Siebenter Teil

[310] 1760


XII. Den 18. September 1760
Hundert und sieben und zwanzigster Brief

Sie kennen doch den Äsopischen Zahnschreier, Hermann Axel, den die Schweizerischen Kunstrichter vor einigen Jahren mit so vieler zujauchzenden Bewunderung austrommelten? Er unterschied sich von andern Zahnschreiern besonders dadurch, daß er sehr wenig redte. Wenn er aber seinen Mund auftat, so geschah es allezeit mit einer Fabel. Der schnakische Mann war in der Schweiz überall willkommen; er durfte ungebeten bei den Tafeln und Gastmählern vornehmer[310] und geringer Personen erscheinen; man hielt dafür, daß seine Zeche durch die Fabeln, die er unter die Gespräche mischte, überflüssig bezahlt sei. Unter andern wußte er sehr viel von Gauchlingen zu erzählen; wie die Gauchlinger über ihre böse Bach ratschlagen; wie die Gauchlinger nicht Spitzhosen anstatt Pluderhosen tragen wollen; wie die Gauchlinger etc. Alle diese Gauchlingiana haben seine Freunde zu Papiere gebracht, und sie in den »Freimütigen Nachrichten«, in den »Kritischen Briefen«, in der Vorrede zu M. v. K. »Neuen Fabeln«, zum ersten, zweiten, dritten, und der Himmel gebe, letzten male drucken lassen.

Das alles wissen Sie. Aber wissen Sie auch, daß Hermann Axel noch lebt? Daß er nunmehr auf seine eigene Hand ein Autor geworden ist? Daß er einen kläglichen Beweis gegeben, wie wirksam das Gift seiner Schmeichler auf seinen gesunden Verstand gewesen sein müsse? Diese bösen Leute hatten ihn und den Aesopus so oft zusammen genennt, bis er sich wirklich für einen zweiten Patäcus (ός εφασκε την Αισωπου ψυχην εχειν142) gehalten. Nun fiel Lessingen vor kurzem ein, an dieser Seelenwanderung zu zweifeln, und verschiedenes wider die Axelische Fabeltheorie einzuwenden. Wer hieß ihm das? Er hätte die Schweizer besser kennen sollen. Er hätte wissen sollen, daß sie den geringsten Widerspruch mit der plumpsten Schmähschrift zu rächen gewohnt sind. Hermann Axel spricht zwar wenig; aber er kann desto mehr schreiben. Er wird eine Sündflut von Fabeln wider ihn ausschütten. Er wird mit Stoppen und Kräuterbündeln um sich werfen. Er wird – – alles tun, was er wirklich in folgendem Buche getan hat. Lessingische unäsopische Fabeln: enthaltend die sinnreichen Einfälle und weisen Sprüche der Tiere. Nebst damit einschlagender Untersuchung der Abhandlung Herrn Lessings von der Kunst Fabeln zu verfertigen.143

Dieses Buch, welches um die Hälfte stärker ist als die Lessingischen Fabeln selbst, hat so viel sonderbare Seiten, daß ich kaum weiß, von welcher ich es Ihnen am ersten bekannt machen soll. So viel läßt sich gleich aus dem Titel abnehmen,[311] daß es aus Fabeln und Abhandlungen bestehet. Jene sollen spöttische Parodien auf Lessings Fabeln sein; und in diesen soll die Lessingische Theorie von der Fabel mit Gründen bestritten werden. Hermann Axel dünkt sich in Schimpf und Ernst maitre passé; er will nicht bloß die Lacher auf seiner Seite haben, sondern auch die denkenden Köpfe; er fängt mit Fratzengesichtern an, und höret mit Runzeln auf. Aber woher weiß ich es, werden Sie fragen, daß Hermann Axel der Verfasser von diesen Lessingischen unäsopischen Fabeln ist? Woher? Er hat sich selbst dazu bekannt, indem er verschiedene von den Fabeln, die ihm in den Kritischen Briefen beigelegt werden, hier wieder aufwärmt? hier zum viertenmale drucken läßt. Mit was für Recht könnte er das tun, wenn nicht diese sowohl als jene seine wären; wenn er nicht beide für Geburten von ihm erkannt wissen wollte?

Lesen Sie nur gleich die erste Fabel, um alle die Beschuldigungen auf einmal zu übersehen, die er seinem witzigen Antagonisten macht. Witzig ist hier ein Schimpfwort, muß ich Ihnen sagen. Denn mit allem würde Lessing vor ihm noch eher Gnade finden, als mit seinem Witze. Den kann er durchaus nicht leiden.


Die neue Fabel-Theorie

»Ich saß an einem murmelnden Bache auf einem glatten Steine, und rief die Muse an, die den Aesopus seine Fabeln gelehrt hatte. Indem kam mit seltsamen Bocksprüngen eine Gestalt wie eines Faunus aus dem nahen Walde hervor; er kam gerade auf mich zu, und sagte: Die Muse hört dich nicht, sie ist itzo beschäftiget einem Poeten beizustehen, der den Tod Sauls und Jonathans singt: ich will statt ihrer dir bei deiner Geburt helfen. Ich bin von dem Gefolge der Musen, und diene den Poeten und Malern nicht selten bei ihrer Arbeit; sie nennen mich Capriccio, ich bin jener Geist


– ille ciens animos et pectora versans,

Spiritus a capreis montanis nomen adeptus.


Die Deutschen haben mir noch keinen Namen gegeben, und nur wenige von ihnen kennen mich. Ich machte eine tiefe Verneigung, und sagte, daß ich bereit wäre, mit ihm auf die Fabeljagd zu gehen. Diese Mühe, sagte er, können wir uns sparen; dafür wollen wir im Aelian und Suidas und Antonius Liberalis jagen. Wenn wir ihre[312] Geschichten bald eher abbrechen, bald weiter fortführen, bald einzelne Umstände herausnehmen, und eine neue Fabel darauf bauen oder eine neue Moral in eine alte Fabel legen, werden wir an Fabelwildbret niemals Mangel haben. Jede Folge von Gedanken, jeder Kampf der Leidenschaften soll uns eine Handlung sein. Warum nicht? Wer denkt und fühlt so mechanisch, daß er sich dabei keiner Tätigkeit bewußt sei? Zu derselben brauchen wir auch die innere Absicht der aufgeführten Personen nicht, es ist genug an unserer Absicht. Nur laßt uns nicht vergessen, unserer Fabel die Wirklichkeit zu geben mit dem Es war einmal – Ich erlasse dir auch die kleinen sonderbaren Züge in den Sitten der Tiere. Du hast genug an den allgemein bekannten, und diese magst du erhöhen, so weit du willst, und sie so nahe zur menschlichen Natur bringen, als du willst. Der müßte ein Dummkopf sein, der deine Fabeln lesen wollte, um die Naturgeschichte darin zu studieren.

Gewiß, sagte ich, werden wir so Fabeln bekommen, aber es werden wohl Stoppische sein? Um Vergebung, versetzte er, nicht Stoppische, sondern Lessingische: In diesen letzten Tagen ist Lessing den Menschen geschenkt worden, Stoppens unverdaute Fabeltheorie zu verdauen, zu verbessern, und unter die szientifische Demonstration zu bringen. Wir können ihm die Verantwortung überlassen. Er kann sich mit Witz aushelfen, wenn es ihm an Natur fehlt, und er hat Unverschämtheit übrig, den Mangel an Gründlichkeit zu ersetzen.

Lasset uns, sagte ich, das Werk ohne Verzug angreifen. Hilf mir, muntrer Capriccio, zu Reimen oder Hexametern, zu Gemälden, zu Zeichnungen der Orter, der Personen, der Stellungen, zu Gedanken die hervorstechen, zu Anspielungen. Fort mit dem Plunder versetzte er, den können wir gänzlich entbehren. Wozu braucht die Fabel Anmut? Willst du das Gewürze würzen? Kurz und trucken; mehr verlangt unser Lehrer nicht; gute Prose -

Entschuldige dich dann mit deinem Unvermögen, gib deine Grillen für Orakel, du wirst weder der Erste noch der Letzte sein, der das tut – – –

Alles, was er mir sagte, dünkte mich seiner satyrischen Gestalt und seinem bocksmäßigen Namen zu entsprechen. Indessen folgte ich ihm, und verfertigte auf einem Stein folgende Fabeln.«


Wie gefällt Ihnen das? Die Schnake ist schnurrig genug; aber lassen Sie uns doch sehen, auf wie viel Wahrheit sie sich gründet. Erst eine kleine Anmerkung über den Capriccio. Der arme Capriccio! Hat der es nun auch mit den Schweizern verdorben? Noch im Jahr 1749, als sie uns die Gedichte des Pater Ceva bekannt machen wollten, stand Capriccio bei ihnen in sehr großem Ansehen. Da war er der poetische Taumel;[313] da war er der muntere Spürhund, der in einer schallenden Jagd, die das Hüfthorn bis in die abgelegensten dunkelnsten Winkel der menschlichen Kenntnisse ertönen läßt, das seltsamste Wild aufjagt; da war er Musis gratissimus hospes; da hatte er dem Pater sein Gedicht auf den Knaben Jesus machen helfen; da hatte er auch deutschen Dichtern die trefflichsten Dienste getan; den einen hatte er in einer zärtlichen Elegie seine Liebe derjenigen erklären lassen, »die ihm das Schicksal zu lieben auferlegt und ihm ihre Gegenliebe geordnet, die er aber noch nicht kannte, noch niemals gesehen hatte; der andere war durch ihn in einer choriambischen Ode bis in die Tiefen jener Philosophie gelangt, in welchen er sich mit seinen Freunden noch als Atomos, die allererst aus der Hand der Natur kamen, erblickte, bevor sie noch geboren waren, doch sich nicht ganz unbewußt.«


Klein wie Teilchen des Lichts ungesehn schwärmeten,

– wie sie – auf einem Orangeblatt

Sich zum Scherzen versammelten,

Im wollüstigen Schoß junger Aurikelchen

Oft die zaudernde Zeit schwatzend beflügelten.


Das alles war und tat Capriccio bei den Schweizern 1749. Und was lassen sie ihm 1760 tun? Schlechte Lessingische Fabeln machen. Welche Veränderung ist mit ihm vorgegangen? Mit ihm keine, aber desto größere mit den Schweizern. Capriccio ist der Gefährte der Fröhlichkeit:


Laetitia in terras stellato ex aethere venit,

Cui comes ille ciens animos et pectora versans,

Spiritus a capreis montanis nomen adeptus;


und seit 1749 fanden die Schweizer für gut, mit der Fröhlichkeit, und zugleich mit ihrem ganzen Gefolge, zu brechen. Sie waren fromme Dichter geworden, und ihr poetisches Interesse schien ein ernstes, schwermütiges System zu fordern. Sie hatten sich andächtige Patriarchen zu ihren Helden gewählt; sie glaubten sich in den Charakter ihrer Helden setzen zu müssen; sie wollten es die Welt wenigstens gern überreden, daß sie selbst in einer patriarchalischen Unschuld[314] lebten; sie sagten also zu der Fröhlichkeit: was machst du? und zu dem Capriccio: du bist toll! Vielleicht zwar lief auch ein kleiner Groll gegen diesen mit unter. Er war ihnen in dem »Noah« nicht munter genug gewesen: er hatte ihnen da nicht genug seltsames poetisches Wild aufgejagt. Denn wer weiß, ob nicht Capriccio einer von den Spürhunden ist, die nicht gern ins Wasser gehen; und besonders nicht gern in so gefährliches Wasser, als die Sündflut. Da dachten die Schweizer: willst du uns nicht, so wollen wir dich auch nicht; lauf! Man höret es zum Teil aus ihrem eigenen Geständnisse. Einer von ihren Poeten singt itzt den Tod Sauls und Jonathans: ist Capriccio bei ihm? Nein. Die Muse nur ist bei ihm; und Capriccio schwärmt indessen, ich weiß nicht wo herum, ob es gleich von ihm weiter heißt:


–pictoribus ille

Interdum assistens operi, nec segnius instans

Vatibus ante alios, Musis gratissimus hospes.


Ich sorge, ich sorge, die Muse folgt ihrem Capriccio nach. Noch eine Messe Geduld, und wir werden es sehen. Wenn sie sich doch ja mit ihm wieder aussöhnten! Da war es mit den Schweizern noch auszuhalten, als Capriccio ihr Freund war. Da durfte Lemene ungescheut vor ihnen singen:


Vorrei esser ne l'Inferno

Ma con Tantalo nel rio,

Ma che'l rio fosse Falerno

Ma non fuggisse mai dal labro mio.


Es war ein allerliebster Einfall! Denn der Einfall kam vom Capriccio. Seit dem kam der Einfall


Es donnert! Trink und sieh auf mich!

– – –

Zeus ist gerecht; er straft das Meer:

Sollt er in seinen Nektar schlagen?


allem Ansehen nach, zwar auch vom Capriccio: allein Capriccio steht nicht mehr bei ihnen in Gnaden, und Lessing ist ein profaner Bösewicht.[315]

Aber zur Sache. »Laß uns, muß Capriccio sagen, im Aelian und Suidas und Antonius Liberalis jagen.« Was will Hermann Axel damit zu verstehen geben? Offenbar, daß Lessing seine Fabeln nicht erfunden, sondern aus diesen alten Schriftstellern zusammen gestoppelt habe. Es ist wahr, er führet sie in seinem Verzeichnisse an: allein wer diese Anführungen untersuchen will, wird finden, daß nichts weniger als seine Fabeln darin enthalten sind. Kaum daß sie einen kleinen Umstand enthalten, auf welchen sich dieser oder jener Zug in der Fabel beziehet, und den er dadurch nicht ohne Autorität angenommen zu haben erweisen will. Die Wahrheit zu sagen, hätte ich es selbst lieber gesehen, wenn uns Lessing diese kleine gelehrte Brocken erspart hätte. Wem ist daran gelegen, ob er es aus dem Aelian oder aus der Acerra philologica hat, daß z. E. das Pferd sich vor dem Kamele scheuet? Wir wollen nicht die Genealogie seiner Kenntnis von dergleichen bekannten Umständen, sondern seine Geschicklichkeit sie zu brauchen, sehen. Zudem sollte er gewußt haben, daß der, welcher von seinen Erfindungen, sie mögen so groß oder so klein sein als sie wollen, einige Ehre haben will, die Wege sorgfältig verbergen muß, auf welchen er dazu gelangt ist. Nicht den geringsten Anlaß wird er verraten, wenn er seinen Vorteil verstehet: denn sehr oft ist die Bereitschaft diesen Anlaß ergriffen zu haben, das ganze Verdienst des Erfinders; und es würden tausend andere, wenn sie den nämlichen Anlaß gehabt hätten, wenn sie in der nämlichen Disposition ihn zu bemerken, gewesen wären, das nämliche erfunden haben. Unterdessen kömmt es freilich noch darauf an, ob die Stellen, welche L. anführt, dergleichen Anlasse sind. Z. E. Sie erinnern sich seiner Fabel


Die Furien

Diese Fabel ist die einzige, bei welcher L. den Suidas anführet. Und was stehet im Suidas davon? Dieses: daß αειπαρϑενος (immerjungfer) ein Beiname der Furien gewesen sei. Weiter nichts? Und doch soll dem Suidas mehr als Lessingen diese Fabel gehören? So jagte er in dem Suidas um diese Fabel zu finden? Ich kenne den Suidas auch; aber wer im Suidas nach[316] Einfällen jagt, der dünkt mich in England nach Wölfen zu jagen! Ohne Zweifel hatte er also einen ganz andern Anlaß diese Fabel zu machen; und sein Capriccio war nur munter genug, das αειπαρϑενος auszustöbern, und es in diesem gelegenen Augenblicke bei ihm vorbei zu jagen.


Die Fortsetzung folgt


XIII Den 25. Septembr. 1760
Beschluß des hundert und sieben und zwanzigsten Briefs

Ich wüßte auch kaum zwei bis drei Exempel anzuführen, wo L. seinen alten Währmännern mehr schuldig zu sein schiene, als er dem Suidas in dieser Fabel von den Furien schuldig ist Hingegen könnte ich sehr viele nennen, wo er sie ganz vor langer Weile zitiert, und man es ihm zu einem Verdienste anrechnen müßte, wenn er seine Erdichtungen wirklich aus den angeführten Stellen herausgewickelt hätte. Hermann Axel muß es nach der Hand auch wohl selbst gemerkt haben, daß es so leicht nicht ist, in den alten Classicis zu jagen, ohne ein gelehrter Wilddieb zu werden. Denn sein Capriccio verspricht es zwar zu tun; am Ende aber sieht man, daß er weder im Suidas, noch im Aelian, sondern in den Schriften des Genfer Rousseau, in Browns Estimate, in Popens Briefen gejagt hat. Nun habe ich zwar alle Hochachtung gegen diese Männer, und sie sind unstreitig größer, als jene staubigte Compilatores: allein demohngeachtet ist es weniger erlaubt sich aus solchen Männern, als aus jenen Alten zu bereichern. Denn dieses nennt das Publikum, welches sich nicht gern ein Vergnügen zweimal in Rechnung bringen läßt, verborgene Schätze graben; und jenes mit fremden Federn stolzieren.

Doch damit ich Axeln nicht verleumde: eine einzige Fabel (weil er es doch einmal Fabel nennt) finde ich, die er einem Alten zu danken hat; und zwar dem bekannten Schulbüchelchen[317] des Plutarchs, »Wie man mit jungen Leuten die Dichter lesen soll«. Ich sage zu danken hat; denn jagen hat er sie nicht dürfen: das Tier war zahm genug, sich mit der Hand greifen zu lassen. Es heißt bei dem Plutarch: ότι μεν, ώς Φιλοξενος ό ποιητης ελεγεν, των κρεων, τα μη κρεα, ήδισα εσι, και των ιχϑυων, όι μη ιχϑυες, εκεινοις αποφαινεσϑαι παρωμεν, όις ό Κατων εφη, της καρδιας την ύπερωαν ευαισϑητοτεραν ύπαρχειν. Οτι δε των εν φιλοσοφια λεγομενων, όι σφοδρα νεοι τοις μη δοκουσι φιλοσοφως, μηδε απο σπουδης λεγεσϑαι, χαιρουσι μαλλον, και παρεχουσιν ύπηκοους έαυτους και χαιροηϑεις, δηλον εσιν ήμιν.

»Ob es wahr ist, was der Dichter Philoxen sagt, daß das angenehmste Fleisch das ist, was nicht Fleisch ist, und die angenehmsten Fische die, die nicht Fische sind: das wollen wir denen zu entscheiden überlassen, die mit dem Cato zu reden, allen ihren Verstand im Gaumen haben. Das aber ist unstreitig, daß junge Leute diejenigen philosophischen Lehren am liebsten anhören, am willigsten befolgen, die in keinem ernsthaften, philosophischen Tone vorgetragen werden.« – Nun, was meinen Sie, daß hieraus für eine Fabel geworden? Folgende:


Der Reiz der Zubereitung

»Cinna der Poet bat Cleander den leckerhaften Esser auf ein wirtschaftliches Mittagsmahl. Eine Schüssel mit Speisen ward aufgetragen, Cleander aß mit bedachtsamer Miene und sagte: das angenehmste Fleisch ist, was nicht Fleisch ist. Hernach kam eine Schüssel mit Fischen; dann sagte er: der angenehmste Fisch ist, der kein Fisch ist. Cinna gab ihm zu erkennen, daß er diese rätselhafte Sprache nicht verstünde. Cleander versetzte: Soll ein Mann, der den Geschmack nur in der Kehle hat, den hierüber belehren, der ihn in dem Verstande hat? Der Gedanke kann dir nicht fremd sein daß die Menschen diejenige philosophische Schrift am liebsten haben, und mit dem meisten Vergnügen lesen, die nicht philosophisch noch im Ernst geschrieben scheinet. Sie wollen in dem Vortrage und den Vorstellungen eine schmackhafte und niedliche Zubereitung haben. Ich dächte, daß wir dieser Betrachtung deinen Phaeton, deine Verwandlungen, und deine Katze in Elysium schuldig wären.«


Und das nennt Axel eine Lessingische Fabel? Wenn er uns doch nur eine einzige anführte, wo dieser Verfasser ein so kahler Ausschreiber ist, und eine schöne Stelle eines Alten[318] so jämmerlich zu seinem Nutzen verarbeitet. Was hat Axel hier hinzuerfunden? Was hat er anderes, was hat er mehr hinein gelegt, als nicht schon darin liegt? Wenn er, als ein Schweizer, wenigstens nur noch einen Schritt weiter gegangen wäre, und den leckerhaften Esser zum dritten hätte sagen lassen, »der angenehmste Käse ist der, der kein Käse ist:« so wäre es doch noch etwas gewesen. Aber auch das hat er nicht getan; und er scheinet mir ganz der Poet Cinna selbst gewesen zu sein, der hier die Ehre hat, gegen den Fresser eine sehr alberne Person zu spielen.

Nicht L. sondern Axel selbst ist seit langer Zeit als ein Zusammenschreiber bekannt, der seine Belesenheit für Erfindungskraft zu verkaufen weiß. Z. E. Als ihn der Verfasser der »Neuen kritischen Briefe« sein Probestück machen ließ, und ihm verschiedene Aufgaben zu Fabeln vorlegte, befand sich auch diese darunter: »Auf einen der sich rühmte, er kenne das Gedicht, der Messias, sehr wohl, es wäre in Hexametern verfasset, und er hätte den Vers aus demselben behalten:«

Also versammelten sich die Fürsten der Hölle zu Satan. Geschwind besann sich Axel auf ein anderes Schulbüchelchen, und erzählte folgendes:


Der Palast des Prinzen Eugens

»Man redete in einer Gesellschaft von dem Palaste des Prinzen Eugens, der in dem Preußischen Überfall sollte niedergerissen werden. Man war sehr bemüht sein Ebenmaß, seine Abteilungen und ganze Form zu untersuchen. Ein Mensch, der große Reisen getan hatte, schwieg lange stille, endlich fing er an Dieser Palast ist mir so gut bekannt, als irgend jemanden. Ich war in Wien, als er gebauet ward, und ich habe das Glück ein Stückchen von dem Marmor zu besitzen, woraus er gebauet ist. Zugleich zog er das Stückchen aus der Tasche, und beteuerte, daß ers von dem Marmor herunter geschlagen hätte, von welchem der Palast erbauet worden.«

Was ist das anders, als das Märchen des Hierokles von dem Scholastiker, welcher sein Haus verkaufen wollen? Σχολασικος οικιαν πωλων, λιϑον απ' αυτης εις δειγμα περιεφερε.

Ich habe oben die Lessingische Fabel von den Furien angeführt. Um keine andere abschreiben zu dürfen, erlauben[319] Sie mir, Ihnen an dieser zu zeigen, wie glücklich Axel parodieret, wann er seinen Gegner von der Seite der Moral verdächtig machen will. Erst frage ich Sie: was hat L. wohl mit seinen Furien haben wollen? Was anders, als daß es eine Art von wilden Spröden gibt, die nichts weniger als liebenswürdige Muster der weiblichen Zucht genennt zu werden verdienen? So offenbar dieses ist, so wenig will es ihm doch Axel zugestehen, sondern glaubt diese Moral erst durch nachstehende Fortsetzung hinein zu legen.


Unempfindlichkeit ist nicht strenge Zucht

»Hast du die drei strengen züchtigen Mädchen noch nicht gefunden, Iris, die ich dir befahl zu suchen, damit ich der Venus Hohn sprechen könnte? Also fragte Juno die Botschafterin des Himmels. Ich fand sie, antwortete Iris, aber sie waren schon vergeben, Merkurius hatte sie zum Pluto geführt, der sie für Furien brauchen will. Für Furien, diese Tugendhaften? sprach Juno. O, versetzte Iris, vollkommen strenge; alle dreie hatten den geringsten Funken Liebe in ihrem Herzen ersticket, alle dreie haben niemals einer Mannsperson gelächelt. Die Göttin machte große Augen und versetzte: du hast mir diesmal einen schlechten Begriff von deinem Verstande gemacht, und deine Moral ist mir verdächtig, indem du Tugend, Keuschheit und Zucht mit Menschenhaß und Unempfindlichkeit vermischest. Gellert soll mir die suchen, die ich verlange.«


Der seltsame Axel! Also muß man dem Leser nichts zu denken lassen? Und das Kompliment, daß Gellert hier bekömmt! Er, den die Schweizer ehedem, wie Lessingen, mit Stoppen in eine Klasse setzten!

So sehr unterdessen Herr L. von Axeln gemißhandelt worden, so weiß ich doch nicht, ob es ihn eben sehr verdrießen darf, seine Fabeln so geflissentlich parodieret zu sehen. Er mag sich erinnern, was der Abt Sallier zu dem ersten Requisito einer Parodie macht. Le sujet qu'on entreprend de parodier, doit toûjours estre un ouvrage connu, célébre et estimé. La critique d'une piéce mediocre, ne peut jamais devenir interessante, ni picquer la curiosité. Quel besoin de prendre la peine de relever des defauts, qu'on n'apperçoit que trop sans le secours de la critique? Le jugement du public previent celui du censeur: ce seroit vouloir apprendre aux autres ce[320] qu'ils sçavent aussi bien que nous, et tirer un ouvrage de l'obscurité ou il merite d'etre enseveli. Une pareille parodie ne sçauroit ni plaire ni instruire; et l'on ne peut parvenir à ce but, que par le choix d'un sujet qui soit en quelque façon consacré par les eloges du public. Und wenn es gar wahr wäre, was man uns mehr als einmal zu verstehen gegeben hat, daß Hermann Axel niemand anders als unser berühmter Bodmer sei: wie eitel kann er darauf sein, diesen kritischen Vejanius,


Spectatum satis et donatum jam rude,


noch eins bewogen zu haben


– antiquo se includere Iudo.


G.

142

Plutarch im Leben des Solons.

143

Zürich, bei Orell und Compagnie, in Oktav.

Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 5, München 1970 ff., S. 310-321.
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