Cogia Hassan Alhabbal, oder der Kaufherr und Handelsherr1 Hassan der Seiler.


Cogia Hassan Alhabbal

[75] Zwei Freunde in Bagdad hatten ihren ewigen Streit, wie man zu Geld und Gut kommen könne, und ob das wohl ein sehr überflüssiger Streit sein mochte, so wollte doch keiner dem andern nachgeben. Die Freunde hießen Saadi und Saad. Der erstere, ein unendlich reicher Mensch, behauptete, nur Geld erwerbe Geld, und mache glücklich; der andere, von mäßigem Vermögen, behauptete, daß wenn der Himmel wolle, man durch das kleinste Ding reich und glücklich werden könne. Wer von beiden Recht mag gehabt haben, möget ihr selbst entscheiden. Indessen wurden sie, wie Ihr schon wißt, über diesen Punkt niemals einig, blieben aber, was beiden zur Ehre gereicht, mit ihren Herzen einig und einander zugethan, obwohl der Saadi so sehr, sehr reich war, und Saad nur zum nöthigen Auskommen hatte.

Eines Tags, als sie mit einander spatzieren gingen, und diesen ewigen Streitpunkt wieder verhandelt hatten, kamen sie bei der Werkstätte eines Seilers vorbei, der in großer Dürftigkeit zu sein[76] schien, und es auch war. Sie sprachen mit ihm, und fragten, was das Gewerbe einbringe, und er sagte: »Meine Dürftigkeit seht ihr schon aus meinem Anzuge. Ich bin ein Seiler wie Ihr seht, und mein Vater, mein Großvater, und mein Urgroßvater sind auch Seiler gewesen, und eben so arm als ich. Wenn jedoch Gott so viel gibt, als wir bedürfen, und Gesundheit obendrein, so ist man ja glücklich genug, denn Viele sind mit vielem Gelde reich zwar, aber vielleicht nicht so heiter und fröhlich als ich!«

Saadi sprach zu ihm: »Ihr treibt, wie ihr sagt euer Gewerbe schon lange, und seid noch in solcher Dürftigkeit? Etwas hättet ihr doch müssen jedes Jahr erübrigen können?«

»Lieber Herr, sagte der Hassan, ich habe eine Frau und fünf Kinder, von welchen keines mich noch unterstützen kann, aber ein bischen Brod und Bekleidung müssen sie doch alle haben, und tausend kleine Nothwendigkeiten wollen alle besorgt und bestritten sein! Und wenn man kaum so viel verdient, als man täglich dringend nöthig braucht, so kann man ja nichts zurück legen!«

Der reiche Saadi begriff das freilich nicht so ganz, denn dazu war er zu reich, obwohl er nichts dazu sagte, aber Saad begriff es.

Saadi stand ein wenig nachdenkend still: »Freilich sagte er, ihr mögt wohl Recht haben, daß Ihr nicht wohlhabender und reicher seid. Indessen nehmt einmahl hier diese Börse mit zweihundert Goldstücken, – (denn ihr wißt wohl, daß die Reichen stets gefüllte Goldbörsen bei sich haben, damit man weiß, daß sie reich sind;) – nehmt diese zweihundert Goldstücke, und sehet zu, ob Ihr mit denselben Euch nicht zu den reichsten Handelsleuten Eures Standes hinaufhelfen könnt.«

»O lieber Herr, sagte der Hassan, der vierte Theil Eurer Gabe würde wohl ausreichen, mich bei meinem ehrlich treuen Fleiß, bei[77] meiner Thätigkeit, und weil ich so wenig bedarf, in der viel bevölkerten Stadt Bagdad reicher zu machen, als die reichsten von meinem Gewerbe.«

Hassan wollte seinem Wohlthäter den Rockzipfel küssen, aber Saadi entfernte sich mit seinem Freunde.

Der Seiler hatte seine zweihundert Goldstücke, und wußte vor Freude nicht wo aus noch ein.

Ihr denkt nun wohl er habe Alles stehn und liegen lassen, und sei im Gallop nach Haus gelaufen; aber das that er nicht, sondern er war ein ordentlicher, gesetzter und vernünftiger und erwerbsamer Mann, und arbeitete, bis die Abendfeierstunde kam. Dann ging er nach Hause. Wir wollen ihn einmal selbst weiter fort erzählen lassen, wie er es dem neugierigen Khalifen Haroun Alraschid erzählen mußte, den ihr schon kennt, zumal, da es nicht abzusehen ist, warum wir ihm unsere Lunge leihen sollten. – Er selbst erzähle!

»Ich hatte mein Geldchen, sagte er zum Khalifen, in die Falten meines Tulbends (Turbans) vertheilt, und war gar nicht Willens meiner Frau von meinem übergroßen Glück etwas wissen zu lassen, denn ich dachte, sie möchte mancherlei Staat und viele schöne Kleider von mir verlangen, in der Meinung, daß die zweihundert Goldstückchen gar niemals alle werden könnten.

Für zehn Goldstücken hatte ich Hanf und Flachs eingekauft, und von denselben auch etwas auf Fleisch verwendet, was wir lange nicht gegessen hatten. Als ich von diesem Kaufe nach Hause ging, und mein Fleisch in der Hand hielt, kommt ein gieriger Geier herab geschossen, und stößt auf mein Fleisch2. Ach wer Alles wissen könnte![78] Ich hielt mein Fleisch fest, und dagegen stößt der gierige Geier auf meinen Turban, führt ihn in die Luft mit fort, und mein Schreien und Nachrufen brachten ihn mir nicht wieder, so weit ich ihm auch nachlief. Also war ich hundert neunzig Goldstücke ärmer.«

Ich ging recht traurig nach Hause, und ließ meiner Frau gar nichts merken.

»Vor der Hand freilich, hatten die zehn Goldstücke mir etwas an Hanf verschafft, und mir Vieles erleichtert. Aber lieber Gott, reich konnt ich nunmehr doch nicht davon werden. Ich war jedoch bald wieder zufrieden, tröstete mich so gut ich konnte, und sagte: ›Gott hat mirs gegeben, Gott hat mirs gleich wieder genommen, er weiß schon was er thut, und ich unterwerfe mich ihm recht gern.‹ Was mir am traurigsten dabei war, war, daß mein Wohlthäter, wenn er mich wieder in derselben Armuth fände, denken mußte, ich hätte seine Gaben liederlich verschwendet.«

So dachte er aber auch wirklich, als er nach sechs Monaten bei meiner Seilerbahn vorbeiging, und mich in der nämlichen Armseligkeit traf, wie zuerst, nur daß ich mir einen neuen Turban hatte kaufen müssen.

Ich erzählte ihm meinen Unfall mit aller Umständlichkeit. »Hassan, sagte er, man muß nicht lügen und trügen; Ihr erzählt mir ein Mährchen, gesteht es nur; Ihr habt Euch gute Tage gemacht, wie viele Eures Gleichen, die, wenn sie ein wenig Geld haben, denken, es könne nicht alle werden. – Wie übel ersonnen ist Euer Vorgeben von dem Raub des Geiers. – Seit welcher Zeit stoßen denn die Geier auf Turbane, die ihre Gefräßigkeit doch nicht befriedigen können? Geier suchen ja nur Fleisch.«

»Herr, antwortete ich, ich dulde alle diese Vorwürfe, und will gern noch viel härtere erdulden, denn ich weiß, ich habe sie nicht[79] verdient, und Euch muß ja freilich wohl die ganze Geschichte unglaublich vorkommen.«

»Gut, sagte Saadi, ich will Eurem ehrlichen Gesicht einmal trauen, obwohl mir Alles zu seltsam vorkommt. Hier sind andere zweihundert Goldstücke; nehmt sie, verwahrt sie besser, und wenn ich wieder komme, hoffe ich Euch im Wohlstand anzutreffen.«

»Das ist die Frage, sagte lächelnd Saad;« ich aber dankte dem Wohlthäter viel tausend Mal mit den herzlichsten Worten.

Ihr könnt denken, daß ich mein Gold aufs Beste zu verwahren gedachte. Ich nahm zehn Goldstücke von der Summe, kaufte dafür Hanf, Lebensmittel, und einige Kleinigkeiten. Das übrige verpackte ich in Leinwand, und weil ich es wieder nicht für rathsam hielt, der Eitelkeit meiner Frau etwas davon wissen zu lassen, verbarg ich heimlich das Pack mit den Goldstücken auf den Boden eines Gefäßes voll Kleie, das seit undenklicher Zeit in einem Winkel unsers kleinen Hauses unbeachtet da stand.

Ja! gegen den Geier war ich nun sicher; aber war ich's auch gegen den Zufall? – Ach, wenn der Bettler nichts haben soll, fällt ihm ja, nach bekanntem Sprichwort, das Brod aus der Tasche!

Ich war den andern Tag wieder zu meiner Arbeit gegangen, als daher durch die Gasse gegangen kommt ein Seifenhändler und seine Seife ausruft von der wohlriechenden Art, deren sich die Frauen in den Bädern zu bedienen pflegen, um eine feine zarte Haut zu erhalten. Meine Frau hätte gern solche Seife gehabt, aber nur hatte sie kein Geld, was sie sich jedoch nicht wollte abmerken lassen. »Mann! rief sie den Händler an, können wir vielleicht einen Tausch machen? Ich habe hier Kleie, die steht mir im Wege; könnt Ihr sie gebrauchen, so gebt mir Seife dafür, baar Geld will ich nicht dran wenden.«

»O,« sagte der Händler, »Kleie kann ich schon auch gebrauchen; Geld und Geldeswerth sind mir einerlei.«[80]

Sie wurden des unglücklichen Tauschhandels bald einig, und als ich Abends nach Haus komme, und in den Winkel sehe, wo das Gefäß gestanden hatte – denn daß ich dahin zu sehen gewiß nicht werde vergessen haben, könnt ihr leicht denken – ach unglücklicher Blick, der Winkel war leer!

Frau, sagte ich heftig und zitternd, wo ist das Gefäß mit Kleie, das dort in dem Winkel stand? – Da erzählt sie mir mit geläufiger Zunge, was sie für einen herrlichen, köstlichen Tausch getroffen hätte, und wäre die Kleie, die schon so lange unnütz da gestanden, gegen ein großes, – so großes Stück wohlriechender Badeseife so glücklich los geworden.

Da verzweifelte ich fast, und erzählte ihr mein ganzes Unglück mit den ersten und den andern zweihundert Goldstücken. Und sie fing an zu heulen und zu schreien, und raufte sich in den Haaren, und schimpfte und schalt mich aus.

»Du thörichter, jämmerlicher Mensch, sagte sie, du dummer, erzdummer Mann; sieh, wenn du deiner Frau getraut hättest, da wär das ganze Unglück nicht geschehen, und wir wären nun wohlhabende, und wohl gar vornehme Leute.«

Ich armer Mann, ich konnte ja dagegen nichts sagen, denn zum Theil hatte sie ja wohl nicht unrecht!

Freilich; wir fragten hin und her nach dem Seifenhändler, aber Niemand, weder in unserer noch in den nahgelegenen Gassen wollte ihn kennen. Die Zeit tröstete uns wohl ein wenig; wir waren ja der Armuth gewohnt, aber meine Angst, wenn die beiden Freunde wieder kommen würden, und wie ich mich vor ihnen würde schämen müssen, und vor ihnen verstummen, und wie sie mich für einen ausgemacht schlechten Menschen halten müßten. – Die Angst war sehr groß und kam mir nicht vom Herzen.[81]

Nach langer geraumer Zeit kamen die beiden Freunde wieder, und der Saadi hatte behauptet, ich müsse nun ein gemachter Mann sein, weil nicht immer ein Geier käme, der einen Turban mit Goldstücken wegraubte.

»Das müssen wir erst sehen und erfahren,« sagte Saad. – Indem sie nun unterwegs darüber hin und her redeten, fällt dem Saad ein Stück Blei in die Augen, das auf der Straße lag. Er hebt es auf und steckt es in seinen Busen. – Und so kamen sie denn zu mir. – Ich stand stumm und beschämt vor ihnen, erzählte meinen neuen Unstern, aber Saadi wollte mir nicht glauben. Ich gebe den Versuch auf Euch aufzuhelfen, sprach er empfindlich, und schwieg alsdann.

Nun, sagte Saad, lieber Hassan, Geld und Gut habe ich nicht übrig, aber hier habe ich unterwegs ein Stück Blei gefunden das freilich wohl keinen Asper3 werth sein mag, indessen, wenn Gott will, können hunderttausend Goldstücke und noch mehr daraus werden. Hier habt Ihrs, nehmt es; haltet es nicht allzu gering.

Saadi lachte hell und laut auf; Saad schwieg still; und ich nahm mit Dank, blos aus großem Respekt, das Stück Blei, und steckte es in meinen Busen, zumal da die Armuth auch den Heller nicht gering achten muß, obwohl ich gar nichts davon hoffte.

Ich kam des Abends nach Haus und hatte mein Bleistück ganz vergessen, als es mir beim Auskleiden herab fiel, und ich es in Gegenwart meiner Frau aufs Kamingesimse legte.

Wir legten uns sämmtlich zu Bette. – In derselben Nacht wollte ein Fischer in meiner Nachbarschaft, seine Netze zum frühen Morgenfischfang zurecht machen, und siehe da, es fehlt ein Stück Blei.[82]

Er stöbert die Frau aus dem Bette heraus und sagt: »Frau mir fehlt ein Stück Blei am Netze; geh, klopfe die Nachbarn heraus aus dem Schlafe, ob sie ein Stück Blei haben, denn in den Buden bekommst du jetzt noch keins, und ich muß vor Tage fort; sage den Nachbarn, was ich auf den ersten Zug bekomme, soll dem gehören, der mir das Blei giebt.«

Die Frau geht von Thür zu Thür, und pocht die Nachbarn aus dem Schlafe, aber findet kein Blei. Da sie wieder zurückkommt, wird der Mann bös und grimmig. »Bist du da, bist du dort gewesen? Bei dem, bei jenem?« fragt er heftig.

»Ja, ja, ja!« schreit sie ihm in die Ohren, daß ers wohl hören konnte, »da bin ich gewesen.«

»Bist du denn auch bei Hassan Alhabbal gewesen?«

»Der wohnt ja an der Welt Ende, spricht die Frau, und ist ein erbärmlicher Lump; es ist eine große Frage, ob du bei ihm noch ein Brodrindchen findest, wie sollte er denn zu Blei kommen, welches er ja in seinem Gewerbe nicht einmal braucht?«

»Gleich geh, du erzdumme Trine, du Balg; sprach der Mann, indem er drohend einen tüchtigen Knüttel empor hob; – gleich geh, oder« – da wies er ihr den Knüttel!! – Die Frau begriff den triftigen Grund und den Knüttel, und ging.

Sie klopft an Hassans Thür; die Frau Hassan guckt zum Fenster hinaus, und fragt nach ihrem Begehren und Verlangen, und freut sich mit vielen Worten, daß sie der Frau Nachbarin mit einem Stück Blei auszuhelfen und zu dienen gerade im Stande sei, und die Frau Nachbarin dankte denn auch mit vielen schönen und höflichen Worten, und verheißt ihr, was der erste Zug brächte, sollte ihr gewiß werden.

Was der erste Zug brachte, war ein großer, wunderschöner, dem Fischer selbst unbekannter Fisch. Er hätte ihn gern selbst behalten, aber er hielt sich auch als ein braver Mann selbst Wort, und der[83] Fisch wurde der Frau des Seilers überbracht, und war groß genug, zum Abendessen für die ganze Familie.

Die Frau schlachtet den Fisch, und dachte: da soll sich der Vater einmal recht freuen, wenn er den wunderschönen Fisch auf dem Tisch sieht, und soll recht rathen, woher ich ihn bekommen habe. – Einen so wunderschönen Fisch haben wir fast gar nicht gesehn. – – Sie schlachtete denn den Fisch, wie gesagt, und fand in seinem Bauche einen Stein, einen glänzenden schönen Stein, welchen sie für ein Glasstück hielt.

Als ich nach Hause kam, zeigte mir die Frau den Fisch, den sie gekocht hatte, und den Stein, und sagte zu mir: »Mann, guck' einmal, der muß ein großes Stück Glas verschluckt haben, sieh, wie hell und glänzend es ist.« – Wir aßen den Fisch mit herzlichem Vergnügen, und wurden alle satt davon. Das Glasstück gab ich den Kindern zum Spiel, und es ging aus einer Hand in die andre. Als nun der dunkle Abend herein gebrochen war, hatte ich das Glasstück auf das Gesimse des Kamins gelegt. Die Kinder sollten zu Bette gehen, allein das Glasstück fing an zu flimmern und zu leuchten, und die Kinder holten es sich wieder vom Gesimse herab, und stritten sich darum wer es haben sollte, und lärmten und schrieen und lachten und weinten gegen und mit einander so gewaltig sehr, daß wir alle erst in später Mitternacht zur Ruhe kamen. – Nun! wir Aeltern hatten denn tüchtig mit hinein geschrieen, und Ruhe geboten, aber es hatte wenig geholfen. Man weiß ja wie Kinder sind, wenn die Aeltern nicht allzu barsch und rauh sind.

Ich hatte, nachdem Alles schlief, noch meine eignen Betrachtungen über die seltsamlichen Redensarten des Saads, und über das kleine Stück Blei, das nicht den zehnten Theil so viel werth war, als der Fisch, am meisten aber über das leuchtende Glas.[84]

»Ei! dachte ich, wenn sich bei dem Glase das Oehl für die Lampe ersparen ließe, das wäre doch für uns arme Leute auch nichts Geringes, und das Stückchen Blei thäte uns schon große Dienste.«

In solchen Gedanken schlief ich ein, hatte aber am andern Morgen Alles so ordentlich verschlafen, daß ich an meine Arbeit ging, ohne weiter an irgend etwas zu denken, als wie ich das tägliche Brod für mich und die Meinen erwerben wollte.

Neben meinem Häuschen wohnte ein reicher Jude mit seiner Frau, und ihre Schlafkammer war von der meinigen nur durch eine sehr dünne Wand abgesondert.

Die Jüdin kam am andern Morgen zu meiner Frau, nachdem ich schon auf die Arbeit gegangen war, und beklagt sich gar sehr über das Gelärm des gestrigen Abends, vor welchem sie und ihr lieber Mann der Joseph, kein Auge hätten zuthun können, so arg wäre es gewesen.

Ih! ja freilich, liebe Nachbarin Rahel, erwiederte meine Frau, es ist uns auch eben nicht viel besser gegangen; wir sind erst recht spät zur Ruhe gekommen, denn die Kinder wollten sich ja mit allem Schelten und Drohen gar nicht beschwichtigen lassen.

»Nun? Main? was hats denn gegebt? – Was hats denn gehabt?« fragte die Rahel meine Frau.

Meine Frau erzählt ihr denn Alles, nach Weiber Art und Weise, vom Bleistück an, das die Fischerin in der Nacht suchte, und von dem herrlichen großen Fisch, der uns Allen so herrlich geschmeckt hätte, bis zu dem leuchtenden, aus dem Bauche des Fisches genommenen Stück Glases, welches alle Ursache des Lärmens der Kinder gewesen wäre, und uns, wenn es nur nicht so bald aufhöre zu leuchten, wie manche hochvornehme und hochgewaltige Herren, uns das Oehl auf lange Zeit würde ersparen können; was sie denn auch hoffte und glaubte, und was für unsere Armuth gewiß recht wünschenswerth wäre.[85]

»Nu! sagte die Rahel, kann man denn nicht sehen das Glas? – Bin doch eine Liebhaberin gewest, von solchem Glase, mein Lebstage lang. Ich möcht es wohl haben, obs freilich nichts nutz ist. Es ist blos des Spaßes wegen, und weil ich einmal den Narren hab gefressen daran.«

»Da seht es selbst an, sagt meine Frau, indem sie ihr das Glasstück vom Kamingesimse herunterholt. – Seht es selbst an, denn ich verstehe solches Gezeugs gar nicht.«

Die Jüdin sah auf den ersten Blick, daß das leuchtende Glas ein Diamant der ersten und seltensten Schönheit war. »Nachbarin, sagte sie, wollt Ihr verkaufen das Glasstückchen, so bin ich die Käuferin, und will Euch geben zwei Goldstück.«

Meine Frau war doch auch einmal klug, und dachte: zwei Goldstück? – das ist viel; hinter dem leuchtenden Glase liegt mehr. »Nachbarin, sprach sie, ohne Vorwissen meines Mannes darf ich es doch wohl nicht verkaufen.«

»Nun, wir wollen doch wohl werden eins des Handels, ich will nur erst gehn und sagen meinem Mann, daß ich habe ein schönes Glasstückchen zu kaufen, ob er's ist zufrieden, damit er mich nicht schilt aus.«

Sie ging zu ihrem Mann, der schon in seiner Bude war, erzählte ihm die Ursache des Lärms von gestern Abend, und von dem wunderherrlichen Diamant, den die dummen Teufels für ein Glasstück ansähen.

Meine Frau einmal zu Verstand gekommen, ging vom Verstand auch nicht ab, denn sie war hartnäckig in allen Dingen. Die Jüdin bot immer mehr und mehr, aber meine Frau blieb dabei, ihr Ehemann, nämlich ich, hätte den Handel zu machen.

Es war Mittagszeit, als ich nach Hause kam, und meine Frau eröffnete mir, wie die Jüdin auf das Glasstückchen immer höher und höher geboten habe, bis auf zwanzig Goldstücken. Das Gebot[86] und Saads Reden, und die Heimlichkeit, mit welcher die Jüdin alles hatte betreiben wollen, fielen mir auf, und machten mich bedenklich, und ich meinte, es möchte wohl gar ein Diamant sein, obwohl ich in meinem Leben noch keinen gesehn hatte.

Die Jüdin unterhandelte mit mir, und ich schwieg stille; – denn wenn man nicht weiß was man thun soll, da schweigt man ja.

»Nachbar, sagte sie, wir wollen machen kurzen Handel. Seht, das Glas möcht ich einmal gern haben, weil ich habe viel ähnliches, und bin doch eine Liebhaberin davon, und biete euch der Goldstücke funfzig. Das ist doch viel Geld!«

Das stieg mir immer mehr in den Kopf, und ich dachte: das muß ein raritätischer Diamant oder so was sein, wenn eine Jüdin so drauf versessen ist, und so hoch und so schnell im Gebot hinaufgeht, und schwieg stille, und sagte blos: »hm,« – und sie bot mir hundert Goldstücke.

Nun wußt ich ohngefähr woran ich war, und daß ich einen der köstlichsten Diamanten besäße, und sagte daß ich ihn unter hunderttausend Goldstücken nicht weggeben würde, und daß andere Juwelirer mir schon noch mehr würden geben.

»Was hilft das lange Hin- und Herreden?« sprach ich, nachdem sie 1000, dann 5, dann 10 und 20, und am Ende 50,000 Goldstücke geboten hatte. »Ich gebe ihn nicht unter 100,000 Goldstücken.« Die Jüdin lief und holte ihren Mann. Der Jude kam, sahe mein Glasstück, den leuchtenden Diamant, und obwohl er selbst kein halbes Goldstück werth sein mochte, hatte er doch viel tausend Goldstücke in seinen Kasten, und hatte mit seinen Glaubens- und Handelsgenossen die hunderttausend Goldstücke bald zusammen gebracht.

Der Diamant war sein; die Goldstücke waren mein.

Gern wäre ich nun dem Saad dankbar zu Füßen gefallen, und dem Saadi auch, aber ich wußte nicht, wo diese Männer wohnten.[87]

Alles Einredens meiner Frau ungeachtet, die gleich an kostbare Kleider und allerlei Staat und Prächtigkeit dachte, verwendete ich das Geld nach meinem Sinn, weil ich wohl wußte, daß man Millionen verschwenden kann, wenn man thöricht damit umgeht. Ich nahm einen Theil meines Geldes, und machte allen armen Seilern, deren es in Bagdad so viele giebt, Vorschüsse, damit sie alle Arten Seilerwaren, vom Schiffstaue an bis zum Hasenzwirn für mich verfertigten, jeder die Waare, auf welche er sich am besten verstand. Jetzt arbeiteten alle Seiler in ganz Bagdad für mich, und da ich jede abgelieferte Arbeit pünktlich und gut bezahlte, so arbeiteten sie gern, und fertigten tüchtige Waare, und ich bin der einzige und alleinige Händler mit Seilerwaare in der Stadt und in der Gegend umher geworden.

Ich mußte große Niederlagen miethen, die weit umher zerstreut lagen, so daß sie sich schwer übersehen ließen. Ich kaufte daher ein überaus großes aber schon fast ganz verfallenes Gebäude, und ließ es neu aufbauen. So groß es aber auch ist, so enthält es doch nur Niederlagen, und so viel Platz, als ich mit den Meinen zur Wohnung brauche.

Nach langer, langer Zeit kamen die beiden Freunde, die meiner ganz schienen vergessen zu haben, durch die Straße, wo ich sonst arbeitete, und verwunderten sich, mich nicht dort bei meiner Arbeit zu finden. Sie dachten, ich möchte gestorben sein, und fragten nach mir; und als sie hörten, ich sei ein reicher Kauf- und Handelsherr geworden, für den alle Seiler in Bagdad arbeiteten, und daß ich einen großen Palast in der und der Straße bewohne, so erstaunten sie noch mehr.

Sie kamen mich aufzusuchen, uns als sie das große Haus sahen, glaubten sie doch, es möchte ein Irrthum vorwalten, und es müsse in einem solchen Hause ein großer vornehmer Herr wohnen.[88] Sie fragten zweifelnd den Thürhüter, ob hier wirklich Cogia Hassan wohne, wie man ihnen gesagt hätte, oder ob man sie fehl gewiesen hätte?

»Ihr seid nicht fehl, sondern ganz recht,« sagte der Thürsteher, »und der Herr wird wohl in dem großen Saale sein, und Ihr werdet schon einen Sklaven finden, der Euch melden wird.«

Ich lief meinen Wohlthätern freudig entgegen, und wollte ihnen den Rockzipfel küssen, was sie aber nicht zugaben. Dagegen umhalseten und küßten sie mich, und ich sagte ihnen beiden den gerührtesten Dank.

»Nun es freut mich, es freut mich von Herzen, Freund Hassan, sagte Saadi zu mir, Euch in dem Zustand zu sehen, den ich Euch immer gewünscht habe. Aber, wenn ihr mir erlauben wollt freimüthig zu sein, so begreif ich fürwahr nicht, warum ihr zweimal ein seltsames Mißgeschick vorgegeben habt, das Euch doch wohl nicht betroffen hat. Ich kann nicht anders glauben, wenn Ihr mich nur nicht für eitel halten wollt, als daß die Paar hundert Goldstücke, die ich Euch zu zweienmalen gab, den Stamm Eures Glücks gemacht haben!«

Saadi setzte das umständlich auseinander, aber Saad schüttelte den Kopf verneinend, obwohl er den Saadi nicht unterbrach, indem er wohl wußte, daß es sehr unhöflich und unanständig sei, einen Andern nicht erst ausreden zu lassen.

»Laß doch Freund Hassan sprechen!« sagte Saad zum Sadi.

Ich mußte denn wohl sagen, wie sich Alles begeben hatte, vom Anfang bis zu Ende. Aber Saadi fand Alles mährchenhaft und unglaublich, den Verlust der Goldstücke eben sowohl, als die Geschichte mit dem Blei, und dem Fische.

Es wollte bald Abend werden, und die beiden Freunde wollten Abschied nehmen, aber sie gaben meinen inständigsten Bitten nach, bei mir zu Abend zu essen, zu übernachten, und mir noch den andern[89] Tag zu gönnen. Sie besahen sich Alles in meinem Hause, sie fragten dieß und das, und waren damit zu meiner Freude, eben so wohl zufrieden, als mit meinem Abendessen, bei welchem ich für Klang und Gesang (Instrumental- und Vokalmusik) und nach unserer Sitte denn auch für Ballettänzerinnen, nach dem Essen gesorgt hatte.

Den andern Morgen fuhren wir, um die schöne Frische und Kühlung des Morgens zu genießen, noch vor Sonnenaufgang auf dem Tigris, auf einer schön ausgeschmückten Gondel, die ich besaß, mit sechs Ruderern nach meinem Landhause, das ich mir gekauft hatte, um doch zuweilen von dem unruhigen und unaufhörlichen Kauf- und Handelswesen einmal ein wenig Ruhe und Erholung zu haben.

Wir kamen an, und meine Gäste verwunderten sich über die Lieblichkeit des Hauses und des Gartens, über die schöne Lage, und über die noch weit schönere Aussicht.

Ein Wald von Orangen- und Zitronenbäumen, mit allen Blüthen und Früchten geschmückt, und mit einem kleinen Bach gewässert, gefiel ihnen am meisten. Der Schatten, das sanfte Murmeln des Bachs, die Frische unter den Bäumen, der Gesang unzähliger Vögel mit schönstem Gefieder, vergnügten sie sehr, und sie blieben fast bei jedem Schritt stehen, um zu schauen und zu hören, und mir ihre Freude und Bewunderung über diese höchst angenehme Besitzung zu erkennen zu geben, und mir ihre Dankbarkeit zu bezeugen, über den schönen Tag, den ich ihnen hätte machen wollen.

Am Ende des Fruchtwaldes stand ein anderer Wald, von hohen Holzbäumen, und hier führte ich sie in ein kleines Häuschen, beschattet von hohen schönen Palmen, um ihnen einige Erfrischungen anzubieten.

Zwei meiner Söhne, die mit ihrem Lehrer der gesunden und schönen Luft wegen auf dem Landhause waren, hatten im Holze Vogelnester[90] gesucht, und eins auf einem sehr hohen Baume gefunden, welches sehr groß und breit war.

Sie baten den begleitenden Sklaven, das Nest ihnen herab zu holen. Er holte es, und siehe da, es war aus einem Turban gemacht, den meine Kinder mir mit großem Freudengeschrei brachten.

Meine beiden lieben Gäste waren über solch ein wunderseltsames Nest eben so verwundert, als ich und die Kinder.

Ich erkannte bald meinen Turban wieder, den mir der Geier geraubt hatte; ich suchte die hundert und neunzig Goldstücke in demselben, vor den Augen meiner Wohlthäter; ich fand sie, ich zeigte sie ihnen. Saadi war erstaunt; er erkannte manche der Goldstücke wieder, die sich besonders auszeichneten, und auch den Beutel, in welchem er mir dieselben geschenkt hatte, und Saad lächelte. – In diesem Punkte war ich nun wohl bei beiden Herren gerechtfertigt.

Aber Saadi äußerte, daß denn doch gewiß die zweihundert andern Goldstücke den ersten Anfang meines Glücks gemacht hätten – denn vom Geld und Golde schien er einmal nicht abgehen zu können. – Indessen sollte mich auch hier der Zufall rechtfertigen.

Wir hatten erst die Hitze des Tages vorüber gehen lassen, und ritten nun spät Abends nach Bagdad, weil die Rückreise zu Wasser gegen den Strom allzuviel Zeit würde erfordert haben.

Wir waren zwei Stunden geritten, als wir in meinem Hause angelangt waren. Es war schon Mitternacht, und die Pferde sollten gefüttert werden. Ich weiß nicht wie es kam, daß meine sonst sehr ordentlichen Leute doch vernachlässigt hatten, Gerste für die Pferde im Vorrath zu haben. In der Mitternacht waren die Magazine alle geschlossen, und in der Nachbarschaft hielt niemand Pferde, und also war keine Gerste zu erborgen4. Aber ein Gefäß mit[91] Kleie fand einer meiner Sklaven in der Nachbarschaft, und fütterte die hungrigen Thiere damit, und indem er die Kleie unter die Pferde vertheilt, damit jedes doch etwas habe, findet er unten ein schweres Päckchen in Leinwand gewickelt, welches er mir brachte, weil er mich mehrmals hatte erzählen gehört, wie es mir mit dem Turban und mit dem Kleienfaß gegangen sei.

Vor den Augen meiner Freunde knüpfte ich das Leinwandpäckchen auf, und es fanden sich abermals die 190 Goldstücken in demselben.

»Ach, Ihr werthen, hochlieben Herren und Wohlthäter!« rief ich aus; »Gott will mich rechtfertigen bei Euch, damit ich nicht in Euren Augen als ein Lügner und Trüger erscheine!«

Saadi glaubte jetzt Alles!

Ich wagte es nicht ihm die Goldstücke wieder zu geben, oder nur anzubieten, ich bat ihn nur, selbst anzuordnen und zu befehlen, wie sie angewendet werden sollten.

Wir wurden einig darüber, daß diese Goldstücke den Armen gehören müßten. Ich konnte sie ja mit Ehren nicht behalten, da Gott mich so reich gesegnet hatte, und Saadi konnte sie mit Ehren nicht wieder nehmen, wie ich wohl selbst fühlte, und wollte es auch nicht. – Also blieben sie den Armen.

Wir aber sind treue Freunde geworden, die sich herzlich lieben und ehren, und schon manche schöne Freudenstunde mit einander verlebt haben, und noch zu verleben hoffen und gedenken!

»Ach was ist das Leben ohne Freundschaft und Freude!! Und was ist des Menschen Arbeiten und Mühen, ohne ein höheres Geschick!«

So sprach Hassan zu dem Khalifen, und der Khalif nickte ihm einen gnädigen Beifall zu, und entließ ihn! – Da ging er nach Hause.

1

Cogia zeigt im Arabischen einen vornehmen Kauf- und Handelsherrn an.

2

Im Morgenlande, wo sich niemand darum bekümmert die Straßen von umgefallenem Aase rein zu erhalten, sind die Geier wohlthätige Thiere wie die Hunde, und da sie keiner verscheucht oder stört, so werden sie denn auch dreist und unverschämt.

3

Eine der allerkleinsten Münzen im Morgenlande, etwa 3 Heller am Werth.

4

Im Morgenlande füttert man, wie in vielen Gegenden Deutschlands, die Frachtpferde mit Gerste. Hafer ist dort selten.

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 1, Leipzig [ca. 1819/20], S. 75-92.
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