24. Hundposttag

[851] Schminke – Krankheit Klotildens – Schauspiel

Iphigenie – Unterschied der bürgerlichen und der stiftfähigen Liebe


Am 26sten Februar fand Viktor morgens bei Joachimen – die stolze Klotilde. Ich weiß nicht, war diese aus Zufall oder Höflichkeit oder deswegen da, um einer Person, die von Viktor mit einigem Interesse behandelt wurde, näher zu begegnen. Aber, o Himmel! die Wangen dieser Klotilde waren blaß, die Augen wie von einer ewigen Träne überhaucht, die Stimme gerührt, gleichsam gebrochen, und der bleiche Marmorkörper schien nur das Bild zu sein, das am Grabmal der entflognen Seele steht. Viktor vergaß die ganze Vergangenheit, und sein Innerstes weinte vor Sehnsucht, ihr beizustehen und aus ihrem Leben alle trübe Winterlandschaften wegzulöschen. »Ich befinde mich heute wie gewöhnlich«, sagte sie auf seine hofärztliche Frage, und er wußte nichts aus dieser unerwarteten Erbleichung zu machen – er konnte heute überhaupt nichts machen, nicht einmal einen Scherz oder eine Schmeichelei- seine in Mitleid zergangne Seele wollte keine Form annehmen – verwirrt war er auch. Klotilde ging bald; – und ihm wär's heute für ganz Großpolen (diese in der Eisfahrt der Völker- und Kronenwanderung schön sich abschleifende Eisscholle) nicht möglich gewesen, nach ihr noch eine halbe Stunde zu verbleiben.

Er hätte ohnehin gehen müssen; denn der Hofjunker Matthieu rief ihn zur Fürstin. Die Zeit war ungewöhnlich: er konnte es nicht erwarten und nicht erraten, was es gebe. Der Evangelist lächelte (das tat er überhaupt jetzt öfter über die Fürstin) und sagte: »den Fürsten und Fürstinnen sei bloß das Wichtige klein, und das Kleine wichtig, wie Leibniz von sich selber sagte60. Wenn ihnen die Krone und eine Haarnadel miteinander vom Kopfe fallen: so suchen sie vor allen Dingen die Nadel.«

Beiläufig! Es wäre Bosheit von mir gegen den edlen Matthieu, wenn ichs länger unterdrückte, daß er seit einiger Zeit gegen meinen[851] Helden viel sanfter und inbrünstiger geworden – welches bloß an einem andern Menschen als er, ich meine an einem nachstellenden Schelm, ein Kains-Zeichen wäre und etwan so viel bedeutete wie das Wedeln eines Katzenschwanzes. –

Viktor erstaunte über die Bitte der Fürstin, – Klotilden zu heilen: das heißt, nicht über das Bitten – denn sie beehrte ihn öfters damit –, sondern über die Nachricht, daß Klotilde, auf deren Wangen er bisher die Äpfelblüten der Gesundheit auf Kosten seiner Seele in den Rennwochen gesehen, bloß taube Blüten getragen, nämlich bloß Schminke, die ihr die Fürstin wegen der Gleichblüte mit den übrigen roten Kupferblumen des Hofes hatte befehlen müssen. Agnola, die, wie ihr Stand, rasch war, ersuchte ihn noch, als er zur medizinischen Oberexaminationskommission ernennet war, sein Amt nur ja recht bald, schon heute sogleich im Schauspiele zu verwalten, wo er die Examinandin treffen werde.

Und er fand sie. Das Schauspiel war ein aus Eldorado gelieferter funkelnder Solitär, Goethes Iphigenie. Da er die Kranke wieder mit dem Abendrot der Schminke sah, worin sie auf fremdes Geheiß sogar unter dem Untergehen schimmern sollte – da er dieses stille, zum Altar gleichsam rot bezeichnete Opfer, das er und andere von seinen Fluren, von seinen einsamen Blumen weggetrieben unter die Opfermesser des Hofs, den Untergang seiner Wünsche stumm erdulden sah, und da er mit dem weiblichen Verstummen das männliche Toben verglich – und da Klotilde ihren Schmerz der Iphigenie geliehen zu haben schien mit der Bitte: »Nimm mein Herz, nimm meine Stimme und klage damit, klage damit über die Entfernung von den Jugendgefilden, über die Entfernung vom geliebten Bruder« – und da er sah, wie sie die Augen fester an die Iphigenie, wenn sie nach dem verlornen Bruder schmachtete, anzuschließen suchte, um die Ergießung und die Richtung derselben (nach ihrem eignen auf dem Parterre, nach Flamin) zu beherrschen: o dann hatten so große Schmerzen und ihre Zeichen in seinen Augen und Mienen einen solchen Vorwand nötig, wie die Allmacht des Genius ist, um mit Schmerzen der dichterischen Täuschung verwechselt zu werden.

