Fünftes Kapitel

[150] Besen und Borstwisch als Passionwerkzeuge – Wichtigkeit eines Bücherschreibers – Nuntiaturstreitigkeiten über Lichtschneuzen – der Zinnschrank – die Hausnot und Hauslust


Die Katholiken zählen im Leben Christi funfzehn Geheimnisse auf, fünf freudenreiche, fünf schmerzenreiche und fünf glorreiche. Ich bin unserem Helden durch die fünf freudenreichen, die etwan der Lindenhonigmonat der Ehe zu zählen hat, bedächtig nachgegangen; ich komme nun mit ihm an die fünf schmerzhaften, mit denen die meisten Ehen das Gefolge ihrer Geheimnisse – beschließen. Seine hat noch, hoff' ich, fünf glorreiche......

Mit dem vorstehenden Absatze fing ich dieses Bändchen in der ersten Auflage unbefangen an, als wär' er völlig wahr; aber zweite stark umgearbeitete Auflagen fodern von selber mich auf, verbessernd beizufügen, daß die erwähnten funfzehn Geheimnisse sich nicht hinter einander, wie Stufen und Ahnen, gestellt, sondern, wie gute und schlechte Karten, sich einander durchschossen haben. Aber auch bei diesen Mischungen des Lebens überwiegt wenigstens durch Dauer die Lust den Schmerz, wie es ja dem Erdkörper selber ergangen, der zwar einige Jüngste Tage, aber nach ihnen desto mehre Frühlinge, mithin kleinere Schöpfungtage erlebte.

– Ich stelle dies alles absichtlich her, damit ich so manchen armen Schelm von Leser aus der Angst erlöse, er bekomme jetzt einen ganzen Band voll Tränen zu durchwaten, die er teils liest, teils mit vergießt; ein anderes ist ein Schriftsteller, der eine wahre Klapperschlange ist und so viele tausend Bezauberte vor sich kann so lange unruhig und angstvoll springen sehen, bis er solche hat.

Siebenkäs schickte sogleich den Eifersucht- und Ehe-Teufel zu allen andern Teufeln, als er am Morgen erwachte – denn der[150] stillende Schlaf hält den Fieber-Puls der Seele an, und seine Körner sind die Fieberrinde gegen das kalte Fieber des Hasses wie gegen das hitzige Fieber der Liebe –; ja er legte das Schatten Reißbrett hin und nahm von der gestrigen freien Übersetzung und Abschrift des Egelkrautschen Gesichts mit dem Storchschnabel eine verjüngte und treue und schwärzte solche gehörig. Als er fertig war, sagte er zur Frau aus Liebe: »Wir wollen ihm den Riß gleich heute zuschicken. Bis er selber kommt und ihn holt, da dauerts lange.« – »Jawohl«, versetzte sie, »bis zum Mittwochen dauerts, aber da hat ers längst vergessen.« – »Und doch«, entgegnete Siebenkäs, »wär' er früher herzubringen; ich brauchte ihm nur den gräflich-reußischen Dreifaltigkeit-Taler von 1679 zum Abkaufen zu schicken: so schickte er mir keinen Heller dafür, sondern brächte selber das Geld für den Taler, wie ers bisher immer mit dem Leibgeberschen Münzkabinett gehalten.« – »Oder«, sagte Lenette, »schick ihm lieber den Taler und das Gesicht zusammen: so hat er eine größere Freude.« – »Über was eine größere?« fragt' er. Sie wußte der närrischen Einspring Frage, ob sie von einer größern über das abgeschattete oder über das gemünzte Gesicht gesprochen, gar nicht recht zu begegnen und sagte in der Not: »Nun über die Sachen natürlich.« Er fragte aus Schonung nicht noch einmal.

Aber der Schulrat schickte nichts als die Antwort, er sei außer sich vor Freuden über die herrlichen Geschenke und werde daher spätestens Ende künftiger Woche selber kommen und sich bedanken und sich berechnen bei dem Hrn. Armenadvokaten. Das wenige Säuerliche, was in der unberechneten Antwort des sorgenlosen und zu freudenvollen Schulrates vorschmeckte, konnte der gerichtliche Pedell der Erbschaftkammer auf keine Weise dadurch versüßen, daß er eben eintrat und dem Advokaten die Antwort oder den ersten Satz oder die Exzeptionen des beklagten Heimlichers von Blaise überreichte, die in nichts als in einem Fristgesuche von drei Wochen bestanden, das ihm die Kammer gern bewilligt hatte. Siebenkäs lebte als sein eigner Armenadvokat freilich der gewissen Hoffnung, daß das Gelobte Land der Erbschaft, worin Milch und Honig über seinen Goldsand[151] fließen, von seinen Kindern werde erobert werden, wenn er in der juristischen Wüste auf dem Wege dahin längst verstorben sei; denn die Justiz belohnt gern die Tugend und das Recht der Väter an Kindern und Kindes-Kindern; inzwischen aber bliebs immer unbequem, daß er nichts zu leben hatte bei seinen Lebzeiten. Denn von dem gräflich-reußischen Dreifaltigkeit-Taler – für welchen Stiefel noch nicht einmal bezahlet hat – war ohnehin nicht länger zu leben, so wie von dem einzigen noch rückständigen Zopfdukaten aus Leibgebers nachgelassener »Reichskriegsoperationskasse« gegen den Heimlicher. Denn dieses Gold- und jenes Silberstück waren (ob ich es gleich bisher verschwiegen) der einzige Kassenbestand der Leibgeberischen Heilandkasse, mit welchem freilich niemand als ein Nachfolger des Heilands selber auszureichen vermochte. Es ist aber vielleicht mein Verschweigen der bisherigen Münzkabinett-Ausleerungen wieder ein Beweis, wie sehr ich den Leser, wo ich nur kann, mit sauern Sachen verschone.

»O ich will schon Rat schaffen«, sagte Siebenkäs ganz fröhlich und setzte sich heute emsiger an sein Schreibepult, um sich durch seine Auswahl aus den Papieren des Teufels je eher je besser einen beträchtlichen Ehrensold ins Haus zu leiten. Aber nun wird ein ganz anderes Fegfeuer immer höher um ihn angeschürt und aufgeblasen, von welchem ich bisher gar noch nichts sagen wollen und worin er schon seit vorgestern sitzt und brät. Lenette ist der Bratenkoch, und sein Schreibtisch ist der Lerchenrost. Er hatte sich nämlich unter dem stummen Keifen der vorigen Tage an ein besonderes Aufhorchen auf Lenetten gewöhnt, wenn er dort saß und an der Auswahl aus des Teufels Papieren schrieb: dies machte ihn völlig irre im Denken. Der kleinste Tritt, jede leise Erschütterung griff ihn wie einen Wasserscheuen oder Chiragristen an und brachte immer ein oder zwei gute junge Gedanken, wie ein größeres Geräusche Kanarienbrut und Seidenraupen, um das Leben.

Anfangs bezwang er sich recht gut; er gab sich zu bedenken, die Frau müse sich doch wenigstens regen und könne, solange sie keinen verklärten Leib und keine verklärten Möbeln handhabe,[152] unmöglich so leise in der Stube auftreten wie ein Sonnenstrahl oder wie ihre unsichtbaren guten und bösen Engel hinter ihr. Aber indem er bei sich diesen guten cours de morale, dieses collegium pietatis hörte, kam er aus dem satirischen Kontexte und Konzepte und schrieb bloß matter weiter.

Am Morgen nach jenem Silhouettier-Abende, wo ihre Seelen sich die Hände gegeben und den Fürstenbund der Liebe wieder erneuert hatten, konnt' er viel offener zu Werke gehen, und er sagte, sobald er statt des Schattenrisses nichts schwarz malte als die Urbilder, d.h. sobald er in der satirischen Rußhütte arbeitete, er sagte schon voraus zur Frau: »Wenns dir tulich ist, Lenette, so mache heute kein sonderliches Getöse – es ist mir beinah hinderlich, wenn ich dasitze und für den Druck arbeite.« Sie sagte: »Ich dächte, du hörtest mich kaum, so schleich' ich.«

Wenn der Mensch über die Tölpeljahre hinüber ist: so hat er noch jährlich einige Tölpelwochen und Flegeltage zurückzulegen: Siebenkäs tat die obige Bitte wahrlich in einer Tölpelminute. Denn nun hatte er sich selber genötigt, unter dem Denken aufzulauern, was Lenette nach dem Empfange des Bittschreibens vornehme. Sie lief jetzo über die Stubendiele und über die Fäden ihres häuslichen Gewerkes mit leisen Spinnenfüßen. Denn sie hatte wie andere Weiber nicht widersprochen, um zu widerstreben, sondern um nur zu widersprechen. Siebenkäs mußte fleißig aufpassen, um ihre Hände oder Füße zu hören; aber es glückte ihm doch, und er vernahm das meiste. Wenn man nicht schläft, so gibt man auf ein leises Geräusch mehr als auf ein großes acht: jetzt horchte ihr der Schriftsteller überall nach, und sein Ohr und seine Seele liefen, als Schrittzähler an sie angemacht, überall mit ihr herum – kurz, er mußte mitten in der Satire »Der Edelmann mit seinem kalten Fieber44« abschnappen, aufspringen und zur Schleicherin sagen: »Ich horche schon seit einer Stunde auf das peinigende Trippeln hin; ich wollte lieber, du trabtest in zwei lauten Krupezien herum, die mit Eisen besohlet sind zum Takt-Stampfen45, als so – geh lieber wie gewöhnlich, Beste!«[153] Sie tats und ging fast wie gewöhnlich. Er hätte gern, da er schon den lauten und den leisen Gang abgeschafft, auch gar den mittlern abgeordnet; aber ein Mann widerspricht sich nicht gern an einem Morgen zweimal, sondern nur einmal. Abends ersuchte er sie bloß, sie möchte, solang' er seine Satiren entwerfe, in Socken gehen, besonders weil der Fußboden kühle: »Überhaupt«, setzt' er hinzu, »da ich jetzt vormittags nach Brot arbeite, so wird es gut sein, wenn du unter meinen literarischen Geschäften selber weiter keine tust als gerade die allernötigsten.«

