Sechster Teil

1760
XIX. Den 8. Mai 1760
Hundert und zweiter Brief

[268] Der zweite Teil des »Nordischen Aufsehers« ist noch nicht hier. Sie müssen sich gedulden. – Aber hätte ich Ihnen doch nie etwas von diesem Werke geschrieben! Ich hätte es vor aussehen sollen, wofür man meine Freimütigkeit aufnehmen[268] würde. Die kleine Wolke, die der Hamb. »Anzeiger« über meinen Horizont heraufgeführet,134 hat sich in ein erschreckliches Ungewitter ausgebreitet. Und es ist keine unbekannte Stimme mehr, die aus der finstern Höhe desselben auf mich herabdonnert. Es ist die Stimme eines Professors, eines berühmten Professors, der von der Grammatik an bis auf die Philosophie, seine Lehrbücher geschrieben hat.

Hier ist der Titel dieses Ungewitters: »Vergleichung der Lehren und Schreibart des Nordischen Aufsehers, und besonders des Herrn Hofprediger Cramers, mit den merkwürdigen Beschuldigungen gegen dieselben, in den Briefen, die neueste Literatur betreffend, aufrichtig angestellt von Johann Basedow, Prof. der Königl. Dän. Ritterakad.«135 Nun? werden Sie sagen. Das verspricht doch auch kein Ungewitter. Herr Basedow will ja nur vergleichen; und aufrichtig vergleichen; er redet ja nur von merkwürdigen Beschuldigungen. – O Sie vergessen, daß das Titelblatt eines Orkans die Meerstille ist.

Erlauben Sie mir immer, mich ein wenig possierlich auszudrücken. Denn wenn ich einen ernsthaften Ton annehmen wollte: so könnte ich leicht empfindlich werden. Und das wäre ein Sieg, den ich nicht gern einem Gegner über mich verstatten wollte. – Was Herr Basedow auf dem Titel merkwürdige Beschuldigungen nennt, heißen einige Seiten weiter, offenbar falsche, grausame, bis zu einer seltnen Grausamkeit getriebene Beschuldigungen. Meine Kritik ist hart, bitter, lieblos, unbesonnen; und zwar so lieblos und so unbesonnen, daß man ohne Traurigkeit an ihre Existenz zu unsern Zeiten nicht denken kann. Sie ist ein Phänomenon, dessen Wirklichkeit man ohne einigen Beweis auf ein bloßes Wort fast nicht glauben würde. Ich besitze eine schamlose Dreistigkeit. Ich verleumde. Ich habe abscheuliche Absichten. Ich habe das schwärzeste Laster begangen. Ich habe einen unglücklichen Charakter. Ich verdiene den Abscheu der Welt. Er wünschet aus Menschenliebe, daß ich mich den Augen der Welt verbergen könne.[269] Nun da! So einen Freund haben Sie! – Wie beredt ist die Menschenliebe des Herrn Basedow! Welch einen Spiegel hält sie mir vor! Er stehet hinter mir, und zeiget mir ein Ungeheuer darin. Ich erschrecke, und sehe mich um, welcher von uns beiden das Ungeheuer ist. Diese Bewegung ist natürlich.

Könnte man härtere Dinge von mir sagen, wenn ich mich auch des Hochverrats schuldig gemacht hätte? Wenn ich auch den Himmel gelästert hätte? Ich habe das schwärzeste Laster begangen. Ich habe einen unglücklichen Charakter. Ich verdiene den Abscheu der Welt. Wer ist denn die Majestät, die ich beleidiget habe? »Alle Kenner, stößt Herr Basedow in die Trommete, alle Kenner der itzigen Gelehrsamkeit der Teutschen, wissen die Verdienste des Herrn Hofprediger Cramers.« Der Verfasser der nach dem Bossuetschen Muster fortgesetzten Weltgeschichte; der neueste und sorgfältigste Ausleger des Briefes an die Hebräer; der geistliche Redner, der in unsern Tagen kaum so viel Predigten schreiben kann, als die Welt von ihm zu lesen verlangt; der Übersetzer des »Chrysostomus«, welcher seinem Originale gleicht, das er durch viele Anmerkungen und Abhandlungen bereichert hat; derjenige, dem wir die beste Übersetzung der Davidischen Psalmen in gebundner Schreibart zu danken haben; der Verfasser des »Schutzgeistes«; derjenige, der an dem »Jünglinge«, den Bremischen Beiträgen, und darauf erfolgten »Vermischten Schriften«, einen ansehnlichen Anteil genommen hat; endlich der Verfasser der meisten Stücke des »Nordischen Aufsehers«, sind nur – – ein einziger Mann, welcher in der ersten Hälfte der gewöhnlichen Lebenszeit ein solcher einziger Mann ist! –

Sie sehen, Herr Basedow nimmt das Maul voll, er mag schmähen, oder er mag loben. Die Hyperbel ist seine Lieblingsfigur in beiden Fällen. Dieser einzige Mann! Nicht zu vergessen: er war auch einer von den hällischen Bemühern, dieser einzige Mann! – Aber soll ich ungerecht gegen jemand sein, weil ihn ein Schmeichler auf eine unverschämte Art lobt? Nein. – Herr Cramer ist allerdings ein verdienter Gottesgelehrter; einer von unsern trefflichsten Schriftstellern. Aber Herr Cramer ist ein Mensch; könnte er in einer Wochenschrift[270] nicht etwas gemacht haben, was ihm nicht ähnlich wäre? Und wenn ich das und das an ihm mißbillige, verkenne ich darum seine Verdienste?

Ich weiß gar nicht, was Herr Basedow will. Für ihn schickte es sich am allerwenigsten, der Verfechter des »Nordischen Aufsehers« zu werden. Er hat Lobsprüche darin erhalten, die seine Unparteilichkeit sehr zweifelhaft machen müssen. Ich beneide ihm diese Lobsprüche nicht. Ich spreche sie ihm auch nicht ab. Aber man dürfte sagen: eine Hand wäscht die andere. Und noch mehr. Herr Basedow ist selbst einer von den Verfassern des »Nordischen Aufsehers«. Es würde mir ein Leichtes sein, die Stücke zu nennen, die ganz gewiß niemand anders als er gemacht hat: oder ich müßte mich auf die Schreibart wenig verstehen. Wenn man nun also vermutete, daß es ihm nicht sowohl um die Wahrheit, nicht sowohl um die Ehre des Herrn Cramers, als um seine eigene Ehre, um die Ehre eines Buchs zu tun sei, in welchem er gerne wolle, daß ein ewiger Weihrauch für ihn dampfe; eines Buchs, das er gewisser Maßen auch sein Buch nennen kann?

Herr Cramer selbst findet sich ja durch unsere Kritik bei weiten nicht so beleidigt, als ihn Herr Basedow beleidiget zu sein vorgibt. Denn er soll ihrer, in der Vorrede zu dem zweiten Bande, ganz gleichgültig erwähnt haben. Und warum nicht? Herr Cramer ist ein rechtschaffener Mann, den es auf keine Weise befremdet, wenn andere andrer Meinung sind, und er nicht immer den Beifall erhält, den er sich überhaupt zu erhalten bestrebet. Diese lautere Quelle gebe ich seinem Betragen, ob ihm gleich Herr Basedow eine ganz andere gibt. »Die Selbstverteidigung, sagt er, wenn sie nicht zu unvollständig scheinen sollte, müßte oftmals in einem Tone reden, der von denjenigen, die alles, was sie sehen und hören, in Fehler und Laster verwandeln, für den Ton einer verdächtigen Zufriedenheit mit sich selbst könnte ausgegeben werden. Überdem pflegen Seelen von einer gewissen Würde so wenig furchtsam und argwöhnisch zu sein, daß sie, wenn ihre Unschuld in einem gewissen Grade klar ist, bei der verständigen und billigen Welt keine Verantwortung derselben zu bedürfen glauben.« – Nicht doch! So ein großes Air hat Herr Cramer[271] gewiß nicht affectieren wollen. Hätte er es aber affectieren wollen, so hätte sein Freund keinen solchen Commentarium darüber schreiben müssen. Er hätte es müssen darauf ankommen lassen, ob man diesen edlen Stolz, den Seelen von einer gewissen Würde haben, von selbst merken werde.

Denn nur alsdenn tut er seine Wirkung. Keine Großmut will mit Fingern gewiesen sein. Sind es gar die Finger eines Freundes, o so wird sie vollends lächerlich! etc.

G.


Hundert und dritter Brief

Auch nicht in der geringsten Kleinigkeit will mich Herr Basedow Recht haben lassen. Lieber stellt er sich unwissender als ein Kind, verwirret die bekanntesten Dinge, und verfälscht auf die hämischste Art meine Worte, die ich mit vielem Bedachte gewählt hatte.

Ich habe gezweifelt, ob man dem Herrn Cramer ein poetisches Genie zugestehen könne. Ich habe aber mit Vergnügen bekannt, daß er der vortrefflichste Versificateur ist. Ich nehme beide Ausdrücke so, wie sie die feinsten Kunstrichter der Engländer und Franzosen nehmen. »Ein poetisches Genie,« sagt einer von den ersten,136 den ich eben vor mir liegen habe, ist so außerordentlich selten, that no country in the succession of many ages has produced above three or four persons that deserve the title. The man of rhymes may be easily found; but the genuine poet, of a lively plastic imagination, the true Maker or Creator, is so uncommon a prodigy, that one is almost tempted to subscribe to the opinion of sir William Temple, where he says: »That of all the numbers of mankind, that live within the compass of a thousand years, for one man that is born capable of making a great poet, there may be a thousand born capable of making as great generals, or ministers of state, as the most renowned in story.« Und ich habe ein Verbrechen begangen, daß ich[272] gezweifelt habe, ob der Herr Hofprediger ein solcher außerordentlicher Mensch ist? Wenn er es wäre: er würde ganz sicherlich ein schlechter Hofprediger sein. Eben dieser Engländer erkennet unter seinen Landsleuten eigentlich nur drei Männer für Poeten, den Spenser, den Shakespeare, den Milton. Eben derselbe spricht Popen den Namen eines Poeten schlechterdings ab. Popen spricht er ihn ab, der unter so vielen vortrefflichen Werken, auch eine Ode auf die Musik gemacht hat, die wenigstens nicht schlechter ist, als die beste Cramersche Ode. Und wozu macht er dafür Popen? Eben dazu, wozu ich Cramern mache: zu den vortrefflichsten Versificateur. Und ich habe Cramern geschmäht, daß ich ihn mit Popen auf eine Bank setze? Ist denn ein Versificateur nichts als ein Reimer? Kann man der vortrefflichste Versificateur sein, ohne ein Mann von vielem Witze, von vielem Verstande, von vielem Geschmacke zu sein? Diderot, der neueste, und unter den neuen unstreitig der beste französische Kunstrichter, verbindet keinen geringern Begriff mit dem Namen eines Versificateurs. Quelle difference entre le Versificateur et le Poete! Cependant ne croyez pas que je méprise le premier: son talent est rare. Mais si vous faites du versificateur un Apollon, le poete sera pour moi un Hercule. Or supposez une lyre à la main d'Hercule, et vous n'en ferez pas un Apollon. Appuyez un Apollon sur une massue: jettez sur ses epaules la peau du lion de Nemée, et vous n'en ferez pas un Hercule. Dieses seltene Talent gebe ich dem Herrn Cramer, und gebe es ihm in dem höchsten Grade: und doch habe ich ihn geschmäht, doch habe ich ihn auf eine ungezogene Art geschmäht? Sind seine Schmeichler nicht die unverschämtesten, die unwissendsten, die unter der Sonne sein können? Wenn sie noch nicht gelernt haben, wie sehr und worin der Poet von dem Versificateur unterschieden ist: so mögen sie es doch nur erst lernen, ehe sie einen ehrlichen Mann, der es zu begreifen gesucht hat, und sich diesem Begriffe gemäß ausdrückt, darüber chicanieren. Wäre das nicht billig? Oder suchen sie es erst aus unsern Briefen zu lernen? Jeder von uns wird ihnen sagen: παρ' εμοι ποκος ου κναπτεται. Und der aufrichtige Herr Basedow! Mit aller seiner Aufrichtigkeit[273] ist er ein offenbarer Falsarius. Ich habe, wenn Sie meine alten Briefe nachsehen wollen, Cramern den vortrefflichsten Versificateur genennt: und Herr Basedow macht seinen Lesern weiß, ich hätte ihn nur einen guten Versificateur genennt, und läßt137 diese beiden Worte mit Schwabacher drucken, als ob es meine eigene Worte wären. Welch eine schamlose Dreistigkeit! mich seines eigenen Ausdrucks zu bedienen. Ist denn ein guter, mit welchem Beiworte man oft eine kalte Ironie verbindet, eben das, was der vortrefflichste ist, mit welchem Beiworte sich leicht nichts zweideutiges, nichts ironisches verbinden läßt? – Ich sage ferner: Cramer besitzt die beneidenswürdigste Leichtigkeit zu reimen: und Basedow läßt mich ihm nur eine beneidenswürdige beilegen. Ich brauche nicht gern einen Superlativum ohne Ursache. Und wo ich ihn brauche, will ich, daß mir ihn mein Gegner lasse, wenn ich an seiner Aufrichtigkeit, mit der er so prahlet, nicht sehr zweifeln soll.

Aber wie elend führt er, auch nach dieser Verfälschung, die Sache seines Freundes. Hören Sie doch nur. »Das poetische Genie des Herrn Hofpredigers, und besonders zu erhabenen und zugleich lehrreichen Oden, ist zu bekannt, als daß der Journalist mit Grunde hätte hoffen können, Beifall zu finden, da er es ihm despotisch absprach, und nichts als die Vollkommenheit eines Versificateurs lassen wollte.« – Es ist zu bekannt? Was ist denn zu bekannt? Daß in den Cramerschen Oden, (weil es doch mit aller Gewalt Oden heißen sollen) sich Genie zeiget? Das habe ich nie geleugnet. Aber Genie eines Versificateurs, und nicht Genie eines Poeten. Dieses spreche ich ihm ab; nicht jenes. Oder ich müßte glauben, daß man der Vortrefflichste in seiner Art sein könne, ohne Genie zu haben. – Hören Sie doch den guten Basedow noch weiter: »Ob desselben drei Oden, im ersten Teile des Nordischen Aufsehers, Anlaß geben, ein solches Urteil zu fällen, werden die Leser aus folgenden Strophen sehen.« – Aus einzeln Strophen will Herr Basedow beweisen, daß Cramer ein poetisches Genie habe? Und wenn diese Strophen auch die[274] vollkommensten von der Welt wären; so könnten sie das nicht beweisen. Hier sind sie.


Aus der Ode über die Geburt Christ,


Erst wird er niederknien und streiten

Der Löw aus Juda. Ewigkeiten

Voll Ehre sind der Preis des Siegs!

Er leidet, Gott uns zu versühnen,

Dann werden ihm die Völker dienen,

Wir sind die Beute seines Kriegs.

Nun werden wir wieder den Himmel bewohnen,

Uns, wenn wir nur kämpfen, erwarten auch Kronen!

Wie herrlich ist der Sieger Lohn?

O kämpfet, o kämpfet, uns krönet der Sohn.


Aus der Ode über das Leiden Jesu


Ich, ewig hab ich es begehret,

Ich habe, Vater, dich verkläret,

Verklären will ich dich noch mehr.

Ich hatte tief in Qual versunken,

Schon mehr als einen Kelch getrunken,

Ach wie ist deine Hand so schwer?

Allein ich will sie ganz versühnen,

Laß sie in diesen Wunden ruhn.

Vergib, vergib, o Vater, ihnen,

Sie wissen, Herr, nicht was sie tun.


Aus der Ode auf den Geburtstag des Königs


Da sie dem Throne nahe kamen,

Ertönt auf einmal ihr Gesang,

Und alle nennten Friedrichs Namen,

Und alle nennten ihn voll Dank:

Uns hat Jehova sein Leben,

In einer der gnädigsten Stunden gegeben,

Fleug unser Dank, fleug mit umher!

Er, der ihn gab, gedenke seiner!

Wer liebt nicht seine Beherrscher? doch keiner

Wird billiger geliebt, als er.


Können Sie sich des Lachens enthalten? Diese Strophen sollen beweisen, daß Herr Cramer ein Poet ist, und ich ein Verleumder[275] bin? Bald bewiesen sie, daß ich ein Schmeichler wäre. Denn wenn nicht in sehr vielen Cramerschen Oden, sehr viele, viel schönere Strophen wären: so wäre ich es wirklich, und ich würde mir es nimmermehr vergeben, daß ich einen solchen Sänger den vortrefflichsten Versificateur genennet hätte. In diesen Strophen ist er kaum ein leidlicher.

G.


XX. Den 15. Mai 1760
Hundert und vierter Brief

Ich habe geurteilet: Viele Worte machen; einen kleinen Gedanken durch weitschweifende Redensarten aufschwellen; labyrinthischen Perioden flechten, bei welchen man dreimal Atem holen muß, ehe man einen ganzen Sinn fassen kann: Das sei überhaupt die vorzügliche Geschicklichkeit desjenigen von den Mitarbeitern an dem »Nordischen Aufseher«, der die meisten Stücke geschrieben zu haben scheine. Soll ich mein Urteil widerrufen, weil es Herr Basedow für eine Verleumdung ausschreiet? Es ist wahr, ich habe es mit keinen Beispielen bestätiget. Aber mit wie vielen will er es noch bestätiget haben? Mit unzähligen? – Ich darf das Buch nur auffallen lassen, wo es auffallen will. – Aber, wer wird mir abschreiben helfen? Und o des armen Papiers, das ich so verschwenden muß! – Was hilfts? Herr Basedow hat einen zu starken Trumpf darauf gesetzt. Ich muß, liebe Hand.


Also, z. E.

»Große Beispiele der Frömmigkeit und Tugend unter denen, welche sich durch Geburt und Würden über andere Menschen erheben, sind nicht allein so rührend, sondern auch so unterweisend und lehrreich, daß nach meinem Urteile, selbst die, welche sie nicht nach ihrer ganzen Größe kennen, aus Ehrfurcht und Liebe gegen die Religion das Andenken derselben zu erhalten und fortzupflanzen verbunden sind, und von der bloßen Furcht, nicht genug von ihnen sagen zu können, nie zurückgehalten werden dürfen, öffentlich auszubreiten und zu rühmen, was sie davon wissen, wenn sich zumal alle Stimmen zu ihrem Ruhme vereinigen.« etc.

»Die Trunkenheit ist eine so schändliche Beleidigung der Tugend;[276] sie erniedriget den Menschen so tief; die Vernachlässigung und Übertretung der edelsten Pflichten, ist bei ihren Ausschweifungen so unausbleiblich, und sie hat so viele nachteilige und unglückselige Einflüsse, nicht allein auf die Wohlfahrt derjenigen, welche sich dadurch der schönsten Vorzüge unserer Natur berauben, sondern auch auf das öffentliche und gemeine Beste, daß sowohl der Menschenfreund, als der Patriot, unter einer dringenden Verbindlichkeit stehet, für sichre und zuverlässige Mittel besorgt zu sein, einem so gefährlichen Laster Grenzen zu setzen, und den ausschweifenden Gebrauch berauschender Getränke zu verhindern.« etc.


Wie gefallen Ihnen diese Perioden? – Aber sie könnten noch länger sein. – O Geduld, ich will Sie auch nur erst in Atem setzen. Da sind schon etwas längere.


Z. E. »So sorgfältig sich auch Altern in der Erziehung ihrer Kinder bestreben mögen, sie von ihrer ersten Kindheit an zur Tugend zu bilden, und alles zu verhindern, was ihr Herz verderben, oder die angeboren Unordnung desselben unterhalten und vermehren kann; so notwendig es auch ist, sehr frühzeitig mit denselben, als mit vernünftigen Wesen umzugehen, die des Nachdenkens und der Überzeugung fähig sind: So ist es dennoch beinahe unmöglich, diese wichtigen Endzwecke ohne allen Gebrauch schmerzhafter Mittel zu erreichen, ob es gleich eine eben so unleugbare Erfahrung bleibt, daß nach den von Natur sehr verschiedenen Charakteren der Kinder, einige der Züchtigung mehr, und andere derselben weniger bedürfen.«

Oder: »So oft ich mich zurück erinnere, wie sorgfältig mein Vater schon in meiner frühsten Jugend den Geist der Frömmigkeit und eine lebhafte Neigung, aus Gehorsam und Liebe gegen das höchste Wesen, tugendhaft zu sein, in meine Seele zu pflanzen suchte, und wenn mir mein Gedächtnis sagt, vor welchen Ausschweifungen, zu denen ich, gleich andern, starke Reizungen und Versuchungen gehabt habe, diese Neigung mich bewahret hat: So fühle ich mich allezeit von den zärtlichsten Empfindungen der Dankbarkeit durchdrungen, ob ich sie gleich durch nichts beweisen kann, als nur dadurch, daß ich das Andenken seiner Gesinnungen erhalte, und durch sein Beispiel andere Väter aufmuntere, Kinder, die sie glücklich zu machen wünschen, auf eine ähnliche Weise zu erziehen.«


Wie nun? – Welcher Schwall von Worten! Welche Teuerung an Gedanken! Gedanken? Daß man der schändlichen Trunkenheit steuren müsse; daß man die Kinder auch manchmal züchtigen müsse etc. Kann man abgedroschnere Wahrheiten[277] mit aufgeblasenern Backen predigen? – Mit diesen vier Perioden fangen sich vier verschiedene Stücke an. Und wenn ich Ihnen versichre, daß sich dreißig andere nicht viel erträglicher anfangen; daß in allen Mittel und Ende dem Anfange vollkommen gemäß sind; daß der Verfasser sehr oft mitten in seiner Materie noch weit schleppender, langweiliger, verworrener wird: werden Sie mir auf mein Wort glauben? Nicht? Ich begehre es auch nicht. Aber Ihr Atem soll es empfinden. Lesen Sie; nehmen Sie dabei alle Ihre Gedanken zusammen; und sagen Sie mir am Ende, was Sie gelesen haben.


»Da sich, hebt das dreißigste Stück an, in unsern Zeiten die Bestreitung, und Verachtung der Religion so weit ausbreitet, daß sie auch die Gespräche des Umganges vergiftet; so ist es für diejenigen, welche sich nach ihren äußerlichen Umständen in die Gesellschaften der größern Welt eingeflochten sehen, nicht genug, mit den Wahrheiten ihres Glaubens bekannt zu sein, und die Gründe einzusehen, die einen vernünftigen Beifall wirken. Wer Anfalle zu befürchten hat der muß seine Feinde, er muß ihre Stärke, ihre Waffen, und die Art, wie sie streiten, kennen, damit er sich zur Zeit des Kampfes desto glücklicher verteidigen könne. Es scheinet zwar, daß man von den Einwendungen wider die Wahrheit nicht unterrichtet zu sein brauche, sobald man sie nicht aus Vorurteil und Gewohnheit annimmt; sobald man sie bekennt, weil es richtige, überwiegende und unumstößliche Beweise waren, die uns überredeten. Allein wenn man diese Wissenschaft besitzt, und die Schwäche, die Nichtigkeit, und besonders auch die Strafbarkeit der Einwürfe kennt: So hat man weniger zu befürchten, daß die Ruhe unsers Verstandes in der Wahrheit eine unerwartete und gewaltsame Erschütterung leiden werde; unsre Vernunft ist selbst vor einer plötzlichen Unordnung und Verdunklung sichrer; man ist vorbereiteter und geübter, zu widerstehen, und ist der rechtschaffene Mann, der seinen Glauben liebt, nicht verbunden, denen zu widerstehen, welche die großen Grundsätze desselben angreifen, und entweder durch künstliche und verblendende Schlüsse, oder durch Einfälle, welche voll Witz zu sein scheinen, ihrer Würde und zugleich ihres Nutzens zu berauben suchen? Vielleicht ist seine Überzeugung so gewiß und unbeweglich, daß ihn keine Einwürfe irren können; aber wenn er in irgend einem gesellschaftlichen Gespräche, durch solche Zudringungen aufgefodert, welche ihn verbinden, beleidigte Wahrheiten zu verteidigen, auf gewisse Einwürfe nicht antworten kann; wenn er nicht fähig ist, ihnen ihren falschen Schimmer von Wahrheit und Vernunft zu nehmen, und das Falsche in feindseligen Beschuldigungen zu entdecken: So wird er[278] wider seinen Willen die stolzen Verächter seines Glaubens in der Einbildung bestärken, daß sie diejenigen, die sich für verbunden achten, Religion zu haben, weit übersehen; sie werden sein Stillschweigen und die Verwirrung, worein sie ihn brachten, für einen Triumph über sie selbst halten, und den Schwächern können sie vielleicht mit geringerer Mühe zur Gleichgültigkeit gegen Wahrheiten verführen, die er nicht genug schärzet, weil er sie nicht genug untersucht hat.« etc.


Was plaudert der Mann? Sie werden ihn schon noch einmal lesen müssen. Und wenn Sie denn nun sein Bißchen Gedanken weghaben: wollten Sie sich nicht getrauen, es mit dem siebenden Teile seiner Worte, eben so stark und schöner vorzutragen?

G.


Hundert und fünfter Brief

Nun frage ich Sie, wenn dergleichen labyrinthische Perioden, bei welchen man dreimal Atem holen muß, ehe sich der Sinn schließet; wenn dergleichen Perioden, die man geschrieben oder gedruckt, durch alle ihre verschränkte und verschraubte Glieder und Einschiebsel, kaum mit dem Auge verfolgen kann, ohne drehend und schwindlicht zu werden; wenn der gleichen Perioden uns von der bedächtlichen langsamen Aussprache eines Kanzelredners Wort vor Wort zugezählet würden, ob wohl die feurigste Aufmerksamkeit, das beste Gedächtnis sie in ihrem ganzen Zusammenhange fassen, und am Ende auf einmal übersehen könnte? Nimmermehr. Was habe ich denn also für ein Verbrechen begangen, wenn ich gesagt habe, der Stil dieses Verfassers im »Nordischen Aufseher«, »sei der schlechte Kanzelstil eines seichten Homileten, der nur deswegen solche Pneumata herpredige, damit die Zuhörer, ehe sie ans Ende derselben kommen, den Anfang schon mögen vergessen haben, und ihn deutlich hören können, ohne ihn im geringsten zu verstehen?« Habe ich etwas anders als die strengste Wahrheit gesagt? Freilich ist das nicht der einzige schlechte Kanzelstil; freilich predigen nicht alle seichte Homileten so: sondern nur die seichten Homileten predigen so, die in Mitternachts Rhetorik das Kapitel von[279] den zusammengesetzten Perioden nicht ohne Nutzen studieret haben.

Welche invidiöse Wendung aber Herr Basedow dieser meiner Kritik gibt, das ist ganz unbegreiflich. Alles nämlich, was ich wider diesen vornehmsten Verfasser des »Nordischen Aufsehers« sage, soll ich wider den Herrn Hofprediger Cramer gesagt haben. Von diesem, dem Herrn Hofprediger Cramer, soll ich mit schamloser Dreistigkeit, ohne den geringsten Beweis gesagt haben: Sein Stil sei der schlechte Kanzelstil eines seichten Homileten etc. – Träumt Herr Basedow? O so träumt er sehr boshaft.

Was habe ich denn mit dem Herrn Cramer zu tun? Ist Herr Cramer jener vornehmste von mir getadelte Verfasser des »Nordischen Aufsehers«: so sei er es immerhin. War ich denn verbunden, es zu wissen? – Doch nein; das will ich nicht einmal für mich anführen. Ich will es gewußt haben. Geht denn das wider den Herrn Cramer überhaupt, was wider den Herrn Cramer als Nordischen Aufseher geht? Muß die Kritik, die einzelne Blätter von ihm trifft, alle seine Schriften treffen? Wenn ich zum Exempel zu dem Herrn Basedow sagte: Mein Herr, in dieser Ihrer Ausdehnung meines Tadels, ist eben so wenig Billigkeit, als Verstand. Habe ich damit gesagt, in allen Basedowschen Schriften sei eben so wenig Billigkeit als Verstand?

Ich habe immer geglaubt, es sei die Pflicht des Kriticus, so oft er ein Werk zu beurteilen vornimmt, sich nur auf dieses Werk allein einzuschränken; an keinen Verfasser dabei zu denken; sich unbekümmert zu lassen, ob der Verfasser noch andere Bücher, ob er noch schlechtere, oder noch bessere geschrieben habe; uns nur aufrichtig zu sagen, was für einen Begriff sich man aus diesem gegenwärtigen allein, mit Grunde von ihm machen könne. Das, sage ich, habe ich geglaubt, sei die Pflicht des Criticus. Ist sie es denn nicht?

Hätte ich zu verstehen geben wollen, daß der Vorwurf, den ich dem vornehmsten Verfasser des »Nordischen Aufsehers«, wegen seiner unleidlichen Schreibart mache, auch allen andern Schriften des Herrn Hofprediger Cramers zu machen sei: so würde ich es gewiß ausdrücklich gesagt haben;[280] ich würde den Herrn Cramer dabei genennt haben, so wie ich es ohne die geringste Zurückhaltung bei dem allgemeinen Urteile über seine Oden getan habe. Aber wie konnte ich das hier tun, da ich mir deutlich bewußt war, daß Herr Cramer in seinen moralischen Abhandlungen, die in den »Bremischen Beiträgen« und den »Vermischten Schriften« zerstreuet sind, diese Schreibart nicht habe; daß er diese Schreibart von seinem Chrysostomus und Bossuet nicht könne gelernet haben? Ob er sie in seinen Predigten hat; das weiß ich nicht: denn diese habe ich nie gelesen. So viel aber weiß ich, wenn er diese Schreibart in seinen Predigten hat, daß ich den Herrn Hofprediger betaure; daß ich seine Zuhörer betaure. Aber es kann nicht sein; es muß in seinen Predigten mehr Licht, mehr Ordnung, mehr nachdrückliche Kürze herrschen: oder er verkennet die geistliche Beredsamkeit ganz. Welcher Prophet, welcher Apostel, welcher Kirchenlehrer, hat je das Wort des Herrn in solchen Ciceronischen Perioden verkündiget? In Perioden, die Cicero selbst nur alsdenn flochte, wenn er die Ohren einer unwissenden Menge kützeln, wenn er gerichtliche Ränke brauchen, wenn er mehr betäuben, als überzeugen wollte?

Und im Grunde sind das nichts weniger, als Ciceronische Perioden, die Arthur Ironside macht. Man suche mit Fleiß die allerlängsten aus den Reden des Römers, und ich will verloren haben, wenn man einen einzigen findet, in welchem alle Symmetrie sowohl unter den Worten, als unter den Gedanken, so gewaltig vernachlässiget ist. Und nur diese Symetrie, von welcher Arthur gar nichts weiß, macht die langen zusammengesetzten Perioden erträglich, besonders wenn sie eben so selten eingesteuert werden, als es die kurzen und einfachen bei ihm sind.

Unterdessen muß bei dem Herrn Basedow Cicero doch derjenige sein, dessen Beredsamkeit noch größere Armseligkeiten des Arthur Ironside decken, und wenn Gott will, gar in Schönheiten verwandeln muß. Sie erinnern sich der ekel haften Ausdehnung des Gleichnisses von einem Menschen, der ein kurzes und blödes Gesicht hat.138 Herr Basedow gesteht[281] zwar selbst, daß dieses Gleichnis um fünf bis sechs Zeilen kürzer sein könnte: Aber können Sie sich einbilden, was er gleichwohl davon sagt? »Ich gestehe es, sagt er, einige große Schriftsteller, die mehr Demosthenisch als Tullianisch sind, würden hier ein so ausführliches Gleichnis nicht gewählt haben. Aber wer war größer, Tullius oder Demosthenes? Viele gute Schriftsteller würden dies Gleichnis nicht so haben ausführen können, wenn sie auch gewollt hätten. Aber diese würden auch dadurch gezeigt haben, daß ihnen eine gewisse Art der Größe in der Beredsamkeit fehle, die man an einem Cramer mit Ehrerbietung bewundert.« – Da haben wirs! Nun will ich gern nicht stärker in den Herrn Basedow dringen; nun will ich ihn gern nicht auffordern, mir doch ein ähnliches so ausgerecktes Gleichnis bei dem Tullius zu zeigen. Denn wenn er gestehen müßte, daß auch bei dem Tullius keines anzutreffen wäre, was hätten wir, nach der einsichtsvollen Frage: Aber wer war größer, Tullius oder Demosthenes? anders zu erwarten, als die zweite Frage: Aber wer ist größer, Tullius oder Cramer? – Lieber will ich bewundern, mit Ehrerbietung bewundern, und schweigen.

G.


XXI. Den 22. Mai 1760
Hundert und sechster Brief

Welche verräterische Blicke Herr Basedow in das menschliche Herz schießet! Auch meines liegt so klar und aufgedeckt vor seinen Augen, daß ich darüber erstaune. – Sie erinnern sich, daß mir das Blatt, in welchem der »Nordische Aufseher« beweisen will, ein Mann ohne Religion könne kein rechtschaffener Mann sein, mißfiel. Ich glaubte, es mißfiele mir deswegen, weil darin von einem unbestimmten Satze unbestimmt raisonnieret werde. Aber nein, mein Mißfallen hat einen andern Grund. Herr Basedow weiß, daß es mir des wegen mißfallen habe, »weil in demselben einigen, die ich selbst für rechtschaffene Männer halte, dieser beliebte Name abgesprochen wird.« Ich erschrak, als ich diese Worte zum[282] erstenmale las. Ich las sie noch einmal, um zu sehen, ob ich wenigstens nicht ein Vielleicht dabei überhüpft hätte. Aber da war kein Vielleicht. Was Herr Basedow weiß, das weiß er ganz gewiß. Allwissender Mann! rief ich aus; Sie kennen mein Herz so vollkommen, so vollkommen, daß – daß mir das Ihrige ganz Finsternis, ganz Rätsel ist. – Mag ich es doch auch nicht kennen!

Die vornehmste Erinnerung, die ich dem Aufseher gegen seine Erhärtung eines so strengen Ausspruches machte, war diese, daß er das Wort, ein Mann ohne Religion, in dem Beweise ganz etwas anders bedeuten lasse, als es in dem zu beweisenden Satze bedeute. Und diese Zweideutigkeit habe ich eine Sophisterei genennt. Der Text ist lustig, den mir Herr Basedow darüber lieset. Gesetzt, sagt er, daß es mit diesem Vorwurfe auch seine Richtigkeit hätte: »ist es nicht ein menschlicher Fehler der größten Philosophen, sich selbst durch eine unvermerkte Zweideutigkeit der Worte zu hintergehen? Niemand hat noch eine Metaphysik ohne Fehler geschrieben, und ich getraue mir zu sagen, daß die Fehler in dieser Wissenschaft mehrenteils aus der Zweideutigkeit der Worte entstehen. Wer nur solche Zweideutigkeiten nicht mit Fleiß braucht, um andere zu verblenden, wer in ein solches Versehen nicht oft verfällt, wer sich nicht, wenn man ihm seinen Fehler entdeckt hat, durch neue Zweideutigkeiten hartnäckig verteidiget, der kann allemal ein großer und verehrungswürdiger Mann sein, und dem kann man, ohne Lust an gelehrten Scheltworten, nicht Sophistereien und Fechterstreiche vorwerfen. Sonst müßte kein Leibniz, Wolf, Mosheim, ja kein großer Mann, von seinen Beurteilern mit Recht verlangen können, daß er mit solchen unhöflichen Vorwürfen möchte verschont bleiben.« – Ich verstehe von der Höflichkeit nichts, die Herr Basedow hier prediget. Er nennet gelehrte Scheltworte, was nichts weniger als Scheltworte sind. Wenn ein großer Mann eine Sophisterei begehet, und ich sage, daß er eine begangen hat: so habe ich das Kind bei seinem Namen genennt. Ein anderes wäre es, wenn ich ihn deswegen einen Sophisten nennte. Man kann sich einer Sophisterei schuldig machen, ohne ein Sophist zu sein; so wie[283] man eine Unwahrheit kann gesagt haben, ohne darum ein Lügner zu sein; so wie man sich betrinken kann, ohne darum ein Trunkenbold zu sein. Herr Cramer ist ein großer und verehrungswürdiger Mann. Nun ja; und er soll es auch bleiben. Aber was verbindet mich denn, von einem großen und verehrungswürdigen Manne in dem Tone eines kriechenden Klienten zu sprechen? Und ist das der Ton, der einem großen und verehrungswürdigen Manne gefällt? Ein solcher Mann sieht auf die Wahrheit, und nicht auf die Art, wie sie gesagt wird; und hat er sich wo geirret, so ist es ihm unendlich lieber, wenn man ohne Umstände sagt: das und das dünkt mich eine Sophisterei: als wenn man viel von menschlichen Fehlern der größten Philosophen präliminieret, und ihn um gnädige Verzeihung bittet, daß man es auch einmal so gemacht hat, wie er es macht, daß man auch einmal seinen eigenen Verstand gebraucht hat.

So viel von der Höflichkeit meiner Erinnerung. Nun hören Sie wie Herr Basedow beweisen will, daß mein Tadel auch ungegründet und falsch sei. Er analysieret in dieser Absicht das ganze Blatt; und es ist nötig, daß ich Ihnen das Skelet, welches er davon macht, vor Augen lege.


»Satz: Keine Rechtschaffenheit ist ohne Religion.

Erster Beweis. Ein Rechtschaffener sucht die Pflichten, die aus seinen Verhältnissen gegen andere folgen, allesamt getreu und sorgfältig zu erfüllen. Und man hat auch Pflichten gegen Gott, welche ein Mensch ohne Religion nicht zu erfüllen trachtet.

Erster Zusatz. Polidor, dessen unerschöpflicher Witz über Lehren spottet, die er niemals untersucht hat, und Lehren lächerlich macht, ohne sich darum zu bekümmern, ob sie es verdienen, ist also kein rechtschaffener Mann, ob er gleich seine Zusage hält, und zuweilen mitleidig ist, welches vielleicht noch eine Wirkung des in der Jugend gelernten Katechismus sein kann, den er nunmehr verachtet.

Zweiter Zusatz. Der Mensch hat eine natürliche Neigung zu denen Handlungen, die, wenn sie aus dem rechten Grunde geschehen, rechtschaffen heißen. Aber diese Neigung ist im hohen Grade schwach und unzuverlässig.

Zweiter Beweis. Ein Rechtschaffener muß eine gründliche Erkenntnis von den Gegenständen haben, gegen welche man rechtschaffen handeln muß. Indem er zu dieser Erkenntnis kömmt, gelangt er auch zur natürlichen Erkenntnis Gottes; und durch diese[284] zum Wunsche einer Offenbarung. Alsdann hat er die Pflicht, eine vorgegebene Offenbarung ohne sorgfältige Untersuchung nicht zu verwerfen, vielweniger zu verspotten. Tut er es, so ist er (vermöge des ersten Beweises) nicht rechtschaffen.

Dritter Beweis. Wegen der Macht der Leidenschaften ist nicht zu erwarten, daß ein Mensch, der weder geoffenbarte noch natürliche Religion hat, die gesellschaftlichen Pflichten zu erfüllen geneigt sei, und also in dieser eingeschränkten Bedeutung ein rechtschaffener Mann sein könne. Man hat aber bessern Grund es zu hoffen, wenn er die Religion in seinem Verstande für wahr hält, und sein Herz zur Ausübung derselben gewöhnt.«


Was für eine kleine, unansehnliche, gebrechliche Schöne ist der »Nordische Aufseher«, wenn man ihm seine rauschende Einkleidung, seinen rhetorischen Flitterstaat, seine Kothurnen nimmt. Eine solche Venus kann nicht sagen: Ich bin nackend mächtiger, als gekleidet. Gegen sie darf Minerva nur ihre Eule zu Felde schicken. – Doch lieber keinen Witz! Herr Basedow ist ein Todfeind von allem Witze. Er erwartet Gründe; und wie können Gründe bei Witz bestehen?

Erlauben Sie mir also, eine ganz trockene Prüfung der drei Beweise, wie sie Herr Basedow ausgezogen hat, anzustellen. – Vor allen Dingen muß ich wegen der Bedeutung des Worts ein Mann ohne Religion mit ihm einig werden. Ein Mann ohne Religion also, heißt entweder ein Mann, der kein Christ ist, der diejenige Religion nicht hat, die ein Christ vorzüglicher Weise die Religion nennet: Das ist die erste Bedeutung: Oder es heißt ein Mann, der gar keine geoffenbarte Religion zugibt, der weder Christ, noch Jude, noch Türke, noch Chineser etc. weiter als dem Namen nach ist, der aber eine natürliche Religion erkennt, und die Wahrheiten derselben auf sich wirken läßt: Das ist die zweite Bedeutung. Oder es heißt ein Mann, der sich weder von einer geoffenbarten, noch von der natürlichen Religion überzeugen können; der alle Pflichten gegen ein höheres Wesen leugnet: Das ist die dritte Bedeutung. Mehr als diese drei Bedeutungen sollte das Wort ein Mann ohne Religion nicht haben. Allein, ich weiß nicht wie es gekommen ist, daß man ihm auch eine vierte gibt, und einen Mann – ich will sogleich den rechten Ausdruck brauchen,[285] – einen Narren oder Bösewicht darunter verstehet, der über alle Religion spottet.


Nun lassen Sie uns sehen, auf welche von diesen vier Bedeutungen der erste Beweis passet. Ein Rechtschaffener sucht die Pflichten, die aus seinen Verhältnissen gegen andre folgen, allesamt getreu und sorgfältig zu erfüllen. Und man hat auch Pflichten gegen Gott, welche ein Mensch ohne Religion nicht zu erfüllen trachtet. Gut. Aber was für ein Mensch ohne Religion? In der ersten Bedeutung? Nein. Denn ist er schon kein Christ, so erkennet er doch als Türke, oder Jude etc. Pflichten gegen Gott, und trachtet diese Pflichten zu erfüllen. In der zweiten Bedeutung? Auch nicht. Denn auch dieser erkennet Pflichten gegen Gott, die er zu erfüllen trachtet, obgleich nur aus der Vernunft erkannte, und nicht geoffenbarte Pflichten. Ob es bei jenem die rechten Pflichten sind; ob sie bei diesem hinlänglich sind: Das ist hier die Frage nicht. Genug jener glaubt, daß es die rechten sind; dieser glaubt, daß sie hinlänglich sind. Also wird der Beweis wohl auf die dritte Bedeutung passen? Auf einen Menschen, der gar keine Pflichten gegen ein höchstes Wesen erkennet? Eben so wenig. Denn gegen diesen ist der gegenwärtige Beweis ein offenbarer Zirkel! Man setzt nämlich das, was er leugnet, als bewiesen voraus, und bringt in die Erklärung der Redlichkeit Pflichten, die er für keine Pflichten erkennet. Sollte dieser Beweis gelten: so mag sich der Herr Hofprediger Cramer in Acht nehmen, daß ihn ein Papist nicht gegen ihn selbst kehret, und in der nämlichen Form von ihm erhärtet, daß er kein guter Christ sei. Der Papist dürfte nämlich nur sagen: Ein guter Christ suchet die Pflichten, die ihm seine Religion auflegt, allesamt getreu und sorgfältig zu erfüllen. Nun legt ihm diese auch Pflichten gegen den Pabst auf, die Pflicht nämlich dieses Oberhaupt der Kirche für untrüglich zu halten, welche Herr Cramer nicht zu erfüllen trachtet. Der Beweis wäre lächerlich; aber könnte Herr Cramer im Ernst etwas anders darauf antworten, als was der Mann ohne Religion in unsrer dritten Bedeutung, zu seiner Verteidigung vorbringen würde? Das ist unwidersprechlich, sollte ich meinen. Also, zur vierten Bedeutung. Gilt der Beweis gegen einen[286] Mann, der über alle Religion spottet? Hier gibt es zu unterscheiden. Entweder er spottet darüber, weil er von der Falschheit aller Religion überzeugt ist; oder er spottet darüber, ohne diese Überzeugung zu haben. In dem ersten Falle trifft ihn der Beweis eben so wenig, als den Mann ohne Religion in der dritten Bedeutung. In dem andern Falle aber ist er ein Rasender, dem man schlechterdings die gesunde Vernunft und nicht bloß die Religion absprechen muß. Gegen diesen hat Herr Cramer Recht; vollkommen Recht: ein Rasender, ein Mann ohne gesunde Vernunft, kann kein rechtschaffner Mann sein.

Und das hat Herr Cramer mit seinem ersten Beweise bewiesen! Doch die Wahrheit ist mir zu lieb, als daß ich ihm hier nicht mehr einräumen sollte, als er bewiesen hat. Aus seinem Beweise erhellt es zwar nicht, daß derjenige, der über die Religion spottet, weil er von der Falschheit derselben überzeugt ist, kein rechtschaffner Mann sei; aber dennoch ist es wahr; er ist keiner. Allein er ist nicht deswegen kein rechtschaffner Mann, weil er keine Religion hat; sondern weil er spottet. Wer gibt ihm das Recht, über Dinge zu spotten, die unzählige Menschen für die heiligsten auf der Welt halten? Was kann ihn entschuldigen, wenn er durch Spöttereien arme Blödsinnige um ihre Ruhe, und vielleicht noch um ein mehreres bringt? Er verrät Lieblosigkeit, wenigstens Leichtsinn; und handelt unrechtschaffen an seinem Nächsten. Denn auch sogar ein Christ, der gegen Mahometaner über den Mahomet spotten, weiter nichts als spotten wollte, würde kein rechtschaffner Mann sein. Er lehre, wenn er glaubt, daß seine Lehren anschlagen werden; und sei überzeugt, daß jede Unwahrheit, die er aufdeckt, sich ohne sein Zutun von selbst verspotten wird.

Bei dem allen scheinet es, als habe es Herr Cramer selbst empfunden, daß er hier nicht eigentlich mit einem Manne ohne Religion, sondern mit einem Religionsspötter zu tun habe; und zwar auch nur mit diesem in so fern er spottet, und nicht in so fern er keine Religion hat. Denn was ist sein Polidor, den er in dem ersten Zusatze seines Beweises, zu einem Exempel eines Mannes ohne Religion macht, anders,[287] als ein Religionsspötter? Und zwar noch dazu einer von den allerdümmsten, dem man unmöglich einen Funken Menschenverstand zugestehen kann; denn er spottet über Lehren, die er niemals untersucht hat, und macht Lehren lächerlich, ohne sich darum zu bekümmern, ob sie es verdienen. Und das heißt ein Mann ohne Religion? Es gemahnt mich nicht anders, als wenn man einen Lahmen beschreiben wollte: ein Lahmer sei ein Mensch ohne Flügel.


Der Beschluß künftig
XXII. Den 29. Mai 1760

Beschluß des 106ten Briefes

Ich wende mich zu dem zweiten Beweise. »Ein Rechtschaffner muß eine gründliche Erkenntnis von den Gegenständen haben, gegen welche man rechtschaffen handeln muß. Indem er zu dieser Erkenntnis kömmt, gelangt er auch zur natürlichen Erkenntnis Gottes; und durch diese zum Wunsche einer Offenbarung. Alsdann hat er die Pflicht, eine vorgegebene Offenbarung, ohne sorgfältige Untersuchung nicht zu verwerfen, vielweniger zu verspotten. Tut er es; so ist er (vermöge des ersten Beweises) nicht rechtschaffen.« – Das ist ein Beweis? Und ein zweiter Beweis? Wenn doch Herr Basedow so gut sein wollte, ihn in eine syllogistische Form zu bringen. Doch er fühlt es selbst, daß dieses Geschwätze auf den ersten Beweis hinausläuft; daß es weiter nichts ist, als der erste Beweis, auf den Religionsspötter näher eingeschränkt. Und in wie fern der Satz von diesem gilt, darüber habe ich mich erklärt. Er gilt von ihm, nicht in so fern er keine Religion hat, sondern in so fern er spottet.

Also der dritte Beweis: »Wegen der Macht der Leidenschaften ist nicht zu erwarten, daß ein Mensch, der weder geoffenbarte noch natürliche Religion hat, die gesellschaftlichen Pflichten zu erfüllen geneigt sei, und also in dieser eingeschränkten Bedeutung ein rechtschaffner Mann sein könne.

[288] Man hat aber bessern Grund es zu hoffen, wenn er die Religion in seinem Verstande für wahr hält, und sein Herz zur Ausübung derselben gewöhnt.« Auch dieses Raisonnement ist kein Beweis unsers Satzes. Herr Basedow hat für gut befunden, meine Einwendung dagegen gar nicht zu verstehen. Ich sage nämlich: Hier ist die ganze Streitfrage verändert; anstatt zu beweisen, daß ohne Religion keine Rechtschaffenheit sein könne, sucht man nur taliter qualiter so viel zu erschleichen, daß es wahrscheinlicher sei, es werde eher ein Mann von Religion, als ein Mann ohne Religion rechtschaffen handeln. Aber weil jenes wahrscheinlicher ist, ist dieses darum unmöglich? Und von der Unmöglichkeit ist gleichwohl in dem Satze die Rede: Es kann keine Rechtschaffenheit ohne Religion sein. Herr Basedow sagt selbst, es solle diesem Beweise der zweite Zusatz zur Einleitung dienen. Und wie lautet der zweite Zusatz? »Der Mensch hat eine natürliche Neigung zu denen Handlungen, die wenn sie aus dem rechten Grunde geschehen, rechtschaffen heißen. Aber diese Neigung ist im hohen Grade schwach und unzuverlässig.« Warum ist sie so schwach und unzuverlässig? Wegen der Gewalt der Leidenschaften. Und diese zu bändigen, das lehrt uns nur die Religion? Oder haben wir nicht auch hinlängliche Gründe, unsere Leidenschaften der Vernunft zu unterwerfen, die mit unsern Verhältnissen gegen ein höchstes Wesen in gar keiner Verbindung stehen? Ich sollte es meinen. Haben wir nun dergleichen: so kann jene natürliche Neigung zu rechtschaffnen Handlungen, so schwach und unzuverlässig sie wegen der Leidenschaften immer sein mag, wenn wir diese ihre Hindernisse aus dem Wege räumen, auch ohne Religion stark und zuverlässig werden. Und kann sie das, wie steht es um den Cramerschen Beweis? Ist es nicht offenbar, daß er ihn durch diesen Zusatz selbst untergraben hat? Herr Basedow sage nicht: Aber die Religion gibt uns noch mehrere Gründe, unsre Leidenschaften zu bemeistern etc. Das gebe ich zu. »Allein, habe ich damals schon erinnert, kömmt es denn bei unsern Handlungen bloß auf die Vielheit der Bewegungsgründe an? Beruhet nicht weit mehr auf der Intension derselben? Kann nicht ein einziger Bewegungsgrund,[289] dem ich lange und ernstlich nachgedacht habe, eben so viel ausrichten, als zwanzig Bewegungsgründe, deren jedem ich nur den zwanzigsten Teil von jenem Nachdenken geschenkt habe?« Wenn Herr Basedow das nicht versteht: so kann ich ihm freilich nicht helfen; und man muß ihm erlauben, so lange zu schwatzen als er will.

Und wahrhaftig, sein Geschwätze erregt ordentlich Mitleiden. Er räumt es ein, daß ein Mann ohne Religion ein sehr unbestimmtes Wort sei; aber doch, meinet er, habe Herr Cramer nicht nötig gehabt, es zu bestimmen. Und warum nicht? »Der Herr Hofprediger, sagt er, trägt im Nordischen Aufseher kein System vor, und hat die Absicht nicht, allen möglichen Chicanen eines Widersachers auszuweichen. Sonst hätte er allerdings ausdrücklich anzeigen müssen, ob er unter einem Manne ohne Religion, einen solchen verstehe, der gar keine hat, oder nur denjenigen etc.« Kann man eine größere Absurdität sagen? Deswegen, weil der Herr Hofprediger kein System schreibt, darf er unter eben demselben Worte, bald das, bald jenes verstehen? Herr Basedow wird nie ein System schreiben: ich wette darauf.

In dem ersten Beweise, fährt er fort, meinet Herr Cramer einen Mann ohne alle Religion; in dem zweiten einen leichtsinnigen Spötter der Religion; und in dem dritten wieder einen Mann ohne alle Religion. Als dem Verfasser eines Wochenblatts, versichert er, sei ihm diese Vertauschung erlaubt gewesen; und ich verdiene den Abscheu der Welt, und habe das schwärzeste Laster begangen, weil ich Bösewicht geglaubt habe: »Der Nordische Aufseher müsse und wolle in dieser ganzen Abhandlung den Satz: ohne Religion ist keine Rechtschaffenheit, in einer und derselben Bedeutung verstehen.«

Das habe ich leider geglaubt. Ja ich habe sogar geglaubt, daß Herr Cramer unter einem Manne ohne Religion, bloß einen Mann verstehe, der die christliche Religion in Zweifel ziehet. Denn ich Bösewicht setzte voraus, Herr Cramer werde doch etwas haben sagen wollen; er werde doch lieber etwas falsches (das ihm aber wahr scheine), als gar nichts haben sagen wollen. Nun aber, da uns Herr Basedow sein Wort gibt, daß Herr Cramer wirklich gar nichts habe sagen wollen:[290] muß ich mich freilich auf den Mund schlagen. Sie glauben nicht, wie ich mich schäme! Wollte doch der Himmel, daß ich mich vor den Augen der Welt verbergen könnte!

G.


Hundert und siebender Brief

Herr Cramern muß es also hier gegangen sein, wie es allen gehet, die ihre Gedanken unter der Feder reif werden lassen. Man glaubt eine große Wahrheit erhascht zu haben; man will sie der Welt ins Licht setzen; indem man damit beschäftiget ist, fängt man selbst an, sie deutlicher und besser einzusehen; man sieht, daß sie das nicht ist, was sie in der Entfernung zu sein schien; unterdessen hat man sein Wort gegeben; das will man halten; man dreht sich itzt so, itzt anders; man geht unmerklich von seinem Ziele ab; und schließt endlich damit, daß man etwas ganz anders beweiset, als man zu beweisen versprach; doch immer mit der Versicherung, daß man das Versprochene bewiesen habe. Amphora coepit institui, currente rota urceus exit.

Ohne Religion kann keine Rechtschaffenheit sein! diesen großen Satz wollte Herr Cramer beweisen, um alle Gegner der Religion, wo nicht auf einmal in die Enge zu treiben, doch wenigstens so zu brandmarken, daß sich keiner seiner Entfernung von der Religion mehr öffentlich rühmen dürfe. Der Vorsatz war vortrefflich, und eines eifrigen Gottesgelehrten würdig. Schade nur, daß sich die Wahrheit nicht immer nach unsern guten Absichten bequemen will. Nicht will? O sie wird müssen; wir verstehen uns aufs beweisen. »Denn, sagt Herr Cramer, ein Mensch welcher sich rühmet, daß er keine Pflicht der Rechtschaffenheit vernachlässige, ob er sich gleich von demjenigen befreit achtet, was man unter dem Namen der Frömmigkeit begreift, ist- ein Lügner, muß ich sagen, wenn ich nicht strenge, sondern nur gerecht urteilen will; weil er selbst gestehet, kein rechtschaffener Mann gegen Gott zu sein.« Da steht der Beweis; und er ist noch dazu schön gesagt. Nun will Herr Cramer weiter gehen. Aber indem überlegt er seinen Beweis noch einmal: »Ein Rechtschaffener[291] sucht alle Pflichten zu erfüllen, auch die Pflichten der Religion; nun sucht ein Mann ohne alle Religion diese nicht zu erfüllen, ergo – Denn er hält sie für keine Pflichten:« fällt ihm ein, ehe er sein Ergo ausdenkt. »Er hält sie für keine? das ist etwas anders. So fällt mein Beweis in die Brüche. Ich striche ihn gern aus; wenn ich nicht alles ausstreichen müßte. Ich muß sehen, wie ich mir helfe.« – Geschwind schlägt er also die Volte, und schiebt uns für einen Mann ohne alle Religion, einen Religionsspötter, einen Dummkopf unter, der über Lehren spottet, die er niemals untersucht hat. – »Und so einer kann doch kein rechtschaffner Mann sein?« – Kein Mensch wird ihn dafür erkennen. »Kein Mensch? Ja, nun habe ich zu wenig bewiesen. Vorhin zu viel, itzt zu wenig: wie werde ich es noch machen, daß ich mich mit meinem frommen Paradoxo durchbringe?« So denkt er, und schleicht sich stillschweigend aus dem Paradoxo in die angrenzende Wahrheit. Anstatt zu beweisen, daß ohne Religion keine Rechtschaffenheit sein könne, beweiset er, daß da, wo Religion ist, eher Rechtschaffenheit zu vermuten sei, als wo keine ist. Das, sage ich, beweiset er; versichert aber jenes bewiesen zu haben, und schließt. – Nun, ihr Herrn Basedows,


– – Jovis summi causa clare plaudite!


Wie gesagt: so muß es Herr Cramern hier gegangen sein. Er versprach etwas zu beweisen, wobei wir alle die Ohren spitzten, und currente calamo bewies er etwas, was keines Beweises braucht. Ich aber, der ich mir dieses von dem Herrn Cramer nicht so gleich einbilden konnte, tat ihm dabei Unrecht, bloß weil ich ihm nicht gern Unrecht tun wollte. Ich glaubte nämlich, er verstehe unter einem Manne ohne Religion, einen Mann ohne Christentum; ich hielt ihn für einen übertriebenen Eiferer, um ihn für keinen Mann zu halten, der so schreibt, als es in der Hitze des Dispüts kaum zu reden erlaubt ist.

G.


Hundert und achter Brief

[292] Aber ich habe doch gleichwohl den Herrn Hofprediger Cramer zum Socinianer machen wollen? Ich? Ihn zum Socinianer?

Arthur Ironside empfiehlt seinen Lesern die Methode, nach welcher ihn sein Vater in der Kindheit den Erlöser kennen lehrte. Diese Methode bestand darin, daß er anfangs von der Gottheit desselben gänzlich schwieg, und ihn bloß als einen frommen und heiligen Mann, und als einen Kinderfreund vorstellte. Ich mache hierüber die Anmerkung, daß ein Kind, so lange es den Erlöser nur von dieser Seite kennet, ein Socinianer sei. Folglich habe ich Herr Cramern zum Socinianer gemacht? O Herr Basedow! O Logik!

Und hören Sie nur, was er wider die Anmerkung selbst erinnert. »Das Kind, sagt er, ist zu der Zeit, da es Christum als einen Menschenfreund, Wundertäter und Lehrer denkt, kein Socinianer; denn obgleich ein Socinianer ihn auch so denkt, so leugnet derselbe doch zugleich, daß er auch Gott und ein wahrer Versöhner sei, und nur durch das letzte verdienet er den Namen eines Socinianers.« – Nur durch das Leugnen? Ist denn aber das Leugnen etwas anders, als eine Folge des Widerspruchs? Man frage so ein Kind, das Christum nur als einen Menschen kennet: war nicht Christus auch wahrer Gott? »Gott? das wüßte ich nicht.« – Ja, er war es ganz gewiß. – »Ach nicht doch; Papa, der mir so viel von ihm gesagt hat, hätte mir das sonst auch wohl gesagt.« Nun leugnet das Kind. Nun ist das Kind erst ein Socinianer? Oder von einer andern Seite. Das Kind eines Socinianers, das den Lehrbegriff seines Vaters eingesogen hat, aber von keinen Leuten weiß, die Christum für mehr als einen großen und heiligen Mann halten, das also mit diesen Leuten noch nie in Widerspruch geraten können: das Kind ist kein Socinianer? Armselige Ausflüchte!

Nestor Ironside rechtfertigte seine Methode damit, daß man auch hier von dem Leichten und Begreiflichen zu dem Schwerern fortgehen müsse. Ich erkenne diese Regel der Didaktik; ich erinnere aber, daß dieses Leichtere, von welchem[293] man auf das Schwerere fortgehen müsse, nie eine Verstümmlung, eine Entkräftung der schweren Wahrheit, eine solche Herabsetzung derselben sein müsse, daß sie das, was sie eigentlich sein sollte, gar nicht mehr bleibt. »Und daran, fahre ich fort, muß Nestor Ironside nicht gedacht haben, wenn er es, nur ein Jahr lang, dabei hat können bewenden lassen, den göttlichen Erlöser seinem Sohne bloß als einen Mann vorzustellen, den Gott zur Belohnung seiner unschuldigen Kindheit, in seinem dreißigsten Jahre mit einer so großen Weisheit, als noch niemals einem Menschen gegeben worden, ausgerüstet, zum Lehrer aller Menschen verordnet, und zugleich mit der Kraft begabt habe, solche herrliche und außerordentliche Taten zu tun, als sonst niemand außer ihm verrichten können.« – In dieser Stelle habe ich, nach dem Herrn Basedow, nicht mehr als zwei Verfälschungen begangen. Denn er fragt: Steht denn im Nordischen Aufseher etwas von einem Jahrlang? Werden daselbst die vortrefflichen Eigenschaften des Heilandes, für eine Belohnung seiner unschuldigen Kindheit ausgegeben?

Antwort auf die erste Frage: Das Jahrlang ist freilich mein Zusatz, aber ich sollte meinen, ein so billiger Zusatz, daß mir Herr Cramer Dank dafür wissen sollte. »Ein Kind, sagt Herr Basedow, ist früher, fähig zu fassen, daß der Heiland ein gehorsames Kind, ein weiser und unschuldiger Mann, ein großer Lehrer, Wundertäter und Menschenfreund war, als es seine Gottheit und Erlösung fassen kann.« Wie viel früher? Weniger als ein Jahr? So muß die Erkenntnis des Kindes mehr als menschlich zunehmen; oder der Übergang von dem einen Satze zu dem andern muß sehr gering und leicht sein. Ich Abscheu der Welt! Ich setze nur ein Jahr, wo ich vier bis fünf Jahre hätte setzen können.

Antwort auf die zweite Frage: Ja, allerdings läßt es der Aufseher den Nestor Ironside seinem kleinen Arthur sagen, daß die vortrefflichen Eigenschaften des Heilandes eine Belohnung seiner tugendhaften Kindheit gewesen wären. Nestor, sagt er, habe ihm erzählt, wie unschuldig, wie lehrbegierig, wie fromm, wie gehorsam das Kind Christus gewesen sei. »Und darum, läßt er ihn fortfahren, darum hätte er auch[294] täglich an Weisheit und Gnade vor Gott und Menschen zugenommen; er wäre die Freude, das Wohlgefallen und die Bewunderung aller seiner Freunde und Bekannten geworden, und Gott hätte ihn endlich, nachdem er seine unschuldige Jugend in der Stille und Zufriedenheit mit der Armut und dem Mangel seiner Ältern zurück gelegt hatte, in seinem dreißigsten Jahre mit einer so großen Weisheit ausgerüstet etc.« Das ist eine zusammengesetzte periodus consecutiva, und das Darum, womit die Periode anfängt, muß auf alle Glieder derselben gezogen werden. Wenn ich also lese: Darum, weil er ein so unschuldiges, lehrreiches, frommes, gehorsames Kind war, rüstete ihn Gott in seinem dreißigsten Jahre mit so großer Weisheit aus etc.: so habe ich hoffentlich nicht falsch konstruiert. Und wofür hätte der junge Arthur die Wundergaben, womit Christus in seinem dreißigsten Jahre ausgerüstet ward, auch anders halten können, als für Belohnungen und Folgen seiner tugendhaften Kindheit? Er wußte ja sonst nichts anders von Christo!

G.

XXIII. Den 5. Junius 1760
Hundert und neunter Brief

»Warum verschweigt der Criticus die Rechtfertigung, die Herr Cramer seinem Rate« (einem Kinde den Erlöser, vors erste nur als einen frommen und heiligen Mann vorzustellen) »wahrlich um schwächerer Personen willen, als ein Journalist sein sollte, in demselben funfzigsten Stücke zugefügt hat?« – So fragt Herr Basedow, und wahrlich in einem Tone, daß ein treuherziger Leser darauf schwören sollte, ich hätte diese Rechtfertigung aus bloßer Tücke verschwiegen. Und ich bin mir doch bewußt, daß ich sie aus bloßem Mitleiden verschwiegen habe.

Denn wie lautet diese Rechtfertigung? So wie folget: »Mein Vater fand selbst in der Offenbarung eine Anleitung zu einer vorzüglichen Art des Unterrichts in diesen uns so notwendigen und unentbehrlichen Lehren, und zwar so wohl in der[295] vortrefflichen Rede, die Paulus vor den Atheniensern, als in der Schutzrede, die er vor dem Landpfleger Felix und dem Könige Agrippa hielt. In beiden redet er von Christo; aber auf eine solche Art, die uns lehrt, wie man diejenigen von ihm unterrichten müsse, die noch gar keine Erkenntnisse von seiner erhabenen und herrlichen Person haben. Er schwieg mit einer bewundernswürdigen Weisheit in dem ersten Unterrichte, den er den Atheniensern gab, von den schweren und tiefsten Geheimnissen des Christentums. Er fing damit an, daß er ihnen einen Begriff von der Gottheit beizubringen suchte. Die Schöpfung und Regierung der Welt von Gott, und seine Vorsehung, die Schuldigkeit ihn kennen zu lernen, und seinen Gesetzen zu gehorchen, und das künftige Gericht durch einen Menschen, den er dazu ersehen, und deswegen von den Toten erweckt hätte, waren die ersten Lehren, die er ihnen verkündigte: und er wählte sie offenbar deswegen, weil sie schon einige obgleich falsche Begriffe davon hatten. So wenig sagte er das erstemal von Christo, ob er gleich genug sagte, ihre Neubegierde und Aufmerksamkeit zu reizen. Lehren von einem tiefern Inhalte würden eine ganz widrige Wirkung hervorgebracht, und ihren Verstand nicht sowohl erleuchtet, als verblendet haben. Man sieht diesen großen Lehrer der Völker in seiner Schutzrede vor Felix und Agrippa eine ähnliche Methode beobachten, und ihn aus den Lehren von dem Heilande der Welt dasjenige aussuchen, was von einem noch ununterrichteten Verstande am leichtesten gefaßt werden konnte. Er machte ihnen Christum, welches besonders merkwürdig ist, zuerst nicht als einen Versöhner, der für die Menschen eine vollkommene Genugtuung geleistet hätte, sondern als den Lehrer des menschlichen Geschlechts bekannt, als den, der verkündigen sollte ein Licht dem Volke Israel und den Heiden.«

»Diese Rechtfertigung« (setzt Herr Basedow von dem Seinigen hinzu) »ist vollkommen gründlich, und dem Criticus zu stark, als daß er ihrer erwähnen dürfte. Man darf nicht sagen, daß das Apostolische Exempel deswegen, weil Heiden und Juden Meinungen hatten, die den Geheimnissen des Christentums gerade entgegen gesetzt waren, einem stufenweise[296] zunehmenden Unterrichte der Kinder nicht zur Rechtfertigung dienen könne. Denn erstlich erhellet doch so viel daraus, daß es nicht ketzerisch sei, von Christo anfangs dasjenige zu sagen, was weniger wunderbar ist, und vors erste von dem Schweren und Geheimnisvollen zu schweigen. Zweitens ist das Unvermögen kleiner Kinder, den Ausdruck der Geheimnisse zu verstehen, gewiß eine eben so wichtige Ursache dieser Lehrart, als die Vorurteile der Juden und Heiden.«

Herr Basedow glaube ja nicht, daß ich auf diesem Einwurfe, den er sich selbst macht, und selbst beantwortet, bestehen werde. Und warum nicht? Weil er eine Kleinigkeit als unstreitig voraussetzet, an der ich mir die Freiheit nehme, noch sehr zu zweifeln. An der ich zweifle? Die ich schlechterdings leugne. Und welches ist diese Kleinigkeit? Nur diese: daß Paulus bei besagten Gelegenheiten besagte Methode wirklich gebraucht habe.

Dieses, wie gesagt, leugne ich. Urteilen Sie, ob ich Grund habe. – Zuerst von der Rede des Apostels vor den Atheniensern.139 Der Apostel wird vor Gerichte geführet, und er soll da sagen, was dieses für eine neue Lehre sei, die er lehre. Er fängt an zu reden; wirft ihnen ihren Aberglauben vor; dringet auf den wahren Begriff einer einzigen höchsten Gottheit, der ihren eignen Weisen nicht ganz unbekannt gewesen sei; und eilet zu der Sache zu kommen, die man eigentlich von ihm zu wissen verlangt, zu seiner neuen Lehre. Die Worte, Und zwar hat Gott die Zeit der Unwissenheit übersehen; nun aber gebeut er allen Menschen an allen Enden Buße zu tun; diese Worte, sage ich, sollen den Einwurf vorläufig beantworten, den man von der Neuheit seiner Lehre hernehmen könnte; und nun ist er auf einmal Mitten in seiner Materie: Darum, daß er einen Tag gesetzt hat, auf welchen er richten will den Kreis des Erdbodens mit Gerechtigkeit durch einen Mann, in welchem ers beschlossen hat, und jedermann fürhält den Glauben, nachdem er ihn hat von den Toten auferweckt. Das sind die Sätze, über die er sich nunmehr weiter[297] verbreiten will; die er den Atheniensern in der Folge seiner Rede näher erklären will. Aber was geschieht? Da sie hörten die Auferstehung der Toten, da hattens etliche ihren Spott, etliche aber sprachen: wir wollen dich davon weiter hören. Es waren Teils Epikurer, Teils Stoiker, die den Apostel vor Gerichte geführt hatten. Die Epikurer spotteten; die Stoiker wurden kalt: jene lachen; diese gähnen: keiner besteht auf seiner Anklage, und also ging Paulus von ihnen. Nun frag ich: wie kann man dieses für eine ganze, vollständige Rede des Apostels halten? Es ist ja offenbar nichts mehr, als der bloße Anfang einer Rede. Er ward unterbrochen; man wollte ihn nicht mehr hören, als er nun eben auf das kam, wovon Herr Cramer sagt, daß er es vorsetzlich mit einer bewundernswürdigen Weisheit in dem ersten Unterrichte verschwiegen habe. Verschwiegen? Verschweigt man das, wozu man uns nicht kommen läßt? Paulus erwähnt des Glaubens, erwähnt des Gerichts; aber seine Zuhörer gehen fort. Lag die Ursache also in dem Paulus, lag sie also in seiner didaktischen Klugheit, von dem minder Wunderbaren anzufangen, daß er ihnen von diesem Glauben nicht mehr sagte? daß er sie den Mann nicht näher kennen lehrte, durch welchen Gott den Kreis des Erdbodens richten wolle? Herr Cramer macht, zu meinem nicht geringern Erstaunen, aus diesem Manne einen Menschen: aus diesem Manne, den Petrus mit einer ihm selbst am besten bewußten Emphasis,140 den Mann von Gott nennt, einen Menschen. Ich möchte doch wissen, wie er diese Vertauschung bei unsern Exegeten verantworten wollte. Sie ist ganz gewiß unverantwortlich; ob ich sie gleich für weiter gar nichts ausgeben will, als für eine Übereilung des Herrn Hofpredigers. Hätte Paulus weiter reden können, so würde sein zweites Wort unfehlbar von der Gottheit dieses Mannes gewesen sein. Denn er beobachtete in diesem Punkte die menschliche Klugheit des Herrn Hofpredigers so wenig, daß er schon vorher zu Athen auf dem Markte alle Tage, zu denen, die sich herzufanden, von der Gottheit Christi gesprochen hatte. Wie hätte sonst der heilige Geschichtschreiber[298] hinzusetzen können: Etliche aber der Epikurer und Stoiker Philosophi zankten mit ihm, und etliche sprachen: Was will dieser Lotterbube sagen? Etliche aber: Es siehet, als wolle er neue Götter verkündigen. Das machte, er hatte das Evangelium von Jesu, und von der Auferstehung ihnen verkündigt. Man überlege die Worte: »Es scheinet als wolle er neue Götter verkündigen; das machte, er hatte ihnen das Evangelium von Jesu verkündiget.« Nichts kann deutlicher sein. Folglich kann Herr Cramer aus der obigen Rede für sich nichts schließen. Erstlich, weil sie nicht der erste Unterricht war, den der Apostel den Atheniensern gab; und zweitens weil es eine unterbrochene Rede war. Vielmehr kann man den Herrn Cramer aus diesem Exempel förmlich widerlegen; weil es drittens offenbar ist, daß der Apostel gerade das Gegenteil von dem getan hat, was er ihn tun läßt, daß er seinen Unterricht ohne Umschweife von der Gottheit Christi angefangen hat. Denn er schien neue Götter zu verkündigen, weil er ihnen das Evangelium von Jesu verkündigte.

Ich hätte hier eine feine Gelegenheit, gelehrte Bücher zu plündern, und meinem Briefe selbst dadurch ein gelehrtes Ansehen zu geben. Aber wer betrachtet gern etwas durch ein Vergrößerungsglas, was er mit bloßen Augen deutlich genug sehen kann? Erlauben Sie mir unterdessen, nur einen einzigen Mann anzuführen, dessen exegetische Gelehrsamkeit ein wenig mehr außer Zweifel gesetzt ist, als des Herrn Cramers oder meine. Es ist D. Heumann. Herr Basedow sei so gut, und lese dieses würdigen Gottesgelehrten »Erklärung der Apostelgeschichte«, wenn er die Meinung seines Freundes von der obigen Rede des Paulus, Vers vor Vers widerlegt und verworfen finden will. Gleich Anfangs gedenkt der Doctor der Vorstellungen, welche Sebastian Schmidt, und Franciscus Fabricius von dieser Rede des Apostels gemacht haben, und sagt: »Beiden aber kann ich darin keinen Beifall geben, wenn sie glauben, es habe Paulus diese Rede an die Professoren der Stoischen und Epikurischen Weisheit gehalten, und daher die Lehren der Vernunft von Gott oder der philosophischen Theologie vornehmlich vorgetragen. Der letztere, Fabricius, will auch die Klugheit unsers heiligen[299] Redners zeigen, und suchet sie auch darinnen, daß Paulus Gott nicht den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs genennet, auch seine Lehren nicht aus den Propheten, sondern aus heidnischen Poeten, bestätigt, wie auch Jesum nicht einmal mit Namen genennt habe. Wie unbedachtsam ist doch dieses! Wird nicht auf diese Weise Paulo fast eben die Klugheit beigelegt, welche die Jesuiten in China ausüben, deren Bekehrungsklugheit von ihren eigenen Religionsverwandten gemißbilliget wird?« – Was sagen Sie zu dieser Stelle? Der Doctor will von keiner Bekehrungsklugheit wissen, die der Hofprediger eine bewundernswürdige Weisheit nennt. Er schwieg mit einer bewundernswürdigen Weisheit in dem ersten Unterrichte, den er den Atheniensern gab, von den schweren und tiefsten Geheimnissen des Christentums. Die Rede, die der Apostel auf dem Areopago hielt, war der erste Unterricht nicht, den er den Atheniensern gab; und in dem vorhergegangenen ersten Unterrichte, sagt der Doctor ausdrücklich, »lehrte Paulus, Jesus sei der Sohn Gottes.141 Die Spötter nennten Jesum einen neuen und fremden, das ist, bisher unerhörten Gott. Sie sagten neue Götter, und meinten doch nur den von Paulo gepredigten Jesum. Diese Art zu reden ist gewöhnlich, wenn man indefinite redet« etc. Eben so ausdrücklich behauptet der Doctor, daß Paulus in der gedachten Rede selbst, allerdings von den eigentlichen Glaubenslehren würde geredet haben, wenn ihn das laute Gelächter der spöttischen Zuhörer nicht aufzuhören gezwungen hätte. Er erklärt die letzten Worte πισιν παρεχειν πασιν durch »die Glaubenslehren allen Menschen vortragen, und sie belehren, daß, die Seligkeit zu erlangen, der Glaube an Jesum das einzige Mittel sei.« Er sagt nicht, daß der Apostel den Atheniensern nur deswegen von einem künftigen Gerichte durch einen Mann, den Gott dazu ersehen, geprediget, weil dieses eine Lehre gewesen sei, von welcher sie schon einige, obgleich falsche Begriffe gehabt hätten: sondern er sagt, daß es deswegen geschehen sei, weil Paulus durch diese[300] drohende Vorstellung des Gerichts, seine Zuhörer aufmerksam machen, und bewegen wollen, daß sie den Beweis seiner göttlichen Gesandtschaft von ihm verlangen möchten. »Diesen Beweis, fährt der Doctor fort, würde er ihnen überzeuglich gegeben haben, wenn sie nicht bald darauf mit spöttischem Schreien ihm in die Rede gefallen wären, und dieselbe zu beschließen, ihn genötigt hätten.« etc.

Nun von des Apostels Schutzrede vor dem Landpfleger Felix. – Auch in dieser ist nicht die geringste Spur von der didaktischen Klugheit, welche die Methode des Herrn Cramers entschuldigen soll. Und wie könnte es auch? Paulus hat darin nichts weniger als die Absicht zu unterrichten, und seiner Lehre Proselyten zu schaffen: sondern er sucht einzig und allein die bürgerliche Klage von sich abzulehnen, welche die Juden gegen ihn erhoben hatten. Er zeiget aus den Umständen der Zeit, daß die Beschuldigung, als habe er einen Aufruhr erregen wollen, schon an und vor sich selbst unwahrscheinlich sei, und füget die wahre Ursache hinzu, warum er von den Juden so verleumdet werde; darum nämlich, weil er nach diesem Wege, den sie eine Sekte heißen, also dem Gotte seiner Väter diene, daß er glaube allem, was geschrieben stehet im Gesetze und in den Propheten. Von diesem Wege sagt er alsdenn nur auch ganz allgemeine Dinge, und wenig mehr als ohngefähr einen Einfluß auf den Charakter eines ehrlichen Mannes, eines ruhigen und wohltätigen Bürgers haben konnte. Und dieses tut er, nicht um den Felix zu größern Geheimnissen vorzubereiten, sondern bloß um von ihm als Richter, bürgerliche Gerechtigkeit zu erlangen. Kurz, es ist mir unbegreiflich, wie Herr Cramer in dieser Rede seine Methode hat finden können. Hätte er unterdessen nur einige Zeilen weiter gelesen; so würde er gerade das Gegenteil derselben, auch hier gefunden haben. Nach etlichen Tagen aber, fährt der Geschichtschreiber fort, kam Felix mit seinem Weibe Drusilla, die eine Jüdin war, und fodert Paulum, und hört ihn von dem Glauben an Christo. Da aber Paulus redet von der Gerechtigkeit, und von der Keuschheit, und von dem zukünftigen. Gerichte, erschrak Felix und antwortete: Gehe hin auf diesmal, wenn ich gelegene Zeit[301] habe, will ich dich her lassen rufen. Diese Stelle ist höchst merkwürdig. Felix und seine Gemahlin hören den Apostel von dem Glauben an Christo, von den unbegreiflichsten Geheimnissen unsrer Religion. Aber nicht über diese unbegreifliche Geheimnisse erschraken sie; nicht diese unbegreifliche Geheimnisse hatten Schuld, daß sie nicht Christen wurden: sondern das strenge und tugendhafte Leben, auf welches der Apostel zugleich mit drang, das schreckte sie ab.

Aber ich eile, auch noch ein Wort von der Schutzrede des Paulus vor dem Könige Agrippa, zu sagen. – Ich werde hier recht sehr auf meiner Hut sein müssen, daß mir nicht etwas hartes gegen den Herrn Cramer entfähret. Seine ganze Theologie mußte ihn verlassen haben, als er schreiben konnte, »Paulus habe Christum dem Agrippa, zuerst nicht als einen Versöhner, der für die Menschen eine vollkommene Gnugtuung geleistet hatte, sondern als den Lehrer des menschlichen Geschlechts bekannt gemacht, als den, der verkündigen sollte ein Licht dem Volke Israel und den Heiden.« Das ist zu arg! Hören Sie nur. Agrippa war ein Jude; also ein Mann, der mit dem Apostel in dem Begriffe von dem Messias überein kam; also ein Mann, dem er nicht erst beweisen durfte, daß Gott durch die Propheten einen Messias versprochen habe; sondern den er bloß überführen mußte, daß Jesus der versprochene Messias sei. Und dieses tat er dadurch, daß er zeigte, die Prophezeiungen, der Messias werde leiden müssen, werde der erste unter denen sein, die von den Toten auferstehen, diese Prophezeiungen wären in Jesu erfüllt worden. Paulus schwieg also von der Göttlichkeit und Genugtuung des Messias hier so wenig, daß er beides vielmehr bei dem Agrippa voraussetzte. Leiden, Sterben, Auferstehen, ein Licht dem Volke und den Heiden verkündigen; alles dieses faßt der Apostel in einen einzigen Perioden: und doch kann Herr Cramer behaupten, daß er von Christo nur als einem Lehrer und nicht als einem Versöhner gegen den Agrippa gesprochen habe? Er lese doch nur: Daß Christus sollte leiden, und der Erste sein aus der Auferstehung von den Toten, und verkündigen ein Licht dem Volke und den Heiden.[302]

Und das ist nun die Rechtfertigung, welche Herr Basedow vollkommen gründlich, und mir zu stark nennet, als daß ich ihrer hätte erwähnen dürfen. Noch einmal: ich habe ihrer aus bloßem Mitleiden nicht erwähnt.

G.


XXIV. Den 12. Junius 1760
Hundert und zehnter Brief

Sie sind meine polemischen Briefe müde. Ich glaube es sehr gern. Aber nur noch eine kleine Geduld; ich habe wenig mehr zu sagen, und will mich so kurz als möglich fassen.

Wenn Herr Cramer die Rechtfertigung seiner Methode in der Offenbarung nicht findet: so kann er sie nirgends finden, als in seiner guten Absicht. Diese will ich ihm nicht im geringsten streitig machen. Allein ein Projektmacher, wenn es auch ein theologischer Projektmacher wäre, muß mehr als eine gute Absicht haben. Sein Projekt muß nicht allein für sich selbst praktikabel sein, sondern die Ausführung desselben muß auch unbeschadet anderer guten Verfassungen, die bereits im Gange sind, geschehen können. Beides vermisse ich an dem Projekte des Herrn Cramers. Vors erste ist es für sich selbst nicht praktikabel. Denn so ein Kind, das den Erlöser erst als einen frommen und heiligen Mann, als einen Kinderfreund, soll kennen und lieben lernen, müßte so lange dieser vorbereitende Unterricht dauerte, von allem öffentlichen und häuslichen Gottesdienste zurückgehalten werden; es müßte weder beten noch singen hören, wenn es in den Schranken der mit ihm gebrauchten Methode bleiben sollte. Zweitens streitet das Cramersche Projekt mit mehr als einer angenommenen Lehre unserer Kirche. Ich will itzt nur die Lehre von dem Glauben der Kinder nennen. Herr Cramer muß wissen, was unsere Kirche von dem Glauben der Kinder, auch schon alsdenn, wenn sie noch gar keine Begriffe haben, lehret; er muß wissen, daß die Frage, die einem Täuflinge geschiehet: Glaubest du etc. mehr saget, als: Willst du mit der Zeit glauben etc.[303]

Und hier will ich abbrechen. Schließlich möchte ich den Herrn Basedow, folgendes zu überlegen, bitten. Als ich in dem »Nordischen Aufseher« eine Methode angepriesen fand, die mir eine unbehutsame Neuerung eines Mannes zu sein schien, der die strenge Orthodoxie seinen guten Absichten aufopfert; als ich sie mit Gründen angepriesen fand, die den sorgfältigsten Exegeten gewiß nicht verraten; als ich den betäubenden, niederdonnernden Ausspruch, ohne Religion kann keine Redlichkeit sein, damit verglich: war es nicht sehr natürlich, daß mir gewisse Gottesgelehrten dabei einfielen, »die sich mit einer lieblichen Quintessenz aus dem Christentume begnügen, und allem Verdachte der Freidenkerei ausweichen, wenn sie von der Religion überhaupt nur fein enthusiastisch zu schwatzen wissen.« Weder Herr Basedow noch Herr Cramer wird leugnen wollen, daß es dergleichen Gottesgelehrten itzt die Menge gibt. Wenn aber jener meine allgemeine Anmerkung so ausleget, als ob ich sie schlechterdings auf diesen angewendet wissen wolle; so muß ich seine Auslegung für eine Calumnie erklären, an die ich nie gedacht habe. Ich sage: »auch der ›Nordische Aufseher‹ hat ein ganzes Stück dazu angewandt, sich diese Miene der neumodischen Rechtgläubigkeit zu geben etc.« Ist denn dieses eben so viel, als wenn ich gesagt hätte: Auch der Nordische Aufseher ist einer von diesen Rechtgläubigen? Ich rede ja nur von einer Miene, die er sich geben will. Ich sage ja nicht, daß er sich diese Miene aus eben der Ursache geben will, aus welcher sie jene führen. Jene führen sie, um ihre Freidenkerei damit zu maskieren; und er will sie annehmen, vielleicht weil er glaubt, daß sie gut läßt, daß sie bezaubert. Wenn eine neue Mode aus einer gewissen Bedürfnis entsprungen ist, haben darum alle, welche dieser Mode folgen, die nämliche Bedürfnis? Haben alle, die einen Kragen am Kleide tragen, einen Schaden an ihrem Halse, weil ein solcher Schaden den ersten Kragen, wie man sagt, veranlaßt hat?

G.


Hundert und elfter Brief

[304] Die Verlegenheit, in die mich Herr Basedow in Ansehung des zweiten Mitarbeiters an dem »Nordischen Aufseher«, des Herrn Klopstocks, mit aller Gewalt setzen will, hat mich von Grund des Herzens lachen gemacht.

»Auch das fünf und zwanzigste Stück, sagt Herr Basedow, von einer dreifachen Art über Gott zu denken, dessen Verfasser der Herr Klopstock ist, wird von dem Herrn Journalisten sehr feindselig angegriffen. Er muß vermutlich das Klopstockische Siegel nicht darauf gesehen haben, wie auf andern Stücken desselben Verfassers, von welchen er mit Hochachtung redet.« – Herr Basedow will vermutlich hier spotten. Vermutlich aber wird der Spott auf ihn zurück fallen. Denn gesetzt, ich hätte allerdings das Klopstockische Siegel darauf erkannt: was weiter? Hätte ich es bloß deswegen, ohne fernere Untersuchung, für gut, für vortrefflich halten sollen? Hätte ich schließen sollen: weil Herr Klopstock dieses und dieses schöne Stück gemacht hat; so müssen alle seine Stücke schön sein? Ich danke für diese Logik. »Herr Klopstock, heißt es an einem andern Orte, so gewogen der Criticus sich demselben auch anstellt« etc. Anstellt? Warum denn anstellt? Ich kenne den Herrn Klopstock von Person nicht; ich werde ohne Zweifel nie das Vergnügen haben, ihn so kennen zu lernen; er wohnt in Kopenhagen, ich in ** ; ich kann ihm nicht schaden; er soll mir nichts helfen: was hätte ich denn also nötig, mich gegen ihn anzustellen? Nein, ich versichere den Herr Basedow auf meine Ehre, daß ich dem Herrn Klopstock in allem Ernste gewogen bin; so wie ich allen Genies gewogen bin. Aber deswegen, weil ich ihn für ein großes Genie erkenne, muß er überall bei mir Recht haben? Mit nichten. Gerade vielmehr das Gegenteil: weil ich ihn für ein großes Genie erkenne, bin ich gegen ihn auf meiner Hut. Ich weiß, daß ein feuriges Pferd auf eben dem Steige, samt seinem Reiter den Hals brechen kann, über welchen der bedächtliche Esel, ohne zu straucheln, gehet.

Wer heißt den Herrn Klopstock philosophieren? So gewogen bin ich ihm freilich nicht, daß ich ihn gern philosophieren[305] hörte. Und können Sie glauben, Herr Basedow selbst ist in dem gedachten Stücke nicht ganz mit ihm zufrieden. Sie wissen, was ich dagegen erinnert habe. Erstlich, daß er uns mit seiner dritten Art über Gott zu denken, nichts Neues sage; das Neue müßte denn darin liegen, daß er das denken nennet, was andere empfinden heißen. Das räumet Herr Basedow ein, und fragt bloß: »Ob man denn über alte Dinge etwas neues sagen müsse? Und ob denn Herr Klopstock nicht das Recht gehabt habe, das Wort denken anders zu nehmen, als es in der üblichen Sprache einiger Systeme genommen werde?« Ich selbst habe ihm dieses Recht zugestanden, und nur wider den Irrtum, auf welchen er dadurch verfallen ist, protestieret; als worin mein zweiter Einwurf bestand. Er sagt nämlich, daß man durch die dritte Art über Gott zu denken, auf neue Wahrheiten von ihm kommen könnte, wenn die Sprache nicht zu arm und schwach wäre, das, was wir dabei dächten, auszudrücken. Ich sage: keine neue Wahrheiten! Und was sagt Herr Basedow? »Ich gestehe, es wäre vielleicht nicht ganz abzuraten gewesen, den Ausdruck neue Wahrheiten zu vermeiden, oder ihn vielmehr zu erklären.« Das gesteht Herr Basedow, und doch zankt er mit mir. Ja freilich; wenn es erlaubt ist, allen Worten einen andern Verstand zu geben, als sie in der üblichen Sprache der Weltweisen haben: so kann man leicht etwas Neues vorbringen. Nur muß man mir auch erlauben, dieses Neue nicht immer für wahr zu halten.

Aber wieder auf das Vorige zu kommen: Hatte ich wirklich das Klopstockische Siegel auf dem gedachten Stücke nicht gesehen? O nur allzudeutlich; und ich dächte, ich hätte es auch nur allzudeutlich zu verstehen gegeben. Ich schrieb nämlich: »Ich verdenke es dem Verfasser sehr, daß er sich bloß gegeben, so etwas auch nur vermuten zu können.« Dieses er war nicht umsonst in dem Manuskripte unterstrichen, ward nicht umsonst mit Schwabacher gedruckt. Dieses er war Herr Klopstock. Denn Herr Basedow wird doch wohl wissen, wofür die Gottschede und Hudemanns den Herrn Klopstock halten. Dieser Leute wegen tat es mir im Ernste leid, daß er eine Theorie verraten habe, die ihren kahlen Beschuldigungen auf gewisse Weise zu statten komme.[306]

Und so wenig ich aus des Herrn Klopstocks Philosophie mache, eben so wenig mache ich aus seinen Liedern. Ich habe davon gesagt: »sie wären so voller Empfindung, daß man oft gar nichts dabei empfinde.« Herr Basedow hingegen sagt von dem Liede, von welchem damals vornehmlich die Rede war: »Es ist, wie mich dünkt, ganz so gedankenreich und schön, wie die folgende Strophe.«

Jesus, Gott wird wiederkommen.


Ach laß uns dann mit allen Frommen

Erlöst zu deiner Rechten stehn!

Ach du müssest, wenn in Flammen

Die Welt zerschmilzt, uns nicht verdammen!

Laß alle kämpfen dich zu sehn!

Dann setz auf deinen Thron

Die Sieger, Gottes Sohn,

Hosianna!

Zur Seligkeit

Mach uns bereit,

Durch Glauben, durch Gerechtigkeit.


Das nennt Herr Basedow gedankenreich? Wenn das gedankenreich ist; so wundere ich mich sehr, daß dieser gedankenreiche Dichter nicht längst der Lieblingsdichter aller alten Weiber geworden ist. Ist das der Dichter, der jenen Traum vom Sokrates gemacht hat? Damit aber Herr Basedow und seines gleichen, nicht etwa meinen mögen, daß mein Urteil über die Klopstockischen Lieder ein bloßer witziger Einfall sei, so will ich ihnen sagen, was ich dabei gedacht habe. Es kann wahr sein, dachte ich, daß Herr Klopstock, als er seine Lieder machte, in dem Stande sehr lebhafter Empfindungen gewesen ist. Weil er aber bloß diese seine Empfindungen auszudrücken suchte, und den Reichtum von deutlichen Gedanken und Vorstellungen, der die Empfindungen bei ihm veranlaßt hatte, durch den er sich in das andächtige Feuer gesetzt hatte, verschwieg und uns nicht mitteilen wollte: so ist es unmöglich, daß sich seine Leser zu eben den Empfindungen, die er dabei gehabt hat, erheben können. Er hat also, wie man im Sprüchworte zu sagen pflegt, die Leiter nach[307] sich gezogen, und uns dadurch Lieder geliefert, die von Seiten seiner, so voller Empfindung sind, daß ein unvorbereiteter Leser oft gar nichts dabei empfindet. Der »Hamburgische Anzeiger« sagt, es sei ihm dieses mein Urteil eben so vorgekommen, »als ob jemand von Lessings schönen Fabeln urteilen wollte, sie wären so witzig, daß sie oft ganz aberwitzig darüber würden.« Der Herr versuche nunmehr, ob er in seine Instanz eben den richtigen Sinn legen kann, der in meinem Urteile liegt. Desto schlimmer aber für Lessingen, wenn seine Fabeln nichts witzig sind!

G.


Hundert und zwölfter Brief

Herr Basedow – und nun werde ich seiner zum letztenmale gedenken, – wirft auf allen Seiten mit Lieblosigkeiten, mit Verleumdungen um sich; und der »Hamburgische Anzeiger« sagt, daß ein sehr niedriger Bewegungsgrund mich aufgebracht habe, den Aufseher als ein höchst schlechtes Werk herunter zu setzen. Beide Herren muß ein verborgenes Geschwür jucken, das sie mit aller Gewalt aufgestochen wissen wollen. Ihr Wille geschehe also. Ich wünsche, daß die Operation wohl bekommen möge.

Erinnern Sie sich wohl des erdichteten Briefes, den der nordische Aufseher in seinem sieben und dreißigsten Stücke mitteilet? Vielleicht haben Sie ihn überschlagen. Ich meine folgenden.


»Mein Herr!


Hoffentlich werden Sie sich doch, bei dem Schlusse des ersten Teils Ihrer Blätter, in Kupfer stechen lassen. Ich habe Sie zwar noch nicht gesehen, so oft ich Sie auch auf unsern Spaziergängen aufgesucht habe, und ich habe ein scharfes Gesicht. Gewiß Sie entziehen sich dem Publico allzusehr. Dennoch getraue ich mir, Sie vollkommen zu treffen. Das verspreche ich: Ihr Portrait soll keinem in der Bibliothek der schönen Wissenschaften etwas nachgeben. Ein altes saures Gesicht mit Runzeln, wie Gellert und ein anderer Dichter; tiefsinnig; schief; auch ein wenig mürrisch, denn im Schatten bin ich stark. Nicht wahr? Ich warte nur auf Ihre Erlaubnis, mein Herr, um den Grabstichel in die Hand zu nehmen; die Platte ist schon fertig. Ich mache auch Inscriptionen in Prosa[308] und Versen, wenn Sie sie haben wollen. Ihr Verleger ist, wie ich höre, so eigen, daß er Ihr Bild dem Werke, ohne Ihr Wissen nicht vorsetzen will. Aber der wunderliche Mann! Er soll nicht dabei zu kurz kommen; das such wird gewiß desto bessern Abgang haben. Nur muß er meine Mühe nicht umsonst verlangen.

Das will ich Ihnen noch im Vertrauen stecken: Ich kenne eine etwas betagte reiche Witwe, welche alle Augenblicke bereit ist, sich in Sie zu verlieben, wenn Sie so aussehen, wie ich Sie zeichnen will. Die Frau sieht nicht übel aus. Sie sind doch noch Witwer? Ich bin

Mein Herr

Ihr untertänigster Diener

Philipp Kauk.

Kupferstecher«


Ich frage einen jeden, dem es bekannt ist, daß der Kupferstecher, der ein Paar Portraits vor der »Bibliothek der schönen Wissenschaften« gemacht hat, wirklich Kauke heißt, ob diesem Briefe das geringste zu einem förmlichen Pasquille fehlt? Ich wußte nicht, ob ich meinen Augen trauen sollte, als ich sahe, daß sich ein Mann, wie der Nordische Aufseher, der von nichts als Religion und Redlichkeit schwatzt, der es seiner Würde für unanständig erklärt hatte, sich mit der Satyre abzugeben, daß sich so ein Mann so schändlich vergangen hatte. Gesetzt der Künstler spräche zu ihm: »Mein Herr, der Sie so eigenmächtig nicht Tadel, sondern Schande austeilen, darf ich wohl wissen, wie ich zu diesem Brandmale komme? Es ist wahr, ich habe eines von den bewußten Portraits gestochen; aber nicht aus freiem Willen, sondern weil es mir aufgetragen ward, weil mir die Arbeit bezahlt ward, und ich von dieser Beschäftigung lebe. Ich habe mein Bestes getan. Allein man hat mir ein so schlechtes Gemälde geliefert, daß ich nichts besseres daraus habe machen können. Ich sage Ihnen, daß alle die Fehler, die Sie in meinem Stiche tadeln, in dem Gemälde gewesen sind; und daß ein Kupferstecher keinen Fehler des Gemäldes nach Gutdünken verbessern kann, ohne in Gefahr zu sein, die Ähnlichkeit auf einmal zu vernichten. Was weiß ich, ob Herr Gellert ein Adonis ist, oder ein saures Gesicht mit Runzeln hat? Was weiß ich, ob der andere Dichter (den ich nicht einmal gestochen habe) schief und mürrisch aussieht? Wir Kupferstecher[309] stechen die Leute, wie wir sie gemalt finden. Und als Kupferstecher, sollte ich meinen, hätte ich doch immer noch einen Stichel gezeigt, der fester und kühner ist, und mehr verspricht? als daß er eine so öffentliche Beschimpfung verdient hätte. Doch dem sei wie ihm wolle. Wenn ich auch schon der allerelendeste Kupferstecher wäre, warum gehen Sie aus den Schranken des kritischen Tadels? Warum muß ich noch etwas schlimmeres als der elendeste Kupferstecher, warum muß ich Ihr Kuppler sein? Muß ich Ihr Kuppler sein, weil Ihre Freunde das Unglück durch mich gehabt haben, nicht so schön und artig in der Welt zu erscheinen, als sie sich in ihren Spiegeln erblicken? Dieses einzige frage ich Sie: muß ich darum Ihr Kuppler sein?« – Wenn, sage ich, der Künstler zu dem Aufseher so spräche; was könnte der fromme, redliche, großmütige Mann antworten?

Herr Basedow möchte gar zu gern meinen Namen wissen. Gut; er soll ihn erfahren, sobald einer von ihnen, entweder Herr Cramer, oder Herr Klopstock, oder er selbst, das Herz hat, sich zu diesem Pasquille zu bekennen.

G.

134

Man sehe den zwei und neunzigsten Brief.

135

Soröe 1760, in groß Oktav, fünf Bogen.

136

Der Verfasser des Essay on the Writings and Genius of Pope. S. III.

137

Seite 9.

138

Man sehe unsern funfzigsten Brief.

139

Apostelg. XVII.

140

Apostelg. II, 22.

141

S. dessen Erklärung des neuen Testaments, Seite 246 des sechsten Teiles.

Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 5, München 1970 ff., S. 268-310.
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