Fünfundzwanzigstes und letztes Kapitel

[553] Die Reise – der Gottesacker – das Gespenst – das Ende des Elendes und des Buchs


Ich sehe jeden Tag mehr, daß ich und die übrigen 1000000099 Menschen177 nichts sind als Gefüllsel von Widersprüchen, von unheilbaren Nullitäten und von Vorsätzen, deren jeder seinen Gegenmuskel (musc. antagonista) hat – andern Leuten widersprechen wir nicht halb so oft als uns selber –; dieses letzte Kapitel ist ein neuer Beweis: ich und der Leser haben bisher auf nichts hingearbeitet als auf das Beschließen des Buchs – und jetzo, da wir daran sind, ist es uns beiden äußerst zuwider. Ich [554] tue doch etwas, wenn ich – soviel ich kann – das Ende desselben, wie das Ende eines Gartens, der auch voll Blumenstücke ist, etwa bestens verberge und manches sage, was das Werklein allenfalls verlängert.

Der Inspektor sprang mit der Burg einer muskulösen, vollen Brust ins Freie unter die Kornähren, der Alp des Schweigens und Täuschens drückte nicht mehr so schwer auf ihn. Die Schlaglauwine seines Lebens war überhaupt unter seiner jetzigen Glücksonne um ein Drittel zerlaufen; die elektrische Belegung mit reichern Einkünften und selber die häufigern Geschäfte hatten ihn mit Feuer und Mut geladen. Sein Amt war ein mit einem solchen silbernen und goldnen Geäder durchschossener Berg, daß er schon in diesem Jahre namenlose Beisteuern zur preußischen Witwenkasse ablaufen lassen konnte, um seinen Betrug anfangs zu halbieren, und zuletzt gar aufzuheben und gutzumachen. Ich würde diese Pflichthandlung gar nicht vor die Augen des Publikums befördern, wenn ich nicht zu besorgen hätte, daß Kritter in Göttingen, der den Torschluß dieser Kasse aufs Jahr 1804 verlegt, oder auch noch glimpflichere Rechner, die ihre Letzte Ölung auf 1825 herausrechnen, daß diese etwan von meinen Blumenstücken Gelegenheit nehmen möchten, gar dem Inspektor den Totentanz der Witwenkasse aufzubürden. Es würde mich ungemein reuen, der ganzen Sache nur in den Blumenstücken erwähnt zu haben.

Er nahm seinen Weg nicht über Hof oder Baireuth und über die alten romantischen Reisewege; er fürchtete, Natalien mit seinem Scheinkörper von der hinter den Wolken säenden Hand des Schicksals entgegen gebracht zu werden. Und doch hoffte er von derselben Hand ein wenig, daß sie ihn zufällig auf seinen Leibgeber stoßen lasse, da dieser erst neulich in den kuhschnappelschen Wassern gekreuzet. Ohnehin hatte er sich unterwegs wieder in dessen Hemd und Jacke und ganzes Außen verkörpert, das er von ihm im Gefreeser Wirthaus eingewechselt; und der Anzug war ihm ein Spiegel, der ihm in einem fort den Entfernten zeigte. Ein Saufinder – wie der Leibgebersche –, der in einem Forsthause den Kopf nach ihm aufhob, gab ihm einen Stich der [555] Freude ins Herz; aber die Nase des Hundes kannte ihn so wenig wie dessen Herr.

Indes, je näher er gegen die Berge und Wälder vorschritt, hinter deren sinesischer Gottesackermauer seine zwei leeren Häuser, sein Grab und seine Stube, standen: desto enger zog die Beklommenheit ihr Zugnetz um sein Herz zusammen. Es war nicht die Furcht, erkannt zu werden; dies war (wegen seiner jetzigen Ähnlichkeit mit Leibgebern) unmöglich; ja man hätt' ihn eher für seinen eignen Poltergeist und Propheten Samuel genommen als für den noch lebenden Siebenkäs; sondern außer der Liebe und der Erwartung macht' ihn noch etwas anders ängstlich, was mich einmal einklemmte, da ich unter den herkulanischen Altertümern meiner Kindheit herumreisete. Es warfen sich wieder um meine Brust die eisernen Banden und Ringe, die sie in der Kindheit zusammenzogen, worin der kleine Mensch noch vor den Leiden des Lebens und dem Tode hülf- und trostlos zittert; man steht mitten innen zwischen dem abgerissenen Fußblock, den aufgesperrten Hand- und Beinschellen und zwischen dem hohen brausenden Freiheitbaume der Philosophie, die uns in den freien offnen Waffenplatz und in die Krönungstadt der Erde führte. Firmian sah in jedem Gebüsche, um das er sonst in seinem armen, leeren Winzer-Herbst spazieren gegangen, den abgestreiften Balg der Schlangen hangend, die sich sonst um seine Füße gewunden hatten – die Erinnerung, dieser Nachwinter der harten, rauhen Tage, fiel in die schönere Jahreszeit seines Lebens ein, und aus der Nähe solcher unähnlicher Gefühle, des vorigen Kettendrucks und der jetzigen Freiheitluft, floß ein drittes, bittersüßes, banges zusammen.

In der Dämmerung ging er langsam und aufmerksam durch die mit verzettelten Ähren bezeichneten Gassen der Stadt; jedes Kind, das mit dem Nachtbier vor ihm vorüberlief, jeder bekannte Hund und jeder alte Glockenschlag waren voll Schieferabdrücke von Freudenrosen und Passionblumen, deren Exemplare längst auseinandergefallen waren. Als er vor seinem vorigen Hause wegging, hört' er oben in seiner Stube zwei Strumpfwirkerstühle schnarren und klappern mit ihrem gezognen Schnarrkorpus-Register.

[556] Er quartierte sich im Gasthofe zur Eidechse ein, der nicht das glänzendeste Hotel im Marktflecken gewesen sein kann – da der Advokat darin Rindfleisch auf einem Zinnteller bekam, der nach den Schnitten und Stigmen durch ein Fac-simile seines eignen Messers sich unter seinen verpfändeten Teller-Ausschuß eingeschrieben –; indes aber hatte der Gasthof das Gute, daß Firmian das drei Treppen hohe Stübchen Nro. 7 nehmen und darin eine Sternwarte oder einen Mastkorb der Beobachtung anlegen konnte, gerade der tiefern Studierstube Stiefels gegenüber. Aber seine Lenette kam nicht ans Fenster. Ach, er wäre, hätte er sie erblickt, in die Stube vor Wehmut hingekniet. Bloß als es sehr dunkel wurde, sah er seinen alten Freund Pelzstiefel ein gedrucktes Blatt – höchst wahrscheinlich einen Korrekturbogen des Anzeigers deutscher Programme –, weil es zu finster war, gegen die Abendröte zum Fenster heraushalten. Es wunderte ihn, daß der Rat sehr eingefallen aussah und eine Florschärpe oder Binde um den Ärmel hatte: »Sollte denn«, dacht' er, »das arme Kind meiner Lenette schon verstorben sein?«

Spät schlich er sich zitternd nach dem Garten, aus dem nicht jeder wiederkommt, und an welchen der hangende Eden-Garten des zweiten Lebens stößet. Im Kirchhof war er vor nahen Zuschauern durch die Gespenstergeschichten gedeckt, womit Leibgeber dem Vormunde die Mündelgelder aus den Händen gerungen. Da er an sein leerstehendes unterirdisches Bette nicht sogleich gelangen konnte: so kam er vorher vor der Kindbetterin vorbei, auf deren damals schwarzen, jetzo grasigen Hügel er den Blumenstrauß gepflanzet hatte, der dem Herzen seiner Lenette eine unerwartete Freude machen sollte und nur einen unerwarteten Kummer machte. Endlich kam er vor den Bettschirm der Grab-Sieste, vor seinen Leichenstein, dessen Inschrift er mit einem kalten Schauer herunterlas. »Wenn nun diese steinerne Falltüre auf deinem Angesichte läge und den ganzen Himmel verbauete?« sagt' er zu sich – und dachte daran, welches Gewölke und welche Kälte und Nacht um die beiden Pole des Lebens, so wie um die beiden Pole der Erde, herrsche, um den Anfang und um das Ende des Menschen – er hielt jetzt seine Nachäffung der [557] letzten Stunde für sündlich – der Trauerfächer einer langen, finstern Wolke war vor dem Monde ausgebreitet – sein Herz war bang und weich, als plötzlich etwas Buntes, was nahe an seinem Grabe stand, ihn ergriff und seine ganze Seele umkehrte.

Es stand nämlich darneben ein neues, lockeres Grab in einer hölzernen, übermalten Einfassung, ähnlich einer Bettlade; auf diesen bunten Brettern las Firmian, solang' es sein überströmendes Auge lesen konnte: »Hier ruht in Gott Wendeline Lenette Stiefel, geborne Egelkraut aus Augsburg. Ihr erster Mann war der wohlsel. Armenadvokat St.F. Siebenkäs. Sie trat zum zweitenmal 1786 den 20. Okt. in die Ehe mit dem Schulrate Stiefel allhier und entschlief, nachdem sie 3/4 Jahre mit ihm in einer ruhigen Ehe gelebet, den 22. Jul. 1787 im Kindbette und liegt hier mit ihrem totgebornen Töchterlein und wartet auf eine fröhliche Auferstehung.«.....

»O du Arme, du Arme!« mehr konnt' er nicht denken. Jetzo, da ihr Lebenstag heller und wärmer wurde, schlingt die Erde sie ein; und sie bringt nichts hinunter als eine Haut voll Schwülen der Arbeit, ein Angesicht voll Runzeln des Krankenbettes und ein zufriedenes, aber leeres Herz, das, in die Hohlwege und Schachten der Erde hinabgedrückt, so wenig Gefilde und wenig Gestirne gesehen hatte. Ihre Leiden hatten sich allemal so eng und schwarz und groß über sie herüber gezogen, daß keine malende Phantasie sie durch das Farbenspiel der Dichtung mildern und verschönern konnte, so wie kein Regenbogen möglich ist, wenn es über den ganzen Himmel regnet. »Warum hab' ich dich so oft gekränkt, sogar durch meinen Tod, und deinen unschuldigen Launen so wenig vergeben?« sagt' er bitter weinend. Er warf einen Regenwurm, der sich aus dem Grabe drängte und ringelte, weit hinweg, als wenn er eben aus dem geliebten, kalten Herzen satt gefüllet käme, da ihn doch das sattigt, was uns am Ende auch satt macht, Erde. Er dachte an das zerstäubende Kind, das wie ein eignes die welken, dünnen Arme um seine Seele legte, und dem der Tod so viel, wie ein Gott dem Endymion, gegeben: Schlaf – ewige Jugend – und Unsterblichkeit. Er wankte endlich langsam von der Trauerstätte hinweg, als die Tränen sein Herz nicht erleichtert, nur ermüdet hatten.

[558] Als er im Gasthof eintrat: sang eine Harfenistin in Begleitung eines kleinen Flötenspielers der Wirtstube ein Lied vor, dessen Wiederkehr war: »Tot ist tot, hin ist hin.« Es war dieselbe, die am hl. Abend vor dem neuen Jahre, als seine nun zerstörte und gestillte Lenette mit der brechenden Brust voll Qualen, weinend und verlassen, ihr verzognes Angesicht ins Schnupftuch drückte, gespielet und gesungen hatte. O die heißen Pfeile der Töne zischten durch sein zerstochnes Herz – der Arme hatte keinen Schild – »Ich habe sie damals sehr gemartert (sagt' er unaufhörlich); wie sie seufzete, wie sie schwieg! – O wenn du doch mich jetzt sähst aus deinen Höhen, da du gewiß glücklicher bist; wenn du meine vollgeblutete Seele erblicktest, nicht damit du mir vergäbest – nein, damit ich nur den Trost hätte, deinetwegen etwas zu leiden – o wie wollt' ich jetzt anders gegen dich sein!«

So sagen wir alle, wenn wir die begraben, die wir gequälet haben; aber an demselben Trauerabende werfen wir den Wurfspieß tief in eine andere, noch warme Brust. O wir Schwächlinge mit starken Vorsätzen! Wenn heute die zerlegte Gestalt, deren verwesende, von uns selber geschlagene Wunden wir mit reuigen Tränen und bessern Entschlüssen abbüßen, wieder neu geschaffen und jugendlich überblüht in unsere Mitte träte und bei uns bliebe: so würden wir bloß in den ersten Wochen die wiedergefundne, liebere Seele vergebend an unsern Busen, aber dann später sie doch wie sonst in die alten, scharfen Marterinstrumente drücken. Daß wir dieses sogar gegen unsere lieben Verstorbenen täten, seh' ich daraus – die Härte gegen die Lebenden noch ungerechnet –, weil wir in den Träumen, wo uns die versunknen Gestalten wieder besuchen, gegen sie alles wiederholen, was wir bereuen. – Ich sage das nicht, um einem Wehklagenden den Trost der Reue oder des Gefühles zu nehmen, daß er das verlorne Wesen schöner liebe; sondern nur um den Stolz auf diese Reue und auf dieses Gefühl zu schwächen. –

Als Firmian noch spät das von der Trauerzeit ausgesogne, zernagte Angesicht seines alten Freundes, dessen Herz so wenig mehr besaß, gen Himmel blicken sah, als wenn er da zwischen [559] den Sternen die geraubte Freundin suchte: so drückte der Schmerz die letzte Träne aus dem ausgepreßten Herzen, und im Wahnsinn der Qual gab er sich sogar die Leiden seines Freundes schuld, als hätte dieser sie ihm nicht früher zu verdanken als zu vergeben gehabt.

Er erwachte mit der Müdigkeit des Schmerzes, d.h. mit der Verblutung aller Gefühle, die sich endlich in ein süßes Zerfließen und ein tötliches Sehnen auflöset. Er hatte ja alles verloren, sogar das, was nicht begraben war. Zum Schulrate durft' er aus Besorgnis nicht gehen, daß er sich verrate; daß er wenigstens die Ruhe des unschuldigen Mannes, der mit der Heirat einer noch verheirateten Frau weder sein orthodoxes Gewissen noch seinen Ehrgeiz hätte versöhnen können, auf ein zweideutiges Spiel zu setzen wage.

Aber den Friseur Merbitzer konnt' er mit einer verminderten Gefahr, sich zu verraten, besuchen und von ihm eine größere Aussteuer von Nachrichten mitnehmen. – Übrigens hatte jetzt die Sense des Todes mit den Banden der Liebe zugleich alle seine Ketten und Knoten zerhauen; er schadete nun niemand als sich, wenn er vor andern, ja vor der trauernden Natalie seine Totenlarve abzog und sich unvermodert darstellte – um so mehr, da ihm sein Gewissen an jedem schönen Abend und bei jeder guten Tat die Verzögerzinsen der rückständigen Wahrheit-Schuldenmasse abfoderte und alle Moratorien verweigerte. – Auch schwur sein Ich wie ein Gott seinem Ich, daß er nur diesen Tag noch bleibe und dann niemals wiederkehre.

Der Friseur ersah am Hinken sogleich, daß es niemand anders sei als der Vaduzer Inspektor – Leibgeber. Er setzte, gleich der Nachwelt, dem vorigen Mietmann Siebenkäs die dicksten Rosmarinkränze auf und beteuerte: sein jetziges Spitzbubenzeug von Strumpfwirkern oben sei gegen den sel. Herrn gar kein Vergleich, und das ganze Haus krache, wenn sie oben träten und schnarrten. Er brachte dann bei, daß der Selige die Frau in Jahrfrist nachgeholt habe – daß diese nie Merbitzers Haus vergessen können, daß sie oft bei Nacht in ihrer Trauerkleidung, worin man sie auch beerdigen müssen, eingesprochen und Red' und Antwort [560] von ihrer Veränderung gegeben: »sie lebten«, sagte der Haarkräusler, »wie zwei Kinder miteinander – nämlich Stiefel und sie.« – Dieses Gespräch, dieses Haus und endlich sein eignes, jetzt so lärmendes Zimmer zeigten nichts als leere Stätten des zerstörten Jerusalems – wo sein Schreibtisch war, stand ein Strumpfwirkerstuhl etc. – und alle seine Fragen nach der Vergangenheit waren die Brandkollekte, welche die niedergebrannten Lustschlösser wieder aus der Phönixasche heben sollte. Die Hoffnung ist das Morgenrot der Freude, und die Erinnerung ihr Abendrot; aber dieses tropfet so gern in entfärbtem grauen Tau oder Regen nieder, und der blaue Tag, den das Rot verspricht, bricht freilich an; aber in einer andern Erde, mit einer andern Sonne. – Merbitzer schnitt, unwissend, den Spalt tief und weit, in den er die abgeschnittenen Blütenzweige der alten Tage dem Herzen Firmians einimpfte – und als seine Frau zuletzt erzählte, daß Lenette nach dem Krankenabendmahl bei dem Vesperprediger angefragt: »ich komme doch nach meinem Tod zu meinem Firmian?« so kehrte Firmian von diesen blinden Dolchstichen seine Brust weg und eilte fort, aber ins Freie hinaus, um keinem Menschen zu begegnen, den er belügen hätte müssen.

Und doch mußt' er sich nach einem Menschen sehnen, und wäre einer nicht anders zu finden als unter seinem niedrigsten Dache im – Gottesacker. Der gewitterhafte Dampf- und Dunstkreis des Abends brütete alle Wünsche der Wehmut an; der Himmel war mit unreifen zerstückten Gewitterflocken durchzogen, und am östlichen Horizont warf schon ein brausendes Gewitter seine entzündeten Pechkränze und seine vollen Wolken auf unbekannte Gegenden nieder. Er ging nach Hause; aber indem er vor den hohen Staketen des Blaisischen Garten vorbeilief, glaubt' er eine Gestalt wie Natalie, schwarz gekleidet, in die Laube schlüpfen zu sehen. Erst jetzo fiel ihm die vorige Nachricht Merbitzers mehr auf, daß eine vornehme Trauerdame sich vor einigen Tagen alle Stuben seines Hauses zeigen lassen und sich besonders in den Siebenkäsischen aufgehalten und nach vielerlei erkundigt habe. Nataliens Umweg auf der Reise nach Vaduz war immer nach ihrer kühnen und romantischen Denkweise nicht unwahrscheinlich, [561] da sie ohnehin Firmians Wohnort nie gesehen und der Inspektor ihr auf nichts geantwortet – da Rosa verheiratet war – und Blaise sich seit der Gespenstererscheinung ausgesöhnt hatte – und da Firmians Sterbmonat sie am natürlichsten zu einer Wallfahrt nach seinem letzten Orte einladen können.

Ihr Freund mußte nun wohl den ganzen Abend mit schmerzlicher Wärme an die letzte denken, die noch als der einzige unbedeckte Stern aus dem überzognen Sternenhimmel seiner vorigen Tage schimmerte. – Es wurde nun dämmernd; es wehte kühl; die Gewitter hatten sich schon an andern Ländern erschöpft; bloß schwarzrotes, zertrümmertes Gewölke, gleichsam glimmende, halbverkohlte Brände, waren im Himmel übereinander gehäuft. Er ging zum letztenmal nun an den Ort, wo der Tod die rote, zugleich mit der Knospe abgeschnittene Nelke eingelegt hatte; aber in seiner Seele wehete es, wie außer ihm, nicht mehr so schwül, sondern frischer die Bitterkeit des ersten Schmerzes hatten Tränen verdünnt – er fühlte sanfter, daß die Erde nur der Zimmerplatz, nicht die Baustelle der Menschen sei im Morgen glänzte mit aufsteigenden Sternen ein blauer, langer Streif über den versunknen Gewittern – der Lichtmagnet des Himmels, der Mond, lag wie eine Strahlenquelle auf der Folie einer gespaltenen Wolke, und das weite Gewölke schmolz ein und rückte nicht. –

Als Firmian näher am geliebten Grabe das gesunkne Haupt aufhob, ruhte eine schwarze Gestalt darauf. Er stockte, er blickte schärfer hin: es war eine weibliche, deren Angesicht, ins Eis des Todes eingefroren und eingeschmiedet, gegen ihn hinstarrete. Als er näher trat, war seine teuerste Natalie am bunten Grabgerüste niedergebrochen angelehnt, vor dem Herbstatem des Todes waren die Lippen und Wangen mit weißer Schminke angelaufen und die offenen Augen erblindet, und nur die Tränentropfen, die noch um sie hingen, zeigten an, daß sie erst gelebt, und daß sie ihn für die Geistererscheinung gehalten, wovon sie so viel gehört hatte. Da sie in der schwärmerischen Trauer über seinem Grabe ihrem starken und öden Herzen die Geistererscheinung gewünschet hatte, und da sie ihn nun kommen sah: so dachte [562] sie, das Geschick erhöre sie; und dann zerdrückte die metallene Hand des kalten Entsetzens die rote Rose zur weißen. O! ihr Freund war unglücklicher; sein weiches, nacktes Herz lag zwischen zwei aneinanderstürzenden Welten zermalmt. Mit jammernder Stimme schrie er: »Natalie, Natalie!« Die Lippe zuckte auf, und das Auge wärmte ein Hauch von Leben an; aber als der Tote noch vor ihr stand, schloß sie das Auge und sagte schaudernd: »Ach Gott!« Vergeblich warf seine Stimme sie ins stechende Leben zurück; sobald sie aufblickte, gerann ihr Herz vor der nahen Schrecklarve, und sie konnte nur seufzen: »Ach Gott!« – Firmian riß an ihrer Hand und rief: »Du himmlischer Engel, ich bin nicht gestorben – blicke mich nur an – Natalie, kennst du denn mich nicht mehr? – O guter Gott! strafe mich nicht so gräßlich und nimm ihr das Leben nicht durch mich!« Endlich hob sie langsam die schweren Augenlider auf und sah den alten Freund neben sich zittern, mit den Tränen der Angst und mit dem wechselnden Angesicht, das unter den Giftstacheln der Qualen aufschwoll – er weinte froher und stärker und lächelte sie schmerzlich an, als sie die Augen offen ließ: »Natalie, ich bin ja noch auf der Erde und leide wie du – Siehst du nicht, wie ich zittere deinetwegen? – Nimm meine warme Menschenhand! Bist du noch in Furcht?« – »Nein«, sagte sie erschöpft, aber sie blickte ihn scheu, wie einen überirdischen Menschen, an und hatte keinen Mut zur Frage über das Rätsel. Er half ihr unter sanften Tränen auf und sagte: »Aber verlassen Sie, Unschuldige, diese Trauerstätte, auf die schon so viel Tränen gefallen sind für Ihr Herz hat das meinige kein Geheimnis mehr – ach ich kann Ihnen alles sagen, und ich sag' Ihnen auch alles.« Er führte sie über die stillen Toten hinauf durch die Hinterpforte des Gottesackers hinaus; aber sie hing, unter dem Ersteigen der nächsten Anhöhe, schwer, matt und immer zusammenschaudernd an seinem Arm, und bloß die Tränen, welche die Freude, die aufgelösete Angst, der Kummer und die Ermattung miteinander aus ihren Augen trieben, fielen wie erwärmter Balsam auf das kalte, zerspaltene Herz.

Auf der schwer erklommenen Höhe setzte sich die müde [563] Kranke nieder – und die schwarzen Wälder der Nacht lagen, von weißen Ernten gegittert und von dem stillen Lichtmeer des Mondes durchschnitten, vor ihnen, die Natur hatte den gedämpften Lautenzug der Mitternacht gezogen, und neben Natalien stand ein teuerer Auferstandner. Er erzählte nun Leibgebers Bitten seine kurze Sterbens-Geschichte – seinen Aufenthalt beim Grafen – alle Wünsche und Tränen seiner langen Einsamkeit – seinen festen Entschluß, sie lieber zu fliehen, als ihr schönes Herz mündlich oder schriftlich zu belügen und zu verwunden – und die Entdeckungen, die er dem Vater ihrer Freundin schon gemacht. Sie hatte bei dem Berichte seiner letzten Minute und seines ewigen Abschiedes von Lenetten geschluchzet, als wäre alles wahr gewesen. Sie dachte an vieles, als sie bloß sagte: »Ach Sie haben sich bloß für fremdes Glück geopfert, nicht für eignes. Doch werden Sie jetzt alle Täuschungen aufheben oder gutmachen.« – »Alle, so weit ich kann (sagt' er), meine Brust und mein Gewissen kommen endlich wieder in Freiheit: hab' ich nicht sogar Ihnen den Schwur gehalten, Sie nicht eher zu sehen als nach meinem Tode?« Sie lächelte sanft.

Beide sanken in ein trunknes Schweigen. Plötzlich fiel ihm, als sie einen vom kalten Tau gelähmten Trauermantel178 auf den Schoß legte, ihre Trauer auf, und er fragte voreilig: »Sie betrauern doch nichts?« Ach sie hatte sie ja seinetwegen angelegt. Natalie antwortete: »nicht mehr!« – und setzte, den Schmetterling ansehend, mitleidig dazu: »Ein paar Tropfen und ein wenig Kälte machten den Armen starr.« – Ihr Freund dachte daran, wie leicht ihn das Schicksal für seine Kühnheit mit dem Erstarren des schöner geschmückten, obwohl ebenso schwarz bekleideten Wesens neben ihm hätte strafen können, das ohnehin schon in den Nachtfrösten des Lebens und im Nachttau kalter Tränen gezittert hatte; aber er konnte ihr nicht antworten vor Liebe und vor Schmerz.

Sie schwiegen nun, im gegenseitigen Erraten, halb in ihre Herzen, halb in die große Nacht verloren. Alles Gewölke – ach nur das am Himmel – hatte der weite Äther aufgesogen – Luna [564] bog sich mit ihrem Heiligenschein wie eine umstrahlete Maria näher aus dem reinen Blau zu ihrer bleichen Schwester auf der Erde herein – der Strom schlug sich ungesehen unter niedrigen Nebeln fort, wie der Strom der Zeit unter den Nebeln aus Ländern und Völkern – hinter ihrem Rücken hatte sich der Nachtwind auf ein gebogenes, rauschendes Ährenstroh gebettet, das blaue Kornblumen bestreueten – und vor ihnen hinab lag die umgelegte Ernte der zweiten Welt, gleichsam die in der Fassung von Särgen liegenden Edelsteine, die durch den Tod kalt und schwer179 geworden – und der fromme, demütige Mensch sank, als Gegenbild der Sonnenblume und des Sonnenstäubchens, als Mondblume gegen den Mond und spielte als Mondstäubchen in seinem kühlen Strahl und fühlte, nichts bleibe unter dem Sternenhimmel groß als die Hoffnungen.

Natalie stützte sich nun auf Firmians Hand, um sich daran aufzurichten, und sagte: »Jetzt bin ich schon imstande, nach Hause zu kommen.« – Er hielt ihre Hand fest, aber ohne aufzustehen und ohne anzureden. Er blickte das erhärtete Stachelrad des alten, von ihr gereichten Rosenzweiges an und drückte sich unwissend und unempfindlich die Stacheln in die Finger – längere und heißere Atemzüge hoben die beladene Brust empor glühende Tränen hingen sich vor sein Auge, und das Mondlicht zitterte vor ihnen nur in einem Leuchtregen hernieder – und eine ganze Welt lag auf seiner Seele und auf seiner Zunge und erdrückte beide. – – »Guter Firmian«, sagte Natalie, »was fehlet Ihnen?« – Er kehrte sich mit weiten, starren Augen gegen die sanfte Gestalt und zeigte mit der Hand auf sein Grab hinunter: »Mein Haus drunten, das schon so lange leer steht. Denn der Traum des Lebens wird ja auf einem zu harten Bette geträumt.« Er wurde irre, da sie zu sehr weinte, und da ihm das in himmlische Milde zerschmolzene Gesicht zu nahe war. Er fuhr mit der bittersten, innersten Rührung fort: »Sind denn nicht alle meine Teuern dahin, und gehst du nicht auch? Ach warum hat uns allen das folternde Geschick das wächserne Bild eines Engels auf[565] die Brust gelegt180 und uns damit ins kalte Leben gesenkt? O das weiche Bild zerbricht, und kein Engel erscheint – Ja, du bist mir wohl erschienen, aber du verschwindest, und die Zeit zerdrückt dein Bild auf meinem Herzen – und das Herz auch: denn wenn ich dich verloren habe, bin ich ganz allein. Lebe aber wohl! Bei Gott, ich werde doch einmal im Ernste sterben – und dann erschein' ich dir wieder; aber nicht wie heute, und nirgends als in der Ewigkeit. Dann will ich zu dir sagen: ›O Natalie, ich habe dich drunten mit unendlichen Schmerzen geliebt: vergilt mirs hier!‹« – – Sie wollte antworten; aber die Stimme brach ihr. Sie schlug ihr großes Auge zum Sternenhimmel auf; aber es war voll Tränen. Sie wollte aufstehen; aber ihr Freund hielt sie mit der Hand voll Dornen und Blut und sagte: »Kannst du mich denn verlassen, Natalie?« – Hier stand sie erhaben auf, bog das Haupt gegen den Himmel zurück, riß schnell die Tränen weg, die sie überströmten, und die fliegende Seele fand die Zunge, und sie sagte mit betenden Händen: »Du Alliebender – ich hab' ihn verloren – ich hab' ihn wiedergefunden – die Ewigkeit ist auf der Erde – mach ihn glücklich bei mir!« Und ihr Haupt sank zärtlich und müde auf seines, und sie sagte: »Wir bleiben beisammen!« Firmian stammelte: »O Gott! o du Engel – im Leben und Tode bleibst du bei mir.« –

»Ewig, Firmian!« sagte leiser Natalie; und die Leiden unsers Freundes waren vorüber.

Fußnoten

1 So wurden wirklich alle Stücke im ersten Bande der ersten, unverbesserten Auflage geordnet, aber der guten Pauline verschlägt es gewiß nichts, daß ich in der zweiten, so sehr verbesserten mehr an ganz Deutschland denke und alles viel anders reihe.


2 Ich bitte inständig denjenigen Teil des Publikums, mit dessen Schilderung es auf den Haupt- und Kaufmann gemünzt ist, solche nicht auf sich zu beziehen; ich scherze oben offenbar, und meine Absicht ist ja klar.


3 Die Teufel mußten, sagt der Koran, dem Salomo dienen. Nach seinem Tode wurd' er ausgestopft und durch einen Stab in der Hand und durch einen andern, ans Steißbein gestemmten auf einen so scheinbar-lebendigen Fuß gesetzt, daß es die Teufel selber nicht früher merkten, als bis die Hinterachse von Würmern zernagt wurde und der Souverän umkugelte. S. Boysens Koran in Michaelis' Orientalischer Bibliothek.


4 »Und zwar in der längsten, aber besten Biographie, die ich je geschrieben und zu welcher mir täglich ganze Karren mit Aktenstücken, Urkunden Attestaten u.s.w. vor die Tür geschoben werden, weil ich kein Wort schreiben will, das ich nicht verbriefen kann.« – Diese ganze Note stand in der frühern Auflage; ist aber wohl in der gegenwärtigen entbehrlich, da der Titan längst in aller Händen ist.


5 Wilhelmis Unterhaltungen aus der Naturgeschichte. Insekten. B. 1.


6 Spielerleben etc. etc. Gotha 1813


7 Himmelblau ist die Ordenfarbe der Jesuiten, wie des indischen Krischna und des Zorns. Die Hypothese des Physikers Marat, daß Blau und Rot das Schwarze geben, sollte man untersuchen, indem man dem Jesuiterblau das Kardinalrot zusetzte. Er selber brachte später in der Revolution aus Blau und Rot und Weiß das schönste Elfenbeinschwarz heraus oder den chinesischen Tusch, womit später Napoleon zeichnete.


8 Er nennt die Menschen, wie viele Herrnhuter und Mönche und Fürsten einander, seine Brüder, aber vielleicht mit Recht, da er sie ebenso gut wie ein morgenländischer Fürst die seinigen behandelt, ja noch viel sanfter dazu, ohne körperliches Köpfen, Blenden und Verschneiden bei einigem geistigen.


9 Dieselbe raubende und würgende Tatze verbirgt sich bei beiden unter dem Schein eines Menschentritts.


10 L. 15. §. 38 de injur


11 Sp. 547. n. tr.


12 Der Heimlicher in Freiburg ist drei Jahre lang unverletzbar in seinem Amte und drei Jahre nach dem Austritte daraus. Hanseatische Zeitung No. 415, 1816.


13 So heißen Leute, die sich selber sehen.


14 Es bestand meistens in Schatzgelde, in fünf Vikariatdukaten u.s.w.


15 Plato malt bekanntlich unsere niedrigern Leidenschaften als einen im Unterleibe zappelnden Viehstand ab.


16 Er hatte gerade eine angebliche Kindermörderin zu verteidigen.


17 Deutscher Merkur von 1809.


18 Nach neuen Berichten ists mehr ein Reim als ein Vetter, das Dorf Potschappel bei Dresden.


19 Denn die wenigen sogenannten Ratfreunde (aus dem Bürgerstande), die in Nürnberg und Kuhschnappel unter den Patriziern sitzen, haben zwar ihren Sitz, aber keine andere Stimme als eine fremde; und der übrigen ruhigen Stellvertreter, wodurch der dritte Stand wirklich Sitz und Stimme in der Regierung hat, gleichsam durch vidimierte Kopien der Köpfe, nämlich durch Steuergelder, deren können sogar nie genug vorhanden sein.


20 An der Küste des nordwestlichen Amerika vom 50. bis 60. Grad nördlicher Breite tragen die Weiber in der durchlöcherten Unterlippe hölzerne Suppenlöffel, und zwar desto größere, je vornehmer sie sind; bei einer Frau war der Löffel 5 Zoll lang und 3 Zoll breit. Langsdorfs Bemerkungen auf einer Reise um die Welt, Bd. 2


21 Das Buch kam 1789 in der Beckmannschen Buchhandlung in Gera unter dem Titel: »Auswahl aus den Papieren des Teufels« heraus. Ich werde weiter hinten meine Meinung über jene Satiren zu äußern wagen.


22 Auf den damaligen Gillets waren Tiere und Blumen abgebildet.


23 Mosheims Kirchengeschichte, 3. T. S. Anmerkung von Hrn. Einem.


24 so hieß man sonst (s. Klübers Anmerkungen zu de la Curne de Sainte-Palaye vom Ritterwesen) die Aufseher bei den Turnierübungen, deren schwache Nachbilder noch einige adlige Hauslehrer geben. Damals nannte man die ritterschaftlichen Hofmeister »Bubenzuchtmeister«, und man will wünschen, daß unsere in und außer Gymnasien diesen Namen in einer Zeit, die alle guten Reste des Ritterwesens wieder hervorsucht, wenn nicht führen, doch verdienen.


25 Der französische Akademist Nikolaus Henrion zerrete den Adam bis zu 123 Fuß 9 Zoll lang, Hevam 118 Fuß 9 3/4 Zoll. Die Rabbinen berichten das Obige, daß Adam nach dem Fall durch den Ozean gelaufen. S. den II, bibl. Discours von Saurin.


26 Die bekannte Sekte, die unbekleidet in die Kirche ging.


27 Im eigentlichen Sinn die erste Nacht, weil Eva nach vielen Gelehrten schon am Morgen ihrer Schöpfung die Obstdiebin wurde.


28 Es scheint fast auf die Ineinanderverleibung des ernsten Tigers und des spielenden Affen hinzudeuten, daß der Grêve-Platz in Paris zugleich die Richtstätte der Missetäter und das Lustlager öffentlicher Volkfeste ist, daß auf demselben Raum Pferde einen Königmörder zerreißen und Bürger einen König feiern und daß die Feuerräder der Geräderten und die Feuerräder der Feuerwerker benachbart nacheinander spielen – – schauerliche Gegensätze, die man nicht häufen darf, wenn man nicht selber in die Nachahmung derer, die zur Rüge den Anlaß gegeben, verfallen will.


29 Buxt. lex. p. 221.


30 Mösers Osnabrückische Geschichte etc. I. Tl.


31 Wer den Hesperus später lieset als diese Vorrede, dem muß die unschuldige Neubegierde gelassen werden. Der andere hat sie schon gestillt.


32 Prokulus, Landpfleger des Genserichs, stahl alle orthodoxe Kirchen in der Zeugitianischen Provinz in Afrika aus und ließ die Altartücher zu Kamisölern und Hosen verarbeiten. Simonis Christl. Altertum. p. 286.


33 In dem Mittelalter wurde am ersten Ostertage auf der Kanzel Spaß gemacht, den man ein christliches Ostergelächter hieß.


34 »Das Fest der Sanftmut am 20ten März.« Es beschließt das dritte Bändchen.


35 Nach Schröters Beobachtungen stellen sich uns die grünenden Strecken des Mondes als Flecken dar, weil sie weniger Licht zurückwerfen als kahle weiße.


36 S. Moritz Reise durch England.


37 Da der obige Kettenschluß als solcher seinen Zusammenhang haben muß: so hab' ich ihm einigen durch bloße Worte und Übergänge zu erteilen gesucht und die Glieder der Schlußkette in etwas durch den Faden der Rede verbunden; und man mag sie etwas für einen Bandwurm halten, in dem jedes Glied wie der ein eigner, privatisierender, idiopathischer Wurm ist.


38 Dictionnaire philosophique. Art. Reliques.


39 Im 3ten Stück des Lichtenbergischen Magazins für die Physik etc. wird das Beispiel einer Frau erzählt, die aus einer Blume einen Wurm ins Gehirn hinaufzog, der sie mit Wahnsinn, Kopfschmerzen u.s.w. marterte, bis er lebendig wieder aus der Nase zurückging.


40 Voltaire bringt heraus, daß einer, der 23 Jahr alt wird, eigentlich nur 3 1/2 Jahr im eigentlichen Sinn gelebt habe. Bei mir nehmen oft Leute das gouter ein, die keine Fünftels-Sekunde alt sind, ja einer davon starb ohne alles Alter ab. Unser guter alter Kant hingegen mag schon seine vollen 25 Jahre auf dem Nacken haben, wenn nicht mehr.


41 Das Werk, das der Hr. Vorredner als Vorläufer ankündigt, wie ich selber schon tat im ersten Bändchen, wird wirklich diesen Namen führen und soll mir (insofern ich kann) statt einer Dispensationbulle, statt einer Absolution in articulo mortis, statt einer poenitentiaria gegen so viele ästhetische Sünden dienen, die ich schon begangen habe. (Jetzt, nach der Herausgabe des Titans, hab' ich bloß nachzutragen, daß an die Stelle meiner Schoßsünden die meisten Kritiker ihre eignen im Beurteilen desselben gesetzt.)


42 Der giftige Boa Upas, unter dem man schon in wenigen Minuten das Haar verliert.


43 Die mittlern Deutschen baueten an die Brunnen ihrer Burgen ein kleines Haus – Ruhe genannt – für müde Pilger auf.


44 Auswahl aus den Papieren etc. S. 41.


45 Die Musici der Alten hatten sie an. Bartholin. de Tib. Vet. III. 4.


46 Männer ebenfalls, nur in kleinerem Grade. Ein Mann, welcher täglich 90 Sachen mit regelmäßiger Erinnerung abtut, soll eine 91ste ein- oder zweimal vergessen haben so vergißt er sie fort bei allem anderweitigen Gedächtnis. Es gibt hier keinen andern Arzt als einen Menschen oder einen Umstand, der gerade in dem Augenblicke des Vergessens erinnernd eintritt. Hat er nun einmal einmal zu vergessen aufgehört, so vergißt er nicht mehr weiter.


47 Ein Ortstaler gilt 6 Gr.


48 Schmeckherren nennt man in verschiedenen Städten die Bier- Polizeileutenants, welche umhergehen und den Wert der Biere kosten.


49 Nach den Rabbinen setzet am Sabbate die Qual der Verdammten aus; nach den Christen am Höllenfahrttage Christi.


50 Testimonium integritatis, das priesterliche Zeugnis, daß eine Verlobte nie etwas mehr gewesen.


51 Ich wünschte, schon damals hätte Market in Köthen seine treffliche Lampe (viel wohlfeiler und augendienlicher als eine von Argand) erfunden gehabt, welche man in einem Thomasabend nur einmal zu schneuzen braucht und die, mit Rüböl genährt, (mir seit Jahren) ein stilles reines helles Licht gewährt, wie andern sogar über Billardtafeln.


52 In Bern und im Pays de Vaud sind zu einem vollen Beweise entweder zwei männliche oder vier weibliche Zeugen nötig. Röslins Weibl. Rechte, 1775.


53 In Holland bedeutet die beste Kammer das geheime Gemach.


54 So lange die Tortur fortwährt, steht die messende Sanduhr aufrecht.


55 Wirklich behauptete Bonnet, daß sie nicht mehr als sechs Ideen auf einmal haben könne. S. Hallers große Physiologie.


56 Nur kann man nicht sagen, daß der Wind durch Verjagen böser Dünste nütze, weil er ja für alle schlimme, die er meinem Hintermann von mir zu brachte, mir wieder alle schlimme meines Vormanns zugeführet hätte, und weil das stehende Wasser nicht darum modert, weil kein fließendes den Moder wegschwemmt.


57 Denn es wird besonders der Frau viel leichter nachzugeben und stillzuschweigen, wenn sie recht als wenn sie unrecht hat.


58 Und die ganze »Auswahl aus des Teufels Papieren« ist in jenem Tone geschrieben; aber die Schein-Härte desselben, die sich gegen ganze Stände und Geschlechter richtet, war bloß die ästhetische Bedingung einer rein durchgeführten Satire.


59 Solche Restaurateurs für Bettler gibts in London.


60 In Paris wird mit den von den reichen Tafeln fallenden Brotkrumen und Brot-Pulvern ein ansehnlicher Handel-Verkehr getrieben.


61 Auf einer Schweinehaut mußte sonst der Jude mit nackten Füßen stehen und schwören.


62 Das Vieh darf am Schabbes gar nichts tragen; sogar die Läppchen der Unterscheidung werden den Hühnern abgenommen, so muß der Jude nur Unjuden melken lassen; nicht einmal Tau oder Staub darf er von sich ab kehren. Der Jude, oder altes und neues Judentum. B. 2. S. 481 etc.


63 Es ist Pflicht zweiter, verbesserter Auflagen, hier die Eßlust der Damen an Hoftafeln auszunehmen. Lange Sitzung, lange Weile, lange Gewohnheit und Tischgefälligkeit legen ihnen so viel in den Mund, als etwa der kantische Magen eines magern Philosophen vertrüge, aber kein Kurialmagen. Indes gehören eben Unverdaulichkeiten unter die Honneurs, welche Hofdamen zu machen haben.


64 Man muß gelesen haben, daß Prizelius Bataillenpferde an die trommelnde Schlacht so gewöhnt, daß er ihren Hafer auf die Trommel schüttet und auf deren zweitem Felle unten trommelt, während sie vom ersten das hüpfende Futter fressen.


65 Von der Erfahrung B. 1. p. 444.


66 Der Stoff der Allegorie ist leider wahr: die Schäfer wissen lebendigen Schafen mit Stäben das Fett aus dem Unterleibe zu drehen.


67 Bellarmin und die Rabbinen sagen, daß die Taube das Blatt, das sie dem Noah zutrug, aus dem Paradies abgeblattet, das zu hoch für die Sündflut lag.


68 Denn bekanntlich gibt es keine Gewächse mit eilf Staubfäden.


69 Wenigstens schreibts ein wittenbergischer Chroniker, es sei Erde im Apfel, den freilich sonst kein Nürnberger aufschneiden durfte. Wagenseil de civ. Norimb. p. 239.


70 Dr. Hooke rät den Sternsehern, sich das Sonnenbild so lange von Planspiegeln zurückwerfen zu lassen, bis es erloschen scheint. Priestleys Geschichte der Optik.


71 Den Lesern sag' ichs, daß eine große Nummer große Nadeln, und den Leserinnen sag' ichs, daß eine große kleinen Schrot anzeigt.


72 Es erinnert nämlich jeder sich noch aus dem zweiten Kapitel, welche ehrenrührige Anrede an Blaise Leibgeber auf den die Gerechtigkeit vorstellenden Ofen mit sympathetischer Dinte geschrieben. Als daher einmal an einem kalten Herbsttage die Themis für eine große Gesellschaft geheizet werden mußte: so war das kurze Pasquill, das ihn einen Injustizminister und dergleichen nennt, schon dem größern Teil der Gäste durch die Hitze lesbar geworden, eh' man nur daran gedacht, es abzukratzen. Von Blaise machte aber kein Hehl daraus, daß es entweder Leibgeber oder Siebenkäs gemacht.


73 Dessen introduction dans l'histoire de Dannemarc.


74 Art. 159. P. G. O.


75 Der Bruder des Doktor Hunters fand sie. S. van Dalems Reise durch England.


76 Pl. H. N. XII. 17.


77 Bekanntlich wurde dem Römischen Kaiser eine goldne Krone in Rom aufgesetzt, eine silberne in Aachen, eine eiserne in Pavia. Ein König hat einen Kopf, der alle Kronen zu tragen vermag, Kronen von allen Ländern, von allen Metallen, sogar von Quecksilber.


78 Zanger und Heil vermuten aus dem häufigern Seufzen beim Namen Jesu, aus dem frühen Kommen in die Kirche, aus dem späten Gehen nichts Gutes; etwas ist an der Sache und ein solches Wesen nicht ganz vom Teufel rein.


79 Wenig oder nichts gebührt der jetzigen Landwehr von dem Lobe, das ich der vorigen in der ersten Auflage gegeben; viel gerechter dürften dasselbe sich die regelmäßigen Soldatenheere der kleinren Souveräne jetzo zueignen.


80 Etudes de la nature, T. III. p. 220. Der Verfasser, ein Schüler Rousseaus, ist für Freunde Rousseaus.


81 Die Haarkräuslerin, die Schusterin, die Buchfinderin: denn die alte Sabel selber, das Erbamt bei der königlichen Tafel verwaltend, bring' ich nicht in Anschlag.


82 Griechen und Römer hatten bekanntlich bei Gastmahlen einen Zeremonienmeister oder Speise-Gonfaloniere, dessen Regierung so lange dauerte als das Essen.


83 Wolf Memorab. Cent. XIII. p. 540. Es ist freilich nur Verleumdung; aber in den finstern Zeiten griff man mehr die Handlungen und jetzo mehr die Lehrsätze der Ketzer an, weil jetzo Rechtglaubige und Andersglaubige doch wenigstens – im Handeln übereinkommen.


84 Diese Krönung des Peters mit ungesäuertem Brot (s. Jägers Historische Tabell.) ist wie die jetzigen mit den Kaufmitteln des Brots nichts als eine rhetorische Figur, die pars pro toto heißet.


85 zwei Löcher an einer Haselnuß deuten an, daß der Käfer, der darin als Würmchen den Kern zernagte, verpuppet ausgekrochen ist.


86 Wenn einmal mein Herz so unglücklich und ausgestorben wäre, das in ihm alle Gefühle, die das Dasein Gottes bejahen, zerstöret wären; so würd' ich mich mit diesem meinem Aufsatz erschüttern und – er würde mich heilen und mir meine Gefühle wiedergeben.


87 Wie die Griechen und Römer der Sonne ihre Träume erzählten, so sagt' ich den obigen einer katholischen Fürstin (Lichnowsky), die ihn veranlaßt hatte, da sie die Reise von Wien nach Baireuth machte, um ihren Sohn – der aus dem Boden seines Standes in die Gartenerde eines weisen und edlen Erziehers (Hofrat Schäfer) versetzt war – zu umarmen.


88 Jene versehen bei der Krone Böheim das Erzküchenmeister-, diese das Erbvorschneideramt.


89 Die Scholastiker glauben, zwei Engel haben Platz an einer und derselben Stelle. Occam. 1. qu. quaest. 4 u.a.


90 Man fabelte, das Männchen des Paradiesvogels brüte, bloß im Äther hangend, die Eier auf dem Rücken des Weibchens aus.


91 Besonders an kalten hellen Winter-Morgen und – Abenden. Seit mehr als zwanzig Jahren heg' ich – Siebenkäs desfalls – diese Krankheit, die eben jetzo am 24ten kalten Dezember bei ihrem Malen mir wieder sitzt, in mir. Sie ist nichts als eine Lähmung der Lungen-Nerven – besonders des umherschweifenden Nerven (nerv. vag.) – und kann mit der Zeit (denn man sieht, daß ihr zwanzig Jahre noch nicht hinreichen) jenen Lungenschlagfluß erwirken, den Leveillé in Paris und neulich Hohnbaum als eine neue Gattung aufstellen, und welchen man wohl, nach Ähnlichkeit des Millars-Husten, den Siebenkäsischen oder J. Pauls-Schlagfluß nennen könnte.


92 Buffon über die Erzeugung.


93 L. I. §. 3. D. de postulando.


94 Nach Justin; s. Bastholms Jüdische Geschichte, aus dem Dänischen. 1785.


95 Der Ehemann sollte mehr den Liebhaber, und dieser mehr jenen spielen. Es ist nicht zu beschreiben, welchen mildernden Einfluß kleine Höflichkeiten und unschuldige Schmeicheleien gerade auf die Personen haben, die sonst keine erwarten und erlangen, auf Gattinnen, Schwestern, Verwandte; sogar wenn sie Höflichkeit für das halten, was sie ist. Diese erweichende Pomade für unsere rauhen zersprungenen Lippen sollten wir den ganzen Tag auflegen, wenn wir nur drei Worte reden; und eine ähnliche Handpomade sollten wir im Handeln haben. Ich halte, hoff' ich, meinen Vorsatz, keiner Frau zu schmeicheln, und sogar meiner eignen nicht; aber 4 1/2 Monate nach der Trauung fang' ich an, ihr zu schmeicheln, und fahre fort mein lebelang.


96 S. Klübers Anmerkung zu de la Curne de Sainte-Palaye, über das Ritterwesen.


97 In die Schlangengrotte bei Civita Vecchia brachte man sonst halb vermoderte Kranken, denen, während sie in einem aus Opium gemachten Schlafe da ruhten, Schlangen die Wundenmaterie ableckten. Labats Reis. VI. p. 81.


98 Ganz dieselbe Erscheinung bemerkte wieder der Verfasser dieses in Baireuth den 19ten Jänner 1817.


99 Sander über das Große und Schöne der Natur. Tl. 1.


100 Wepf. hist. apoplect. p. 468.


101 Repub. des lettres, Octobr. 1685. V. 1091.


102 Teufels-Papiere S. 427. Unter der Einkleidung: »Gutgemeinte Biographie einer neuen, angenehmen Frau von bloßem Holz, die ich erfunden und geheiratet.« Auf die starke Säuere dieser Satire mag wohl Lenette mit ihren Sonnenstichen zeitigend eingewirkt haben.


103 Tissot von den Nervenkrankheiten.


104 Diese besteht darin, daß man den Anker auf ein tiefes, hartes Lager niederwirft.


105 Dictionnaire des Merveilles de la nature par Sigaud de la Fond. T. II. – Die Art, wie eine ägyptische Königin eine Pyramide aus losen Steinen aufschichtete, und zwar höher, aber mit geringern Schmerzen als die obige Frau, ist bekannt und gehört nicht unter Sigauds Merveilles de la nature.


106 Dieses und alles folgende, was Agrippa ward und hatte, steht in Naudé (Naudäi) Abhandlung von den Gelehrten, die man für Zauberer gehalten, unter dem Namen Agrippa.


107 Schalk hieß sonst Diener, jetzo nicht selten umgekehrt.


108 Aus Mangel an Geld, an Gesundheit.


109 So heißet eine bis zur Ohnmacht getriebene.


110 So heißen die vom heimlichen Gericht Verurteilten.


111 Das hippokratische nennt man das verzogene in der Sterbstunde.


112 Jede Reise verwandelt das Spießbürgerliche und Kleinstädtische in unserer Brust in etwas Weltbürgerliches und Göttlichstädtisches (Stadt Gottes).


113 Das erste Gewächs öffnet sich morgens nach 8 Uhr, der Pippau um 11.


114 Er meint nicht die spätere genauere Analyse von Polen, sondern die erste


115 Ein Städtchen in der Grafschaft Mansfeld, gehörig dem Kurfürsten von Brandenburg.


116 Poetisch-philosophische Kapitel in der nun seit vielen Jahren in Gera gedruckten und als Makulatur reißend abgegangenen Auswahl.


117 »Der Vater darf für seine ledige Tochter, der Bruder für die Schwester etc., jede ledige oder verheiratete Mannsperson für die ledige Weibsperson eine Pension versichern lassen, ja sie kann sich selber eine Mannsperson wählen, auf deren Tod die Versicherung gestellet wird. – Beide werden als Eheleute angesehen, und sie behält wie eine wahre Witwe bei der Heirat die Hälfte.« Reglement für die Kgl. preuß. allgemeine Witwenverpflegungsanstalt vom 28. Dez. 1775. § 29.


118 Vom Generalkontrolleur Silhouette hat der Schattenriß seinen zweiten Namen. Ein leeres ödes Gesicht heißt in Paris eines à la Silhouette.


119 Die gelbe Gold- oder Asphodillwurzel.


120 Bekanntlich hauchen auch Giftpflanzen Lebenluft aus.


121 Z.B. in Engelhardszell knöpfet die österreichische Maut jeden Schmerbauch auf, um zu sehen, ob der Speck kein – Tuch sei.


122 Da Mädchen den Eiteln am ersten durchschauen: so erriet sie, daß er sie an einem solchen Tage nur als seine Paradewache, als seine Ehrenpforte zum Prahlen gebrauchen und in der besuchten Fantaisie vorführen wollte.


123 Uns ist allen schon aus den Zeitungen bekannt, daß durch die Wiener »Gala-Redouten« eine Papier-Laterne mit der Aufschrift wandert: »es ist aufgetragen«, welches man das Wiener Laternisieren nennen kann.


124 Der Tod den Schlaf, der Himmel den Traum.


125 Im ganzen Aufsatze ist nicht von der praktischen Menschen- und Feindes-Liebe, die sich durch Taten und durch Enthalten von Rache äußert und die keinem Rechtschaffenen schwer sein kann, sondern von den misanthropischen und philanthropischen Gefühlen die Rede, worüber die bloße Moral wenig vermag, von der innern Liebe ohne Taten, von der peinlichen geheimen Entrüstung über Sünder und Toren. Es ist leichter, sich für die Menschen aufzuopfern als sie zu lieben, es ist leichter, dem Feinde Gutes zu tun als ihm zu vergeben. – Die Sehnsucht und die Seltenheit der Liebe hat erst einen Maler gehabt – F. Jacobi; wir brauchen keinen zweiten.


126 Wenigstens stärker, da, wenn man einmal kalt gegen jemand ist, alles Äußerliche, das Schöne wie das Häßliche, die Kälte nur mehret.


127 Ein Franzos beschwor es, er könne die Engländer nicht ausstehen, parce-qu'ils versent du beurre fondu sur leur veau roti.


128 Die wachsende Menschenliebe bricht dem satirischen Vergnügen an fremder Torheit immer mehr ab, die Torheit eines Busenfreundes macht uns nichts als bittern Schmerz: warum wollen wir nicht alle Menschen als Busenfreunde behandeln?


129 Pomp. Mel. de S. O. 1. 18.


130 Schweiz und Holland.


131 Bekanntlich wurde das Gesicht des sogenannten Mannes mit der eisernen Larve nach seinem Tode mit so vielen Wunden verstümmelt, bis diese die eiserne durch eine andere ersetzten.


132 Eine Art Seevögel schläft fliegend und woget sich auf und nieder, und die Berührung des Meers weckt sie oft. Marollas Reise nach Afrika.


133 Die Platterbse hat zwar über der Erde einige Blumen und Früchte, aber unter ihr die meisten, obwohl weiße. Linné, Abhandlung von der bewohnten Erde.


134 Die Ähnlichkeit, die sie mit den Onozentauren haben sollen, bezieht sich wahrscheinlich auf den Reiter Bileam, der ungünstig rezensieren sollte und es doch nicht vermachte.


135 Sind von Dorf zu Dorf reisende und lehrende Schulhalter in England.


136 Seite 163 des Taschenbuchs für Brunnen- und Badegäste 1794 steht die Nachricht daß vor Damen, während sie in den Badewannen eingeriegelt liegen, auf den Deckeln der letzten junge Herren sitzen, um sie unter dem Wasser zu unterhalten. Dagegen kann freilich die Vernunft nichts haben – da das Wannenholz so dicht ist wie Seide, und da in jedem Falle jede allemal in einer Hülle stecken muß, in der sie ohne Hülle ist – aber wohl das Gefühl oder die Phantasie, und zwar aus demselben Grunde, warum ein Deckbette, 1/4 Elle dick, keine so anständige und dichte Kleidung ist als ein Florhabit für einen Ball. Sobald nicht die Unschuld der Phantasie geschonet wird so ist keine andere weiter zu schonen; die Sinnen können weder unschuldig noch schuldig sein.


137 Locor. Theol. a Gerhard. Tom. VIII. p. 1170.


138 Die weißblühende wird weinen, die rotblühende wird stürmen, wie der bleiche Mond Regenwetter, und der rötliche Sturmwind ansagt (pallida luna pluit, rubicunda flat).


139 In der Komorner Gespannschaft. Windisch, Geograph. von Ungarn. – Buchan erzählt von einer ähnlichen Doppelgeburt in Schottland.


140 Nach dem Aberglauben, daß sich das Scharfrichter-Schwert von selber bewege, wenn es jemand zu töten bekomme.


141 Der sich durch gemalte Disteln, wie Swift durch andere, auszeichnete.


142 Dreyers Miszellen. S. 105.


143 Westenrieders Kalender von 1791.


144 Nichts ist unvernünftiger, unbezwinglicher und unerklärlicher als der Ekel, dieser widersinnige Bund des Willens mit der Magenhaut. Cicero sagt: der Schamhafte bringt nicht gern den Namen der Schamhaftigkeit dieses transzendenten Ekels – auf die Zunge, und so geht der Ekle mit dem Ekel um, besonders da körperliche und moralische Reinheit Nachbarinnen sind, wie der reinliche und keusche Swift an sich zeigt. Sogar der körperliche Ekel, dessen Stoff mehr ein phantastischer als physischer ist, nimmt mehr das sittliche Gefühl in Anspruch, als man denkt. Gehe mit einem Magen, der Unverdautes oder Brechwein bei sich hat, über die Gasse: so wirst du an zwanzig Herzen und Gesichtern und, wenn du nach Hause kommst, an noch mehren Büchern ein innigeres sittliches und ästhetisches Mißfallen empfinden als sonst.


145 Ein Bettler in England der eine Bude voll Krücken, Augenpflaster, falscher Beine etc. besitzt, die jeder haben muß, der lahm, blind, hinkend sein will. Brit. Annal., I. B.


146 Bibliothèque ancienne et mod. T. IV. p. 59. 60. Solche Rezensionen, wie Le Clerc in dieser und in der Bibliothèque choisie verfertigte, sind zum Glück abgekommen, da sie sich von Büchern in nichts unterscheiden als in der Kürze und Fülle.


147 Die Rabbinen behaupten nämlich, Kain habe seinen Bruder erschlagen, weil dieser ihn widerlegen wollte, da er (Kain) die Unsterblichkeit der Seele etc. bestritt. Also der erste Mord war ein Autodafé und der erste Krieg ein Religionkrieg.


148 Drei solche Dinge durfte in Athen jeder Verurteilte öffentlich sagen, nach Casaubon in seiner XVI. Exerc. gegen Baron. Annal., ders wieder aus dem Suidas haben will.


149 Nach De Lüc, s. den 3. Bd. der Kleinen Reisen für Reise-Dilettanten.


150 Das ist er selber. Er will darum seine Verlassenschaft an sich, und nicht an seine Frau ausgehändigt haben, um es genauer zu wissen, da sie vielleicht während dieses Termins könnte reich geheiratet haben; auch erfährt er so den Fall des Unterlassens leichter und kann also die Drohung erfüllen, die er sogleich ausstoßen wird.


151 So steht auf den öffentlichen Gebäuden des Marktfleckens; wiewohl es durch den Abstich lächerlich wird, daß ein solcher Reichs-Bologneser dänische Reichs-Doggen nachahmt, wie z.B. Nördlingen, Bopfingen, die freilich mit ein wenig größerem Rechte auf ihre öffentlichen Gebäude und Ukasen setzen: Senatus populusque Bopfingensis, Nördlingensis.


152 Reuel, und nicht Reul, wie ich sonst geschrieben, heißt er, und es ist mir um so lieber, da ein solcher theologischer Helfer nicht den Klangnamen eines medizinischen Helfers, wie der edelherzige freigeistige Reil gewesen, unnütz führen soll.


153 Leibgeber meinet zugleich das zweite Leben, das er niche glaube, und Firmians Fortsetzung des ersten in Vaduz.


154 In Italien nimmt man große Freskogemälde unbeschädigt von der Mauer ab.


155 Rosenblätter wirken im Magen wie Sennesblätter.


156 Plin. H. N. VIII. 30.


157 Dieser macht bekanntlich als eine größere Psyche in Schädel sein Nest.


158 Bekanntlich kommt ein Königherz in ein goldenes Sarg-Besteck.


159 Es war bei den Römern der Schauspieler, der bei dem Leichenbegängnis den Toten mit seinem ganzen Mienenspiel nachmachte. Pers. Sat. 3.


160 Beides mußten sich die gefallen lassen, die man für tot gehalten und als solche eines Leichenbegängnisses gewürdigt hatte. Potters Archäol. von Rambach übersetzt. S. 530f.


161 Augustin. commentar. ad Johan. XXI. 23.


162 So oder auch tumulus honorarius hieß das leere Grabmal, das Freunde einem Toten baueten, dessen Körper nicht zu finden war.


163 Alexand. ab Alex. III. 7.


164 Es ist von 1796 die Rede.


165 Pythagoras machte, daß alles, was er mit Bohnensaft auf einen Spiegel schrieb, im Mond zu lesen war. Cael. Rhodogin IX. 13. – Als Karl V. und Franz I. sich über Mailand bekriegten, konnte man durch einen solchen Spiegel alles, was in Mailand am Tage vorging, ohne Mühe zu Paris zu nachts am Monde lesen. Agrippa de occ. philos. c. 6.


166 Eine lange Wolke mit Streifen wie Äste, die Sturmwetter verkündigt.


167 Der Aberglaube wähnt, daß von zwei Kindern, die sich küssen, ohne reden zu können, eines sterben muß.


168 »Daher ich voraussehe, daß die Leibgeberischen Hirtenbriefe in diesen Blumenstücken für die meisten Leser unausstehliche Absage- oder Ausfoderbriefe sind. Die meisten Deutschen verstehen – dies soll man ihnen nicht nehmen – Spaß, nicht alle Sehen, wenige Humor, besonders Leibgeberschen. Deshalb wollte ich anfangs – weil doch ein Buch leichter zu ändern ist als ein Publikum – alle seine Briefe verfälschen und faßlichere unterschieben; aber man kanns noch immer in der zweiten Auflage so anordnen, daß man die verfälschten ins Werk einmacht und seine wahren hinten anhangweise nachbringt.« – Dies wurde gar nicht nötig gemacht. Aber Himmel! wie können erste Auflagen so fehlschießen und so viele Leser falsch nehmen, für welche nachher zweite sich mit aufrichtiger Wärme erklären!


169 Plin. H. N. VII. 48.


170 Sie meint das Witwengehalt.


171 Bei den Ranunkeln und bei der Braunwurz senket sich jedes Jahr das Unterste des Stengels tiefer in die Erde ein und wird der Ersatz der wegfaulenden Wurzel.


172 Im Enthusiasmus ist die umgekehrte Rangordnung. Um deine fest liegenden Gründe von moralischem Werte viel gewisser zu kennen als aus Entschlüssen und Handlungen, so merke nur auf die Freude oder Betrübnis, welche zuerst in dir bei einer moralischen Anfoderung, Nachricht, Abweisung blitzschnell aufsteigt, aber sogleich wieder verschwindet durch das spätere Besinnen und Besiegen. Welche große faulende Stücke vom alten Adam findet man da oft!


173 Die Ehefrau des Pinarius, Thaläa, unter der Regierung des Tarq. superb. war die erste, die mit ihrer Schwiegermutter Gegania gezanket hat. Plut. im Numa. Vielleicht stellet einmal die deutsche Geschichte noch ehrenhafter die erste Gattin auf, die nicht mit ihrer Schwiegermutter gekeifet; wenigstens sollte ein deutscher Plutarch auf eine solche Jagd machen.


174 Der bekannte Wasserfall – pisse vache – stürzt sich in einem solchen Bogen vom Felsen, daß man unter ihm weggehen kann und also gegen Regen zugedecket ist. Malerische Reise in die Alpen.


175 Ist ein Popanz, 9 Fuß hoch, aus Baumrinde und Stroh, womit die Mandingoer ihre Weiber schrecken und bessern.


176 Walthers Physiologie. B. 2.


177 1000 Millionen bekriechen diese Kugel.


178 Ein Tagschmetterling mit schwarzen, weiß geränderten Flügeln.


179 Kälte und Schwere hat der echte Edelstein in größerem Maße als der unechte.


180 Man gab sonst den Toten wächserne Engelbilder mit ins Grab.


Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963.
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