Am Morgen saß er innerlich über jede Arbeit hinter ihm zu Gericht und hörte – er schrieb dabei immer fort, aber schlechter eine nach der andern ab, ob sie den Freipaß der Notwendigkeit bei sich habe. Der schreibende Dulder nahm manches auf die leichte Achsel; aber als Wendeline in der Schlafkammer mit einem langen Besen das Bettstroh unter den grüngefärbten Ehe-Torus trieb: so wurde dieses Kreuz seinen Schultern zu schwer. Dazu kam, daß er vorgestern in den alten Ephemeriden der Naturforscher gelesen, daß der Theolog Joh. Pechmann keinen Besen hören können – daß ihm das Rauschen desselben halb die Luft versetzet und daß er vor einem Gassenkehrer, der ihm bloß aufstieß, davongelaufen; eine solche Lektüre ließ ihn wider seinen Willen für einen ähnlichen Fall aufmerksamer und intoleranter zurück. Er rief, ohne aufzustehen, der Haus-Kehrerin in die Kammer hinaus: »Lenette, strähle und striegele jetzo nicht mit deinem Besen – er lässet mich nicht denken – Es war einmal ein alter Pfarrer Pechmann, der lieber zum Wiener Gassenkehren sich hätte verdammen lassen, als daß er es angehöret hätte, ja dem der Staupenschlag damit wäre erwünschter gewesen als der verdammte Ton, wie ein Besen wetzt und schleift. Und ich soll noch dazu neben dem Hausbesen einen vernünftigen Gedanken haben, der vor Buchdrucker und Buchsetzer kommen soll: das beherzige nur!«

Lenette tat jetzo, was jede gute Frau und ihr Schoßhund getan hätte: sie wurde stufenweise still. Ja sie dankte endlich gar den Besen ab und schob, als der Gatte so laut schrieb, als sie kehrte, bloß mit dem Borstwisch leise drei Strohähren und einige[154] Flaum-Federspulen unter die Bettlade. Der Redakteur der Auswahl aus des Teufels Papieren vernahm drinnen zum Glücke wider Verhoffen das Schieben: er stand auf und begab sich unter die Kammerpforte und sprach hinein: »Teuerste, die Höllenpein ist wohl die selbe, sobald ichs vernehme – Ja wedel das unglückliche Kehricht mit Pfauenschwänzen und Weihwedeln unters Bettbrett, schnaub es mit einem Blasbalg hinter den Topf hinunter: ich und mein Buch drinnen baden es aus und verkrüppeln notwendig.« – Sie versetzte: »Ich bin ohnehin fertig.«

Er machte sich wieder an die Arbeit und fassete den Faden in der dritten Satire »Von den fünf Ungeheuern und ihren Behältnissen, wovon ich mich anfangs nähren wollen« (in der gedruckten Ausgabe S. 46) wieder ganz munter auf.

Lenette drückte indes langsam die Kammertüre zu; er mußte also von neuem schließen, daß draußen in seiner Gehenna und Pönitenzpfarre wieder etwas gegen ihn im Werke sei. Er legte die Feder nieder und rief über den Schreibtisch hinweg: »Lenette, ich kanns nicht genau hören; bist du aber draußen wieder über etwas her, das ich nicht ausstehen kann: so bitt' ich dich um Gottes willen, stell es ein, mach einmal meine heutige Kreuzschule und meine Werthers Leiden darin aus – lasse dich sehen!« – Sie versetzte, aber mit einem vom heftigen Bewegen schwankenden Atem: »Nichts, ich mache nichts.« Er stand wieder auf und öffnete die Türe seiner Marterkammer. Die Frau bügelte darin mit einem grauen Flanell-Lappen und scheuerte das grüne Ehe-Gitterbette ab. Der Verfasser dieser Historie lag einmal als Pockenkranker in einem und kennt also die Art; aber der Leser wird vielleicht nicht wissen, daß ein solcher grüner Schlummerkäfig wie ein vergrößerter Kanarien-Heckbauer aussieht mit seinen zwei gegitterten Flügeltüren oder Fallgattern, und daß dieses Traum-Geländer und Treibhaus zwar plumper, aber auch gesunder ist als unsere tief behangenen Schlafbastillentürme, die uns mit nahen Vorhängen gegen jeden frischen Windstoß einwindeln. – – Der Armenadvokat nahm nichts zu sich als gähling einen halben Schoppen Stubenluft und hob langsam so an: »Du fegst und bürstest also, wie ich sehe, von neuem – und weißt, daß[155] ich drinnen im Schweiße sitze und für uns beide arbeiten will und daß ich seit einer Stunde fast ohne Verstand fortschreibe – himmlische eheliche Hälfte, um Gottes willen kartätsch einmal aus und richte mich nicht gänzlich mit dem Lappen zugrunde.« Lenette sagte voll Verwunderung: »Unmöglich, Alter, hast du es hineingehöret« und bohnte eiliger fort. Er fing ein wenig schnell, aber sanft ihre Hände und sagte lauter: »Auf hörst du! Das ist aber eben mein Unglück, daß ichs drinnen nicht hören kann, sondern alles nur denken muß – und der verdammte lange Wichs- und Besengedanke setzet sich an die Stelle der besten andern Gedanken, die ich hätte zu Papier bringen können! Trauter Engel, niemand würde seliger und gelassener fortarbeiten und hier sitzen als ich, wenn du bloß mit Traubenschüssen und Haubitzen und Hundertpfündern hinter mir feuertest und knalltest aus den hiesigen Schießscharten; aber einem leisen Lärm bin ich nicht gewachsen.«

Jetzo ärgerte ihn die lange Rede, und er führte sie mit dem Lappen aus der Kammer und sagte: »Es fället mir überhaupt hart, daß, wenn ich drinnen mich außerordentlich überspanne, um der Lesewelt eine Freude zu machen, daß in meiner Kammer zu gleicher Zeit für mich ein Hatzhaus aufgeschlagen wird, und daß sich das Bette eines Schriftstellers in einen Laufgraben umsetzt, aus dem ihn Bogenschüsse und Dampfkugeln verfolgen. Mittags unter dem Essen hab' ich nichts zu schreiben, und da will ich vernünftig und breit mit dir aus der Sache reden.«

Zu Mittag, da er die Gründe seines Morgenturniers aufstellen wollte, hatt' er vorher ein Gebetturnier zu halten: das Gebet bedeutet in Nürnberg und Kuhschnappel nicht wie bei Großen ein besonderes Erbamt und Meßgeschäft in der Hofkapelle, sondern das – Läuten um 12 Uhr. Der Eßtisch des Paars stand nämlich dicht an der Wand und wurde nicht eher mitten in die Stube gezogen, als wenn man daran aß. Nun konnt' es Siebenkäs nicht über zweimal in seiner Ehe – denn was Weiber46 einmal vergessen,[156] das vergessen sie hernach tausendmal – dahin bringen er mochte seine Lunge so trocken predigen wie eine Fuchslunge, womit man jene kuriert –, dahin bracht' ers nie, sag' ich, daß die Tafel vorgeschoben wurde, eh' die Suppen-Mulde darauf dampfte: sondern erst nachher zog man beide ordentlich miteinander in die Stube, ohne jedoch unter dem Zuge mehr von der Suppenflut aufs Tischtuch zu verschütten, als man auf eine Laxier-Pille nachtrinkt.

Heute gings nicht anders: der Gatte zerkäuete langsam die Pille, auf die er Suppe nachaß – er sah dem spätern Vorrücken (wie dem der Äquinoktien) mit Angst und mit verlängertem Gesicht und Atem entgegen und zu und zündete bei der wiedergekehrten Suppen-Libation gelassen los, aber so: »Im Grunde, Lenette, leben wir auf einem guten Schiff; denn Seefahrer verschütten ihren Suppenteller, weil das Fahrzeug immer wanket, und ich und du auch. Sieh her! – Im ganzen hängt der Mittagtisch mit dem Morgen-Besen zusammen und sekundiert ihn; diese zwei Verschwornen blasen deinem Manne noch das Lebenlicht aus, um mich stark auszudrücken.«

Nach diesem Predigt-Eingange kam statt eines Kanzelliedes der Pritschenmeister von Kuhschnappel, welcher mit einem großen Bogen Papier eintrat und den Advokaten als einen Honoratior zum Andreasschießen auf den 30. Nov. invitierte. Jeder von uns hat gewiß aus dem vorigen so viel bei sich behalten, daß von Gold nichts mehr im Hause war als der Zopfdukaten. Gleichwohl konnte Siebenkäs nicht gut aus der Schützengesellschaft austreten, ohne sich selber vor der ganzen Stadt ein testimonium paupertatis (Zeugnis der Armut) zu schreiben. Am Ende war auch für einen so guten Schützen und Jägersohn wie er ein Schützenlos ja nichts Geringers als eine Bergwerk-Kuxe, eine Aktie in der Ostindischen Kompanie. Dabei konnt' er, wenn er mitschoß, seiner Frau zum ersten Male öffentliche Ehre machen, welche sie als eines Ratkopisten Tochter aus Augsburg wohl erwarten[157] durfte. Nur war dem ernsten Schützenhanswurst der ungewöhnliche Zopfdukaten gar nicht zum Auswechseln beizubringen, zumal da ihn der Advokat eigentlich erst verdächtig machte durch die Wiederholung: »Es ist in der Tat ein guter echter Schwanz- und Zopfdukaten. Ich selber«, setzte er hinzu, »trage zwar keinen Zopf, aber ein Goldstück kann dergleichen sehr gut, des preußischen Königs wegen, der den seinigen auf ihm ausmünzen und verewigen wollen. Frau, es kann ja mein Hausherr, der Friseur, herauf, der muß am besten wissen, ob es ein Zopfdukaten ist, da er Zöpfe schon ohne Dukaten täglich unter den Händen hat.« Der kuhschnappelsche Pickelhering lachte darüber nicht im geringsten. Der Friseur erschien und bestätigte ganz, es sei ein Zopf, und trug sich höflich selber zum Verwechseln an. Haarkräusler können laufen; in fünf Minuten brachte er das Silber für den Zopf. Nachdem der gesetzte Lustigmacher das Seinige vom Schwanzdukaten eingesteckt: so standen in Lenettens Angesicht allerlei doppelte Frag- und Ausrufzeichen umher, und Siebenkäs fuhr in seiner Mittagpredigt fort: »Die Hauptgewinste, Lenette, bestehen beim Vogel in Zinngeschirr und in Geld, bei den andern Tieren, wornach wir schießen, meist in Viktualien. Ich glaube, ich und du werden am Andreastage nicht nur aus einer neuen Bratenschüssel speisen, sondern auch einen frischen Braten darin, den ich dir samt der Schüssel in die Küche schießen kann, wenn ich mich sonst anstrenge. – – Überhaupt ängstige dich nicht, Schöne, weil unser Geld ausgeht; stelle dich nur hinter mich, ich bin dein Erdsack oder Schanzkorb oder gar deine Tranchée-Katze, und mit meiner Kugelbüchse, besonders aber mit meinem Dintenfasse gedenk' ich den Teufel der Armut in einiger Entfernung von uns zu halten, bis mir mein ehrlicher Vormund das Mütterliche aushändigt. Nur stören mußt du um Gottes willen nicht meinen Fleiß durch den deinigen; – dein Besen und dein Lappen haben mich heute um bare 16 Ortstaler47 gebracht. Denn sobald ich 1 Druckbogen meiner teuflischen Papiere nur zu 8 Reichstlr. (den Rtlr. à 90 Kr.) rechne – er kann freilich noch mehr betragen –,[158] so hätt' ich heute 48 Ortstaler erschreiben können, wenn ich außer dem Druckbogen noch einen halben gemacht hätte. – Ich mußte aber mitten im Feuer in der Kammer zu dir viele Worte sagen, für die ich keinen Kreuzer Ehrensold beziehe: du solltest mich doch endlich für einen alten dicken Spinnen- oder Kankerkörper ansehen, den man in eine Schachtel sperrt (mein Stubennest ist gar nichts Besseres) und welcher darin mit der Zeit zu einem köstlichen Goldhorn oder Juwel eindorrt. So oft ich eintunke, zieh' ich – hab' ich dir öfter gesagt – ordentlich einen Goldfaden aus dem Dintenfaß, denn ich habe Gold im Munde eben in der Morgenstunde.

Iß hinunter und horche aber zu: ich bringe dir jetzo das Vorzüglichste vom Werte eines Autors bei Gelegenheit bei und gebe dir den Schlüssel über vieles.... Im Schwabenland, im Sachsen- und im Pommerland sind Städte, in denen Autorenfleischtaxatores sitzen, wie hier unser alter Metzgermeister; man nennt sie aber gemeiniglich die Schmeckherren48 oder Geschmackherrn, weil sie vorher jedes Buch kosten und nachher den Leuten sagen, ob es ihnen schmecken werde. In der Erbosung nennen wir Autores sie freilich oft Rezensenten; aber sie können uns gerichtlich darüber belangen. Da die Schmeckherren selten Bücher schreiben, so haben sie besser Zeit, die der fremden Leute durchzusehen und zu taxieren. Ja oft haben sie selber schlechte gemacht und wissen also sogleich, wie ein schlechtes sein muß, wenn sie eines vorbekommen. Manche sind aus demselben Grunde Schutzpatrone der Autoren und ihrer Bücher, weswegen der hl. Nepomuk den Schutzpatron der Brücken und der Leute, die darüber gehen, macht – weil er nämlich selber einmal von einer ins Wasser geworfen worden. Unter diesen Herren wird nun meine Schreiberei dort herumgeschickt, sobald sie in Druck gebracht worden ist, wie dein Gesangbuch. Jetzt gucken sie meine Sachen durch, ob ich recht deutlich und leserlich (weder zu grob noch zu klar) geschrieben – ob ich keine falschen Buchstaben, kein kleines e statt eines großen E, oder ein F statt eines Ph gesetzt –[159] ob die Gedankenstriche nicht zu lang und nicht zu kurz sind, und was sonst dergleichen ist – ja oft urteilen sie sogar (welches ihnen aber nicht gebührt) über die Gedanken selber, die ich hingeschrieben. Hobelst und wetzest du nun mit dem Besen hinter mir herum: so mach' ich vieles falsch und erzdumm, und es wird nachher so hingedruckt. Das tut aber einem Menschen wahren Schaden. Denn die Schmeckherren reißen mit ihren fingerlangen Nägeln – der Knopfmacher ihre sind kürzer, aber nicht die der Beschneider bei den Juden –, bevor sie dem Buche, wie die Beschneider dem Judenbuben, einen Namen geben, überall da, wo es verdruckt ist, abscheuliche Schnittwunden und Löcher ins schönste Papier – Dann lassen sie einen fliespapiernen Zettel draußen im Reiche, im Sachsen- und im Pommerlande umlaufen, auf welchem sie mich ausfilzen und mir einen bösen Leumund machen und es vor allen Schwaben geradezu sagen, ich sei ein Esel.... Gott bewahre! Und einen solchen Staupbesen hätt' ich bloß deinem Besen zu danken – Schreib' ich freilich vortrefflich und leserlich und recht mit wahrem Verstand – wie denn dort kein Bogen von meinen teuflischen Papieren ohne Vernunft ausgefertigt ist –, überleg' ich jedes Wort und jedes Blatt, eh' ichs schreibe; scherz' ich auf diesem Bogen, lehr' ich auf jenem, gefall' ich auf allen: so muß ich dir auch sagen, Lenette, daß die Schmeckherren Leute sind, die so etwas zu schmecken wissen und die sich nichts daraus machen, sich hinzusetzen und Laufzettel zirkulieren zu lassen, auf denen das Geringste, was sie von mir sagen, das ist, daß ich von Universitäten etwas mit hinweggebracht habe und für solche also wieder etwas liefern könne. Kurz, sie sagen, sie hättens nicht in mir gesucht und ich hätte Gaben. Ein dergleichen Lobpreisen aber, das dem Manne widerfährt, Lenette, das kommt nachher auch seiner Frau zustatten; und wenn sie in Augsburg herumfragen: ›wo hält sich denn dieser berühmte Siebenkäs eigentlich auf?‹ so wirds in der Fuggerei allemal Leute geben, die sagen: ›in Kuhschnappel; er hat eine Ratkopisten-Tochter Egelkraut von hier geheiratet und lebt sehr vergnügt mit der Person.‹«


»Wie oft«, versetzte sie, »hast du mir das nicht vorerzählt von[160] der Buchmacherei! Der Buchbinder sagt mir auch das nämliche, weil er täglich die besten Bücher in Händen hat und bindet.« – Dieses gar nicht tadelnd gemeinte Vorrücken seiner eignen Wiederholungen schmeckte ihm nicht recht; denn der Fehler hatte sich ihm bisher, wie ein Fieber, verlarvt. Ehemänner, sogar geistreiche und wortarme, sprechen in der ehelichen Behaglichkeit so uferlos überfließend außen mit der Frau als jedermann innen mit sich selber; vor niemand aber in der Welt wiederholt man sich öfter als vor dem eignen Ich, ohne sich das Wiederholen nur abzumerken, geschweige nachzuzählen. Letztes beides hingegen tut die Ehefrau, welche, gewohnt, täglich von ihrem Ehemann die scharfsinnigsten und unverständlichsten Aussprüche zu vernehmen, solche ja nicht vergessen kann, sondern behalten muß, wenn sie sich wiederholen!

Unerwartet erschien wieder der Haarkräusler und brachte einen kurzen Nebel mit. Er sagte, er sei bei allen armen Sündern seines Hauses herumgegangen, habe aber vergeblich bei den Kahlmäusern um so viel Vorschuß vom nahen Martini-Hauszins angehalten, als er heute bedürfe, um sein Schützenlos einzukaufen. Die ganze Besatzung war freilich einer solchen Geldleistung schon darum sechs volle Wochen vor dem Zahltermin nicht gewachsen, weil die meisten es auch am Termine selber nicht in der Gewalt hatten. Der Sachse kam also mit seinem Gesuche zum Grandat seines Hauses, zum Dukatenherrn, wie er den Advokaten nannte. Dieser konnte die geduldige Haut, die sich über alle vorige Nein nicht erzürnte, mit keinem neuen erschrecken er und die Frau trugen, was sie an kleiner Münze vom Dukaten übrig hatten, zusammen und entließen den frohen Mietherrn mit der wirklichen Hälfte des Zinses, mit drei Gulden. Sie selber behielten nichts als die – Angst, was sie abends – anzünden wollten: nicht zwei Groschen zu einem halben Pfunde Lichter waren mehr da, nicht einmal die Lichter in natura.

Ich kann nicht sagen, daß er totenblaß oder ohnmächtig oder wahnsinnig darüber wurde. Gepriesen sei jede Männerseele, die die stoischen Eisenmolken nur einen halben Frühling lang getrunken und die nicht, wie eine Frau, vor dem kalten Gespenste[161] der Armut gelähmt und erfroren zusammenstürzt. Die übertriebenste Scheltrede gegen den Reichtum ist in einem Jahrhundert, dem alle bessere Sehnen entzwei geschnitten worden, nur die allgemeine des Geldes nicht, ersprießlicher und edler als die richtigste Herabwürdigung der Dürftigkeit: denn Pasquille auf den Goldkot assekurieren dem Reichen das Glück, falls auch die Glückgüter scheiterten, und dem Armen schieben sie statt herber Gefühle den süßern Sieg dar über unter. Alles Unedle in uns, alle Sinnen, die Phantasie und alle Beispiele sind ohnedas vereinigte Lobredner des Goldes: warum will man noch der Armut ihren rechtlichen Beistand und einen chevalier d'honneur abspenstig machen, die Philosophie und den Bettelstolz?

Das erste, was Siebenkäs statt des Maules aufmachte, war die Türe und in der Küche der Zinnschrank: aus diesem hob er leis und ernsthaft eine Glockenschüssel und einen Drilling von zinnernen Tellern auf einen Stuhl. Lenette konnte nicht länger schweigend zuschauen; sie schlug die Hände zusammen und sagte schamhaft leise: »Ach du barmherziger Gott! wir werden doch nicht unser Zinn verkaufen?« – »Versilbern will ichs nur«, sagt' er. »Wie die Fürsten aus Turmglocken, so können wir aus der Glockenschüssel Glockentaler gewinnen. Du wirst dich doch nicht schämen, elendes Eßgeschirr, solche tierische Särge, fein auszumünzen, da der Herzog Christian zu Braunschweig 1662 einen silbernen Fürsten-Sarg in eigentlichem Sinne zu Geld machte, nämlich zu Talern. Ist denn ein Teller ein Apostel? Und doch haben große Fürsten viele Apostel, sobald sie von Silber waren, ein Hugo von St. Caro und andere die Werke derselben, gleichsam in Kapitel und Verse und Legenden zerfället und sie analysiert ausgesandt aus der Münze in alle Welt!«

»Torheiten!« versetzte sie. –

Wenige Leser werden hinzufügen: was sonst? – Daher hätt' ich bei diesen weniger längst den Advokaten über den für Lenetten unfaßbaren mündlichen Stil entschuldigen sollen.

Er selber rechtfertigte sich nämlich hinreichend damit, daß die Frau ihn stets von weitem verstanden, auch wenn er die gelehrtesten Kunstwörter und ausgesuchtesten Anspielungen gewählt,[162] um sich recht zu üben und zu hören; »die Weiber«, wiederholte er, »verstehen alles von weiten und fernen und verschleifen daher eine Zeit, die besser anzuwenden ist, mit keinen langen Einholungen von Urteln über die ihnen unverständlichen Wörter.« Indes ist dieser Umstand doch etwas verdrießlicher für das »Wörterbuch zu Jean Pauls Levana« von Reinhold und halb für mich.

»Torheiten!« hatte Lenette versetzt. Firmian bat sie bloß, das Zinn in die Stube mitzubringen, er wolle drinnen vernünftig aus der Sache sprechen. Er hätte ebensogut vor einer mit Heu ausgepolsterten Menschenhaut seine Gründe ausgeführt. Vorzüglich rückte sie ihm vor, er habe durch den Einsatz in die Schützenkasse seine ausgeleeret. Dadurch brachte sie ihn selber auf die beste Replik: »Ein Engel!«, sagt' er, »hat mir das Einsetzen geraten; am Andreastage kann ich alles wieder verdienen und verzinnen, was ich heute versilbere. – Dir zu Gefallen will ich nicht bloß die Schüssel und die Teller, sondern auch das übrige Zinngerät, das ich als Schützenglied herunterschieße, behalten und zum Zinnschrank schlagen. Ich gestehe dir, anfangs wollt' ich die Gewinste verhandeln.« –

Was war zu machen? – In der Dämmerung wurden die verwiesenen Eßgeschirre in den Korb der alten Sabel (Sabine) gesenkt, die im ganzen Reichsmarktflecken sich in den Ruf gesetzt, daß sie außer ihrer Propre-Handlung (Eigenhandel) diese Kommissionhandlung (Auftraghandel) mit einer schonenden Verschwiegenheit, als handle sie mit gestohlnem Gut, betreibe; »niemand«, sagte sie, »konnt' es aus mir herauswinden, wem die Sachen allemal gehören; und der selige Seckelmeister, dem ich ja all sein Hab und Gut hausieren trug, sagte oft, ich suchte meines gleichen.«

Aber ihr armen Eheleute! was hilft euch aber dieser Sabbat49 oder diese Christus-Höllenfahrt in euerer Vorhölle? Heute legen sich die Flammen um, und ein kühler Seewind labet euch; aber morgen, übermorgen steiget wieder der alte Rauch und das alte[163] Feuer vor euern Herzen auf! – Und doch will ich euern Zinnmarkt mit keiner Handelsperre belegen; denn ob man gleich entschieden weiß, daß morgen derselbe Hunger wiederkehrt, so tut man doch nicht übel, wenn man den heutigen vertreibt.

Am andern Tage drang Siebenkäs bloß darum auf eine größere Stille um sich, weil er eine so lange Rede dafür gehalten hatte. Die gute Lenette, die eine lebendige Waschmaschine und Fegemühle war und für welche der Wasch- und der Küchenzettel die Natur eines Beicht- und Einleitscheines50 anzog, gab alles eher aus den Händen – fast seine – als den Bohnlappen und Kehrbesen. Sie dachte, es sei nur sein Eigensinn, indes es ihrer war, gerade in der Morgenstunde, die für ihn ein doppeltes Gold im Munde hatte, das aus dem Goldnen Zeitalter und das metallische, den Blasbalg des Pedalschnarrwerks zu treten und hinter dem Autor zu orgeln und zu brausen. Nachmittags konnte sie ein 32füßiges Register ziehen, wenn sie wollte; aber sie war nicht aus ihrem alten Gange zu bringen. Eine Frau ist der widersinnigste Guß aus Eigensinn und Aufopferung, der mir noch vorkam; sie lässet sich für ihren Mann wohl den Kopf abschneiden vom parisischen Kopfabschneider, aber nicht die Haare daran. Ferner kann sie sich viel für fremden Nutzen, für eignen nichts versagen; sie kann für einen Kranken drei Nächte Schlaf, aber für sich, um selber besser zu schlafen, sich nicht eine Minute Vor-Schlummer außer dem Bette abbrechen. Selige und Schmetterlinge können, obgleich beide ohne Magen sind, nicht weniger essen als eine Frau, die auf den Ball oder an den Traualtar gehen will, oder die für Gäste kocht; verbeut ihr aber weiter niemand ein Esaus-Gericht als der Doktor und ihr Körper, so isset sie es den Augenblick. Der Mann kehret es mit seinen Opfern gerade um. –

Lenette suchte, von entgegengesetzten Kräften getrieben, von seinen Ermahnungen und ihren Neigungen, die weibliche Diagonallinie zu gehen und erdachte sich das Religioninterim, daß sie ihr Fegen und Scheuern so lange abbrach, als er saß und schrieb. Sobald er aber nur zwei Minuten ans Klavier, vors Fenster[164] oder über die Schwelle trat, so handhabte sie die Waschböcke und Poliermaschinen der Stube wieder. Siebenkäs wurde bald diesen jämmerlichen Wechsel und dieses Posten-Ablösen seines und ihres Besens gewahr; und ihr wartendes Auflauern auf sein Herumgehen mattete ihn und seine Ideen entsetzlich ab. Anfangs bewies er recht große Geduld, soviel als ein Ehemann nur hat, nämlich eine kurze; aber da ers lange im stillen übersonnen hatte, daß er und das Publikum unter dem Stuben-Wichsen miteinander leiden und daß eine ganze Nachwelt von einem Besen abhange, der so bequem nachmittags arbeiten konnte, wenn er bloß die Akten vornehme: so platzte die zornige Geschwulst plötzlich entzwei, er wurde toll, d.h. toller, sprang vor sie hin und sagte: »Den Henker noch einmal! ich merk' dich schon: du passest auf mein Laufen. Erschlage mich lieber in der Güte und zeitig – Hunger und Ärgernis reiben mich ohnedies vor Ostern auf. Bei Gott! ich fasse nichts; sie sieht es so klar, daß mein Buch unser Speiseschrank wird, woraus ganze Brotspenden herausfallen – und doch hält sie mir den ganzen Morgen die Hand, daß nichts fertig wird. Ich sitze schon so lange auf dem Nest und habe noch nichts heraus als den Bogen E, wo ich die Himmelfahrt der Gerechtigkeit beschreibe (p. 69) – Lenette! ach Lenette!« – – »Wie ichs aber auch mache«, sagte sie, »ists nicht recht. So lasse mich ordentlich kehren wie andere Weiber.« Sie fragte ihn noch unschuldig, warum ihn denn der Buchbinderjunge – das sind meine Worte, nicht ihre –, der den ganzen Tag auf einer Kindergeige phantasierte und Alexanders-Feste auf ihr setzte und hatte, nicht störe mit seinen gellenden unharmonischen Fortschreitungen, und warum er das neuliche Essen-Kehren besser als das Stuben-Kehren habe leiden können. Da ers nun in solcher Eile nicht in seinen Kräften hatte, den großen Unterschied mit wenigen Worten auseinanderzusetzen: so fuhr er lieber wieder auf und sagte: »Ich soll dir hier lange Reden gratis halten, und dort entgeht mir ein Ortstaler nach dem andern Himmel! Kreuz! Wetter! Das bürgerliche Recht, die römischen Pandekten lassen nicht einmal einen Kupferschmied in eine Gasse ziehen, worin ein Professor arbeitet – und meine Frau will härter[165] sein als ein alter Jurist? ja will der Kupferschmied selber sein? – Lenette, schau, ich frage wahrlich den Schulrat darüber!« Das half viel.

Jetzo langte gar der Betrag für den Dreifaltigkeit-Taler noch vor dem Schulrat an; eine höfliche Aufmerksamkeit, welche niemand bei einem so kenntnisvollen Manne gesucht hätte. Es wird gewiß alle Leser so sehr erfreuen, als wären sie selber Gatten Lenettens, daß diese den ganzen Nachmittag ein Engel war; ihre Handarbeit hörte man so wenig als ihre Finger- oder Näharbeit – manche unnötige schob sie sogar auf – eine Schwester Rednerin, die einen göttlichen Kopfputz trug, aber in den Händen zum Ausbessern, begleitete sie die ganze Treppe hinunter, nicht sowohl aus Höflichkeit als in der zarten Absicht, die wichtigsten Nähpunkte, welche sie mit ihr abgesprochen, noch einigemale unten durchzusprechen, ohne daß der Advokat oben es hörte.

Dies rührte den alten Lärm-Abpasser und faßte ihn bei seiner schwachen und weichen Seite, beim Herzen. Er suchte lange in sich nach einem rechten Danke dafür herum, bis er endlich einen ganz neuen fand. »Höre, Kind«, sagt' er und nahm sie bei der Hand unbeschreiblich freundlich, »würd' ich mich nicht als einen vernünftigen Menschen zeigen, wenn ich abends scherzte und schriebe, ich meine, wenn der Mann schüfe, wo die Frau nicht wüsche? Besieh dir vorher ein solches Nektar- und Ambrosialeben: wir säßen einander gegenüber bei einem Lichte – du tätest deine Stiche – ich täte meine satirischen – sämtliche Handwerker des Hauses klopften nicht mehr, sondern wären beim Bier – Haubenzubringerinnen ließen sich ohnehin so spät nicht mehr sehen und hören. – Davon will ich gar nicht reden, daß natürlich die Abende immer länger werden und folglich auch mein Schreiben und Scherzen darin ebenfalls. – Was denkst, oder wenn du lieber willst, was sagst du dazu, zu einem solchen neuen Leben und Wehen? Denn nimm nur noch vorzüglich dazu, daß wir eben bei Geld sind und der gräflich-reußische Dreifaltigkeit-Taler ordentlich wie gefunden uns alle sämtlich umprägt, Stiefel und mich zum Vater und Sohn, und dich zum Heiligen Geist, der von uns beiden ausgeht!«[166]

»O sehr scharmant«, versetzte sie; »so dürft' ich doch am Morgen alle meine Sachen ordentlich machen, wie einer vernünftigen Hausfrau gebührt.« – »Jawohl«, fügt' er bei, »den Morgen schrieb' ich ruhig an meinen Stachelschriften weiter und paßte auf den Abend, an welchem ich da fortführe, wo ichs am Morgen gelassen.«

Der Nektar- und Ambrosia-Abend brach wirklich an und suchte seinesgleichen unter den bisherigen Abenden. Ein Paar junge Eheleute bei einem Lichte einander an einem Tische gegenüber in harmlosen und stillen Arbeiten wissen freilich von Glück zu sagen: er war voll Einfälle und Küsse; sie war voll Lächeln, und ihr Schieben der Bratpfanne fiel ihm nicht stärker ins Gehör als ihr Ziehen der Nähnadel. »Wenn Menschen – sagte er, höchst vergnügt über die häusliche Kirchenverbesserung bei einem Lichte doppelten Arbeitlohn verdienen, so brauchen sie sich, soviel ich einsehe, nicht auf ein elendes wurmdünnes gezogenes Licht einzuziehen, wobei man nichts sieht als das einfältige Licht selber. Morgen wenden wir ohne weiteres ein gegossenes auf.«

Da ich einiges Verdienst dieser Geschichte darein setze, daß ich aus ihr nur Ereignisse von allgemeiner Wichtigkeit aushebe und mitteile: so halte ich mich nicht lange dabei auf, daß abends das gegoßne Licht erschien und einen matten Zwist entzündete, weil der Advokat bei dieser Lichtkerze seine neue Lehre von der Lichteranzündung wieder zum Vorschein brachte. Er hegte nämlich den ziemlich schismatischen Glauben, daß jedes Licht vernünftigerweise bloß am dicken Ende – vollends ein dickes anzuzünden wäre, und nicht oben am magern, und daß deswegen auch an allen Lichtern zwei Dochte vorstächen; »ein Brenn-Gesetz«, fügt' er hinzu, »wofür ich wenigstens bei Weibern von Vernunft nichts weiter anzuführen brauche als den Augenschein, daß ein herabbrennendes Licht – wie herabbrennende Schwelger durch Fett- und durch Wassersucht – sich gegen unten immer mehr verdickt; hat man es nun oben in Brand gesteckt, so erleben wir unten einen überfließenden unbrauchbaren Talgblock, Pflock und Strunk im Leuchter; hingegen aber, wie schön und[167] symmetrisch legt sich das Flußfett der dickern Hälfte allmählich um die magere, gleichsam sie mästend, und gibt ihr Gleichmaß, wenn wir die dicke zuerst anbrennen!«

Lenette setzte seinen Gründen etwas Starkes entgegen, Shaftesburys Probierstein der Wahrheit, das Lächerliche. »Wahrhaftig«, sagte sie, »jeder würde lachen, der nur abends hereinträte und es sähe, daß ich mein Licht verkehrt in den Leuchter gesteckt, und alle Schuld gäbe man der Frau.« Somit mußte in diesem Kerzenstreit eine Konkordienformel die Parität festsetzen, daß er seine Lichter unten, sie ihre oben ansteckte. Jetzo aber bei der Simultankerze, die schon oben dick war, ließ er sich das Interim des falschen Leuchtens gefallen.

Allein der Teufel, der sich vor dergleichen segnete und kreuzigte, wußte es so zu karten, daß dem Advokaten noch an diesem Tage die rührende Anekdote zum Lesen in die Hände fiel, wie dem jüngern Plinius die Gattin die Lampe fort gehalten, damit er bei dem Schreiben sähe. Jetzt unter dem freudigen Verfassen der Auswahl aus des gedachten Teufels Papieren verfiel nun der Advokat darauf, daß es herrlich wäre und ihm die Unterbrechungen ersparte, wenn Lenette statt seiner jedesmal das Licht schneuzte. »Ei sehr gern«, antwortete sie. Die ersten funfzehn bis zwanzig Minuten ging und schien alles recht gut.

Darnach hob er einmal das Kinn seitwärts gegen das Licht wie einen Zeigfinger empor, um an das Putzen zu erinnern. – Wieder einmal berührte er zu gleichem Zwecke bloß still die Lichtputze mit der Federspitze; später rückte er ein bißchen den Leuchter und sagte sanft: »Das Licht!« Nun nahm die Sache mehr eine Wendung ins Ernste, indem er auf dem Papiere dem Eindunkeln schärfer aufzupassen anfing, so aber sich durch dieselbe Lichtschere, von welcher er in Lenettens Hand sich so viel Licht für seine Arbeit versprochen, grade in seinem Gange aufgehalten fand, wie ein Herkules durch Krebsscheren im Kampfe mit der Hydra. Das elende dünne Gedankenpaar, die Lichtputze mit der Lichtschnuppe, tanzte keck Hand in Hand auf allen Buchstaben seiner schärfsten Satiren auf und ab und ließ sich sehen vor ihm. – »Lenette«, sagt' er bald wieder, »amputiere[168] doch zu unserer beiden Besten den dummen Schwarz Stummel!« – »Hab' ichs vergessen?« sagte sie und putzte geschwind.

Leser von historischem Geist, wie ich sie mir wünsche, sehen nun schon leicht voraus, daß die Umstände sich immer mehr verschlimmern und verrenken müssen. In der Tat hielt er jetzo häufig an sich, harrte, ellenlange Buchstaben hinreißend, auf eine wohltätige Hand, die ihn vom schwarzen Dorne der Lichtrose befreiete, bis er endlich in die Worte ausbrach: »Schneuz!« – Er griff zur Mannigfaltigkeit in Zeitwörtern und sagte bald: »lichte!« – bald: »köpfe!« – bald: »kneip ab!« – Oder er versuchte anmutigen Abwechsel in andern Redeteilen und sagte: »Die Lichtputze, Putzmacherin! – es ist wieder ein langer Sonnenflecken in der Sonne« – oder: »Ein artiges Nachtlicht zu Nachtgedanken in einer artigen Correggios-Nacht, inzwischen schneuz!« –

Endlich kurz vor dem Essen, als der Kohlenmeiler in der Flamme wirklich hoch gestiegen, schlang er einen halben Strom Luft in die Brust und sagte, ihn langsam herauströpfelnd, in grimmiger Milde: »Du schneuzest und stutzest sonach, wie ich sehe, nichts, der schwarze Brandpfahl mag wachsen bis an die Decke. Nun gut! Ich will lieber selber der Komödienlichtputzer und Essenkehrer sein bis zum Tischdecken; aber unter dem Essen will ich als ein vernünftiger Mann dir sagen, was zu sagen ist.« – »Das tu nur!« sagte sie sehr froh.

»Ich hatte mir allerdings«, fing er an, als sie ihm und sich vorgelegt hatte, jeder Person zwei Eier, »vieles Gute von meinen Nachtarbeiten versprochen, weil ich angenommen, du würdest das leichte Schneuzen immer in den richtigen Zeiten besorgen, da ja eine vornehme Römerin für ihren vornehmen Mann, Plinius junior, mit den Kaufleuten zu reden, sogar ein Leuchter ward und den Lampendocht gehalten. So aber ist die Sache nichts, weil ich nicht wie ein glücklicher Armkrüppel mit dem Fuße unter dem Tische schreiben kann, oder wie ein Hellseher ganz im Finstern. Was ich jetzo vom ganzen Leuchter habe, ist, daß er eine alte Epiktetslampe ist, bei der ich den Stoiker[169] mache. Wie eine Sonne hatte das Licht oft zwölf Zoll Verfinsterung, und ich wünschte vergeblich, Herzchen, eine unsichtbare Finsternis, wie man sie oft am Himmel hat. Die verfluchten Licht-Schlacken hecken eben jene dunkeln Begriffe und Nachtgedanken aus, die ein Autor bringt. O Gott, hättest du hingegen gehörig geschneuzt!« –

»Du spaßest gewiß«, versetzte sie; »meine Stiche sind viel feiner als deine Striche, und ich sah doch recht hübsch.«

»So will ich dir denn psychologisch und seelenlehrerisch beibringen«, fuhr er fort, »daß es bei einem Schriftsteller und Denker gar nicht darauf ankommt, ob er mehr oder weniger sehen kann, aber die Lichtschere und Lichtschnuppe, die ihm immer im Kopfe steckt, stülpt sich gleichsam zwischen seine geistigen Beine wie einem Pferde der Klöppel und hindert den Gang Schon nachdem du kaum ordentlich geputzt hast, und ich im Lichte lebe, lauer' ich auf die Minute des neuen Scherens. Dieses Lauern nun kann in nichts bestehen, da es unsichtbar und unhörbar ist, als in einem Gedanken, jeder Gedanke aber macht, daß man statt seiner keinen andern hat – – und so gehen denn die sämtlichen bessern Gedanken eines Schreibers vor die Hunde. – Und doch sprech' ich noch immer nur vom leichtesten Übel – denn ich brauchte ja nur an ein Licht- Schneuzen so wenig zu denken als an das meiner Nase; – aber wenn vollends das sehnlich erwartete Schneuzen sich nicht einstellen will – das schwarze Mutterkorn der reifen Lichtähre immer länger wächst – die Finsternis sichtbar zunimmt – eine wahre Leichenfackel einen schreibenden Halbtoten beleuchtet – dieser sich die eheliche Hand gar nicht aus dem Kopfe schlagen kann, die mit einem einzigen Schnitte ihn von allen diesen Hemmketten loszumachen vermöchte: dann, meine liebe Lenette, gehört wahrlich viel dazu, wenn ein Schriftsteller nicht schreiben will wie ein Esel oder stampfen wie ein Trampeltier, wenigstens ich weiß ein Lied davon zu singen.«

Sie versicherte darauf, wenn es sein wirklicher Ernst sei, so wolle sie es morgen schon machen.

In der Tat muß ihr die Geschichte das Lob geben, daß sie[170] tags darauf ihr Wort hielt und nicht nur viel öfter putzte als gestern, sondern ordentlich ohne Aufhören, zumal als er ihr einige Male mit Kopfnicken gedankt hatte. »Zu oft indes – sagt' er endlich, aber ungemein freundlich – schere denn doch nicht. Studierest du auf gar zu feine Subsubsubdivisionen (Unterunterunterabteilungen) des Dochtes, so gerät man fast in die alte Not zurück, da ein abgekneiptes Licht so dunkel brennt als eines mit ganz freiwüchsigem Dochte – was du figürlich auf Welt- und Kirchenlichter anwenden könntest, wenn du sonst könntest –; sondern nur einige Zeit nach und einige vor dem Schneuzen fällt gleichsam entre chien und loup jene schöne mittlere Zeit der Seele, wo sie herrlich sieht; freilich dann ein wahres Götterleben, ein recht abgemessenes doppeltes Schwarz auf Weiß im Licht und im Buch!«

Ich und andere freuen uns eben nicht besonders über diese neue Wendung der Sache; der Armenadvokat legt sich dadurch offenbar die frische Last auf den Hals, die mittlere Entfernung oder den Mittelstand zwischen dem kurzen und dem langen Dochte immer unter dem Schreiben, wenn auch oberflächlich, zu berechnen und zu beobachten; welche Zeit bleibt ihm dann zur Arbeit?

Nach einigen Minuten tat er, als sie vielleicht noch zu früh schneuzte, die Frage, obwohl mehr zweifelnd: »Ist wieder schwarze Wäsche da?« Darauf, als sie wohl etwa fast zu spät schneuzte, blickte er sie fragend an: »Nu, nu!« – »Gleich, gleich!« sagte sie. – Endlich, als er bald darauf sich zu sehr ins schreibende Stechen vertieft hatte und die Frau sich ins nähende, traf er, erwacht auf einmal aufblickend, einen der längsten Lichtschnuppen-Spieße am ganzen bisherigen Lichte an, noch dazu umrungen von mehr als einem Räuber – – »Ach Gott, das ist ja ein Jammerleben!« rief er und packte grimmig die Lichtschere an und putzte das Licht – aus.

Jetzo in den finstern Ferien hatt' er die schönste Muße, an- und aufzufahren und Lenetten mehr ausführlich vorzuhalten, wie sie ihn bei seinen besten Einrichtungen abmartere und, gleich allen Weibern, kein Maß halte und bald zu viel, bald zu wenig[171] schere. Da sie aber schweigend Licht machte, setzte er sich in noch stärkeres Feuer und warf die Frage auf, ob er bisher wohl etwas anderes von ihr begehrt als die allergrößten Kleinigkeiten und ob denn jemand anders sie ihm bisher sämtlich abgeschlagen als sie, seine liebliche Ehefrau. »Antworte!« sagt' er.

Sie antwortete nicht, sondern setzte das angezündete Licht auf den Tisch und hatte Tränen im Auge. Es war zum ersten Male in der Ehe. Da durchschauete er, wie ein Magnetisierter, den ganzen Krankheitbau seines Innern und beschrieb ihn, zog auf der Stelle den alten Adam aus und warf ihn verächtlich in den fernsten Winkel. Dies vermochte er leicht, sein Herz stand der Liebe und der Gerechtigkeit so offen, daß, sobald sich diese Göttinnen zeigten, seine zornige Stimme aus dem Vordersatze ankam als die mildeste im Nachsatze, ja er konnte die Streitaxt einhalten mitten im Niederhieb.

Nun wurde der Hausfriede51 geschlossen, ein Paar nasse und ein Paar helle Augen waren die Friedeninstrumente, und ein Westfälischer Vertrag gab jeder Partei ein Licht und volle Scherfreiheit.

Aber diesen Frieden verbitterte bald die Empfindung, daß die Hausgöttin der Armut, Penia, die eine unsichtbare Kirche und tausend Stille im Lande und die meisten Häuser zu Stifthütten und Lararien hat, wieder ihre körperliche Gegenwart und Allmacht äußerte. Es war kein Geld mehr da. Er hätte eher alles verkauft, sogar seinen Körper, wie der alte Deutsche, eh' er bei seinem wachsenden Unvermögen, heimzuzahlen, seine Ehre und seine Freiheit zu heimfallenden Pfändern verschrieben, ich meine, eh' er geborgt hätte. Man sagt, die englische Nationalschuld könne, wenn man sie in Talern auszahle, einen ordentlichen Ring um die Erde wie ein zweiter Gleicher gehen; ich habe diesen Nasenring am englischen Löwen, oder diese ringförmige Finsternis, oder diesen Hof um die britische Sonne[172] noch nicht gemessen. Siebenkäs, das weiß ich, hätte eine solche negative Geldkatze um den Leib für einen Stachelgürtel, für einen Eisenring der Schiffzieher und für einen herz-zusammenschnürenden Schmachtriemen gehalten. Gesetzt auch, er hätte borgen und nachher, wie Staaten und Banken, aufhören wollen zu zahlen – welches kluge Schuld- und Edelleute leicht vermeiden, indem sie gar nicht anfangen zu zahlen –: so hätt' er doch, da nur ein Freund (der Rat Stiefel) und niemand weiter sein Gläubiger geworden wäre, unmöglich diesen Geliebten, der ohnehin in der ersten Klasse der geistigen Gläubiger stand, in die fünfte oder durchfallende setzen lassen können; eine solche Doppel-Sünde gegen Freundschaft und Ehre zugleich erspart' er sich, wenn er nur geringere Dinge als beide verpfändete, nämlich Möbeln.

Er bestieg wieder, aber ganz allein, den Zinnschrank in der Küche und untersuchte und besichtigte durch das Gitter, was darhinter zwei oder drei Mann hoch stehe. Ach ein einziger Teller stand wie ein doppeltes Ausrufzeichen hinter dem Vormann. Diesen Hintermann zog er heraus und gab ihm zu Reisegefährten und Refugiés noch eine Heringschüssel, eine Sauciere und Salatiere mit; nach dieser Reduktion des Heeres ließ er die restierende Mannschaft sich in eine längere Linie ausdehnen und lösete die drei großen Lücken in zwanzig kleine Zwischenräume auf. Dann trug er die Geächteten in die Stube und kam wieder und rief seine Lenette aus des Buchbinders seiner heraus in die Küche: »Ich betrachte schon«, fing er an, »seit einer Achtelstunde unsern Schrank: ich kann nichts merken, daß ich neulich die Glockenschüssel und die Teller herausgehoben – merkst du was?« – »Ach, alle Tage merk' ichs«, beteuerte sie.

Nun geleitete er sie, bange vor einer längern Aufmerksamkeit, eilig in die Stube vor die neuen tätigen und leidenden Absonderunggefäße und deckte ihr sein Vorhaben auf, dieses vierstimmige Quadro aus dem Zinn-Tone in den Silberton zu übersetzen als ein guter Musikus. Er schlug ihr darum das Verkaufen vor, damit sie leichter ins Verpfänden willigte. Aber sie riß alle Register der weiblichen Orgel, das Schnarrwerk, das[173] Flötengedackt, die Vogelstimme, die Menschenstimme und zuletzt den Tremulanten heraus. Er mochte sagen, was er wollte: sie sagte, was sie wollte. Ein Mann sucht den eisernen Arm der Notwendigkeit nicht zu halten oder zu beugen, er steht kalt dem Schlage desselben; eine Frau zieht wenigstens einige Stunden auf den tauben metallenen Ellenbogen, eh' er sie fässet, los. Siebenkäs legte ihr vergeblich das gelassene Fragstück vor, ob sie ein anderes Mittel wisse. Auf solche Frage schwimmen im weiblichen Gehirn statt einer ganzen Antwort tausend halbe Antworten herum, die eine ganze machen sollen, wie in der Differentialrechnung unendlich viele gerade eine krumme Linie bilden – solche unreife, halbgedachte, flüchtige, sich nur wechselseitig schirmende Gedanken waren: Er hätte nur seinen Namen nicht ändern sollen, so hätt' er die Erbschaft – er könnte ja borgen – draußen sitzen seine Klienten warm, und er fodert sein Geld nicht von ihnen – überhaupt sollte er nur weniger verschenken – um die Defensiongebühren von der Kindermörderin sucht er nicht einmal nach – er hätte nur den halben Hauszins nicht voraus geben sollen. Denn vom letzten konnt' er wenigstens einige Tage leben. – Man setze immer der Mehrzahl solcher weiblicher Halbbeweise die Minderzahl eines ganzen entgegen: es verfängt nichts; die Weiber wissen wenigstens so viel aus der schweizerischen Jurisprudenz, daß vier halbe oder ungültige Zeugen einen ganzen oder gültigen überwiegen52. – Am gescheutesten verfährt einer, der sie widerlegen will, wenn er sie – ausreden lässet und seines Ortes gar nichts sagt; sie werden ohnehin bald auf Nebendinge verschlagen, worin er ihnen Recht gibt, indes er ihnen sogar in der Hauptsache mit nichts widerspricht als mit der Tat. Sie verzeihen keinen andern Widerspruch als den – tätigen. – Siebenkäs wollte leider mit der chirurgischen Winde der Philosophie die zwei wichtigsten Glieder Lenettens einrichten, den Kopf und das Herz, und hob derowegen an: »Liebe Frau, in der Hauptkirche singst du mit[174] jedermann gegen die zeitlichen Güter, und doch sind sie an deinem Herzen angemacht wie Brust- und Herzgehenke. – Sieh, ich geh' in keine Kirche, aber ich hab' eine Kanzel in meiner eignen Brust und setze eine einzige helle Minute über diesen ganzen zinnernen Quark. – Sei redlich, hat denn dein unsterbliches Herz bisher den traurigen Verlust der Glockenschüssel verspürt, und war diese dein Herzbeutel? Kann dieses miserable Zinn, von uns in Stücken eingenommen und verschluckt, wie die Ärzte es gepulvert gegen Würmer eingeben, nicht auch fatale Herzwürmer abtreiben? – Nimm dich zusammen und betrachte unsern Schuhflicker: tunkt er nicht ebenso freudig in seine blecherne Sauciere ein, in der sich zugleich der Braten ausstreckt? – Du sitzest hinter deinem Nähkissen und kannst nicht sehen, daß die Menschen toll sind und schon Kaffee, Tee und Schokolade aus besondern Tassen, Früchte, Salate und Heringe aus eignen Tellern, und Hasen, Fische und Vögel aus eignen Schüsseln verspeisen – Sie werden aber künftig, sag' ich dir, noch toller werden und in den Fabriken so viele Fruchtschalen bestellen, als in den Gärten Obstarten abfallen – ich tät' es wenigstens, und wär' ich nur ein Kronprinz oder ein Hochmeister, ich müßte Lerchenschüsseln und Lerchenmesser, Schnepfenschüsseln und Schnepfenmesser haben, ja eine Hirschkeule von einem Sechzehn-Ender würd' ich auf keinem Teller anschneiden, auf dem ich einmal einen Acht-Ender gehabt hätte – – Da doch die beste Welt hienieden die beste Kammer53 und die Erde eine gute Irrenanstalt ist, worin wie in einer Quäkerkapelle einer um den andern als Irrenprediger vikariert: so sehen die Bedlamiten nur zweierlei Narrheiten für Narrheiten an, die vergangnen und die künftigen, die ältesten und die neuesten – ich würde ihnen zeigen, daß ihre von beiden annehmen.« –

Lenettens ganze Antwort war eine unbeschreiblich sanfte Bitte: »Tu es nicht, Firmian, verkaufe nur das Zinn nicht!« –

»Meinetwegen also!« (erwiderte er mit bittersüßer satirischer Freude über den Fang des schillernden Taubenhalses in der[175] Schnait, die er so lange vorgebeeret hatte). »Der Kaiser Antonin schickte zwar sein echtes Silbergeschirr in die Münze, und mir wär's noch weniger zu verargen; aber meinetwegen! Es soll kein Lot verkauft werden, sondern alles nur – versetzt. Du bringst mich zum Glück darauf; denn am Andreastage kann ich, ich mag nun den Schwanz oder den Reichsapfel herunterschießen oder gar König werden, alles mit Spaß auslösen, ich meine mit dem baren Gewinste, besonders die Salatiere und Sauciere. Ich lasse dir Recht: haben wir denn nicht die alte Sabel im Haus, die alles hin und wider trägt, das Geld und die Ware?«

Nun ließ sie es geschehen. Das Andreasschießen war ihr Notschuß und Fortunatuswünschhütlein, die hölzernen Flügel des Vogels waren an ihre Hoffnung als ein wächsernes Flugwerk geschnallet, und das Pulver und Blei war wie bei Fürsten ihre Blumen-Sämerei künftiger Freudenblumen. Du Arme in manchem Sinne! Aber eben Arme hoffen unglaublich mehr als Reiche, Daher greifen auch die Lottos wie andere Epidemien und die Pest mehr arme Teufel an als reiche. Siebenkäs, der nicht nur auf den Verlust der Möbeln, sondern auch des Geldes verschmähend heruntersah, war im stillen des geheimen Vorsatzes, den Bettel beim Zinngießer wie eine Reichspfandschaft ewig sitzen zu lassen, gesetzt auch, er würde König, und bei demselben bloß, wenn er einmal unter dessen Werkstatt vorbeiginge, die Verpfändung in einen Verkauf zu verwandeln.

Nach einigen hellen, stillen Tagen legte der Pelzstiefel wieder eine Abendvisite ab. Unter den Drangsalen ihrer Fruchtsperre, bei den Gefahren des Einschwärzens und da beinahe eine Träne oder ein Seufzer als Aufschlag, der entrichtet werden mußte, auf jeden Laib Brot geleget war, da hatte Firmian kaum Muße, geschweige Lust gehabt, an seine Eifersucht zu denken. – Bei Lenetten muß es sich gerade umkehren, und falls sie Liebe gegen Stiefel hegt und trägt, so muß diese freilich auf seinem Gelddünger mehr wachsen als auf des Advokaten Acker voll Hungerquellen. Der Schulrat hatte kein Auge, das den versteckten Jammer eines Haushaltens unwillkürlich hinter dem Lächeln antrifft; er merkte gar nichts. Aber eben dadurch hatte[176] dieses freundschaftliche Drei eine heitere Stunde ohne Nebel, worin, wenn nicht die Glücksonne, doch der Glückmond (die Hoffnung und die Erinnerung) schimmernd aufstieg. Siebenkäs hatte doch wieder ein gebildetes Ohr vor sich, das sich in das närrische Schellengeläute und in die Trompeterstückchen seiner leibgeberischen Laune fand. Lenette fand sich nicht darein, und auch der Pelzstiefel verstand ihn nur, wenn er sprach, nicht wenn er schrieb. Beide Männer sprachen, wie die Weiber, anfangs bloß von Personen, nicht von Sachen; nur daß sie ihre skandalöse Chronik die Gelehrten- und Literargeschichte hießen. Der Gelehrte will alle kleine Züge, sogar die Montierstücke und Leibgerichte eines großen Autors kennen; aus demselben Grunde hat die Frau auf die kleinsten Züge einer durchreisenden Großfürstin, bis auf jede Schleife und Franse, ein ungemeines Augenmerk. Dann kamen sie von den Gelehrten auf die Gelehrsamkeit – – und dann flohen alle Wolken des Lebens, und im Reiche der Wissenschaften wurde das trauernde, mit dem Hungertuche verhüllte Haupt wieder aufgedeckt und aufgerichtet. – Der Geist ziehet die Bergluft seiner Heimat ein und blickt von der hohen Alpe des Pindus hinab, und drunten liegt sein schwerer, verwundeter Leichnam, den er wie einen Alp seufzend tragen mußte. Wenn ein dürftiger verfolgter Schulmann, ein dürrer fliegender Magister legens, wenn ein Pönitenzpfarrer mit fünf Kindern oder ein gehetzter Hauslehrer jämmerlich dort liegt, mit jeder Nerve unter einem Marterinstrument: so kommt sein Amtbruder, um welchen ebensoviel Instrumente sitzen, und disputiert und philosophiert mit ihm einen ganzen Abend lang und erzählt ihm die neuesten Meinungen der Literaturzeitungen. – Wahrlich dann wird die Sanduhr der Folterstunde54 umgelegt – dann tritt glänzend Orpheus mit der Leier der Wissenschaften in die physische Hölle der zwei Amtbrüder, und alle Qualen brechen ab, die trüben Zähren fallen vom glänzenden Auge, die Furienschlangen ringeln sich zu Locken auf, das Ixionsrad rollet nur musikalisch in der Leier um, und die armen Sisyphi sitzen ruhig auf ihren zwei Steinen[177] fest und hören zu.... Aber die gute Frau des Pönitenzpfarrers, des fliegenden Lesemagisters, des Schulmanns, was hat diese in der nämlichen Not für einen Trost? – außer ihrem Manne, der ihr eben deswegen manches nachsehen sollte, hat sie keinen.

