65. Zykel

[336] Unter einem frischen Morgenblau ging er voll Hoffnungen, heute sein immer in weiße Nebel hineinlaufendes Leben aufzuhellen, jenen alten Weg, den er einmal (im 23sten Zykel) nachts herwärts gemacht, um auf dem Berge Elysium und Liane zu sehen. Der ganze blühende Steig war ihm eine römische Erde, woraus er schönbemalte Vasen der Vergangenheit ausgrub; und je näher dem Dorfe, desto breiter wurden die geheiligten Plätze. Er wunderte sich, daß die Lämmer und Hirtenknaben nicht, wie das Gras, länger aufgeschossen während seiner Entfernung, die ihm durch den Wachstum seines Herzens und den bunten Wechsel seiner Erfahrungen selber verlängert vorkam. Wie ein Morgentrunk von hellem Alpenwasser rann der alte Klang des Hirtenhorns in seine Brust; aber die enge Erlenbahn, worin er das Reitpferd des Direktors vor dem Absatteln getummelt, und selber der Schloßhof, sogar die vier Wände und das Deckengemälde des häuslichen Glücks krempten seiner treibenden Seele, die in die Erde und in den Himmel hineinwachsen wollte, Wurzel und Gipfel ein; er war noch in den Jahren, wo man vom Klavichord des Lebens mit einem Fußtritt den Deckel hochlüftet, damit das harmonische Brausen überall vorwalle.

Wie verschwenderisch wurde im Schlosse sein Herz mit Herzen bedeckt und die jüngste Liebe durch alte übertäubt, von der leichtweinenden Mutter Albine an bis zu den händegebenden alten Bedienten, die seinetwegen die versteinerten Glieder behender bewegten! – Er fand alle seine Lieben – Liane ausgenommen – in Wehrfritzens Museum, weil dieser »junges Volk« und Diskurse lieb hatte und allzeit darauf bestand, daß man das Frühstück auf seinem Aktentisch aufsetzte, der, wie er sagte, so gut sei als ein Frühstück-Tisch mit lackierten Fratzen, die niemand ansehe. Albano plagte sich mit der Furcht, die Ministerin sei die Kirchenräuberin einer Göttin selber geworden und habe gestern[336] Liane zurückgeführt – bis der Hauptmann die Unsichtbarkeit eilig erklärte. Die gute Seele hatte gestern die Bewegungen ihres teilnehmenden Herzens mit Migräne büßen müssen. Ihr geliebter Lehrer Spener mit seiner erhabenen Seelen-Stille – die Augen, die nicht mehr über die Erde weinten, auf das befreundete Fürstenpaar gesenkt – mit dem Haupte unter dem kalten Polarstern der Ewigkeit stehend, das wie der Pol keine Sterne mehr auf- und untergehen sah – ruhig und mit apostolisch ineinander gelegten Händen allmächtig redend über den Schmerz und das Ziel des bleichen Lebens, begeistert die Herzen nahe an die weinende Rührung drängend, und doch sie mit erhabener Besänftigung zurückziehend vom höchsten Schmerz, damit nur das Herz weine ohne das Auge – und nun die Einsegnung der gepaarten Särge und der Kirche – o in der weichen Liane mußten diese Rührungen ja zu Leiden arten, und alles, was ihr Lehrer verschwieg, wurde in ihr ausgesprochen. Noch dazu hatte sie nicht die gewöhnliche Kur, sich still zu halten, gebraucht, sondern alle Stiche hinter tätige Freude versteckt, um der fortreisenden Mutter keine Schmerzen zu geben, obwohl sich viel zu große.

In diese Erzählung trat sie selber freundlich herein im weißen Morgenkleid mit einem Strauß von sinesischen Röschen – ein wenig blaß und müde – träumerisch-weich aufblickend – die Stimme leiser – die Wangenrosen zu Knospen geschlossen – und wie ein Kind jedes Herz anlächelnd – – du Engel des Himmels, wer darf dich lieben und belohnen? Sie erblickte den hohen Jüngling – – alle Lilien ihres stillen Angesichts wurden wider ihre Gewohnheit in ein himmlisches Morgenrot der Freude getaucht, und ein zarter Purpur blieb an ihnen.

Sie fragte ihn offen, warum er gestern nicht zur Festlichkeit gekommen, und entdeckte angelegentlich, daß sie alle heute den frommen Vater, für welchen ihre Zwerg-Rosen gebunden waren, besuchen würden. Er nahm gern die vierte Stimme im Konzert der Lustfahrt. Welcher herrliche hängende Garten mit seinen liebsten Blumen und Aussichten ist in die Abendstunden hineingebauet! Wie viel Glückliche bedeckt ein einziges Dach!

Die redliche Rabette, vor stillem Freuen flinker und geschäftiger,[337] war unverdrossen Lianens Kranken- und Roquairols Löwen-Wärterin und die maitresse de plaisirs, welche jeden mütterlichen Grundriß einer Lust noch um die Hälfte breiter machte, und das ganze Wesen war so glücklich! Ach ihr armes reines Herz wurde ja noch von keinem geliebt, und darum glüht es mit den frischen Kräften der ersten Liebe so hell und treu vor einem mächtigen, das zu ihm segnend wie ein liebender Gott niederzukommen scheint und einen ganzen Himmel nachzieht! – Roquairol sah, wie reizend die arbeitsame Beweglichkeit im Spielraum ihres Eigentums und ihrer Geschäfte das schwer niederhängende Laub verschiebe, das im Visitenzimmer sich finster über ihren Wert herzog; sie wurde sogar schöner durch das dunklere nette Hauskleid, nachdem er durch Predigten jede weiße Draperie ihrer brünetten Gestalt in den Kleiderschrank zurückgeschickt. Sie gehorchte der Mutter hierin nicht eher, als bis er es verlangt hatte. Ja er hatte sie gestern dahingebracht, die Uhr, womit die stolze Ministerin sie beschenkt, wirklich an sich herumzutragen mit heißem Erröten über den ungewohnten Schmuck. Indes wollt'er mit ihr gleichsam einen recht geschlängelten Blumenweg zum Altare seines lauten Ja's der Liebe nehmen – das stumme sagt' er hinlänglich –; er wußte, sie sitze sogleich ein, sobald er mit dem Muschelwagen der Venus vorfahre, wovor er eine Taube und einen Habicht vorgehängt.

Wie herrlich flog der Vormittag dahin auf goldnen Flügeldecken und auf durchsichtigen Flügeln! Der geliebte Albano wurde in alle Veränderungen des Hauses eingeführt; die schönste war in seiner Studierstube, welche Rabette in ihre Putz-, Näh – und Studierstube umgekleidet hatte, die seit gestern wieder zum Gast- und Lesestübchen Lianens geworden. Wie gern trat er ans Fenster nach Abend, wo er so oft im Kristallspiegel seiner Phantasie seinen unsichtbaren Vater und die Geliebte überirdisch erscheinen lassen! In die Scheiben waren von seiner Knabenhand viele L und R gezogen. Liane fragte, was die R bedeuteten; »Roquairol«, sagte er, denn sie fragte nicht nach dem L. Unendlich süß floß die Betrachtung um sein Herz, daß doch seine Geliebte in der träumerischen Klause seines ersten grünen Lebens[338] einige blühende Tage verlebe. Liane zeigte ihm mit kindlicher Freude, wie sie alles, nämlich das Zimmer, redlich mit Rabetten teile in ihrer Doppelwirtschaft und Stuben-Kameradschaft, und wie sie ihre Wirtin selber zu ihrem Gaste gemacht.

Ich habe oft das schöne leichte Nomaden-Leben der Mädchen in ihren arkadischen Lebens-Abschnitten bewundert mit Neid; leicht flattern diese Flugtauben in eine fremde Familie und nähen und lachen und besuchen da mit der Tochter des Hauses ein oder zwei Monate lang, und man hält das Kopulierreis für einen Familienzweig; – hingegen wir Stubentauben werden schwer versetzt und einheimisch und reiten meistens nach einigen Tagen wieder zurück. Da wir als sprödere Materie schwerer mit dem Familien-Guß verschmelzen; da wir unsere Arbeiten nicht so leicht – weil uns Wagen voll Arbeitsgeräte nachfahren müssen – wie Mädchen ihre einweben in fremde und da wir viel brauchen und – anstiften: so ist daraus unser Laufzettel sehr gut abgeleitet ohne unsern geringsten Nachteil.

Nach einer halben Ewigkeit der Ankleidung – da in der Nähe der Geliebten eine Stunde der Abwesenheit länger dauert als ein Monat in ihrer Ferne – traten die reisefertigen Mädchen im schwarzen Schmucke der Bräute herein. Wie reizend stehen Rabetten die Rosen im dunkeln Haar und der dunkle Spitzen-Saum auf dem weißen Hals und die furchtsamen Flammen ihres reinen Auges und die anfliegenden Errötungen! – Und Liane – ich rede nicht von dieser Heiligen. Sogar der gute alte Direktor mußte, als ihn das fromme Angesicht unter dem bloß einfach und nonnenhaft herübergelegten weißen Kopfschleier von indischer, mit Goldlahn besprengter Mousseline kindlich anblickte, seinem Wohlgefallen die Worte geben: »Wie eine Nonne, wie ein Engel!« – Sie antwortete: »Ich wollte auch einmal eine werden mit einer Freundin; aber nun nehm' ich den Schleier später als sie«, setzte sie mit wunderbarem Ton dazu.

Sie hing heute mit zärtlicher Schwärmerei an Rabette, vielleicht aus siecher Weichheit, vielleicht aus Liebe zu Albano und zu den Eltern und vielleicht, weil Rabette durch die Liebe so gut und schön war und weil sie selber nichts war als Herz. Sie hatte[339] den heiligen Fehler zu schwärmerischer Vorstellungen von ihren Freundinnen – in welchen die edlern Mädchen leicht fallen und womit bloß Ehefrauen wenig behaftet sind – sonst noch höher getrieben: so konnte sie z.B. ihre Freundin Karoline, die ihr wie eine Romanheldin nur im romantischen Spielraum der Freundschaft und der schönen Natur begegnet war, sich anfangs gar nicht ohne Abbruch des poetischen Heiligenscheins mit Händen denken, welche die Nähnadel und Plätte und anderes Geräte des weiblichen Ackers führten.

Wer die zärteste Mitfreude fühlen will, der sehe nicht frohe Kinder an, sondern die Eltern, die sich über frohe erfreuen. Niemals blickte die blau- und rundäugige Albine – in deren Gesicht die Zeit manche Lebenstöne dreimal gestrichen hatte, worunter aber kein stief – und schwiegermütterlicher Mißton vorkam – öfter hin und her und segnender als unter diesen – Paaren; denn das wurden sie nach der mütterlichen Sterndeuterei der Aberrationen und Pertubationen dieser Doppelsterne. – Der Vater, der die »Kopf- und Ohrenhängerei des jetzigen jungen Volks« gegen die Ehrensprünge seiner Kameraden hielt, wurde an den Hauptmann gekettet, der sich als Regisseur seines innern Theaters heute die Rolle eines frohen Jünglings zugeteilt hatte. Er gefiel ihm sogar durch die derben Redeblumen, die das verborgne Wehen von ihm losblätterte; denn da jedes Genie sein Grobians-Idiotikon, seine Knittelverse haben muß: so hatt' er – andere haben den Teufel, den Henker – den genialischen Handwerksgruß »Lump« samt den Derivativis »Lumperei« u.s.w. Aber wie noch hinreißender nahm Albano alle weibliche Herzen durch die Stille weg, womit er wie ein ruhiger Nachsommer seine Früchte fallen ließ. Die Eltern schrieben diese weiche Haltung dem Stadtleben zu, als wäre nicht Karl länger in diese Malerschule gegangen. Nein, die Liebe ist die italienische Schule des Mannes; und der kräftigere und höhere ist eben der höhern Zartheit fähig, wie auf hohen Bäumen sich das Obst milder und süßer ründet als auf niedrigen. Nicht an unmännlichen Charaktern entzückt die Milde, sondern an männlichen; wie nicht an unweiblichen die Kraft, sondern an weiblichen.[340]

Der gute Jüngling! – So unschuldig lodert dir – indes Karl es allzeit leider deutlich wußte, wenn sein Blick brannte und blitzte – aus den Augen ein glühendes Herz, das es nicht weiß! Möge dein Abend das Samenkorn einer blütenvollen Jugend werden! Der Wagen rollet vor, dir ungewiß, ob er ein Elias- oder Phaetons-Wagen wird, ob du durch ihn den Himmel erfliegst oder aus ihm fällst!

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 336-341.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Titan
Sämtliche Werke, 10 Bde., Bd.3, Titan
Titan (insel taschenbuch)
Titan. Bd. 1/2
Titan: A Romance from the German (German Edition)
Titan, Volumes 1-2 (German Edition)

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon