58. Zykel

[289] Glücklicher Albano! du wärest es nicht geblieben, hättest du am Geburtstage des Ministers das gehöret, was er da vorbrachte!

Schon seit geraumer Zeit war Froulay voll bedenklicher gewitterhafter Zeichen, und jede Minute konnte – mußte man fürchten – der Donnerschlag aus ihm fahren; er war nämlich munter und mild. So drohet auch bei phlegmatischen Kindern große Munterkeit Ausbruch der Pocken. Da er Hausvater war und Despot – die Griechen hatten für beides nur das Wort Despot-: so erwartete man von ihm als ehelichem Wettermacher94,[289] er werde die gewöhnlichen Stürme und Ungewitter für die Familie besorgen. – Eheliche Gewittermaterie zum bloßen Trüben der Ehe kann nie fehlen, wenn man bedenkt, wie wenig sogar zum Scheiden derselben gehöret, z.B. bei den Juden bloß, daß die Frau zu laut schreie, das Essen anbrenne, ihre Schuhe am Platze der männlichen lasse u.s.w. Noch dazu war manches da, worüber gut zu donnern war; z.B. Liane, an welcher man die Missetat des – Bruders heimsuchen konnte, weil dieser hartnäckig wegblieb und um keine Gnade bat. Man ist immer gern auf Frau, Tochter und Sohn zugleich ungehalten und lieber ein Land- als Strichregen; ein Kind kann leichter eine ganze Familie versalzen als versüßen.

Aber Froulay verblieb der lächelnde Johannes. Ja trieb ers nicht die Beweise hab' ich – so weit damit, daß er, da die Tochter der Prinzessin einmal beim Abschiede um den Hals fiel, anstatt ihr mit blitzenden Augen vorzuhalten, wie man Vertraulichkeiten bei Höhern nur annehmen, nicht erwidern und sich eben da nicht vergessen müsse, wo sie sich vergessen – und anstatt ernst zu fragen, ob sie ihn je in seiner wärmsten Liebe gegen den Fürsten wider die déhors habe verstoßen sehen – daß er, sag' ich, anstatt dieses hagelnd und stürmend zu tun, diesesmal bloß in die schönen Worte ausbrach: »Kind, du meinst es zu gut mit deiner vornehmen Freundin; frage deine Mutter, sie weiß auch, was freundschaftliche liaisons sind.«

Bloß Liane – obwohl so oft von dieser Meerstille hintergangen – war voll unsäglicher Hoffnung und Freude über den häuslichen Frieden und glaubte Bestand, zumal in der Nähe des väterlichen Geburtstages, dieser Olympiade und Normalzeit, wornach das Haus vieles rechnete. Das ganze Jahr lauerte der Minister auf diesen Tag, um am Morgen, wenn die Wünsche kamen, das sichtbare Vergessen desselben nicht zu vergessen, sondern darüber zu erstaunen – die Geschäfte machens, sagt' er – und um abends, wenn die Gäste kamen – der Geschäfte wegen dinier' er nie, sagt' er –, erstaunen zu lassen. Er war wechselnd der Anbeter und der Bilderstürmer der Etikette, ihre Ministerial- und Oppositionspartei, wie es gerade sein Schimmer gebot.[290]

Liane drang so lange in den Bruder, bis er den Vater mit etwas zu erfreuen versprach: er machte dazu ein Familienstückchen, worein er die ganze Beicht-Nacht zwischen sich und Albano einschob, nur daß er Albano in eine Schwester verkehrte. Gern lernte Liane noch diese Rolle für den Geburtstag ein, ob sie gleich die blühende Weste lieferte.

Der Minister nahm die Weste, den Hauptmann und dessen Komödienzettel des abendlichen Spiels wider Vermuten – gütig auf; da er sonst wie einige Väter desto lauter knurrte, je öfter ihn die Kinder streichelten. Er tanzte wie ein Polacke95 ganz aufgeräumt mit seiner Familie dahin und versteckte die Peitsche fest unter den Pelz. Es ging ihm jetzt nichts Schlimmers im Kopfe herum als bloß die Frage, wo das Liebhabertheater am besten, ob im Salon de lecture oder ob im Salon der bains domestiques aufzuschlagen; denn beide Säle waren ganz von einander und von andern Zimmern durch die Namen unterschieden.

Der Tag kam. Albano, dessen Einladung Karl ertrotzen müssen, weil der Minister seinen Stolz hassete aus Stolz, brachte leider den Ton in seiner Seele mit, den ihm das letztemal Liane nach Hause gegeben. Seine Hoffnung hatte bisher von diesem Tone gelebt. O verdenkts ihm nicht! Das luftige Nichts eines Seufzers trägt oft eine Schäferwelt oder einen Orkus auf dem Ephemeren-Flügel. Alles Wichtige ist wie ein Fels auf einen Punkt zu stellen, wo es ein Kinderfinger drehen kann.

Aber der Ton war verklungen. Liane wußt' es gar nicht anders, als daß man unter der Visitengemeinde – deren moralische Pneumatophobie96 sie nicht einmal ganz kannte – vor jede betende Empfindung den Kirchenfächer halten müsse.

Logen, Parterre und Groschengalerie wurden fast um die gewöhnliche Schauspielszeit mit stiftsfähigen Gratulanten verziert und ausgefüllt. Der deutsche Herr ragte sehr hervor durch den reichen Trotz seiner Verhältnisse. Von der Visitenkompagniegasse[291] kann im Durchgehen nur angemerkt werden, daß in ihr und im antiphlogistischen System der Sauerstoff die Hauptrolle spielte, welchen aber weniger die Lunge abschied als das Herz. –

Als der Vorhang auseinanderging und Roquairol jene Nacht der Vergebung und Entzückung noch feuriger wieder vorbeiführte, als sie gewesen war; als diese träumerische Nachäffung erst die rechte Wirklichkeit schien: wie glühend und tief brannt' er sich dadurch in seines Freundes Seele ein! (Guter Albano! Diese Kunst, sein eigner révenant, sein Vexier- und After-Ich zu werden und die Prachtausgabe des eignen Lebens nachzudrucken, hätte dir kleinere Hoffnungen verstatten sollen!) – Der Graf mußte in der ernsthaftesten Sozietät, die je um ihn saß, ausbrechen in ein unschickliches – Weinen. Und warum legte Karl Albanos Worte in jener Nacht der zauberisch-gerührten Liane in den Mund und machte die Liebe durch so viele Reize groß bis zum Schmerz? –

Selber der deutsche Herr gab Lianen, diesem weißen Schwan, der errötend durch das Abendrot des Phöbus schwamm, mehrere laute und dem Grafen verdrüßliche Zeichen des Beifalls. Der Minister war hauptsächlich froh, daß das alles zu seiner Ehre vor falle und daß die Pointe des letzten Aktes ihm noch einen ganz besondern epigrammatischen Lorbeerkranz auf den Scheitel werfen müsse.

Er überkam den Kranz. – Das Kinderpaar wurde von der anwesenden Erlanger Literaturzeitung und von der Belletrischen sehr günstig rezensiert und mit Kronen überdeckt, mit edlen Märtyrerkronen. – Der deutsche Herr hatte und brauchte das laute Recht, die Krönung und den Kronwagen anzuführen. Niedriger Mensch! warum dürfen deine Käfer-Augen über die heiligen Rosen, welche die Rührung und die Geschwister-Liebe auf Lianens Wangen pflanzt, nagend kriechen? – Aber wie noch viel munterer wurde der alte Herr – so daß er mit den ältesten Damen badinierte –, als er den Ritter sein Interesse an Lianen nicht phantastisch oder sentimentalisch, sondern durch stilles stetes Nähern und verständige Aufmerksamkeit, durch Scherze und Blicke und kluges Anreden und endlich durch etwas Entscheidendes[292] herrlich an den Tag geben sah! – Der deutsche Herr zog nämlich den alten in ein Kabinett hinein und beide kehrten heftigbelebt daraus zurück.

Die einsame, ins eigne Herz versenkte Liane flüchtete vom Giftbaum des Lorbeers weg zur erquickenden Mutter. Liane hatte mitten in den stürmischen Mühlengängen täglicher Assembleen eine leise Stimme und ein zartes Ohr behalten, und der Tumult hatte sie eingezogen und fast scheu gelassen.

Die schöne Seele erriet selten etwas – eine schöne Seele ausgenommen –; so leicht ihr Ebenbild, so schwer ihr Gegenbild. Bouverots Annäherungen schienen ihr die gewöhnlichen Vorund Seitenpas der männlichen Höflichkeit; und sein Ritter-Zölibat erlaubte ihr nicht, ihn ganz zu verstehen; – prangen nicht die Lilien der Unschuld früher als die Rosen der Scham, wie die Purpurfarbe anfangs nur bleich färbt und erst später rot anglüht, wenn sie vor der Sonne liegt? – Sie hielt sich diesen Abend der Mutter nahe, weil sie an ihr einen ungewöhnlichen Ernst wahrnahm. –

Als Froulay das Geburtstags-Kränzchen, worin mehr Stacheln und Stiele als Blumen steckten, oder das Dornenkrönchen von seinem Kopfe heruntergetan hatte und in der Nachtmütze unter seiner Familie stand: macht' er sich an das Geschäft, worauf er den ganzen Abend gesonnen hatte. »Täubchen« (sagt' er zur Tochter und entlehnte einen guten Ausdruck aus der Bastille97) – »Täubchen, lasse mich und Guillemette allein.« – Er entblößte jetzt das Ober-Gebiß durch ein eignes Grinsen und sagte, er hab' ihr, wie er hoffe, etwas Angenehmes zu hinterbringen. »Sie wissen,« (fuhr er fort) »was ich dem deutschen Herrn schuldig bin« – Er meinte nicht Dank, sondern Geld und Rücksicht.

– – Man will es sehr preisen an der Familie der Quintier98, daß sie nie Gold besessen; ich führe – ohne tausend andere Familien aufzustellen, von denen dasselbe zu beschwören ist – nur die Froulaysche an. Gewisse Familien haben wie Spießglas durchaus keine chemische Verwandtschaft mit diesem Metall, wenn sie auch wollten; – wahrlich Froulay wollte; er sah sehr auf seinen Vorteil[293] (auf etwas anderes nicht), er setzte (obwohl nur in Kollisionsfällen) gern Gewissen und Ehre beiseite; aber er brachte es zu nichts als zu großen Ausgaben und großen Projekten, bloß weil er das Geld nicht als Endzweck des Geizes, sondern nur als Mittel des Ehrgeizes und der Tätigkeit sucht. Sogar für einige Gemälde, die Bouverot für den Fürsten in Italien gekauft, war er jenem noch den Kaufschilling schuldig, den er von der Kammer erhoben. Durch seine Schuldbriefe stand er wie durch Zirkelbriefe in ausgebreiteten Verbindungen. Er hätte gern seinen Ehekontrakt in einen Schuldbrief umgeschrieben und mit der Ministerin wenigstens die innigste Gemeinschaft – der Güter gehabt – denn unter den jetzigen Umständen grenzten Scheidung und Konkurs nachbarlich aneinander –; aber wie gesagt, manche Menschen haben bei den besten Krallen – wie der Adler des römischen Königs99 – nichts darin. –

Er fuhr fort: »Jetzt höret diese Gêne vielleicht auf. Haben Sie bisher Beobachtungen über ihn gemacht?« – Sie schüttelte. »Ich« (versetzt' er) »schon lange und solche, die mich wahrhaft soulagierten; – j'avois le nez bon quant à cela – er hat reelle Neigung für meine Liane.«

Die Ministerin konnte keinen Verfolg erraten und bat ihn mit verdecktem Erstaunen, zur angenehmen Sache zu kommen. Komisch rang auf seinem Gesicht der freundliche Schein mit der Erwartung, er werde sich sogleich erbosen müssen; er versetzte: »Ist Ihnen das keine? Der Ritter meint es ernsthaft. Er will sich jetzt mit ihr heimlich verloben; nach drei Jahren tritt er aus dem Orden, und ihr Glück ist gemacht. Vous êtes je l'espêre pour cette fois un peu sur mes interêts, ils sont les vôtres.« –

Ihr so schnell und tief getroffenes Mutterherz weinte und konnte kaum verhüllet werden. »Herr von Froulay!« (sagte sie nach einiger Fassung) »ich verberge mein Erstaunen nicht. Eine solche Ungleichheit in den Jahren – in den Neigungen – in der Religion«100 – –[294]

»Das ist des Ritters Sache, nicht unsere«, versetzt' er, erquickt von ihrer entrüsteten Verwirrung, und warf wie das Wetter in seiner Kälte nur feinen spitzen Schnee, keinen Hagel. – »Was Lianens Herz anlangt, dieses bitt' ich Sie eben zu sondieren.« -»O dieses fromme Herz? – Sie persiflieren!« – »Posito! desto lieber wird das fromme Herz sich fügen, um das Glück des Vaters zu machen, wenn sie nicht die größte Egoistin ist. Ich möchte die gehorsame Tochter nicht gern zwingen.« – »N'épuisez pas ce chapitre; mon coeur est en presse. – Es wird ihr das Leben kosten, das ohnehin an so schwachen Fäden hängt.« – – Diese Erwähnung schlug allezeit Zornfeuer aus seinem Kiesel: »Tant mieux,« (sagt' er) »so bleibt es bei der Verlobung! hätt' ich bald gesagt – sacre – –! Und wer ist daran schuld? So gehts mir mit dem Haupt mann auch; anfangs versprechen meine Kinder alles, dann werden sie nichts. – Aber, Madame,« (indem er sich schnell und giftig zusammenfaßte und statt seiner Lippen und Zähne bloß die Gehörwerkzeuge eines schlafenden Schoßhundes mäßig drückte) »Sie allein wissen ja alles durch Ihren Einfluß auf Liane zu dressieren und zu redressieren. Sie gehorcht Ihnen vielleicht noch eher als mir. Ich werde dann nicht bei dem Ritter kompromittiert. – Die Vorteile detaillier' ich nicht weiter.« Seine Brust wurde hier schön erwärmt unter dem Geierfell der Entrüstung.

Aber die edle Frau stand jetzt unwillig auf und sagte: »Herr von Froulay! Bis jetzt sprach ich nicht von mir – Nie werd' ich es raten, oder billigen, oder zulassen; ich werde das Gegenteil tun. – Herr von Bouverot ist meiner Liane nicht würdig.« –

Der Minister hatte während der Rede mehrmals mit der Lichtschere ohne Not über den Wachslichtern zugeschnappt und nur die Flammenspitze geköpft; die fixe Luft des Zorns strich jetzt die Rosen seiner Lippen (wie die chemische die botanischen) blau an. – »Bon!« – (versetzt' er) – »Ich verreise; Sie können darüber reflechieren – aber ich gebe mein Ehrenwort, daß ich nie in irgendeine andere Partie konsentiere, und wäre sie« (wobei er die Frau ironisch ansah) »noch ansehnlicher101 als die eben projektierte – entweder das Mädchen gehorcht, oder sie leidet – deci dez! –[295] Mais je me fie à l'amour que vous portez au pere, et à la fille; vous nous rendrez tous assez contents.« Und dann zog er fort, nicht als Gewitter, sondern als Regenbogen, den er aus der achten Farbe allein verfertigte, aus der schwarzen, und zwar mit den Augenbraunen.

Nach einigen mit der Mutter und – Tochter zürnenden Tagen reiste er als Luigis Geschäftsträger nach Haarhaar zur fürstlichen Braut. Die bedrängte Mutter vertrauete ihrem ältesten und einzigen Freunde, dem Lektor, das trübe Geheimnis. Beide hatten jetzt ein reines Verhältnis der Freundschaft gegeneinander, das in Frankreich durch die höhere Achtung für die Weiber häufiger ist. In den ersten Jahren der ministerialischen Zwangsehe, die nicht mit Morgentau, sondern mit Morgenreif anbrach, flatterte vielleicht der Dämmerungsvogel, Amor, ihnen nach; aber später vertrieben die Kinder diese Sphinx. Über die Mutter wird oft die Gattin verschmerzt. Sie nahm daher mit der ihr eignen kalten und klaren Stärke alles Schwankende in ihrem Verhältnis gegen Augusti auf immer weg; und er machte ihr die Festigkeit durch die seinige leichter, weil er bei mehr Ehr- als Weiber-Liebe über kein Flechtwerk röter wurde als über das eines Korbes und irrig glaubte, ein Empfänger habe sich so zu schämen wie eine Empfängerin.

Der Lektor konnte voraussehen, daß sie auch nach ihrer Ehescheidung – die sie nur Lianens wegen verschob – schon darum unverbunden bleiben werde, um ihrer Tochter ein Allodialgut, Klosterdorf, für dessen Vorbehaltung sie nun 21 Jahre lang den Sturmbalken und Sichelwagen und Doppelhaken des alten Ministers bloßgestanden, nicht zu entziehen. Ob sie einem so festen und zarten Manne, der in nichts von ihr abwich als in der Weltkälte gegen positive Religion, nicht ihre teuere Liane selber schweigend zudenke, ist eine andere und schönere Frage. Eine solche Wechselgabe wäre einer solchen Mutter und Freundin würdig, die aus ihrem Herzen wußte, daß Zart- und Ehrgefühl zusammen einer geliebten Seele ein festeres Glück bereiten als die Genieliebe, dieser Wechsel von fliegender Hitze und fliegender Kälte, dieses Feuer, das wie das elektrische stets zweimal zertrümmert,[296] bei dem Anfliegen und bei dem Abspringen. Der Lektor selber warf jene Frage nicht auf; denn er machte nie unsichere, kecke Plane; und welcher wär' es mehr gewesen als der einer solchen Verbindung bei seiner Armut oder bei einem solchen Schwiegervater in einem Lande, wo, wie in Kursachsen, ein so wohltätiges Gesetz (für die Eltern) sogar eine vieljährige Ehe, die kein elterlicher Konsens geschlossen, wieder abbestellen kann! –

Mit nassen Augen zeigte die Ministerin ihm die neuen Sturmwolken, die wieder über sie und ihre Liane heraufstiegen. Sie konnte auf sein feines Auge für die Welt, auf seine stumme Lippe und auf seine gewandte Hand für Geschäfte bauen. Er sagte – wie immer –, das hab' er alles vorausgesehen; bewies ihr aber, daß Bouverot sein Ritterkreuz – schon aus Habsucht – nie gegen den Ehering vertauschen werde, welche Absichten er auch auf Lianen nähre. Er ließ sie, soweit es die Schonung für ihre wunden Verhältnisse vertrug, es erraten, bis zu welchem Grade von Bereitwilligkeit für Bouverots Wünsche gerade Lianens zerbrechliches Leben den Minister locken könne, um es abzuernten, bevor es abblühe. Denn Froulay brachte Zumutungen gegen die Ehre behender die Kehle hinab als Verletzungen seiner Eitelkeit, wie der Wasserscheue leichter derbe Brocken als Flüssiges. Doch klang das alles der Ministerin nicht so unmoralisch-hart, als Leser aus den mittlern Ständen denken möchten; ich berufe mich auf die vernünftigern aus den höhern.

Augusti und die Ministerin sahen, man müßte in der Abwesenheit des Ministers doch etwas für Liane tun; und beide trafen wunderbar im Projekte zusammen. – Liane muß aufs Land in dieser schönen Zeit – sie muß ihre Gesundheit rüsten für die Kriege der Zukunft – sie muß den Besuchen des Ritters entzogen sein, die nun der Geburtstag vervielfältigen wird – der Minister muß sogar gegen den Ort nichts einzuwenden haben. – – Und wo kann dieser liegen? – Bloß unter dem Dache des Direktors Wehrfritz, der den deutschen Herrn nicht ausstehen kann, weil er sein vergiftendes Verhältnis zum Fürsten weiß. Aber freilich sind vorher noch andere Berge zu übersteigen als der nach Blumenbühl.[297]

Selber der Leser muß jetzt über einen niedrigen hinüber; und der ist ein kurzes komi-tragisches Extrablatt


über den grünen Markt mit Töchtern


Folgendes ist gewiß: jeder Inhaber einer sehr schönen oder sehr reichen Tochter verwahrt gleichsam einen Pitt unter dem Dach, der ihm selber unbrauchbar ist und den er erst nach langem Ruhen einem Regenten102 verkaufen muß. Genau und merkantilisch gesprochen sind Töchter eigentlich kein Handelsartikel – denn die elterlichen Großavanturhändler kann niemand mit jenen Trödlerinnen und Ständel- oder Fratschlerweibern vermengen, deren Transitohandel man nicht gern nennt –, sondern eine Aktie, mit der man in einer Südsee gewinnt, oder eine Scholle, womit man das Grundstück symbolisch (scotatione) übergibt. »Je ne vends que mes paysages et donne les figures par dessus le marché«103, sagte Claude Lorraine, wie ein Vater – und konnt' es leicht, weil er durch andere die Figuren in seine Landschaften malen ließ –; ebenso werden nur die Rittersitze in den Kauf- oder Ehekontrakt gesetzt und die Braut, die auf jenen sitzt, dareingegeben. Ebenso höher hinauf ist eine Prinzessin bloß ein blühender Zweig, den ein fürstlicher Sponsus nicht der Früchte wegen, sondern weil sich ein Bienenschwarm von Land und Leuten daran angelegt, abnimmt und nach Hause trägt.

Hat ein Vater – wie unser Minister – nicht viel, so kann er die Kinder, wie die Ägypter die Eltern (nämlich die Mumien davon), als Schuld- und Faustpfänder oder Reichspfandschaften, die man nicht einlöset, einsetzen.

Jetzt hat sich der Kaufmannsstand, der sonst nur fremde Produkte vertrieb, auch dieses Handelszweigs bemächtigt; mich dünkt aber, er hätte in seinem untern Kaufgewölbe Spielraum genug, eigennützig und verdammt zu werden, ohne die Treppe[298] hinaufzusteigen zur Tochter. In Guinea darf nur der Adel handeln; bei uns ist ihm fast aller Handel, außer dem kleinen mit den Töchtern und den übrigen wenigen Dingen, die auf den eignen Gütern wachsen, abgeschnitten und verwehrt; daher hält er so fest auf diese Handelsfreiheit, und die Noblesse scheint hier eine für diesen zarten Handelszweig verbundne Hansa zu sein; so daß man gewissermaßen den erhabnen Stand mit dem erhabnern im eigentlichen Sinn vergleichen mag, den in Rom verkäufliche Leute besteigen mußten104, um besehen zu werden.

Es ist eine gemeine Einwendung sogenannter gefühlvoller junger Herzen, daß dergleichen Verhandlungen die Liebe sehr sperren oder gar sprengen; indes ihr wohl nichts so sehr vorarbeitet als eben dies. Denn ist nur der Handel geschlossen und vom Buchhalter (dem Pfarrer) ins Hauptbuch eingetragen: so tritt ja die Zeit ein, wo die Tochter ihr Herz bedenken und versorgen darf, nämlich die schöne Zeit nach der Heirat, die allgemein in Frankreich und Italien und allmählich auch in Deutschland als die schicklichere angenommen wird, wo ein weibliches Herz frei unter der Männer-Schar erwählen kann; ihr Staat wird dann, wie der venezianische, aus einem merkantilischen ein erobernder. Auch den Gemahl selber unterbricht das kurze Handlungsgeschäft so wenig nach- als vorher in seiner Liebe; nur tritt jetzt – wie in Nürnberg dem Juden eine alte Frau – unserem immer eine junge nach. Ja oft fasset der eheliche Handels-Mann selber Neigung für das heimgeführte Subjekt – welches ein ungemeines Glück-, und wie Moses Mendelssohn mit dem seidnen Waren-Bündel unter dem Arm seine Briefe über die Empfindungen aussann, so meditieren bessere Männer unter dem Handel Liebesbriefe an den Handelszweig und handeln mit der Jungfrau – wie Kaufleute in Messina105 mit der heiligen – in Compagnie; aber freilich solche profitable Verbindungen der Liebe mit Geschäften bleiben seltene Vögel und sind wenig zu prätendieren. – –

– Das Vorige schrieb ich für Eltern, die gern scherzen mit – kindlichem Glück; ich will jetzt aus ihrem und meinem Scherz[299] Ernst machen. Ich frage euch erstlich über euer Recht, moralischen freien Wesen die Neigungen oder gar den Schein derselben vorzuschreiben und durch eine Machthandlung den giftigen Bleizepter über ein ganzes freies Leben auszustrecken. Eure zehn Lehrjahre des Lebens mehr machen so wenig einen Unterschied in der gegenseitigen Freiheit als Talent oder sein Mangel. Warum befehlt ihr denn Töchtern nicht ebensogut Freundschaft auf Lebenslang? Warum übt ihr bei der zweiten Ehe nicht dasselbe Recht? Aber ihr habt eben keines zu verwerfen, ausgenommen in der minorennen Zeit, wo das Kind noch keines hat, zu wählen. Oder fodert ihr für die Erziehung zur Freiheit beim Abschiede als Ehrensold das Opfer der Freiheit? – Ihr tut, als hättet ihr erzogen, ohne selber erzogen zu sein, indes ihr bloß eine schwere geerbte Schuld, die ihr an eure Eltern nie bezahlen könnt, an eure Kinder abtragt; und ich kenne hierin nur einen unbezahlten Gläubiger, den ersten Menschen, und nur einen insolventen Schuldner, den letzten. Oder schützet ihr euch noch mit dem barbarischen unmoralischen römischen Vorurteil, das Kinder als weiße Neger der Eltern feilbietet, weil die frühere erlaubte Gewalt über das nicht-moralische Wesen sich hinter der Allmählichkeit seiner Entwicklung unbemerkt als eine über das moralische herüberschleicht?

Dürft ihr aus Liebe Kinder zu ihrem Glück, so dürfen sie später ebensogut aus Dankbarkeit euch zu eurem zwingen. Aber was ist denn das Glück, wofür sie ihr ganzes Herz mit allen seinen Träumen wegwerfen sollen? – Meistens eures; eure Beleuchtung und Bereicherung, eure Feind- und Freundschaften sollen sie mit dem Opfer des Innersten büßen und kaufen. Dürft ihr eure stillen Voraussetzungen zum Glück einer Zwangsehe laut bekennen, z.B. die Entbehrlichkeit der Liebe in der Ehe, die Hoffnung eines Todesfalles, die vielleicht doppelte Untreue sowohl gegen den ehelichen Käufer als gegen den außer-ehelichen Geliebten? Ihr müsset Sünderinnen106 voraussetzen, um nicht Räuber zu sein.

Tut mir nicht dar, daß Neigungsehen oft schlecht und Zwangsehen[300] oft gut genug ausgefallen, wie an Herrnhutern, Germanen und Orientalern zu ersehen. Nennt mir sonst lieber alle barbarische Völker und Zeiten her, worin, weil beide ja nur den Mann, nie die Frau berechnen, eine glückliche Ehe nichts bedeutet als einen glücklichen Mann. Niemand steht nahe genug dabei, die weiblichen Seufzer zu hören und zu zählen; der ungehörte Schmerz wird endlich sprachlos; neue Wunden schwächen das Bluten der ältesten. Ferner: am Mißgeschick der Neigungs-Ehen ist eben ihr Verwehren und euer Krieg gegen die Verehlichten schuld. – Ferner: jede Zwangs-Ehe ist ja meistens zur Hälfte eine Neigungs-Ehe. Endlich: die besten Ehen sind im mittlern Stand, wo mehr die Liebe, und die schlechtesten in den höhern, wo die Rücksicht bindet; und sooft in diesen ein Fürst bloß mit seinem Herzen wählte, so erhielt er eines, und er verlor und betrog es nie. – –

Welches ist denn nun die Hand, in welche ihr so oft die schönste, feinste, reichste, aber widersträubende presset? Gewöhnlich eine schwarze, alte, welke, gierige. Denn veraltete, reiche oder steigende Libertins haben zu viel Kenntnis, Sättigung und Freiheit, um sich andere Wesen zu stehlen als die herrlichsten; die minder vollkommnen fallen bloß Liebhabern anheim. Aber wie niedrig ist ein Mann, der, verlassen vom eignen Wert, bloß vom fremden Machtgebot beschützt, sein Glück bezahlend mit einem gestohlnen, nun die unbeschirmte Seele von einer geliebten nachweinenden in ein langes kaltes Leben wegschleppen und sie in seine Arme wie in frostige Schwerter drücken und sie darin so nahe an seinem Auge blutend erbleichen und zucken sehen kann! – Der Mann von Ehre gibt schon errötend, aber er nimmt nicht errötend; und der bessere Löwe, der tierische, schonet das Weib107; aber diese Seeleneinkäufer erpressen vom bezwungnen Wesen noch zuletzt das Zeugnis der Freiwilligkeit.

Mutter des armen Herzens, das du durch Unglück beglücken willst, höre du mich! Gesetzt, deine Tochter härte sich ab gegen das aufgedrungene Elend: hast du ihr nicht den reichen Traum[301] des Lebens zum leeren Schlafe gemacht und ihr daraus die glückseligen Inseln der Liebe genommen und alles, was auf ihnen blüht, die schönen Tage, wo man sie betritt, und das ewige frohe Umsehen nach ihnen, wenn sie schon tief im Horizonte mit ihren blühenden Gipfeln liegen? Mutter, war diese frohe Zeit in deiner Brust, so nimm sie der Tochter nicht; und war sie dir grausam entzogen, so denk an deinen bittersten Schmerz und erb' ihn nicht fort.

Gesetzt ferner, sie macht den Entführer ihrer Seele glücklich, rechne nun, was sie für den Liebling derselben gewesen wäre und ob sie dann nichts verdiene, als den zu ihr von einer Gefängnistüre auf immer eingeschlossenen Kerkermeister zu ergötzen! Aber so gut ists selten; – du wirst ein doppeltes Mißgeschick auf deine Seele häufen, den langen Schmerz der Tochter, das Erkalten des Gatten, der später die Weigerungen fühlt und rügt. – Du hast die Zeit verschattet, wo der Mensch am ersten Morgensonne braucht, die Jugend. O macht lieber alle andere Tageszeiten des Lebens trübe – sie sind sich alle ähnlich, das dritte und das vierte und fünfte Jahrzehend –, nur bei Sonnenaufgang lasset es nicht ins Leben regnen; nur diese einzige, nie umkehrende, unersetzliche Zeit verfinstert nicht.

Aber wie, wenn du nicht bloß Freuden, Verhältnisse, eine glückliche Ehe, Hoffnungen, eine ganze Nachkommenschaft für deine Plane und Befehle opfertest, sondern das Wesen selber108, das du zwingst? Wer kann dich rechtfertigen oder deine Tränen trocknen, wenn die beste Tochter – denn gerade diese wird gehorchen, schweigen und sterben, wie den Mönchen von La Trappe ihr Kloster niederbrennt, ohne daß einer das Gelübde[302] des Schweigens bricht109 – wenn sie, sag' ich, wie eine Frucht halb vor der Sonne, halb im Schatten, nach außen hin blüht und nach innen kalt erbleicht, wenn sie, ihrem entseelten Herzen nachsterbend, dir endlich nichts mehr verhehlen kann, sondern jahrelang die Blässe und die Schmerzen des Unterganges mitten im Aufgange des Lebens herumträgt – und wenn du sie nicht trösten darfst, weil du sie zerstöret hast und dein Gewissen den Namen Kindermörderin nicht verschweigt – und wenn nun endlich das ermüdete Opfer vor deinen Tränen daliegt und das ringende Wesen so bang und früh, so matt und doch lebensdurstig, vergebend und klagend, mit brechenden und sehnsüchtigen Blicken peinlich-verworren und streitend in den bodenlosen Todesfluß mit den blühenden Gliedern untersinkt: o schuldige Mutter am Ufer, die du sie hineingestoßen, wer will dich trösten? – Aber eine schuldlose würde ich rufen und ihr das schwere Sterben zeigen und sie fragen: soll dein Kind auch so untergehen? –

94

Tempestiarii oder Wettermacher hießen im Mittelalter die Hexenmeister, welche Ungewitter erregen konnten. Man brauchte in Kirchen Wettergebete gegen sie; und andere Hexenmeister, die jenen entgegenarbeiteten.

95

Die polnischen Tänzer tragen immer eine Peitsche unter dem Pelze damit die Tänzerin durch die Schläge entschuldigt ist, wenn sie mit ihm fehlet. Oberschles. Monatsschrift, 1stes St., Jul. 1788.

96

Geistersche

97

So nannten ihre Schließer die Gefangnen.

98

Alexand. ab Al. V. 4.

99

Um sich von dem Adler des Kaisers zu unterscheiden, der in beiden Fängen etwas hält.

100

Bouverot war katholisch.

101

meinte eine mit dem armen Lektor.

102

Ich meine nicht (wie es etwa aus dem Verkaufen scheint) Pitt den Minister, sondern Pitt den Diamanten, den der Vater des jetzigen dem Herzog Regenten von Frankreich verhandelte und für dessen Splitter er noch 12000 Dukaten bekam.

103

Ich verkaufe bloß die Landschaften und gebe die Figuren zum Kauf darein.

104

Plaut. Bach. Act. 4. Scen. 7. 17.

105

7ter Teil der neuen Sammlung der Reisebeschreibungen.

106

Ich spreche mehr von Töchtern, weil diese die gewöhnlichsten und größten Opfer sind; die Söhne sind unblutige Meßopfer.

107

Plin. H. N. VIII. 16.

108

Und das ist durchaus wahrscheinlich. Doktor Eduard Hill berechnete daß in England jährlich 8 000 an der unglücklichen Liebe – am gebrochnen Herzen, wie die Engländerinnen rührend sagen – sterben. Beddoes erweiset daß die vegetabilische Kost – und diese lieben gerade diese Wesen – die Schwindsucht nähre und daß die weiblichen sich zu dieser neigen. Noch dazu fallen die Zeiten der Sehnsucht, die schon ohne Fehlschlagen, wie das Heimweh zeigt, eine vergiftend-herumziehende Bleikugel ist, in die Jugend ein, wo der Same der Brustkrankheiten am leichtesten aufgeht. O manche fallen in der Ehe unter falschen Auslegungen vor dem Todesengel, dem sie vor ihr das Schwert geschärft und gegeben.

109

Forsters Ansichten. I. B.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 289-303.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Titan
Sämtliche Werke, 10 Bde., Bd.3, Titan
Titan (insel taschenbuch)
Titan. Bd. 1/2
Titan: A Romance from the German (German Edition)
Titan, Volumes 1-2 (German Edition)

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Napoleon oder Die hundert Tage. Ein Drama in fünf Aufzügen

Napoleon oder Die hundert Tage. Ein Drama in fünf Aufzügen

In die Zeit zwischen dem ersten März 1815, als Napoleon aus Elba zurückkehrt, und der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni desselben Jahres konzentriert Grabbe das komplexe Wechselspiel zwischen Umbruch und Wiederherstellung, zwischen historischen Bedingungen und Konsequenzen. »Mit Napoleons Ende ward es mit der Welt, als wäre sie ein ausgelesenes Buch.« C.D.G.

138 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon