Sechstes Kapitel

[181] Ehe-Keifen – Extrablättchen über das Reden der Weiber – Pfandstücke – der Mörser und die Rappeemühle – der gelehrte Kuß – über den Trost der Menschen – Fortsetzung des sechsten Kapitels


Dieses Kapitel fängt sich gleich mit Geldnot an; der jämmerliche, zerlechzte Danaiden-Eimer, womit das gute Ehepaar seine wenigen Groschen oder Goldkörner aus dem Paktolus aufzog, war immer in zwei Tagen wieder ausgetropft, wenigstens in dreien. Dasmal indessen konnten die Leute doch auf etwas Gewisses fußen, das nicht unbeträchtlich war, auf die zwei Rezensionen der zwei dagelassenen Rezensierstücke – auf 4 fl. konnten sie gewiß rechnen, wenn nicht auf 5.

Am Morgen nach dem Kusse setzte Firmian sich wieder auf seinen kritischen Schöppenstuhl und beurteilte. Er hätte ein Heldengedicht machen können, so wenig sausten die bisherigen Passatwinde der Morgenstunden. Er zeigte der Welt von früh 8 Uhr bis mittags um 11 Uhr das Programm des Dr. Franks in Pavia günstig an, das betitelt war: Sermo Academicus de civis medici in republica conditione atque officiis ex lege praecipue erutis auct. Frank 1785. Er beurteilte, lobte, tadelte und exzerpierte das Werkchen so lange, bis er glaubte, er habe damit so viel Papier vollgemacht, daß der Ehrensold für das Papier dem Pfandschilling für die Heringschüssel, für die Salatiere und Sauciere und den Teller beikomme – nämlich einen Bogen lang war seine Meinung über die Rede, und 4 Seiten und 15 Zeilen.

Der Morgen war unter seinem Femgericht so schön abgelaufen, daß der Feimer nachmittags ein zweites halten wollte, über das rückständige zweite Werkchen. Bisher hatt' ers nicht gewagt; er hatte nachmittags nur advoziert, nicht rezensiert, und nur als Defensor (Verteidiger), nicht als Fiskal (Ankläger) gearbeitet. Er konnte sich recht gut damit rechtfertigen, daß immer nachmittags die Mädchen und Mägde mit Hauben kämen und Mäuler voll Sprachschätze mitbrächten und auftäten, daß sie, reicher als die Araber, die nur 1000 Wörter für 1 Gedanken[181] haben, ebenso viele Redarten für einen verwahrten und daß sie überhaupt, wie verdorbne Orgeln, sogleich, ohne gegriffen zu sein, mit zwanzig Pfeifen flöteten, sobald nur die (Lungen-) Bälge gingen – – das war ihm gelegen; denn in den Stunden, worauf diese weiblichen Wecker gestellet waren, ließ er seine juristischen losschnarren und trieb unter den Prozessen seiner Lenette seine eignen weiter. Es störte ihn gar nicht; er versicherte: »Ein Advokat ist gar nicht irre zu machen, er mag sei nen Perioden eröffnen und fortstoßen wie er will – sein Periode ist ein langer Bandwurm, den ich ohne Schaden prolongiere, abbreviere (verlängere, abkürze) – denn jedes Glied ist selber ein Wurm, jedes Komma ein Periode.«

Aber mit dem Rezensieren wollt' es nicht gehen. Ich will indes so viel für die Ungelehrten (denn die Gelehrten haben die Rezension längst gelesen) treulich niederschreiben, als er nach dem Essen wirklich fertig brachte. Er schrieb den Titel von Steffens' lateinischer Übersetzung der Emilia Galotti hin und fuhr so fort:

»Gegenwärtige Übersetzung erfüllet endlich einen Wunsch, den wir so lange bei uns herumgetragen haben. Es ist in der Tat eine auffallende Erscheinung, daß bisher noch so wenige deutsche Klassiker ins Lateinische für Schulmänner übersetzet worden sind, die für uns doch fast alle römische und griechische Klassiker verdeutschet haben. Der Deutsche hat Werke aufzuzeigen, welche verdienen, daß sie ein Schulmann und Sprachgelehrter lieset; aber er kann sie nicht verstehen (obwohl übertragen), weil sie nicht lateinisch geschrieben sind. Lichtenbergs Taschenkalender tritt zugleich in einer deutschen Ausgabe – für Engländer, welche Deutsch lernen – und in einer französischen für den deutschen hohen Adel ans Licht; warum werden aber deutsche Originalwerke und dieser Kalender selber nicht auch Sprachgelehrten und Schulmännern in die Hände gegeben in einer guten lateinischen, aber treuen Übersetzung? Sie sind gewiß die ersten, welche die Ähnlichkeit (in der Ode) zwischen Ramler und Horaz bemerken würden, wäre jener verdolmetscht. Rezensent gesteht gern, daß er immer große Bedenklichkeiten darüber gehabt, daß man Klopstocks Messiade nur in zwei Rechtschreibungen[182] geliefert, in der alten und in seiner – daß aber weder an eine lateinische Ausgabe für Schulleute – denn Lessing hat in seinen Vermischten Schriften kaum die Anrufung übersetzt – noch an eine im Kurialstil für die Juristen, noch an eine im planen prosaischen für Meßkünstler oder an eine im Judendeutsch für das Judentum gedacht worden.«....

So weit hatt' ers; aber dann mußt' er aufhören, weil eine Hausjungfer nicht aufhörte, sondern immer wiederholte, was ihre Frau – die Seckelmeisterin – wiederholet hatte, wie nämlich die Nachthaube gesteckt werden sollte: zwanzig Male entwarf sie den Karton und Vorriß der Haube und drang auf Eiligkeit. Lenette beantwortete und vergalt alle ihre Tautologien mit ähnlichen. Kaum hatte die Hausjungfer die Türe zugemacht, so sagte der Rezensent: »Ich habe nicht ein Wort geschrieben, solang die Windmühle da klapperte. Lenette, ists denn eine gänzliche Unmöglichkeit, daß ein Weib sagt, es ist vier Uhr, anstatt zu sagen, es hat vier Viertel auf vier Uhr geschlagen? – Kann keine sagen, morgen ist der Kopf-Lumpen fertig und damit gut? Kann keine sagen, einen Ortstaler verlang' ich dafür und damit gut? Keine, lauf' Sie morgen wieder herauf und damit holla? Kannst denn dus nicht?« – Lenette versetzte kalt: »Du denkst freilich, alle Leute denken wie du!«

Lenette hatte überhaupt zwei weibliche Unarten, über die schon Millionen männliche Speiteufel oder Raketen, nämlich Flüche, in den Himmel aufgefahren sind – die eine, daß sie dem Laufmädchen in der Stube jeden Auftrag wie ein Memoriale in zwei Exemplaren überreichte und nachher mit ihr hinausging und ihr dieselbe Sache noch drei- oder viermal anbefahl – – die andere, daß sie, Siebenkäs mochte schreien wie er wollte, allezeit das erstemal fragte: »wie?« oder »was sagst du?« Ich rate und preise selber den Weibern, sobald sie über die Antwort verlegen sind, diese Foderung eines – Sekundawechsels an; aber in andern Fällen, wo man von ihnen statt der Wahrheit nur Aufmerksamkeit verlangt, ist dieses ancora und bis, das sie dem eilfertigen Sprecher zurufen, ebenso beschwerlich als entbehrlich. – Solche Dinge sind in der Ehe so lange Kleinigkeiten, als ihr Märterer sie[183] nicht rügte; nach dem Rügegerichte aber sind sie noch schlimmer – denn sie kommen öfter vor – als Todsünden und Felonien und Brüche.

Würde der Verfasser dieses durch dergleichen Pleonasmen in seinen Arbeiten gehemmt: so würd' er weiter nichts machen am wenigsten eine Strafpredigt – als – weil man ihn gerade aufmunterte – folgendes


Extrablättchen über das Reden der Weiber


Der Verfasser des Buchs über die Ehe sagt: eine Frau, die nicht spricht, sei dumm. Aber es ist leichter, sein Lobredner als sein Jünger zu sein. Die klügsten Weiber sind oft stumm unter Weibern, und die dümmsten und stummsten sind oft beides unter Männern. Im ganzen gilt vom weiblichen Geschlecht die Bemerkung über das männliche, daß die Menschen am meisten denken, die am wenigsten sprechen, so wie die Frösche aufhören zu quaken, wenn man ein Licht ans Weiher-Ufer stellt. – Übrigens kommt das viele weibliche Sprechen von ihren sitzenden Arbeiten; die sitzenden Handwerker, Schneider, Schuster, Weber, haben mit ihnen nicht nur die hypochondrischen Phantasien, sondern auch das viele Sprechen gemein.

Die Arbeittischlein der weiblichen Finger sind grade die Spieltafeln weiblicher Phantasien, und die Stricknadeln werden innerlich Zauberstäbchen, womit sie die ganze Stube in eine Geisterinsel voll Träume verwandeln; daher zerstreuet ein Brief oder ein Buch eine Verliebte mehr als vier Paar Strümpfe, die sie strickt. Die Affen reden nicht – wie die Wilden sagen –, um nicht zu arbeiten; aber viele Weiber reden eben doppelt, weil sie arbeiten.

Ich habe nachgedacht, zu welchem Zweck. Anfangs scheint es, die Natur ordne jenes Wiederholen des Gesagten zur Ausbreitung metaphysischer Wahrheiten an; denn da nach Jacobi und Kant Demonstration nichts ist als Fortschritt in identischen Sätzen, so demonstrieren die Weiber, da sie immer vom nämlichen zum nämlichen fortschreiten, unaufhörlich. Gleichwohl[184] ist gewiß der Natur an folgendem Nutzen mehr gelegen. Die Baumblätter verharren, wie scharfe Naturforscher behaupten, in einer flatternden Bewegung, um die Luft durch dieses stete Geißeln zu reinigen: diese Schwingung tut beinahe die Dienste eines schwachen kleinen Windes56. Es wäre aber ein Wunder, wenn die sparsame Natur das viel längere, das siebzigjährige Schwingen der weiblichen Zungen ohne Absicht veranstaltet hätte. Die Absicht mangelt aber nicht; es ist dieselbe, warum die Blätter wackeln; der ewige Pulsschlag der weiblichen Zunge soll der Erschütterung und Umrüttelung der Atmosphäre forthelfen, die sonst anfaulte. Der Mond hat sein Wassermeer und der weibliche Kopf sein Luftmeer, das er gesund zu schütteln hat. Daher würde ein allgemeines pythagoreisches Noviziat in die Länge Epidemien nach sich ziehen – und Nonnen-Kartausen Pesthäuser. Daher nehmen unter kultivierten Völkern, die mehr sprechen, die grassierenden Krankheiten ab. Daher ist die Einrichtung der Natur wohltätig, daß die Weiber gerade in großen Städten – ferner im Winter – ferner in Zimmern – und in großen Gesellschaften am meisten sprechen; denn eben in diesen Orten und Zeiten ist die Luft am meisten verdorben, voll abgesetzten Phlogiston, und der Windfächel bedürftig. Ja die Natur tritt hierin über alle Dämme der Kunst; denn wiewohl viele europäische Weiber den amerikanischen, die, um zu schweigen, den Mund voll Wasser nehmen, es nachzutun versuchten und daher bei Besuchen ihn mit Tee oder Kaffee vollmachten: so tat doch gerade diese Flüssigkeit dem wahren weiblichen Sprechen mehr Vorschub als Abbruch.

Ich bin hierin, hoff' ich, weit entfernt von jenen engbrüstigen Teleologen, die jedem großen Sonnengange der Natur noch kleine Holzwege und Endabsichten unterschieben und vorstecken; solchen mag es geziemen – ich aber schäme mich – zu vermuten, daß das Oszillieren der weiblichen Zungen, deren Nutzen[185] sich genugsam durch die Bewegung der Luft erweiset, vielleicht dazu diene, irgendeinen Sinn oder Gedanken geistiger Wesen z.B. der weiblichen Seele selber – auszudrücken als Typus. Das gehöret unter die Dinge, von denen Kant sagt, daß man sie weder behaupten noch widerlegen kann. Ja ich wollte eher glauben, daß das Reden ein Zeichen sei, daß das Denken und innere Tätigsein aufhöret, wie in einer guten Mühle die Warnglocke nicht eher klingeln darf, als bis jene kein Getreide mehr zu mahlen hat. – Jeder Ehemann weiß auch, daß die Zunge noch darum in den weiblichen Kopf eingeheftet worden, damit sie durch ihren Klang richtig ansage, wenn darin ein Widerspruch, etwas Unregelmäßiges oder etwas Unmögliches herrschet57. So hat auch Hr. Müller in seiner Rechenmaschine ein Glöckchen angebracht, dessen Klingeln bloß erinnern soll, daß in der Maschine ein falsches Rechenexempel oder irgendein Rechenverstoß vorkomme. – Jetzo ists die Pflicht des Physikers, hierin weiter zu forschen und abzuurteln, wieweit ich etwan fehlgehe.


*


Ich wills nur offenbaren: der Advokat hat dieses Blättchen gemacht58.

Er vollendete seine Rezension erst den Morgen darauf. Er wollte freilich seine wenigen Gedanken über die Übersetzung der »Emilia« so lange öffentlich sagen, bis mit dem Gelde für die Gedanken seine Stiefeln konnten vorgeschuhet werden – anderthalb Druckbogen verlangte Fecht für das Paar –, aber er hatte nicht die Zeit dazu; noch heute mußt' er mit dem Setzer-Augenmaß die Handschrift ausrechnen und den Lohn erheben.

Die Rezensionen gingen ab an den Redakteur: der kritische Kostenzettel lief – da für den Bogen 2 fl., die Seite zu 30 Zeilen, kamen – auf bis zu 3 fl. 4 Gr. und 5 Pf. – Sonderbar! der Mensch[186] lacht, wenn er Geistiges und Körperliches, Verstand und Ehrensold, Schmerzen und Schmerzengeld in Verhältnis gestellet findet; ist denn aber nicht unser ganzes Leben eine Äquation (oder Gesellschaftrechnung) zwischen Seel' und Leib, und ist nicht alle Einwirkung auf uns körperlich, und alle Rückwirkung aus uns geistig?

Das Laufmädchen brachte nichts zurück als einen Gruß statt der Silberblätter, wozu seine Dinte sich hatte kristallisieren sollen. Der Pelzstiefel hatte gar nicht daran gedacht. Die Zerstreuung des Studierens machte den Schulrat kalt gegen eignen Reichtum und blind für fremde Armut: er bemerkte wohl einen Hiatus, aber der mußte in keinem eignen oder fremden Strumpfe, Schuhe u.s.w. sein, sondern in einem Manuskripte. Ein inneres Feuer verblendete diesen Glücklichen gegen das faule phosphoreszierende Holz um ihn; und glücklich ist jeder Schauspieler im Schuldrama der Erde, dem die höhere innere Täuschung die äußere ersetzt oder verdeckt, und vor welchem im Taumel seiner geistigen Rolle die stümperhaften Landschaften an den Theaterwänden blühen und rauschen unter der Regenmaschine aus Erbsen, und den das Auseinanderschieben der Wände nicht weckt.

Aber unsere zwei Geliebte beunruhigte die schöne Blindheit des Rates sehr; ihr kleines Sternbild, das ihnen heut leuchten sollte, sank, in Sternschnuppen aufgelöset, auf die Erde. – Stiefeln tadl' ich nicht, er hatte, wenn kein Auge, doch ein Ohr für das Elend; hingegen vor euch, ihr Großen und Reichen, die ihr, unbehülflich im Honigfladen eures Genusses und mit klebrigen Flügeln in euerem flüssigen Rosenzucker schwimmend, es nicht leicht findet, die Hand zu regen und damit aus der Geldrolle den Lohn für die zu ziehen, welche eueren Honigbehälter füllen halfen, vor euch wird einmal eine richtende Stunde treten und euch fragen, ob ihr wert waret zu leben, geschweige zu genießen, wenn ihr sogar die kleine Mühe des Bezahlens flohet, indes der Niedere sich der großen des Verdienens unterzog. Aber ihr würdet besser sein, wenn ihr bedächtet, wieviel Jammer euere gemächliche Trägheit, eine Geldrolle zu öffnen oder eine kurze Rechnung zu lesen, oft unter Arme verbreite; wenn ihr euch das[187] trostlose Zurückprallen einer Gattin vorstelltet, deren Mann ohne Lohn umkehrt, und ihr Darben und das Durchstreichen so vieler Hoffnungen und die kummerhaften Tage einer ganzen Familie....

Der Armenadvokat nahm also wieder sein närrisches Versilbergesicht vor und ging in allen Winkeln herum und trat den Preßgang nach Möbeln, die er pressen wollte, mit dem Augenglase an. Wie ein guter Fürst oder auch ein guter englischer Minister sich zu Nachts im Bette aufsetzt und den Kopf auf den Ellenbogen stützt und darin nachdenkt, an welche Artikel oder Stämme voll Birkensaft er den Weinbohrer einer neuen Abgabe ansetzen, oder wie er, in einer andern Metapher, den Torf der Taxen so stechen soll, daß neuer nachwächst: also Siebenkäs. Er untersuchte, den Kaperbrief in den Händen, jede Flagge, die ihm vorkam – er hob sein Scherbecken in die Höhe und setzte es wieder hin – er rüttelte die paralytische Lehne eines alten Sessels und knackte damit, er probierte ihn noch mehr, indem er sich hineinsetzte, und stand wieder auf. – – Ich unterbreche mich in meinem Perioden, wenn ich es flüchtig herwerfe, daß Lenette dieses gefährliche Konskribieren und Messen der Landeskinder recht wohl verstand und daß sie in einem fort gegen dieses Pfänderspiel mit Hiobsklagen protestierte. – Er hob ferner einen alten gelben Spiegel mit vergoldetem Laubwerk, der in der Kammer dem grünen Bette-Sparrwerk gegenüber hing, vom Haken herab, besah ihn an dem hölzernen Unterfutter und der Aasseite, schob ein wenig die Spiegeltafel auf und ab und hing ihn wieder hin – einen alten Feuerbock, desgleichen einen Kammertopf, die dreispännig da waren, nämlich als Drillinge, diese berührte er gar nicht, sondern schob solche bloß mit dem Fuß weiter unter ihre Bedachung – von einer porzellanen Butterbüchse in Gestalt einer Kuh (nach damaligem plastischen Witze) hob er flüchtig den Rücken ab und sah bloß hinein, stellte sie aber leer und voll Staub auf das Gesimse als Zier – länger wog er mit beiden Händen einen Gewürzmörser und stellte ihn wieder in den Wandschrank zurück – er sah immer gefährlicher und munterer aus – er zerrete mit den zwei Armen ein Gefach aus der[188] Kleiderkommode hervor, schob Tellertücher und einen italienischen Blumenstrauß zurück und wollte ein Trauerkleid von grilliertem Kattun ein wenig überblättern..... Aber hier flog Lenette auf, fiel ihm in den blätternden Arm und sagte: »Warum nicht gar! So weit solls, wills Gott, nicht mit mir kommen!«

Er drückte kalt das Gefach hinein, sperrte den Wandschrank wieder auf und hob den Gewürzmörser bedachtsam auf den Tisch heraus und sagte: »Meinetwegen! es kann also der Mörser forttanzen!« – Dadurch, daß er diese Schand- und Türkenglocke mit der ganzen Hand wie mit einem Dämpfer umgriff, konnte er den Stößel oder Klöppel recht gut ohne Sang und Klang aus der Höhlung ziehen. Er wußte längst, daß sie eher das Kleid ihrer Seele als das grillierte Überkleid jenes Kleides verpfände; aber er wollte absichtlich, wie der römische Hof, um die ganze Hand anhalten, um leichter den Finger zu bekommen, nämlich den Mörser – auch hofft' er durch bloßes Repetieren seiner Behauptung die Gründe derselben zu ersetzen und Lenetten durch häufiges Vorführen des Popanzes und Wauwaus allmählich mit dem letzteren zu befreunden, ich meine mit dem Versatze des grillierten Kattuns. Er hob deshalb so an: »Wir haben freilich jahraus jahrein wenig zu stampfen – außer wenn wir ein Viertel Mastvieh schlagen lassen – aber zu was das grillierte Kleid aufbehalten wird, das sage mir – du kannst den Kattun nicht öfter antun als ein einziges Mal, wenn ich für meine Person mit Tod abgehe. – Lenette, das frisset mir das Innere an – münze den Rock aus – merz ihn aus – ich schließe aus meinem Kleiderschrank zwei Paar Trauerschnallen bei, mit denen ich nichts mehr einzuschnallen verhoffe!« –

Sie lärmte unbändig und kanzelte mit Verstand alle »leichtsinnige, lüderliche Haushälter« ab, eben weil sie zu befahren hatte, er werde nunmehr alle die Möbeln, die er heute wie ein Fleischbeschauer geschätzet und befühlet hatte, eines nach dem andern in das Schlachthaus unter das Schlächter-Messer führen und wohl gar – du treuer Jesus! – den grillierten Rock auch. »Lieber leid' ich Hunger«, sagte sie, »als daß ich den Mörser um ein Spottgeld verschleudere. Morgen abend kömmt ja der Hr.[189] Rat und überbringt dir das Schreibgeld« (für die zwei Rezensionen).

»Das lässet sich hören«, sagt' er und trug den ausgerissenen Stößel waagrecht mit zwei Händen in die Kammer auf Lenettens Kopfkissen; dann trug er den Mörser, als den Spielraum der Spielwelle, abgesondert nach und stellte ihn auf seines: »Wenn ihn die Leute«, sagt' er, »schellen hörten, so dächten sie (denn wir stoßen nichts darin), ich wollt' ihn versilbern; und das möcht' ich nicht gern.«

Ihre beiderseitige Zentralkasse, die sich in seiner baumwollenen grün-gelben Börse und in ihrer angehangenen breiten Geldtasche aufhielt, mochte sich auf drei – Groschen gut Geld belaufen. Abends sollte ein Groschenbrot für die Barschaft geholt werden, und der Rest des metallischen Samens mußte morgen als Saat des Früh- und des Mittagstückes ausgeworfen werden. – Das Laufmädchen lief nach Brot aus; kam aber wieder mit dem Groschen und mit der Hiobspost: es liege so spät nichts mehr auf allen Bäckerläden als Zweigroschenbrote – der Vater (der Altreis Fecht) habe auch nichts bekommen. Das war eben erwünscht: der Advokat konnte mit dem Schuster in Kompanie treten und so, indem beide Associés ihre zwei Groschen in eine Kasse legten, leicht den Zweigroschenlaib erstehen. Die Fechtischen wurden befragt; der Schuster, der gar kein Geheimnis aus seinen täglichen Falliments machte, repartierte: Von Herzen gern! es soll' ihn Gott strafen, verzeih' es ihm Gott, wenn er und sein Lumpenpack heute etwas gefressen oder etwas ins Maul genommen hätten als Schuhdraht. – Kurz, die Vereinigung des gelehrten Standes mit dem dritten hob den Brotmangel, und die zwei Bündner wogen den zersägten Laib auf einer billigen Waage gleich, auf der die Ware zugleich der Gewicht- und Passierstein war. – – Ach! ihr Reichen! ihr wisset auf eueren Himmelbrot-Wägen nicht, wie unentbehrlich der Armut kleine Gewichte, Apothekerwaagen, Hellerbrote, eine Mahlzeit für 8 Kreuzer, wofür noch das Hemde unter dem Essen gewaschen wird59, und ein Brotschnitthandel ist, wo bloße Brot-Scherben und schwarzer[190] Brotpuder60 für Geld zu haben ist – und wie ein ganzer froher Abend einer Familie daran hängt, daß euere Zentner in Loten feilstehen! –

Man aß sich froh und satt; Lenette war gefällig, weil sie ihren Willen durchgesetzt. Der Advokat stellte nachts leise das wartende Pfandstück auf einen weichen Sessel. Am Morgen machte sie ihm durch Stille das Schreiben leichter. Es war aber ein gutes Zeichen, daß sie den Mörser nicht aus der Kammer in den Wandschrank zurücksetzte. Siebenkäs schoß übrigens aus diesem Bombenmörser allerlei Fragen in Bogen ab; er wußte gewiß, daß heute oder morgen diese Loretto- und Harmonikaglocke gegen geringes Abzuggeld noch über die Grenzen marschiere. Eine Frau wartet nur gern das Äußerste ab.

Abends klopfte der Pelzstiefel an. – Es war lächerlich und menschlich zugleich, zu erwarten, das erste, was der Redakteur des Götterbotens bringe, sei das kritische Macherlohn, damit man dem Redakteur wenigstens einen geheizten Leuchter und ein volles Bierglas vorzusetzen vermöge. Über eine solche Bangigkeit geht nichts, weil die Beschämung auf einmal alle Springfedern im Menschen zerbricht. Siebenkäs fragte nichts darnach, weil er wußte, Stiefel frage auch nichts darnach. – Aber die arme Lenette, deren Schamröte besonders durch die Liebe gegen Stiefeln höher wurde! – Endlich zog der Rat aus der Tasche man erwartete allgemein die Erscheinung der Rezensier-Sporteln – bloß seine Rappeemühle oder sein Schnupftabakreibeisen und griff in die Rocktasche, um eine halbe Stange Rappee auf die kleine Häckselbank zu stellen. Er hatt' aber die Stange schon aufgerieben. Er griff in die Hosentasche, um Geld zu einer neuen zu holen. Wahrhaftig er hatte – hier stieß er einen Fluch aus, für den er in England Fluchgebühren hätte geben müssen – die ganze Börse samt den Beinkleidern nicht nur (es waren seine plüschene), sondern auch samt dem richtig abgezählten Päckel eingewickelter Rezensier-Gebühren aus Dummheit zum Schneider geschickt. Er sagte, es wäre nicht das erste mal und der Meister sei recht[191] ehrlich zum Glück; die Sache war aber, er hatte nie den Inhalt seiner Börse auswendig gewußt. – Unbefangen bat er Lenetten: ihm eine Stange Rappee zu verschaffen, morgen übersend' er das Darlehn zugleich mit dem gelehrten Arbeitlohn. Siebenkäs fügte schelmisch bei: »Laß auch Bier mit holen, Beste.« – Er stellte sich mit dem Pelzstiefel ans Fenster, aber er konnte wohl vernehmen, daß die arme Frau – deren Herz gedrückt unter Seufzern lag und das die peine forte et dure ausstand – in die Kammer schleiche und ungehört den Gewürz-Holländer (Lumpenhacker) vom Sessel in die Schürze lege.

Nach einer guten halben Stunde kam endlich Rappee – Bier Geld – und Freude in die Stube; die Glockenspeise des Mörsers war in eine bessere für den Magen umgesetzt, und diese Glocke war gleichsam das Wandelglöckchen gewesen, das hier nicht bloß wie bei den Papisten eine Transsubstantiation oder Brotverwandlung anzeigte, sondern sogar eine selber erfuhr. Diese Gewürz-Lohmühle war schnell in Sägeblätter für die Rappee-Sägemühle des Rates auseinander gelegt. – Das Blut lief jetzo nicht mehr zwischen Klippen und Steinen, sondern ohne Wellen neben Wiesen über kleine Silberkörner des Lebens hinweg. So ist der Mensch: im großen Elend richtet ihn die nächste frohe Minute auf, im großen Glück schlägt ihn die entfernteste, noch unter dem Horizonte stehende trübe nieder. – Kein Großer, der Küchenmeister, Kellerschreiber, Kapaunenstopfer und Mundbäcker hat, wird von dem Vergnügen, zu bewirten oder bewirtet zu werden, gelabt; er bekommt und erstattet keinen Dank; aber der arme Wirt steht mit dem armen Gast, mit dem er den Laib und die Kanne halbiert, im Wechselbunde des Dankes.

Der Abend unterband mit einer weichen Binde den Morgen des Schmerzes – der Mohnsaft von 60 Tropfen Freude wurde jede Stunde eingenommen, und die Arzenei betäubte und berauschte sanft. Siebenkäs gab beim Abschiede dem alten guten Hausfreund einen herzlichen dankbaren Kuß für seinen aufheiternden Besuch, Lenette stand mit dem Leuchter in der Hand darneben. Der Mann, um sie zu entschädigen, daß er heute ihren kleinen Eigensinn im Mörser zu Grütze zerstoßen, sagte schnell und[192] freundlich zu ihr: »Gib ihm noch einen dazu.« Die Röte schlug wie eine Flamme an ihren Wangen hinauf, und sie bog sich zurück, als hätte sie schon einem Munde auszuweichen. Es lag am Tage, sie wäre, hätte sie nicht das Amt einer Fackelträgerin versehen, davongelaufen in die Kammer. Der Rat stand in einer leuchtenden Freundlichkeit – wie etwan eine weiße Wintergegend im Sonnenschein – vor ihr und paßte darauf, daß – sie ihn küsse. Das fruchtlose Lauern verdroß ihn zuletzt und noch mehr das voreilige Zurückkrümmen; beleidigt, aber im alten freundlichen Glanze warf er die Frage auf: »Bin ich keines Kusses wert, Frau Advokatin?« Der Mann sagte: »Sie werden doch nicht erwarten, daß die Frau ihn gibt – sie steckte ja mit dem Leuchter Ihr Haar und alles in Brand.« Jetzo neigte sich der Pelzstiefel langsam und bedächtig und gebietend auf den umflammten Mund herab und setzte seinen heißen auf ihren, wie eine halbe Stange tropfendes Siegellack auf die andere halbe. Lenette gab ihm durch das Zurückbiegen des Hauptes mehr Fläche; jedoch muß man sagen, daß sie, indem sie den linken Arm mit dem Leuchter, der Feuergefahr wegen, weit in die Luft hinaushielt, den Rat mit dem rechten, einer andern, nähern Feuergefahr wegen, höflich wegzustemmen vieles tat. Noch nach seinem Abgange schien sie ein wenig verlegen – ihr Gang hatte etwas Schwebendes, als wenn eine große Entzückung sie mit ihren Flügeln aufwehete – die Abendröte hielt auf ihren Wangen immerfort an, als der Mond schon hoch stand – und ihre Augen glänzten, ohne Aufmerksamkeit, ihr Lächeln kam eher als ihre Worte, und sie sagte wenige – an den Gewürzmörser wurde gar nicht gedacht sie faßte alles leiser und sanfter an und sah einigemal vom Fenster in den Himmel – sie hatte gar keine Eßlust mehr zum halben Zweigroschenlaibe und trank kein Bier, sondern einige Gläser Wasser mehr – – Ein anderer, z.B. ich, hätte die Finger aufgehoben und geschworen, er seh' ein Mädchen schweben, das heute vom Geliebten den ersten Kuß erlitten.

Ich würde meinen Schwur nicht bereuet haben, wenn ich am Tage darauf in das schnelle Morgenrot gesehen hätte, das an Lenetten bei der Ankunft der Gelder für die Rezensionen und[193] für den Rappee auffloh. Es war ein Wunder und eine Höflichkeit, daß der Pelzstiefel das Anleihen zur Tabak-Pechscharre nicht zurückzuzahlen vergessen hatte – kleine Schulden von 2, 3 Gr. kamen ihm immer aus dem zerstreueten Kopf. Aber Reiche, die immer weniger Geld mit sich schleppen als Arme und die es von diesen daher entlehnen, sollten solche Klitterschulden an eine Gedächtnissäule im Kopfe schreiben, weil es ungerecht ist, in den Beutel eines armen Teufels einzubrechen, der noch dazu keinen Habedank für seinen in den Lethefluß fallenden Groschen bekömmt...

– Ich gäbe zwei Bogen von diesem Manuskript darum, wenn das Schwenkschießen einmal käme, bloß weil das gute Ehepaar so sehr darauf und auf die Vogelstange bauet. Denn die Lage dieser Leute wird immer härter, die Tage ihres Schicksals gehen mit denen des Kalenders vom Oktober in den November, d.h. vom Nachsommer in den Vorwinter über, und moralische Fröste und Nächte nehmen mit den physischen zu. Ich will aber ordentlich fortfahren. –

Überhaupt ist schon der November, der die Briten novembrisieret, an sich der schlimmste Monat im ganzen Jahrgang, für mich ein wahrer Septembriseur; ich wollt', ich hätte den Winterschlaf bis zu Anfange des Christmonats. Der fünfundachtziger November hatte beim Antritte seiner Regierung einen fatalen pfeifenden Atem, eine kalte Hand wie der Tod und eine unangenehme Wolken-Tränenfistel; er war nicht auszustehen. Der Nordostwind, den man im Sommer so gern als einen Vorboten des beständigen Wetters hinter seinen Ohren herlaufen hört, bringt im Herbste bloß eine beständige Kälte mit. Unsern Eheleuten war die Wetterfahne eine Trauerfahne; sie zogen zwar nicht wie arme Tagelöhner mit Körben und Karren aus in den Wald nach abgefallenem Ast- und Leseholz, aber sie handelten doch den Wald-Fahrern dieses Brennholz, das erst durch ein zweites abgedampfet werden mußte, nach dem Gewichte wie indische Hölzer ab. Das naßkalte Wetter tat aber dem Beutel des Advokaten nicht halb so viel Eintrag als seinem – Stoizismus: er konnte nicht hinauslaufen und auf einen Berg steigen und sich[194] umschauen und sich rund im Himmel das suchen, was den beklommenen Menschen tröstet, was die Nebel des Lebens niederschlägt, was uns hinter einer anglimmenden Nebelbank wenigstens führende Nebelsterne zeigt. Wenn er sonst auf den Rabenstein oder auf eine Höhe stieg: so hob sich die Aurora der Glücksonne unter dem Horizont glimmend herauf – die Qualen des Erdenlebens lagen und schossen wie andere Vipern nur in den Klüften und Tiefen, und keine Klapperschlange konnte sich mit ihren Zähnen aufbäumen bis an seinen Berg – ach da im Freien, da in der Nachbarschaft vor dem Meere des unübersehlichen Lebens und des hohen Himmels, da zieht der blaue Kohlendampf unserer erstickenden Lage tief unter uns, da fallen die Sorgen wie Blutigel vom blutenden Busen, da breitet der Erhobene die wundgedrückten losgeketteten Arme wie fliegend im reinen Äther aus und will mit ihnen alles umfassen, was über ihm ruht, und strecket sie, gleichsam wiederkommend, nach dem unendlichen unsichtbaren Vater hin und nach der sichtbaren Mutter, nach der Natur, und sagt: »Nimm nur diese Linderung nicht zurück, wenn ich drunten wieder in den Schmerzen und im Nebel bin.« – Und darum sind Gefangne und Kranke so unglücklich in ihren festen Ketten; sie bleiben in ihrer Tiefe angeschlossen, worüber sinkende Wolken gehen, und sehen nur von weitem auf die Berge hinauf, wo man, wie in Sommermitternächten auf denen der Polarländer, die unter den Horizont gefallene Sonne mit einem milden, gleichsam schlummernden Angesicht in der Tiefe glimmen sieht. – Aber in solchem schlechten einsperrenden Wetter war ihm statt des Trostes der Empfindung, der sich unter dem freien Himmel entwickelt, der Trost der Vernunft beschieden, der im Treibscherben der Stube fortkommt. Sein größter, den ich jedem anlobe, war dieser: die Menschen stehen unter einer doppelten Notwendigkeit, unter der täglichen, die sie ohne Murren dulden, und unter der jährlichen und seltenen, die sie nur zankend tragen. Die tägliche und ewig wiederkommende ist die, daß im Winter bei uns kein Getreide blühet – daß wir nicht einmal, wie so manches Vieh, Flügel tragen – oder daß wir vollends nicht uns auf die Ringgebirge des Mondes stellen können, um[195] von da herab an den meilentiefen Abgründen die hinabsteigende köstliche Sonnenbeglänzung zu verfolgen. Die jährliche oder seltene Notwendigkeit ist, daß es in die Kornblüte regnet, daß wir in manchen Erden-Sumpfwiesen nicht gut und daß wir zuweilen, weil wir Hühneraugen oder keine Schuhe haben, gar nicht gehen können. Allein die jährliche Notwendigkeit ist ja so groß als die tägliche, und es ist gleich unsinnig, sich gegen Schlag-Lähmung als gegen Flügellosigkeit zu sperren; alles Vergangne – und dieses allein ist der Gegenstand der Qual – ist so notwendig und eisern, daß es in den Augen eines höhern Wesens derselbe Unsinn ist, ob ein Apotheker über seine abgebrannte Apotheke murrt oder ob er darüber stöhnt, daß er nicht im Mond botanisieren kann, wiewohl er in den dasigen Phiolen manches fände, was er in den seinigen vermisset.

– Ich will hier ein Extrablättchen über den Trost in unserem windigen naßkalten Leben aufsetzen. – Wer wieder über eine kurze Abschweifung äußerst verdrüßlich ist und kaum bei Trost, der suche eben seinen Trost im


Extrablättchen über den Trost


Es kann, d.h. es muß noch eine Zeit kommen, wo es die Moral befiehlt, nicht bloß andere ungequält zu lassen, sondern auch sich; es muß eine Zeit kommen, wo der Mensch schon auf der Erde die meisten Tränen abwischt, und wär' es nur aus Stolz! –

Die Natur reißet zwar mit solcher Eile Tränen aus den Augen und Seufzer aus der Brust, daß der Weise nie den Trauerflor vom Körper ganz abheben kann; aber seine Seele trage keinen! Denn ist es einmal Pflicht oder Verdienst, das kleinste Leiden heiter zu übernehmen: so muß auch das Verschmerzen des größten noch Verdienst sein, nur ein größeres, so wie derselbe Grund, der die Vergebung kleiner Beleidigungen gebietet, auch für das Verzeihen der größten gilt.

Das erste, was wir am Schmerze – wie am Zorn – zu bekämpfen oder zu verschmähen haben, ist seine giftige lähmende Süßigkeit,[196] die wir so ungern mit der Arbeit des Tröstens und der Vernunft vertauschen und vertreiben.

Wir müssen nicht begehren, daß die Philosophie mit einem Federzuge die umgekehrte Verwandlung von Rubens nachtue, der mit einem Striche ein lachendes Kind in ein weinendes umzeichnete. Es ist genug, wenn sie die ganze Trauer der Seele in Halbtrauer verwandelt; es ist genug, wenn ich zu mir sagen kann: »Ich will gern den Schmerz tragen, den mir die Philosophie noch übriggelassen; ohne sie wär' er größer und der Mückenstich ein Wespenstich.«

Sogar der körperliche Schmerz schlägt seine Funken bloß aus dem elektrischen Kondensator der Phantasie auf uns. Die heftigsten Stiche erlitten wir ruhig, wenn sie eine Tertie lang währten; aber wir stehen ja eben nie eine Schmerzenstunde aus, sondern nur zusammengereihete Schmerzen-Tertien, deren sechzig Strahlen bloß die Phantasie in den heißen Stich- und Brennpunkt einer Sekunde fasset und auf unsere Nerven richtet. Das Peinlichste am körperlichen Schmerze ist das – Unkörperliche, nämlich unsere Ungeduld und unsere Täuschung, daß er immer währe.

Wir wissen alle gewiß, daß wir uns über manchen Verlust in zwanzig, zehn, zwei Jahren nicht mehr betrüben; warum sagen wir nicht zu uns: »So will ich denn lieber eine Meinung, die ich in zwanzig Jahren verlasse, lieber gleich heute wegwerfen; warum will ich erst zwanzigjährige Irrtümer abdanken, und nicht zwanzigstündige?«

Wenn ich aus einem Traum, der mir ein Otaheite auf den schwarzen Grund der Nacht hinmalte, wieder erwache und das blumige Land zerflossen erblicke: so seufz' ich kaum und denke, es war nur geträumt. Wie, und wenn ich diese blühende Insel wirklich im Wachen besessen hätte und wenn sie durch ein Erdbeben eingesunken wäre: warum sag' ich nicht da: die Insel war nur ein Traum? Warum bin ich untröstlicher bei dem Verlust eines längern Traums als bei dem Verlust eines kürzern (denn das ist der Unterschied), und warum findet der Mensch eine große Einbuße weniger notwendig und wahrscheinlich als eine kleine? –

Die Ursache ist: jede Empfindung und jeder Affekt ist wahnsinnig[197] und fodert oder bauet seine eigne Welt; der Mensch kann sich ärgern: daß es schon oder erst 12 Uhr schlägt. – Welcher Unsinn! Der Affekt will nicht nur seine eigne Welt, sein eigenes Ich, auch seine eigne Zeit. – Ich bitte jeden, einmal innerlich seine Affekten ganz ausreden zu lassen und sie abzuhören und auszufragen, was sie denn eigentlich wollen: er wird über das Ungeheuere ihrer bisher nur halb gestammelten Wünsche erschrecken. Der Zorn wünschet dem Menschengeschlecht einen einzigen Hals, die Liebe ein einziges Herz, die Trauer zwei Tränendrüsen und der Stolz zwei gebogne Knie! –

Wenn ich in Widmanns Höfer Chronik die ängstlichen blutigen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges durchlas, gleichsam durchlebte; wenn ich das Hülferufen der Geängstigten wieder hörte, die in den Donaustrudeln ihrer Zeit arbeiteten, und das Zusammenschlagen der Hände und das wahnsinnige Herumirren auf den zerstreueten mürben Brücken-Pfeilern wieder sah, gegen welche schäumende Wogen und reißende Eisfelder anschlugen und wenn ich dann dachte: alle Wogen sind zerflossen, das Eis zerschmolzen, das Getümmel ist verstummt und die Menschen auch mit ihren Seufzern: so erfüllte mich ein eigner wehmütiger Trost für alle Zeiten, und ich fragte: »War und ist denn dieser flüchtige Jammer unter dem Gottesackertore des Lebens, den drei Schritte in der nächsten Höhle beschließen, der feigen Trauer wert?« – Wahrlich wenn es erst, wie ich glaube, unter einem ewigen Schmerze wahre Standhaftigkeit gibt, so ist ja die im fliehenden kaum eine.

Eine große, aber unverschuldete Landplage sollte uns nicht, wie die Theologen wollen, demütig machen, sondern stolz. Wenn das lange schwere Schwert des Kriegs auf die Menschheit niedersinkt und wenn tausend bleiche Herzen zerspalten bluten – oder wenn im blauen reinen Abend am Himmel die rauchende heiße Wolke einer auf den Scheiterhaufen geworfnen Stadt finster hängt, gleichsam die Aschenwolke von tausend eingeäscherten Herzen und Freuden: so erbebe sich stolz dein Geist und ihn ekle die Träne und das, wofür sie fällt, und er sage: »Du bist viel zu klein, gemeines Leben, für die Trostlosigkeit eines Unsterblichen,[198] zerrissenes unförmliches Pausch- und Bogen-Leben – auf dieser aus tausendjähriger Asche geründeten Kugel, unter diesen Erdengewittern aus Nebel, in dieser Wehklage eines Traums ist es eine Schande, daß der Seufzer nur mit seiner Brust zerstiebt, und nicht eher, und die Zähre nur mit ihrem Auge.« –

Aber dann mildere sich dein erhabner Unmut und lege dir die Frage vor: wenn nun der verhüllte Unendliche, den glänzende Abgründe und keine Schranken umgeben und der erst die Schranken erschafft, die Unermeßlichkeit vor deinen Augen öffnete und dir sich zeigte, wie er austeilt die Sonnen – die hohen Geister – die kleinen Menschenherzen – und unsere Tage und einige Tränen darin: würdest du dich aufrichten aus deinem Staube gegen ihn und sagen: Allmächtiger, ändere dich! –

Aber ein Schmerz wird dir verziehen oder vergolten: es ist der um deine Gestorbnen. Denn dieser süße Schmerz um die Verlornen ist doch nur ein anderer Trost; – wenn wir uns nach ihnen sehnen, ist es nur eine wehmütigere Weise, sie fortzulieben – und wenn wir an ihr Scheiden denken, so vergießen wir ja so gut Tränen, als wenn wir uns ihr frohes Wiedersehen malen, und die Tränen sind wohl nicht verschieden....[199]

56

Nur kann man nicht sagen, daß der Wind durch Verjagen böser Dünste nütze, weil er ja für alle schlimme, die er meinem Hintermann von mir zu brachte, mir wieder alle schlimme meines Vormanns zugeführet hätte, und weil das stehende Wasser nicht darum modert, weil kein fließendes den Moder wegschwemmt.

57

Denn es wird besonders der Frau viel leichter nachzugeben und stillzuschweigen, wenn sie recht als wenn sie unrecht hat.

58

Und die ganze »Auswahl aus des Teufels Papieren« ist in jenem Tone geschrieben; aber die Schein-Härte desselben, die sich gegen ganze Stände und Geschlechter richtet, war bloß die ästhetische Bedingung einer rein durchgeführten Satire.

59

Solche Restaurateurs für Bettler gibts in London.

60

In Paris wird mit den von den reichen Tafeln fallenden Brotkrumen und Brot-Pulvern ein ansehnlicher Handel-Verkehr getrieben.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 181-200.
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