An den berühmten Chodowiecky

[221] Der Du mein Auge gut getroffen,

So, daß Dirs meine Muse dankt,

O Chodowieck ich will doch hoffen,

Daß sich des Dichters Kopf nicht mit dem Kopfe zankt,

Der mit ihm in Gesellschaft reiset,

Er ist so groß – ich bin so klein,

Ich sing' ein Lied, das nichts beweiset,

Er singt, um ewig hier zu seyn,

Und jede Welt zu überführen,

Daß Ihn Apollo Sohn genannt;

Mein Bischen Ruhm wird sich verlieren,

Wenn ich ins Geistervaterland

Hinweggeflattert bin – und Seiner wird bestehen.

Ich bin ein Weib, Er ist ein Mann,

Mein Verschen weiß nur deutsch zu gehen,

Wenn Sein Vers nach dem Takt des Römers tanzen kann,[221]

Der für die Jugend Roms ein Jubellied gedichtet,

Und für den Cäsar und für sich

Ein dauernd Denkmahl aufgerichtet;

Auch Du errichtest eins für Dich

In den Figuren, die mit Blicken,

Und mit Geberden sprechend sind.

Der Pastor Sebald1 weiß sein Leiden auszudrücken,

Sein todtes Weib, sein starres Kind,

Und seine Tochter Mariane,

Der Bauer und sein Freund, der von der Reisebahne

Beflügelt ihm zu trösten kam,

Sind insgesammt so wahr gezeichnet, daß der Gram

Mich selbst ergreift, wenn ich sie sehe –

Und wann die Frau von Hohenauf

Das arme Mädchen schreckt – dann fühl' ich Schauerlauf

Vom Haupte bis zum Fuß, und flehe

Die Götter für das junge Paar,

Das in der schönen Sommerlaube

So keusch verliebt, so zärtlich war;

Ich bin getäuscht, ich denk und glaube,

Daß alles wirklich vor mir sey,

Der Jüngling und die böse Tante;[222]

Mir dünkt, mein Ohr hört ihr Geschrey,

Und jedes Asterwort der Zunge, die da brannte

Vom Grimm, der aus dem Herzen fuhr,

Wie Flammen aus dem Höllenschlunde;

Ich hasse diese Kreatur,

Mit ihrem Mops-gestalten Munde,

Und fühle ganz des Säuglings Schmerz,

Der fast versteinert ist im Stärren,

Die Stirn herunter hängt aufs Herz,

Den Handschuh fallen ließ, weil er vor einen Narren

In Folio gescholten ward,

Vor einen blinden, dummen Knaben,

Der sichs im Kopf gesetzt, ein Mädchen solcher Art,

Ein staubgebornes Kind, zur ächten Frau zu haben –

Dies kränkt mich und die Furcht des Mädchens, das so zart,

So fein geschaffen ist, so würdig ihn zu lieben,

Ich hoffe, daß er sie bekömmt,

Wenn ihr Verhängniß sie genug herumgetrieben,

Und Beyder Wünsche gnug gehemmt,

So wird es endlich ausgesöhnet,

Und Deine Kunst zeigt uns alsdann die frohe Braut,

Wie Hymen ihre Schläfe krönet,

Vom Neide hämisch angeschaut.
[223]

Fußnoten

1 Sebaldus Nothanker, ein bekannter Roman des Herrn Nikolai zu Berlin.


Quelle:
Anna Louisa Karsch: Gedichte von Anna Louisa Karschin, geb. Dürbach. Berlin 1792, S. 221-224.
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