Vierter Zettelkasten

[92] Ämter-Verschleiß – Entdeckung des versprochenen Geheimnisses – Hans von Füchslein


Indem nämlich der gewesene Quintus in seiner dampfenden Stube, dem Resonanzboden seiner Kinderjahre, auf- und ablief: kam der Ratsdiener mit einer Laterne und mit der Vokation, hinter ihm der Jäger der Frau von Aufhammer mit einem Briefchen und mit einer Stutzuhr. Die Rittmeisterin hatte den Ehrensold für seine Kanikularvermahnung am Krankenbette in ein Weihnachtsgeschenk verwandelt, das bestand 1) aus einer Stutzuhr, an der ein hölzerner Affe mit dem Glockenschlage vortrat und es nachtrommelte, wie viel Uhr es sei – 2) aus dem Konrektorat, das sie ihm ausgewirkt.

Da man auswärts über diese Vokation des Flachsenfinger innern[92] Rats gar nicht so geurteilt hat, wie man hätte sollen: so halt' ichs für meine Pflicht, für den gesamten Rat lieber hier eine Defension zu führen als im Reichsanzeiger. Ich habe schon oben im zweiten Zettelkasten erwähnt, daß der Stadtsyndikus mit Hamburger Lichtern und der regierende Bürgermeister mit Kaffeebohnen handelte, sowohl mit halben als mit gemahlnen. Der Kompagnie-Stichhandel aber, den sie gemeinschaftlich betrieben, war mit den acht Schulämtern; die andern Ratsglieder saßen nur als Ballenbinder, Ladendiener und Kontoristen in der Ratsschreibstube. Das ganze Rathaus ist überhaupt ein ostindisches Haus, wo nicht bloß Dekrete oder Vokationen, sondern auch Schuhe und Tücher feilgehalten werden. Eigentlich führet der Rat seine Ämterhandels Freiheit aus dem Grundsatze des römischen Rechtes her: cui jus est donandi, eidem et vendendi jus est, d.h. wer das Recht hat, eine Sache zu verschenken, der darf sie auch käuflich erlassen, wenn er mag. Da nun den Ratsgliedern offenbar das Recht zusteht, Ämter gratis zu erteilen: so muß sich wohl das, sie zu verkaufen, von selber verstehen.


Nur ein Extrawort über die Volationen-Agioteurs überhaupt


Ich sorge im ganzen, die Akademien-Produkten-Verschleiß Kommission28 des Staats betreibe den Ämterhandel schlaff. Wer aber anders als das gemeine Wesen muß am Ende leiden, wenn wichtige Posten nicht nach dem Kaufschilling, der für sie erleget wird, sondern nach Konnexionen, Verwandtschaften, parteiischen Empfehlungen und Bücklingen weggegeben werden? Ists nicht ein Widerspruch, Titularämter teuerer abzustehen als wirkliche? Sollte man nicht eher hoffen, daß der wirkliche Hofrat ums alterum tantum im Verhältnis des Titularhofrats versteigert werde? – Das Geld ist nun bei den europäischen Nationen das Äquivalent und der Repräsentant des Wertes aller Dinge und folglich des Verstandes, um so mehr, da ein Kopf darauf steht; die Kaufsumme des Amtes aufzählen, ist also nichts als ein examen[93] rigorosum aushalten, das nach einem guten Schema examinandi gehalten wird. Es umkehren und seine Geschicklichkeit statt deren Surrogate und Assignate und Münzen de confiance zeigen wollen, heißet nichts als den närrischen Philosophen in Gullivers Reisen gleich werden, die statt der Namen der Dinge die Dinge selber in Säcken getragen brachten zum gesellschaftlichen Verkehr; und das heißet doch klar in die Zeiten des Tauschhandels zurückfallen wollen, wo die Römer, anstatt des abgebildeten Ochsen auf ihren Ledermünzen, das Rindvieh selber vorführten.

Ich bin von allen solchen unrichtigen Maßregeln so weit entfernt, daß ich oft, wenn ich las, daß der König in Frankreich neue Ämter ersinne, um mit ihnen unter der Bude seines Baldachins feilzustehen, auf etwas Ähnliches dachte. Ich will es ruhig wenigstens vorschlagen und mich nicht darüber abhärmen, ob es die Staaten annehmen oder nicht. Da der Landesherr uns nicht vergönnt, die Ämter bloß zum Verkaufe zu vervielfältigen, weil er vielmehr Tag und Nacht (wie Regisseurs der wandernden Truppen) einem Staats-Akteur mehrere Rollen zudenkt, um zu den drei theatralischen Einheiten die vierte der Spieler zu setzen; da also das obige nicht geht: könnten wir nicht wenigstens einige Tugenden, die mit den Ämtern harmonieren, als Titel zugleich mit diesen verkaufen? – Könnte man nicht z.B. mit dem Amte eines Referendärs zugleich Titular-Unbestechlichkeit verkäuflich losschlagen, so aber, daß diese Tugend, als nicht zum Amte gehörig, besonders vom Kandidaten bezahlet würde? – Ein solcher Kauftitel und Briefadel könnte keinen Referendarius verunzieren. Man bedenkt nicht, daß ähnliche schöne Titel sonst alle Posten schmückten: der scholastische Professor schrieb sich damals (noch außer seinem Amtstitel) »der seraphische – der unwiderlegliche der scharfsinnige« – der König schrieb sich »der große – der kahle – der kühne – der einfältige« – und so auch der Rabbiner. Würd' es den Männern in den höhern Justizstellen unangenehm sein, wenn ihnen die Titel der Unparteilichkeit, der Schnelligkeit etc. so gut käuflich erlassen würden als die Posten selber? So könnte mit einer Kammerratsstelle die Tugend der Untertanenliebe schön[94] als Titel verknüpfet werden; und ich glaube, wenige Advokaten würden sich bedenken, sich den Titel der Rechtschaffenheit – so gut wie den gewöhnlichen der Regierungsadvokatie – anzuschaffen, wär' er anders zu haben. Wollt' indes ein Kandidat seinen Posten ohne die Tugenden haben: so ständ' es bei ihm, und der Staat dürft' ihn zu dieser Vexier-Moralität nicht zwingen.

Es kann sein, daß, wie nach Tristram Shandy Kleider, nach Walther Shandy und Lavater nomina propria auf den Menschen zurückwirken, appellativa es noch mehr tun, da ohnehin an uns, wie an den Schaltieren, sich der Schaum so oft zur Schale versteinert; aber diese Moralität ists nicht, worauf ein Staat sehen kann: wie bei den schönen Künsten ist nicht sie, sondern Darstellung sein wahrer Zweck.

Es wurde mir oben ordentlich sauer, für die verschiedenen Ämter mir verschiedene Verbaltugenden zu erdenken; aber ich sollte glauben, es wären noch viele dergleichen Abteilungen der Tugend (jetzt fällt mir selber noch der Freiheitsgeist, die Aufrichtigkeit und der gerade Sinn ein) auszukundschaften, wollte nur ein moralischer Staatsminister eine ordentliche Tugenddivisions-Kammer oder ein moralisches Adreß-Departement mit einigen Kanzelisten anstellen, die gegen geringen Gehalt die verschiedenen Tugenden für die verschiedenen Ämter ersännen. Ich würde an ihrem Platze ein gutes Prisma vor den weißen Strahl der Tugend halten, das ihn gehörig zersetzte. Zu wünschen wär' es, es beträfe Verbrechen – deren Subsubdivision nämlich –: so könnten Gerichtshalter dazu genommen werden. Denn in den Gerichtsstellen, wo nur niedere Gerichtsbarkeit und keine Strafe über 5 fl. fränkischer Währung stattfindet, haben sie ein tägliches Exerzitium, wie sie aus jedem Unfug mehrere kleinere machen wollen, wovon sie jeden niemals über 5 fl. bestrafen. Es ist dieses ein gutes moralisches Rolfinken, das die Juristen glücklich dem Sünden-Prosektor, dem heiligen Augustin, und seiner Sorbonne absahen, die beide in Adams Sündenapfel mehr Sünden einschnitten, als jener in einen Kirschkern Gesichter. Wie verschieden ist der Gerichtshalter vom päpstlichen Kasuisten, der die beste Todsünde durch Seitenschnitte in eine läßliche zu verdünnen weiß! –[95]

Schulämter (um auf diese zu kommen) sind zwar ein kleiner Handelsartikel; sie sind aber doch allemal Monarchien – Schulmonarchien nämlich –, die der polnischen Krone gleichen, die nach Popes Verse zweimal in einem Jahrhundert feilsteht, welches arithmetisch falsch ist, weil Newton die Regiments-Jahre im Durchschnitt auf zweiundzwanzig Jahre ansetzt. Ob übrigens der innere Rat die Stadtjugend einem Hamelschen Ratten- und Kinderfänger oder einem Weißeschen Kinderfreunde zuführe – das kann für den Rat keinen Unterschied machen, da der Schulmann kein Gaul ist, für dessen unsichtbare Mängel der Roßtäuscher zu haften hat. Es ist genug, wenn Stadtsyndikus et Compagnie sich nicht vorwerfen können, daß sie ein Genie ausgeklaubet haben; denn ein Genie würde, da es nur zur Zierde und Belustigung des Staates zu verbrauchen ist, allerdings den schlechtern, kältern Kopf verdrängen, der eigentlich der wahre Nutzen und Kuxe des Staates ist, so wie gute Lot- und Zahlperlen bloß zum Putze, schlechte Samenperlen aber zum Medizinieren dienen. Wenn überhaupt ein Schullehrer vermögend ist, seinen Scholaren auszuwichsen: so kann er im ganzen genug; und ich tadle es, daß die Oberexaminationskommission keinen Schulmann vor ihren Augen einige oder mehrere junge Leute aus seiner Klasse zur Probe prügeln lässet, um zu sehen, was an ihm ist.


Ende des Extrawortes über Vokationen-Agioteurs überhaupt


Nun wieder zur Geschichte! Die Rats-Bewindheber erkannten meinem Helden das Konrektorat nicht bloß des größern Lichte rund Bohnen-Absatzes wegen zu, sondern wegen einer ganz tollen Vermutung: sie glaubten nämlich, der Quintus verfahre bald Todes.

– Und hier steh' ich vor einem wichtigen Platze dieser Geschichte, in den ich bis jetzt niemand sehen lassen; jetzt aber kömmts nicht mehr auf meinen Willen an, die bisherige spanische Wand wegzuschieben oder nicht, sondern ich muß sogar Reverberierlaternen darüber aufhängen. Es ist nämlich in der medizinischen Geschichte etwas ganz Bekanntes, daß man in gewissen Familien gerade in einem Alter stirbt, wie man darin auch[96] in einem Alter (nämlich von neun Monaten) geboren wird; ja aus Voltaire entsinn' ich mich einer Familie, worin die Verwandten sich immer in demselben Alter entleibten. In der Fixleinischen Verwandtschaft war nun die Gewohnheit, daß die männlichen Aszendenten immer im zweiunddreißigsten Jahre am Kantatesonntag sich hinlegten und starben: es muß sichs jeder in sein Exemplar vom dreißigjährigen Kriege, weils Schiller gänzlich weggelassen, nachtragen, daß darin ein Fixlein an der Pest, einer am Hunger und einer an einer Flintenkugel starb, alle im zweiunddreißigsten Jahre. Wahre Philosophie erklärt sich das Faktum so: »Die ersten paar Male traf sichs nur zufälligerweise so; und die übrigen Male verstarben die Leute an der bloßen Angst: widrigenfalls müßte man das ganze Faktum lieber in Zweifel ziehen.«

Was machte aber Fixlein aus der Sache? – Wenig oder nichts: das einzige, was er tat, war, daß er sich wenig oder nicht befliß, sich in Thiennette zu verlieben, damit kein anderer seinetwegen in Angst geriete. Er selber aber schor sich aus fünf Gründen so wenig darum, daß er älter als der Senior Astmann zu werden verhoffte: erstlich, weil drei Zigeunerinnen in verschiedenen Orts und Zeiträumen, und ohne etwas voneinander zu wissen, darin zusammengetroffen hatten, daß sie ihn dieselbe Hauptallee langer Jahre in ihren Zauberspiegeln erblicken ließen – zweitens, weil er kerngesund war – drittens, weil sein eigner Bruder eine Ausnahme gemacht hatte und vor den Dreißigern ersoffen war – viertens darum: als kleiner Knabe wurd' er gerade an dem Kantatesonntage, wo man seinen Vater aufs Leichenbrett band, vor Kummer krank und nur durch sein Spielzeug geheilt; mit diesem Kantate-Siechtum aber glaubte er den mörderischen Genius seines Stamms recht gut abgefunden zu haben. Fünftens konnt' er, weil die Kirchenbücher und mithin die Gewißheit seines Alters zusammengebrennt waren, niemals in eine bestimmte tödliche Angst geraten: »Ich kann heimlich«, sagt' er, »schon über das Schelmjahr weggewischet sein, ohne daß es ein Henker gemerkt hat.« – Ich verhehl' es nicht, schon im vorigen Jahre dacht' er, er sei ein Zweiunddreißiger: »Sollt' ichs dennoch« (sagte er) »erst im künftigen[97] (1792) g. G. werden: so kanns so gut ablaufen wie im vorigen, und der Herr kann mich ja überall finden. Und wär' es denn unrecht, wenn die hübschen Jahre, die dem Leben meines Bruders abgebrochen wurden, meinem zugeschlagen würden?« – So sucht sich der Mensch unter dem kalten Schnee der Gegenwart zu erwärmen oder sich aus ihm einen schönen Schneemann zu kneten.

Hingegen die ratsherrliche Oligarchie fußete aufs Widerspiel und hob eben wie eine Gottheit den Quintus plötzlich aus der Quintei ins Konrektorat, weil sie darauf schwur, er erledig' es bald. Eigentlich hätte nach der Schul-Ancienneté dieser heilige Stuhl dem Subrektor Hans von Fuchslein gebührt; aber er mocht' ihn nicht, weil er Hukelumer Pfarrer werden wollte, zumal da Astmanns Todesengel nach sichern Nachrichten die Türe zu diesem Schafstall immer weiter aufschloß. »Treibts der Kerl noch höchstens ein Jahr, so ists viel«, sagte Hans.

Dieser Hans war so grob, daß es schade ist, daß er nicht ein kurhannöverischer Postbediente war, weil er dann durch das Mandat der hannöverischen Regierung, das alle Postämter zu feinen Sitten verwies, sich mit hätte umbessern können. Er war unserem armen Quintus, den kein Mensch anfocht und der wieder keinen Menschen haßte, allein aufsätzig, bloß weil Fixlein sich nicht Fuchslein schrieb und sich nicht mit ihm hatte adeln wollen lassen. Der Subrektor mußte auf seinem adeligen Triumphwagen, den die Vorspann von vier vorausgegebenen Ahnen zog, den Quintus, der mit ihm verwandt war, hinten in den Lakaienriemen des Wagens greifen sehen und ihn mit dem jämmerlichsten Aufzuge von der Welt zu dem Gefolge sagen hören: »Der da fährt, ist mein Vetter und ein Mensch, und ich erinnere ihn immer daran.« Der milde nachgiebige Quintus wurde die große Wespen-Giftblase im Subrektor gar nicht gewahr und nahm sie für den Honigmagen; ja durch seine brüderliche Wärme, die der Edelmann für Schein ansah, kochte er dessen giftigen Säfte nur noch dicker. Der Quintus sah aus Einfalt die Verachtung für Neid über seine pädagogischen Talente an.

Einen Katharinenhof – einen Annenhof – einen Elisabeth-,[98] Strahlen- und Petershof, alle diese russische Lustschlösser kann einer entraten (wenn nicht verachten), der eine Stube hat, worin er am heiligen Weihnachtsabend mit einer Vokation herumstreift. Der neue Konrektor wünschte sich nun nichts als – hellen Tag: Freuden (Sorgen nie) fraßen ihm wie Spatzen die Schlummerkörner weg, und heute trommelte ihm noch dazu der Rechnungsführer seiner frohen Zeit, der Uhr-Affe, alle Stunden vor, die er freudig verträumte, anstatt verschnarchte.

