An Thyrsis

[48] Als man die erste Nachricht erhielt, daß der rußische Kayser Peter der dritte des Königs Freund sey, und darüber ein Fest angestellet war.


Den 9ten des Hornungs 1762.


Den Oberschäfer Friederich

Mein Thyrsis, hoffen wir!

Zu seinen Füssen krümmet sich

Nun bald das böse Thier,


Das oft in unsre Heerden fällt,

Die besten Lämmer würgt,

Sich auf die höchsten Berge stellt,

Und seinen Raub verbirgt.
[49]

In tiefer Höhle schlau versteckt,

Lauscht es, und dürstet Blut,

Und springt, wann es ein Schaf entdeckt,

Hervor mit Tyger-Wuth.


Die grossen Hunde werden scheu,

Das Thier hascht sie mit List;

Bald aber steurt die Räuberey

Pan, der mit Friedrich ist!


Schon seinem Herzen zugelenkt

Ward ihm ein fremder Hirt,

Der zornig an das Thier gedenkt,

Und treu ihm helfen wird.


Wir hörten dies, und angefüllt

Von Freuden, wie entzückt,

Ward hergetanzt, um Friedrichs Bild,

Mit Lorber rund umschmückt.
[50]

Hoch aufgehüpft mit Herzenstanz

Ist vor uns her Welin!

Er flochte selbst den grossen Cranz

Von Zweigen frisch und grün!


Und hergetragen bracht er froh

Das theure Bild, und sprach:

Zurücke kommt der Schäfer so

Mit Lorber, den er brach!


Wir fühlten in der Seele tief,

Wir jauchzten laut, wie er!

Und Faunen, die der Jubel rief,

Die hüpften um uns her!


Auf tausend Saiten spielte sich

Mein Herz; ich hüpfte mit,

Warf Freudenvolle Blick' auf dich,

Und dachte nicht den Trit.
[51]

Und wenn des Oberhirten Hand

Das Ungeheur erlegt,

Wenn er wie Hercul zum Gewand

Die Haut des Thieres trägt;


Dann komme Thyrsis hin mit mir

Zu danken hoch dem Pan!

Nachsingen will ich Lieder dir,

Auf grüner Siegesbahn!


Im breiten Schatten an der Spree

Versammlen Hirten sich,

Behorchet werden aus der Höh

Von Göttern du und ich!

Quelle:
Anna Louisa Karsch: Auserlesene Gedichte, Berlin 1764, S. 48-52.
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