Nr. 15. Riesenmuschel

[660] Die Stadt – chambre garnie


Walt stand mit einem Kopfe voll Morgenrot auf und suchte den brüderlichen, als er seinen Vater, der sich schon um 1 Uhr auf seine langen Beine gemacht, mit weiten Schritten und reisebleich durch den Hof laufen sah. Er hielt ihn an. Er mußte lange gegen den Strafprediger seine Gegenwart durch die ausgebrochene Mauer herunter verteidigen. Darauf bat er den müden Vater, zu reiten, indes er zu Fuße neben ihm laufe. Lukas nahm es ohne Dank an. Sehnsüchtig nach dem Bruder, der sich nicht zeigen durfte, verließ Walt die Bühne eines so holden Spielabends.

Auf dem waagrechten Wege, der keinen Wassertropfen rollen ließ, bewegte sich das Pferd ohne Tadel und hielt Schritt mit dem tauben Sohne, dem der Vater von der Sattel-Kanzel unzählige Rechts- und Lebensregeln herabwarf. Was konnte Gottwalt hören? Er sah nur in und außer sich glänzende Morgenwiesen des[660] Jugendlebens, ferner die Landschaft auf beiden Seiten der Chaussee, ferner die dunklen Blumengärten der Liebe, den hohen hellen Musenberg und endlich die Türme und Rauchsäulen der ausgebreiteten Stadt. Jetzt saß der Vater mit dem Befehle an den Notarius ab, durchs Tor zum Fleischer zu reiten, in sein Logis, und um 10 Uhr in den weichen Krebs zu gehen, wo man auf ihn warten wolle, um mit ihm gehörig vor dem Magistrate zu erscheinen.

Walt saß auf und flog wie ein Cherub durch den Himmel. Die Zeit war so anmutig; an den Häuserreihen glänzte weißer Tag, in den grünen tauigen Gärten bunter Morgen, selber sein Vieh wurde poetisch und trabte ungeheißen, weil es seinem Stalle nahe und aus dem herrnhutischen hungrig kam. – Der Notarius sang laut im Fluge des Schimmels. Im ganzen Fürstentum stand kein Ich auf einem so hohen Gehirnhügel als sein eigenes, welches daran herab wie von einem Ätna in ein so weites Leben voll morganischer Feen hineinsah, daß die blitzenden Säulen, die umgekehrten Städte und Schiffe den ganzen Tag hängenblieben in der Spiegelluft.

Unter dem Tore befragte man ihn, woher? »Von Haßlau«, versetzte er entzückt, bis er den lächerlichen Irrtum eilig umbesserte und sagte: »Nach Haßlau.« Das Pferd regierte wie ein Weiser sich selber und brachte ihn leicht durch die bevölkerten Gassen an den Stall, wo er mit Dank und in Eile abstieg, um sofort seine »chambre garnie« zu beziehen. Auf den hellen Gassen voll Feldgeschrei, gleichsam Kompaniegassen eines Lustlagers, sah ers gern, daß er seinen Hausherrn, den Hofagent Neupeter, kaum finden konnte. Er gewann damit die Zeit, die verschüttete Gottes-Stadt der Kindheit auszuscharren und den Schutt wegzufahren, so daß zuletzt völlig dieselben Gassen ans Sonnenlicht kamen, ebenso prächtig, so breit und voll Paläste und Damen, wie die waren, durch welche er einmal als Kind gegangen. Ganz wie zum ersten Male faßte ihn die Pracht des ewigen Getöses, die schnellen Wagen, die hohen Häuser mit ihren Statuen darauf und die flitternen Opern- und Galakleider mancher Person. Er konnte kaum annehmen, daß es in einer Stadt einen Mittwoch, einen Sonnabend[661] und andere platte Bauerntage gebe, und nicht jede Woche ein hohes Fest von sieben Feiertagen. Auch sehr sauer wurd' es ihm zu glauben – sehen mußt' ers freilich –, daß so gemeine Leute wie Schuhflicker, Schneidermeister, Schmiede und andere Ackerpferde des Staats, die auf die Dörfer gehörten, mitten unter den feinsten Leuten wohnten und gingen.

Er erstaunte über jeden Werkeltagshabit, weil er selber mitten in der Woche den Sonntag anhabend – den Nanking – gekommen war; alle große Häuser füllte er mit geputzten Gästen und sehr artigen Herren und Damen an, die jene liebe-winkend bewirteten, und er sah nach ihnen an alle Balkons und Erker hinauf. Er warf helle Augen auf jeden vorübergehenden lackierten Wagen und auf jeden roten Schal, auf jeden Friseur, der sogar werkeltags arbeitete und tafelfähig machte, und auf den Kopfsalat, der im Springbrunnen schon vormittags gewaschen wurde, anstatt in Elterlein nur sonntags abends.

Endlich stieß er auf die lackierte Türe mit dem goldgelben Titelblatt »Material-Handlung von Peter Neupeter et Compagnie« und ging durch die Ladentüre ein. Im Gewölbe wartete er es ab, bis die hin- und herspringenden Ladenschürzen alle Welt abgefertigt hätten. Zuletzt, da endlich nach der Ancienneté der Mahlgäste auch seine Reihe kam, fragte ihn ein freundliches Pürschchen, was ihm beliebe. »Nichts«, versetzte er so sanft, als es seine Stimme nur vermochte, »ich bekomme hier eine chambre garnie und wünsche dem Hrn. Hofagenten mich zu zeigen.« Man wies ihn an die Glastüre der Schreibstube. Der Agent – mehr Seide im Schlafrock tragend als die Gerichtsmännin im Sonntagsputz – schrieb den Brief-Perioden gar aus und empfing mit einem apfel-roten und – runden Gesichte den Mietsmann.

Der Notarius gedachte wahrscheinlich, mit seinem Roßgeruch und seiner Spießgerte zu imponieren als Reiter; aber für den Agenten – den wöchentlichen Lieferanten der größten Leute und den jährlichen Gläubiger derselben – war ein Schock berittener Notarien von keiner sonderlichen Importanz.

Er rief ganz kurz einem Laden-Pagen herrisch zu, den Herrn anzuweisen. Der Page rief wieder auf der ersten Treppe ein bildschönes[662] nettes, sehr verdrüßliches Mädchen heraus, damit sie den Herrn mit der Spießgerte bis zur vierten brächte. Die Treppen waren breit und glänzend, die Geländer figurierte Eisengirlanden, alles froh erhellt, die Türschlösser und Leisten schienen vergoldet, an den Schwellen lagen lange bunte Teppiche. Unterwegs suchte er die Stumme dadurch zu erfreuen und zu belohnen, daß er sanft ihren Namen zu wissen wünschte. Flora heißet der Name, womit das schöne mürrische Ding auf die Nachwelt übergeht.

Die chambre garnie ging auf. – Freilich nicht für jeden wäre sie gewesen, ausgenommen als chambre ardente; mancher, der im Roten Hause zu Frankfurt oder im Egalitäts-Palaste geschlafen, hätte an diesem langen Menschen-Koben voll Ururur-Möbeln, die man vor dem glänzenden Hause hier zu verstecken suchte, vieles freimütig ausgesetzt. Aber ein Polymetriker im Göttermonat der Jugend, ein ewig entzückter Mensch, der das harte Leben stets, wie Kenner die harten Kartons von Raffael bloß im (poetischen) Spiegel beschauet und mildert – der an einer Fischer-, Hunds- und jeder Hütte ein Fenster aufmacht und ruft: ist das nicht prächtig draußen? – der überall, er sei im Eskurial, das wie ein Rost, oder in Karlsruh, das wie ein Fächer, oder in Meinungen, das wie eine Harfe, oder in einem Seewurm-Gehäuse, das wie eine Pfeife gebauet ist, die Sommerseite findet und dem Roste Feuerung abgewinnet, dem Fächer Kühlung, der Harfen Töne, der See-Pfeife desfalls – Ich meine überhaupt, ein Mensch wie der Notarius, der mit einem solchen Kopfe voll Aussichten über die weite Bienenflora seiner Zukunft hin in den Bienenkorb einfliegt und einen flüchtigen Überschlag des Honigs macht, den er darein aus tausend Blumen tragen wird, ein solcher Mensch darf uns weiter nicht sehr in Verwunderung setzen, wenn er sogleich ans Abend-Fenster schreitet, es aufreißet und vor Floren entzückt ausruft: »Göttliche Aussicht! Da unten der Park – ein Abschnitt Marktplatz – dort die zwei Kirchtürme – drüben die Berge – Wahrlich sehr schön!« – Denn dem Mädchen wollt' er auch eine kleine Freude zuwenden durch die Zeichen der seinigen.

Er warf jetzt sein gelbes Röckchen ab, um als Selbstquartiermeister in Hemdärmeln alles so zu ordnen, daß, wenn er von der[663] verdrüßlichen Erscheinung vor dem Stadtrate nach Hause käme, er sogleich ganz wie zu Hause sein könnte und nichts zu machen brauchte als die Fortsetzung seines Himmels und seinen Streckvers und etwas von dem abgekarteten Doppelroman. Den Abhub der Zeit, den Bodensatz der Mode, den der Agent im Zimmer fallen lassen, nahm er für schöne Handelszeichen, womit der Handelsmann eine besondere Sorgfalt für ihn offenbaren wollen. Mit Freuden trug er von zwölf grünen, in Tuch und Kuhhaar gekleideten Sesseln die Hälfte – man konnte sonst vor Sitzen nicht stehen – ins Schlafgemach zu einem lackierten Regenschirm von Wachstuch und einem Ofenschirm mit einem Frauen-Schattenriß. Aus einer Kommode – einem Häuschen im Haus zog er mit beiden Händen ein Stockwerk nach dem andern aus, um seine nachgefahrne fahrende Habe dareinzuschaffen. Auf einem Teetischchen von Zinn konnte alles Kalte und das Heiße getrunken werden, da es beides so kühlte. Er erstaunte über den Überfluß, worin er künftig schwimmen sollte. Denn es war noch eine Paphose da (er wußte gar nicht, was es war) – ein Bücherschrank mit Glastüren, deren Rahmen und Schlösser ihm, weil die Gläser fehlten, ganz unbegreiflich waren, und worein er oben die Bücher schickte, unten die Notariats-Händel – ein blau angestrichener Tisch mit Schubfach, worauf ausgeschnittene bunte Bilder, Jagd-, Blumen- und andere Stücke, zerstreuet aufgepappet waren, und auf welchem er dichten konnte, wenn ers nicht lieber auf einem Arbeitstischchen mit Rehfüßen und einem Einsatz von lackiertem Blech tun wollte – endlich ein Kammerdiener oder eine Servante, die er als Sekretär an den Schreibtisch drehte, um auf ihre Scheiben Papier, eine feine Feder zur Poesie, eine grobe zum Jus zu legen. Das sind vielleicht die wichtigern Pertinenzstücke seiner Stube, wobei man Lappalien, leere Markenkästchen, ein Nähpult, einen schwarzen basaltenen Kaligula, der aus Brustmangel nicht mehr stehen konnte, ein Wandschränklein u.s.w. nicht anschlagen wollte.

Nachdem er noch einmal seine Stiftshütte und deren Ordnung vergnügt überschauet und sich zum Fenster hinausgelegt und unten die weißen Kiesgänge und dunkeln vollaubigen Bäume besehen[664] hatte: machte er sich auf den Weg zum Vater und freuete sich auf den Treppen, daß er in einem so kostbaren Hause ein elendes Wohn-Nest besitze. Auf der Treppe wurde er von einem hellblauen Kuvert an die Hofagentin festgehalten. Es roch wie ein Garten, so daß er bald auf der Duftwolke mitten in die niedlichsten Schreibzimmer der schönsten Königinnen und Herzoginnen und Landgräfinnen hineinschwamm; indes hielt ers für Pflicht, durch das Ladengewölbe zu gehen und das Kuvert redlich mit den Worten abzugeben: hier sei etwas an Madame. Hinter seinem Rücken lachte sämtliche Handels-Pagerie ungewöhnlich.

Er traf seinen Vater in historischer Arbeit und Freude an. Dieser stellte ihn als Universalerben sämtlichen Gästen vor. Er schämte sich, als eine Merkwürdigkeit dieser Art lange dem Beschauen bloßzustehen, und beschleunigte die Erscheinung vor dem Stadtrat. Verschämt und bange trat er in die Ratsstube, wo er gegen seine Natur als ein hoher Saitensteg dastehen sollte, auf welchen andere Menschen wie Saiten gespannt waren; er schlug die Augen vor den Akzessit-Erben nieder, die gekommen waren, ihren Brotdieb abzuwägen. Bloß der stolze Neupeter fehlte samt dem Kirchenrat Glanz, der ein viel zu berühmter Prediger auf dem Kanzel- und dem Schreibpulte war, um zur Schau eines ungedruckten Menschen nur drei Schritte zu tun, von dem er die größte Begierde forderte, vielmehr Glanzen aufzusuchen.

Der regierende Bürgermeister und Exekutor Kuhnold wurde mit einem Blick der heimliche Freund des Jünglings, der mit so errötendem Schmerz sich allein, vor den Augen stehender gefräßiger Zuschauer, an die gedeckte Glückstafel setzte. Lukas aber besichtigte jeden sehr scharf.

Das Testament wurde verlesen. Nach dem Ende der 3ten Klausel zeigte Kuhnold auf den Frühprediger Flachs, als den redlichen Finder und Gewinner des Kabelschen Hauses; und Walt warf schnell die Augen auf ihn, und sie standen voll Glückwünsche und Gönnen.

Als er in der 4ten Klausel sich anreden hörte vom toten Wohltäter: so wäre er den Tränen, deren er sich in der Ratsstube[665] schämte, zu nahe gekommen, wenn er nicht über Lob und Tadel wechselnd hätte erröten müssen. Der Lorbeerkranz und die Zärtlichkeit, womit Kabel ihm jenen aufsetzte, begeisterte ihn mit einer ganz andern, heißern Liebe als das Füllhorn, das er über seine Zukunft ausschüttete. – Die darauf folgenden Stellen, welche für den Vorteil der sieben Erben allerlei aussprachen, versetzten dem Schultheiß den Atem, indem sie dem Sohne einen freiern gaben. Nur bei der 14ten Klausel, die seiner unbefleckten Schwanenbrust den Schandfleck einer weiblichen Verführung zutrauete oder verbot, wurde sein Gesicht eine rote Flamme; wie konnte, dachte er, ein sterbender Menschenfreund so oft so unzart schreiben?

Nach der Ablesung des Testaments begehrte Knoll nach der 11ten Klausel »Harnisch muß« einen Eid von ihm, nichts auf das Testament zu entlehnen. Kuhnold sagte, er sei nur »an Eides Statt« es zu geloben schuldig. »Ich kann ja zweierlei tun; denn es ist ja einerlei, Eid und an Eides Statt und jedes bloße Wort«, sagte Walt; aber der biedere Kuhnold ließ es nicht zu. Es wurde protokolliert, daß Walt den Notarius zum ersten Erbamt auswähle – Der Vater erbat sich Testaments-Kopie, um davon eine für den Sohn zu nehmen, welche dieser täglich als sein Altes und Neues Testament lesen und befolgen sollte – Der Buchhändler Paßvogel besah und studierte den Gesamt-Erben nicht ohne Vergnügen und verbarg ihm seine Sehnsucht nach den Gedichten nicht, deren das Testament, sagt' er, flüchtig erwähne – Der Polizei-Inspektor Harprecht nahm ihn bei der Hand und sagte: »Wir müssen uns öfters suchen, Sie werden kein Erb-Feind von mir sein, und ich bin ein Erbfreund; man gewöhnt sich zusammen und kann sich dann so wenig entbehren wie einen alten Pfahl vor seinem Fenster, den man, wie Le Vayer sagt, nie ohne Empfindung ausreißen sieht. Wir wollen einander dann wechselseitig mit Worten verkleinern; denn die Liebe spricht gern mit Verkleinerungswörtern.« Walt sah ihm arglos ins Auge, aber Harprecht hielt es lange aus.

Ohne Umstände schied Lukas vom gerührten Sohne, um die Kabelschen Erbstücke, den Garten und das Wäldchen vor dem[666] Tore und das verlorne Haus in der Hundsgasse, so lange zu besehen, bis der Ratsschreiber den Letzten Willen mochte abgeschrieben haben.

Gottwalt schöpfte wieder Frühlings-Atem, als er die Ratsstube wie ein enges dumpfiges Winterhaus voll finsterer Blumen aus Eis verlassen hatte; so vieles hatt' ihn bedrängt; er hatte der unreinen Mimik des Hunds- und Heißhungers gemeiner Weltherzen zuschauen – und sich verhaßt und verworren sehen müssen – die Erbschaft hatte, wie ein Berg, die bisher von der Ferne und der Phantasie versteckten und gefüllten Gräben und Täler jetzt in der Nähe aufgedeckt und sich selber weiter hinausgerückt – der Bruder und der Doppelroman hatten unaufhörlich ihm in die enge Welt hinein die Zeichen einer unendlichen gegeben und ihn gelockt, wie den Gefangnen blühende Zweige und Schmetterlinge, die sich außen vor seinen Gittern bewegen.

Der liebliche Jesuiterrausch, den jeder den ganzen ersten Tag in einer neuen großen Stadt im Kopfe hat, war in der Ratsstube meistens verraucht. An der Wirtstafel, an der er sich einmietete, kam unter der rauhen ehelosen Zivil-Kaserne von Sachwaltern und Kanzelisten über seine Zunge, außer etwas weniges von einer geräucherten, nichts, kein warmer Bruder-Laut, den er hätte aussprechen oder erwidern können. Den Bruder Vult wußt' er nicht zu finden; und am schönsten Tage blieb er daheim, damit ihn dieser nicht fehlginge. In der Einsamkeit setzte er ein kleines Inserat für den Haßlauer Kriegs- und Friedens-Boten auf, worin er als Notarius anzeigte, wer und wo er sei; ferner einen kurzen anonymen Streckvers für den Poetenwinkel des Blattes-Poets corner-, überschrieben


Der Fremde


ñ – – – ñ ñ ñ ñ – ñ ñ –, – ñ – ñ – ñ –, – – – ñ – ñ ñ –, – ñ – ñ – ñ – ñ – ñ – ñ – ñ ñ –, – – –, ñ – ñ ñ, – ñ – ñ – ñ –.


Gemein und dunkel wird oft die Seele verhüllt, die so rein und offen ist; so deckt graue Rinde das Eis, das zerschlagen innen[667] licht und hell und blau wie Äther erscheint. Bleib' euch stets die Hülle fremd, bleib' es nur der Verhüllte nicht.


*


Schwerlich werden einem Haßlauer Ohre von einiger Zärte die Härten dieses Verses – z.B. der Proceleusmatikus: kel wird oft die – der zweite Päon: die Hülle fremd – der Molossus: bleib' euch stets – entwischen; durfte aber nicht der Dichter seine Ideen-Kürze durch einige metrische Rauheit erkaufen? – Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß es dem Dichter keinen Vorteil schafft, daß man seine Streck- und Einverse nicht als eine Zeile drucken lassen kann; und es wäre zu wünschen, es gäbe dem Werke keinen lächerlichen Anstrich, wenn man aus demselben armlange Papierwickel wie Flughäute flattern ließe, die herausgeschlagen dem Kinde etwan wie ein Segelwerk von Wickelbändern säßen; aber ich glaube nicht, daß es Glück machte.


Darauf kaufte sich der Notar im Laden drei unbedeutende Visitenkarten, weil er glaubte, er müsse auf ihnen an die beiden Töchter und die Frau des Hauses seinen Namen abgeben; und gab sie ab. Als er eilig seine Inserate in der nahen Zeitungsdruckerei ablieferte: fiel sein Auge erschreckend auf das neueste Wochenblatt, worin noch mit nassen Buchstaben stand:


»Das Flötenkonzert muß ich noch immer verschieben, weil ein schnell wachsendes Augen-Übel mir verbietet, Noten anzusehen.

J. van der Harnisch.«


Welch einen schweren Kummer trug er aus der Druckerei in sein Stübchen zurück! Auf den ganzen Frühling seiner Zukunft war tiefer Schnee gefallen, sobald sein freudiger Bruder die freudigen Augen verloren, die er an seiner Seite darauf werfen sollte. Er lief müßig im Zimmer auf und ab und dachte nur an ihn. Die Sonne stand schon gerade auf den Abendbergen und füllte das Zimmer mit Goldstaub; noch war der Geliebte unsichtbar, den er gestern von derselben Sonnenzeit erst wiederbekommen. Zuletzt fing er wie ein Kind zu weinen an, aus stürmischem Heimwehe nach ihm, zumal da er nicht einmal am Morgen hatte sagen können: guten Morgen und lebe wohl, Vult![668]

Da ging die Türe auf und der festlich gekleidete Flötenist herein. »O mein Bruder!« rief Walt schmerzlich-freudig. »Donner! leise«, fluchte Vult leise, »es geht hinter mir – nenne mich Sie!« Flora kam nach. »Morgen vormittag demnach, Hr. Notarius«, fuhr Vult fort, »wünsche ich, daß Sie den Mietkontrakt zu Papier brächten. Tu parles français, Monsieur?« – »Misérablement«, versetzte Walt, »ou non.« – »Darum, Monsieur, komme ich so spät«, erwiderte Vult, »weil ich erstlich meine eigne Wohnung suchte und bezog und zweitens in einer und der andern fremden einsprach; denn wer in einer Stadt viele Bekanntschaften machen will, der tue es in den ersten Tagen, wo er einpassiert; da sucht man noch die seinige, um ihn nur überhaupt zu sehen; später, wenn man ihn hundertmal gesehen, ist man ein alter Hering, der zu lange in der aufgeschlagenen Tonne auf dem Markte bloßgestanden.«

»Gut«, sagte Walt, »aber mein ganzer Himmel fiel mir aus dem Herzen heraus, da ich vorhin in dem Wochenblatte die Augenkrankheit las«- und zog leise die Türe des Schlafkämmerchens zu, worin Flora bettete. »Die Sache bleibt wohl die«, fing Vult an und stieß kopfschüttelnd die Pforte wieder auf – »pudoris gratia factum est atque formositatis«8, erwiderte Walt auf das Schütteln – »bleibt wohl die, sag' ich, was Sie auch mögen hier eingewendet haben, die, daß das deutsche Kunstpublikum sich in nichts inniger verbeißet als in Wunden oder in Metastasen. Ich meine aber weiter nichts als soviel: daß das Publikum z.B. einen Maler sehr gut bezahlt und rekommandiert, der aber etwan mit dem linken Fuße pinselte – oder einen Hornisten, der aber mit der Nase bliese – desgleichen einen Harfenierer, der mit beiden Zahnreihen griffe – auch einen Poeten, der Verse machte, aber im Schlafe – und so demnach auch in etwas einen Flautotraversisten, der sonst gut pfiffe, aber doch den zweiten Vorzug Dulons hätte, stockblind zu sein. – Ich sagte noch Metastasen, nämlich musikalische. Ich gab einmal einem Fagottisten und einem Bratschisten, die zusammen reiseten, den Rat, ihr Glück dadurch zu machen, daß der Fagottist sich auf dem Zettel anheischig[669] machte, auf dem Fagott etwas Bratschen-Gleiches zu geben, und der andere, auf der Bratsche so etwas vom Fagott. Ihr machts nur so, sagt' ich, daß ihr euch ein finsteres Zimmer wie die Mundharmoniker oder Lolli bedingt; da spiele denn jeder sein Instrument und geb' es für das fremde, so wie jener ein Pferd, das er mit dem Schwanze an die Krippe gebunden, als eine besondere Merkwürdigkeit sehen ließ, die den Kopf hinten trage. Ich weiß aber nicht, ob sie es getan.«

Flora ging; und Vult fragte ihn, was er mit der Türschließerei und dem Latein gewollt.

Gottwalt umarmte ihn erst recht als Bruder und sagte dann, er sei nun so, daß er sich schäme und quäle, wenn er eine Schönheit wie Flora in die knechtischen Verhältnisse der Arbeit gestürzt und vergraben sehe; eine niedrig hantierende Schönheit sei ihm eine welsche Madonna mitten auf einem niederländischen Gemälde. – »Oder jener Correggio, den man in Schweden an die königlichen Stallfenster annagelte als Stall-Gardine«9, sagte Vult; »aber erzähle das Testament!«

Walt tats und vergaß etwan ein Drittel: »Seit die poetischen Äthermühlflügel, die du Mühlenbaumeister angegeben, sich vor mir auf ihren Höhen regen, ist mir die Testaments-Sache schon sehr unscheinbar geworden«, setzte er dazu. –

»Das ist mir gar nicht recht«, versetzte Vult. »Ich habe den ganzen heutigen Nachmittag auf eine ennuyante Weise lange schwere Dollonds und Reflektors gehalten, um die Hrn. Akzessit-Erben von weitem zu sehen – so die meisten davon verdienen den Galgenstrang als Nabelschnur der zweiten Welt. Du bekommst wahrlich schwere Aufgaben durch sie.« – Walt sah sehr ernsthaft aus. – »Denn«, fuhr jener lustiger fort, »erwägt man dein liebliches Nein und Addio, als Flora vorhin nach Befehlen fragte, und ihr belvedere, d.h. ihre bellevue von schönem Gesicht und dazu das enterbte Diebs- und Siebengestirn, das dir vielleicht bloß wegen der Klausel, die dich um ein Sechstel puncto sexti zu strafen droht, eine Flora so nahe mag hergesetzt haben, die zu deflorieren« – – –[670]

»Bruder!« unterbrach ihn der zorn- und schamrote Jüngling und hoffte, eine ironische Frage zu tun, »ist das die Sprache eines Weltmanus wie du?« – »Auch wollt' ich effleurer sagen statt déflorer«, sagte Vult. »O, reiner starker Freund, die Poesie ist ja doch ein Paar Schlittschuh, womit man auf dem glatten reinen kristallenen Boden des Ideals leicht fliegt, aber miserabel forthumpelt auf gemeiner Gasse.« Er brach ab und fragte nach der Ursache, warum er ihn vorhin so traurend gefunden. Walt, jetzt zu verschämt, sein Sehnen zu bekennen, sagte bloß, wie es gestern so schön gewesen und wie immer, so wie in andere Feste Krankheiten10fallen, so in die heiligsten der Menschen Schmerzen, und wie ihm das Augen-Übel in der Zeitung wehe getan, das er noch nicht recht verstehe.

Vult entdeckt' ihm den Plan, daß er nämlich vorhabe, so gesund auch sein Auge sei, es jeden Markttag im Wochenblatt für kränker und zuletzt für stockblind auszurufen und als ein blinder Mann ein Flötenkonzert zu geben, das ebenso viele Zuschauer als Zuhörer anziehe. »Ich sehe«, sagte Vult, »du willst jetzt auf die Kanzeltreppe hinauf; aber predige nicht; die Menschen verdienen Betrug – Gegen dich hingegen bin ich rein und offen, und deine Liebe gegen den Menschen lieb' ich etwas mehr als den Menschen selber.« – »O wie darf denn ein Mensch so stolz sein und sich für den einzigen halten, dem allein die volle Wahrheit zufließe?« fragte Walt – »Einen Menschen«, versetzte Vult, »muß jeder, der auf den Rest Dampf und Nebel loslässet, besitzen, einen Auserwählten, vor dem er Panzer und Brust aufmacht und sagt: guck hinein. Der Glückliche bist nun du; bloß weil du – soviel du auch, merk' ich, Welt hast – doch im ganzen ein frommer, fester Geselle bist, ein reiner Dichter und dabei mein Bruder, ja Zwilling und – so laß es dabei!«

Walt wußte sich in keine Stelle so leicht und gut zu setzen als in die fremde; er sah der schönen Gestalt des Geliebten diese Sommersprossen und Hitzblattern des Reiselebens nach und glaubte, ein Schattenleben wie seines hätte Vulten diese vielfarbige moralische Nesselsucht gewiß erspart. Bis tief in die[671] Nacht brachten beide sie mit friedlichen Entwürfen und Grenzrezessen ihres Doppelromans zu, und das ganze historische erste Viertel ihrer romantischen Himmelskugel stieg so hell am Horizonte empor, daß Walt den andern Tag weiter nichts brauchte als Stuhl und Dinte und Papier und anzufangen. Froh sah er dem morgenden Sonntag entgegen; der Flötenist aber jenem Abend, wo er, wie er sagte, wie ein Finke geblendet pfeife.

8

»Es geschah der Schamhaftigkeit und Wohlgestalt zuliebe.«

9

Winckelmann, Von der Nachahmung etc.

10

Weil die meisten Feste in große Wetter-Krisen treffen.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 660-672.
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