Nr. 22. Sassafras

[721] Peter Neupeters Wiegenfest


Der Notarius konnte den ganzen Morgen nichts Gescheutes machen als Plane, an einem solchen Ehrentage ein neuerer Petrarca zu sein, oder ein in einem Dorfe gebrochner Juwel, der sich auf der Edelsteinmühle der Stadt schon sehr ausgeschliffen. Er hielt sich vor, das sei das erstemal, daß er in den schimmernden Tier-Kreis des feinsten Cercle oder Kränzchens rücke. »Gott, wie fein werden sie alles drehen«, sagte er sich, »und vor Turnüre kaum reden! Madame – kann der Graf sagen –, ich bin zu glücklich, um es zu sein. Hr. Graf, kann sie versetzen, Ihr Verdienst und Ihre Schuld – Darf man das Erraten erraten? fragt er – Sollte[721] Fragen mehr erlaubt sein als Antworten? fragt sie – Das eine erspart das andere, versetzt er – Oh Graf, sagt sie – Aber Madame, sagt er; denn nun können sie vor Feinheit nichts mehr vorbringen, und wenn sie toll würden. Ich für meine Person setze vieles in den Hoppelpoppel oder das Herz.«

Walt goß sich beizeiten seinen Sonntags-Beschlag, den Nanking, als sein eigner Gelbgießer Über und setzte statt des braunflammigen Hutes – den wollt' er in der Hand tragen – mehr Puder als gewöhnlich auf. Er ging geputzt ein paar Stunden leicht auf und ab. Er hörte vergnügt einen Wagen nach dem andern vordonnern; »nur abgeladen!« sprach er, »lauter Fracht und. Meßgut für den Roman, in dem ich Leute von Stande so nötig habe als Dinte. Und wie wird sich uns allen mein Klothar von so mannigfachen Seiten zeigen müssen; der alte treue Freund! Gott wird mir schon dazu verhelfen, daß ich auch etwas sagen kann zu ihm.«

Da er endlich bei einem neuen Rollen es für Zeit hielt, sich hinabzumachen und den Cercle zu schließen und zu runden mit seinem eignen Bogen und Bückling: so stellt' er sich oben, mit seinem Hute in der Hand, ans Treppengeländer und schauete so lange hiedurch hinab, bis er dem neuen Nachschuß sich zuschießen konnte, um so unbemerkt und ohne sonderliche Kurvaturen im Saale einzutreffen. Er glänzte sehr, der Saal, die vergoldeten Schlösser waren aus den Papier-Wickeln herausgelassen, dem Lüster der Staub- und Bußsack ausgezogen, die Seiden-Stühle hatten höflich vor jedem Steiß die Kappen abgenommen, und auf dem getäfelten Fußboden war die Leinwand ganz von den Papiertapeten weggezogen, welche die ostindische Decke so zudeckten, daß diese sowohl sich als den getäfelten Fußboden an einigen Winkeln leicht zeigte. Den Salon selber hatte der Kaufmann, weil lebendige Sachen zuletzt jeden krönen, mit Gä sten-Gefüllsel ordentlich wie ein hohes Pasteten-Gewölb saturiert, namentlich mit Aigretten – Chemisen – Schmink-Backen – Rotnasen – feinsten Tuchröcken – spanischen Röhren – Patentwaren und französischen Uhren, so daß vom Kirchenrat Glanz an bis zu netten Reisedienern und ernsten Buchhaltern sich alles[722] mischen mußte. Der große Kaufmann sucht weiter in keine höchste Klasse zu kommen als in die der Gläubiger, wenn seine hohen Schuldner fallieren. Er, als kalter stiller Justierer des Verdienstes, schätzt gleich sehr den niedrigsten Bürger, wenn er Geld hat, und den höchsten Adel, wenn dessen altes Blut in silbernen und goldnen Adern läuft und dessen Stammbaum Nahrungs- und Handelszweige treibt. Freilich – so wie dem Pater Hardouin die Münzen der Alten mehr historische Glaubwürdigkeit hatten als alles Schriftliche derselben – so kann der abwägende Kaufmann Adels-Pergament und sonstige Ehren-Punktierkunst nie so hoch stellen als dessen Münzen, insofern er von fremder Zuverlässigkeit sprechen soll.

Schon die Anfurt des Ehrentages fand der Notar viel lustiger und leichter, als er nur hoffen wollen; denn er bemerkte bald, daß er nicht bemerkt wurde, sondern sich auf jeden Seidenstuhl setzen konnte und ihn zum Weberstuhl seiner Träume machen. Noch hatte er nichts vom Grafen noch vom Wiegenfest und den beiden Töchtern gesehen – als endlich Klothar, der Eßkönig, zu seiner Freude blühend hereintrat, obwohl in Stiefeln und Überrock, als hab' er sich mehr auf parlamentarische Wollen-Säcke zu setzen als auf seidne Agenten-Stühle. »Hr. Hofagent«, sagt' er, ohne die Versammlung zu prüfen, »wenn Sie wollen, mich hungert verdammt.« Der Hofagent befahl Suppe und Töchter; denn er schätzte den Grafen längst und innigst, weil er als der Agioteur von dessen Renten am besten wußte, wieviel er war, besonders ihm selber; und er behauptete oft, einem Manne von so vielen jährlichen Einkünften solle doch jede vernünftige Seele es zugute halten, wenn er seine eignen Meinungen habe oder lese, was er wolle.

Plötzlich kam Musik – mit ihr die Suppenterrine mit gedruckten Geburtsfestliedern – dann die beiden Töchter mit einer langen Blumen-Girlande, die sie Neupeter so geschickt über den Körper wanden, daß er in einem blühenden Ordenshand dastand – die Kontoristen liefen und teilten die Gedichte aus – und zuerst ihrem Prinzipal ein vergoldetes – Nun fing andere Instrumentalmusik an, um das Karmen oder vielmehr den Gesang desselben[723] zu begleiten – die Gesellschaft mit ihren Papieren in den Händen stimmte ihn an als ein längeres Tischgebet – und selber Neupeter sah singend in sein Blatt. Vult hätte nicht unter die gehört, die dabei am ernsthaftesten geblieben wären, zumal als der blumige Ordens-Mann sich selber an sang; aber wohl Gottwalt war dazu gemacht. Ein Mensch, sobald er an seine Geburt denkt, ist so wenig lächerlich, als es ein Toter sein kann; da wir, wie sinesische Bilder, zwischen zwei langen Schatten oder langen Schlummern laufen, so ist der Unterschied nicht groß, an welchen Schatten man denke. Walt quälte sich mit leisem Singen bei schlechter Stimme; und als es vorbei und der Alte sehr gerührt war über das fremde Gedächtnis für sein Wiegenfest bei eigner Vergeßlichkeit und die Seinigen ihm früher gratulierten als die Fremden: so war kein Glückwunsch so aufrichtig in irgendeinem Herzen als Gottwalts ferner und stiller; aber es beklemmte ihn, daß der Mensch – »besonders, seh' ich, an Höfen«, dacht' er gerade den heiligen Tag, wo er sein erneuertes Leben überrechnen und ebnen sollte, im Rauschen fremder Wellen verhört daß er das neue Dasein mit der lärmenden Wiederholung des alten feiert, anstatt mit neuen Entschlüssen – daß er statt der einsamen Rührung mit den Seinigen, deren Wiegen oder Gräber seinen ja am nächsten stehen, den undankbaren Prunk und trockne Augen sucht. Der Notar setzte sich vor, seinen ersten Geburtstag, an den ihn ein guter Mensch erinnere – denn noch hatt' er in seiner harten Armut keinen einzigen erlebt-, ganz anders zu begehen, nämlich sehr weich, still und fromm. – –

Man setzte sich zu Tisch. Walt wurde neben den zweiten armen Teufel – Flitten – als der erste postiert und rechts neben den jüngsten Buchhalter. Ihm verschlugs wenig; ihm gegenüber saß der Graf. Rund wie Geld, das wie der Tod alles gleich macht war die Tafel, gleichsam ein größerer Kompanie-Teller. Der Notar, ganz geblendet von der Neuheit des Geschirres und dessen Inhalts, streckte statt seiner sonstigen zwei linken Hände zwei rechte aus und suchte mit wahrem Anstand zu essen und den Ehren-Säbel des Messers zu führen; belesen genug, um mit der Breite des Löffels zu essen, nicht mit der Spitze, erhielt er sich[724] bloß bei bedenklichen Vorfällen durch die alte Vorsicht im Sattel, nicht eher anzuspießen, bis ihm andere das Speisen vorgemacht; wiewohl er sie bei den Artischocken so wenig für nötig erachtete, daß er, Beweisen nach, deren bittern Stuhl und die Spitzblätter aufkäuete, die er hätte in die holländische Sauce getunkt ablecken können und sollen. Was ihm indes weit besser schmeckte als alles, was darin lag, waren die Senfdosen, Dessertlöffel, Eierbecher, Eistassen, goldne Obstmesser, weil er das neue Geschirr in seinen Doppelroman als in einen Küchenschrank abliefern konnte: »Esset ihr in Gottesnamen«, dacht' er, »die Kibitzen-Eier, die Mainzer Schinken und Rauch-Lächse; sobald ich nur die Namen richtig überkomme durch meinen guten Nachbar Flitte, so hab' ich alles, was ich für meinen Roman brauche, und kann auftischen.«

In die höchste Schule der Lebensart gingen seine Augen bei dem Grafen, der keine Umstände machte – geradezu weißen Portwein forderte – und einen Kapaunenflügel mit nichts abschälte als mit dem Gebiß – des Gebacknen nicht zu gedenken, das er mit den Fingern annahm. Diese schöne Freiheit – eingekleidet noch in Stiefeln und Überrock – spornte Walten an, daß er, als mehrere Herrn Konfekt einsteckten für ihre Kinder, sich es zur Pflicht und Welt rechnete, auch einige süße Papierchen oder Süßbriefchen, die ihm ganz gleichgültig waren, in die Tasche zu schaffen. Auch sein Nachbar Flitte, der ungemein fraß und foderte, zeigte deutlich, wie man zu leben habe – besonders wovon.

Indes war sein ewiger Wunsch der, etwas zu sagen und von Klothar vernommen, wenn nicht gar angeredet zu werden. Aber es ging gar nicht. Dem Grafen war aus Achtung ein philosophischer Nachbar, der Kirchenrat Glanz, an die linke Seite gebeten an die rechte die Agentin gesetzt; – aber er aß bloß. Walt sann scharf nach, inwieweit die vorsitzende Vorschrift feinster Sitten zu kopieren sei, kein Wort zu sagen zur Hausfrau. Er behalf sich, wie ein Verliebter, mit optischer Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Es war ihm doch einige Erquickung, wenn der schöne gräfliche Jüngling etwas vom Teller nahm – oder die Flasche – oder[725] froh umhersah – oder träumend in den Himmel hinter dem Fenster – oder in den auf einem lieblichen Gesicht. Aber bitterböse wurd' er auf den Kirchenrat, der einer so fruchttragenden Nachbarschaft ansitzen konnte ohne den geringsten schönsten Gebrauch von derselben, da er doch so leicht, dachte Walt, über Klothars Hand zufällig mit seiner hinstreichen könnte und vollends ihn ins Reden locken. Allein Glanz glänzte lieber – er war vergötterter Kanzelredner und Kanzelschreiber – auf seinem Gesicht stand wie auf den Bologneser-Münzen geprägt: Bononia docet14– wie andere Redner die Augen, so schloß er die Ohren unter dem Flusse der Zunge – – Mit einer solchen Autors-Eitelkeit schloß er Klothars stolzen Mund. Darüber aber machte auch Walt seinen nicht auf. Er hielt es für Tisch-Pflicht, jedem Gesicht eine Freuden-Blume über die Tafel hinüberzuwerfen – die Artigkeit in Person zu sein – und immer ein wenig zu sprechen. Wie gern hätt' er sich öffentlich ausgedrückt und ausgesprochen! Leider wie Moses saß er mit leuchtendem Antlitz und mit schwerer Zunge da, weil er schon zu lange mit dem Vorsatze gepasset, in das aufgetischte Zungen- und Lippen-Gehäcke, das er fast roh und unbedeutend fand, etwas Bedeutendes seinerseits zu werfen, da es ihm unmöglich war, etwas Rohes wie der Kaufmann zu sagen: ein Westfale, der einen feinen Faden spinnt, ist gar nicht vermögend, einen groben zu ziehen. Je länger ein Mensch seinen sonnigen Aufgang verschob, desto glänzender, glaubt er, müßt' er aufgehen, und sinnet auf eine Sonne dazu; könnt' er endlich mit einer Sonne einfallen, so fehlt ihm wieder der schickliche Osten zum Aufgang, und in Westen will er nicht gern zuerst empor. Auf diese Weise sagen nun die Menschen hienieden nichts.

Walt legte sich indes auf Taten. Die beiden Töchter Neupeters hatten unter allen schönen Gesichtern, die er je gesehen, die häßlichsten. Nicht einmal der Notarius, der wie alle Dichter zu den weiblichen Schönheits-Mitteln gehörte und nur wenige Wochen und Empfindungen brauchte, um ein Wüsten-Gesicht mit Reizen anzusäen, hätte sich darauf einlassen können, eine und die andere[726] Phantasie-Blume in Jahren auf beide Stengel fertig zu sticken. Es war zu schwer. Da er nun gegen nichts so viel Mitleiden trug als gegen eine weibliche Häßlichkeit, die er für einen lebenslangen Schmerz hielt: so sah er die Blonde (Raphaela hieß sie), die ihm zum Glücke blickschuß-recht saß, in einem fort mit unbeschreiblicher Liebe an, um ihr dadurch zu verraten, hofft' er, wie wenig er sich von ihren Gesichts-Ecken abstoßen lasse. Auch auf die Brünette, namens Engelberta, ließ er von Zeit zu Zeit einen sanften ruhenden Seitenblick anfallen, wiewohl er sie wegen ihrer Lustigkeit nur eines mattern Mitleids würdigte. Es stärkte und erquickte ihn ordentlich bei seinem Mitleiden, daß beide Mädchen mit Putz und Pracht jeden weiblichen Neid auf sich zogen; – als vergoldete Wirtschaftsbirnen, geschminkte Blatternarben, in herrlichen Franz gebundene Leberreime mußte man sie anerkennen. Hoch mußt' er bei dieser Denkungsart den sympathetischen Nachbar Flitte stellen, der mit ihm in Aufmerksamkeit und Achtung für dieselbe häßliche Raphaela wetteiferte! Er drückte Flitten – der als armer Teufel nichts weiter von der verhaßten Schönheit wollte als die Hand mit dem Heiratsgut – unter der Serviette die seinige; und sagte nach dem dritten Glas Wein: »Auch ich würde mit einer Häßlichen zuerst sprechen und tanzen unter vielen Schönen.« – »Sehr galant!« sagte der Elsasser. »Sahen Sie aber je eine superbere Taille?« – Diese nahm jetzt erst der Notar an beiden Töchtern auf Erinnern wahr; wer sie köpfte, machte jede zur Venus, ja mit dem Kopfe sogar konnte jede sich für eine Grazie halten, aber in doppelten Spiegeln. Gelehrte kennen keine Schönheiten als physiognomische; Walt war majorenn geworden, ohne zu wissen, daß er zwei Backenbärte habe, oder andere Leute Taillen, schöne Finger, häßliche Finger usw. – »Wahrhaftig«, antwortete der Notar dem Elsasser, »ich wollte wohl einer Häßlichen ohne allen Gewissensbiß die schöne Taille ins Gesicht sagen und loben, um die Arme damit bekannt und darauf stolz zu machen.« Wenn Flitte etwas gar nicht begriff, so fragte er nichts darnach, sondern sagte schnell ja. Walt heftete jetzt in einem fort recht sichtbar die Augen auf Raphaelens Taille, um sie damit bekannt zu machen. Die Blonde schielte von seinen[727] Blicken zurück und suchte sich tugendhaft zu beunruhigen über die Frechheit des jungen Harnisch.

»Wer mir lieber, Herr? die Blonde oder Braune?« sagte der Hofagent, vom Weine lustig. »Auf jeden Fall die Blonde, sag' ich; denn sie kostet vierteljährlich der Kassa 12 Groschen weniger. Für 3 Taler 12 Groschen gutes Geld verkauft der Mundkoch Goullon in Weimar seine Flasche roten Schminkessig (vinaigre de rouge) nota bene für Blonde; für Braune hingegen jede um nette 4 Tlr.; hat sie vollends schwarzes Haar, so muß ich gar die Flasche zu 4 Tlr 12 Gr. verschreiben. Raphel! du sollst leben!« – »Cher père«, versetzte sie, »nennen Sie mich doch nur Raphaela.« – »Er verdients (dachte Walt, betroffen über Neupeters Ungeschicklichkeit), daß sie sagte: Scher-Bär!« Denn so hatt' er verstanden.

»Heute gibt der arme blinde Baron sein Flöten-Konzert«, sagte schnell Raphaela; »ach, ich weiß noch, wie ich über Dulon geweint.« – »Ich weiß des Menschen Namen nicht«, sagte die brillantierte Mutter, namens Pulcheria, aus Leipzig, wohin sie beide Töchter mehrmals abgeführt, als in eine hohe Schule bester Sitten, »der Habenichts ist aber ein grober Knoll und dabei ein Flausenmacher.« – Walt arbeitete in sich, weinglühend, an der schnellsten Verteidigung. – »Sobald ein poweres Edelmännchen«, sagte Engelberta spöttisch, »nur etwas lernt und versteht, so nehm' ichs nicht so genau.« – »Wer weiß es denn«, sagte die Mutter, »was er auf der Flöte kann für Leute, die schon was gehört haben?« – »Er ist«, fuhr Walt in größter Kürze los, »nicht grob, nicht dürftig, nicht ungeschickt, nicht manches andere, sondern wahrlich ein königlicher Mensch.« Hinterher merkt' er selber die unabsichtliche Hitze in seiner Stimme und Kürze; aber seinen sanften Geist hatte die absprechende Kauffrau überrumpelt, die zwar in den Zeiten hübsch gewesen, wo sie Gellerten reiten sehen, die aber jetzt – aus ihren eignen Relikten bestehend – als ihr eignes Gebeinhaus – als ihre eigne bunte Toilettenschachtel – ihren kostbaren Anzug zum bemalten metallischen, mit Samt ausgeschlagenen, mit vergoldeten Handheben beschlagenen Prunksarg ihrer gepuderten Leiche machte. Walt hatte gar nicht wild sein wollen, nur gerecht. Man hörte seine vorlaute Phrasis mit[728] kurzem Erstaunen und Verachten an. Neupeter aber nahm sofort den Faden auf: »Bulchen«, sagte er zur Frau in angetrunkener Barmherzigkeit, »ich will, weils doch eine arme Haut sein soll und noch dazu blind, drei Billette für euch Weibsen holen lassen vom powern Wicht.«

»Die ganze Stadt geht hin«, sagte Raphaela, »auch meine teuerste Wina. O! Dank, cher père! Wenn ich den Unglücklichen höre, zumal im Adagio, ich freue mich darauf, ich weiß, da ›sammlen sich alle gefangnen Tränen um mein Herz‹15; ich denke an den blinden Julius im Hesperus, und Tränen begießen die Freuden-Blumen.«

Darauf sah sie nicht nur der Vater entzückt über ihren Sprechstil an – ob er gleich als ein alter Mann den seinigen fortackerte – desgleichen Flitte begeistert, sondern auch der Notar begab sich mit innigstem Beifall wieder in ihr Gesicht herauf, voll kurzer Wünsche, letzteres wäre auszustehen oder doch zu heben durch Liebe, da er unter einem Dache mit ihr lebte. Aber ihm wurde durch Winas Ankündigung ein Sturm in die Seele geschickt sein beseeltes Auge hing sich an ihren Bräutigam – als plötzlich wieder Raphaela die größten Revolutionen an dem Tische anstiftete durch die Frage an Glanz: »Wie kommts, Hr. Kirchenrat, um auf Sehende zu kommen, daß alle Bilder im Auge verkehrt sind, und wir doch nichts verkehrt erblicken?«

Dann als der Kirchenrat langsam und langweilig die Sache aus seiner Lektüre so gut auseinandersetzte, daß die Tafel bewundern mußte: so fing der Graf Feuer. Es sei, daß er satt war des Essens – oder satt des Hörens – oder übersatt der Glanzischen theologischen Halbwisserei und lingua franca, jener schalen Kanzel-Philosophie, wovon 1/4 moralisch, 1/4 unmoralisch, 1/4 verständig, 1/4 schief ist und das Ganze gestohlen – genug, der Graf begann und unterhielt ein so langes heftiges Feuern gegen den Kirchenrat – wozu die nahe Nummer Congeries von mäusefahlen Katzenschwänzen aus- und eingeräumt wird – daß er ordentlich nicht mehr Haß gegen das Mattgold der theologischen Moralisten und Autoren hätte zeigen können, wenn er auch der Flötenspieler[729] Quod deus vult selber gewesen wäre, der sich allerdings so aussprach: »Von alten Schimmelwäldchen der Philosophen klauben sich die Theologen die abgefallnen Lese-Früchte auf und säen damit an. – Diese größten engsten Egoisten machen Gott zum frère servant der Pönitenzpfarren, wohin sie voziert worden, und auf dem Wege nach dem Filial glauben sie, die Sonnenfinsternis sei gekommen, damit sie weniger schwitzen und schattiger reiten – und so fegen sie die Herzen und Köpfe, wie in Irland die Bedienten die Treppen, mit ihren Perücken.«

14

Bologna lehrt.

15

Die Redensart hat sie aus dem Hesperus.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 721-730.
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