38.

Schutz-Rede einer Jungfrau über die gänge Zunge

[234] Nechst sagt ein alter Greiß: Iemehr die Jungfern schweigen,

Iemehr künn ohne Wort ihr Preis gen Himmel steigen;

Die stille frome Zucht, die Eingezogenheit,

Die Rede, wann sie schweigt, bringt eitel Liebligkeit.

Schweig, Vater! Alter, schweig von so verrosten Sprüchen,

Du wollst dann seyn belohnt mit alamode Flüchen!

Du hast den Amadis, drauß wol man discurirt,

Nie oder nicht genug gelesen und studirt;

Drum gilt dein Kram nicht viel; die Ethic ist vermodert,

Die deiner Zeit gieng um; was mehres wird erfodert,

Daß Damen lieget ob. »Nein, Ja, ich weiß es nicht,«

Hat, wie für alter Zeit, diß Ding nicht außgericht.

Es muß was höhers seyn, daß Damen müssen wissen,

Wo sie nicht wolln den Ruhm der braven Damen missen

Und Mägden gleiche seyn. Für Zeiten war's genug,

Wann, was da gab die Kuh, und was erwarb der Pflug,

Die Jungfern zählten her; die Junckern giengen seichte;

Sie waren nicht weit her und zu erreichen leichte.

Wanns höflich wo gieng zu, so klang ein Reuters-Lied:

Der grünne Tannenbaum und dann der Linde-Schmied.

Die Helden-Zeit ist ietzt; ietzt herrschen solche Sinnen,

Die nicht im Grase gehn, die auff den hohen Zinnen

Der würde stehn voran, in denen Mut und Geist

Den Mund nichts als von Krieg, Sieg, Mannheit reden heist,

Und dann von courtoisie und süssem caressiren

Der Damen, die es wehrt, und sie verobligiren

Zu dienstlichem faveur, durch schönen Unterhalt

Und lieblichen Discours, die nicht sind kahl und kalt

An Worten wie ums Maul, die nicht wie stumme Götzen

Sind in die Kirche nur, nicht an den Tisch zu setzen,

Und die man billich heist ein höltznes Frauen-Bild,

Das nur zum schauen taug und nicht zum brauchen gilt.[234]

Es hört Don Florisel der Helena befehlen;

Das Fräulein Sydera hat Dienst und Gunst zu zehlen,

Die ihr Don Rogel trägt, und Oriana hat

Den tapffren Amadis und alle seine That

Zu vollem Brauch und Pflicht. Es läst sich übel paaren

Die Erde zu der Lufft; dann die wil oben fahren,

Und jene sinckt in sich; drum geht es nach Gebühr,

Wann sich zusammen hält Madam' und dann Monsieur,

Und gleiches gleiches sucht. Die nur mit stummen Sitten

Und Siegel-festem Mund ihr Angesicht erbitten,

Wie Larven ohne Hirn, die tügen nicht hieher,

Und ihres Bettes halb bleibt billich kalt und leer.

Die Zunge muß es thun, soll wer die Purpur-Rosen

Deß Mündleins lachen an und ihnen Liebe-kosen!

Die Zunge muß es thun! sie streut die Blumen hin,

Drauß liebe Cavalliers die süssen Kräffte ziehn

Zu ihrem Auffenthalt; sie muß die süssen Trauben,

Die auff den Lippen stehn, verbieten und erlauben,

Nach dem es ieder wehrt. Soll ein ergetzlich Kuß

Seyn besser angewehrt, als auff des Pabstes Fuß,

So muß ein lieblich Wort, so muß ein freundlich kürmeln

Bey süssen schmätzerlein dem lächeln und dem mürmeln

Sich artig mischen ein, wodurch der Liebste merckt,

Sein Thun sey wol getan und seine Thurst gestärckt.

Wer aber nicht geweiht, deß Mündleins Liebe-spielen,

Deß Geistes Nectar-Safft zu nissen und zu fühlen,

Dem muß sie schliessen zu die Corallinen-Pfort

Durch ein entsetzlich Pfuy! und durch ein bittres Wort.

Die Zunge muß es thun, solln Cavalliers erlernen

Discreter Damen Witz; solln sie sich nicht entfernen

Von ihrer Seite weg, so muß die Zung es thun;

Die macht den Helden Lufft und ein erquicklich ruhn,

Gibt ihnen neue Krafft, bringt ein verguntes rasten

Vom Eifer ihres Muts und ihrer Waffen Lasten,

Macht, daß ein kühnes Hertz um auß der Dame Mund

Ein angenemes Wort sich Thaten unterstund,

Die biß an Himmel gehn, macht, daß auch kalte Sinnen

Zur Kühnheit werden warm. Sie weiß gleich gut zu künnen[235]

Tyrtæus muntre Kunst, als wol ein Grichisch Mann,

Der durch ein hitzig Lied auff seinen Feind entbran.

Die Zunge muß es thun und durch die Waffen dringen,

Ein Martialisch Hertz hin in die Schranken zwingen

Idalischer Gesetz und schaffen, daß sich bückt

Für einer Dame der, auff den, wann er nur blickt,

Sonst tausend Cavalliers genaues mercken geben

Und setzen, wann er wil in Tod ihr frisches Leben.

Die Zunge muß es thun, daß einer Dame Mund

Gekunt hat, was ein Schwerdt und Scepter hat gekunt.

Die Zunge hats gethan, daß niedriges Geblüte

Auff hohen Stühlen sitzt und gehet in der Mitte

Und fährt mit Sechsen her, verachtet Fürsten-Blut,

Und mangelt ihm sonst nichts, als daß es alles gut

Zu zehlen nicht vermag, daß theils durch blosses wincken

Sich findet über Nacht, theils durch deß Degens blincken

Mit summen lauffet ein. Die Zunge hats gethan,

Daß einer Dame Wort kan, was niemand nicht kan,

Daß sie sich edel kan, schön, reich und ehrlich machen,

Ob sie es vor nicht war, daß sie in allen Sachen

Recht hat und recht behält, wiewol sie unrecht thut,

Und was sie thut, gethan, ist löblich, herrlich, gut!

Quelle:
Friedrich von Logau: Sämmtliche Sinngedichte, Tübingen 1872, S. 234-236.
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Die tapfere Wahrheit. Sinngedichte. Insel-Bücherei Nr. 614
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