Neunte Fahrt
Das Schadenfeuer – die Festung – Blanchard – der Bühnen-Messer – Rosiza

[979] Die Erde war mir jetzt ein Meersboden voll ungestalter Seetiere, zu welchem ich mit meiner Täucherglocke gar nicht mehr herunterwollte, ob ich gleich neue Möbeln einzukaufen hatte. Nur einmal landet' ich auf einem Saatfeld, um frisches Gestein einzunehmen. Ich ging sehr hoch und konnte, als ich über Kasselhessen33 schiffte, bloß dessen Mikromegas, den Herkules, sehen, aber weder Menschen noch Vieh noch Feldbau. Pernety schreibet sechs Fuß Sehweite vor für ein Gesicht, das gemalet sein will; und so ist für meinen Pinsel die Erde nach Verhältnis gerade in der rechten Erdferne von meiner Zeichenfeder.

Es machte meine Liebe zum Erdkreis nicht fetter, daß in einem mir unbekannten Städtchen am hellen Mittage ein Haus in vollen[979] Flammen und doch die Zuschauer bloß das Feuer besprechend, nicht begießend dastanden und keine Feuerglocke ging.34 Es nagte und leckte schon an einem nahen Sparrwerke. Der Bauherr des letztern dauerte mich sehr; dieses gewaltsame Festhalten an der Schwelle der Laufbahn hätte mich tyrannisiert als das Krummschließen am Ziele derselben.

Jetzt ging der Luft-Kaper gegen die Festung Blasenstein zu; ich beschloß, die Besatzung zu alarmieren. Gerade über ihr setzt' ich mich tiefer in der windstillen Region fest; und blies den Marseiller Marsch herunter. Himmel! nun wurde das Reichsfriedensprotokoll, die Festung, ein Kriegsschauplatz – alles, was waffenfähig war, rückte ins Freie aus, und die Festung tat einen Ausfall in die Festung selber in völliger Bereitschaft, den Feind über sich nachdrücklich zu empfangen. Der Kommendant ließ mir durch ein Sprachrohr zurufen, mich der Festung Blasenstein nicht weiter zu nähern, sonst müss' er schießen lassen. Ich warf an einem Stein die französische Antwort herab: »Herr Kommendant! ich kenne Ihre Pflicht recht gut, aber ich kenne auch die meinige. Meine Schiffsmannschaft ficht bis auf den letzten Mann, falls Sie es wagten, uns zuerst feindselig zu behandeln. Sie sehen aus dem Stein, an den ich die Antwort gebunden, daß wir mehr Wachteln35 zu tapfern Kernschüssen geladen haben als der Wachtelbischof auf Caprea36 indes Sie, mein Herr, Ihre Kanonen und Mörser gar nicht gegen uns steilrecht nützen können, sondern[980] sich bloß auf kleines Gewehrfeuer zurückgebracht sehen, das bis hieher, mehr zum Lauf- als Flugschießen gebraucht, nicht viel tun kann. Aber ich geb' Ihnen mein Ehrenwort, daß meine Flotille Sie weder angreifen noch die Festung entern oder berennen soll, da sie bloß als Observationsflotte hier stehen will. Empfangen Sie, mein Herr etc. etc. etc.

Jean Jean

Bürgerkapitän des Siechkobels.«


Ich sah, daß der Kommendant einen kurzen Kriegsrat mit seinem Stabe hielt. Endlich hörte ich wieder das Sprachrohr, und die Antwort der Festung war, ich sei ein Schlingel und möchte mich sogleich fortpacken, ohne länger zu spionieren. Ich replizierte durch den Stein: »Herr Kommendant, eine halbe Stunde Zeit bitte ich mir zu einer entscheidenden Antwort aus. Empfangen Sie, mein Herr, etc. etc. etc.« – So lange wollt' ich alles, was die stehende Sommerkampagne mitmachte, mit aufwärts gehaltnen Läufen, die gleichsam das Gewehr vor mir präsentierten, unten stehen sehen. Ich setzte folgendes auf: »Schlingel, mein Herr, ist ein Titel, den weder das Völkerrecht noch die große Nation an ihren Schiffskapitäns gewohnt ist; ganz Europa ist aber Zeuge, daß Sie mir ihn beigelegt. Sich und der Ungeschliffenheit schreiben Sie es nun zu, wenn die große, aber geschliffene Nation Ihren Blasenstein vom Kaiser zum Faustpfand verlangt und dann schleift. Ich sehe, daß die Festung sich vor mir fürchtet; verteilen Sie Gözens Todesbetrachtungen auf alle Tage unter Ihre Garnisonisten; diese beleben; der Krieger wird dreist, wenn er daraus immer zu sich sagt (jetzt sah ich hinunter, die Besatzung observierte in einem fort den Brief-schreibenden Kobel, der sie blockierte): ›Ich will stets mein Ende bedenken, damit es mir wohl gehe; jede Kugel, jeder Spieß soll mir zurufen: ich treffe dich, und wenn ich meine sterblichen Glieder beschaue, will ich mir vorhalten, wie leicht sie weggeschossen sind. Gedenke des Todes, Soldat!‹ – Wie gesagt, das stärkt. Indes sollen Sie meiner Scherenflotte wegen für keinen Heller Belagerungsmünzen machen müssen; ich segle jetzt ab, nachdem ich Ihren ganzen Blasenstein[981] genau genug besehen und abgezeichnet habe. Empfangen Sie etc.«

Ich schickte den Brief-Stein oder die Brief-Wachtel samt einem Fluge anderer hinab, und der Orlogkobel fuhr höher hinan und hinweg, unter dem entschlossenen Nachfeuern der ganzen Besatzung. –

Der Tempel der Natur war voll ruhiger Kolossen gelagert, aber der Mensch stieg klein und kleinlich auf ihnen herum; er steht in diesem Tempel wie die römischen Deputat-Juden in dem christlichen, wo sie niesen, husten, scharren, um nur dem Bekehren zu entkommen. – Aber warum hab' ich das Unglück auf meiner ganzen Fahrt, daß kein Nordost bläset, der mich über die Schweiz führte?

Diese hehre, heilige Gegend konnt' ich wenigen, am wenigsten dem daherfliegenden Frosch, der sich gerade wie ein anderer im dünnen Luftraum aufbläset, nämlich dem erbärmlichen Luft-Styliten Blanchard vergönnen, der für Geld seinen Küstenhandel nahe an der Erde trieb, und der jetzt mit dem tiefern Gegenwinde daherfuhr. Ich, zu einem Luft-Treffen fertig, stieß wie ein Falke auf sein Schiff, sah' es aber leck nur langsam sinken; der Sünder hatte manches an sich, was er hätte brechen mögen, den Hals kaum gerechnet. Mög' einer diesem Windschiffer einmal hinter einer Windbüchse nachschauen!

Als ich über das Laucher Komödienhaus wegzog, dankt' ich dem Himmel, daß ich nichts davon sah als dessen Zeitmesser an den Mauern. Wie Wasseruhren an den griechischen Festen (nach Aristoteles) den wetteifernden Bühnenstücken die Dauer ihrer Aufführung zumaßen: so standen nicht tragbare, sondern tragende Wasseruhren, die Laucher Herren, gegen die Wand des Hauses gebogen, und die Länge der Szenen war aus der Länge ihres Standes leicht zu ermessen.

Häßlich spät ging ich in Rosiza nieder in der Jüdenstraße (keiner Judengasse), bloß um meine Schaukel zu amöblieren. Doch mußt' ich mich noch abends mit dem Wirt überwerfen, der durchaus wissen und nachher notifizieren wollte, zu welchem Tore ich einpassiert sei, weil man den Torzettel mit seinem Nachtzettel[982] konfrontiere. Da ich nun zu gar keinem hereingekommen: so ließ er mich offiziell visitieren, um zu wissen, ob ich nicht den König betröge. – Am andern Tag stieg ich und ein Drache, den ein Junge als meinen Statisten und Nuntius de latere emporschickte, nebeneinander in die Luft; die Straße war etwa mit einer fünf Schuh hohen Lavaschicht von zuschauenden Rosizer-Köpfen überschüttet, welche immer weiterfloß. Rosiza wollte mich mit meinen alten Freunden – mit seinem Freiheitsgeiste – und seinem Gesellschaftstone so verstricken wie sonst; aber der Südsüdwest blies, und ich war des bewohnten Landes satt und so durstig nach dem leeren, reinen Meer.

33

Es ist schwer zu begreifen, was er damit haben will, daß er den Namen umkehrt, so wie damit, daß er weiter unten Berlin, wovon er offenbar spricht, den Namen Rosiza schenkt, der einem Ortlein im Ziller-Kreis in Steiermark gehört. D. H.

34

Von solchen schiefen Seitenblicken wimmeln alle Reisehistorien zu Wasser und zu Land. Es ist ja offenbar, daß das Feuer in einem Residenzstädtchen brannte, wo man nicht eher Feuerlärm und Anstalten machen konnte, als bis es der fürstlichen Familie vorher gesetzmäßig angezeigt worden, weil sonst Schreck derselben die unmittelbare Folge vom Trommeln wäre, zumal nachts. Allein da doch auch dieses spätere Notifizieren das Zusammenfahren der Familie nur verschiebt, nicht ersparet: so wär' es vielleicht vernünftiger angefangen, wenn man ihr – besonders im ersten Schlafe – die ganze Not verhehlte und alles bloß leise löschte und nur durch stille Weckanstalten mit den Händen von Bette zu Bette die Leute zusammenbrächte, besonders da ich nicht sehe, inwiefern die Familie dabei interessiert ist, solange das Schloß nicht brennt. D. H.

35

Dreipfündige Handgranaten.

36

Das Wachtelbistum hat diesen Namen, weil die jährlich zweimal darüberziehenden Wachteln viel eintragen.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 979-983.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch. IB Nr. 434,
Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch: Almanach für Matrosen wie sie sein sollten
Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch (Insel Bücherei)
Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch und Über die natürliche Magie der Einbildungskraft.
Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch. Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten.

Buchempfehlung

Droste-Hülshoff, Annette von

Ledwina

Ledwina

Im Alter von 13 Jahren begann Annette von Droste-Hülshoff die Arbeit an dieser zarten, sinnlichen Novelle. Mit 28 legt sie sie zur Seite und lässt die Geschichte um Krankheit, Versehrung und Sterblichkeit unvollendet.

48 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon