97. Zykel

[539] Lange blieb Albano im Nebenzimmer stumm. Der Vater überließ ihn der heilenden Stille. Schoppe wartete auf ihn geduldig, um ihn tröstend anzusehen und anzuhören. Endlich hörten sie ihn darin heftig beten: »Liane, erscheine mir und gib mir den Frieden!« Gleich darauf trat er stark und frei wie ein entketteter Riese heraus, mit allen Blut-Rosen auf seinem Gesicht – mit Blitzen in den Augen – mit hastigem Schritt. »Schoppe,« (sagt' er) »komm mit auf die Sternwarte, es hängt am Himmel ein heller, hoher Stern, auf dem wird Sie begraben; ich muß das wissen, Schoppe!«

Die edle Seele lag in der gewaltigen Hand des Fiebers. Er wollte mit ihm hinaus, als er den Ritter erblickte, der ihn starr[539] anschaute. »Erstarre nur nicht wieder, mein Vater!« sagt' er, umarmte ihn nur leise und vergaß, was er gewollt.

Schoppe holte den Doktor Sphex. Albano ging wieder in sein Zimmer und langsam darin mit gesenktem Haupt, mit gefalteten Händen auf und ab und redete sich tröstend zu: »Warte doch nur, bis es wieder ausschlägt.« – Sphex kam und sah und – sagte, »es sei ein einfaches entzündliches Fieber«. Aber keine Gewalt brachte ihn dahin, sich für das Bette oder nur für eine Ader-Wunde zu entkleiden. »Wie?« (sagt' er schamhaft) »Sie kann mir ja zu jeder Stunde erscheinen und den Frieden geben – nein, nein!« Der Arzt verschrieb einen ganzen kühlenden Schneehimmel, um damit diesen Krater vollzuschneien. Auch diesen Kühlungen und Frost-Zuleitern weigerte der Wilde sich. Aber da fuhr ihn der Ritter mit der ihm eignen donnernden Stimme und mit dem Grimm des Auges an, der das immerwährende, aber bedeckte Zornfeuer der stolzen Brust verriet: »Albano, nimm!« – Da besann und fügte sich der Kranke und sagte: »O, mein Vater, ich liebe dich ja!«

Durch die ganze Nacht, deren Wächter und Arzt der treue Schoppe blieb, spielte der wahnsinnige Körper seine glühende Rolle fort, indem er den Jüngling auf- und abtrieb und bei jedem Ausschlagen der Glocken betend niederzuknien zwang: »Liane, erscheine doch und gib mir den Frieden!« Wie oft hielt ihn der sonst Zeichen-arme Schoppe mit einer langen Umarmung fest, um nur dem Umhergetriebnen eine kurze Ruhe zuzuspielen. Unbegreiflich waren am Morgen dem Arzte die Kräfte dieser eisernen und weißglühenden Natur, die Fieber, Pein und Gehen noch nicht gebogen hatten, und auf welcher alle verordnete Eisfelder trocken verzischten; – und fürchterlich erschienen ihm die Folgen, da Albano noch immer sein Selbst-Mordbrenner blieb und bei jedem Stunden-Schlage auf den Knien nach der himmlischen Erscheinung lechzete und blickte.

Aber sein Vater überließ ihn wie eine Menschheit den eignen Kräften; er sagte, er sehe mit Vergnügen eine solche seltne ungeschwächte Jugendkraft und sei gar nicht in Furcht; auch ließ er ungestört alles für die Reise nach Italien packen. Er besuchte den[540] Hof, d.h. alles. Wer es wußte, was er den Menschen abzufodern und abzuleugnen pflegte, dem gab diese allgemeine Gefälligkeit gegen alle Welt die Schmerzen eines verwundeten Ehrgefühls, wenn ihn Gaspard auch anredete. Er besuchte zuerst den Fürsten, welcher an ihm, ob ihn gleich der Ritter in Italien ruhig die vergiftete Hostie der Liebe samt ihrem Giftkelch hatte empfangen lassen, immer mit Angewöhnung hing. Der Ritter besichtigte mit ihm den Zuwachs der neuen Kunstwerke; beide glichen scharf und frei ihre Urteile darüber gegeneinander aus und gaben einander Aufträge für die Abwesenheit.

Darauf ging er zur Reisegefährtin, zur Fürstin, gegen welche zwar sein aufreibender Stolz nicht ein Blütenstäubchen der vorigen Liebe übrig gelassen, die aber im glatten, kalten Spiegel seiner epischen Seele, in welchem alle Figuren sich rein-aufgefasset und frei bewegten, vermöge ihrer kräftigen Individualität als eine Hauptfigur den Vordergrund bewohnte. Da er Freiheit, Einheit, sogar Frechheit des Geistes weit über sieches Frömmeln, Nachheucheln fremder Kräfte und bußfertigen Zwiespalt mit sich selber setzte: so war die Fürstin sogar mit ihrem Zynismus der Zunge ihm »in ihrer Art lieb und wert«. Sie erkundigte sich mit vielem Feuer nach seines Sohnes Zustand und Mitreise; er gab ihr mit seiner alten Ruhe die besten Hoffnungen.

Die Prinzessin Julienne war unzugänglich. Daß sie es hatte sehen müssen, wie die treue Gespielin ihrer Jugendzeit ein feindlicher, rauher Arm vom blumigen Ufer in den Todesfluß hineingezogen und wie die Arme ermattet hinuntergeschwommen, das warf sie hart darnieder, und sie wäre gern dem Opfer nachgestürzt. Sie war gestern nicht imstande, mit den zwei Verschleierten hinzugehen.

Jetzt eilte Gaspard zur einen davon, zur Gräfin Romeiro, wo er auch die andere fand – die Prinzessin Idoine. Diese hatte unmöglich so viel von ihrer Gesichts- und Seelen-Schwester in allen Briefen lesen können, ohne selber aus ihrem Arkadien zu ihr herzureisen und die schöne Verwandtschaft zu prüfen; aber als sie im Schleier ankam im Schmerzenhause, hatte schon ihre Verwandte den ihrigen über das brechende Auge gezogen; und als[541] er aufging, sah sie sich selber verloschen und im tiefen Spiegel der Zeit ihr eignes Sterbe-Bild. Sie schwieg in sich selber gleichsam wie vor Gott, aber ihr Herz, ihr ganzes Leben war bewegt.

Die Ähnlichkeit war so auffallend, daß Julienne sie bat, nie der gebeugten Mutter zu erscheinen. Idoine war zwar länger, schärfer gezeichnet und weniger rosenfarb als Liane in ihrer Blütenzeit; aber die letzte blasse Stunde, worin diese neben ihr erschien, machte die bleiche Gestalt länger und das Angesicht edler und zog die blumige jungfräuliche Verhüllung vom scharfen Umriß weg.

Idoine sprach wenig zum Ritter und sah nur zu, wie ihre Freundin Linda ordentlich in kindlicher Liebe überfloß gegen seine fast väterliche. Beide Jungfrauen behandelte er mit einer achtenden, warmen und zarten Moralität, welche einem Auge (z.B. dem des Fürsten) wunderbar erscheinen mußte, das oft Zeuge der ironischen Unbarmherzigkeit gewesen, womit er wurmstichige, anbrüchige Herzen – halb eingepfarret in Gottes Kirche und halb in des Teufels Kapelle –, scheue, weiche, empfindsame Sünder, innerlich-bodenlose Phantasten, z.B. Roquairols, gern in einer langsamen Spirale frecher Reden immer tiefer und froher in den Mittelpunkt der Schlechtigkeit hinabzudrehen pflegte. Der Fürst dachte dann: »Er denkt gerade wie ich«; aber Gaspard macht' es mit ihm ebenso.

Auch die wankende, blasse Julienne schlich endlich herein, um ihn zu sehen. Man umging, so weit man konnte, ihrentwegen das offne Grab der Freundin; aber sie fragte selber nach dem kranken Geliebten derselben recht angelegentlich. Der Ritter – welcher für die meisten wichtigen Antworten sich ein eignes Phrasesbuch des Nichts, besondere Rede-Eisblumen angeschafft hatte, dergleichen waren: »es geht, so gut es kann« oder »man muß es erwarten« oder »es wird sich wohl geben« – bediente sich der letzten Redeblume und versetzte: »Es wird sich wohl geben.«

Als er nach Hause kam, hatte sich nichts gegeben, sondern hoch war die Flut des Übels gestiegen. Der Jüngling lag nieder angekleidet auf dem Bette – unvermögend mehr zu gehen – brennend – irre redend – und doch bei jedem Glockenschlage seine[542] alte Bitte in den hohen versperrten Himmel rufend. Bis hieher hatte sein kräftiges, festes Gehirn die Vernunft wenigstens für alles, was Lianen nicht betraf, fest zu behalten gewußt; aber allmählich ging die ganze Masse in die Gärung des Fiebers über. Vergeblich waffnete sich sein Vater einmal, da er kniete und um die Erscheinung der Toten bat, mit dem ganzen Sturm und Donner seiner Persönlichkeit; »gib mir den Frieden«, betete Albano sanft weiter und sah ihm sanft dabei ins Gesicht.

Schoppe nahm jetzt mit der Miene eines wichtigen Geheimnisses den Vater allein und sagte, er wisse ein unfehlbares Mittel. Gaspard bezeugte seine Neugierde. »Die Prinzessin Idoine« (sagt' er) »muß nach erbärmlichen Kindereien gar nichts fragen, sondern keck, wenn es eben schlägt und er kniet, ihm als der selige Geist erscheinen und den fatalen Frieden schließen.« – Wider alles Vermuten sagte der Ritter unmutig: »Es ist unschicklich.« Umsonst sucht' ihn der predigende Schoppe in die Sonnenseite zu rücken – bloß in der Winterseite zog er weiter hinein bei dem Anschein fremder Absicht; in eine sanfte Wärme konnt' ihn niemand bringen als nur er sich selber. – Zuletzt ließ Gaspard nach seiner Sitte über dem ewigen Grundeis seines Charakters so viel Treibeis obengenannter Phrasen schwimmen, daß Schoppe stolz und zornig schwieg. Noch dazu gingen die Anstalten zur Abreise fort, als sei der Vater willens, den Sohn brennend aus dem Fieberbrande zu ziehen und wahnsinnig aus den alten Liebes-Zirkeln zu reißen. Schoppe machte ihm seinen Vorsatz, daheim zu bleiben, bekannt; er sagte, er habe nichts dagegen.

Nun fühlte Schoppe an seinem eignen zerritzten Gesicht den schneidenden Nord dieses von ihm sonst beschützten Charakters; »traue keinem langen, schlanken Spanier, sagte Kardanus mit Recht«166, sagte er.

Albano war krank und daher nicht trostlos. Er schöpfte aus der Lethe des Wahnsinns die dunkle Betäubung gegen die Gegenwart; nur wenn er kniete, spiegelte sich im Strom seine zerrissene[543] Gestalt und ein wolkiger Himmel. – Er hörte nichts davon, wie die Dürftigen ihren Namen nannten, um dankend um die ruhende Wohltäterin zu weinen, vor deren Klagen jetzt das heilende Saitenspiel ihrer Mienen taub und stumm lag – Er hörte nichts von dem Toben ihres Bruders, noch vom lauten (akustisch-gebaueten) Schmerze ihres Vaters, oder von der starren, in dumpfe Qual gewickelten Mutter – Er wußt' es nicht voraus, daß die bleiche Charis in ihrem Krönungszimmer an einem Abende zwischen Lichtern zum letztenmal der Erde erscheinen werde, bekränzt, geschmückt und schlummernd – Ihm starb zwar in jeder Stunde eine unendliche Hoffnung, aber jede gebar ihm auch eine neue. – –

»Armer Bruder,« (sagte Schoppe am andern Tag im edeln Zorn) »ich schwöre dirs, du bekommst heute deinen Frieden.« Der blasse Kranke sah ihn bittend an. »Bei Gott!« schwur Schoppe und weinte beinahe.

166

Die Stelle heißet in Cardan. praecept. ad filios c. 16. so: Longobardo rubro, Germano nigro, Hetrusco lusco, veneto claudo, Hispano longo et procero, mulieri barbatae, viro crispo, Graeco nulli confidere nolite.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 539-544.
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