12. Hundposttag

[652] Polar-Phantasien – die seltsame Insel der Vereinigung – noch ein Stück aus der Vor-Geschichte – der Stettinerapfel als Geschlechtwappen


Wir leben jetzt im finstern Mittelalter dieser Lebensbeschreibung und lesen dem aufgeklärten achtzehnten Jahrhundert oder Hundtag entgegen. Allein schon in diesem zwölften fliegen, wie in der Nacht vor einem schönen Tag, große Funken. Mich frappiert dieser Hundtag noch immer. »Spitz,« sagt' ich, »friß mir weg, was du willst, und kläre nur die Welt auf.«[652]

Sebastian eilte am Sonnabend mit lustiger Seele unter einem überwölkten Himmel auf die Insel der Vereinigung zu. Er konnte da anlangen, wenn er sich nicht aufhielt, ehe das Gewölk eingesogen war. Unter einem blauen Himmel führte er, wie Schikaneder, die Trauerspiele, unter einem aschgrauen aber die Lustspiele seines Innern auf. Wenns regnete, lacht' er gar. Rousseau bauete in seinem Kopfe eine empfindsame Bühne, weil er weder aus der Kulisse noch in eine Loge des wirklichen Lebens gehen wollte Viktor aber besoldete zwischen den Beinwänden seines Kopfes ein komisches Theater der Deutschen, bloß um die wirklichen Menschen nicht auszulachen: seine Laune war so ideal wie die Tugend und Empfindsamkeit andrer Leute. In dieser Laune hielt er (wie ein Bauchredner) lauter innerliche Reden an alle Potentaten – er stellte sich auf die Ritterbank mit Kirchenvisitationsreden – auf die Städtebank mit Leichenreden – auf dem päpstlichen Stuhl hielt er an die Jungfer Europa und kirchliche Braut Strohkranzreden – die Potentaten mußten ihm alle wieder antworten, aber man kann denken wie, da er, gleich einem Minister, ihnen aus seinem Kopf-Souffleurloch alles in den Mund legte – und dann ging er doch fort und lachte jeden aus.

Mandeville sagt in seinen Reisen, am Nordpol gefriere im Winterhalbjahr jedes Wort, aber im Sommerhalbjahre tau' es wieder auf und werde gehört. Diese Nachricht malte sich Viktor auf dem Wege nach der Insel aus; wir wollen unsere Ohren an seinen Kopf legen und dem innern Gesumse zuhorchen.

»Ich und Mandeville sind gar nicht verbunden, es zu erklären, warum am Nordpol die Worte so gut wie Speichel unter dem Fallen zu Eis werden, gleich dem Quecksilber allda; aber verbunden sind wir, aus dem Vorfalle zu folgern. Wenn ein lachender Erbe da seinem Testator lange Jahre wünscht: so hört der gute Mann den Wunsch nicht eher als im nächsten Frühjahr, das ihn schon kann totgeschlagen haben. – Die besten Weihnachtpredigten erbauen nicht früher gute Seelen als im Heumonat. – Vergeblich stattet der Polarhof seine Neujahrwünsche vor Serenissimo ab; er hört sie nicht, als bis es warm wird, und dann ist schon die Hälfte fehlgeschlagen. Man sollte aber einen Zirkulierofen als[653] Sprachrohr in das Vorzimmer setzen, damit man in der Wärme die Hof-Sprecher hören könnte. – Ein Bruder Redner wäre dort ohne einen Ofenheizer ein geschlagner Mann. – Der Pharospieler tut zwar am Thomastag seine Flüche; aber am Johannistag, wo er schon wieder gewonnen, fahren sie erst herum; und aus den Winterkonzerten könnte man Sommerkonzerte machen ohne alle Instrumente: man setzte sich nur in den Saal. – Woher kommts anders, daß die Polar-Kriege oft halbe Jahre vor der Kriegerklärung geführet werden, als daher, daß die schon im Winter erlassene Erklärung erst bei gutem Wetter laut wird? – Und so kann man von den Winterfeldzügen der Polar-Armeen nicht eher etwas hören als unter den Sommerfeldzügen. – Ich meines Orts möchte nur auf den Winter nach dem Pole reisen, bloß um da den Leuten, besonders dem Hofstaat, wahre Injurien ins Gesicht zu sagen; wenn er sie endlich vernähme, säße der Injuriant schon wieder in Flachsenfingen. – Die Winterlustbarkeiten sind gar nicht schuld, wenn die nördliche Regierung eine Menge der wichtigsten Dinge nicht vorträgt und entscheidet: sondern erst unter den Kanikularferien ist das Abstimmen zu hören; und da können auch die Bescheide der Kammer auf Gnaden- und Holzsachen zur Sprache kommen. – Aber, o ihr Heiligen, wenn ich am Pol – indes die Sonne im Steinbock wäre und mein Herz im Krebs – niederfiele vor der schönsten Frau und ihr die längste Nacht hindurch die heißesten Lieberklärungen täte, die aber in einer Drittels-Terzie Eis ansetzten und ihr gefroren, d.h. gar nicht zu Ohren kämen: was würd' ich im Sommer machen, wo ich schon kalt wäre und sie schon hätte, wenn gerade in der Stunde, wo ich mich tüchtig mit ihr zu zanken verhoffte, nun mitten unter dem Keifen meine Steinbocks-Lieberklärungen aufzutauen und zu reden anfingen? Ich würde gelassen nichts machen als die Regel: man sei zärtlich am Pol, aber erst im Widder oder Krebs. – Und wenn vollends die Übergabe einer Prinzessin am Pol vorginge, und zwar an dem Punkt, wo die Erde sich nicht bewegt, der sich am besten für die zwiefache Untätigkeit einer Prinzessin und einer Dame schickt, und wenn gar die Übergabe in einem Saale wäre, wo jeder, besonders Zeusel, in den langen Winterabenden sie gelästert hätte;[654] wenn dann die Luft im Saal zu lästern anfinge, und Zeusel in der Not fort wollte: so würd' ich ihn freundlich packen und fragen: ›Wohin, mein Freund?‹« – –

»Nach Großkussewitz, ich helfe fangen«, antwortete ihm der – reelle Büttel aus St. Lüne, der hinter einem Gemäuer mit der einen Hand ein Buch auf- und mit der andern eine Tasche zugeknöpft hatte. Viktor fühlte ein frohes Beklemmen über eine Antike aus St. Lüne. Er fragte ihn um alles mit einem Eifer, als wär' er seit einer Ewigkeit a parte ante weg. Der zuknöpfende Leser wurde ein Autor und faßte vor dem Herrn die Jahrbücher, d.h. Stundenbücher dessen ab, was seitdem im Dorfe vorgefallen war. In zwanzig Fragen wickelte Viktor die nach Klotilden ein; und erfuhr, daß sie bisher alle Tage beim Pfarrer gewesen war. Das verdroß ihn: »Als ob ich«, dacht' er, »nicht soviel Seelenstärke hätte, der Liebe eines Freundes zuzusehen – und auch sonst als ob.« Überhaupt meinte er, in einer solchen Ferne sei es ihm mehr erlaubt, an sie zu denken.

Der lesende Häscher war ein Leser unter meinem Regiment: das Buch, das er auf seinen Diebs-Heckjagden herumtrug, war die unsichtbare Loge30. Viktor ließ sich den ersten Teil vorstrecken: der Büttel stand im zweiten gerade an der Pyramide beim ersten Kuß. – Unser Held tat immer schnellere Schritte im Lesen und im Gehen und hatte Buch und Weg miteinander zu Ende – –

Die Insel stand vor ihm! –

– – Hier auf diesem Eiland, mein Leser, mache Augen und Ohren auf! .... Nicht, als ob merkwürdige Dinge erschienen – denn diese würden sich schon durch halboffne Ohren und Augensterne drängen –, sondern eben weil lauter alltägliche kommen.

Der Lord stand einsam am Ufer der See, die um die Insel floß und erwartete und empfing ihn mit einem Ernst, der seine Freundlichkeit überhüllte, und mit einer Rührung, die noch mit seiner gewöhnlichen Kälte rang. Er wollte jetzt zur Insel hinüber, und Viktor sah doch kein Mittel des Übergangs. Es war kein Boot da. Auch wäre keines fortzubringen gewesen, weil eiserne Spitzen unter dem Wasser in solcher Menge und Richtung standen, daß[655] keines gehen konnte. Die Schildwache, die bisher am Ufer die Insel gegen die zerstörende Neugier des Pöbels deckte, war heute entfernt. Der Vater ging mit dem Sohne langsam um das Ufer und rückte nach und nach 27 Steine, die in gleichen Entfernungen auseinanderlagen, aus ihrem Lager heraus. Die Insel war vor der Blindheit des Lords gebauet worden und den Zuschauern noch unverwehrt; aber in derselben hatt' er ihr Inneres durch unbekannte nächtliche Arbeiter vollenden und verstecken lassen. Unter dem Rundgang um die Insel sah Viktor ihr Stab- und Fruchtgeländer von hohen Baumstämmen, die ihre Schatten und ihre Stimmen in die Insel hineinzurichten schienen und deren Laubwerk die bebenden Wellen mit ihren zerteilten Sonnen und Sternen besprengten – die Tannen umarmten Bohnenbäume, und um Tannenzapfen gaukelten Pur pur-Blütenlocken, die Silberpappel bückte sich unter der thronenden Eiche, feurige Büsche von arabischen Bohnen loderten tiefer aus Laub-Vorhängen, ablaktierte Bäume auf doppelten Stämmen vergitterten dem Auge die Eingänge, und neben einer Fichte, die alle Gipfel beherrschte, war eine höhere vom Sturm halb über das Wasser hereingedrückt, die sich über ihrem Grabe wiegte – weiße Säulen hoben in der Mitte der Insel einen griechischen Tempel unbeweglich über alle wankende Gipfel hinaus. – Zuweilen schien ein verirrter Ton durch das grüne Allerheiligste zu laufen – ein hohes schwarzes, an die Tannenspitzen reichendes Tor sah, mit einer weißen Sonnenscheibe bemalt, nach Osten und schien zum Menschen zu sagen: gehe durch mich, hier hat nicht nur der Schöpfer, auch dein Bruder gearbeitet! –

Diesem Tore gegenüber lag der 27ste Stein. Viktors Vater verrückte ihn, nahm einen Magnet heraus, bog sich nieder und hielt dessen südlichen Pol in die Lücke. Plötzlich fingen Maschinen an zu knarren und die Wellen an zu wirbeln – und aus dem Wasser stieg eine Brücke von Eisen auf. Viktors Seele war von Träumen und Erwartungen überfüllt. Er setzte schauernd hinter seinem Vater den Fuß in die magische Insel. Hier berührte sein Vater einen dünnen Stein mit dem nördlichen Ende des Magnets, und die Eisenbrücke fiel wieder hinunter. Ehe sie an das erhöhte Tor hintraten:[656] drehte sich von innen ein Schlüssel um und sperrte auf, und die Türe klaffte. Der Lord schwieg. Auf seinem Gesicht war eine höhere Sonnenseele aufgegangen – man kannte ihn nicht mehr – er schien in den Genius dieses zauberischen Eilandes verwandelt zu sein.

Welche Szene! Sobald das Tor geöffnet war, lief durch alle Zweige ein harmonisches Hinüber- und Herübertönen – Lüfte flogen durch das Tor herein und sogen die Laute in sich und schwammen bebend damit weiter und ruhten nur auf gebognen Blüten aus. – Jeder Schritt machte einen großen düstern Schauplatz weiter. – Im Schauplatz lagen umher Marmorstücke, auf welche die Schmiedekohle Raffaels Gestalten gerissen hatte, eingesunkne Sphinxe, Landkartensteine, worauf die dunkle Natur kleine Ruinen und ertretene Städte geätzet hatte – und tiefe Öffnungen in der Erde, die nicht sowohl Gräber als Formen zu Glocken waren, die darin gegossen werden – dreißig giftvolle Eibenbäume standen von Rosen umflochten, gleichsam als wären sie Zeichen der dreißig wütend-leidenschaftlichen Jahre des Menschen – dreiundzwanzig Trauerbirken waren zu einem niedrigen Gebüsch zusammengebogen und ineinander gedrückt – in das Gebüsch liefen alle Steige der Insel – hinter dem Gebüsch verfinsterten neunfache Flöre in verschlungenen Wallungen den Blick nach dem hohen Tempel – durch die Flöre stiegen fünf Gewitterableiter in den Himmel auf, und ein Regenbogen aus zweien ineinander gekrümmten aufspringenden Wasserstrahlen schwebte flimmernd am Gezweige, und immer wölbten sich die zwei Strahlen herauf, und immer zersplitterten sie einander oben in der Berührung – –

Als Horion seinen Sohn, dessen Herz von lauter unsichtbaren Händen gefasset, erschreckt, gedrückt, entzündet, erkältet wurde in das niedrige Birkengebüsch hineinzog: so begann die lallende Totenzunge eines Orgel-Tremulanten durch die öde Stille den Seufzer des Menschen anzureden, und der wankende Ton wand sich zu tief in ein weiches Herz. – Da standen beide an einem vom Gebüsche dunkel überbaueten Grabe – auf dem Grabe lag ein schwarzer Marmor, auf dem ein überschleiertes blutloses weißes[657] Herz und die bleichen Worte standen: Es ruht. »Hier wurde«, sagte der Lord, »mein zweites Auge blind: Marys31 Sarg steht in diesem Grabe; als dieser aus England ankam in der Insel, entzündete sich das kranke Auge zu sehr und sah niemals wieder.« – Nie schauderte Viktor so: nie sah er auf einem Gesicht eine solche chaotische wechselnde Welt von fliehenden, kommenden, kämpfenden, vergehenden Empfindungen; nie starrte ein solches Eis der Stirne und Augen über krampfhaften Lippen – und ein Vater sah so aus, und ein Sohn empfand es nach.

»Ich bin unglücklich«, sagte langsam sein Vater; eine beißende bittere Träne brannte am Augapfel; er stockte ein wenig und stellte die fünf offnen Finger auf sein Herz, als wollt' ers ergreifen und herausziehen, und blickte auf das steinerne blasse, als wollt' er sagen: warum ruht meines nicht auch? – Der gute sterbende Viktor, zermalmet von liebendem Jammer, zerrinnend in Mitleid, wollte an den teuern verheerten Busen fallen und wollte mehr als den Seufzer sagen: »O Gott, mein guter Vater!« Aber der Lord hielt ihn sanft von sich ab, und die Gallenzähre wurde unvergossen vom Auge zerquetscht. Der Lord fing wieder an, aber kälter: »Glaube nicht, daß ich besonders gerührt bin – glaube nicht, daß ich eine Freude begehre, oder einen Schmerz verwünsche ich lebe nun ohne Hoffnung und sterbe nun ohne Hoffnung.« –

Seine Stimme kam schneidend über Eisfelder her, sein Blick war scharf durch Frost.

Er fuhr fort: »Wenn ich sieben Menschen vielleicht glücklich gemacht habe, so muß auf meinem schwarzen Marmor geschrieben werden: Es ruht... Warum wunderst du dich so? Bist du jetzt schon ruhig?« – Der Vater sah starr auf das weiße Herz, und starrer geradeaus, als wenn eine Gestalt sich aufhöbe aus dem Grabe das frierende Auge legte und drehte sich auf eine aufdringende Träne – schnell zog er einen Flor von einem Spiegel zurück und sagte: »Blicke hinein, aber umarme mich darauf!«... Viktor starrte in den Spiegel und sah schaudernd ein ewig geliebtes Angesicht darin erscheinen – das Angesicht seines Lehrers Dahore – er bebte[658] wohl zusammen, aber er sah sich doch nicht um und umfaßte den Vater, der ohne Hoffnung war.

»Du zitterst viel zu stark,« (sagte der Lord) »aber frage mich nicht, mein Teurer, warum alles so ist: in gewissen Jahren tut man die alte Brust nicht mehr auf; so voll sie auch sei.«

Ach du dauerst mich! Denn die Wunden, die aufgedeckt werden können, sind nicht tief; der Schmerz, den ein menschenfreundliches Auge finden, eine weiche Hand lindern kann, ist nur klein. – Aber der Gram, den der Freund nicht sehen darf, weil er ihn nicht nehmen kann, dieser Gram, der zuweilen ins beglückte Auge in Gestalt eines plötzlichen Tropfens aufsteigt, den das weggewandte Angesicht vertilgt, hängt überdeckt schwerer und schwerer am Herzen und zieht es endlich los und fällt mit ihm unter die heilende Erde hinab: so werden die Eisenkugeln an den über dem Meer gestorbnen Menschen angeknüpft, und sie sinken mit ihm schneller in sein großes Grab. – –

Er fuhr fort: »Ich werde dir etwas sagen; aber schwöre hier auf dieser teuern Asche, zu schweigen. Es betrifft deinen Flamin, und diesem mußt du es verhehlen.« Das fiel dem von einer Welle auf die andre gestürzten Viktor auf. Er erinnerte sich, daß ihm Flamin das Versprechen auf der Warte abgedrungen, daß sie miteinander, wenn sie sich zu sehr beleidigt hätten, sterben wollten. Er stand mit dem Schwur an – endlich sagt' er: »Aber kurz vor meinem Tode darf ichs ihm sagen?« – »Kannst du ihn wissen?« sagte sein Vater. – »Aber im Fall?« – »Dann!« sagte jener kalt. –

Viktor schwur; und zitterte vor dem künftigen Inhalt des Eides.

Auch mußt' er versprechen, vor der Wiederkehr des Lords diese dunkle Insel nicht zu besuchen.

Sie traten aus dem Laub-Mausoleum und ließen sich auf eine umgestürzte Stalaktite nieder. Zuweilen fiel unter dem Reden ein fremder Harmonika-Ton von Blatt zu Blatt, und in einer weiten Ferne schienen die vier Paradieses – Flüsse unter einem mitbebenden Zephyr hinwegzuhallen.

Der Vater begann: »Flamin ist Klotildens Bruder und des Fürsten Sohn.« – –

Nur ein solcher Gedanken-Blitz konnte noch in Viktors geblendete[659] Seele dringen: eine neue Welt ging in ihm jetzt in die Höhe und riß ihn aus der nahen großen weg. –

»Auch« (fuhr Horion fort) »leben Januars drei andere Kinder in England noch, bloß das vierte auf den sieben Inseln ist unsichtbar.« Viktor begriff nichts; der Lord riß der Vergangenheit alle Schleier ab und führte ihn vor eine neue Aussicht ins nahe Leben und ins verflossene. Ich werde nachher alle Entdeckungen und Geheimnisse des Lords dem Leser geben: jetzt will ich erst den Abschied des Vaters und des Sohns erzählen.

Während der Lord seinen Sohn in die düstern unterirdischen Gänge der vorigen Zeit begleitete und ihm alles sagte, was er der Welt verschwieg: so gingen aus Viktors Augen Tränen über manche Geringfügigkeit, die keine verdienen konnte; aber der Strom dieser weichen Augen wurde nicht durch diese Erzählung, sondern durch das zurückkehrende Andenken an den unglücklichen Vater und durch die Nähe der bedeckten schönen Aschengestalt und des Trauermarmors aus dem fortweinenden Herzen gedrückt. – Endlich hörten alle Töne der Insel auf – das schwarze Tor schien zuzufallen – alles war still – der Lord war mit der Enthüllung und allem zu Ende und sagte: »Geh immer heute noch nach Maienthal – und sei vorsichtig und glücklich!« – Aber ob er gleich den Abschied mit jener zurückhaltenden Feinheit nahm, die in seinem Stande sogar Eltern und Kindern die Hände und die Arme führt: so drückte doch Viktor den kindlichen, von Seufzern und Gefühlen schwangern Busen an den väterlichen mit einer Heftigkeit, als wollt' er sein verarmendes Herz zu den Tränen entzweipressen, die er immer heißer und größer zeigen mußte. Ach der Verlassene! Als die Brücke, welche die väterlichen und die kindlichen Tage auseinanderspaltete, aufgestiegen war, ging Viktor allein darüber, wankend und taub – und als sie ins Wasser wieder ein gesunken und der Vater in die Insel verschwunden war, drückte ihn das Mitleiden auf das Ufer darnieder – und als er alle Tränen aus dem leidenden Herzen wie Pfeile gezogen hatte, verließ er langsam und träumend die stille Gegend der Rätsel und Schmerzen und den dunkeln Trauergarten der toten Mutter und des düstern Vaters, und seine ganze erschütterte Seele rief unaufhörlich:[660] ach guter Vater, hoffe wenigstens und kehre wieder und verlaß mich nicht!

Wir wollen jetzt alles, was in der bisherigen Geschichte Dunkelheiten machte, und was der Lord seinem Sohne aufhellte, uns auch aufklären. Man erinnert sich noch, daß zur Zeit, da er nach Frankreich abging, um die Kinder des Fürsten – den sogenannten Walliser, Brasilier und Asturier und den Monsieur – abzuholen, die finstere Nachricht ihrer Entführung einlief. Diese Entführung hatt' er aber (das gestand er nun) selber veranstaltet, bloß das Verschwinden des Monsieur auf den sieben Inseln war ohne sein Wissen vorgefallen; und in seine Unwahrheit konnt' er also einige Wahrheit als Mundleim mischen. Diese drei Kinder ließ er verborgen nach England bringen und sie in Eton zu Gelehrten und in London zu Semperfreien erziehen, um sie einmal ihrem Vater als blutverwandte Beistände seiner wankenden Regierung wiederzuschenken. Daher hatt' er dem sogenannten Infanten (Flamin) Regierrat werden helfen. Sobald er einmal die ganze Kinderkolonie beisammen hat, so Überrascht und beglückt er den Vater mit ihrer frohen Erscheinung. Den jetzt unsichtbaren Sohn des Kaplans, der Blattern und Blindheit vor dem Einschiffen bekam, verheimlicht er darum, weil sonst leicht zu erraten wäre, wem Flamin eigentlich angehöre.

Viktor fragte ihn, wie er den Fürsten von der Verwandtschaft mit vier oder fünf Unbekannten überführe. »Durch mein Wort«, versetzte Horion anfangs; dann fügte er die übrigen Beweismittel hinzu: bei Flamin das Zeugnis der mitkommenden Mutter (der Nichte), bei den übrigen ihre Ähnlichkeit mit ihren Abbildern, die er noch hat, und endlich das Muttermal eines Stettinerapfels.

Viktor hatt' es schon lange von der Pfarrerin gehört, alle Söhne Jenners hätten ein gewisses Mutter- oder Vatermal auf dem linken Schulterblatt, das wie nichts aussähe, ausgenommen im Herbst, wenn die Stettiner reifen: da werd' es auch rot und gleiche dem Urbild. – Dem Leser selber müssen aus den Jahrbüchern der kuriosen und gelehrten Gesellschaften ganze Fruchtkörbe voll Kirschen vorgekommen sein, deren Rötelzeichnung nur matt auf Kindern war, und die sich erst mit den reifenden Urbildern auf[661] den Zweigen höher röteten. Wäre einem Bad-Gesellschafter von mir zu glauben, so hätt' ich selber ein solches Stettiner Fruchtstück auf der Schulter hängen: die Sache ist nicht wahrscheinlich und nicht erheblich; inzwischen dürft' ich doch im künftigen Herbste – denn ich setzte mirs einige Herbste vor, nun aber erinnert mich Knef mit seinem Hunde daran –, sobald die Stettiner zeitigen, einen Spiegel nehmen und mich von hinten besehen. – Und aus demselben Grunde schiebt diese Stettiner Fruchtschnur die Rückkehr des Lords, wenigstens die Übergabe und Erkennung der Kinder, auf die Herbstzeit ihrer Röte auf.

Ich mache mir kein Bedenken, hier ein satirische Note meines Korrespondenten zu übergeben. »Stellen Sie sich« (schreibt er) »bei dieser Nachricht, als täten Sie es auf mein Geheiß, und erzählen Sie des Lords Exposition und Offenbarung, wenn Sie sie einmal erzählet haben, Ihrem Leser ganz ruhig zum zweitenmal; damit er sie nicht vergißt oder verwirrt. Leser kann man nicht genug betrügen, und ein gescheiter Autor wird sie gern an seinem Arm in Mardereisen, Wolfgruben und Prellgarne geleiten.« Ich bekenn' es, zu solchen Pfiffen hatt' ich von jeher schlechten Ansatz – und bringt es überhaupt nicht mir und dem Leser mehr Ehre, wenn ers gleich aufs erstemal behält, daß Flamin Jenners natürlicher und Le Bauts angeblicher Sohn ist – daß des Pfarrers seiner blind und nicht da ist – daß noch drei oder vier andre Jenners-Kinder aus den gallischen Seestädten nachkommen- –, mehr Ehre, sag' ich, als wenn ichs jetzt ihm zum zweiten Male (im Grunde wär's zum dritten Male) vorkäuen müßte, daß Flamin Jenners natürlicher und Le Bauts angeblicher Sohn ist, daß des Pfarrers seiner blind und nicht da ist, und daß noch drei oder vier andre Jenners-Kinder aus den gallischen Seestädten nachkommen? Ich frage. Der Lord hatte seinem Sohn den Eid des Schweigens gegen Flamin darum abgefodert, weil dieser aus Rechtschaffenheit alle Geheimnisse bewahrte, aber aus Zornhitze alle verriet – weil er in dieser seine Geburt geltend machen würde, bloß um sich mit einem Widersacher herumzuschießen – weil er noch morgen deswegen aus einem Vorfechter mit dem Themis-Schwerte ein[662] Nachfechter mit dem Kriegsdegen werden könnte – und weil sich überhaupt ein Geheimnis gleich der Liebe noch besser unter zwei Teilnehmern befindet als unter dreien. Auch glaubte der Lord, aus einem Menschen, dem man Geld gäbe, damit er etwas würde, würde mehr als aus einem, der etwas wäre, weil er Geld hätte, und der die Münzen für seine Erbschaftwappen und nicht für ausgesetzte Preismedaillen künftiger Auflösungen ansähe.

Nach allen diesen Eröffnungen machte der Lord unserem Viktor noch eine wichtige, auf die er in der übereiseten Laufbahn seines künftigen Hoflebens immer wie auf eine Warntafel zurückzublicken habe.

Als der Lord vor dem Aschen-Hause seiner Geliebten erblindete, wurde seine ganze Korrespondenz mit England, mit der Nichte und mit den Lehrern der Fürstenkinder erschwert, wenigstens verändert. Er mußte sich die einlaufenden Briefe von einem Freunde vorlesen lassen, dem er trauen konnte; er konnt' aber keinem trauen. Allein eine Freundin fand er aus, die den glänzenden Vorzug seines Vertrauens verdiente, und die niemand war als – Klotilde. Er, der seine Geheimnisse nicht wie ein Jüngling verschleuderte, durft' es dennoch wagen, Klotilden in den Besitz seiner größten zu setzen und sie zur Buchhalterin und Vorleserin der Briefe ihrer Mutter zu machen, der sogenannten Nichte. Überhaupt hielt er die weibliche Verschwiegenheit für größer als unsere – wenigstens in wichtigen Dingen und in Sachen geliebter Männer. – – Aber man höre, was der Teufel im letzten Winter tat: mir ists bedenklich.

Der Lord erhielt einen Brief von der Mutter Flamins, worin sie ihre alten Bitten um eine schnellere Erhebung des geliebten Kindes und die Fragen über sein Schicksal im Pfarrhaus wiederholte.

Zum Glück machte gerade Klotilde einen Besuch in St. Lüne und ersparte ihm die Reise nach Maienthal. Er besuchte den Kammerherrn, um von seiner Vorleserin den Brief zu hören. Mit Mühe fand er im Zimmer Klotildens eine unbelauschte Stunde aus. Als er sie endlich hatte, und Klotilde den Brief verlas, wird diese durch die Stiefmutter von der Vorlesung weggerufen. Der Lord höret sie sogleich wiederkommen, den Brief nur dunkelmurmelnd überlesen[663] und leise sagen, sie gehe wieder, komme aber gleich zurück, Nach einigen Minuten kömmt Klotilde, und da der Lord fragt, warum sie zum zweitenmal fortgegangen, streitet sie das zweite Gehen ab – der Lord beteuert – sie gleichfalls – endlich fällt Klotilde auf die bittere Vermutung, ob nicht Matthieu dagewesen und mit seiner Theaterkunst und Kehle, worin alle Menschenstimmen steckten, sie selber nachgespielt und travestieret habe, um unter ihrem Kreditiv den wichtigen Brief zu lesen. Ach es war zu viel für die Vermutung, und zu wenig dagegen! Zwar konnte Matthieu jetzt an Flamin, dessen akademische Laufbahn eben ausgelaufen war, die Oktoberprobe der Schulterdevise nicht vornehmen; aber er klebe sich doch (schien es nachher Klotilden und dem Lord) mit seinen Laubfroschfüßen an diese gute Seele an, und unter dem Deckmantel der Liebe gegen Agathe und gegen den Freund häng' er seine Fäden aus, lasse sie vom Winde zwischen dem Fürstenschlosse und Pfarrhause aufspannen, spinne immer einen über den andern, bis endlich sein Vater, der Minister Schleunes, das rechte Netz zum Umwickeln des Fanges zusammengezwirnt hätte.... Ich gesteh' es, durch diese Vermutung geht mir ein Licht über tausend Dinge auf. –

Viktor erstaunte ärger als wir und schlug dem Lord vor, ob er nicht ohne Schaden seines Eides Klotilden seinen Eintritt in diese Mysterien offenbaren könnte, da er zwei Gründe dazu hätte: erstlich werde ihrer Delikatesse die Verlegenheit über den Schein erspart, den ihre schwesterliche Liebe sonst nach ihrer Meinung in seinen Augen haben müßte32 – zweitens behalte man ein Geheimnis besser, wenn nur noch einer daran schweigen helfe, wie von Midas' Barbier und dem Schilfrohr bekannt sei – der dritte Grund war, er hatte mehre Gründe. Natürlicherweise schlug es ihm der Lord nicht ab.

Übrigens führte er seinen Viktor mit keinem pedantischen Marschreglement auf die Eisbahn und Stechbahn des Hofes. Er riet ihm bloß, niemand zu absichtlich zu suchen und zu meiden – besonders das Schleunessche Haus – bloß seinen Freund Flamin,[664] den Matthieu lenke, abzuzäumen und ihn, anstatt am Zaume, lieber an der freundschaftlichen Hand zu führen – bloß den Rang eines Doktors zu begehren, und mehr nicht. Er sagte, Regeln vor Erfahrungen wären Geometrie vor dem Starstechen. Sogar nach der Ernte der Erfahrungen wäre Gracians homme de cour und Rochefoucaults Maximen nicht so gut als die mémoires und Geschichte der Höfe, d.h. die Erfahrungen andrer. Endlich berief er sich auf sein eignes Beispiel und sagte, es wären erst wenige Jahre, daß er folgende Regeln seines Vaters begriffe:

Der größte Haß ist, wie die größte Tugend und die schlimmsten Hunde, still. – Die Weiber haben mehr Wallungen und weniger Überwallungen als wir. – Man hasset am andern nichts so sehr als einen neuen Fehler, den er erst nach Jahren zeigt. – Die meisten Narrheiten verübt man unter Leuten, nach denen man nichts fragt. – Es ist die gewöhnlichste und schädlichste Täuschung, daß man sich allzeit für den einzigen hält, der gewisse Dinge bemerkt. – Die Weiber und sanfte Leute sind nur zaghaft in eignen Gefahren, und herzhaft in fremden, wenn sie retten sollen. – Traue keinem (und wär' es ein Heiliger), der in der geringsten Kleinigkeit seine Ehre im Stiche lässet; und einer solchen Frau noch weniger. – Die erste Gefälligkeit gewährt dir jeder gern, die zweite ungern, die dritte gar nicht. – Die meisten verwechseln ihre Eitelkeit mit ihrer Ehrliebe und geben Wunden der einen für Wunden der andern aus, und umgekehrt. – Was wir aus Menschenliebe vorhaben, würden wir allemal erreichen, wenn wir keinen Eigennutz einmischten. – Die Wärme eines Mannes wird von nichts leichter verkannt als von der Wärme eines Jünglings. – –

Die letzte Bemerkung, die sich vielleicht näher bezog, hatt' er schon am Ufer der Insel in der Stellung des Abschieds gemacht, den er mit jener besonnenen Höflichkeit nahm, die in seinem Stande sogar Eltern und Kindern die Hände und Arme führt.[665]

30

Die unsichtbare Loge; eine Biographie in 2 Teilen. 8°.

31

So hieß die Gemahlin des Lords, die im 23sten Jahre der Ruhe in die ewigen Arme fiel.

32

Daher sie auch, solange Viktor im Pfarrhause war, der Gesellschaft Flamins auswich.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 652-666.
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