9. Hans mein Igel.

[67] Ein reicher Bauer hatte kein Kind, und das betrübte ihn sehr, denn er wußte nun nicht, wem er sein vieles Geld hinterlaßen sollte.[67] Wenn die andern Bauern sagten, es sei doch betrübt, gar keine Kinder zu haben, wenn man so viel Geld habe, so wurde er oft ganz desperat und sagte zu seiner Frau: »Ich wollt, ich hätte ein Kind, und sollts auch ein Igel sein!«

Da brachte seine Frau ein Kind, aber sie sahe es mit Thränen an, denn es war eben ein Igel, und sie sagte zum Manne: »nun hast du es! du hast uns verwünscht!« aber das half nun Alles nicht mehr, und sie mußten ihm auch einen Namen geben und hießen ihn: »Hans mein Igel.«

Sein Lager machten sie ihm hinter dem Ofen, und fütterten ihn auf, und wünschten herzlich, er möchte nur wieder sterben, aber der Wunsch wurde nicht erhört, und so blieb er denn am Leben.

Als er acht Jahr geworden war, wurde in der Stadt ein Markt gehalten, da wollte der Bauer hingehen und fragte seine Frau und die Magd, was er ihnen sollte mitbringen, und die sagten es ihm, und dann wurde auch Hans mein Igel gefragt, was er gern haben möchte? Da sagt er: »Väterchen, bringt mir einen Dudelsack mit, daß ich schön drauf spielen kann!« Der Vater brachte einen Dudelsack mit, und als er den hatte, sagte er: »Nun Vater, geht in die Schmiede und laßt mir den rothen Göckelhahn beschlagen, auf dem will ich mit dem Dudelsack wegreiten und nimmermehr wiederkommen.«

Da wurde der Vater sehr froh, daß er ihn los werden sollte, ließ den Göckelhahn beschlagen, Hans mein Igel setzte sich drauf und ritt davon, nahm aber auch Schweine und Esel mit, die wollt er im Walde hüten.

Im Walde mußte der Hahn mit ihm auf einen hohen Baum fliegen, da saß er und hütete und spielte den Dudelsack dazu, der klang wie eine Orgel. So blieb er viele Jahre im Walde, bis die[68] Heerde sehr groß war geworden und er viel tausend Schweine und Esel hatte. Sein Vater aber meinte, er sei längst todt.

Als er nun einstmals auch spielte, kam ein König daher, welcher sich im Walde verirrt hatte, der hörte die Musik, die klang ihm so schön. Da sendete er seinen Diener, der mußte sich umschauen, woher die Musik käme. Der sahe auf einem hohen Baum ein wunderlich klein Thier sitzen, halb wie ein Hahn und halb wie ein Igel, woraus er nichts wußte zu machen, und kam zurück und sagte es dem König an.

Der König sprach zum Diener, frage, warum es auf dem Baum sitzt, und ob es den Weg in mein Königreich nicht weiß?

Hans mein Igel stieg von dem Baume und versprach dem König, er wollte den Weg ihm zeigen, der König müße ihm aber verschreiben, was ihm zuerst entgegen käme, wenn er nach Hause gekommen sei. Das verschrieb ihm der König und Hans mein Igel führte ihn nun den rechten Weg.

Als der König nach Hause kam, lief ihm seine Tochter zuerst entgegen und küßte ihn. Da gedachte der Vater, was er versprochen hätte und erzählt es der Prinzeßin, daß er sie an ein wunderliches Thier habe verschreiben müßen, wenn er zum Walde hätte herauskommen wollen; er habe aber geschrieben, das Thier sollt sie nicht haben, denn es könne gewiß nicht einmal lesen. »Das ist gut, sagte die Prinzeßin, denn ich wäre auch gewiß nicht hingegangen.«

Hans mein Igel blieb im Walde, hütete seine Heerde und pfiff lustig auf dem Dudelsack.

Da kam ein anderer König, der hatte sich auch verirrt, und wußte auch nicht, wo er zu Hause gehörte, und als er die schöne Musik hörte, mußte sein Laufer zusehen, woher das käme. Und als der den Göckelhahn sah und Hans mein Igel obendrauf saß, fragte ihn[69] der Laufer, was er da oben vorhätte? »Da hüt ich meine Heerde« sagte Hans mein Igel. Hierauf sagte der Laufer; sie wären in den Wald wohl hineingekommen, nämlich Er selbst und sein alter König aber sie wüßten nicht wieder heraus, und fragte, ob er den Weg nicht wiße?

Hans mein Igel kam herab, ließ sich wieder verschreiben, was dem Könige zuerst zu Hause entgegen kommen würde, ritt dann auf dem Göckelhahn voraus und führt ihn den Weg.

Als er nicht weit mehr vom Hause war, sah ihn seine Tochter die lief ihm entgegen und umhalste und küßte ihn, und konnte sich nicht satt freuen, und fragte ihn, wo er so viele Jahre in der Welt gewesen sei? Da erzählte ihr der Vater Alles, und das auch, daß er sie an ein klein häßlich Ding von Hahn und Igel habe verschreiben müßen. Da meinte die Prinzeßin, das sei nun freilich schlimm Ding, aber weil es der Vater versprochen, müße es gehalten werden, und wenn das Ding käme, wolle sie mit ihm gehen.

Hans mein Igel hütete immerfort seine Esel und Schweine, bis ihrer so viel wurden, daß sie im Wald nicht mehr Platz hatten. Darauf sandte er zu seinem Vater und ließ ihm sagen, daß er mit einer großen Heerde Schweine und anderer Thiere käme und alle Leute im Dorfe sollten schlachten, so viel sie nur möchten. Da betrübte sich sein Vater, daß Hans mein Igel noch lebe, aber der trieb eben seine Heerde auf dem Göckelhahn ins Dorf. Da gabs einmal ein Schlachten!

Hans mein Igel sagte: »Väterchen, laßt mir meinen Göckelhahn noch einmal vor der Schmiede beschlagen, dann reit ich fort und komme gewiß im Leben nicht wieder.« So geschah es.

Da ritt Hans mein Igel in das Reich des Königs, dem er zuerst den Weg gezeigt hatte, aber der König hatte befohlen, wenn[70] Einer auf einem Hahn käme mit einem Dudelsack, auf den sollten sie hauen und stechen, und trommeln und pfeifen. So wollten sie auch thun, aber Hans mein Igel flog über das Thor, vor das Fenster des Königs, und drohte, es sollt ihm und seiner Tochter nicht gut gehen, wo er nicht hielte, was er versprochen.

Da wurde dem König sehr bange, und der Prinzeßin auch, und sie zog mit ihm in einem Wagen mit sechs Schimmeln bespannt, und mit vielen Bedienten, und mit vielem Geld und Gut. Hans mein Igel aber saß mit dem Göckelhahn und dem Dudelsack neben der Prinzeßin im Wagen.

Als sie nun ein Stück in den Wald hinein waren, sagte Hans mein Igel: »du falscher Aschenbrödel, dich mag ich nicht, ich will dir aber deine Falschheit bezahlen.« Damit zerstach er sie mit seinen scharfen Stacheln an den Händen und im Gesicht und überall, daß sie sehr blutete und häßlich aussahe. So mußte sie nun mit Schimpf und Schande wieder umkehren und mochte sie kein Mensch nehmen, weil sie nicht einmal Hans mein Igel gemocht hatte.

Hans mein Igel ritt weiter und kam in das andere Königreich, deßen Könige er auch aus dem Walde geholfen hatte. Aber da ging es ganz anders. Da war schon bestellt, wenn Der und Der käme, so und so, da sollten sie trommeln und pfeifen und Juchhei rufen, und ihm Thore und Thüre aufmachen, und ihn aufs beste empfangen. Das geschahe denn auch.

Als ihn die Prinzeßin nun sahe, war sie doch sehr erschrocken, denn Hans mein Igel sahe gar allzu seltsam und widrig aus; aber weil sie es dem Vater versprochen hatte denselben zu nehmen, so tröstete sie sich, daß es nun einmal nicht anders sein könne, und dachte, man muß sich in Vieles ergeben.[71]

Hans mein Igel wurde von ihr nun willkommen geheißen, und sie setzte sich an der Tafel an seine Seite, da aßen und tranken sie mit einander und führten verständige und lustige Gespräche, und sie gewann ihn ordentlich ein Bißchen lieb, ein ganz klein Bißchen, und dachte; »Ih nu! so möchte es schon angehen, wenn er nur ein wenig weniger garstig wäre.«

Als sie sich nun nach der Tafel untereinander den Ehren- und Gesegnetemahlzeitkuß gaben und sollte die Prinzeßin den Hans mein Igel küßen, machte sie das Mäulchen ganz klein und spitz und streckte und berührte seine Schnauze mit ihren Lippen nur ein ganz klein klein wenig. Aber da that es einen gewaltigen Platz, denn die Igelhaut sprang auf einmal von Hans mein Igel ab, und raßelte auf den Boden dahin, und Hans mein Igel dehnte und reckte sich ein paarmal und stand wie ein schöner Engel da.

Da freuten sich Alle, aber die Prinzeßin und Hans mein Igel am meisten, und nach drei Tagen ward Vermählung gehalten, und die Beiden lebten von nun an recht glücklich, und der alte König war heilfroh.

Hans mein Igel wollte nun seinen Aeltern sich zeigen und sie an den Hof nehmen, denn er schämte sich ihrer nicht, aber als er ins Dorf kam, da waren sie schon gestorben, und da schenkte er das Bauerngut einigen guten Leuten im Dorfe.

Als nun der alte König nach etlichen Jahren starb, da wurde ein Anderer König, und das war Hans mein Igel. Und als derselbe nun löblich regierte und rechte Ordnung im Volke hielt, wußte die Prinzeßin wohl, woher das kam und wo ers gelernt hatte.

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 2, Leipzig [ca. 1819/20], S. 67-72.
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