Nie hat ein Arzt seine Kranke mit größerer Teilnahme und[852] Schonung ausgefragt, als er Klotilden im nächsten Zwischenakte: er entschuldigte seine Zudringlichkeit mit dem Befehle der Fürstin. Ich muß vorher berichten, daß die Kranke – ob er gleich bisher ein fallender Petrus war, den manches Hahngeschrei mehr zum Weinen als zum Bessern gebracht – doch die zweite Person blieb, die er nie verleugnete, d.h. die er nie mit seinen jetzigen frivolen, launichten, kühnen, fangenden Wendungen anredete. Die erste Person, welche er zu hoch achtete, um mit seinem jetzigen Herzen an sie zu schreiben, – war sein Emaunel.

Klotilde antwortete ihm: »sie sei so wohl wie immer: das einzige, was an ihr krank sei,« (sagte sie lächelnd) »nämlich die Farbe, sei schon unter den Händen einer Wundärztin, die sie wider ihre Neigung bloß von außen heile.« Diese scherzhafte Erwähnung des von der Fürstin dekretierten Schminkens hatte die doppelte Absicht, ihr Schminken zu entschuldigen und den Doktor aus seinem weichherzigen Ernst zu bringen. Aber das erste war unnötig – da im Theater sogar Damen, die nie Rot auflegen, es beim Eintritt in die Loge auftrugen und beim Ausgang ausstrichen, um nicht an einem Baum voll glühender Stettineräpfel als die einzigen Quitten dazuhängen, und da überhaupt von dem ganzen weiblichen Hofstaat die mineralischen Wangen als Hof-Gesichtlivree gefodert wurden. Das zweite war vergeblich; vielmehr schwollen die Wunden seines Herzens durch zweierlei höher: durch jenes kalte, fast schwärmende Ergeben ins Verblühen – und durch etwas unaussprechlich Mildes und Weiches, was oft im weiblichen Gesicht das brechende Herz, das fallende Leben bezeichnet, wie das Obst durch weiches Nachgeben beim Druck seine Reife ansagt.

O ihr guten weiblichen Geschöpfe, macht euch der Kummer, da euch die Freude schon verschönert, vielleicht darum noch schöner und zu rührend, weil er euch öfter trifft, oder weil sich jener in diese kleidet? Warum muß ich hier die Freude über euer Erdulden und Verschleiern der Schmerzen so flüchtig bekennen, da jetzt vor meiner Phantasie so viele Herzen voll Tränen mit offnen Angesichtern voll Lächeln vorüberziehen und eurem Geschlechte das Lob erwerben, daß es sich dem Kummer so gern[853] wie der Freude öffne, wie die Blumen, ob sie sich gleich nur vor der Sonne auftun, doch auch auseinandergehen, wenn diese der Wolkenhimmel überzieht?

Viktor, ohne durch ihre Antwort irre zu werden, fuhr fort: »Vielleicht können Sie sich nicht von der schönen Natur entwöhnen und von der Bewegung – das Nachtsitzen, das ich selber empfinde«- – Sie ließ ihn nicht ausreden, um ihn daran zu erinnern, daß sie ja die jetzige Farbe von Hause an den Hof mitgebracht. Man sieht aber in dieser Erinnerung mehr Schonung als Wahrheit; denn sie wollte ihr Hofamt nicht gerade vor dem verklagen, der es ihr erlangen half. – – Viktor, der ihre Kränklichkeit so sicher sah, und doch keine Frage mehr vorzulegen wußte, stand stumm, verlegen da. Das eigne Schweigen löset den Zurückhaltenden die Zunge: Klotilde fing selber an: »Weil ich nichts weiß, was mir hier schadet, als die Schminke: so bitt' ich meinen Arzt, mir diesen Diätfehler zu untersagen« – d.h. die Fürstin zum Widerruf ihres Schminkedikts zu vermögen – »Ich mag gern«, fuhr sie fort, »doch einige Ähnlichkeit mit zwei so guten Freunden, Giulia und Emanuel, bekommen« – d.h. die blasse Farbe, oder auch die Meinung des baldigen Todes. – Viktor stieß ein hastiges Ja heraus und wandte das schmerzende Auge gegen den auffliegenden Vorhang.

Nie waren wohl die Szenen der Spieler und der Zuhörer sich ähnlicher. Iphigenie war Klotilde – der wilde Orest, ihr Bruder, war ihr Bruder Flamin – der sanfte helle Pylades sein Freund Viktor. Und da Flamin unten im Parterre mit seinem wolkigen Angesicht stand – (er kam nur, um seine Schwester bequemer zu sehen) –, so war es unserm und seinem Freunde so, als würd' er von ihm angeredet, als Orest zu Pylades sagte:


– Erinnere mich nicht jener schönen Tage,

Da mir dein Haus die freie Stätte gab,

Dein edler Vater klug und liebevoll

Die halb erstarrte junge Blüte pflegte;

Da du, ein immer munterer Geselle,

Gleich einem leichten bunten Schmetterlinge[854]

Um eine dunkle Blume, jeden Tag

Um mich mit neuem Leben gaukeltest,

Mir deine Lust in meine Seele spieltest.


Klotilde fühlt' es ebenso schmerzhaft, daß man auf der Szene ihr Leben spiele, und kämpfte gegen ihre Augen... Aber da Iphigenie zu ihrem Bruder Orest sagte:


O höre mich! O sich mich an, wie mir

Nach einer langen Zeit das Herz sich öffnet

Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt

Noch für mich tragen kann, das Haupt zu küssen –

O laß mich, laß mich, denn es quillet heller

Nicht vom Parnaß die ewige Quelle sprudelnd

Von Fels zu Fels ins goldne Tal hinab,

Wie Freude mir vom Herzen wallend fließt

Und wie ein selig Meer mich rings umfängt –


– und da Klotilde traurig den größern Zwischenraum der Schmerzen und der Tage zwischen sich und ihrem Bruder übermaß: so quollen ihre großen, so oft am Himmel hängenden Augen voll, und ein schnelles Niederbücken verdeckte die schwesterliche Träne allen ungerührten Augen. Aber den gerührten, womit ihr naher Freund sie nachahmte, wurde sie nicht entzogen... Und hier sagte eine tugendhafte Stimme in Viktor: »Entdeck ihr, daß du das Geheimnis ihrer Verwandtschaft weißt – hebe von diesem wundgepreßten Herzen die Last des Schweigens ab – vielleicht welkt sie an einem Gram, den ein Vertrauter kühlt und nimmt!« Ach, dieser Stimme zu gehorchen, war ja das wenigste, womit er sein unendliches Mitleiden befriedigen konnte! – Er sagte äußerst leise und aus Rührung fast unverständlich zu ihr: »Mein Vater hat es mir längst entdeckt, daß Iphigenie die Gegenwart ihres Bruders und meines Freundes weiß.« – Klotilde wandte sich schnell und errötend gegen ihn – er ließ, zur nähern Erklärung, seinen Blick zu Flamin hinabgleiten – erblassend sah sie weg und sagte nichts – aber unter dem ganzen Schauspiel schien ihr Herz weit mehr zusammengedrückt zu sein, und sie mußte jetzo noch mehr[855] Tränen und Seufzer zerquetschen als zuvor. Zuletzt gab sie mitten in ihrer Betrübnis der Dankbarkeit ihre Rechte und sagte ihm für seine Teilnahme und sein Vertrauen, gleichsam im Sterben lächelnd, Dank. Er legte an den Spinnrocken des Gesprächs ganz neuen fremden Stoff, weil er unter dem Fortspinnen gern über den traurigen Eindruck, den sein Bekenntnis zu machen geschienen, heller und gewisser werden wollte. Er fragte nach Emanuels neuesten Briefen; sie versetzte: »Ich habe erst gestern während der ganzen Mondfinsternis an ihn geschrieben; er kann mir nicht oft antworten, weil seine Brust durch das Schreiben leidet.«- Da nun die Finsternis des 25sten Februars schon abends um 10 Uhr 20 Minuten anfing, um 11 Uhr 41 Minuten am stärksten und um 1 Uhr 2 Minuten erst aus war: so konnte Viktor als Arzt mit Gesetzpredigten und Gesetzhämmern über die medizinische Sünderin herfallen und es erhärten, nun sei es kein Wunder. Laß es bleiben, Doktor! Diese lieben Wesen gehorchen leichter dem Manne – den zehn Geboten – den Büchern – der Tugend – dem Teufel selber leichter als dem Diätetiker. Klotilde sagte: »Die Mitternachtstunden sind bloß meine einzigen Freistunden. – Und Maienthal kann ich ja nie vergessen.« – »Ach, wie könnte man das?« sagt' er. Die Musik vor dem letzten Akte und die tragische Stimmung und die Schmerzen begeisterten sie, und sie fuhr fort: »Trank man nicht Lethe, wenn man das Elysium betrat, und wenn man es verließ?«... (Sie hielt inne.) »Ich tränke keine Lethe, nicht im ersten Falle' noch weniger im letzten – nein!« Und nie wurde das Nein leiser, sanfter, gezogener gesagt. In Viktors Herzen zog ein dreischneidiges Mitleiden schmerzlich hin und her, da er sich die schreibende und weinende und vom Schicksal verspottete Klotilde in der Mitternacht unter dem vom Erdschatten zerstückten und bewölkten Mond vorstellte; er sagte nichts, er blickte starr in die trüben Szenen der Bühne und weinte noch fort, als sich auf ihr schon die frohen entwickelten.

Zu Hause machte er seine Gehirnfibern zu Ariadnes Fäden, um aus dem Labyrinth der Ursachen ihres Kummers und besonders des neuen zu kommen, der sie bei seiner Eröffnung zu befallen geschienen. Aber er blieb im Labyrinth; freilich erzeugte Gram[856] die Krankheit, aber wer erzeugte den Gram? – Es wäre schlimm für diese armen zarten Schmetterlinge, wenn es mehr als einen tödlichen Kummer gäbe; in jeder Gasse, in jedem Hause findest du eine Frau oder eine Tochter, die in die Kirche oder ins Trauerspiel gehen muß, um zu seufzen, und die ins obere Stockwerk steigen muß, um zu weinen; aber dieser aufgehäufte Kummer wird lächelnd verschmerzt, und die Jahre nehmen lange neben den Tränen zu. Hingegen einen gibts, der sie abbricht – denke daran, lieber Viktor, in den freudigen Stunden deiner Viel-Liebe, und denket ihr alle daran, die ihr einem solchen weichen Geschöpf das schlagende Herz aus der Brust mit warmen liebenden Händen ziehet, um es in eure neben eurem eignen Herzen aufzunehmen und ewig zu erwärmen! – Wenn ihr dann dieses heiße Herz, wie einen Schmetterlinghonigrüssel, ausgerissen hinwerfet: so zuckt es noch wie dieser fort, aber es erkaltet dann und schlägt nicht lange mehr. –

Unglückliche Liebe war also der nagende Honigtau auf dieser Blume, schloß Sebastian. Natürlich dacht' er an sich zuerst; aber schon längst hatten ihn alle seine feinsten Beobachtungen, seine ihm jetzt geläufigern Rikoschet-Blicke aus dem Augenwinkel überwiesen, daß er die Auszeichnung, die sie ihm nicht versagte, mehr ihrer Unparteilichkeit als ihrer Neigung zuzuschreiben habe. Wer es sonst am Hofe sei – das herauszubringen, stellt' er vergeblich einen Elektrizitätzeiger nach dem andern auf. Auch wußt' er voraus, daß er vergeblich aufstellen werde, da Klotilde alles Aushorchen ihres Innern vereiteln würde, wenn sie eine unerwiderte Neigung hätte; die Vernunft war bei ihr das Wachs, das man auf das eine Ende der magnetischen Nadel klebt, um das Niedersinken (die Inklination) des andern aufzuheben oder zu verbergen. Gleichwohl nahm er sich vor, das nächstemal einige Wünschelruten an ihre Seele zu halten. – –

Ich muß hier einen Gedanken äußern, der einigen Verstand verrät und mein Berechnen überhaupt. Mein Hund-Postmeister Knef sah wahrscheinlich nicht voraus, daß ich das Jahr und die Länge dieser ganzen Geschichte bloß aus der Mondfinsternis des 25. Febr. herausrechnen würde, deren er Meldung tat, so wie überhaupt[857] große Astronomen durch die Mondphasen sehr hinter die geographische Länge der Erde kamen. 1793 fiel das in diesem Kapitel Erzählte vor: ich bin Mann dafür; denn da sich überhaupt die ganze Geschichte, wie bekannt, im 9ten Jahrzehend des 18ten Jahrhunderts begibt, und da darin keine Mondfinsternis von einem 25sten Febr. überall zu finden ist als im Jahre 1793, d.h. im jetzigen: so ist mein Satz gewiß. Zur Sicherheit hielt ich alle in diesem Buche einfallende Mond- und Wetterveränderungen mit denen von 1792 und 1793 zusammen; und alles passete schön ineinander – der Leser sollt' es auch nachrechnen. Ungemein ergötzend ist es für mich, daß sonach, da ich im Julius schreibe, die Geschichte in einem halben Jahre meiner Beschreibung nachkommt. –

Viktor zauderte mit seinem Gange zur Fürstin nicht, um bei ihr die schweigende Klotilde für eine vollständige Nervenpatientin zu erklären. Er lachte selber innerlich über den Ausdruck – und über die Ärzte – und über ihre Nervenkuren – und sagte: wie sonst die französischen Könige bei ihren Heilanstalten gegen die Kröpfe sagen mußten: »Der König berührt dich, aber Gott heilt dich«, so sollten die Ärzte sagen: der Stadt- und Landphysikus greift dir an den Puls, aber Gott macht die Kur. – Hier indessen gab er sie aus drei guten Absichten für eine Nervenleidende aus: erstlich um für sie die Aufhebung der Hof-Leibeigenschaft, wenigstens die Befreiung vom genauen Hofdamen-Amt zu erlangen, weil in seinem Herzen immer der hineingestochene Splitter des Vorwurfs eiterte: »Du bist schuld, daß sie hier sein muß« – ferner um ihr die Erlaubnis der Land- und Frühlingsluft, falls sie einmal darum nachsuchte, im voraus auszuwirken – endlich um sie von der befohlnen Ähnlichkeit mit denen Damen zu erlösen, an deren bleifarbigen Gesichtern, wie an den Bleisoldaten der Kinder, sich das Rote täglich abfärbt, so wie täglich ansetzt. Da sich aber Agnola selber schminkte, so mußt' er aus Höflichkeit es beiden auf einmal verbieten, als Arzt. Die Fürstin untersiegelte alle seine Bittschriften recht gütig; nur über den Schmink-Artikel gab sie in Rücksicht ihrer selbst gar keine Resolution, und in Rücksicht Klotildens diese: sie habe nichts dagegen, wenn sie bei ihr, ausgenommen an Courtagen und im Schauspiel, ohne Rot erscheine; und von der[858] Anwesenheit bei beiden sei sie gerne dispensiert, bis sie wieder genesen sei.

Er konnte kaum den Abschied erwarten, um diesen Reichsabschied oder – schluß der geliebten Kranken zu bringen. Ihn selber nahm diese Willfährigkeit der Fürstin wunder, bei der sonst Bitten Sünden waren, und die nichts versagte, als was man erbat. Seine Verlegenheit war jetzo nur die, Klotilden die Bewilligungen der Fürstin ohne das beleidigende Geständnis ihrer vorgeschützten Kränklichkeit beizubringen. Aber aus diesem kleinen Übel zog ihn ein großes: als er bei ihr vorkam, sah sie noch zehnmal siecher aus als vorgestern bei der Entdeckung ihrer Verwandtschaft; ihre Blüten hingen zugedrückt und kalt betauet zur Erde nieder.

Gang und Stellung waren unverändert, die äußere Fröhlichkeit dieselbe; aber der Blick war oft zu flatternd, oft zu stehend; durch die Lilienwangen flog ein Fieberrot, durch die untere Lippe einmal ein zerdrückter Krampf... Hier hob das Mitleid den erschrocknen Freund über die Höflichkeit hinaus, und er sagte ihr geradezu die Einwilligungen der Fürstin. Er rief seinem beschwerten Herzen seine bisherige Hof-Kühnheit zu Hülfe und befahl ihr, den nahen Frühling zu ihrer Apotheke zu machen und die Blumen zu ihren offizinellen Kräutern und ihre – Phantasie zu ihrer Arzenei. »Sie scheinen mich« (sagte sie lächelnd) »zu den Lerchen zu rechnen, die in ihrem Bauer immer grünen Rasen haben müssen. Damit aber meine Fürstin und Sie nicht umsonst gütig waren: so werd' ichs am Ende tun. – Ich gesteh' es Ihnen, ich bin wenigstens eine eingebildete – Gesunde: ich fühle mich wohl. «.... Sie brach es ab, um ihn mit der Freimütigkeit der Tugend und mit einem in schwesterlicher Liebe schwimmenden Auge über ihren Bruder auszufragen: ob er glücklich und zufrieden sei, wie er arbeite, wie er sich in seinen Posten schicke? Sie sagte ihm, wie weh ihr bisher diese tief in ihre Seele eingesperrten Fragen getan; und sie dankte ihm für das Geschenk seines Vertrauens mit einer Wärme, die er für einen feinen Tadel seines bisherigen Schweigens hielt. – Sie stand von jeher gern in einem Blumenkranz von Kindern; aber in Flachsenfingen hatte sie dieser Nebelsternchen noch mehre und[859] zwar aus einem besondern Grunde um ihren Glanz versammelt, nämlich um es zu verbergen, daß sie Julia, eine kleine fünfjährige Enkelin des Stadtseniors, bei welchem ihr Bruder wohnte, als die unwillkürliche Lebensbeschreiberin und Zeitungträgerin desselben an sich ziehe. Mehr als dreimal war ihm, als müßt' er diesem lilienweißen Engel, den seine Wolke immer höher trug, zu Füßen fallen und mit ausgebreiteten Armen sagen: »Klotilde, werde meine Freundin, eh' du stirbst – meine alte Liebe gegen dich ist längst zerquetscht, denn du bist zu gut für mich und für uns alle – aber dein Freund will ich sein, mein Herz will ich überwinden für dich, meinen Himmel will ich hingeben für dich – ach du wirst ohnehin den Abendtau des Alters nicht erleben und die Augen bald zumachen, und der Morgentau hängt noch darin!« Denn er hielt ihre Seele für eine Perle, deren Körper-Muschel geöffnet in der auflösenden Sonne liegt, damit sich die Perle früher scheide. – Beim Abschiede konnt' er ihr mit der Freimütigkeit des Freundes, die an die Stelle der Zurückhaltung des Liebhabers gekommen war, die Wiederholung seiner Besuche anbieten. Überhaupt behandelte er sie jetzo wärmer und unbefangner; erstlich, weil er auf ihr erhabnes Herz so ganz Verzicht getan, daß er sich über seine frühern kühnen Ansprüche darauf wunderte; zweitens, weil ihm das Gefühl seiner uneigennützigen aufopfernden Rechtschaffenheit gegen sie Wundbalsam auf seine bisherigen Gewissensbisse goß.

An diese Kränklichkeit schloß sich ein Abend oder ein Ereignis an, worein der Leser, glaub' ich, sich nicht finden wird. – Viktor sollte abends Joachimen ins Schauspiel abholen, und ihr Bruder mußte vorher ihn abholen. Ich hab' es schon zweimal niedergeschrieben, daß ihm seit einigen Wochen Matthieu nicht mehr so zuwider war wie einem Elefanten eine Maus; er hatte doch eine einzige gute Seite, doch einigen moralischen Goldglimmer an ihm ausgegraben, nämlich die größte Anhänglichkeit an seine Schwester Joachime, die allein sein ganzes, seinen Eltern zugeschlossenes Herz, seine Mysterien und seine Dienste innehatte – zweitens liebte er an Matthieu, was der Minister verdammte, den Salzgeist der Freiheit – drittens sind wir alle so, daß, wenn wir unser Herz[860] für irgendein weibliches aus einer Familie eingeheizet haben, daß wir Einheizer nachher die Ofen-Wärme auf die ganze Sipp- und Magenschaft ausdehnen, auf Brüder, Neffen, Väter – viertens wurde Matthieu immer von seiner Schwester gelobt und entschuldigt. – Als Viktor kam zu Joachime: hatte sie Kopfschmerzen und Putzjungfern bei sich – der Putz und der Schmerz nahm zu – endlich schickte sie die lebendigen Appreturmaschinen fort und setzte sich, sobald sie aus dem Schaum der Puder- und Schmuckkästen, der Schminklappen und mouchoirs de Venus, der poudres d'odeur und der Lippenpomaden zu einer Venus erhärtet war, da setzte sie sich nieder und sagte, sie bleibe zu Hause wegen Kopfschmerzen. Viktor blieb mit da und recht gern. Wer nicht das Sparrwerk und Zellenwerk des Menschenherzens kennt, den nimmt es wunder, daß Viktors Freundschaft gegen Klotilde ein ganzes Honiggewirke von Liebe für Joachime in seine Zellen eintrug; es war ihm lieb, wenn sie einander besuchten oder umarmten, er suchte in den Segenfingern des Papstes nicht so viele Heilkraft als in Klotildens ihren; die Freundschaft derselben schien ihm eine Entschuldigung der seinigen zu sein und Joachimen auf das Postament des Werts zu heben, auf welches er sie mit allen Wagenwinden noch nicht stellen können. Sogar das Gefühl seines steigenden Wertes gab ihm neue Rechte zu lieben; und heute würde sogar Klotildens Flor- und Fürstenhut seine Helmkleinodien auf Joachimens kränklichem, geduldigern Kopfe behauptet haben. In ihre fortgesetzte Koketterie gegen das Narrenpaar hatt' er sich längst gefügt, weil er recht gut wußte, wen sie unter drei Weisen aus Morgenland nicht zum Narren habe, sondern zum Anbeter. Aber zurück!

Matthieu, der der Schwester zu Gefallen auch zu Hause blieb, und Viktor und sie machten die ganze Bande dieses concert spirituel. Joachime lehnte auf dem Kanapee ihren sanftern siechen Kopf an die Wand zurück und blickte auf das Fuß-Getäfel und sah mit den herübergezognen Augenlidern schöner aus – der Evangelist ging ab und zu – Viktor setzte, wie allemal, im Zimmer herum – Es war ein recht hübscher Abend, und ich wollt', meiner wurde heute so. Das Gespräch wendete sich auf die Liebe; und Viktor[861] behauptete das Dasein einer doppelten, der bürgerlichen und der stiftfähigen oder französischen. Er liebte die französische in Büchern und als Gesamtliebe, aber er haßte sie, sobald sie die einzige sein sollte; er beschrieb sie heute so: »Nimm ein wenig Eis – ein wenig Herz – ein wenig Witz – ein wenig Papier – ein wenig Zeit – ein wenig Weihrauch – und gieß es zusammen und tu es in zwei Personen von Stande: so hast du eine rechte gute französische fontenellische Liebe.« – »Sie vergaßen«, setzte Matz dazu, »noch ein wenig Sinne, wenigstens ein Fünftel oder Sechstel, das als adjuvans oder constituens61 zur Arznei kommen muß. – Indessen hat sie doch das Verdienst der Kürze; die Liebe sollte, wie die Tragödie, auf Einheit der Zeit, nämlich auf den Zeitraum eines Tages, eingeschränket sein, damit sie nicht noch mehre Ähnlichkeit mit ihr bekäme. Schildern Sie aber die bürgerliche!« – Viktor: »Die zieh' ich vor.« – Matthieu: »Ich nicht. Sie ist bloß ein längerer Wahnsinn als der Zorn. On y pleure, on y crie, on y soupire, on y ment, on y enrage, on y tue, on y meurt – enfin on se donne à tous les diables, pour avoir son ange. – Unsere Gespräche sind heute einmal voll Arabesken und à la grécque: ich will ein Kochbuchrezept zu einer guten bürgerlichen Liebe machen: Nimm zwei junge große Herzen – wasche sie sauber ab in Taufwasser oder Druckerschwärze von deutschen Romanen – gieße heißes Blut und Tränen darüber – setze sie ans Feuer und an den Vollmond und lasse sie aufwallen – rühre sie fleißig um mit einem Dolche – nimm sie heraus und garniere sie wie Krebse mit Vergißmeinnicht oder andern Feldblumen und trage sie warm auf: so hast du einen schmackhaften bürgerlichen Herzenskoch62«

Matthieu setzte noch hinzu: »in der heißen bürgerlichen Liebe sei mehr Qual als Spaß; in ihr sei, wie in Dantes Gedicht von der Hölle, letzte am besten ausgearbeitet und der Himmel am schlechtesten – Je älter ein Mädchen oder ein eingepökelter Hering sei, desto dunkler sei an beiden das Auge, das durch die Liebe so[862] werde – Jede Frau aus einem höhern Zirkel müsse froh sein, daß sie vom Manne, an den sie gekettet sei, nichts zu behalten brauche als sein Bild im Ring, wie Prometheus, da Jupiter einmal geschworen, ihn 30000 Jahre am Kaukasus gelötet zu lassen, während derselben bloß ein wenig von dieser Bastille an der Hand getragen in einem Fingerring.« – Dann ging Matthieu eilend hinaus, welches er allemal nach witzigen Entzündungen tat. Viktor liebte die bitterste ungerechteste Satire im fremden Munde, als Kunstwerk; er verzieh alles und blieb heiter.

Joachime sagte dann scherzhaft: »Wenn also keine Manier der Liebe etwas taugt, wie Sie beide bewiesen haben, so bleibt uns nichts übrig, als zu hassen.« – »Doch nicht,« (sagt' er:) »Ihr Herr Bruder hat nur kein wahres Wort gesagt. Stellen Sie sich vor, ich wäre der Armenkatechet und verliebt – in die zweite Tochter des Pastor primarius bin ichs – ihre Rolle ist die einer Hörschwester; denn die bürgerlichen Mädchen wissen nicht zu reden, wenigstens mehr in Haß als in der Liebe – Der Armenkatechet hat wenig bel esprit, aber viel saint esprit, viel Ehrlichkeit, viel Treue, zu viel Weichherzigkeit und unendliche Liebe – der Katechet kann keine galante Intrige anspinnen auf einige Wochen oder Monate, noch weniger kann er die zweite Pastorstochter in die Liebe hineindisputieren, wie ein roué – er schweigt, um zu hoffen; aber mit einem Herzen voll ewiger Liebe, voll opfernder Wünsche begleitet er zagend und still alle Schritte der Geliebten und – Liebenden – aber sie errät ihn nicht, und er sie nicht. Und dann stirbt sie... Aber vorher, eh' sie stirbt, tritt der bleiche Katechet trostlos vor ihr Abschiedlager und drückt die zitternde Hand, eh' sie erschlafft, und gibt dem kalten Auge noch eine Freudenträne, eh' es erstarret, und dringet noch unter die Schmerzen der kämpfenden Seele mit dem sanften Frühlinglaute hinein: ich liebe dich Wenn ers gesagt hat, stirbt sie an der letzten Freude, und er liebt dann auf der Erde weiter niemand mehr. «...

Die Vergangenheit hatte seine Seele überfallen – Tränen hingen in seinen Augen und mischten Klotildens Krankenbild in einer sonderbaren Verdunklung mit Joachimens ihrem zusammen – er sah und dachte eine Gestalt, die nicht da war – er drückte die[863] Hand derjenigen, die ihn ansah, und dachte nicht daran, daß sie alles auf sich beziehen könnte.

Plötzlich trat lächelnd Matthieu herein, und die Schwester lächelte nach, um alles zu erklären, und sagte: »Der Herr Hofmedikus gab sich bisher die Mühe, dich zu widerlegen.« Viktor, schnell erkaltet, versetzte zweideutig und bitter: »Sie begreifen, Herr v. Schleunes, daß es mir am leichtesten wird, Sie in die Flucht zu schlagen, wenn Sie nicht im Felde sind.« – Matz fixierte ihn; aber Viktor schlug sanft sein Auge nieder und bereuete die Bitterkeit. Die Schwester fuhr gleichgültig fort: »Ich glaube, mein Bruder ist oft im Falle, mit der Façon zu wechseln.« – Er nahm es heiter lachend auf und dachte wie Viktor, sie ziele auf seine galanten Abenteuer und Lusttreffen mit Weibern aus allen Ständen, die auf dem Landtag sitzen. – Aber da sie ihn fortgeschickt hatte, um bei ihrer Mutter anzufragen, wer heute abends zum Cercle komme, so sagte sie dem Medikus: »Sie wissen nicht, was ich meinte. Wir haben am Hofe eine kranke Dame, die Ihre leibhafte Pastorstochter ist – Und mein Bruder hat nicht so viel und nicht so wenig Geist, um den Armenkatecheten zu machen.« Viktor fuhr zurück, brach ab: und ging ab.

Warum? Wieso? Weswegen? – Aber merkt man denn nicht, daß die kranke Dame Klotilde sein soll, die Matzens feinen Annäherungen zur Schall- und Schußweite des Herzens zu entfliehen sucht? Überhaupt hatte Viktor wohl gesehen, daß der Evangelist gegen Klotilden bisher eine verbindlichere Rolle spielte, als er vor ihrem Einzuge in sein Eskurial und Raubschloß durchmachte; aber Viktor hatte diese Höflichkeit eben diesem Einquartieren zugeschrieben. Jetzo hingegen lag die Karte von dessen Plane aufgeschlagen da: er hatte einer gegen ihn gleichgültigen Person darum mit dem Scheine der Verachtung (die er aber fein mehr auf ihren künftigen kleinen Kassenbestand als auf ihre Reize fallen ließ) absichtlich begegnet, um dadurch ihre Aufmerksamkeit diese Türnachbarin der Liebe – und nachher durch den schnellen Wechsel mit Gefälligkeit noch mehr als diese Aufmerksamkeit zu gewinnen. O! du kannst nichts gewinnen! rief in Viktor jeder Seufzer. Aber doch gab es ihm Schmerzen, daß diese Edle, dieser[864] Engel mit seinen Flügeln einen solchen Widersacher schlagen müsse. – Nun wurden ihm dreißig Dinge zugleich verdächtig: Joachimens Eröffnung und Kälte, Matthieus Lächeln und – alles. So weit dieses Kapitel, dem ich nur noch einige reife Gedanken anhänge. Man sieht doch offenbar, daß der arme Viktor seine Seele für jede weibliche, wie jener Tyrann die Bettgenossen für das Bette, kleiner verstümmelt. Freilich ist Achtung die Mutter der Liebe; aber die Tochter wird oft einige Jahre älter als die Mutter. Er nimmt eine Hoffnung des weiblichen Werts nach der andern zurück. Am spätesten gab er zwar seine Foderung oder Erwartung jenes erhabenen indischen Gefühls für die Ewigkeit auf, das uns, diesen im magischen Rauche von Leben hängenden Schattenfiguren, einen unauslöschlichen Lichtpunkt zum Ich er teilt, und das uns über mehr als eine Erde hebt; aber da er sah, daß die Weiber unter allen Ähnlichkeiten mit Klotilden diese zuletzt erhalten; und da er bedachte, daß das Weltleben alles Große am Menschen wegschleife, wie das Wetter an Statuen und Leichensteinen gerade die erhabnen Teile wegnagt: so fehlte ihm nichts, um Joachimen die schon lange ins reine geschriebene Lieberklärung zu übergeben, nichts als von ihrer Seite ein Unglück – ein nasses Auge – ein Seelensturm – ein Kothurn. Mit deutlichern Worten: er sagte zu sich: »Ich wollte, sie wäre eine empfindsame Närrin und gar nicht auszuhalten. Wenn sie dann einmal die Augen recht voll hätte und das Herz dazu, und wenn ich dann vor Rührung nicht wüßte, wo mir der Kopf stände: so könnt' ich dann anrücken und mein Herz herausbringen und es ihr hinlangen und sagen: es ist des armen Bastians seines, behalt es nur.« Mir ist, als hört' ich ihn leise dazu denken: »Wem will ichs weiter geben?« –

Daß er das erste wirklich gedacht hat, sehen wir daraus, weil ers in sein Tagebuch hineingesetzt, aus dem mein Korrespondent alles zieht, und das er mit der Aufrichtigkeit der freiesten Seele für seinen Vater machte, um gleichsam seine Fehler durch das Protokollieren derselben auszusöhnen. Sein italienischer Lakai tat fast nichts, als es mundieren. – – Hinge ich nicht vom Hunde und seiner Zeitungkapsel ab, so fiele seine Lieberklärung noch heute vor; ich bräche Joachimen etwan einen Arm – oder legte[865] sie ins Krankenbette – oder bliese dem Minister das Lebenslicht aus – oder richtete irgendein Unglück in ihrem Hause an – – und führte dann meinen Helden hin zur leidenden Heldin und sagte: »Wenn ich fort bin, so knie nieder und überreich' ihr dein Herz.« – So aber kann der chymische Prozeß seiner Verliebung noch so lang werden wie ein juristischer, und ich bin auf drei Alphabete gefaßt.

Hier aber will ich etwas bekennen, was der Leser aus Hochmut verheimlicht: daß ich und er bei jeder auftretenden Dame in diesen Posttagen einen Fehlschuß zum Salutieren getan – jede hielten wir für die Heldin des Helden – anfangs Agathen – dann Klotilden – dann, als er in die Uhr der Fürstin seine Lieberklärung sperrte, sagte ich: »Ich weiß schon den ganzen Handel voraus« – dann sagten wir beide: »Wir hatten doch recht mit Klotilden« – dann griff ich aus Not zu Marien und sagte: »Ich will mir aber weiter nichts merken lassen« – endlich wirds eine, an die keiner von uns nur dachte (wenigstens ich nicht), Joachime. – So kann mirs selber ergehen, wenn ich heirate....

Eh' ich zum Schalttage aus dem Posttag übergehe, sind noch folgende Minuten zu passieren: Klotilde legte die Kebs-Wangen, die joues de Paris, die Schminke, ab und setzte jetzt ihr einwelkendes Herz seltener dem Druck der Hof-Serviettenpresse aus. Der Fürst, der ihrentwegen im Hörsaale seiner Gemahlin hospitiert hatte, blieb öfter aus und sprach dann bei Schleunes ein: gleichwohl dachte die Fürstin edel genug, um nicht unsern Viktor durch eine Zurücknahme des Danks die Zurücknahme der Jennerschen Gunst entgelten zu lassen. – In Viktor war ein langer Krieg, ob er Klotildens Bruder die neuen Beweise ihrer Schwesterliebe sagen sollte; – endlich – da Flamins leidendes, verarmtes, von Relationen und Schelmen und Argwohn zerstochenes Herz ihn 30 bewegte, und da er diesem rechtschaffenen Freunde bisher so wenig Freude machen konnte – sagte er ihm (die Verwandtschaft ausgenommen) fast alles.

Postskript: Endesunterschriebener soll hiemit auf Verlangen bezeugen, daß Endesunterschriebener seinen 24sten Posttag ordentlich[866] am Letzten des Juliusmonats oder des Messidors zu Ende gebracht hat. Auf der Insel St. Johannis 1793.

Jean Paul,

Scheerauischer Berghauptmann

60

Er irret, Leibniz sagte bloß: alles Schwere werd' ihm leicht, alles Leichte schwer.

61

Adjuvans ist das Ingredienz, das die Kräfte der Hauptingredienzien stärkt; constituens ist, was der Arzenei die Form einer Pille oder Latwerge oder Mixtur erteilt.

62

Wie man sagt: Erbsenkoch, Nudelkoch.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 851-867.
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