Susanne

[221] Wo ist dein weißer Schleier,

Susanne, mein vielliebes Kind?

O Mutter mein, auf der Heide,

Wohl auf der braunen Heide,

Da weht ein frischer Wind.


Dein Haar ist aufgegangen,

Susanne, mein Töchterlein?

O Vater mein, auf der Heide,

Wohl auf der braunen Heide,

Da griff ein Dorn hinein.


Und deine goldene Spange,

Susanne, lieb' Schwester, sag' an?

O Bruder mein, auf der Heide,

Wohl auf der braunen Heide,

Da mag sie wohl liegen im Tann.


Wo sind deine klaren Augen,

Susanne, mein vielliebes Kind?

O Mutter mein, auf der Heide,

Wohl auf der braunen Heide,

Da machte der Staub sie blind.


Dein Wangenrot ist verblichen,

Susanne, mein Töchterlein?

O Vater mein, auf der Heide,

Wohl auf der braunen Heide,

Da blich sie der Sonnenschein.


Dein Kränzlein ging verloren,

Susanne, lieb Schwester, sag' an?

O Bruder mein, auf der Heide,

Wohl auf der braunen Heide,

Da fand es ein fremder Mann.


Und wird er es wiederbringen,

Susanne, mein vielliebes Kind?

O Mutter mein, auf der Heide,

Wohl auf der braunen Heide,

Da kommt und geht der Wind.


[222] Was willst du nun beginnen,

Susanne, mein Töchterlein?

O Vater mein, auf der Heide,

Wohl auf der braunen Heide,

Da will ich warten sein.


Und kommt er nicht wieder des Weges,

Susanne, lieb Schwester, sag' an?

O Bruder mein, auf der Heide,

Wohl auf der braunen Heide,

Da liegt ein erschlagener Mann.

Quelle:
Hermann Löns: Sämtliche Werke, Band 1, Leipzig 1924, S. 220-222.
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