59. Zykel

[303] Es war ein romantischer Tag für Zesara, sogar von außen; Sonnenfunken und Regentropfen spielten blendend durch den Himmel. Er hatte einen Brief von seinem Vater aus Madrid bekommen, der auf den gedrohten Tod seiner Schwester endlich das schwarze Siegel der Gewißheit drückte und worin nichts Angenehmes war als die Nachricht, daß Don Gaspard mit der Gräfin de Romeiro, deren Vormundschaft er nun schließe, in dem Herbste (dem italienischen Frühling) nach Italien gehe. Zwei Töne waren ihm aus der Tonleiter der Liebe gerissen: er erfuhr nie, wie man einen Bruder liebe und eine Schwester. Das Zusammentreffen ihrer Sterbenacht mit der Tartarus-Nacht, dieses ganze Einkrallen in die heiligen Bilder und Wünsche seines Herzens empörte seinen Geist, und er fühlte zornig, wie ohnmächtig eine ganze antastende Welt Lianens Bild in ihm wegzurücken suche; und fühlte wieder schmerzlich, daß eben diese Liane selber an ihr nahes Vergehen glaube. –[303]

So fand ihn eine unerwartete Einladung von der – Ministerin selber – – Sonnenfunken und Regentropfen spielten auch in seinem Himmel. – Er flog; im Vorzimmer stand der Engel, der die sechs apokalyptischen Siegel erbrach – Rabette. Sie war ihm entgegengelaufen aus Scheu vor der Gesellschaft und hatt' ihn früher umarmt als er sie. Wie gern sah er ins bekannte redliche Angesicht! Mit Tränen hört' er den Namen Bruder, da er heute eine Schwester verloren! – –

Die Ursache ihrer Erscheinung war diese: als der Direktor das letztemal bei der Ministerin war, hatte diese mit leichter verdeckter Hand seiner Tochter »zur Kenntnis des leeren Stadtlebens und zur Veränderung« – ihr Haus geöffnet, um künftig an seines für ihre klopfen zu dürfen. Er sagte, »er spedier' ihr den weiblichen Wildfang mit Freuden«. Und da ihm in Blumenbühl Rabette Nein, dann Ja, dann Nein, dann Ja geantwortet und sie mit der Mutter noch vor Mitternacht eine Reichskammergerichts-Revision, einen Münzprobations-Tag über alles gehalten hatte, was ein Mensch vom Land anziehen kann in der Stadt: so packte sie dort auf und hier – ab.

»Ach ich fürchte mich drinnen,« (sagte sie zu Albano) »sie sind alle zu gescheut, und ich bin nun so dumm!« – Er fand außer dem Familienkleeblatt noch die Prinzessin und die kleine Helena aus Lilar, dieses schöne Medaillon eines schönen Tages für sein gerührtes Herz. Unbeschreiblich ergriff ihn Lianens weibliche Annäherung an Rabette, gleichsam als teil' er sie mit ihr. Mit Leutseligkeit und Zartheit kam die Milde, die ohne Falsch und Stolz war, der verlegnen Gespielin zu Hülfe, auf deren Gesicht die angeborne lachende und beredte Natur jetzt sonderbar gegen den künstlichen Stummen-Ernst abstach. Karl war mit seiner gewandten Vertraulichkeit mehr imstand, sie zu umstricken als loszuwickeln; bloß Liane gab ihrer Seele und Zunge schon durch den Stickrahmen freies Feld; Rabette schrieb mit der Sticknadel zwar keine Zier- und Anfangsbuchstaben, aber doch eine gute Kurrenthand.

Sie gab – das Gesicht gegen das brüderliche gewandt, um Mut davon zu holen – von dem gefährlichen Wege und Umwerfen[304] einen deutlichen Bericht und lachte dabei, nach der Sitte des Volks, wenn es sein Unglück erzählt. Der Bruder war ihr auf Kosten der Gesellschaft selber die Gesellschaft und die Welt; nach ihm allein strömte ihre Wärme und Rede hin. Sie sagte: sie könn' ihn aus ihrer Stube »klavieren« sehen. Liane führte beide sofort darein. Wie reich und erhaben über Rabettens Ansprüche ans Stadtleben war das jungfräuliche Hospitium ausgestattet, von der Tulpe an – keiner blühenden, sondern einem Arbeitskörbchen von Liane, wiewohl jede Tulpe eines für den Frühling ist – bis zum Klavier, von dem sie gegenwärtig freilich nicht mehr verbrauchen kann als sieben Diskanttasten für einen halben Walzer! Fünf mäßige Kleiderkästen – denn damit glaubte sie auszukommen und der Stadt zu zeigen, daß auch das Land sich kleiden könne – stellten ihm in ihren wohlbekannten Blumenstücken und Blechbändern gleichsam die alten Drucke (Inkunabeln) der ersten Lebenstage vor; und heute erquickte ihn jede Spur der alten Liebes-Zeit. Sie ließ ihn seine Fenster suchen, aus deren einem der Bibliothekar einen soliden Blick auf einen Gassenstein heftete, um ihn immer zu treffen mit Anspucken.

Hier einsam neben dem Bruder sagte Liane der Schwester das Wort der Freundschaft lauter und versicherte, wie sie sie erfreuen wolle und wie gut und wahr sie es mit ihr meine. O sehet in die Flamme der reinen religiösen schwesterlichen Liebe mit keinem gelben Auge des Argwohns! Fasset ihr nicht, daß diese schöne Seele eben jetzt ihre reichen Flammen zerteile für alle Schwesterherzen, bis die Liebe sie zusammendrängt in eine Sonne, wie nach den Alten die zerstreueten Blitze der Nacht am Morgen sich zu einer dichten Sonne sammlen? – Sie war überall Auge für jedes Herz; wie eine Mutter vergaß sie nicht einmal die Kleine über Große; – und sie goß – keiner streiche mir dieses kleine Beispiel weg – der kleinen Helena die Tasse Kaffee, die der Doktor verbot, halb voll Sahne, damit er ohne Kraft und Nachteil sei.

Die ungeduldige Prinzessin hatte schon zehnmal nach dem Himmel geschauet, durch welchen bald Lichtstrahlen, bald Regensäulen flogen – bis endlich aus dem verzehrten Wolkenschnee das Blau in weiten Feldern wuchs und Julienne die erfreueten[305] jungen Leute in den Garten zum Anstoß der Ministerin entführen konnte, die ungern Lianen dem Serein, fünf oder sechs Abendwind-Stößen und dem Waten durch das 1/19 Linie hoch stehende Regenwasser aussetzte. Sie selber blieb zurück. Wie war alles drunten so neu geboren, widerscheinend und liebkosend! Die Lerchen stiegen aus den fernen Feldern wie Töne auf und schmetterten nahe über dem Garten – in allen Blättern hingen Sterne, und die Abendluft warf das nasse Geschmeide, die zitternden Ohrrosen aus den Blüten in die Blumen herab und trieb süße Düfte den Bienen entgegen. Die Idylle des Jahrs, der Frühling, teilte sein holdes Schäferland unter die jungen Seelen aus. Albano nahm die Hand seiner Schwester, aber er hörte mühsam auf ihre Berichte vom Hause. Liane ging mit der Prinzessin weit voraus und labte sich am offnen Himmel der Vertraulichkeit.

Plötzlich stand Julienne mit ihr scherzend still, um den Grafen heranzulassen und zu fragen nach Briefen von Don Gaspard und nach Nachrichten von der Gräfin Romeiro. Er teilte mit erglühendem Gesicht den Inhalt des heutigen mit. In Juliennens Physiognomie lächelte fast Neckerei. Auf die Nachricht von Lindas Reise versetzte sie: »Daran erkenn' ich sie; alles will sie lernen – alles bereisen. – Ich pariere, sie steigt auf den Montblanc und in den Vesuv. Liane und ich nennen sie darum die Titanide.« Wie freundlich hörte diese zu, mit den Augen ganz auf der Freundin! »Sie kennen sie nicht?« fragte sie den Gepeinigten. Er verneinte heftig. Roquairol kam nach; »Passez, Monsieur« sagte sie, Platz machend und ihn fortwinkend. Liane blickte sehr ernst nach. »La voici!« sagte Julienne, indem sie an einem Ringe ihrer kleinen Hand durch einen Druck die Decke eines Bildnisses aufspringen ließ. – – Guter Jüngling! es war ganz die Gestalt, welche in jener Zaubernacht aus dem Lago maggiore aufstieg, dir von den Geistern zugeschickt! – »Sie ist getroffen«, sagte sie zu dem erschütterten Menschen. »Sehr!« sagt' er verwirrt. Sie untersuchte dieses widersprechende »Sehr« nicht; aber Liane sah ihn an; »Sehr schön und kühn!« (fuhr er fort) »aber ich liebe Kühnheit an Weibern nicht.« – »O, das glaubt man den Männern gern«, versetzte Julienne; »keine feindliche Macht liebt sie an der andern.«[306]

Sie gingen jetzt in der Kastanienallee vor der heiligen Stätte vorbei, wo Albano die Braut seiner Hoffnungen zum ersten Male hinter den Wasserstrahlen hatte glänzen und leiden sehen. O er hätte hier mit dieser vom Gegeneinanderarbeiten wunderbarer Verhältnisse bang-erhitzten Seele gern vor dem nahen stillen Engel niederknien mögen! – Die zarte Julienne merkte, sie habe ein bewegtes Herz zu schonen; nach einem ziemlich lauten Schweigen sagte sie in ernstem Ton: »Ein holder Abend! Wir wollen aufs Wasserhäuschen. – Liane wurde da geheilt, Graf! Die Fontänen müssen auch springen.« – » die Fontänen!« sagte Albano und sah unbeschreiblich-gerührt Lianen an. Sie dachte aber, er meine die im Flötental. Helena gebot hinter ihnen, zu warten, und kam mit zwei Händchen voll gepflückter tauiger Aurikeln nachgetrippelt und gab sie alle Lianen, von ihr als der Kollatorin der Benefizien die Blumen-Spende erwartend; »auch die Kleine denkt noch an den schönen Sonntag in Lilar«, sagte Liane. Sie gab der Prinzessin ein paar, und Helena nickte; und als Liane sie ansah, nickte sie wieder zum Zeichen, der Graf soll' auch etwas haben; – »noch mehr!« rief sie, als er bekommen; und je mehr jene gab, desto mehr rief sie »mehr!« – wie Kinder in den Hyperbeln ihres Hanges zur Unendlichkeit pflegen.

Man ging über eine grüne Brücke und kam in ein niedliches Zimmer. Statt des vorigen Pianofortes stand ein gläsernes Heiligenhaus der Tonmuse da, eine Harmonika. Der Hauptmann schraubte innen hinter einem Tapetentürchen, und sogleich fuhren draußen alle festgebundnen Springwasser mit silbernen Flügeln gen Himmel. O wie brannte die beregnete Welt, als sie hinaus auf die Höhe traten!

Warum warst du, mein Albano, gerade in dieser Stunde nicht ganz glücklich? – Warum stechen denn durch alle unsre Bündnisse Schmerzen, und warum blutet das Herz wie seine Adern am reichsten, wenn es erwärmt wird? – Über ihnen lag der stille verwundete Himmel im Verband eines langen weißen Gewölkes – die Abendsonne stand noch hinter dem Palast, aber auf beiden Seiten desselben wallete ihr Purpurmantel aus Wolken in weiten Falten über den Himmel hin – und wenn man sich umkehrte nach[307] Osten, zu den Bergen von Blumenbühl, so liefen grüne Lebens-Flammen hinauf, und wie goldne Vögel hüpften die Irrlichter durch die feuchten Zweige und an die Morgenfenster, aber die Fontänen warfen noch ihr weißes Silber in das Gold. – –

Da schwamm die Sonne mit roter heißer Brust, goldne Kreise in den Wolken ziehend, hervor, und die gebognen Wasserstrahlen brannten hell.... Julienne sah Albano, neben welchem sie immer gleichsam gutmachend geblieben, herzlich an, als ob es ihr Bruder wäre, und Karl sagte zu Liane: »Schwester, dein Abendlied!« – »Von Herzen gern«, sagte sie; denn sie war recht froh über die Gelegenheit, sich mit dem wehmütigen Ernst ihres Genusses zu entfernen und drunten in der einsamen Stube auf den Harmonikaglocken alles laut zu sagen, was die Entzückung und die Augen verschweigen.

Sie ging hinab, das melodische Requiem des Tages stieg herauf – der Zephyr des Klanges, die Harmonika, flog wehend über die Garten-Blüten – und die Töne wiegten sich auf den dünnen Lilien des aufwachsenden Wassers, und die Silberlilien zersprangen oben vor Lust und Sonne in flammige Blüten – und drüben ruhte die Mutter Sonne lächelnd in einer Aue und sah groß und zärtlich ihre Menschen an. – Hältst du denn dein Herz, Albano, daß es mit seinen Freuden und Leiden verborgen bleibt, wenn du die stille Jungfrau im Mondschein der Töne wandeln hörst? O wenn der Ton, der im Äther vertropft, ihr das frühe Verrinnen ihres Lebens ansagt und wenn ihr die langen weichen Melodien als das Rosenöl vieler zerdrückter Tage entfließen: denkst du daran nicht, Albano? – Wie der Mensch spielet! Die kleine Helena wirft mit Aurikeln nach den lodernden Wasseradern, damit sie eine mit aufschleudern; und der Jüngling Zesara bückt sich weit über das Geländer und lässet an der schiefen Hand den Wasserstrahl auf ein heißes Gesicht und Auge abspringen, um sich damit zu kühlen und zu verhüllen. – Durch seine Schwester wurde ihm der feurige Schleier geraubt; Rabette gehörte unter die Menschen, welche dieses tönende Beben sogar physisch zernagt – so wie wieder den Hauptmann die Harmonika wenig ergriff, der immer am wenigsten gerührt war, wenn es andere am meisten waren –;[308] die Unschuldige war mit keinen Schmerzen weniger vertraut als mit süßen; die bittersüße Wehmut, worein sie in der müßigen Einsamkeit der Sonntage versank, hatten sie und andere bloß für Verdrießlichkeit gescholten. Jetzt fühlte sie auf einmal mit Erröten ihr rüstiges Herz wie von heißen Strudeln gefasset, umgedreht und durchgebrannt. Ohnehin war es heute durch das Wiederfinden des Bruders, durch das Verlassen der Mutter und die verlegne Bangigkeit vor Fremden und selber durch den sonnenroten Blumenbühler Berg hin und her bewegt. Umsonst kämpften die frischen braunen Augen und die überreife volle Lippe gegen den aufwühlenden Schmerz, die heißen Quellen rissen sich durch, und das blühende Angesicht mit dem kräftigen Kinn stand errötend voll Tränen. Schmerzlich-verschämt und bange, für ein Kind gehalten zu werden, zumal da alle Rührungen der andern unsichtbar geblieben waren, drückte sie das Schnupftuch über das brennende Gesicht und sagte zum Bruder: »Ich muß fort, mir ist nicht wohl, es will mich ersticken« – und lief hinab zur sanften Liane.

Dahin trage nur die scheuen Schmerzen! Liane wandte sich und sah sie schnell und heftig die Augen trocknen. Ach ihre waren ja auch voll. Da Rabette es sah, sagte sie mutig: »Ich kanns ja nicht hören – ich muß heulen – ich schäme mich wohl recht.« – »O du liebes Herz,« (rief Liane, freudig ihr um den Hals fallend) »schäme dich nicht und blick in mein Auge – Schwester, komme zu mir, sooft du bekümmert bist, ich will gern mit deiner Seele weinen und will dein Auge noch eher abtrocknen als meines.« – Ein überwältigender Zauber war in diesen Liebestönen, in diesen Liebesblicken, weil Liane wähnte, sie trauere über irgendeinen verfinsterten Stern des Lebens. – Und nie hat die furchtsame Dankbarkeit ein verehrtes Herz frischer und jugendlicher umarmet als Rabette Lianen.

Da kam Albano. Vom Austönen des Wiegenliedes erwachend, war er ihr nachgeeilt, ohne alle kalte und andere Tropfen von seinen feurigen Wangen zu wischen; »wie ist dir, Schwester?« fragt' er eilig. Liane, noch in der Umarmung und Begeisterung schwebend, antwortete schnell: »Sie haben eine gute Schwester,[309] ich will sie lieben wie ihr Bruder.« Die süßen Worte, die so innig gerührten Seelen, der feurige Sturm seines Wesens rissen ihn dahin, und er umschloß die Umarmenden und drückte die verschwisterten Herzen aneinander und küßte die Schwester; als er über Lianens bestürztes Wegbeugen des Kopfes erschrak und blutrot aufflammte. – –

Er mußte entfliehen. Mit diesen wilden Erschütterungen konnt' er nicht vor Lianen und vor den kalten Spiegeln der Gesellschaft bleiben. Aber die Nacht sollte so wunderbar werden wie der Tag; er eilte mit Lebens-Blicken, die wie zornige aussahen, aus der Stadt zur Titanide, zur Natur, die uns zugleich stillet und erhebet. Er ging vor aufgedeckten Mühlenrädern vorbei, um welche sich der Strom schäumend wand. – Die Abendwolken streckten sich wie ausruhende Riesen aus und sonnten sich im Morgenrot Amerikas – und der Sturm fuhr unter sie, und die feurigen Zentimanen standen auf – die Nacht bauete den Triumphbogen der Milchstraße, und die Riesen zogen finster hindurch. – Und in jedem Elemente schlug die Natur wie ein Sturmvogel den rauschenden Flügel.

Albano lag, ohne es kaum zu wissen, auf der Wald-Brücke Lilars, worunter die Windströme durchrauschten. Er glühte, gleich den Wolken, von seiner Sonne nach – seine innern Flügel waren, wie die des Straußes, voll Stacheln und verwundeten ihn im Erheben – – der romantische Geistertag, der Brief des Vaters, Lianens Auge voll Tränen, seine Kühnheit und seine Wonne und Reue darüber und jetzt die erhabne Nacht-Welt auf allen Seiten um ihn her zogen erschütternd im jungen Herzen hin und her er berührte mit der Feuer-Wange die beregneten Gipfel und kühlte sich nicht und war dem tönenden fliegenden Herzen, der Nachtigall, nahe und hörte sie kaum. – – Wie eine Sonne geht das Herz durch die blassen Gedanken und löschet auf der Bahn ein Sternbild nach dem andern aus. – – Auf der Erde und an dem Himmel, in der Vergangenheit und in der Zukunft stand vor Alban nur eine Gestalt;»Liane« sagte sein Herz, »Liane« sagte die ganze Natur.

Er ging die Brücke hinab und stieg die westlichen Triumphbogen[310] hinauf, das dämmernde Lilar ruhte vor ihm. – Siehe da sah er den alten »frommen Vater« auf dem Geländer des Bogens eingeschlummert. Aber wie anders war die verehrte Gestalt, als er sie sich nach der des verstorbnen Fürsten vorgemalt! Die unter dem Quäkerhute reichvorwallenden weißen Locken, die weiblich und poetisch runde Stirn, die gebogne Nase und die jugendliche Lippe, die noch nicht im späten Leben einwelkte, und das Kindliche des sanften Gesichts verkündigten ein Herz, das in der Dämmerung des Alters ausruht und nach Sternen blickt. Wie einsam ist der heilige Schlaf! Der Todesengel hat den Menschen aus der lichten Welt in die finster überbauete Einsiedelei geführt, seine Freunde stehen draußen neben der Klause; drinnen redet der Einsiedler mit sich, und sein Dunkel wird immer heller, und Edelsteine und Auen und ganze Frühlingstage entglimmen endlich – und alles ist hell und weit! – Albano stand vor dem Schlaf mit einer ernsten Seele, die das Leben und seine Rätsel anschauet – – nicht nur der Ein- und Ausgang des Lebens ist vielfach überschleiert, auch die kurze Bahn selber; wie um ägyptische Tempel, so liegen Sphinxe um den größten Tempel, und anders als bei der Sphinx löset das Rätsel nur der, welcher stirbt. –

Der alte Mann sprach hinter dem Sprachgitter des Schlafs mit Toten, die mit ihm über die Morgen-Auen der Jugend gezogen waren, und redete mit schwerer Lippe den toten Fürsten und seine Gattin an. Wie erhaben hing der mit einem langen Leben übermalte Vorhang des veralteten Angesichts vor der hinter ihm tanzenden Schäferwelt der Jugend nieder, und wie rührend wandelte die graue Gestalt mit dem jugendlichen Kranz im kalten Abendtau des Lebens umher und hielt ihn für Morgentau und sah nach Morgen und der Sonne! – Nur die Locke des Greises rührte der Jüngling liebend-schonend an; er wollte ihn – um ihn nicht mit einer fremden Gestalt zu erschrecken – verlassen, ehe der aufgehende Mond seine Augenlider weckend berührte. Nur wollt' er vorher den Lehrer seiner Geliebten mit den Zweigen eines nahen Lorbeerbäumchens bekränzen. Als er davon zurückkam: drang schon der Mond mit seinem Glanze durch die großen Augenlider; und der Greis schlug sie auf vor dem erhabnen[311] Jüngling, der mit dem glühenden Rosenmond seines Angesichts, vom Monde verkläret, vor ihm wie ein Genius mit dem Kranze stand. »Justus!« (rief der Alte)»bist du es?« Er hielt ihn für den alten Fürsten, der eben mit blühenden Wangen und offnen Augen in der Unterwelt des Traums mit ihm gegangen war.

Aber er kam bald aus dem träumerischen Elysium ins botanische zurück und wußte sogar Albanos Namen. Der Graf faßte mit offner Miene seine Hände und sagte ihm, wie lange und innig er ihn achte. Spener erwiderte wenig und ruhig, wie Greise tun, die alles auf der Erde so oft gesehen. Der Glanz des Mondlichts floß jetzt an der langen Gestalt herab, und das ruhig-offne Auge wurde erleuchtet, das nicht sowohl eindringt als alles eindringen lässet. Die fast kalte Stille der Züge, der junge Gang der langen Gestalt, die ihre Jahre aufrecht trug als einen Kranz auf dem Haupte, nicht als Bürde auf dem Rücken, mehr als Blumen denn als Früchte, die sonderbare Mischung von vorigem männlichen Feuereifer und weiblicher Zartheit, alles dieses weckte vor Albano gleichsam einen Propheten des Morgenlandes auf. Dieser breite Strom, der durch die Alpen der Jugend niederbrausete, zieht jetzt still und eben durch seine Auen; aber werft ihm Felsen vor, so steht er wieder brausend auf.

Der Greis sah den jugendlichen Jüngling je öfter je wärmer an; in unsern Tagen ist Jugend an Jünglingen eine körperliche und geistige Schönheit zugleich. Er lud ihn ein, ihn in dieser schönen Nacht in sein stilles Häuschen zu begleiten, welches droben neben der Turmspitze steht, die oben ins Flötental hereinschauet. Auf den sonderbaren Irrsteigen, die sie jetzt wandelten, verwirrte sich Lilar vor Albano zu einer neuen Welt, wie nächtliche fliegende Silber-Wolken baueten sich die dämmernden Schönheiten in immer andere Reihen durcheinander, und zuweilen drangen beide durch ausländische Gewächse mit grellfärbigen Blüten und wunderlichen Düften. Der fromme Vater fragt' ihm teilnehmend sein voriges und jetziges Leben ab.

Sie kamen vor einen dunkeln Gang in der Erde. Spener faßte freundlich Albanos rechte Hand und sagte, dieser führe zu seiner Bergwohnung hinauf. Aber bald schien es hinabzugehen. Der[312] Strom des Tales, die Rosana, klang noch herein, aber nur einzelne Tropfen des Mondlichts sickerten durch zerstreuete, mit Zweigen übersponnene Bergöffnungen durch. Die Höhlung sank weiter nieder – noch ferner rauschte das Wasser im Tale. – Und doch sang eine Nachtigall immer nähere Lieder – Albano schwieg gefasset. Überall gingen sie vor engen Pforten des Glanzes vorbei, den bloß ein Stern des Himmels hereinzuwerfen schien. – Sie stiegen jetzt zu einer fernen erleuchteten Zauberlaube hinab, aus hellroten und giftigen dunkeln Blumen, aus kleinen Zackenblättern und großem breiten Laube zugleich gewölbt, und ein verwirrendes weißes Licht, halb von hereinschäumenden Strahlen lebendig verspritzt und halb aus Lilien nur als weißer Staub angeflogen, zog das Auge in einen trunknen Schwindel – Zesara trat geblendet hinein, und indem er rechts nach dem einregnenden Feuer sah, fand er Speners Auge scharf links geheftet – er blickte hin und sah im Vorübereilen einen alten Mann, ganz dem verstorbnen Fürsten ähnlich, in eine Nebenhöhle schreiten – seine Hand zuckte erschrocken, Speners seine auch – dieser drang eilig weiter hinab – und endlich glänzte eine blaue gestirnte Öffnung – sie traten hinaus.....

Himmel! ein neues Sternengewölbe – eine blasse Sonne zieht durch die Sterne, und sie schwimmen ihr spielend nach – unten ruht eine entzückte Erde voll Schimmer und Blumen, ihre Berge laufen leuchtend am Himmelsbogen hinauf und beugen sich herüber nach dem Sirius – und durch das unbekannte Land wandeln Entzückungen wie Träume, worüber der Mensch vor Freude weint.

»Was ist das? Bin ich in oder über der Erde?« (sagte Albano erstaunt und flüchtete das irrende Auge auf das Angesicht eines lebendigen Menschen) – »ich sah einen Toten.« – – Viel liebreicher als vorher antwortete der Greis: »Das ist Lilar, hinter uns ist mein Häuschen.« Er erklärte den mechanischen Schein110 des Hinabsteigens. »Hier stand ich nun schon so viel tausendmal und[313] ergötzte mich herzinniglich an den Werken Gottes. – Wie sah die Gestalt aus, mein Sohn?« – »Wie der tote Fürst«, sagte Alban. Betroffen, aber fast gebietend sagte Spener leise: »Schweig wie ich bis zu seiner Zeit – er wars nicht – dein Heil und vieler Heil hängen daran – gehe heute nicht mehr durch den Gang.«

Albano, durch den ganzen sonderbaren Tag halb entrüstet, sagte: »Gut, so geh' ich durch den Tartarus zurück. Aber was bedeutet das Geister-Wesen, was mich überall verfolgt?« – »Du hast« (sagte der Alte, ihm liebend und erquickend auf die Stirn die Finger legend)» lauter unsichtbare Freunde um dich – und verlasse dich überall auf Gott. Es sagen so viele Christen, Gott sei nahe oder ferne, seine Weisheit und seine Güte erscheine ganz absonderlich in einem Saeculo oder in einem andern – das ist ja eitel Trug – ist er nicht die unveränderliche ewige Liebe, und er liebt und segnet uns in der einen Stunde nicht anders als in der andern?« Wie wir die Sonnenfinsternis eigentlich eine Erdfinsternis nennen sollten, so wird nur der Mensch verfinstert, nie der Unendliche; aber wir gleichen dem Volke, das der Verfinsterung der Sonne im Wasser zusieht und dann, wenn dieses zittert, ausruft: seht, wie die liebe Sonne kämpft!

Albano trat in die Einsamkeit der reinlichen geordneten Wohnung des alten Mannes nur beklommen, weil in der heißen Asche seines Vulkans alles üppiger trieb und grünte. Spener zeigte von seinem Bergrücken hinüber auf das sogenannte »Donnerhäuschen«111 und riet ihm, es diesen Sommer zu bewohnen. Albano schied endlich, aber sein bewegtes Herz war ein Meer, in welchem die Morgensonne glühend noch halb steht und in welches sich in Abend ein bleifarbiges Gewitter taucht und das glänzend schwillt unter dem Sturm. Er sah aus der Tiefe nach dem nachblickenden Greise hinauf; aber er hätte sich heut kaum gewundert, wenn dieser versunken oder aufgestiegen wäre. In zornig-mutigen Entschlüssen, für seine Liebe, wornach kalte Hände griffen, mit seinem Leben zu bürgen und zu opfern, schritt er durch den vom Vergrößerungsspiegel der Nacht zum schwarzen Riesen-Troß[314] aufgezognen Tartarus ohne alle Furcht; so ist die Geisterwelt nur ein Weltteil unserer innern, und das Ich fürchtet nur das Ich. Da er vor dem Altare des Herzens in der stummen Nacht, wo nichts laut war als der Gedanke, stand, so riet ihm der kühne Geist einige Male, den alten Toten zu rufen und laut zu schwören bei seinem Herzen voll Staub; – aber als er zum schönen Himmel aufsah, wurde sein. Herz geheiligt, und es betete nur: »O guter Gott, gib mir Liane!« –

Es wurde finster, die Wolken, die er für glänzende, in den Himmel herübergebogne Gebirge einer neuen Erde genommen, hatten den Mond erreicht und düster überzogen.

110

Weigel in Jena erfand die Verkehrtbrücke (pons heteroclitus), eine Treppe, wo der Mensch hinabzugehen glaubt durch Aufsteigen. Busch Handbuch der Erfindungen. 7. B.

111

Es hatte den Namen von seiner Höhe und von dem öftern Einschlagen des Blitzes.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 303-315.
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