Zehnter Brief.

An den Herrn von Hohenau in Göttingen.

[114] Urfstädt den 26sten May 1770.


Da ich nun mit meinem Briefe an den Herrn Meyer fertig geworden bin,1 und er Dir mein lieber Carl! vermuthlich daraus erzählen wird, wie sehr es mir am Herzen liegt, dem armen Gefangenen im Kloster beyzustehn; so will ich dies hier nicht wiederholen. Du magst mir es nicht übel nehmen, daß ich Dir Deinen Freund auf eine kurze Zeit raube. Aber ich meine, er wird, nach unser Aller Wunsch, die Sache in Mayn; am besten persönlich betreiben können, obzwar ich auch sogleich an einen sichern Freund, der gerade itzt in der Gegend ist, desfalls geschrieben habe. – Wenn nur die Hülfe nicht zu spät kömmt! – Ich wollte gern selbst[114] hinreisen, aber seit vierzehn Tagen fesseln mich gichtische Flüsse an mein Bette.

Nun, mein Sohn! ein Wort an Dein Herz gesprochen! Ich finde Deinen Gemüthszustand meiner und Deiner ganzen Aufmerksamkeit würdig. Verhehle mir es nicht – Du liebst – Das Ding wollte ich nun schon gelten lassen, und ich habe mich beynahe darüber gefreuet, als ich merkte, daß eine Leidenschaft sich Deiner Seele bemeistert hatte, die den Menschen wenigstens, wo nicht weiser, doch sanfter und besser zu machen pflegt. Nur die Wendung, die diese romantische Liebe Dir gegeben hat, misfällt mir. Ich weiß so gut als Einer, daß es nicht immer in unsrer Gewalt ist (wenigstens nicht in Deinen Jahren) Eindrücken von der Art zu wiederstehen, und ich bin sehr entfernt Dir Unempfindlichkeit einpredigen zu wollen. Man kann aber lieben, und doch dadurch nicht für die ganze übrige Welt verlohren seyn. Noch hat Deiner Liebe niemand nichts[115] in den Weg gelegt. Allein sich eilig das Herz rauben lassen, und als Student auch sogleich Hochzeit machen wollen, um Hausvater zu werden, ehe man ein Mann ist; Sich der Gesellschaft entziehen, und blos von häuslichen Freuden reden, ehe man nur im mindesten die Welt kennt, die man fliehen will; Mitten in der Laufbahn nützlicher Kenntnisse, die, wenn sie auch nicht dazu hülfen, Brod zu erwerben, doch den Geist aufklären, schimpflich zurücktreten, bevor man einmal seine Kräfte versucht hat; Zurücktreten, thätigere Jünglinge den Preis ihrer Veredlung erringen lassen, und indessen an der Seite eines Mädgens tändeln? – Nein! das wird mein Carl nicht wollen! Zudem, wer sagt dann, daß vielleicht nicht einst Deine Wünsche erfüllt werden könnten? Aber itzt daran denken, wäre Thorheit; Und sich darüber härmen, sich für den elendesten Menschen unter der Sonne halten; wäre undankbar gegen das Schicksal. Wenn Du mich also noch etwas liebst; so hänge diesen schwärmerischen[116] Gedanken nicht zu sehr nach, oder Du wirst Dich auf den Rest Deines Lebens unglücklich machen.

Es geht nicht gleich alles so in der Welt, wie man es gern hätte. Dein gar zu lebhaftes Gefühl muß noch verzweifelt herabgestimmt werden. Das Ding geht nicht gut, wenn Du schon jetzt anfangen willst, unzufrieden zu seyn. Kömmt der herbe Frost zu früh; so welkt die junge Saat; Nach und nach wird der Boden gehärtet, lernt die Kälte ertragen; Die Erde zieht ihre Säfte in ihr Herz zurück, und giebt die Oberfläche den Streichen des Wetters preis.

Das fühle ich wohl, daß Du zu viel Verstand hast, und zu weich bist, um so ganz sorgenlos durch dies Leben hin zu wandeln, wie der Dummkopf, der seinen Bissen ißt, und seinen Trunk trinkt, ohne sich darum zu bekümmern, ob eine Fliege darinn ersoffen ist. Er wird der lieben Welt nie müde, und[117] geht nicht eher aus dieser großen Gesellschaft, bis sein Vater winkt, daß es Zeit ist; dann nimt er traurig Hut und Stock, nimt Abschied, und kein Mensch vermißt ihn, wenn er fort ist. Wer aber Gefühl und Verstand hat, dem wird es freylich nicht so gut. Beym Camin ist ihm zu heiß, beym Fenster zu kalt; Der stößt ihn; Dort tritt ihm einer auf den Fuß; In jener Ecke verlästert man seinen Freund; Hier zieht man ihn in ein Gespräch, wovon er gar nichts hören mag – Er sehnt sich manche lange Stunde durch nach dem Augenblicke, da er mit Ehren fortgehen kann; Und doch sitzt dort einer im Winkel, mir dem er gern noch ein Wörtgen geredet hätte – Aber wie kann er durch den Haufen? – Er schleicht sich endlich fort – Noch ein freundlicher Blick nach dem lieben Menschen im Winkel, und dann wird die Thür zugemacht – Dort tragen sie ihn hin – Wir wollen ihn gehn lassen – Es ist doch schade, daß ich ihn schon fortgeschickt habe, ich hätte noch viel schöne Sachen über ihn[118] zu sagen – Das ist aber noch lange Dein Fall nicht.

Ganz glücklich, nach unserm Ideal glücklich, in dieser Welt zu seyn, daran ist nun einmal nicht zu denken. Man lebt so in einem Traume fort; Eigener Kummer und fremdes Elend nagen unaufhörlich an unserer Ruhe. Aber es giebt doch Mittel sich still, ruhig und heiter durch dies Leben zu arbeiten. Selig ist, wer das mit Lächeln kann – Nicht der, dessen Fußsolen so hart sind, daß er keine Steine mehr fühlt, aber der, der darüber leicht hinweghüpt. Dazu gehört aber Fertigkeit und froher Sinn, und das hat nicht jeder. Durch Uebung bringt man es dahin – Freylich wenn der Steine zu viel kommen, und böse Menschen immer noch mehr in den Weg werfen, dann wird der Gang beschwerlich – Man fühlt zuletzt jedes Sandkörnchen – Aber dahin soll es, wie ich fest hoffe, mit Dir nie kommen.[119]

Sage mir, junger Mensch! Was in aller Welt ist Dir denn schon mislungen? – Wache nur über Dich, mein Sohn! Glaube mir es (und ich kann aus Erfahrung reden) man kann viel über sich erhalten, wenn man es nur ernstlich damit meint. Nicht, daß man den ganzen brennenden Schornstein mit moralischem Mist zuwürfe, und den Bettel inwendig ruhig brennen liesse, nein! sondern indem man andre edle Leidenschaften gegen die Liebe zu Hülfe ruft, und das Feuer nicht durch Müßiggang und Schwärmerey unterhält; keine Bücher liest, die uns Welten vormalen, die wir nie zu Gesicht bekommen werden; noch läppische Gedichte auf ein Blümchen und ein Bändgen, wodurch alle unsre männlichen Gefühle, wie Milchbrey zusammenkochen. Hüte Dich auch, selbst Verse zu machen, denn dadurch wird nur die Phantasie erhitzt. Ich weiß zwar wohl, daß das gerade der Zeitpunct ist, wo sie am besten gerathen. In der Jugend, wo die Einbildungskraft feurig, und das Herz warm ist,[120] da ist die Zeit zu dichten, zu componieren – für den, der Talent dazu hat. Im männlichen Alter muß man Werke schreiben – wenn man im Frühlinge gut gesammlet hat. Im Alter aber muß man sich Muße nehmen, auf die lange Reihe verlebter Tage mit Prüfung zurück zu sehn. Opfre aber lieber Deiner Ruhe die Ehre auf, als Dichter gelobt zu werden.

Verzeyhe mir, mein Lieber! diese Offenherzigkeit. Ich mögte Dich so gern glücklich wissen, und noch ist es Zeit, die Grundlage dazu zu legen.

Müller ist nach Wetzlar abgereist, wo er meine Proceßsachen besorgen will. Seine beyden jüngsten Söhne lasse ich itzt herkommen; sie sind schon unterwegens, und wir wollen sie dem Gymnasium in ... anvertrauen; da hat sie der Vater in der Nähe.[121]

Nun lebe wohl, mein guter Carl! Dein Freund wird bald wieder zu Dir zurückkehren – Verabsäume seinen Rath nicht; Er ist ein kluger Mann, und liebt Dich beynahe so sehr, als


Dein

treuer Freund

Leidthal.

Fußnoten

1 Dieser ist nicht in der Sammlung.


Quelle:
Knigge, Adolph Freiherr von: Der Roman meines Lebens, in Briefen herausgegeben. 4 Teile, Teil 2, Riga 1781–1783, S. 123.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Holz, Arno

Phantasus / Dafnis

Phantasus / Dafnis

Der lyrische Zyklus um den Sohn des Schlafes und seine Verwandlungskünste, die dem Menschen die Träume geben, ist eine Allegorie auf das Schaffen des Dichters.

178 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon