Fünfundzwanzigstes und letztes Kapitel

[553] Die Reise – der Gottesacker – das Gespenst – das Ende des Elendes und des Buchs


Ich sehe jeden Tag mehr, daß ich und die übrigen 1000000099 Menschen177 nichts sind als Gefüllsel von Widersprüchen, von unheilbaren Nullitäten und von Vorsätzen, deren jeder seinen Gegenmuskel (musc. antagonista) hat – andern Leuten widersprechen wir nicht halb so oft als uns selber –; dieses letzte Kapitel ist ein neuer Beweis: ich und der Leser haben bisher auf nichts hingearbeitet als auf das Beschließen des Buchs – und jetzo, da wir daran sind, ist es uns beiden äußerst zuwider. Ich[553] tue doch etwas, wenn ich – soviel ich kann – das Ende desselben, wie das Ende eines Gartens, der auch voll Blumenstücke ist, etwa bestens verberge und manches sage, was das Werklein allenfalls verlängert.

Der Inspektor sprang mit der Burg einer muskulösen, vollen Brust ins Freie unter die Kornähren, der Alp des Schweigens und Täuschens drückte nicht mehr so schwer auf ihn. Die Schlaglauwine seines Lebens war überhaupt unter seiner jetzigen Glücksonne um ein Drittel zerlaufen; die elektrische Belegung mit reichern Einkünften und selber die häufigern Geschäfte hatten ihn mit Feuer und Mut geladen. Sein Amt war ein mit einem solchen silbernen und goldnen Geäder durchschossener Berg, daß er schon in diesem Jahre namenlose Beisteuern zur preußischen Witwenkasse ablaufen lassen konnte, um seinen Betrug anfangs zu halbieren, und zuletzt gar aufzuheben und gutzumachen. Ich würde diese Pflichthandlung gar nicht vor die Augen des Publikums befördern, wenn ich nicht zu besorgen hätte, daß Kritter in Göttingen, der den Torschluß dieser Kasse aufs Jahr 1804 verlegt, oder auch noch glimpflichere Rechner, die ihre Letzte Ölung auf 1825 herausrechnen, daß diese etwan von meinen Blumenstücken Gelegenheit nehmen möchten, gar dem Inspektor den Totentanz der Witwenkasse aufzubürden. Es würde mich ungemein reuen, der ganzen Sache nur in den Blumenstücken erwähnt zu haben.

Er nahm seinen Weg nicht über Hof oder Baireuth und über die alten romantischen Reisewege; er fürchtete, Natalien mit seinem Scheinkörper von der hinter den Wolken säenden Hand des Schicksals entgegen gebracht zu werden. Und doch hoffte er von derselben Hand ein wenig, daß sie ihn zufällig auf seinen Leibgeber stoßen lasse, da dieser erst neulich in den kuhschnappelschen Wassern gekreuzet. Ohnehin hatte er sich unterwegs wieder in dessen Hemd und Jacke und ganzes Außen verkörpert, das er von ihm im Gefreeser Wirthaus eingewechselt; und der Anzug war ihm ein Spiegel, der ihm in einem fort den Entfernten zeigte. Ein Saufinder – wie der Leibgebersche –, der in einem Forsthause den Kopf nach ihm aufhob, gab ihm einen Stich der[554] Freude ins Herz; aber die Nase des Hundes kannte ihn so wenig wie dessen Herr.

