Neunten Zettelkasten

[145] oder zur Hochzeit


Geh auf, schöner Himmelfahrts- und Hochzeittag, und erfreue auch Leser! Schmücke dich mit dem reinsten Juwel, mit der Braut, deren Seele so rein und glänzend ist wie ihre Hülle, so wie zugleich die Perle und die Perlenmuschel schimmern und putzen! – Und so dringt jeder Leser über das blühende Spalier, dessen[145] Fruchthecke bisher unsern Liebling von seinem Eden trennte, hinter ihm nach! –

Den 9ten Mai 1793 morgens um drei Uhr fuhr wie ein Lichtstrahl ein helles Posthorn-Geschmetter durch die graue und dunkelrote Maien-Nacht: zwei gewundene Hörner starreten zwischen einer steifen Trompete, wie Fragezeichen zwischen Ausrufungszeichen, aus einem Hause heraus, worin nur ein Beichtsohn (nicht der Beichtvater) wohnte und anblies: das Beichtkind hatte nämlich die Hochzeit, die der Seelenhirt heute vorhatte, gestern gehalten. Der freudige Wildruf trieb den Pfarrer aus dem breiten Bette – und den Pudel unten hervor, der schon seit einigen Wochen aus dem gleißend-gewaschenen Deckbette vertrieben war –, und zwar so frühe, daß er im abspiegelnden Betthimmel, in dem er bisher jeden Morgen sein rotes Gesichtchen und sein Bett-Weißzeug observierte, alles nur dunkel und getuscht sehen konnte.

Ich gesteh' es, die neu-getünchte Stube und ein Abfärben des Morgenrots an der Wand machten es hell genug, daß er seine Beinkleiderschnallen konnte schimmern sehen. Er weckte darauf seine Mutter leise – die Gäste sollten eben noch lange in ihren Federn bleiben –, und diese hatte die Stadtköchin zu wecken, die, wie mehrere Hochzeitmöblen, der Stadt auf wenige Tage abgeliehen war. Er pochte vergeblich an zwei Türen ohne Antwort: denn alles stand schon unten am Herde und kochte und schürte und ordnete.

O wie erquickend legt allmählich der Frühlingstag den Nonnenflor zurück, und die Erde hellet sich auf, als wär' es der Morgen einer Auferstehung. – Die Quecksilber-Säule des Barometers, die führende Feuer-Säule der Wetter-Propheten, ruhet fest über Fixleins Bundeslade. – Die Sonne hebt sich rein und kühl ins Morgenblau, statt ins Morgenrot. – Die Zugschwalben schießen kreuzend statt der Wolken durch die klingende Luft ... O der gute Genius des schönen Wetters, der mehrere Tempel und Festtage verdient (weil wir ohne ihn keine Feste haben), hob einen ätherreinen himmelblauen Tag gleichsam aus der quellenklaren Atmosphäre des Mondes aus und ließ ihn mit blauen Schmetterlingsschwingen – als wär's ein blauer Montag – unter der Sonne[146] schillernd im Zickzack des wollüstigen Niederzitterns auf den engen Raum der Erde niedersinken, den jetzt unsere feurigen Phantasien beschauen ... Und auf dem frühlingshellen Raum stehen in Blumen, auf die die Bäume Blüten statt der Blätter niederschütteln, eine Braut und ein Bräutigam ... Glücklicher! wie will ich dich malen, ohne die Seufzer der Sehnsucht in den schönsten Seelen zu vermehren? – –

Aber gemach! wir wollen den Zauberkelch der Phantasie nicht schon um sechs Uhr austrinken, sondern nüchtern bleiben bis gegen Abend!

In der Frühe des Gebetläutens ging der Bräutigam, weil das Getöse der Zurüstungen sein stilles Beten aufhielt, in den Gottesacker hinaus, der (wie an mehrern Orten) samt der Kirche gleichsam als Pfarrhof um sein Pfarrhaus lag. Hier auf dem nassen Grün, über dessen geschlossene Blumen die Kirchhofsmauer noch breite Schatten deckte, kühlte sich seine Seele von den heißen Träumen der Erde ab: hier, wo ihm die weiße Leichenplatte seines Lehrers wie das zugefallene Tor am Janustempel des Lebens vorkam, oder wie die nach der stürmischen Erde gekehrte Wetterseite der letzten Behausung, hier, wo ihm das aufgesprungene metallene Türchen am gegitterten Kreuze seines Vaters die Inschriften des Todes und das Sterbejahr seines Vaters aufdeckte und alle darunter ins Blech geätzten Ermahnungen zu ernsthaften Gedanken – da, sag' ich, wurde er weicher und ernster, als andere an diesem Tage werden, und verrichtete seine Morgenandacht, die er sonst las, auswendig und bat Gott, ihn zu segnen in seinem Amte und seiner Mutter das Leben zu fristen und zu seinem heutigen Vorhaben sein Gedeihen zu geben. – Dann ging er über die Gräber hinauf in sein zaunloses Winkel-Blumengärtchen und drückte, beruhigt und auf die göttliche Obhut vertrauend, die Stäbe seiner Tulpen tiefer in die mürbe Erde ein.

Aber als er ins Haus kam: traf er alles im Schellengeläute und in der Janitscharenmusik der hochzeitlichen Freude an – alle Hochzeitgäste hatten die Nachtmützen heruntergetan und tranken sehr – es wurde geplappert, gekocht, frisiert – Tee-Servicen, Kaffee-Servicen und warme Bier-Servicen zogen hintereinander,[147] und Suppenteller voll Brautkuchen gingen wie Töpfers-Scheiben und Schöpfräder um. – Der Schulmeister probierte aus seinem Hause mit drei Jungen ein Arioso herüber und wollte nach dem Ende der Singstunde seinen Vorgesetzten damit überraschen. Aber dann fielen alle Arme der schäumenden Freudenströme ineinander, als die mit Herzen und Vexierblumen behangene Himmelskönigin, die Braut, auf die Erde niederkam voll zaghafter Freude, voll zitternder demütiger Liebe – als die Glocken anfingen – als die Marschsäule ausrückte – als sich das Dorf noch eher zusammenstellte – als die Orgel, die Gemeinde, der Konfrater und die Spatzen an den Bäumen der Kirchenfenster die Wirbel auf der Heerpauke des Jubelfestes immer länger schlugen ... Das Herz wollte dem singenden Bräutigam vor Freude aus der Weste hüpfen, »daß es bei seinem Brauttage so ordentlich und prächtig hergehe.« – Bloß unter dem Kopulieren konnt' er ein wenig beten.

Noch ärger und lauter wurde alles unter dem Essen, als Pasteten und Marzipandevisen aufgemacht wurden – als Gläser und krepierte Fische (unter der Serviette, um die Gäste zu erschrecken) herumgingen – und als die Gäste aufstanden und selber herumgingen und endlich herumtanzten: denn es war Instrumentalmusik aus der Stadt da.

Eine Minute übergab der andern die Zucker-Streubüchse und das Flaschenfutter der Lust – die Gäste hörten und sahen immer weniger, und die Beichtkinder fingen immer mehr an zu hören und zu sehen und trieben sich gegen Abend wie einen Keil in die offne Pfarrtüre – ja zwei Jungen wagten es sogar, mitten im Pfarrhofe auf einem Brette, das quer über einem Zimmerbalken lag, sich auf- und niederzuschaukeln. – Der glimmende Nebel der zergangnen Sonne umrang draußen die Erde, der Abendstern blinkte über dem Pfarr- und Kirchhofe, niemand bemerkte es.

Inzwischen gegen neun Uhr hin – als schon die Hochzeitleute die Brautleute vergaßen und allein forttranken oder forttanzten, als die armen Menschen in diesem Sonnenschein des Schicksals, wie die Fische im andern, aus ihrem naßkalten Elemente aufschnalzten, und als der Bräutigam unter dem Stern des Glücks[148] und der Liebe, der wie ein Komet einen langen Schweif durch seinen Himmel warf, insgeheim seine mit ausgetrunknen Freudenbechern angefüllte Brust an seine Braut und an seine Mutter angedrücket hatte – – da riegelte er einen Schnitt Hochzeitbrot verstohlens in einen Wandschrank ein, in der alten abergläubigen Hoffnung, daß dieses Überbleibsel für die ganze Ehe Brot verbürge. Da er zurückkam mit größerer Liebe für die ewige Genossin seines Lebens: so begegnete ihm diese mit seiner Mutter, um ihm allein den Bräutigamsschlafrock und das Bräutigamshemde nach alter Sitte zu schenken. Manche Gesichter erblassen in heftigen Rührungen, selber in freudigen: Thiennettens Wachsgesicht lag auf dieser Wachsbleiche unter der Sonne des Glücks. O falle niemals ab, du Lilie des Himmels, und vier Frühlinge statt der vier Jahrszeiten schließen deine Blütenglocken der Sonne auf und zu! – Alle Polypenarme seiner Seele zuckten schwimmend auf dem Freudenmeer und wollten das zarte warme Herz der Geliebten umringen und es fest und weich umstrickt in seines ziehen ...

Er führte sie aus dem schwülen Tanzsaal in den kühlenden Abend. Warum legt der Abend, warum die Nacht heißere Liebe in unser Herz? Ists der nächtliche Druck der Hülflosigkeit, oder ists die erhebende Absonderung aus dem Lebensgewühle, die Verhüllung der Welt, worin der Seele nichts mehr bleibt als Seelen, ists darum, weswegen die Buchstaben, womit der geliebte Name in unserem Innern steht, gleich als wären sie Phosphorschrift, zu nachts brennend erscheinen, indes sie am Tage nur im bewölkten Umriß rauchen? –

Er ging mit seiner Braut in den Schloßgarten: sie eilte schnell durch das Schloß und vor dessen Gesindstube vorüber, wo die schönen Blumen des Jugendlebens unter einem langen Druckwerk breit und trocken gepresset wurden, und ihre Seele tat sich groß und atmend im freien offnen Garten auf, in dessen Blumenerde das Schicksal den ersten Blumensamen ihres heutigen Lebensflores ausgeworfen hatte. Stilles Eden! Grünes, mit Blüten zitterndes Helldunkel! – Der Mond ruht unter der Erde wie ein Toter; aber jenseits des Gartens sind der Sonne helle rote Abendwolken wie Rosenblätter abgefallen, und der Abendstern, der Brautführer der[149] Sonne, schwebt wie ein glänzender Schmetterling über dem Rosenrot und nimmt, bescheiden wie eine Braut, keinem einzigen Sternchen sein Licht.

Die zwei Menschen kamen an die alte Gärtners-Hütte, die zugeschlossen und stumm mit finstern Stuben im lichten Garten stand, wie eine Vergangenheit in der Gegenwart. Entblößtes Gezweig der Bäume verschränkte sich mit fetten halben Blättern über dem dichten, sich durchgreifenden Laubwerk der Stauden. Der Frühling stand als Sieger neben dem zu Füßen liegenden Winter. – Im blauen Teiche ohne Blut war ein dunkler Abendhimmel ausgegraben, und sein Abfluß wässerte rauschend die Beete. – Die Silberfunken der Sternbilder sprangen auf dem Altare des Morgens auf und fielen erloschen in das rote Meer des Abends nieder. – –

Der Wind schwirrte wie ein Nachtvogel lauter durch die Bäume und gab der Akazienlaube Töne, und die Töne riefen den Menschen, die in ihr einstmals glücklich wurden, zu: »Trete herein, neues Menschenpaar, und denk an das, was vergangen ist, und an mein Verwelken und an deines, und sei heilig wie die Ewigkeit, und weine nicht bloß vor Freude, sondern auch vor Dankbarkeit!« – Und der Weinende zog die Weinende unter die Blüten und legte seine Seele wie eine Blume an ihr Herz und sagte: »Beste Thiennette, ich bin unaussprechlich glücklich und möchte viel reden und kann doch nicht – ach, du Teuere, wir wollen wie Engel, wie Kinder zusammenleben. – Wahrlich alles will ich tun, was dich freuet; vor zwei Jahren hatt' ich ja nichts, gar nichts, ach durch dich, du Liebe, bin ich so glücklich. – Ich sage nun du, du, du liebe Seele!« – Sie zog ihn enger an sich und sagte, wiewohl ohne ihn zu küssen: »Sagen Sie nur du, Teuerster!«

Und als sie wieder aus der heiligen Laube in den magisch-dunkeln Garten traten, nahm er den Hut ab, erstlich um innerlich Gott zu danken, und zweitens weil er in den unaussprechlich schönen Himmel schauen wollte.

Sie kamen vor dem rauschenden leuchtenden Hochzeithause an; aber ihre erweichten Herzen suchten Stille auf, und fremdes Anstreifen störte, wie am blühenden Wein, die Blumen-Vermählung der Seelen: sie kehrten lieber wieder um und wandten sich[150] in den Gottesacker hinauf, um ihre Rührungen zu bewahren. Groß stand auf Gräbern und Bergen die Nacht vor dem Herzen und machte es groß. Über dem weißen Turm-Obeliskus ruhte der Himmel blauer und dunkler, und hinter ihm flatterte der abgedorrte Gipfel des niedrigern Maienbaums mit entfärbter Fahne. Da erblickte der Sohn das Grab seines Vaters, auf dem der Wind die kleine Türe des metallenen Kreuzes knarrend auf- und zuschlug, um das auf Messing eingeätzte Jahr seines Todes lesen zu lassen. – – Eine heiße Wehmut ergriff mit heftigen Tränenströmen sein losgerissenes Herz und trieb ihn an den verfallenen Hügel, und er führte seine Braut an das Grab und sagte: »Hier schläft er, mein guter Vater – schon im zweiunddreißigsten Jahre ging er hier ein zur ewigen Ruhe. – O du guter, teuerer Vater, könntest du doch heute die Freude deines Sohnes sehen wie meine Mutter! – Ach du bester Vater, deine Augenhöhle ist leer und deine Brust voll Asche, und du siehst uns nicht.« – Er verstummte. – Die bedrängte Braut weinte laut, sie sah die morschen Särge ihrer Eltern aufgehen und die zwei Toten sich aufrichten und sich umschauen nach ihrer Tochter, die so lange von ihnen verlassen auf der Erde blieb. – Sie stürzte an sein Herz und stammelte: »O Teuerer, ich habe weder Vater noch Mutter, verlaß mich niemals.«

O du, der du noch einen Vater oder eine Mutter hast, danke Gott an dem Tage dafür, wo deine Seele voll Freudentränen ist und eine Brust bedarf, an der sie sie vergießen kann ...

Und mit dieser edeln Umarmung am Grabe eines Vaters schließe sich heilig dieser Freudentag! –

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 4, München 1959–1963, S. 145-151.
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