42. Hundposttag

[1182] Aufopferung – Valetreden an die Erde – Memento-mori – Spaziergang – Herz von Wachs


Es gibt einen Schmerz, der sich mit einem großen Saugestachel ans Herz legt und Tränen durstig zieht – das ganze Herz rinnt und quillt und drückt zuckend die innersten Fasern zusammen, um zu einem Tränenstrom zu werden, und fühlt den Zug des Schmerzens nicht unter der tödlich-süßen Ergießung... So tödlich-süß schmerzte unsern Viktor Klotildens Brief.

Aber tödlich-bitter war der des Lords. »O dieser müd-gequälte Geist« – rief er aus – »sehnte sich ja schon auf der Insel der Vereinigung nach Toten-Ruhe-ach er ist gewiß schon aus der schwülen Erde geflohen, die ihm so klein und drückend vorkam.« War das: so waren alle Schwüre, an deren Erlassung Flamins Leben hing, ewig gemacht und dieser verloren. Wars nicht, so war wenigstens keine Zurückkehr zu hoffen, da Emanuels Tod und Geständnis, Flamins Gefangenschaft und alle bisherigen Zufälle, die der Lord alle erfahren konnte, seinen ganzen schön liniierten Plan ausgestrichen hatte. Jetzo riefs laut in Viktors Seele: »Rette den Bruder deiner Geliebten!« – Ja, es war ein Mittel dazu da; – aber der Meineid wars. Wenn er nämlich den beging, daß er dem Fürsten entdeckte, wer Flamin sei: so war er erlöset. Aber sein Gewissen sagte: Nein! – »Der Untergang einer Tugend ist ein größeres Übel als der Untergang eines Menschen – nur Sterben, aber nicht Sündigen muß sein – soll es mich noch mehr kosten, mein Wort zu brechen, als mich bisher kostete, es zu halten?«

Bekanntlich war am Tage der heurigen Tag- und Nachtgleiche, wo er die zwei Londner Blätter empfangen hatte, ein kalter schneidender regnender Sturm, aus dem nachher der Sommer gleichsam zum zweitenmal aufblühte. – Viktor grübelte weiter nach. Er zog jenen großen Tag auf der Insel der Vereinigung noch einmal mit allen Minuten vor sich und fand, daß er dem Lord durchaus geschworen hatte, immer zu schweigen, ausgenommen eine Stunde vor seinem eigenen Tode. Wir werden[1182] noch wissen, daß er sich diesen besondern Artikel damals ausbedungen, weil er einmal Flamin zugeschworen hatte, sich mit ihm von der Warte zu stürzen, wenn sie sich feindlich trennen müßten, und weil er jetzt, da ihm Klotildens Verschwisterung berichtet wurde, voraus befürchtete, es könne zu jenem Trennen und Stürzen kommen. Dann wollte er sich wenigstens die Freiheit vorbehalten, nur eine Stunde vor dem Sterben seinem Freunde zu sagen, daß er unschuldig und die Geliebte Flamins nur eine – Schwester sei.

»Also eine Stunde vor meinem Tode darf ich alles offenbaren? – O Gott! – Ja! – – Ja! – ich will sterben, damit ich reden kann!« rief er entzündet, pochend, aufgeweht, über das Leben gehoben. – Der Sturmwind schlug die Gießbäche des Himmels und die zerstäubten Eisfelder an die Fenster, und der Tag sank dunkel unter in der zusammenschlagenden Flut »O!« (sagte unser Freund) »wie sehn' ich mich aus diesem schwarzen Sturm des Lebens hinaus – in den stillen lichten Äther – an die feste unbewegliche Brust des Todes, die den Schlaf nicht stört....«

Wenn er dem Fürsten es entdeckte, daß Flamin sein eigner Sohn sei: so war dieser errettet, und er brauchte nur eine Stunde darauf sich – umzubringen.

Und das wollt' er gern; denn was hatt' er auf der Erde noch als – Erinnerungen? O der Erinnerungen zu viel, der Hoffnungen zu wenig! – Wen kümmert sein Fall? – die Geliebte, die ihn doch entbehret, oder ihren Bruder, den er rettet und fliehet, oder seinen guten Lord, der vielleicht schon im Erdball ruht, oder seinen Emanuel, dessen liebende Arme schon zerfallen? – »Ja bloß diesen geht mein Sterben an,« (sagt' er:) »denn er wird sich sehnen nach seinem treuen Schüler, er wird in einer Sonne die Arme öffnen und auf den Weg zur Erde niederschauen, und ich werde heraufkommen mit einer großen Wunde auf der Brust, und mein strömendes Herz wird nackt auf der Wunde liegen – o Emanuel, verschmäh mich nicht, werd' ich schreien, ich war ja unglücklich, seit du gestorben bist, nimm mich an und heile die Wunde!«

– »Siehst du meinen Vater?« sagte der blinde Julius, und sein Angesicht nahte sich einer lächelnden Entzückung. Viktor erschrak[1183] und sagte: »Ich rede mit ihm, aber ich sehe ihn nicht!« – Aber dies hemmte sein Erheben. Er war bisher der Paraklet und Krankenwärter des armen Blinden gewesen; er konnt' ihn nicht verlassen, er mußte den Retraiteschuß des Lebens verschieben auf Klotildens Ankunft, damit diese den Hülflosen beschirme. Ach der gute Nachtwandler und Nachtsitzer (im eigentlichen Sinn) hatte anfangs jeden Tag seinen Viktor gebeten, ihm ins Auge zu stechen und das Licht wiederzugeben, eh' sein teuerer Vater auseinandergefallen wäre, damit er das schöne, von Würmern noch nicht untergrabene Angesicht nur einmal sähe, nur noch einmal, ja er wollte wenigstens die kalte Larve blind betasten – das hatt' er anfangs gebeten; aber in wenig Wochen hatt' er seine Arme unter dem Toten weggezogen und sie ganz (wie ein wahres Kind) mit aller seiner liebkosenden Liebe um den immer bei ihm zu Hause bleibenden Viktor geschlungen. Auch in der Nacht reichten sie sich aus ihren zwei nahen Betten die warmen Hände zu und gingen, so verknüpft, in die Abendländer der Träume hinein. Den kindlichen Blinden hatte sogar das fortklingende Getöse des Stadtgetümmels, das seinem Dorfe abgegangen war, getröstet....

Viktor erwartete also vorher die Ankunft Klotildens – ach, er hätt' es auch ohne den Blinden getan. – Mußt' er nicht seine gute Mutter noch einmal sehen, seine unvergeßliche Geliebte noch einmal hören? – Ich kann es übrigens nicht verheimlichen, daß ihm nicht bloß die Rettung Flamins, sondern eigentlicher Lebensekel die Hand bei seinem Todesurteil führten. Im Urteil des mörderischen Ekels standen als Entscheidgründe der Sonnenuntergang Emanuels – Viktors geläufige Nachtgedanken über unser Lukubrieren des Lebens – seine gänzliche Umstürzung seiner bürgerlichen Verhältnisse – das ähnliche vergangene oder künftige Muster des Lords – sein Lechzen nach einer Tat voll Stärke – und am meisten die Todeskälte um seine nackt gelassene Brust, die sonst von so vielen warmen Herzen zugedeckt wurde. Man kann Liebe und Freundschaft nur so lange entbehren, als man sie noch nicht genossen hat – aber sie verlieren und ohne Hoffnung verlieren, dies kann man nicht, ohne zu sterben. Seinem Gewissen macht' er den optischen Betrug und Theaterstreich vor, daß er es[1184] fragte, ob er nicht seinen Freund aus dem Wasser mit Gefahr des Lebens holen, ob er nicht vom Brette, das nur einen trüge, in die Wellen stürzen dürfe, um den Tod zum Kaufschilling eines andern Lebens zu machen. – Zwei sonderbare Vorstellungen versüßeten ihm seinen Todes-Entschluß am meisten.

Die erste war, daß er am Todestage (nach der Entdeckung beim Fürsten) hingehen könnte ins Gefängnis zu Flamin und seine Hand anfassen und sagen dürfte: »Komm heraus – heute sterb' ich für dich, damit ich dir beweisen kann, daß Klotilde deine Schwester war und ich dein Freund – ich lösche das schwarze Wort, das erst am Todestage vergeben werden kann, mit meinem unschuldigen Blute aus, und der Tod drückt mich wieder in deinen Arm. – O ich tu' es gern, damit ich dich nur noch einmal recht lieben und zu dir sagen kann: mein guter, teuerer, unvergeßlicher Jugendfreund!« – Dann wollt' er ihm mit tausend Tränen um den Hals fallen und ihm alles vergeben: denn neben dem Tode und nach einer großen Tat kann und darf der Mensch dem Menschen alles, alles verzeihen.

Die weichere Seele errät leicht die zweite Versüßung seines Todes. – Diese, daß er noch einmal zur Geliebten hingehen und es vor ihr denken, obwohl nicht sagen konnte: ich falle für dich. Denn er fühlte es jetzo doch, daß die beschlossene Scheidung durch das Leben zu schwer sei und nur eine durch Sterben leicht – o recht leicht und süß, empfand er, ists, vor der Geliebten das nasse Auge zu schließen, dann nichts mehr weiter anzusehen auf der Erde, sondern mit den hohen Flammen des Herzens und mit dem an die Brust gedrückten teuren Bilde, wie die eingesargte Mutter mit dem toten Liebling, blind an den Rand dieser Welt zu treten und sich hinabzustürzen ins stille, tiefe, dunkle, kalte Totenmeer... »Du bist«, sagt' er oft, »in mein Ich gemalt, und nichts macht dein Bild von meinem Herzen los; beide müssen, wie in Italien Mauer und Gemälde darauf, miteinander versetzet werden.« – Und da er jetzo nichts mehr nach seinem Körper zu fragen brauchte: so durft' er die Tränen, die ihn zerrütteten, absichtlich vorreizen – er wollte ordentlich etwas von seinem Leben Klotilden bringen – daher macht' er einige Tage hintereinander die[1185] Proberolle der blutigsten Abschiedszene bis zur Erschöpfung und zeichnete seinen Schmerz mit Dinte ab und sagte zu sich, wenn ihn darüber Kopfschmerzen und Herzklopfen befielen: »So kann ich doch etwas für sie leiden, wenn sie es auch nicht weiß.« –

Hier ist ein solches Trauerblatt:


»O du Engel! Tät' es dir nur nicht zu wehe, so ging' ich zu dir und füllete vor deinen Augen mein Herz so lange mit Tränen an, mit Bildern der schönern Zeit, mit den bittersten Schmerzen, bis es zersprengt wäre und sänke – oder ich erlegte mich in deiner Gegenwart, ach es wäre süß, wenn ich mein Herz mit Blei zerschlitzte, indem es an deinem Busen lehnte, und wenn ich mein Blut und Leben an deiner Brust abrinnen ließe. – Aber o Gott! nein, nein! Sondern, Gute, lächelnd will ich zu dir gehen, wenn du wiederkömmst – lächelnd will ich vor dir weinen, als wär' es bloß vor Freude über deine Wiederkehr – nur die Federnelke mit dem roten Tropfen werd' ich von dir bitten, damit mein geschmücktes Herz unter der letzten Blume des Lebens verwese. – Ich werde wohl so nah vor dir bluten, himmlische Mörderin, wie die Leiche vor der Mörderin, aber doch nur innerlich, und jeder Bluttropfe wird bloß von einem Gedanken auf den andern fallen. – Dann endlich werd' ich lange verstummen und gehen und auf immer und nur sagen und mehr nicht: ›Denk' an mich, Geliebte, aber sei glücklicher als bisher.‹ – – Wo werd' ich dann gehen nach einer Stunde? Ich werde gehen auf dem öden stummen Wege zum giftigen Buo-Upas-Baum119, zum einsam stehenden Tode, und dort ganz allein sterben, ganz allein. – – Die Toten sind Stumme, sie haben Glocken, und ein Stummer wird im Blauen schweben und die Totenglocke läuten... O Klotilde, Klotilde, dann ist unsere Liebe auf der Erde vorüber!«


*


Kennst du, Leser, noch die Stimme, die in seinem Innern allzeit unter dem Weinen der Musik im Tonfall der Verse erklang? Hier klingt sie wieder. – Aber sein Orkan des Entschlusses machte bald[1186] sanfteren Taten und Stunden Platz, so wie der Herbststurm der Tag und Nachtgleiche sich in stille Nachsommertage auflösete. Der Gedanke: »In einigen Wochen flüchtest du unter die Erde« machte ihn zum Freigebornen und zum Engel. Er verzieh jedem, sogar dem Evangelisten. Er füllte seine kleine Sphäre mit einem Lebens-Nachflor von Tugenden; und widmete seine kurzen Stunden nicht süßen Phantasien, sondern dürftigen Kranken. Er untersagte sich jeden Aufwand, um seinem Julius das väterliche Vermögen ungeschmälert zu lassen. Er war weder eitel noch stolz. Er sprach freimütig über und gegen den Staat; – denn was ist so nahe neben dem Sturm- und Wetterdache des Sargdeckels wohl zu fürchten? – Aber eben weil er bloß die Liebe zum Guten und keine Leidenschaften und keine Feigheit in seinem Innern spürte: so widerstand er sanft und ruhig; denn sobald nur der Mensch für sich selber überführt ist, daß er Mut für den Notfall verwahre: so sucht er nicht mehr ihn vor andern auszukramen. Der Gedanke des Todes machte ihn sonst zu humoristischen Torheiten geneigt; jetzo aber nur zu guten Handlungen. Ihm war so wohl, ihm erschienen die Menschen und die Szenen um ihn in dem milden stillenden Abendlichte, worin er beide allemal in den Krankheiten seiner Kindheit erblickte. Es schien, als wollt' er (und es gelang ihm) durch diese Frömmigkeit sein Gewissen zur leserlichen Unterschrift seines eigenhändigen Todesurteils bestechen. Wie dem verewigten Emanuel kamen ihm die Menschen wie Kinder vor, das Erdenlicht wie Abendlicht, alles sanfter, alles ein wenig kleiner, er hatte keine Angst und Gier; die Erde war sein Mond: jetzt erriet er erst die Seele seines Dahore....

– Und du, mein Leser, fühlest du nicht, du würdest dich so nahe vor der Klosterpforte des Todes ebenso veredeln? Aber ich und du stehen ja schon davor; ist unser Tod nicht so gewiß als Viktors seiner, wiewohl in einem längern Zwischenraum? O wenn jeder nur gewiß glaubte, nach Jahren an einem bestimmten Tage führte ihn die Natur auf ihren Richtplatz: er wär' anders; aber wir alle werfen das Bild des Todes aus unserer Seele, wie die Schlesier es am Lätare-Sonntag aus den Städten werfen. Der Gedanke[1187] und die Erwartung des Todes bessern so sehr als die Gewißheit und Wahl desselben.

Jetzo zogen die schönen blauen Nachsommertage des heurigen Oktobers auf zarten Phalänenflügeln von Spinnengeweben über den Himmel. Viktor sagte zu sich: »Schöner Erdenhimmel, ich will noch einmal unter dir wandeln! Gutes Mutterland, ich will dich noch einmal mit deinen Bergen und Wäldern überschauen und dein Bild in die unsterbliche Seele heften, eh' dein gelbes Grün mein Herz überwächset und darin einwurzelt – ich will dich sehen, St. Lüne meiner Kindheit, und meine schönen Pfingstwege und dich, du seliges Maienthal, und dich, du guter alter Bienenvater120, und will dir deine Freudenstunden-Uhr zurückgeben – – und dann werd' ich genug gelebt haben.«

Er fragte sich: »Bin ich denn reif für die Obstkammer des Kirchhofs? – Aber ist denn irgendein Mensch reif? Ist er nicht im 90sten Jahr noch unvollendet wie im 20sten?« – Jawohl! der Tod nimmt Kinder ab und Feuerländer; der Mensch ist Sommerobst, das der Himmel brechen muß, eh' es zeitigt. Die andere Welt ist keine gleichgestellte Allee und Orangerie, sondern die Baumschule unserer hiesigen Samenschule.

Ehe Viktor mit Küssen und Weinen vom Blinden ging: beschied er abends vorher die arme Marie ins Kabinett und empfahl ihr (wie dem italienischen Bedienten) die Pflege des Blinden. Aber seine Absicht war, der zerbrochenen kraftlosen Seele die Hoffnung einiger 100 fl. – soviel durft' er schon als Erbschaft von seinem bemittelten Vater Eymann begehren – vorauszugeben und anzukündigen. Der Eigennutz dieser Erniedrigten, der andere kalt gemacht hätte, rührte gerade sein Innerstes; schon längst hatt' er gesagt: »man sollte mit keinem Menschen Mitleid haben, der philosophisch oder erhaben dächte, am wenigsten mit einem Gelehrten – bei einem solchen gingen die Wespen-Stiche des Schicksals kaum durch den Strumpf – hingegen mit der armen Pöbelseele leid' er und wein' er unendlich, die nichts Größeres kenne als die Güter der Erde, und die, ohne Grundsätze, ohne Trost, bleich, hülflos, zuckend und erstarret niederfalle vor den Ruinen ihrer[1188] Güter.« – Es verdoppelte daher bloß sein Mitleiden, da diese Marie in sinnloser Dankbarkeit vor ihm mit abgerissenen Danksagungen – Ausrufungen – Freudengüssen – mit Rockkuß, einfältigem Lachen und Niederknien wechselte.

Als er den andern Morgen ging – zuerst auf St. Lüne – und vor dem Marienkloster vorüberkam, wo einmal die angenommene Tochter des Italieners Tostato einen sechsten Finger opfern wollte: so kam Marie aus einer Glieder-Bude121 heraus und hatte zwei wächserne Herzen erhandelt. Viktor brachte durch langes und künstliches Fragen aus ihr heraus: sie wolle das eine, das ihres vorstelle, der heiligen Marie umhenken, weil ihres ihr nicht mehr so wehe tue und nicht so eingepresset sei wie vorige Woche. – Über das zweite wollte sie lange nicht heraus; endlich gestand sie: es sei Viktor seines, das sie der heiligen Mutter Gottes opfern wollte, weil sie dachte, es tu ihm auch recht weh', da er so bleich aussehe und so oft seufze. – – »Gib mirs, Liebe,« (sagte er zu tief bewegt) »ich will mein Herz selber opfern.«

»Ja,« wiederholt' er unter dem stillen Himmel draußen, »das Herz hinter der Brust will ich opfern – es ist auch von Wachs – und der Mutter Erde will ichs geben, damit es heile – heile....«

Lasset ihn immer weinen, meine Freunde, jetzo da er lächelnd die stille blasse Erde anblickt, hinauf bis zu ihren Bergen voll Duft. – Denn Weichheit der Empfindung verträgt sich gern mit Versteinerung und Passauer Kunst gegen das verletzende Geschick. – Lasset ihn immer weinen, da er diese blumenlose, gleichsam in die Seide des fliegenden Sommers sich einspinnende Erde ansieht und ihm ist, als müss' er niederfallen und die kalte Aue wie eine Mutter küssen und sagen: blühe früher wieder auf als ich, du hast mir Freuden und Blumen genug gegeben! – Das stille Auseinander gehen der Natur, auf deren Leiche die vollblühende Zeitlose gleichsam wie ein Totenkranz stand, legte durch dieses auflösende Reiben seine Kräfte sanft auseinander – er war ermüdet und gestillt – die Natur ruhte um ihn, er in ihr – die Erschöpfung floß[1189] beinahe in eine süße kitzelnde Ohnmacht über – die Tränendrüse schwoll und drückte nicht mehr, eh' sie übertrat, sondern ihr Wasser lief wie Tau aus Blumen leicht und ohne Stocken nieder, wie das Blut durch seine Brust.

Er sah jetzo St. Lüne liegen, aber gleichsam entrückt von ihm, in einem Mondschein. Er ging nicht hindurch, um nicht die Wachsstatue zu erblicken, deren Leichenpredigt er gehalten und zu der er auch ein Herz aus Wachs besaß, sondern er ging außen herum: »Werde immer breiter und lauter, schöner Ort, nie umzingle dich ein Feind!« Mehr sagt' er nicht. Denn als er vor dem Kirchhof vorüberging, dacht' er: »Haben denn nicht diese auch alle von dem Orte Abschied genommen; und tu' ichs allein?« -Bloß der Zurückblick nach dem Pfarr-Schieferdach entzündete noch einen Blitz des Schmerzens durch den Gedanken an die mütterlichen Tränen über seinen Tod; aber er sagte sich bald den Trost, daß das an Flamin gewöhnte Mutterherz der Pfarrerin den Kummer über das Opfer heilen werde durch die Freude über den geretteten Liebling.

Er ging nun auf Maienthal zu und zog mit Fleiß seine träumenden Gedanken von dessen erhabnen Stellen ab, um (abends bei der Ankunft) desto mehr – Schmerz zu genießen. Aber nun spann sich sein Ich in ein neues Gedankengewebe ein: er überdachte das Vergnügen, ohne alle Krankennächte hell und gerade, nicht liegend, sondern aufgerichtet wie der Riese Cänäus122 in die Erde einzusinken – er fühlte sich geschirmet gegen alle Unfälle des Lebens und gereinigt von der stets in jedem Herzen fortnagenden Furcht – alles dieses und die Freude an erfüllten Pflichten und an bezwungnen Trieben und die Lichter des blauen, gleichsam im Blumenstaube stehenden Tages klärten seinen umgerüttelten Lebensstrom so auf, daß er zuletzt länger (wenns ihm nicht sein Beschluß verböte) im hellen Strome hätte spielen wollen... So groß wird durch die Verachtung des Todes die Schönheit des Lebens – so gewiß ist jeder, der mit kaltem Blut sich das Leben abspricht, vermögend, es zu ertragen – so wahr rät Rousseau, vor dem Tode[1190] eine gute Tat zu unternehmen, weil man jenen dann entbehren kann.... – Als Viktor so dachte: trat das Schicksal vor ihn und fragte ihn zürnend: »Willst du sterben?«- Er antwortete: »Ja!« – da er vor Sonnenuntergang in Obermaienthal Klotildens Wagen, den er da bei der Abreise gesehen, wieder erblickte. Jetzo fiel die Todeswolke über die Gegend nieder. Er eilte vorüber – am Fenster sah er seine Mutter und die Lady, die Mutter Flamins – sein Inneres brauste – seine Augen glühten trocken – denn er wählte unter den Waffen des Todes. – Warum ging er so spät, im Dunkeln, mit einem stürmenden Innern, das alle süßen Träume verfinsterte, noch nach Maienthal? – Er wollte zu Emanuels Grabe: nicht um da zu trauern, nicht um da zu träumen; sondern um sich da eine Höhle zu suchen, nämlich die letzte. Der reißende Gram hatte ein Gemälde seines Sterbens entworfen, und er hatte den Riß gebilligt: er wollte nämlich, sobald das Verhängnis die Notwendigkeit seines Todes durch das Verschwinden seines Vaters und durch die Gefahr Flamins entschieden hätte, neben der Trauerbirke sein Grab aushöhlen, sich hineinlegen, sich darin töten und sich dann von dem blinden Julius, der nichts wissen und sehen kann, mit Erde überschütten lassen und so, verhüllt, unbekannt, namenlos aus dem Leben fliehen an die modernde Seite seines Emanuels....

Schwarze Leichenzüge von Raben flogen langsam wie Gewölk durch den sonnenlosen Himmel und senkten sich wie Gewölk in die Wälder nieder – der halbe Mond hing über der Erde – ein kleiner fremder Schatten, so groß wie ein Herz, lief fürchterlich neben ihm, er sah auf, es war der Schatten eines langsam schwebenden Geiers. – Er riß sich durch Maienthal, er sah nicht den entblätterten Garten und Dahores verschlossenes Haus, sondern lief durch die Kastanienallee der Trauerbirke entgegen. – –

Aber unter den Kastanien am Orte, wo ihn Flamin töten wollte, sah er Klotildens welke Federnelke mit dem blutigen Kelch-Tropfen liegen... Und da noch eine Lerche, die letzte Sängerin der Natur, über dem Garten zitterte und allen Frühlingen des Lebens mit zu heißen Tönen nachrief und das Herz mit einem unendlichen tödlichen Sehnen durchschnitt: so weinte mein Viktor[1191] laut hinauf, und als er oben auf dem Grabe die großen düstern Tränen abgewischt hatte, stand – Klotilde vor ihm.

Er erzitterte einmal und verstummte.... Sie kannte kaum die abgebleichte Gestalt und fragte zitternd: »Sie sinds? Sehen wir uns wieder?« – Seine Seele war auseinandergetrieben, und er sagte, aber in anderem Sinn: »Wir sehen uns wieder.« Sie blühte, durch die Reise genesen. Aber Blut war in ihrem Schnupftuch – es war das Blut, das Emanuel unter dem Duell in der Allee aus seinem Busen vergossen. Er starrte fragend das Blut an – sie wies auf das Grab und verhüllte ihr weinendes Auge. – Mit der Frage: »Ist Ihr Herr Vater gekommen?« wollte die Gute sanft ablenken – aber sie lenkte ihn an sein Grab – sein Auge suchte wild den Raum zur letzten kühlen Grotte des Lebens – sie hatte ihren sanften Geliebten niemals so gesehen und wollte seine Seele mildern durch stilles Erinnern an Emanuel – sie füllte die leere Stelle ihres Briefes aus und erzählte, wie gefaßt und still der Tote aus England gegangen und vorher beim Abschiede in eine außerordentlich tiefe Höhle des verfallnen Tempels alle seine ostindischen Blumen, drei Bilder, beschriebene Palmblätter und geliebte Aschensammlungen hinabgesenkt habe....

Viktor war außer sich – er stemmte seine Hand aufs taukalte nasse gelbe Grab – er weinte in einem fort und konnte die Geliebte nicht mehr sehen – er stürzte an ihren bebenden Mund und gab ihr den Abschiedkuß des Todes. Er durfte sie küssen, denn Tote haben keinen Rang. Er fühlte ihre strömenden Tränen, und eine harte Sehnsucht ergriff ihn, diese Tränen hervorzureizen; aber er konnte nur nicht reden. Er erstickte ihre Worte durch Küsse und seine durch Qual. Endlich konnte er sagen: »Lebe wohl!« Sie wand sich erschrocken los und blickte ihn an mit größern Tränen und sagte: »Wie ist Ihnen? Sie brechen mir das Herz!« – Er sagte: »Nur meines muß brechen!« und riß das Herz von Wachs heraus und quetschte es auf dem Grabe auseinander und sagte: »Ich opfre dir mein Herz, Emanuel, ich opfre dir mein Herz.« Und als Klotilde fürchtend entflohen war: konnt' er ihr nur mit erschöpften Tönen noch nachrufen: »Lebe wohl, lebe wohl!«[1192]

119

Dieser Giftbaum steht in einer kahlen Wüste, weil er alles um sich tötet, und der Missetäter reiset einsam zu seinem Gift, aber kehret selten zurück.

120

Zeidler Lind in Kussewitz.

121

Um mehre Kapellen (s. Schlötzers Briefwechsel T. III. Heft XVIII. 45) stehen Warenlager von wächsernen Gliedern und Tieren, die man als Ohren – und Armgehenke für Heilige kauft, damit die Urbilder genesen.

122

Die Zentauern konnten ihn nicht mit Bäumen umschlagen, sondern mußten ihn stehend in die Erde drücken. Orph. Argonaut. 168.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 1182-1193.
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