10. Der ganz kleine Däumerling.

[72] Ein armer Dorfschneider hatte einen Sohn, der war ganz klein geblieben, denn weil er niemals satt zu eßen hatte, konnt er nicht wachsen, und war nicht größer geworden, als ein guter Mannsdaumen, aber Herz hatte er wohl drei Ellen hoch. Das war viel! Und pfiffig und geschickt war der Däumerling auch.

Als ihm der Vater nun nicht satt zu eßen konnte geben, wollt er auf die Wanderschaft gehen. Das lobte der Vater, und damit sein Sohn ihm Ehre machte, sollte er wohlgerüstet in die Welt ziehen, damit die Leute sagen möchten: »Das ist ein ganzer Mann; weßen Kind mag er sein?«

Der Vater nahm eine Stopfnadel und machte einen Knopf von Siegellack dran, und nahm dann ein Stück von einem Grashalm und steckte die Nadel in die Röhre deßelben hinein. Dann nahm er einen grünen feinen Zwirnsfaden, und band ihm diesen um den Leib!

»Sieh! sagte der Vater, hier schenk ich dir diesen Degen mit der Scheide, den ich dir hier in dein grünes Wehrgehenk stecke. Zieh den Degen nicht ohne Noth, und fang keine Händel an; aber dich zu schützen und deine Ehre zu vertheidigen, sollst du ihn ziehen. Und so geh mit Gott!« – Da ging er.

Zuerst kam er bei einem Meister in Arbeit, wo ihm das Eßen nicht gefiel, und er machte Spott und Stichelverslein auf die Meisterin, die sich das eine Weile gefallen ließ, aber endlich auch böse wurde, und einen Tuchstreifen nahm und sagte: »Du Grashüpferling, willst dich noch mausig machen, als wärst ein großer Kerl? – Hast noch einmal das Maul auf, will ich dir einen Klapps versetzen, daß du über die Stadt naus sollst fliegen.«[73]

»Grashüpfer? – Klapps geben?« sagte der Däumerling zürnig. – »Das ist gegen meine Ehre!« steckte sein Schwerdt an, setzte einen Fingerhut als Sturmhaube auf und wollte der Meisterin zu Leibe. Als er aber damit nichts auszurichten vermochte, braucht er das Maulschwerdt und fing an zu schimpfen. Die Meisterin wollte ihm jetzt im Ernst mit dem Tuchstreifen eins geben, er aber hüpfte unter die Lappen und schimpfte, und wenn sie ihn da fort hatte, saß er gleich in der Schublade und schimpfte, und dann wieder der Meisterin auf dem Nacken und schimpfte und kikte sie auch ein wenig mit seinem Degen.

Endlich erwischte ihn die Meisterin, und warf das kecke Ding zum Hause hinaus.

Däumerling machte sich nichts draus; dachte; »ein Kerl wie du findet schon Unterkommen;« und wandert hüpfend weiter, bis er in einen großen Wald kam, wo Räuber beisammen saßen, die wollten des Königs Schatzkammer bestehlen. Das ward ihnen aber sehr schwer; weil sie große starke Leute waren, die man leicht merken konnte.

Als sie nun den kleinen Schneider sahen, dachten sie, das sei der rechte Mann, der ihnen wohl helfen könnte, und sagten zu ihm: »Hör! du bist gewiß ein pfiffiges Kerlein, wie die kleinen Leut allzumal.«

»Ja das denk ich!« sagte er, und das Lob that ihm aus dermaßen wohl, weil ihn noch nie Jemand gelobt hatte, und so ließ er sich willig finden, in die Schatzkammer des Königs zu schleichen, und den Räubern das Geld herauszuwerfen.

Er macht sich in der Abenddämmerung in den Schatzkammerthurm, und die Schildwache bemerkt ihn gar nicht, weil er so klein[74] und weil es schon so dämmerig war. Er findet ein Mauseloch unten in der Mauer und kroch in die Kammer hinein.

Nun saß er drinnen, und warf einen Thaler und ein Goldstück nach dem andern den Räubern aus dem Fenster zu, aber es wurde ihm sehr sauer, denn das Geld war so schwer.

Die Räuber reichten ihm des Nachts Eßen und Trinken auf einer Stange zu, da konnt er denn mehrere Tage in der Schatzkammer aushalten, und des Nachts die Thaler herabwerfen.

Als nun der König in die Schatzkammer kam, sahe er wohl, wie viel Geld ihm fehlte, und stellte mehr Wachen vor die Thür. Die Wachen hörten es auch im Gelde rascheln und klimpern, gingen hinein und wollten den Dieb erwischen. Der aber steckte in einer Ecke unter einem Thaler, und rief: »hier bin ich!« und als die Wachen hinliefen, war er schon wieder in eine andere Ecke gehüpft und rief: »Hier! hier! sucht!« Dann wieder in die dritte und vierte, und wieder in die erste Ecke, und rief immer wieder: »hier! sucht! hier!«

Und als die Wachen nun ein kleines Ding über die Thaler hinhüpfen sahen, dachten sie, es wäre der Kobold, und machten sich eilends hinaus. Der Däumerling aber warf noch viele Thaler und Goldstücke hinaus, bis fast gar nichts mehr drinn war. Da setzte er sich selbst auf einen Thaler und flog damit zum Fenster hinaus.

Nun war er den Räubern recht lieb geworden. Sie theilten das Geld im Walde, und der Däumerling bekam ein großes Theil, er konnte aber davon nichts fortbringen. Da vergruben es ihm die Räuber, die recht ehrliche Leute waren, unter eines großen Eichbaums Wurzeln, wo es sich sein Vater holen könnte, und weil er so ein pfiffiger und kecker Kerl war, und ein gewaltiges Schwerdt hatte, so wollten sie ihm einen Schnurrbart aufsetzen und ihn zum[75] Räuberhauptmann machen; er hatte aber keine große Lust dazu, sondern wollte sein Glück noch versuchen und sich in der Welt umsehen, damit er nachher von seinen Fahrten und Thaten zu Hause erzählen könnte.

Also wurde der Däumerling Hausknecht in einem Wirthshause, das an der Straße lag. Aber die Mägde konnten ihn bald nicht leiden, weil er Alles sahe, ohne daß sie ihn sahen, und gab sie denn auch wohl an. Da wollten sie ihm auch einen Schabernack anthun und eine Magd raffte ihn einmal, gleichsam als sähe sie ihn nicht, mit einem Korbe Grummt zusammen, und legte das Grummt den Kühen vor. Da wurde er mit dem Grummt verschluckt und steckte in der Kuh.

Am andern Morgen wurde die Kuh geschlachtet, denn sie war sehr fett. Er rief zwar: »Ich bin drinnen; bin drinnen!« aber unter dem Gelärm der Leute hörte es Keiner.

Als nun die Kuh in ihre Theile zerhackt wurde, hatte er rechte Noth sich vor den Hackbeilen zu retten; aber die Noth wurde noch viel größer, als ein Stück von dem Rindfleisch zerstampft wurde, um davon mit Schweinefleisch Schlackwurst zu machen. Er schrie und schrie, bis er heiser war, aber vor dem Stampfen und Getöse hörte es kein Mensch, und er wurde mit in den Wurstdarm gefüllt und in die Feuereße zum Räuchern mit aufgehängt. Hätt er nicht in der Wurst Wurst zu eßen gehabt, so wäre er vor Hunger gestorben; so aber ging es noch gut ab. Er hatte sich eine Höhlung in der Wurst gefreßen und machte dann sich mit seinem Schwerdt ein Loch in die Schale, und marschirte nach Hause, weil er sahe, wie übel es in der Welt herging.

Unterwegs, als er ein wenig ausruhte und hinter einer Scheune eingeschlafen war, pickt ihn ein Sperling in den Arm. Da erwachte[76] er und sagte: »Da ist mir der Armknochen entzwei gebißen; nun bin ich zum Handwerk untüchtig.« So machte er denn um so eher, daß er nach Haus kam. Aber da kam noch ein garstiger Fuchs, der sahe ihn und wollte ihn aufschnappen, denn er hielt ihn für eine Maus.

Da rief er in der Angst: »Herr Fuchs, laßt mich doch gehen! Ich bins ja!«

Da sahe ihn der Fuchs erst recht an und sagte: »Wahrhaftig ich dachte schon, es wäre eine Maus, und da bist dus nur! dich will ich los laßen, wenn du mir zwei Krakelhüner von deines Vaters Hofe gibst.«

Die sollt er gewiß haben, sagte der Däumerling, denn der Vater würde sich recht freuen, wenn er seinen Sohn wieder hätte, und nun hörte, wie es demselben ergangen sei.

Also kam der Sohn zum Vater nach Hause und erzählte demselben, wie es ihm ergangen sei. Da ward der Vater recht hochmüthig auf seinen Sohn, und aber auch recht froh, des Geldes wegen im Walde, das er sich nach und nach auf einem Schiebebock holte.

Nun war Alles vollauf da. Die Hüner aber, die der Fuchs bekommen sollte, hatte die Mutter des Däumerlings gleich am ersten Abend geschlachtet, und als nun der Fuchs nach einer Woche kam und sie holen wollte, waren sie schon verzehrt.

Aber da mußte der Fuchs denn sich mit ihnen zu Tische setzen und aß und trank Wein dazu. Und dann gaben sie ihm zwei harte Thaler, aus des Königs Schatzkammer, dafür könnte er sich auf dem Markte wohl sechs Krakelhüner kaufen und einen Kickelhahn dazu.[77]

Die aber kaufte sich der Fuchs auch, und fraß sie mit seiner Frau und seinen Kinderchen; aber den Däumerling hatte er nicht gefreßen.

Und das war sehr hübsch!

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 2, Leipzig [ca. 1819/20], S. 72-78.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich

Deutsche Lieder aus der Schweiz

Deutsche Lieder aus der Schweiz

»In der jetzigen Zeit, nicht der Völkerwanderung nach Außen, sondern der Völkerregungen nach Innen, wo Welttheile einander bewegen und ein Land um das andre zum Vaterlande reift, wird auch der Dichter mit fortgezogen und wenigstens das Herz will mit schlagen helfen. Wahrlich! man kann nicht anders, und ich achte keinen Mann, der sich jetzo blos der Kunst zuwendet, ohne die Kunst selbst gegen die Zeit zu kehren.« schreibt Jean Paul in dem der Ausgabe vorangestellten Motto. Eines der rund einhundert Lieder, die Hoffmann von Fallersleben 1843 anonym herausgibt, wird zur deutschen Nationalhymne werden.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon