74. Zykel

[398] Die Siegel von den inrotulierten Akten der bisherigen Geschichte zur Einsicht abnehmen – oder die blinden Fenster derselben ab und die wahren aufreißen – oder so viele bedeckte Wege und Wagen aufdecken – oder endlich die ganze Sache – – das sind lauter Metaphern – und die unähnlichsten dazu –, welche zu nichts dienen können, als die lang' erwartete Auflösung, welche[398] sie beschreiben wollen, nur noch länger und verdrüßlicher aufzuhalten; vielmehr, glaub' ich, wird besser der ganze Kriegs- und Friedensetat im ministeriellen Palaste sogleich frei entblößet wie folgt:

Herr von Froulay war, wie schon gedacht, mit einem belle-vue im Gesicht und mit einem mon-plaisir im Herzen (falls diese Wendungen nicht mehr gesucht als ausgesucht scheinen) von Haarhaar nach Hause gekommen. Er sagte seiner Frau offen, was ihn bisher so lange aufgehalten und bezaubert, – die künftige Fürstin, die für ihn mehr als gewöhnliche Neigung gefasset habe. Er warf ein volles, prahlendes Licht auf ihren bereicherten Verstand – weiter lobt' er an Frauen nichts129 –, so wie einen schwachen Streifschatten auf der seinigen ihren; und schätzte sich glücklich mit der Eroberung einer Person, deren feine, fortgesetzte Koketterie (sagt' er) er seines Orts als Muster empfehlen könne, und deren Neigung er, das verhehl' er gar nicht, auf halbem Weg erwidere, aber nur auf halbem, da der Herzog von Lauzun130 so wahr behaupte: um die Liebe von Prinzessinnen zu behalten, so halte man sie nur recht hart und kurz. Im alten Manne schießet sonach, wie wir sehen, ganz spät – nicht ungleich den frischen Zähnen, die oft Greise erst als Neunziger trieben – ein Liebhaberherz unter dem Stern an; allein es ist mehr zu wünschen als zu hoffen, er werde dabei sonderlich den Lächerlichen spielen. Denn da er die ganze Woche das Steuerruder des Staats entweder auf der Ruderbank, um es zu bewegen, oder auf der Schnitzbank hält, um es für den Fürsten fein und leicht zuzuschnitzen: so ist er Sonnabends so müde, daß ihn kein Virgil und kein Gewitter bereden könnte – und hätt' er nicht mehr Schritte dahin als Virgils Hexameter Füße oder Moses Gebote –, eine Dido aus dem Sturm in die nächste Höhle zu begleiten. Er tuts nicht. Ebenso frei wie von sinnlicher Liebe bleibt er von sentimentalischer und weinerlicher, zumal da er besorgt, daß diese ihn am Ende in jene verflechte, weil sie wie ein Mollton eine ganz andere Tonleiter[399] hat rückwärts- als hinaufwärtssteigend. Das Ironische und Stachlige am Mann machte ihm wie andern Weltleuten jede Vermählung – auch die der Seelen – am Ende so sauer als den Igeln die Stacheln die ihrige. Er hebt also in Zukunft für die Fürstin nur eine kalte, politische, kokette, höfliche Liebe auf, wie sie wohl selber hat und wie er braucht, um weniger sie als von ihr zu erobern, und zuerst den ganzen Fürsten. Ich verspreche mir Welt-Leser, die hoffentlich keine Beleidigung für diesen in Froulays Neigung für jene finden; denn sobald nur einmal der Hofprediger die kopulierende Hand auf die Fürstin gelegt, so hat dieser Haushofmeister gleichsam den Schnitt131 in die Pfauhenne getan, und sie kann dann unangerührt abgehoben und an andern Orten verspeiset werden.

Ich habe im zweiten Bande schon die Besorgnis der Ministerin mitgeteilt, daß der Minister, wenn er (in diesem) wiederkäme und Liane nicht zu Hause fände, keifen würde; aber wider Erwarten genehmigte er; ihr Gebrauch des Dorfluft-Bads schlug recht in seine Absicht ein, sie ins Dampfbad der Hofluft zu treiben. Er sagte der Mutter, es sei ihm nicht mißfällig, daß sie sich jetzt gar ausheile, da die neue Fürstin sie zu ihrer Gesellschaftsdame erlesen werde auf sein Wort. Er konnte nicht drei Minuten einen Zepter oder ein Zepterlein neben sich liegen sehen, ohne dessen Polarität für sich zu probieren und damit etwas entweder zu ziehen oder zu stoßen. Wie der berühmte Gottesgelehrte Spener – ein Vorfahr des unsrigen – so schön täglich zu Gott dreimal für seine Freunde bat: so findet man mit ähnlicher Freude, daß der Hofmann bei seinem Gotte, dem Fürsten, täglich ein wenig für seine Freunde bittet und etwas haben will.

Die Ministerin, gegen seine wechselnden Plane nie im Entwerfen, sondern erst im Ausführen kriegend, vertrug sich mit seinem neuesten leicht, weil er wenigstens mit dem alten der Bouverotischen Verlobung eben in keiner helfenden Gemeinschaft zu stehen schien.[400]

Eines Abends landete leider der fatale, ängstliche Lektor – der das kleinste Visitenblatt an eine Fuldaische Geschichtskarte anklebte – vor ihr mit seinem Postschiff an und stieg mit den Staats- und Reichsanzeigen von ihren beiden Kindern unter beiden Armen – unter jedem hatt' er eines – ans Land; und doch warum fahr' ich über den Mann her? Konnte ein Doppelroman, zumal im Freien gespielt, verborgner bleiben als sonst ein einfacher?

Ihr Erstaunen kann nur mit dem größeren ihres Gemahls verglichen werden, der zufällig im dritten Zimmer sein blechernes Ohr – von Schropp aus Magdeburg –, um auf die Bedienten zu horchen, eingeschraubt hatte, und der jetzt manches vernahm. Doch hatte das Doppel-Ohr von Augustis leisen Hoflippen nur einzelne, lange, eigne Namen, wie Roquairol und Zesara, mit den weiten Maschen seines Nachtgarns aufgefischt. Kaum war der leise Lektor hinaus, so trat er mit dem Ohr in der Hand froh ins Zimmer herein und foderte ihr einen Bericht von den Berichten ab. Er hielt es unter seiner Würde, je seinen Argwohn – der sich auch in der freundlichsten und frohesten Laune seine Argusohren und – Augen nicht zumachen ließ – oder sein Horchen nur mit einer Silbe oder Schamröte zu verkleistern oder zu decken; die schönen Lilien der ungefärbtesten Unverschämtheit waren ihm nicht aufgemalt, sondern eingebrannt. Die Ministerin ergriff sogleich die weibliche Partei, die Wahrheit zu sagen – zur Hälfte; nämlich die angenehme von Roquairols gut aufgenommenen Annäherungen zum Wehrfritzischen Hause, dessen Landgut und Landschaftsdirektorat recht anpassend dem Schwiegervater angegossen waren. Indes hatte dieser in der Gattin Antlitz den Trauerrand um dieses frohe Notifikationsschreiben viel zu klar und breit gesehen, um sich nicht nach dem vortönenden Wort Zesara, das sein zarthöriger Blech-Sucher auch mit aufgefasset, obwohl vergeblich zu erkundigen; denn die Mutter hatte ihre fromme Tochter zu lieb, um ihr diesen Wolf in ihr Eden nachzuhetzen; sie hoffte sie daraus auf eine sanftere Art durch Gottesstimme und Engel zu bringen; und umging seine Frage.

Aber der Wolf rannte nun auf seiner Fährte weiter; er bekam Darmgicht – so wurde dem Doktor Sphex gesagt –, foderte von[401] diesem schnelle Hülfe und auch einige Nachrichten von seinem Mietsmann, dem Grafen. Herr und Madame Sphex waren ohnedies dem aufgeblasenen Jüngling so gram – durch ihre ausgeschickten vier Kinder, als enfants perdus in jedem Sinn, als vier Gehörknochen jeder Stadt-Sage, war viel von Blumenbühl und Lilar auf Avisjachten heimzubringen. – – Kurz die Gehörknochen griffen in fremde so gut ein, daß Froulay in einigen Tagen imstande war, mit seiner Lilienstirn bei der Griechin nach einem Briefe an seinen Sohn zu fragen, den er mitnehmen wolle.

Er fand einen, den er recht freudig erbrach, ohne doch etwas von Albanos oder Lianens Hand darin zu finden, ausgenommen einige dumme Anspielungen Rabettens auf jenes Paar, welche für den Minister so viel waren, als hätt' er mit seinen scharfen Mautners-Suchnadeln in Lianens Herz gebohrt und darin auf das konterbande getroffen. Ohne langes knechtisches Kopieren des vorigen Siegels setzte er das zweite auf den Brief und ging erleuchtet davon.

Wir können ihm alle nachfolgen, wenn wir uns nur wenige Minuten zu seiner Rechtfertigung aufgehalten haben bei meinem


Schutz- und Stichblatt für das zweite Briefsiegel in Staatssachen.


Ob dem alten Froulay das Examinatorium fremder Briefe als Minister oder als Vater zustehe – wiewohl dieser jenen, der Landesvater jeden andern Vater und seinen eignen dazu voraussetzt –, das will ich nicht entscheiden, außer durch die eben hergesetzte Parenthese. Der Staat, der die Postpferde vor die Briefe spannt, hat, scheint es, das Recht, diesen nicht sowohl blinden als blind machenden Passagieren genauer unter das geschlossene Siegel-Visier zu sehen, um zu wissen, ob er nicht seinen Feinden Pferde vorlege. Der Staat, ein immer ziehender Lichtmagnet, will ja nur Licht in der Sache und besonders Licht über alles Licht überhaupt; er verlangt nur die Wahrheit ganz nackt, ohne Couvert; alles, was durch seine Tore reitet und fährt, soll nur, sei es auch in ein Couvert gekleidet, den roten Mund aufmachen und sagen, was für Name und für Geschäfte. –[402]

Da der gemeine Soldat seine Briefe vorher seinem Offizier vorweisen muß – der Bastillen-Garnisonist seine dem Gouverneur der Mönch seine dem Prior – der amerikanische Kolonist seine dem Holländer132 (damit er sie verbrenne, wenn sie über ihn klagen) –: so kann wohl kein Staatsmann, er mag nun den Staat für eine Kaserne – oder für eine Engelsburg – oder für ein monasterium duplex – oder für eine europäische Besitzung in Europa ansehen, ihm das Recht absprechen, sich alle Briefe so offen zu erhalten, wie Fracht-, Adelskauf- und Apostelbriefe es sind. Der einzige Fehler ist bloß, daß er die Briefe nicht eher vorbekommt als zugepicht und zugesperrt; das ist unmoralisch genug; denn es nötigt die Regierung, auf- und zuzumachen – den Brief aus der Scheide zu ziehen und in sie zu stecken, wie der Koch mühsam die Schnecke aus ihrer Schale drehet und dann, sobald sie vom Feuer weg ist, in diese wieder zurückgeschoben aufsetzt.

Letzteres ist der Punkt und Hauptwind, der uns weiterzuführen hat. Denn so allgemein es auch anerkannt, so wie Observanz sei, daß die Regierung aus demselben Grunde, woraus sie den letzten Willen öffnet, auch jeden vorvorletzten und endlich den ersten müsse früher entsiegeln können als der Erbe desselben – und daß ein Fürst noch viel leichter Diener-Briefe in dieselbe Entzifferungskanzlei (und in ihr Vorzimmer, die Entsieglungskammer) müsse ziehen können, worin Fürsten- und Legatenbriefe aufgehen vor der Springwurzel –: so ist doch das Korkziehen der Briefe – das Koppelsiegel – das Vikariatsiegel – das mühsame Nachmachen des L. S. oder Loco Sigilli etwas sehr Verdrüßliches und beinahe Abscheuliches; aus dem Unrecht muß daher ein Recht gemacht werden durch gesetzliche Wiederholung.

Etwas davon würde, hoff' ich, sein, wenn befohlen würde, die Briefe nur auf Stempelpapier zu schreiben; ein dazu eingesetztes Schau- und Stempelämtchen läse dann vorher alles durch.

Oder man könnte die Pitschafte, als Münzstempel für Privatmünzen, nicht mehr zulassen. Es schlüge sich dann eine Siegel-Kammer[403] mit großen Rechten ins Mittel und verpetschierte, wie jetzt den Nachlaß der Verstorbnen, alsdann der Lebendigen ihren.

Oder – was vielleicht vorzuziehen – eine Brief-Zensur müßte anfangen. Ungedruckte Zeitungen, nouvelles à la main, nämlich Briefe, können, weil sie noch größere Geheimnisse austragen, nie eine größere Zensurfreiheit fodern, als gedruckte Zeitungen genießen; besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein umherrennender Zirkelbrief wird. Ein Katalog verbotener Briefe (index expurgandarum) wäre dann für den Korrespondenten immer ein Wort.

Oder man vereide die Postmeister, daß sie treue Referendarien alles dessen werden, was sie Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen, die sie vor deren Abgang auf die geistige Briefwaage gelegt und mit der Hoffnung wieder zugemacht, sie nach dem Leibnizischen Prinzip des nichtzuunterscheidenden Siegels weiterzuschicken.

Findet der Staat alle diese Wege, Briefe zu lesen und zu schließen, neu und hart: so mag er auf seinem fortfahren, sie aufzumachen.


*


Lachend flog Froulay zur Frau und beteuerte, ihre Falschheit gegen ihn sei ihm gar nichts Neues – ihren gegenwärtigen Plan, bloß um dem Herrnv. Bouverot und ihm entgegenzuarbeiten, versteh' er ganz wohl – daherhabe Rabetteherein-, die Tochter hinausgemußt inzwischen woll' er der Heuchlerin und Betschwester, und wer es sei, zeigen, daß sie nicht bloß eine Mutter habe, sondern auch einen Vater. – »Sie muß sogleich herein; je la ferai damer133, mais sans vous et sans Mr. le Comte«, beschloß er mit Anspielung auf die Hofdamenstelle.

Aber die Ministerin fing – gemäß ihrer harten Verachtung gegen seine Projekte und Kräfte – mit jener Kälte, die jeden Warmen mehr erbittert hätte als diesen Kalten, an, ihm zu sagen, daß sie Lianens und des Grafen Liebe noch mehr mißbilligen und[404] bekriegen müsse als er – daß sie bloß im zu weit getriebenen und sonst nie widerlegten Vertrauen auf Lianens offne Seele lieber ihr als sich geglaubt und sie bei so manchen Zeichen der Neigung Albanos nach Blumenbühl gelassen – daß sie aber ihm ihr Wort hier gebe, mit gleichem Feuer gegen den Grafen zu wirken wie gegen den deutschen Herrn, und daß sie, so wie sie Lianen kenne, des schönsten leichten Erfolges fast versichert sei.

Allerdings war ihm das unerwartet und – unglaublich, zumal nach dem vorigen Verschweigen; nur die feinste Männerseele sondert in der weiblichen die zusammenlaufenden Grenzen der Selbsttäuschung und der willkürlichen Täuschung ab, der Schwäche und des Trugs, des Zufalls und des Entschlusses; die Ministerin ohnehin gehörte unter die Weiber, die man erst lieben muß, um sie zu kennen, was sich sonst umkehret. Er akzeptierte auf der einen Seite gern das Bekenntnis der Beistimmung und Mitwirkung – bloß um es künftig als Waffe gegen sie zu wenden –; konnt' aber auf der andern ihr nicht verbergen, daß sie also wieder (so sprach er stets) nach eignem Geständnis über ihre Kinder aus Mangel an Argwohn fehlgesehen habe. Er behielt die Gewohnheit bei, auf eine offenherzige Seele, die ihm ihre Lücken zeigte, durch diese Lücken, als hab' er sie selber gebrochen, gewaffnet einzudringen. Das Beichtkind, das vor ihm um Vergebung kniete, drückt' er tiefer nieder und zog statt des Löseschlüssels den Hammer des Gesetzes hervor.

Ich bin hier den Spaniern, die mich einst aus schlechten Übersetzungen kennen lernen, und der österreichischen goldnen Vliesritterschaft, die vielleicht das Original im Nachdruck lieset, es schuldig, die Ursachen anzugeben, warum nicht das Froulaysche Haus Freudenfeste – statt Hoftrauer – ansagen ließ bei dieser Annäherung ihres Ordenssohnes, eines spanischen Großen, der oft einen deutschen Fürstenzepter als Elle an sich legt. – Denn jeder Spanier muß sich bisher darüber gewundert haben.

Ich antworte jeder Nation. Die Froulays hatten gegen die Verbindung erstlich nichts als die – Gewißheit der Trennung; da aus demselben Grunde, den mir die Vliesritter und Spanier entgegengesetzt, der alte Gaspard de Cesara auf keine Weise eine Brücke[405] zwischen seinem Gotthard und der Jungfrau kann schlagen lassen. Zweitens konnte eben darum der Minister dieser romantischen Liebe eine viel ältere, weisere, die er für den deutschen Herrn und dessen Gelder und Liaisons trug, entgegenstellen, so wie des Vliesritters alten Groll. Drittens hatte die Ministerin außer denselben Gründen – und außer einigen für den Lektor vielleicht – noch einen ganz entscheidenden, und der war: sie konnte den Grafen nicht ausstehen; nicht bloß allein darum, weil sie eine harte Ähnlichkeit zwischen ihm und ihrem Sohne und sogar Gemahle ausfand im Stolze, im Aufbrausen, in genialischer Wildheit gegen arme Eheweiber, im Mangel an religiöser Demut und Gläubigkeit, sondern sie konnte ihn vorzüglich deshalb nicht gut ausstehen, weil sie ihn nicht – leiden konnte. Wie das System der Prädestination einige Menschen zur Hölle verurteilt, sie mögen nachher den Himmel verdienen oder nicht: so nimmt eine Frau den Haß, zu welchem sie jemand einmal verdammte, nicht wieder zurück, es mögen Land und Stadt, Gott, die Jahre und der Person Tugenden dagegen sagen, was sie wollen.

Im Friedensschlusse des gewöhnlichen Zimmerkriegs wurden zwischen den Eheleuten diese geheimen Artikel ausgemacht: der Graf muß des Vaters und des Direktors wegen mit höflichster Achtung behandelt und beiseite geschoben werden – und Liane sanft und langsam von Wehrfritzens Hause abgelöset – die ganze Scheidung des Verlöbnisses muß ohne elterliche Einmischung bloß durch die abspringende Tochter selber zu geschehen scheinen – und alles ein Geheimnis bleiben. Froulay hoffte, vor Lianens früherem Verlobten, dem deutschen Herrn, den ganzen Zwischenakt geheimzuhalten, da er zumal jetzt im August mehr an den Spieltischen der Bäder als zu Hause war.

So blieb es; und in dieses kalte, schauerliche Geklüft zog die freundliche Liane hinein, als sie an jenem lebenswarmen Sonntag das selige, offne Lilar verließ. Geläutert und geheiligt von der Freude – denn jeder Himmel wurde ihr ein reinigendes Fegefeuer –, kam sie edel an die Mutterbrust, ohne den fremden Ernst des Empfangs zu merken vor eignem. Ihr leichtes Geständnis der Gartengesellschaft öffnete die harte Szene – fast in der Kulisse.[406] Wenn die Mutter, die anders anfangen wollte, mußte sogleich auf den Donnerwagen steigen, um gegen das unbegreifliche Vergessen der weiblichen Schicklichkeit zu blitzen und zu donnern; und doch hielt sie die Donnerpferde mitten im Laufe inne, um Lianen sogleich, da der Minister jede Minute kommen konnte, das Verschweigen der heutigen Gartengesellschaft aufzulegen. Nun warf sie den tiefsten Schlagschatten auf ihre bisherige stumme Falschheit gegen eine Mutter; denn sie verlegte die Säe und Blütezeit dieser Liebe eigenmächtig schon in die Tage vor der Reise aufs Land. Wie erschrak die warme Seele über die Möglichkeit einer solchen Lieblosigkeit! Sie führte, so weit sie nur konnte, die Mutter den reinen, lichten Perlenbach ihrer Geschichte und Liebe hinauf und sagte alles, was wir wissen, aber ohne sehr zu befriedigen, weil sie gerade die Hauptsache ausließ; denn aus Schonung gegen die Mutter mußte sie die erscheinende Karoline, die anfangs die Bilderstürmerin ihrer Liebe und dann die begeisternde Muse und Brautführerin derselben gewesen, mit dem Totenschein der Zukunft in der Erzählung unsichtbar bleiben lassen.

Sie hielt mit inbrünstigem Druck die mütterliche Hand unter immer frohern Versicherungen, wie sie ihr hab' immer alles sagen wollen; sie dachte hoffend, sie brauche nichts zu retten als ihr offnes Herz. O, du hast mehr zu retten, dein warmes, dein ganzes und lebendiges! – Die Mutter tadelte nun, ihr aus alter Gewohnheit halb glaubend, nichts weiter als die ganze Sache, ihre Unschicklichkeit, Unmöglichkeit, Tollheit. »O, gute Mutter,« (sagte Liane bloß immer sanft unter dem harten Abmalen des künftigen Albano) »o, so ist er nicht, gewiß nicht!« – Ebenso sanft sah sie über das mit schwarzen Strichen vorgezeichnete Nein Don Gaspards weg, weil für ihren Glauben die Erde nur ein im Äther hängender, blühender Grabeshügel war: »Ach,« (sagte sie, ihre Erden-Eile meinend) »unsere Liebe ist so wichtig nicht.« Die Mutter nahm dieses Wort und den ganzen sanften Widerstand für Vorspiele des leichten Siegs.

Jetzt ging Albanos Schwiegervater herein, mit einer Heerpauke Sturmglocke, Feuertrommel und Klapperschlange im[407] Gürtel, um sich damit vernehmlich zu machen. Zuerst fragt' er – er hatte vergeblich gehorcht – ganz erboset die Ministerin, wohin sie sein Ohr versteckt habe – (es war das blecherne Koppelohr, worin sich, wie in einem venezianischen Löwenkopfe, alle Geheimnisse und Anklagen der ganzen Dienerschaft und Familie sammleten) – jetzt brauch' ers ein wenig, zumal seit den neuesten »Avanturen der frommen Tochter da!« – Die Siamer Ärzte fangen die Heilung eines Patienten damit an, daß sie ihn mit Füßen treten, welches sie Erweichen nennen. Auf ähnliche Art erweichte Froulay gern zur moralischen Vor-Kur; und begann daher sich, mit den gedachten Sprachmaschinen im Gürtel, deutlich zu erklären über umschlagende Kinder – über deren Ränke und Schliche – und über Liebschaften hinter Väterrücken – (so daß kein Vater einen Band Liebesgedichte vorn mit der Prosa-Vorrede begleiten kann) – versah vieles mit den stärksten politischen Gründen, die sich alle auf ihn selber und seinen Nutzen bezogen – und schloß mit einigen Verfluchen.

Liane hörte ihn ruhig, und an solche wie am Gleicher täglich wiederkehrende Gewittergüsse schon gewohnt, ohne andere Bewegung an, außer daß sie oft das niedergeschlagne Auge zu ihm bedauernd aufhob aus zärtlichem Mitleiden mit dem väterlichen Mißvergnügen. In der Stille wurd' er am lautesten: »Sie sorgen dafür, Madame,« (sagt' er) »daß sie morgen vormittags dem Grafen, was sie von ihm hat, samt dem Abschied schickt und ihm ihr neues Amt als eine leichte Entschuldigung notifiziert – du wirst Hofdame bei der regierenden Fürstin – ob du gleich es nicht wert warest, daß ich für dich arbeitete.«

»Das ist hart«, rief Liane, mit zerbrechendem Herzen an ihre Mutter fallend. Er glaubte, sie meine die Trennung von Albano, nicht die von der Mutter; und fragte zornig: warum? – »Vater, ich will so gern« (sagte sie und wandte nur ihr Angesicht aus der Umarmung) »bei meiner Mutter sterben!« Er lachte, aber die Ministerin machte selber den Flammen, die er noch wollte herausschlagen lassen, die Höllenpforte zu und versicherte ihn, es sei genug, Liane werde gewiß ihren Eltern gehorchen, und sie selber wolle dafür Bürge sein. Der Gesetzprediger stieg seine[408] Kanzeltreppe mit einem vernehmlichen Stoßgebet um eine bessere Bürgschaft und unter dem Zurückrufen herab, sein Ohr müsse morgen her, und soll' ers in allen Schränken selber suchen.

Die Mutter schwieg nun und ließ die Tochter sanft an ihrem Halse weinen; beiden war nach dieser Seelen-Dürre der Trank der Liebe Erfrischung und Arzenei. Sie ließen einander ausgeheitert aus den Armen los, aber beide mit ganz irrenden Hoffnungen.

129

Bei den Ägyptern waren die Zauberer nur Gelehrte, bei ihm die Gelehrten Zauberinnen.

130

Mémoires secrets sur les règnes de Louis XIV etc. par Duclos. T. I.

131

Bekanntlich wird ein Schnitt in einen ganzgebliebenen Vogel etc. zum Zeichen gemacht, daß er auf der fürstlichen Tafel gewesen, damit er nicht wieder aufgesetzt werde, sondern sonst genossen.

132

S. Klockenbrings gesammelte Aufsätze.

133

Damer oder zur Dame machen mußte der König vorher ein unverheiratetes Mädchen von Stande, eh' es nach Versailles an den Hof gehen durfte.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 398-409.
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