Vierter und letzter Pfingsttag
(36. Hundposttag)

[1075] Hyazinthe – die Stimme vom Vater Emanuels – Brief vom Engel – Flöte auf dem Grab – zweite Nachtigall – Abschied – Geistererscheinung


Eben ist der Anhang zum vierten Freudentage eingelaufen. Ich komme nach dem Seufzer, womit man gewöhnlich am Tage nach den Festtagen sagt, daß man sie begrabe, wieder vor das blühende Bette meines Freundes und öffne den grünenden Vorhang; gegen neun Uhr erst zog ihn eine nah an seinen Händen schlagende Grasmücke mühsam aus einem tiefen Traummeer. Aber die Schattenfiguren, die der Hohlspiegel des Traums in der Luft aufgerichtet hatte, waren alle vergessen; nur die Tränen, die sie ihm ausgepresset, standen noch in seinen Augen, und er entsann sich nicht mehr, warum er sie vergossen hatte. Es war heute Quatember, der wie andere Wetter- und Mondveränderungen unser Traum-Echo lauter und vielsilbiger macht. – In einer sonderbaren Erweichung schlug er die Augen auf vor der weißen Dämmerung des Apfelblüten-Überhangs, vor dem Wirrwarr des grünen Gespinstes – sein Hand jagte die Grasmücke durch das Gebüsch – es war schwül um diesen Schatten, die Baumgipfel waren stumm und alle Blumen gerade – Bienen bogen sich von Sandkörnchen herab in die Quellen um ihn und schlurften Wasser – von den Weiden tropften weiße Flocken, und alle Riechfläschchen der Blüten und die Rauchgefäße der Blumen übergossen seine Schlafstätte mit einem süßen schwülen Dunst...

Er führt seine rechte Hand ans nasse Auge und erblickt darin mit Erstaunen eine weiße Hyazinthe, die ihm jemand heute mußte hineingelegt haben... Er verfiel auf Klotilde; und sie wars auch gewesen. Vor einer halben Stunde trat sie an dieses Blumen-Bette – ließ sogleich das Gesträuch leise wieder zusammenschlagen –[1075] zog es aber doch wieder auseinander, weil sie die Tränen des vergessenen Traums über das Angesicht des glühenden Schläfers rinnen sah – ihre ganze Seele wurde nun ein weicher segnender Blick der Liebe, und sie konnte sich nicht enthalten, das Denkmal ihres Morgenbesuchs, die Blume, in die Hand zu legen – und eilte dann leise in ihr Zimmer zurück.

Er trat eilig in den leuchtenden Tag, um die Geberin einzuholen, deren Morgengabe er leider aus Besorgnis der Zerstörung so wenig wie sie ans Herz anpressen durfte. O wie tat es ihm wehe, als er im Freien vor dem herrnhutischen Gottesacker der heimgegangnen Himmelnacht, vor dem ruhenden Garten, stand und als er auf die kahlen ausgemähten eingetretenen Tanztennen und auf die verstummte Nachtigallenstaude blickte und auf die Berge, woran die Kinder weideten, vom gestrigen Schmucke entkleidet! Da erschien der vergessene Traum wieder und sagte: weine noch einmal, denn das Rosenfest deines Lebens beschließet sich heute, und der letzte von den vier Flüssen des Paradieses trocknet in wenig Stunden gänzlich aus! – »O ihr schönen Tage,« sagte Viktor, »ihr verdient es, daß ich euch verlasse mit einer Erweichung ohne Maß und mit Tränen ohne Zahl!« – Er floh aus dem zu harten Taglicht in die Zelle aus Flor, damit sie den hellen Vorgrund des Tages zu einem dämmernden Hintergrund ummalte, mit dem gestrigen Mondschein überdeckt; und unter diesem Leichenschleier der erblichenen Nacht setzte er sich vor, dem verarmenden Herzen heute seine letzte Freude ganz im Übermaß zu gönnen, nämlich sein Sehnen. Er trat aus dem Flor, aber der nächtliche Mondschein wich nicht von der Flur; er schaute auf in den blauen Himmel, der uns mit einer langen Flamme betastet, aber die verhüllten Sterne der Winternacht schickten herausquellende kleine Strahlen an die verdunkelte Seele; er sagte sich zwar: »Der Eisberg, auf dem bisher meine Vernunft halbe Bergpredigten abgelegt, ist unter der Freudenglut zu einem Maulwurfhügel eingelaufen«, aber er setzte hinzu: »Heute frag' ich nach nichts.«

Er kam zu Emanuel mit nassen Augen. Dieser sagte ihm, daß sich das erste Glied der gestrigen Blumenkette, nämlich der Brite mit seinen Leuten, schon in der Nacht abgelöset habe. Aber je[1076] länger er Emanuel ansah und an morgen dachte – denn morgen lehnt auch er vor tags die Gartentüre dieses Paradieses leise hinter sich zu, und heute nachmittags nimmt er von der Äbtissin und abends von der Geliebten Abschied, um diese nicht im Ablesen der bekannten Engels-Epistel zu hemmen –, desto drückender waren seine Augen gespannt, und er ging lieber mit einem sich selber vollblutenden Herzen hinaus ins Freie und führte den Blinden mit, der nichts erriet, nichts erblickte und vor dem man ohnehin wie vor einem Kinde gern sein Innerstes entkleidete.

Aber diesesmal war Julius in derselben Erweichung, weil er den ganzen Morgen den Engel in seiner dämmernden Seele spielen und fliegen sehen. Die Sehnsucht nach dem Engel brütete sein ruhendes Herz zum Pochen an, und er sagte mit einem ungewöhnlichen Schmerz: »Wenn ich nur sehen könnte, nur etwas, nur meinen Vater oder dich!« Die überstäubten Erinnerungen an seine Kindheit wurden aufgeschüttelt; und aus dieser in Wolken stehenden Zeit trat besonders ein Tag heraus vor ihn, morgenhell, blau und voll Gesang, und trug drei Gestalten auf seinem Nebelboden, Julius' eigne und die der zwei Kinder, von denen er sich vor ihrer Einschiffung nach Deutschland geschieden hatte – es entflossen ihm Tropfen, ohne daß er es merkte, da er gerade diesem Viktor, der das Folgende getan hatte, das Küssen und Umhängen und Nachrufen des einen Kindes malte, das ihn am meisten liebte und immer trug. »Und ich denke,« fuhr er fort, »jeder, den ich gern höre, habe das Gesicht dieses guten Kindes und auch du. Oft wenn ich einsam diese Gestalt in meinem Dunkeln anschaue und warme Tropfen auf den Lippen spüre und in eine schmachtende schlummernde Wonne falle: mein' ich, es quelle Blut aus meinen Lippen, und mein Herz siedet – aber mein Vater sagt, wenn dann meine Augen plötzlich aufgetan würden und ich sähe meinen Engel an oder das gute Kind oder einen schönen Menschen, dann würde ich sterben müssen vor Liebe.« – – »O Julius, Julius,« (rief sein Viktor) »wie edel ist dein Herz! Das gute Kind, das du so liebst, wird bald mein Vater an dich legen, es wird dich so küssen, so lieben, so drücken wie ich jetzt.« –

Er führte ihn zum Essen zurück; er selber aber blieb bis nachmittags[1077] unter dem Himmel, und sein Herz legte stille Trauer an unter Bäumen voll Bienen, neben Gesträuchen voll ätzenden Vögeln, auf allen bisherigen Spaziergängen und Sonnenwegen dieses sterbenden Festes – und es standen alle Kinderstunden aus dem Winterschlafe des Gedächtnisses auf und berührten sein Herz, aber es zerfloß. – – O wenn uns weit entlegne Minuten mit ihrem Glockenspiel antönen, so fallen große Tropfen aus der weichen Seele, wie das nähere Herüberklingen ferner Glocken Regen bedeutet. Ich verdenke dir nichts, Viktor – du bist doch nur weich, aber nicht weichlich – so gut dir dein Biograph deine Erweichung nachzuschreiben und dein Leser sie nachzufühlen vermag, ohne die festen Muskeln des Herzens abzuspannen, ebensogut vermagst du es auch, und nur ein Mann, der bittere Tränen erpressen kann, wird süße verhöhnen und keine selber vergießen.

Endlich ging Viktor zur letzten Freude, in den Garten des Endes, um mit sanften Tränen in der Abtei von allen Freundinnen abzuscheiden. Ein sonderbarer Vorfall verschob es ein wenig: denn indem er von Emanuel wegging, stieß ihm Julius auf, der aus dem Garten kam und ihm sagte: »wenn er zu Emanuel wolle, er sei im Garten.« – Sie erhoben einen freundschaftlichen Streit, weil jeder ihn gerade jetzo gesprochen haben wollte. Viktor ging mit ihm zu Emanuel zurück, und hier erzählte Julius seinem Lehrer jedes Wort des vorgeblichen Gartengesprächs mit ihm: »z.B. über Viktor, über Klotilde, über seinen heutigen Abschied, über die bisherigen frohen Tage.«

Während der Erzählung wurde Emanuels Angesicht glänzend, als wenn Mondschimmer davon niederflösse – und anstatt dem geliebten Kinde die Unmöglichkeit seiner Erscheinung im Garten vorzustellen, räumte er ihm die Erscheinung ein und sagte entzückt: »Ich werde sterben! – Es war mein abgeschiedener Vater – seine Stimme klingt wie meine – er verhieß mir in seinem Sterben, aus der zweiten Welt in diese zu kommen, eh' ich von hinnen ginge. – Ach ihr Geliebten drüben über den Gräbern, ihr denkt also noch an mich – o! du guter Vater, dringe jetzt mit deinem tödlichen Glanze vor mich heran und löse mich an deinem Munde auf!« –[1078]

Er wurde noch mehr darin befestigt, weil Julius dazu erzählte, die Gestalt habe sich von ihm den Brief des Engels reichen lassen, ihn aber nach einem kleinen Lispeln wieder zurückgegeben. Das Siegel war unbeschädigt. Emanuels freudiger Enthusiasmus über diese Telegraphen des Todes setzte unzufriedene Schlüsse aus seiner bisherigen Gesundheit voraus. Viktor lehnte sich nie gegen die erhabnen Irrtümer seines Lehrers auf; so stellte er z.B. niemals die Gründe, die er hatte und die ich im nächsten Schalttage anzeigen will, dem unschuldigen Wahn entgegen: »aus dem Traume und aus der Unabhängigkeit des Ich vom Körper könne man auf die künftige nach dem Tode schließen – im Traume stäube sich der innere Demant ab und sauge Licht aus einer schönern Sonne ein.«-Viktor erschrak darüber, aber aus andern Gründen: Julius nahm beide an den Ort der Unterredung mit, der in der verfinsterten Allee neben der Blütenhöhle war. Niemand war da, nichts erschien, Blätter lispelten, aber keine Geister, es war der Ort der Seligkeit, aber der irdischen. –

Viktor ging in den andern, in die Abtei. Klotilde war nicht droben, sondern im verschlungnen Labyrinth des Parks, wahrscheinlich um dem Inhaber vom Engels-Briefe, Julius, die Gelegenheit des Vorlesens zu erleichtern. Er nahm, als die Sonne gerade den Fensterscheiben gegenüber brannte, von der guten Äbtissin mit jener feinen gerührten Höflichkeit Abschied, auf die sich in ihrem Stande der höchste Enthusiasmus einschränkt. Die feine Äbtissin sagte ihm: »der Besuch sei so kurz, daß er unverzeihlich wäre, wenn nicht Viktor es dadurch gutmachte, daß er ihren zweiten Frühling-Gast (Klotilden) überredete, den ihrigen zu verlängern; denn auch diese verlasse sie bald.« – Er schied mit einer gerührten Achtung von ihr: denn sein weiches Herz wußte ebensogut hinter der Spitzenmaske der Feinheit und Welt als hinter der Leder-Kruste der Roheit das fremde weiche auszufühlen.

Als er freilich in den Garten eilte: stiegen die Tränen seines Herzens höher und wärmer – und ihm war, als müßte er den im Angesichte der Sonne aufgehenden Mond umschließen, da er dachte: »Ach wenn deine bleiche Flocke heute lichter droben hängt, wenn du allein niederschauest, bin ich geschieden von meiner[1079] Schäferwelt oder scheide noch.«- Und unten ruhte neben der Nachtigallenhecke sein Julius, der helle Tränenströme vergoß – denn dieser ganze Abend wimmelt von immer größern Meerwundern des Zufalls – er eilt zu ihm herab, der Brief des Sogenannten Engels ist geöffnet in seiner Hand, Viktor sagt leise: »Julius, warum weinest du so?« – »O Gott,« sagte dieser gebrochen, »führe mich unter eine Laube!« – Er leitete ihn zur überflorten. Julius sagte darin: »Recht, hier brennt die Sonne nicht!« und schlug den rechten Arm um Viktor und gab ihm den Brief und legte den Arm herum bis an sein Herz und sagte: »Du guter Mensch! sage mir, wenn die Sonne nieder ist, und lies mir noch einmal den Brief des Engels vor!«

Viktor fing an: »Klotilde!« – »An wen ist er?« sagt' er. – »An mich!« (sagte Julius) »und Klotilde hat mir ihn schon vorgelesen; aber ich konnte sie wegen ihrem Weinen nicht verstehen, und ich war auch zu betrübt. – Ich werde vor Kummer sterben, du gute Giulia, warum hast du mir es nicht vor deinem Tode gesagt? – Die Tote hat ihn geschrieben, lies nur!« – Er las:


»Klotilde!


Ich hülle meine errötenden Wangen in den Leichenschleier. Mein Geheimnis ruht in meinem Herzen verborgen und wird mit ihm unter den Leichenstein gelegt. Aber nach einem Jahre wird es aus dem zerfallenen Herzen dringen – o dann bleib' es ewig in deinem, Klotilde! – und ewig in deinem, Julius! – Julius, war nicht oft eine schweigende Gestalt um dich, die sich deinen Engel nannte? Legte sie nicht einmal, als die Totenglocke ein blühendes Mädchen einläutete, eine weiße Hyazinthe in deine Hand und sagte: ›Engel pflücken solche weiße Blumen‹? Nahm nicht einmal eine stumme Gestalt deine Hand und trocknete sich damit ihre Tränen ab und konnt' es nicht sagen, warum sie weine? Sagte nicht einmal eine leise Stimme: ›Lebe wohl, ich werde dir nicht mehr erscheinen, ich gehe in den Himmel zurück‹? Diese Gestalt war ich, o Julius; denn ich habe dich geliebt und bis in den Tod. Siehe! hier steh' ich am Ufer der zweiten Welt, aber ich schaue nicht hinüber[1080] in ihre unendlichen Gefilde, sondern ich kehre mein Angesicht noch sinkend nach dir zurück, nach dir, und mein Auge bricht an deinem Bilde. – Jetzo hab' ich dir alles gesagt. – Nun komm, stillender Tod, drücke langsam die weiße Hyazinthe nieder und teile bald das Herz auseinander, damit Julius darin die verschlossene Liebe sehe. – Ach wirst denn du eine Tote in deine Seele nehmen? Wirst du weinen, wenn du dieses lesen hörest? Ach wenn mein zugedeckter, eingesunkner Staub dich nicht mehr berühren kann, wird mein entfernter Geist von deinem geliebt werden? – Aber ich beschwöre dich, o Unvergeßlicher, geh an dem Tage, wo dir dieses Tränenblatt vorgelesen wird, da gehe, wenn die Sonne untergeht, hinauf zu meinem Grabe und bringe dem bleichen Angesicht darunter, das der alte Hügel schon entzweidrückt, und dem zerronnenen Herzen, das für nichts mehr schlagen kann, da bringe der Armen, die dich so sehr geliebt und die deinetwegen sich unter die Erde gehüllet, dein Totenopfer – bring ihr auf deiner Flöte die Töne meines geliebten Liedes: ›Das Grab ist tief und stille.‹ – Sing es leise nach, Klotilde, und besuch mich auch. – Ach arme Giulia, richte deine Seele auf und erliege jetzt nicht, da du deinen Julius dir an deinem Grabe denkest! – Wenn du da das Totenopfer bringst, so wird zwar mein Geist schon höher stehen; ich werde ein Jahr jenseits der Erde gelebet haben, ich werde die Erde schon vergessen haben – aber doch, aber o Gott, wenn du die Töne über meinem Grabe ins Elysium dringen ließest, dann würd' ich niedersinken und heiße Tränen vergießen und die Arme ausbreiten und rufen: ja! hier in der Ewigkeit lieb' ich ihn noch – es geh' ihm wohl auf der Erde, sein weiches Herz ruhe weich und lange auf dem Leben drunten. – Nein, nicht lange! Komm herauf, Sterblicher, zu den Unsterblichen, damit dein Auge genese und die Freundin erblicke, die für dich gestorben ist!

Giulia.«


»Ich will gehen,« – sagte Julius stockend, aber mit Zuckungen im Gesicht – »wenn auch die Sonne nicht hinab ist: mein Vater soll mich bis zum Untergange trösten, damit mein Herz nicht so[1081] heftig an die Brust anschlägt, wenn ich am Grabe stehe und das Totenopfer bringe.«- – Laß mich nichts sagen, Leser, von der Beklemmung, womit ich weitergehe – noch von dieser zu weichen Giulia, die wie eine Morgensonnenuhr vor dem Mittage im Schatten und Kühlen war, die wie eine Taube die Flügel dem Regen und Weinen auseinanderfaltete – noch von ihren Seelen-Schwestern, die im zweiten Lebens-Jahrzehend das Gerippe des Todes ganz mit Blumen überhängen, daß sie seine Glieder nicht sehen können, und die ihren weißen Arm bloß auf einen Myrtenzweig der Liebe stützen wie auf einen Aderlaßstock und ruhig dem Verbluten seiner zerschnittenen Adern zuschauen! –

Ich hätte nicht einmal dieses gesagt, wenn nicht Viktor es gedacht hätte, dessen Herz ein unendlicher Gram und eine unendliche Liebe tödlich auseinanderzogen; denn ach wie weit war nicht seine unersetzliche Klotilde schon auf dem Wege, ihrer Freundin nachzukommen und das ungeliebte Herz in der Erde zu verbergen, wie man im Froste Nelken niederlegt!

Die Sonne stieg tiefer – der Mond stieg höher – Viktor sah Klotilden wie eine Heilige, wie einen ätherisch verkörperten Engel in einer gegen Abend geöffneten Nische ruhen-das kleine, gestern genannte Mädchen spielte auf ihrem Schoß mit einer neuen Puppe – ihm war, als seh' er sie gen Himmel schweben – und als sie ihre großen Augenlider aus den Tränen für die geschiedne Freundin, deren Geheimnis sie längst erraten und verborgen hatte, gegen den aufhob, der sie heute durch seinen Abschied vermehrte; und als sie auch sein Angesicht in Rührung zerschmolzen sah: so erdrückten die gleichen Trauergedanken in beiden sogar die ersten Laute des Empfangs, und beide wandten ihr Gesicht ab, weil sie über die Trennung weinten. – – »Haben Sie« (sagte Klotilde, wenigstens mit einer gefaßten Stimme) »eben mit Julius gesprochen?« – Viktor antwortete nicht, aber seine Augen sagten Ja, indem sie bloß heftiger strömten und sie unverwandt anschaueten. Sie schlug sie tief nieder, mit einem kleinen Erröten für Giulia. Das kleine Kind hielt die über die großen Tropfen herüberfallenden Augenlider für schläfrig und zog der Puppe das schmale, mit Heu gepolsterte Kopfkissen weg, breitete es Klotilden hin und sagte[1082] unschuldig: »Da leg dich drauf und schlaf ein!« Es schauerte ihren Freund, da sie antwortete: »Heute nicht, Liebe, auf Kissen mit Heu schlafen nur die Toten.« Es schauerte ihn, da er auf ihrem bewegten Herzen eine schneeweiße Federnelke, in deren Mitte ein großer dunkelroter Punkt wie ein blutiger Tropfen ist, erzittern sah. Die fürchterliche Nelke schien ihm die Lilie zu sein, die der Aberglaube sonst im Chorstuhle des Priesters antraf, dessen Sterben prophezeiet werden sollte.

Sie heftete schmerzlich ihren Blick auf die tiefe Sonne und den o Gottesacker, hinter dem diese in den Maitagen wie ein Mensch unterging. »Verlassen Sie diese Aussicht, Teuerste,« (sagt' er, wiewohl ohne Hoffnung des Gehorsams) – »eine zarte Hülle wird von einer zarten Seele am leichtesten zerstört. – Ihre Tränen tun Ihnen zu wehe.« Aber sie erwiderte: »Schon lange nicht mehr – nur in frühern Jahren brannten mir davon die Augenhöhlen, und der Kopf wurde betäubt.« – Plötzlich als der Gedanke an die bewölkte Perspektive ihrer verweinten Tage ihm das Herz aus dem Busen wand, erstarb das Sonnenlicht auf ihren Wangen – Tränenströme brachen gewaltsam aus ihren Augen – er wandte sich um – drüben auf dem Gottesacker sank der Verhüllte auf dem Hügel der Verhüllten nieder – die Sonne war schon unter die Erde, aber die Flöte hatte noch keine Stimme, der Schmerz hatte nur Seufzer und keine Töne.... Endlich richtete der schöne Blinde sich unter zuckenden Schmerzen empor zum Totenopfer, und die Flötenklagen stiegen von dem festen Grabe auf in das Abendrot – drei Herzen zergingen wie die Töne, wie das vierte eingesunkne. Aber Klotilde riß sich gewaltsam aus dem stummen Jammer auf und sang zu dem Totenopfer leise das himmlische Lied, um das die Verstorbne sie gebeten hatte und das ich mit unaussprechlicher Rührung gebe:


Das Grab ist tief und stille

Und schauderhaft sein Rand;

Es deckt mit schwarzer Hülle

Ein unbekanntes Land.


Das Lied der Nachtigallen

Tönt nicht in seinen Schoß;[1083]

Der Freundschaft Rosen fallen

Nur auf des Hügels Moos.


Verlaßne Bräute ringen

Umsonst die Hände wund;

Der Waisen Klagen dringen

Nicht in der Tiefe Grund.


Doch sonst an keinem Orte

Wohnt die ersehnte Ruh' ;

Nur durch die dunkle Pforte

Geht man der Heimat zu.


O Salis! in diesem Doch sind alle unsere verwehten Seufzer, alle unsere vertrockneten Tränen und heben das steigende Herz aus seinen Wurzeln und Adern, und es will sterben!

Die Stimme der edeln Sängerin unterlag der Wehmut, aber sie sang doch die letzte der Strophen dieses Sphären-Liedes, obwohl leiser in der schmerzhaften Überwältigung:


Das arme Herz, hienieden

Von manchem Sturm bewegt,

Erlangt den wahren Frieden

Nur, wo es nicht mehr schlägt.


Ihre Stimme brach, wie ein Auge bricht oder ein Herz.... Ihr Freund hüllte sein Haupt in die Blätter der Laube – das ganze Erdenleben zog wie eine Klage vorüber. – Klotildens schwere Vergangenheit, Klotildens düstere Zukunft rückten zusammen vor seinem Auge und warfen im Dunkeln den Leichenschleier über diesen Engel und zogen sie verhüllet in das Grab zur Schwester.... Er hatte sogar den Abschied vergessen... er hatte nicht den Mut, die große Szene um sich anzuschauen und die Gebeugte neben sich....

Er hörte die Kleine gehen und sagen: »Ich hole dir ein größeres Kissen unter den Kopf.«

Klotilde stand auf und faßte seine Hand – er kehrte sich wieder um in die Erde – und sie schauete ihn an mit einem verweinten, aber zärtlichen Auge, dessen Tropfen zu rein waren für diese[1084] schmutzige Welt; aber in diesem großen Auge stand etwas gleichsam wie die fürchterliche Frage: »Lieben wir uns nicht vergeblich für diese Welt?« – Und ihr schlagendes Herz erschütterte die blutige Nelke. – Der Mond und der Abendstern glimmten einsam wie eine Vergangenheit im Himmel. – Julius ruhte stumm und niedergedrückt mit umschließenden Armen auf dem eingesunknen Hügel, der auf den Staub seines zersplitterten Paradieses gewälzet war. –

Die Töne der Nachtigall schlugen jetzo gleich hohen Wellen an die Nacht – da ermannte er sich, um ihr Lebewohl zu sagen.... Leser! erhebe deinen Geist zu keiner Entzückung, denn sie wird bald in einem Krampf erstarren – aber ich erhebe meine Seele dazu, weil sogar das tödliche Niederstürzen an der Pforte des Paradieses schön ist unter dem Weggehen daraus!

Dem ersten Rufe der vertrauten Nachtigall antwortete plötzlich noch höher eine neue hergeflatterte, von dicken Blüten gedämpfte Nachtigall, die immer unter dem Singen flog und jetzt aus der Blütenhöhle ihr melodisches Schmachten ziehen ließ. Die beiden Menschen, die das Scheiden verschoben und fürchteten, irrten betäubt der gehenden Nachtigall nach und waren auf dem Wege zur seligen Blütenhöhle; sie wußten nicht, daß sie allein waren; denn in ihrem Herzen war Gott; vor ihrem Auge schimmerte die ganze zweite Welt voll auferstandner Seelen. Endlich erholte sich Klotilde, kehrte um vor der Nachtigall und gab das traurige Zeichen der Trennung. – Viktor stand am Ufer seiner bisherigen glückseligen Insel – alles, alles war nun vorüber – er blieb stehen, nahm ihre zwei Hände, konnte sie noch nicht anschauen vor Schmerz, bog sich mit Tränen nieder, richtete sich auf, als er leise reden konnte: »Lebe wohl – mehr kann mein schweres Herz nicht – recht wohl lebe, viel besser als ich – weine nicht so oft wie sonst, damit du mich nicht etwan verlassen mußt. – Denn ich ginge dann auch.« – Lauter und feierlicher fuhr er fort: »Denn wir können nicht mehr geschieden werden – hier unter der Ewigkeit reich' ich dir mein Herz – und wenn es dich vergisset: so zerquetsch' es ein Schmerz, der über die zwei Welten reicht«... (Leiser und zärtlicher) »Weine morgen nicht, Engel[1085] – und die Vorsehung gebe dir Ruhe.« – Wie ein Verklärter an eine Verklärte neigte er sich zurückgezogen an ihren heiligen Mund und nahm in einem leisen andächtigen Kusse, in dem die schwebenden Seelen nur von ferne mit aufgeschlagnen Flügeln zitternd einander entgegenwehen, mit leiser Berührung von den zerflossenen weichenden Lippen die Versieglung ihrer reinen Liebe, die Wiederholung seines bisherigen Edens und ihr Herz und sein Alles – – –

– Aber hier wende die sanftere Seele, die die Donnerschläge des Schicksals zu sehr erschüttern, ihr Auge von dem gelben großen Blitze weg, der plötzlich durch das stille Eden fährt! –


*


»Schurke!« – schrie der herausstürzende Flamin mit sprühenden Blicken, mit schneeweißen Wangen, mit wie Mähnen herunterhängenden Locken, mit zwei Taschenpistolen in den Händen – »Da nimm, nimm, Blut will ich« und stieß ihm das Mordgewehr entgegen – Viktor drängte Klotilden weg und sagte: »Unschuldige! vermehre deine Schmerzen nicht!« – Flamin rief in neuer Entflammung: »Blut! – Treuloser, nimm, schieß!« Matthieu fiel ihm in den rechten Arm, aber der linke drang bebend dem Viktor das Geschoß auf. – Viktor riß es zu sich, weil die Mündung um Klotilden herumwankte. – »Du bist ja mein Bruder«, rief die Gemarterte, bloß durch Todesangst vom Tode der Ohnmacht weggequält. – Flamin warf mit beiden Armen alles von sich und sagte gräßlich-leise langgedehnt in wütender Erschöpfung: »Blut! Tod!« – Klotilde sank um – Viktor blickte auf sie und sprach gegen ihn: »Feuer' nur, hier ist mein Leben!« – Flamin schrie laut: »Du zuerst!« – Viktor schoß, hob den Arm weit empor, um in die Luft zu schießen, und der zersplitterte Gipfel wurde von seiner Kugel heruntergestürzt. – Klotilde wachte auf – Emanuel flog her – warf sich an seines Schülers Herz – seiner seit Jahren zum ersten Male von Leidenschaft auseinandergerissenen Brust quoll das sieche Blut aus – Flamin schleuderte stolz seine Pistole weg und sagte zu Matthieu: »Komm! es ist der Mühe nicht wert« und ging mit ihm davon.[1086]

Als Klotilde Emanuels Blut auf ihres Geliebten Kleidern sah, hielt sie ihn für getroffen und legte ihr Tuch auf das Blut und sagte: »Ach das haben Sie nicht um mich verdient.« – Emanuel atmete wieder durch sein Blut hindurch, niemand konnte weiter sprechen, niemand überlegen, jeder fürchtete sich, zu trösten, die tödlich zermalmten Herzen schieden mit verbissenem Weh auseinander; bloß Viktor, den das gräßliche Wort »Schurke« bei jeder Erinnerung wie ein Dolch durchstieß, sagte noch zur Schwester: »Ich lieb' ihn nicht mehr, aber er ist unglücklicher als wir, ach er hat alles verloren und nichts behalten als einen Teufel.«

Nämlich Matthieu. Dieser hatte heute die Stimme Emanuels, die mit Julius gesprochen und die Dahore für des Vaters seine gehalten, und nachher die Stimme der Nachtigall, der Viktor nachgegangen, nachgemacht, um den Regierungrat durch seine eigne Ohren und Augen von Viktors Liebe gegen Klotilden zu überführen.

Viktor führte den schwachen Lehrer in die indische Hütte. Er fühlte jetzo nach so vielen auflösenden Tagen seine Nerven durch dieses Ungewitter gekühlt und gestählt; der Seelenschmerz und die Aufopferung hatten sein Blut, wie engere versperrende Wege die Ströme, schneller und heftiger gemacht, und die Liebe zu Klotilden war männlicher und kühner durch den Gedanken geworden, daß er sie nun ganz verdiene. Nichts gibts außer Großmut und Sanftmut Schöneres als das Bündnis derselben.

Emanuel war nichts weiter als matt und setzte sich, da der Abend schwül auf allen brütete, mit Viktor auf die Grasbank seines Hauses, um mit der zuckenden Brust aufrecht zu bleiben, und eine sanfte Freude glänzte in seinen Mienen über jeden gefallnen Bluttropfen, weil jeder ein rotes Siegel auf seine Hoffnung zu sterben war. Aber als Viktor das müde Haupt des guten Mannes an seinen Busen nahm und ihn darauf entschlummern ließ: so wurde ihm im stillen Abend wieder weh, und sein Herz schmerzte ihn erst. Er dachte sich es einsam, wie sich drüben heiße Schwerter durch die schuldlose blutende Seele zischend ziehen würden – er fühlte, wie nun das zweisilbige, zweischneidige Zornwort Flamins[1087] durch das ganze Band ihrer Freundschaft geschnitten – er stellte sich das neben ihm blühende Theater der schönen Tage verödet vor und das Vorüberwehen der Freuden, die uns nur wie Schmetterlinge in weiten Kreisen umspielen, indes der Nervenwurm des Grams sich tief in unsere Nerven einbeißet. Endlich lehnt' er sich weinend an den schlummernden Vater und drückte ihn leise und sagte: »Ach ohne Freundschaft und Liebe könnt' ich die Erde nicht ertragen.« – Und endlich wurde auch seine zersetzte und versiegte Seele vom schweren Körper in den dicken Schlaf gedrückt und hinabgezogen.


*


Leser! der letzte Augenblick in Maienthal ist der größte – erhebe deine Seele durch Schauder und steige auf Gräber wie auf hohe Gebirge, um hinüberzusehen in die andere Welt!

Um Mitternacht, wo die Phantasie die verhüllten Toten aus den Särgen zieht und sie aufgerichtet in die Nacht um sich stellt und aus der zweiten Welt unbekannte Gestalten zu uns verschlägt – so wie unkenntliche Leichname aus Amerika an die Küsten der alten Welt antrieben und ihr die neue verkündigten –, in der Geisterstunde schlug Viktor die Augen auf, aber unaussprechlich heiter. Ein vergessener Traum hatte die heutige Vergangenheit mit allem ihrem Getöse und Gewölke weit hinabgesenkt; – der lichte Mond stand oben in der blauen Verfinsterung wie die silberne Spalte und quellenhelle Mündung, aus der der Lichtstrom der andern Welt in unsere bricht und in ätherischem Dufte niedersinkt. – »Wie ist alles so still und so licht!« sagte Viktor. »Ist diese dämmernde Gegend nicht aus meinem Traume übrig geblieben, ist das nicht die magische Vorstadt der überirdischen Stadt Gottes?« – Eine vorübereilende Stimme sagte: »Tod! ich bin schon begraben.«

Emanuel öffnete darüber die Augen, warf sie durch das Laubwerk in den über das Dörfchen erhöhten Kirchhof und sagte mit einer Zuckung seines ganzen Wesens: »Horion, wach auf, Giulia hat die Ewigkeit verlassen und steht auf ihrem Grabe.«- Viktor blickte fieberhaft hinauf; und in einem schneidenden Eisschauer wurden alle warmen Gedanken und Nerven des Lebens hart und[1088] starr, da er oben am Grabe eine weiße verschleierte Gestalt ruhen sah. Emanuel riß sich und seinen Schüler auf und sagte: »Wir wollen hinauf auf das Theater der Geister: vielleicht ergreift die Tote meine Seele und nimmt sie mit.«... Fürchterlich schwiegen die Gegenden um ihren Weg... die Menschen fahren aus dem Fußboden wie stumme Knechte, wie Maschinen zur Bedienung, und fallen wieder hinunter, wenn sie abgeleeret sind.... Das Menschengeschlecht zieht wie ein fliegender Sommer durch den Sonnenschein, und das betauete Gewebe hängt sich flatternd an zwei Welten an, und in der Nacht vergehts.... So dachten beide Menschen auf der Wallfahrt zur Toten, sie wunderten sich über ihre eigne schwere Verkörperung und über das Geräusch ihrer Tritte. – Emanuel knüpfte seinen Blick auf die verschleierte Gestalt, die jetzt niederkniete; er dachte, sie höre seine Gedanken und fliege zu seinem Herzen durch das Mondlicht herüber....

Die Brust der zwei Menschen hob sich gleichsam unter zwei Leichensteinen auf und nieder, da sie die übergrasten langen Stufen zum Kirchhof aufstiegen und das schwere Tor, das mit verwitterten, weggewaschenen Auferstandenen angemalet war, berührten und aufdrehten. Das warme Erdenblut friert ein und das weiche Gehirn gerinnt zu einem einzigen Schreckenbilde, wenn von der Ewigkeit und von der Pforte der Geisterwelt die große Wolke wegrückt; Emanuel rief auf der Bühne der Toten wie außer sich: »Schauderhafter Geist, ich bin ein Geist wie du, du stehst auch unter Gott, willst du mich töten: so töte mich durch keinen Schauer, durch keine zermalmende Gestalt, sondern lächle wie die Menschen und drehe still mein Herz ab.« – Da stand die verhüllte Gestalt auf und kam – Emanuel griff wild nach seinem Freund, hüllte sich in das Angesicht desselben und sagte angedrückt: »An dir sterb' ich, an deinem warmen Herzen – o lebe glücklich, wenn du nicht mit mir erkaltest, ach! ziehe mit!«...

»Ach, Klotilde!« – sagte Viktor; denn sie war die Gestalt. Sie war stumm wie das Geisterreich, denn die besuchte Tote umklammerte noch ihr Herz; aber sie war groß wie ein Geist daraus: denn der ätherische Lichtnebel des Mondes, der Stand auf Toten, der Blick in die Ewigkeit, die hohe Nacht und die Trauer erhoben[1089] ihre Seele, und man vergaß fast, daß sie weinte. – Emanuel hielt seine Flügel noch ausgebreitet über die Szene und schauete erhaben über die Gräber: »Wie alles hier schläft und ruht auf dem großen grünen Totenbette! Ich möchte darauf erliegen – Sprach jetzo nichts? – Die Gedanken der Menschen sind Worte der Geister. – Wir sind schleichende Nachtvögel im dämmernden Dunstkreis, wir sind stumme Nachtwandler, die in diese Höhlen fallen, wenn sie erwachen – Ihr Toten! verstäubet nicht so stumm, ihr Geister, die ihr aus euren begrabnen Herzen zieht, flattert nicht so durchsichtig um uns! – – O der Mensch wäre auf der Erde eitel und Asche und Spielwerk und Dunst, wenn er nicht fühlte, daß ers wäre – – o Gott, dieses Gefühl ist unsere Unsterblichkeit!« – –

Klotilde, um ihn von dieser verheerenden Begeisterung herabzuziehen, nahm ihn bei der Hand und sagte: »Leben Sie wohl, Verehrungswürdiger, ich nehme heute noch Abschied, weil ich morgen aus Maienthal gehe – leben Sie glücklich – glücklich, bis wir uns wiedersehen; mein Herz vergisset Ihre Größe nie, aber ich sehe Sie bald wieder.«... Ihre Wehmut über den Gedanken an sein geweissagtes Sterben, ihre Furcht eines ewigen Abschieds erdrückten die andern Worte, denn sie wollte mehr sagen und wärmer danken. Emanuel sagte: »Wir sehen uns nicht wieder, Klotilde; denn ich sterb' in vier Wochen.« – »O Gott! nein!« sagte Klotilde mit dem innigsten heißesten Tone. – »Mein guter Emanuel,« sagte Viktor, »quäle diese Gequälte nicht. – Fasse dich, Gemarterte! unser Freund bleibt gewiß bei uns.« – Hier hob Emanuel sein Auge in den Himmel und sagte mit einem Blick, in dem eine Welt war: »Ewiger! könntest du mich bisher so getäuscht haben? – Nein, nein, am längsten Tage ziehen mich deine Sterne auf, und deine Erde kühlt mein Herz. – Und dich, du gute Klotilde, du Seele vom Himmel, dich seh' ich also heute gewiß, bei Gott! zum letztenmal mit deinen schönen Wangen und in deiner Erdengestalt – ich segne dich und sage dir Lebewohl, aber schwer und trübe, weil ich noch so viele Tage leben soll ohne dich. Ziehe sanft umweht durchs Leben, halte dein Herz hoch über den bunten Dunst der Erde und über ihre Wetterwolken – du hörst mich ja nicht, du bitter-weinendes Angesicht, Gott gieße Trost in deine[1090] Seele, scheide froher! – Dein Freund ist bei mir, wann ich von hinnen gehe.« – Hier faßte Viktor die Hände der wankenden verweinten Gestalt, die sich vergeblich die Tränen abstreifte, um den Lehrer noch einmal zu sehen und in die Seele zu drücken; und als Viktor ohne Besinnung rief: »Giulia! Selige! mildere das Weh deiner Freundin in dieser Stunde, halte dieses brechende Herz«, so sagte Emanuel, unbeschreiblich zärtlich beide anblickend: »Ich segne euch ein wie ein Vater, heiliges Seelen-Paar! Nie verlasset, nie vergesset einander! – O ihr seligen Geister hier über dem glimmenden Moder der zerstückten Särge, gebet diesen zwei Herzen Frieden und Glück, und wenn ich einmal gestorben bin, will ich um eure Seelen schweben und sie beruhigen. Und du, Ewiger unter deinen Sternen, mache diese zwei Menschen so glücklich wie mich – o nimm ihnen nichts, nichts auf der Erde als das Leben. – Gute Nacht, Klotilde!«....

– Die Pfingsttage sind vorüber! –

Und dir, gutes Schicksal, dank' ich, daß du mir die Gesundheit zur Freude gereicht, ein solches flüchtiges goldnes Zeitalter abzuschatten, da mein schwaches, so ungleich schlagendes Herz nicht verdient, solche Entzückungen nachzumalen. – Und dir, mein lieber Leser, möge das Pfingstfest irgendeinen Brandsonntag oder eine Marterwoche deines Lebens versüßet haben! –


Ende des dritten Heftleins[1091]

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 1075-1092.
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