Indes, je näher er gegen die Berge und Wälder vorschritt, hinter deren sinesischer Gottesackermauer seine zwei leeren Häuser, sein Grab und seine Stube, standen: desto enger zog die Beklommenheit ihr Zugnetz um sein Herz zusammen. Es war nicht die Furcht, erkannt zu werden; dies war (wegen seiner jetzigen Ähnlichkeit mit Leibgebern) unmöglich; ja man hätt' ihn eher für seinen eignen Poltergeist und Propheten Samuel genommen als für den noch lebenden Siebenkäs; sondern außer der Liebe und der Erwartung macht' ihn noch etwas anders ängstlich, was mich einmal einklemmte, da ich unter den herkulanischen Altertümern meiner Kindheit herumreisete. Es warfen sich wieder um meine Brust die eisernen Banden und Ringe, die sie in der Kindheit zusammenzogen, worin der kleine Mensch noch vor den Leiden des Lebens und dem Tode hülf- und trostlos zittert; man steht mitten innen zwischen dem abgerissenen Fußblock, den aufgesperrten Hand- und Beinschellen und zwischen dem hohen brausenden Freiheitbaume der Philosophie, die uns in den freien offnen Waffenplatz und in die Krönungstadt der Erde führte. Firmian sah in jedem Gebüsche, um das er sonst in seinem armen, leeren Winzer-Herbst spazieren gegangen, den abgestreiften Balg der Schlangen hangend, die sich sonst um seine Füße gewunden hatten – die Erinnerung, dieser Nachwinter der harten, rauhen Tage, fiel in die schönere Jahreszeit seines Lebens ein, und aus der Nähe solcher unähnlicher Gefühle, des vorigen Kettendrucks und der jetzigen Freiheitluft, floß ein drittes, bittersüßes, banges zusammen.

In der Dämmerung ging er langsam und aufmerksam durch die mit verzettelten Ähren bezeichneten Gassen der Stadt; jedes Kind, das mit dem Nachtbier vor ihm vorüberlief, jeder bekannte Hund und jeder alte Glockenschlag waren voll Schieferabdrücke von Freudenrosen und Passionblumen, deren Exemplare längst auseinandergefallen waren. Als er vor seinem vorigen Hause wegging, hört' er oben in seiner Stube zwei Strumpfwirkerstühle schnarren und klappern mit ihrem gezognen Schnarrkorpus-Register.[555]

Er quartierte sich im Gasthofe zur Eidechse ein, der nicht das glänzendeste Hotel im Marktflecken gewesen sein kann – da der Advokat darin Rindfleisch auf einem Zinnteller bekam, der nach den Schnitten und Stigmen durch ein Fac-simile seines eignen Messers sich unter seinen verpfändeten Teller-Ausschuß eingeschrieben –; indes aber hatte der Gasthof das Gute, daß Firmian das drei Treppen hohe Stübchen Nro. 7 nehmen und darin eine Sternwarte oder einen Mastkorb der Beobachtung anlegen konnte, gerade der tiefern Studierstube Stiefels gegenüber. Aber seine Lenette kam nicht ans Fenster. Ach, er wäre, hätte er sie erblickt, in die Stube vor Wehmut hingekniet. Bloß als es sehr dunkel wurde, sah er seinen alten Freund Pelzstiefel ein gedrucktes Blatt – höchst wahrscheinlich einen Korrekturbogen des Anzeigers deutscher Programme –, weil es zu finster war, gegen die Abendröte zum Fenster heraushalten. Es wunderte ihn, daß der Rat sehr eingefallen aussah und eine Florschärpe oder Binde um den Ärmel hatte: »Sollte denn«, dacht' er, »das arme Kind meiner Lenette schon verstorben sein?«

Spät schlich er sich zitternd nach dem Garten, aus dem nicht jeder wiederkommt, und an welchen der hangende Eden-Garten des zweiten Lebens stößet. Im Kirchhof war er vor nahen Zuschauern durch die Gespenstergeschichten gedeckt, womit Leibgeber dem Vormunde die Mündelgelder aus den Händen gerungen. Da er an sein leerstehendes unterirdisches Bette nicht sogleich gelangen konnte: so kam er vorher vor der Kindbetterin vorbei, auf deren damals schwarzen, jetzo grasigen Hügel er den Blumenstrauß gepflanzet hatte, der dem Herzen seiner Lenette eine unerwartete Freude machen sollte und nur einen unerwarteten Kummer machte. Endlich kam er vor den Bettschirm der Grab-Sieste, vor seinen Leichenstein, dessen Inschrift er mit einem kalten Schauer herunterlas. »Wenn nun diese steinerne Falltüre auf deinem Angesichte läge und den ganzen Himmel verbauete?« sagt' er zu sich – und dachte daran, welches Gewölke und welche Kälte und Nacht um die beiden Pole des Lebens, so wie um die beiden Pole der Erde, herrsche, um den Anfang und um das Ende des Menschen – er hielt jetzt seine Nachäffung der[556] letzten Stunde für sündlich – der Trauerfächer einer langen, finstern Wolke war vor dem Monde ausgebreitet – sein Herz war bang und weich, als plötzlich etwas Buntes, was nahe an seinem Grabe stand, ihn ergriff und seine ganze Seele umkehrte.

Es stand nämlich darneben ein neues, lockeres Grab in einer hölzernen, übermalten Einfassung, ähnlich einer Bettlade; auf diesen bunten Brettern las Firmian, solang' es sein überströmendes Auge lesen konnte: »Hier ruht in Gott Wendeline Lenette Stiefel, geborne Egelkraut aus Augsburg. Ihr erster Mann war der wohlsel. Armenadvokat St.F. Siebenkäs. Sie trat zum zweitenmal 1786 den 20. Okt. in die Ehe mit dem Schulrate Stiefel allhier und entschlief, nachdem sie 3/4 Jahre mit ihm in einer ruhigen Ehe gelebet, den 22. Jul. 1787 im Kindbette und liegt hier mit ihrem totgebornen Töchterlein und wartet auf eine fröhliche Auferstehung.«.....

»O du Arme, du Arme!« mehr konnt' er nicht denken. Jetzo, da ihr Lebenstag heller und wärmer wurde, schlingt die Erde sie ein; und sie bringt nichts hinunter als eine Haut voll Schwülen der Arbeit, ein Angesicht voll Runzeln des Krankenbettes und ein zufriedenes, aber leeres Herz, das, in die Hohlwege und Schachten der Erde hinabgedrückt, so wenig Gefilde und wenig Gestirne gesehen hatte. Ihre Leiden hatten sich allemal so eng und schwarz und groß über sie herüber gezogen, daß keine malende Phantasie sie durch das Farbenspiel der Dichtung mildern und verschönern konnte, so wie kein Regenbogen möglich ist, wenn es über den ganzen Himmel regnet. »Warum hab' ich dich so oft gekränkt, sogar durch meinen Tod, und deinen unschuldigen Launen so wenig vergeben?« sagt' er bitter weinend. Er warf einen Regenwurm, der sich aus dem Grabe drängte und ringelte, weit hinweg, als wenn er eben aus dem geliebten, kalten Herzen satt gefüllet käme, da ihn doch das sattigt, was uns am Ende auch satt macht, Erde. Er dachte an das zerstäubende Kind, das wie ein eignes die welken, dünnen Arme um seine Seele legte, und dem der Tod so viel, wie ein Gott dem Endymion, gegeben: Schlaf – ewige Jugend – und Unsterblichkeit. Er wankte endlich langsam von der Trauerstätte hinweg, als die Tränen sein Herz nicht erleichtert, nur ermüdet hatten.[557]

Als er im Gasthof eintrat: sang eine Harfenistin in Begleitung eines kleinen Flötenspielers der Wirtstube ein Lied vor, dessen Wiederkehr war: »Tot ist tot, hin ist hin.« Es war dieselbe, die am hl. Abend vor dem neuen Jahre, als seine nun zerstörte und gestillte Lenette mit der brechenden Brust voll Qualen, weinend und verlassen, ihr verzognes Angesicht ins Schnupftuch drückte, gespielet und gesungen hatte. O die heißen Pfeile der Töne zischten durch sein zerstochnes Herz – der Arme hatte keinen Schild – »Ich habe sie damals sehr gemartert (sagt' er unaufhörlich); wie sie seufzete, wie sie schwieg! – O wenn du doch mich jetzt sähst aus deinen Höhen, da du gewiß glücklicher bist; wenn du meine vollgeblutete Seele erblicktest, nicht damit du mir vergäbest – nein, damit ich nur den Trost hätte, deinetwegen etwas zu leiden – o wie wollt' ich jetzt anders gegen dich sein!«

So sagen wir alle, wenn wir die begraben, die wir gequälet haben; aber an demselben Trauerabende werfen wir den Wurfspieß tief in eine andere, noch warme Brust. O wir Schwächlinge mit starken Vorsätzen! Wenn heute die zerlegte Gestalt, deren verwesende, von uns selber geschlagene Wunden wir mit reuigen Tränen und bessern Entschlüssen abbüßen, wieder neu geschaffen und jugendlich überblüht in unsere Mitte träte und bei uns bliebe: so würden wir bloß in den ersten Wochen die wiedergefundne, liebere Seele vergebend an unsern Busen, aber dann später sie doch wie sonst in die alten, scharfen Marterinstrumente drücken. Daß wir dieses sogar gegen unsere lieben Verstorbenen täten, seh' ich daraus – die Härte gegen die Lebenden noch ungerechnet –, weil wir in den Träumen, wo uns die versunknen Gestalten wieder besuchen, gegen sie alles wiederholen, was wir bereuen. – Ich sage das nicht, um einem Wehklagenden den Trost der Reue oder des Gefühles zu nehmen, daß er das verlorne Wesen schöner liebe; sondern nur um den Stolz auf diese Reue und auf dieses Gefühl zu schwächen. –

Als Firmian noch spät das von der Trauerzeit ausgesogne, zernagte Angesicht seines alten Freundes, dessen Herz so wenig mehr besaß, gen Himmel blicken sah, als wenn er da zwischen[558] den Sternen die geraubte Freundin suchte: so drückte der Schmerz die letzte Träne aus dem ausgepreßten Herzen, und im Wahnsinn der Qual gab er sich sogar die Leiden seines Freundes schuld, als hätte dieser sie ihm nicht früher zu verdanken als zu vergeben gehabt.

Er erwachte mit der Müdigkeit des Schmerzes, d.h. mit der Verblutung aller Gefühle, die sich endlich in ein süßes Zerfließen und ein tötliches Sehnen auflöset. Er hatte ja alles verloren, sogar das, was nicht begraben war. Zum Schulrate durft' er aus Besorgnis nicht gehen, daß er sich verrate; daß er wenigstens die Ruhe des unschuldigen Mannes, der mit der Heirat einer noch verheirateten Frau weder sein orthodoxes Gewissen noch seinen Ehrgeiz hätte versöhnen können, auf ein zweideutiges Spiel zu setzen wage.

Aber den Friseur Merbitzer konnt' er mit einer verminderten Gefahr, sich zu verraten, besuchen und von ihm eine größere Aussteuer von Nachrichten mitnehmen. – Übrigens hatte jetzt die Sense des Todes mit den Banden der Liebe zugleich alle seine Ketten und Knoten zerhauen; er schadete nun niemand als sich, wenn er vor andern, ja vor der trauernden Natalie seine Totenlarve abzog und sich unvermodert darstellte – um so mehr, da ihm sein Gewissen an jedem schönen Abend und bei jeder guten Tat die Verzögerzinsen der rückständigen Wahrheit-Schuldenmasse abfoderte und alle Moratorien verweigerte. – Auch schwur sein Ich wie ein Gott seinem Ich, daß er nur diesen Tag noch bleibe und dann niemals wiederkehre.

Der Friseur ersah am Hinken sogleich, daß es niemand anders sei als der Vaduzer Inspektor – Leibgeber. Er setzte, gleich der Nachwelt, dem vorigen Mietmann Siebenkäs die dicksten Rosmarinkränze auf und beteuerte: sein jetziges Spitzbubenzeug von Strumpfwirkern oben sei gegen den sel. Herrn gar kein Vergleich, und das ganze Haus krache, wenn sie oben träten und schnarrten. Er brachte dann bei, daß der Selige die Frau in Jahrfrist nachgeholt habe – daß diese nie Merbitzers Haus vergessen können, daß sie oft bei Nacht in ihrer Trauerkleidung, worin man sie auch beerdigen müssen, eingesprochen und Red' und Antwort[559] von ihrer Veränderung gegeben: »sie lebten«, sagte der Haarkräusler, »wie zwei Kinder miteinander – nämlich Stiefel und sie.« – Dieses Gespräch, dieses Haus und endlich sein eignes, jetzt so lärmendes Zimmer zeigten nichts als leere Stätten des zerstörten Jerusalems – wo sein Schreibtisch war, stand ein Strumpfwirkerstuhl etc. – und alle seine Fragen nach der Vergangenheit waren die Brandkollekte, welche die niedergebrannten Lustschlösser wieder aus der Phönixasche heben sollte. Die Hoffnung ist das Morgenrot der Freude, und die Erinnerung ihr Abendrot; aber dieses tropfet so gern in entfärbtem grauen Tau oder Regen nieder, und der blaue Tag, den das Rot verspricht, bricht freilich an; aber in einer andern Erde, mit einer andern Sonne. – Merbitzer schnitt, unwissend, den Spalt tief und weit, in den er die abgeschnittenen Blütenzweige der alten Tage dem Herzen Firmians einimpfte – und als seine Frau zuletzt erzählte, daß Lenette nach dem Krankenabendmahl bei dem Vesperprediger angefragt: »ich komme doch nach meinem Tod zu meinem Firmian?« so kehrte Firmian von diesen blinden Dolchstichen seine Brust weg und eilte fort, aber ins Freie hinaus, um keinem Menschen zu begegnen, den er belügen hätte müssen.

Und doch mußt' er sich nach einem Menschen sehnen, und wäre einer nicht anders zu finden als unter seinem niedrigsten Dache im – Gottesacker. Der gewitterhafte Dampf- und Dunstkreis des Abends brütete alle Wünsche der Wehmut an; der Himmel war mit unreifen zerstückten Gewitterflocken durchzogen, und am östlichen Horizont warf schon ein brausendes Gewitter seine entzündeten Pechkränze und seine vollen Wolken auf unbekannte Gegenden nieder. Er ging nach Hause; aber indem er vor den hohen Staketen des Blaisischen Garten vorbeilief, glaubt' er eine Gestalt wie Natalie, schwarz gekleidet, in die Laube schlüpfen zu sehen. Erst jetzo fiel ihm die vorige Nachricht Merbitzers mehr auf, daß eine vornehme Trauerdame sich vor einigen Tagen alle Stuben seines Hauses zeigen lassen und sich besonders in den Siebenkäsischen aufgehalten und nach vielerlei erkundigt habe. Nataliens Umweg auf der Reise nach Vaduz war immer nach ihrer kühnen und romantischen Denkweise nicht unwahrscheinlich,[560] da sie ohnehin Firmians Wohnort nie gesehen und der Inspektor ihr auf nichts geantwortet – da Rosa verheiratet war – und Blaise sich seit der Gespenstererscheinung ausgesöhnt hatte – und da Firmians Sterbmonat sie am natürlichsten zu einer Wallfahrt nach seinem letzten Orte einladen können.

Ihr Freund mußte nun wohl den ganzen Abend mit schmerzlicher Wärme an die letzte denken, die noch als der einzige unbedeckte Stern aus dem überzognen Sternenhimmel seiner vorigen Tage schimmerte. – Es wurde nun dämmernd; es wehte kühl; die Gewitter hatten sich schon an andern Ländern erschöpft; bloß schwarzrotes, zertrümmertes Gewölke, gleichsam glimmende, halbverkohlte Brände, waren im Himmel übereinander gehäuft. Er ging zum letztenmal nun an den Ort, wo der Tod die rote, zugleich mit der Knospe abgeschnittene Nelke eingelegt hatte; aber in seiner Seele wehete es, wie außer ihm, nicht mehr so schwül, sondern frischer die Bitterkeit des ersten Schmerzes hatten Tränen verdünnt – er fühlte sanfter, daß die Erde nur der Zimmerplatz, nicht die Baustelle der Menschen sei im Morgen glänzte mit aufsteigenden Sternen ein blauer, langer Streif über den versunknen Gewittern – der Lichtmagnet des Himmels, der Mond, lag wie eine Strahlenquelle auf der Folie einer gespaltenen Wolke, und das weite Gewölke schmolz ein und rückte nicht. –

Als Firmian näher am geliebten Grabe das gesunkne Haupt aufhob, ruhte eine schwarze Gestalt darauf. Er stockte, er blickte schärfer hin: es war eine weibliche, deren Angesicht, ins Eis des Todes eingefroren und eingeschmiedet, gegen ihn hinstarrete. Als er näher trat, war seine teuerste Natalie am bunten Grabgerüste niedergebrochen angelehnt, vor dem Herbstatem des Todes waren die Lippen und Wangen mit weißer Schminke angelaufen und die offenen Augen erblindet, und nur die Tränentropfen, die noch um sie hingen, zeigten an, daß sie erst gelebt, und daß sie ihn für die Geistererscheinung gehalten, wovon sie so viel gehört hatte. Da sie in der schwärmerischen Trauer über seinem Grabe ihrem starken und öden Herzen die Geistererscheinung gewünschet hatte, und da sie ihn nun kommen sah: so dachte[561] sie, das Geschick erhöre sie; und dann zerdrückte die metallene Hand des kalten Entsetzens die rote Rose zur weißen. O! ihr Freund war unglücklicher; sein weiches, nacktes Herz lag zwischen zwei aneinanderstürzenden Welten zermalmt. Mit jammernder Stimme schrie er: »Natalie, Natalie!« Die Lippe zuckte auf, und das Auge wärmte ein Hauch von Leben an; aber als der Tote noch vor ihr stand, schloß sie das Auge und sagte schaudernd: »Ach Gott!« Vergeblich warf seine Stimme sie ins stechende Leben zurück; sobald sie aufblickte, gerann ihr Herz vor der nahen Schrecklarve, und sie konnte nur seufzen: »Ach Gott!« – Firmian riß an ihrer Hand und rief: »Du himmlischer Engel, ich bin nicht gestorben – blicke mich nur an – Natalie, kennst du denn mich nicht mehr? – O guter Gott! strafe mich nicht so gräßlich und nimm ihr das Leben nicht durch mich!« Endlich hob sie langsam die schweren Augenlider auf und sah den alten Freund neben sich zittern, mit den Tränen der Angst und mit dem wechselnden Angesicht, das unter den Giftstacheln der Qualen aufschwoll – er weinte froher und stärker und lächelte sie schmerzlich an, als sie die Augen offen ließ: »Natalie, ich bin ja noch auf der Erde und leide wie du – Siehst du nicht, wie ich zittere deinetwegen? – Nimm meine warme Menschenhand! Bist du noch in Furcht?« – »Nein«, sagte sie erschöpft, aber sie blickte ihn scheu, wie einen überirdischen Menschen, an und hatte keinen Mut zur Frage über das Rätsel. Er half ihr unter sanften Tränen auf und sagte: »Aber verlassen Sie, Unschuldige, diese Trauerstätte, auf die schon so viel Tränen gefallen sind für Ihr Herz hat das meinige kein Geheimnis mehr – ach ich kann Ihnen alles sagen, und ich sag' Ihnen auch alles.« Er führte sie über die stillen Toten hinauf durch die Hinterpforte des Gottesackers hinaus; aber sie hing, unter dem Ersteigen der nächsten Anhöhe, schwer, matt und immer zusammenschaudernd an seinem Arm, und bloß die Tränen, welche die Freude, die aufgelösete Angst, der Kummer und die Ermattung miteinander aus ihren Augen trieben, fielen wie erwärmter Balsam auf das kalte, zerspaltene Herz.

Auf der schwer erklommenen Höhe setzte sich die müde[562] Kranke nieder – und die schwarzen Wälder der Nacht lagen, von weißen Ernten gegittert und von dem stillen Lichtmeer des Mondes durchschnitten, vor ihnen, die Natur hatte den gedämpften Lautenzug der Mitternacht gezogen, und neben Natalien stand ein teuerer Auferstandner. Er erzählte nun Leibgebers Bitten seine kurze Sterbens-Geschichte – seinen Aufenthalt beim Grafen – alle Wünsche und Tränen seiner langen Einsamkeit – seinen festen Entschluß, sie lieber zu fliehen, als ihr schönes Herz mündlich oder schriftlich zu belügen und zu verwunden – und die Entdeckungen, die er dem Vater ihrer Freundin schon gemacht. Sie hatte bei dem Berichte seiner letzten Minute und seines ewigen Abschiedes von Lenetten geschluchzet, als wäre alles wahr gewesen. Sie dachte an vieles, als sie bloß sagte: »Ach Sie haben sich bloß für fremdes Glück geopfert, nicht für eignes. Doch werden Sie jetzt alle Täuschungen aufheben oder gutmachen.« – »Alle, so weit ich kann (sagt' er), meine Brust und mein Gewissen kommen endlich wieder in Freiheit: hab' ich nicht sogar Ihnen den Schwur gehalten, Sie nicht eher zu sehen als nach meinem Tode?« Sie lächelte sanft.

Beide sanken in ein trunknes Schweigen. Plötzlich fiel ihm, als sie einen vom kalten Tau gelähmten Trauermantel178 auf den Schoß legte, ihre Trauer auf, und er fragte voreilig: »Sie betrauern doch nichts?« Ach sie hatte sie ja seinetwegen angelegt. Natalie antwortete: »nicht mehr!« – und setzte, den Schmetterling ansehend, mitleidig dazu: »Ein paar Tropfen und ein wenig Kälte machten den Armen starr.« – Ihr Freund dachte daran, wie leicht ihn das Schicksal für seine Kühnheit mit dem Erstarren des schöner geschmückten, obwohl ebenso schwarz bekleideten Wesens neben ihm hätte strafen können, das ohnehin schon in den Nachtfrösten des Lebens und im Nachttau kalter Tränen gezittert hatte; aber er konnte ihr nicht antworten vor Liebe und vor Schmerz.

Sie schwiegen nun, im gegenseitigen Erraten, halb in ihre Herzen, halb in die große Nacht verloren. Alles Gewölke – ach nur das am Himmel – hatte der weite Äther aufgesogen – Luna[563] bog sich mit ihrem Heiligenschein wie eine umstrahlete Maria näher aus dem reinen Blau zu ihrer bleichen Schwester auf der Erde herein – der Strom schlug sich ungesehen unter niedrigen Nebeln fort, wie der Strom der Zeit unter den Nebeln aus Ländern und Völkern – hinter ihrem Rücken hatte sich der Nachtwind auf ein gebogenes, rauschendes Ährenstroh gebettet, das blaue Kornblumen bestreueten – und vor ihnen hinab lag die umgelegte Ernte der zweiten Welt, gleichsam die in der Fassung von Särgen liegenden Edelsteine, die durch den Tod kalt und schwer179 geworden – und der fromme, demütige Mensch sank, als Gegenbild der Sonnenblume und des Sonnenstäubchens, als Mondblume gegen den Mond und spielte als Mondstäubchen in seinem kühlen Strahl und fühlte, nichts bleibe unter dem Sternenhimmel groß als die Hoffnungen.

Natalie stützte sich nun auf Firmians Hand, um sich daran aufzurichten, und sagte: »Jetzt bin ich schon imstande, nach Hause zu kommen.« – Er hielt ihre Hand fest, aber ohne aufzustehen und ohne anzureden. Er blickte das erhärtete Stachelrad des alten, von ihr gereichten Rosenzweiges an und drückte sich unwissend und unempfindlich die Stacheln in die Finger – längere und heißere Atemzüge hoben die beladene Brust empor glühende Tränen hingen sich vor sein Auge, und das Mondlicht zitterte vor ihnen nur in einem Leuchtregen hernieder – und eine ganze Welt lag auf seiner Seele und auf seiner Zunge und erdrückte beide. – – »Guter Firmian«, sagte Natalie, »was fehlet Ihnen?« – Er kehrte sich mit weiten, starren Augen gegen die sanfte Gestalt und zeigte mit der Hand auf sein Grab hinunter: »Mein Haus drunten, das schon so lange leer steht. Denn der Traum des Lebens wird ja auf einem zu harten Bette geträumt.« Er wurde irre, da sie zu sehr weinte, und da ihm das in himmlische Milde zerschmolzene Gesicht zu nahe war. Er fuhr mit der bittersten, innersten Rührung fort: »Sind denn nicht alle meine Teuern dahin, und gehst du nicht auch? Ach warum hat uns allen das folternde Geschick das wächserne Bild eines Engels auf[564] die Brust gelegt180 und uns damit ins kalte Leben gesenkt? O das weiche Bild zerbricht, und kein Engel erscheint – Ja, du bist mir wohl erschienen, aber du verschwindest, und die Zeit zerdrückt dein Bild auf meinem Herzen – und das Herz auch: denn wenn ich dich verloren habe, bin ich ganz allein. Lebe aber wohl! Bei Gott, ich werde doch einmal im Ernste sterben – und dann erschein' ich dir wieder; aber nicht wie heute, und nirgends als in der Ewigkeit. Dann will ich zu dir sagen: ›O Natalie, ich habe dich drunten mit unendlichen Schmerzen geliebt: vergilt mirs hier!‹« – – Sie wollte antworten; aber die Stimme brach ihr. Sie schlug ihr großes Auge zum Sternenhimmel auf; aber es war voll Tränen. Sie wollte aufstehen; aber ihr Freund hielt sie mit der Hand voll Dornen und Blut und sagte: »Kannst du mich denn verlassen, Natalie?« – Hier stand sie erhaben auf, bog das Haupt gegen den Himmel zurück, riß schnell die Tränen weg, die sie überströmten, und die fliegende Seele fand die Zunge, und sie sagte mit betenden Händen: »Du Alliebender – ich hab' ihn verloren – ich hab' ihn wiedergefunden – die Ewigkeit ist auf der Erde – mach ihn glücklich bei mir!« Und ihr Haupt sank zärtlich und müde auf seines, und sie sagte: »Wir bleiben beisammen!« Firmian stammelte: »O Gott! o du Engel – im Leben und Tode bleibst du bei mir.« –

»Ewig, Firmian!« sagte leiser Natalie; und die Leiden unsers Freundes waren vorüber.

177

1000 Millionen bekriechen diese Kugel.

178

Ein Tagschmetterling mit schwarzen, weiß geränderten Flügeln.

179

Kälte und Schwere hat der echte Edelstein in größerem Maße als der unechte.

180

Man gab sonst den Toten wächserne Engelbilder mit ins Grab.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 553-565.
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