Gliphästions wirklicher Traum

[285] (Zu Berlin den 6ten des Brachmonaths 1761.)


Gliphästion, mein Freund, der nicht zu träumen pflegt,

Nicht abergläubisch forscht, nicht Zeichendeuter frägt,

Der Kuß und Freuden nimmt, die ungeweissagt kommen;

Gliphästion, mein Freund, ist einer von den Frommen,

Die Zeus, indem er schuf, schönherzig hat gemacht.


Er lag in einer Winternacht

Im besten Schlaf, den je das Gastmahl noch gebracht,

Wo, mit dem Duft vom Wein, geselliges Vergnügen

Den Freunden in den Kopf gestiegen,

Und vom Gespräch ihr Herz berauscht gemacht.

Er schlief so süß, als wie bey einem Wasserfalle,

In welchem Graß, ein Wandrer schlafen liegt;

Er sah im Traum Roms Helden alle[286]

Und Griechenlandes, das so oft mit Rom gekriegt.

Der Luftcreyß war, als wie in Frühlingstagen heiter;

Auf einmal aber ward prachtvolle Mahlerey

Von Wolken in der Luft, da zogen grosse Streiter

Mit glänzendem Gewehr vorbey.


Der Macedonier, noch mehr besprützt mit Blute,

Als beym niphatischen Gebürge, wo

Der Perser, den er schlug, auf einer matten Stute

Und über Leichenberge noch entfloh.

Noch siegbegieriger, als bey den Donnerschlägen

Wo starker Sturm den schnell herabgegoßnen Regen

Ans Ufer des Hydaspes schlug,

Ein Stück des Ufers nahm, und eine Insel machte,

Die in dem Flusse schwamm und den Erobrer trug,

Der halb im Wasser stand, den Tod des Porus dachte,

Und Wuth und Sieg herüber brachte.
[287]

Noch prächtiger sah in dem Traum

Mein Freund ihn auf dem Thron des Persianers sitzen,

Gefangne Könige zu seiner Füssen Raum,

Und Nationen fliehn vor seines Auges Blitzen.


Auch sah' er Cäsarn, der, den Feinden zu entkommen,

Sich aus dem kleinen Schiff geworfen in die See,

Mit einer Hand fortruderte

Und in der andern Hand, die Briefe festgenommen

Frey über seinem Haupte trägt,

Ans Trockne kommt, noch feucht vom Meere,

Den König der Egypter schlägt,

Und dann mit seinem Heldenheere

Bey Zella den Pharnaces sieht,

Schlägt, überwindet, und als Sieger weiter zieht.


Noch mehr! Es schilderte die wunderbare Wolke

Den dritten prächtigen Triumph Pompejus ab,[288]

Und wie er Korn genug zu Rom dem armen Volke;1

Wie er die Sicherheit dem Meer vor Räubern, gab.


Da waren Hercules, Achill, und alle Helden

Des Alterthums, glorreicher vorgestellt,

Als jemals die Geschichte melden,

Und jemals noch ein Künstler in der Welt

Erobrer, Sieger, Triumphirer,

Mit kriegerischer Gluth im Antlitz vorgestellt.

Mein Freund betrachtete die Bilder dieser Führer,

Rief sein Gedächtniß auf, und fand,

Daß diese Mahlerey da nicht gezeichnet stand.


Er staunte, dachte tief, bewunderte die Bilder,

Als vom Olymp Minerva zu ihm kam,

Ihr feurig Auge blickte milder

Ihn an, sie sprach, und er vernahm:[289]

»Daß diese Schaar von Führern grosser Heere,

Die Schilderey von einem Helden wäre,

Den Rom und den das Griechenland

So glänzend nicht gehabt, und der für seine Staaten

Allein so viel gethan, als alle diese thaten.«

Die Göttin sprach es, und verschwand.


Und plötzlich stiessen Alexander,

Und Cäsar mit dem Speer und Schilden an einander,

Es ward ein stark Geräusch; die Wolken trennten sich,

Und mein erwachter Freund rief: Groß ist Friederich!

Fußnoten

1 Der König ließ, als die Dichterin dieses schrieb, für eine Tonne Goldes Getreyde den Armen austheilen.


Quelle:
Anna Louisa Karsch: Auserlesene Gedichte, Berlin 1764, S. 285-290.
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