Am Weihnachtsmorgen erblickt' er seinen Lektionskatalog und machte nicht viel daraus: er wußte kaum, was er von seinem gestrigen närrischen Aufblähen über seine Quintur nun denken sollte: »Die Quintus-Stelle«, sagt' er zu sich, »kommt gegen ein Konrektorat in gar keine Betrachtung – mich wunderts, wie ich gestern damit stolzieren konnte vor meiner Veränderung – heute hätte ich doch eher Fug dazu.« Heute speisete er, wie an allen Sonn- und Festtagen, beim Metzgermeister Steinberger, seinem vormaligen Vormund. Fixlein war gegen ihn das, was gemeine Leute immer, was aber vornehme und philosophische und gefühlvolle selten sind – dankbar: der Mensch dankt desto weniger für fremde Geschenke, je geneigter er ist, eigne zu machen, und der Freigebige ist selten ein Dankbarer. Meister Steinberger hatte als Proviantmeister an den Drahtkäfig der Dachstube, worin Fixlein als Student in Leipzig hing, vollgedrückte Freßnäpfchen mit Kanarienfutter von Geräuchertem, von Hausbrot und Sauerkraut angesteckt. Geld aber war ihm niemals abzubetteln: es ist bekannt, daß er oft die besten Kalbshäute zu Stiefelleder für den Quintus zum Gerber gratis schickte; aber die Gerb-Kosten mußte der Mündel tragen. Als Fixlein kam, wurd' ihm wie allemal ein kleineres gemödeltes Tischtuch aufs grobe gedeckt – der Großvaterstuhl, ein silbernes Besteck und eine Weinsuppe gereicht; lauter Aufwand, der sich, wie der Vormund sagte, nur für einen Gelehrten schickte, aber für keinen Fleischer. Fixlein aß erst, eh' er entdeckte, daß er Konrektor geworden. »Mündel, wenn Er« (sagte Steinberger) »das geworden ist: so ists recht gut. – Siehst du, Eva, jetzt kauf' ich keinen Schwanz von deinen Kühen – ich muß es gerochen haben.« Er sagte seiner Tochter damit, daß er[99] den für die Schweizerei bestimmten Kaufschilling für das Konrektorat verwenden müsse: er streckte nämlich dem Mündel allezeit die Ämter-Spesen vor, zu 4 1/2 Prozent. Funfzig Gulden hatt' er dem Quintus schon zur Quintus-Werdung geliehen, die richtig verzinset werden mußten; an dem Zinstage aber bekam Fixlein allemal noch Geld heraus, weil er die Tochter des Vormundes alle Sonntage nach dem Essen im Rechnen, Schreiben und in der Länderkunde vornehmen mußte. Steinberger foderte mit Recht von seiner leiblichen achtzehnjährigen Tochter, daß sie alle Städte wissen sollte, worin er auf seiner Wanderschaft geschlachtet hatte; und wenn sie nicht aufpaßte, oder krumm schrieb, oder falsch subtrahierte: so stand er als akademischer Senat und Freischöppe hinter ihrem Stuhl und zackte sozusagen mit dem Zainhammer seiner Faust das im Rückgrat fortgesetzte Gehirn zur Kultur mit wenig Schlägen aus. Der sanfte Quintus hätte sie ohnehin nie geprügelt. Deswegen hatte sie ihm vielleicht mit einigen Blicken ihr Herz legiert und testiert. Der alte Fleischer hatte – eben weil seine Frau gestorben war – immer mit Grubenlichtern und Störstangen den Inhalt aller Winkel, die nur im Herzen einer Tochter liegen, ausgeforscht; und hatte daher längst das gemerkt – was der Quintus niemals merkte –, daß sie letztern haben wolle. Mädchen verstecken ihren Kummer leichter als ihre Freuden: heute war Eva über das Konrektorat ungewöhnlich rot geworden.

Als sie heute nach dem Essen den Kaffee holte, den der Mündel bis auf den Bodensatz austrinken mußte – »ich schlage meine Eva tot, wenn sie ihn nur anleckt«, sagte er –: so sagt' er zu Fixlein: »Hör' Er, Herr Mündel, hat Er niemals ein Auge auf meine Eva geworfen? – Sie kann Ihn leiden, und wenn Er sie will, kriegt Er sie, aber wir sind geschiedene Leute: denn ein gelehrter Herr braucht eine ganz andere.« –

»Herr Regimentsquartiermeister«, sagte Fixlein (denn diesen Posten bekleidete Steinberger bei der Landmiliz), »eine solche Partie wäre ohnehin viel zu reich für einen Schulmann«, Der Quartiermeister nickte mit dem Kopfe siebenzigmal und sagte zur wiederkehrenden Eva, indem er ein Krummholz, woran er Kälber aufspreizte und aufhing, vom Gesimse nahm: »Bleib stehen![100] – Höre, willst du gegenwärtigen Herrn Konrektor zu deinem Ehegemahl haben?« – »Ach du großer Gott!« sagte Eva. »Du magst ihn nun wollen oder nicht,« fuhr der Metzger fort, »so schlägt dir dein Vater mit dem Krummholz das Gehirn ein, wenn du nur an einen gelehrten Herrn denkst – mach jetzt seinen Kaffee.« So war durch das Trennmesser des Krummholzes leicht eine Liebe zerschlagen, die in einem höhern Stande durch dieses Dazwischenschlagen mit dem Schwerte nur desto mehr geschäumet und gegischet hätte.

Fixlein konnte nun zu jeder Stunde 50 fl. fränkisch erheben und den pädagogischen Reichsapfel ergreifen und Koadjutor des Rektors, d.h. Konrektor werden. Man kann annehmen, daß es mit den Schulden wie mit den Verhältnissen in der Baukunst ist, von denen Wolf erwies, daß die die schönsten sind, die sich mit den kleinsten Zahlen ausdrücken lassen. Inzwischen griff der Quartiermeister Gelehrten willig unter die Arme: denn die Meinung, daß der Schuldner im zweiunddreißigsten Jahre sterben und daß so dem Tod als Gläubiger in der ersten Klasse die Schuld der Natur eher bezahlet werde als andern Kreditoren die ihrigen, o diese Meinung nannt' er Viehdummheit und Narretei; er war weder aber- noch rechtgläubig und handelte nach festen Grundsätzen, die der gemeine Mann weit öfter hat als der prahlende Literatus und der öde weiche Große.

Da ich nur einzelne helle Marientage – warme Walpurgisnächte – höchstens bunte Rosenwochen aus dem in Alltagsschlacken vererzten Leben Fixleins wie Silberadern scheide und sie für den Leser poche, schmelze und glätte: so muß ich jetzt mit dem Bache seines Lebens gehen bis an den Kantatesonntag 1792, bevor ich einige Handvoll Goldkörner zur Wäsche in diese biographische Goldhütte tragen kann. Dieser Sonntag hingegen ist sehr goldhaltig: man denke nur daran, daß Fixlein doch nicht weiß (weil die Asche der Kirchenbücher unleserlich ist), ob er da nicht ins zweiunddreißigste Jahr einlaufe.

Von Weihnachten bis dahin tat er weiter nichts, als daß er Konrektor wurde. Der neue Katheder war ein Sonnenaltar, auf dem sich aus der Quintus-Asche ein junger Phönix zusammenzog.[101] Große Veränderungen verjüngen – in Ämtern, Ehen, Reisen –, weil man das Leben allezeit von der letzten Revolution an datiert, wie die Franzosen von der ihrigen an. Ein Obrist, der in die Wesenleiter der Ancienneté den Fuß als Korporal eingesetzet hatte, ist fünfmal jünger als ein König, der in seinem Leben nichts weiter war als ein – Kronprinz.

28

Entlehnt von der k. k. Bergwerks-Produkten-Verschleiß-Kommission in Wien; sogar in Namen zeigt der Wiener Geschmack.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 4, München 1959–1963, S. 92-102.
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