Der Leser weiß noch aus dem ersten Teile, daß Leibgeber drei Programme aus Baireuth geschickt; das vom Dr. Frank brachte Stiefel mit und trug ihm die Rezension desselben für den kuhschnappelschen Götterboten deutscher Programmen an. Dabei zog er noch ein anderes Werklein aus der Tasche, das öffentlich zu beurteilen war. Der Leser wird beide Werke mit Freuden empfangen, da mein und sein Held kein Geld im Hause hat und also von der Beurteilung derselben doch einige Tage leben kann. Die zweite Schrift, die aufgerollet wurde, betitelte sich: Lessingii Emilia Galotti. Progymnasmatis loco latine reddita et publice acta, moderante J.H. Steffens. Cellis 1778. – Es sollen sich viele Mithalter des Götterbotens deutscher Programme über die späte Anzeige dieser Übersetzung aufgehalten und den Boten gegen die Allg. Deutsche Bibliothek gehalten haben, die, ihres geräumigen allgemeinen deutschen Bezirkes ungeachtet, doch gute Werke schon die ersten Jahre nach ihrer Geburt anzeigt, zuweilen schon im dritten, so daß oft wirklich noch das Lob des Werkes in letztes eingebunden werden kann, weil sich die Makulatur davon noch nicht vergriffen. Aber der Götterbote hat mehre Werke von 1778 nicht angezeigt und überhaupt damals gar nicht anzeigen können, weil er erst fünf Jahre darauf – selber ans Licht trat.

Siebenkäs sagte freundlich zum Pelzstiefel: »Nicht wahr, wenn ich die Herren Frank und Steffens geschickt rezensieren soll, so muß meine gute Lenette nicht hinter mir hobeln und brausen mit dem Borstwisch?« – Das hätte wahrlich viel auf sich, sagte ernsthaft der Rat. Nun wurde bei ihm eine scherzhafte und gemilderte Berichterstattung aus den Akten des häuslichen Inhibitiv-(Verbiet-)Prozesses eingereicht. Wendelinens freundliche gespannte Augen suchten das rubrum (den roten Titel) und das nigrum (das Schwarze oder den Inhalt) des Stieflischen Urtels[178] aus seinem Gesichte, das beide Farben trug, abzustehlen und wegzulesen. Aber Stiefel begann trotz seiner mit lauter Seufzern der sehnsüchtigen Liebe für sie ausgedehnten Brust sie anzureden, wie folgt: »Frau Armenadvokatin, das geht durchaus nicht – Denn etwas Edlers hat Gott nicht erschaffen als einen Gelehrten, der schreibt und denkt. Zehnmal hunderttausend Menschen sitzen in allen Weltteilen gleichsam auf Schulbänken um ihn, und vor diesen soll er reden – Irrtümer, von den klügsten Völkern angenommen, soll er ausreuten, Altertümer, längst verschwunden wie ihre Inhaber, soll er deutlich beschreiben, die schwersten Systeme soll er widerlegen oder gar erst machen sein Licht soll durch massive Kronen, durch die dreifache Filzmütze des Papstes, durch Kapuzen und Lorbeerkränze dringen und die gesamten Gehirne darunter erhellen – das soll er, das kann er; aber, Frau Advokatin, mit welcher Anstrengung! – Es ist schwer, ein Buch zu setzen, noch schwerer, zu schreiben. Mit welcher Spannung schrieb Pindar und vor ihm schon Homer, ich meine in der Ilias! – Und so einer nach dem andern bis auf unsere Zeiten. – Ists dann ein Wunder, wenn große Skribenten in der entsetzlichsten Anstrengung aller ihrer Ideen oft kaum wußten, wo sie waren, was sie taten und wollten, wenn sie blind und taub und gefühllos gegen alles wurden, was nicht in die fünf innern geistigen Sinnen fiel, wie Blindgewordene im Traume herrlich sehen, im Wachen aber wie gesagt blind sind? – Aus einer solchen Anstrengung kann ich mirs erklären, warum Sokrates und Archimedes dort standen und gar nicht wußten, was um sie tobe und stürme – warum im tiefen Denken Cardanus sein Zipperlein vergaß – andere die Gicht – ein Franzos die Feuerbrunst – und ein zweiter Franzose das Sterben seiner Frau.«

»Siehst du«, sagte Lenette leis und froh zu ihrem Manne, »wie will ein gelehrter Herr es hören, wenn seine Frau wäscht und fegt?« – Stiefel ging unerschüttert weiter im Kettenschluß: »Zu einem solchen Feuer, besonders ehe man noch hineinkommt, ist Windstille zuvörderst erforderlich. Daher wohnen in Paris die großen Gelehrten und Künstler bloß in der St. Viktorstraße, weil die andern Straßen zu laut sind. So dürfen eigentlich neben Professoren[179] keine Schmiede, Klempner, Folienschläger in einer Gasse arbeiten.« –

Siebenkäs setzte ernsthaft dazu: »Besonders Folienschläger. – Man sollte nur bedenken, daß die Seele mehr Ideen als ein halbes Dutzend55 nicht beherbergen kann: tritt nun die des Getöses als eine böse Sieben ein, so macht sich eine oder die andere, die man durchdenken oder niederschreiben könnte, natürlicherweise aus dem Kopfe fort.«

Stiefel foderte freilich der Frau den Handschlag als ein Pfandstück ab, daß sie wie eine Josuas-Sonne jedesmal stillstehen wollte, wenn Firmian die Feinde schlug mit seiner Feder und Geißel. »Hab' ich nicht selber«, entgegnete sie, »schon einigemal den Buchbinder gebeten, nicht so arg auf seine Bücher zu schlagen, weil mein Mann es höre, wenn er seine Bücher macht?« Sie gab indes dem Rate die Hand; und er schied zufrieden von Zufriednen und hinterließ ihnen die Hoffnung gefriedigter Stunden.

Aber ihr Guten, wozu dienet euch der Friedensetat bei euerem halben Solde, in dem kühlen, leeren Waisenhaus der Erde, in dem ihr darbet, bei den dunkeln labyrinthischen Irr-Klüften eueres Schicksals, worin der Ariadnens-Faden selber zur Schlinge und zum Garne wird? – Wie lange wird sich der Armenadvokat mit dem Pfand-Schilling des Zinns und mit dem Ertrage der zwei Rezensionen, die er nächstens machen wird, hinfristen können? – Allein wir sind alle wie der Adam in den Epopöen und halten unsere erste Nacht für den Jüngsten Tag und den Untergang der Sonne für den der Welt. Wir betrauern alle unsere Freunde so, als gäb' es keine bessere Zukunft dort, und betrauern uns so, als gäb' es keine bessere hier. – Denn alle unsere Leidenschaften sind geborne Gottesleugner und Ungläubige.[180]

44

Auswahl aus den Papieren etc. S. 41.

45

Die Musici der Alten hatten sie an. Bartholin. de Tib. Vet. III. 4.

46

Männer ebenfalls, nur in kleinerem Grade. Ein Mann, welcher täglich 90 Sachen mit regelmäßiger Erinnerung abtut, soll eine 91ste ein- oder zweimal vergessen haben so vergißt er sie fort bei allem anderweitigen Gedächtnis. Es gibt hier keinen andern Arzt als einen Menschen oder einen Umstand, der gerade in dem Augenblicke des Vergessens erinnernd eintritt. Hat er nun einmal einmal zu vergessen aufgehört, so vergißt er nicht mehr weiter.

47

Ein Ortstaler gilt 6 Gr.

48

Schmeckherren nennt man in verschiedenen Städten die Bier- Polizeileutenants, welche umhergehen und den Wert der Biere kosten.

49

Nach den Rabbinen setzet am Sabbate die Qual der Verdammten aus; nach den Christen am Höllenfahrttage Christi.

50

Testimonium integritatis, das priesterliche Zeugnis, daß eine Verlobte nie etwas mehr gewesen.

51

Ich wünschte, schon damals hätte Market in Köthen seine treffliche Lampe (viel wohlfeiler und augendienlicher als eine von Argand) erfunden gehabt, welche man in einem Thomasabend nur einmal zu schneuzen braucht und die, mit Rüböl genährt, (mir seit Jahren) ein stilles reines helles Licht gewährt, wie andern sogar über Billardtafeln.

52

In Bern und im Pays de Vaud sind zu einem vollen Beweise entweder zwei männliche oder vier weibliche Zeugen nötig. Röslins Weibl. Rechte, 1775.

53

In Holland bedeutet die beste Kammer das geheime Gemach.

54

So lange die Tortur fortwährt, steht die messende Sanduhr aufrecht.

55

Wirklich behauptete Bonnet, daß sie nicht mehr als sechs Ideen auf einmal haben könne. S. Hallers große Physiologie.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 150-181.
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