|
[35] Zum Gerichte rief der Frühling,
Und mit Strenge zu verfahren
Gegen ketzerisch verstockte
Übelsinnige Verzweiflung,
Haben Seine Heiligkeit
Bei der Sonne Glanz geschworen.
Und in grünem Feuer flammen
Alle Bäume nun auf Erden;[35]
Jeder Baum ist eine Flamme!
Und geschürt sind alle Gluten,
Angefacht glühn alle Rosen,
Während die schismatisch grauen
Aufgelösten Nebelflocken
Klagend durch die Lüfte flattern,
Gleich verbrannter Ketzer Asche;
Doch der heilig ernste Himmel
Läßt sie ohne Spur verschwinden,
Und er schaut ins grüne Feuer
Mit erbarmungsloser Bläue.
Habt ihr jetzo unter euch
Einen schlimmen und verschraubten,
Heuchlerischen und verstockten
Und verbohrten Hypochonder,
Der da zwischen Gut und Böse
Eigensinnig schwankt und zweifelt,
Weder warm noch kalt kann werden
Oder zu gerechtem Argwohn
Grund gibt, daß sein schwarzes Innres
Wohl ein ungeheures hohles
Aufgeblasnes Schisma berge;
Diesen legt nun auf die Folter,
Diesen lasset nun bekennen!
Bindet ihn mit jungem Efeu,
Werft ihn nieder auf die Rosen!
Gießt ihm Wein auf seine Zunge,
Tropfen flüssig heißen Goldes,
Das den Mann zum Beichten zwingt,
Glas auf Glas, bis er bekennt!
Zeiget sich ein Hoffnungsfunke,
Nur ein Fünklein heitern Glaubens,[36]
Nur ein Strahl des guten Geistes,
O so stellet ihn zur Linken,
Zur Belehrung und zur Beßrung!
O so stellt ihn, wo das Herz schlägt,
Auf der Menschheit frohe Linke,
Auf des Frühlings große Seite!
Sollt es sich jedoch ereignen,
Daß das peinliche Verfahren
Nichts enthüllte, nichts ergäbe,
Was da nur der Rede wert,
Das Delirium des Rausches
Selbst nur eine dunkle Leere
Vor den Richtern offenbarte:
Schleunig laßt den Sünder laufen,
Jagt ihn stracks zur schnöden Rechten,
Wo Geheul und Zähneklappen,
Dummheit und Verdammnis wohnen!
|
Ausgewählte Ausgaben von
Gesammelte Gedichte
|
Buchempfehlung
Der junge Naturforscher Heinrich stößt beim Sammeln von Steinen und Pflanzen auf eine verlassene Burg, die in der Gegend als Narrenburg bekannt ist, weil das zuletzt dort ansässige Geschlecht derer von Scharnast sich im Zank getrennt und die Burg aufgegeben hat. Heinrich verliebt sich in Anna, die Tochter seines Wirtes und findet Gefallen an der Gegend.
82 Seiten, 6.80 Euro
Buchempfehlung
Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.
456 Seiten, 16.80 Euro