35. Zykel

[176] Da unsern Albano die gaukelnde Nacht von einer Seite und Träumerei auf die andre warf- denn nicht die nahe Vergangenheit' sondern die nahe Zukunft mattet uns mit Probekomödien[176] unsrer wachen Akte, mit Träumen, ab –, wie war er am Morgen so froh, daß die schönste Zukunft noch nicht vorüber war. Im Menschen hausen oft zwei sehr eulenspiegelsche Wünsche: ich tue oft den von ganzem Herzen, daß eine wahre Freude für mich, z.B. ein Meisterwerk, eine Lustfahrt etc., doch mög' endlich ein Ende nehmen, und zweitens den obigen, daß eine und die andre Lust noch ein wenig außenbleibe.

Der Abend kam mit der größten, wo Zesara – wie Le Gentil nach Ostindien – nach dem östlichen Park des Ministers abreisete, um den Durchgang des Hesperus und Venussternes, aber nur durch den Mond, zu observieren. Vor den erleuchteten Palastfenstern hielt er mitten unter den Leuten und sann nach, ob es sehr lasse, so in den Garten zu laufen; aber wahrhaftig, wär' er umgekehrt, das dürstende Herz hätte ihn zurück durch einen ganzen davor postierten Klerus und diplomatischen Kongreß hindurch getrieben. Kühn schritt er durch den lauten Palast vor einer angespannten Wagenburg vorbei, drehte das eiserne Gattertor auf und trat hastig in den nächsten Laubengang. Hier ging er, von einem Fackeltanze leuchtender Hoffnungen begleitet, hin und her, aber sein Auge war ein Seh- und sein Ohr ein Hör-Rohr. Die Lauben-Allee wuchs oben quer über den Garten in eine andre, dem Wasserhäuschen nahe hinein; in diese trat er, um der Blinden oder vielmehr ihrer Leiterin nicht zu begegnen.

Es kam aber nichts. Freilich war er nicht wie der Mond – wie doch zu fordern war – um eine halbe Stunde später gekommen, sondern gar um eine früher. Der Mond, dieser Stern, welcher Weise voll Weihrauch zum Anbeten leitet, ließ endlich breite lange Silberblätter als Festtapeten an Lianens Morgenzimmer niederfallen – die Madonna auf dem Palaste war in den Heiligenschein und Nonnenschleier seiner Strahlen eingekleidet – die Ministerin stand schon am Fenster – die Natur spielte das Larghetto eines magischen Abends in immer tiefern Tönen – als Albano weiter nichts vernahm als ein kleineres, bloß aus Klängen gemachtes, das aus dem Wasserhäuschen, dem Lustsitze aller seiner Wünsche, kam, und das sterbend mit dem Frühlingstage vertönen wollte. Aber er konnte nicht erraten, wer es spiele; man[177] hätt' es herausbringen können, daß es Roquairol war, bloß weil er nachher, wie ich erzählen werde, nach der April-Sitte seines musikalischen Gelichters, aus dem Pianissimo in ein zu wildes Fortissimo hinaufsprang. Der vom Vater relegierte Bruder konnte wenigstens im Wasserhäuschen die teuere Schwester sehen und trösten und ihr seine Liebe und seine Reue zeigen; wiewohl seine stürmische Reue eine zweite nötig macht und am Ende nur eine frömmere Wiederholung seines Fehlers war.

Obgleich die Phantasie Albanos eine Retina des Universums war, worauf jede Welt sich scharf abmalte, und sein Herz der Sangboden jeder Sphärenmusik, worin eine umlief: so konnten doch weder der Abend noch das Larghetto mit ihren Strahlen und Klängen durch die hohen Wellen hindurch, die in ihm sowohl die Erwartung als die Sorge (beide verdunkeln die Natur und die Kunst) aufwarf. Das Ufer der Fontänen umflocht ein grüner Ring von Orangen, deren Blüte im Morgenlande nach der Selam-Chiffre Hoffnungen ansagt; aber wahrhaftig eine nach der andern wurde flüchtig, wenn er an die kalte helle Mutter dachte oder an sein vielleicht leeres Warten. Die Fontänen sprangen noch nicht – er rupfte wie ein Vorherbst immer mehr breite Fächerblätter aus seiner grünenden spanischen Wand und sah doch durch alle weitere Fenster Lianen nicht über den Kiesweg herkommen (welches schon darum unmöglich war, weil sie längst im Wasserhäuschen bei ihrem Bruder stand) und er verzagte an ihrer Erscheinung: als dieser plötzlich ins gedachte Fortissimo stürmte und als alle Fontänen vor dem Monde rauschende Kränze aus Flittersilber aufwarfen. Albano blickte hinaus....

Liane stand droben im Mondenschimmer hinter dem flatternden Wasser. Welche Erscheinung! – Er riß die Laubenzweige an seinem Angesichte auseinander und schauete unbedeckt und atemlos an die heilig-schöne Gestalt! Wie griechische Götter überirdisch vor der Fackel stehen und blicken, so glänzte Liane vor dem Monde, von dem umherrinnenden Widerscheine der silbernen Regenbogen beschattet, und der selige Jüngling sah die junge offne stille Marienstirn bestrahlt, auf der noch kein Unmut[178] und keine Spannung eine Welle geworfen – und die dünne, zarte, kaum gebogene Augenbraunen-Linie – und das Angesicht, gleich einer vollendeten Perle oval und weiß – und die losgeringelte Locke, auf den Maienblümchen an ihrem Herzen liegend – und den feinen Grazienwuchs, der wie die weiße Bekleidung die Gestalt zu erhöhen schien – und die idealische Stille ihres Wesens, mit der sie statt des Arms nur die Finger auf das Geländer legte, gleichsam als schwebe die Psyche nur über der Lilienglocke des Körpers und erschüttere und beuge sie nie – und die großen blauen Augen, die sich, indes das Haupt ein wenig sank, unaussprechlich-schön aufschlugen und sich in Träume und in ferne, unter Abendröten widerglänzende Ebenen zu verlieren schienen.

– Du überglücklicher Mensch! – Dir erscheint die einzige sichtbare Göttin, die Schönheit, so plötzlich mit ihrer Allmacht und von allen ihren Himmeln begleitet, und die Göttin gibt dir den Wahnsinn – die Gegenwart mit ihren Gestalten wird dir unbekannt – die Vergangenheit vergeht – die nahen Töne ziehen aus tiefer Ferne her – die überirdische Erscheinung überfüllt und überwältigt mit Glanz die sterbliche Brust!

Ach warum durfte durch diesen hohen reinen Himmel eine tiefe kalte Wolke ziehen? – Ach warum fandest du die Himmlische nicht früher oder später? – Und warum mußte sie selber dich an ihren Schmerz erinnern?

Denn Liane – in deren überflortes Auge nur ein starkes Licht durchsickern konnte – suchte den Mond, den seine eigne Aurora ein wenig verhing, mit dem wiegenden Kopfe irrend auf, weil sie dachte, ein Lindengipfel verdecke ihn; – und dieses Wanken malte ihm ihr Unglück so plötzlich mit tausend Farben! Ein schneller Schmerz zertrat seine Augen, daß Tränen daraus sprützten und Funken, und das Mitleiden schrie in ihm: »O du unschuldiges Auge, warum wirst du verhüllt? Warum wird dieser dankbaren frommen Seele der Mai genommen und die ganze Schöpfung? – Und sie wirft vergeblich den Blick der Liebe auf die Mutter und auf die Freundin und – o Gott! – sie weiß nicht, wo sie stehen.«[179]

Aber der Vorhang des Mondes flatterte bald seitwärts, und sie lächelte den Schimmer heiter an, wie der blinde Milton in seinem ewigen Gesange die Sonne oder wie ein Irdischer den ersten Glanz nach dem Leben.

Eine Nachtigall, die bisher, zwischen weiten Blumen einem leuchtenden Würmchen nachhüpfend, den Tönen im Zimmer nur mit einzelnen Wildrufen und Nachschlägen der Freude geantwortet hatte, flog Lianen näher, und die geflügelte Zwergorgel riß auf einmal alle Flötenregister heraus, daß Liane im Vergessen ihrer Blindheit niederblickte und Albano erschrocken zurücktrat, als sehe sie auf ihn. Da wurde unter den Tönen des Bruders und der Nachtigall ihr blasses, gleich der weißen Federnelke auf den Wangen leicht gerötetes Angesicht zart vom matten Blütenrot der Rührung überdeckt – die Augenlider zuckten öfter über die glänzenden Augen hin – und endlich wurde der Glanz eine ruhige Träne – es war keine des Schmerzes noch der Freude, sondern jene sanfte, worein die Sehnsucht des Herzens überquillt, wie im Frühling überfüllte Zweige unverwundet weinen. –

– Im Menschen wohnt ein rauher blinder Zyklope, der allemal in unsern Stürmen zu reden anfängt und uns Zertrümmerung anrät; furchtbar regte sich jetzt in Zesara die ganze aufgewachte Kraft der Brust, der wilde Geist, der uns auf Kuntursfittichen vor Abgründe schleppt, und der Zyklope rief laut in ihm: »Stürze hinaus – knie vor sie – sag ihr dein ganzes Herz – was ists, wenn du dann auf ewig verloren bist, hast du nur einen Laut dieser Seele vernommen – und dann kühle und opfere dich in den kalten Quellen zu ihren Füßen.« – Wahrlich er dürstete nach dem frischen Bassin, worein die Fontänen zurücksprangen – – Aber ach vor dieser Sanften, vor dieser Gequälten und Frommen! – »Nein,« sagte der gute Geist in ihm, »verwunde sie nicht wieder wie ihr Bruder – o schone, schweige, ehre; dann liebst du sie.«

Hier trat er heraus in die erleuchtete Erde wie in einen Himmelssaal und nahm den offnen Sonnenweg, aber leise, vor den Fontänen vorüber. Als er vor ihr vorbeiging, brach auf einmal die Arkade aus Tropfen, die sie halb vergittert hatte, zusammen, und Liane stand wolkenlos wie eine reine Luna ohne Nebel-Hof[180] im tiefen Himmelsblau; eine glänzende Lilie55 aus der zweiten Welt, die sich selber das Zeichen ist, daß sie bald in diese fliehe. – – O sein Herz voll Tugend empfand erschüttert die Nähe der fremden; und mit allen Zeichen der tiefsten Verehrung ging er vor dem ruhigen Wesen vorüber, das sie nicht bemerken konnte.


Erst als ihm mit jedem Schritte ein Himmel entfallen war und er endlich keinen mehr hatte als den über sich: wurd' er ganz sanft und freuete sich, daß er nicht kühner gewesen. – Wie glänzt ihm jetzt die Erde, wie nähert sich ihm der Sonnenhimmel, wie liebt sein Herz! – O noch nach vielen Jahren einst, wenn dieser glühende Rosengarten der Entzückung schon weit hinter deinem Rücken liegt, wie wird er dir, wenn du dich umwendest und darnach blickst, so sanft und magisch als ein weißes Rosenparterre der Erinnerung nachschimmern! –

55

Sonst glaubte man, daß eine im Chorstuhle liegende Lilie den Tod dessen bedeute, dem er gehörte.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 176-181.
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