Das Ungewitter in der Nacht

[9] vom 31ten August 1761


Er kommt, der Sturmwind heult ihn anzusagen,

Verhüllt in dicker Mitternacht,

Und auf dreytausend Feuerwagen

Zu uns herabgebracht!


Izt ist er da; der Herr des Weltgebäudes!

Hört ihn! sein Donner rollet schwer;

Der Umfang seines Wolkenkleides

Blizt Schrecken auf uns her.


Welch ein Geprassel! kommen seine Krieger

Mit ihm dahergefahren, so,

Wie zu der Schlacht, da vor dem Sieger

Das Höllenheer entfloh?
[10]

Izt stürzen ganze Ströme Kugeln nieder;

Gott schlägt den Weinstock, schlägt die Frucht

Des Baums, der wankend seine Glieder,

Zerrißne Aeste, sucht.


Der Hagel rauscht und weckt die Trunkenbolde,

Sie fahren auf, und stammeln: Gott!

Der Wuchrer zittert auf dem Golde;

Dem Freygeist wird sein Spott


Von fürchterlichen Rednern wiedersprochen;

Gott sagt im Donner, wer er sey!

Und fährt an Sündern, ungerochen,

Im Brausen stark vorbey!


Gieb acht, Berlin! sein Zorn sezt, dir zu drohen,

Ein Dorf mit Blitzen in den Brand!

Glut warf er nieder; nackend flohen,

Ihr Leben in der Hand
[11]

Behaltend, aus den Hütten die Bewohner;

Ihr Kleid, ihr Brod wird aufgezehrt:

Und dich, dich findet der Verschoner

Noch seiner Nachsicht werth.


O! unter den von Stroh geflochtnen Dächern,

Wohnt minder Bosheit, als in dir!

Sagts, ihr Palläste! den Verbrechern:

Gott war im Wetter hier!


Da bebten unsre Wände; unsre Riegel,

Von Erz gegossen, sprangen loß;

Sag es, erschrockne Spree, und ihr, ihr Hügel!

Auf die er Feuer goß.


Sagts, ihr vom Sturm zerrißne hohe Fichten!

Ihr Eichen! sagts der Königs Stadt;

Daß, seinen Willen auszurichten,

Der Blitz Befehle hat.
[12]

Gott zieht die Hand voll Keile schnell zurücke;

Ihm muß der Sturm gehorchend stehn;

Er heißt den Krieg mit einem Blicke

Fort, wie das Wetter gehn!

Quelle:
Anna Louisa Karsch: Auserlesene Gedichte, Berlin 1764, S. 9-13.
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