Die göttliche Vorsehung

[389] 1760.


Sey mein Gesang, du, die von Ewigkeit

Mit Jubelschall die Morgensterne lobten,

Allsehende! die eher als die Zeit

Und eher war als Meer und Kriege tobten,

Durchdringe du mit deiner Wahrheit Licht

Den dicken Schley'r, vor die Vernunft gebreitet,

Und sey du selbst mein großer Unterricht,

Wenn sich mein Herz zu deinem Lob bereitet.


Dich läugnet frech der Unsinn und der Spott,

Der Wurm, den du aus seinem Nichts gezogen;

Die Lüste sind sein Himmel und sein Gott,

Und in ihm baut das Laster Ehrenbogen.

Sein düstrer Wahn der taumelt blind vorbey,

Und die Natur wird nicht von ihm gehöret,

Die doch von dir mit zeugendem Geschrey,

Mit Harmonie und tausend Zungen lehret.


Eh du die Welt voll Ordnung und voll Pracht

Hervorgeruft und Menschen werden ließest,

Noch ehe du den Staub beseelt gemacht

Und ihn den Rang nach Engeln nehmen hießest,

Da lagen schon Jahrhunderte vor dir.

Du sahst das Buch der Weltbegebenheiten,

Und nanntest schon die Menschen, die in ihr

Wie Götter seyn und auf die Thronen schreiten!


Eh die Natur in ihre Werkstatt ging,

Und Gold und Stein den Glanz zu Kronen machte;[389]

Eh Purpur noch um eine Schulter hing,

Und eh' der Pomp den Herrschern Lasten brachte,

Da kanntest Du die Herrscher und die Last,

Und Völker, die sich vor dem Scepter beugen:

Dein war das Heft, das der Regente faßt,

Du gabst es ihm, um deine Macht zu zeigen.


Gemeßne Gränzen setztest du dem Meer;

Das Meer gehorcht, dich hört die stolze Welle,

Im Ungewitter brauste sie daher;

Sie stürzt zurück und über ihr wirds helle!

So setzest du dem Uebel in der Welt

Den Gränzstein hin. Es kennet ihn und schreitet

Nicht weiter fort. Sobald es dir gefällt,

Bricht Schwerdt und Spieß, und Ruhe wird verbreitet.


Dein Griffel schrieb des Schicksals Tafeln voll

Dem hellsten Wiz der Sterblichen verborgen,

Steht alles da, was hier geschehen soll;

Des Menschen Glück, Vergnügen, Noth und Sorgen,

Kein Ohngefähr macht unsre Fluren reich:

Kein Zufall bringt den Mangel und die Fülle,

Nicht Kunst, nicht Fleiß macht unsre Aecker weich;

Die Wolke thuts, und ihr befiehlts dein Wille.


Dich nennt der Blitz: der Donner nennt dich laut,

Und höret sich den Abgrund Antwort geben.

Die nasse Pracht, die aus der Wolke thaut,

Läßt deinen Ruhm am kleinsten Grase kleben;

Ein tausendfarbig Thal lacht dir zum Preis;

Der Vogel singt, daß er dein Loblied singe,

Die Schlosse rauscht; der Nordwind athmet Eis

Auf dein Gebot, Regiererin der Dinge!
[390]

Dich stille Gottheit prediget der Glanz,

Der über uns in Feuermeeren brennet,

Der weite Raum – du übersiehst ihn ganz,

Und du erfüllst den Himmel, der dich nennet.

Er nennet dich, du namenlose Macht!

Von dir erzählt der Morgen aller Tage:

Und still erscheint die strahlenlose Nacht

Daß sie dein Lob mit tausend Sternen sage.


Ich höre sie und denk an jene Nacht,

In der ich lag, da du mich werden hießest;

Auf deinen Wink ward ich hervorgebracht.

Ich lebe noch, weil du mich leben ließest.

Dein war der Tag, der meine Kindheit sah,

Dein waren sie, die andern die ich zählte,

Vor deinen Blick steht schon mein letzter da,

Den deine Wahl zum Sterbetage wählte.


Der Sterbliche, oft deiner Huld nicht werth,

Erhält von dir den Bissen, den er isset.

Du giebst das Glück, das jedem wiederfährt,

In einem Maaß, das deine Weisheit misset.

Dem giebst du viel des innerlichen Lichts;

Und jenem viel von Gütern dieser Erde;

Der häuft das Gold, und Tausenden gebrichts.

Doch keiner lebt, der nicht gesättigt werde.


Oft ist um mich der Sorgen Mitternacht

Wenn ich erwacht gewaltig hergezogen,

Und reich an Gram, hat dann mein Herz gedacht,

Du hättest mir nur Elend zugewogen.

Doch du befahlst, und schnell verflog die Noth,

Wie über uns die Wetterwolken fliehen,[391]

Die nur geblitzt, und dann auf dein Gebot

Mit Guß und Schlag zu öden Wäldern ziehen.


Noch eh die Hand und diese Nerve ward,

Die sich itzt regt, wenn ich dein Lob beschreibe,

Da sahst du schon mein Glück und seine Art,

Wie wenig treu es meinen Tagen bleibe.

Du sahst den Weg, der mich nach deinem Rath.

Durch Krümmungen und Thäler sollte leiten.

Und eh mein Fuß in Labyrinthe trat,

Gabst du mir Muth, um herzhaft fortzuschreiten.


Unendliche! du gabst mir diesen Geist,

Und diese Ruh, mit der er ist durchdrungen,

Die stolz auf dich dem Gram die Stirne weist,

Und izt aus mir dein Loblied hat gesungen.

Du gabst mir dieses Herz, das deine Huld

In meinem Brodt und Wasser schmeckt und fühlet.

Und nie empört in mir die Ungeduld

Den Wunsch nach dem, wornach die Habsucht wühlet.


Mein Glück sey klein, mir ist es dennoch groß;

Es kömmt von dir, ich küß es deinetwegen.

Mir fällt vielleicht auch noch ein lieblich Loos;

Vielleicht ergießt aus deiner See von Seegen,

Die grundlos ist, sich noch ein Bach auf mich.

Doch hast du mir nichts weiter aufgehoben,

So gieb mir nur Zufriedenheit durch dich,

Und sey mein Lied auf Erden und dort oben.


Quelle:
Anna Louisa Karsch: Gedichte von Anna Louisa Karschin, geb. Dürbach. Berlin 1792, S. 389-392.
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