21. Hundposttag

[803] Viktors Krankenbesuche – über töchtervolle Häuser – die zwei Narren – das Karussell


Folgende Anmerkung kömmt nicht aus dem Tornister des Hundes, sondern aus meinem eignen Kopf: man braucht kein Lobredner unserer Zeiten zu sein, um mit Vergnügen zu sehen, daß jetzt Autoren, Fürsten, Weiber und andere die unähnlichen falschen Larven der Tugend (z.B. Bigotterie, Pietismus, zeremonielles Betragen) meistens abgelegt, und dafür den echten geschmackvollen Schein der Tugend gänzlich angenommen haben. Diese Veredelung unserer Charaktermasken, wodurch wir das Äußere der Tugend schöner treffen, ist mit einer ähnlichen des Theaters gleichzeitig, auf dem man nicht mehr wie sonst mit papiernen Kleidern und unechten Tressen, sondern mit echten agiert und tragiert. –[803]

»Sie wurden schon gestern von der Fürstin verlangt«, sagte der Fürst zum Hofmedikus, da er mit seinem ausgeleerten Gesicht kaum eingetreten war. Die Augenentzündung Agnolas hatte durch das Herbstwetter, durch die Nachtfeste, durch Kuhlpeppers tapfere Hand und durch ihre eigne – denn die roten Titelbuchstaben der Schönheit, nämlich geschminkte Wangen, wurden immer neu aufgelegt-sehr zugenommen. Eigentlich war Viktor zu stolz, um sich als einen bloßen Arzt begehren zu lassen; ja er war zu stolz, um an sich etwas anders (und wär's Philosophie oder Schönheit) suchen zu lassen als seinen Charakter; denn sein Vater, der ebenso zartstolz war, hatte ihn gelehrt: man muß keinem dienen, der uns nicht achtet, oder den man selber nicht achtet, ja man muß von keinem eine Gefälligkeit annehmen, dem man nur einen äußerlichen, aber keinen innerlichen Dank zu sagen vermag. Aber dieses zarte Ehrgefühl, das nie mit seinem Eigennutze, wohl aber mit seiner Menschenliebe in ungleiche Treffen kam, konnte ihm seine Hände nicht binden, womit er einer unglücklichen Fürstin – unglücklich, wie er, durch Darben an Liebe – wenigstens die Schmerzen der Augen nehmen konnte; vielleicht auch jüngere Schmerzen: denn seine Gutmütigkeit gab ihm lauter Versöhnungen ein, des Fürsten mit Le Baut, mit der Fürstin, mit dem Minister. Nichts ist gefährlicher, als zwei Menschen auszusöhnen – man müßte denn der eine selber sein; sie zu entzweien, ist viel sicherer und leichter.

Er fand Agnola nachmittags noch im Schlafzimmer, weil dessen grüne Tapeten (zwar nicht dem Gesichte, aber) dem heißen Auge schmeichelten. Ein dichter Schleier über dem Gesichte war ihr Taglichtschirm. Als sie, wie eine Sonne, ihren Schleier auf schlug: so begriff er nicht, wie er in Tostatos Bude aus diesem italienischen Feuer und aus diesen schnellen Hofaugen ein verweintes Blondinengesicht machen können. Ein Teil dieses Feuers gehörte freilich der Krankheit an. Ihr erstes Wort war ein entschlossener Ungehorsam auf sein erstes; indessen stieß sie damit die Herren Pringle und Schmucker so gut vor den Kopf wie ihn; denn das ganze dreieinige collegium medicum riet ihr – Blutigel um die Augen; aber diese ekelten sie. Der Medikus rückte mit Schröpfköpfen[804] am Hinterhaupte heraus; aber ihre Haare waren ihr lieber als ihre Augen. »Muß man denn alles mit Blut erkaufen?« sagte sie mit italienischer Lebhaftigkeit. – »Die Reiche und Religionen solltens nicht werden, aber doch die Gesundheit«, sagt' er englisch frei. Er foderte noch einmal ihr Blut – aber sie gab es ihm erst, da er das Opfermesser änderte und ihr am Auge eine Aderlaß vorschlug. Personen von Stande wissen, wie Gelehrte, oft die gemeinsten Dinge nicht: sie dachte, der Doktor werde die Ader öffnen. Und weil sie es dachte: tat ers auch, mit seiner durchs Starstechen geübten Hand.

Inzwischen ist – wenn (nach dem Plinius) ein Kuß aufs Auge einer auf die Seele ist – eine Aderlaß darauf kein Spaß: sondern man kann, indem man eine Wunde macht, selber eine holen. Der arme Hofmedikus muß mit seinem schwimmenden freundlichen Auge, von dem vor wenigen Tagen die Träne der Liebe abgetrocknet wurde, kühn in die in eine Augenhöhle gesperrte Sonne schauen und noch obendrein sanft mit dem Finger am warmen Gesicht anliegen und aus der Quelle der Tränen helles Blut vorritzen.... Schon eh' man eine solche Operation unternähme, sollte man eine ähnliche an sich vollziehen lassen – der Kühlung wegen. Im Grunde hatte auch ihm das Schicksal diese Woche nichts gegeben als Lanzetten-Schnitte in seine Herzschlagader. Stellet man sich noch vor, daß ihm das ganze weibliche Geschlecht wie eine magische, weit zurückgewichne Gestalt vorkam, die einmal in einem Traume nahe an ihm geschimmert, als ein erblassender Mond am Tage, den er in einer lichten Nacht angebetet hatte: so hat man sich sein gutes schuldloses Herz geöffnet, um darin außer einem großen fortarbeitenden Schmerzen tausend mitleidige Wünsche für die bedauerte Fürstin zu erblicken. Ungeachtet ihrer sonderbaren Mischung von Stolz, Lebhaftigkeit und Feinheit glaubte er doch in ihr eine Änderung zu entdecken, die er halb aus seiner heutigen Beflissenheit, halb aus seinem ihr bisher so günstigen Einfluß auf den Fürsten erklären konnte, und die ihm einen größern Mut gegeben hätte, wenn er sich nicht von dem Zettel über dem Imperator der Kompaß-Uhr mit besondern Auslegungen seines Mutes hätte drohen lassen. Bei dem vorigen[805] ersten Besuche war sein Mut gelähmt, weil er sich als der Sohn eines Vaters, der seinen Einfluß durch die Sorge um natürliche Kinder zu befestigen schien, geflohen glaubte; denn ein Mensch voll Liebe ist neben einem voll Haß stumm und dumm.

Am mutigsten machte ihn heute außer seinen Zänkereien, die unterlagen (als über die Blutigel etc.), noch die letzte, die siegte; man wird mutiger und glücklicher, wenn man einer Stolzen widerspricht, als wenn man ihr schmeichelt. Er sah eine Maske liegen; da er nun wußte, daß in Italien die Damen im Bette diese, wie die unsrigen die Handschuhe, als Gesichtschuhe anlegen: so verbot er ihr die Maske geradezu als Zunder der Augenentzündung. Es war keine Schmeichelei, da er ihr sagte, daß ihr die Maske mehr nehmen als geben könnte. Kurz, er bestand darauf. –

Er war vielleicht zu duldend gegen den Zweifel, den nur eine Frau erträglich und dauerhaft machen konnte, gegen den Zweifel, wen sie miteinander verwechsele, den Hofmedikus oder den Günstling; denn er sagte ihr – obwohl in der Sorge, zuviel zu sagen, welches bei Leuten von seinem Feuer ein Zeichen ist, daß es schon geschehen ist – am Ende das, was er am Anfange zurückbehalten hatte, daß ihn das Teilnehmen (empressement) des Fürsten hergeschickt; und hob diesen auf eigne Kosten empor, um so mehr, da er nichts Außerordentliches weiter von ihm anzubringen hatte als eben, daß er ihn – hergeschickt.

Dann ging er. Bei dem Fürsten ließ er ihr so viel Selig- und so viel Heiligsprechungen (auf dieser Erde zwei Kontrarietäten!) zukommen, als der Anstand und sein Humor (zwei noch größere Kontrarietäten) verstatteten. Sonderbar! sie hatte trotz ihrem Feuer keine Launen. Er wußte, Jenner erlag nicht bloß dem Verleumder, sondern auch dem Lobredner. Man legt den gekrönten Schauspieldirektoren der Erde Entschlüsse ins Herz und Beschlüsse in den Mund; sie wissen, was sie wollen und was sie reden, ein paar Tage später als ihr Throneinbläser. Ein Günstling ist ein Shakespeare und Dichter, der hinter den Personen, die er handeln und reden lässet, nicht selber vorguckt und vorhustet, sondern der ein Bauchredner ist, welcher seiner Stimme den Klang einer fremden gibt.[806]

Da er den andern Tag die Patientin wieder besuchte, waren die Augenhöhlen abgekühlt, obwohl die Augen nicht; Agnola saß heil in einem Kabinett voll Heiligenbilder. Mit der Unpäßlichkeit der Augen war eine Quelle des Gesprächs weggenommen; und ihr Stolz vertrat zugleich seiner Empfindung und Laune den Zugang. Ob er es wohl hundertmal zu ihr in seinem Innern sagte: »Quäle dich nicht, stolze Seele, ich bin kein Günstling, ich will dir nichts nehmen, am wenigsten deinen Stolz oder fremde Liebe – o ich weiß, was es ist, keine zu erlangen«: so blieb er doch (nach seiner Meinung) kalt vor ihr und zog mit der ärgerlichen Aussicht ab, daß ihm seine gute Kur die Wiederkehr abschneide; denn die andern Hofbesuche waren doch keine freimütige Krankenbesuche. Vor der fatalen Kompaß-Uhr erschrak er täglich weniger, außer wenn er eben froher war.

– Manche Leute würden eher ohne Häuser als ohne Bauern leben; Viktor lieber ohne Lebens-Luft als ohne Luftschlösser; er mußte immer das Lotterielos und die Aktie irgendeines Plans in der Zukunft stehen haben, und eine Frau war meistens die Maskopeischwester in diesem Großavanturhandel. Diesmal war er auf die Versöhnung Jenners und Agnolas erpicht. Er schloß so: sie ist auf beiden Seiten leicht – Jenner wird jetzt immer Agnolas Gesellschaft suchen, obwohl bloß aus List, um in die künftige ihrer Hofdame Klotilde mit mehr Anstand zu kommen, die er im Stande ihrer Ehelosigkeit noch ohne Schaden nach seinem Gelübde lieben kann – das wird ihn, da er weder einem langen Lobe, noch einem langen Umgang widerstehen kann, unvermerkt an Agnola gewöhnen – diese, die jetzt verlassen auf der Seite des Ministers Schleunes steht, wird die vereinigte Achtung Viktors und Jenners nicht ausschlagen u.s.w Ob ihn aber nur die Schönheit der Handlung, nicht auch die Schönheit der Fürstin zu diesem Mittleramt anmahnet, das kann das 21ste Kapitel noch nicht wissen; meinetwegen sei es indessen: sein verblutet-kaltes Innere, aus welchem noch das Klavier und Klotildens Name und das Morgen-Erwachen blutlose Dolche ziehen, hat ja das Getöse der Welt so nötig und jedes Übertäuben der Wunden!

Mit der Absicht solcher Friedenspräliminarien entschuldigte er[807] seinen künftigen Ungehorsam gegen seinen Vater, der ihm das Schleunessche Haus zu suchen abgeraten; denn da die Fürstin immer hinkam, so wars der schicklichste neutrale Ort zum Friedenkongresse. O! nur ein halbes – –


Extrablatt über töchtervolle Häuser!


Das Haus von Schleunes war ein offner Buchladen, dessen Werke (die Töchter) man da lesen, aber nicht nach Hause nehmen konnte. Obgleich die fünf andern Töchter in fünf Privatbibliotheken als Weiber standen, und eine in der Erde zu Maienthal die Kindereien des Lebens verschlief: so waren doch in diesem Töchter-Handel- haus noch drei Freiexemplare für gute Freunde feil. Der Minister gab bei den Ziehungen aus der Ämter-Lotterie gern seine Töchter zu Prämien für große Gewinste und Treffer her. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er, wenn nicht Verstand, doch eine Frau. In einem töchterreichen Haus müssen, wie in der Peterskirche, Beichtstühle für alle Völker, für alle Charaktere, für alle Fehler stehen, damit die Töchter als Beichtmütter darin sitzen und von allen absolvieren, bloß die Ehelosigkeit ausgenommen. Ich habe oft als Naturforscher die weisen Anstalten der Natur zur Verbreitung sowohl der Töchter als Kräuter bewundert. »Ists nicht eine weise Einrichtung,« sagt' ich zum naturhistorischen Goeze, »daß die Natur gerade denen Mädchen, die zu ihrem Leben einen reichen mineralischen Brunnen brauchen, etwas Anhäkelndes gibt, womit sie sich an elende Ehe-Finken setzen, die sie an fette Örter tragen? So bemerkt Linné52, wie Sie wissen, daß Samenarten, die nur in fetter Erde fortkommen, Häkchen anhaben, um sich leichter ans Vieh zu hängen, das sie in den Stall und Dünger trägt. Wunderbar streuet die Natur durch den Wind – Vater und Mutter müssen ihn machen – Töchter und Fichtensamen in die urbaren Forstplätze hin. Wer bemerkt nicht die Endabsicht, daß manche Tochter darum von der Natur gewisse Reize in benannten Zahlen hat, damit irgendein Domherr, ein Deutscher Herr, ein Kardinaldiakonus, ein apanagierter Prinz oder ein bloßer Landjunker[808] herkomme und besagte Reizende nehme und als Brautführer oder englischer Brautvater sie schon ganz fertig irgendeinem sonstigen Tropfen übergebe als eine auf den Kauf gemachte Frau? Und finden wir bei den Heidelbeeren eine geringere Vorsorge der Natur? Merket nicht derselbe Linné in derselben Abhandlung an, daß sie in einen nährenden Saft gehüllet sind, damit sie den Fuchs anreizen, sie zu fressen, worauf der Schelm – verdauen kann er die Beeren nicht –, so gut er weiß, ihr Säemann wird?« –

O mein Inneres ist ernsthafter, als ihr meint; die Eltern ärgern mich, die Seelenverkäufer sind; die Töchter dauern mich, die Negersklavinnen werden – ach ists dann ein Wunder, wenn die Töchter, die auf dem westindischen Markte tanzen, lachen, reden, singen mußten, um vom Herrn einer Pflanzung heimgeführt zu werden, wenn diese, sag' ich, ebenso sklavisch behandelt werden, als sie verkauft und eingekauft wurden? Ihr armen Lämmer! – Und doch, ihr seid ebenso arg wie eure Schaf-Mütter und Väter was soll man mit seinem Enthusiasmus für euer Geschlecht machen, wenn man durch deutsche Städte reiset, wo jeder Reichste oder Vornehmste, und wenn er ein weitläufiger Anverwandter vom Teufel selbst wäre, auf dreißig Häuser mit dem Finger zeigen und sagen kann: »Ich weiß nicht, soll ich mir aus dem perlfarbenen, oder aus dem nußfarbenen, oder etwan aus dem stahlgrünen Hause eine holen und heiraten: offen stehen die Kaufläden alle«? – Wie, ihr Mädchen, ist denn euer Herz so wenig wert, daß ihr dasselbe wie alte Kleider nach jeder Mode, nach jeder Brust zuschneidet, und wird es denn wie eine sinesische Kugelbald groß, bald winzig, um in eines männlichen Herzens Kugelform und Ehering-Futteral einzupassen? – »Es muß wohl, wenn man nicht sitzen bleiben will, wie die heilige Jungfer da drüben«, antworten mir die, denen ich nicht antworte, weil ich mich mit Verachtung wegwende von ihnen, um der sogenannten heiligen Jungfer zu sagen: »Verlassene, aber Geduldige! Verkannte und Verblühte! Erinnere dich der Zeiten nicht, wo du noch auf bessere hofftest als die jetzigen, und bereue den edeln Stolz deines Herzens nie! Es ist nicht allemal Pflicht, zu heiraten, aber es ist allemal Pflicht,[809] sich nichts zu vergeben, auf Kosten der Ehre nie glücklich zu werden und Ehelosigkeit nicht durch Ehrlosigkeit zu meiden. Unbewunderte, einsame Heldin! in deiner letzten Stunde, wo das ganze Leben und die vorigen Güter und Gerüste des Lebens, in Trümmer zerschlagen, voraus hinunterfallen, in jener Stunde wirst du über dein ausgeleertes Leben hinschauen, es werden zwar keine Kinder, kein Gatte, keine nasse Augen darin stehen, aber in der leeren Dämmerung wird einsam eine große, holde, englischlächelnde, strahlende, göttliche und zu den Göttlichen aufsteigende Gestalt schweben und dir winken, mit ihr aufzusteigen – o steige mit ihr auf, die Gestalt ist deine Tugend.« –


Ende des Extrablattes


*


Einige Tage darauf gab die Fürstin dem Fürsten ein Auge en medaillon mit der schönen Wendung: sie gehe diese Votivtafel dem Heiligen (das paßte um so mehr, da der Fürst Januar hieß), der ihr seinen Wuntertäter zugeschickt, und der das bekommt, was er heilen lassen. Jenner sagte zu Viktor, dem er das Auge zeigte: »Der heilige Januar wird mit Ihnen, mit der heiligen Ottilia, verwechselt« – die bekanntlich die Patronin der Augen ist.

Viktor war froh, daß Matthieu zu ihm kam, um mit ihm nach St. Lüne zu gehen; denn dieser bat ihn, weil dieses ohne ihn geschehen, mit zu seiner Mutter zu gehen, »weil heute bei der Fürstin großes Souper sei, bei seiner Mutter aber kein Mensch«, d.h. kaum über neun Personen. Viktor zog also – es tat heute nichts, daß die fürstliche Augendulderin fehlte – gern in die Schleunessche Nürnbergische Konvertitenbibliothek von Töchtern hinein hinter dem zärtlichen Jonathan-Orest-Matz, den er überhaupt jetzt aus Schonung für ihren allgemeinen Freund Flamin toleranter behandelte. Die Menschen vergesellschaften sich wie die Ideen ebensooft nach der Gleichzeitigkeit als nach der Ähnlichkeit; und aus der Wahl der Bekannten ist ebensowenig etwas auf den Charakter des Jünglings zu schließen, als auf einer Frau ihren aus der Wahl des Gatten. Matthieu stellte ihn seiner Mutter im Lesekabinette, da ihr gerade[810] aus einem englischen Autor vorgelesen wurde, mit den Worten vor: »Hier bring' ich Ihnen einen ganz lebendigen Engländer.« Joachime las in einem Verzeichnisse – es war kein Bücher-, sondern ein Nelkenblätterverzeichnis –, um sich einige Nelken auszusuchen, nicht um sie zu pflanzen, sondern sie nachzumachen in Seide. Sie haßte Blumen, die wuchsen. Ihr Bruder sagte aus Ironie: »sie haßte die Veränderlichkeit sogar an einer Blume.« Denn sie liebte sie sogar an Liebhabern; und unterschied sich ganz vom April, der wie die Weiber in unserem Klima weit beständiger ist, als man vorgibt. Im Kabinett waren noch zwei Narren da, die mir mein Korrespondent nicht einmal nennt, weit sie, glaubt er, hinlänglich bezeichnet und geschieden wären, wenn ich den einen den wohlriechenden Narren nennte, und den andern den feinen.

Beide Narren umsummten die Schöne. Überhaupt, sooft ich Narren in großen Partien studieren wollte, sah ich mich ordentlicherweise nach einer großen Schönheit um; – diese umsaßen sie wie Wespen eine Obstfrau. Und wenn ich sonst keine Ursache hätte – ich habe sie aber –, um die schönste Frau zu ehelichen: so tät' ichs schon darum, damit ich immer die Bienenkönigin in der hohlen Hand sitzend hielte, der der ganze närrische Immenschwarm nachbrauste. Ich und meine Frau würden dann den Kerlen in Lissabon gleichen, die, in den Händen mit einem Stänglein angeketteter Papageien, an den Füßen mit einer Kuppel nachhüpfender Affen, durch die Gassen ziehen und ihr tolles Personale feilbieten.

Der wohlriechende Narr, der heute in der Sonnenseite Joachimens war, las der Mutter vor – der feine, der in der Wetterseite war, stand neben Joachime und schien sich nichts um ihr Wetterkühlen zu scheren. Viktor stand als Übergang von der heißen Zone in die kalte da und stellte die gemäßigte vor; Joachime spielte drei Rollen mit einem Gesicht. Der wohlriechende Narr schoß mit der linken Hand die Drehbasse eines silbernen Joujou: dieses hängende Siegel eines Toren bewegte er entweder wie der Grönländer einen Block mit seinen Füßen, der Erwärmung wegen – oder er tats, wie der Großsultan aus gleichem Grund[811] immer ein Schnitzmesser handhaben muß, um nicht immer jemand sterben zu lassen vor Liebe – oder um, wie der Storch immer einen Stein in den Krallen hält, allezeit ein Ixions-Rad in den Händen, wie ein Spornrad an den Fersen, zu haben – oder der Gesundheit wegen, um den globulus hystericus53 durch die Bewegung eines äußern zu bestreiten – oder als Paternosterkügelchen – oder weil er nicht wußte, warum.

Jeder war mit sich zufrieden. Als die Mutter unsern Engländer gebeten, mit seinem Akzent ihr vorzulesen, so sagte der feine Narr: »Das Englische ist wie gewisse Gesinnungen leichter zu verstehen als auszusprechen.« Dieses feine Schaf hatte nämlich Überall die Gewohnheit, metaphorisch zu sein – wenn ihm ein Mädchen sagte: »Ich kann mich heute der Kälte nicht erwehren«, so macht' er die des Herzens daraus – man konnte nicht sagen: »Es ist trübe, warm, die Nadel hat mich gestochen etc.«, ohne daß er dies für einen Kugelzieher nahm, der sein Herz aus dem Gewehre der Brust vorzog und vorwies – es war vor seinen Ohren unmöglich, daß man nicht fein war, und aus eurem Gutenmorgen drehte er ein Bonmot- hätt' er das Alte Testament gelesen, er hätte sich über die feinen Wendungen darin nicht satt wundern können. Dafür schränkte der wohlriechende Narr seinen ganzen Witz auf ein lebhaftes Gesicht ein – er schlug diesen Fracht- und Assekuranzbrief von tausend Einfällen vor euch auf und hielt ihn vor, aber es kam nichts – ihr hättet auf den Ansagezettel von Witz in seinem feurigen Auge geschworen, jetzo brenn' er los – aber nicht im geringsten! Er handhabte die satirische Waffe wie die Grenadiere die Handgranaten, die sie nicht mehr werfen, sondern nur abgebildet auf den Mützen führen.

Als der Feine sein erotisches Bonmot gesagt hatte: sah Joachime unsern Helden an und sagte mit einer ironischen Miene wider den Feinen: »J'aime les Sages à la folie.«

Der Stolz des wohlriechenden auf seinen heutigen Vorzug und die scheinbare Gleichgültigkeit des feinen Narren gegen seine Hintansetzung bewiesen, daß alle beide selten im heutigen Falle[812] waren; – und daß Joachime auf eine eigne Weise kokettierte. Sie lachte uns erhabne Mannspersonen allemal aus, wenn zwei auf einmal bei ihr waren – eine allein weniger – ihre Augen überließen es unserer Eigenliebe, das Feuer darin der Liebe mehr als dem Witze zuzuschreiben – sie schien alles herauszuplaudern, was ihr einfiel, aber manches schien ihr nicht einzufallen – sie war voll Widersprüche und Torheiten, aber ihre Absichten und ihre Zuneigung bleiben doch jedem zweifelhaft – sie antwortete schnell, aber sie fragte noch schneller. Heute trat sie in Beisein der drei Herren – zu andern Zeiten im Beisein des ganzen bureau d'esprit – vor den Spiegel, zog ihre Schminkdose heraus und retuschierte das bunte Dosenstück ihrer Wangen. Man konnte sich gar nicht denken, wie sie aussähe, wenn sie verlegen wäre oder beschämt.

Die Tugend mancher Damen ist ein Donnerhaus, das der elektrische Funken der Liebe zerschlägt, und das man wieder zusammenstellt für neue Versuche; unserm an die höchste weibliche Vollkommenheit verwöhnten Helden kam es vor, als gehöre Joachime unter jene Donnerhäuser. Koketterie wird immer mit Koketterie beantwortet. Entweder letzte war es, oder zu schwache Achtung für Joachime, daß Viktor die beiden Anbeter in den Augen der Göttin lächerlich machte. Sein Sieg war ebenso leicht als groß – er lagerte sich auf der Stelle des Feindes: mit andern Worten, Joachime gewann ihn lieber. Denn die Weiber können den nicht leiden, der vor ihren Augen einem andern Geschlechte unterliegt als dem ihrigen. Sie lieben alles, was sie bewundern; und man würde von ihrer Vorliebe für körperliche Tapferkeit weniger satirische Auslegungen gemacht haben, wenn man bedacht hätte, daß sie diese Vorliebe für alles Ausgezeichnete, für ausgezeichnete Reiche, Berühmte, Gelehrte, empfinden. Der dürre und runzlige Voltaire hatte so viel Ruhm und Witz, daß wenige Pariser Herzen sein satirisches ausgeschlagen hätten. Noch dazu drückte mein Held seine Achtung für das ganze Geschlecht mit einer Wärme aus, die sich das Einzelwesen zueignete; – auch brachte seine beliebte Gesamtliebe, ferner sein in der Trauer über ein verlornes Herz schwimmendes Auge und endlich seine wärmende Menschenfreundlichkeit ihm eine Aufmerksamkeit von Joachimen[813] zuwege, welche die seinige in dem Grade erregte, daß er sich das nächstemal zu untersuchen vornahm, was dran wäre. – –

Das nächste Mal war bald da. Sobald ihm die Ankunft der Fürstin vom Apotheker geweissagt war – denn der war für die kleine Zukunft des Hofs ihm seine Hexe zu Endor und Kumä und seine Delphische Höhle –, so ging er hin; denn er fuhr nicht hin. »Solang' es noch einen Schuhabputzer und ein Stein-Pflaster gibt,« sagt' er, »fahr' ich nicht. Aber von vornehmern Leuten wunderts mich, daß sie noch zu Fuß reisen von einem Flügel des Palasts in den andern. Könnte man nicht, so wie die Pennypost für eine Stadt, ein Fuhrwerk für seinen Palast einführen? Könnte nicht jeder Sessel ein Tragsessel sein, wenn eine Dame die Alpenreise von einem Zimmer ins andere weniger scheuete? Und verschiedene Weltumseglerinnen würden es wagen, eine Lustreise durch einen großen Garten zu machen in einer zugesperrten Sänfte.«Viktor reisete gerade durch einen, nämlich den Schleunesschen: es war noch zu hell und zu schön, um sich wie Nähkissen an die Spieltische zu schrauben. Er sah darin eine kleine bunte Reihe gehen und Joachimen darunter. Er schlug sich zu ihnen. Joachime bezeugte eine malerische Freude über die Wolken-Gruppierung, und es stand ihren schönen Augen gut, wenn sie sie dahin hob. Da man nichts Gescheites zu reden hatte: suchte man etwas Gescheites zu tun, sobald man ans Karussell ankam. Man setzte sich darauf und ließ es drehen. Viele Damen hatten gar den Mut nicht, diese Drehscheibe zu besteigen – einige wagten sich in die Sessel – bloß Joachime, die ebenwo verwegen als furchtsam war, beschritt das hölzerne Turnierroß und nahm die Lanze in die Hand, um die Ringe mit einer Grazie wegzuspießen, die schönerer Ringe würdig war. Aber um sich nicht dem Abwerfen des Dreh- Rosinante bloßzugeben, hatte Joachime meinen Helden wie ein Treppengeländer an sich gestellt, um sich an ihn in der Zeit der Not anzuhalten. Die Achsebewegung wurde schneller und ihre Furcht größer; sie hielt sich immer fester an, und er faßte sie fester an, um ihrer Anstrengung zuvorzukommen. Viktor, der sich auf die Taschenspielerkünste und den Hokuspokus der Weiber recht gut verstand, fand sich leicht in Joachimens Wieglebische[814] natürliche Magie und »Trunkus Plempsum Schallalei«; noch dazu war das wechselseitige Andrücken so schnell hin- und hergegangen, daß man nicht wußte, hatt' es einen Erfinder oder eine Erfinderin....

Da sie jetzt alle im Zimmer sind und ich allein im Garten stehe neben der Roßmühle: so will ich darüber geschickt reflektieren und anmerken, daß die Großen, gleich den Weibern, den Franzosen und den Griechen, große – Kinder sind. Alle große Philosophen sind das nämliche und leben, wenn sie sich durch Denken fast umgebracht haben, durch Kindereien wieder auf, wie z.B. Malebranche tat; ebenso holen Große zu ihren ernstern edeln Lustbarkeiten durch wahre kindische aus; daher die Steckenpferd- Ritterschaft, die Schaukel, die Kartenhäuser (in Hamiltons mémoires), das Bilderausschneiden, das Joujou. Mit dieser Sucht, sich zu amüsieren, steckt sie zum Teil die Gewohnheit an, ihre Obern zu amüsieren, weil diese den alten Göttern gleichen, die man (nach Moritz) nicht durch Bußen, sondern durch fröhliche Feste besänftigte.

Da er mit der ganzen Theatergesellschaft des Ministers bekannt war, und zweitens, da er kein Liebhaber mehr war – denn dieser hat tausend Augen für eine Person und tausend Augenlider für die andern –: so war er beim Minister nicht verlegen, sondern gar vergnügt. Denn er hatte da doch seinen Plan durchzusetzen – und ein Plan macht ein Leben unterhaltend, man mag es lesen oder führen.

Es mißlang ihm heute nicht, ziemlich lange mit der Fürstin zu sprechen, und zwar nicht vom Fürsten – sie mied es –, sondern von ihrem Augenübel. Das war alles. Er fühlte, es sei leichter, eine übertriebene Achtung vorzuspiegeln, als eine wahre auszudrücken. Die Besorgnis, falsch zu scheinen, macht, daß man es scheint. Daher sieht bei einem Argwöhnischen ein Aufrichtiger halb wie ein Falscher aus. Indessen war bei Agnola, die ihres Temperaments ungeachtet spröde war – ein eigner zurückgestimmter Ton herrschte daher in ihrer Gegenwart bei Schleunes –, jeder Schritt genug, den er nicht zurück tat.

Aber gegen die lebhafte Joachime tat er einen halben vorwärts.[815] Nicht sowohl sie als das Haus schien ihm kokett zu sein; und die Töchter darin fand er- dies macht das Haus- den alten Litonen oder Leuten der Sachsen ähnlich, die 1/3 frei waren und 2/3 leibeigen, und die also ein Drittel ihres Guts verschulden konnten. Jede hatte noch ein Drittel, ein Neuntel, ein Kugelsegment von ihrem Herzen übrig zur freien Verfügung. Überhaupt wer noch kein Kabeljau- oder Stockfischangeln gesehen: der kann es hier lernen aus Metaphern – die drei Töchter halten lange Angelruten übers Wasser (Vater und Mutter plätschern die Stockfische her) und haben an die Angelhaken gespießet Staatsuniformen oder ihre eigne Gesichter – Herzen – ganze Männer (als anködernde Nebenbuhler) – Herzen, die schon einmal aus dem Magen eines andern gefangnen Kabeljaus herausgenommen worden –: ich sage, daraus kann man ungefähr ersehen, womit man die andern Kabeljaus in der See fängt, völlig wie die Stockfische zu Lande, nämlich auch (jetzt lese man wieder zurück) mit roten Tuchlappen – mit Glasperlen – mit Vogelherzen – mit eingesalzenen Heringen und blutenden Fischen – mit kleinen Kabeljaus selber – mit Fischen, die man halb verdauet aus gefangnen Stockfischen gezogen. – –

Viktor dachte: »Meinetwegen sei Joachime nur lebhaft oder kokett, ich laufe leicht über Mardereisen hinüber, die ich ja mit vor der Nase stellen sehe.« Laufe nur, Viktor! das sichtbare Eisen soll dich eben in das bedeckte treiben. Man kann an derselben Person die Koketterie gegen jeden bemerken, und doch ihre gegen sich übersehen, wie die Schöne dem Schmeichler glaubt, den sie für den ausgemachten Schmeichler aller andern hält. – Er bemerkte, daß Joachime das neue Deckenstück diesen Abend öfters angeschauet hatte; und wußte nicht recht, warum es ihr gefalle: endlich sah er, daß sie nur sich gefalle, und daß diese Erhebung ihren Augen schöner lasse als das Niederblicken. Er wollt' es übermütig untersuchen und sagte zu ihr: »Es ist schade, daß es nicht der Maler des Vatikans gemacht hat, damit Sie es öfter ansähen.« – »O,« sagte sie leichtsinnig, »ich würde niemals mit andern hinaufsehen – ich liebe das Bewundern nicht.« Später sagte sie: »Die Männer verstellen sich, wenn sie wollen, besser als wir; aber[816] ich sage ihnen ebensowenig Wahrheiten, als ich von ihnen höre.« Sie gestand geradezu, Koketterie sei das beste Mittel gegen Liebe; und mit der Bemerkung, »seine Freimütigkeit gefall' ihr, aber die ihrige müss' ihm auch gefallen«, endigte sie den Besuch und den Posttag.

52

S. dessen amoen. acad., die Abhandlung von der bewohnten Erde.

53

Hysterische Kugel, d.h. die hysterischen Krankenempfindung, als rolle sich eine Kugel die Kehle herauf.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 803-817.
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