Dreizehntes Kapitel

[381] Die Uhr aus Menschen – Korbflechterin – der Venner


Als ich im vorigen Kapitel von Kurzschläferinnen sprach, die um sechs Stunden früher erwachen als ihre Gegenfüßlerinnen: so tat ich, glaub' ich, wohl, daß ich das Modell einer von mir längst erfundenen Uhr aus Menschen, das ich im 12ten Kapitel nicht unter die eng aneinander stehenden Begebenheiten schieben wollte, auf das 13te aufsparte; in das trag' ichs herein und stell' es auf. Ich glaube, Linnés Blumenuhr in Upsal (horologium florae), deren Räder die Sonne und Erde, und deren Zeiger Blumen sind, wovon immer eine später erwacht und aufbricht als die andere, gab die geheime Veranlassung, daß ich auf meine Menschen-Uhr verfiel. Ich wohnte sonst in Scheerau, mitten auf dem Markt, in zwei Zimmern; in mein vorderes schauete der ganze Marktplatz und die fürstlichen Gebäude hinein, in mein hinteres der botanische Garten. Wer jetzo in beiden wohnt, hat eine herrliche vorherbestimmte Harmonie zwischen der Blumenuhr im Garten und der Menschenuhr auf dem Markt.

Es ist 3 Uhr, wenn sich der gelbe Wiesenbocksbart aufschließet, ferner die Bräute, und wenn der Stallknecht unter dem Zimmer-Mietmann zu rasseln und zu füttern anfängt. – Um 4 Uhr erwachen (wenns Sonntag ist) das kleine Habichtkraut und die heiligen Kommunikantinnen, welche Sing-Uhren sind, und die Bäcker. – Um 5 Uhr erwachen die Küchen- und Viehmägde und Butterblumen – Um 6 Uhr die Gansdisteln und Köchinnen – Um 7 Uhr sind schon viele Garderobejungfern im Schlosse und der zahme Salat in meinem botanischen Garten wach, auch viele Kauffrauen – Um 8 Uhr machen alle ihre Töchter, das gelbe Mausöhrlein, die sämtlichen Kollegien die Blumen-, Kuchen- und Aktenblätter auf – Um 9 Uhr regt sich schon der weibliche[381] Adel und die Ringelblume; ja viele Landfräulein, die zum Besuche kamen, sehen schon halb zum Fenster heraus – Um 10, 11 Uhr reißen sich Hofdamen und der ganze Kammerherrenstab und der Rainkohl und der Alpenpippau und der Vorleser der Fürstin aus dem Morgenschlafe, und das ganze Schloß bricht sich, weil die Morgensonne so schön vom hohen Himmel durch die bunte Seide glimmt, heute etwas Schlummer ab – Um 12 Uhr hat der Fürst, um 1 Uhr seine Frau und die Nelke in ihrer Blumen-Urne die Augen offen. – Was noch spät abends um 4 Uhr sich aufmacht, ist bloß das rote Habichtkraut und der Nachtwächter als Kuckuckuhr, die beide nur als Abenduhren und Monduhren zeigen. Von den heißen Augen des armen Teufels, der sie erst um 5 Uhr aufschließet, wie die Jalape, wollen wir unsere Augen traurig wegwenden; es ist ein Kranker, der solche eingenommen, und der die mit glühenden Zangen zwickenden Fieberbilder bloß mit wachen Stichen vertauscht. – –

Wenns 2 Uhr war, konnt' ich nie wissen, weil da ich (samt tausend dicken Männern) und das gelbe Mausöhrlein miteinander einschliefen; aber um 3 nachmittags und um 3 am Morgen erwacht' ich als eine richtige Repetieruhr.

So können wir Menschen für höhere Wesen Blumen-Uhren abgeben, wenn auf unserem letzten Bette unsere Blumenblätter zufallen – oder Sand-Uhren, wenn die unsers Lebens so rein ausgelaufen ist, daß sie in der andern Welt umgekehrt wird – oder Bilder-Uhren, weil in jene zweite, wenn hier unten unsere Totenglocke läutet und schlägt, unser Bild aus dem Gehäuse tritt – sie können in allen solchen Fällen, wo 70 Menschenjahre vorüber sind, sagen: »Schon wieder eine Stunde vorbei! Lieber Gott, wie doch die Zeit verläuft!« –

Das seh' ich an dieser Abschweifung. – Firmian und Heinrich traten heiter in den benachbarten lauten Morgen, aber jener konnte den ganzen Vormittag auf keinem Sessel und Stubenbrette einwurzeln; die opera buffa e seria seines Lug-Todes zog immer vor seiner Seele ihren Vorhang auf und zeigte ihre burlesken Auftritte. Er war nun, wie allemal, humoristischer durch Leibgebers Gegenwart und Vorbild geworden, der über ihn[382] durch seine innere Ähnlichkeit regierte. Leibgeber, der schon vor vielen Wochen alle Kulissen und Bühnenverschiebungen des Vexier-Sterbens mit der Phantasie erschöpfend ausgewandert hatte, dachte jetzo wenig daran; sein Neues war der Vorsatz, aus Rosas Brautfackel, die schon gegossen und angestrichen war, den Dacht herauszuziehen, die Braut. Heinrich war überall ungestüm, frei, kühn, ergrimmend und unversöhnlich gegen Ungerechtigkeiten; und dieser moralische Ingrimm nahm, wie hier in Rosas und Blaisens Sache, zuweilen zuviel vom Schein der Rachsucht an. Firmian war milder und schonte und vergab, oft sogar auf scheinbare Kosten seiner Ehre; er wäre nicht imstande gewesen, der schönen Natalie den brieflichen Geliebten mit Heinrichs englischem Schlüssel oder Pelikan aus der blutenden Seele zu ziehen. Sein Freund mußte, als er heute in Fantaisie zu ihr ging, das Versprechen der weichsten Behandlung und des vorläufigen Schweigens über die Kgl. preuß. Witwenverpfleganstalt zurücklassen. Allerdings hätt' es Nataliens Ehrgefühl blutig versehret, wenn man ihre moralische Trennung vom unmoralischen Venner auch nur von weitem in irgendeine Zusammenstellung mit einem metallischen Ersatze einer geistigen Einbuße hätte bringen wollen; sie verdiente und vermochte zu siegen, bei der Aussicht, zu verarmen.

Spät kam Heinrich wieder, ein wenig mit verworrenem Gesicht, aber doch mit einem erfreueten. Rosa war verworfen – und Natalie verwundet. Die Engländerin war in Ansbach bei der Lady Craven und aß die Butter mit, die die letztere noch außer den Büchern machte. Als er dieser Römerin – so hieß die Britin Natalien gewöhnlich – das ganze schwarze Brett und Sündenregister des Venners vorgelesen hatte, zwar ernsthaft, aber ein wenig laut und treu: so stand sie in dem großen Anstand, den die aufopfernde Begeisterung annimmt, auf und sagte: »Wenn Sie hierin so wenig getäuscht wurden, als Sie täuschen können; und wenn ich Ihrem Freunde so viel glauben darf als Ihnen: so geb' ich Ihnen mein heiliges Wort, daß ich mich zu nichts zwingen oder bereden lasse. Aber in einigen Tagen kommt der Gegenstand ja selber, dem ich so gut wie meiner Ehre schuldig bin, ihn[383] zu hören, da ich meine Briefe in seine Hände gegeben. Aber wie hart ists, daß ich so kalt sprechen muß!« Von Minute zu Minute erlosch auf ihrem glühenden Gesicht das Rosenrot immer mehr in Rosenweiß; sie stützte es auf ihre Hand, und als die Augen voller wurden und endlich tropften, sagte sie fest und stark: »Kehren Sie sich daran nicht; ich halte Wort Dann reiße ich mich, was es mir auch koste, von meiner Freundin ab und kehre nach Schraplau in meine arme Verwandtenwelt zurück. Ich habe ohnehin in der vornehmen Welt lange genug gelebt, doch nicht zu lange.«

Heinrichs seltner Ernst hatte sie überwältigt. Sie setzte in seine Rechtschaffenheit ein unerschütterliches Vertrauen, bloß weil er – ein sonderbarer Grund! – bisher sich nicht in sie verliebet, sondern nur mit ihr befreundet hatte, ohne mithin ihre Foderungen ans Herz durch seine – einzuschränken. Sie würde vielleicht auf den verheirateten Fiskal ihres Bräutigams, auf Firmian, gezürnet haben, wären ihm drei oder vier der besten Entschuldigungen abgegangen – nämlich seine geistige Ähnlichkeit mit Leibgeber überhaupt, dann seine physiognomische, welche sich vollends durch die Blässe so sehr verklärte, ferner sein rührendes Abendblatt und endlich sein ganzes mildes liebevolles Wesen. Die gestrige Bitte, ihn abends mitzubringen, tat sie nun zu Leibgebers größter Freude zum zweiten Male, so weh es ihr auch um das ganze Herz herum war. – Niemand nehme ihr aber die Halbtrauer über den untersinkenden Venner übel oder ihren Irrtum über ihn, da wir alle wissen, daß die lieben Mädchen so oft Empfindsamkeit mit Rechtschaffenheit, Briefe mit Taten und Dinten-Tränen mit einem ehrlichen warmen Blute verwechseln.

Nachmittags brachte Leibgeber den Advokaten zu ihr, gleichsam als seinen Beweis zum ewigen Gedächtnis, als seine syllogistische Figur, als seine rationes decidendi, da der Venner aus rationibus dubitandi bestand. Aquiliana empfing den Advokaten mit einem fliehenden Erröten und dann mit einem kleinen Stolze aus Scham, aber doch mit der Zuneigung, die sie seiner Teilnahme an ihrer Zukunft schuldig war. Sie wohnte in den Zimmern der Engländerin; das blühende Lusttal lag draußen davor, wie eine[384] Welt vor einer Sonne. Ein solcher voller Lustgarten hat den Nutzen, daß ein fremder Advokat den Spinnen-Faden der Rede an seine Äste leichter anzuknüpfen weiß, bis der Faden, zu einem schimmernden Kunstgewebe herumgesponnen, im Freien hangt. Firmian konnte nie jene Weltleute erreichen, die nichts brauchen, um ein Gespräch anzuspinnen, als einen Zuhörer; die wie Laubfrösche an den glättesten Dingen festzukleben wissen, worauf sie hüpfen; ja die sogar, was die Laubfrösche nicht einmal können, im luft- und sachleeren Raume sich anhalten. Aber eine freie Seele wie Siebenkäs könnte sogar an einem Hofe nicht lange von der Unbekanntschaft mit den Verhältnissen verworren bleiben, sondern sie müßte bald ihre Freiheit in ihrer angebornen Erhebung über alle Zufälligkeiten wiederfinden und durch anspruchlose Einfachheit die kunst- und anspruchvolle der Welt leicht ersetzen.

Gestern hatt' er diese Natalie im heitersten Genusse ihrer Kräfte und der Natur und der Freundschaft lächeln und zaubern und sie den schönen Abend noch mit einer Opferkühnheit krönen sehen; doch heute war so wenig von den zarten hellen Freuden übrig! In keiner Stunde ist ein schönes Gesicht schöner als in der, welche auf die bittere folgt, worin die Tränen über den Verlust eines Herzens auf ihm vorübergezogen; denn in der bittern selber würde uns die jammernde Schönheit vielleicht zu sehr betrüben und schmerzen. Firmian wäre mit Freuden für diese holde Gestalt, die das in ihr Herz getriebene Opfermesser bedeckte und gern es darin glühen ließ, um nur das Bluten zu verzögern, er wäre mit Freuden für sie auf eine ernstere Art als er vorhatte, gestorben, wenn er ihr mehr damit hätte helfen können. Kann man es denn da so außerordentlich finden, daß das Bindwerk zwischen beiden zugleich mit dem fallenden Sand im Stundenglas immer höher und dichter wuchs, sobald man nur erwägen will, daß bei einem ungewöhnlichen dreifachen Ernste – denn sogar Leibgeber geriet darein – sich jede Brust vor der Gala-Natur des Frühlings mit sanften Wünschen füllte – daß Firmian heute, mit seiner bleichen, kränklichen, von alten Kümmernissen bezeichneten Gestalt, gefällig und wie Abendsonnenschein in ein halbverweintes[385] wundes Auge fiel – daß ihr das (sonderbare) Verdienst ihn anempfohl, ihrem Treulosen wenigstens einige Untreuen vergället und verbauet zu haben – daß er alle seine Töne aus der Molltonleiter eines sanften Herzens aussuchte, weil er es vergüten und verdecken wollte, daß er dieser Unschuldigen und Unbekannten so viele Hoffnungen und Freuden auf einmal hatte verheeren müssen – und daß sogar der größere Grad von ehrender, scheuer Zurückhaltung ihn durch den Kontrast, den er mit seinem Ebenbilde, dem vertraulichen Heinrich, machte, verschönerte? – Diese Reize des Verhältnisses, die der weiblichen Welt mehr abgewinnen und abnötigen als die verkörperten beleibten, hatte der Advokat sämtlich in Nataliens Augen. Sie hatte in den seinigen noch größere und lauter neue: ihre Kenntnisse – ihre männliche Begeisterung – ihren feinern Ton – und ihre schmeichelhafte Behandlung, mit der ihn vorher noch keine Schöne verherrlicht hatte, ein Reiz, der viele eines weiblichen Umgangs ungewohnte Mannspersonen nicht bloß bis zum Entzücken, sondern bis zur Ehe hinreißet – und noch die zwei letzten und größten Schönheiten, daß die ganze Sache zufällig und ungewöhnlich war, und daß Lenette überall davon die Gegenfüßlerin war. –

Darbender Firmian! An deinem Lebenflüßchen steht, wenn es auch zu einem Perlenbach wird, immer eine Galgen- und eine Warntafel! – In einer solchen warmen Temperatur, wie deine jetzo war, mußte dir der Ehering zu eng anliegen und dich kneipen, wie überhaupt alle Ringe in warmen Bädern pressen, und in kalten schlottern.

Aber irgendeine teuflische Najade oder ein ränksüchtiger Meergott hatte die größte Freude, Firmians Lebens-Meer, wenn es gerade von einigen phosphoreszierenden Seetieren oder von einer unschädlichen elektrischen Materie reizend leuchtete, und wenn sein Schiff darin eine schimmernde Straße hinzog, umzurühren und zu trüben und zu verfinstern; denn eben als das Vergnügen und die äußere Gartenpracht immer höher wurde – und die Verlegenheit kleiner – die schmerzlichen Erinnerungen an den neuen Verlust versteckter – als schon das Fortepiano oder das Fortissimopianissimo und die Singstücke aufgemacht waren[386] – kurz, als die Honiggefäße ihrer Freuden-Orangerie insgesamt und erlaubte ägyptische Fleischtöpfe und ein weiter Abend- und Liebesmahls-Becher offen war: so sprang mit zwei Füßen nichts Geringers hinein als eine große Schmeißfliege, die schon öfters in Firmians Freudenbecher geflogen war.

Der Venner Everard Rosa von Meyern trat ein, anständig in Safran gekleidet, um seiner Braut das Gesandten-Recht des ersten Besuchs zu geben....

Er war in seinem Leben nie anders gekommen als zu spät oder zu bald; so wie er nie ernsthaft, sondern entweder weinerlich oder schäkerhaft war. Das Format von drei Gesichtern war jetzo das Langduodez – bloß Leibgeber machte seines nicht auf der Ziehbank lang, sondern im Färbekessel und Brütofen rot, weil er einen eignen Ingrimm gegen alle Stutzer und Mädchen-Sperber hatte. Everard hatte aus dem Stolbergischen Homer einen Antritt-Einfall mitgebracht: er wollte die homerischen Helden nachahmen und Aquilianen beim Eintritt fragen, ob sie eine Göttin oder ein Mensch sei, weil er sich nur mit letztem kämpfend messen könne; aber beim Anblicke des männlichen Paars, das der Teufel wie eine Doppelflinte gegen sein Gehirn hinhielt, wurd' in letztem alles käsig und klößig und fest; er konnte den Einfall um Küsse nicht in Fluß bringen. Erst fünf Tage darauf hatt' er den geringen Inhalt seiner Kopfknochen wieder so ausgebessert, daß er den Einfall einer weitläuftigen Verwandten von mir denn wie wüßt' ichs sonst? – noch gut erhalten überreichen konnte. Überhaupt lähmte ihn in weiblicher Gesellschaft nichts ärger als eine männliche, und er stürmte leichter ein ganzes weibliches Stift als – sobald ein einziger elender Mann dabei stand nur zwei Stiftfräulein, geschweige eine Stiftdame.

Eine solche stehende Theatertruppe spielte noch nicht im Schlosse von Fantaisie, als ich hier vor meinem Pinsel sehe. Natalie war in eine unhöfliche Verwunderung und in ein kaltes Vergleichen dieser Originalausgabe mit ihrem brieflichen Ideal verloren. Der Venner, der ein anderes Fazit der Vergleichung voraussetzte, wäre gern ein offenbarer Widerspruch und sein eigner Gegenfüßler gewesen, hätt' ers machen können; ich meine,[387] hätt' er sich auf einmal empfindlich-kalt gegen Natalien über den verhaßten Fund eines solchen Paars, und doch zugleich vertraulich und zärtlich zeigen können, um das dürftige Paar mit seiner Ernte und Weinlese herzlich zu ärgern. Er wählte – zumal da er über ihre Gestalt ebenso, nur angenehmer, betroffen war als sie über seine, und da ihm noch immer Zeit genug zum Rächen und Strafen blieb – lieber das Prahlen, um den zwei Reichsgerichten neben ihm den Besuch durch Neid zu versalzen und zu gesegnen. Auch hatt' er vor beiden den Vorzug eines feuerflüchtigen Körpers, und er machte seine Landmacht von leiblichen Reizen geschwinder als beide die ihrige mobil. Siebenkäs sann nichts Näherem nach als seiner – Frau; vor Rosas Ankunft hatt' er den Gedanken daran wie eine sauere Wiese abgeweidet, weil seine Eigenliebe von der zersprungnen Borke der ehelichen Hand nicht so weich überfahren wurde als von den mit Eider-Dunen gefüllten Schneckenfühlfäden oder Fingern einer jungfräulichen; aber jetzo wurde aus dem Gedanken an Lenette eine süße Wiese, weil seine in zwei Orten eingepfarrte Eifersucht über Rosan sich an Lenettens Betragen weniger stieß als an Nataliens Verhältnissen. Heinrich nahm an Augen-Grimm zu und fuhr an Rosas Sommer-Hasenbalg von gehler Seide mit gehlsüchtigen Blicken auf und ab. Er krabbelte aus zorniger Selbtätigkeit in der Westentasche und erpackte den Schattenriß des Heimlichers von Blaise, den er, wie bekannt, als er die gläserne Perücke zertrat, ihm wie aus den Augen geschnitten hatte, und an dem ihn seit einem Jahr nichts verdroß, als daß er in seiner Tasche anstatt am Galgen war, woran er ihn an jenem Abschied-Abend mit einer Haarnadel hätte schlagen können. Er zog die Silhouette heraus und glitt, unter ihrem Zerzausen, leicht zwischen ihr und Rosa hin und her und murmelte, indem er den Blick an den Venner befestigte, Siebenkäsen zu: »à la Silhouette118

Everards Eigenliebe erriet diese schmeichelnden, aber unwillkürlichen Opfer der fremden beleidigten und legte, immer übermütiger gegen den Armenadvokaten, Fragmente aus seiner[388] Reisebeschreibung, Empfehlungen seiner Bekannten und Fragen über die Ankunft seiner Briefe dem verlegnen Mädchen zudringlich ans Herz. Die Gebrüder Siebenkäs und Leibgeber bliesen einander zum Abzug, aber als echte – Mannspersonen; denn sie zürnten ein wenig über die schuldlose Natalie, gerade als wenn diese dem eintretenden Sponsus und Briefgatten mit dem Handwerk-Gruße hätte entgegenschreiten können: »Mein Herr! Sie können mein Herr gar nicht werden, gesetzt auch, Sie wären nichts Schlimmers als ein Halunke – Tropf – Fratz – Geck – etc.« Aber müssen wir nicht alle (denn ich glaube nicht, daß ich selber auszunehmen bin) an unsere beinerne, mit Sünden gefüllte Brust schlagen und bekennen, daß wir Feuer speien, sobald scheue Mädchen nicht sogleich eines auf die Leute geben, auf die wir vor ihnen Schatten und Bannstrahle geworfen haben – daß wir sie ferner im Fortjagen schlimmer Schildknappen rasch erfinden wollen, da sie es doch im Annehmen derselben nicht sind daß sie sich aus den Not- und Ehrenzügen ihrer Kossäten und andern Lehnleute so wenig machen sollen als wir andern Mitbelehnten – und daß wir ihnen schon gram werden, nicht über ihre Untreue, sondern über eine unverschuldete Gelegenheit dazu? – Der Himmel bessere das Volk, wovon ich eben gesprochen habe.

Firmian und Heinrich schweiften einige Stunden in dem Zaubertale voll Zauberflöten, Zauberzithern und Zauberspiegel umher, aber ohne Ohren und Augen; das Reden über den Vorfall schürte ihre Köpfe wie Ballonöfen voll, und Leibgeber blies aus Famas-Trompete a posteriori mit lauter satirischen Injurien jede Baireutherin an, die er in den Lustgängen spazieren gehen sah. Er tat dar: Weiber wären die schlimmsten Fahrzeuge, in die ein Mann sich in die offne See des Lebens wagen könnte, und zwar Sklavenschiffe und Bucentauros (wenn nicht Weberschiffe, mit denen der Teufel seine Jagdtücher und Prellgarne abwebt), und das um so mehr, da sie eben wie andere Kriegschiffe häufig gewaschen, überall mit einem giftigen Kupfer-Anstrich gegen außen versehen würden und eben solches überfirnißtes Tauwerk (Bänder) führten. Heinrich war mit der (höchst unwahrscheinlichen)[389] Erwartung gekommen, daß Natalie seinen Freund als Augen- und Ohrenzeugen über Rosas kanonische Impedimente (kirchliche Ehehindernisse) protokollarisch vernehmen werde; – und dieses Mißlingen nagte ihn so sehr.

Aber eben, als sich Firmian über des Venners lispelnde, ineinanderrieselnde, um die Zungenspitze kräuselnde Aussprache ohne Ausdruck aufhielt, so rief Heinrich: »Dort läuft ja die Drecklilie119!« Es war der Venner, gleichsam ein in seinem Verkaufnetz schnalzender Markthecht. Als der Specht – denn der Naturforscher nennt alles Geflügel mit buntem Gefieder Spechte – näher vor ihnen vorüberflog, sahen sie sein Gesicht von Erbosung glimmen. Wahrscheinlich war der Leim zwischen ihm und Natalien aufgegangen und abgelaufen. –

Die zwei Freunde verweilten noch ein wenig in den Schattengängen, um ihr zu begegnen. Endlich aber nahmen sie ihren Rückweg zur Stadt, auf dem sie einer Dienerin Nataliens nachkamen, die Leibgebern folgendes Schreiben nach Baireuth zu überbringen hatte:

»Sie und Ihr Freund hatten leider recht – und nun ist alles vorbei. – Lassen Sie mich einige Zeit einsam auf den Ruinen meiner kleinen Zukunft ruhen und denken. Leute mit verwundeter zugenähter Lippe dürfen nicht reden; und mir blutet nicht der Mund, sondern das Herz, und dies über Ihr Geschlecht. Ach, ich erröte über alle die Briefe, die ich bisher leider mit Vergnügen und Irren geschrieben; und fast sollt' ich es kaum. Haben Sie doch selber gesagt, man müsse sich schuldloser Freuden so wenig schämen als schwarzer Beeren, wenn sie auch nach dem Genusse einen dunkeln Anstrich auf dem Munde nachließen. Aber ich dank' Ihnen in jedem Falle von Herzen. Da ich einmal entzaubert werden mußte, so war es unendlich sanft, daß es nicht durch den bösen Zauberer selber geschehen, sondern durch Sie und durch Ihren so redlichen Freund, den Sie mir recht grüßen sollen von mir.

Ihre

A. Natalie«[390]


Heinrich hatte gar auf eine Einladkarte aufgesehen, da (sagt' er) ihr ausgeleertes Herz eine kalte Lücke fühlen müsse, wie ein Finger, dem der Nagel zu scharf beschnitten worden. Aber Firmian, den die Ehe geschulet, und dem sie über die Weiber Barometerskalen und Zifferblätter gegeben hatte, war der klugen Meinung: eine Frau müsse in der Stunde, worin sie aus bloßen moralischen Gründen einen Liebhaber verabschiedet habe, gegen den, der sie mit jenen dazu überredet hätte, und wär' es ihr zweiter, ein wenig zu kalt sein. Und aus demselben Grunde (das muß noch von mir dazu) wird sie gegen den zweiten sogleich nach der Kälte die Wärme übertreiben.

»Arme Natalie! Mögen die Blüten und die Blumen der englische Taft-Verband für die Schnitte in deinem Herzen werden und der milde Äther des Frühlings die Milchkur für deine engatmende Brust!« wünschte Firmian unaufhörlich in seiner Seele und fühlte es so schmerzlich, daß eine Unschuldige so geprüft und gestraft werde wie eine Schuldige und daß sie die reinigende Luft ihres Lebens anstatt von gesunden Blumen sich von giftigen holen mußte120.

Den Tag darauf machte Siebenkäs weiter nichts als einen Brief, worunter er sich Leibgeber unterzeichnete, und worin er dem Grafen von Vaduz berichtete, daß er krank sei und so graugelb aussehe wie ein Schweizerkäse. Heinrich hatt' ihm keine Ruhe gelassen: »Der Graf«, sagt' er, »hat an mir einen blühenden und weißglühenden Inspektor gewohnt. So aber, wenn ers schriftlich hat, findet er sich ins Wirkliche und glaubt, du bist ich. – Zum Glück sind wir beide sonst Männer, die sich in keinem Mautamt aufzuknöpfen brauchen121, und die nichts unter der Weste führen als ihre Näbel.«

Am Donnerstag stand Siebenkäs unter dem Tore des Gasthofes und sah den Venner in einem Kurhabit mit einem belorbeerten Parade-Kopf und mit einem ganzen Bahrdtischen Weinberg auf dem Gesicht zwischen zwei Frauenzimmern nach der[391] Eremitage fahren. Als ers hinauftrug ins Zimmer, fluchte und schwur Leibgeber: »Der Spitzbube ist keine wert, als die statt des Kopfes eine Schädelstätte und statt des Herzens eine gorge de Paris hat oder (die Richtung ist nur anders) einen cul de Paris.« – Er wollte durchaus heute Natalien besuchen und benachrichtigen; aber Firmian zog ihn gewaltsam zurück.

Freitags schrieb sie selber so an Heinrich:

»Ich widerrufe kühn meinen Widerruf und bitte Sie und Ihren Freund, morgen, wo der Sonnabend die schöne Fantaisie entvölkert, diese eben deswegen lieber zu besuchen als den Sonntag darauf. Ich halte die Natur und die Freundschaft in meinen Armen; und mehr fassen sie nicht. – Mir träumte die vorige Nacht, Sie sähen beide aus einem Sarge heraus, und ein weißer, über Sie flatternder Schmetterling würde immer breiter, bis seine Flügel so groß würden wie weiße Leichenschleier, und dann deckt' er Sie beide dicht zu, und unter der Hülle war alles ohne Regung. – Übermorgen kömmt meine geliebte Freundin. – Und morgen meine Freunde: ich hoffe. Und dann scheid' ich von euch allen.

N.A.«


Dieser Sonnabend nimmt das ganze künftige Kapitel ein, und ich kann mir einen kleinen Begriff von des Lesers Begierde darnach machen aus meiner eignen; um so mehr, da ich das künftige Kapitel (wenn nicht geschrieben, doch) schon gelesen habe; er aber nicht.

118

Vom Generalkontrolleur Silhouette hat der Schattenriß seinen zweiten Namen. Ein leeres ödes Gesicht heißt in Paris eines à la Silhouette.

119

Die gelbe Gold- oder Asphodillwurzel.

120

Bekanntlich hauchen auch Giftpflanzen Lebenluft aus.

121

Z.B. in Engelhardszell knöpfet die österreichische Maut jeden Schmerbauch auf, um zu sehen, ob der Speck kein – Tuch sei.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 381-392.
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