Ein Vorbild künft'ger Wonne schauen.


Das können jene Grübler nie;

Voll kalter Zweifel wandeln sie,[208]

Vertieft in hochgelehrte Fragen,

Zu stolz, an unsrer Hand zu gehn,

Und, was uns Thier und Pflanze sagen,

In seiner Einfalt zu verstehn.


Indeß verkünden Pflanz' und Thier,

Auf Bergen und in Hölen, mir

Die große Mutter, deren Hülle

Kein Sterblicher noch aufgedeckt;

Sie, die zum Leben alles weckt

Und zum Genuß; die alles nährt,

Und, was der kleinste Wurm begehrt,

Begehren kann, aus ihrer Fülle

Mit immer offnen Händen giebt;

Was jedes sucht, was jedes liebt,

Und lieben kann, ihm beygesellt!

Dazu den Blick in ihre Welt

Dem Falken mehr, dem Maulwurf minder

Geschärfet hat; die Kräfte wägt,

Und nicht in eines ihrer Kinder

Ein triegendes Bedürfniß legt.
[209]

Wann sahen wir den Vogel darben,

Der nimmer sät, der keine Garben

Zur Erntezeit in Scheunen trägt?

Die Lerche singt, die Wachtel schlägt,

Die Taube girrt im sichern Schatten,

Weil Liebe sich in ihnen regt,

Und alle finden ihren Gatten.

Wenn dann, wo sie der Wipfel hegt,

Ein angetrautes Paar zum Neste

Sich den verborgensten der Aeste,

Voll süßer Ahndung, auserwählt,

So hat an Moos und Stroh und Reisern

Es nie zu ihren kleinen Häusern,

Noch an des Meisters Kunst gefehlt.

Sogar des Epheus dunkler Traum,

Der schwankend sich nach Hülfe sehnet,

Ist nicht umsonst; der Epheu lehnet

Sich an den nachbarlichen Baum.


So, Freund, so lehrte dich und mich

Natur, die alles mütterlich[210]

Vertheilt; zu seinen Würger-Klauen.

Dem Tieger Durst nach Blute gab,

Den schwachen Lämmern auf den Auen

Geduld, und Schutz, und Hirtenstab;

Die, fernes Aas den Raben wittern,

Das Küchlein vor dem Habicht zittern,

Und Storch und Henne brüten ließ;

Die selber einst, bekränzt mit Aehren,

Um ihren Liebling zu ernähren,

Ihm Karst und Pflug und Sichel wies;

Ihn, keichend sich zur Erde bücken,

Dann aufwärts von den Dornen blicken,

Zum Himmel beten, Paradies,

Und, wo die Blumen Gräber schmücken,

Unsterblichkeit erwarten hieß.


Mag spotten, wer da will! Ich glaube

Der nimmer täuschenden Natur,

Die auch dem Käfer tief im Staube,

Nicht log. In Wüsten, auf der Flur,

Wo Zweig und Gras und Halm gebähren,[211]

Will sie den unzählbaren Heeren,

Was jegliches bedarf, gewähren;

Und er, der Mensch, er sollte nur

Des Beßren, was er wünscht, entbehren

Natur, die Mutter, so verstehn,

Das heißt – ihr großes Wort verdrehn,

Ihr heiligstes Geschenk belachen,

Und sein Gefühl zur Lüge machen.


Laß mich an deiner Seite gehn!

An deinem treuen Arm, du Lieber,

Will ich aus dieser Welt hinüber

In schön're Gottes-Welten sehn.

Quelle:
Johann Georg Jacobi: Sämmtliche Werke. Band 4, Zürich 1819, S. 204-212.
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