142. Zykel

[807] Er dachte nämlich an das bisher vom Nebel des Schmerzens verdeckte Papier, das Schoppe aus der Fürstengruft geholet, und an das Mutterbild, das er unter dem Okularglas hatte finden sollen. Eh' er anfing zu lesen, legt' er das Bild unter dem Glase dem Fremden vor, ob ers etwa zufällig kenne. »Sehr! Es ist die verstorbene Fürstin Eleonore, so weit ein Kupferstich vor dem Landes-Gesangbuch Ähnlichkeiten vorauszusetzen verstattet; denn sie selber sah ich nie.«

Bewegt zog Albano das Papier aus der zerbrochnen Marmorkapsel; aber er wurd' es noch mehr, da er die Unterschrift »Eleonore« und folgendes in französischer Sprache las:


»Mein Sohn!


Heute hab' ich dich nach langen Zeiten wiedergesehen215 in deinem B. (Blumenbühl); mein Herz ist voll Freude und Sorge, und dein schönes Bild schwebet vor meinen weinenden Augen. Warum darf ich dich nicht um mich haben und täglich anblicken? Wie ich bin gebunden und geängstigt! Aber von jeher schmiedete ich mir Fesseln und erbat andere, mich damit zu binden. Höre deine eigne Geschichte aus dem Munde deiner Mutter an; sie wird dir aus einem andern nicht lieber und wahrhafter kommen.

Ich und der Fürst lebten lange in einer unfruchtbaren Ehe,[807] welche unserem Vetter in Hh. (Haarhaar) immer lebhafter mit der Hoffnung der Sukzession schmeichelte. Spät vernichtete sie ihnen dein Bruder L. (Luigi). Man konnte uns das kaum vergeben. Der Graf C. (Cesara) bewahrt die Beweise einiger schwarzen Handlungen (de quelques noirceurs), die deinen armen, ohnehin schwächlichen Bruder das Leben kosten sollten. Dein Vater war eben mit mir in Rom, als wir es erfuhren. ›Man wird doch endlich über uns siegen‹, sagte dein Vater. In Rom lernten wir den Fürsten di Lauria kennen, der seine schöne Tochter dem Grafen. (Cesara) nicht eher geben wollte, bis er Ritter des goldnen Vlies-Ordens geworden wäre. Der Fürst wirkte ihm diesen Orden am kaiserlichen Hofe aus.

Dafür glaubte die Cesara mir sehr dankbar sein zu müssen, une femme fort decidée, se repliant sur elle même, son individualité exagératrice perça à travers ses vertus et ses vices et son sexe. Wir lernten uns lieben. Ihr romantischer Geist teilte sich dem meinigen mit, besonders in dem romantischen Lande. Dazu half mit, daß ich und sie uns im rechten Zustande der weiblichen Schwärmerei zugleich befanden, nämlich der Hoffnung zu gebären. Sie kam nieder mit einem wunderschönen, ihr ganz ähnlichen Mädchen, Severina, oder wie man sie nachher nannte, Linda. Hier machten wir den seltsamen Vertrag, daß wir, wenn ich einen Sohn gebäre, austauschen wollten; ich konnte ohne Gefahr eine Tochter erziehen, und bei ihr konnte mein Sohn ohne diejenige aufwachsen, die deinem Bruder bei mir schon gedrohet hatte. Auch sagte sie, ich könne besser eine Tochter, sie einen Sohn leiten, da sie ihr Geschlecht wenig achte. Der Graf war es gern zufrieden; der Hh. Hof hatte ihm kurz vorher die älteste Prinzessin, um die er geworben, unter dem spöttischen Vorwande ihrer noch kindischen Jugend abgeschlagen, und er aus Rache beleidigter Ehre und verletzter Eitelkeit, denn er war der schönste Mann und aller Siege gewohnt, war zu allen Maßregeln und Kämpfen gegen den stolzen Hof bereit. Nur der Fürst billigte es nicht, er fand eine Erziehung außer Landes u.s.w. ganz zweideutig und mißlich. Aber wir Weiber verwebten uns eben desto tiefer in unsere romantische Idee.[808]

Zwei Tage darauf gebar ich dich und – Julienne zugleich. Auf diesen reichen Zufall hatte niemand gerechnet. Hier warf sich vieles ganz anders und leichter sogar. ›Ich behalte‹, (sagt' ich zur Gräfin) ›meine Tochter, du behältst die deinige; über Albano‹ (so soll er heißen) ›entscheide der Fürst.‹ Dein Vater erlaubt' es, daß du zwar als Sohn des Grafen, aber unter seinen Augen, bei dem rechtschaffenen W. (Wehrfritz), erzogen würdest. Indes traf er Vorkehrungen, deren guten Wert ich damals im phantastischen Rausche der Freundschaft nicht ganz abzuwägen imstande war. Jetzt wunder' ich mich nur, daß ich damals so mutig war. Die Dokumente deiner Abstammung wurden nicht nur dreimal gemacht – ich, der Graf und der Hofprediger Spener wurden in deren Besitz gesetzt –, sondern später wurdest du auch dem Kaiser Joseph II. als unser Fürstensohn präsentiert, und sein gütiges Blatt, das ich einst deinen Geschwistern vertraue, entscheidet allein genug.

Der Graf nahm jetzt selber am Geheimnis tätigen Teil, indem er – sei es aus Liebe für seine Tochter, sei es aus dem Wunsche einer geschärften Rache am Hh. Hofe – als Lohn des Anteils verlangte, daß einst du und Linda ein Paar werden möchten. Hier trat wieder die Gräfin mit ihren Wundern und Phantasien ein: ›Linda wird mir gewiß ähnlich an Gemüt, wie sie jetzt es ist an Gestalt – Gewalt bewegt sie dann nie – aber Magie des Herzens, der Feenwelt, Reiz des Wunders mag sie ziehen und schmelzen und binden.‹ Ich weiß ihre eignen Worte. Ein sonderbarer Zauberplan wurde dann entworfen, dessen Grenzen der Graf durch die Abhängigkeit, worin sein tausendkünstlerischer Bruder sich zu allem dingen ließ, noch mehr erweiterte, so wie er den Plan dadurch annehmlicher machte. – Linda wird lange vorher, eh' du dies gelesen, dir er schienen, ihr Name genannt, deine Geburt geheimnisvoll verkündigt sein – – Möge, möge dein Geist sich in alles wohl finden, und möge das schwere Spiel dir Gewinn auf seinen aufgeschlagnen Blättern reichen! – Ich bin bange, wie soll ich es nicht sein? – O welche Nachrichten hab' ich nicht eben aus Italien durch den Grafen empfangen, vor denen nun alle meine Hoffnungen auf meinen Ludwig (Luigi) auf einmal erlöschen![809] Gesiegt hätte nun Hh. (Haarhaar) durch den bösen B. (Bouverot), wenn du nicht lebtest. Und ich muß so froh sein, daß du diesen giftigen Einflüssen entzogen lebst – Ja es scheint, als habe der Graf die Zernichtung deines Bruders absichtlich gern geschehen lassen, um desto stärker mit deiner Auferstehung zu schrecken. Doch will ich ihm nicht unrecht tun. Aber wem soll eine Mutter am Hofe vertrauen und mißtrauen? Und welche Gefahr ist größer?

Drei Jahre lang mußtest du des Scheines wegen auf Isola bella mit deiner scheinbaren Zwillingsschwester Severina, obwohl unter den Augen des Fürsten, bleiben, indes ich mit Juliennen nach Deutschland zurückging. Länger aber durft' es nicht dauern, so gern es deine Pflegemutter gesehen hätte; du wurdest deinem Vater zu ähnlich. Diese Ähnlichkeit kostete mich manche Träne – denn darum durftest du nie aus B. nach P. (Pestitz), solange der Fürst noch Jugendzüge trug – sogar die Porträts seiner Jugendgestalt mußt' ich darum allmählich wegstehlen und sie dem treuen Spener zu bewahren geben – ja dieser gelehrte Mann sagte mir, daß ein erhobner Spiegel, der junge Gesichter zu alten formte, beiseite zu bringen sei, weil du sogleich als der alte Fürst daständest, wenn du hineinsähest – O, da mein guter, frommer Fürst in seinen matten Tagen allerlei unbewußt ausplauderte und mich über das sichere Schicksal des wichtigen Geheimnisses immer sorglicher machte: wie erschrak ich, als er einstens am Morgen (zum Glück war nur Spener und eine gewisse Tochter des Ministers v. Fr. dabei, eine sanfte, fromme Seele) geradezu und freudig sagte: ›Unser lieber Sohn, Eleonore, war gestern nachts oben am Altar, er wird gewiß ein frommer Mensch, er kniete und betete schön, und ich sagt' ihm nur, denn ich wollte mich nicht decouvrieren: nach Haus, nach Haus, mein Freund, es donnert schon nahe.‹216 Ich weiß, daß verschiedene über einen natürlichen Sohn des Fürsten schon Winke fallen ließen.

Die Gräfin C. (Cesara) ging nun mit S. (Severina) nach V. (Valencia) ab; gab sich aber vorher den Namen R. (Romeiro) und der Tochter den Namen L. (Linda). Der Prinz di Lauria[810] mußte der Erbschaft wegen mit seiner Einwilligung in dieses Spiel gezogen werden. Durch diesen Namen-Wechsel konnte alles so dicht zugehüllet werden, als es jetzt noch steht. Neun Jahre darauf starb die edle R. (Romeiro), und der Graf hatte unter dem Vorrecht eines Vormunds die Tochter allein in seinem Schutze und in seiner Vorsorge.

Ich sah sie kurz nach dem Tode der Mutter hier217; entfaltet sich die Blume ganz aus dieser vollen Knospe, so gehört sie als die vollste Rose an dein Herz. Möge nur das Geisterspiel, das ich der Gräfin zu leichtsinnig zugeschworen, ohne Unglück vorüber ziehen! – Sollt' ich vor dem Fürsten auf das Sterbebette kommen, so muß ich noch deine Schwester und deinen Bruder in das Geheimnis ziehen, um ganz gesichert meine Augen zu schließen. Ach ich werd' es nicht erleben, daß ich dich öffentlich als meinen Sohn in meine Arme schließen darf! Die Ahnungen meiner Hinfälligkeit kommen immer häufiger. Es gehe dir wohl, teueres Kind! Werde fromm und redlich wie dein Vater! Gott lenke alle unsere schwachen Hülfsmittel zum besten!


Deine

treue Mutter

Eleonore.


N. S. Noch sehr wichtige Geheimnisse kann ich nicht dem Papier vertrauen, sondern sterbend wird sie mein Mund in das Herz deiner Schwester niederlegen. Leb wohl! Leb wohl!«

215

S. 128 im 1. Band des Titans.

216

1. Band des Titans, S. 126.

217

1. Bd. S. 95.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 807-811.
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