I.

[310] Wünsche für Luthers Denkmal von Musurus


Ein gewisser, mir ganz unbekannter Musurus – Ehrenmitglied von mehren Ehrenkörpern deutscher Gesellschaften für Deutsche – schickte mir vor einigen Wochen einen Aufsatz über die Tempelkollekte42 zu Luthers Denkmal zu. Da ich nun befürchte, daß der Aufsatz, der im Grunde Deutschland mehr in ein lächerliches als in ein vorteilhaftes Licht zu setzen sucht, irgendeinem Monat- oder Kalender-Autor begegne, der ihn gar drucken läßt: so teil' ich ihn hier selber mit, um die Gelegenheit zu benutzen, manches, was er scherzhaft vorbringt, ernsthaft zu entkräften in einem kleinen Anhang. Hier folgt zuerst seine Arbeit unter dem Titel:


Geldersparendes Ideenmagazin zu Denkmälern

Luthers und Deutschlands


Sechstausend Taler und einige Groschen, die noch von Woche zu Woche anschwellen, haben wir nun im Lutherischen Deutschland zusammengelegt, was ich auch von der Vereinigung aller Stände sogleich erwartete. Mit solchen Summen – so denk' ich –

können wir wahrscheinlich etwas machen, wenn auch keine Statue, doch einen Anfang dazu, irgendein Glied. Es muß indes noch unendlich mehr einlaufen, wenn wir Deutschland verlassen und den Reichsanzeiger in Sprachen solcher Länder übersetzen wollen, die mit uns zugleich hinter Luthers Freiheitfahne vom päpstlichen Stuhle abgegangen sind; denn in Schweden, Dänemark, sächsischem Ungarn, lutherischem Ostindien, der Schweiz, in[310] Holl-, Eng- und Schottland muß jetzt eingefallen, und was nur von Ländern sonst protestierte, mit Kollektenbüchsen durchzogen werden, damit sie der Mansfelder Gesellschaft steuern wie wir alle, wenn sie nicht von uns wollen rot gemacht sein. Gedenken denn so viele reichere Länder eine Religionumwälzung, wofür ein ärmeres sechstausend Taler zusammenschießt, umsonst, ohne Taufgebühren zu genießen? Es mag daher den Vorschlägen, die ich nachher über den besten Verbrauch der gedachten Almosensammlung wage, dieser vorausstehen, daß man die eingegangenen Monument- und Ehrengelder wohl nicht ergiebiger verwenden könnte als bloß für Botenmeister, nämlich für Pfennige- und Deutmeister, für Taler-, Kronen-, Adolphsd'or- und Croren-43Meister, welche man um diese Summen gewänne und in die Auslande verschickte, um da die beträchtlichsten Beiträge zu Luthers Denkmal in Mansfeld einzutreiben. Gott! wenn wir uns nur ausmalen, daß bloß fünf Lords in London von dem Boten erobert würden zur Unterschrift – bevor sie selber mit den andern von der Landung Napoleons erobert wären – : so langte dieses ja zu, daß wir das Quintupel des ausgegebnen Botenlohns, nämlich des bisher eingenommenen Ehrensolds für Luther, einzustecken bekämen! Sesostris Aufschrift auf seinen Tempeln: »Kein Eingeborner arbeitete daran« übertrüge wohl jeder mit wahrem Vergnügen auf den Lutherischen.

Ich teile jetzt – da mich die Mansfelder Gesellschaft, wenn nicht im besten, doch in ihrem Stile, so dringend dazu auffordert – meine Ideen über den besten Verbrauch der Ehrensumme mit, welche durchaus in zwei große Klassen zerfallen: in der ersten werden die Vorschläge getan, etwas von ihr übrig zu behalten, wenn man Luthern das Seinige setzt; in der zweiten die, wodurch gar die ganze Summe gespart wird.

Ich beginne bei der ersten. Zu verwundern ists – aber noch zu helfen, da wir Geld haben in Mansfeld –, daß wir über Luthern einen ganz höhern Mann zu ehren vergessen, dem er selber, wie jeder große Mann, seine Bildung verdankt – einen Mann, der bis auf den Jüngsten Tag fortwirkt, solange noch ein lebendiger[311] Mensch existieret – der uns eigentlich zu Menschen machte – einen Stammbaum aller Stammbäume, ob er gleich die Bürgerlichen mehr begünstigt – unsern Vater aller Landesväter – kurz einen Mann, den der Schöpfer zuerst inspirierte, nicht einige Gedanken, sondern die ganze Seele – und welcher nicht nur der größte war, sondern auch (was äußerst selten ist, da es nur einmal ist) der erste, und den ich gern die Mutterzwiebel und das Erzhaus der Menschheit nenne – denn ich meine offenbar Adam zu verwundern und schwerlich zu entschuldigen ist es, sag' ich, daß für einen Mann von solchem Einfluß, und mit allen Fürsten verwandt, noch nichts getan worden, weder im protestantischen Deutschland noch sonst wo. Von seiner Frau gilt dasselbe. Ob aber Adam? der Jahrtausende Luthern vorarbeitete, nicht früher Ehrenflinten und Ehrensäbel und Ehrentrommelstöcke in seine Hände von der Mansfelder Gesellschaft zu bekommen verdient als Luther, wird sie mir öffentlich beantworten. Denn dies entschuldigt uns nicht, daß allerdings jeder Adams-Sohn von uns oder Postadamit seinem guten Vorvater bisher, so gut er konnte, jenes geistige und bleibende Denkmal in seinem Busen aufrichtete, das unter dem Namen alter Adam so bekannt ist als das Neue Testament. Aber sind denn Luthern nicht durch den neuen Adam dieselben Denkmäler gesetzt? – Schlägt man die Millionen Nachkommen als lebendige, dem Erzvater gesetzte Statuen hoch an, wovon ihm jeder von uns einige setzt: so besitzt auch Luther an den umhergehenden Lutheranern dergleichen Karyatiden seines Ehrentempels genug. Doch dies ist mehr Scherz; was ich aber ernsthaft vorschlage, ist, daß, da wir das Geld einmal in Händen haben, wir es verteilen und beiden, sowohl Luthern etwas setzen, das uns Ehre macht, als auch Adam. – – Und warum ihnen allein? Denn ich gelange jetzt auf den Haupt- und Standpunkt. Warum wollen wir, wenn allen Festen eines gewissen großen Fürsten immer ein Taler abging, plötzlich so unerhört verschwenden, daß wir mit sechstausend solcher abgängigen Taler nur ein einziges Rosenfest, eigentlich ein Eichenfest, eines einzigen Mannes begehen wollen, als ob nicht der Sechstausend-Taler-Stock eine ungeheure Summe für einen Mann[312] aus Luthers Zeiten wäre, wo ein Hering einen Heller kostete und Brennholz gar keinen? Wollen wir den Ruhm verlieren, daß wir bisher einerseits immer als Männer in Kredit gestanden, welche das Geld (auch für Ehrensachen) nie weggeworfen, sondern jeden Heller ansahen und umwandten, ehe wir ihn einsteckten? Wir sind ferner auf der andern Seite (etwas ist wahr) bei Europa nicht zum besten, sondern mehr als Leute angeschrieben, welche ihren großen Männern ungern etwas Höheres aufrichten, als was der Totengräber auf ihren Sarg aufsetzt und der Setzer auf dem Lumpenpapier, und welche die Werke ihrer Lieblingschriftsteller ungern um den Ladenpreis erstehen; wie dann zu unserer Schande hier ein Handelsmann existiert, der Wieland ordentlich anbetet und sich dessen sämtliche Werke in einen ungeheueren Band hat binden lassen, um sich schadlos dafür zu halten, daß er keinen Nachdruck erschnappen können.

Aber, o Himmel, Glück über Glück! Jetzo kann ja bei sechstausend Taler Tempel-Baubegnadigung alles wieder gut gemacht werden – der alte Unehrenfleck ausgewaschen – die Nation von sich geehret und rehabilitieret – Kepler, Hutten, Herder, Lessing, Kant, Winckelmann, Albrecht Dürer können nun erlangen, wornach mancher von ihnen so lange strebte, warme Anerkennung von der Nation. – – Denn ich schlage nämlich vor, daß diese bisher sündlich vernachlässigten Seelen-Großen nicht bloß, sondern auch alles übrige geistige Bergvolk nun von uns in Luthers Pantheon, wozu die sechstausend aus der Nation gebrochne Bausteine schon daliegen, hineingeschafft und daselbst aufgestellt und mit einigem Nationalgefühl und Stolz zusammen aufbewahret und verehret werden, um so die Baukosten zerstreueter Ehrensäulen für jeden besondern Narren sich ohne Geschrei und Schande zu ersparen.

Dies muß geschehen; denn lassen wir nicht mehre Köpfe unter einen Lorbeerkranz zusammenkommen oder auf dem Mansfelder Triumphwagen nicht recht viele Sieger einsitzen: so sind wir bei der Nachwelt ( auf die wir alles bringen) zu wenig entschuldigt, daß wir einem Manne wie Luther erst so spät nach der letzten Ehre eine neue erzeigten, und daß er, so wie Tasso einen Tag vor[313] seiner Krönung, ebenso ein Jahrhundert und länger vor der seinigen sterben mußte, wir müßten uns denn damit helfen – was ebenso erbärmlich als notwendig wäre –, daß wir auf Luthers Denk-Statue oder Kirche wenigstens von zwei Jahrzahlen eine wegließen, entweder das Geburtjahr der Statue oder sein eignes. Aber warum, wenn nun ganze deutsche Kreise das Beste versuchen und sich vor einen vollbesetzten Sieg- und Krönungwagen gefürsteter Geister spannen, soll man mit Krönungen knausern, sobald alles dazu da ist, Krone und Kopf? Nein, sondern Deutschland sei dann – so ist mein Vorschlag – wie außer sich und erinnre sich eines jeden, der Gewicht hat, und schütte so mit einem Schlag den Schwarmsack herrlichster Honigbienen aufs Paradebette aus. – Meusel muß nachgeschlagen, Schlichtegroll exzerpiert- und alles, was nur notdürftig unsterblich ist (denn die Ehre ist auch darnach), zu Papier und in den Tempel gebracht werden, weil ein einziger Teufel, der unsterblich wäre (wie es wohl jeder in der Hölle ist), der Nation als ein ewiger Schandpfahl ihres Patriotismus dableiben würde, falls man ihn ohne Thron und ohne Krone ließe – und alles muß ordentlich rotten- und herdenweise durch Ehrenpforten wie heraldisches Vieh in Luthers Rotunda auf ewige Ehren- und Nobelplätze eingetrieben werden und dann wie gewöhnlich verehrt. Mir ists einerlei, auf welche Weise man einen und den andern unsterblichen Tropf, z.B. Gottsched veneriert, sobald er nur in der Rotunda mit hauset, und es mögen, wenn in diesem Familienbegräbnis der heiligen Familie des Genies große Männer in Lebensgröße daliegen, die kleinen sich bis zu Schreibfingerknochen abstufen. Ist einmal so viel unsterbliche Mannschaft da: so lasse man gar – denn mein Vorschlag soll keine Grenzen kennen – jeden Rest hinein, der gestorben ist und gut geschrieben hat – der Fußboden werde mit Gesichtern der Ökonomen, wie in Rom der Götter, musivisch ausgelegt – gelehrte Wunderkinder wie Heinecke, Tanzmeister, Sprachmeister, Philologen, Numismatiker mögen an den Tempelsäulen als Schnörkel, Verkröpfungen und Kälberzähne leben – von Tempelstufe zu – stufe trete der Fuß auf einen Advokaten von Belang – und da man um das Mansfelder Pantheon für den Zustrom der Verehrer[314] Wirtschaftgebäude wird führen müssen, so werde auch das Mittelgut wirtschaftlicher, aber guter Merkels-Köpfe da untergebracht, bei welchen die Ausgießung des heiligen Geistes so glücklich vorbeigefallen, daß sie trocken ge blieben – und endlich, droh' ichs denn zu hindern, wenn man zuletzt an den Inkognito-Ort, den schon der gedachte Zufluß verlangt, auch das literarische Schmiervieh (mit den Schäfern zu reden) erbärmlich, wie gewöhnlich geschieht, mit Namen an die Wand kratzt!

Gott! dann sähe ja Deutschland alle seine National-Götterschaften in Mansfeld für halbes Geld unter Dach und Fach gebracht und hinlänglich angebetet! Was fehlte noch darin?

Bloß was von Unsterblichen noch lebendig wäre! Himmel! nun so schießet doch nach und nehmt und stellet auch alle Lebendigen in Mansfeld auf, vom gewaltigen Vogel Rok in Weimar an bis zu seiner kritischen Vogelspinne in Berlin44 herunter, welche vielbeinig und erbost schon so lange auf der Reise um den breiten Vogel ist.

Und sogar mir Ehrenmitglied kann, freilich mit Einschränkung, darin mit gehuldigt werden! Oder ist nicht jeder lebende Liebling-Kopf ohne dieses vorgeschlagene Zurückdatieren seiner Unsterblichkeit sonst zu schlimm daran in seinem Schlaf- oder Wachrock, den er mit bloßen Knochen in Reih und Glieder stellt, wenn aus dem Gefängnis-Temple seiner Wirklichkeit erst nach dem Tod ein besserer Tempel, aus einer streitenden Kirche eine triumphierende werden soll?

Nun hätten wir endlich alles in die Konföderation- Rotunda abgeliefert, was nur von Belang zu haben wäre – man müßte denn darin, um nur das beschwerliche geldfressende Verherrlichen auf einmal und auf immer abzutun, sogar für zukünftige Köpfe etwas leisten und auf eine mir ganz unbekannte Weise sie früher auf die Nachwelt bringen wollen, als sie in der Welt erschienen wären, indem man ordentlich, wie freudetrunken, es zu meinem Erstaunen auf ein Allerheiligen-Fest anlegt. Ich meines Orts habe gar nichts dawider.

Ich gestehe, überschaue ich dies alles kaltblütiger: so werd' ich[315] leicht von dem hölzernen Hering, der gewöhnlich als Herold und Repräsentant ganzer eßbaren Heringtonnen an den Kauffenstern hängt, auf den Gedanken geführt, ob nicht ebenso alle große Männer auf einmal durch einen allgemeinen großen Mann, durch eine Simultan- und Kompagnie-Bildsäule – alle gewaltigen Walfische durch einen hölzernen – so darzustellen und zu verewigen ständen, als das noch größere Torenreich in Italien durch die bekannten vier komischen Masken, indem man für jede der vier Fakultäten eine ernste Maske, einen ernsten Truffaldino für die theologische u.s.w. wählte. Diderot begehrt so statt der Einzelwesen ganze Stände auf die komische Bühne gebracht.

Doch werf' ich dies alles hin für Klügere als ich. Die Mansfelder täten mir überhaupt zu wehe, wenn sie mir die Torheit unterschöben, daß ich auf irgendeinem meiner Vorschläge steif bestände. Mir ist wahrlich jeder gleich; ich gebe ja nur Winke; ein sehr schwaches Verdienst, da man zum Winken mehr die Augenlider als die Augen gebraucht. Wie gewagt ist nicht folgender Wink!

Zwölftausend Gulden Tax – 1200 Gulden Subskription-Regal dem Vizekanzler (was dies ist, weiß ich selber nicht, ich schreibe es bloß ab) – 600 dem Sekretär – und 1200 Kanzlei-Jura müssen nach de »erneuerten Chur-Mainzischen Reichshofkanzlei-Taxordnung von 1659 den 6. Jan.« durchaus in Wien dafür entrichtet werden – (und mich dünkt ganz billig, da man neuerer Zeiten in Paris oft vielmal so viel abliefern mußte, um nur ein Fürst zu bleiben) –, wenn man einer werden will. Ich glaube indes, so viel Nachschuß wäre wohl der Mansfelder Operationskasse noch einzutreiben möglich, daß Luther ziemlich hoch davon könnte in Fürstenstand erhoben werden, besonders da verstorbene Genies nicht mehr verlangen können – sobald man lebendige nur adelt –, als daß sie gefürstet werden. Ich füge diesen Vorschlag für Luther vergnügt dem Gelde bei, das schon eingekommen. Ein Mann wie Luther, welcher die Steigbügel, die sonst Fürsten dem Papste unterhielten, abschnitt und ihnen reichte, damit sie selber aufstiegen, verdient wohl am ersten zu dem nacherschaffen zu werden, was er selber wieder schuf – zum Fürsten.[316] Ich erwarte eher alles andere von der Reichshofkanzlei als den Adel nicht ausgenommen – Weigerungen, verdrüßliche Mienen, abgeschlagen wie gebeten, Sätze des Widerspruchs, und zwar bloß darüber und darum, weil Luther schon tot sei. Wenn ers ist, wie ich einräumen will, so ist dergleichen seiner Standerhöhung nicht mehr nachteilig als ein ähnlicher Tod den vier bürgerlichen Ahnen, die geadelt einem neuen Edelmann unter der Erde vorausgeschickt und untergebettet werden. Was den Beweis fürstlicher Einkünfte anlangt, den Luther in Wien zu führen hat, so tut der Reformator nur dar, daß er in Eisleben keinen Heller Ausgaben hat im Sarge; – wodurch er so ein herrliches Nivellieren zwischen Einnahme und Ausgaben beweiset, daß ihm wohl wenige Fürsten gleichkommen dürften. – Stammbäume werden gewöhnlich mit einer Null von den Wappenkünstlern angefangen – wie oft von den Zweigen fortgepflanzt –; bei dem verewigten Luther würde sie ja ebensogut den Ewigkeitzirkel, seinen Ehering und den päpstlichen Fischerring und überhaupt viel bedeuten.

Ich las bisher zu meiner Freude manchen Vorschlag, an Luthers Prunktempel etwas Reelles, Nutzenhaftes, irgendein Schul- oder Armenhaus anzuschlingen, damit das dulce sich auf einem utile höbe. Ich glaube darin mein Deutschland wiederzuerkennen, das ich so oft eine lebendige Wirtschaft-Teleologie hieß im besten Sinn. Wenn wir schon in der Poesie, den Bienen gleich die daher auf unsern Krönungmantel zu sticken wären –, auf der Rose der Schönheit nur den Honigtau des Nutzens suchten: so wird uns diese kamerale Kenntnis wohl mit mehr Recht in gemeinern Verhältnissen von jedem zugemutet. Wir dürfen gern den ordentlichen Regen himmlisch-rein, tau-schimmernd und frühling-duftend finden; aber er kann uns nicht gleichgültig statt durstig machen gegen zwei wichtigere Strichregen im Jahre 166545, wovon der eine in Naumburg, nach Happel, in schönblauer Seide, der andere in Norwegen, nach Prätor, in gutem Kammertuch niederfiel, von welchem sich der damalige Dänenkönig zwanzig Ellen kommen lassen. Aber wollte ein solcher[317] Tuch-Landregen einmal eine Armee in der Revue bedecken, o Gott! – Ohnehin gibts mehr unnütze als nütze Sachen in der Welt. Nimmt man es scharf: so möchte man über dergleichen Tränen vergießen – und dabei wünschen, daß letztere gleich den Hirschtränen zu etwas Brauchbarem würden, zum Bezoar; und wenn das wenige Kochsalz (samt dem Natrum, phosphorsaurem Kalke und Kali), was Scheidekünstler aus den Zähren ziehen, in Betracht käme gegen die Meersalzlager an Frankreichs Küsten, so würde mit Vergnügen selber der kalte Holländer sowohl vor Schmerzen über gegebene Themen weinen als vor Lust.

Die deutsche wahre Achtung für Nutzen (in Norden besteht er aus Pelz und Fraß) verkenne man also auch im Vorschlag nicht, Luthers Ehrenkirche noch, wie so immer den Kirchen, ein Schulhaus anzuheften, wenns geht. Ich glaube indes, man wird – weils nicht geht, wegen Schwäche der Sürplüskasse – vor der Hand die Kirche weglassen und sich auf das Schulhaus einschränken, dessen Antlitzseite Luthern vorläufig zugeeignet werden kann. Warum wendet man überhaupt nicht die öffentlichen Gebäude, die doch einmal gemauert werden müssen, zu den nötigsten Ehrenpforten großer Männer an und adressiert bloß das Portal; Die Nation suche doch für ein Spinnhaus, das sie erbauet, einen großen Theologen und zeige, wie Nationen danken – für ein Schlacht- oder ein Gebeinhaus einen Generalissimus – ein Hatzhaus, ein Findelhaus ehre einen großen Humanisten und der Pranger einen gewöhnlichen Rezensenten – eine Irrenanstalt greife nach ihrem Philosophen, und für den seltenen Dichter wird sich immer ein Stockhaus, Hospital und Armenhaus mit einem Eingange finden. Auf diese Weise dürfte vielleicht die Vermählung der Schönheit mit dem Nutzen, der Unsterblichkeit mit der Sterblichkeit wohl so weit fortzutreiben sein, daß wir sogar Götter- oder Heroenstatuen als Schnellgalgen für Leute kurzer Statur oder als Pranger für langgewachsene verbrauchen lernten.

Erbärmlich ists überhaupt, daß man so viel köstliches Geld zu Verewigungen verschwenden muß, z.B. zu teuern Statuen, die man anderswo – in Arabien, in Eisländern, in bremischen Blei-Kellern[318] und in den syrakusischen Katakomben – umsonst haben könnte, wenn man, da es doch keine ähnlichere Statue von einem Menschen gibt als ihn selber, nämlich seinen Leib, jeden Unsterblichen, wo nicht einbalsamiert aufstellen könnte, doch ausgebälgt. – Warum haben wir Mumien ohne Namen und doch Namen ohne Mumien? –

Ich merke endlich an, daß für Luther zu viel Krönmünzen ausgeworfen daliegen. Ein Knoten ins Schnupftuch für 6 000 Rtlr., um jenen nicht zu vergessen; eine Denkmünze, aus 6 000 eingeschmolzen, ist viel. Warum denket überhaupt der Deutsche in und außer Mansfeld auf einmal so hoch hinaus und schleudert sechstausend Taler für einen Lorbeerkranz eines Kopfes hin, wofür die Lorbeerwälder ganzer rezensierender Redaktionen feilstehen? –

Ist denn Luther nicht ohnehin schon im größten Tempel aufgestellt, den jemand verlangen kann – da Gott selber keinen größern kennt –, im Tempel der Natur? Wie sticht nicht jedes Mansfelder Gebäude ab gegen das Weltgebäude! – Aber zweitens, ist nicht jede Unsterblichkeit für den, der das savoir vivre (das Lebendigbleiben) versteht, fast um nichts zu haben?

Ein Schneider in Rom scherzt nach Gelegenheit – eine alte unkenntliche Bildsäule steht neben seiner Haustüre – siehe, auf einmal ist sein Name verewigt, welcher Pasquino bekanntlich genug heißt. Eine Königin, die Gemahlin Franz I. von Frankreich, speist gern eine gewisse Pflaume – jetzt wächst ihr Name ewig als Obst am Pflaumenbaum Reine Claude. Der Bruder Ludwigs XIV. merkte dies bei Lebzeiten und aß eine andere Pflaumenart mit Lust – siehe, auch er hängt verewigt an seinem Lorbeer- und Pflaumenbaum als Monsieur, sogar nach der Revolution. – Kato, Cäsar, Pompejus sind noch heute jedem Jäger bekannt und lebendig, weil ihre Schweiß- und Hatzhunde so heißen, so wie in Schottland die alten Heroen durch die fortgesetzten Hunde, die sie zu Gevatter bitten, noch lange leben werden.

Ich wollte, ich hätte an meiner Jugend Voltairen beleidigt: so hätt' ich nicht nur den deutschen Fürsten bekannt werden können,[319] sondern auch der Nachwelt. Die gedachte Berliner Vogelspinne werfe Goethen ein Fenster ein oder laufe ihm kalt an der Wade hinauf: so wird sie in den Spiritus einer Xenie gesetzt und konserviert sich darin trefflich. Warum überhaupt so viele Umstände und Krönstädte gemacht, da eine Krönstätte, deren Breite nicht über das Thronglied hinauszureichen braucht, schon auslangt und nachhält? Diana hatte winzige Taschen-Tempelchen von Silber, als Göttin. Nun so nehme Luther als Mensch mit seinem Katechismus als kleinem Tempelchen des Ruhms und Ehrensäulchen vorlieb oder (wie es Voltaires-Kästchen gibt) mit Luthers Katechismusglas. Ja, fertigt nicht die Cansteinsche Bibeldruckerei (nebst Waisenhaus) seinen Seelenadelbrief jedem aus? – Und hat nicht schon Dr. Seiler eine gute Bibelanstalt zum Eintreiben von Luthers Krönkosten gemacht und diese eingesteckt?

Wollen wir aber alle etwas Ausgezeichnetes für seinen Namen tun: so fragt sich – denn es kostet wenig –, ob wir nicht, den Sinesern gleich, die ihren großen Männern zu Ehren Türme errichten, Luther zu Ehren die Kirchtürme der lutherischen Konfession als Ehrensäulen seines Namens betrachten und annehmen wollen. Welche Menge Säulen! Ja man könnte noch weiter gehen – die Kosten lasse ich immer nicht wachsen – und, so wie es Rousseaus-, Voltaires-, Shakespeares-Gassen gibt, nach Ähnlichkeit der Judengassen, Luthers- oder gar Lutheraner-Gassen in Eisleben eintaufen, es sei nun im preußischen Anteil in der Neuhälfte der Siebenhitze, oder im kursächsischen in der Vorstadt Nußbreite, oder in der Alt-, in der Neustadt oder auch in Dresden und sonst, zum Beispiele in den verschiedenen Buchhändlergassen, welche so sehr für und von Luther leben. –

Findet ein Mansfelder Gesellschafter die Ehre zu winzig, so sag' ich: Herr, wenn noch neben Gassen sich ganze Länder und Kreise nach Luther nennen, was will er mehr oder Er?

Mich stach vorigen Jahrs in der Kirche ein Frauenzimmer mit einer Nadel in den Fächer mit Namen. Ich schwur der Person, der Unterschied zwischen dem Fächer und dem peplum Minervae, worin man große Heldennamen einstickte, sei, was Namens-Unsterblichkeit anlange, nicht der größte, da auf der Erde der[320] Boden zu ewigen Denkmälern ohnehin fehle, indem sie selber vergehe. Knetet mir nur erst eine unsterbliche Kugel, dann lasse ich Unsterbliche auf sie laufen. Und ich selber würde ohne diese niederschlagende Betrachtung mich vielleicht unsterblicher gemacht haben, als ich absichtlich tun wollen, da ich meinen mathematischen Ehrenpunkt jetzo nur darin setze, ein Ehrenmitglied an anderen Ehrenmitgliedern abzugeben.

Ich rücke nun in meine zweite Klasse, worin ich den Deutschen einen Vorschlag versprochen, dem großen Reformator das ewige Denkmal so zu setzen, daß die Summe von 6 000 Talern und einigen Groschen keinen Pfennig ausgibt.

Die ganze Summe, und was noch einkommen möchte, wird nämlich sicher genug auf landesübliche Zinsen ausgeliehen. Dies ists. Das Kapital stehe samt seinen Prozenten nur sechs Jahrhunderte aus: so weiß ich nicht, was wem fehlen soll, Verewigung Luthern, oder Millionen uns. Man erlaube mir der Kürze wegen, nur ein wenig auszuholen.

An und für sich kann ohnehin Luther noch keinen ausgestreckten Triumphwagen begehren, sondern vorläufig erst eine Ovation, womit sich ein römischer Feldherr abgespeiset sah, wenn er den Krieg weder vollendet hatte noch gegen Freie geführt. Letzteres beides ist Luthers Fall. Noch stehen Millionen Katholiken da. Luther krähete allerdings als Streithahn über Europa hinüber und hoffte auf Tränen, als Petrus in Rom Christum durch Repräsentanten verleugnet hatte; aber später wurde durch den Schmalkalder Kapaunenschnitt das leichte Krähen in feste Federn verwandelt. Man protestierte gegen weiteres Protestieren, und wie Müller nicht mit Mehl handeln dürfen, so wurde Mehlhändlern, d.h. lutherischen Konfessionisten, verboten, Müller, d.h. Reformatoren, zu sein. Das Sprichwort verbietet, auf einem Grabe zu schlafen; dennoch wurde das Lutherische zum gesunden Schlafsaale und Schafstalle eines müden Jahrhunderts gemacht. Folglich kann Luther vor der Hand nur ovieren. Bleibt aber dessen ungeachtet nicht das Buch seiner Konsulat- und Kaiser-Wahl, worin die Nation ihre Geldsummen eingeschrieben, immer aufgeschlagen, der Reichs-Anzeiger nämlich, das[321] goldene Buch für Luthers Adel, überhaupt ein Werk, das in späten Zeiten von ganz andern Deutschen wird studiert werden, als die es jetzo schreiben, weil man recht gut einsehen wird, daß es der beste deutsche Tacitus de moribus Germanorum ist, den man seit dem lateinischen hat? –

Wir kehren aber zum Poch-, Wasch-, Röst-, Schmelz- und Treibwerke zurück, zum Kapitale, das, als Ehrenschuld an Luther, die Religionoperationkasse sein kann, von der sich mehre außer mir so viel versprechen. Stehe doch die Summe nur so lange auf Kredit als der Protestantismus selber aus: so muß sie ja, hoff' ich, da Geld wie Schnecken, Seehasen und Blumen sich mit sich selbst vermehrt, zu solchen Millionen wachsen In der Tat ich sonne mich am Goldglanz. Allein eben dieser Religionfond, diese lutherische biblia in nummis (biblisches Münzkabinett) sinds ja, was der Anhänger so wünscht. Nach den ersten Jahrhunderten stiege der Gotteskasten dermaßen, daß man eine Luthers-Bank errichten könnte und müßte; – ein Bankodirektor (ein General superintendent sei es) würde angestellt und dazu viele Kassierer samt anderen Bankoffizianten – jährlich wüchse Geld und Dienerschaft – dieses schöne patrimonium Pauli, entgegen dem päpstlichen patrimonium Petri, gediehe zu lutherischen Besitzungen in Indien oder in Mansfeld. Andere Dinge würden auf die leichteste Art mit dem Luthers-Kapitale verbunden, z.B. Bergwerks- Kuxen, Lotterie und Lotto u.s.w. Und endlich würde vielleicht das Schönste und Wichtigste versucht, nämlich es würde jedem Protestanten etwas von der Luthers-Kasse vorgestreckt.....

Ich denke, dann ists genug. Ein Mann, der Kredit gibt, bekommt täglich mehr Kredit; und mehr gehört zu keiner Unsterblichkeit.

Luther lebt so lange als England.

Hiemit schließe ich mein kleines Ideen-Magazin ab und zu. Geld wollt' ich dem corpus evangelicorum überall ersparen dessen bin ich mir bewußt –, und sollte die Mansfelder Gesellschaft auch nur einen Groschen Einrückgebühren meinetwegen aufwenden, so könnt' ich nichts davor. Indessen so viel erwartete das Europa, das ich kenne, von jeher von der Mansfelder humane Society, daß sie, schreibe sie für oder wider mich, und wohne der[322] eine oder der andere auf den 200 Brandstellen in Eisleben oder in der Siebenhitze, einem Ehrenmitgliede stets im Reichsanzeiger mit jener Höflichkeit etwas auf sein Magazin antworten und versetzen werde, die bisher den einzigen und daher letzten Unterschied zwischen uns und den Holländern gemacht und unterhalten hat, welche wirklich im philologischen Fache sonst zuweilen das äußerten, was man früher in Griechenland Grobheit hieß.


Musurus,

Ehrenmitglied.


So weit Musurus. Ich würde mich ordentlich lächerlich machen, wenn ich ausführlich bewiese, daß vieles, wo nicht mehr, in dessen Magazin satirischer gemeint sei als ernsthaft; weil man den Aufsatz nur einigemal zu lesen braucht, um gerade hinter dem Feierkleide des Ernstes die Fastnachtlarve des Spaßes zu erblicken. Freilich fiel manches unter der Aufrichtung von Luthers Obeliskus weniger groß als (wenn auch nicht kleinlich, doch beinahe) klein aus, von der Einladschrift und Einlaufsumme an bis zu wenigen Vorschlägen ihres Verbrauchs; und Musurus' Scherz und jeder Scherz verkleinert vollends alles, sogar das Kleinste. In unsern kalten, geizigen, glaubenslosen Tagen, wo die Religion nur noch die Kabinette und Gerichtsstuben hat (nicht diese etwa jene), ist die Erscheinung herzerhebend, daß man noch des alten herrlichen Luthers, dieses Höllenstürmers vormaliger Himmelstürmer, durch ernste Taten gedenkt, indem auf der einen Seite eine von seiner Erinnerung begeisterte Gesellschaft rastlos und mutvoll ein anfangs so wenig versprechendes Unternehmen verfolgt, und indem sie auf der andern sich durch einen tätigen Anteil von vielen Seiten, wenn nicht belohnt, doch ermuntert sieht. Wessen Herz aus Religion und Menschen liebe die Nahrung zieht, dem quillt sie reichlich aus dem Anblicke einer gebenden Vereinigung zu, welche für einen höhern Zweck als gewöhnliche Waisenhaussteuer und aus höherem Triebe opfert; auch wer seine Hand nicht öffnete, muß geneigt sein, jede brüderlich zu drücken, die sich aufgetan. Eine Opferflamme entzündet[323] die andere, und vielleicht ist der edle Schiller seine Todes- und Unsterblichkeits-Feiertage den Gerüsten zu Luthers Tempel schuldig. Auch dem Reichsanzeiger komme – bei der deutschen Staatenzersplitterung, welche nur vertiefte Gläser zum Zerstreuen, nicht erhobene zum Sammeln vorhält – sein Lob, das deutsche Unterhaus zu sein, welches deutsche Stimmen und Ohren und Gaben sammelt.

Oft wiegt die Bewunderung mehr auf der Geisteswaage als ihr Gegenstand; und folglich könnte die Begeisterung für Luther sich selber adeln, unabhängig von Luthers Adel. Aber schauet an diesen immer grünen Eichbaum und seine Äste hinauf, an diesen Turm, der immer, wenn nicht ein Leucht-, doch ein Kirchturm war mit Sturmglocken und friedlichem Glockenspiele. Nicht seinen Märterer-Mut acht' ich am meisten, so viel eiserner er auch war, als er scheinen kann. Denn jedes kühne Leben erscheint aus der Vergangenheit nach dem Umsturz der Schreckensbilder nicht so kühn, und daher hat gegen die vielarmige, aus Nebeln schlagende Zukunft nur die große Seele Mut, gegen die ausgerechnete nackte Vergangenheit aber ein jeder – Luther stand noch in den witterhaften Grubenwettern, die er anzündete und für uns entwickelte zu reiner Luft. – Folglich bewundere ichs auch nicht am meisten, daß er, zu kräftig, ein bloßer gleitender Dielenglätter (Zimmerfrotteur) der Kirche zu sein, lieber gleich Simson die Säulen angriff und umwarf. Sogar dies, daß er einen kernderben Deutschen in allen festen Muskeln und feinsten Nerven, einen Geharnischten voll Krieglust und voll Ton- und Kinderliebe darstellte, sogar diese Gottesaussteuer reicht nicht an sein anderes, schönstes Herzgut hinan, daß er nämlich – weder ein Dichter noch ein Schwärmer, sondern vielmehr ein vielseitiger Geschäftseher – doch an Gott, an sich und sein Recht glaubte und mit diesem heiligen Glauben des Rechts, ohne welchen das Leben weder Ziel hat noch Glück, wie neben einem Gott durch seine lange Laufbahn dreist und lustig schritt. Dieser nur aus der heiligsten Tiefe eines Gemüts wieder in ein heiligstes Leben aufsteigende Glaube überwindet die Welt, die fremde und die eigne, die Drohung und die Lust, und die ganze gemeinere Menschheit[324] würde zu einer heiligen werden, ginge ihr der Gott voraus, welchen die höhere in sich mitträgt. Luther hatte jenen himmlischen Mut im Herzen, wodurch sogar sein irdischer an Wert verliert, weil dieser dann dem Mute von Homers Göttern oder Miltons Engeln gleicht, die nur den Schmerz, aber nicht den Tod empfangen konnten. – O richtet doch dem Seelenmute Denkmäler auf, nicht bloß weil er das ewig wiederkehrende, mehr auf der Menschheit als auf der Zeit thronende Papsttum erschüttert, sondern weil er allein die schleichenden Jahrhunderte wie mit zornigen Flügeln in die Höhe auftreibt.

Welche reine, widerirdische, höhere Wünsche und Meinungen halten sich nicht Jahrhunderte lange in tausend stillen Herzen auf – und nichts geschieht als das Gegenteil –, bis endlich ein Mann zur Keule greift und jede Brust aufspaltet und dem Himmel so viel Luft macht, als die Hölle vorher hatte.

Wir kommen auf das Denkmal endlich. Was will überhaupt irgendeines? Unmöglich Unsterblichkeit geben – denn jedes setzt eine voraus –, und nicht der Thronhimmel trägt den Atlas, sondern der Riese den Himmel. Sind die Taten nicht durch Mund oder Schrift in die Welt übergegangen: so ist die Ehrensäule nur ihre eigne; und der goldne Name oben müßte wie der zufällige Bleifedername unten wirken, den die vorüberlaufende Kleinheit daranschreibt. Luther vollends – dessen Siegzeichen Länder und Jahrhunderte und dreißigjährige Kriege sind – braucht wenig, als ein blitzendes Wagengestirn am deutschen Himmel stehend, ja aus gleichzeitigen Sternen damaliger Zeit als Polarstern übrig geblieben. Es gibt also nur zweierlei Denkmale – da das dritte sich der Taten-Mensch selber aufrichtet auf Jahrhunderten durch ein Jahrhundert –, nämlich nur zwei körperliche. Das erste, in der Erscheinung gemeine trägt der Seelentriumphator oder ein Donnermensch wie Luther selber an sich, den Leib. Das ehrwürdige Streben der Menschen nach Reliquien eines geheiligten Menschen wirft Abendstrahlen auf das erste Denkmal, das einer großen Seele die Natur selber mitgegeben, den Körper, und dieser zieht alles in seine verklärende Nachbarschaft. Wie Heiligenleiber die Andacht fremder Seelen nähren, die sie vielleicht der[325] eignen erschwerten: so umschließt das Grab eines großen Mannes die wahre Reliquie, welche, zumal an Jünglingen, die Wunder der Stärkung und Heiligung tut. Wenn die Griechen ihren Themistokles in Magnesia auf dem Markte begruben und den Euchitas zu Platäa im Tempel Dianas; wenn sonst die Christen ihre Kaiser und Bischöfe in die Vorhöfe der Tempel; und wenn ein Heiliger und ein Altar immer zusammenkommen: wär' es nicht ein seelenweckender Gebrauch, wenn Herz- und Kraftmenschen, die gegen die Zeit Sturm gelaufen, die ganzen Ländern und Zeiten Angelsterne, Schutzengel oder Huldgötter gewesen, für ihre Überreste in den Kirchen ihre letzte Stätte fänden? – Ja, ließe einmal Deutschland gemeinschaftliche Hauptstädte und darin etwas Höheres als eine Westminsterabtei – weil in diese Rang und Reichtum ebensowohl führen als Wert –, nämlich eine Rotunda großer Toten bauen und einweihen: wohin könnte der Jüngling schöner wallfahrten und sich mit Feuer für das Leben rüsten als zu und in diesen heiligen Gräbern?

Ich hoffe nicht, daß die medizinische Polizei, was das Begraben in Kirchen anlangt, ihre Paragraphen aufschlägt und mir entgegenhält, daß die genialen Leiber ebenso stänken wie dumme Denn falls nicht mehre Menschen in jeder Kirche begraben werden als das Paar Unsterbliche, die ihr ein Jahrhundert ums andere liefert: so halten die Kirchgänger schon die Luft aus, womit jene zurückwehen. Auch hätte weder den Dom, noch die St. Nikolais-Kirche, noch die haberbergische in Königsberg das Selbergebeinhaus, womit der alte Kant sich zuletzt auf der Erde umherschob, bedeutend verpestet, wenn es in einer davon da untergekommen wäre.46 Jetzo wird der Zweck eines orientalischen Königs, der sich 12 Gräber machen läßt, um das geheim zu behalten, worin[326] er liegt, bei großen Menschen noch leichter dadurch erreicht, daß man gar keines weiß; und wenn sich fünf Städte um des Cervantes und nach Suidas neunzehn um Homers Geburtstelle stritten: so können wir uns dadurch auszeichnen' daß sich vierundzwanzig um die Begräbnisstelle eines großen Mannes zanken.

Das Denkmal der zweiten Gattung, das einzige, das die Zeitgenossen setzen, ist das künstlerische, wovon eigentlich hier für Luthers Namen die Rede ist. Was sprach denn bei den Alten die kolossale Statue, der Portikus, die Ehrensäule, der Ehrenbogen, der Ehrentempel aus? Gleich der Schauspielkunst zwei Ideale, ein geistiges durch ein plastisches. Denn ein Denkmal ist etwa nicht der bloße Metall-Dank der Nachwelt – der besser auf einer Goldstange dem Lebenden oder dessen Nachkommen zu reichen wäre –; es ist auch nicht der bloße Herzerguß der dankbaren Begeisterung, der viel besser mit Worten oder vor dem Gegenstande selber strömte; – auch nicht bloße Verewigung für die Nachwelt, für welche teils er selber besser und ein Blatt Geschichte länger sorgt; – sondern ein Denkmal ist die Bewunderung, ideal, d.h. durch die Kunst ausgedrückt. Eine jährlich vor dem Volke abzulesende Musterrolle großer Muster wäre noch kein Denkmal, aber wohl wäre eine pindarische Ode eines, in Griechenland abgesungen. Schillers Geburttagtest, das durch Darstellung seiner Götterkinder begangen werden soll, erhebt sich künstlich zu einem Denkmale durch eben diese Kinder, die den Vater vergöttern. Doch ist das Gemälde, am stärksten aber ist die Bildsäule und die Baukunst – welche beide stets das Große leichter verkörpern als das Leichte und Kleine, und welche die gegenseitige Nachbarschaft und Vereinigung ihrer Wirkung verdienen, wie der Leib und die Seele einander, d.h. die Bildsäule und der Tempel – das rechte Mutterland der Denkmäler. Die Bewunderung, sagt' ich, nicht die Erinnerung – welche ein platter Leichenstein, eine jährlich erneuerte Holzstange mit einem schwarzen Namenbrettchen oben und am Ende eine Schandsäule auch gewährte – sei aber darzustellen; dies vermag nur eben die Kunst, indem sie aus ihrem Himmel der Göttergestalten eine sichtbare herunterschickt und jene Gefühle des Großen in uns[327] entzündet, mit welchen wir die aufgeflogene, den Gegenstand des Denkmals, im göttlichen Rausche der Bewunderung verkörpert sehen. Ich stehe vor der Pyramide, vor dem Obelisk: wie von einem Liebe- und Zaubertrank berückt, schaue ich weit in eine kolossale Welt hinein, und darin sehe ich nun eben den Menschen groß und glänzend gehen, dessen bloßer Name an dem Denkmale steht. Erhebt einen Säulentempel in die Luft und schreibt darauf: Luthero! so ists genug und sogar sein Gesicht entbehrlich, das mit etwas fetter Mönchschrift geschrieben ist; die sichtbare Ehrenkirche führt schon den Kraftpriester der unsichtbaren heran vor unser Herz. Die eigne Gestalt des Gedenk-Menschen ist folglich dem Denkmale nicht notwendig, ja – z.B. die von Voltaire durch Pigalle – sogar schädlich, wenn sie nicht von der Taufe der Kunst die Wiedergeburt empfangen hat; daher die Griechen die Übergröße der Lebensgröße für ihre Statuen wählten. Wie wenig man ähnlich oder gar ikonisch abbilden will, sieht man daraus, daß man nicht statt der Bildsäulen, welche durch Nacktheit und Marmorglanz stets größer erscheinen, lieber verjüngte macht, sondern sich der ähnlichern Zwerg-Statuen bei Fürsten und Großen enthält. Man stelle eine Spiegelstatue, nämlich ein Wachsbild, sogar in idealen Gewänderwindeln, in einen Ehrentempel: so ists so viel, als geriete der lebendige Gegenstand selber als Spaziergänger in seine Vergötterungkirche. Nur die Kunst spricht durch einen äußern Menschen den innern aus; darum baue sie das Tabor der Himmelfahrt im Prunktempel.

Um desto weniger tue das Denkmal im Feierkleide der Kunst Wochentagdienste des Nutzens, z.B. als Schul- oder Waisenhaus; eine Mißheirat der Kunst und des Bedürfnisses, die man bei den Barbaren und auf dem römischen Marsfelde wiederfindet, wo die heiligen Ruinen zu Viehtränken und Wäschstangen niedersinken. Die größten Prunkzimmer, welche die Erde trägt, sind leer und ohne Stuhl und Tisch, Raffaels Stanzen. Wer wird unter dem Fluge der Bewunderung daran denken, was sie eintrage?

Und was ist aller Vorteil so oder anders ernährter oder unterwiesener Armen gegen die Himmelbeute, wenn an einer kräftigen Jüngling-Seele im Unsterblichkeittempel, wie in einer lauen Frühlingnacht,[328] alle Knospen aufbrechen und duftend auffahren wenn die Statue eines großen Menschen mit Memnons-Tönen ein großes Herz anspricht und erweckt und es zurechtweiset für ein langes Leben – und wenn ein Sonntag sechs Wochentage bestimmt und heiligt?

In der geistigen Welt ist die Wirkung so oft größer als die Ursache wie umgekehrt, und eine Maria gebiert einen Gottmenschen; daher gibts in ihr keine andere Elle und Waage als das Höchste, das eben jede verschmäht. Die Erde ist ein Gottesacker voll Scheinleichen; es wehe ein lebendiger Hauch, und eine Welt erwacht. Er weht aber im Kunsttempel eines großen Mannes.

Wenn in der Zeit eine Religion nach der andern und eine Götterlehre nach der andern untergeht, die die Menschen zu Geistern macht: so bauet wenigstens Menschentempel, worin die geistigen Großen an das Größte erinnern und das Bewundern ans Beten. Schlösser in Äther sind besser als die Luftschlösser.

Möge Luther – dieser geistige Donnermonat – uns auch hierin reformieren und beleben, obwohl nur mit dem Regenbogen seines Denkmals, und die Deutschen den Griechen nacherziehen! Ohne Denkmäler für Unsterblichkeit gibts kein Vaterland, aber freilich auch ohne dieses nicht jene. Soll der gemeinen Vergötterung oder Versteinerung der Fürsten und Reichen nicht die höhere Apotheose regierender und reicher Geister das Gleichgewicht halten? Soll nichts verewigt werden als ein Name, den wir vergessen oder nicht kennen? Wenn man in Griechenland auf allen Wegen und Höhen nur durch stille Sternbilder der entrückten Unsterblichkeit ging, und wenn das Auge und das Herz voll Feuer und manches zu einer Sonne wurde, die der Tod in jene schimmernde Reihen selber einsetzte: so begegnen wir bei uns auf physischen Höhen nur geistiger Erniedrigung, und, wie von Heeren, werden die Galgen-Anhöhen von zerstörten Missetätern besetzt, und der einzige Sokrates-Genius, der Nein zu uns sagt, ist der Nachrichter. Aber nicht die Furcht, nur die Begeisterung tut Wunder, nicht der Brechwein, sondern der Wein berauscht; und welchen der Galgen bessert und hebt, ist fast schon an ihm.[329]

O! Werft lieber, wie der Russe, auf eine Gestalt in Verzuckungen das verhüllende Tuch und nehmt von einem glänzenden Angesicht die Mosisdecke, als daß ihr beides umkehrt und Gebrechen lieber als Kräfte fortpflanzt!

Die reinste Empfindung hienieden, sagt Chateaubriand, ist die Bewunderung; und zugleich, setze ich hinzu, die wirksamste in den edlern Lebensteilen. Ein versinkendes Volk erstickt das heilige Feuer der Achtung in Moderasche; je weniger Achtung für andere, desto weniger für sich, und umgekehrt. Darum heißt es: ein Volk heiligen, wenn man es achten lehrt; und darum wärmt die Opferflamme auf dem Altar eines Menschen das Leben ganzer Zeiten aus. Aber nur auf Stein, es sei der Statue oder des Tempels, brennt dieses Feuer. Auf dem bloßen Druckpapier wohnen alle Völker und Zeiten mit ihrer toten Unsterblichkeit; hingegen das steinerne Denkmal trägt einen Helden aus dem Heer auf den Sonnenthron, der eine Welt auswärmt. Auf dem Papiere bewundert nur der Einsame; hingegen vor dem Denkmale wird die bewundernde Menge von der Menge begeistert; nicht das Licht, sondern die Wärme wächst, unaufhörlich zurückgeworfen, in menschenvollen Sälen, weil das Gewissen die Herzen ähnlicher macht als die Anlagen die Köpfe.

Darum könnte das Schauspielhaus – welches beinahe das einzige Olympia, Forum und Ober- und Unterhaus ist, das uns zu einem Volke für eine Flamme sammelt und verdichtet – das schönste deutsche Pantheon werden, wo die Nation ihre Unsterblichen thronen und zurückglänzen und ihre Opferflammen zu einem Feuer und in einen Himmel steigen sieht. Darum ists so erfreulich, daß einem andern Reformator auf der Bühne, die er selber umgeschaffen, die Trauer- und Hochzeitfackeln angezündet werden, dem ewigen Schiller. Nicht er am meisten, der den Mondregenbogen der britischen Reflexionpoesie zu einem Sonnenregenbogen, wenn auch nicht zu einem reinen Phöbus entzündete und den dichterischen Zauberkreis wenigstens durch ein unendliches Zaubervieleck ersetzte, sondern er, welcher, der Kunst den Künstler opfernd, lieber aufflog, als nur fortflog, und untere Ferne und obere Kälte gern mit höherer Bahn bezahlte, so daß sogar seine[330] spätern Irrtümer nur Opfer sind, wie seine früheren Fehltritte nur Fehlflüge. Aber doch wird ein Herz, das Tränen um den hohen Menschen und Gedanken für die Ewigkeit hat, seine Totenfeier am schmerzlichsten und am innigsten begehen müssen, wenn es bedenkt, daß er unter allen deutschen Dichtern gerade mit der Leichenfackel, die nun auf ihm brennt, am weitesten in die andere Welt hineinleuchtete und schon mit seinem jugendlichen Frührot das Schattenreich glänzend färbte. Nun zieht er hinter den Abendwolken des Lebens, worauf er so oft Morgen- und Abendrot (für den Dichter nur ein Rot) geworfen – und das dankbare Auge kann auf nichts sehen als auf seinen Flug und seine Flucht. Die aus verschiedenen Höhen einander entgegenziehenden Wolken der Urteile werden bald verfliegen; und sein Stern wird alsdann, sowohl unbewölkt als unvergoldet, lichtrein am ewigen Himmel gehen.[331]

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 6, München 1959–1963, S. 310-332.
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