Nr. 57. Regenpfeifer

[983] Doppel-Leben


»Der Himmel besteht wahrscheinlich aus ersten Tagen – wiewohl die Hölle auch –, so sehr jauchzet mich heute dein elendes Nest an«, sagte Vult beim Frühstück. Beide gingen in ihre Wohnungen an ihre Arbeiten nach Hause. Vult schrieb am Tagebuch ein wenig und schnitt zwei brauchbare Ausschweifungen sogleich heraus für den Hoppelpoppel. Dann sah er aus dem Fenster und sprach zur freundlichen Raphaela herab, welche auf Vaters Befehl im Garten wachstehen mußte, weil man die Bildsäulen wie die Orangerie-Kästen in die Winterquartiere trug. Da er voraussah, daß Walt ihn hören müßte, so schneiete er zierlich-gefrorne Eisblümchen von Anspielungen auf Liebe, Kälte, Halbgötterchen und ganze Göttinnen hinab, welche, hofft' er, Walts und Raphaelens Wärme schon zu schönen bunten Tropfen[983] auftauen würden. Raphaela ließ ähnliche Eisblumen an seinen Scheiben anschießen, und wurde im kalten Wetter des Gartens schön geheizt, bloß weil Vult ein Mann und ein Edelmann war. Für manches Mädchen sitze ein Ahnen-Mann auf seinem Stammbaum so entgliedert und zerschossen wie ein Schützenvogel am dritten Tage auf der Stange, sie wird doch an ihm gern zur Königin und will ihn erzielen. Mit einer Freude ohne Eifersucht gab sie ihm auf die Frage, wann der General mit seiner Tochter komme, die Hoffnung ihrer Nähe.

Kaum hatten die Gebrüder mit größerer Mühe wieder zu fliegen und zu scherzen angefangen im Roman: so stand Vult auf und murmelte so zu sich – Walt mußt' es hören –: »Ich wüßte nicht, warum ich nicht zu meinem einsamen Bruder einmal einen Spaziergang machte, da die Wege von hier zu ihm noch ebener und fester sind als selber in Kursachsen.« Darauf öffnete er das Kappfensterchen am gemalten Palaste der Bühnenwand und rief hindurch: »Kannst du mich hören? Ich hätte Lust, zu dir zu marschieren, wenn du eben allein wärest.« – »Du Schelm, du guter«, sagte Walt. Jener reisete denn um die Wand mit anderthalb Schritten und dem Wandnachbar entgegen mit vorgestrecktem Handschlag sagend: »Mich schröckt das Schneegestöber draußen wenig ab, dich in deiner Einsiedelei aufzusuchen und sie vielleicht zu verwandeln in eine lachende Zweisiedelei.« – »Bruder«, sagte Walt, vom Schreibetisch aufstehend, »könnt' ich komisch dichten oder dürfte man einen Freund abschatten in Rissen und Schattenrissen: wahrlich ich schriebe jeden Schritt ab von dir. Aber ich glaube nicht, daß es sich geziemt, ein geliebtes Herz auf den poetischen Markt zur Schau zu legen. Bin ich etwa zu sehr im Schreibfeuer?«

»Nein«, versetzte Vult, »auch nicht im Rechte; ists Zufall oder was, daß du in der Stube wieder ein Linker bist, und ich ein Rechter51? – Aber ich muß endlich nach Hause, Alter, und da spaßen – vor Welt und Nachwelt.« Er ging. Walt hielt es für Pflicht, ihn auch bald zu besuchen, um ihm die Einsperrung in[984] eine halbierte Stube ein wenig zu vergelten. Er sagte Vulten, wie heute so viele andere Zufälle sich zu ihrem Glück vereinigten, daß z.B. der erste Schnee falle, der von jeher etwas Häusliches und Heimliches für ihn aus der Kindheit gehabt, gleichsam die Maienblümchen des Winters – und daß er heute von hier aus die ersten Drescher höre, diese Sprach- oder Spielwalzen des Winters. »Du meinst die Flegel«, sagt Vult; »nur störet ihr Takt meiner Flöte ihren.« – »Wie kommts beiläufig, mein Alter«, sagte Walt, »daß ein fast so einfältiger Vers, der den Takt von drei Dreschern nachklappen soll, etwas Anziehendes für mich hat: ›Im Winter, mein Günther, so drischt man das Korn; wenns kalt ist, nicht alt bist, tapfer gefrorn‹?« – »Es kann so sein«, antwortete Vult, »daß der Vers in seiner Art vortrefflich ist und nachahmend, wer wills wissen? – Oder auch, weil ihn uns unser Vater so oft aus Herrn v. Rohrs Haushaltungs-Recht vorlas. Nämlich in Kursachsen hatte damals die Drescherzunft besondere Gesetze. Z.B. wer, wie du weißt, das halbe Vierte nicht nach dem Verse drasch: ›Fleisch in Töpfen, laßt uns höpfen‹, bekam 40 Streiche mit der Wurfschaufel auf den Steiß. So wars ein Zunftartikel, daß man für jeden Zank in der Scheune einen neuen Flegel abgeben mußte; eine Strafe, welche bei literarischen Zwistigkeiten schon im Fehler selber abgeführt wird.«

Beide hoben wieder das Schreiben an. »Ich dachte jetzt daran«, rief ihm Vult aus dem Palastfensterlein, »als ich dich laut das Papier umwenden hörte und innenhielt, wie von solchen Kleinigkeiten ganze europäische Städte, für die wir etwa arbeiten, mit ihren feinsten Empfindungen geradezu abhängen. Eine von Staub verdickte Dinte – oder eine elende weiße, die sich später schwärzt – ein ähnlicher bestohlner Kaffee – ein rauchender Ofen – eine knuspernde Maus – eine verdammte rissige Feder – ein Bartscherer, der dich gerade mitten in deinem höchsten Schuß durch den Äther einseift und dir mit dem Bart die Flügel beschneidet – – sind das nicht lauter elende Wolkenflocken, welche einer ganzen Erde eine Sonne voll Strahlen, um einen Autor so zu nennen, verdecken können? Es ist ja ordentliche Fopperei der Welt. Auf der andern Seite ist es allerdings – schreibe aber dann[985] fort – ebenso ermunternd und erhaben, daß der Tropfen Dinte, den du oder ich nachher aus der Feder aufs Papier im stillen hinflößen, Wasser für die Mühlräder der Welt sein kann – aushöhlendes Ätzwasser und Tropfbad für das Riesengebirge der Zeit – ein Riechspiritus und Hirschhorngeist für manches Volk der Aufenthalt des Meergottes als Zeitgeistes – oder sonst etwas Ähnliches dem Tropfen, womit ein Bankier oder ein Fürst Städte und Länder überschwemmt. Gott! womit verdient man es, daß man so erhaben ist? – Jetzt schreib aber.«

Abends gegen vier Uhr hörte Walt deutlich, daß Vult zu Floren sagte: »Eh' du uns bettest, schönes Kind, so laufe zum Hrn. Notarius Harnisch, in meiner Nachbarschaft, und ich ließ' ihn bitten, diesen Abend zum Tee, auf einen Thé marchant – und bringe nur mir Licht, weil er dann keines braucht.« – Walt erschien, um das erstemal in seinem Leben einen Tee anders als nach Laxiermitteln zu trinken. Vult gab ihn mit Wein, den er nie vergaß zu borgen. »Wenn die Alten schon den Ahorn mit Wein begossen, wieviel mehr wir den Lorbeer! – Wer einen Hoppelpoppel schreibt, sollte ohnehin einen Hoppelpoppel trinken, ja er sollte beides vereinen und ein Punsch-Royalist werden, wenn du weißt, was Punch royal ist. Ich genieße das Leben sub utraque.« Beide führten darauf ihre guten Diskurse, wie Menschen pflegen und sollen. Vult: »Ich sprech' unendlich gern – vorher eh' ich das Gesprochne aufschreibe. Tausend Sachen lassen sich erfinden, wenn man keift und kriegt. Daher kommts vielleicht, daß man auf Akademien sich in alle Würden und Erlaubnisse, zu lehren, nicht wie an Höfen hineinschmeichelt, sondern hineinzankt, d.h. disputiert, wozu Sprechen so nötig; z.B. so bring' ich selber diesen Einfall oder den vormittägigen vom Flegel zu Papier.« – Walt: »Darum werden Briefe als Nachhalle der Gespräche so geschätzt.« – Vult: »Denn sogar zum Philosophieren ist ein zweites Menschengesicht behülflicher als eine weiße Wand- oder Papier-Seite.« – Walt: »O Lieber, wie hast du recht! Doch kann es nicht so sehr auf poetische Darstellungen passen als auf scherzhafte und witzige und philosophische; dir hilft Reden mehr, mir Schweigen.« – Vult: »Der Winter ist überhaupt die fruchtbarste[986] Lettern-Zeit; Schneeballen gefrieren zu Bücherballen. Hingegen, wie reiset und fliegt ein Mensch im Lenz! Hier wären Bilder leicht; aber die Ostermesse ist der beste Beweis.« – Walt: »Es ist, als wenn der Mensch, von neuen Bergen aus Wolken umschlossen, ohne Himmel und ohne Erde, bloß im Meer des Schnees treibend – so ganz allein – kein Sington und keine Farbe in der Natur – ich wollte etwas sagen; nämlich der Mensch muß aus Mangel äußerer Schöpfung zu innerer greifen.«

Vult: »Trink diese Tasse noch. O sehr wahr! Wiewohl wir heute eben nicht viel geschrieben und ich gar nichts.«

Beide bedauerten nur, daß ihre so schöne Gemeinschaft der Güter durch Mangel an Gütern etwas gestört würde, indem alles, was sie von Gold in Händen hätten, sich bloß auf die Goldfinger daran einschränke. Weder Vult konnte auf dem Instrumente, das er blies, noch Walt mit den Instrumenten, die er jetzt selten zu machen bekam, sich viel verdienen. Armen-Anstalten für beide mußten getroffen und jeder der Almosen-Pfleger des andern werden. Noch heute, ja auf der Stelle mußte ein Zauberschlag von unabsehlichen Folgen getan werden; sie taten ihn im Weinfeuer mit vier Armen.

Sie schickten die ersten Kapitel und Ausschweifungen des Hoppelpoppel oder das Herz an den Magister Dyk in Leipzig zum Verlage.

Denn ein Werk kann immer mit dem hintern Ende noch in der Schneckenschale des Schreibpultes wachsen, indes das vordere mit Fühlhörnern schon auf der Poststraße kriecht. Sie setzten ihre erste Hoffnung gütiger Annahme darum auf den Magister, weil sie glaubten, ein Buchhändler, der selber ein Gelehrter ist, habe doch immer mehr prüfenden Geschmack für Manuskripte als ein Buchhändler, der erst einen Gelehrten hält, welcher prüft.

Walt mußte im Briefe – auf Vults Welt-Rat – sich stolz gebärden und viel begehren und sich alle Rechte der folgenden Auflagen vorbehalten. »Da Milton«, setzte er hinzu»' 12 Guineen für sein verlornes Paradies einstrich: so wollen wir, um in Leipzig zu zeigen, wie wenig wir uns ihm gleichsetzen, achtundvierzig begehren.« – Der Notar erstaunte, daß ein Autor, besonders[987] er, die große Gewalt ausübe, Papier, Druck, Format und Stärke der Auflage – 3000 Exemplare wurden dem Magister zu drucken erlaubt – dem Verleger vorzuschreiben.

Vult trug darauf selber die Kapitel auf die sächsische Post, um, wie er sagte, einmal wieder die Welt zu sehen.

Am Tage darauf schufen beide sehr. Ein junger Autor glaubt, alles, was er auf die Post schickt, sei schon dadurch verlegt und gedruckt, und schreibt darum fleißiger. Kein Besuch, kein Fest, kein Mensch, kein Brief störte sie. Vult hatte kein Geld, und Walt war zum Sitzling geboren. Dichter bauen, wie die afrikanischen Völker, ihre Brotfelder unter Musik und nach dem Takte an. Wie oft fuhr Walt überglücklich vom Sessel auf und durch die Stube mit der Feder in der Hand (Vult sah oben über die spanische Wand hinein und merkt' es an) und ans Fenster und sah nichts und konnte den süßen Sturm kaum aus der Brust aufs Papier bringen und setzte sich wieder nieder! Darauf sagt' er überfließend: »Flöte immer, mein Vult, du störest mich nicht; ich gebe gar nicht darauf acht, sondern verspüre nur im allgemeinen das Ertönen vorteilhaft.« – »Sagt mir lieber, Ihr Kauz, von was ich jetzt auszuschweifen habe in Euerem Kapitel, damit wir beisammenbleiben!« sagte Vult.

Über dem Essen – bald auf Walts, bald auf Vults Zimmer – dehnten beide die Mahlzeit in die Länge, die aus einer Portion für zwei Menschen bestand, weil kein Wirt die zweite herborgte (was jedoch das Beisammenwohnen desto schöner motiviert), und zwar dadurch, daß sie mit höherem Geschmacke sprachen als mit körperlichem und mehr Worte als Bissen über die Zunge brachten. Sie rechneten aus, um wie viele Meilen die ersten Kapitel dem Magister Dyk schon näher wären, mit welchem Feuer der Hoppelpoppel ihn durchgreifen und aus allen Fugen schütteln würde, und ob das Drucken etwa, wenn es anginge, nicht so schnell fortginge, daß mit dem Schreiben kaum nachzukommen wäre. – Vult bemerkte, wenn ein Romanschreiber gewiß wüßte, daß er sterben würde – z.B. er brächte sich nur um –, so könnt' er so seltsame herrliche Verwicklungen wagen, daß er selber kein Mittel ihrer Auflösung absähe, außer durch seine eigne; denn[988] jeder würde, wenn er tot wäre, die durchdachteste Entwicklung voraussetzen und darnach herumsinnen. »Weißt du denn gewiß, Walt, daß du am Leben bleibst? Sonst wäre manches zu machen. – Inzwischen seh' ich jetzt in unsrer Stube herum und denke daran, wie auffallend, falls wir nun beide durch unsern Hoppelpoppel uns unter Ehrenpforten und in Unsterblichkeits-Panthea hineinschrieben, unser Nest würde gesucht und besucht werden – jeden Bettel, den du an die Wand spucktest, würde man wie aus Rousseaus Stube auf der Peters-Insel abkratzen und abdrucken die Stadt selber bekäme einigen Namen, wahrscheinlich nach Ähnlichkeit von Ovidiopolis den Namen Harnischopolis – Was mir aber die persönliche Unsterblichkeit versäuert, ist, daß mein Name nur lange währt, nicht lang52. O wer es wissen könnte bei der Taufschüssel, daß er sich einen großen Namen machte, würde sich ein solcher Mann, wenn er sonst scherzt, nicht einen der ausgestrecktesten erkiesen, zum Beispiel (denn der Sinn hat nichts zu sagen) den Namen, den schon ein Muskel führt, nämlich Mr. Sternocleidobronchocricothyrioideus? Belesene Damen kämen zu ihm und redeten ihn an: Hr. Sternocl und könnten nicht weiter. Militärs tätens nach und sagten: Hr. Sternocleido! – Die Geliebte allein suchte den Namen auswendig zu können und liebt' ihn so lange, als sie ausspräche: Teurer Mr. Sternocleidobronchocricothyrioid! Er würde gern zitiert von Gelehrten, weil schon sein Name eine Zeile gilt vor Setzern und Käufern. – Apropos! Warum schickt denn der Sieben-Erbe Paßvogel nicht den ersten Korrekturbogen, gemäß allen Testaments-Klau seln in Haßlau?«

»Der Autor bessere noch an der Handschrift, ließ er mir vorgestern sagen«, sagte Walt. – Darauf verschnauften sich beide in der Luft. Wie manchen flüchtigen Zug der höhern Stände schnappte der Notar auf der Straße im Vorbeigehen auf für seinen Roman! Die Art, wie ein Haßlauer Hofkavalier aus dem Wagen sprang oder wie eine Gräfin aus dem Fenster sah, konnte romantisch niedergeschrieben werden und ein Mann für tausend stehen und fallen! Diese Übertragungs-Manier, ein Farbenkorn zu einer[989] erhobenen Arbeit zu machen, erleichtert Bauernsöhnen das Studium der höhern Stände unglaublich. Aus demselben Grunde besuchte Walt am liebsten die Hofkirche und tat die Augen auf.

Alsdann ging man nach Hause und ans Erschaffen, das so lange währte, bis es finster wurde. Auf die Dämmerung verschoben sie – um Licht zu ersparen – teils weitläuftigere Gespräche, teils Flöte. Wenn Vult so blies hinter der Wand und Walt so dort saß im Finstern und in den blauen Sternenhimmel sah und an den Morgen in Rosenhof dachte und an Winas Herz und Wiederkunft und unter dem mondhellen Flöten-Lichte sein klippenvolles Leben eine romantische Gegend wurde: o so stand er oft auf und setzte sich wieder hin, um den Bruder dadurch im Blasen nicht zu stören, daß er ihm bekannte, wie ihn jetzt die Minuten in Brautkleidern umtanzten und mit Rosenketten umflöchten. Aber wenn er ausgeblasen hatte und nach der langen Polardämmerung Licht kam: so sah ihn Walt forschend an und fragte froh: »Bist du zufrieden, Bruder, mit dieser süßen Enge des Lebens; und mit den Orchester-Tönen und innern Zauberbildern, die wir heute vielleicht ebenso reich, nur ungestörter, genossen haben als irgendein großer Hof?« – »Eine wahre Himmelskarte ist unser Leben«, versetzte Vult, »freilich vor der Hand nur ihre weiße Kehrseite; doch einen Taler, den mir jemand auf die Karte legte, säh' ich nicht mit Unlust.«

Am Morgen darauf sprach Walt von seinen schönen Aussichten auf die flötende Nachtigallen-Dämmerung. Etwas mühsam wurde Vult zu einer neuen Wiederschöpfung des melodischen Himmels gebracht. Aber mit desto größerem Feuer erzählte darauf der Notar, wie glücklich er die dämmernde harmonische Hörzeit angewandt habe, nämlich zur Verfertigung einer Replik und eines Streckverses im Roman; der Held sei – hab' er unter der Flöte gedichtet – getadelt worden, daß er über das Wort einer alten, kranken, dummen Frau, welche ihn für seine Gaben an jedem Abend in ihr Gebet eifrig einzuschließen versprochen, sich innigst erfreuet; allein der Held habe versetzt: nicht ihres Gebetes Wirkung auf ihn wäre ihm etwas, sogar wenn diese gewiß wäre, sondern die auf sie selber, daß ein so frierendes[990] Wesen doch jeden Abend in eine schöne Erhebung und Erwärmung gelange. »Ist das kein wahrer Zug von mir, Vult?«

»Es ist ein wahrer von dir (sagte Vult). In der Kunst wird, wie vor der Sonne, nur das Heu warm, nicht die lebendigen Blumen.« Walt verstand ihn nicht; denn oft kam es ihm vor, als finde Vult zuweilen später den Sinn als das Wort.

Im nächsten Dämmerungs-Feiertag und Feierabende, nämlich im dritten, war der dritte abgeschafft, Vult griff kein Flötenloch, blies keine Note. Aber der Bruder nahm den künstlerischen Eigensinn nicht übel, hielt den Bruder für so glücklich als sich und wandte nichts ein gegen einen Wechsel der Dämmer-Partien. »Hab' ich denn nicht eine Luftröhre wie du, so gut zu Lauten gebohrt als die Flöte? Kann ich denn dir nichts sagen, ohne das Holz ins Maul zu stecken? – Diskurieren wir lieber beiderseits«, sagte Vult.

In den folgenden Dämmerungen kehrte dieser zur alten Sitte zurück, hinter den Laternenanzündern die Gassen zu durchstreifen – ein Abenteuer mit einer Schauspielerin zu bestehen – Burgunder allein zu borgen (Walten hielt er, seit dieser ihn mit Zucker absüßte, keines mehr würdig) – mit der Flöte in fremde Flöten auf der Gasse oder in die Kulisse einzutreten – und sich endlich auf dem Kaffeehause halbtot zu ärgern, daß er am Ende so gut als einer sich unter die Haßlauer mische, und, allmählich hinabgewöhnt, sich mit ihnen in Gespräche verflechte, da er doch mit der festesten Verachtung im Sommer angekommen sei.

Walt blieb freudig zu Hause; er fand in den kleinsten Blümchen, die durch seinen Schnee hindurchwuchsen, so viel Honig, als er brauchte. Als die Tage abnahmen: so freuete er sich über die Länge der Abenddämmerung sowie des gestirnten Morgens; ohne dabei zu vergessen, daß er sich ebensogut, nur später, über die Zunahme freuen würde. Der Mond war eigentlich sein Glücksstern, so daß er ihm in jedem Monate nicht viel weniger als 27 schöne Abende oder Morgen herunterwarf; denn beinahe 14 Tage (nur die paar ersten ausgenommen) konnt' er auf dessen Wachstum bauen; – von Vollmond bis zum letzten Viertel wurde ohnehin Elysiums-Schimmer, bloß später, oft über seinem Bette[991] aufgetragen, und das letzte Viertel gab den Morgenstunden Silber in den Mund. Da einmal gerade in der Dämmerung Ballmusik gegenüber war: so nahm er sich sein Stück Winterlustbarkeit heraus, so gut wie einer. Die Musik drang unsichtbar, ohne den Armen-Zickzack und die Backen-Kurven des Orchesters, nur entkörpert mit seligen Geistern in sein dämmerndes Stübchen. Er stellte sich zum Tanzen an, und weil es ihm an den schönsten Tänzerinnen nicht fehlte – da ganze Harems und Nonnenschaften darin waren und mehrere Rosenmädchen und alles –: so zog er Göttinnen von solchem Glanz zum Tanzen auf und machte mit ihnen – obwohl leise, um unter seinen Füßen nicht rezensiert zu werden – nach den fernen Takten, die er begleitete, so gut seine Pas, seine Seiten-, seine Vorpas zu Hopstänzen, zu Eier-, zu Schaltänzen, daß er sich vor jedem sehen lassen durfte, der nichts suchte als einen muntern Geist, der im Finstern umhersetzt. Was er in der Seligkeit zu scheuen hatte, war bloß Vults plötzlicher Eintritt.

Ihn – der ohnehin nicht gewohnt war, daß er etwas hatte – drückte kein Entbehren; er hatte Phantasie, welche helles Kristalisationswasser ist, ohne welches die leichtesten Formen des Lebens in Asche zerfallen.

Doch wurde sein Himmel nicht immer so phantastisch weit über die Lüfte der Erde hinausgehoben, er wurde auch zuweilen so real heruntergebaut wie ein Theater- oder ein Betthimmel. An Sonntagsgeläuten, am Hofgarten, an frischer kalter Luft, an Winterkonzerten (die er unten auf der Gasse spazierend hörte) hatt' er soviel Anteil als irgendeine Person mit Schlüssel und Stern, der im Innern gerade beide fehlen. Aß er sein Abendbrot, so sagt' er: »Der ganze Hof ißt doch jetzt auch Brot wie ich«; dabei setzte und benahm er sich zierlich und artig, um gewissermaßen in guter Gesellschaft zu sitzen. An Sonntagen kauft' er in einem guten Hause sich einen der besten Borsdorfer Äpfel ein und trug ihn sich abends in der Dämmerung auf und sagte: »Ganz gewiß werden heute an den verschiedenen Höfen Europens Borsdorfer aufgesetzt, aber nur als seltner Nachtisch; ich aber mache gar meinen Abendtisch daraus – und wenn ich mehr[992] Leibliches begehre, du guter Gott, so erkenne ich deine Güte nicht, die mir ja in einem fort mit stillsten Freuden wie mit tiefen Quellen die Seele Überfüllt.«

Im durchsichtigen Netze seiner Phantasie fing sich jeder vorüberschießende Freuden-Zweifalter – dazu gehörte sogar ein erwachender gelber Schmetterling im Gartenhaus – jeder Stern, der stark funkelte – italienische Blumen, deren deutschen Treibscherben zwischen Schals er auf der Gasse aufgestoßen – eine bekränzte, zwischen Andacht und Putz glühende Braut – ein schönes Kind – ein Kanarienvogel in der Webergasse, der mitten im deutschen Winter in Kanarieninseln und in Sommergärten hinüberschauen ließ – und alles.

Flog Flora, die Bettmeisterin, mit hellen Gesängen die Treppen herauf, so hörte er erste Sängerinnen für seinen Teil. –

Einst an einem Markttage hatt' er halb Italien mit einem ganzen Frühling um sich. Der Tag schien dazu erlesen zu sein. Es war ein sehr kalter und heller Winternachmittag, worin Mücken in den schiefen Strahlen spielen, als er im Hofgarten – den der gute Fürst jeden Winter dem Publikum öffnen ließ – die silbernen Schneeflocken der Bäume unter der blitzenden Sonne in weiße Blüten, die den Frühling überluden, umdachte und darunter weiterspazierte. So plötzlich auf die Frühlings-Insel ausgesetzt, schlug er in ihr die heitersten Wege ein. Er machte einen nahen an der Bude eines Sämereienhändlers vorbei und hielt ein wenig vor dessen Budentisch, nicht um eine Düte zu kaufen – wozu ihm ein Beet fehlte, da alle seine Morgen Lands nur in seinem Morgenland bestanden –, sondern um den Samen von französischen Radiesen, Maienrüben, bunten Feuerbohnen, Zuckererbsen, Kapuzinersalat, gelbem Prinzenkopf zu denken und zu riechen und auf diese Weise (nach Vults Ausdruck, glaub' ich) einen Vorfrühling zu schnupfen. In der Tat geht unter allen Sinnen-Wegen keiner so offen und kurz in das fest zugebauete Gehirn als der durch die Nasenhöhlen.

Darauf holte er sich beim Bücherverleiher vieles, was er von guten Werken über Schmetterlinge, Blumen- und Feldbau erwischen konnte – und las aufmerksam in den Werken, um sich[993] die Lenz-Sachen vorzustellen, die darin auftraten. Bloß das Ökonomische, Botanische und Naturhistorische überhüpfte er ohne besondern Verstand und Eindruck, weil er auf wichtigere Dinge zu merken hatte.

Als der Bruder fort war, stand gerade die Abendröte am Himmel und auf dem Schneegebürg, dieses Vorstück Aurorens, dieser ewige Widerschein des Frühlings.

Über das Haus herüber war schon das Mondsviertel gerückt und konnte, nicht weit von der Röte, zugleich mit ihr in sein Stübchen kleine Farben und Strahlen werfen. »Wenn nicht der Winter nur eine längere Polar-Morgenröte des Frühlings für die Menschen ist«, sagt' er, indem er aufstand, »so weiß ich in der Tat nicht was sonst.« Der ganze Nachmittag war voll Frühling gewesen – und jetzt in der Abendstunde quoll gar ein Nachtigallenschlag wie aus einem äußern Blütenhain in seinen innern herüber. Er nahm einen Judenjungen, der im nächsten Wirtshaus schlug, für eine wahre Nachtigall. Ein unmerklicher Irrtum, da die Philomele, die uns singt, eigentlich doch nirgends sitzt und nistet als in unserer Brust! Schnell, wie von einem Zauberer, wurden die steilen Felsenwände seiner Lage umher mit Efeu und mit Blümchen überzogen. Der Mond kam heller herein, und Walt stand und ging mitten in seinem leisen Glanze träumend betend, es war ihm, als höben und hielten ihn die geraden Strahlen und als habe er jeden gemeinen Gegenstand im Zimmer oder auf der Gasse mit Festtapeten zu verhüllen, damit der Himmel nur Himmlisches auch auf der Erde berühre. »So war es gerade einst«, sang er mehrmals, auf jenen Abend deutend, wo er neben Winas Zimmer mondstill auf und ab ging. Ja er improvisierte singend den Polymeter:


»Liebst du mich?« fragte der Jüngling die Geliebte jeden Morgen; aber sie sah errötet nieder und schwieg. Sie wurde bleicher, und er fragte wieder, aber sie wurde rot und schwieg. Einst, als sie im Sterben war, kam er wieder und fragte, aber nur aus Schmerz: »Liebst du mich nicht?« – und sie sagte ja und starb.


Er versang sich immer tiefer in sein Herz – Zeit und Welt verschwand[994] – er spielte wie eine sterbende Ephemere süß in den hellern Strahlen des Mondes und unter Mondsstäubchen –: da kam Vult heiter zurück und brachte die Nachricht, Wina sei angekommen, deckte aber sogleich deren Wert für ihn selber durch eine zweite lustige zu (und lachte stark): daß er nämlich, sagt' er, im Vorbeigehen zu seinem Schuster gegangen, um ihn zu fragen, ob er denn seit 14 Tagen keinen 15ten gefunden, um die Rehabilitierung, Palingenesie, Petersensche Wiederbringung seiner Stiefel (so drücke mancher leider ihr Besohlen aus) zu vollenden; er habe ihn aber nicht eher als auf dem Rückwege gefunden, wo er auffallend ihm immer rechts in die Schattenseite ausgebogen; – bis er nach langem Predigen gesehen, daß der Mann die Stiefel, welche der Bußtext der Kasualrede waren, an den Beinen bei sich habe und herumtrage, um sie erst noch etwas abzutreten, bevor er sie flicke. »War dieser Spaß, der noch dazu voll Anspielungen steckt, nicht soviel wert als das beste Paar Stiefel selber?« – »Ist er denn so sonderlich?« sagte Walt. – »Warum«, fragte Vult bestürzt, »siehst du so sonderbar aus? Warest du traurig?« – »Ich war selig, und jetzt bin ichs noch mehr«, versetzte Walt, ohne sich weiter zu erklären. Die höchste Entzückung macht ernst wie ein Schmerz, und der Mensch ist in ihr eine stille Scheinleiche mit blassem Gesicht, aber innen voll überirdischer Träume.

51

Bekanntlich heißen im Dorfe Elterlein die fürstlichen Untertanen am rechten Bachufer die Rechten, die adeligen am linken die Linken.

52

Lange bezieht sich auf Zeit, lang auf Raum.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 983-995.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Flegeljahre
Flegeljahre; Eine Biographie
Flegeljahre: Eine Biographie
Flegeljahre. Eine Biographie
Flegeljahre: Eine Biographie (insel taschenbuch)
Flegeljahre: Roman (Fischer Klassik)

Buchempfehlung

Knigge, Adolph Freiherr von

Die Reise nach Braunschweig

Die Reise nach Braunschweig

Eine Reisegruppe von vier sehr unterschiedlichen Charakteren auf dem Wege nach Braunschweig, wo der Luftschiffer Blanchard einen spektakulären Ballonflug vorführen wird. Dem schwatzhaften Pfarrer, dem trotteligen Förster, dem zahlenverliebten Amtmann und dessen langsamen Sohn widerfahren allerlei Missgeschicke, die dieser »comische Roman« facettenreich nachzeichnet.

94 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon