II.

[332] Über Charlotte Corday47


Ein Halbgespräch am 17. Juli


Der regierende Graf von -ß hegte eine solche Liebhaberei für sittliche Heroen, daß er einen Bildersaal ihrer Gestalten und eine Bibliothek weniger von großen Schriftstellern als über große Menschen unterhielt, und daß ihm ein Messias teuerer war als eine Messiade und Plutarch lieber als Tacitus. Er war und handelte selber in Paris so lange bei dem Niederreißen der Bastille mit, als die Stadt noch nicht in eine größere durch die Bergpartei verkehrt war. Da ich nun wußte, daß er nach seinem weltlichen Heiligenkalender die Geburt-, Todes- und Taten-Feste großer Menschen feierte – zu welcher stillen Feier er nichts gebrauchte als ihre Geschichte, ihr Bild und sein Herz – und daß er folglich auch das unbewegliche Jubelfest von Cordays Todestag den 17ten Juli begehen würde; – und da mir ferner bekannt war, daß man ihn in seinem unausgesetzten Allerheiligen-Tag doch immer stören würde, man komme, wenn man wolle: so ging ich am 17ten abends zu ihm, wiewohl bloß um meinen in ein historisches Bildnis der Tagheiligen Corday verwandelten Auszug aus dem Moniteur darzubringen und vorzulesen. Eigentlich brachte ich ihm weniger eine Gabe als ein Opfer, da ich unter dem Zusammenstellen mich von dem Moniteur 1793 mit unbeschreiblichem Ekel vor der damaligen Bluttrunkenheit der blutdürstigen Bergpartei, vor deren leerem betrunkenen Schwatzen, Poltern und Taumeln mußte erfüllen lassen.

Als ich ankam, traf ich schon seinen Regierungpräsidenten bei ihm an; – einen rechtlichen kühlen Mann, der Zeit und Raum gefunden, zwischen seinen Aktenstößen sogar Kants metaphysische[332] Sittenlehre aufzulegen und aufzuschlagen – er schien seinen regierenden Herrn fast nur zu besuchen, um ihn zu bekriegen und abzusetzen in der Philosophie. Indes eben weil nur die poetischen Grundsätze des Grafen, nicht aber dessen befestigt-fortdringenden Handlungen den prosaischen Grundsätzen des Präsidenten zuwider liefen: so schloß sich dieser aus Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zugleich desto fester an sein (jetzo nicht mehr unmittelbares) Reichsfürstchen an und an den Kampf mit ihm.

Bei meinem Eintritt war das Gemälde der Disputa schon auseinandergerollt »Girtanner schrieb« – so sagte der Präsident – »folgendes mit Recht: ›Maria Anna Charlotte Corday aus Saturnin des Vignaux (in der Nieder-Normandie) ist noch verabscheuungswürdiger als Marat, weil er nur Meuchelmorde veranstaltete, sie aber einen beging, und weil der Zweck kein Mittel heiligt.‹«

Etwas widerwärtig trat das Zitat mir und dem Cordays-Tage aus dem Juli- oder Ernte-Monat und meiner in der Tasche mitgebrachten Geschichte derselben entgegen »O Gott!« sagt' ich (mit jener umgestürzten Überfülle von Überzeugung, die eben darum vor Strom es kaum zu Tropfen bringt) »Gerade umgekehrt!«

Da es schon bekannt ist, daß der Präsident nicht nur aus meiner Antwort, sondern auch überhaupt aus mir als Weltweisen nichts machte: so führ' ich gern zu seiner Rechtfertigung an, daß er es mit mir als Poeten gut meinte, da er einen ordentlichen Dichter nicht für unwürdig erklärte, der einkleidende Schneidermeister eines philosophischen Schul- und Lehr-Meisters zu werden und als der wahre Volklehrer dem Haufen manches zu versinnlichen, was der Meister vom Stuhle zu sehr vergeistigte, so daß seine Schreibfeder, indes die philosophische als Schwanzfeder hinten den Vogel steuere, als Schwungfeder im Flügelknochen ihn hebe.

Darauf fuhr ich ruhiger fort »Das Veranlassen des Mordes scheint niedriger zu sein als jedes Begehen desselben, weil es feiger ist – weil es zwei fremde Leben aussetzt – und weil es die dingende und die mordende Seele zugleich vergiftet. Und wenn[333] eine öffentliche, uneigennützige, kriegerische, das eigne Leben absichtlich hingebende Hinrichtung ein Meuchelmord ist: wie nennt dann Girtanner einen heimlichen, bezahlten, gefahrlosen Mord?«

Der Präsident fragte lächelnd: »ob man das fremde Leben opfern darf? – Ja ich möchte vorerst wissen, ob nur das eigne wegzugeben ist. Kann die Sittlichkeit ihre eigne Aufhebung durch den Tod gebieten und sich durch eine Handlung das Mittel (was unstreitig das Leben ist) benehmen, sich zu wiederholen? Denn der Glaube an ein zweites Leben kann die unbedingten Moral-Mandata ohne Klausel für das erste nicht leuterieren und reformieren. Wohl ist Wagen des Lebens erlaubt, aber nur bei der Möglichkeit seiner Erhaltung, nicht bei der Gewißheit seines Verlustes.«

»Meiner Antwort« – sagt' ich – »tut es vielen Vorschub, daß ich geradezu leugnen kann, es habe noch irgend jemand sein Leben geopfert; denn da die Natur es jedem ohnehin abnimmt, so kann er nur Jahre und Tage hingeben, nicht aber das heilige unschätzbare Leben selber; ja er legt auf den Opferaltar eine Gabe von einem ihm unbekannten Gewicht, vielleicht ein Jahrzehend, vielleicht eine Stunde. Und wird denn nicht alles rechte geistige Leben eine vergiftete Hostie für das körperliche? Ist nicht sogar jeder Schacht und jede Handwerkstube ein Welkboden und Darrofen des Körpers, so daß nur das Tier-Leben die rechte und längste Spinnschule für die Parze Lachesis bliebe? – Am Ende hätte man, nach einer solchen philosophischen Heils-Lehre, die hypochondrische Berechnung über die Einbuße einiger Lebensstunden bei jedem einzelnen kleinen Opfer für den andern durchzumachen – die Tugend liefe auf Hufelands Rat länger zu leben hinaus, und man müßte Arzneikunde studieren, um nicht verdammt zu werden. – Wenn auch gleich einige Philosophen die Tugend, wie einen Prozeß, nicht gern mit der Exekution anfangen, sondern gelassener mit münd- und schriftlichen Verhandlungen: so kenn' ich wieder andere, z.B. Sie und Regulus, welche, wie dieser, in der Wahl zwischen gewissem Tode und Meineide, doch lieber die Abkürzung ihres moralischen Spielraumes[334] erwählten. Aber wozu dies alles? Entweder ist von äußerem Erfolge die Rede – sodann kann die Innerlichkeit (Intension) des Lebens die Ausdehnung (Extension) desselben so freigebig vergüten, daß eine Todesstunde, welche Völker beseelt und begeistert, ein kaltes tatenloses Jahrzehend überwiegt –, oder es wird vom Heiligsten gesprochen: dann setzt die Sittlichkeit, hoff' ich, nicht Vernichtung, nicht einmal Unsterblichkeit voraus, sondern Ewigkeit. Der Engel in der Menschheit kennt wie Gott immer seinen ewigen Wohnhimmel, keine Zeit und Zukunft oder irgendeine Sinnenrechnung; dieser Engel, nicht nach und von Jahren wachsend, da es in der Ewigkeit keine gibt, ist aus Gewohnheit blind gegen die gefärbten Schatten und Nachtschatten der Endlichkeit, weil sein Blick sich in der ewigen Sonne verliert.«

»Der Krieger,« sagte der Graf, »der auf eine Mine beordert wird, damit er den Feind dahin locke und mit ihm zugleich auffliege, hat nur meine Bewunderung, wenn er es weiß und doch stirbt.«

»Zu schließen wäre vielleicht daraus,« erwiderte der Präsident, »entweder, daß demnach es ganz und gar keinen Selbmörder mehr gäbe, oder daß jeder einer, nur ein subtiler wäre. Aber eine schwierigere Untersuchung steht uns bevor – Nämlich, mit welchem Rechte erhebt, frag' ich bei Corday, ein Mensch, der kein vom Ganzen angenommener Richter ist, sein einsames Privaturteil zu einem unerwarteten Kabinett-Befehle und zu einem Todesurteile, das er noch dazu selber, ohne jemand zu verhören oder zu befolgen, in demselben Nu ausspricht und vollstreckt, wie Corday als Scharfrichterin eines Scharfrichters tat? Welcher Heinrich ist denn vor seinem Ravaillac geschirmt? Ja, wie dieser48 irrte Marats Mörderin und griff zugleich in Zweck und Mittel fehl, wiewohl keiner eines adeln kann. Denn sie nahm Marat für den wichtigen Kopf des Staats-Bandwurms, von den Journalen Perlet und Courier français verleitet; aber sie hätte, wie Archenholz meint, besser Robespierre und Danton, d.h. die Instrumentenmacher[335] anstatt des Instruments, zerstört oder am besten (wie Gentz auch glaubt) gar niemand angefallen, weil entweder das Opfer aus der herrschenden Partei zum Blutzeugen, also zum Bluträcher und Verkündiger derselben wurde, oder jede hingerichtete doch nur einer zweiten, ebenso schlimmen zurückte, wie diesmal der Gemeinde-Rat zu Paris. In Ihrer Sprache würden Sie sagen: der am Schwanze angeschnittene Blutigel sog nur durstiger fort; die Ausbrüche auch dieses Vulkans geben nur neue Berge von Bergparteien.«

Ich versetzte »Da ich kein Sokrates bin, so behalt' ich lange Reden leicht. Würde Sie, frag' ich von vornen zurück, falls es nur einen All-Mörder gäbe, nicht der Unwille der Retter- und Rächer-Liebe so übermannen, daß Sie seine Rolle an ihm selber wiederholten? – Würden Sie Gewissensbisse haben, wenn Sie als bloßer Mensch, nicht als Präsident, ohne alle Kriminal-Akten und Pein-Gesetze eigenhändig den Teufel, den Beelzebub, den Obersten der Teufel niedergestoßen hätten? – Wenn wir uns so sehr fürchten, die Richter eines Menschen zu sein: so seh' ich doch nicht ab, wie wir nur einen Tag lang leben und gegen andere Menschen handeln wollen, ohne uns, obwohl über kleinere Fälle, zu ihren Richtern, zu ihrem Kampf- und Friedensrichter, zur ersten Instanz aufzuwerfen und einzusetzen. Und wer darf oder sollte überhaupt richten als der geistige König über geistige Kriegsgefangene? Und mußte nicht irgend einmal ein Kühner über eine Menge die Todes-Urteile festsetzen, nach denen wieder jene Kühnen gerichtet werden, die eines über einen einzelnen fallen mit eigner Gefahr?

Sie sprachen, lieber Präsident, von Kabinett-Befehlen eines Einzelnen, der keine Kabinetträte hat. – Aber gäb' es auf der Erde keine anderen oder schlimmeren Eigenmacht-Ukasen als die der von der Natur selber zu unsichtbaren Obern der unsichtbaren Untern gekrönten Magnaten oder der sittlichen Heroen: so könnte die sittliche Mittelwelt ruhig schlafen; nur aber die unsittliche Unterwelt, der eben keine Ruhe gebührt, büßte diese ein. Eine Volkmenge von Cordays würde die einzelnen Marats in der Geburt ersticken (wie jetzt die Marats-Menge die einzelnen[336] Cordays), eine Brutus-Menge würde die Cäsars zwar nicht unterdrücken (denn große Seelen wissen auf mehr als eine Weise zu regieren, und nur eine schlechte Welt beherrschen sie schlecht), aber wohl lenken und veredeln.

Übrigens ist von den einzelnen Cordays so viel für die Menge zu fürchten als von den Steinwürfen der Mond-Vulkane für die Erde.

Sie gedachten noch Ravaillacs. Warum haben noch alle bisherigen Jahrhunderte einen solchen Unterschied zwischen Heinrichs Mörder und Cäsars Töter gemacht, als der zwischen Mord und Tugend ist; – und warum ertrüge kein Herz den Römer auf der Folterbühne ungerührt, hingegen mit Freuden den Königs-Moloch? – Aber allerdings entscheidet eben der gewaltige Unterschied, daß Brutus nicht als Einzelwesen, sondern als kriegerisches Oberhaupt einer angegriffnen Verfassung handelte und daher sich nicht vor Richterstühlen, sondern bloß auf Schlachtfeldern zu rechtfertigen brauchte. Auch Corday bekämpfte und durchbohrte nicht als Bürgerin einen Staatsbürger, sondern als Kriegerin in einem Bürgerkriege einen Staatsfeind, folglich nicht als Einzelne einen Einzelnen, sondern als gesundes Partei-Mitglied ein abtrünniges krebshaftes Glied.49[337] In jeder weitgreifenden Handlung wagt das Herz, wenn nicht sich, doch sein Glück; nur wenigen Glücklichen hat das Schicksal ein reines Verhältnis zum Tun beschieden, aller guter Wille der Absicht reicht nicht aus, da wir, obwohl nicht für den Erfolg, aber doch für dessen Berechnung, die oft eine des Unendlichen ist, zu stehen haben. Unsere Psyche kann, möcht' ich sagen, gleich den Vögeln nie steilrecht oder gerade auffliegen, sondern nur auf dem schiefen Umweg. Rechnen wir mit zitternder Hand, so gleichen wir den moralischen Schulmeistern, die oben auf dem Ufer einer Sündflut sitzen, und die vor einem gedeckten grünenden Sessiontische voll Zeugenverhöre, Geburtscheinen und Konduitenlisten so lange über die Frage: wer wohl, in Betracht seines besondern Werts und Alters, zuvörderst aus den schwimmenden Völkern herauszuholen wäre, – abrechnen und abstimmen, bis sämtliche ausgeschätzte Welt ersoffen ist und die Flut vertropft. Ich weiß nicht, was mit einem solchen Kleinmut noch anders auf der Erde zu wagen und durchzusetzen ist als etwan das, was z.B. am heutigen 17. Juli oder Alexius-Tage der Kalender anrät: säet Rüben und raufet den Flachs. Ans Hinwagen irgendeines Lebens wäre dann so wenig zu denken, daß man nicht einmal mit der Auflösung der Frage zu Rande käme: ob man nur eines geben dürfe; ob man nicht zu kühn verfahre, wenn man auf die Erde einen ganz neuen unbekannten Menschen einführe, für dessen Anlagen und Einflüsse man gerade so wenig stehen könne als für dessen Schicksale, indem er ja der jährliche Septembriseur jeder zwölf Monate und des Jahrhunderts werden und durch diese in Gift-Gärten des Geistes und in Hungerwüsten des Körpers unheilbar untergehen könne. Ich erstaune dann über einen, der heiratet.«

»Aber«, versetzte der Präsident, »was geht die reine Absicht der Erfolg an? Die allwissende und allmächtige Vorsehung mag mit sich selber diesen ausmachen; ich bin keine. Gesetzt z.B. eine Frau riefe in der Nacht um Hülfe, und ich eilte hinzu und brächte aus meinem Sandwege einige leicht Fünkchen gebende Sandkörnchen mit in die mir unbekannte Pulvermühle, und hundert Menschen flögen in die Luft: was hätt' ich denn verschuldet? Nichts, rein nichts!«[338]

»Gewiß,« sagt' ich, »aber eine unbesiegliche Trauer bliebe Ihnen doch zurück. Da überhaupt der Mensch nicht bloß groß wollen (wo ja, ohne Rücksicht auf Außen und Innen, Mögen und Vermögen ohne Zeit ineinanderfallen), sondern auch groß handeln will: so muß er durchaus noch auf etwas, was jenseits des Reichs der Absicht liegt, hinüberstreben; zwei gleich reine Helden der Menschheit, wovon der eine im Kerker rasten muß, der andere ein weites Leben ausschaffen darf, würden den Unterschied ihrer äußeren Rollen wie einen zwischen Unglück und Glück empfinden. Kurz wir wollen wirklich etwas; wir wollen die Stadt Gottes nicht bloß bewohnen, sondern auch vergrößern. Nur dringen wir vor lauter Verboten selten zu den Geboten selber hindurch und brauchen sechs Wochentage, um auf einem Sonntage anzulanden. O, was zu fliehen ist, weiß sogar der Teufel; aber was zu suchen ist, nur der Engel.«

»Wir wollen auf die Corday zurückkommen«, sagte der Präsident »es wirft sich sogar über Notwehr, d.h. den Erkauf meines Lebens durch ein fremdes, die Frage der Rechtmäßigkeit auf. Warum soll das meinige stets mehr wiegen als das fremde? Ich für meine Person könnte deshalb den größern Verteidigung-Mut weniger gegen Angriffe des meinigen als gegen die eines fremden, z.B. meiner Kinder, beweisen, wie eine Mutter nur für diese, nicht für sich eine Löwin wird.«

»Allerdings entscheiden hier Lebens-Abwägungen nicht,« sagt' ich, »weil sonst zwei Drittel der Menschen vogelfrei würden, sondern die verletzte Geistes-Majestät, die am Leibe oder Leben so beleidigt wird wie ein Fürst an seinem beschimpften nächsten Diener, soll gerächt und behauptet werden. Jeder Despot tastet in meinem körperlichen Leben nur mein geistiges an. – Weswegen sonst glaubt der Beleidiger sich Genugtuung durch den Zweikampf zu verschaffen? als weil dieser die verletzte Geister-Gleichheit durch ein gleiches Doppel-Losen um das Leben wieder heilt?« – »Unsere Moral« – fing der Graf an – »scheint mir zu sehr eine Häuslichkeit-Moral und mehr eine Sitten- als Tatenlehre Sie ist bloß eine Geschmack-Lehre für das schaffende Genie. Es gibt ebensowohl sittliche Genie-Züge, die darum nicht in Regeln[339] und von Regeln zu fassen, also nicht voraus zu bestimmen sind, als es ästhetische gibt; beide indes ändern allein die Welt und wehren der fortlaufenden Verflachung. Es erscheine ein Jahrhundert lang in einer Literatur kein Genie, in einem Volke kein Hochmensch: welche kalte Wasser-Ebene der Geschmack- und der Sittenlehre! Alle Größen und Berge in der Geschichte, an denen nachher Jahrhunderte sich lagerten und ernährten, hob das vulkanische, anfangs verwüstende Feuer solcher Übermenschen, z.B. Bonaparte Frankreich durch Vernichtung des nur durch Schwächen vernichtenden Direktoriums, kühn auf einmal aus dem Wasser. Allerdings häufen sich auch durch leere Korallen endlich Riffs und Inseln zusammen; aber diese kosten ebenso viele Jahrhunderte, als sie dauern und beglücken; wenn hingegen der Feuer-Reformator mitten aus einer faulenden, moderigen Welt eine grünende, aus einem Winter einen Vorfrühling emportreiben soll: so muß er die zeugenden Jahrhunderte des trägen Werdens zum Vorteile der genießenden durch eine Kraft ersetzen, welche jedesmal fällend und bauend zugleich ist. Wer nun diese Kraft besitzt, hat das Gefühl derselben oder den Glauben und darf unternehmen, was für den Zweifler Vermessenheit und Sünde wäre bei seinem Mangel des Glaubens und folglich auch der Kraft. Was große Menschen in der Begeisterung tun, worin ihnen ihr ganzes Wesen, die höhere Menschheit neu erhöht und verklärt sich spiegelt, so wie dem tiefer gestellten Menschen in seiner Begeisterung seine dunkele Menschheit erglänzt – das ist Recht und Regel für sie und für ihre Nebenfürsten, aber nicht für ihre Untertanen; daher kommt ihre scheinbare Unregelmäßigkeit für die Tiefe. Die Sonnen stehen und ziehen überall am Himmel; aber die Wandel-Erden sind auf ihren Tierkreis eingeschränkt und an eine Sonne gebunden. –«

»Es muß«, setzt' ich dazu, »etwas Höheres zu suchen geben, als bloß Recht, d.h. nicht Unrecht zu tun – worauf doch die folgerechte Sittenlehre sich eingrenzt –; aber dies Höhere ist in einer Unendlichkeit von Reizen und Bestimmungen so wenig durch das Sitten-Lineal auszumessen oder geradzurichten als die raffaelischen und die lebendigen Figuren durch mathematische Figuren.«[340]

»Mangel an Glaubensmut, kann man sagen,« fuhr der Graf fort, »nicht etwa Mangel an Wohlwollen, erkältet und erschlafft die Menschen, die meisten würden der Gewißheit eines großen schönen Welt-Erfolgs ihr Leben hinopfern, das sie ja so oft bei kleinern Fällen für eine Unmäßigkeit, Rechthaberei u.s.w. weggeben. Aber dieser Glaubens-Mut ist eben entscheidend und göttlich und durch nichts zu erstatten. Da, wo Feige ohne Richtung treiben, bestimmt er seiner Welt die Himmels-Gegend, in welcher, wie man für die Luft-Kugeln vorgeschlagen, er nur von einem Adler-Gespann gelenkt und gezogen wird; und Flügel sind seine Arme. Mit diesen Flügeln schlägt eben der Adler die weiche Welt häufig mehr wund als mit Klauen und Schnabel. O ich möchte in keinem Leben leben, das kein großer Geist anrührte und durchgriff und umschüfe; – vor keiner Bühne möcht' ich stehen, wo es nichts gäbe als den Chor der Menge, der, wie der theatralische bei den Griechen, bloß aus Greisen, Sklaven, Weibern, Soldaten und Hirten bestand. Welcher Unterschied, an etwas sterben, und für etwas sterben! O sie sollen immer hinziehen unter ihre Opfertore, auf ihre Blutgerüste, auf ihre tarpejischen Felsen, jene großen Seelen über der Erde; schwingt euch kühn auf die schwarzen Flügel des Todesengels, sie entglimmen bald farbig und glänzend, ihr, Sokrates, Leonidas, Morus und selber du, edle Corday, deren unbewegliches Jubelfest eines heiligen Todes der heutige Tag feiere!« –

»Sie sind schon«, sagt' ich, »auf diesem breitesten Flügel, der alles wegträgt, davongeflogen, aber uns sind Heiligen-Bilder auf Altären zurückgeblieben zum Anbeten und zum Erleuchten mit Altarlichtern. Das schönste Beleuchten ist wohl die Wiederholung ihres Lebens, wär's auch bloß die historische; das Leben wird nur angeschaut, nicht begriffen. Die Begriffe – die ihrer Natur nach schon aus den gemeinsten Wesen das Lebendige niederschlagen – lassen vollends aus ungemeinen zum Vorteil des Allgemeinen gerade das Köstlichste fallen und bewahren höchstens aus ihnen die Muttermäler, indem immer die Mannigfaltigkeit der Irrwege den Begriff mehr bereichert als die lebendige Einheit der Recht-Bahn. Ein historisches Zusammenleben[341] mit einem Heros kann oft ein wirkliches darum übertreffen, warum die Schimmerfarben eines Vogels nicht auf seinen zum Fluge ausgebreiteten Flügeln erscheinen, sondern auf seinem zur Ruhe zusammengelegten Gefieder.«

Ich entdeckte nun dem Grafen, daß ich wirklich für den heutigen Abend eine historische Zusammenstellung der Seelen-Züge Cordays unternommen und mitgebracht hätte. Dies schien ihn herzlich zu erfreuen, wiewohl er neue Züge leichter mitteilen als empfangen konnte. Er schlug sogleich vor, den freien Himmel und einen in zwei Lindenbäume eingebaueten Altar zum Tempel unserer Betrachtung zu wählen, um den Untergang der Heldin und der Sonne vereinigt stärker anzuschauen. Der Präsident versicherte, er höre mit Freuden zu, nur werde man ihm auch den schönsten Eindruck historischer Kunst-Rührung doch für keinen Widerruf seiner Sätze anrechnen. Der Abend war reizend, mit Gesang und Duft gefüllt, nur daß in Süden weiße Wolkenberge aufwuchsen und mit ihren Kratern voll Feuer dem Norden zurückten. »Ich muß aber voraussagen,« – sagte jetzt der Präsident, der sehr ernsthaft am Himmel über sich herumsah – »daß ich, sollte das Gewitter näherkommen,« (denn es donnerte von ferne schon) »mitten im größten Genusse der Geschichte mich davonmachen werde, weil ich gegen meinen Grundsatz, über die moralische Pflicht der Lebens-Schonung, um keinen Preis verstoßen will.« Der Graf warf ein, wie es nie in seinem Tale eingeschlagen; aber er schüttelte unbekehrt den Kopf.

Im Lindenkabinett empfing uns Corday selber, nämlich das Bildnis ihrer schönen und großen Gestalt, das der Graf mit Mühe echt erobert hatte.50

Denn noch am erblasseten Gesichte, das schon von der Hand des Henkers durch einen Backenstreich verunreinigt worden, nagte die Parteiwut fort und suchte die Schönheit, die sie entseelt hatte, nun auch zu entstellen, so wie die thessalischen Hexen sich in Tiere verwandeln und dann den Toten das Gesicht abfressen.51[342] Indes mußte derselbe Chabot, der im Konvent den getöteten Marat einen zu weichherzigen Mann genannt52, dont le coeur bon et dont l'humanité étoient accoutumés à des sacrifices habituels – die tötende Corday hingegen un des monstres que la nature vomit pour le malheur de l'humanité – dieser mußte gleichwohl von ihr sagen: avec de l'esprit, des grâces, une taille et un port superbes elle paroît être d'un délire et d'un courage capables de tout entreprendre.

Ich sah diese zweite Jeanne d'Arc lange an – sooft ich sie auch schon angesehen – und fing ihre kurze Taten- und Leidensgeschichte schüchtern, als sei diese zu kalt gemalt, vorzulesen an.

»Die redlichen und feurigen Deutschen hätten alle die Revolution bei deren Anfange mit keiner aus der Geschichte hoffend vergleichen sollen, weil in dieser noch kein zugleich so verfeinerter und moralisch vergifteter Staat – wie sich der gallische in seiner Mutterloge Paris und in den mitregierenden höhern Ständen und Städten aussprach – je sich aus seinen Galeerenringen gezogen hatte; sie hätten alle von einem Erdbeben, das so viele Gefängnisse und Tiergärten aufriß, nicht viel hoffen, noch weniger dabei an Rom und Sparta denken sollen, wo die Freiheit bei einer nicht viel größern Verderbnis aufhörte, als die war, bei der sie in Paris anfing. In jedem Jahrhundert wird der Sünder (aber auch der Heilige) in der Brust größer, bloß weil er besonnener wird. Die Deutschen sahen es endlich, wie die weite elektrische Wolke der Revolution die Kröten und die Frösche und den Staub in die Höhe zog, indes sie die erhabenen Gegenstände umschlug; gleichwohl hielten viele, solange sie konnten, die Hauptsumme für eine zufällige und sogar nötige Partei wider die Gegner, die Vendée-Parzen und die Koblenzer Emigrés.

Es scheint unglaublich ohne die Erfahrung in Bürgerkriegen die Revolution aber war ein geistiger durch ganz Europa –, wie lange der Mensch politische Unveränderlichkeit fort behauptet auf Kosten der moralischen; so wie jeder auch in Familienkriegen gern ein paar Tage länger bei einer Partei, als sie recht hat, beharret, ja hinter der zufällig genommenen Stuhllehne eines[343] Spielers stehen bleibt, mit dem Wunsche, daß er durchaus gewinne.

Der Tornado des Säkulums, der eiskalte Sturm des Terrorismus, fuhr endlich aus der heißen Wolke und schlug das Leben nieder. Nicht die, deren Vermögen oder Leben geopfert wurde, litten am bittersten, sondern die, denen jeder Tag eine große Hoffnung der Freiheit nach der andern mordete, die in jedem Opfer von neuem starben, und vor die sich allmählich das weinende Bild eines sterbenden, von Ketten und Vampyren umwickelten Reichs als Preis aller Opfer gekrümmt hinstellte! – Dieses Totenbild rückte, als am 31. Mai die letzten Republikaner, die Girondisten, den leiblichen und geistigen Plebejern das Feld nicht zum Besäen, sondern zum Verheeren räumen mußten, am schmerzlichsten nahe an ein großes weibliches Herz.

Als Louvet mit andern von der Bergpartei am 31. Mai verjagten Republikanern in Caen bei Barbaroux wohnte: so kam öfters eine schöne stolze Jungfrau, von einem Bedienten begleitet, dahin und wartete im Saale auf Barbaroux mit einer scheinbaren Vorbitte für einen ihrer Verwandten, wiewohl in der wahren Absicht, die verjagten Republikaner näher zu prüfen. Die Jungfrau war schon unter die Unsterblichen gegangen, da sich Louvet ihrer wieder erinnerte als einer hohen Gestalt voll jungfräulicher Würde, Milde und Schönheit, sittsam, sanft entschlossen, eine Blume gleich der Sonnenblume, die den ganzen Tag mit ihrer einfachen Blüte der Sonne folgt, die aber nach dem Untergang und vor dem Gewitter sich mit Flammen füllt.

Er hatte Charlotte Corday gesehen.

Ihr Leben war schon früher ein ungewöhnlicher Vorhimmel vor ihrem Tode gewesen. Griechen und Römer und die großen Schriftsteller der neueren Zeit hatten sie erzogen und sie (nach ihrer Aussage) zu einer Republikanerin vor der Republik gemacht. Sie war kühn bis sogar in die Religion hinüber. Als das Revolution-Tribunal sie fragte: ›Haben Sie einen Beichtvater?‹, so antwortete sie: ›Keinen.‹ – Es fragte: ›Halten Sie es mit den vereideten Priestern oder mit den unvereideten?‹ – Sie antwortete: ›Ich verachte beide.‹ Folglich kein religiöser Fanatismus[344] reichte oder weihete dem jungfräulichen Würgengel das Schwert. Bei aller Glut ihres innern Wesens und allem Glanz ihrer Gestalt blieb doch fremde und erwiderte Liebe von ihr abgewiesen; sie achtete die Männer wenig, weil eine weibliche Seele in der Liebe ein höheres Wesen sucht53 und ihre erhabnere nicht einmal das ähnliche fand; daher sie, als der Präsident mit gewöhnlicher Härte gefragt, ob sie schwanger sei, versetzte: ›Ich fand und kannte noch keinen Mann, den ich meiner würdig geachtet hätte, denn Marat lebte noch.‹ – Die Expeditionstube des weiblichen Lebens kam ihr enge, dumpf und staubig vor. – ›Die republikanischen Franzosen,‹ (schrieb sie an Barbaroux) ›begreifen es nicht, wie eine Frau ihr Leben, dessen längste Dauer ohnehin nicht viel Gutes erschafft, kaltblütig dem Vaterlande opfern könne.‹« – »Nur die Jungfrau« – unterbrach der Graf – »stirbt für Welt und Vaterland; die Mutter bloß für Kinder und Mann. Jene ist noch eine Alpenpflanze, an welcher die Blume größer ist als die ganze Pflanze. Du edle Charlotte, du liebtest nicht und warest so groß.« –

»Wenn schon gewöhnliche Weiber« – fuhr ich fort – »ihr Leben mehr in Phantasien führen als wir, nämlich insofern sie mehr mit dem Herzen denken, wir aber mehr mit dem Kopfe, und wenn sie daher oft durch ein großes Leben um die zugesperrte Wirklichkeit umherirren: so hat dies noch mehr bei genialen Weibern statt, in welchen die höhere Kraft des Kopfes nur mehr der höheren Kraft des Herzens gehorcht (aber nicht wie bei uns befiehlt), und deren Unglück daher häufig so groß wird als ihr Wert.

Charlotte Corday, auf einer Freiheit-Höhe einheimisch und es erlebend, daß sich plötzlich um sie her ihr ganzes Vaterland als eine geistige oder doppelte Schweiz aufrichtet und hohe Alpen voll Äther, Idyllenleben und Heimwehe der Freiheit in den Himmel stellt; – ergriffen und erhitzt vom Frühlingmonat der großen[345] zurückkehrenden Freiheit und Welt-Wärme; – diese Corday, deren langbedecktes heiliges Feuer auf einmal mit dem allgemeinen Enthusiasmus zusammenlodern darf, so, daß nun die alten Ideale ihres Herzens lebendig und rüstig aufstehen und dem Leben die Fahnen hoch vortragen, und daß der ganze Mensch Tat wird, der Kenntnis kaum mehr achtend, so wie das durch die Nacht rennende Roß nicht die Funken achtet und flieht, die es aus seiner schnellen Bahn ausschlägt – – – diese Corday erlebt dennoch die Bergpartei.

Sie erlebt nämlich noch vor dem 31ten Mai den Untergang aller heiligsten Hoffnungen, wo die Freiheit entweder entfliehen oder verbluten muß – wo Revolutionen sich durch die Revolution wälzen, und der Staat ein Meer wird, dessen Bewohner sich bloß fressen und jagen – wo am zerfallenden, verstäubenden Freiheit-Riesen nichts übrig und fest bleibt als die Zähne – wo zuletzt das Vaterland sich in einzelne Glieder zerstücken muß, um mit gesunden die unheilbaren von sich abzulösen, und wo Corday sagen mußte: ›Ich bin müde des Lebens unter einem gefallenen niedrigen Volk!‹

Sie erlebt einen Marat, das unbedeutende, heuchelnde, rohe, mechanische, auch äußerlich-häßliche, bluttrunkene, aufgeblasene54 Wesen, das mehr als Blutigel denn als Raubtier leckte – das die Septembriseurs bloß mietete, bezahlte und lobte, und das wirklich keinen Menschen mit eigener Hand umbrachte, sondern nur sich55 – das die Mörder des Generals Dillons gern noch zu Mördern seiner Offiziere machen und mit dem Blute von noch 250 000 Köpfen die Weinlese der Freiheit erst recht düngen und begießen wollte – das am 31ten Mai einen Interimskönig56 begehrte,[346] weil die Extreme sich berühren und der höchsten Freiheit ein unumschränkter Diktator nötiger sei als ein beschränkter – das (nach Cordays Aussage) durch ausgeteiltes Geld zum Bürgerkrieg entflammte – ein Wesen, in welchem sich wieder die Bergpartei abschattet, das, als es zwei Tage vor seinem Tode hingerichtet war, im Konvent ein französischer Kato, ein unsterblicher Gesetzgeber und Volkfreund genannt, für dessen Strafgöttin neue Qualen (l'effroi des tourmens) gefodert und das einmütig zu einem Schmuck des Pantheons erklärt wurde und in der Todesnacht der Corday unter Kanonenschüssen und Prozessionen verscharrt.«57

»Lasset uns wegtreten vom modernden Tier«, sagte der Graf, »und unser Auge an der glänzenden Göttin erquicken, die das Tier mit dem Fuße wegstoßen mußte, als sie durch die Ehrenpforte der Unsterblichkeit eindrang.«

»Jetzt rüsteten sich in Caen, der Freistätte vieler fortgetriebenen Republikaner, 60 000 Mann gegen die anarchische Freistadt. Corday, heilig überzeugt, daß der große Hilfzug eigentlich nur gegen einen Menschen, den vierjährigen Meuchelmörder und Mordbrenner Frankreichs, Marat, gelte, dachte freudig in sich (so sagte sie aus) ›Ihr sucht alle nur einen Menschen; ich kann ja euer Blut ersparen, wenn ich bloß meines und seines vergieße.‹ Sie sah sich für die Freiwillig-dienende des kriegenden Departements von Calvados an, folglich für eine Kriegerin gegen den Staatsfeind, nicht für die Straf-Parze einer obrigkeitlichen Person.

Am zweiten Juni erschien ihrem Geiste der Entschluß, zu sterben, zuerst; wie jener Engel dem Apostel im Kerker. – So viele Jünglinge sah sie um sich her dem Freiheitzuge nach Paris, dem großen Grabe, zuströmen: da reichte sie dem Engel die Hand, der sie aus dem Leben führen wollte.«

»O wenn man doch«, sagte der Graf, »in jene tiefe Stunde tiefer schauen könnte, wo die Heldin zu sich sagte: ›Mein Leben sei vorüber, alle heiteren Aussichten verschlinge die einzige; Verzicht sei getan auf alles Geliebte und Erfreuende, auf Vater, auf[347] Freunde und Kinder, auf irdische Zukunft und auf alles, was um mich her die Menschen beglückt; gebt mir die Todesfackel statt der Brautfackel; und die Todesgöttin drücke als Blumengöttin das feste schwarze Siegel auf mein Rosenleben!‹ – Es ist bekannt, daß die Heldin darauf einen ganzen Monat lang ihren großen Vorsatz schweigend in der Brust bewahrte. Aber wie leicht und klein mußten ihr in dieser Zeit die Spiele und Plagen des Lebens erscheinen, wie frei ihr Herz, wie rein jede Tugend, wie klar jede Ansicht! Sie stand jetzt auf dem höchsten Gebirge und sah die Wetterwolken nur aus der Tiefe, nicht aus der Höhe kommen und sich von ihnen kaum verhüllt und benetzt, indes die andern, die tiefen Menschen auf dem Boden, ängstlich nach dem Gewölke aufblickten und auf dessen Schlag harrten. – Der edle Krieger, der handelnde Republikaner, der gottbegeisterte Mensch, sie haben diese hohe Stellung, die sie so sehr für alles häusliche Einnisten in bequeme warme Freuden entschädigt und erkältet.« –

»Den 7. Juli reisete sie nach Paris ab, nachdem sie ihrem Vater, um Einverwickelung und Vaterängste abzuwenden, geschrieben, daß sie vor dem harten Anblicke des Bürgerkriegs nach England entweiche. Schweigend, ohne einen Ratgeber, ohne eine teilnehmende oder stärkende Seele, schied das 25jährige Mädchen von allen geliebten Wesen und trat in der heißen Jahreszeit die lange Reise zum Altare an, wo es bluten wollte. ›Ich befand mich‹, schreibt sie an Barbaroux, ›in der Postkutsche in Gesellschaft guter Bergbewohner, die ich ganz nach ihrem Wohlgefallen reden ließ; ihr Geschwätz, das so dumm war als ihre Personen unangenehm, diente nicht wenig, mich einzuschläfern. Ich wachte gewissermaßen nicht eher auf, als da ich in Paris ankam.‹ Mit dieser festen Ruhe so wie mit dieser kalt-hellen Ansicht tat sie den ersten wie den letzten Schritt zu ihrem Blutgerüste hinauf. Den Helden begeistert die mitziehende Hilf-Schar; diese Heldin ging einsam nur mit ihrem Herzen und mit dem unsichtbaren Todesschwert zur Richtstätte –«

»– des Opfertiers und der Opferpriesterin zugleich« – unterbrach der Graf. – »Aber es konnte nicht anders sein; sie wußte ja, sie bringe mit ihrem Marats-Dolche den Freiheit-Zepter mit, und[348] sie sei, obwohl unbekannt der blinden Masse, in ihrem Siegwagen nach Paris schon angetan mit den Feierkleidern der glänzenden Zukunft. Ruhe und Stille und Kälte mußten ja der starken Seele kommen durch den festen Glauben, daß sie, sie allein, mit einem einzigen Tode ihres Körpers einen Bürgerkrieg und Bürgermord verhüte und dem wunden Vaterland mehr als eine Schlacht gewinne58 und daß sie (dies mußte sie sehen) ganz anders mit dem hingegossenen Blute der Jugend, der Schönheit, des Geschlechtes und des Vaterlandes beschäme, befeuere, befruchte als ein sterbender Mann und Greis. O selig, selig ist der, welchem ein Gott eine große Idee beschert, für die allein er lebt und handelt, die er höher achtet als seine Freuden, die immer jung und wachsend ihm die abmattende Eintönigkeit des Lebens verbirgt! Als Gott (nach der Fabel) die Hände auf Muhammed legte, wurd' ihm eiskalt; wenn ein unendlicher Genius die Seele mit dem höchsten Enthusiasmus anrührt und begabt, dann wird sie still und kalt, denn nun ist sie auf ewig gewiß.«

»Donnerstags (den 11ten Juli) kam Charlotte Corday in Paris als auf dem Richtplatz ihres Vaterlandes und ihres vorigen innern Lebens und ihres jetzigen äußern an, wiewohl als ein stiller weißer Mond, der da aus dem heißen hohlen Krater aufgehen muß wie vor Neapel der Mond aus dem Vesuv. Sie ging zuerst zum Deputierten Düperret (einem noch nicht vertriebenen, aber schon angeklagten Girondisten, den man erst später hinrichtete), übergab ihm einen Brief von Barbaroux und bat ihn, sie zum Minister des Innern zu begleiten, dem sie Papiere einer Freundin abzufordern habe. Er entschuldigte sich mit seiner Tischgesellschaft und versprach, sie den andern Morgen zu sehen und zu begleiten. Er erzählte darauf seinen Gästen, wie sonderbar und außerordentlich ihm das ganze Betragen und Sprechen dieser Jungfrau vorgekommen. Am Freitag Morgen bat sie Marat in einem Billet um Zugang, unter dem Vorwand republikanischer Geheimnisse; sie kam nach einer Stunde, aber umsonst. Eigentlich war dieses Mißlingen schon ein zweites; denn anfangs hatte sie ihn und folglich sich mitten im Konvent opfern wollen. Solche Fehlschlagungen oder[349] Kleinigkeiten, wie zum Beispiel die lange Reise, das heiße Wetter u.s.w., hätten einem entnervten moralischen Kraftgenie, das leicht für einen Abend zu einem ähnlichen Feuer auflodert, sehr bald die Flamme ausgeweht. Denn die meisten jetzigen moralischen Kraftäußerungen sind nur epileptische; geistige und körperliche Nüchternheit sind jetzt nötige Zutaten der Helden wie sonst Abgänge derselben. Corday blieb mit Leib und Seele nüchtern und fest.

Endlich kam der rechtschaffene Düperret zu ihr – ihr gewünschter Besuch des Ministers war vereitelt – sie fand Düperret zwar standhaft für das Rechte, aber verschlossen, und sie riet ihm bloß dringend, aus dem Konvent sich nach Caen, wo er mehr Gutes wirken könne, zu begeben. Als er ihr am Richt- und Todestage Marats den Gegenbesuch machen wollte, wich sie ihm aus, um keinen Menschen in ihren Sturz zu ziehen. Die hohe Alpenrose hatte nur einen stechenden Dorn, bloß gegen einen Menschen.

Noch abends am Freitage schrieb sie an Marat und ersucht' ihn dringender um einen Einlaß am Morgen.

Der Sonnabend kam; sie kaufte erst diesen Morgen ihren Dolch im Palais-Royal und verbarg die Parzenschere in ihrem Busen. Darauf begab sie sich zu Marat mit der doppelten Gewißheit, jetzo sterbe er unter ihren Händen und zugleich sie selber unter denen des Volks. Er, obwohl an Sünden krank und im Bade, ließ sie vor sich. Sie nannte ihm frei alle Namen der in Caen und Evreux begeisterten Girondisten, die gegen die Bergpartei sich verschworen hätten, d.h. die Namen aller ihrer Lebens- und Ewigkeit-Freunde. ›Nun, in wenig Tagen‹, versetzte er, ›werd' ich sie alle in Paris guillotinieren lassen.‹ – – Da nahm plötzlich die Nemesis Cordays Gestalt an und drehte Marats Schlachtmesser um gegen sein eignes Herz und endigte so den niedrigen Menschen.... Aber ein gelindes Gericht von Gott und Menschen ergehe über die bisher so unbefleckte Hand, die ein höherer Geist in ein beschmutztes Blut eintauchte.«

»Dies Gericht wird ergehen«, sagte der Graf »Rein wie die Wetterwolke schlug und zückte sie einmal aus ihrem Himmel auf die kotige Erde und zog darauf in ihm weiter. – Aber wie sonderbar[350] wies mit dem Bade und mit den letzten blutdürstigen Worten das Schicksal dem Racheengel die tödliche Stelle an! Durch ähnliche Verkettungen der Zufälle fielen fast alle Bösewichter; das Verhängnis stehet über der Welt mit seinem Geschoß, unten knien die Verbrecher hinter ihren Augenbinden, und die Brust trägt ein schwarzes Herz; und an diesem zeigen sie ihm das tödliche Ziel!«

»Ruhig und ohne Flucht ließ sie sich gefangen neh men. Als der Postmeister Drouet59 mit ihr zur Abtei fuhr, und er den Pöbel, der sie umbringen wollte, durch die Erinnerung an das Gesetz zum Gehorsam brachte, so fiel sie in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, war sie in Verwunderung, daß der Pöbel sie noch leben lassen, und daß dieser, den sie für eine Zusammensetzung von Kannibalen gehalten, dem Gesetz gehorcht hatte. – Das Weinen der Weiber schmerzte ihre Seele, aber sie sagte: ›Wer sein Vaterland rettet, den kümmert es wenig, was es kostet.‹

Die Scheide des Dolchs, einiges Geld, ihr Taufschein und Paß, eine goldene Uhr und eine Adresse ans Volk wurden bei ihr gefunden. Bei dem Eintritt in die Abtei rannte ein Jüngling mit der Bitte herzu, ihm statt ihrer Gefängnis und Tod zu geben; er erhielt beides nur wie sie.60 Wer auf den Toten eine Träne fallen läßt, stirbt ihm nach, sagt der Aberglaube; so tötet in der Despotie die Träne, welche auf das schuldlose Opfer rinnt. – Die ganze Nacht sprach das begeisterte Mädchen von den Rettmitteln der Republik: ›Ich habe das Meinige getan,‹ sagte es vergnügt (nach Drouets Bericht), ›die andern mögen das übrige tun.‹

Um diese Zeit hörte der edle Mainzer, Adam Lux, von ihr sprechen, wiewohl als von einer wahnsinnigen alten Betschwester und aristokratischen Schwärmerin; aber bald darauf schauete ein starkes Herz in ein zweites; er begegnete ihr auf ihrem Sieg- und Leichenwagen zur Guillotine und bestieg ihn bald darauf selber (am 10ten Oktober)61, weil er die Heldin und die Freiheit verteidigt hatte.« –

Hier nahm der Präsident, da das Gewitter nicht mehr seitwärts,[351] sondern gerade über ihm spielte, Abschied von uns und entschuldigte sich.

»Nur eine Minute lang will ich«, begann der Graf, »unterbrechen, um mit Ihnen an das bedeckte verschattete Grabmahl dieses herrlichen Adam Lux, einer Römer-Seele, einer Hermanns-Eiche, zu treten, um daran ein altdeutsches Leben wieder zu lesen, wie es wenige führen. Lux, ein Landmann und glücklicher Vater, war als ein Mainzer Abgesandter nach Paris gegangen, um (friedlicher, als später geschehen) sein Vaterland an Frankreich anzureihen. Er hatte aber in seiner Katos-Brust mehr mitgebracht als er finden konnte im damaligen Pariser Blut-Sumpf: eine ganze römische und griechische Vergangenheit und Rousseaus eingesognen Geist und die Hoffnung einer steigenden, siegenden Menschheit. Da er nun kam und sah, so gingen ihm die Freuden und Hoffnungen unter, und er behielt nichts als sich, sein deutsches Herz; nur die verjagten, an der Zeit reifenden Girondisten waren mit ihren Wunden Balsam für die seinige. Forster und andere Freunde hielten ihn mühsam ab, daß er sich nicht zum Beweise zugleich seiner Treue und Trostlosigkeit vor dem Konvente den Dolch in die hart ausgeplünderte Brust einstieß. Nun konnte er nichts weiter tun (ehe Corday den ihrigen ergriffen), als still und fest sein und mit der glühenden Brust auf den fressenden Wunden ruhen; ins Holz von Boulogne verbarg er sich und las Brutus' Briefe an Cicero; sein Angesicht blieb faltenlos, sogar heiter; denn die hohe Seele hoffet länger das Hohe als die niedere, und wenn am Hügel schon der Schatten liegt, so glühet der Berg noch lange der Sonne nach.

Da begegnete dieser feste, von der Zeit umhüllte Geist der geopferten wie opfernden Corday auf ihrer Treppe zur Gruft oder eigentlich bei ihrer Himmelleiter; er sah ihr stilles großes Untergehen und die Henkers-Entheiligung ihres Hauptes und den alles verdrehenden Wahnsinn. – Nun drückte ihn das Leben und die Zeit zu schwer; – die niedergebogne alte Flamme seiner Seele loderte aufwärts, er schrieb ein sehr gemäßigtes Blatt für Corday, ein zweites gegen den letzten oder 31ten Wonnemonat, gegen die Vertreiber der Republikaner.[352]

Er wurde ins Gefängnis la Force geworfen; aber sein Geist und seine Zunge blieben frei. Er empfing darin keinen Schmerz als den von seinem wohlmeinenden Bekannten Wedekind, der ins Journal de la Montagne, um ihn zu retten, die Lüge einschickte, Lux habe nur aus wirklichem Wahnsinn der Liebe für Corday so geschrieben. Aber er foderte kräftig den Widerruf ab und wiederholte damit die deutsche Kaltblütigkeit, womit er in der früheren Schrift für Corday zugleich sie bewundert und getadelt hatte. Man bot ihm für Verstummen leibliche Freiheit an; er verwarf den ekeln Köder und sprach nicht nur fort, sondern drang durch Briefe bei den Wohlfahrt- und Sicherheit-Ausschüssen und bei dem Präsidenten und dem öffentlichen Ankläger des Revolution-Tribunales62 immer wärmer darauf, daß man ihn vor Gericht bescheide. – – Endlich erfüllte man ihm am 10. Okt. morgens seine Foderung; abends um 4 Uhr war er da, wo er hingehörte, im Lande einer dauerhaften Freiheit bei dem Genius, der ihn mit diesem himmlischen Herzen heruntergeschickt.

Und kein Deutscher vergesse ihn! – Aber wie wird alles im Rauschen der fortziehenden Zeit übertäubt und vergessen! Welche hohe Gestalten stiegen nicht aus dem unreinen Strome und glänzten und sanken; wie Wasserpflanzen in die Höhe gehen, um zu blühen, und dann, mit Früchten beladen, untersinken.« – –

Ich fuhr fort »Er starb rein und groß zugleich. Dies war schwer in einer Zeit wie die seinige; denn durch die gewaltsamen einmütigen Bewegungen eines Volks wird leicht das zarte moralische Urteil, wie durch ein Erdbeben die Magnetnadel, entkräftet und verrückt. Der Geist der Zeit, von welchem jeder durch seinen einzelnen sich rein zu halten glaubt, besteht ja aus nichts als vielen einzelnen Geistern; und jeder ist früher der Schüler als der Lehrer des Jahrhunderts, wie früher ein Sohn als ein Vater; nur aber daß, weil wir die Farbe des säkularischen Geistes bloß in großen Massen spüren, jene uns aus den einzelnen Wesen, woraus sie allein zusammenfließt, verschwindet; wie ein einziges, aus dem grauen Welt-Meer geschöpftes Glas Wasser rein und hell zu sein scheint. – Auch über den festen Mainzer, der ungleich dem Revolutionhaufen[353] nicht nur Segel, sondern auch Anker hatte, regierte ein Geist der Zeit oder vielmehr ein Geist des Volks – er war ein Deutscher.«

»Ich sehne mich wieder«, sagte der Graf »nach der großen Corday; ihr Bild vor mir tut mir so wohl wie der jetzige Donner über uns; es blickt ja so heiter-ruhig, als wär' es das Urbild, in die Blitze.«

»Den dritten Tag der Gefangenschaft – den Corday den zweiten nach ihrer tätigen Vorbereitung zur innern Ruhe nennt schrieb sie die unvergeßlichen Briefe an Barbaroux und an ihren Vater. Ihr Urteil darin über den toten Marat hatte noch die alte feste Strenge, von keiner Weichherzigkeit für eine Leiche bestochen. Auf gleiche Weise gab sie dem Revolutiontribunal auf die Frage: wie sie Marat für ein Ungeheuer halten können, da er ihr, nach ihrer schriftlichen Klage über Verfolgung, den Zutritt gestattet, zur Antwort: ›was sei denn das, gegen sie menschenfreundlich und gegen alle Menschen ein Wütrich gewesen zu sein?‹ – Sie bat in ihrem zweiten Briefe ihren Vater um Verzeihung ihrer Aufopferung und sagte: ›Freuen Sie sich, daß Sie einer Tochter das Leben gaben, die zu sterben weiß. Mich beweine keiner meiner Freunde! Ihre Tränen würden mein Andenken beflecken, und ich sterbe glücklich.‹

Den Brief an Barbaroux endigte sie mit den Worten: ›Morgen um 5 Uhr fängt mein Prozeß an, und ich hoffe an demselben Tage in Elysium mit Brutus und einigen andern Alten zusammenzukommen; denn die Neuern reizen, da sie so schlecht sind, mich nicht.‹

Mittwochs den 17ten stand sie vor dem Revolutiontribunal. Was sie davor und überall bisher sagte, würde aus einem andern Munde wie erhabene Sprüche klingen; aber wer im Großen einmal lebt, der zeigt unbewußt und unangestrengt nichts als seine Erhöhung, und er bewohnt bloß die Ebene auf einem Gebirge. Wenn indes die so sanfte Gestalt dem Albas-Blutrate so schneidend und strafend antwortete: so denke man daran, daß kein edler Mann weniger tun könnte, der nun die aufgeblasenen befleckten Richter so vieler unbefleckten Seelen auf einmal vor sich[354] sähe; Leute, der Königschlange gleich, die sich mit ihren Ringen in Gestalt eines tränkenden Brunnens aufmauert, um die Tiere anzulocken und dann erquetschend zu umwickeln.

Cordays Leben hatte nur noch eine freie Minute, und in dieser gab sie auf lauter schlechte Fragen diese Antworten: ›Alle Rechtschaffene sind meine Mitschuldigen. – Die Franzosen haben nicht Kraft genug, um Republikaner zu sein.‹63 – Und nach einer Verwechslung64 ihrer mit einer andern Frau, die den Fleischer Legendre sprechen wollen, versetzte sie: ›Ihr begreift doch, daß man nicht zwei solche Taten auf einmal verrichtet, und mit Marat mußte man beginnen.‹

Sie empfing ihr Todesurteil vom Richter so heiter, als sie es einen Monat früher über sich selber ausgesprochen hatte. Sie dankte ihrem Verteidiger, dem Bürger Chauveau, für seine mutige Verteidigung und sagte, sie könn' ihn nicht belohnen, bitt' ihn aber, als ein Zeichen ihrer Achtung den Auftrag anzunehmen, für sie eine kleine Schuld im Gefängnis zu bezahlen.

Abends bestieg sie ihren Leichenwagen, auf dem sie den schleichenden Weg zum Sterbebette zwei lange Stunden machte, angezischt und angeheult vom Volk, für das sie sterben wollte. Sie war bitter-allein, ohne irgendeinen Verwandten ihres Herzens oder ihres Schicksals. Bloß unwissend begegnete sie in der Straße St. Honoré dem, der das eine war und das andere wurde, dem Adam Lux aus Mainz. O warum mußte ihr Blick, der die anhöhnende Menge vergeblich nach einem gleichflammenden Herzen durchsuchte, diesen Bruder ihres Innern nicht finden und kennen, warum blieb ihr die letzte Entzückung der Erde verweigert, die Überzeugung oder der Anblick, daß der Glaubensgenosse und Verteidiger ihres Herzens und der künftige Märterer ihrer Tat sie jetzo begleite an ihr Grab, dann in dasselbe, und daß eine edle Seele der ihrigen nachweine und darauf nachziehe? – Und er war ihr so nahe und sah ihre letzte Minute! Aber er hatte das Glück verdient, sie sterben zu sehen. Die ganze Frühlingwelt in des[355] Republikaners Herz blühte wieder auf, da er diese Ruhe der Verklärung auf der jugendlichen Gestalt im roten Sterbekleide65, diese auf dem langen Todeswege unverrückte Unerschrockenheit in den stolzen und durchdringenden Augen, und wieder diese unter dem ewigen Verhöhnen zärtlichen, mitleidigen und feuchten Blicke sah, deren Engelhuld seinem so männlichen Herzen ebenso bitter war als süß. – Nein, wer ein solches Wesen leben und leiden sah, kann es nicht beweinen, nur nachahmen; das vom Wetterstrahle der Begeisterung getroffne Herz duldet nichts Irdisches mehr an sich; so wie bei den Alten die vom heiligen Blitze des Himmels getroffne Stelle nicht mehr betreten und überbaut werden konnte.« –

»Wär' es denn Sünde,« sagte der Graf, »wenn man nach gewissen Gedanken keine mehr denken wollte? Wenn ich jetzt herzlich wünschte, daß mir gegenüber dem Bilde dieser Uranide der große schöne Donner das kahle Leben auslöschte? Wär' dies Sünde? Ach warum muß der arme Erdensohn meistens in Wintern aller Art sterben, selten im Feuer und Frühling?«

»Freundlich und ruhig bestieg Charlotte Corday«, fuhr ich fort, »die Trauerbühne, wo sie diesen Erdennamen ablegte, und grüßte die wilden Tiere unter dem Gerüste so sanft, daß sogar diese zahm sich niederlegten. Lasset uns nicht lange auf dieser blutigen Stelle verweilen, wo so viele Seufzer und Schmerzen wohnen und nachtönen; und du selber, Charlotte, hast hier die letzten über dieses Schlachtfeld des würgenden Marats, über dieses Erbbegräbnis freier Herzen empfunden! – Ein Würger nahm ihr die jugendlichen Locken, enthüllte das jungfräuliche Herz, das noch einmal in der blassen Todesstunde das keusche Blut auf die verschämten Wangen trieb – und legte das blühende Leben unter die aufgespannte Parzenschere – und es entflog in die ewige Welt.... O nur nicht mehr als einen Augenblick habe der Erdenschmerz, der Erdentod den hohen Geist verfinstert, wie der Berggipfel die Sonne des längsten Sommertags nur eine Minute verdeckt, zwischen ihrem Unter- und Aufgang! – Du aber, edler Mainzer, gehe nun mit deiner entbrannten Seele heim und sage[356] noch einmal die kühne Wahrheit und kehre dann auf dieses Sterbegerüste zurück! – Und niemand von uns weine über die Hohe, sondern er opfere wie sie, was Gott von ihm begehrt, es sei das Leben oder weniger!«


Die Erzählung war geendigt. Ich faßte die Hand des Grafen, der weinend seinen Mund auf Cordays Bild gedrückt. Das Gewitter hing brausend auf uns herein und schien vom unaufhörlichen Blitze wie überschleiert oder verflüchtigt. Auf einmal trat im Westen unten an den Wetterwolken die stille Abendsonne heraus wie ein großes, aber wolkennasses Auge, und wir sahen die weinende niedergehen; und dachten schweigend länger über Helden und Heldinnen der Freiheit nach.[357]

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 6, München 1959–1963, S. 332-358.
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