Nr. 23. Congeries von mäusefahlen Katzenschwänzen

[730] Tischreden Klothars und Glanzens


Nachdem also Glanz geäußert hatte: daß eben, da sich im Auge alle Gegenstände umwenden, also wir uns auch mit, wir mithin nichts von einem Umkehren spüren könnten –


So entgegnete der Graf: »Warum wird denn das einzige Bild im Auge nicht mit umgekehrt? – Warum greifen operierte Blinde nichts verkehrt? – Was hat denn das Hautbildchen mit dem innern Bilde zu tun? Warum fragt man nicht auch, warum uns nicht alles ebenso klein als jenes Bildchen erscheine?« –

Glanz äußerte nach Garve: unsere Vorzüge seien am Ende keine und daher Demut unsere Pflicht.

Der Graf entgegnete: »So seh' ich wenigstens nicht, warum ich Bettler demütig gegen den zweiten Bettler sein soll; – und ist er gar stolz, so hab' ich ja einen zweiten Vorzug vor ihm, die Demut.«

Es wurde ein schöner Satz aus Glanzens gedruckten Reden angeführt: daß die Kinder für Geringschätzung des Alters die vergeltende Strafe gewiß von ihren eigenen Kindern empfangen würden.

Klothar entgegnete: »Folglich hat das geringgeschätzte Alter auch einmal geringgeschätzt; und es geht ins Unendliche, oder man kann die Strafe erhalten ohne die Sünde.«

Glanz äußerte, wie leicht das Gedächtnis zu überladen sei.[730]

Klothar entgegnete: »Das ist bloß unmöglich. Ist denn, etwas zu behalten, eine Beschwerde für Gehirn oder Geist? Verspürt ein Mann den Schatz, den zwanzig Jahre Leben in ihm niederlegten, wohl an seinem Gedächtnis, als wäre dieses belasteter als in der Jugend? – Aber ferner: der Bauer trägt ebenso viele Ideen in seinem Gedächtnis als der Gelehrte, nur andere, Sachen, Bäume, Äcker, Menschen. Überladung des Gedächtnisses kann also nichts heißen als versäumte Kultur anderer Kräfte.«

Glanz äußerte, man könne bei den Endabsichten leicht sich Voltairens Spotte aussetzen, daß die Nase für die Brille geschaffen sei.

Klothar versetzte: »Und das ist die Nase auch: sobald alle Kräfte einer Welt berechnet wurden, mußte auch die Kraft in Anschlag kommen, Gläser zu schleifen.«

Glanz äußerte: er sei ja dafür und finde in allen seinen gedruckten Reden in der künstlichen Weltordnung einen unendlichen Verstand.

Klothar fragte: »Was soll gedachter Verstand dabei sein?«

Glanz äußerte: »Die Ursache.«

Jener entgegnete: »Jede künstliche Ordnung, z.B. im Körperbau, erklären Sie doch jetzt aus blinden Kräften, nicht aus einer fremden Schöpfung, diese Kräfte wieder aus blinden, und wo wollen Sie denn in der durchaus mechanischen Endlichkeit mit dem Blitze der Geistigkeit einschlagen?« –

Glanz äußerte spät darauf, eine hübsche, eingeschränkte Monarchie wie in England sei wohl am besten für jeden.

Klothar versetzte: »Nur nicht für die Freiheit. Warum hatten nur meine Voreltern die Freiheit, sich Gesetze zu wählen, und ich nicht? Wohin ich fliehe, find' ich schon Gesetze. Das Ideal eines Staats wäre, daß die kleinsten Föderativstaaten, die sich immer freie Gesetze gäben, sich in Föderativ-Dörfer – dann in Föderativ-Häuser – und zuletzt in Föderativ-Individuen zerfälleten, die in jeder Minute sich ein neues Gesetzbuch geben könnten.«

Glanz äußerte, durch kleinere Staaten würden freilich eher die Kriege aufhören.[731]

Klothar versetzte: »Gerade umgekehrt. An mehreren Orten zugleich und häufiger in der Zeit entständen sie. Soll auf der ganzen Erde der Krieg aufhören: so muß sie in zwei ungeheure Staaten sich geteilt haben; davon muß der eine den andern verschlingen, und dann bleibt im einzigen Staate auf der Kugel Friede, und die Vaterlandsliebe ist Menschenliebe geworden.«

Glanz glaubte beim Dessert wenigstens soviel äußern zu dürfen, daß es gut sei, daß die Aufklärung den Hexenglauben vertrieben.

Klothar entgegnete: »Noch nicht einmal untersucht hat sie ihn.« Glanz schüttelte leicht. »Ich weiß nicht«, fuhr jener fort, »welche von zwei Meinungen Sie haben, aber da Sie nur eine von beiden hegen können – entweder die, daß alles Trug des Zeitalters, oder die, daß etwas Wunderbares bei der Sache ist: so müssen Sie in beiden Fällen irren.«

Glanz schüttelte sehr, äußerte aber, er sei wie jeder Vernünftige der ersten Meinung.

Klothar versetzte: »Die Wundergeschichte der Hexen ist ebenso historisch bewiesen als die der griechischen Orakel im Herodot; und diese ists gerade so sehr als überhaupt alle Geschichte. Auch Herodot unterscheidet sehr die wahren von den bestochenen Orakeln. In jedem Falle war es eine große Zeit, wo noch Götter die Weltgeschichte lenkten und darin mitspielten; daher ist Herodot so poetisch wie Homer. – Gemeine Seelen machen in der Hexen-Geschichte alles zum Werk der Einbildung. Wer aber viele Hexenprozesse gelesen, findet es unmöglich. Eine durch Völker und Zeiten reichende Einbildung festgehaltener, nuancierter Tatsachen ist so unmöglich als die Einbildung einer Nation, daß sie einen Krieg oder König habe, der nicht ist. Will man die Einbildung als Kopie einer solchen allgemeinen Einbildung erklären, so hat man das Urbild vorher zu deduzieren.

Meist waren alte, dürftige, einfältige Frauen die Aktricen des Trauerspiels, mithin gerade am wenigsten fähig der Phantasie; auch malt die Phantasie mehr ins Große und Verschiedene zu gleich. Hier findet man nur erbärmliche wiederholte Geschichten der Nachbarschaft – der Buhle, der Teufel, begleitet in gemeiner[732] Kleidung die Frau zu Fuße auf irgendeinen benachbarten Berg, wo sie Tanz, bekannte Spielleute, elendes Essen und Trinken, lauter Bekannte aus dem Dorfe antrifft und nach dem Tanze mit dem Buhlen wieder heimgeht. Die Versammlungen auf dem Blocksberge können bloß für dessen nächste Anwohnerinnen gelten; aber in andern Ländern wurde nur der nachbarliche Berg zum Tanzplatz gewählt. Will man alle Bekenntnisse für Lügengeburten der Folter erklären: so bedenkt man nicht, daß man in den Prozessen findet, daß sie oft nach der Tortur zwei, drei unbedeutende Bekenntnisse, die ihnen den Tod nicht ersparten, feierlich und ängstlich widerriefen; und daß also der halbe Widerruf das halbe Geständnis – besiegelt, um so mehr, da man in damaligen Zeiten zu religiös dachte, um mit Lügen auf der Zunge zu sterben.

Die berauschenden Getränke und Salben, womit sie sich sollen in den Traum vom Blocksberg und dergleichen gezaubert haben, sind nirgends aus den Akten erweislich oder nach der Physiologie möglich – da es kein Getränk gibt, das faktisch bestimmte Visionen erschüfe –; und dann, um nur beide zu brauchen, mußten sie sich ja schon für Hexen halten.«

Glanz äußerte: »Warum gibt es aber jetzt keine mehr? Und warum ist alles so natürlich und alltäglich dabei zugegangen, wie Sie vorhin selber einräumten? Doch mach' ich diese Einwürfe gar nicht, Hr. Graf, als wenn ich glaubte, daß Sie im Ernste jener Meinung wären.«

Klothar versetzte: »Dann verkennen Sie meine Denkweise. Wie? Kann man aus dem Aussetzen oder Wegbleiben einer Erfahrung, z.B. einer elektrischen, einer somnambulistischen, auf ihre Unmöglichkeit schließen? Nur aus positiven Erscheinungen ist zu beweisen; negative sind ein logischer Widerspruch. Kennen wir die Bedingungen einer Erscheinung? So viele Menschen und Jahre gehen vorüber, kein Genie ist darunter; – und doch gibts Genies; – könnt' es nicht ebenso mit den Sonntags-Kindern sein, die Augen und Verhältnisse für Geister haben? – Was Ihre Alltäglichkeit, die Sie einwenden, anlangt, so gilt diese auch für jede positive Religion, die sich in die Alltäglichkeit ihrer ersten[733] Apostel versteckt; alles Geistige schmiegt sich so scheinbar an das Natürliche an wie unsere Freiheit an die Naturnotwendigkeit.«

Glanz äußerte: er wünsche nun doch sehr zu erfahren, was die zweite Meinung für sich habe.

Klothar versetzte: »Zuerst die damaligen Zeugen für die erste. Um eine Frau zu verurteilen, brauchte man statt der Tatsachen nur Zeugenschlüsse; meistens aus drei ganz fremden Tatsachen, aus dem Alpdruck, dem Drachen-Einflug und einem schnellen Unglück, z.B. Tod des Viehes, der Kinder etc., schlossen die Zeugen, und ihre Schlüsse waren ihre Zeugnisse.

Zweitens lief der ganze Zauber-Erfolg auf ein Raupen- oder Schnecken- oder anderes Schadenpulver hinaus, das der Buhle, der Teufel, dem getäuschten Weibe nebst einem Antritts- oder Werbe-Taler gab, den sie zu Hause oft als eine Scherbe befand. Die Macht des Teufels gab ihr weder Reichtum, noch einen Schutzbrief gegen den Scheiterhaufen. Ich schließe aus allem, daß damals die Männer sich des Zauberglaubens bedienten, um unter der leichten Verkleidung eines teufelischen Buhlen die Weiber schnöde zu mißbrauchen; ja daß vielleicht irgendeine geheime Gesellschaft ihren Landtag unter die Hülle eines Hexen-Tanzes verbarg. Immer machten Männer in den Hexenprozessen den Teufel gegen die Weiber, selten umgekehrt – Nur unbegreiflich bleibts, daß die Weiber bei dem damaligen Schauder vor dem Teufel, so wie vor der Hölle, sich nicht vor seiner Erscheinung und vor der höllischen Umtaufe16und Apostasie entsetzet haben.«

Glanz lächelte, äußerte aber, jetzt träfen sie beide ja vielleicht zusammen –

Klothar versetzte sehr ernst: »Kaum! denn eine Nachspielerei hebt ein Urbild nicht auf, sie setzt eben eines voraus. Noch mangelt eine rechte Geschichte des Wunder-Glaubens oder vielmehr des Glaubens-Wunders – von den Orakeln, Gespenstern an bis zu den Hexen und sympathetischen Kuren; – aber kein engsichtiger und engsüchtiger Aufklärer könnte sie geben, sondern eine heilige dichterische Seele, welche die höchsten Erscheinungen[734] der Menschheit rein in sich und in ihr anschauet, nicht außer ihr in materiellen Zufälligkeiten sucht und findet – welche das erste Wunder aller Wunder versteht, nämlich Gott selber, diese erste Geistererscheinung in uns vor allen Geistererscheinungen auf dem engen Boden eines endlichen Menschen....«

Hier konnte sich der Notar nicht länger halten; eine solche schöne Seelenwanderung seiner Gedanken hatt' er in dem hohen Jüngling nicht gesucht. »Auch im Weltall«, hob er an, »war Poesie früher als Prosa, und der Unendliche müßte vielen engen prosaischen Menschen, wenn sie es sagen wollten, nicht prosaisch genug denken.«

»Was wir uns als höhere Wesen denken, sind wir selber, eben weil wir sie denken; wo unser Denken aufhört, fängt das Wesen an«, sagte Klothar feurig, ohne auf den Notarius sonderlich hinzusehen.

»Wir ziehen immer nur einen Theater-Vorhang von einem zweiten weg und sehen nur die gemalte Bühne der Natur«, sagte Walt, der so gut wie Klothar etwas getrunken. Keiner antwortete mehr recht dem andern.

»Gäb' es nichts Unerklärliches mehr, so möcht ich nicht mehr leben, weder hier noch dort. Ahnung ist später als ihr Gegenstand; ein ewiger Durst ist ein Widerspruch, aber auch ein ewiges Trinken ist einer. Es muß ein Drittes geben, so wie die Musik die Mittlerin ist zwischen Gegenwart und Zukunft«, sagte der Graf.

»Der heilige, der geistige Ton wird von Gestalten geschaffen, aber er schafft wieder Gestalten«17, sagte Walt, den die Fülle der Wahrheit allein fortzog, nicht einmal mehr der Wunsch der Freundschaft.

»Eine geistige Kraft bildet den Körper, dann bildet der Körper sie, dann aber bewegt sie am mächtigsten auf der Erde die Körper«, sagte Klothar.

»O die unterirdischen Wasser der tiefen zweiten Welt, die den gemeinen weltweisen Berg-Knappen in seinem Bergbau stören und ersäufen, ihn, der Höhen nur zum Durchbohren und Vertiefen haben will – diese sind eben für den rechten Geist der große[735] Todesfluß, der ihn in den Mittelpunkt zieht...« sagte Walt; er stand längst aufrecht am Tisch und hört' und sah nicht mehr.

»Echte Spekulaltion – –«, fing der Graf an.

»Mr. Vogtländer«, unterbrach Neupeter, sich zum Buchhalter wendend und Klotharn am Arm haltend, da er gelehrten Diskursen ebensogern zuhörte als entsprang, »die 23 Ellen Spekulation haben Sie doch heute gebuchet18? Nun aber weiter, Herr Philosoph!« – Der Graf hörte den Mißton des Mißgriffs und schwieg und stand gern auf, die vergessene, längst wartende Gesellschaft noch lieber. Des Notars Keckheit und Rede-Narrheit hatte am meisten sie unterhalten. Der Kirchenrat Glanz hatt' es seinen Nachbarn leise zu verstehen gegeben, was sie von den gräflichen Sätzen zu halten hätten, und daß dergleichen ihn nicht weniger langweilte und anekelte als jeden.

Walt war in den dritten Himmel gefahren und behielt zwei übrig in der Hand, um sie wegzuschenken. Er und der Graf trugen nun – nach seinem Gefühl – die Ritterkette des Freundschafts-Ordens miteinander; nicht etwa, weil er mit ihm gesprochen – der Notar dachte gar nicht mehr an sich und seinen Wunsch der Audienz –, sondern weil Klothar ihm als eine große, freie, auf einem weiten Meere spielende Seele erschien, die alle ihre Ruderringe abgebrochen und in die Wellen geworfen; weil ihm sein kecker Geistes-Gang groß vorkam, der weniger einen weiten Weg als weite Schritte machte, und weil der Notar unter die wenigen Menschen gehörte, die mit unähnlichem Werte sympathisieren, wie das Klavier von fremden Blas- und Bogen-Tönen anklingt.

So lieben Jünglinge; und aller ihrer Fehler ungeachtet ist ihnen, wie den Titanen, noch der Himmel ihr Vater, die Erde nur ihre Mutter; aber später stirbt ihnen der Vater, und die Mutter kann die Waisen schwer ernähren.

Wie ganz anders – nämlich viel weniger schleichend, weniger[736] stillgiftig, vipernkalt und vipernglatt – stehen die Menschen von Tafeln, selber an Höfen, auf, als sie sich davor niedergesetzt! Wie geflügelt, singend, das Herz federleicht und federwarm! – Neupeter bot leicht seinen Park dem Grafen an – der schlug ein – Walt drang nach. Unterwegs riß der Agent sein blumiges Ordens-Band entzwei und steckt' es ein, weil er, sagt' er, nicht wie ein Narr aussehen wolle.

16

Bekanntlich hob der Buhle die erste Taufe durch eine unreine wieder auf.

17

Die Figuren auf klingenden Glasscheiben.

18

d.h. zu Buch gebracht. – Spekulation ist in Neupeters Sinn ein ungekreuzter halbleinener, halbseidener Pariser Zeug, der sich von der enzyklopädistischen Spekulation, ebenfalls da gewebt, zu seinem Vorteil unterscheidet.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 730-737.
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