Anderes Buch.

[234] Des Menschen Glieder stecken so voller Schwachheiten / und sein Verstand so voller Irrthümer / als die Lufft Sonnen-Staubes. Ja wir lernen in unser Kindheit mit Fallen gehen / und die Irrthümer sind ins gemein unsere Wegweiser. Meistentheils aber gebieret ein Irrthum den andern / wie eine Eule nichts bessers als Eulen; sonderlich / wenn man bald im Anfange einer falschen Spure folget / und die Hartneckigkeit noch darzu das Urthel unser Vernunfft verbländet; oder wo das Werck an sich selbst von solcher Beschaffenheit ist; da man auch / wenn man schon seine Fehler sihet / solche nicht verbessern kan. Diese Eigenschafft aber hat fürnemlich der Krieg; in welchem es einmal zu sündigen fast unverwindlich / zweymal aber ins gemein die Ursache eines gäntzlichen Unterganges ist. Also hatte der sonst so kluge Käyser August durch seine traurige Ungeberdung und unvorsichtige an Taggebung der grossen Niederlage in Deutschland mehr gesündigt / als Varus / der die Gemüther der Deutschen nicht genungsam geprüfet / sondern dadurch: daß er sie wie Knechte handthierẽ wollẽ / zu freyen Herren und Uberwindern gemacht hatte. Denn weil die Römische Macht weniger als ein Brunn erschöpflich war / August für weniger Zeit in Rom viertzig hundert und drey und sechzig tausend Bürger gezehlet / auch fünff und zwantzig Legionen auf den Beinen hatte; konte der vierdtehalb Legionen Verlust in Deutschland dieses unermäßliche Reich wenig erschüttern. Des Käysers unvorsichtiges Schrecken aber machte die Römer / und diese den Schaden zehnmal so groß / als er war; also daß wenn die dienstbaren Völcker nicht schon ihres Joches unter dem Scheine des süssen Friedens gewohnt wären; in etlichen hundert Jahren keine bessere Gelegenhẽit gewesen wäre die Römische Beherrschung der Welt über einen Hauffen zu werffen / als nach des Quintilius Varus Niederlage; mit welchen allen Römern schier das Hertze entfallen war. Es halff aber dem Käyser das Glücke / und er den Römern wieder zu rechte. Denn weil / ungeachtet dieser grossen Erschütterung / kein ander Volck das Hertze hatte sich nur zu regen; erholete sich August / und lernte theils von seinem steten Vorbilde dem grossen Alexander / welcher denen Ausschwätzern der vom Spitamenes erlittenen Niederlage den Tod dräute / theils von den Galliern / welche durch ein scharffes Gesetze keine böse Zeitung iemanden anders / als der Obrigkeit kund zu machen gefässelt waren / seinen Verlust vergeringern / weil es zu spät war ihn zu verhüllen. Uber diß erleichterte er fast allen Ländern ihre Schatzung / setzte die ihnen beschwerlichen Landvögte ab / schalt die Grausamkeit des Varus / und sagte endlich offentlich: Die Deutschen hätten recht gethan: daß sie sich eines solchen Unmenschen[234] entlastet hätten. Ja er würde deshalben mit ihnen keinen Krieg führen; wenn sie nicht selbst durch ihren Einfall in Gallien die alten Römischen Gräntze und Verträge versehreten. Am allermeisten aber liebkosete er den Galliern / welche zum Aufstande und neuen Kriegen geneigt / und als Nachbarn von den Deutschen ihrer erlangten Freyheit halber beschämt waren. Weil aber der Pöfel vorhin unter dem Adel grössere Beschwerde / als ietzt unter den Römern erduldet hatte; der Gallische Adel aber grösten theils vertilget / der übrige zu Römischen Bürgern gemacht / oder durch andere Würden eingeschläft war / blieb etlicher Sehnsucht nach der Freyheit als eine unzeitige Frucht noch für der Geburt. Tiberius und Germanicus rafften mit grosser Sorgfalt alle anderwerts entbehrliche Macht zusammen / und zwar mit desto grösserm Fortgange / weil alle Länder gleichsam es in Zuschickung der Hülffs-Völcker und Krieges-Kosten einander fürzuthun bemüht waren. Aber alle diese Macht verursachte bey dem Feldherrn und andern Deutschen Fürsten nicht so viel Kummer /als das Mißtrauen gegen den König Marbod / welchem August noch niemals so sehr als ietzt geheuchelt / ihn auch nicht nach Römischer Art durch eitele Schatten eines Krantzes und helffenbeinernen Stules /sondern mit Abtretung der gantzen Pannonischen Schatzung gewonnen hatte: daß er nicht nur des Quintilius Varus Kopf dem Käyser schickte / sondern auch den Hertzog Ingviomer mit tausenderley Erfindungen aufhielt / sonder daß er des Marbods Feind- oder Freundschafft versichert war. Diese Nachricht von Boviasmũ / und der Alemannischen Hertzogin Vocione Botschaft an den Fürsten Arpus: daß sie die Berührung ihres Landes für eine Feindschafft auslegen /und mit den Römern das angetragene Bindnüß zu schlüssen verursachen würde / machte denen vereinbarten Fürsten Deutschlandes kein geringes Nachdencken / und verrückte dem Feldherrn mercklich den Compaß. Denn die Kriegs-Klugheit zwang sie an der Saale zehn tausend Catten / zwischen der Ocker und Elbe aber zwölf tausend Cherusker stehen zu lassen /umb die Gräntzen gegen unversehene Einfälle zu bewahren. Ehe nun der Feldherr Herrmann sein gantzes Heer an der Fulde zusammen zoh / kriegte er vom Hertzog Melo Nachricht: daß Germanicus bey dem Ubischen Altare ankommen wäre / und daselbst eine Brücke über den Rhein schlüge / welchen drey Legionen an der Mosel folgten / auch über viertzig tausend andere Hülffs-Völcker aus Gallien folgten. Ob nun zwar die Bructerer und Tencterer unterhalb des Sieg-Stromes den Rhein / er aber oberhalb besetzt / und dem Altare gegen über auf dem Berge Rhetico die sieben Spitzen befestigt hätte / und er noch mit vier und zwantzig tausend Sicambern in einem befestigten Läger stünde / so besorgte er doch alleine dieser grossen Macht nicht gewachsen zu seyn. Hertzog Arpus aber vergewisserte den Feldherren durch Schreiben und etliche gefangene Römer / Gallier und Griechen /welche alle mit einander einsti ten: daß Tiberius mit vier Legionen und sechtzig tausend Hülff-Völckern auf einer zu Meyntz geschlagenen Schiffbrücke übersetzte. Der Feldherr schickte hierauf den Hertzog Ganasch mit zehn tausend Chauzen / und den Hertzog Jubil mit so viel tausend Cheruskern und Hermundurern dem Melo zu Hülffe; er aber verfolgte seinen Zug gegen den Tiberius mit dreissig tausend Cheruskern. Inzwischen hatte Hertzog Arpus der beym Zusammen-Flusse des Rheins und der Lauter vom Drusus gebauten Festung gegen über eine starcke Schantze auf einen Fels / und den Fürsten Marcomir mit fünf tausend Angrivariern und Dulgibinen darein gelegt /zwischen dem Einflusse der Mosel und des Sieg-Stromes der Römischen Festung Rigomach[235] gegen über stand Hertzog Catumer mit zwölff tausend Catten und Sicambern. Arpus aber selbst stand mit zwantzig tausend Catten bey Dietz an der Lahne / und ließ den Fürsten Siegemund mit seiner Reiterey dem Tiberius öffters Lermen machen / und was von dem Groß seines Heeres sich abtrennte / niederhauen oder gefangen nehmen. Weil er nun in wenig Tagen über fünf hundert Römer / und zwey tausend Gallier einbüßte /stellte er in möglichster Geheim eine gantze Legion in ein Gehöltze / und ließ tausend Gallier / fünf hundert Africaner / und drey hundert Thracier gegen der Catten Läger streiffen / auf welche der Graf von Solms der Hauptmann über des Fürsten Siegmunds Leibwache mit tausend Pferden loß gieng. Weil nun ohne diß hundert Africaner nicht zehn deutschen Reitern gewachsen sind / und in des Käysers Julius Africanischem Kriege dieser 30. bey Adrumet 2000. Mohren geschlagen haben / die Gallier auch eben so wenig gegen der Deutschen Heftigkeit bestehen / und sie noch darzu befehlicht waren nicht lange Stand zu halten / sondern durch ihr Weichen sie in das Gehöltz zu locken; wurden sie in einer halben Stunde zertrennet /und aus dem Felde gejagt. Die deutsche Reiterey lag den Flüchtigen biß ans Gehöltze in Eisen / und fiel alles durch die Schärffe ihrer Degen / was sie nur erreichten. Der deutsche Vortrab unter dem Ritter Isenburg hatte sich auch schon in das Gehöltze vertiefft /als der Graf von Solms hinter dem Gehöltze eine grosse Menge Vögel aufflügen sah / welche ihm Argwohn eines versteckten Hinterhalts erweckten. Diesemnach ließ er alsbald ein Zeichen geben: daß sich Isenburg zurücke zohe; welchem er / wiewohl mit Unwillen / gehorsamte; nach seiner Wendung aber als bald gewahr ward: daß auf beyden Seiten Römer herfür brachen / und ihm den Weg verlegen wolten / die flüchtigen Thracier sich auch auf dem Fusse wendeten. Weil aber er noch nicht in das rechte gedrange Holtz gerathen war / sondern sich mit der Reiterey schwencken konte / ihn auch der Graf von Veilstein mit drey hundert Reitern entsetzte: daß er sich durchschlug / ehe das Gehöltze verhauen ward / kam er ohne Verlust eines einigen Mannes / ausser daß neun mit Pfeilen verwundet waren / aus dieser Falle / sie sä tlich aber mit tausend abgehauenen Schädeln in das Cattische Läger / gleich als der Feldherr sein Heer mit des Arpus vereinbarte. Die Cherusker nahmen diesen kleinen Sieg für eine unfehlbare Wahrsagung eines grössern an / und gaben mit Zusammenschlagung ihrer Waffen / und einem heisern Feld-Geschrey ihre grosse Begierde sie gegen den Feind zu führen genungsam zu verstehen. Beyde Herrmann und Arpus hielten für rathsam sich der ersten Hitze ihrer Heere zu gebrauchen / sonderlich / weil die zwey Ströme zu ihrer Zufuhr habenden Römer sie leichter in die Länge austauern könten. Daher führte sie selbte gerade gegen dem am Meyne geschlagenen Römischen Läger zu / und liessen dem Tiberius nicht alleine ihren Vorsatz zu schlagen durch zwey loßgelassene Gefangene wissen / sondern Arpus ertheilte auch Catumern Befehl: daß er Gelegenheit über den Rhein zu kommen /und so wohl den Römern die Zufuhr abzuschneiden /als den Galliern und Trevirern Lermen zu machen trachten solte. Das Cheruskische und Cattische Heer rückte biß auf eine Virtel-Meile dem Römischen Läger ins Gesichte / sonder daß sich iemand darinnen rührte. Denn der schlaue Tiberius / welcher sich der Gegensetzung einer so grossen deutschen Macht nicht versehen hatte; traute mit seinem furchtsamen Heere mit denen vom vorigẽ Siege noch allzu muthigẽ Heer / ungeachtet er an Mannschaft stärcker war / ohne grossen Vortheil nicht anzubindẽ / und nichts minder seinen bißherigen[236] Ruhm / als gantz Gallien in Gefahr eines Streiches zu setzen. Denn ob er zwar aus seinem Heere alle Krieges-Leute / welche noch aus des Varus Niederlage entkommen waren / klüglich abgesondert hatte; so sahe doch dieser scharfsichtige Feldherr allen an der Stirne an: daß den meisten die bloße Erzehlung ein Schrecken ins Hertz gejagt hätte. Daher er denn denen / welche für andern hertzhaft zu seyn scheinen wolten / einhielt: Allzu hitzigen Kriegs-Leuten / welche allenthalben mit dem Kopfe durch die Mauern dringen wolten / gienge es wie den Bienen /welche mit ihrem Stiche zwar ihren Feinden weh thäten / aber durch Verlierung ihres Stachels sich selbst entwafneten. Ob nun zwar Hertzog Herrmann des Tiberius Vorhaben ergründete / stellte er doch einen gantzen halben Tag das deutsche Heer gegen die Römer in Schlacht-Ordnung / umb den Deutschen nicht allein desto mehr Hertze zu machen / sondern ihnen auch der Römer Furchtsamkeit einzubilden. Weil sich nun drey Tage nach einander kein Mensch aus dem Lager hervor that / rennten die Deutschen bis unter den Wall / schossen ihre Pfeile ins Lager / und endlich mutheten sie gar an den Feldherren: man solte das Lager stürmen / welcher ihnen aber einhielt: daß Kriegs-Knechten der Gehorsam und das Fechten /denen Hertzogen aber das Gebieten und Rathgeben alleine zukäme. Wenig Tage darnach kriegte Arpus Nachricht: daß sein Sohn Catumer oberhalb des Lahn-Stromes mit sechs-tausend Mann über den Rhein gesetzt / tausend Römer und vier-tausend Gallier erlegt / zwey-hundert mit Lebens-Mitteln nach der Ubier Altare wollende Kamele / und sechs-hundert Maul-Esel erobert; Marcomir aber zwey-tausend nach Meyntz mit Vorrath ziehende Gallier geschlagen /Reiß / Meel und Getreide aber ins Wasser geschüttet hätte. Weil nun eben damals der Feldherr von etlichen über den Meyn schwemmenden Reitern Nachricht bekam: daß Tiberius sein Läger mit einer Legion und zwölf-tausend Hülfs-Völckern besetzt gelassen / und mit einer grossen Macht am Meyn-Strome hinauf gegen das Gabretische Gebürge züge / ward beschlossen: daß Arpus mit den Catten das Läger beschlüssen / der Feldherr aber den Tiberius beobachten solte. Hertzog Herrmañ setzte in einer Nacht zwey Meil weges oberhalb dem Läger so unvermerckt über den Meyn: daß es die Römer nicht ehe / als da er schon sich eines vortheilhaften Ortes bemächtiget / und alle darinnen liegende Römer gefangen genommen hatte /zu wissen bekamen. Tiberius ließ sich an seinem Zuge dis nichts irren / sondern erregte vielmehr einen Ruf: daß unter dem Gabretischen Gebürge zwantzig-tausend Marckmänner / und halb so viel Alemänner zu ihm stossen würden. Als sich aber der Feldherr ihm bis auf eine halbe Tage-Reise näherte / gieng er des Nachts stillschweigend über den Meyn / und auf dessen Nordseite wieder zurücke. Ob nun zwar der Feldherr es durch seine vorangehende Reiterey folgenden Tag gewahr ward / brachte er doch bey nahe einen gantzen Tag mit Ubersetzung seines Heeres zu. So bald aber Tiberius dis erfuhr / gieng er folgende Nacht in gleichmäßiger Stille wieder über den Fluß zurücke. Weil nun der Feldherr muthmaßte: Tiberius suchte dadurch Lufft sich wieder herab ins Römische Läger zu ziehen; besonders da er vom Fürsten Ingviomer aus Boviasmum Nachricht erhielt: Marbod wolte sich in den Krieg nicht mischen / entschloß er gleichfals über den Meyn ihm zu folgen. Das gröste Theil des deutschen Heeres war schon wieder auf der Sud-Seite; als Sextus Apulejus mit dem meisten Theile der Römischen Reiterey / Arbogast mit zehn-tau send Galliern und Cotys mit zwey-tausend Thraciern das übrige Theil des deutschen Heeres anfiel. Ob nun zwar Hertzog Jubil / der den Nachzug führte / den Grafen von Ravensberg mit einem Theile der deutschen Reiterey der[237] Römischen / der Graf von Waldeck mit einem andern Theile den Galliern und Thraciern entgegen setzte; welche denn auch / ungeachtet sie mehr als viermal übermannet waren / ihnen hertzhafft begegneten; Jubil auch das übrige Fuß-Volck umbwendete / und zwischen die Flügel der Reiterey hervor rücken ließ; so kam doch in einer halben Stunde der tapfere Asprenas mit einer gantzen Legion Römer und zwantzig-tausend frembden Fuß-Völckern dazu. Wie nun Jubil ungeachtet der klugen Anstalt und großmüthiger Gegenwehr durch eine so grosse Macht nicht wenig ins Gedrange kam / also ward der auf andern Seite haltende Feldherr / welchem seine Kundschafter die geschehene Ubersetzung des Tiberius hochbetheuerlich versicherten / nicht wenig irre gemacht: ob er stehen bleiben / oder wieder über den Strom setzen solte; ungeachtet sich von Ferne noch mehr anziehende Völcker sehen liessen. Alldieweil ihm aber die Treue seiner Kundschaft gar zu wol bekant war / hielt er diesen Angrief nur für einen Streich des schlauen Tiberius / welcher ihm vielleicht bald selbst über den Hals kommen würde. Diesemnach wolte er weder den dis verlangenden Fürsten Siegesmund mit der übrigen Reiterey über den Meyn zurück kehren lassen / noch auch selbst übergehen; sondern ließ allein den Grafen von Nassau zwey-tausend Reiter oberhalb des Gefechtes überschwe en / und sechs-tausend Mañ Fuß-Völcker theils auf Holtz-Flößen / und einer aus Fässern zusammen-gemachten Brücke / theils auch schwimmende übersetzen; Er aber selbst stellte das gröste Theil seines Heeres von dem Flusse abwerts in Schlacht-Ordnung. Jubil und Asprenas suchten alle Kriegs-Künste / die fechtende aber alle Kräfften gegen einander herfür des andern Meister zu werden. Apulejus / Arbogast und Cotys fochten gleichsam nebst dem Siege für den Ruhm dreyer Völcker / welches dem andern es würde zuvor thun; welche rühmlichẽ Eiversucht der beste Wetzstein der Tugend ist. Ravensberg und Waldeck aber eiverten mit einander so sehr / als jemand / wer am ersten den Feind trennen würde; Ja alle Cherusker meinten nicht nur allen Nutzen / sondern auch die Ehre des wider den Varus erlangten Sieges zu verlieren / wenn sie ihrem Feinde einen Fuß-breit Erde entraumten. Der schwächern Deutschen Tapferkeit kam auch der vom Feldherrn klüglich ausgesehene Ort zum Vortheil; weil sich der Meyn daselbst wie eine Sichel einbog / und die Deutschen auf beiden Seiten vom Flusse bedeckt waren / und nur den Feind für der Stirne hatten. Inzwischen kam der Graf Nassau mit seinen Reitern nach geringem Widerstande etlicher Gallischen Hauffen über / und fiel nach dieser Zertrennung den Arbogast als ein Sturmwind auf der Seiten an. Dieser that zwar sein bestes / ward auch von fünf-hundert im Hinterhalte stehenden Thraciern redlich entsetzt; aber / weil Nassau ihm gleichsam für dẽ ärgsten Schimpf hielt: daß die meist unter Römischen Hauptleuten und Obersten fechtende Gallier den Deutschen so lange die Spitze böten / setzte er ihm für entweder durchzubrechen / oder diese Schmach mit seinem Blute abzuwaschen. Ein fester Vorsatz hat niemals mehr Nachdruck als im Kampfe. Deñ wie die Furcht aus nichts etwas / aus wenig viel macht; also scheinen einem hertzhaften Helden tausend blancke Degen nur ein Schimmer aus einem blinckenden Becken zu seyn. Mit dieser Einbildung drang Nassau mit zwey-hundert auserlesenen Edelleuten so tief in der Gallier Glieder / bis er mit dem ihm behertzt-begegnenden Arbogast / der durch sein Zureden und Beyspiel seine Trevirer / Heduer / und Sequaner noch gleichsam beseelt hatte / Hand für Hand anbinden konte. Das Glücke half auch allhier / seiner Gewohnheit nach / des Nassaues Verwegenheit. Deñ er brachte ihm mit einem Streit-Kolben einen so harten Streich auf das Haupt an: daß er gantz betäubt zu Bodem fiel / und im[238] Gedränge von Pferden zertreten ward. Dieser Schlag fällte / wie der letzte Hau einer Wald-Axt eine gantze Eiche mit tausend Aesten /nicht nur den Führer Arbogast / sondern die gantze Gallische Reiterey / welcher Ravensberg auch vorwerts hertzhaft auf den Hals gieng. Die Gallier verlohren mit ihrem Fürsten das Hertze; ohne dieses aber ist alles entseelet; also wurden sie vollends leicht zertrennt / in die Flucht bracht / und der lincke Flügel des Römischen Fuß-Volckes entblöset; welchem ohne dis das durch die übersetzenden sechs-tausend Cherusker sich verstärckenden Deutsche nunmehro genung zu schaffen machte. Nichts desto weniger hielten diese / weil es alte wolgeübte Römer waren / und Asprenas die auf der rechten Seite stehenden Spißträger dahin stellte / und tausend theils Römische / theils Pannonische Reiter dahin ordnete. Als aber auch dis noch nicht den Stich / und den lincken Flügel beysammen halten wolte / veränderte er mit einer unbegreiflichen Geschwindigkeit die vorhin viereckichte Schlacht-Ordnung in eine länglichte / wormit die übrige Reiterey die schmalen Seiten beyder Flügel desto besser decken konte. Uberdis kamen durch diese Wendung die nach Römischer Art in die Mitte und zum Hinterhalte gestellten tapfersten Soldaten und die freywilligen Kriegs-Leute nunmehro an die Stirne /wormit die beym Ausreissen der Gallischen Reiterey erschrockenen durch jener Beyspiel wieder Lufft und Muth schöpften. Dieser Streich gelang dem Asprenas so wol: daß sein Heer eine gute Stunde lang unzertrennt stehen blieb. Hertzog Jubiln schmertzte diese Hartnäckigkeit mehr / als keinen Menschen / und ob wol der Feldherr ihm noch tausend Dulgibinische Reiter antragen ließ / danckte er doch darfür / als für eine unnöthige Hülffe; besonders da die deutsche Reiterey wegen der auf den Seiten der neuen Römischen Schlacht-Ordnung stehender Hecken und Berge nicht recht zum Gefechte Raum hätte. Diese Hindernüs auf die Seite zu räumen brauchte er sich des vom Hertzog Herrmann in der Varischen Schlacht gelernten Kunststückes; nemlich: Er ließ beyde Flügel durch engere Zusammentretung der in Gliedern stehenden Fuß-Knechte eine so breite Strasse mitten durch die Schlacht-Ordnung öfnen: daß viertzig Pferde neben einander darzwischen reiten konten. Durch diese Lücke drang anfangs der Graf Waldeck mit fünf-hundert Cheruskischen Edelleuten dem Römischen Fuß-Volcke und dem Apulejus im rechten / und nach ihm der Graf von Lingen / mit eben so vielen dem Lucius Apronius im lincken Flügel auf den Hals. Wie tapfer sich nun die Römer wehrten / und Asprenas durch Hervorziehung der Spießträger der Reiterey begegnete / so konte doch dis ohne Verwirrung nicht geschehen. Weil auch in den ersten Gliedern der Kern des Römischen Kriegs-Volcks drauf gieng / und nunmehr die neugeworbenen / oder gar Gallier an die Lücke treten musten / Jubil aber nunmehr erst seine besten Leute herfür zoh; schlug des Asprenas kluge Anstalt zu seinem Schaden aus. Denn nach dem sein Kern der besten Leute drauf gegangen war / die Schlacht-Ordnung aber nur einmal zu wancken anfieng / gerieth das gantze Heer auf einmal in Verwirrung und ins Weichen. Asprenas hätte verzweifeln mögen: daß / da er nach des Varus Niederlage die Römer doch bey Ehren und bey Behauptung des Rhein-Stromes erhalten / er dis Jahr ein Werckzeug ihrer ersten Niederlage seyn solte. Gleichwol verlohr er mit seinem Glücke weder den Muth / noch den Verstand. Befahl also: das ohne dis weichende Fuß-Volck solte nach und nach sich gegen die nechsten Berge ziehen / umb von der Deutschen Reiterey nicht umbringt zu werden. Er selbst nam auf sich mit der Römischen und Thracischen Reiterey die weichenden so viel möglich zu decken; worüber er aber so sehr ins Gedrange kam: daß nach dem ihm der Ritter[239] Schomberg das Pferd getödtet hatte / er zu Bodem fiel / und zum Hertzog Jubil gefangen gebracht ward. Inzwischen / als sich disseits das Blat der Römer wendete / kriegte der Feldherr Nachricht: daß der Tiberius mit seinem gantzen Heere keine halbe Meile von dar entfernet wäre; und gerade auf ihn loßgienge. Daher er denn seine Deutschen zu hertzhafter Begegnung mehr aus Gewohnheit / als aus Noth ermahnete / welche über ihre vorige Begierde zu fechten durch den bereit erlangten Vortheil des Hertzogs Jubil wider den Asprenas noch mehr eivrig gemacht wurdẽ / und Zeither ihren Lands-Leuten die Ehre des Kampfs mißgegönnet hatten. Bald hierauf ward dem Feldherrn angedeutet: daß man auf der Höhe des nechsten Berges etliche hundert mit Kriegs-Volcke beladene Schiffe auf dem Meyne herab treiben; hingegen aber des Tiberius Heer auf einer Höhe stille stehen / und in eine breite Schlacht-Ordnung stellen sähe. Der Feldherr ritt augenblicks dahin / und befand den Tiberius so vortheilhaftig stehen: daß er ohne Verwegenheit an selbigem Orte nicht anzugreiffen wäre. Alle Schiffe aber ladeten ihr Volck auf dem rechten Ufer aus / und sahe man etliche tausend Reiterey / welche von des Tiberius Heere über den Meyn gesetzt hatte / dem flüchtigen Heere des Asprenas zu Hülffe eilen. Weil nun die Römer hierdurch einen grossen Vortheil hatten / der Feldherr aber im Gesichte des Tiberius und in solcher Eyl mehr Deutschen überzusetzen nicht wagen wolte / schickte er dem Hertzoge Jubil Befehl zu / die Flüchtigen nicht mehr zu verfolgen / sondern sich in den ersten vortheilhaften Ort an die Flößen und Brücken zurück zu ziehen. Dieses verrichtete Hertzog Jubil so viel leichter; weil die neuankommende Römische Macht sich an der Ehre vergnügte: daß sie die Helffte des flüchtigen Heeres / sintemal über zehn-tausend darvon auf der Wallstadt todt / und zwey-tausend Gefangene zurück blieben / retteten; und weil es ohne dis schon Abend war / mit ihnen zurück zohen. Folgenden Morgen brachten die Deutschen Kundschaffter Nachricht: daß die Römer auf beyden Seiten sich verschantzten /und ob wol die Deutsche Reiterey auf beyden Seiten bis an den angefangenen Wall streiften / kam doch niemand heraus / weil es Tiberius bey Lebens-Straffe verboten hatte; drey Tage nach einander blieben die Römer in diesem Stande / Hertzog Herrmann aber in Bemühung durch stetes Ausstreiffen dem Feinde alle Zufuhr abzuschneiden. Den vierdten Morgen aber sahe man auf der Nord-Seite ein starckes Heer Strom-abwerts zurücke ziehen / und zwar darinnen eigentlich alle drey güldene Adler gläntzen. Jedermann glaubte: es wären alle drey Römische Legionen / und also das gantze Heer; besonders weil die Kundschaffter berichteten: daß in des Tiberius Läger alle grosse Gezelte des Feldherrn und der Obersten abgenommen / wenig Kriegs-Zeichen aber nur noch aufgerichtet wären. Der Feldherr konte sich schwerlich bereden lassen: daß er auf dieser Seiten / wo der Catten gröste Macht stünde / zurücke gehen / und sich gleichsam zwischen Thür und Angel stecken solte. Daher ertheilte er Befehl: daß etliche hundert der leichtesten Reiter sich nähern /und insonderheit: ob wahrhaftig die Römischen Legionen dabey wären / erkundigen solten. Denn ob zwar Hertzog Herrmann wol wuste: wie hoch und heilig bey den Römern die güldenen Adler gehalten / in Feyern eingebalsamt / bey selbten Eyde geleistet / von Ubelthätern für ihre Zuflucht erkieset / ja so gar angebetet / und anderer Götter Bildern vorgestellet würden; so war ihm doch auch nicht unbekandt: daß Tiberius die Götter für Undinge / den Gottesdienst aber zu nichts / als die Leute damit zu betrügen dienlich hielt. Nach dem aber die Reiterey einstimmig berichtete: daß alles Römisch-gekleidetes Volck / und nicht halb so viel Gallier darbey wären; muste er nur dem gemeinen Irrthume beyfallen / und umb[240] dem Tiberius auf dem Fusse zu folgen / sein Heer übersetzen. Es war nur noch ein Drittel zurück; und die Deutsche Reiterey unter dem Fürsten Siegesmund hieng sich schon auf des Feldherrn Befehl an den Römischen Nachzug / als diesem angedeutet ward: daß auf der Sud-Seite Tiberius mit allen dreyen Legionen auf die noch über dem Strome stehende Deutschen loßgienge. Hertzog Hermann / welcher nicht wuste / auf welcher Seite eigentlich die rechten Legionen stünden / ward hierüber nicht so sehr verwirret als beschämet: daß Tiberius durch diese Krieges-List ihm eines angebunden hatte. Der Nachdruck des Anfalls und etliche gefangene Gallier aber vergewisserte ihn allzu bald: daß Tiberius auf der Sud-Seite beym Anfalle wäre. Jubil und andere Krieges-Obersten riethen: der Feldherr solte das zurück-gebliebene Fuß-Volck vollends herüber ziehen / und die solches beschirmende Reiterey endlich durchschwemmen lassen. Hertzog Herrmann aber weigerte darein zu willigen / weil dis einen Schein einer schimpflichen Flucht abbildete / auch ohne Verlust etlicher tausend Deutschen nicht geschehen könte. Maßen er denn dem Hertzog Jubil ein Theil des Heeres zu Uberwindung der in Römische Kleider versteckten Gallier anvertraute; allen andern aber über den Meyn zu setzen / und den Römern die Stirne zu bieten anbefahl. Er selbst sprengte mit dem Pferde in den Meyn / und gab darmit nicht nur seinen hundert Rittern / sondern der gantzen Reiterey Anlaß ihm zu folgen; ungeachtet die Römer gegen über am Ufer in voller Schlacht-Ordnung hielten. Alleine auch das deutsche des Schwimmens gewohnte und ohne dis halbnackt streitende Fuß-Volck ließ sich / weil die Faß-Brücke zu schmal / der Flößen zu wenig und zu langsam waren / sich weder den Strom noch den Feind abschrecken: daß sie nicht ihre Waffen und Geräthe auf den Rücken banden / und überschwa en. Was inmittelst der Fürst von Ascanien und der Graf von Waldeck bey der Reiterey / der Graf von Witgenstein und Diepholt bey dem Fuß-Volcke ausstehen musten / ist kaum glaublich; weil Tiberius / in Meinung alles im ersten Anlauffe über einen Hauffen zu werffen / nicht nach sonst gewohnter Art der Römer die Hülfs-Völcker / sondern die Römischen Legionen mit ihrer zugehörigen Reiterey voran führte; mit den Thraciern / Galliern / Pannoniern / Cretischen und Valearischen Schützen aber das Ufer besetzte / um der Deutschen Uberkunfft zu verwehren. Weil aber so wol die Noth / indem sie wegen des am Rücken habenden Meyns nicht weichen konten / als die Tugend den Deutschen eine schier unmenschliche Gegenwehr aufbürdete; worbey ihre Führer Löwen fürbildeten /schlug des Tiberius vernünftiger Anschlag gleichfals wider ihn aus. Denn Hertzog Herrman setzte anfangs mit seiner Leibwache / worvon alleine der Ritter Kwast von einem durchs Hertz fahrenden Pfeile im Strome umbkam / gegen die Thracier am Ufer festen Fuß. Wiewol sie nun viel tausend Pfeile und Wurf-Spiße bewillkommten / machten doch die Ritter über ihren Feldherrn mit ihren zusammen gesetzten Schilden gleichsam ein Gewölbe: daß sie wenig schaden konten. Unterdessen kam auch Fürst Siegemund mit hundert Cheruskischen Edelleuten ans Land / und in einer halben Stunde standen über vier-tausend deutsche Reiter gegen die den Fluß bewahrenden Feinde im Gefechte; ja der Feldherr / nach dem er am Rücken dem Fuß-Volcke auszusetzen Raum gemacht hatte /drang mit tausend Pferden durch mehr als acht-tausend Thracier und Pannonier den Fürsten von Ascanien zu entsetzen / welchem der mannhaffte Cäcina mit fünf-tausend meist freywilligen Edelleuten / als dem Kerne der Römischen Reiterey / überlegen war. Der Feldherr kam gleich zu rechte / als die Noth an Mann kommen war. Denn drey-hundert deutsche Edelleute hatten[241] für ihr Vaterland schon den Geist ausgeblasen / und unter denen übrigen zwölf-hunderten war keiner / der nicht siebenmal getroffen / und zum wenigsten drey Wunden hatte. Gleichwol kriegten diese schon in ziemliche Verwirrung gerathene Ritters-Leute durch des Feldherrn Ankunfft eine neue Seele / ja mehr Kräfften und Muth / als sie anfangs gehabt hatten. Daher denn Cäcina / wie weh es ihm auch thät / in weniger Zeit wol hundert Ellen breit Erde verspielte; welche am Rücken denen überschwemmenden Deutschen einen sichern Furth machte. Siegesmund auf der andern Seite entsetzte den von Feinden rings umbher eingeschlossenen Waldeck zwar mit heldenmäßiger Tapferkeit; aber mit einem besondern Ebentheuer. Denn nach dem die Deutschen auch daselbst Lufft kriegten / einer ihrer Heerführer aber mit seinem Hauffen / da alle andere wiechen /keinen Fußbreit Erde entraumen wolte / machte er sich selbst an ihn / hob ihn auch nach hartneckichter Gegenwehr aus dem Sattel. Dieser wäre in dem Gedränge von den Pferden tausendmal zertreten worden /wenn nicht sein Unglück des ihm von einem Pferde abgetretenen Helmes das Leben erhalten hätte. Denn Siegesmund erkennte ihn für seinen Vater Segesthes; welchen das Verhängnüs gleichsam dazu besti t hatte: daß weil er wider sein Vaterland den Degen führte / von niemanden als seinen Kindern überwunden werden solte. Siegesmund ward für Erstaunung hierüber gleichsam zum Steine / hernach wendete er sein Pferd auf die Seite / umb weder sich noch seinen Vater durch sein Erkäntnüs mehr zu beschämen. Der Graf von Bentheim erkennte gleichfals Segesthen /ließ ihn also aufheben und auf die Seite bringen. Mitlerzeit kriegte das deutsche Fuß-Volck gleicher gestalt Verstärckung / Lufft / und statt des getödteten Grafen Diepholt / an dem Ritter Zulenstein einen neuen Hauptmañ. Hertzog Jubil aber hatte auf der andern Seite die verkleideten Gallier / welche Tiberius ohne dis unter dem prächtigen Scheine der Römischen Kleider und falschen Adler gleichsam nur auf die Schlacht-Banck dahin geschickt hatte / zertrennet /zwey vergüldete Adler erobert / also: daß der lincke Flügel in völlige Flucht gerieth. Des Tiberius Hertze kochte inzwischen nichts als Galle / als so viel andere Blut ausliessen; gleichwol aber verstand er es rathsamer zu seyn seiner Rache was abzubrechen / als das gantze Römische Heer in Gefahr zu setzen / welches er für Augen sahe / wenn er die völlige Uberkunfft des deutschen Heeres erwartet hätte. Daher schickte er anfangs alles schwere Krieges-Geräthe fort; hernach ließ er bey den Legionen die zum Zeichen des Kampfes auf drey lange Spiße ausgesteckte Purpur-Röcke abnehmen / und vom Treffen abblasen. Die übrige Römische und anderer Völcker Reiterey muste inzwischen an die Lücke treten / bis das Fuß-Volck ein gut Stücke voran hatte / und Strom-abwerts einen Berg erreichte. Diesem folgte sofort auch die Reiterey; welche die Deutschen zwar verfolgen / der Feldherr aber es nicht erlauben wolte. Denn ob zwar nicht über tausend Deutschen / der Feinde aber auf dieser Seiten über fünf-tausend blieben waren; so hatten doch jene viel Verwundete / und waren wegen des beschwerlichen Hin- und Ubersetzens mehr als diese abgemattet. Jubil ward hierüber auch völliger Meister des Feldes. Denn als die Gallier die Römer auf die Höhe weichen sahen / warffen sie die Waffen nieder. Die übrige Reiterey flohe in die Püsche / alles Fuß-Volck aber unterwarf sich der Gnade des Uberwinders. Ob nun wol Tiberius sich abermals zu verschantzen anfieng / und / nach des in Epirus überwundenen Philippus Erfindung / beym Feldherrn umb einen Stillestand zu Beerdigung der Todten anhielt / welcher ihm auch auf einen Tag bewilligt ward / so gieng er doch noch selbige Nacht durch / und fanden die Deutschen auf den Morgen im Römischen[242] Läger zwar eine grosse Anzahl Zelten / verwundete Pferde / zerbrochen Kriegs-Geräthe / aber keinen Menschen / als unnütze Stallbuben / Pfeiffer und Pauckenschläger / welche des Nachts die Wach-Feuer unterhalten / und die Aufzüge der Wachten geblasen hatten. Bey dieser Vergewisserung brach der Feldherr stracks auf / befehlichte auch nicht allein den Fürsten Jubil auf der rechten Seite des Meyns / wie er auf der lincken / dem Tiberius zu folgen / sondern erinnerte auch den Hertzog Arpus durch einen Edelmann dem Tiberius unten den Weg zu verlegen. Wiewol nun beyde diesem treulich nachlebten; so kam doch Tiberius / weil die Furcht schnellere Flügel als der Sieg hat / allen zuvor; wie er deñ auch aus dem festen erstẽ Läger / darinnen sie wegen der Catten stetigen Streiffens ohne dis schon Noth litten /alles Kriegs-Volck an sich zoh / und im eusersten Winckel zwischen dem Rhein und Meyne / Meyntz gegen über ein neues Läger befestigte. Weil nun diesem auf keine Weise beyzukommen war / ward der Feldherr mit dem Hertzog Arpus schlüssig gegen Ingelheim eine Brücke über den Rhein zu schlagen /welches sie denn auch in zwölf Tagen bewerckstelligten; und hierdurch den Tiberius aus Beysorge: es möchte Germanicus von ihm abgeschnitten werden /nach Meyntz überzugehen nöthigte. Zumal / da Marcomir bis unter Trier streifte / und halb Gallien unruhig machte. So bald die Cherusker und Catten über den Rhein waren / machte sich Hertzog Arpus mit seinen Catten für die von den Römern an den Rhein und die Nave gelegte Festung Bingen / eroberte selbte auch den fünften Tag mit Sturm.

Mitler-Zeit war es dem Germanicus beym Ubischen Altare mit seinen drey Legionen / und viertzig-tausend Hülffs-Völckern nicht viel glücklicher gegangen. Denn ob er zwar bey selbiger Festung eine so feste Brücke als zu Meyntz über den Rhein hatte / so fand er doch von den Sicambern / Tencterern und Juhonen / welche sämtlich dem Hertzog Melo gehorsamten /alle Pässe derogestalt besetzt: daß seine klügste Anstalten durchzubrechen mißriethen / und darüber etliche tausend Gallier / derer Blut von den Römern ohne dis für geringes Wasser geachtet ward / ins Graß bissen. Germanicus sammlete hierauf alles / was von Schiffen nur zu bekommen war / ließ die Mosel herab viel Holtz-Flößen bringen / setzte darauf sein meistes Fuß-Volck / ließ ein Theil seiner Reiterey von der rechten Seiten des Rheins aus dem Lager zurück auf die lincke Seite gehen / mit ausgebreitetem Ruffe: daß er mit seiner gantzen Macht unterhalb des Sieg-Stromes landen wolte. Zu dessen mehrer Beglaubigung er denn des Nachts zwei-hundert mit Galliern und unnützem Gesinde besetzte Schiffe in Römischer Tracht abfahren / etliche gefangene Deutschen auch mit Fleiß entrinnen ließ / welche dem Hertzog Melo hiervon Nachricht gäben. Dieser ward hierdurch auch zwar verleitet: daß er seinem Sohne Franck die Verwahrung des sieben-gipflichten Berges Rhetico / dem Hertzoge Ganasch des Siege-Stromes anvertraute; er selbst aber mit der meisten Sicambrischen Macht den Rhein hinab zoh / und die ober und unter der Wupper stehenden Bructerer / Usipeter und Tencterer ihrer Schantze wol wahrzunehmen warnigen ließ. So bald Germanicus hiervon Nachricht erhielt / führte er des Nachts alles hinüber gezogene Volck ohne Klang und Spiel wieder ins Läger über die mit Mist und weichen Tüchern bedeckte Brücke / ließ Menschen und Vieh wol pflegen / und zwey Stunden für Tage führte er durch alle drey Pforten das gantze Heer bis auf eine kleine Besatzung aus dem Läger / gerade dem Sieg-Strome zu. Eine Stunde vorher aber hatte Germanicus unter dem Munatius Plancus zwey-tausend auserlesene mit leichten Leuten und anderm Sturm-Zeuge versehene Römer zur Haupt-Pforte ausgelassen / welche von etlichen des Gebürges kündigen Ubiern geführet[243] wurden; und eines der sieben vom Melo bewahrter Schlösser überrumpeln solten; weil von selbtem alle Anschläge der Römer übersehen wurden / und dardurch auch der sichere Einbruch in der Sicambrer Land verhindert ward. Die Abrede war: daß Plancus in möglichster Stille das Gebürge ersteigen / aber nicht ehe stürmen solte / bis Germanicus ihm durch angezündete Fackeln seinen Angrief am Sieg-Strome wissend machen würde. Alles dis gieng wol von statten; und wurden die Chauzen der Römer ehe nicht gewahr / als bis schon zwey-tausend Römische Reiter mit so vielen auf die Pferde genommenen Fuß-Knechten durchgeschwe t; das Fuß-Volck aber eine grosse Menge Flößen in Fluß gebracht hatten. Hertzog Ganasch / welcher seinen Stand an dem gefährlichsten Orte nemlich an dem vom Sieg-Flusse bis ans Gebürge gemachten / und mit dicken höltzernen Pfälen besetztem Land-Graben hatte / war eine Meilweges davon entfernet / aber gleich in Besuchung der Wachen beschäftigt. Die von ferne blinckenden Fackeln aber waren ihm alsbald so verdächtig; daß er Lermen blasen / und sein gantzes Volck zu den Waffen greiffen ließ. Unterdessen traf der mit fünf-tausend Chaucen und Chamavern an dem Sieg-Strome stehende Graf von Delmenhost mit denen am ersten zusammen gerafften tausend Reitern auf die übergesetzten Römer / und zwar wegen bewuster Gelegenheit des Ortes mit solchem Vortheil: daß / wenn nicht zugleich tausend Römische Fuß-Knechte über / und ihn in Rücken kommen wären / Die Römische Reiterey mit Gewalt in Strom getrieben worden wäre. Nach dem aber der Ritter Arenberg mit tausenden zu Fuß / und Schauenburg mit fünf-hundert Chauzischen Edelleuten zu Hülffe kam / trieben sie die Römer wieder über Hals und Kopf in den Fluß. Unterdessen aber hatte Mennius am Strome weiter hinauf mit tausend Römischen / und drey-tausend Dalmatischen Reitern / Cajus Cetronius auch schon mit der Helffte der ersten Legion festen Fuß gesetzt / nach dem der Graf von Spiegelberg mit fünf-hundert Pferden / und der Graf von Tecklenburg mit tausend Fuß-Knechte eine Stunde lang die Ländung hertzhafft verwehret hatten. Hiermit wäre alles bund über Ecke gegangen / wenn nicht der vom Hertzog Ganasch mit tausend Pferden zuvorangeschickte Graf von Oldenburg den Deutschen zu Hülffe kommen wäre; und dem Mennius hertzhaft begegnet hätte. Alleine auch alle diese Gegenwehre wäre bey nunmehr hellem Tage ein unnützes Spiegelfechten gewest / weil der Sieg-Strom über eine Viertel-Meile lang / durch eingeworffene Bäume / Flößen / bebrettete Nachen wegbar gemacht worden war / wenn nicht Hertzog Ganasch endlich selbst mit acht-tausend Chauzen und Friesen zu Hülffe kommen wäre / und den Deutschen unter andern auch dardurch ein Hertz zugesprochen hätte: daß dieser Strom der Anlaß ihrer wieder erlangten Freyheit wäre / und den Römern alldar weder Stern noch Glücke begegnen könte; weil der vom Varus beleidigten und in dem Flusse ertrunckenen Sicambrischen Fürstin Geist wider die Römer selbst kämpfte. Welche Zuredung er gleich brauchte / als etliche auf verborgene Pflöcke ko ende Nachen umbschlugen und die Feinde ersäufften. Weil nun der Aberglaube auch die Weichhertzigen hartnäckicht macht / war kein Wunder: daß diese hertzhafte Deutschen durch solche Einbildung /und ohne dis geschöpfte Verbitterung gleichsam gegen die verhaßten Römer raseten. Sie schwammen theils selbst in Fluß / stürtzten die feindlichen Schiffe umb; und wenn ihnen die Hände abgehackt wurden /hielten sie sich an selbte mit den Zähnen an. Germanicus hingegen brauchte sich auf der andern Seite nicht nur seiner Kriegs-Wissenschafft und Hertzhaftigkeit /[244] sondern ebenfals der Andacht zu Erlangung seines Zweckes. Denn er ließ sieben Altare an diesen Fluß /wie Agrippa ans Meer / aufrichten / dem Sieg-Strome opfern / das Fleisch in sein Wasser werffen / und seinen Schutz-Geist durch Gelobung eines Tempels in Rom ausruffen. Ob nun zwar beyderseits alles möglichste versucht / die Verwundeten getröstet / die Furchtsamen durch anderer Beyspiele aufgemuntert /die Tapfern durch Lob / wie die Pferde durch Zuspruch zu ungemeinen Thaten aufgemuntert wurden /beyde Feldherren auch hinten und vorne waren; blieb doch das Gefechte über eine Stunde in gleicher Wage stehen / weil den Römern die grosse Macht / den Deutschen der Strom und die hin- und wieder gesetzten Sturm-Pfäle einen Vortheil machten. Inzwischen hatte sich Plancus an das fürnehmste Schloß des Ubischen Sieben-Gebürges so heimlich geschlichen: daß die Schildwache der Römer nicht ehe gewahr ward /bis daß der über die Mauer gestiegene Römische Hauptmañ Camillus ihm den Degen durch den Leib stach. Ein einiger Schall dieses Sterbenden ermunterte gleichwol die nechste Schildwache: daß sie Lermen rief / und die Wache daselbst nach den Waffen zu greiffen nöthigte. Weil aber allbereit an dem ersten Orte des Angriefs über anderthalb-hundert Römer die Mauer erstiegen / andere über dis wol funfzig Leitern hin und wieder angelegt hatten / und dort und dar festen Fuß zu setzen anfiengen / also die Besatzung nicht wuste / wo sie dem Feuer am ersten zulauffen solten / entstand unter den Deutschen aus Beysorge einer Verrätherey keine geringe Verwirrung. Gleichwol beseelte der Ritter Metternich die Erschrockenen mit freudiger Aufmunterung / und theilte sein ihm anvertrautes Krieges-Volck bis auf ein zum Hinterhalte nöthiges Drittel in der Festung so vorsichtig zur Gegenwehr aus: daß kein eines Angriefs fähiger Ort unbesetzt blieb. Unterdessen aber bemächtigte sich Camillus eines grossen rundtẽ Thurms / von welchem er das dritte Theil der Mauern durch zweyhundert hinaufgebrachte Römische Bogenschützen bestreichen ließ; also daß für denen Pfeilen die Deutschen inwendig bey nunmehr anbrechendem Tage keinen sichern Stand behalten / die Römer aber inwendig auf selbiger Seiten desto sicherer stürmen konten. Metternich sahe nunmehr wol / wo die Noth am grösten war; gleichwol aber war es schwer selbter zu rathen; weil alle daselbst hingeschickte Deutschen den Römischen Schützen gleichsam nur zum Ziele fürgestellet wurden. Weil aber schon über fünf-hundert Römer auf den Mauern waren / muste zu Erhaltung der Festung kein Blut gesparet seyn; welches bey derselben Ubergehung ohne dis desto schimpflicher verlohren gieng; und Metternich wünschte nichts weniger / als nach Verlust seiner ihm anvertrauten Festung / welche jedem Befehlhaber fester / als sein Ehweib angetraut seyn soll / sein Leben zu behalten. Er befahl diesemnach: daß die Helfte seiner zum Hinterhalte verbliebenen Deutschen sich mit etlichen Schütten Stroh und Reisig-Gebündern armen / und von selbten unter der eroberten Mauer gleichsam einen Ta aufrichten solten; als inzwischen der Ritter Willich auf einem / und Wachtendonck auf dem andern Thurm männliche Gegenwehr thäten; daß die Römer nicht ferner dringen /und sich der innersten Schloß-Mauer befestigen konten. Weil sowol das Stroh als Reisicht denen Deutschen gleichsam wider die feindlichen Pfeile zu Schilden diente / wurden so gar Weiber und Buben keck hierbey hülfbare Hand zu reichen; also: daß in einer geschwinden Eyl ein unglaublich groß und langer Hauffen zusammen getragen / auch das zwar ohne dis kühnichte Holtz mit vielem Pech untermischet ward. Diesen Stoß ließ der Ritter Metternich auf einmal an vielen Orten anzünden; nöthigte also den Feind durch Hitze und Rauch die eroberte Stadt-Mauer zu verlassen / und sich theils zum[245] Camillus auf den platten Thurm zu retten / theils über die Mauern zurück zu steigen; wiewohl bey diesem Gedränge ihrer viel herab stürtzten; und nicht weniger im Rauche erstickten. Inzwischẽ aber hatte der Anführer Plancus selbst auf der andern Seite / wo der Fels am abschüssigsten war / und die Deutschen ihnen von keinem Feinde träumen liessen / durch eine künstliche Art Leitern /welche nicht unter- / sondern Seitwerts ihren Fuß und Stand hatten / sich eines andern Thurmes bemächtigt /welcher in den innersten Schloß-Hof gieng / und fast alle innere Brustwehren überhöhete; also daß auch viel hertzhafte sich schon für verloren hielten / und Metternich selbst mit seinen übrigen Kriegsleuten dieser Noth zulauffen / und sich unten in den Thurm wagen muste / die Römer aus dieser schädlichen Uberhöhung zu treiben. Es war Schade: daß in der Finsternüß dieses Thurmes so viel tapfere Thaten beyder Theile verdüstert bleiben solten; welche würdig waren von der gantzen Welt gesehen zu werden. Denn die Römer drangen auf beyden Stiegen herab um den Schloß-Hof zu erobern / die Deutschen aber hinauf die Römer herab zu stürtzen. Nachdem aber diese mit noch tausend Römern und so viel Galliern aus dem Läger verstärcket wurden / und Metternich mit einem Steine heftig verwundet ward: daß er für todt weggetragen ward; wie nicht weniger nach ausleschendem Feuer / das aus Mangel mehrern Strohes und Holtzes nicht länger unterhalten werden konte; die Römer die verlassene Mauer aufs neue erstiegen / wäre es umb diese Festung gethan gewest / wenn nicht Hertzog Franck / welcher nach mässigem Tages-Schlafe alle Nächte wache war / und bald diese / bald jene Post selbst verwahrte / am allerersten die Schwenckung der Fackeln in dem vierdten Schlosse wahrgenommen /und aus klugem Mißtrauen mit Aussteckung vieler Pech-Kräntze von den Thürmen auf dem gantzen Sieben-Gebürge Lermen gemacht / auch alsbald zwey tausend Deutschen zusammen gebracht / und nach ausgespürtem Angriffe der Haupt-Festung selbter damit zugeeilet hätte. Er kam gleich dahin / als die Noth am grösten war / oder vielmehr denen Bestürmten das Wasser schon biß in Mund gieng; wiewohl der Ritter Willich noch männlich des Metternichs Stelle vertrat / und sich bescheidete: daß bey eingebildetem Siege auch die Feigen / bey verzweifelten Zufällen aber die Helden nicht ihre Hand sincken liessen. Hertzog Franckens erste Sorge bey so gefährlichem Zustande war / denen Bestürmten seine hülffbare Gegenwart mit Schwenckung der deutschen Kriegs-Zeichen auf einem dem Schlosse gegen über liegenden Felsen / und durch etliche auf Gallisch verkleidete Kundschafter wissend zu machen. Hernach theilte er sein Volck in zwey Theil / gab eines dem Ritter Waßenar / das andere behielt er für sich / und kletterte jener auf der Ost- / er selbst aber auf der gefährlichsten West-Seite gegen dem Rheine das Gebürge hinauf. Des Hertzogs erste Arbeit und Glücke war: daß er fünf hundert zu Abwendung aller sich etwan nähernden Hülffe vorbehaltene Römer / wiewohl an einem vortheilhaften Orte angrieff / nach hertzhafter Gegenwehre von ihrer Höhe herab trieb / und über Hals und Kopf den Berg hinab jagte. Waßenar kam auf der andern Seite den Stürmenden / und nichts als Sieg und Palmen ruffenden Römern auf den Hals /welche nunmehr schon den gantzen Vorhof erobert hatten / und über Aufsprengung der innersten Schloß-Pforten bemühet waren. Als er nun eine ziemliche Anzahl Sturm-Leitern zu Bodem gerissen hatte / drang er in den Vorhof mit dem Kerne seines Volckes hinein /zwang auch die Römer der Pforten-Stürmung zu vergessen / und dem ihnen auf den Rücken und die Haube sitzenden Feinde zu begegnen. Worüber das Stürmen sich in eine blutige Schlacht verwandelte. Herzog Franck aber brauchte sich der Römischen[246] Sturm-Leitern zu seinem grossen Vortheil / und ließ den Ritter Kallenfels den vom Camillus eroberten Thurm stürmen; er selbst aber stieg mit zwantzig auserlesenen Rittern selbst in die bedrängte innerste Festung hinein / worinnen auch die weichhertzigsten Bestürmten wegen so unvermutheter Hülffe nunmehr zwey Hertzen / und die abgemattesten vier Hände zu bekommen schienen. Ihr einiger Hertzog deuchtete sie mehr / als tausend Feinde zu seyn / und also kriegte der Kampf in kurtzer Zeit ein gantz ander Gesichte. Denn die Römer kriegten nunmehr auf allen Seiten Feinde vor- und rückwerts; kamen also / weil zwar die Klugheit für und hinter sich sehen / die Tapferkeit aber sich nur vorwerts beschirmen kan / zwischen Thür und Angel / ihre fürnehmsten Hauptleute Camillus / Cepin / Terentius und andere blieben todt; daß also die übrigen sechs hundert Kriegesleute / darunter aber kaum einer verwundet war / mit ihren Häuptern auch das Hertze verlohren / und mit Wegwerffung der Waffen des Siegers Gnade sich unterwarffen. Plancus der Oberste selbst muste in diesen sauern Apfel beissen / weil die Deutschen ihm mit Zerdrümerung seiner künstlichen Leitern / den Rückweg vom erstiegenen Thurme abgeschnitten hatten; wiewohl die nebst ihm darauf besetzten Römer den Plancus kaum bereden konten: daß er sich nicht über die Zinnen und Felsen herab stürtzte. Der sieghafte Hertzog Franck wolte gegen diesem hertzhaften Römer erweisen: daß die Deutschen zwar streitbar / aber nicht wilde Menschen wären; ließ dem Plancus melden: daß er von einem so edlen Gefangenen den Degen selbst empfangen wolte. Welche höfliche Erklärung und darauff folgende freundliche Bezeigungen denn des Plancus ziemlich verstörtes Gemüthe / weil von seinen viertausend auserlesenen Kriegsleuten kaum drey hundert ins Läger entkommen / der Deutschen aber mehr nicht als vier hundert todt blieben / und hundert sehr gefährlich verwundet waren / ein wenig beruhigte. Alleine Hertzog Franckens feuriges Gemüthe war mit diesem heiligen Siege so wenig als eine grosse Flamme mit wenigem Zunder vergnügt. Weil er nun Nachricht bekam: daß Hertzog Ganasch eine Meil weges davon an dem Sieg- und Acker-Strome mit dem Germanicus einen harten Stand hatte / ließ er ihn nicht allein alsbald seinen Sieg wissen / sondern auch versichern: daß er ihm durch einen Anfall in der Römer Rücken bald Lufft machen wolte. So bald er auch dem Ritter Willich die Verwahrung des Gebürges / die Vertheilung der Gefangenen / und andere nöthige Anstalten anvertraut hatte / nahm er alles nur entbehrliche Kriegs-Volck mit sich vom Gebürge herab / unter welchem er seinem anfangs ertheilten Befehle gemäß / schon den Grafen von Sem mit zwölff hundert Reitern / und den Grafen von Wied mit zwey tausend aus dem Gebürge zusammen gezogenen Fuß-Knechten fertig stehen fand; also er bey nahe mit 5000. Mann dem Germanicus recht in Rücken gieng. Franck gebrauchte sich hierbey mehrer Hörner-Bläser / als nach seiner Mann schafft bräuchlich war / umb dem Feinde einen desto blauern Dunst für die Augen zu machen. Er selbst thät mit der Helfte der Reiterey auf der lincken / der Graf von Sem auf der rechten Seite den ersten Angrieff; und in der Mitte führten der Graf von Wied und Sleiden / wie auch der Ritter Wachtendong das Fuß-Volck an. Dieses traff auf die gantze zehnde Legion des Sextus Apulejus / welche Germanicus als den Kern seinẽs gantzen Krieges-Heeres zum Hinterhalte gestellt hatte. Hertzog Franck aber traff auf ein Theil des Germanicus Leibwache zu Rosse / und zwar mit einem solchen Nachdrucke: daß sie biß an den Sieg-Strom / wo Germanicus nunmehr den Meister spielte / und schon mit zehn tausend Mann übergesetzt hatte / zurück wiechen. Dieser einige glückliche[247] Streich / weil er unvermuthet war / und das hinterwerts sich erregende Kriegs-Geschrey machte unter dem gantzen Römischen Heere kein ungemeines Schrecken / und hemmete auf einmal so wohl vorige Hurtigkeit als die Begierde über den Strom zu kommen. Dem klugen Germanicus selbst ward hiermit auf einmal sein Spiel verrückt; weil er nicht wohl begreiffen konte: woher ihm ein Feind in Rücken käme? sonderlich da er für zwey Stunden vom Plancus vergewissert worden war: daß Camillus auf einem / er selbst auf dem andern Thurme der bestẽ Berg-Festung die Römischẽ Kriegs-Zeichen aufgesteckt / und die völlige Eroberung schon gleichsam in Händen hätte. Alleine es brachte ihm ein aus dem Römischen Läger spornstreichs herzurennender Römer mit dieser schlechten Zeitung die Erleuterung seines Kummers: daß Plancus vom Hertzog Franck überfallen / und mit allen vier tausenden Römern und Galliern erschlagen worden wäre. Germanicus / welcher wohl wuste: daß ein Feldherr allezeit einen Kopf voller Gehirnes / aber offt ohne Zunge haben solte / sagte kein Wort; als daß dieser traurige Bothe keiner Seele kein Wort hiervon melden solte; setzte gleich wohl aber voller Unmuth über den Sieg-Strom zurück / umb die wahre Beschaffenheit des neuen Anfalls selbst so viel gewisser zu erkundigen. Ob sein Gemüthe nun zwar bey Verwandelung der Zufälle allezeit unverrückt / und sein Verstand aufgeräumt blieb / konte er sich doch nicht enthalten / den ersten ihm begegnenden Römer von seiner flüchtigen Leibwache zu durchstechen / und bald darauf dem sie führenden Hirtius anzudeuten: daß er sie alle durchs Joch treiben wolte / wo sie die Scharte einer so schändlichen Flucht nicht bald auswetzen würden. Germanicus befand die zehnde Legion gegen das deutsche Fuß-Volck und des Grafen von Sem Reiterey in einem hitzigen Gefechte / weil auf beyden Theilen so wohl die Obersten als Gemeinen ihr Ampt männlich vertraten / und keines dem andern einen Fußbreit Erde weichen wolte. Insonderheit sahe Germanicus mit Lust den sechzehnjährigen Sulpitius Galba sein erstes Schul-Recht ablegen / ungeachtet er noch nicht im Capitolium zu Rom den bürgerlichen Manns-Rock angelegt hatte. Daher ihm auch Germanicus zuruffte: Er solte also fortfahren / so würde er mit der Zeit ein grosser Feldherr / und ein mächtiger Herrscher / als sein Anherr Minos / werden. Hertzog Franck aber war inzwischen unter zwey tausend theils Gallische / theils Pannonische Reiter eingebrochen /welche er nunmehr in völlige Unordnung bracht hatte. Daher ließ Germanicus tausend der besten Römischen Reiter gegen dem Hertzog Franck herfür rücken; und weil er hierdurch alles in gute Ordnung versetzt /sonst aber mehr keinen Vorbruch einigen Feindes sahe / kehrete er umb gegen dem Sieg-Strome seinen daselbst erhaltenen Vortheil mit einem völligen Siege auszumachen. Alleine weil der Zustand daselbst auch gantz verdrehet war / seufzete er in Erwegung: daß man das Glücke auch wenige Augenblicke nicht in der Schnure führte / und keine grössere Verfälscherin künftiger Dinge als die Hoffnung wäre. Denn als des Hertzogs Melo an tausend Tencterischen Reitern bestehender Vortrab unter dem Grafen von Isenburg an den in Rhein fallenden Wipper-Fluß kam / fand er daselbst im Rheine eingesäufftes Schiff / aus welchem etliche zwantzig Gallier und fünf Römer ans deutsche Ufer geschwommen waren. Diese nahm Isenburg als bald absonderlich scharff für / und brachte von ihnen durch scharffe Bedräuung diß einmüthige Bekäntnüß heraus: daß ihr des Nachts an einem im Strome liegenden Baum gestossenes Schiff eines von denen zweyhunderten wäre / welche Germanicus nach der vom Drusus zwischen dem Rheine und der Erpe gebauten Festung Novesium geschickt hätte. Isenburg forschte alsofort genau: Ob denn Germanicus nicht selbst auf den Schiffen[248] wäre? Alleine sie verneinten es; gleichwohl aber wäre im Ubischen Läger die Rede gegangen: daß er auf der Westlichen Land-Seite mit der Reiterey und grösten Macht folgen würde. Auf fernere Nachfrage: was für Volck auf den Schiffen gewest wäre; sagten die Römer zwantzig / die Gallier aber nur sechs tausend Mann aus. Daher er die Widersprechenden einander unter Augen stellte; und hiermit die Römer übersti te; welche denn auch nur gestehen musten: daß es kaum sechs tausend Kriegesleute / darunter aber nur fünff hundert Römer / das übrige nur unbewehrtes Gesindlein gewest wäre. Der Graf von Isenburg schickte hundert Tencterische Reiter mit diesen unter sie vertheilten Gefangenen / und zwar auf zehn unterschiedenen Wegen Augenblicks in höchster Eil zurücke / umb dem Hertzog Melo von allem ausführliche Nachricht zu ertheilen. Der Ritter Borckeloh traff den Hertzog mit dem gantzen Heere nur eine Meile zurück an: welcher alsobald aus allen Umbständen urtheilte: daß ihm der schlaue Tiberius eines angebunden hätte. Diesemnach ließ er allein den Grafen von Mörß mit fünf hundert Usipetischen Reitern und drey tausend Fuß-Knechten dem Grafen von Isenburg folgen / welcher mit der halben Macht an der Wipper / der Graf von Mörß aber zwischen dem Rheine und dem Düssel-Strome den Feind beobachten solte. Sein übriges gantzes Heer aber muste auf dem Fusse umbkehren; und weil ihm nichts guts ahnete /gieng er mit sechs tausend am besten berittenen Sicambern und Tencterern vor an / erhielt auch in einer halben Stunde von des Germanicus Anfalle / bald darauf von Stürmung des Berges Rhetico / und ie näher er kam / von dem heissen Bade des Hertzogen Ganasch und seiner Chautzen ie gefährlichere Nachrichten. Die Noth gab denen Deutschen so wohl als die Sporne den Pferden gleichsam Flügel: daß Melo in vier Stunden / ungeachtet des rauen Weges / an den Sieg-Strom kam / als die Noth recht an Mann kommen war. Denn nachdem der Graf von Spiegelberg sechs Stunden lang mit unglaublicher Tapferkeit den Cajus Centronius / der Graf von Schauenburg den Mennius aufgehalten hatte; ward dieser endlich /nachdem er über zwantzig Wunden bekommen / ohnmächtig aus der Schlacht geführet; jener aber von den Römern umbringt; und weil sein siebendes Pferd mit ihm fiel / fast mit unzehlbaren Wunden getödtet. Der Graf von Teckelnburg / welcher zeither Wunderwercke gethan hatte / ward hierdurch gezwungen mit seinem Fuß-Volcke sich von dem freyen Strome an einen brüchichten Pusch zu ziehen / umb von der Römischen Reiterey nicht zertreten zu werden. Hiermit kriegte Germanicus Lufft an diesem Orte wohl mit zehn tausend Kriegsleuten über dem Sieg-Strom festen Fuß / und sie darmit in eine richtige Schlacht-Ordnung zu stellen. Hertzog Ganasch / welcher als ein vollkommener Feldherr nirgends beständig blieb /sondern stets für seinen Stand erwehlte / wo die Gefahr am grösten war / auch darüber schon drey blutige Ehren-Maale beko en / und 4. Pferde eingebüßt hatte / verlohr hierdurch zwar ein Stücke des Ufers / aber nichts von seinem Muthe und Vorsicht. Er gebrauchte sich gegen diesen starcken Feind des gegen über liegenden Sumpfes zum Vortheil; und stellte auf der einen festen Seite dem Germanicus den Grafen von Delmenhorst mit der Chauzischen und Chamavischen Reiterey / und den Ritter Arenberg mit zwey tausend noch zum Hinterhalte verbliebenen Bructerern zu Fusse / auf der andern Seite aber sich selbst mit tausend Chauzischen Reitern entgegen; welchem ein junger Graf Nassau mit tausend Chauzen zu Fusse treulich an der Hand stand. Graf Günther von Oldenburg und der von Teckelnburg musten inzwischen oben und unten mit den Bructerern / Marsen und Friesen den Strom[249] vertheidigen. Ob nun gleich die Römer denen nunmehr über acht Stunden von unaufhörlichem Fechten abgematteten Deutschen mit steter Abwechselung frischen Volckes auf alle ersinnliche Art zusetzten / und einem Manne zehn und mehr entgegen zu stellen hatten / fochten doch die Deutschen so hartnäckicht / als wenn keiner unter ihnen bey empfangenden Wunden eine Fühle / ieder aber einen geschwornen Tod-Feind für sich hätte. Die Römer beseelte des geistigen Germanicus Anführung; welchem sie zu Liebe auch in den offenen Rachen des Todes begierig gerennet wären / und die ungezweifelte Einbildung des Sieges. Die Deutschen aber hielt die Liebe des Vaterlandes / die Furcht für der durch einen so bitteren Vorschmack schon gekosteten Dienstbarkeit / und der sonst ins gemein zur Trennung Anlaß gebende Unterschied der Völcker als eine Kette beysammen. Denn ieder Sicambrer / Bructerer / Friese /Chauce / Chamaver bildete ihm ein: daß es / wenn er flüchtig würde / umb die Ehre seines gantzen Volckes geschehẽ wäre. Alleine / endlich muß auch Stahl springen / Ertzt schmeltzen / Palmen liegen und Felsen zerbersten. Hertzog Ganasch / welcher gleichsam in alle Lücken trat / kriegte so viel Wunden: daß er sich mit Noth mehr auf dem Pferde erhalten konte; daher führte ihn ein Theil seiner hundert zur Leibwache erkieseten Ritter / wiewohl in steten Ohnmachten der Festung Siegsburg zu. Graf Dietrich von Oldenburg der Führer seiner Leibwache aber verwechselte vorher mit dem gleichsam im Blute schwimmenden Hertzoge Ganasch Helm und Schild / und vertrat mit einer so grossen Hertzhaftigkeit / gleich als wenn er zu seinem eigenen nun auch dieses grossen Helden Fürsten-Hertze in seine Brust bekommen hätte / des Hertzogs Stelle: daß wenig Deutsche / und kein Feind des Fürsten Ganasch Ohnmacht und Abzug gewahr wurden. Ob nun wohl diese Lücke ergäntzt war /sprang doch durch des Grafen von Delmenhorst Tod ein ander / und durch des von Teckelnburg gefährliche Verwundung das dritte Glied dieser festen Verfassungs-Kette; also: daß dort die Chaucen uñ Chamaven schon in Unordnung geriethen; hier aber Censorinus mit drey tausend Römern einen neuen Stand über dem Sieg-Strome erhielt. Alles wäre nunmehr sonder Zweifel bund über Ecke gegangen / wenn nicht im Rücken des Römischen Heeres sich ein neues Krieges-Geräusche erregt / und den Germanicus / welcher mit seiner Gegenwart gleichsam als eine irrdische Sonne alle Römer lebhafft machte / daselbsthin gezogen hätte. Nichts desto weniger verärgerte sich der Deutschen Zustand immer mehr. Die keckesten Helden von der Chaucischen und Friesischen Ritterschafft waren todt oder durch Verwundung zum Fechten unfähig gemacht; die übrigen entkräfftete die Müdigkeit; also daß sie mehr aus Verzweifelung als Hoffnung was tüchtiges mehr zu verrichten Stand hielten. Bey diesem betrübten Ungewitter gieng denen zum Sterben schon gantz versteckten Deutschen durch die Ankunfft des Hertzogs Melo unvermuthet eine Sonne auf. Er erkündigte sich in Eil von etlichen Deutschen umb die Beschaffenheit des Nothstandes; und weil die vor Müdigkeit Schläge-bäuchenden Pferde ohne diß etliche Augenblicke verblasen musten /redete er die Seinigen an: Ihr ehrlichen und tapfern Sicambrer und Tencterer! nunmehr habt ihr Gelegenheit euch an eurem Tod-Feinde dem Tiberius zu rächen: daß er euch in seinem Uberfalle arglistig hintergangen / ein gutes Theil eurer Brüder des süssen Vaterlandes beraubet; und aus Mißgunst eurer Tapferkeit sie über den Rhein in Gallien geschleppt hat / gleich als wenn selbiger Himmel eben so streitbare Völcker weibisch / als der Africanische weisse Menschen schwartz zu machen fähig wäre. Zwar Tiberius selbst ist nicht hier / aber sein angenommener Sohn Germanicus. Glaubt aber: daß eigene Beschädigungen denen Vätern nur auf dem verletzten Gliede weh thun / die Wunden der[250] Kinder aber durch Marck und Bein gehen. Hingegen erinnert euch eurer Väter Bindnüsse und Tugend; welche dem Käyser Julius mehrmals heiß gemacht / und euerer eigenen; die ihr bey Aufreibung des Marens Lollius und anderer Römischen Kriegs-Obersten schon so viel mal bewehrt habt. Ihr edlen Tencterer /die ihr auf den Pferden erzogen / und euer Lebtage mehr auff Sätteln / als anderwerts gesessen seyd / zeiget nunmehr den hochmüthigen Römern / daß wie Catten und Sicambrer zu Fusse: also die Tencterer zu Rosse es allen Völckern in der Welt zuvor thun. Machet das wölffische Rom mit der Eitelkeit seines Frolockens durch eure heutige Thaten zu schanden / welches bey des Tiberius Siegs-Gepränge mit diesem Getichte heuchelte: Julius hätte zwar die Sicambrer /Usipeter und Tencterer gezüchtiget / Tiberius aber das gantze Volck der Sicambrer mit seiner gantzen Wurtzel ausgehauen / die Usipeter zu Leibeigenen / die Tencterer zu Zins-Bauern gemacht. Allein es ist hier nicht nur umb Ruhm und Rache / sondern wie es euch der Augenschein weiset / umb eure Wohlfarth / ja umb etwas zu thun / was ihr dieser billich noch vorzieht / nemlich umb die Freyheit. Ihr streitet nicht nur umb diese nothleidende Bunds-Genossen / sondern für euch selbst / eure Ehgatten und Kinder; welche ihr als Zeugen eures Wohlverhaltens auff den nechsten Hügeln euch mit greulichem Geschrey nichts minder zu ihrẽ Erbarmnüß / als zu hertzhaffter Schlacht aufmuntern höret. Die Niederlage des Varus dienet euch zu einem unverwerfflichen Zeugnüsse: daß an der Römischen Unüberwindligkeit nicht so viel Wesen als Geschrey / dieses aber ein allzu stumpfes Gewehre gegen behertzte Deutschen sey. Die wenigen Chaucen und die Handvoll Friesen haben des Germanicus gantzer Macht 8. gantzer Stunden die Stange gebothen; wie soll denn diese nach ihrer Abmergelung euch und denen euch auf der Ferse folgenden Kriegsvölckern die Wage halten? Germanicus ist seiner Tapferkeit halber zwar berühmt; aber er hat hier nicht mit Pañoniern / sondern mit Deutschẽ zu thun / mit derer Kräfften er sich noch nicht geeichtet hat. Zu dem ist er mehr nicht als ein Mensch / gegen den das veränderliche Glücke in Dalmatien geliebäugelt / sich aber mit ihm nie vermählt hat. Den heutigen Tag könnet ihr der Römischen Ehrsucht ein Ziel / Deutschlande eine Gräntze über den Rhein / und eurem Nachruhme über alle Ende der Erden und Zeit ausstecken. Wenn wir aber auch schon zu allem dem uns keine Hoffnung zu machen kämen / so stehen wir schon hier / und die Noth ist bereit an den Mann kommen. Darumb bitte ich euch / umb der Liebe eures Vaterlands halber / bezeuget euch in der That als Männer. Gehe du / Graf von Stirum / mit 1000. Tencterern / und treib den Censorin über den Strom. Du / Graf Steinfurth / beobachte mit so viel Usipetern den Strom / wo wegen unser Schwäche noch nirgends einige Gefahr sich ereignen möchte. Dencket / wie ihr den von euren Ahnen auf euch gestammeten Ruhm mit des Volckes Freyheit auch auff die Nachkommen fortpflantzet. Der Tod scheuet sich für denen / die ihn verachten / er tritt keinem Behertzten auf die Zehen / sondern nur den Furchtsamen in die Fersen. Ich wil den Germanicus heute über den Sieg-Strom treiben / solte ihm gleich meine Leiche zum Steige dienen. Und ich werde mit iedem vergnügt seyn / der heute mich ihm zum Beyspiele der Tapferkeit / oder zur Rechtfertigung seiner Zagheit erkiesen wird. Wiewol die Pferde noch alle von Schweiß raucheten / ward den Deutschen doch des Hertzogs Melo Rede / entweder aus Begierde der Rache / oder den Nothleidenden zu helffen zu lang; oder sie nahmen solche für ein ihnen verkleinerliches Mißtrauen auf; gleich als wenn sie für sich selbsten nicht Hertze genung zu fechten / und Hoffnung zu überwinden hätten. Daher hatte Melo noch das letzte Wort auf der Zunge / als der Graf von Stirum und Steinfurth spornstreichs[251] an ihre besti ten Orte rennten. Melo aber eilte mit seinen vier tausend Reitern /welches alles Sicambrische und Tencterische Ritter oder Edelleute waren / dem härtesten Stande zu; wo der Graf von Oldenburg mehr keinen Athem / wenig Blut / ja nicht einen unverwundeten Soldaten / gleichwohl aber noch das Hertze hatte zwölff tausend Römern durch Hülffe des vortheilhaften Ortes die Stirne zu bieten. Als Melo nun an dem war: daß er treffen solte / sahe er selbst seinen Schild / und darauff das zum Andencken seiner eingebüsseten Tochter erwehlte Sinnen-Bild eines wütenden Löwen an / welcher einen Bär entfleischte / der ihm seine Jungen entführt hatte / umb dardurch gleichsam seine Rach-Waffen zu schärffen. Er band selbst mit dem Lucius Apronius /der die Römische Reiterey führte / an; und ließ den Grafen von Lingen und Ravensberg mit zwey tausend Pferden in die erste Legion einbrechen. Weil nun Melo in seinem Kampfe an der Geschwindigkeit den Blitz / an Stärcke einen rechten Löwen abbildete /und so wohl Sicambrer als Tencterer ihr äuserstes /und ihrem großmüthigen Führer alles nachthaten / ereignete sich alsbald: daß diß / was Fürsten eigenhändig ausführen / alleine den Nahmen eines rechten Krieges verdiene / der Feld-Obersten Thaten aber nur Kurtzweil und Schatten des Krieges seyn; und daß unter jenen hundert Edelleute mehr / als unter diesen tausend umb Sold dienende Kriegsleute ausrichten. Derogestalt warffen sie in weniger Zeit die Römische Reiterey über einen Hauffen. Ravensberg und Lingen hatten inzwischen in einen sauern Apfel zu beissen. Denn Cajus Narbonus stellte an die Spitzen beyder Hörner / wo seine Legion alleine angegriffen werden konte / die auserlesensten und ältesten Kriegs-Knechte / und zwar die Glieder achtfach / und die Mannschafft so dichte an einander: daß es schien / als ob man wegen der vereinbarten Schilde acht eiserne Mauern / und wegen vorragender Spiesse einen stählernen Igel zu stürmen hätte. Nichts desto weniger trennten beyde Helden diese geharnschte Schlacht Ordnung. Die müden und lechsenden Chautzen und Friesen schöpften hiermit wieder Athem / und da sie vorher lange nur die Streiche abzuwenden getrachtet /schlugen sie ietzt wieder auf die Feinde frisch loß. Germanicus kam gleich zurücke / und fand die Reiterey in der Flucht / das Fuß-Volck verwirret: und vom Censorin kriegte er gleichfalls Nachricht: Die Tencterische Reiterey sätzte ihm so harte zu: daß wo man ihn nicht mit genungsamer Reiterey entsetzte /würde er mit grossem Verlust über den Strom zurücke weichen müssen. Wie nun Germanicus diesem tausend Thracische und noch einmal so viel Gallische Reiterey zuordnete; also setzte er selbst seine aus lauter edlen Römern bestehende Leibwache und die Reiterey der siebenden Legion dem Hertzoge Melo / als den Kern seines Volckes entgegen: Die Tencterer aber bewehrten durch ihre unglaubliche Geschwindigkeit /und zugleich bley-schweren Nachdruck / als zwey selten vereinbarte Eigenschafften im Kämpfen: daß ihre Feinde nur unter den Römern / die Tencterer aber in der gantzen Welt der Kern streitbarer Reiter wären; und weder die Parthen noch Thessalier / welche letztere doch das Gefechte zu Pferde erfunden haben sollen / ihnen das Wasser reichten. Massen es denn nicht nur einer mit zwey Römern gern annahm / sondern auch ihnen übermässig gewachsen war. Uber diß brauchte sich der erfahrne Melo hier dieses Vortheils: daß er zwischen 3. Reiter allezeit einen Chamaver oder Friesen zu Fusse einspickte / welche von unten zu den Römischen Pferden oder Reitern gleichsam unvermerckt die kurtzen Degen in Leib stiessen / oder sie mit den Schenckeln von Pferden riessen. Daher denn auch diese Römische Reiterey bey Zeite ins Gedrange kam; und ihrẽ Führer Marcus Sylla vom starcken Hertzoge Melo selbst der[252] Kopf durch ein Schlacht-Schwerdt zerspaltet ward. Mit dem Kopfe dieses ihres Hauptes entfiel den Römern gleichfals das Hertz / sonderlich da Stirum und Steinfurt auch als zwey Mauer-Böcke die erste Legion derogestalt durchlöcherte: daß der verwundete Norban / ungeachtet des ihm nach und nach entsetzenden frischen Fuß-Volckes selbte schwerlich mehr beysa en erhalten konte. Hertzog Melo fieng nach Erlegung des Sylla in seinen holen Schild grausam an zu schreyen: daß die Erde bebte; welchem alle Deutschen es nachthäten /und dardurch denen Römern gleichsam andräuten: daß itzt allererst die Schlacht recht angehen solte. Als Melo auch den Germanicus von ferne aus seinem Purpur-Rocke / und dreyen einer Ellen langen und schnee-weissen Strauß-Federn erblickte / welche er nach Art des grossen Alexanders führte / ruffte er in Lateinischer Sprache überlaut: Wo denn der Römische Feldherr wäre? Ob er kein Hertz hätte mit ihm alleine anzubinden? oder ob es bey den Römern eine Ehre oder Tugend wäre hinter dem letzten Gliede /und außer aller Gefahr des Geschosses zu stehen? Der nicht allzu weit entfernte Germanicus hörte diese Ausforderung nicht ohne Gemüths-Kränckung / aber es war ihm nun nicht so wol umb ferneres Kämpffen /als umb eine ehrliche Zurückziehung zu thun. Denn nach dem er den Hertzog Melo aus seinem aus dem Helme und im Schilde befindlichen rothen Löwen erkennte / war ihm seine so geschwinde Rückkunfft bald sehr bedencklich. Uberdis hatten etliche Usipeter unter dem Graf Steinfurth über den Sieg-Strom gesetzt / umb die eigentliche Beschaffenheit des auf der andern Seite noch immer währenden Gefechtes zu erforschen / von denen aber zwey gefangen / und dem Germanicus zugebracht wurden. Als diese nun aufrichtig heraus sagten: daß das gantze Krieges-Heer des Melo in vollem Anzuge wäre / auch allem Vermuthen nach nicht mehr weit entfernet seyn könte. Die Warheit dieser Aussage bekräftigte die Nachricht etlicher auf überaus hohe Pappeln gestiegener Römer; welche über die nechsten Hügel etliche Geschwader Reiter anziehen sahen / und aus dem von den Thälern aufsteigenden Staube eines grossen Volckes Annäherung besorgten. Wormit nun Germanicus / ohne die Seinigen kleinmüthig zu machen / oder gar in die Schande einer offenbaren Flucht einzufallen / sein über dem Sieg-Strome stehendes / und bey Ankunfft mehrer Deutschen sonder Zweifel gar verlohrnes Volck desto füglicher zurück ziehen möchte / ließ er die gantze siebende Legion weiter gegen den Rhein hinab / alle Thracier / Gallier / Pannonier und andere Hülfs-Völcker weiter hinauf rücken / und allenthalben scheinbare Anstalt zum Ubersetzen machen; also: daß so wol Graf Steinfurt / als die Thracischen und Juhonischen Kriegs-Obersten vom Melo Hülffe begehrten. Wie nun dieser den Grafen von Ravensberg und den Ritter Homberg mit zwölf-hundert Tencterern und Sicambern an beyde Orte abfertigte / und die erste Legion hierdurch nicht wenig Luft kriegte / zohe Norbanus das Fuß-Volck möglichst zusammen / und wich anfangs Fuß für Fuß gegen den Strom zu rücke. Aber Melo merckte alsofort das feindliche Absehen / setzte also mit mehrer Heftigkeit als jemals in des Germanicus Leibwache / und nöthigte sie in die Glieder der weichenden ersten Legion einzudringen. Hierzu kam der Graf von Bentheim mit drey tausend Sicambrischen / und der Ritter Rytberg mit tausend Tencterischen Reitern an. Dieser schlug sich zum Grafen Stirum / und jagten mit einander den Censorin mit denen ihm zukommenden Thraciern und Galliern über Hals und Kopf in den Strom / darinnen aber die Helfte ersof / nach dem ohne dis ihrer über zwey-tau send durch der Chauzen und Tencterer Schwerdter gefallen waren. Bentheim aber fiel die erste ohne dis schon verwirrte[253] Legion an / welche hierüber in offentliche Flucht gerieth / und jedermann sich nur über den Fluß zu retten bemüht war. Welches alles der am Ufer mit blanckem Degen aber voller Unmuth haltende Germanicus nicht verwehren konte / sondern dem Unglücke und den furchtsamen Römern nur ihren Lauff lassen / und nach dem er sonst bey der schmalen Schif- und Flössen-Brücke von dem Gedränge der Flüchtigen / welche keine Augen / und daher auch gegen ihre Oberherren wenig Ehrerbietung haben / erdrückt / oder ins Wasser gestossen worden wäre / nur sich auch zurücke ziehen; so bald nur der güldene Adler gerettet war; ob wol das Pferd / der Wolf / der Minotaurus / der Elefant / und viel andere Römische /wie auch anderer frembder Hülfs-Völcker Kriegs-Zeichen im Stiche blieben. Wie großmüthig Germanicus gleich war / und wie vernünftig er sonst hinter dem Berge zu halten wuste; so ward er doch über so schädlicher Mißlingung seines so gewiß eingebildeten Anschlages derogestalt ungeduldig: daß er die auf seinen Befehl abgenommene und ihm eingehändigte Blut-Fahn in den Siege-Strom warf / mit beygesetzten Worten: Wie mögen wir Römer an dem Strome einigen Stern und Glück haben / dessen Schutz-Götter Varus mit so schwartzem Laster unversöhnlich ge macht hat! Uber welchem Eyver sich so viel weniger zu wundern / weil das Glücke / welches in Kriegen und Schlachten oft auch der Tugend zu Kopfe wächst / gleichsam dem Germanicus Zeither in allem Fürnehmen zum Tantze gespielet hatte. Denen des Sieges gewohnten Helden aber füget der Krebsgang des Glückes / wie die Sonne / wenn sie in Krebs tritt / denen Schlangen die empfindlichste Pein an. Ja die Augen giengen dem großmüthigen Germanicus über / als am Ufer auf einer Höhe die Römer von Sicambern / Tencterern / insonderheit aber von denen Chauzen / welche unbeleidigt die friedlichsten und vergnüglichsten /nach ihrer Reitzung aber die grimmigsten und verbittersten Leute in der Welt sind / wie das Vieh abschlachten / und die dem Feinde entronnenen meist in dem Sieg-Strome ersauffen sah / welcher sich theils von dem aus dem Gebürge abschüssenden Regen-Wasser / theils von vielen Leichen / Flößen und Bäumen seit dem Morgen einer Ellen hoch aufgeschwellt hatte; die Brücken und andere zur ordentlichen Uberkunfft tüchtige Wege aber zerbrochen wurden. Also sind der Helden Hertzen ebenfals fleischern /und ihre Augen wäßricht / daß sie zerflüssen können. Ja hartes Ertzt und fester Marmel stehen / wenn sie am kältesten sind / voller Tropfen. Bey diesem Nothstande erwieß sich Germanicus nichts desto weniger als einen klugen Feldherrn. Denn / weil das Sicambrische Heer sich i er je mehr verstärckte / und nunmehr auch das Fuß-Volck ankam / besätzte er den Strand nach Nothdurfft / und ließ anfangs allen schweren Kriegs-Zeug / hernach die Verwundeten mit grosser Sorgfalt ins Läger bringen. Hernach ließ er die Legionen / und darunter auch die Zehnde / ungeachtet sie den viel schwächern Hertzog Franck etwas gegen das Gebürge zu weichen gezwungen hatte / Fuß für Fuß sich zu rücke ziehen. Worauf denn auch die Hülfs-Völcker zu Fusse / und endlich die Reiterey folgte. Ob nun wol Hertzog Melo nicht für rathsam hielt /dem Germanicus seinen Fehler nachzuthun / nemlich den einen Strom für sich habenden Feind in seinem Vortheil anzugreiffen; so waren doch unter den Deutschen nicht wenig Wagehälse / welche entweder aus Begierde der Beute / oder aus Verbitterung überschwemmeten / und hin und wieder sich an den weichenden Feind hiengen. Nach dem aber Melo gewisse Kundschafft erhielt; daß Germanicus sich wahrhaftig in sein Läger einschlüße / ließ er alsbald die Brücken über den Strom ergäntzen; besetzte selbst / und beritt mit zwey-tausend auserlesenen Pferden noch selbigen Abend den Sieg-Strom bis an den Rhein.[254] Unterwegens aber stieß ihm sein Sohn Hertzeg Franck mit fünf-hundert Pferden auf. Melo entsetzte sich anfangs / weil seine Kleider gleichsam aus dem Blute gezogen waren; Aber Franck sprang hurtig vom Pferde / und des Vatern Steigbügel küssende / sagte: Er trieffe nur vom Blute seiner Feinde / welche ihm nur an dreyen Orten mit kleinen Schrammen zur Ader gelassen hätten. Wormit ihm mehr ein Dienst / als Schaden gethan wäre; weil er wie alle Deutschen ohne dis zu viel Blut / und es wie ihre in heissern Ländern wohnenden Feinde zu versprützen keine Furcht hätte. Melo lächelte / umbarmte und rühmte ihn: daß er ihn von nun an allererst recht für seinen Sohn und würdigen Nachfolger erkennte. Unterweges erzehlte Franck seinem Vater / wie tapfer sich Willich in der Festung / der Graf von Wied / und Sleiden / Sem / Wachtendonck /und andere Ritter in dem Gefechte der zehnden Legion gehalten / wie sie durch dieses den Chauzen / Friesen und Juhonen Luft gemacht; und als die Römische Macht allzu starck auf sie gedrungen / Sem mit seiner Reiterey das Fuß-Volck so thätig bedeckt / der Graf von Wied auch / als er seinen Zweck erreicht / und des Hertzogs Melo Ankunfft verstanden / sich / umb vom Römischen Heere nicht umbringet zu werden /gegen das Gebürge vorsichtig und ohne Verlust zurück gezogen hätte. Von sich selbst meldete er kein Wort / gleich als hätte er nichts dabey gethan; oder weil er es für genung hielt: daß er es nur gethan hatte. Diese bescheidene Verschwiegenheit war aber dem Hertzog Melo ein desto grösserer Reitz von andern hernach Hertzog Franckens Thaten Haar-klein auszuforschen. Wie er denn auch seinem Sohne und andern tapfern Helden zum Denckmale das erhaltene Schloß des Berges Rhetico Löwenberg nennen ließ. Denn er wuste wol: daß wie das Blut die Nahrung aller röthlichen; der Spann-Adern Safft aller weißlichten Theile am Menschen / also alleine solche Denckmale Zunder der Tugend / und Tachte der Tapferkeit seyn. Noch selbigen Abend war Hertzog Melo umb Verbind- und Pflegung der Verwundeten eivrigst bemühet / etliche der Fürnehmsten suchte er noch selbst heim / insonderheit die Chauzen und Friesen / welche für der Sicambrer Gebiete nicht als Hülfs-Völcker / sondern wie für eigenen Heerd und Altäre gefochten hatten. Folgenden Morgen hatte Melo schon zu Verbrennung der gebliebenen Deutschen / derer nicht für voll drey-tausend waren / etliche bekräntzte Holtzstösse aufrichten lassen. Es entstand aber auf dem Theile des Berges Rhetico / welches denen Juhonen zuständig /die Nacht vorher aus der Erde ein so heftiges Feuer /welches mit keinem Wasser auszuleschen war. Das gemeine Volck legte dis wie die Schwantz-Gestirne für eine Unglücks-Fackel; die Juhonischen Priester für was sonderlich gutes aus. Deñ die Fla en wären insgemein Wahrsagungen der Freuden / wie Ergießungen des Wassers der Traurigkeit. Also hätte die Glut der opfernden Livia den Glantz ihres Geschlechtes / dem Servius Tullus die Königliche Hoheit / den Römern einen herrlichen Sieg wider die Sabiner angekündigt. Die gegenwärtige Fla e aber hielten sie eigentlich für ein heiliges Feuer / welches die gütige Erde zu Einäscherung der fürs Vaterland so rühmlich erblichenen Leichen hervor brächte; welche für zu gemeine Glut allzu köstlich wären / wormit ihre Seelen desto geschwinder sich durch die Flügel einer kräftigen Fla e den Sternen vereinbaren könten. Weil nun niemand denen Priestern zu widersprechen sich unterstand / wurden alle deutsche vorhin gekräntzte Leichen / insonderheit aber die des Grafen von Spiegelberg und Delmenhorst / wie auch anderer auf dem Bette der Ehren erblichene und in rothe Tücher eingehüllete Leichen dahingeführet und verbrennt / und zu jedermanns grosser Verwunderung mit diesem Todten-Opfer das seltzame Feuer ausgelescht. Die Asche aber ward als ein Heiligthum in irrdenen Gefäßen in der so rühmlich verstorbenen[255] Vaterland geschickt /und an dem Orte / wo das hitzigste Treffen gewest war / ließ Hertzog Melo zum Gedächtnüsse einen grossen Hauffen von grossen Steinen sa len; wiewol die Deutschen weder in Begräbnüssen / noch Siegen sich mit eitelem Gepränge verstellen. Denn ob sie wol so wilde nicht sind: daß sie nicht die Marmel-Seulen für gläntzende Gedächtnüsse der rühmlich-Verstorbenen halten solten; so meinen sie doch: daß diese Ehren-Maale insgemein denen Lebenden zu Begräbnüssen der Tugend werden. Denn die feigen oder nachläßigen Kinder heucheln insgemein ihrem Müßiggange mit dem Schweisse ihrer Ahnen / und bilden ihnen ein: diese hätten eine solche reiche Erndte der Ehren nicht nur für sich / sondern auch für ihre Nachkommen eingesammlet: daß sie an Ansehen niemals einigen Mangel leiden könten. Alle auf beyden Wallstädten befindliche Leichen der Feinde wurden gezehlet / welche nach dem Merckmale der Kleider fünf-tausend Römer und neun-tausend Gallier / Thracier und andere Hülfs-Völcker austrugen; wiewol zum wenigsten auch ein Drittel dieser Zahl im Sieg-Strome schwamen; darein Melo vollends alle feindliche Leichen / auf welche Art in den allerältesten Zeiten die Verstorbenen bestattet wurden / werffen ließ / umb seiner in diesem Strome gebliebenen Tochter keuschem Geiste ein Opfer von zweymal sieben-tausend Menschen abzuliefern. Die allergröste Bekümmernüs aber hatte Melo umb den Hertzog Ganasch / an welchem die Wund-Aertzte sieben und zwantzig Wunden / darunter ihrer drey sehr gefährlich schienen / zu verbinden hatten; wiewol sie noch nicht alle Hofnung der Genesung fallen liessen /weil sie alle frisch und von scharffem Stahle gestochen oder gehauen / also desto heilbarer waren. Nichts destoweniger wolten sie weder den Hertzog Melo / noch sonst einigem Menschen erlauben ihn zu besuchen / wormit durch keine Regung des Gemüthes auch das Geblüte geregt / und dardurch einig Wund-Feber verursacht würde. Ob nun zwar die Sicambrer /Tencterer und Usipeter / als derer nicht die Helffte mit beym Treffen gewest / also hurtig und gleichsam aus einer Eyversucht gegen die Chauzen / Friesen und Juhonen / welche die Ehre und das Glücke gehabt / ihre Tapferkeit anzugewehren / zu schlagen begierig waren / also bis unter den Wall des Lägers rennten und die Römer ausforderten / hielt doch Germanicus die Pforten feste verschlossen. Melo ließ dis / umb das Kriegs-Volck desto behertzter zu machen / nicht allein gerne geschehen; sondern hätte auch gerne sein Heer für das Läger in Schlacht-Ordnung gestellet / uñ damit den Germanicus zum Treffen ausgefordert; wenn er nicht besorgt hätte: daß der hochverdiente Hertzog Ganasch es für verkleinerlich empfinden möchte: daß Melo über einem so wichtigen Dinge sich nicht vorher mit ihm berathen hätte. Wormit aber gleichwol der Deutschen Waffen nicht verrosteten /ließ er eine Meileweges unter der Römischen Festung Rigomach ober und unter dem Ubischen Altare über den Rhein setzen / und daselbst in der Eyl zur sichern Bedeckung etlicher tausend Kriegs-Leute eine eilfertige Versätzung von grossen höltzernen Pfälen und einen Graben machen. In die oberste setzte der Graf Löwenberg mit tausend Tencterern und so viel Juhonen / die unterste der von Lulsdorf mit zwey-tausend Sicambern zu Pferde über / welche unaufhörlich bis in die Erpe unter die Mauern der von den Ubiern dem Tiberius zu Ehren also genennten Stadt Tiberiach und Tolpia / ja bis an die Rohr gegen die Stadt Marcomach streiften / und alles / was aus Gallien dem Ubischen Altare zugeführet ward / wegnamen. Den siebenden Tag ließ Hertzog Ganasch auch wider Willen der Aertzte / welche bey diesem und gewissen andern Tagen eine in der Natur gar nicht gegründete Sorgfalt oder vielmehr Eitelkeit haben / den Hertzog Melo selbst zu sich erbitten / welcher denn jenen mit einer so hertzlichen Zuneigung umbarmte:[256] daß er ihn zugleich mit Thränen netzte / als unverfälschten Kennzeichen seiner Wehmuth über des Chauzischen Hertzogs Unpäßligkeit und seiner hertzlichen Zuneigung. Er danckte ihm für die heldenmäßige Beschirmung seiner Länder / welche alleine den Ganasch bey der Nachwelt zu verewigen / die hertzhaften Chauzen und Friesen an beyden Enden der Welt berühmt zu machen / er und Deutschland aber nimmermehr abzuschulden fähig waren. Hertzog Ganasch antwortete: Er hätte nichts als die Pflicht eines redlichen Deutschen für das allgemeine Vaterland abgestattet. Er und seine Chauzen hätten ihr Blut durch solche Verspritzung viel köstlicher gemacht / als da es in seinen Adern gewesen. Ja das Hertze / welches mit jedem Schlage einen ziemlichen Strom des in der Leber gekochten Blutes von sich stieße / und selbtes in einer steten und der Auf- und Abschwellung des Meeres gleichen Bewegung durch den gantzen Leib herumb triebe / lehrte durch diese Ausschüttung: daß alle edle Gemüther für die gemeine Erhaltung ihr Blut auszuschütten nicht karg seyn solten. Daher wäre das Geblüte nicht nur der Wagen der Seele / sondern auch der gemeinen Wolfahrt. Er wolte nunmehr gerne sterben / nach dem er ein kleiner Werckzeug eines so herrlichen Sieges wider aller Welt Feinde gewest wäre. Nun wäre ihm nichts mehr leid / als daß nicht nur er / sondern fast alle seine Chauzen mit ihren Wunden und Schwachheiten / nicht aber mit den Römern zu kämpfen hätten. Denn nichts gienge aufrichtigen Gemüthern mehr zu Hertzen / als wenn sie ihren Freunden nicht nur nichts nütze / sondern noch überlästig wären. Hülffe ihm aber GOtt wieder auf; wolte er die Uberbleibung seines Blutes denen Römischen Blut-Aegeln zu ihrem Verterben vollends gerne aufopfern / und es weder gegen andere Feinde verrauchen / noch im Müßiggange verfaulen lassen. Inzwischen aber möchte doch Melo seinen Sieg verfolgen / und über die noch Waffen zu tragen fähigen Chauzen und Friesen nach eigener Willkühr gebahren. Er hätte gerne mehr geredet / wenn es die Aertzte nicht verwehret hätten / welche dem mit wehmütiger Ehrenbezeigung Abschied nehmenden Melo berichteten: daß weil die Hirnschale bis auf das innere Dinne das Gehirne einhüllende Häutlein durchhauen wäre / er ohne desselben Erschütterung und daraus erwachsende Gefahr nicht viel reden dörfte. Seine grosse Bläße rührte von der vielen Blutstürtzung und nachgehends daher: daß das in den Hölen der Hirnschale befindliche Gefäser der kleinen Adern sich von den gewaltsamen Streichen gantz verstopft hätte; aus derer Eröfnung das Antlitz allein seine Röthe schöpfte. Unter diesen Aertzten war einer / der einẽ schon für vierzehn Tagen derogestalt von seinen Wunden verschwollenen Edelmann heilete / daß ihm durch den Mund nur einen einigen Tropfen Nahrung beyzubringen unmöglich war. Dieser führte den sorgfältigen Fürsten Melo in das Gemach dieses Krancken / und flößte ihm durch ein silbernes Röhrlein einen nährenden Safft in die auf gewisse Art gebundene und geritzte Ader / mit Betheuerung: daß er von dieser seltzamen Speise schon so viel Tage lebte; er ihn auch / bis sich die Schwulst gesetzt haben würde / durch dis Mittel so wol zu erhalten getraute / als er ihm in den Adern ebener maßen die Artzney beybrächte. Nach Mitternacht ließ Melo sehr früh seine gantze Macht gegen des Germanicus Läger rücken; also daß sie bey anbrechendem Tage schon in dem Gesichte des Feindes stand. Weil sich aber niemand darinnen rührte / schickte der Hertzog einen Heerold an die Pforte / welcher hinein ruffte: Weil die Römer zu keinem Ende irgendswohin kämen / als Blutstürtzungen auszuüben / und frembdes Gut ihnen zuzueignen / gäbe es nunmehr Gelegenheit beydes ohne Müh auszurichten. Hertzog Melo hätte sich zu dem Ende genähert / wormit er den[257] Römern die beschwerliche Müh über den Strom zu setzen ersparte. Germanicus aber hielt keines Weges für rathsam sein Heer / bey welchem von vorigem Verluste die Kleinmuth noch nicht verraucht war / denen von vorigem Siege hertzhafteren Deutschen entgegen zu stellen / befahl also über den Wall dem Herolde zuzuruffen: Er solte zurücke kehren / oder man würde ihm Füsse machen / seinem Hertzoge aber sagen: die Römer pflegten zu schlagen / wenn ihr Feldherr nicht ihr Feind solches für gut ansähe. Unterdessen war Germanicus / welcher wol wuste: daß das Kriegs-Glücke mehr am Ansehn / als an Kräfften der Waffen hienge / nicht wenig bekümmert. Denn ob zwar ein Feldherr umb desto behutsamer zu verfahren / allezeit das schlimste besorgen soll / so ist doch nichts schädlichers / als wenn er seine Furcht mercken / oder seine Schwäche sehen läst. Wie er nun durchgehends zufällige Sachen ihm wol zu nütze zu machen wuste; also diente ihm dismal zu Verhüllung seiner Furcht sehr wol: daß dis eben der zu Rom als schwartz angemerckte Tag war / an welchem die Römer bey dem Flusse Allia aufs Haupt erleget worden waren. Auf welche Erinnerung denn alle eine Abscheu das geringste zu beginnen bekamen / und des vorsichtigen Germanicus Gemüthsmäßigung nicht genung zu rühmen wusten. Sintemal die Römer diesen Tag / als an welchem eben so wol die drey-hundert Fabier in Hetrurien umbkommen / für unglücklicher hielten / als da Rom selbst vom Brennus eingenommen ward. Melo führte gegen Mittage sein Heer zwar ab / es gieng aber von der Zeit keine Stunde vorbey / da nicht die Deutschen bis unter den Wall streifften / und den Römern als Lagerhüttern / in Löchern steckenden Dachsen / furchtsamẽ Maulwürffen mit den schimpflichsten Worten zurufften; also daß die Römer so wol hierüber / als weil der Graf Löwenburg und Lulsdorff / welche Melo diese Tage noch mit vier-tausend Sicambern verstärckt hatte / auf der Gallier Seite täglich viel Wagen plünderten / Römer und Gallier gefangen namen /Tiberiach des Nachts überfallen und verbrennt hatten / ungeduldig wurden / Germanicus aber der Reiterey einige Ausfälle verlauben / und dardurch seinen grössern Kummer verhüllen muste. Sintemal er selbige Nacht aus des Tiberius eigenem Schreiben den ihm von den Deutschen versetzten Streich und des Tiberius Zurückweichung erfahren hatte. Als aber Melo die Römer sich wieder regen sah / stellte er den vierdten Tag sich abermal gegen das Lager in Schlacht-Ordnung; Germanicus befahl auch: daß sein gantzes Heer sich wafnen solte. An statt aber / daß dis die Eröfnung der Pforten / und das Zeichen der Schlacht erwartete / muste es sich auf dem Platze des Lägers umb des Germanicus sein Zelt stellen; welcher selbtem einhielt: Die unzeitige Begierde zu fechten wäre so wol in einem Kriegs-Volcke / als übermäßiger Durst im Menschen eine Anzeigung der Kranckheit; ihre gegenwärtige Lüsternheit aber ihm gar eine Wahrsagung grossen Unglücks. Denn es träffe sich allemal: daß ihre Haut sie am meisten juckte / wenn das Verhängnüs alle böse Sternen wider sie gerüstet hätte. Gegenwärtiger wäre abermals eben der Unglücks-Tag / an dem die vom Brennus geschlagenen Römer sich in den zwischen der Tiber und der Salarischen Strasse gelegenen Heyn hätten flüchten müssen. Die Aertzte und Schif-Leute unterscheideten mit grosser Sorgfalt / jene wenn sie Artzney eingeben /diese / wenn sie die Ancker aufheben / die Seegel ausspannen. Solte nun ein Feldherr nicht die Zeiten prüfen / sondern alles blind hinein wagen / da an ihm doch das allgemeine Heil hienge? die klugen Egyptier hätten dis Geheimnüs zu erst ergründet: daß nicht alle Tage gleich wären. Von ihnen hätten die Griechen ihre widrige Tage kennen gelernt / und zu Rom nehme man im ersten und neundten Tage des Monats auch nicht geringe Sachen[258] gerne für. Uberdis führten auch gewisse Oerter den Unstern / wie unterschiedene Kräuter giftige Eigenschafften / und das Drachen-Gestirne schädliche Einflüsse mit sich; so gar: daß des grossen Alexanders Tod gleichsam an einem gewissen Ort angenagelt worden. Dem in Italien allezeit siegenden Hannibal wäre das den Scipionen jedesmals glückliche Lybien allezeit sein Fall-Brett / und der Fluß Libyssus zu seinem Begräbnüsse versehen gewest. Keine andere Beschaffenheit hätte es mit dem nahen Siege-Strome. An diesem hätte sich des Quintilius Varus Niederlage angesponnen. An diesem hätte ihm das Verhängnüs ein so saueres Gesichte / als nirgends gemacht / also daß er ihm mehr als der Fluß Trebia und Aufidus verdächtig wäre. Und welch Römer wolte ihm bey dem Strome noch viel Glücke wahrsagen / der für die Deutschen den Nahmen des Sieges mit sich führte? Die Nahmen der Oerter hätten so wol / als die der Menschen geheime Bedeutungen in sich. Wie Tantalus und Pentheus jederzeit bey den Griechen für unglücklich gehalten / und vom Cinna an / alle Julier / die Cajus geheissen / erschlagen worden; also würde dem Acherusischen Wasser so wol in Bithynien und Epirius für einen Strich gehalten / wo der Tod mehr Bothmäßigkeit als anderwerts hätte / als es in Italien nach der Götter Weissagung des Moloßischen Königs Alexanders Sterbens-Ziel seyn müssen. Dahero Plato und Pythagoras der Meinung gewest wären: daß die höchste Weißheit von Anfang allen Dingen einen mit ihrer innerlichen Eigenschafft übereinstimmenden Nahmen gegeben hätte. Fürnemlich fussete selbst das Römische Kriegs-Volck hierauf /welches bey derselben Auskiesung genau Acht hätte; daß der zum ersten in die Rolle gebrachte Soldat einen auf was gutes deutenden Nahmen führte. Diesemnach wäre er entschlossen / mit dem Orte auch ihrer aller Glück zu verändern; und sie solten nur gleich ihr Krieges-Geräthe aufbinden / und geraden Weges über die Ubische Brücke ihren Zug nehmen. Wie denn auch die zehnde Legion schon damit fertig stand / und auf unverwendetem Fusse sich zu dem Heiligthume wendete / wo ihr güldener Adler verwahret war / selbten heraus nam / und darmit über den Rhein rückte. Alle andere folgten gleichergestalt dem Befehle des Germanicus / und ließ er des Abends allererst das verlassene Lager anzünden. Alleine Melo hatte bald nach Mittages aus dem Schlosse Wolckenberg / daraus etliche ihnen die Augen mit gewisser Salbe schärffende Juhoner das Läger und die Ubische Brücke genau übersehen konten / von dem Abzuge der Römer Wind kriegt / also dem Hertzog Franck befohlen / oberhalb des Berges Rhetico mit aller Macht bey Tag und Nacht überzusetzen. Denn weil er vom Feldherrn Herrmann Nachricht erhielt: daß Tiberius gleichergestalt den Kürtzern gezogen hätte / muthmassete er / und zwar nicht ausser Grunde: daß Germanicus mit dem Tiberius sein Heer vereinbaren wolte. Melo folgte auch seinem Sohne noch selbigen Abend über den Rhein / nach dem er vorher an dem Sieg-Strome und dem Sieben-Gebürge gute Anstalt gemacht / wie auch an den Grafen von Isenburg Nachricht von der Römer Rückzuge gegeben hatte. Folgenden Morgen standen unterhalb Rigomach schon sieben-tausend Reiter und zwölf-tausend Fuß-Knechte über dem Rheine. Mit dem Tage zeigte sich von drey-tausend wolberittenen Galliern des Germanicus Vordrab / welchem der hinter einem Berge verdeckte Löwenburg mit fünf-hundert Tencterern in die Seite fiel / der Graf von Sem aber mit fünf-hundert Juhonen die Stirne bot. Ob nun wol die fördersten Gallier zur Gegenwehr schritten / so waren doch die letztern bey vernommenem Geschrey durch kein Ermahnen ihrer Haupt-Leute zu erhalten: daß sie / wie ins gemein bey denẽ in ihrem Zuge unversehens angegrieffenen Heeren zu geschehen pfleget / als die fernesten von der Gefahr ihre Ordnung treñten / und ihr Heil in der Flucht suchten. Sie[259] sahen sich auch nicht ehe umb / als bis ihnen zwey-tausend Thracier in Weg kamen / denen sie die Post von einem hinter dem Berge stehenden grossen Heere der Deutschen brachten / und solches fernerweit an Germanicus wissen liessen; weil dieser ihm nicht wol einbilden konte /hielte er es für eine alles vermehrende Einbildung der Furcht / welche aber dismal zufälliger Weise die Warheit berichtete. Er gab daher auf diese Nachricht zur Antwort: die Deutschen hätten ja keine Flügel. Die flüchtigen und zum theil verwundeten. Gallier bestätigten es aber nicht allein / sondern die auf die nechste Höhe sich ziehende Thracier liessen den Germanicus wissen: daß der Deutschen Reiter / welche die Gallier geschlagen / zwar über tausend zu seyn nicht schienen; man sähe aber an selbiger Höhe an einer Bach ein grosses Heer in Bereitschafft stehen; welches noch immer mit mehrerm vom Rheine kommendem Volcke verstärkt würde. Als Germanicus dessen vergewissert ward / wendete er seinen Zug gerade umb / und ließ zwey-tausend Thracier / noch so viel Pannonier / und tausend Römer zu Pferde wechselsweise den Nachzug halten; welchen aber die drey Tage / als das Römische Heer bis nach Novesium an die Erpe ankam / die deutsche Reiterey unaufhörlich in Eisen lag / und keinen geringen Abbruch that. Germanicus schlug sein Lager zwischen den Armen der Erpe und des Rheines unter der vom Drusus gebauten Festung Novesium; welchem Hertzog Melo mit seinem gantzen Heere bis an selbigen Fluß folgte. Nach dem aber die Römer daselbst eine Brücke zu schlagen anfiengen / und bey den Usipetern einzufallen dräuten / ließ Hertzog Melo den Fürsten Franck mit zwölftausend Mann übersetzen / und mit dem Grafen von Isenburg / zu welchem Ingviomers Sohn Bojocal mit acht-tausend Bructerern gestossen war / sich vereinbaren. Germanicus welcher entweder über den Rhein zu setzen sich nicht getraute / oder auch nur die Deutschen dardurch zu verführen /und seinem eigenen Heere einen blauen Dunst für die Augen zu machen vorhatte / ließ über der Brücke schläfrig arbeiten / ehe sichs aber einiger Mensch versahe / in der Nacht die Brücke zerreißen / die Schiffe mit Fuß-Volcke beladen / und Strom-ab zu der vom Drusus gleichfals erbauten Festung Gelduba führen. Maßen denn auch Norbanus zu Lande mit der ersten Legion / Apronius mit tausend Reitern / wie auch fast alle Gallier und Pannonier nach Gelduba folgten. Germanicus hingegen hielt sich in und umb Novesium mit dem besten Theile seines Heeres gantz enge und eingeschlossen beysa en; also daß / nach dem Melo erfuhr: daß die Römer zu Gelduba nicht allein eivrig an der Brücke bauten / sondern auch gegen über in der Usipeter Gebiete eine Schantze aufgeworffen /und ein Lager ausgesteckt hätten / er in Meinung /Germanicus stünde mit seiner gantzen Macht bey Gelduba / eilends über die Erpe setzte und auf Gelduba zueilete. So bald Germanicus von Aschenburg Nachricht erhielt: daß Melo daselbst vorbey wäre / brach er von Stund an zu Novesium mit zweyen Legionen /und allen bey sich behaltenen Hülfs-Völckern auf /und zohe gerade gegen der Mosel zu umb den ziem lich ins Gedrange gebrachten Tiberius zu entsetzen. Melo erfuhr dis allererst den dritten Tag; und weil er den Germanicus nicht einzuholen getraute / Norbanus aber sein Volck in Gelduba / und die von eitel daselbst gegrabenen Steinen für sieben und zwantzig Jahren gebaute Haupt-Festung des Drusus / welche das alte Läger geneñet ward / vertheilt hatte / hielt er ihm für nichts anständiger / als den Rhein von seinen Fesseln zu erledigen. Diesemnach schickte er seinen Sohn dem Fürsten Franck mit zwölf-tausend auserlesenen Sicambrern / Tencterern / Bructerern und Juhonen zu Rosse auf der Ost-Seite des Rheines denen Cheruskern und Catten zu Hülffe. Sechs-tausend ließ er zwischen der Mosel und Maas in Gallien streiffen; er aber selbst rückte für die von Römern befestigte Stadt Aschenburg.[260] Dieser setzte er auch mit solchem Ernste zu: daß die Belägerten sich den dritten Tag der Willkühr des Uberwinders unterwarffen. Melo schickte die darinnen bekommenen fünf hundert Römer als Kriegs-Gefangene nach Siegodunum; denen Galliern aber gab er nach abgelegtem Eydẽ: daß sie nicht mehr gegen die Deutschen fechten wolten / die Freyheit. Die Einwohner empfingen den Hertzog Melo mit vielen Freuden-Zeichen und unterschiedenen Sieges-Bogen; entweder weil sie der Römischen Dienstbarkeit überdrüssig waren; oder weil iedermann den Siegern die Hände unterlegt / und gegen Uberwundene eine Gramschaft zeiget. Niemand aber hatte sich in Aschenburg besser angegrieffen / als die Griechischen Weltweisen / welche in einer prächtigen Ehren-Pforte so wohl ihre Tieffsinnigkeit als Freygebigkeit sehen liessen. Auf der rechten Seite dieser Pforte stand das freudige Deutschland / trat die Römischen Adler / und die mit Stecken umbwundene Beile der Bürgermeister mit Füssen; auff der andern Seite das gefesselte und seufzende Gallien. Uber Deutschland war Hertzog Melo in Gestalt des Hercules gebildet / welcher den auf dem Caucasus angenagelten Prometheus loß machte. Uber Gallien lag der ungeheure Tityus / welchem an statt des Geyers / ein fressender Adler die Leber zerfleischte. Zu oberste stand Griechenland /und hielt in der rechten Hand des Feldherrn Herrmanns / in der lincken des Hertzogs Melo Bilder; über jenem stand mit güldenen Buchstaben der Nahme Harmodius / über dem andern Aristogiton geschrieben / welche zwey Befreyer ihres Vaterlandes zu Athen die prächtigen Ehren-Säulen verdient hatten. Für ihrem Tempel stand ein marmelner Spring-Brunnen; aus diesem hatten sie den Neptun weggenommen / und das Bild des Rheines darein gesetzt / dessen Hörner zwey mit allerhand Früchten gefüllte Hörner des Uberflusses waren. Aus seinem Kruge aber floß Wein; aus den Händen troff Oel / aus den Füssen Honig. Darunter war zu lesen:


Laß / edler Rhein / dein Bett ietzt voller Perlen flüssen

Dem Melo zu gefalln / der deine Sclaverey

Und funfzig Fessel dir wohlthätig reißt entzwey!

Wirff dem zwey-hörnricht Haupt zu seinen Sieges-Füssen

Die zwar von Segen thaun / doch nichts vom Treten wissen.

Du weist ja: daß wer ihm gehorsamet / so frey /

Als welcher der Vernunft und Gotte folget / sey;

Und deine Schatzung wirst du tausendfach genüssen.


Vergieß der Dienstbarkeit! Verlust wird zum Gelücke /

Nun Melo / was verlohrn / mit Wucher bringt zurücke;

Denn anders könt' er ja dein Hercules nicht seyn.

Drumb krantzt dem Haupt zweyfach ein Horn von Amaltheen;

Die Hände schwitzen Oel / das Honig treusst von Zehen /

Und statt des Wassers strömt aus deinem Kruge Wein.


Die Tugend hat keine annehmlichere Speise als die Ehre; ja diese ist der wahrhafte Zunder jener Flamme; hingegen verfällt mit Verachtung der Ehren-Preiße auch die Tugend. Dahero die Römer die / welche Siegs-Gepränge verdient hatten / und sich selbte zu halten weigerten / als Leute / welche den Untergang der Tapferkeit suchten / aus der Stadt verwiesen. Aus dieser Ursache ließ ihm der großmüthige Melo der Griechen Liebkosung wohl gefallen. Daher er denn ihnen allerhand Gewogenheiten bezeugte / also auch ihren der beschirmenden Minerva gebauten Tempel /wie auch das darinnen aus Marmel aufgerichtete Altar des Laertes und Ulysses zu beschauen würdigte / und einen gantzen Morgen in ihrer Schule die Weißheit lehren hörte. Denn weil dieser Fürst in seiner Jugend in Griechenland die Weißheit gehöret hatte / steckte mit derselben Saamen auch die Liebe derselben in seinem Gemüthe. Daher er auch zu seinem Sinnebilde einen Pfeil führtet / dessen Eisen ohne Feder so wenig flügen und verletzen / als die Hertzhaftigkeit mit den Waffen ohne Verstand und Wissenschafft glücklich kriegen kan. Denn wo die Weißheit nicht das Gemüthe waffnet / sind[261] Helm und Harnisch nur eine beschwerliche Bürde furchtsamer Glieder / Schwerdt und Spieß aber so denn Waffen ohne Mann. Daher der grosse Alexander des Homerus Ilias mehr in seinem Hertzen / als in der güldenen Küste des Darius verwahrte / des Käysers Julius Feder des Nachtes höchst vergnügt aufschrieb / was er des Tages hertzhafft verrichtet / und der letzte der Römer Marcus Brutus den Tag für der Pharsalischen Schlacht sich nicht über derselben zweifelhaftem Ausschlage beunruhigte / sondern / was er für die Freyheit seines Vaterlandes zu thun hätte / aus dem Polybius sich Rathes erholete. Die Druyden aber / welche in Deutschland alleine das Ansehen der Weisen haben wolten /schöpften aus des Melo Gewogenheit über ihre gegen alle andere Weltweise tragende Abneigung wider diese Griechen einen heftigen Eiver. Denn die Weltweisen / welche am meisten von Mässigung der Gemüths-Regungen zu sagen wissen / sind unter einander ins gemein am meisten den Schwachheitẽ des Neides und Hasses unterworffen; ja ihre Verbitterung hat wie die der erboosten Tauben weder Maaß noch Ziel. Westwegẽ die Griechen vielleicht ihre Pallas mit Schild / Helm und Spieße ausgerüstet hatten. Aus keinem andern Triebe verlangten die Druyden vom Melo die Abtretung des Minervischen Tempels. Sie bekleideten die Gerechtigkeit ihres Verlangens damit: daß für Alters an selbigem Orte eine verjährte Eiche gestanden hätte. Denn diese beten die Druyden zwar nicht wie etliche Völcker an; sie weyhen aber selbte als heilig ein / und halten darfür: daß nichts eingeweyhtes weder durch Handlungen noch durch hundertjährige Verjährung ihnen entftembdet werden könte. Nun wäre es zwar etliche hundert Jahr: daß einige Griechische Weltweisen / welche in ihrem Vaterlande kaum Gestirne der sechsten Grösse gewest / in Deutschland kommen wären; und durch diesen Schein sich eingeliebt hätten: daß die Griechen und Deutschen eines Herkommens wären. Welches sie nicht nur mit der vielfältigen Ubereinstimmung ihrer beyder / wie auch der benachbarten Phrygischen und Thracischen Sprachen; sondern auch der am Rheine / am Mayn / und an der Elbe befindlichen Städte / welche von dem Phrygischen Flusse Ascanius / oder dem Griechischen Eylande Ascania den Nahmen hätten /zu bescheinigen bemühet. Ihrer Verwandschafft hätten sie fernerweit bey diesem Zufalle eine ziemliche Farbe angestriechen / als für funfzig Jahren an der Rhötischen Gräntze ein alter Stein / welchen sie vielleicht auch wohl selbst mochten verfälscht / und dahin versenckt haben / ausgegraben worden / auf welchem die Griechischen Buchstaben LAERTES eingeetzt standen. Hierzu wäre gekommen: daß die aus Britannien in Deutschland reisenden Druyden berichtet hätten: es wäre in Caledonien am Meer-Strande / und in Lusitanien / wo der Fluß Tagus sich mit dem Meere vermählte / ein mit des Ulysses Nahmen bezeichnetes Altar zu sehen. Diß hätte denen beym Wachen träumenden und zum tichten gleichsam gebohrnen Griechen zu einem unfehlbaren Schlusse dienen müssen: daß der so viel Jahre umbirrende Ulysses unmöglich nur das enge Mittel-Meer durchschweiffet / sondern auch im grossen Welt-Meere in Lusitanien / Britannien und Deutschland angelendet; die Ascanischen Gedächtnüß-Mahle gestiftet / und seines Vaters Nahmen in erwehnten Stein gegraben haben müßte. Die guthertzigen und denen Frembden ohne diß geneigten Deutschen hätten sich dis unschwer bereden / und die schlauen Griechen aus einem blossen Gunst-Rechte bey ihnen unvermerckt einnisten lassen; also daß sie sich bey Zeite aus Gästen zu Bürgern gemacht hätten. Gleichwohl aber wäre es noch nicht funfzig Jahr: daß sie in dieser Stadt Aschenburg zum ersten mal geherbergt. Nachdem sie aber Drusus befestigt / und die Druyden von ihrem Heiligthume /[262] Tiberius aus Rom und Aschenburg getrieben / wäre dieser geweyhete Platz den Griechischen Weltweisen eingeräumet / die heilige Eiche umbgehauen / der ietzige Götzen-Tempel darauf erbauet / und umb so wohl Deutsche / als Gallier durch ihre After-Weißheit weibisch zu machen / die Jugend zu unterweisen erlaubet worden. Bey so gestalten Sachen wären sie Druyden in ihr nun wieder erwachendes Recht und Eigenthum einzusetzen; und nicht alleine dem alten deutschen Hertzoge Ascenas seine zuständige Gedächtnüß-Maale zuzueignen; sondern auch die der Deutschen Freyheit und Gottesfurcht abbrüchige Unterweisung abzustellen; oder vielmehr sie als ein schädliches Unkraut und verdächtige Brutt der feindlichen Römer und wollüstigen Griechen mit Strumpf und Stiel auszurotten. Hertzog Melo hörte die Druyden wohl aus / lobte ihren für die Freyheit und Gottes-Dienst ausgelassenen Eiver; und versicherte sie so wohl in ein als der andern Beschwerde gerechter Ausrichtung. Weil er aber ein Fürst wäre / dessen Richter-Ampt erforderte allen Beklagten ein Ohr vorzubehalten; wolte er sie in beyden Stücken vernehmen / und den Rechten gemäß urthei len. Er führte sie daher unverwendeten Fusses in den Tempel der Minerva / wohin die Druyden in Hoffnung bald in der Griechen Heiligthum eingesetzt zu werden / mit so grosser Begierde folgten / als sie sonst für allem frembden Gottes-Dienste Abscheu haben. Hertzog Melo fragte daselbst die Griechen alsofort umb das Recht ihres Besitzthums / umb die Beschaffenheit ihrer Lehre und Gottes-Dienstes. Diese brachten eine alte Rinde her / darauf das Siegel der Ubischen Fürsten hing; die Schrifft aber den Druyden ein Stücke von dem Arduennischen Walde und den Griechischen Weisen das Eigenthum dieses Platzes in Aschenburg zueignete. Die Druyden stutzten hierüber / und nachdem sie diese Rinde-Schrifft lange Zeit betrachtet /fuhr der oberste Druys Erdmeyer heraus: Was Gott einmal gewiedmet wäre / stünde in keines weltlichen Fürsten Gewalt ihm zu enteusern. Als Timon ihnen ihr Heiligthum ansprechen hörte / fieng er an: Er und seine Gefärthen wären Nachfolger des weisen Pyrrhon / dessen Bild er zugleich an einem Pfeiler über dem Sitze des lehrenden Priesters mit den Fingern zeigte. Dieser hätte zum ersten Lehr-Satze ihnen hinterlassen: daß weil die Getichte so offt sich der Stirne der Wahrheit / als die fallenden Lufft-Brände des Sternen-Glantzes bediente / solten sie ohne genungsamen Beweiß an allem zweifeln. Erdmeyer brach ein: ob sie leugneten: daß an diesem Orte eine heilige Eiche gestanden hätte. Timon versetzte: Er wäre schon funfzig Jahr zu Aschenburg / hätte aber daselbst keine gesehen / weniger wüste er von derselben Heiligkeit / und am wenigsten: daß die Druyden zu diesem Orte iemals einig Recht gehabt. Erdmeyer beruhete auf seiner Eiche / und verlangte vom Melo: daß er den Tempel durchgraben lassen möchte / umb zu schauen: ob nicht die noch befindlichen Wurtzeln einen Beweiß der alldar gestandenen und von den Druyden umgehauenen Eiche abgeben würden. Timon begegnete ihm: Diß würde ein Bewiß ohne Nachdruck eines kräfftigẽ Schlusses seyn. Sintemal ihm zwar unverborgẽ wäre: daß die Druyden den Eichen ein besonder Heiligthum zueigneten / vielleicht weil sie aus diesen Bäumen wie die Athenienser aus der Erde entsprossen seyn wollen / oder weil dieser Baum seine Eicheln den Menschen zur ersten Speise geliefert hat; diß aber würde ihnen schwerlich einiger Fürst enträumen: daß alle Eichen mit ihrem Grunde der Druyden Eigenthum wäre. Bey denen Römern und Griechen wäre die Fichte der Cybele / der Lorber-Baum dem Apollo / der Epheu dem Bacchus / die Pappel dem Hercules / der Oel-Baum Minerven / der Myrten-Baum der Venus /die Eiche Jupitern gewiedmet. Desthalben aber maßten ihnen die Priester dieser Gottheit weder über alle solche Bäume / noch[263] auff das sie säugende Erdreich einiges Recht zu. Ja auch von denen heiligen Eichen der Dodone mißgönneten sie nicht die anfangs den Menschen gewiesene Frucht wilden Schweinen zur Sättigung. Denn Gott wäre gegen die Menschen so freygebig: daß er sich mit der Wieder-Gabe des hundersten Theiles von seinen Geschencken vergnügte. Westwegen die an Andacht schwerlich einigem Volcke weichenden Griechen ausser dem Dodonischen keinen gantzen Wald / sondern nur einzele Bäume eingeweyhet. Wenn aber auch schon eine einzele Eiche da gestanden hätte / müsten sie darumb die Griechen versehret haben? Wüsten die Druyden nicht: daß alle Eicheln tragenden Bäume nach zwey hundert jährigem Alter am Gipfel zu verdorren anfiengen / zu einer Lehre der Demuth: daß die auffs höchste gestiegenen Dinge dem Untergange am nechsten wären? Zu Athen wäre der heilige Oel-Baum auff der Cecrops-Burg / in Epirus der Dodone Stein-Eiche / auff Delos ein Palm-Baum / in Syrien ein Lorber-Baum / bey Caphya in Arcadien des Menelaus Ahorn-Baum / und auf Samos der Junonische Keusch-Baum / zu Rom der Feigen-Baum / unter welchem noch Romulus und Remus gelegen haben sollen / ihres wunder würdigen Alterthums für unvergänglich gehalten worden. Aber der meisten Verdorrung hätte die Menschen dieses Aberglaubens erledigt; und denen noch stehenden hienge eben so wohl / als der edelsten Pflantze dem Menschen die Vergängligkeit zu. Dieser ihre Flügel schwingen sich biß unter die von der Einäscherung nicht befreyten Gestirne / als vielmehr auch über die Stein-Eichen / derer Festigkeit das Eisen verlachte /und über die Indianischen Bäume / welche man gleich mit keinen Pfeilen überschüssen könte. Die Bäume hätten so wohl / als alle andere Dinge ein gewisses ihnen vom Verhängnüsse gestecktes Ziel; wider welches die von den Druyden angegebene Eiche schwerlich einen Frey-Brief gehabt haben würde. Wormit aber die Griechen ausser allem Verdacht kämen: daß sie frembde Güter ungewissenhaftig besässen / und den Druyden ihr Heiligthum vorbehielten; wiewohl der zu ihrem Gottes-Dienste bebaute Ort für keine Entweyhung / oder eine unverantwortliche Entfrembdung heiliger Oerter gescholten werden könte; wolte er ihre Unschuld / wenn sie ihm folgen wolten / augenscheinlich fürstellen. Hiermit führte Timon den Hertzog mit den Druyden aus dem Tempel durch den Garten zu einer alten verdorreten Eiche /welche kaum von fünf Männern umbklafftert werden konte. Welcher Baum ein rechter Riese / andere Eichen aber gegen ihm nur Zwerge oder keine Elle in der Länge übertreffende Meer-Eichen zu seyn schienen / und also sein Schafft für den Asiatischen Baum nicht zu klein gewest wäre / unter dessẽ Zweige sich ein gantz Heer hätte lagern können. Dieses / sagte Timon wider die Druyden / ist sonder Zweifel eure alte Eiche; welche wir euch / wenn euch mit einem so dürren Heiligthume gedienet ist / willig abtreten wollen; ungeachtet ihr für selbtem vorhin eine Abscheu bekommen / und diesen Stock ärger / als den schwartzen Hagedorn und andere mit schwartzen Beeren trächtig stehenden Unglücks-Bäume geflohen habt. Die Druyden waren hierüber gantz verstummet; endlich erholete sich Erdmeyer / und fragte: Woher er diß sein Fürgeben behaupten wolte? Timon antwortete: Dieser Baum kan zwar nicht / wie der Mast-Baum auff dem Schiffe Argos reden; weniger wie die Dodonischen Eichen wahrsagen; gleichwol aber würde sie seiner Warheit und der Griechẽ Unschuld Zeuge seyn. Im Thracischen Chersonesus würden die umb des Protesilaus Grab gepflantzten Eichen für grosse Wunderwercke gehalten / weil sie so denn verdorreten / wenn sie so hoch gewachsen: daß man von ihrem Gipfel das zerstörte Ilium sehen konte; welche aber hernach wieder grünend empor[264] wuchsen. Alleine diese Eiche wäre ein noch viel grösseres Wunderwerck / welche bey der in Ohnmacht sinckenden deutschen Freyheit verdorret wäre / und bey ihrer Wieder-Genesung auffs neue zu grünen anfinge. Hiermit führte er die Anwesenden auff die andere Seite des Eichbaums / weisete ihnen einen aus dieser Eiche heraus getriebenen gantz grünen Zweig / und darunter diese eingeschnittene und ziemlich verwachsene Worte:


Die Palme mag ihr Lob mit ihrer Hold ausstreichen:

Daß sie die Nachbarin als Mann und Weib hat lieb;

In meiner Rinde steckt kein kalter Liebes-Trieb;

Ja Ulm' und Wein-Stock muß selbst meiner Neigung weichen.

Denn / als der edle Rhein die Segel muste streichen /

Fůr Cäsarn / der zu erst sich an die Deutschen rieb /

Und zu dem Brucken-Bau viel tausend Stämm' abhieb /

Fieng ich zu sterben an mit den verwandten Eichen.


Mein Haupt ward kahl / das doch den Himmel schien zu tragen /

Fůr dem die Ceder schier ein niedrig Buchsbaum war.

Doch wird mein gantzer Sta verlieren Safft und Haar /

Wenn Rom wird übern Rhein zwey freche Brücken schlagen.

Flieht also / Druyden! doch tröst' euch: daß der Rhein /

Wenn ich mich wieder werd' erholen / frey wird seyn.


Es ist kaum glaublich: was diese Schrifft und Wahrsagung für unterschiedene Gemüths-Regungen erweckte. Die Druyden waren beschämet über der unwiderleglichen Vertheidigung der Griechen. Sie starreten fast unbeweglicher als diese unbeblätterte Eiche; und verwendeten fast kein Auge von ihrem jungen Zweige / und dieser Schrifft; derer unverfälschte Wahrheit ihnen so klar unter die Augen leuchtete: daß sie selbte mit dem geringsten nicht zu verdächtigen wusten. Hertzog Melo hingegen / welcher ohne diß den Eubagen zugethan / und den Druyden über Achsel war / schöpfte so grosse Vergnügung aus dieser Wahrsagung / und dem Wunder Zeichen des neu-ausgeschlagenen Zweiges: daß seine Augen sich weder an einem noch dem andern ersättigen konten. Sintemal er nicht allein für unschätzbares Glücke hielt: daß er wider die Römische Bedrängung den ersten Degen gezückt hatte; sondern auch diese schon zum Theil bewehrte Weissagung ihn in der Hoffnung den Rhein und Deutschland in völlige Freyheit zu versetzen bestärckte. Er befahl desthalben diesen Baum mit einem absondern Schrancken zu versehen / ordnete ihm einen eigenen Gärtner zur Wartung zu / und gab denen Griechen dieser Anweisung halber ein ungemein geneigtes Auge. Die Druyden hingegen kochten im Hertzen eitel Galle gegen die Griechen; zohen also diese Eiche für einen Beweiß ihres über diese Gegend habendes Eigenthum / und den frischen Zweig zugleich für ein Zeichen ihres wieder erwachenden Rechtes an. Timon aber setzte ihnen entgegen: Ihr von denen Ubischen Fürsten erhaltener Zueignungs-Brief wäre älter als die Verdorrung dieser Eiche / und die Entweyhung der Druyden; Für welchen beyden die Griechen schon diesen Platz ruhig besessen hätten. Welches ihnen abermals die in ihrem Garten stehenden / und mehr als hundert jährige wilde Oel-Bäume zeugen müßten / welche wegen der mit den Eichen hegenden Feindschafft von den Druyden in ihrem Gebiete nirgends geduldet würden. Die Eichen hätten zwar diß Recht: daß man die abfallenden Eicheln in des Nachbars Grund und Bodem auflesen möchte; aber sie wären zu schwach dem Nachbar sein Eigenthum mit Gewalt zu entziehen; sonst würde diese Eiche dem siegenden Hertzoge Melo die gantze Stadt Aschenburg ansprechen. Hierüber fuhr Divitiach ein Britannischer Druys heraus: Es wäre dem / wie ihm wolte / so wären doch die Griechen mit ihrer schäd- und ärgerlichen Weißheit in der Nähe der heiligen Druyden nicht zu dulden; welche wie der mißgünstige Epheu denen benachbarten Bäumen allen Safft entzüge: daß sie wie diese unglückliche Eiche verdorren müsten. Ja die Griechen hättẽ zu keinem andern Ende so viel wilde Oel-Bäume so nahe ihrer heiligen Eiche gepflantzt / als ihre gegen die Druyden hegende Tod-Feindschafft darmit fürzubilden. Timon antwortete ohne[265] die geringste Entrüstung: Die Griechen wüsten von keiner Feindschafft; diese Reden aber kündigten wohl von den Druyden einen Krieg an / dazu sie niemals Anlaß gegeben hätten. Hätten sie ihrer Weißheit einigen Mangel auszustellen; möchte diß mit Glimpf und Bescheidenheit geschehen. Denn Weltweise solten mit einander nicht anders als die Wolcken kämpfen; welche / wenn sie auf einander stiessen / Glantz und Licht gebieren. Eine solche Art der Zwistung diente so wohl ein- als dem andern Theile zu Erleuchtung der Irrthümer / und ihre die Wahrheit suchende Unschuld verdiente: daß so wohl der Uberwundene /als der Uberwinder einen Lorber-Krantz trüge. Wenn aber die Weisen nicht die Wahrheit zum einigen Augen-Zwecke / und die Bescheidenheit zu ihrer Mäß-Ruthe hätten; sondern sich mit den ersten Gedancken / als einem unzertrennlichen Ehweibe vermählten / und aus dieser Einbildung mehr ihren hitzigen Gemüths-Regungen / als der Vernunffte folgten; könte nichts als eine Hartnäckigkeit und Irrthum daraus erwachsen; und dieser Streit verwandelt sich so denn in eine selbstständige Verneuerung der verdammten Schauspiele / darinnen Menschen mit wilden Thieren zu kämpfen gezwungen wurden. Ihres Ortes wäre die Hartnäckigkeit ihr gröster Greuel. Sintemal ihr grosser Lehrer Pyrrhon die Ruhe des Gemüthes für das höchste Gut gehalten hätte; welches in diesen zweyen Stücken bestünde: daß der Wille nichts böses unter dem Scheine des Guten / der Verstand aber nichts falsches für Wahrheit ihm aufdringen liesse. Weil aber die Wahrheit / nach des weisen Democritus Ausspruche / in einem tieffen Brunnen verborgen läge / solten sie bey so grosser Ungewißheit und vielen Bländungen sich in ihrem Urtheil nicht übereilen / sondern wie scheinbar gleich etwas bekleidet würde / allezeit daran ein kluges Mißtrauen haben. Welcher Zweifel denn ihnen zu annehmlichster Befriedigung diente / weil sie bey allen ihren Zweifeln doch vergewissert wären: daß ihr Verstand sich keiner Unwahrheit zum Leibeigenen gemacht hätte. Divitiach brach ein: Eben darumb / weil sie an allem zweifeltẽ / diente die den Nahmẽ der Weißheit zu Unrecht führende Thorheit des Pyrrhon nur zu Verwirrung der Welt / und zu Beunruhigung des Verstandes / welcher zwischen dem Unterschiede der Meynungen / wie die Fleder-Mäuse auch bey hellem Tage doch im finstern flatterten. Uber diß wäre ihr Zweifel eben so wohl als Pyrrhon / welcher nicht einst einem geladenen Wagen / einẽ wütenden Hunde und kollerndẽ Pferde hätte aus dem Wege weichẽ wollẽ / mit der Hartnäckigkeit so verschwistert: daß sie auch das für keine Gewißheit gelten liessen / dessen sie doch ihre sehende Augen / ihre fühlende Hände und andere Sinnen überwiesen. Timon antwortete: Des Pyrrhons Beschuldigung wäre eine falsche Auflage seiner Verläumbder. Denn wer wolte glauben: daß ein so rasender Mensch / welcher dem Unglücke keinen Schritt aus dem Wege wieche / wie Pyrrhon neuntzig Jahr alt worden / und biß zu den Weisen in Persien und denen nackten Lehrern in Indien / ohne Verlust des Lebens gereiset seyn solte. Wer wolte nicht die Klugen zu Athen bey solchem seinem Aberwitze für ebẽ so thöricht als ihn halten / da die ersten ihn mit ihrem Bürger-Rechte beehret / die andern ihn zum obersten Priester erwehlet / seine Nachkommen aber ihn der Sonne vergliechen haben? Unsere Weißheit aber /weil sie zu ihrem Grunde die Erkäntnüß ihrer selbsteigenen Schwachheit hat; und mit dem weisen Cleobulus ihre Unwissenheit in allen Dingen erkennet / verdienet hoffentlich von denen / die aus ihrer Einbildung einen Abgott der Wahrheit machen / nicht das Schelt-Wort der Thorheit. Niemand wird hoffentlich die Demuth des Arcesilaus verdammen: daß er aus besorglichem Irrthume von schweren Dingen weder was gewisses schlüssẽ noch schreibẽ noch auch die Hoffart der Academischen Weltweisen billigen wolte; welche ihre Schlüsse der gantzen Welt aus einer gewaltsamẽ[266] Botmässigkeit für ein selbstständiges Licht der unveränderlichẽ Wahrheit aufdringen wollen. Nachdem wir nun so wohl diese Hartnäckigkeit / als des Carneades und Clitomachus Meynung / welche die Wahrheit für ein gantz unbegreifflich Ding haltẽ /verwerffen / geschiehet uns zu viel / weñ wir darum hartnäckicht gescholten werden / weil wir nicht alsofort für unfehlbare Wahrheit aufnehmen / was uns die Blindheit oder Lüsternheit der äuserlichen Sinnen bereden wil. Denn eben diese sind die allerschli sten Verfälscher der Wahrheit / und den gemahlten Gläsern gleich / welche uns ein Ding nicht nach seiner Beschaffenheit / sondern nach ihrer falschen Farbe fürstellen. Der Uberfluß des Guten verursacht bey ihnen Eckel; die frembde Seltzamkeit und die gemeine Einbildung gibet auch der Bitterkeit einen Honig Geschmack. Also gehet es durchgehends den Menschen wie den Arabern / welche von dem süssen Geruche des häuffigen Weyrauchs und Myrrhen kranck werden / und durch Anzündung des aus Syrien geholten stinckenden Gummi ihrem Eckel und Ohnmacht abhelffen müssen. Ihr Urthel ist verterbt / wie der an der Mutter-Kranckheit liegenden Weiber / welche der annehmlichste Zibeth tödtet / und stinckender Bibergeil gesund macht. Ist unser Geschmack nicht lüstern nach gesaltzenen und ungesunden Speisen / welche weder einer unverwehnten Zunge einen guten Geschmack /noch dem Magen einige kräfftige Nahrung geben; wenn selbte nur über Meer oder aus der neuen Welt kommen sind; so gar: daß wir auch fremde Vogel-Nester und Erd-Geschwüre für niedliche Gerichte; Eiter und Drüsen unbekandter Ziegen für den Kern des kräfftigsten Geruches verzehren. Ihrer viel haben über dem geringsten Kitzel eine empfindlichere Fühle / als die Schlangen / da andere hingegen sich in den Schmertzen erquicken / und so gar aus denen zur Geilheit dienenden Ruthen-Streichẽ ihre Wollust schöpfen. Die Indischen Diamanten machet nur die Einbildung schöner als der Deutschen Agstein ist; da doch dieser eine Krafft zu ziehen / jener den ziehenden Magnet zu entkräfften / sonst aber so wenig Tugend als ein gemeiner Kieselstein an sich hat. In den Augen der Mohren ist die Schwärtze / wie bey denen schnee-weissen Deutschen die weisse ihre Königs-Farbe; so gar: daß die Bilder ihrer Götter nur aus schwartzem Marmel und dem die Härte der Steine beschämenden und wider das Gifft kräftigem Eben-Holtze / dessen jährlich zu dem Ende auch die Persen 300. Last zinsen musten / gemacht werden dörffen; ja diesem seiner gläntzenden Schwärtze halber zuschreiben: daß es den Augen dienlich / wie der Schnee schädlich sey; und destwegen daraus eine Augen-Artzney bereiten. Jedoch liesse sich diese Einbildung der Mohren / und die Schönheit der Schwärtze noch besser entschuldigen / als der Aberwitz der Verliebten / welche mehrmals einen Frosch für eine Diana ansehen; und mit einem grossen Weltweisen dieser Zeit sich an schielenden Augen am meisten ergetzen. Keinem geringern Betruge ist das Gehöre unterworffen. Sintemal die Griechen und Deutschen sich mit einander schwerlich vereinbaren werden: ob dieser ihre Kru hörner / oder jener Seitenspiele annehmlicher sind. Divitiach fiel ein: Wir wissen wohl: daß die äuserlichen Sinnen so wol ihre Gebrechen / als die Eingeweide ihre Kranckheiten haben. Aber / wo diese ihr unverfälschtes Zeugnüß ablegen / ist es eine grosse Thorheit mit dem Anaxagoras zweifeln: ob der Schnee nicht mehr schwartz als weiß sey / und alles Honig / wie das in Corsica / mehr bitter als süsse sey. Noch viel ärger aber ist: wo die Vernunfft selbst /welche der Leitstern des Menschen seyn soll / sich durch allerhand Zweifel selbst so verwickelt: daß sie nirgends das Ende findet. Denn die / welche keinen vernünftigen Gründẽ Beyfall geben / gleichen denen /die den Schwindel im Kopfe haben / derer Gehirne schluttert / und unter dem / was zu glauben oder zu verwerffen sey / sich mit sich selbst niemals vergleichen / also sich weniger einer Gemüths-Ruh als die einander zerschlagendẽ[267] Wellen einer Eintracht rühmen können. Wolke Gott! versetzte Timon / daß entweder die Wahrheit kentlicher oder unser Verstand erleuchteter wäre sie von ihnen zu unter scheidẽ. So aber beschämet offtmals die Scheinheiligkeit die Andacht / die Larve der Tugend sie selbst; wie mancher Firniß das Gold / und gekünstelt Glaß rechte Edelgesteine. Der Glanz der Warheit wird oft von den Irrlichtern einer allgemeinen Meinung verdüstert / und des Pöfels Irrthum thut der Weißheit den grösten Abbruch; welche ihre Unwissenheit und Unvollkommenheit so viel mehr erkennen lernet / als selbte sich der Vollkommenheit nähert. Dahero niemand weniger als ein Unverständiger / und niemand mehr / als ein Weiser zu zweifeln findet; und sich bescheidet: daß ihn nichts minder das Auge des Gemüthes in Erkiesung des guten und warhafften / als das Gesichte an Unterscheidung der Farben / und an Mäßung der Dinge betrügen kan. Einerley Zeug hat so vielerley Farben / als man selbigen wenden kan. Einem Gelbsüchtigen siehet alles gelbe aus; und ein Einfältiger wird sich schwerlich bereden lassen: daß er die unbegreifliche Größe der Sonne nicht überklafftern / die Helffte des Monden nicht überspannen / und iedweden aller andern Sterne mit dem Daumen bedecken solte. Diesemnach jeder / der sich nur selbst kennet / und seine Zwerg-Größe nicht nach seinem ihn beym Untergange der Sonne oft mehr als fünfmal übertreffenden Schatten abmißt: sich für sich selbst bescheidet: daß er des Zweifels / als eines Probiersteines der Warheit unentpehrlich von nöthen habe. Denn dieser ko t allen irrigen Einbildungen zuvor / welche sonst den Menschen insgemein übereilen: daß er sodenn nicht so wol die verborgene Warheit zu finden / als seine irrige Einbildung der Warheit ähnlich zu machen nachsinnet. Der Zweifel untersuchet alle Meinungen / und machet endlich aus allen zusammen einen der Warheit gemäßen Schluß; wie Zevxes aus denen fünf schönsten Frauen zu Crotton ein vollkommenes Gemählde der schönsten Helena. Die vermessene Einbildung hingegen überredet sich zwar: daß ihre Meinung so wenig mit Irrthümern / als die Sonne den Finsternüssen der Nacht unterworffen sey. Sie macht aus ihren Gedancken Gesätze / und hält jedermañ für wahnsinnig und gottlose / der sich selbten nicht durch einen blinden Gehorsam unterwirfft. Wenn man aber alles genau untersucht und prüfet / hat ihre Einbildung so wenig einen Sonnen-Staub von der Warheit / als ein Spiegel das Wesen der Sachen in sich / die man darinnen siehet. Oder da ja ihre Sätze nicht von aller Warheit leer sind / ist sie darinnen so sparsam / als das Gold in Steinen / welche alle / außer den Kalcksteinen / was weniges von diesem Marcke der Erden in sich haben. Alleine diesen sparsamen Schatz findet die Einbildung nur ungefehr / wie der über seinem Unvermögen verdrüßliche Mahler Nialces durch den Wurff seines von vielen Farben angefüllten Schwa es den Jäscht eines schäumenden Pferdes ausdrückte / welchen sein Pinsel vorher nicht vergnüglich zuwege bringen konte. Divitiach röthete sich hierüber; weil er der Druyden Weißheit / welcher Schlüsse von jedermann für die selbstständige Warheit angenommen werden soltẽ / angestochen / und für eitele Einbildungen gescholten zu seyn glaubte. Diesemnach fieng er an: Es wäre freylich eine der grösten Thorheiten bis /was einem zum ersten einfällt / sonder Untersuchung der Sache für die unfehlbare Warheit erkiesen. Die Prüfung müste vorher gehen / das Urthel folgen / und dis hernach mit Hertzhaftigkeit wider alle widrige Meinungen vertheidigt werden. Auf diese Art hätten die alten Druyden verfahren / und daher ihnen eine so festgesetzte Weißheit verlassen: daß niemand daran zweiffeln könte / wer sich nicht klüger / als das Alterthum / und scharfsichtiger / als tausend graue Häupter heiliger Priester achten wolte. Zwar weil die vollkommene Warheit nirgends / als im Himmel gefunden würde / und die Alten ihr desthalben[268] als einer grossen Göttin geopfert hätten / wären die Druyden so vermessen nicht: daß sie eine Weißheit ohne den geringsten Beysatz einigen Irrthums zu besitzen / und sie daher über die nicht ohne Flecken sich befindenden Gestirne zu erheben vermeinten. Weil nun der Irrthum gleichsam des menschlichen Geschlechtes Abstattung oder Leibgedinge ist / halten wir es nach dem Beyspiel eurer Griechen / welche bey ihren Schiffahrten sich lieber nach dem kenntlichen grossen Bäre richten / und die Fahrt finden / als mit den Phöniciern den oft verschwindenden Angelstern suchen und irre fahren wolten / für besser und nützlicher einen der Warheit ähnlichen Irrthum / als ein unächtes Kind ehrlich zu machen / und die Warheit zu erklären / als bey allzu scharffer Suchung der Warheit immer irren / und bey stetem Zweifel in Ungewißheit leben. Denn was thun die anders / welche alle Gewißheit leugnen / denn daß sie die Warheit der Welt / wie Prometheus das Feuer dem Himmel stehlen? Sie zancken sich mit sich selbst: ob es einige Warheit gäbe? ob sie für sich selbst etwas wesentliches / oder nur eine Ubereinstimmung mit unserm Verstande sey? Ob sie in den Dingen selbst / oder nur in unserm Gehirne stecke? Ob nicht der Mensch nur einen Trieb sie zu suchen / oder taugliche Werckzeuge sie zu begreiffen habe? Sie werffen die Verfassung aller Herrschafften über einen Hauffen. Sintemal sie ungewiß sind: Ob die Gesätze heilsam oder böse? ob der Obrigkeit zu gehorsamen /oder sie nicht vielmehr zu vertilgen? Ob der Tugend oder den Lastern beyzupflichten? Sie stehen mit dem disfals thörichten Socrates im Kummer: Ob sie selbst Menschen / oder nicht vielmehr ein abscheulicher Thier sind / als der Riese Typhon beschrieben wird? Sie zweifeln: ob sie eine Seele haben? Wie sollen sie denn ihrer Unsterbligkeit vergewissert / und ihre Leichen von den Aeßern des Viehes zu unterscheiden fähig seyn? Ja sie stossen durch den Zweifel: ob ein GOtt sey / GOtt selbst vom Stule / jagen alle Gottesfurcht aus der Welt. Dem Timon lief über diesen Worten die Galle über. Daher er dem fortredenden Druys einbrach: dis sind Lästerungen wider die Weltweisen; welche man zwar die Zweifelnden heißt / die aber weder an dem Wesen der Warheit / noch an der Güte der Tugend / am wenigsten an Unsterbligkeit der Seelen und an GOtt / welcher die Warheit selbst / alle andere Dinge / ja die Sonne selbst nur sein Schatten ist / gezweifelt haben. Sie zweifelten ja wol über den meisten Dingen; aber eben dieser Zweifel hielte diesen nothwendigen Schluß in sich: daß / wenn dis nicht wahr wäre / das gerade Widerspiel gewiß wahr seyn müste. Nach dem sie nun durch ihr zweifeln nichts anders als die Warheit suchten / warumb verläumbdete man sie denn: daß sie an ihr zweifelten /oder gar sie aus der Welt verbannten? Sie legten ihrer Vermessenheit einen Zaum an / wenn sie etwas nicht für die unfehlbare Warheit zu erklären anstünden; sie weigerten sich aber niemals dem / was der Vernunfft und Warheit ähnlich / beyzupflichten. Sie mühten sich aufs eivrigste tugendhaft zu seyn / wie ihrer ersten Vorgänger des Empedocles / Democritus / der sieben weisen Griechen und anderer Beyspiele für sie redeten; wie solten sie denn der Tugend abzulegen ihnen träumen lassen? Es haßte niemand in der Welt die Hartneckigkeit mehr als sie; und die Einfältigsten machten von ihrer Einbildung mehr Wesens / als sie von ihren Warheits-Aehnligkeiten / welche doch aber den Lügen und Lastern Spinnenfeind wären; Wie solten sie denn den heilsamen Gesätzen widerstreben? und / da sie keiner Einbildung Sclaven seyn wolten /den Gehorsam rechtmäßiger Obrigkeit durch die scheltbarste Hartneckigkeit entziehen / wie dieselbige Weisen / welche ihrer Meinung nach nicht irren können; Und / wie des Diogenes Nachfolger niemanden in der Welt als ihre Einbildung für ihr Haupt[269] erkennen? Diese Hoffart aber hätte ihren Ursprung aus dem Abgrunde der gröbsten Unwissenheit / welche noch keinen rechten Blick in das unerschöpfliche Licht der Weißheit gethan / noch die unverfälschte Tugend nackt und ohne Schmincke erkennet hätte. Nach dem aber Lügen und Laster als zwey unverschämte Kebs-Weiber ihnen die Larve der Ehfrauen / nemlich der Warheit und Tugend so scheinbar für zumachen wissen / ist dis alleine das zweifelhafteste / was warhaftig Tugend oder Laster sey? Ich wil mich auf keine abscheuliche Vergehungen ungearteter Völcker beziehen / welche gleichsam des Lichtes der Vernunfft / und des Rechtes der Natur beraubt / und also auch nur für Vieh zu achten sind. Alleine sind nicht auch wolgesittete Leute hierinnen zwistiger Meinung. Wie etliche Völcker der lincken / andere der rechten Hand die Oberstelle zueignen; also heißt die Friedfertigkeit bey den Bithyniern eine Tugend / bey den Deutschen eine Narrheit. Wie das Saltz zwar fast der gantzen Welt die beste Würtze ist / den Albaniern aber / und den Einwohnern etlicher Atlantischen Eylande allen Geschmack versaltzet; also ist es bey den Griechen rühmlich sich auf den Schauplätzen wol halten: zu Sparta den edelsten Frauen zuläßlich fürs Geld eine Gaucklerin abzugeben / bey den Römern aber schimpflich / bey den Deutschen ein Greuel. In gewissen Ländern ist es eine Zierde lange Nägel wie Adlers-Klauen / und in Sarmatien narbichte Gesichter haben. Diesen sind die Römer nicht ungleich / welche / frembde Länder mit ihren Klauen an sich reissen /Tapferkeit; und gantze Völcker aushauen / Helden-Thaten heissen. In Persien lassen die Gesätze zu Mutter und Schwester heyrathen / bey uns ist es ärgste Blutschande. Der sonst so tugendhafte Alcibiades hielt den Ehbruch für eine Geschickligkeit eines Edelmannes; und Käyser August für Staats-Klugheit. Der wegen seiner Einbildung allezeit arme Geitz hat fast durch die gantze Welt beym Pöfel / der Ehrgeitz beym Adel / die Herrschsucht bey Fürsten / die Scheinheiligkeit bey Geistlichen den Nahmen und die Stelle der ersten Tugend bekommen. Mit einem Worte: nunmehr lässet sich auf dem Schauplatze der Welt das Laster in keiner andern Tracht / als in dem Rocke der Tugend sehen. Ja ich stehe in Zweifel: ob sich ihrer nicht mehr / wie Herostratus / durch Laster / als durch Tugenden in der Welt berühmt gemacht / und die eitele Unsterbligkeit des Nachruhms / welche in dem Gedächtnüsse der Lebenden bestehen soll / erworben haben. Mit dieser Einbildung aber hat bey uns die Unsterbligkeit der Seelen / welche uns für allen andern Dingen der Welt der Warheit am ähnlichsten scheinet / keine Verwandschafft. Denn weil unserem Geiste die Begierde viel zu wissen / wie dem Magen der Hunger nach Speise eingepflantzet ist; unser Zweifel aber uns die Unvollkommenheit unserer Weißheit für Augen stellet / ist der Vernunfft nichts glaublicher: als das unsere Seele mit denen sterblichen Gliedern ihre Unvollkommenheit ablegen / und sie sodenn wie ein aus dem Keficht gelassener Vogel sich in Ergründung der Warheit höher zu schwingen fähig seyn werde. Aus diesem Grunde hat Anaxarchus einer unserer fürnehmsten Weisen / als er im Mörsel zerstossen ward / dem Cyprischen Wütterich Nicocreon unter Augen gesagt: Stoß immer hin! denn du zerstößt nicht Anaxarchen / sondern nur seine Hülsen. Wer mag uns nun bey solcher Beschaffenheit antichten: daß wir gar keine Seele glaubten? da doch uns der zu so viel Weißheit dienende Zweifel uns nichts glaubhafters / als die Seele macht; ja uns mehr versichert: daß wir eine Seele / als einen Leib haben. Denn dieses bereden uns nur die sich selbst nicht sehenden / und oft durchs Blaster spielenden Augen. Weil aber der Seele Wesen im Nachdencken bestehet / ein Zweifelnder aber mehr als ein Leichtgläubiger nachdenckt / können wir über nichts zweifeln / ohne daß wir eine Seele zu haben gestehen. Daher etliche unserer zweifelnden[270] Seelen für der Warheit gemäß halten: daß nur der Mensch / nicht aber wilde Thiere /welche nichts aus eigner Regung / sondern wie die an einem Drate hängende Spiel-Tocken / oder wie der Zeiger an einer Uhr alles thun / am wenigsten aber die Pflantzen eine Seele haben. Das aller abscheulichste aber ist: daß uns beygemessen wird: wir zweifelten: ob ein GOtt sey? da wir doch nirgendshin unsere Augen werffen können / wo uns nicht etwas die Gegenwart der Allmacht und Weißheit Gottes einrede. Der geringste Kefer / die giftigste Spinne / der heßlichste Wurm / die längsamste Schnecke / ja die todten Steine schreyen uns in die Ohren: daß GOtt in grossen Geschöpfen zwar groß / aber nicht kleiner in den kleinsten / und in dem unsichtbaren am aller sichtbarsten sey. Ja wenn ich niemals einen GOtt geglaubt hätte / würde mich diese todte und nunmehr gleichsam wieder lebend-werdende Eiche überweisen: daß weil in aller Menschen Kräfften nicht stehet ein einiges Eichblat zu machen / etwas höhers sey / welches so wol uns / als die gantze Natur beseele. Welche überschwengliche Allmacht und Weißheit Gottes ihrer viel so verblendet hat: daß sie nicht nur einen Gott geglaubt / sondern ihrer dreißig tausend gelichtet haben. Diesemnach wir / unserer Gewohnheit nach /vielmehr Ursach zu zweifeln haben: Ob jemand ein solch Unmensch seyn könne: daß er keinen Gott glaube; wenn er es schon sagte. Sintemal uns dieses Licht von GOtt bey unser Geburt so geschwinde ins Hertze / als der Glantz des Tages uns in die Augen fällt. Unter denen glücklichen Eylanden ist zwar eines gewest; da die Einwohner nichts vom Feuer gewüst; aber auch in den Cimmerischen Finsternüssen ist dis Licht aufgegangen / und den Menschen ins Hertz geschrieben: daß ein GOtt / und eine göttliche Versehung in der Welt sey / welche alles rege / und sie in ihrem düsternen Zweifel erleuchte. Sintemal ihnen nicht glaublich schiene: daß die Seele den Leib / oder ein Leib den andern bewegte; sondern daß GOtt vielmehr die erste Bewegungs-Ursache / alle andere den Schein der Bewegung habende Dinge todte Werckzeuge oder der Anlaß dazu seyn. Ja nicht nur die Vernunfft der Menschen / sondern der Unverstand der Thiere muß dieser Meinung beypflichten. Weñ man nur die Sprache unvernünftiger Thiere verstünde /würde man aus ihrem Blöcken / Wiegern und Geschrey / ja aus dem Gerüsel der Pflantzen ein deutliches Bekäntnüs Gottes vernehmen. Ja wenn die Thiere mahlen könten / würden sie unvermuthlich GOtt auf eine Art fürbilden. Dahingegen die eitelen Menschen ihn meist nach ihrer tummen Neigung fürstellen. Dannenhero bey den streitbaren Spartanern alle Götter gewafnet / bey den handelndẽ Phöniciern mit Rechnungs-Tafeln gemahlet waren. Wie mag man denn uns eine Blindheit zutrauen / welcher nicht einst die unvernünftigen Thiere unterwürffig sind. Wenn aber wir in einer so düsternen und unmenschlichen Einbildung steckten; warumb hätten wir nach dem Beyspiele Ulyssens der beschirmenden Minerva /nemlich der göttlichen Weißheit dem Brunnen der ewigen Wahrheit diesen Tempel gebaut? Warumb opferten unsere Hände ihr täglich so viel Weyrauch /und die Hertzen so viel Andacht? Divitiach ward hierüber nicht wenig verwirret / wuste also der Griechen Lehre keinen Haupt-Mangel mehr auszustellen. Jedoch sagte er: Es wäre niemals ein Aberglaube jung worden / der nicht in ein Westerhembde der Unschuld wäre eingehüllt gewest. Hätten die abergläubigen Griechen gleich nicht Katzen / Hunde und Kefer / und andere unreine Thiere wie die Egyptier zu ihren Schutz-Göttern erkieset / so wären doch ihre Götter so viel unreiner / als die Flecken der Seele / die der Leiber an Heßligkeit übertreffen. Maßen denn ihr Neptun umb mit der Ceres Blut-Schande zu treiben sich in ein Pferd / Jupiter seines Ehbruchs und unnatürlicher Geilheit halber in Bock und Ochsen verwandelt[271] haben soll. Ja der letzte Macedonische König Philip hat so gar der Gottlosigkeit / ein ander der Ungerechtigkeit / und die die Frömsten seyn wollen /allem dem / was sie nähret / Altäre aufgebauet. Wer wolte sich nun bereden lassen / daß dieser Griechen Gottesdienst nicht mit Vielheit der Götter / und andern ärgerlichen Aberglauben besudelt sey? Ihre dem Laertes und Ulysses zugeeignete Weißheit verriethe sie: daß sie ein anders zum Scheine vorwendeten / ein anders glaubten und lehrten. Diesemnach erforderte die Wolfarth Deutschlandes diesen frembden und verdächtigen Gottesdienst als ein schädliches Unkraut beyzeite auszurotten / da dis nicht die mit so grosser Müh kaum zusammen gewachsene Einnacht der Deutschen durch sein schädlich Gifft zertrennen solte. Sintemal die Eintracht des Gottesdienstes gleichsam das Geblüte der Unterthanen / wie ein sauerer Nab die Milch zusammen gerinnend macht; aller Unterschied aber des Gottes-Dienstes / welcher gleich in der vernünfftigsten Verfassung stünde / einem Reiche eben so wol / als der Unterschied des Maaßes und Gewichtes schädlich wäre. Denn nach dem die menschlichen Gemüther so selten / als die Antlitzer mit einander übereinstimmen / zertheilten sie auch ihre Andacht; und dünckete einen dis heilig / was der ander als einen Greuel verfluchete. Daher denn die Unterthanen / welche als Glieder eines Leibes von einer Seele der Eintracht geregt werden sollen / zu bürgerlichen Kriegen und Aufruhr wider ihre was anders glaubende Fürsten / die Fürsten aber unter einander leicht zur Todfeindschafft verleitet würden. Ja weil in der Welt nichts fruchtbarers als Irrthum wäre / der zur Neuigkeit geneigte Pöfel aber / welchem man die Freyheit in Glaubens-Sachen ließe / unbändiger als die wilden Stutten würde; vermehrte sich der Unterschied des Gottesdienstes in weniger Zeit in so viel Arten / als es Köpfe gäbe. Dieser Brutt aber gebiere hernach wie die vom Cadmus geseete Drachen-Zähne eitel sich selbst aufreibende Zwistigkeiten und Empörung. Denn wie könte man einem Haupte willig und mit gutem Hertzen gehorsamen / welches man für so ungehirnt / oder gar für einen Kalbskopf hielte / welches für sich selbst nicht eine warhafte Andacht zu erkiesen verstünde. Ja jeder unvergnügter Edelmann hätte Gelegenheit sich an seinem Fürsten zu rächen / wenn er den neuen Gottesdienst annehme / und sich zum Haupte der neuen Rotten machte. Weil die Uneinigkeit nun eines Landes Todten-Bret / Fürsten hingegen Priester der Warheit und Eintracht / ja auf Erden GOttes Ebenbilder und Stadthalter wären / läge ihrem Ampte und Gewissen ob / für die auf der Einigkeit des Glaubens gegründeten Ruhe des Reiches / und für die göttliche Ehre und ihre Hoheit gegen dieselben zu eyvern / welche ihnen aus Heft der Herrschafft grieffen / wenn sie der Fürsten Gewalt über ihr Volck so weit einschrenckten: daß sie nur über der Unterthanen Leiber; Gott aber allein über der Menschen Seelen zu gebieten hätten. Gleich als wenn die den Herrschern schuldige Liebe und Treue nicht vielmehr ein Opfer des Gemüthes / als ein euserliches Werck der Glieder wäre. Diesemnach thäte ein Fürst seinem Gewissen Zwang / seinem Reiche Unrecht an / wenn er allen Gewissen die Freyheit / und hiermit den Unterthanen die Willkühr zu gehorsamen oder widerspenstig zu seyn ließe. Niemand aber wäre hierinnen vermessener als die Griechen; welche den Schwan und den Raben zu keiner andern Andeutung dem Apollo gewiedmet zu seyn glaubten: als daß GOtt nicht weniger an widriger Verehrung / als die Natur am Wechsel des Tages und der Nacht Belieben trüge. Zwar bescheideten sich die Druyden: daß die freyen Deutschen auch im Gewissen eine mehrere Freyheit / als andere dienstbare Völcker von nöthen hätten. Alleine sie selbst hätten dieser Freyheit durch Billigung der Druyden / Barden und Eubagen schon[272] selbst ein Ziel gesteckt. Und könte er nimmermehr glauben: daß die letztere nicht eben so wol / als die erstern dem Griechischen Aberglauben und Vielheit der Götter / welche ihrer aller Gottesdienst zernichtete / die Stirne bitten solte. Hertzog Melo selbst würde unschwer befinden: daß durch diesen Eintrag die gantze Verfassung der Deutschen Herrschens-Art umbgestossen / und sie nicht allein zu Knechten abscheulicher Irrthümer / sondern zu Leibeigenen derselben Völcker gemacht werden würden /welche den Saamen dieser Zwytracht mit Fleiß an den Rheinstrom ausgestreuet hätten. Denn derselbe Fürst /welcher seines Nachbars Unterthanen seinen Gottesdienst beybringet / hätte an selbigen schon mehr Eigenthum / als ihr eigener Gebieter. Wenn aber auch der Griechen Weißheit alles Irrthums befreyet wäre; so machten doch sie selbst durch Mißbrauch selbte eben so schädlich / als aus des Menschen Leibe das ärgste Gifft wider ihn selbst bereitet wird. Dis geschehe aber damit: daß sie die Geheimnüsse ihrer Weißheit auch dem geringsten Pöfel und Weibern gemein machten. Massen denn die / welche nur zwey oder dreymal in der Schule der Griechen gewest wären /unter der Larve der Weißheit und Andacht ihrer Arbeit und Dienste vergäßen / die Bauern den Pflug verliessen / die Kriegs-Knechte ihre Waffen weglegten /die Weiber mehr Zeit über Glaubens-Streitigkeiten /als über dem Spinnen und nähen zubrächten / alle aber ihren Vorwitz zu einer grossen Heiligkeit machten. Da doch die Natur durch die sparsame Austheilung der Edelgesteine / durch das seltzame Wachsthum der Balsam-Stauden / durch die nur wenigen Muschel-Schnecken kaum Tropffen-weise geschehende Einflößung der Purpur-Farbe unsere Lehrmeisterin wäre: daß die unschätzbaren Perlen der Weißheit /und die Geheimnüsse des Gottesdienstes nicht wie schlecht Wasser auszuschütten / noch dieselbigen Thiere / für welche die Eicheln wachsen / mit Granat-Aepfeln zu mästen sind. Diesemnach lehrten sie Druyden beydes nur Fürsten und den hohen Adel /welche über andere gebieten sollen / und daher für den Gehorchenden ihres Verstandes halben mehr Ansehn haben müsten. Wie denn noch zur Zeit in Deutschland schier niemand außer denen Fürsten und Edlen zu grossem Vortheil des gemeinen Wesens und zum Schirme der Unschuld freyen Künsten oblege / ja die meisten weder schreiben noch lesen könten. Nicht anders machten es die Scythischen Priester / welche nur ihren König unterrichteten / und die Bücher ihres Gottesdienstes in einer frembden Sprache / wie die Egyptier in einer verborgenen Bilderschrifft aufgezeichnet / und durch dis kluge Mittel für dem gemeinen Volcke verborgen hätten. Würden doch weltlicher Fürsten Geheimnüsse dem Volcke verborgen / weil sie ihm nur unauflößliche Rätzel / und ihr Verstand tieffer Rathschläge heilsames Absehen zu ergründen viel zu seichte wäre. Wie solte sich denn der Pöfel schicken die Geheimnüsse des unbekandten GOttes zu verstehen? dahero denn dieser sich billich mit dem wenigen Vorschmacke oder der Blüte zu vergnügen hätte / weil der Kern und die Muscaten-Nuß des geheimen Gottesdienstes für ihn allzu starck wäre. Zumal Gott ohne dis ein weniges von der Heiligkeit für ein angenehmer Opfer aufnehme / als viel Erleuchtung. Timon setzte dem Divitiach mit einer freudigen Hertzhaftigkeit entgegen: Er könte so wenig eines jeden Griechen Meinung vertheidigen / als die Druyden selbst aller Deutschen Gottesdienst billichtẽ. In allen Ländern wären fromme und gottlose Leute / wie auf allen Wiesen giftige und gesunde Kräuter wüchsen. Uberdis wäre auch unleugbar: daß oft gantzen Völckern entweder falsche oder einen gantz andern Verstand habende Meinungen angetichtet würden. Zu Rom wäre niemand / der nicht glaubte: daß die Deutschen den Mercur für ihren höchsten Gott / nach ihm[273] aber auch den Hercules / Mars / die Isis anbeteten /wie auch ihren Urheber den Tuiscon und etliche verstorbene Weiber zu Göttern gemacht hätten; da doch er von den Deutschen bey seiner langen Anwesenheit zu Aschenburg ein viel bessers gelernet hätte. Nicht besser gienge es itzt ihnen. Denn ungeachtet sie des Laertes und Ulyssens Nahmen in ihrem Tempel stehen hätten / wären doch dis nur Gedächtnüsse wolverdienter Helden / und so wenig / als der Deutschen Lobgesänge von ihrem Tuiscon und Hercules Vergötterungen. Aller vernünftigen Griechen Glaube wäre jederzeit gewest: daß wie ein Kreiß nur einen Mittelpunct / die Welt nur eine Sonne / also das grosse All nur einen einigen GOtt habe. Sein Wesen wäre unendlich. Daher könte man ihm durch keine Abbildung eine Gestalt geben; Und hätte destwegen Iphitus / Lycurgus und andere GOtt einige Seule aufzurichten verboten. GOtt wäre der Ursprung aller Dinge. Wie es keine Pflantze gäbe / welche nicht eine Wurtzel in der Erde hätte; also wäre in der gantzen Welt nichts / was nicht GOtt seinen Anfang und Wesen dancken müste. Daher könte durch menschliche Vernunfft seine Tieffe nicht ergründet werden. Er wäre der Brunn alles guten; und daher die ärgste Gotteslästerung ihm einiges Laster zuzudencken. Dieses wäre ihre den Deutschen gar nicht widrige Lehre / welche die Druyden schwerlich tadeln / noch weniger aber der gerechte Melo verdammen / oder sie dieser Warheit halber verjagen würde. Denn sie wäre nichts neues / sondern der Griechen und Deutschen ältester Gottesdienst. Westwegen sie auch die Eubagen schon für geraumer Zeit in ihre Gemeinschafft aufgenommen / sie also der diesen versicherten Freyheit zu genüssen hätten. Weñ aber auch die Druyden alleine eine Weißheit ohne Irrthum / und einen Gottesdienst ohne Aberglauben / die Griechen aber in beyden Flecken hätten; könten sie doch schwerlich glauben: daß der wahre Gottesdienst das allgemeine Band der Freundligkeit auflösete; welche auch die sich für ihr demüthigende Hunde streichelte. Am wenigsten aber wären sie / Griechen / so sehr zu hassen; weil sie ihres Zweifels halber sich niemals mit einigem Irrthume so feste verlobten: daß sie bey Erweisung eines bessern keine Ehscheidung verhiengen. Wie dem allem aber tröstete sie gegen alle Feindschafften: daß sie mit ihrer Demuth bey dem in Gnaden zu stehen vermeinten / in welchem kein Schatten oder Wechsel der Veränderung wäre. Wenn aber dis so wol im Wercke / als in den Augen der Druyden ein so strafbares Laster wäre: daß sie aus ihrem Gottesdienste kein Geheimnüs machten / und mit der Lehre ihrer Weißheit jedermañ ohne Unter schied betheilten; müsten sie vorher die Sonne verklagen: daß sie so wol niedrige Stauden und kriechende Würmer / als gestreckte Zedern und die Wolcken überfliegende Adler beschiene; oder gar mit GOtt das Recht ausführen: daß er eines Bildhauers oder einer Hebamme Sohn besseres Vermögen die Weißheit zu begreiffen gäbe / als weniger Könige und Römischer Bürgermeister Kinder haben. Welches der gerechte GOtt nimmermehr also schicken würde / wenn Niedrigkeit eine Hindernüs zur Weißheit / und Schwachheit zur Tugend zu klimmen abgeben solte. So aber schickte es die selbstständige Weißheit: daß der kleinste Zwerg aus dem tiefsten Thale die Sterne so gut /als ein Riese auf dem höchsten Berge sehen könte. Und GOtt trüge ein Belieben seine Weißheit durch die allergröste Ungleichheit in seiner Wahl groß zu machen. Nach dem nun Gott die Sonne unserer Seelen wäre / müsten nicht nur die Fürstlichen und Edlen /sondern alle ihre Gemüths-Augen gegen diesem unbegreiflichen Lichte empor heben. Zumal bey dem grossen GOtt der irrdische Unterschied des Adels und Pöfels gar nichts; und in seinen Augen der gröste König ein so kleiner Zwerg / als der geringste Bettler wäre. Die Anschauung GOttes aber könte von denen /welche von Gott[274] gar nichts wüsten / nicht geschehen. Denn weltliche Gemüther urtheilten von heiligen Dingen nach ihren fleischlichen Neigungen; und unerleuchteter Verstand wolte den unermäßlichen GOtt nach dem Fusse seiner thörichten Vernunft ausspannen. Gäntzliche Unwissenheit und ernstliche Andacht könte so wenig / als Blindheit und Liebe in einem Hertzen herbergen. Gottes heilige Tempel duldeten diese Kinder der Finsternüs nicht / wie das Eyland Creta keine Nachteulen. Denn Weißheit ohne Andacht ist eine Ohnmacht der Lebenden / und der Gottesdienst ohne Weißheit eine Andacht der Todten. GOtt selbst ist die selbständige Weißheit / ja der Brunn aller Weißheit; wie soll er denn von denen / die gar keinen Strahl hiervon haben / würdig verehret werden? Sintemal uns nichts dem Viehe ähnlicher macht /als die Unwissenheit. Daher die Weißheit billich vom Socrates fürs höchste Gut gerühmet wird. Wer die besitzet / siehet zweymal so viel als ein ander / ja GOtt selbst / welcher doch unsichtbar ist. Westwegen ein einiger Tag eines Weisen schätzbarer ist / als ein hundert-jähriges Alter eines Unwissenden. Wie mögen nun die Druyden ohne Grausamkeit den meisten Menschen die Geheimnüsse ihres Gottesdienstes verbergen? Meinet ihr vielleicht: daß die Blinden wie der Wahrsager Tiresias tieffer / als die Sehenden in das Geheimbuch des göttlichen Verhängnüsses blicken können? Oder bildet ihr euch mit dem sich selbst zu dem Ende des Gesichts beraubenden Democritus ein: daß die Blinden die weltliche / die Unwissenden aber die göttliche Weißheit zu begreiffen fähiger seyn? Nein / nein! GOtt ist das Licht / ja der Brunn alles Lichtes; woraus die Sterne ihren Schein / unsere Seelen ihre Erleuchtung schöpfen. Warumb sollen wir denn andern / die nicht weniger Menschen / als wir sind / dis vorenthalten / was wir selbst als ein göttlich Geschencke aus Gnaden genüssen? GOtt ist ein so groß Licht / daß die Sonne nur seinen Schatten abgiebt; wie soll ihm denn mit der Finsternüs einer blinden Andacht gedienet seyn? Zumal / da auch der Allererleuchtesten Andacht nur dem Morgen-Lichte gleichet / das noch immer mit Düsternheit und der sich zu weichen wehrenden Nacht kämpfet. Daß ich aber schlüsse; so schauet / ihr Druyden / nur die Sonne das Sinnebild Gottes an. Diese erleuchtet die finstersten Thäler; sie giebet mit ihren Strahlen denen kohlschwärtzesten Sachen einen Glantz; daß nur nichts finsteres sie durch seinen traurigen Anblick beleidige. Ja es ist kein Fleck in der Erd-Kugel / auf welchen die Sonne das Jahr über weniger / als auf den andern scheine; ungeachtet die Länge der Tage und Nächte nach dem Unterschiede der Oerter so wenig übereinstimmet. Unter dem Mittel des gestirnten Thier-Kreißes behält Tag und Nacht immer eine mittelmäßige Länge. Unter denen Eis-kalten Angelsternen aber folgt auf eine halb-jährige Nacht ein halb-jähriger Tag. Wie solte denn GOtt belieben; daß ein Mensch für dem andern in seiner Erkäntnüs ein Vorrecht haben / und also einer sein rechter Sohn / der ander sein Stiefkind seyn solte? Lasset / ihr Druyden /eure heilige Eichen eure Richtschnur seyn; welcher Heiligthume ihr nichts abbrüchig zu seyn glaubt: daß sie unreine Thiere mit ihrer Frucht speisen. Warumb soll denn eure Weißheit für gemeine aber doch viel edlere Leute zu köstlich seyn? Dencket und glaubet nur: daß niemand in Gottes Augen grösser / als der in seinen eigenen der kleinste ist. Hertzog Melo hörte dieser Griechẽ Vertheidigung so viel lieber / als ihm angenehm war: daß sie sich mit den Eubagen vereinbaret hatte. Massen er denn diese Vereinbarung mit den Eubagen auch zum Grunde seiner Entscheidung brauchte: daß nach dem sie dieser Gottesdienste beypflichteten / selbter ihnen nicht könte abgestellt / weniger sie selbst von dem Ihrigen verstossen werdẽ. Wormit aber niemand von denen Griechẽ eine ärgerliche Einbildung schöpfen möchte / solten sie an die Stirne ihres Tempels schreiben [275] Es ist nur ein GOtt /wie eine Sonne / beyder Wolthaten aber unzehlbar. Der Mensch ist ein Mittelding zwischen GOtt und andern Thieren; diesen gleichet der wollüstige Leib / jenem die unsterbliche Seele. Hierauf redete Melo die Druyden an: Er wünschte: daß die Verträgligkeit der Griechen und Eubagen / auch den Druyden und Barden zum Beyspiele der Nachfolge dienen möchte / alle ihre Streitigkeiten beyzulegen /und den einigen Gott mit einerley Andacht zu verehren. Seine Eubagen hätten den Druyden fürlängst Vergleich angeboten; und die Barden würden vermuthlich hierzu ebenfals zu bewegen seyn. Viel weise Leute /welche in den Grund ihrer Zwistigkeiten gesehen /hätten geurtheilet: daß die meisten aus einem irrigen Verstande gegentheiliger Meinung herrührten; und der Eyver nach und nach diesem und jenem etwas beygelegt hätte / woran sie nie gedacht; ja welches ein Theil sowol als das andere verda te. Etliche Sätze befestigte auch nichts anders als Geitz und Ehrsucht. Es wäre zu bejammern: daß der Gottesdienst eine Larve dieser zwey höllischen Ungeheuer seyn müste. Sintemal gewisse Dinge von etlichen Priestern ersonnen wären /welche nur desthalben für die unfehlbare Warheit geglaubt werden müsten; weil sie die Einfältigen zu Einwiedemung ihrer besten Gründe / und die Erbschafften den Kindern zu entziehen / und den Geistlichen zuzueignen verleiteten. Gleich als wenn wir einen solchen Gott / wie die Bilder der ihre Hände zu Annehmung der Geschäncke ausstreckenden Götter wären / verehrten / welcher von uns für seine Priester mehr Gaben verlangte / als er selbst austheilte; Oder /als wenn es eine Sünde wäre Gott umbsonst zu verehren / keine aber die Gottheit feil haben und verkauffen. Andere sähen zwar ihre Irrthümer; weil diese aber schon einmal sich in den unversehrlichen Purper der Warheit eingehüllt / die Priester aber bey dem Volck das Ansehen behaupten wolten: daß sie so wenig in ihrem Urthel als die Sonne in ihrem Lauffe irren könten / heuchelten sie ihren Fehlern; und meinten: daß wie eine alte kupferne Müntze einer neuen güldenen; also ein alter Irrthum der jüngern Warheit fürzuziehen wäre. Dis wären sonder Zweifel die fürnehmsten Brunnen der Unverträgligkeit zwischen den Eubagen /Barden und Druyden; welche leider! den Nahmen eines heiligen Eivers führte / wenn sie sich in eine unversöhnliche Hartnäckigkeit und grausame Todfeindschafft verwandelte. Wenn man diese verstopfte /nemlich die wahrhafften Meinungen jeden Theiles von denen / welche etwan dieser oder jener Druys oder Eubage für sich alleine ohne der andern Beyfall gehabt / untersuchte / der Priesterschafft auskommentlichen Unterhalt aussetzte / und allen ferneren Zuwachs durch scharffe Reichs-Satzungen abstellte / glaubte er festiglich: daß durch glimpfliche und kluge Schieds-Richter oder Vermittler / welche aber nicht Geistliche / sondern Weltliche seyn müssen / der Druyden / Barden und Eubagen Streitigkeiten zu unaussprechlichem Nutzen des gemeinnen Wesens noch wol würden gehoben werden können. Divitiach antwortete: Sie hätten jederzeit die Einigkeit des Gottesdienstes für den festesten Pfeiler eines Reiches; derselben Trennung aber für das Fallbret aller Herrschafften gehalten. Westwegen die zwar im Gottesdienste; aber nicht in der Staats-Klugheit irrenden Römer ihnen die Ausrottung des Egyptischen und Jüdischen Gottesdienstes so sehr angelegen seyn liessen. Die Druyden hätten Zeither eben so wol alle ihre Kräfften angespannet die Barden und Eubagen auf den rechten Weg zubringen /und den Druyden einzuverleiben. Wenn sie sich aber mit diesen letztern in gleiche Ungewißheit setzen lassen / und einen Vergleich treffen solten / da jedes Theil etwas von seinen Meinungen[276] fallen lassen müste / würden sie der befestigten Warheit gleichsam ein Auge ausstechen; welche doch eben / wie Gott /gantz rein verbleiben solte. Zu dessen Erinnerung hiengen die Römer ihren Kindern ein güldenes Hertz an / die Egyptischen Priester trügen einen Saphier auf der Brust / beydes als Kennzeichen der so wenig versehrlichen Wahrheit / als das Gold durchs Feuer vermindert / oder des Saphiers Himmel-Farbe befleckt werden könte. Denn der geringste Beysatz eines Irrthums machte den Gottes-Dienst schon zur Unwahrheit; wie ein ein einiger Natter-Stich in die kleine Zehe das gantze Geblüte des Leibes vergiftete. Daher hätte auch der weiseste unter den Griechen Pythagoras seinen Schülern diese Lehre gegeben: Sie solten niemals im Reden sich von der Sonne / nemlich von der Wahrheit abwenden. Denn diese hätte er nicht nur /weil sie die Finsternüsse der Irrthümer vertriebe; sondern auch / weil die Wahrheit nur einerley wäre / der Sonne verglichen. Diese Einigkeit würden die Druyden zertrennen / wenn sie eines Nagels breit von dem / dessen sie allzu gewiß versichert wären / abwiechen / und ihren gantzen Gottes-Dienst verunreinigen /oder ihre Wahrheit bey dem Volcke verdächtig machen / wenn sie die Eubagen und Barden würdigten mit ihnen über einem Vergleiche zu handeln. Diesemnach wäre es einem gemeinen Wesen nicht so schädlich / Leute / oder vielmehr Stöcke / die keinen Gott glaubten / als die / derer Irrthümer mit der Wahrheit vermischt / mit der Scheinheiligkeit überfirnßet sind /zu dulden. Denn jene pflegten ihrer offenbaren Thorheit halber keinen Vernünftigen zum Abfall / diese aber mit ihrer angenehmen Neuigkeit die Tieffsinnigsten / welche den Zweifel an allen Dingen für höchste Weißheit halten / zu ihrem Beyfall zu bewegen. Melo fiel ein: Ihm gefiele sehr wohl: daß die Druyden das Gleichnüß zwischen dem Golde und der Wahrheit billichten. Wäre es nun aber nicht wahr: daß das Gold nicht allein vom Betruge mancherley Beysatz lidte / sondern auch in seinen Adern unrein wüchse / und beym Schmeltzen viel Schaum und Schlacke von sich würffe? Destwegen hätte die Natur gewisse Steine wachsen lassen / durch welche man das reine Gold von dem falschen unterschiede. Dieser Prüfung müßten die Druyden ihre Wahrheit unterwerffen; weil sie in ihrer eigenen Sache so wenig als ein Goldschmied über seine Arbeit Richter seyn könten. Ja die Sonne würde zuweilen von einer Neben-Sonne so beschämet: daß man diese für das wahrhafte Auge der Welt / jene für einen Betrug der Lufft und der Wolcken ansehe. Hätte nun der Druyden Gottes-Dienst einen so gewissen Grund / würden sie desselbten Wahrheit für unverdächtigen Richtern zu vertheidigen / denen Barden und Eubagen aber ihre Irrthümer aus dem Grunde zu zeigen so viel weniger Bedencken haben. Denn seine Meynungen nur als eine unfehlbare Wahrheit heraus streichen / alle widrige aber schlechter-dinges verwerffen / wäre eben so viel gesagt; als daß man alleine sehend / alle andere aber blind wären. Und wenn ieder auff seiner Meynung hartnäckicht beruhete / würde nimmermehr kein Irrthum aus der Welt verbannet werden. Die Scharffsichtigsten büßten in dieser Einbildung ihr Urtheil ein / wie die sonst mit den allerschärffsten Augen sehenden Crocodile im Wasser gar nichts erkiesen könten. Uber diß wäre es mit der Wahrheit und Weißheit so beschaffen: daß wenn sie am Anfange gleich in höchster Vollkommenheit wäre / sie doch mit der Zeit wie die höchsten Farben ohne Empfindligkeit abschüsse. Und wie es im Himmel eben so wohl Flecken und Dünste gäbe; also scheueten sich Irrthum und Aberglaube nicht nach und nach an den reinsten Gottes-Dienst anzukleiben. Die Spinnen überwebten / und die Vogel befleckten so wohl heilige / als irrdische Bilder. Daher hätten die Pergamener umb diese zu vertreiben / und die unschätzbaren Bilder des Apelles sauber zu[277] erhalten in ihrem Tempel eine Basilisken-Haut aufhencken müssen. Alleine die Wahrheit von Irrthümern unverfälscht zu behalten wäre etwas übermenschliches / weil das Irren allzu menschlich / sonderlich im Gottes-Dienste wäre. Denn man saugte die alten Irrthümer gleichsam mit der Mutter-Milch ein; also daß sie von uns schier so lange unabsonderlich / als wir unser erstes Geblüte in Adern behielten. Die Zeiten hätten hierauf auch ein grösser Gewichte / als die wichtigsten Grundfesten der Wahrheit. Jedermann lieffe denen gemeinen Irrthümern / wie alle süssen Wasser dem bittern Meere zu. Wenn man aber auch einem reinen Gottes Dienste beyzupflichten das Vermögen oder das Glücke hätte; wären wir darbey so unglückselig: daß entweder unser übermässiger Eiver selbtem wie die Prillen der Grösse was abergläubisches beysetzten / oder die geistliche Schwindsucht / nemlich unsere Unachtsamkeit der Andacht / und dardurch auch dem Gottes-Dienste das beste entzüge. Nachdem nun unser Gewissen einen ieden seiner Unvollkommenheit / und die eigene Prüfung seiner Schwäche überzeugte / also: daß der reinste Gottes-Dienst nur derselbe wäre / welcher die wenigsten Flecken / wie der klärste Wein nur etwas Lager / und der vollkommenste Granat-Apfel / der wenig faule Kerne hätte; warumb wolten wir uns schämen den uns viel heßlicher verstellenden Unflath der Seele abzuthun / von dem wir mit so grosser Sorgfalt den Leib saubern? Wir irrten meist nur aus Unwissenheit oder aus Ubereilung / und am meisten aus anderer Verleitung. Diesemnach verdiente die darauf folgende Erkäntmiß den Nahmen der Klugheit /und die es verbessernde Reue den Ruhm der Tapferkeit. Wer aber sich vorsetzlich der Wahrheit entäuserte / und wissentlich seinen Irrthum umbarmte / handelte nichts klüger / als wenn eine Mutter ihr wahrhaftes Kind gegen einen Wechselbalg / weil dieser einmal an ihren Brüsten gesogen / eintauschen wolte. Einer / der des Weges fehlte / wird ohne Zurückkehrung nimmermehr zu rechte kommen. Ein Artzt müste nach Veränderung der Kranckheit seine Artzneyen verwechseln. Wäre also die Veränderung ins bessere keine Leichtsinnigkeit / sondern durch selbte übte die Beständigkeit vielmehr ihre Kräfften / wie ein den Wind andeutender Wetterhahn / durch seine Umbwendung / und die Magnet-Nadel durch ihre Bewegung gegen dem Angel-Stern ihr Ampt aus. Jedoch wäre freylich diese Verbesserung nicht mit Sturme /sondern mit kluger Vorsicht / und gleichsam ohne Empfindung des Pöfels / welcher aus Hartnäckigkeit keinen Fußbreit hinter sich weichen für höchste Tugend behertzter Leute hielte / zu bewerckstelligen. Worzu leicht ein Mittel aufzufinden seyn würde /wenn die Druyden nur die Liebe zu gemeiner Eintracht nicht aus den Augen setzten; und durch Erkäntnüß ihrer selbst glauben lernten: daß sie Menschen wären und irren könten. Sintemal ja Irrthümer unsere erste Lehrmeister sind / wenn wir mit Fallen gehen lernen. Und bey tugendhafften Gemüthern erwachsen aus anderer Verbrechen heilsame Gesätze und fürtreffliche Beyspiele. Ja unsere Fehler nutzen zuweilen uns mehr / als unsere Vollkommenheiten. Denn jene unterrichten uns / und geben uns ein Licht ab in andern Finsternüssen / wie ein Schatten in dem andern /oder in Gemählden; diese aber verleiteten uns zum Hochmuth und eiteler Einbildung; ja zu der Thorheit: daß wir unsere schwartzen Laster überkreiden / die Lügen vertheidigen; alleine endlich von der durchdringenden Wahrheit zu Schanden gemacht werden; weil doch endlich der Rost des vergoldeten Eisens /und der Greuel des Aberglaubens hervor stäche. Dessen aber verriethe sich durch nichts mehr / als durch unmenschliche Grausamkeit / welche einen Irrenden[278] zum Feuer verda te / und einem Gottes Verleugner liebkosete; gleich als wenn wohl ein Gran / aber kein Pfund Giftes schädlich seyn könte. Zwar wüste er wohl der alten Deutschen Meynung: daß Gott seiner empfangenen Beleidigung selbst eigener Richter wäre. Alleine warumb verfolgten denn die Menschen die / welche Gott aus Unwissenheit nicht anständig verehrten / mit Feuer und Schwerdt? Diß wären keine Mittel der Lehrer den Irrendẽ auf den rechtẽ Weg zu helffen / sondern Erfindungen der Scharffrichter die Welt wüste und öde zu machen. In Meynungen von Gott machte der Zwang den Aberglauben nicht besser / die Gemüther aber wohl hartnäckichter. Daher müste Klugheit / Glimpf und Zeit das beste thun / und bescheidentlicher Unterricht / nicht aber eine gewaltsame Aufdringung alter / iedoch verdächtiger Meynungen ein Wegweiser der Wahrheit seyn / welche wie das Feuer durch linde Schläge nicht zur Zermalmung aus den Hertzen und Kiesel-Steinen hervor gebracht würde. Mit diesen Worten wendete sich Hertzog Melo nicht ohne Andeutung einigen Verdrusses von den Druyden weg / kehrte mit den Griechen in ihren Tempel / und ließ den Druyden entbieten: Weil die Griechen mit keinem Scheine des Rechtens ihres Eigenthums entsetzt werden / die Druyden aber mit den Eubagen ihrem eigenen Vorgeben nach keine Verträgligkeit unterhalten könten; hielte er es auch nicht für rathsam die Druyden den Griechen zu Nachbarn auffzudringen.

Hierauf wendete Hertzog Melo sich wieder zu sei nen Krieges-Sorgen; und weil er in Aschenburg allerhand gute Verfassung machte / ließ er Novesium berennen / wie auch durch ein Theil seines Heeres beyde Römische Schlösser zwischen Novesium und dem Altare der Ubier Durnomach und Burung belägern. Das erstere eroberte der Graf von Bentheim mit Sturm /das andere Steinfurt durch Vergleich. Für Novesium aber fand Melo mehr zu thun / als er ihm eingebildet hatte. Sintemal diese Festung mit zweyfachen Mauern rings herumb mit dem Erp-Strome und einem Arm des Rheines mit zwey tausend Römern und vier tausend Galliern versehen war. Dieser aber mit den Sturm-Böcken desto besser beyzukommen / fieng Melo an die Erpe oberhalb Novesium / wie für Zeiten Semiramis und Alexander den Euphrates von Babylon abzustechen / und sie in einem neuen Graben in Rhein zu leiten. Der Befehlhaber der Stadt Stertinius sahe: daß ihm hiermit ans Hertz gegrieffen würde / that auf die zu dieser Arbeit gezwungenen Ubier einen starcken Anfall; aber der zu ihrer Beschirmung mit sechs hundert Reitern in Bereitschafft stehende Graf von Bröck empfing die Ausfallenden so unfreundlich: daß vierhundert / theils Römer / theils Gallier todt blieben / und zwey hundert gefangen wurden; welche dem Hertzog Melo einstimmig berichteten: daß in der Festung die Lebens-Mittel gebrächen. Folgende Nacht ward im Lager Lermen; weil von Jülich und Coriovalla sich drey tausend Römer und Gallier zusammen gezogen hatten / und sich in die Festung durchzuschlagen bemüheten. Die Sicambrer waren zwar wache /und begegneten ihnen behertzt; nachdem aber Hertzog Melo erkundigt hatte: daß sie auf den Pferden kein Mehl oder Getreide bey sich führten / befahl er den Seinigen dem Feinde Lufft zu machen / und sie in Novesium einzulassen. Durch diese Uberfüllung brachte er zuwege: daß sich in wenig Tagen darinnen Mangel und kurtz darauf Hunger ereignete. Stertinius berichtete seine Noth zwar durch etliche Ubier nach Gelduba / und das Ubische Altar; alleine weil unten Aschenburg / oben Durnomach eingenommen / war es keine Mögligkeit einige Lebens-Mittel durchzubringen. Stertinius selbst theilte das[279] Brodt nach dem Gewichte aus / und vertröstete die Belagerten eines Entsatzes. Aber endlich hatte der Magen kein Gehöre; und die leeren Mäuler / besonders der zärtlichen Gallier fülleten sich mit ungeduldigen Worten: Es wäre nicht Tapferkeit / sondern Wahnwitz wider die Natur Krieg zu führen; also solte man dem Fürsten Melo die Stadt auf ehrliche Bedingungen übergeben. Wie schwer diß den hertzhaften Stertinius ankam / zwang ihn doch die Noth und sein eigen Volck in einen sauren Apfel zu beissen / und beym Feinde einen freyen Abzug zu verlangen. Alleine Melo / welcher alle Nacht von überlauffenden Galliern der Belagerten Nothstand erfuhr / lachte darzu / und sagte den Gesandten: Es wäre von keiner andern Bedingung zu hören / denn daß Römer und Gallier sich der Deutschen Treue / und des Uberwinders Willkühr unterwürffen. Die Gesandten baten umb die Auslegung dieses Vortrags; welchen Melo antwortete: Diese hätte ihr eigener Manius denen Etoliern schon gemacht / als er sie sich der Römer Treue und Glauben zu unterwerffen gezwungen. Hiermit ließ er Ketten und Beile für ihre Füsse werffen / und sagte: In seinem Gefallen stünde es: ob er eines oder das andere gegen die Ergebenen brauchen wolte. Dieses aber sagte er ihnen vorher: daß er alle Deutschen / und darunter auch die Ubier und Menapier / welche wider ihr Vaterland den Degen gezückt / als Verräther und Uberläuffer an Bäume aufhenckẽ / die aber / welche aus Zagheit von dem deutschen Heere entronnen / und sich in die Stadt versteckt / nach Deutschlands Straff-Gesetzen erstecken lassen also jenes Lasters Unglückseligkeit der gantzen Welt zeigen / dieser Unwürdigkeit aber für Sonne und Menschen verbergen wolte. Die Römischen Gesandten kehrten mit Bestürtzung zurück / und setzten gantz Novesium in Verzweifelung. Insonderheit verungeberdeten sich die Ubier /Menapier / Eburoner und Gallier mit Winseln / Haar ausrauffen / und so weibischen Wehklagen / gleich als wenn sie mit Fleiß von Sinnen zu kommen sich müheten. Denn weil diese Gallier fast alle Belgen waren /diese aber von den Deutschen entsprossen / und die fetten Aecker Galliens bezogen hatten / besorgten sie sich durchgehends einer so grimmigen Hinrichtung. Der schlaue Stertinius stärckte sie in dieser Einbildung / umb dieselben durch Verzweifelung zu hertzhaftem Gefechte zu bewegen / welche von Geburts-Art nicht dazu geneigt waren. Denn die Verzweifelung zeucht in feigen Hertzen wie der Zucker und andere süsse Speisen im Magen alle Säure an sich; also daß der Verlust aller Hoffnung zu entrinnen eine Hoffnung zu siegen gebieret; und es solche Kleinmüthigen offt wackeren Leuten zuvor thun. Wie nun aller Vorrath aufgezehret war / ließ Stertinius durch einen angestellten Uberläuffer dem Melo beybringen: daß die Belägerten noch unter der Erde einen ziemlichen Vorrath an verstecktem Mehl und Getreyde gefunden hätten. Des Abends aber / nachdem die letzten Brosamen vollends aufgezehret waren / befahl er / alles was fechten konte / zu erscheinen. Diesen trug er mit einer solchen Freudigkeit / als wenn er zu einem Siegs-Gepränge ziehen solte / für: Sie wüsten das grausame Anmuthen des hochmüthigen Melo / er aber: daß redliche Leute lieber ehrlich stürben / als schimpflich lebten. Der Hochmuth eines Feindes wäre ein gewisser Vorbothe des Untergangs; in euserster Noth aber Verzweifelung die schärffste Tugend / und ein Wetzstein entweder zu siegen / oder doch mit seiner Leiche den unversöhnlichen Feind zu erdrücken. Diesemnach hätten mehrmals die klügsten Helden ihrem im Sacke gehabten Feinde zu entrinnen Lufft gemacht; der kluge Camillus denen über die Tiber zurück zu kehren verlangenden Deutschen freywillig Schiffe und Lebens-Mittel herbey geschafft / der Käyser Julius denen umringten aber hertzhafft fechtenden[280] Deutschen / wie Agesilaus den Thebanern seine Kriegs-Hauffen /König Antigonus in Macedonien denen belägerten und ausfallenden Etoliern den Wall zu ihrer Flucht eröffnet / Themistocles dem geschlagenen Xerxes nicht allein die über die Meer-Enge geschlagene Brücke zu zerreissen verbothen / sondern ihn auch noch ins geheim der Flucht halber warnigen lassen. Ja die Deutschen selbst hätten zum Sprich-Worte: Verzweifelten Feinden solte man eine güldene Brücke bauen. Hierwider aber verstiesse Melo zweifels-frey aus gütiger Schickung der Götter ihm zu Schaden / ihnen aber zur Wohlfarth und Ruhme. Denn das Verhängnüß hätte die Eigenschafft durch solche Umbwege die Hoffärtigen in / die in ihren Schrancken stehenden aber aus dem Verterben zu führen. Als der Macedonische Philipp denen belägerten Bürgern in Abydus und ihren Rhodischen Hülffs-Völckern nicht mit allem / was sie tragen könten / den freyen Abzug hätte enträumen /sondern sich schlechterdings zu ergeben haben wollen / wäre diß Begehren für eine so unerträgliche Grausamkeit aufgenommen worden: daß sie sich nach verrichtetem Gottes-Dienste bey noch brennenden Opfern durch einen ihnen von beyden Geschlechtes Priestern vorgesungenem abscheulichen Eyde zusammen verschworen hätten / sich mit denen zu dem Ende freygelassenen Knechten biß auff den letzten Bluts-Tropfen zu wehren. Wenn sich aber die Macedonier der innersten Mauer bemächtigen würden / solten funfzig der ältesten Bürger das im Tempel der Diana versa lete Frauenzimmer und Kinder / die auff dem Marckte in einen Holtz-Stoß zusammen getragene Kostbarkeiten verbrennen / alles Gold und Silber in einem Rhodischen Schiffe im Meere versencken. Solte er nun seinen Römern und Galliern nicht zutrauen: daß sie so kecke Entschlüssungen als die Phrygischen Weichlinge in ihrem Busen trügen? Ein Gelächter des Feindes seyn wäre bitterer / als kein Tod; ein behertzter Vorsatz und scharffer Degen aber ein Werckzeug alle Gordische Knoten des härtesten Nothstandes aufzülösen. Durch diß Mittel hätten sich die verzweifelten Phocenser wider die Thessalier / die Acarnaner wider die Etolier erhalten / als schon alles Hoffen der Erhaltung verschwunden gewest. Sie aber hätten noch Hoffnung und Kräfften übrig / wo sie sich ihr langsam und zweifelhaftes Berathen nicht durch den Hunger entkräfften liessen. Ihrer wären bey nahe acht tausend / also noch einmal so viel als der Griechen / welche bey der Thermophylischen Berg-Enge den mit seinem unzehlbaren Heere das Meer und Griechenland bedeckenden Xerxes geschlagen hätten. Die übermässige Vielheit des Kriegsvolckes wäre so wohl dem Darius eine Ursache des Verlustes / als die Wenigkeit Alexandern ein Vortheil zu Gewinnung der ersten Schlacht in dem Cilicischen Gebürge gewest. Mit einem Worte: Ein behertzter Kriegsmann zehlte nicht die Feinde / sondern dächte nur / ie mehr ihrer wären /ie herrlicher würde sein Sieg seyn. Diesen würden sie wider den Melo / wie die in dem Tarentinischen Schlosse belägerten Römer unter dem tapfern Velius wider den hochmüthigen Asdrubal unfehlbar erlangen / wo sie ihm so getrost folgen / als er sie umb Mitternacht unverzagt auf die schläfrigen und sicheren Feinde anführen würde. Hierauff ließ er dem Kriegsvolcke so wohl zu ihrer / als ihrer Pferde Stärckung den noch übrigen Wein austheilen; und nach dessen Verzehrung an 2. Pforten durch das Geschrey der unnützẽ Stallbuben Lermen machen; zu der gegẽ Jülich gelegenẽ Pforte aber fiel Plancus mit einer / und Stertinius mit der andern Helffte der Velägerten zu dem gegen Gelduba tragenden Thore aus. Die Römer hatten an beyden Orten wider die sonst übliche Gewohnheit den Vor- die Ubier und Menapier den Nachzug; die Gallier aber blieben in der Mitten. Plancus[281] warff die erste Wache in einem Augenblicke über Hauffen; in der andern aber fand er den ersten ernsten Widerstand. Denn der daselbst die Wache haltende Ritter Schwartzstein brachte bey dem allerersten Getümmel seine zwey hundert Sicambrer ins Gewehre. Diese aber würden bald den Kürtzern gezogen haben / wenn nicht ein Graben und die Schlag-Bäume den Feind aufgehalten hätten; wiewohl Plancus / der diese Hindernüsse voran gesehen hatte / durch die untermischten Fuß-Knechte bald den Graben füllen / sich der Brücke bemächtigen / und die Schlag-Bäume mit Wald-Aexten zerhauen ließ. Hierüber lidt diese andere Wache Noth; weil der an so vielen Orten gemachte Lermen die Belägerer irre machte / und niemand wuste / wo er der Gefahr am ersten zulauffen solte; niemand auch ihm einen Ausfall der gantzen Besatzung einbildete /biß eine Stunde hernach in Novesium an etlichen Orten Feuer aufgieng. 200. Mann fanden sich ja nach und nach aus den Lauffgräben zu erwehnter Wache; aber was solte diese Handvoll Volckes gegen die 4000. die Plancus führte / ausrichten? Dahero denn /als der Ritter Schwartzstein todt bleb / sie sich über einen Quer-Graben auff die Seite zu ziehen genöthiget wurden. Plancus meynte: er würde nun mit freygelassenem Ziegel das deutsche Läger durchbrechen können; alleine Graf Stirum / der für diesem Thore oberster Befehlhaber war / both ihm mit zwey hundert Tencterischen Reitern / und sieben hundert Sicambrern zu Fusse hertzhafft die Stirne. Als nun Plancus /weil in Deutschland die Sommer-Nächte doch stets einen wenigen Schimmer des Tages behalten / sich diesen Hauffen nach und nach verstärcken sah / und er eine starcke Reiterey gegen ihm andraben hörte / ließ er die Gallier als geringe Schlacht-Schafe gegen dem Stirum herfür rücken. Die Ubier und Menapier stellte er gegen die ankommende Juhonische Reiterey / welche der Graf von Sem anführte; er aber lenckte mit seinẽ Römern auff die rechte Seiten / gegen die Erpe aus; die Ubier / Menapier und Gallier wurden bey Zeite umbringen; und / nachdem das in der Stadt gleich aufgehende Feuer denen Deutschen zum besten leuchtete / auffs hefftigste bedrängt. Die Gallier suchten zwar durch Wegwerffung ihrer Waffen Gnade; weil aber die Ubier und Menapier durch ihr hartnäckicht Gefechte und Anzündung der Stadt die Tencterer / Sicambrer und Juhonen auffs ärgste verbitterten /wurden sie / biß auff wenig Gefangene / die als Todte zwischen die Leichen fielen / und erst folgenden Morgen für lebendig zu seyn erschienen / gleichsam in die Pfanne gehauen. Dem zu entkommen vermeynenden Plancus begegnete der Graf von Mörs mit sechs hundert Pferden / und der Ritter Gladebeck mit tausenden zu Fusse. Nach einem verzweifelten Widerstande einer Virtel-Stunde verlohr Plancus alle Hoffnung da selbst durchzubrechen / weil sein Hauffen verwirrt /fast alle Römer verwundet waren / und noch eine frische deutsche Hülffe gegen ihn anstach. Daher wendete er sein Pferd / und sprengte ungeachtet des daselbst hohen Ufers in den Erpe-Strom / welchem etwan funfzig der am besten berittenen Römer folgten. Alleine sie kamen vom Strudel in Wirbel. Denn ein fünftes Theil von ihnen ertranck / Plancus aber mit den übrigen rennte dem daselbst mit drey hundert Bructerern in Bereitschafft stehenden Ritter Galen in die Hände; welchem er theils auff Zuredung seiner Gefärthen / theils weil sein Kampf mehr wilder Thiere Raserey / als vernünftiger Gegenwehr ähnlich geschienen hatte / sich nur als einen Gefangenen ergeben muste. Derogestalt hatte auff dieser Seite kein einiger der Belägerten das Glücke ein Bothe dieses unglücklichen Ausfalls zu seyn; wiewohl[282] Plancus hernach gegen etliche edle Deutschen / die zu Veteran gefangen sassen / ausgewechselt ward. Auf der andern Seite zeigte sich das Kriegs-Glücke dem Stertinius zwar etwas geneigter / gegen die Seinigen aber behielt es ebenfalls seine gemeine Eigenschafft einer Stief-Mutter. Denn er überfiel die euserste deutsche Wache zwar so glücklich / als Plancus; und ein des deutschen Lagers kundiger Ubier führte ihn durch den trockenen Graben der abgestochenen Erpe so glücklich auf der Seite weg: daß er die andere Haupt-Wache vorbey gieng / und vermittelst etlicher mit sich genommener leichten Brücken ohne grosse Mühe über die Graben und den Wall fast unvermerckt ins Lager drang. Hier hätte er sonder allen Zweifel den Meister gespielet und durchgebrochen; weil die Deutschen nirgends weniger / als an diesem festen Orte sich eines Feindes versehen hatten / sondern von hier vielmehr denen andern Lermens-Plätzen auf gegebene Zeichen zueilten. Ja Melo selbst / welcher nahe hierbey mit dreyen Edelleuten die Rundte verrichtete / wäre bey einem Haare dem Stertinius in die Hände gefallen. Alleine zu allem Glücke / oder vielmehr absonderer Schickung des Verhängnüsses hatte der Graf von Bentheim noch für Mitternacht sein ihm vertrautes Theil des Lägers umbgangen / und von ferne / seiner Einbildung nach / Feuer-Zeichen gesehen; wiewohl er mit sich selbst nicht eins war: ob er es nicht für Irr-Lichter oder fallende Lufft-Sternen halten solte. Nachdem aber im Kriege auch Eitelkeiten und Dünste nicht ausser Augen zu setzen sind / machte dieser vorsichtige Kriegs-Hauptmann alsofort Anstalt: daß auff allen Fall über die nöthigen Wachen fünf hundert Tencterische Reiter und tausend Sicambrer zu Fusse in Bereitschafft stehen musten. Das sich kurtz darauff regende Geräusche vergrösserte seinen Argwohn und Fürsorge; also / daß er schon zu Pferde saß / als an dem gegen dem Rheine gehenden Wasser-Thore sich mit Trompeten und Paucken ein grosses Getümmel erhob. Ob es sich nun auch mit vielem Geschrey vergrösserte / wuste er doch als ein erfahrner Kriegs-Hauptmann allzu gut: daß wie die seichtesten über die Steine schüssenden Berg-Bäche am sehrsten rauschten / die tieffsten Ströme aber gantz stille Wirbel dreheten; also in Ausfällen grosses Getümmel eine Anzeigung eines blinden Lermens / und wo es am stillesten / die Gefahr am grösten wäre. Daher blieb er kaum drey hundert Schritte von dem Orte / wo Stertinius einbrach / stille stehen; alleine in diesem Irrthume: daß die Belägerten sich nicht durch das Läger heraus / sondern neu-ankommende Hülffs-Völcker /welche ihre Ankunfft durch vorhergesehenes Feuer der Stadt zu wissen gemacht hätten / sich hinein zu schlagen vor hätten. Westwegen er umb den euserlichen Anfall abzuschlagen stehen blieb / und sich einer grössern Noth vorbehielt; sonderlich weil die deutschen Vorwachen gegen dem Rhein-Thore noch feste standen. Das an mehrern Orten beginnende Geschrey machte ihm allerhand Nachdencken / hinderte ihn auch zugleich: daß er des Feindes nicht ehe gewahr ward / als biß einer von denen den Hertzog Melo begleitenden Edelleuten durch ein gewisses Feuer-Zeichen und hefftiges Lermen-Geschrey die nahe Anwesenheit des Feindes andeutete. Stertinius eilte hierauff selbst diesem nahen Feuer zu; also: daß Melo kaum Lufft hatte sich auff das beygeführte Pferd zu setzen /und darmit über einen Graben zu sprengen. Die drey Sicambrer wurden zu Bodem gerennt und ertreten; Stertinius hätte auch über den[283] Graben gefolgt / wenn nicht der Ubische Verräther ihn gewarnigt: daß gegen selbiger Seite des Melo Haupt-Lager und die stärckste Verfassung wäre; der hierüber auch herfür rückende Graf Bentheim nunmehro auf die Gallier seitwerts gestossen wäre. Diesem muste Stertinius den Kopf bieten / weil des Ubiers Andeutung nach / nirgends anders wo möglich durchzubrechen wäre. Der hierüber erwachsende Streit war überaus grausam; weil es dem Bentheim umb Erhaltung seines grossen Krieges-Ruhms / dem Stertinius umb eben dis / und umb sein eußerstes Heyl zu thun war. Weil aber die Ubier und Menapier gantz verzweifelt auf einer / die Römer auf der andern Seiten die Sicambrer angrieffen / und der Graf Bentheim sein Krieges-Volck gegen drey Seiten zur Gegenwehr stellen muste; fieng er an / ungeachtet seiner mehr als männlichen Tapferkeit / Noth zu leiden. Es kam ihm aber Hertzog Melo / der in der Eyl seine hundert zur Leibwache erkiesete Ritter / und fünf-hundert andere Reiter zusa en gerafft hatte / zu Hülffe. Wiewol allererst / als Stertinius schon mit seinen Römern durchgebrochen war / und mit der Wache auf der über den neuen Erpe-Strom gelegten Brücke anband. Allhier gieng es aufs neue heiß her. Denn der Ritter Waßenar vertheidigte selbte mit vier-hundert Friesen / als mit so viel Löwen. Inzwischen badeten die Gallier / Ubier und Menapier unter den Schwerdtern des Hertzogs Melo und Bentheims in ihrem eigenen Blute; welches aber den nunmehr nur zu entrinnen bemüheten Stertinius wenig anfochte. Dieses gelang ihm auch; weil das nunmehr aus der Stadt leuchtende Feuer ihm einen breiten Furth durch die Erpe /dem Melo aber der Römer Flucht zeigte. So bald dieser nun Befehl ertheilt hatte: daß das Sicambrische Fuß-Volck der allem Ansehn nach verlassenen und brennenden Stadt zueilen solte / setzte er mit sieben-hundert Reitern dem Stertinius spornstreichs nach /welchen die sonst so geschwinden Flügel der Flucht dem begierigen Melo nicht entführen konten / ungeachtet die tunckele Nacht sie noch mit ihrem Schatten zu verbergen dachte. Er brachte den Stertinius an einer starcken gegen den Rhein lauffenden Bach zu stande; weil die schmale Brücke eine geschwinde Uberkunfft hinderte. Ob nun zwar Stertinius aus Noth sich allhier mit den Römern gegen den Melo setzte /thäten sie doch schlechte Gegenwehr / weil sie nicht weniger Flucht im Hertzen / als Wunden auf dem Rücken trugen; also jeder mehr über die Brücke zu entrinnen / als dem Feinde Abbruch zu thun bedacht war. Bey diesem Nothstande wendete sich unvermuthet das Blat; und sahe sich Melo gleichsam in einem Augenblicke anfangs von etlichen Hauffen Galliern angesprengt / hernach auch von den Römern umbringet. Denn Norbanus hatte zu Veterau aus Gallien vier-tausend Römer / und noch so viel Gallier zusammen gezogen; mit welchen er gleich auf dem Wege war sich vermittelst der Nacht durchs Läger zu schlagen / und einen ansehnlichen Vorrath in Novesium zu bringen. Diese kamen nun dem Stertinius gleich zu rechter Zeit / und hätten sie durch Bestrickung des Sicambrischen Hertzogs bey nahe mehr gewonnen / als ihre Langsamkeit an der verlassenen Stadt Novesium verlohren hatte. Wie sehr nun gleich Melo im Gedrangen war; so freudig gebehrdete er sich doch / und machte mit kräftigem Zusprechen: daß wenig Flüchtige insgemein viel neu-ankommende Hülffs-Völcker /wie ein gerade fortschüssender Strom alle seitwerts in ihn fallende Bäche mit Gewalt fortrissen / mehr aber durch seine streitbare Faust den Seinen ein Hertze. So lange er mit den Galliern zu thun hatte / war das Gefechte nur Kurtzweil; als die Römische Reiterey darzu kam / ward es Ernst; als aber vollends die halbe Legion Fuß-Volck gegen ihn andrang / kam[284] die Noth an Mann; und fielen von seiner Leibwache der Ritter Wachtendonck / Knesebeck / Burg / Friesen / Beuningen / Steinbach / und von denen andern nebst dem Ritter Brefurth wol funfzig Edelleute. Melo kriegte selbst eine Wunde in lincken Arm; daraus er aber einen Schertz machte / und sagte: dis Aderlassen würde sein aufwallendes Hertze der bißherigen Bedrängnüs befreyen. Massen er denn auch mit dem ersten darauf folgenden Streiche des Norbanus Sohne /der ihm mit Gewalt auf den Hals drang / den Kopf zerspaltete. Welche Rache zwar die Feinde verbitterte / aber zugleich derogestalt schreckte: daß sich keiner seinem Degen zu nähern getraute. Hierüber begunte es zu tagen; aber umb die Sicambrer ward es von dem Gedränge der Feinde immer finsterer. Das Licht und das Geräusche der Waffen diente nunmehr dem Grafen von Bentheim zum Wegweiser / welcher nach abgekühlter erstern Hitze der Gallier / Ubier und Menapier / ihre Abfertigung dem Grafen von Steinfurt überließ / und mit tausend Tencterern zu Pferde seinem Fürsten zu folgen seiner Schuldigkeit hielt. Diese Ankunfft veränderte alsbald das Gesichte des Streites. Deñ / ob zwar der Feind / welcher gleich auch sein übriges Fuß-Volck über etliche in der Eyl gemachte Brücken disseits des Wassers gebracht hatte / mehr als achtmal stärcker war; kriegten sie doch mit diesen hurtigen Deutschen alle Hände voll zu thun / weil sie durch ihre unglaubliche Geschwindigkeit in diesem flachen Felde bald vor / bald hinterwerts / bald auf der Seiten einfielen. Weil nun Stertinius ihm leicht sie Rechnung machen konte: daß das gantze deutsche Läger ihnen bald auf den Hals kommen würde / rieth er dem Norbanus das Fuß-Volck nur beyzeite wieder zurück über das Wasser zu ziehen; und den nechsten Weg nach Gelduba zu erkiesen. Dieses ward auch grossen Theils bewerckstelligt / ehe der Graf Stirum mit zwey-tausend Pferden darzu kam; welchem / nach nunmehr völlig gedämpften Belägerten und eroberter Stadt / mehr Reiterey und Fuß-Volck bey verlautetem Gefechte mit den Römern folgte. Gleichwol hatte Stertinius alle Hände voll zu thun / und alle seine Krieges-Künste herfür zu suchen: daß er nur an diesem doch so vortheilhaften Orte die Deutschen mit der Reiterey so lange aufhielt / bis das Römische und Gallische Fuß-Volck / wiewol mit Hinterlassung zwey-hundert Wagen / tausend mit allerhand Vorrathe beladener Esel sich in den nechsten Wald zurücke zohe. Worauf er denn mit der Reiterey spornstreichs folgte; von welcher die Deutschen gleichwol über sechs hundert abschnitten / und entweder über die Klinge springen liessen / oder gefangen namen. Norbanus und Stertinius dachten nunmehr nur an ihre Entkommung; dahero verhieben sie den Deutschen alle Eingänge und Wege; worzu ihnen denn nicht wenig dienlich war: daß ein grosses Theil der Deutschen das Geräthe des Römischen Heeres plünderte /und dem Feinde nicht / ehe er sich verhauen hatte /auf den Hals gieng. Also entran Stertinius und Norban / wiewol mit Verluste der Stadt Novesium und wol zehntausend Römer / Ubier und Gallier. Melo aber kehrte mit zweyfachem Siege zurück in das bey nahe halb abgebrennte / nunmehr aber durch treue Sorgfalt der Sicambrischen Kriegs-Obersten von dem Fuß-Volcke geleschte Novesium; dessen Befestigung so gut befunden ward: daß wenn der Hunger nicht seine Pforten eröfnet / die Eroberung viel Kessel Menschen-Blutes gekostet haben würde. Alleine dieser Sieg schläffte den wachsamen Melo nicht ein /sondern er brauchte ihn zu einem Werckzeuge vieler andern. Er zertheilte sein Heer / und schickte den Grafen von Bentheim für Tolpia / den Stirum für Tiberiach / den Ritter Willich für Belgica; welche Oerter denn mit allem Lande zwischen dem Rheine und der Rohr bis an das Ubische Altar ohne sonderbaren Verlust übergiengen.[285] Denn die siegenden Deutschen fochten mit zweyfachen Hertzen / die erschrockenen Römer aber nur mit laßen Händen / und die gezwungenen Gallier noch darzu mit Unwillen. Welch glücklicher Lauff der Waffen denn den Fürsten Melo bewegte zu Belägerung des Ubischen Altares als der Römischen Haupt-Festung / Anstalt zu machen.

Mitler-Zeit hatte Germanicus mit seinen zweyen Legionen ohne einige Hindernüs die Festung Antonach erreicht; welche er / ob schon Käyser Julius bey Bauung seiner Brücke über den Rhein daselbst eine feste Schantze gelegt / Drusus aber hernach den Ort ansehlich verstärckt hatte / wegen besorgenden Angriefs der über den Rhein täglich streiffenden Juhonen besser zu befestigen befohlen. Als er aber nur einen Tag ausgeruhet / eilte er über den Fluß Abrinca / und gieng bey Coblentz über die Mosel. Daselbst erfuhr er: daß Hertzog Arpus nach erobertem Bingen mit seinen Catten für das Altar des Bacchus gerückt war. Ob er nun zwar anfangs willens war geraden Weges über Ambiatin / Bontobrige und Vesavia seinen Zug zu nehmen umb des Bacchus Altar zu entsetzen; So kriegte er doch vom Tiberius aus Meynz Befehl: daß weil diese wolbesetzte Festung so bald nicht Noth haben würde / er umb keinen gefährlichen Streich zu wagen an der Mosel gegen Neumagen herauf rücken / und sein Heer mit ihm zu vereinbaren trachten solte. Germanicus folgte diesem / und lenckte den dritten Tag von der Mosel ab nach Taberna; wo er weder Augen noch Mund an dem herrlichen und Wasser-reichen Brunne sättigen konte. Von dar gieng er bey Dumnus über die Nave / richtete seinen Zug gerade gegen Bingen / und sprengte aus: daß er Bingen belägern / hiermit auch zugleich den Feldherrn Herrmann vom Arpus abschneiden wolte. Dis Geschrey verursachte: daß der Feldherr den Hertzog Marcomir mit zehn-tausend Cheruskern und Dulgibinen; Arpus aber den Fürsten Catumer mit acht-tausend Catten an die Nave zu Versicherung dieses Stromes und der Festung aus seinem Lager abschickte. Germanicus wendete sich unvermuthet / und gieng /wo die Glan in die Nave fällt / wieder über den Fluß. Tiberius war selbige Nacht in aller Stille von Meynz am Rheine hinauf in das Vangionische Gebiete bis zur Stadt Bontonich gerückt / von dar er dem sich ihm nähernden Germanicus entgegen zoh. Der den Tiberius genau beobachtende Feldherr Herrmann brach zwar / so bald er dis erfuhr / aus seinem Lager bey Ingelsheim auf / umb die Vereinbarung beyder Römischen Heere zu verhindern; Weil sie ihm aber umb eine Stunde zuvor kommen waren / zohe er sich zurücke gegen Bingen / und beyde Hertzoge Marcomir und Catumern mit ihren Völckern an sich. Tiberius und Germanicus schlugen ihr Läger gleichfals an der Nave / und giengen bald auf eine / bald auf die andere Seite; bald stellten sie sich auch / als weñ sie zu Meynz wieder über den Rhein setzen wolten. Nach dem aber der vorsichtige Feldherr nicht zu verführen war: daß sie zwischen Bingen und dem Altare des Bacchus am Rheine festen Fuß gesetzt / und die Catten von den Cheruskern abgeschnitten hätten. Tiberius auch von etlichen Gefangenen erfuhr: daß des Bacchus Altar gantz untergraben / und nunmehr in euserster Gefahr wäre / entschloß er sich das Cattische Läger anzugreiffen; weil er ohne Verlust seines bisherigen Krieges-Ruhmes diese Festung gleichsam in sei nem Angesichte nicht könte lassen verlohren gehen. Diese Entschlüssung war nichts / was die Grösse seiner Macht überstieg. Denn ob zwar die Catten vier und zwantzig / die Cherusker mit ihren Hülffs-Völckern fünf und dreißig tausend Mañ starck waren; so brachten doch Tiberius und Germanicus sechs Legionen zusammen; und ihre zwar ziemlich verschmoltzene Hülffs-Völcker belieffen sich noch über dreißig-tausend.[286] Der Feldherr Herrmann / so bald er erfuhr / daß das Römische Heer über die Nave gegangen war / hatte sich zwischen Bingen und dem Altare des Bacchus gesetzt; also daß er in ein paar Stunden dorthin und hieher seine Macht bringen konte. Wie er nun des Tiberius Vorhaben jedesmal so klüglich ausspürte: daß wo Tiberius hindachte / Herrmann gleich / als wenn er ihm ins Geheimbuch seiner Gedancken gesehen hätte / schon da stand; also fand Tiberius auch dismal eine viertel Meile von dem belägerten Altare des Bacchus an einem vortheilhafften Orte den Feldherrn mit seinem Heere für sich. Ob ihm nun wol der Weg derogestalt verhauen war / so richtete er doch durch seine Näherung so viel aus: daß die Belägerten / welche schon mit dem Hertzoge Arpus über der Ergebung zu handeln anfiengen / sich nun mehr hartnäckichter bezeigten / und folgende Nacht /als Tiberius an einem / Germanicus am andern Orte gegen der Stadt durchzubrechen trachete / aus zweyen Thoren einen starcken Ausfall thäten. Wie nun aber der Feldherr aller Orten wachsam war / und beyder Römischen Feldherren Einbrüche klüglich verhinderte; also hatte der Catten Hertzog / welcher aus abgebrochener Handlung ihm einen Ausfall festiglich eingebildet / auf der Seite beyder Thore drey-tausend auserlesene und Römisch-gekleidete Catten unter dem Grafen von Solm und Dietz meist in Gräben und gemachte Hölen verstecket; auch selbte befehlicht hatte / bey dem Ausfalle sich nicht zu rühren / bis sie ihren Vortheil ersähen sich eines Thores zu bemächtigen. Er schickte bey hellem Tage auch achttausend Catten dem Feldherrn zu Hülffe / umb denen Belägerten zum Ausfalle desto mehr Anlaß zu geben. Als das Geräusche von den euserlichen Anfällen denen Belägerten zu Ohren kam / fiel Trebatius zu einen / Lucius Acilius zu dem andern Thore heraus. Die Cattischen Vorwachen verliessen auf des Hertzog Arpus Befehl ihren Stand; die andere und dritte Wache setzte sich zwar zur Gegenwehr / aber mehr zum Scheine als ernsthafft. Uberdis rieffen die Catten einander zu: Jedermann solte fliehen / wohin er wüste / weil Germanicus durch das Cheruskische Heer und über den Wall des Cattischen Lagers durchgebrochen / also muthmaßlich alles verlohren wäre. Welch Geschrey der hierzu bestellte Graf von Beilstein durch angestelltes Getü el meisterlich zu bestärken wuste. Hierdurch wurden die Römer zu einer unvorsichtigen Entfernung von den Thoren der Festung verleitet. Denn das an einem gleichsam in die Armen rennende Glücke bländet nicht alleine der Klugheit linckes Auge / über welches das Mißtrauen die Aufsicht hat; sondern es ist auch ein gefährlicher Stein des Anstossens / über welchem nicht nur viel hertzhaffte Kriegs-Obersten gestolpert / sondern auch grosse Helden den Hals gebrochen haben. Also begegnete es hier so wol dem Trebatius / als Acilius. Denn der erste verfiel in die Hände des Grafen von Hanau / welcher ihm mit sechs-tausend Catten auf beyden Seiten wie ein Blitz über den Hals fiel. Dem Acilius both der Graf von Wißbaden mit drey-tausend Catten die Stirne; und der Graf von Weil grief ihn zugleich mit zwey tausenden auf der Seite an. Beyde merckten zwar alsbald ihre Vergehung / und mühten sich durch einen Krebsgang wieder zu rechte zu ko en. Alleine die Catten hiengen wie die Kletten an den Römern; daß sie keinen Fuß ohne Kostbarkeit ihres Blutes fortsetzen konten. Ja der Graf von Hanau schnitt dem Trebatius gar den Rückweg ab: daß er ungeachtet seiner eusersten Bemühung sein Thor nicht wieder erlangen konte. Ob er nun zwar selbst getödtet ward / und alle seine Krieges-Leute entweder ins Gras oder in die Ketten beissen musten; so war er doch darinnen glückseelig: daß das Thor / wordurch er ausgefallen / beyzeite gesperrt / und von der zurück gelassenẽ[287] Besatzung wider den anfallenden Grafen von Dietz männlich vertheidiget und glücklich verhalten ward. Acilius hatte hingegen zwar mehr Lufft und Gelegenheit zu weichen; alleine der Graf von Solm vermischte seine funfzehnhundert verkleidete Catten so geschickt und zu rechter Zeit unter die weichenden Römer: daß er mit ihnen in die Stadt drang; die Wache niederhieb / die Fall-Gatter /Schlag-Bäume und Aufzüge der Brücken zernichtete /und alleine wider die ihm auf den Hals dringende gantze Besatzung diese Pforte so lange behauptete /bis ihn der Graf von Weil und Wißbaden entsetzte; endlich der Graf von Catten-Ellenbogen mit tausend Cattischen Reitern hinein drang / und alles / was ihm begegnete / zu Bodem rennete. Der Oberste der Römer / Coponius / thät zwar alles / was ihm anfangs Muth und Klugheit / und zuletzt die Verzweifelung an die Hand gab; nemlich: Er zündete die Stadt bey dem eroberten Thore an. Alleine die Deutschen hatten schon auch das andere Thor aufgehauen / und der Graf Dietz sich desselben Meister gemacht; daher der Graf von Gleichen auch mit fünfhundert Pferden hinein drang. Hiermit gieng es nur an ein Erwürgen der Römer / welche nach Entseelung des Coponius und anderer fürnehmsten Befehlhaber die Waffen wegwarffen / und sich in die Keller und Winckel verkrochen; bis sie der Morgen doch in die Hände der Uberwinder lieferte. Der Römer blieben über drey-tausend todt / und funfzehn-hundert wurden gefangen; das Feuer auch zeitlich gelescht: daß nicht über zwölf Häuser verbrennten. Hertzog Arpus machte nicht alleine dem Feldherrn die Eroberung alsbald zu wissen / sondern kam auch mit etlich tausend Catten ihm zu Hülffe / welche aber die im Vortheil stehenden Cherusker nicht von nöthen hatten / sondern den Römern allenthalben genungsam gewachsen waren. Das Geschrey von Eroberung der Festung breitete sich alsbald durch das deutsche Heer aus: daß es auch dem Tiberius zu Ohren kam / und von dem aufgehenden Feuer bestätigt ward. Daher Tiberius nur abblasen ließ / und sich in sein Lager zurück zoh. Folgenden Tag / als der Feldherr Herrmann und Arpus die eroberte Festung besahen / kriegten sie die Nachricht: daß der junge Sicambrische Hertzog Francke mit zehn-tausend auserlesenen Reitern nur eine Meile von dar stünde / und / wo er dem Feinde Abbruch thun könte / vom Feldherrn Nachricht verlangte. Beyde Hertzoge waren leicht eines diese ansehnliche Hülffe an sich zu ziehen. Daher sie auch alsofort Anstalt machten diese Reiterey über den Rhein zu setzen; welche aber grösten theils aus Begierde zu fechten über den Rhein schwemmeten. Sintemal die Tencterer den für keinen Reiter halten / der nicht seine Geschickligkeit so wol selbst schwimmende / als zu Pferde über diesen Fluß zu setzen bewiesen hat. Als inzwischen der sonst so verschlossene Tiberius seinen Unwillen über diesem grossen Verluste nicht bergen /noch auch in drey Tagen weder mit sich / noch dem Germanicus sich vergleichen konte / was er mit seinem so mächtigen Heere fürnehmen solte. Den vierdten Tag aber gerieth er in keine geringe Bestürtzung; als noch für aufgehender Sonne der Feldherr und Arpus in der nechsten Fläche ihr Heer gegen dem Römischen Lager in Schlacht-Ordnung stellten / und den Tiberius durch einen Herold zur Schlacht ausfordern liessen. Des Germanicus Meinung war: Sechs Römische Legionen könten gegen der gantzen Welt Kräfften ohne euserste Schande zu schlagen sich nicht enteusern. Aber Tiberius / welcher die deutsche Reiterey für unüberwindlich hielt / war auf keine Weise zu bewegen einen solchen Hauptstreich zu wagen; von dessen widrigem Ausschlage der Verlust gantz Galliens hieng; der Gewin aber mehr nicht / als die Wieder-Eroberung etlicher verlohrnen Festungen eintragen könte. Uberdis wäre bey denen / welche allererst einen glücklichen Streich gethan /[288] zwar die Klugheit in Ab- / die Tapferkeit aber im Aufnehmen; die Unglücklichen aber / wie hertzhaft sie gleich wären /kämpften nur mit mißträulichem Gemüthe und langsamen Armen. Also musten nur die Deutschen unverrichteter Sachen abziehen; wiewol ihre Heerführer hier nicht so viel / als durch eine halbe Schlacht gewonnen zu haben meinten. Denn Volck und Geld sind zwar die Spann-Adern / der erlangte gute Ruff aber die Seele des Krieges; und eine Faust derer / welche den Ruhm des Sieges vor sich haben / ist dreyen andern überlegen. Dieses Ansehn der Deutschen Waffen ward dardurch so viel mehr vergrössert: daß Germanicus noch selbige Nacht mit einem Theile des Römischen Heeres aufbrach / und das alte Läger an der Nave besetzte / Tiberius aber durch seine Nachfolge gleichsam bestätigte: daß er den Deutschen nicht gewachsen wäre. Diesen hingegen hatte die grosse Beute / und fürnemlich die in der Festung gefundenen köstlichen Waffen ein grosses Hertze gemacht. Denn ob zwar die Deutschen gleichsam zu den Waffen gebohren sind / und so gar auch nicht ungewafnet zu Tische sitzen / so treiben sie doch aus einer eingebildeten Heiligkeit weder ihre Eisen-noch Gold- und Silber-Bergwercke. Nach dem nun die Römer bey Lebens-Straffe verbothen / denen Deutschen weder Stahl noch Eisen zuzuführen; hatten sie Mangel an scharffen Degen. Ihre Spiße waren meist höltzern und nur mit wenigem Eifen zugespitzt; Ihre Helme und Schilde waren aus rohem Leder der Ochsen / Bären und Wölffe / wie der Mohren aus Elephanten-Haut. Die Heerführer alleine hatten eiserne Pantzer-Hembde /Schilde und Helme / welche zuweilen mit Agsteine zierlich überlegt waren; die Römer also so viel in Waffen für den Deutschen / als diese an Kräfften für den Römern Vortheil. Unter andern funden sie einen silbernen Schild / auf welchem Drusus und sein Sieges-Zeichen an der Elbe geetzt war / für welchem selbiger Fluß kniende seinen Wasser-Krug ausschüttete. Diesen hätten die deutschen Krieges-Knechte aus Eyver zerschmettert / wenn nicht der Graf Mannsfeld darzu kommen wäre / und ihnen eingehalten hätte: daß diese ruhmsichtige Eitelkeit / wenn der Feldherr diesen Schild in den Tanfanischen Tempel aufhencken würde / den Römern schimpflicher seyn müste / als der kostbare Schild des Asdrubals / den ihm Quintus Martius abgerissen / und im Capitolinischen Heiligthume noch ein Gedächtnüs seiner großsprecherischen Schwäche fürbildete. Mit diesem wurden noch eine ziemliche Anzahl der kostbarsten Schilde ausgelesen /und vom Feldherrn in Tanfanischen Tempel geschicket. Denn es waren derer so viel / und zwar auf so seltzame Art ausgeetzet: daß Ulysses allhier seinen mit dem Meerschweine / Lycurgus seinen mit dem Dreyzancks-Stabe / Lysander mit dem Drachen / Alcibiades mit dem dem Blitz umbarmenden Cupido /jener Spartaner seinen mit der Fliege / Achilles seinen mit den Ackers-Leuten und Schnittern nicht gemisset hätte. Nebst diesem ward in der Festung eine unglaubliche Menge Weines befunden / weil die Römer an diesem Orte eine rechte Wein-Niederlage gemacht hatten / und selbten von dar nach Rom führten. Ja Käyser August selbst / welcher Zeither den in Campanien an dem steinichten Sinnesanischen Ufer wachsenden Setinischen Wein für seinen Mund erkieset hatte / tranck nunmehr keinen andern / als Rheinwein. Dieses edlen Getränckes genaaßen die Deutschen und sonderlich die Catten so viel begieriger / weil bey ihnen so wol / als für Zeiten bey den Nerviern ein halsbrüchiges Verbrechen war Wein ins Land / bey denen Carthaginensern ins Lager zu bringen; und daher viel Catten allhier zum ersten mal dieses edle Geträncke kosteten; alle Neuigkeit aber so angenehm ist: daß sie dem Wasser den Geschmack des Weines /dem Weine aber eines himmlischen Getränckes zueignet. Die Unwissenheit:[289] daß die Süßigkeit des Weines mit Hörnern und Klauen vermählet wäre; Westwegen auch die Griechen den Bacchus in der Gestalt eines wilden Ochsen und Panterthieres abgebildet / brachte die meist Milch und Wasser trinckenden Cherusker und Catten dahin: daß ihre alte Schwierigkeit zum jähren / ihre Zwytracht aber zum Hand-Gemenge kam; wordurch drey Cherusker und zwey Catten todt blieben / und beyderseits noch wol zwantzig verwundet wurden. Der ernsthafte Hertzog Arpus / welchem dieses Unvernehmen am ersten zu Ohren kam / meinte seiner Schuldigkeit zu seyn / umb grösserm Ubel bey zeiten vorzukommen / desselbten Wurtzel auszurotten. Diesemnach ertheilte er Befehl allen noch in der Festung befindlichen Wein auszuschütten / und die an dem Rheine gelegenen Weinberge zu vertilgen. Dieser Befehl ward nicht allein in den gemeinen Häusern vollzogen / sondern die Catten kamen auch zu dem Ende in das Heiligthum des Bacchus / unter welchem in gewölbten Kellern die edelsten Weine für den Käyserlichen Hof verwahret waren. Weil aber so wol die Priester / als die vom Hertzog Arpus nach der Eroberung dahin bestellte Wache solches zu öfnen weigerten; stürmeten es die Catten; und wäre der Handel zu einer Blutstürtzung ausgeschlagen / wenn nicht der Feldherr Herrmann und Hertzog Arpus gleich auf dem Wege gewest wären des Bacchus Altar zu beschauen /und dis Mißverständnüs unterbrochen hätten. Bey der Pforte des Vorhofes begegnete ihnen der Hohepriester in seinem prächtigsten Aufzuge / und bewillkommte sie mit grosser Ehrerbietung. Er war ein so schön gebildeter Jüngling / als jemals Bacchus mag abgemahlet worden seyn. Er hatte auf dem Haupte einen Krantz von Epheu-Eichen-Tannen- und Eiben-Laube; auf der Stirne zwey Ochsen-Hörner / in der Hand einen mit Reben-Blättern und Epheu umbwundenen Spieß. Diesen legte er beiden mit höchster Ehrerbietung empfangenen Hertzogen zu Füssen / und bat: Sie möchten doch ihren Grimm und Rache an diesem abgöttischen Heiligthume ausüben / hingegen gütige Schutz-Götter über das heilsamste Geschencke Gottes seyn / ohne welches ihm kein angenehmes Opfer geliefert werden könte. Herrmann und Melo sahen einander verwundernde an; weil sie nicht begriffen konten / warumb dieser Priester selbst dis Heiligthum für abgöttisch schalt / und desselben Zerstörung verlangte. Ehe sie aber noch fragten / nam er seinen Krantz selbst vom Haupte / und zerrieß ihn in kleine Stücke /seine Luchs- und Tieger-Haut warf er zu Bodem / und die Lantze trat er mit Füssen entzwey; welches doch alles dem Bacchus gewiedmete Dinge waren. Hierauf fieng er an: Wundert euch nicht / grosse Erlöser des Vaterlandes / über meinem Vorhaben. Ich bin eben so wol / als ihr / ein Deutscher / und zwar des Vangionischen Hertzog Ehrenfrieds Sohn; welcher der Römischen Dienstbarkeit feinder / als kein ander Deutscher ist; weil ich auch meine Seele zu einer Magd ihrer Abgötterey habe müssen mißbrauchen lassen. Es war leider! mit den Deutschen am Rhein-Strome so weit kommen / daß ihre Fürsten sich umb Römische Dienste als grosse Würden bewerben / und umb nur an unsern Feinden gütige Halsherren zu haben / sich zu Priestern / nicht nur ihrer ertichteten Götter / sondern auch eines sterblichen Menschens müssen gebrauchen lassen. Die Römer selbst verehren zwar ihre Gebieter nur göttlich / wenn sie todt sind / und nicht mehr sterben können. Die überwundenen Völcker aber müssen denen Römischen Land-Vögten Tempel und Altäre bauen / und die Welt den noch lebenden August anbeten / nach welchem verlebten Greise doch der Tod mit beyden Armen greifft. Nicht nur die Gallier / sondern sechzig Völcker / müssen ihm in dem Lugdunischen Tempel opfern / und seinen ihm daselbst aufgerichteten sechzig Bildern Weyrauch anzünden / und selbige[290] mit Balsam einsalben. Die Hispanier beten ihn im Tarragonischen / die Asiaten in dem Pergamischen /die Bithynier im Nicomedischen Tempel an. Ja die Indianer in der Limyricischen Landschafft am Ganges sind auch so alber: daß sie dem Käyser daselbst einen Tempel gebauet haben. Dieses Altar ist zwar dem Nahmen nach ein Heiligthum des Bacchus / in Warheit aber wird August allhier angebetet; als dessen warhaftes Bild hier durch den Bacchus für Augen gestellet wird. Maßen sie selbst solche Aehnligkeit deutlich wahrnehmen würden. Alle diese Abgötterey hat August selbst gebilligt / und zum theil von den Ländern verlangt; da er doch zu Rom ihm nicht einmal ein silbernes Bild aufzusetzen verstatten wollen / sondern die gegossenen zerschmeltzet hat. Gleich als wenn die Römer gegen andere Völcker Götter / oder diese gegen den Römern nicht Menschen wären. Diesemnach erfreue ich mich: daß ich durch die Hülffe zweyer Helden / welche GOtt Deutschlande zu rechten Schutz-Göttern zugeschickt / meiner Knechtschafft erledigt werde / und mit diesem mich verunehrendem Krantze die Bande der schändlichsten Heucheley zerreissen kan. Der Feldherr und Arpus schöpften nicht geringe Vergnügung über der Erklärung dieses hurtigen Fürsten; welcher auf fernere Befragung erzehlte: als Drusus zum ersten mal mit den Catten und Sicambrern angebunden hätte / wäre sein Vater von der gantzen Römischen Macht überschwemmet / und ihn / ungeachtet er noch nicht drey Jahr alt gewest / mit nach Rom zur Geissel zu geben gezwungen worden. Daselbst hätte er das vermeinte Glück gehabt: daß er der Käyserin Livia Gewogenheit erworben / und / nach dem er mehrmals so hertzlich nach seinem Vaterlande geseufzet / noch nicht für voll vor zweyen Jahren mit der Würde dieses Priesterthums begabt worden; welches ihm aber / so bald er nur die deutsche Lufft gerochen / und von ihrer Freyheit gehöret / der ärgste Greuel geschienen; ungeachtet er von der zartesten Kindheit an zu der niedrigsten Knechtschaft wäre gewöhnet worden. Hertzog Arpus fieng an: Den Deutschen ist die Freyheit so angebohren: daß sie zu keiner Dienstbarkeit gewöhnet / wie etliche Thiere ihr Lebtage durch keine Liebkosung gekirret werden könten. Unter diesem Gespräche giengen sie zusa en durch einen das auf einem Hügel liegende Heiligthum ringsher umbschlüssenden Wein- Garten. Sie kamen gleich zum Tempel / als der Sonnen-Schatten den Punct des Mittags anzeigte. Daher fieng der Priester an: Es ist merckwürdig: daß diese zwey Schutz-Götter Deutschlands gleich die Schwelle dieses Heiligthums zu der Zeit beschreiten / da sonst kein Mensch in selbtes gehen darf / weil die Götter am Mittage sich in die Tempel herab lassen sollen. Westwegen auch ihre Thüren ins gemein mit den Zeichen des Mittags und Sudwindes bemercket sind. Dieser Tempel war rund / aber wie der Elische des Silenus allenthalben offen. Denn er bestand in zwey und dreißig in ein rechtes Viereck zusa en gesetzten Seulen; wie der auf dem Eylande Aegina vom Aeous dem Jupiter gebaute in funfzigen; also daß auf jeder Seite zweymal sechs einander gegen über zu stehen kamen /und die inwendigen zwölf Pfeiler einen viereckichten Platz abgaben. Die Seulen waren alle mit vergüldetem Weinlaube umbwunden / zwischen welchen Schnecken / Heydächsen / und andere gekerbte Thiere gebildet waren. In dessen Mittel-Puncte des Bacchus Bild sechs Ellẽ hoch aus Alabaster auf einem schwarzmarmelnen Fusse unter freyem Himmel stand. Vielleicht weil die unter gehende Soñe auch unter dem Nahmen des Bacchus verehret wird. Sintemal die Tempel sonst insgemein nicht anders / als die Gräber ohne Fenster gebauet sind; gleich als weñ in derselben Düsternheit die Götter unser geweiheten Kertzen und Ampeln bedörften; oder weil die Finsternüs in den Augen das Licht der Andacht in den menschlichen Hertzen[291] anzuzünden vermöchte. Weil Bacchus nun eben so wol als Venus zugleich Mañ und Weib gewesen seyn soll /oder die Alten gar an ihrer Götter Geschlechte zweifelten / stellte diß Bild auf der einen Seite einen Mañ /auf der andern ein Weib für / und iedem Antlitze stand ein Altar gegẽ über. Arpus fieng an: Ich weiß nicht anders / als daß dem Bacchus eine nie veraltende Jugend zugeschrieben wird; beyde Antlitzer aber bilden schon verlebte Leute ab. Der Priester antwortete: Diesen Tempel hat auch Drusus allererst für achtzehn Jahren gebauet: da Käyser August schon über sechs und funfzig Jahr alt / und Livia nicht viel jünger gewesen ist. Hertzog Herrmann / nachdem er beyde Gesichter auffs genaueste betrachtet hatte / fieng an: Ich muß gestehen: diese Bilder sind dem Käyser und Livien so ähnlich / als wenn sie ihnen aus dem Gesichte wären geschnitten worden. Jedoch muß ich auch gestehen: daß ich selbst zu Rom schon gesehen /wie nicht nur Käyser Julius daselbst in Gestalt des Jupiters mit dem Blitze / August des Apollo mit der Leyer / sondern auch Sylla und Pompejus wie Mars; und in Griechenland Marcus Antonius wie Bacchus gebildet stehen. Uber diß hat mich mein Bruder Flavius berichtet: daß über den vorigen nahe beym Heiligthume des Friedens der Stadt Rom und dem August zugleich gebauten Tempel der Rath auf dem Marckte /und Livia bey der Burg dem August allein einen dergleichen Tempel eingeweihet habe; wie der zu Athen /zu Pola in Histrien / zu Milasa in Carien / zu Lugdun in Gallien / zu Tarracon in Hispanien ist; also Rom nunmehr für frembden bezwungenen Völckern in der Dienstbarkeit keinen Vorzug habe. Der Priester erinnerte hierbey: Sie möchten doch die an iedem Ende einen Kopf habende Schlange / welche auf der Juno Anstifftung den Bacchus ans Bein gebissen haben solte / und die Bacchus allhier mit einem Reben-Stocke zu Bodem schlug / genau betrachten. Hertzog Herrmann fand am ersten in dem Bauch dieser steinernen Schlange den Nahmen Deutschlands; der Priester wieß an dem einen Kopfe des Lollius und Manlius / am andern des Carbo / Cassius und Aurelius Niederlage mit sehr dünnen Buchstaben aufgezeichnet. Der Feldherr ward über diesen anzügerlichen Sinnebildern so ungeduldig: daß er bey dem nechsten Altare eine ertztene Opfer-Schauffel ergrieff / und damit den Schenckel dieses alabasternen Bacchus mit sambt der Schlange in Stücke schlug. Hertzog Arpus schöpfte über diesem Eifer grosse Vergnügung / und sagte: Seiner Meynung nach steckte in diesem Bilde mehr Geheimnüß / als es euserlich anzuschauen wäre. Denn es wäre nachdencklich: daß Deutschland in Gestalt dieser zweyköpsichten Libyschen Schlange vorgestellt würde / welche man mit nichts anders / als einem Holtze vom Wein-Stocke solte tödten können. Dieses wäre seinem Bedüncken nach so viel gesagt: daß Deutschland durch das wollüstige Geträncke des Weines nur zu bändigen wäre. Diesemnach er denn schon bey sich beschlossen hätte: daß / weil ohne diß bey den Catten die Einfuhre des Weines hochstraffbar verbothen wäre / er alle Wein-Stöcke am Rhein-Strome austilgen lassen wolte. Hertzog Herrmann versetzte: Ihm würde nimmermehr in Sinn kommen etwas zu vertheidigen / was der Deutschen Freyheit könte abbrüchig seyn. Diß aber könte er dem edlen Gewächse des Weines nicht ohne Beleidigung der Natur zurechnen / welches die Weisen so hoch hielten: daß sie es für das gröste Geschencke Gottes / für die heilsamste Stärckung des Menschen; ja für eine Süssigkeit / wordurch das menschliche Gemüthe erfreuet / Gott versöhnet würde / rühmeten. Wie der Geruch des Weinstocks kein giftiges Thier vertragen könte / der Wein dem Zieger-Kraute sein Gifft benähme; und die gefährlichsten Wunden heilete; die Bitterkeit der Galle linderte;[292] den menschlichen Leib durch die ihm von der Wurtzel eingeflößte und von der Sonne mitgetheilte Hitze erwärmte; die vom Wachen ermüdeten Glieder durch den Schlaf stärckte; das ohnmächtige Alter kräfftig verjüngte; also vertriebe sein Genüß auch das Gift der Traurigkeit / entbürdete das Hertze der Sorgen / welches gegen ihm keine schwächere Zuneigung als der Magnet zum Eisen hätte. Er verknüpfte die Gemüther zusammen; er brächte die Wahrheit aus den Brunnen der verschlossensten Hertzen ans Licht; er schärffte das tieffsinnige Nachdencken /machte die Geister der Tichter lebhafft und rege / weil sich nichts anders so geschwinde / als der Wein in Blut verwandelte; verdiente also eine Göttliche Feuchtigkeit / ein hi lischer Thau / der Alten Milch /der Schwachen Oel genennet zu werden. Aus diesen Ursachen hätten die Cherusker schon von geraumer Zeit denen Galliern / Friesen und Britanniern erlaubet in ihrem Gebiete gegen andere Waaren Wein zu vertauschen; ja weil der Wein die Tugend haben solte /Furchtsame behertzt / und Einfältige klug zu machen /pflegten die Cherusker und andere Nord-Völcker bey seinem Geträncke Rath zu halten / für denen Schlachten das Kriegs-Volck damit anzufrischen / ihre Vergleiche / Versöhnungen und Ehe-Stifftungen zu machen / ja ihre Hertzogs-Wahlen / Kriegs- und Friedens-Schlüsse zu vollziehen / wenn der Wein ihre Hertzen aufgeschlossen hätte / da sie so viel besser ohne Heucheley rathschlagen und ohne Irrthum schlüssen könten. Der Priester / welcher mit seinem Epheu-Krantze nicht die Liebe des Weines weggeworffen hatte / fiel dem Feldherrn bey / und wieß an dem Fusse des Bacchus-Bildes zu dessen Bestätigung allerhand Lob-Sprüche desselbten; welche ihm den Titul eines Hertzen-Kündigers / eines Eröffners der Heimligkeiten / eines treuen Rathgebers / eines Sorgentödters / eines Erhalters / und andere in Griechischer Sprache zueignete. Daher er auch an vielen Orten des Bacchus und der Pallas Tempel mit einander vereinbart gesehen hätte; und würde vom Nestor und Cato erzehlet: daß sie für ihren Rathschlägen ihre Geister durch Wein erwärmet / Hecuba aber dem Hector für seinem Gefechte Wein zu trincken eingeschenckt hätte. Die Thracier / Egyptier und Nasamonen stiffteten eben so wohl als die Deutschen ohne Wein kein Bündnüß. Bey den Griechen brächte der Schwäher seinem Eydame für dem Altare einen Becher mit Wein zu. Ja fast bey allen Opfern würden die Schlacht-Thiere vorher eben so wohl mit Weine dem Merckmal der Liebe / als mit dem Saltze unversehrlicher Aufrichtigkeit besprenget / hernach auch ins Opfer-Feuer gegossen / und wenn hiervon die Flamme lichter würde / es für eine Wahrsagung vielen Gutes angenommen. Hertzog Arpus aber versetzte: Er könte leicht glauben: daß die gütige Natur den Wein eben so wohl / als das zur Artzney brauchbare Gifft zu einem guten Ende wachsen liesse. Weil aber beyder schädlicher Mißbrauch gemeiner / als der angezielte Nutzen wäre / hielte er es für rathsam so wenig den Wein in Deutschland zu pflantzen / als ein vorsichtiger Gärtner Napel auf seinen Bethen zeugete. Sein Geträncke thäte so wohl dem Gemüthe / als dem Leibe Abbruch. Daher kein vernünftiger Artzt den Kindern biß zum achtzehendẽ Jahre den Wein wegẽ in sich habender Hitze nur zu kosten erlaubte; als wordurch die hinfallende Sucht / hitzige Feber / Gicht /Schwindsucht / Stein / und übriges Wachẽ verursacht / auch alles Gifft vergrössert / die Jugend entkräftet /die Gestalt verterbt / die Sinnen geschwächt / das Geblüte entzündet / die Adern verstopft würden; und daher die Persen ihren Kindern nach der Mutter-Milch keinen andern Tropfen / als schlechtes Wasser gäben. Bey den Massiliern und Milesiern untersagten scharffe Gesetze allen Weibern den Wein. Zu Rom würden[293] die Schlüssel darzu keinem Weibe vertraut / sondern für ihnen versiegelt; ja wenn eines des Weintrinckens überwiesen würde / wäre es ein halsbrüchiges Laster. Welches nicht so wohl für eine Straffe dieses Geschlechtes / weil ein Weib von Croton dem Hercules einen Trunck versaget / als für eine weise Vorsicht zu halten wäre: daß / nachdem der Bacchus ein Waffenträger der Wollust / und die Milch der Geilheit wäre /durch seine Hitze nicht der Schnee der Keuschheit versehret würde. Ja der Wein und das weibliche Geschlechts vertrügen mit einander auch so schwer eine Gemeinschafft: daß die unter dem Zeichen der gestirnten Jungfrau gepflantzten Reben nicht geriechen. Weil der Wein auch die Fruchtbarkeit störte / hätten zu Carthago keine junge Eheleute; und weil er den Verstand verdüsterte / keine Obrigkeiten Wein trincken dörffen. Zu Athen aber hätte ihr Fürst durch Trunckenheit alsbald den Hals verwürgt; bey denen Epizephyriern aber / vermöge eines vom Zalevcus gegebenen Gesetzes / iedweder Bürger / der ohne des Artztes Befehl Wein getruncken hatte. Sintemal diese Leute wohl wusten: daß der Wein Drachen-Galle / ein Gifft iedweden Alters wäre / welcher die Menschen in Pferde / Tiger / Affen / Hunde und Schweine verwandelte. Daher die Natur denselbten sonder Zweifel den Deutschen zum besten nicht hätte von sich selbst wachsen lassen / uñ durch diese Kargheit ihnen die gröste Wohlthat erwiesen. Weil sie nun dessen so lange Zeit hätten entpehren können / wäre wegen allzeit gefährlicher Veränderung es wohl am rathsamsten Deutschland im alten Stande zu lassen. Der Feldherr versetzte: Die Natur / als eine kluge Mutter / hätte die Menschen nicht zum verterbenden Müssiggange / und daß sie nur die Hände in die Schoß legen / und mit offenen Mäulern die Weintrauben aus der Lufft fangen solten / in den Garten der Welt gesetzt. Denn / wenn sie nicht arbeiten / und ihre Gaben mit Schweisse verbessern solten / worzu wären ihnen die Hände nütze? Nichts dörffe mühsamerer Pflegung / als der Wein-Stock / auch in den reichesten Wein-Ländern. Das Getreide / welches die Catten doch nunmehro fleissig säeten / wüchse eben so wenig von sich selbst / als der Wein. Der Oel-Baum wäre zu des Tarquinius Priscus Zeit noch in Italien unbekant; des Weines aber bey des Numa Herrschafft so wenig gewest: daß er verbothen die Holtz-Stösse oder Todten damit zu besprengen; und Mezentius / der Hetrurier König /hätte umb wenigen Wein den Rutilern wider die Lateiner beygestanden. Käyser August hätte allererst für wenig Jahren die Pomerantzen in Italien zu pflantzen angefangen. Also könte durch Fleiß in Deutschland mit der Zeit gemein werden / was ietzt die seltzamste Köstligkeit wäre. Alle Sachen zwar / derer Mißbrauch mehr schadete / denn der Nutz fro ete / wären billich auszutilgen; wenn nur durch solche Vertilgung auch die Wurtzel des erwachsenden Ubels gedämpfet würde. Alleine wäre der Mangel des Weines zeither den Catten und der durstigsten Mitternacht ein genungsames Mittel der Nichternheit gewest. Pflegten die Scythen / Thracier und Babylonier nicht gewisse Kräuter ins Feuer zu werffen / und durch den in Hals gezogenen Rauch sich truncken zu machen? Würden nicht die Araber von ihrer Aloe / die Indianer von ihren Palmen-Nüssen / die Asiaten von Mah-Saffte andere Völcker von der Feuchtigkeit gewisser Wurtzeln / und vom Rauche unterschiedener Pflantzen voll? Hätten die Deutschen nicht aus Getreyde /Honig und Hopfen etliche Träncke zu kochen erfunden; welche an Stärcke dem Weine überlegen / der Gesundheit aber viel abbrüchiger wären? Ja die doch vom Weine reichlich versorgten Länder müheten sich durch Fäulung oder Abkochung des Wassers mit vielerley Gesäme / Kräutern und Früchten neue Wollüste und mehr[294] Werckzeuge der Trunckenheit zu erfinden. Da nun iedes Volck einen gewissen Hang zu etwas hätte / was sich weder mit Feuer und Eisen von selbigem absondern liesse; die Deutschen aber wie die Scythen und Persen die Liebe des Trunckes zu ihrer Eigenschafft bekommen hätten; also ihre trockene Rathschläge ins gemein übel geriethen; warumb wolten sie ihren Landesleuten nicht gönnen ihren Durst an etwas edlerm und gesünderm zu leschen? nachdem die gantze Welt schon die erste Speise der Eicheln verworffen hätte / und Deutschland sich nicht mehr mit Milch und wilder Thiere Fleisch vergnügte. Er wolte der Trunckenheit nicht das Wort reden; wormit andere Völcker / welche mit Geilheit / Untreu und andern Lastern beschwärtzt wären / die Deutschen ihnen gleich zu mahlen meynten. Er wäre auch mit demselben Römischen Zunfftmeister einer Meynung / welcher es zu Rom für einen Abbruch der Freyheit hielt /wenn einer sich durch Schwelgerey nicht selbst in Grund richten dörffte. Nichts desto weniger wäre die Güte des Weines so groß: daß er sich nicht schämte selbten zu vertheidigen und zu bekennen: daß die Cherusker eben so ungern / als die Scythen den Wein mit Wasser mischten; und dieses Geschöpfe der Natur dem Menschen-Gemächte des Bieres billich vorzügen. Die fühl- und Vernunfft-losen Dinge empfinden selbst: daß der Wein ein rechtes Oel des Lebens wäre. Die darmit angefeuchteten Wurtzeln gäben ihren Pflantzen gleichsam eine neue Seele. Die schon halb-gestorbenen Maßholder-Bäume würden von der Krafft des Weines wieder lebhafft. Der Wein erhielte das darein geweichte Gesäme der Kräuter: daß es nicht schadehaft würde. Die Römer netzten ihre geschornen Schafe mit Weine: daß sie weichere Wolle trügen. Wenn man der wüttenden Ochsen Rücken damit besprengte / würden sie gezüge; die müden Pferde von diesem Geträncke stärcker; die zum fallen geneigten Maul-Thiere giengen davon gewisser; die Panther aber würden gar zahm; die darnach lechsenden Schlangen kirre; also daß die einem Menschen in Hals gekrochenẽ durch nichts leichter als vermittelst des Weines heraus gelocket werden könten. Der dem Menschen von diesem hi lischen Safte zuwachsende Fro en aber wäre unzehlbar. Die Deutschen härteten zwar ihre Kinder durch Eintauchungen in kaltes Wasser / aber offt mit ihrem Verlust / ab. Hingegen stärckte nichts mehr und sicherer neugebohrne Kinder /und trocknete ihre übermässige Feuchtigkeit / als wenn man sie mit Wein abwüsche. Er nährete am geschwindesten; würde am leichtesten zu Blute; stärckte die Spann-Adern; heilete die Wunden; wärmete den Magen; begeisterte das Geblüte; erquickte das Hertz; brächte mit seinem durchdringenden Geruche die Ohnmächtigen und Halb-todten wieder zurechte; verursachte den Schlaf; ja eine davon entstandene Trunckenheit hielffe unterschiedenen Kranckheiten ab. Westwegen auch die mässigsten Römer zuweilen für dem Abend-Essen und nach dem Bade sich damit zu überfüllen pflegten. Ja das Gemüthe und die Seele kriegte von diesem Wunder-Geschöpfe der Natur Kräfften und Regung: wenn es die Sorgen erleichterte / die Traurigkeit vertriebe / das Leid in das Nicht der Vergessenheit vergrübe; die Widersinnigen freundlich / wie das Wasser die Wolffs-Erbsen süsse machte /und die Tapferkeit anzündete. Diesemnach sich so wenig zu verwundern wäre: daß die Deutschen und alle behertzte Völcker so gerne Wein trincken; als daß die Stadt Athen auf Anleitung ihrer Wahrsager-Geister dem Artzte Bacchus einen Tempel bauten; und ein gewisses Volck in Africa den Wein gar als einen Gott anbetet. Hertzog Arpus begegnete dem Feldherrn: Der Wein wäre ein am Holtze der Reben verfaultes Wasser; und daher seinem Bedüncken nach den Pflantzen und dem Vieh gesünder / als[295] den Menschen. Denn jene wüsten wohl / nicht aber diese Maaß zu halten. Und wäre dem Weine fast allein zuzuschreiben: daß der Mensch unter allen Thieren das einige wäre / welches trincke / wenn ihn gleich nicht dürstete. Daß die Parthen und Alcibiades aus dem Vermögen viel zu trincken Ehre gesuchet; Tiberius auf solche Säuffer gewisse Preiße aufgesetzt; Marcus Antonius von seiner Trunckenheit Bücher geschrieben / und der junge Cicero an seines Vaters Mörder sich wohl gerochen zu seyn geglaubt hätte / wenn er ihn im Sauffen überwunden; gleich als wenn die Menschen zum Verterb des Weines gebohren / und es ein Laster wäre / den Safft der Trauben anders / als durch den Menschen ausschütten. Die Hitze aber / welche der Wein in des Menschen Hertze und Gehirne erregte / verdiente mehr den Nahmen einer blinden Tollkühnheit / als der Tapferkeit / welche ohne Vorsichtigkeit eine schädliche Mutter vieler Blutstürtzung wäre. Daher sonder Zweifel der Wein das Trauben-Blut genennet; und / daß der erste Wein-Stock aus dem Blute der vom Donner erschlagenen Riesen gewachsen wäre / getichtet würde. Wegen der denen Trunckenen insgemein anhangenden Raserey mahlte man sonder Zweifel auch dem Bacchus Hörner an die Stirne; und die Deutschen hätten vermuthlich darumb Hörner zu ihren Trinck-Geschirren erkieset. Weil nun der Wein derogestalt die Vernunfft ersäuffte; alle Geheimnüsse des Hertzens aber / wie das Meer die Leichen / von sich stiesse / wäre er niemanden mehr / als den Deutschen zu meyden. Diesen wäre die Hertzhaftigkeit angebohren; also hätten nicht sie / sondern nur furchtsame Völcker des Weines von nöthen: daß sie ihnen ein Hertz trincken. Die streitbaren Geyer lebten ohn alles Geträncke; und von Adlern würde als ein Wunderwerck angemerckt: daß man in der Belägerung Babylons einen habe trincken sehen. Weil der Wein auch niemanden schädlicher als Kriegsleuten wäre / hätten die streitbaren Spartaner die / welche vom Weine truncken worden / fast für unehrlich gehalten; die sonst dem Weine sehr ergebenen Carthaginenser aber bey Lebens-Straffe Wein ins Lager zu bringen verbothen. Hätte Hannibal diß Gesetze zu Capua beobachtet / wäre der Uberwinder der Römer nicht vom Weine überwunden / und seiner Siegs-Kräntze verlustig worden. Dannenher der Lorber-Baum mit dem Wein-Stocke nicht unbillich eine grössere Feindschafft als der Kohl hegte / welcher aus den bitteren Thränen des dem Bacchus folgenden Lycurgus sölte entsprossen seyn. Der grosse Alexander hätte die Schädligkeit des Weines erkennt / da er sein Kriegsheer ohne dessen Verterb nicht über das Wein-reiche Gebürge bey der Stadt Nysa zu führen getrauet; wiewohl er hernach mit seinem Weinsäuffigen Heere als ein Bacchus aus Indien durch Gedrosien zurück gezogen; nachdem er vorher das Blut seiner besten Freunde dem wüttenden Bacchus / nemlich dem rasend-machenden Feinde aufgeopfert hatte. Hingegen hätte Scipio durch nichts Asdrubaln mehr Schrecken eingejagt / als durch seine Nichternheit bey der Taffel des Königs Syphax. Diesemnach glaubte er: daß es die Wohlfart Deutschlandes erfordere seiner Vorfahren Beyspiele nachzufolgen / und am Rhein-Strome keinen Wein-Stock; zu dulden / sondern solche mit Strumpf und Stiel zu vertilgen. Zwey vom Elico einem Helvetier über die Alpen gebrachte Wein-Trauben hätte diese Mauren Italiens zu durchbrechen den Deutschen Anlaß gegeben / und Rom eingeäschert. Die am Rheine gepflantzten Weinberge würden auch die Römer nicht nur ewig an diesen Strand / sondern weil die Begierde stets nach etwas neuem lüstern wäre / mitten in Deutschland locken. Hertzog Herrmann brach ein: Weil die aller Welt Niedligkeiten zum Zins[296] bekommenden Römer / welche doch gantz verächtlich von Deutschlands Herrligkeiten urtheilten; so als die Schlangen nach der Deutschen Rhein-Weine dürsteten / möchten sie ihn doch nicht ehe zur Ausrottung verdammen / ehe sie vorher diß / was vertilgt würde / gekostet hätten. Der Priester des Bacchus nahm bey diesen Worten aus dem holen Fusse des Bacchus-Bildes ein Berg-kristallenes Opfer Geschirre herfür / schlug mit einer eisernen Ruthe wider das Bild / worvon sich ein verborgenes Röhr öffnete / und machte hiermit: daß dem männlichen Bacchus-Bilde aus dem Munde /dem weiblichen aus der rechten Brust Wein; jenem aus dem Nabel / diesem aus der lincken Brust Milch sprützte. Der Feldherr lächelte hierüber / und fieng an: Ich sehe der Griechen Getichte hier rechtschaffen wahr werden: daß die Bacchen mit einem Ruthen-Schlage aus einem Felsen herfür strömenden Wein sollen zuwege gebracht haben. Unterdessen fieng der Priester eine Schale voll Wein auf / welcher an Farbe zerlassenes Gold beschämte; und reichte sie dem Feldherrn. Ehe er ihn kostete / roch er daran / und fieng an: Die Farbe dieses Weines bewähret seine Gemeinschafft mit dem Golde / sein Geruch aber mit den edelsten Gewächsen der Welt. Denn ob zwar der Thasische Wein nach Aepfeln / der aus Corsica nach Quitten / der aus dem grossen Griechenlande nach gelben / der in Latium nach blauen Feilgen / der umb Ticin nach Pineolen / der auf dem Berge Libanus nach Myrrhen reucht; so übertrifft doch dieser Wein den Geruch der köstlichsten Würtzen. Daher solte ihm der Priester sägen: Ob er von sich selbst oder durch Kunst so wohl rüche? Dieser antwortete: Nichts züge zwar so geschwinde und kräfftig frembden Geruch /als der Wein / sonderlich aber der Rhein-Wein an sich; insonderheit aber wäre er ein begieriger Bräutigam des Balsams / des Weyrauchs und Rosen. Aber dieser Wein hätte nichts geborgtes; sondern er wäre eine mit allem Beysatze unvermählte Jungfrau / wie er von der Wurtzel kommen. Der Feldherr fuhr fort: Wo der Geschmack dem Geruche und der Farbe beyko t /verdiente er wohl: daß er / nach Gewohnheit der Griechen / mit Lauten-Spielen / und wie der Fisch Accipensey beym Käyser von gekrönten Dienern mit Flöten auff die Taffel getragen würde. Hierauff tranck der Feldherr diese Schale dem Herzog Arpus auf Gesundheit aller redlichen Deutschen zu / welche für die Freyheit des Vaterlands so begierig ihr Blut zu vergiessen / als er diese Schale auszuleeren geneigt wäre. Nachdem er sie ausgetruncken / fieng er an: Warlich! dieser Wein ist ein so edler Safft: daß es Schade wäre / wenn einige Rebe davon verterben solte. Ja ich glaube: daß wenn schon einer von einem im Wein ersteckten Frosche oder Aal getruncken / allerhand im Wasser gewachsene Kräuter / oder gekochte Eyer einer für den Wein-Stöcken die gröste Abscheu habenden Nacht-Eule und Galle von Barben geessen hätte / wie auch die Wurtzel des Persischen Baumes Amavil am Arme trüge / dennoch alle diese Künste vergebens seyn würden / für diesem männlichen und also den Deutschen recht anstehendem Weine einen Eckel zu machen. Unterdessen hatte der Priester schon die Schale mit dem schäumenden Weine angefüllet / und reichte sie dem Hertzoge der Catten; welcher selbte auf Gesundheit des Feldherrn austranck; und nachdem er ihm selbte noch einmal füllen lassen / solche auf Thußneldens Gesundheit ausleerte; darbey meldende: Die Römer wiedmeten ihren ersten Trunck den Haus-Göttern / die Griechen den Gratien oder dem Bacchus / die klügsten von beyden dem erhaltenden Jupiter /[297] den andern dem Schutz-Geiste / den dritten wohl-verdienten Helden. Daher würde er wider seine Pflicht der Danckbarkeit handeln; wenn er nicht dem Feldherrn / als Deutschlands Erhalter / Schutz-Geiste und grössesten Helden mit so reinem Hertzen / als die Cristallene Schale wäre / den ihm so hoch gerühmten Wein einsegnete. Der Feldherr lächelte; Arpus aber sagte: Ich gestehe es: daß wo das Weintrincken scheltbar / der Genüß dieses Weines nur eine vergebens-werthe Schwachheit sey. Sintemal ich mich zu Rom und in Griechenland nichts so köstliches getruncken zu haben erinnere. Daher im Fall bey den Griechen ihr auff dem Eylande Chios wachsender / bey den Römern der Surrentinische Wein verdienet: daß sie bey ihren Gastmahlen Kräntze von Epheu auffsetzen / ihnen Amethysten auf den Nabel binden / auch vorher. Saltz / Milch / Oel und Kohl verzehren / umb der Trunckenheit dadurch zu begegnen / wormit sie desto mehr solchen edlen Safftes genüssen können; so ist dieser Wein wohl werth: daß man seiner Anmuth halber Kräntze von Rosen / weil er aber sonder Zweifel alle Weine der Welt übertrifft / Siegs-Kräntze von Lorber-Bäumen / welche zwar andern / nicht aber den Rhein-Wein zu entkräfften mächtig wären / aufsetzen / seiner Köstligkeit halber aber mit ihm so sparsam /als die Juden mit ihrem bey Jericho auff der Fläche Engaddi wachsenden Balsam umbgehe. Sintemal dieser Wein ein rechter Balsam des Lebens / und sich darumb nicht zu verwundern ist: daß Wein und Balsam auff einer einander gantz ähnlichen Staude wachsen / und so sehr die Hügel lieben. Der Priester / welcher nun auch dem Feldherrn die andere Schale zu des Cattischen Hertzogs Gesundheit eingeschenckt hatte; fieng hierüber an: Er wäre von Hertzen erfreuet / daß er nunmehr das edle Gewächse / wormit sich Deutschland dem Myrrhen- und Weyrauch-reichen Arabien /dem fruchtbaren Egypten und Phönicien vorzücken könte / ausser Gefahr sähe. Denn da unter den Balsam-Bäumen die von seinen abtröpfenden Thränen sich nährende Nattern und Schlangen gleichsam ihre Reichs-Tage halten / und weder Araber noch Juden darunter sicher sind / da sie zumal selbte / gleich als dem Balsam geheiligte Thiere nicht zu beleidigen sich erkühnen / und sich darmit trösten müssen: daß ihre Balsam-Speise ihr Gifft etwas lindere; so verjaget hingegen die Blüthe des Wein-Stocks alle giftige Thiere / wie der Feilgen-Saamen die Scorpionen. Uber diß trägt der Balsam-Baum nicht wie der Wein-Stock herrliche Früchte / sondern nur Saamen; und da ja seine Thränen für eine Frucht zu achten / so beweinet er gleichsam mit seinen sparsamen Tropfen sein süsses Armuth. Daher auch des Käysers Auffseher zwantzig Untzen für tausend Attische Drachmen verkauffen / die Kauffleute aber seiner Wenigkeit halber ihn mit zehnfachem Beysatze anderer Säffte verfälschen müssen. Sintemal die drey hundert umb Jericho liegenden und Balsam tragende Morgen Erdreichs die Welt damit zu versorgen zu enge sind / und das wenige und geringere / was in Arabien und Egypten bey Heliopolis wächst / nirgendshin zureicht. Hingegen tragen die am Rheine nur zwischen dem Einflusse des Meyns und der Mosel gelegene Berge so viel Wein: daß es an Fässern selbigen zu fassen gebricht; und es scheinet; als wenn die zwischen denen trockenen Steinen sich durchflechtenden Wurtzeln der Wein-Stöcke den halben Rhein-Strom in sich saugen / und sein Wasser in den so edlen Wein verwandeln; welchen schon Drusus für den besten in der[298] Welt durch dieses Gebäue erkläret hat. Dannenher beyde Hertzoge mit diesem Geträncke nicht sparsam zu seyn; sondern vielmehr ihre müden Heere damit zu laben Ursach hätten. Denn es läge allein unter dem Tempel ein solcher Uberfluß von Weine / welcher hundert tausend Menschen ein Jahr lang träncken könte. Zu desto sicherem Gebrauche dieses Reichthums hätte die Natur sonder Zweifel fünf Meilen von dar nahe beym Rhein einen Brunnen quellen lassen / welcher aller vom übrigen Weintrincken entstehender Beschwerligkeit abhülffe. Ja diese Gegend an beyden Seiten des Rheines / des Meyns und der Mosel wäre zum Weine von Natur so geartet: daß bey der Zusammenflüssung des Rheines und der Mosel / wie auch nur vier Meilen davon / wo die in den Lahn-Strom fallende Schwal-Vach entspringt / zwey nach Weine starck schmeckende / und sich mit demselben heilsamlich vermischende Sauer-Brunnen entspringen / welche / wie alle gereisete Römer bekennen / das Wein-Quell auf dem Eylande Naxos / in Jonien bey Teos / in Lycaonien bey Cybira / in Cappadocien bey Ceräsunt weit übertreffen. Welche zwey so starck nach Weine schmeckende Brunnen auch einem von Rom in Deutschland zurück kommenden Bürger dieses Ortes Anlaß gegeben hätte etliche mit sich gebrachte Wein-Säncker zum ersten allhier einzulegen. Der Priester drehete hierauf an dem Fusse beyder Altäre zwey Hahnen auf / und reichte beyden Hertzogen aus oberwehnten Brunnen das weinlichte Wasser; welches sie kosteten und lobten / Hertzog Arpus auch mit Weine vermischte. Der Feldherr aber weigerte sich vom vermischten zu trincken / und sagte: Er hielte dafür / man solte den Wein trincken / wie man in Opfern brauchte / nemlich ohne Wasser. Welches so genau beobachtet würde: daß auch der Griechische Wein / weil er wäßricht / so wenig / als der auff einem vom Blitz berührten Wein-Stocke gewachsen wäre / zum Opfer taugte. Hertzog Arpus versetzte: Die Römer und Griechen giessen gleichwohl mit Wasser vermischten Wein in das Opfer-Feuer des Mercur / als eines Gottes / welcher Lebenden und Todten vorstehen solte. Nichts weniger würde bey denen in Griechenland für die dem Vaterlande gestorbenen Helden gehaltenen Jahr-Gedächtnüssen mit Ochsen-Blut gemischter Wein geopfert. Jedoch wolte er sich keines weges mit frembdem Aberglauben behelffen; gleichwohl hätte er zu Verfechtung seiner Wein- und Wasser-Mischung anzuziehen: daß der Wein zu Rom nicht nur mit Brunnen-Wasser / sondern des Sommers mit theuer-erkaufftem Schnee und Eise vermählet; ja mit anfangs gewärmtem / und hernach in einem Glase gefrornem Wasser vermengt / und der nachdenckliche Durst dardurch vergnüget würde. Der Priester fiel ein: Er hätte zu Rom freylich wohl nichts gemeiners / als / nach ihrer Redens-Art / die Verlobung eines feurigen Bacchus /welcher durch den Blitz aus dem Leibe Semelens genommen / und vom Jupiter im Wasser abgekühlet worden wäre / mit einer kalten Nymphe gesehen. Die Stadt Athen hätte diese Gewohnheit auch dardurch deutlich gebilligt / da sie dem Bacchus und den Wasser-Göttinnen im Heiligthume der Horen zwey Altäre neben einander gebauet. Diesemnach denn auch die Griechen unter einander stritten: ob Melampus / Staphylus / Amphyction / oder ein Zufall der Erfinder dieser so heilsamen Mischung wäre / und am Ende ihrer Gastmahle einen halb mit Wein / halb mit Wasser gefüllten Becher dem regnenden und erhaltendẽ Jupiter wiedmeten. Ja ins gemein würde nicht nur die Helffte von beyden / sondern zwey Drittel Wasser /ein[299] Drittel / offt aber auch nur ein vierdtes Theil Wein zur Vermengung genommen. Daher zu Rom in einem Garten über einem steinernen zum Spring-Brunnen gebrauchten Bacchus diese Worte gesetzt sind:


Ich wäre bald verbrennt / eh als ich war gebohren;

Drumb hab' ich mir die Flutt zur Buhlschafft auserkohren.


Alleine unser edler Rhein-Wein hat diese unschätzbare Tugend; daß er bey seinen Kräfften kein die edlen Eingeweide angreiffendes Feuer verbirg / also keiner Wasser-Vermischung / wie die meisten andern Weine nicht bedarff; wiewohl es ihm so wohl diese Vermengung / als die Eiß-Abkühlung zu vertragen an Kräfften nicht mangelt. Der Feldherr fiel diesem bey /und meldete: Er wüßte wohl: daß etliche mehr Schwefel als Safft in sich habende Weine ohne Schnee oder Eiß halbes Gifft abgäben / durch diß Erfrischungs-Mittel auch in Sicilien und Hispanien zeither an der sonst gewöhnlichen Zahl der Sterbenden dem Tode kein geringer Abbruch geschehen wäre; hingegen aber brächte der Mißbrauch dieser Abkältung tausend mal mehr Schaden als Frommen. Denn diese erkältete den Magen / grieffe die Lunge an / verdüsterte das Gehirne / schreckte die Leber / verstopfte den Miltz / machte die Spann-Adern starrend / und verursachte hundert anderley Ungemach. Wenn aber ja denen trockenen und bey welchen die Galle sich ergeust / die Abkühlung was dienen soll; solte / seinem Urtheil nach /auch der beste Wein nicht vermengt / und also dieses kräfftige Oel nicht durch einen schlimmen Beysatz vergeringert; sondern nur nach Gelegenheit der Zeit und Oerter der Wein / wie bey den Egyptiern / des Nachts in die Lufft / des Tages unter die Erde gesetzt; oder nach Gewohnheit der Griechen / zum meisten Kiesel-Steine darein geworffen / oder das Wasser /welches den Wein auffrischen soll / mit Salpeter in Eiß verwandelt werden. Deutschland aber hätte / dieser frembden Künste / am wenigsten aber der kalten Schlangen / welche in Africa und zu Rom so wohl die Flaschen / als den Hals des Frauenzimmers abkühlen müsten / von nöthen. Sintemal sie in Eiß-Gruben unschwer das gantze Jahr Schnee und Eyß aufheben / in ihren meist in Fels gehauenen Kellern auch der Hitze alle Würckung benehmen könten. Der Priester brach ein: Die Deutschen vermöchten wegen ihrer eingebohrnen Wärmbde nicht nur den euserlich-abgekühl ten / sondern auch den mit Eyß und Schnee vermengten Tranck wohl zu vertragen. Es schadete aber auch denen Schwächern dieser Geträncke nicht / wenn nur der mit Wasser vereinbarte Wein nach etlichen Stunden allererst getruncken; also ihrer Einverleibung /wie allen Dingen / reiff zu werden Zeit gelassen / insonderheit aber beydes in zweyen mit dem engen Munde auf einander gesetzten Gläsern derogestalt nach und nach vermischet würde: daß der unten stehẽde Wein in das oberste Wasser empor stiege / das obere Wasser aber sich herunter liesse. Jedoch wäre er der Meynung; daß / da einiger Wein seiner übermässigen Stärcke halber der Gesundheit zum besten mit Wasser zu vermischen rathsam / solches mit warmem Wasser geschehen solle. Sintemal die Seren / Egyptier / Persier / und die meisten Morgenländer die Güte ihrer warmen Geträncke durch ihr vieljähriges und nichts von Stein / Darm- oder Glieder-Gicht wissendes Leben bekräfftigen; ja etliche noch darzu wärmende und trocknende Kräuter darein thun; oder gar den stärcksten Wein mit Zimmet und Pfeffer mehr entzünden / und über der Kohlen-Glut gleichsam glüend werden lassen. Hertzog Arpus ärgerte sich über diesem Geträncke / und sagte: Es mangelte diesen Feuer-Trinckern nichts / als daß sie auch Eisen speiseten /wormit[300] ihre Strauß-Magen auch etwas Feuer-vertragendes zu verdeyen hätten. Der Feldherr fiel dem Cattischen Hertzoge bey; und gab zu verstehen: daß nur ein geringer Wein als ein Bild der Warheit des Schmierens / wie ein heßlich Antlitz der Schmincke von nöthen hätte. Daher müste der im alten Griechenlande gewachsene schwache Wein in Fässern ins Meer geworffen / und hierdurch wie der Maßilische durch Rauch / Cypressen- oder Muscaten-Nüsse / zerlassenen Zien / Saltz / Schwefel-Einschlag / oder darein gegossenes Meer-Wasser verstärcket werden. Der Priester meldete: durch dis letzte Mittel würde das Getichte wahr: das der für den aufrührischen Riesen fliehende Bacchus sich ins Meer versteckt / und die Meer-Schweine zu seinen Gefärthen hätte. Der edle Rhein-Wein aber vertrüge wol das Wasser dieser zwey heilsamen Gesund-Brunnen / so wenig aber / als der von Chios / das Meer-Wasser. Hingegen aber würde er wie die Hispanischen / Rhodischen / Cretischen und Cyprischen Weine / durchs führen stärcker. Westwegen alle zu diesem Altare kommenden Römer betheuerten / daß wie köstlich gleich dieser Wein allhier wäre / er doch dem von hier nach Rom geführten nicht das Wasser reichte. Dahingegen die aus Corcyra und Zacynth nicht einst bis in Egypten ohne Versauerung geführt werden könten. Hertzog Herrmann brach ein: Diese geringen Weine verdienten in den Gastmahlen zu Besprengung der Erde / und in Schau-Spielen zu Versprützung der Elefanten verbraucht zu werden / weil in meinem Gebiete so kräftiges Bier gebrauen wird / welches über alle Meere tauert / und das die Friesen in Africa / Indien / und die Atlantischen Eylande verführen. Der Priester verfolgte seine vorige Rede und meldete: Hierinnen thäte es der Rhein-Wein nicht allein diesem Viere / und denen geistigsten Weinen gleich; sondern auch fast allen in der Tauerung zuvor; ja sein Alter verbesserte ihn von Jahr zu Jahr; also daß die Römer nichts von dem zu Zeiten des Königs Numa / der Bürgermeister Frontinus / Tullus und Bibulus zu tichten / noch den zwey-hundert-jährigen Opimianischen Wein als ein unvergleichliches Wunder zu rühmen haben. Sintemal sie solchen durch einen härenen Sack gezwängten oder verschnittenen Wein durch Aniß / bittere Mandeln / Rauch / Gyps /Kalck und andere Künste kaum erhalten; der Rheinwein aber / wie der Arische in Bactriana / durch eigene Kräften unaufhörlich an Stärcke und Geschmacke zunimmt / und / wenn er ein altes Weib worden /mehr / als in der Jugend vergnüget; weil seine anfängliche Härtigkeit sich abliegt / die anfangs linden Weine aber / und zwar auch dieselben / welche in Dacien am Tibiscus wachsen / und anfangs die stärcksten und süssesten in der Welt sind / immer härter werden. Maßen denn der aus diesem Bacchus-Bilde spritzende Opfer-Wein der allererste ist / den Drusus allhier gepflantzet hat. Der Feldherr fragte: Wenn /und aus was für Anlaß denn Drusus allhier Wein /und dis ansehnliche Heiligthum gebaut hätte? Der Priester antwortete: als Antonia zum Drusus in Deutschland kommen wäre / hätte derselbige Deutsche / welcher etliche aus Italien gebrachte Weinsencker allhier eingelegt / der verdrußlichen Antonia eine Schüssel-voll frische Trauben verehret. Weil sie nun diese gegen dem Drusus sehr gerühmet; Er aber hierüber so viel mehr Vergnügung / als sonst Antonia in dem ihr allzu wüsten Deutschlande Verdruß schöpfte / verschrieb er ihr zu Gefallen aus Leßbus / Chios /Creta / aus Italien vom Berge Gaurus / Aulon und Pausilypus / wie auch von Surrent / aus Sicilien / und weil der Käyser August neulich den Rhetischen Wein zu trincken erwehlt hatte / aus Rhetien / ja gar von Chelbon aus Syrien eine grosse Menge junge Weinsäncker und erfahrne Gärtner / welche diese Gegend in kurtzer Zeit mit Reben überdeckte / und daraus dis edle Blut der Erde[301] pressen ließ / welches nicht nur Drusus und Antonia / sondern letztlich auch der Käyser selbst zu seinem Leib-Truncke erkiesete. Als Drusus auch von seinem Zuge gegen die Friesen zurück kam / Antonia aber / welcher ein geheimer Liebes-Dorn in Augen steckte / noch immer ihrer traurigen Einsamkeit nachhieng; suchte er alle Mittel herfür sie zu vergnügen / und den Mangel der Römischen Ergetzligkeiten zu ersetzen. Unter allen sinnreichen Erfindungen war ein Feyer / welches er an des Käysers Geburts-Tage allhier anstellte; aber darinnen mehr den Rhein-Wein und seinen Bau / als den Käyser ehrete. Alleine / sagte der Priester / es würde zu lang werden mit dieser Erzehlung so erlauchte Ohren zu mißbrauchen. Nach dem aber beyde Hertzoge alles zu wissen verlangten; Hertzog Arpus auch an diesem annehmlichen Orte die Taffel zubereiten / den Fürsten Catumer / Franck / Marcomir und andere Kriegs-Häupter fordern ließ / verfolgte der Priester seine Erzehlung: Bey diesem Feyer führte Drusus in seinem von der Natur selbst mit Hügeln und Bäumen umbgebenen / und auf der einen Seite vom Rheine beströmten Schau-Platze den Geist der unter- und der über der Erde wachsenden Dinge auf / welche mit einander umb den Vorzug stritten. Die Natur saß auf einem goldgestückten Throne / ihr Haupt war mit der Sonne / der Hals mit Sternen / die Brust mit dem Monden bekleidet. Der grüne Rock war mit allerhand Gewächsen beblümet; Unter den Füssen lag allerhand Ertzt /Korallen / Muscheln und dergleichen Dinge. Der erstere einem Bergmanne ähnliche Geist striech die Nothwendigkeit des Eisens / als den unentpehrlichen Werckzeug aller Handwercks- und Ackers-Leute. Die Dienligkeit des Bleyes / ohne welches Gold und Silber nicht von anderem Ertzte geschieden / noch den Edelgesteinen ihr vollkommener Glantz gegeben wer den könte. Die durchdringende Krafft des Quecksilbers; welches als das schwerste Metall durch keine Gewalt zernichtet / als das flüchtigste nirgends / als im Menschen-Blute bestricket werden kan / und gleichwol nicht allein das Gold an sich zeucht / sondern alle andere Metalle mit einander verbindet. Die Fürtrefligkeit des Kupfers; welches seiner Geschmeidigkeit halber zu tausenderley Gebrauche dienet / und die Stadt Corinth mit ihren Ertzt-Seulen so berühmt gemacht hat. Den Nutzen des Zienes; welches die Welt mit Trinck-Geschirren versorgt. Die Herrligkeit des Silbers; und die Unschätzbarkeit des Goldes heraus; welche zwey Metalle die Menschen fürlängst als ihre Götter angebetet hätten. In diesem Ertzte steckten aller Pflantzen Eigenschafften / und mehr Kräfften der Artzney / als in allen andern Dingen der Welt. Denn Kunst und Feuer hätten das Vermögen den Stahl für die Beschwerden des Miltzes / das Kupfer für die Augen / das Silber für die Kranckheiten des Hauptes zu einer flüssenden Artzney zu machen / und mit dem trinckbaren Golde das Hertz zu stärcken; das Kupfer-Wasser / die Alaun und Salpeter / ja das giftige Spiß-Glaß hätten ihre heilsame Würckungen. Das Saltz und der Schwefel wären die Erhalter aller irrdischer Dinge / ohne welche keine einige Pflantze leben /wachsen / oder einige Krafft haben könte. Alle beständige Farben der Welt müste man von seiner Krei de / Lasur und Zinober erborgen. Wer könte die Schönheit der blauen Saphiere und Berillen / der grünen Schmaragde und Türckiße / der braunen Amethisten / Sardonich / Chrysolithen und Topasier / der feurigen Rubinen / und der die Sternen selbst bländenden Diamanten beschreiben? des einigen Magnetsteines Nutzen überträffe den aus tausenderley Gewächsen herrührenden Fromen. Mit einem Worte: Sein unterirrdischer Schatz müste allen Gewächsen /Brunnen und Wässern ihre Farbe / Geschmack und Kräffte[302] einflößen. Wenn aber an den Pflantzen einige Vollkommenheit zu finden wäre / so wäre kein Metall / welches nicht in seiner Blüte eine Staude abbildete. Sintemal der Trieb und Lauff des Quecksilbers und Saltzes selbige regte: daß etliche wie Crystallen / etliche wie Corallen / manche grün und blau / andere Gold-gelb oder scheckichte Bäume herfür wüchsen. Ja die Künst könte durch Hülffe des Feuers aus Ertzt alle auf Erden befindliche Stauden in Gläsern nachwachsen lassen. Zu geschweigen: daß in denen tiefsten Erd-Klüfften Holtz wüchse / welches an Schwerde und Härte das Ebenholtz überträffe. Der einen Gärtner fürbildende Geist der Pflantzen hingegen sagte: die heilsamen Kräffte seiner heilsamen Wurtzeln und Kräuter übertreffe die Eigenschafften alles Ertztes. Durch diese reichte er mit ausgestreckter Hand allen Thieren sein Geschencke / welche die Menschen durch Feuer und Gewalt aus den Metallen schmeltzen oder pressen müsten / und selten ohne Gefähr brauchen könten. Die Schönheit ihrer Blumen beschämte Zinober / Gold und Edelgesteine / ja selbst die Gestirne. Ihre unzehlbaren Baumfrüchte reichten zu die gantze Welt zu speisen; da die gantze unterirrdische Welt kein einiges Gerüchte herzugeben hätte /und hiermit sich selbst verriethe: daß das todte und nur ein unächtes Wachsthum habende Ertzt und Steine ein Besitzthum der Todten; die Gewächse aber der Lebenden wären. So käme auch nichts unterirrdisches ans Tagelicht / es gereichte den Lebenden zum Verterben. Der Stahl wäre ein Werckzeug des Todes / das Gold des Geitzes / die Edelgesteine der Hoffart und Geilheit. Nichts wüchse auch unter der Erde / was nicht auch in Pflantzen zu finden wäre. Die Korallen-Stauden wären so schön und harte als Edelgesteine /und zweifelhafft: ob man sie eine steinerne Pflantze /oder einen wachsenden Edelgestein nennen solte. In den Atlantischen Eylanden und bey den Seren finde man Bäume / welche dem Stahle an Härte nichts nachgäben / und so gut als daselbst auch gewisse Steine und sonst ins gemein das Eisen zu Waffen und Pflug-Schaaren dienten; ja die daraus gemachten Nägel länger / als die eisernen tauerten. Daselbst wüchse auch Alaun und Schwefel auf Bäumen; bey den Trogloditen und Atlantiern rechte steinerne Bäume; und in Pannonien windete sich das Gold wie Epheu umb die Reben. Die Röthe-Staude beschämte im Färben nicht nur den Zinober / sondern gar den Purper; und in Mohrenland wüchsen Bäume / derer Oel blauer / als Lasur-Stein / und gelber als Gold färbte. Wenn auch das Ertzt blühete / die Steine /Agathen / Crystallen und andere Steine sich am schönsten ausputzten / nehmen sie die Gestalt der Pflantzen an sich. Ja wenn nichts für die Pflantzen stritte / welche zum theil auch ohne Berührung der Erde auf dem Wasser aus eisernen und steinernen Bildern / und durchgehends aus beweglichen Gefässen wüchsen / so würde doch der Geruch für ihn urtheilen. Sintemal alles unterirrdische stinckend; aller süsser Geruch aber den Gewächsen zu dancken wäre. Nach diesem verwechselten Zwiste sprach die Natur das Urthel für die Pflantzen aus; weil die Menschen zur Noth alle in der Erde verborgene Dinge / keines weges aber der Pflantzen entpehren könten. Der verspielende Geist hegte hierauf mit denen nach Art der sieben Irrsterne ausgeputzten sieben Metallen / und sieben nach ihren Farben gekleideten Edelsteinen /nemlich Diamant / Rubin / Schmaragd / Saphier /Opal / Türckis und Sardonich einen Tantz nach Krummhörnern; darinnen sie aber mit ihren heftigen Gebehrden ihren Unwillen zu verstehen gaben. Nach ihrem Abzuge erschien in dem Schau-Platze Flora oder die Blumen-Göttin mit sechzig als Jungfrauen gekleidetẽ Blumen; und Pomona[303] oder die Obst-Göttin mit so viel männlich geputzten Bäumen. Alle hatten in der lincken Hand grosse Schilde / darauf die Blumen / Kräuter / und Bäume gemahlt waren / und ihre Häupter waren entweder mit ihren eigenen Blumen /oder mit den Blüten und Früchten ihrer Bäume bekräntzet. Darinnen aber das Seiden-Stückwerck und die Mahlerey viel aushelffen muste. Die Blumen- und Obst-Göttin fielen der Natur dancksagende zu Fusse; und ward jene mit einem Krantze von unzehlbaren Blumen / diese von nicht wenigern Baum-Blüten beschencket. Jedwede wolte mit ihren Gespielen einen Lobe-Tantz hegen; sie wurden aber gleichfals umb den Vorzug strittig / und verlangten von der Natur entschieden zu werden. Die Blumen-Göttin führte für sich an: Sie wäre die erst-gebohrne Tochter der Natur; die holdseelige Braut des Jahres. Denn ihr wäre der Kern und die Jugend des Jahres / nemlich der für Anmuth lachende Frühling zum Eigenthume gewiedmet. Daher gebührte ihr auch / als einer Braut die Ober-Stelle. Das Gesichte und der Geruch wäre gleichsam nur ihr zu Liebe geschaffen; weil kein Auge sich sein Lebtage an der unzählbaren Menge schöner Blumen satt sehen / oder ihre Wunder-Wercke ausschöpfen könte. Wenn das blöde Auge des Menschens vollends darzu die Vergrösserungs-Gläser gebrauche / müste es erstarren / so oft es in der Knaben-Wurtzel Blumen alle Glieder der Menschen / in der Stendel-Blume der Biene / in andern der Vögel / der Heuschrecken /Meerschweine und anderer Thiere Bildungen vollkommen erkiesete; also die Natur nirgends wunderlicher / als in Blumen und Kräutern spielete. Der in ihnen steckende Balsam aber weckte gleichsam Todte auf / nach dem die wolrüchenden Sachen auch so gar die Leichen für Fäulnüs erhielten. Die Obst-Göttin hingegen warf ein: Die Blumen wären ein unzeitiger Vordrab der fruchtbaren Natur; Baum-Früchte aber das reiffe Reichthum des Herbstes. Der Blumen geschwinde Geburt wäre selbst ein Zeugnüs ihrer Vergängligkeit; über ihren Früchten aber hätte die Erde lange zu kreißen / der Himmel lange zu brüten / umb sie zu einer so nützlichen Vollkommenheit zu bringen / nemlich den Geschmack zu vergnügen / den Magen zu sättigen. Blumen wären Wind / also für die von der Luft lebende Camelion / Früchte aber ein wahrhaftes Wesen / und daher für die Nahrungs-bedürfftigen Menschen. Die Blumen-Göttin versetzte: Die Blumen füllten zwar nur die Augen / vergnügten den Geruch /aber die Zwiebeln der Tulipanen / der Wegwarth und Schlangen-Wurtz / und viel andere sättigten auch den Geschmack / und gäben hunderterley niedliche Speisen ab. In der Atlantischen Insel wüchsen unterschiedene Kräuter / derer feuchte Wurtzeln zwar giftig wären / die trockenen aber das den Weitzen übertreffende Meel; andere auch die vollkommensten Mandeln / wie nicht weniger einen ziemlichen Vorrath von Wasser / Milch und Wein abgäben; und umb den allein nackt gebohrnen Menschen zu kleiden diente der so häuffige Flachs zum Gespinste / und eine gewisse Pflantze beschenckte ihn gar mit Leinwand. Ja fast alle Wurtzeln und Kräuter der Blumen wären die heilsamsten Artzneyen wider fast unheilbare Kranckheiten des Leibes und des Gemüthes / nemlich den Aussatz und den Zorn. Die daraus gebrennten Wasser wären der Krancken kräftigste Stärckungen. Aus den Blättern bereitete man die bewehrtesten Wund-Salben. Ihre Kräuter widerstünden dem Giffte; ja ihr Schatten und ihrer Blumen Anblick könten Spinnen /Kröten / Schlangen und giftige Schnecken nicht einst vertragen. Dahingegen der blosse Schatten des Eiben-Baums tödtete; in Indien etlicher Bäume gegen Abend stehende Blätter selbst-ständiges Gift wärẽ; im Atlantischen Eylande einige gar Schlangen / und fast alle giftige[304] Raupen und Ungeziefer zeugeten; daselbst auch so wol der Kröten / als Scorpionen Wohnstädte wären. Ihre Blumen und Blätter dienten zu den schönsten Farben; Jupiters Bart in Indien färbte schöner /als Berg-blau; das Marsingische oder Budorgische Röthe-Kraut besser / als Schnecken-Blut. Ja die Serer wüsten aus einem gewissen Kraute ihnen den Wind /die Atlantier aus unterschiedenen ihnen Leben und Tod wahrzusagen. Pomone setzte der Flora entgegen: Was man von Kräutern äße / wären Schalen; die Bäume aber / welche nicht nur die Erd-Kugel über chatteten / sondern im rothen Meere und andern Seen gantze Wälder machten / brächten den Kern. Blumen gäben nur Salaten / welche doch den edlen Baum-Blüten nicht gleich kämen; Baum-Früchte rechte und unzehlbare Gerüchte ab. Die Eicheln der Eichen / die Nüsse der Buchen und Kästen-Bäume sättigten das Vieh; die tausenderley Sorten des Obstes / der Zitronen / Pomerantzen / Datteln / Kockus-Nüsse und Granat-Aepfel stächen nicht nur alle andere Speisen des Erdreichs und des Meeres / sondern auch ihre erquickende Blüten aller wolrüchender Blumen / ja des Ambra und Zibets weg. Wiewol auch die zwey Königinnen aller Blumen die Serische Rose / wie nichts minder die grösten und kräftigsten Lilgen / derer in Wasser geweichte Blätter truncken machen; ferner auch der kräftigste Lavendel Baum-Gewächse wären; und das Serische Rosen-Holtz die Assyrischen Rosen / das Adler-Holtz aber Hiacynthen am Geruche überträffe. Was wolte sie sich aber mit dem leicht entpehrlichen Geruche und dem Geblüme aufhalten? Nicht nur Obst / Oel / Gummi und Wein / sondern fast alle andere Gaben der Natur wären Baum-Früchte. In Hircanien / Pontus / Cappadocien und Thracien fließe aus Bäumen Honig; in einem Atlantischen Eylande wüchse auf einem Baume Butter / auf einem andern Kohl / auf dem dritten Austern / auf dem vierdten eine Frucht / welche man an statt des Geldes in Handlungen braucht; in einer andern Saltz / ja auf einem andern Nehnadeln / Zwirn / und ein Saft / welcher ohne grosse Müh Wasser / Wein / Eßig / Oel /Honig und Syrup abgiebt. Eben daselbst bringt einer Seide; aus einem andern Stamme rinnt Safft / der nach der Gerinnung zu Spiegel-Wachse dient; eines andern scharffe Blätter werden zu tauglichen Feilen gebraucht. Auf dieser grossen Atlantischen Insel wachsen auf einem Baume rechte Ochsen-Hörner / und darinnen Ameissen / derer Eyer für die Ohren und Zähne bewehrte Artzneyen / so wie dieses Baumes Blätter wider Schlangen-Stiche das sicherste Gegen-Gifft abgeben. Bey den Seren tragen gewisse Bäume den schönsten Talg zu wolrüchenden Lichtern / andere Wachs / ihrer viel Wolle / Papier und Seide. In Indien werden aus den Palm-Blättern die schönsten Tücher gewürckt; In Caledonien wandeln sich gewisse Baum-Blätter in Endten; bey den Seren in Schwalben; bey den Atlantiern kriechen etliche Zweige wie lebende Thiere auf der Erde herumb. Auf dem glückseeligen Eylande Ombrion erstattete ein unaufhörlich mit Wasser trieffender Baum den Mangel der Brunnen. Die Scythischen Bäume gäben Meel / der Atlantischen ihre Wurtzeln das schmackhafteste Brod / ihr Holtz die schönsten Farben; der Indier Sandal-Holtz die fürtreflichste Hertzstärckung; das Schlangen-Holtz auf Taprobana die besten Feber-Artzneyen / der Atlantier Sassafraß die vollkommenste Blut-Reinigung; der Phönicischen Balsam-Bäume Frucht fast eine allgemeine Artzney ab. Diesemnach denn sich über nichts weniger zu verwundern wäre / denn daß die meisten Völcker die Bäume als lebende Tempel der Götter verehret / die Indianer aber sie als Gottheiten angebetet / und den / welcher sie beschädigt / zum Tode verdammt hätten. Denn die Bäume wären[305] der wahrhafte Sonnen-Tisch; auf welchem zu jeder Zeit tausend Speisen / der Hungernden Verlangen nach /bereitet stünden. Die Natur sprach wider die Blumen-Göttin für die Bäume. Jene hegte mit ihren Töchtern einen zierlichen / aber nichts als Rache dräuenden Tantz. Nach ihrem Abzuge hegte die Obst-Göttin mit ihren Bäumen einen Sieges-Tantz; in welchem sie so viel Freuden-Zeichen / als die Blumen wider ihre angebohrne Anmuth vorher Verdrüßligkeit von sich hatten blicken lassen. Im Tantze kriegte jeder Baum den Siegs-Krantz einmal aufs Haupt zu setzen. Als er nun wieder zur Baum-Göttin kam / und diese solchen zum ewigen Ehren-Mahle in einem Baum-Garten auf zuthrönen sich vernehmen ließ / erregte sich ein Zwist / in welchem Lande / und was für ein Sta mit diesem Gedächtnüsse verehret werden solte. Sie schwermeten alle wie die Bienen unter einander; in dem kein Baum dem andern den Vorzug enträumen wolte; bis auf der Natur Befehl die fürnehmsten Länder der Welt auf dem Schauplatz erschienen. Weil nun in Asien die ersten und schönsten Gärte gewest seyn sollen / erschienen zum ersten auf dem Schauplatz Syrien / Armenien / Assyrien und Persien. Syrien schlug zu Verwahrung des Siegs-Preißes den Engaddischen Balsam-Garten / Armenien in der Landschafft Saca die der Göttin Anaitis gewiedmeten Gärte / Assyrien Babylon / wo Semieramis ihre hangenden Gärte gehabt /Persien den Eckbatanischen Lust-Thal für. Diesen folgten Arabien / Egypten / Mohrenland / und Mauritanien. Arabien schlug die Myrrhen und Weyrauch-Gärte / bey welchen der grosse Alexander seinen Königlichen Sitz zu erbauen vor hatte / Egypten den Balsam-Garten bey Hieropolis / Mohrenland das fruchtbare Eyland Dioscurias / oder das Vorgebürge Aroma / Mauritanien die Hesperischen Wunder-Gärte für. Den dritten Aufzug hielten Indien / der Seren Land /Taprobana und Scythien; den vierdten Griechenland /Italien / Hispanien und Gallien. Den fünften Pannonien / Deutschland / Britannien / und das Atlantische Eyland. Jedes schlug den Kern seines fruchtbarsten Landes-Striches / und insonderheit Deutschland den Streif zwischen dem Meyne und der Mosel für. Jedes Land wuste mit schönen Farben / was es für eine gütige Mutter der Bäume wäre / heraus zu streichen; Und ob zwar die Sudländer die frostigen gegen Nord verkleinerlich hielten / so rühmten doch diese den Reichthum ihrer die Wurtzeln wässernder Brunnen und Flüsse; dahingegen jene mehrmals erdürsten und verschmachten müsten. Daher war kein Land / welches nicht an diesen Ehrenpreiß / als ein ihm gehöriges Kleinod Anspruch machte; und alle Bäume bey ihm Bürger-Recht zu gewinnen anlockte. Zu jedem Lande aber schlugen sich nur drey Bäume. Syrien fieng alsbald den Jüdischen Balsam-Baum über alle Gewächse der Welt heraus zu streichen; als welchen die Natur selbst für so edel und köstlich geschätzt: daß sie ihn allein dem edelsten Syrien gegönnt / und zwar nur zwey kleine mit Palmen umbgebene Gärte damit beseeligt hätte. Diese kluge Mutter aber bewehrte mit ihrer Sparsamkeit den grossen Wertheines Dinges. Daher wüchsen die Diamanten nur an wenigen Orten /und die Perlen fischte man nur in dem Morgenländischen Meere. Cleopatra hätte zwar etliche Stauden in Egypten versetzt; aber selbige tröpften entweder gar keinen Balsam ab / oder reichten dem Jüdischen doch nicht das Wasser. Eine solche After Geburt wäre auch der Arabische. Bey dieser Sparsamkeit aber leuchtete doch ihre Mildigkeit herfür / weil der Balsam-Baum nach seiner Pflantzung schon im dritten Jahre mit sei nen weissen ein herrliches Honig in sich verwahrenden Blumen fruchtbar würde; und er bey aufgehendem Hunds-Sterne seine zweyfache Rinde öfnete / und den schätzbaren[306] Balsam eigenbeweglich heraus tröpfelte. Seine Tauerhaftigkeit und Kraft den Menschen zu erhalten / bewehrte sein immer grünendes und der frischen Raute gleichendes Laub. Ja er könte ohne Freygebigkeit nicht leben; sintemal sein gantzer Stock vertirbe / wenn seine heilsamen Blätter nicht alle Jahr abgeschnitten würden. Des Balsams Reinligkeit wäre so groß: daß kein gewisser Kennzeichen seiner unverfälschten Güte wäre / als wenn er gerinnete / aber keine Kleider fleckicht machte. Hingegen dem Frauenzimmer zu Klärung des Antlitzes und Zärtligkeit der Haut die vollkommenste und unschädlichste Schmincke abgäbe. Sein Geruch wäre so durchdringend: daß er auch das Blut aus der Nasen herfür ziehe. Sein Gebrauch aber stäche alle andere Artzneyen weg. Denn er wäre die beste Mund-Salbe / stärckte das Haupt / hülffe den Augen / vertriebe die Feber /bewährte für der Pest / heilete alle giftige Schlangen-Bisse; Ja die giftigsten Nattern / welche einige Balsam-Thränen äßen / würden von allem Gifte gereinigt / und die Egyptier brauchten ihn als ein Genesungs-Mittel aller Kranckheiten. Diesemnach denn der Balsam nicht unbillich gegen zweyfach Silber abgewogen würde / oder vielmehr dem Golde fürgezogen werden solte. Daher auch die Römer wider die neidischen Juden / die die Balsam-Bäume gar zu vertilgen Vorhabens gewest wären / mit so gutem Rechte / als Eiver / die Waffen ergrieffen hätten. Mohrenland bot Syrien Kampf an / und sagte: Alles was vom Balsam gerühmet würde / käme mit besserem Recht seinem Myrrhen-Baume zu / aus dessen eröfneter Rinde die viel edleren Myrrhen-Thränen lieffen. Dieser wüchse zwar auch nur bey seinen Troglodyten / und wären die in Arabien / Indien und Böotien wachsende Stauden nur unächte Kinder der Natur. Alleine der Myrrhen Köstligkeit wäre mit keinem solchen Armuth / wie der Balsam-Baum vermählet / der so wol sehr wenige Blätter hätte / als in zwey oder drey Monaten / wenn die Sonne im Löwen oder Krebs wäre / nur sein Oel /und zwar dessen so wenig heraus rinnen liesse: daß der dis genau untersuchende grosse Alexander befunden; wie in einem Tage mehr nicht / als eine kleine Muschel-voll / in einem gantzen Jahre dessen aber nur sechs oder sieben Maaß ausgetröpfelt; derer drey voll Wein ich beym Tiberius den Novellius Torquatus auf einen Trunck habe ausleeren sehen. Nichts minder wäre der Balsam-Baum auch allzu verzärtelt; in dem er alsofort vertirbe / wenn man mit einem Eisen selbten berührte / oder mit dem darzu geschärften Steine /Beine oder Glase tieffer / als durch die Rinde schnitte. Seine Myrrhen-Frucht aber versorgte mit einem auskommentlichern Vorrathe die Welt; Und wenn er zusammen geronnen / hätten die Myrrhen-weisse-den menschlichen Nägeln gantz ähnliche Flecken; welche ihre Hände gleichsam zu ihrem Genüß ermahneten. Seine safftige Wurtzeln aber gäben nicht viel auf etliche Wunden. Dann wie solte der Myrrhen-Baum so leichte sterben / welcher mit seinen Thränen auch Leichen für der Verwesung erhielte? Seines annehmlichen Geruches könte keine Nase / und seiner annehmlichen Schärffe keine Zunge satt werden. Seine Artzney-Kräfften wären unzehlbar. Er verhinderte alle Fäulnüs / steuerte dem Giffte und der Pest / hinderte die Wasser-Sucht. Sein Oel steuerte der Gicht / hülffe dem Magen / der Leber und dem Miltze / und heilete die Wunden. Die Myrrhen benähmen denen Antlitzen die Runtzeln / sein Rauchwerg stiege von lodernden Altären bis in Himmel / und gäbe den versöhneten Göttern den süssesten Geruch ab. Und wer wolte seinem Myrrhen-Baume den Siegs-Krantz strittig machen; da die Persischen Könige stets eine von Myrrhen bereitete Krone umbs Haupt getragen hätten. Arabien widersprach alsofort Syrien und dem[307] Mohrenlande / rühmte hingegen seinen Weyhrauch über Balsam und Myrrhen; welche zwey nicht allein eben so gut in Arabien; sondern so gar in Wüsteneyen wüchsen; der Balsam auch von den Arabischen Hügeln in Syriens und Egyptens fürnehmste Gärte wäre versetzt worden. Das Atlantische Eyland bot Arabien die Stirne / und verneinte: daß das sandichte und von wegen der Sonnen-Hitze nicht Wasser / weniger Safft habende Arabien die Mutter des Balsams wäre; die Ehre gebührte ihm / und zwar auch für Syrien und Egypten. Deñ diese hätten zwar den edlen Balsam /aber nur auf niedrigen Stauden / und mit grossem Armuthe. Hingegen wüchse er auf dem Atlantischen Eylande mit Uberflusse zwischen einer harten und weichen Rinde des Baumes Goacomar / welcher der Fichte gleichte / grösser als die Granat-Aepfel-Bäume wäre / und Blätter wie die Nesseln hätte. Wenn nun die euserste den Eichen gleiche Rinde mit einem Eisen / von welchem die zärtlichen Balsam-Stauden in Syrien verdorreten / eröfnet würde / tröpfelten die köstlichen Balsam-Thränen wie Honig-Wasser heraus / dessen Geruch alle andere wolruchende Dinge weg-stäche / auch nichts / als diese scharffe Fettigkeit in dem Munde den Geschmack hinterliesse. Wiewol auch dieser Balsam sich häuffiger / aber im minderer Güte aus den gekerbten Zweigen dieses Baumes kochen liesse. Jener ausgetröpfelte aber gäbe dem bey Jericho an Geruch / Süßigkeit und heilsamen Kräfften nichts nach. Im Leibe heilete er alle Geschwüre / er benähme den schweren Athem / und das Magendrücken / steuerte der Schwindsucht / erfrischte die Leber /öfnete die Brust / stärckte das Gehirne und die Glieder / linderte alle Schmertzen / und gäbe dem Alter gleichsam die frische Jugend wieder. Seine euserliche Einsalbung benähme die Lähmbde und den Krampf /machte die Spann-Adern gezüge / beförderte auch dem Magen die Verdäuung / öfnete den Miltz / vertriebe das Huf- und ander Glieder-Weh / verzehrte die Flüsse / und zertriebe in dem Rückgrade die Empfindligkeit der Feber. Fürnehmlich aber wäre über dieses Oel kein köstlicher Wunden-Balsam in der Welt zu finden / Arabien widersprach alsofort diesem so wol /als Syrien und Mohrenlande: Dieser Baum hätte Arabien den Nahmen des glückseeligen erworben / als in welchem alleine der rechte weisse und männliche Weyhrauch wüchse. Denn die Indischen und die von Ptolomeern in Egypten gepflantzten Bäume / wie auch dieselben / welche die Sudländischen Eylande zum Vaterlande / und den schwarz-gelben und nicht so süsse rüchenden Weyrauch zur Frucht hätten / wären nur sein Stief-Geschwister. Weil die Natur durch dis herrliche Geschencke sich rechtschaffen eine gütige Mutter erweisen wolte / liesse sie auch aus denen aufgeritzten Bäumen die Weyrauch-Thränen als Mutter-Brüste neben einander kleben / und hiermit ihren Stamm eine viel-brüstige Isis abbilden. Sein Baum wäre nicht allein grösser und blätterreicher / denn des Balsams und der Myrrhen; sondern auch seine Fruchtbarkeit unerschöpflich. Denn man finde oft eine gantze Hand füllende und das dritte Theil einer Attischen Mine wägende Stücke Weyrauch an den Stämmen kleben; ja offt schwitzte ein die Aufschneidung mit dem Messer gar wol vertragender Baum bis sechzig Pfund Weyrauchs aus; und die wolrüchende Rinde des Baumes wäre eben so edel / als der Weyrauch selbst / also edler / als das unkräftige Balsam-Holtz /in dem sie gleichen Geruch hätte / und in dem Feuer so hitzig loderte / gleich als wenn dieser gantze Baum so begierig wäre sich auf den Altären den Göttern zu Liebe zu verzehren; als der Assyrische Jüngling Libanus / der in diesen Stamm solte verwandelt worden seyn / sein Hertze ihnen täglich durch Andacht angezündet hätte. Westwegen der im Augenblicke Fla en-fangende Weyrauch auch der Götter[308] liebstes Rauchwerck seyn solle / und fast alle Völcker der Welt solches zu Opfern und Reinigung ihrer Leichen gebrauchten. Daher er auch nachdencklich auf den Bergen viel besser / als im flachen Lande wüchse / auch nur / weñ die Soñe unter dem brennenden Hunds-Sterne / und am höchsten stünde / und zwar alleine von drey-hundert edlen und desthalben heiligen Geschlechtern / welchen die Arabischen Könige diese den Göttern gewiedmete Frucht zu sammlen erlaubte /abgeerndtet werden dörfte. Jedennoch wäre er bey seiner Köstligkeit so wolfeil: daß aller Armen Andacht etliche handvolln Gott abliefern könte; welcher alle Geschencke nicht wie geitzige Menschen nach ihrem theuern Preisse / sondern als ein mildreicher Vater sich mit einem Körnlein und dem guten Willen vergnügte. Unter allen Bäumen dörfte keiner weniger Pflegung / als der Weyrauch-Baum; vielleicht / daß seine Wartung niemanden an dem Gottesdienste hinderte: Gleichwol aber mißgönneten die freygebigen Götter den Menschen nicht allen Genüß des Weyrauchs / sondern liessen ihn so viel häuffiger wachsen / wormit sie darmit ihre Geschwüre heilen / die Wunden zusammen ziehen / die Augen reinigen / die von der Geburt entzündeten Brüste abkühlen / mit seinem Oele alle Glieder stärcken / und das Frauenzimmer ihre verbrennten Gesichte damit weiß und zart machen könten. Endlich gereichte auch zu seinem nicht gemeinen Ruhme: daß der Weyrauch als ein Vorbild der Andacht und Warheit sich schwerlich verfälschen liesse; und da der reineste die helleste Flamme von sich gäbe / der verfälschte zu eitel Rauche würde. Asien brach ein: Sein / der Weyrauch-Staude zwar ähnlicher / grösserer und edler Mastyx-Baum hätte an seinen abrinnenden und viel reinern Thränen für die Götter ein so wolrüchendes Rauchwerck / als immer der Weyrauch wäre. Ja er rauchete auf den glüenden Kohlen noch stärcker / und zerflüsse darauf in helle Tropfen. Dieser Mastyx machte denen Käuenden schnee-weisse Zähne / einen guten Athem / und dem damit gebleichten Antlitze eine zarte Haut und lebhafte Farbe. Er stärckte den Magen / das Gehirne / die Spañ-Adern / die Leber / stillete den Husten und die Blutstürtzungen. Wer wolte nun zweifeln: daß dieses viel heilsamere und in Artzneyen mehrmals die Stelle des Jüdischen Balsams vertretendes Hartzt / als der Weyrauch wäre / nicht auch den Göttern auf ihren Opfer-Tischen beliebter; also Asien / auf dessen Eylande Chios alleine der recht gute und helle und in dem Munde zergehende Mastyx aus denen sich auf die Erde beugenden und aufgeritzten Zweigen / so lange die Sonne im Ochsen und in Zwillingen / abtröpfte / viel glücklicher / als das glückliche Arabien zu achten seyn solte? Sintemal die Mastyx-Bäume in Egypten nur schwartzen / auf Creta nur gelben und bittern / in Italien und Hispanien wenig oder keinen Mastyx weineten. Uberdis hätten seine Blätter die Gestalt der schönsten Myrthen / den durchdringenden Geruch des Terpentins / und grüneten wie die Zypressen unaufhörlich. Wenn man sie käuete / machten sie einen wolrüchenden Athem / leschten den Durst / beschirmten den Hals für Flüssen; und hätten wie alle Theile dieses Wasser-liebenden Baumes eine Krafft zusammen zu ziehen. Aus diesen Blättern / der Rinde / und der Wurtzel / diente der ausgepreßte Safft wider die rothe Ruhr / wider den weissen Fluß / und befestigte die erschelleten oder weichen Gebeine. Das Holtz gäbe die besten Zähn stach er ab. Aus dieses Baumes grün-röthlichter Blüte wüchsen rothe / zuletzt aber schwartz-werdende Beeren / welche in sich ein köstliches Oel und Wein hätten / das dem Magen /der Blase und den Eingeweiden eine kräftige Artzney abgäbe. Syrien / welchem die Verkleinerung seines Balsam-Baumes unerträglich war / fiel ein: Wie möchte doch Asien seinen Mastyx / Mohrenland seine Myrrhen / und Arabien[309] seinen Weyrauch so hoch heraus streichen? da sein dem Balsame doch nicht gleichender Styrar-Baum alle drey überträffe? Sintemal sie durch sein Gummi die Beschwerligkeit ihres Myrrhen- und Weyrauch-Geruches versüssen müsten; mit dessen geringschätzigem Holtze sie kochten und raucherten; mit dem heilsamen Styrax aber aus ihren wolrüchenden Wäldern die häuffigen Schlangen vertrieben. Dieser Baum weinete nicht nur das kräftige Hartzt zu Vertreibung des Hustens / zu Linderung der Flüsse / zu Beförder- und Reinigung des Geblütes /zur Hülffe klingender Ohren / und wider alles kalte Gifft; sondern die euserste Rinde verbesserte auch durch Käuung den Geschmack und Athem; die innerste Rinde aber diente zu einem Oel; uñ sein mäßiger Gebrauch hülffe der Traurigkeit ab. Also verdiente der Styrax-Baum für Weyrauch und Myrrhen den Siegs-Krantz. Mohrenland befand sich aufs höchste beleidigt / fertigte also Syrien mit den Worten ab; wie sie diesen stinckenden Hartzt-Baum ihren unschätzbaren Myrrhen fürziehen möchte? Zwar wäre kein Gewächse / ja keine Wollust so groß; daß man sie nicht zu Vermeidung Eckels zuweilen mit etwas geringerem abwechseln müste. Man würde beym Uberflusse des Weines nach Wasser lüstern; dis aber wäre darumb nicht besser / als jenes. Nicht anders würdigte Arabien und Mohrenland zuweilen den Styrax zu schmecken. Wenn aber jemanden Weyrauch und Myrrhen zu wol rüchen / hätte Mohrenland auf seiner Insel Dioscoris den edlen Baum aufzuführen / welche über und über den Kern des besten Aloes trüge; die viermal so köstlich / als die in Indien wachsende gehalten würde. Ihr Geruch wäre zwar eben so scharf und widrig / als der Geschmack ihrer Thränen bitter; aber darumb wären ihre innere Kräften desto stärcker / und ihre röthlichte Dichtigkeit ein Kennzeichen ihrer Güte. Sintemal die kluge Mutter die Natur fast allen sehr heilsamen Artzneyen etwas widriges eingeflöst hat /zweifelsfrey zu dem Ende; daß der ungeneußige Mensch sich in dem guten nicht übernehmen / und sich mit so gesunden Sachen nicht vergifften solle. Sie öfnete aber das Geäder / machte die austreibende Krafft rege / heilete fürtreflich Wunden und Geschwüre / diente den Augen / reinigte die Galle / stärckte den Magen / ja ohne ihre Zuthat wäre alle Einbalsamung der Leichen vergebens; Sie aber alleine genung die Fäulnüs zu hindern. Das den Obsieg ihm fest einbildende Syrien nam dem Mohrenlande die Worte aus dem Munde / und sagte: Wenn die Krafft etwas für der Fäulnüs zu erhalten den Preiß verdienen solte /möchten sich nur Myrrhen / Aloe und Weyrauch-Stauden / welche zum höchsten nur fünf / etliche nur gar drey Ellen hoch wüchsen / als Zwerge für seinen Himmel-hohen Cedern des Gebürges Libanus / und seines Eylandes Cypern verkriechen; welche nicht selten hundert und dreißig Schuch hoch / und drey oder vier Klaftern dicke wüchsen. Denn das aus den Cedern dringende Oel hätte wider Fäule und Schaben eine unüberwindliche Krafft; also daß weil die Egyptier alle ihre Mumien damit erhielten / der Ceder edles Hartzt fürlängst das Leben der Todten genennt zu werden verdient hätte; und weil es das zu Erhaltung des Nachruhms vom Verhängnüsse bestimmte Papier nicht vermodern liesse; also daß durch die Wolthat dieses rothen Lebens-Oeles die nach fünf-hundert fünf und dreißig Jahren auf dem Berge Janiculus vom Cneus Terentius ausgegrabenen Pythagorischen Bücher des Königs Numa gantz unversehrt gewest /könte es mit gutem Rechte für einen Balsam der Ewigkeit gelten. Dannenhero der Ceder-Baum auch von der Natur mit niemals verwelckendem Laube /mit gerade gegen dem Himmel und in wunderwürdiger Ordnung stehenden Aesten und Tannen-Zapfen versehen wäre. Weil auch überdis seinem Holtze kein Wurm was anhätte / würde[310] es in Asien zu den heiligsten Tempeln / und wo in den Bäumen was göttliches / die Ceder billich für andern zu Heiligthümern erkieset. Griechenland / welches zur Schutz-Frau des Oel-Lorber- und des frembden Ahorn-Baumes / welchem die Deutschen und Britannischen aber nicht zu vergleichen / bereit war / bot dem sich für allen herfür-zückenden Syrien Kampf an; und sagte: Seine den gantzen Berg Athos überschattenden Ahorn-Bäume wären so hoch / wo nicht höher / als die Cedern des Libanus / dicker aber / als alle Bäume. Sintemal sie oft zehn Männer nicht umbarmen könten; und daher die Macedonier aus einem Stücke ohne grosse Müh und Unkosten ihre Schiffe baueten. Seine Aeste breiteten sich so sehr als fast kein anderer aus.

Zu Athen in der hohen Schule stünde ein solcher Ahorn-Baum / welcher sechs und dreißig Ellen / und in Lycien an der Straffe neben einem kühlen Brunnen ein ander / welcher ein und achtzig Schuch weit sich ausstreckte. Wormit auch bey diesem letztern nichts zu einer lebendigen Höle mangelte; so umbarmte dieser hole Baum in sich einen moosigten und zertheilten Steinfels; in welchem ein Römischer Burgermeister mit achtzehen Gästen auf Römische Weise gespeiset /und dieses natürliche allen aus Marmel gebaueten und mit güldenen Decken gewölbtem Zimmer fürgezogen hätte. Und zu Velitea in Italien / allwo doch die anfangs vom Dionysius aus Sicilien hernach von andern dahin über Meer geführten und in die fürnehmsten Gärte sparsam versetzte Ahorn-Bäume nicht hoch wachsen / noch reich von Blättern wären / hätte des Käysers Enckel Cajus sich in einen so verliebet: daß er darunter eine Taffel mit Betten funfzehn Gäste zu bewirthen prächtig angerichtet und das Gastmahl ein añehmlich Nest genennet hätte. In Achajen an dem Flusse Pierus aber wüchsen eine grosse Menge solcher holen Ahorn-Bäume / darinnen die Einwohner speiseten / oder schlieffen; und in Griechenland würden unter ihrem Schatten Berichte gehalten. Socrates hätte stets unter diesem Baume mit dem Phödrus sich in der Weißheit / Crassus zu Rom mit dem Scävola /Antonius / Cotta und Sulpitius in Staats-Sachen unterredet; Ja / weil der Schatten dieses schönen Baumes für eine sonderbare Erqvickung gehalten würde /pflegten die Wollüstigẽ nicht alleine seine Wurtzeln mit dienendem Weine zu erfrischen; sondern die Römer hätten auch bey den Morinnen in Gallien auf einen dahin gepflantzten einen Zoll geschlagen / welchen jeder geben müste / der seines Schattens genüssen wolte. Niemand aber hätte die Würdigkeit dieses edlen Baumes danckbarer erkennet / als Xerxes / welcher in Lydien umb einen sein gantzes Heer gelägert /einen gantzen Tag sich darunter ergetzet / selbten auch nicht alleine mit einem güldenen Halsbande verehret / und einem aus denen edlen Persen / welche man die Unsterblichen geheissen / zu verwahren anvertrauet; sondern auch sein Bild aus Golde gegossen hätte; damit er durch diesen Nachguß die beschwerliche Entpehrung des geliebten Baumes etlicher massen ersetzte. Und gleich als wenn kein ander Ertzt diesen Baum abzubilden würdig wäre / hätte Eyrus nach überwundenem Asien einen güldenen Ahorn-Baum gefunden / wormit hernach auch Darius beschenckt worden wäre. Westwegen sich nicht zu verwundern: daß der hochverdiente Themistocles sich ihm verglichen hätte / weil die Griechen zu beyden / bey ko ender Gefahr und Ungewitter / ihre Zuflucht nähmen; bey annehmlichem Wetter aber ihnen den Rücken dreheten / ja diesen die Ceder und Eiche übertreffenden Riesen-Baum durch Behauung des Gipfels und der Aeste gar zum Zwerge machten; wormit es so wol unter den Bäumen als Thieren Mißgeburten gäbe. Die Natur aber hätte ihn solieb: daß er nicht alleine mit den geschwindesten an wäßrichten Orten wüchse / ja bey den Messeniern aus einem[311] ein trinckbares Quell flüsse / sondern ihm auch Aexte und andere Gewalt wenig schadete. Daher auch der über und über abgeschälete Ahorn-Baum des Antanders nicht allein von sich selbst wieder ausgeschlagen und in einen funfzehn Ellen hohen und vier Ellen dicken Baum gewachsen / sondern auch / als hernach der Wind ihn zu Bodem geworffen / nach etlich abgehauenen Aesten und erlangter Erleichterung / sich des Nachts wieder empor gehoben hätte. Westwegen er an Alter fast alle Bäume überlebete; also / daß in Arcadien und zu Delphis noch zwey / welche Agamemnon mit eigner Hand gepflantzt / und in der Landschafft Aulocrene einer / daran Apollo den überwundenẽ Marsyas aufgehenckt / zu sehen wäre. Jedoch wäre nur nicht dieses Baumes Schatten / welcher wohl im Winter / niemals aber im Sommer die Sonnen-Straalen durchdringen liesse / sondern auch seine heilsame Eigenschaften verehrens würdig; dessen gänsefüssichte Blätter /Rinde und Beeren heilsame Augen-Ohren- und Zahn-Artzneyen abgäben / den Aussatz und Schlangen-Bisse heileten; und wie die Sonne den Fleder-Mäusen ein Greuel wäre; also daß die Störche ihre Nester mit darein gelegten Ahorn-Blättern für Beschädigung der feindlichen Fleder-Mäuse bewahrten. Diesemnach denn die Alten geglaubt hätten: daß dieser Baum was Göttliches an sich habe; also sie die Bilder der Schutz-Geister mit seinen Zweigen kräntzeten / des Diomedes Heiligthum damit umbpflantzt / und der weise Socrates nicht anders / als beym Ahorn-Baume zu schweren gepflogen hätte; worzu Miletus ihn noch viel zu edel gehalten; ja selbst Jupiter hätte diesen Baum gewürdigt unter ihm Europen zu schwängern /welcher noch in Creta gesehen würde / und seine allezeit grünende Blätter niemals verliere; also kein Baum mehr als der Ahorn den Siegs-Krantz verdiente. Das Atlantische Eyland rüstete sich seine dicke Bäume / welche acht ja sechszehen Männen nicht umbklaftern / und wohl tausend Menschen überschatten / in ihren neun und zwölff Klafftern weiten Höle eine Heerde Schafe beherbergen könten / auf den Schau-Platz zu stellen; alleine Persien kam ihm zuvor / und meldete: Wenn ein Baum mit seinem Schatten den Glantz des Vorsitzes verdiente / könte er keinen /als seinen vielstämmichten Wurtzel-Bäumen zuerkennt werden; derer von den Aesten abhangendes Gefäser in die Erde krieche / Wurtzeln einschlüge und in neue Stämme empor wüchse / also daß unter diesen wohl hundertstämmichten Bäumen oder Wäldern lange Lust-Gänge gehauen / und etliche tausend Menschen für den brennenden Sonnen-Straalen beschirmet würden. Vermittelst dieser in einander geflochtener Bäume Befestigung hätten in Hircanien die Marder dem grossen Alexander die Spitze gebothen; und in dem am Sud-Meere gelegenen Persien gäben diese schattichten Bäume die kühlesten Zelten / die heiligsten Tempel / und mit ihren blut-rothen. Feigen reiche Speise-Ca ern ab. Deutschland kündigte so wol Griechenlande / als dem Atlantischẽ Eylande hierüber Krieg an / und setzte jenem entgegẽ: Diese vielstä ichtẽ Bäume wäre für keinẽ einzelẽ Baum / sondern wie vielköpfichte Leiber für Miß-Geburten zu achten; von denen man glaubte: daß durch Genüssung ihrer Frucht, die ersten Menschen den Haß gegen Gott eingesogen; und davon mit allen Lastern schwanger worden wären. Diesem aber hielt er ein: daß der von nichts als seinem dicken und also ungesunden Schatten berühmte Ahorn-Baum seinen Bäumen nicht den Schatten reichte / und aus Licht gesetzt zu werden allzu düstern wäre. Apollo und Jupiter hätten ihn auch nur zu Unehren gebraucht; und weil seine Aepflichen Gift in sich hegten / wäre er gut genung gewest: daß die Lernische Schlange unter ihm erzogen worden. Wie diese nun vom Hercules wäre erleget worden; so wenig könte der Ahorn-Baum[312] gegen ihrer Eiche bestehen; derer zwey vom Hercules eigenhändig gesetzte noch im Pontus bey Heraclea neben des Stratischen Jupiters Altare zu sehen wären. Denn wie der schattichte Ahorn-Baum ein Greuel der himlischen Götter und ihres Lichtes wäre; also wäre die Eiche ein rechter Riesen-Baum des Jupiters / der Juno und der Trivischen Diane oder Hecatens Heiligthum. Mit den Eicheln hätte Jupiter zum ersten sein Volck gespeiset; und die erste Welt hätte in Wäldern den grösten Eichbaum als sein Bild angebetet. Ja Jupiter hätte die erste und älteste Weissagung bey Dodona durch redende Eich-Bäume dem Menschen entdecket. Juno / als die Vorsteherin der Städte hätte die Eichen ihr geheiliget; weil ihr Holtz das beste zu Erbauung der Häuser /Schiffe / Fasse und anderer Gefässe wäre. Sie wären Hecaten gewiedmet / zweifels-frey / weil der Eicheln Wurtzeln so tieff in der Erde steckten / als der Gipfel gegen dem Himmel sich erstreckte. Und die Parcen /welche dem Menschẽ Leben und Tod spinneten / hätten die Eich-Blätter zu ihren Kräntzen erkieset; vielleicht weil ihre Frucht die älteste Lebenskost; das Holtz aber / welches auch die besten Kohlen gäbe / zu Särchen oder zu Verbrennung der Leichen am dienlichsten wäre. Aus welchem zweyfachen Absehen zu Athen auf den Hochzeiten ein mit Eicheln gekräntzter Knabe eine mit Brodt gefüllete Wiege herumb truge; des Trojanischen Königs Ilus Grab aber mit Eichen bepflantzet / von den Weibern zu Priene in Jonien bey einer Begräbnüß-Eiche / wo ihre fürnehmste Bürger von Milesien erschlagen worden / am betheuerlichsten geschworen würde. Ja Socrates hätte am kräfftigsten bey den Eichen geschworen / weil sie älter als der Griechen Götter wären. Nirgends aber würden die Eichen heiliger verehret / als in Deutschland von den Druyden; sonderlich aber die Stein-Eichen / worauf Mistel wüchse. Denn wie die Eichwälde ohne diß der Druyden Tempel und ohne Eich-Zweige kein Opfer verrichtet würde; ja sie von den Eichen den Griechischen Nahmen führten / also hielten sie den Mistel für ein ihnen vom Himmel geschicktes Zeichen und Pfand Göttlicher Gnade. Diesen Mistel schnitte ein weiß-gekleideter Priester mit einer güldenen Sichel am Neu-Monde / welcher das dreissigste Jahr anfinge / vom Baume ab / und hüllete ihn in ein weiß Kleid ein; worunter zwey weisse Ochsen geopfert / dieser Mistel aber / welcher eben des in die Hölle steigenden Eneas güldener Zweig gewest wäre / wenn man davon trincke / für ein Mittel zur Fruchtbarkeit / eine Artzney wider alles Gifft / und eine Ursache vielen Glückes verwahret würde. Wie denn auch die Eichen so viel heilsames / als irgends ein ander Baum an sich hätten / die Rinde wider Gifft und Entzündungen diente / mit den Blättern Wunden geheilet / das Zahnweh und die rothe Ruhr gestillet würde. Uber diß hätten die Götter und Pelaßgus die Griechen / an statt der schädlichen Kräuter und unverdaulichen Wurtzeln zur gesündern und schmackhaftern Speise der süssen Eicheln angewiesen. Ob nun wohl bey wachsender Wollust so wohl die süssen / als bittern Eicheln des Viehes Speise worden; brauchten sie die Hispanier doch zu ihren Nachgerichten; und zu Athen würden sie auff den zwey Feyer-Mahlen in der Academia und im Lyceum nebst Bohnen Myrten-Beeren und Feigen geröstet aufgesetzt. In Asien und Griechenland würde mit den Eicheln / wie in Deutschland mit eichener Rinde / das Leder zierlich ausgegärbt. Zu geschweigen: daß auf den Eichen / und zwar aus ihrem eigenen Safte / nicht aber aus gewissen von den Vögeln dahin getragenen Beeren der beste und zu der Artzney dienlichste Mistel; also auch gewisse Piltze / welche die Lüsternheit nunmehr zu einer göttlichen Speise gemacht hätte /der zum besten Haar-Staube dienende Mooß / zum färben dienende Gall-Aepfel[313] wüchsen / woraus man des vorstehenden Jahres Fruchtbarkeit / Mißwachs und Kranckheiten urtheilen könte. Ja dieser Baum beherberget nicht nur die Bienen / sondern der Himmel bethauete ihn auch mit einem gewissen Honige. Aus seinem verbrenneten Holtze machte man Salpeter; und der grosse Alexander hätte erfunden im Sommer unter eichenem Laub den Schnee lange zu erhalten. Dahero Cato die durch besondere Güte der Natur so wohl auf Bergen / als in Thälern wachsenden Eichen gar billich für eine unentpehrliche Zugehörung eines vollkommenen Landgutes gehalten. Zu geschweigen: daß Italien / welches für einen Kern aller Länder in der Welt gehalten werden wolte / durch ein eichenes Laub Blat deutlich abgebildet wäre. Woraus die Römer ihnen eine ewige Beherrschung der Welt wahrsagten; weil die Eichen keiner Gewalt nachgäben / die schärffsten Aexte stumpf machten / wenn sie gleich inn- oder auswendig fast halb verbrennt würden / dennoch grüneten / im Wasser schwartz wie Eben-Holtz /und harte wie Steine würden / und ein lebhaftes Alter vieler hundert Jahre erreichten. Massen denn zu Rom eine mit Hetruskischen ertztenen Buchstaben als heiligbemerckte Stech-Eiche auf dem Vaticanischen Hügel / und zu Tibur drey andere / bey welchen ihr Uhrheber Tiburtus solte eingeweyhet worden seyn /und also alle älter / als beyde Städte wären / verehret würden. Ob nun zwar dieser nützliche Baum fast in der gantzen Welt wüchse / auch im Thurinischen Gebiete immer grünete; so überträffe doch ihre Deutsche insonderheit die bey den Chauzen an dem Meer-Strande wachsenden an Grösse alle andere in der Welt. Dieser Wurtzeln erstreckten sich so weit: daß / wenn die Wellen das Land unterwüschen / sie gantze Felder mit wegriessen / und als grosse schwimmende Eylande und vielarmichte Riesen mehrmals die Römischen Kriegs-Flotten bestürmet / oder in die Flucht gejagt hätten. Wem könte nun der von der Natur den Bäumen zugesprochener Sieges-Krantz besser anstehen als ihrer Eichen die Wolcken durchbohrendem Haupte. Der Welt Schiedes-Richter die Römer hätten für sie schon das Urthel gefället; da sie dem / welcher einen Bürger erhalten / von eichenem Laube den bürgerlichen Siegs-Krantz zu machen geordnet / welchen Krantz sie allen andern / aus Gold / Perlen und Edelgesteinen geflochtenen Siegs-Kräntzen weit fürgezogen / und die damit gekrönten so weit gewürdigt hätten: daß sie nicht nur bey den Rathsherren gesessen /der Rath in Schau-Plätzen für ihnen aufgestanden /sondern auch sie und ihre Eltern aller bürgerlichen Beschwerden entlastet worden wären. Daher auch der Africanische Scipio / als er seinen verwundeten Vater / den Bürgermeister und Feldherrn in der Schlacht mit Hannibaln erhalten / keinen grössern Danck / als den eichenen Bürger-Krantz verlangt hätte. Griechenland meynte durch diesen Gegen-Satz viel von seinem Ansehen zu verlieren / wenn es sich die deutschen Eichen so schlecht abfertigen liesse / nicht so wohl wegen ihres verschmähten Ahorn-Baumes / als weil ihr Oel-Baum sie gleichsam zur Rache anreitzte / welcher mit dem Eich-Baume eine solche Tod-Feindschafft heget: daß wenn ein Baum in des andern Grube versetzt wird / selbter vertirbt / und der einer Eiche benachbarte Oelbaum nicht allein keine Frucht trägt / sondern sich auch hinter andere Bäume verstecket. Diesemnach that Griechenland diesen Vortrag: Die wilde und nur für Schweine fruchtbare Eiche verdiente so wenig unter die umb den Siegs-Krantz streitende Bäume / als wegen ihres dampfenden Schattens in die Lust-Gärte versetzt zu werden. Die Natur hätte sie desthalben nicht einst einer Blüthe gewürdiget /welche doch die Freude / wie der Regen die Speise der Bäume wäre. Sie tauerte ja eine Zeitlang / aber endlich vertürbe sie von sich[314] selbst anfangs am Gipfel / hernach im Stamme; also: daß Pericles die durch eigene Schuld ins Unglück verfallenen Böotier nicht unbillich diesem Baume vergliechen hätte. Wie wenig ihm der Himmel geneigt wäre / liesse sich daraus muthmassen: daß Donner und Blitz an keinem Baume mehr als an Eichen ihren Gri ausübten. Und ihr Holtz zu keinem Gottes Dienste taugte. Hingegen wäre der Oelbaum den Göttern so beliebt: daß sein und des Lorberbaums Holtz durch irrdische Gebrauchung nicht beflecket werden dörffte / ja zu Verbrennung der die Götter versöhnenden Opfer allzu köstlich geachtet würde. Der Oelbaum wäre ein Bild der Reinigkeit; also: daß er nur / wenn er von einer keuschen Hand gepflantzt würde / geriethe / wenn ihn eine Jungfrau säete / desto mehr Früchte brächte; und daher die bey der Stadt Anazartus in Cilicien von eitel unbefleckten Knaben gepflegten Oelbäume so fruchtbar wären. Die reineste Göttin Minerva hätte den Oelbaum darumb zu ihrem Heiligthume erkieset; welche vermittelst ihrer Lantze ihn zu Athen auf dem Schlosse am ersten herfür bracht hätte / damit sie sich umb selbige Stadt durch diß Friedens-Zeichen mehr / als der umb das Vorrecht streitende Neptun mit seinem kriegerischen Pferde / wie auch mit dem durch seinen Dreyzancks-Stab erregten Brunn und See-Hafen verdiente / und sie auf Jupiters oder des Griechischen Frauenzimmers Ausspruch wider der Männer Meynung nach ihrem Nahmen zu nennen die Ehre hätte. Jedoch hätte auch des Apollo Sohn Aristäus durch gezeigte Pflegung dieses edlen Baumes / und Mercur durch gewiesene Auspressung des Oeles an solcher Ehre Theil zu haben sich beflissen. Diesemnach denn zu Athen diß heilsame Gesetze gewest wäre: daß kein Mensch ausser zum Tempel-Bau und zu Begräbnüssen einigen Oelbaum ausgrübe; Themistocles aber klüglich gerathen hätte / der Schiffart sich zu entschlagen / und in dem zu Oelbäumen so geschickten Attischen Gebiete alleine derselben Pflantzung abzuwarten. Sintemal das Oel / welches doch keine so mühsame Pflegung / als der Wein dörfte / nach Brodt und Weine das nützlichste Ding unter allen Gewächsen wäre / als welches Erhaltungs-Mittel aller wohlrüchenden Sachen und des Eisenwercks wäre / nebst denen eingesaltzenen und den Geschmack schärffenden Oliven nicht nur eine gesunde Speise / sondern eine köstliche Würtze aller Gerichte / ja eine kräftige Artzney abgäbe / den Leib für Kälte bewahrte / von Müdigkeit erledigte / und daher die Kämpfer in den Olympischen Spielen sich darmit eingeschmieret; der neun und neunzig Jahr alte Democritus / und der über hundert Jahr bey Kräfften bleibende Pollio / Romulus auch dem fragenden Käyser August dessen Ursache gegeben hätte: daß sie viel Honig gespeiset / und sich offt äuserlich eingeölet hätten. Nicht weniger wäre auch das Holtz der Oelbäume seiner von Würmen unversehrlichen Dichte und Fettigkeit halber schweißicht / und daher so wol als Cedern und Cypressen den Bildschnitzern dienlich. Dahero die Oelbäume auch so viel längsamer wüchsen / aber auch über zwey hundert Jahr dauerten; und wenn sie auch schon veralterten / durch eingepfropfte Zweige / wie die aus einem wilden Oelbaume geschnitze und an dem Flusse Alfeus in die Erde gesteckte Keule des Hercules wieder grün und verjüngt würden. Wegen dieser Krafft wäre zu Rom das hole Bild des Saturn stets mit Oele gefüllet gewesen / daß es nicht wurmstichicht würde. Also tränckte das Oel auch frembdes Holtz / ja es speisete das Feuer sanfter / als kein ander Zunder; und besänftigte so gar das unbändige Meer; westwegen die Wasser-Taucher ihren Mund damit fülleten; ungeachtet es sich sonst so wenig mit Saltze und Wasser vermischte / als der vom Lecken verterbende Oelbaum den Speichel der Thiere vertrüge / sondern weil es[315] sehr geistig wäre / oben schwäme / und schwerlich gefrüre. Hingegen vertrüge sich das Oel wol mit Kalcke / und leschte den vom Wasser brennenden aus. Die gröste Freundschafft aber unterhielte der Oelbaum mit den annehmlichen einander umbarmenden Myrten / Weinstöcken und Bienen; welche so viel mehr Honig eintrügen / wenn ihre Stöcke nahe bey Oelbäumen stünden; also: daß in Libyen die in Weinstock gepfropften Oelzweige Trauben und Oliven trügen; ja in Arcadien wären in einem Heiligthume aus einerley Wurtzel ein Oelbaum und eine Stech-Eiche gewachsen. Diesemnach denn billich die Oel-Zweige / welche zwar die Winde / nicht aber ohne Abbruch der Fruchtbarkeit Schläge vertrügen /noch nahe bey dem unruhigen Meere gerne wüchsen /für ein Friedens- und Versöhnungs Zeichen erkieset worden wären / und die Athenienser damit dem Timocrates / die Sidonier dem Artaxerxes / Timon und Androbolus dem Xerxes / die Carthaginenser dem Scipio entgegen gegangen / und die Alexandriner aufs Rathhaus zu Rom erschienen wären. Jedoch wären die Oelbäume auch ein Zeichen des Sieges; daher hätte der die Gesetze des Solons verbessernde Epimenides /an statt der ihm von Athẽ zu Danck angebothenen Geschencke / nichts als einen Zweig von dem ersten auf dem Schlosse daselbst stehenden und als hochheilig verehrten Oel-Baume zur Vergeltung begehret; welcher hernach / als ihn gleich die Persen mit sambt Athen verbrennet / eben selbigen Tag zwey Ellen hoch wieder ausgewachsen wäre / und als Xerxes ihn zum andern mahl eingeäschert / folgenden Tag schon wieder Früchte getragen hätte. Die Athenienser hätten darumb ihre wider den Feind ziehenden Feld-Obersten und die grossen / die Römer aber die kleinern Sieger mit Oelzweigen gekrönet. Gleicher gestalt wäre bey den Milesiern der Oelbaum / welcher bey den bürgerlichen Kriegen hernach verdorret / und der für dem Minerven-Tempel bey den Sicyoniern stehende und mit Oel flüssende Baum / wie auch zu Rom der Ort über der Tyber / da für wenig Zeit einen gantzen Tag aus der Erde Oel gequollen / für ein so grosses Heiligthum als der zu Athen verehret worden; nun darumb sich nicht zu verwundern: daß des Neptunus Sohn Hallirrhotus über Aushauung der Oelbäume sich tödtlich verwundet hätte. Ja nicht nur diese und ihre Fruchtsondern so gar die Oliven-Hülsen wäre zu Vertilgung schädlicher Kräuter und zu vielen Artzneyen gut. Der wilde Oelbaum aber / in welchen Appulus solte verwandelt worden seyn / wäre zu Bekräntzung der Sieger auf den Olympischen Spielen gebrauchet / und dieser vom Hercules gepflantzte unfruchtbare denen Oliven tragenden Oelbäumen für gezogen worden / zur Anweisung: daß die Tugend ihr selbsteigener Lohn wäre / und auf keinen schnöden Gewinn zu sehen hätte. Daher auch die den Göttern gewiedmeten Gaben für den Tempeln auf wilde Oelbäume aufgehenckt würden. Mit einem Worte: Der Oelbaum wäre Göttern und Menschen der beliebteste Baum; und hätte unter keinem andern als diesem Latona ihren Apollo nemlich den Vater aller Fruchtbarkeit gebehren wollen. Assyrien brach ein und sagte: Das beste Oel schwäme zwar oben / darumb aber müste sein Oel nicht für allen andern köstlichen Fettigkeiten oben schwimmen / dessen Unvollkommenheit daraus zu urtheilen wäre: daß das aus unreiffen Oliven gepreßte Oel noch das beste wäre / in bleyernen und ertztenen Geschirren bald vertürbe; der Oelbaum aber selbst ohne Kern wäre / seine Wurtzel auch nur von dem aufgehenden Gestirne der Klucks-Henne erquickt würde; aber keine Sonnen-Strahlen vertrüge / und offt ein einiger grünender Zweig dem gantzen Baume seine Krafft verzehrete; wie auch niemals zwey Jahr nach einander Frucht trüge; welche mit blossen Fingern abgelesen werden müßte / und doch nicht besseres[316] Oel gäbe / als welches in Aria aus Dörnern rinnte / und die Welt so wohl gar / als Rom über drey hundert und viertzig Jahr / die Gallier aber biß ietzt entpehren könte. Zu geschweigen: daß zu Syracusa die Urthel der Verweisungen auff Oel-Blätter geschrieben würden / die Esseer dafür eine gäntzliche Abscheu hätten / und wenn einer unter ihnen ungefehr mit Oel wäre befleckt worden / sich davon sorgfältig reinigten. Hingegen flüsse aus dem den Myrrhen-Stauden gantz ähnlichen Terpentin Baume das an Geruch und Heilsamkeit beste Hartzt in der Welt / welches gar kein Gewand fleckicht machte / das Thericles nicht nur fürlängst dem Baumöle / ja dem Muscaten- und Zimmet-Oele fürgezogen hätte; sondern auch dem Phönicischen Balsame am nechsten käme / und zum Rauchwercke gar wohl die Stelle des Weyrauchs verträte. Dieses regte die Zeugungs- und Gebehrungs-Kräfften / diente wider den Stein / Gicht und Hufweh; reinigte Miltz / Nieren und Blase / heilete die Wunden / wärmte und stärckte die Spann-Adern / und wäre im gantzen Leibe ein rechtes Lebens-Oel. Sein blauer Saame überträffe an Schönheit die Zierde des Scythischen oder aus Silber gemachten Lasurs / wäre auch für alter Zeit etlicher Völcker / insonderheit aber der Persen einige Speise gewest. Sein Holtz wäre in Syrien und sonst schwärtzer als Eben-Holtz / und diente den Drechslern zu der schönsten Arbeit. Asien versätzte: Assyrien hätte mit seinem Terpentin-Baume nicht Ursache so groß zu sprechen. Denn dieser edle Baum wüchse auch im steinichten Arabien / in Cilicien / und insonderheit auf dem Eylande Chius. Der zu Memphis stehende und immer grünende Terpentin-Baum aber überträfe an Schönheit und Alter alle andere in der Welt; als welcher mit ihr selbst jung worden wäre / und mit der Zeit in die Wette zu tauren schiene; also auch am würdigsten zum Siegs-Preise wäre. Hingegen wären seine das Gebürge Ida beschattende Cypressen viel lobwürdiger. Denn sie tröpfelten ein wolrüchend Hartzt von sich / welches dem Terpentin wenig oder nichts nachgäbe / und zu einem gesunden Oel diente. Sein Sta trüge des Jahres dreymal Früchte / nemlich seine mit den kaum sichtbarẽ rothẽ Saamkörnern gefüllte Nüsse / aus deren einer viel hundert solche grosse Riesen-Bäume nicht ohne Wunderwerck und Andeutung; daß in den kleinsten Dingen Gott am grösten sich zeige / wachsen könten. Sein geflasertes Holtz wäre das schönste / und so wohl zu Gebäuen als Bildern das beste. Sintemal ihm weder Wurm noch Alterthum was an hätte. Daher zu Rom auf dem Schlosse das Bild des Vejupiters fast vom Anfange der Stadt / biß zu gegenwärtiger Zeit getauret und seinen ersten Glauben behalten hätte. Mohrenland konte dem ruhmräthigen Asien länger nicht zuhören; sondern brach ein: Asien möchte mit seinem fahlen Cypreß-Holtze sich für seinem Eben-Holtze / welches an Schwärtze die Kohlen / an Härte das Eisen / an Glätte das Helffenbein überstiege / nur verkriechen. Denn die aus diesem geschnitzten Bilder beschämten die ertzt- und steinernen. Die den Gräbern und dem Tode gewiedmeten Cypressen gingen umb sich selbst traurende in der Klage / und weil ihr Wachsthum verstockt / ihre Aeste ohne Frucht / die Blätter bitter / der Geschmack seiner Nüsse scharff /der Geruch widrig / ja der Schatten selbst unangenehm wäre / seine Wurtzeln aber nach einmaliger Abhauung nicht wieder wüchsen / wäre er nicht unbillich der Hölle gewiedmet / und sein Holtz zu keinen andern Bildern / als der schädlichen Götter würdig. Aus seinem Mohren-Holtze aber wäre nicht nur die Ephesische Diana gebildet; sondern die Indianer machten alle ihre Götter daraus; und zwar so viel billiger /weil das auf glüende Kohlen[317] gelegte Ebenholtz ohne einigen Rauch verbrennte und einen süssen Geruch von sich gäbe. In Indien machte man auch Speise- und Trinkgeschirre daraus / weil es wider Gifft und Zauberey eine fürtrefliche Krafft hätte. Nichts weniger diente es zu einer köstlichen Augen-Salbe. Diesemnach die vom Cambyses überwundenen Mohren den Persischen Königen jährlich ein gewisses von diesem Holtze hätten zinsen müssen. Der grosse Pompejus hätte es in seinem Morgenländischen Siegs-Gepränge als eine kostbare Seltzamkeit für ihm hertragen lassen / und Cleopatra hätte es bey Belägerung Alexandriens unter andern kostbaren Schätzen für dem Käyser August in der Isis Tempel versteckt. Ja es verdiente mehr ein Ertzt / als Holtz genennet zu werden; weil es /wenns gleich dürre würde / die erste alles andere Holtz übertreffende Schwerde behielte / und im Wasser wie Eisen untersincke. Pannonien fiel ein: An dem Eben-Baume wäre nichts als das Holtz preißwürdig; welchem aber die Kunst durch Beitzung fast alles andere harte Holtz ähnlich machen könte. Der Kern seines Citysus aber gäbe dem meist zum theil faulenden Eben-Baume nichts nach; sein Sta gleichte dem Balsam-Baume; und aus seinen Blüten saugten die Bienen eine unglaubliche Menge Honigs. Der Seren Land lösete nun auch seine Zunge / und sagte: der Citysus wäre ein Feind aller andern Bäume / weil er alle in der Nachbarschafft stehende Pflantzen tödtete; und also vielmehr auszurotten als zu erhöhen. Das Eben-Holtz oder vielmehr seine wachsende Kohlen aber gehörten ins Feuer oder in die Hölle. Sein edles Rosen-Holtz aber wäre unter allen andern / wie die Rose unter den Blumen der König. Seine annehmliche Röthe gleichte den Rosen / seine Adern aber durchstreiften es so artlich / als wenn die Natur mit allem Fleiß ihren künstlichen Pinsel darzu gebraucht hätte. Diesemnach auch die davon gemachten Bilder die Helffenbeinernen / die Tische aber der Mauritanier aus Ceder-Wurtzeln gemachte beschämte. Gallien hielt es ihm nunmehr auch verkleinerlich länger zu schweigen; daher sagte es: die Natur spielte nicht nur in vielen Bäumen / sondern auch in Steinen und Muscheln mit ihrem Gemählde. Dieses aber wäre wunderwürdiger: daß in seinem Narbonischen Steinfelde Scharlach- oder Karmesin-Bäume mit Würmer-heckenden Beeren wüchsen / welche fast schöner als das Blut der Purpur-Schnecken / Seide färbten; und weñ diese Würmlein darauf stürben / etliche Tage einen den Zibeth / Ambra / Mosch- und Citronen-Blüte übertreffenden Geruch von sich gäben / wie nichts weniger zu einer fürtreflichen Hertzstärckung und Wunden Balsame gebraucht würden. Es wäre wider das Hertzklopffen / wider Ohnmachten und Traurigkeit des Gemüthes nichts heilsamers als das hiervon gemachte Labsal. Daher wenn dieses seines Baumes zum Bauen und allerhand Werckzeugen überaus dienliches Holtz / seine immergrünenden Blätter / die Süssigkeit seiner Eicheln und die Pracht seiner Färbung nicht der Griechen Gesätze / welches die Abhauung dieses bey einem Grabe stehenden Baumes bey Lebens-Straffe verbot / rechtfertigte / würde alleine seine heilsame Artzney-Kraft ihm alle Grausamkeit abschäumen. Armenien widersprach Gallien / und sagte: Wenn einem Baume in der Welt der Siegs-Preiß wegen der Färberey gebührte / käme er seinen Stauden zu / derer Hi elblau färbende Blätter allen andern so weit / als der Himmel der Erde vorgienge. Ob nun zwar diese auch in Indien und andern Orten wüchsen / thäte doch von den Armenischen ein Pfund mehr / als anderwerts drey; und würde deßwegen in kein Land der Welt mehr Gold und Silber / als in Armenien gebracht. Gallien wolte Armenien nicht[318] weichen / sondern versätzte: Ihre Scharlach-Farbe wäre eine Königliche / Armeniens aber eine Trauer-Farbe. Uberdis wüchsen in Gallien Dornstauden / welche die annehmlichste Goldfarbe in Seide und Wolle brächten; die die Serer ebenfals nur ihren Königen vorbehielten / und die rechte Farbe des Himmels / blau aber der Luft / oder vielmehr nur ein Betrug der Augen wäre. Das grosse Atlantische Eyland lächelte hierüber / und sagte: daß alle Färbe-Bäume gegen seinem auswendig Aschfärbichten / inwendig aber rothen und mit Buchsbaum-Blätter prangenden sich entröthen /und als Zwerge verkriechen müsten. Sintemal sie an Grösse die Eichen überträffen und zum theil von drey und mehr Männern nicht umbklaftert werden könten. Das Holtz ihres Stammes / auch seine Asche färbete roth wie Purpur oder schwarz-braun / etliche auch gelbe und andere blau. Das Holtz wäre Bley-schwer /Eisenharte und diente zu Seulen / Bildern und Werkzeugẽ besser als kein anderes / und gäbe im Brunnen fast keinen Rauch von sich. Seine Zweige prangeten mit bundten Meyen-Blumen. Etliche trügen auch gar Früchte wie Weintrauben / welche an köstlichem Geschmacke den Weinbeerẽ nichts nachgäben. Das Zeither schweigende Italien lösete nunmehr auch seine Zunge; und rühmte seinen Maulbeer-Baum für ein Wunderwerck der freygebigen Natur. Denn er färbete / speisete und kleidete die Menschen. Seine Beeren hätten einen das Blut beschämenden Safft in sich; also: daß dieser auch für das Blut des Pyramus gehalten würde. An der Farbe dieser Beeren hätten die Götter selbst Belieben; daher Schäfer und Hirten niemals den Gott Pan umb Gedeyen ihrer Heerde anruften; daß sie ihre Leiber mit diesem Safte färbeten. Der Saft gäbe eine annehmliche Speise und zugleich in vielen Schwachheiten eine Artzney ab. Die Blätter der Maulbeer-Bäume / besonders aber der weissen / verwandelten sich in den Eingeweiden der Seiden-Würmer in das köstliche Gefäser / woraus sie das herrlichste Gespinste der Welt / ihnen selbst aber das prächtigste Grab webten; daher der Nutzen dieses Baumes Weinstöcken und Oelbäumen fürgezogen würde. Egypten begegnete Italien / und meldete: an den Maulbeeren taugte weder Farbe noch Genüß. Jene wäre vergänglicher / als die Schmincke des Cretischen Meerschilffes / dieser mehr schädlich / als nütze / und die Blätter so wol / als anderer Bäume nichts mehr /als Speise der Würmer / welchen allererst die Geburt der Seide zuzuschreiben wäre. In Egypten aber wüchsen Bäume von zweyerley Grösse / welche in ihren Aepfeln köstlichere Wolle als kein Schaaf trügen. Aus Egypten hätte sich Indien und gantz Mohrenland damit besämet / und würde die meiste Welt nackt gehen müssen / wenn nicht diese alle Menschen zu kleiden auskommende Bäume thäten. Scythien brach ein: Alle diese Baumfrüchte wären todte Dinge gegen denen vollkommenen Lämmern / welche bey ihm auf einer starcken Staude wüchsen. Diese Lämmer geben die zarteste Wolle dem Frauenzimmer zu Hauben /ein niedliches Krebsfleisch zum Essen. Und wormit man ihre Frucht für ein vollkommenes Thier zu halten gezwungen würde; flüsse aus diesem Schaafe nach jederm Schnitte Blut; es lebte nicht länger / als es umb sich andere Kräuter gleichsam zu seiner Speise hätte /und nach ihm wäre kein ander Fleisch-fressendes Thier / als der Wolf lüstern. Arabien versetzte: diese Lämmer-Pflantze wäre so wenig ein Thier / als die Affen Menschen / auch mehr ein seltzames Spiel / als ein groß Geschencke der Natur; weil weder das fleischichte Gewächse noch die wenige Wolle viel Nutzen brächte. Sein Goßypischer Baum aber trüge einen so zarten Flachs / gegen welchem Baumwolle grob und[319] harte wäre / wiewol es noch zweifelhaft: ab die ersten Baumwollen Bäume in Arabien oder Egypten gewachsen wären. Aus seinem Baumflachse aber würde die köstlichste und dem Golde gleichgültige Leinwand gemacht / womit nicht alleine das Frauenzimmer / als seiner grösten Zierde prangten / sondern auch die Hohenpriester ihrer Reinligkeit halber sie zu ihrem heiligsten Schmucke brauchten. Serica widersprach Arabien / und sagte: Sein Baum-Gewebe wären Spinnen-Weben und gleichsam ein durchsichtiger Wind; welcher zu nichts als geilen Weibern zu einer Entschuldigung diente: daß wenn sie alle Blöße ihres Leibes zeigten / doch sich bekleidet zu seyn rühmen könten. Hingegen trüge ihre Seiden-Staude ein Gespinste / welches zärter als Baumwolle und andere Seide wäre / die davon gewebten Zeuge auch theuerer als beyde verkaufft würden. Arabien fieng hierüber an: Alle diese Färbe- und Wollen-Bäume dieneten fast nur allein zu Werckzeugen der Hoffart. Sein grosser und schwartzer Dorn-Baum aber trüge zwar auch kleine weißgelbe Wolle / aber dis wäre nur seine Blüte. Seine Blätter geben die schönsten Kräntze ab /dienten zur Färberey und Schmitzung der Felle. Seine Aeste trügen Schoten; ein köstliches Hartzt als seine wahre Frucht / welches wie der Wein ausgepreßt würde / und gleichsam Würmern ähnlich wäre / aber den Blutfluß stillete / die Augen stärckte / und die Gicht von Grund aus heilete. Sein Stamm grünete unaufhörlich / und verdiente wegen seiner so vielfältigen Nutzbarkeit für allen den Vorzug. Egypten bezeugte über dieser Herfürzuckung eine augenscheinliche Ungedult / und sagte / dieser Arabische Hartzdorn wäre nichts anders als sein gemeiner Baum Acacia. Diesem aber wäre sein an dem Nil zehn Ellen hoch und dreyeckicht wachsender Papier-Baum / so weit als Gold dem Kupfer fürzuziehen. Denn von seinen Blumen machte man nicht nur den Menschen / sondern den Göttern und ihren Bildern Kräntze / aus seinen Wurtzeln zierliche Geschirre / aus dem Holtze Schiffe / aus der Rinde Segel / Teppichte / Kleider / Decken und Seide. Die Egyptischen Priester trügen aus keinem andern Zeuge / als von seinem Baste Schuh. Viel die in Einsamkeit den Geheimnüssen der Natur nachsiñeten / lebten auch von dem ausgesogenen Saffte dieser rohen oder gebratenen Staude. Der gröste Nutz aber wäre allererst bey Erbauung der Stadt Alexandria erfunden / nemlich: daß seine mit einer Nadel von sammen gezogene Blätter das beste Schreibe-Papier abgäben. Weil nun vorher die Häute der Esel / Kälber und Schaafe / hernach die Baum-Rinde und Palm-Blätter den Gelehrten zum Schreiben ziemlich ungeschickt; der Perser Pergament / die Leinwandten / worein die Schrifft gewebt / oder gemahlt werden müste; wie auch die bley- und ertztenen Taffeln zu kostbar / die überwächsten Bretter allzu unberüglich gewest wären; verdiente der so geschickte Papier-Baum: daß er alleine dem Apollo und den Musen gewiedmet / und für den König aller Pflantzen erkläret würde. Griechenlande ward durch die letzten Worte wegen seines dem Apollo geheiligten Lorbeer-Baums aus Hertz gegriffen. Daher fieng es an: Man machte aus der Mittel-Rinde der Maulbeer-Bäume und anderen Stauden eben so dienliches Schreibe-Papier. Alles aber wäre ein viel zu geringes Behaltnüs dessen / was durch Eingebung des Apollo die gelehrte Welt aus Licht brächte / sondern verdiente in Ertzt oder in etwas geetzt zu werden; welches wie sein Lorbeer-Baum unaufhörlich grünete. Westwegen nicht allein das Römische Volck am neuen Jahrs-Tage ihren Obrigkeiten Lorbeer-Zweige zureichte / und diese Bäume im anfange des Mertzens für die Häuser der Käyser und Hohenpriester sätzte / umb darmit eine immerblühende Herrschafft anzuwünschen; sondern es wäre dieser Baum der ewig-scheinenden[320] Sonne /oder des Apollo gröstes Heiligthum. Denn diesen Baum hätte er zuerst in Griechenland gepflantzet / er wäre hitzig und leichtbrennend / mit seinen zusammen geriebenen Aesten machte man unschwer Feuer /also wäre er seiner Eigenschafft. Er diente zur Reinigung / und daher wie er dem reinlichsten Gestirne so angenehm: daß er so wenig / als Adler und Meer-Kälber vom Blitze beschädigt würde; also der ihm übel bewuste Tiberius niemals sein Haupt der Lorbeer-Blätter beraubte. Diese hätten auch eine geheime Krafft der Wahrsagung über vergangene / gegenwärtige und künftige Dinge / welche durch die drey Wurtzeln des zu Delphis so hochverehrten Lorbeer-Baumes angedeutet würde. Ja diese unter das Haupt gelegten Blätter ließẽ einem auch nichts unwahres träumen. Apollo / als der Wahrsager-Gott / hätte darumb seine flüchtige und in dem väterlichen Flusse Peneus umbkommende Tochter in keinen andern / als einen Lorbeer-Baum verwandeln wollen / von welchem er etliche Zweige zu seinem ewigen / und seinen Priestern zu heiligen Kräntzen erkieset hätte / umb auch von dem was ihn geflohen gekrönet zu werden. Auf keinem Feyer müste ein Knabe einen Lorbeer-Baum herumb tragen / und sein hochheiliger Tempel zu Delphis wäre aus eitel Lorbeer-Bäumen des Tempischen Thales gebaut gewest. Der ihm geheiligte Fluß Eurota und Berg Parnassus würde fast von eitel Lorbeer-Bäumen überschattet / wovon die Sieger auf den Delphischen / die grossen Tichter / welche von den gekäuten Blättern vergeistert werden / solten auf den Olympischen und Istmischen Spielen / wie auch die Aertzte damit bekräntzet würden. Maßen denn Apollo der oberste Artzt diesen Baum mit der Kraft dem Gifte zu widerstehen / den Stein zu zermalmen / der Leber zu helffen / die Zaubereyen in Liebes- und Verstellungs-Dingen / wie auch den Mehlthau abzuwenden / und viel andern heilsamen Würckungen versehen hätte. Der Rabe befreyte sich nach Tödtung eines Chameleons damit seiner Vergiftung. Die krancken Hüner heileten sich dadurch aus; die Holtztauben und Rebhüner legten seine Blätter zu Vertreibung aller Kranckheiten in ihre Nester. Daher die Egyptier einen sich selbst heilenden Menschen mit einer ein Lorber-Blat im Schnabel habenden Aglaster abbildeten. Jedoch wären die Lorbeer-Bäume nicht alleine dem Apollo / sondern auch andern Göttern lieb. Bey Rom würden die Kaufleute aus dem Brunne des Mercur /wie auf den Begräbnüssen alle Umbstehenden / mit einem eingetauchten Lorber-Zweige gereinigt. Die vom Feindes-Blute befleckten Sieger reinigten sich durch Anzündung der Lorbeer-Blätter. Sein Holtz aber hielte man auch auf Altären insgemein zu ver brennen / noch vielmehr aber zu irrdischen Dingen für allzu heilig; welches im Feuer auch ärger / als kein andres knackte / und damit gleichsam seinen Unwillen verbrennt zu werden andeutete; wiewol auch dieses Knacken ein Glückssein stilles Verlodern aber ein Unglücks-Zeichen den Opferenden wäre. Daß Jupiter aber diesen Baum wehrt hielte / leuchtete genungsam daheraus: daß ein Adler einen Beeren-reichen Lorbeer-Zweig der Livia Drusilla in ihre Schoß fallen lassen. Woraus in weniger Zeit an der Tiber ein Lorbeerwald gewachsen / darinnen Käyser August zum ersten / hernach alle folgende Uberwinder zu ihren Siegs-Kräntzen und Zweigen Aeste abgebrochen hätten / umb sie auf dem Capitolium in Jupiters Schooß abzuliefern. Könige und Priester pflantzten sie für ihre Thüren und Fenster; Für des Augustus Pallaste stünde derer eine ziemliche Anzahl / und hienge daran ein Krantz / von einem Kornel-Baume; gleich als er niemals Feinde zu überwinden / und Bürger zu erhalten aufhörete. Die Bürgermeister umbhülleten damit ihre Beile / die Sieger ihre Adler und Schiffe / die Soldaten ihre Spisse; ja die einen Sieg berichtenden[321] Briefe. Ein Wahrsager muste mit einer brennenden Fackel und Lorber-Zweige für denen treffenden Heeren hergehen; ja auch die zu den Feinden geschickten Friedens-Boten reckten sie selbsten entgegen. Jedoch wären zu Rom und bey andern Völckern schon für alter Zeit diese Zweige Freudens- und Sieges-Zeichen gewest. Romulus hätte nach überwundenem Könige Acron / und Bacchus nach eingenommenem Indien /mit einem Lorber-Krantze sich geschmücket / ungeachtet dieser Baum mit dem Weinstocke keine geringe Feindschafft hegete / und sein guter Geruch so wol die Stärcke und den Geruch des Weines niederdrückete /als seine schattichten Aeste die Sonnen-Hitze zurück hielten. Diesemnach der weise Empedocles nicht ohne Ursache gewünscht: daß seine sich vom sterbenden Leibe absondernde Seele in einen Lorbeer-Baum wandern; ein Wahrsager-Geist aber den Junius Brutus das solche Bäume tragende Erdreich / nemlich Griechenland / zu küssen ermahnet / da er über die Tarquinier siegẽ wolte. Also gehörete keinem / als dem Siegenden Lorbeer-Sta e der Siegs-Krantz zu. Asien / welches mit wolrüchenden und gantze Landschaften überschattenden Myrthen prangte / brach ein; und führte für den Obsieg des Myrthen-Baums an: daß seine Zweige nicht jüngere Sieges-Zeichen / als die Lorbeer-Aeste wären. Posthumius Tubertus hätte nach überwundenen Sabinern / Papyrius Maßo nach bezwungenen Corsen im Siegs-Gepränge keinen Lorbeer / sondern einen Myrthen-Krantz zu tragen verlangt; ja diese wären aller ohne viel Blutstürtzung erlangter und also der edelsten Siege Merckmahle gewest. Bey den Griechen wären wolverdienter Leute Holtzstöße und Gräber mit Myrthen ausgeputzt / auf denen Gastmahlen die Sänger lieblicher Getichte damit gekräntzt gewest. Was wäre es aber nöthig für die Myrthen den Beyfall ihres Vorrechts von sterblichen Menschen herzuholen. Die Mutter aller Fruchtbarkeit / welche allen Gewächsen ihr Leben / allen Stauden ihren Safft / allen Bäumen ihre Tugenden einflöste / würde aus allen ihr selbst nicht den einigen Myrrthen-Baum zugeeignet haben / wenn sie ihn nicht für den köstlichsten gehalten hätte. Dahero schon der alte Pelops bey dem Flusse Hermus der Venus Bild aus einem Myrrthen-Stocke gefertigt / das älteste Rom unter dem Berge Aventinus der Myrrthenen Venus ein Altar gebaut hätte. Die jährlich im April dieser Liebes-Göttin opfernden Frauen müsten auch alle Myrrthen-Kräntze tragen. Sintemal dieser Baum gerne an denen ihr beliebten Meer-Ufern wüchse / einen ihr annehmlichen und den Myrrhen gleich kommenden Geruch hätte; fürnemlich aber dem Frauenzimmer in vielen Nöthen dienlich / in den meisten Weiber-Kranckheiten heilsam / und zu Erweckung der Liebe beförderlich wäre; also den Namen der Liebes- und Verehlichungs-Pflantze verdiente / unter denen sich auch noch die Geister der Verliebten in den Elysischen Feldern erlustigen solten. Diesemnach der Myrrthen-Baum auch mit dem Rosenstocke eine geheime Liebe hegte / und neben diesem viel fruchtbarer würde. Kein geringeres Wolgefallen müste Minerva an diesem Baume haben / als in welchen sie die in den Griechischen Spielen so oft siegende und aus Neid ermordete Myr sine verwandelt hätte. Uberdis besäße der Lorbeer-Baum keine mehrere Kraft zu weissagen / als die Myrrthen / derer einer bey dem Heiligthume des Romulus viel lange Zeit das Wachsthum und Aufnehmen des Adels / der andere des Pövels / wunderwürdig angedeutet hätte. Seine Beeren dienten nicht nur allem Geflügel zu der allerbesten Mästung; den Wachteln / wenn sie von der Niesewurtz erkrancket / zur Genesung / und den Droßeln /daß sie mit denen ins Nest getragenen Myrrthen-Blättern die giftigen Thiere damit abhielten / sondern auch seine Blumen dem Menschen zum guten Geruche[322] ihres Mundes / die Blätter / die Beeren / sein Saft /sein ausgeprester Wein / und seine der Rinden anwachsende After-Geburt gäben dem Magen / wider die Verletzungen giftiger Thiere / und in unzehlbaren Kranckheiten heilsamste Artzneyen ab. Panonien konte Asien länger nicht zuhören / und fieng an: Seine Lobsprüche würden dem unfruchtbaren / und weder die Kälte noch Sonnenhitze wolvertragenden Myrrthen-Baume so wenig den Vorzug unter den Bäumen / als die Schmincke einem runtzlichten Antlitze die Jugend zu wege bringen. Er möchte sich nur unter anderer herrlicher Bäume Schatten verkriechen /weil er ohne dis zum ersten auf des Elpenors Grabe wäre wachsend gefunden wordẽ / und der Hi el ihn nicht würdig schätzte: daß er / ungeachtet der sorgfältigsten Pflegung auf dem Himmel so nahverwandten Berge Olympus / oder in dem fruchtbaren Pontus wüchse. Wenn aber einem Beeren-tragenden Baume der Sieges-Krantz gehörete / käme er keinem / als seinem Wacholder-Baume zu / der nirgends grösser / als in seinem Illyricum / und nirgends gemeiner / als in seinem benachbarten Deutschlande wüchse. Dieser wüchse seiner himmlischen Eigenschaft nach / nirgends lieber / als auf Gebürgen; weder Hitze noch Kälte versengete seine niemals abfallenden Blätter; die Würmer trauten sich so wenig an sein Holtz / als an frische Cedern ihren Zahn anzusetzen. Seine Frucht wäre seine Blüte; und so hätte er niemals nichts unvollko enes; zu jederzeit aber zugleich reiffe und reifwerdende Beeren auf sich. Diese wären eine Artzney über alle Artzneyen. Sie wärmeten den Magen besser und gesünder / als der Indianische Pfeffer; sie zermalmeten den Stein leichter / als die güldene Ruthe; sie hülffen dem Husten gewisser / als Süsseholtz ab / ihre Glut vertriebe die Pest / und Schlangen eher als Schlangen-wurtz; Sie sind eine Stärckung der Brust / eine Lüftung der Brust / eine Salbe der Augen. Ihre Asche hilfft der Wassersucht ab; ihr Saltz verhindert die Fäulnüs / ihr Oel wäre ein Balsam der Eingeweide / und also der Wacholder-Stamm / mit einem Worte / ein rechter Lebens-Baum / und ein allgemeiner Heylbrunn der Deutschen und Pannonier. Armenien rümpfte hierüber den Mund / und fieng an: Es wunderte sie / daß die kalten Nordländer / wo die Natur selbst in Gefahr zu erfrieren stünde / von der Köstligkeit ihrer Bäume / und Pannonien von der geringen Wacholder-Staude so viel Wesens machte. Da doch sein Schatten nicht nur schädlich / sondern seine Wurtzeln gar giftig wären / seine Beeren erst im dritten Jahre reif würden / und er oft mit eigenen Thränen seinen Unwehrt beweinte. Sein hartzichter Pistazen-Baum hätte alle Tugenden des Terebinthus / welcher als ein Riese die Wacholder-Staude als einen verächtlichen Zwerg mit hohen Augen übersähe. Die Wacholdern streuten an statt der Blüten nur einen gelben Staub in die Luft / seine Blüthen aber prangten mit Purpur-Blumen. Seine Nüsse wären von Süßigkeit /Oel / gutem Geruche und Artzney-Kraft trächtig. Denn wie sie dem Munde nach bester Würtze schmeckten; also reinigten sie die Lunge / erleichterten die Brust / erfreuten das Hertze / beförderten die Liebe / stärckten die Nieren / insonderheit wären sie gleichsam ein Lebens-Balsam der Leber. Scythien runtzelte hierüber die Stirne; daß sie denen Kastanien-Blättern ähnlich ward / und setzte Armenien entgegen: Sein an Größe / an Härte des Holtzes den Eichen gleicher / sonst aber viel köstlicher Kästen-Baum wäre unter allen Speise-tragenden Bäumen der nützlichste. Der Pistazen-Baum trüge ja wol / aber kleine /und den geringen Buchen-Nüssen nicht sehr überlegene / also leicht entpehrliche Früchte. Sein Kastanien-Baum aber wäre auskommlich gantze Länder zu speisen. Seine Kästen dienten so wol zu Brodte;[323] daß man des Weitzens darbey entpehren könte. Dahero sie auch Jupiters Eicheln / des Bacchus und der Venus Zugemüse genennt zu werden die Ehre hätten. Ihr Kern hätte in sich ein annehmliches Honig / und nebst dem Häutlein eine Kraft wider Gift; ihre Schaale gäbe ein herrlich Wund-Pflaster ab. Die Natur hätte für sie sonderbare Sorgfalt; in dem alle Räuber an ihrem Stamme von sich selbst verdorreten; und ihre Nüsse wären / so lange sie nicht völlig reif / mit den schärfften Stacheln gewaffnet; wormit durch Verspeisung ihrer unreiffen Frucht niemanden geschadet würde. Hispanien lächelte / und fieng an: Weil die Kästen zwar dem menschlichen Haupte beschwerlich / dem Magen unverdäulich / jedoch denen engbrüstigen und keuchenden Pferden gesund sind / begehre ich / als eine Mutter guter Pferde / die Kastanien-Bäume zwar von meinen schattichten Hügeln nicht auszurotten; aber diesen sind meine in der Welt unentpehrlichen Mandel-Bäume weit fürzuziehen /welche man als viel köstlicher auf die Kastanien- Stöcke zu pfropfen pflegt. Denn diese tragen mehr Mandeln als Blätter; und wider aller andern Pflantzen Art / werden sie je älter / je fruchtbarer. Daher sie die Natur gleichsam mit allem Fleiße zeitlicher / als andere Bäume veraltern läßt. Die Mandeln geben die reineste Nahrung ab / und ohne ihre Hülffe können wenig niedliche Speisen bereitet werden. Der Himmel hat eines ihrer Geschlechte mit einer annehmlichen Süssigkeit / das andere mit einer reitzenden Bitterkeit begabt / umb diese so heilsame Frucht jedwedem Gaumen beliebt zu machen. Das Hartzt / welches diese Bäume weinen / hat in Artzneyen eine fürtrefliche Krafft / an sich zu ziehen / wie das Mandel-Oel alles zu lindern und zu heilen; ihre Milch aber zu kühlen / und auf allen Fall bey den Kindern den Abgang der mütterlichen Nahrung zu vertreten. Italien begegnete Hispanien: Ich begehre denen nährenden Mandeln ihren Preiß nicht zu entziehen / weil mein Feigen-Baum zu ihnen eine so gute Neigung hat / als zur Raute und Meer-Zwiebeln; in derer Nachbarschafft er auch so viel freudiger wächst. Alleine jene werden diesem sonder Zweifel so willig das Vorrecht enträumen / als es ihm das Recht der Natur zugeeignet hat. Denn daß die Feigen die edelste Baum-Frucht sey / geben auch die mißgünstigen Länder nach / bey welchen keine wachsen; wenn sie solche so ferne holen lassen / und nach ihrem Zucker alle Finger lecken. Amitrochates / der König in Indien / ließ den König Antiochus durch eine Gesandschaft nicht weniger umb süsse Feigen / als einen Weltweisen ansprechen. Als Xerxes die Attischen Feigen das erstemal schmeckte / thät er ein Gelübde keine mehr zu essen /bis er das eine solche unschätzbare Frucht tragende Land unter sein Gebiete gebracht hatte. War also eine Feige so wol die wahre Ursache des grossen Persischen Krieges wider Griechenland; Als die Bojen durch wenig Feigen und Weintrauben / die ein helvetischer Schmidt über die Alpen getragen hatte / in meine Rebenund Feigen-reiche Gegenden gelockt wurden. Denn diese zwey sind sicher die Fürsten der Gewächse; ein Auszug der köstlichsten und so wol dem greifen Alter als der zarten Jugend wolbekommenden Nahrung; in denen und nichts anderm der Götter Nectar und Ambrosin bestehet. In den Feigen stecket alleine die unverfälschte Süßigkeit / ein Schatz der Gesundheit / ein Labsal des Leibes / ein Honig des Lebens. Dahero nach dem die Aeste der Feigen-Bäume voller Milch stecken / von denen damit gesegneten Ländern nicht unbillich gerühmet wird: daß daselbst Milch und Honig flüsse. Die Griechen verehrten deßwegen gar billich den Ort an dem Flusse Cephissus / wo der erste Feigen-Baum gewachsen seyn solte / für ein[324] Heiligthum; den Phytalus aber mit Lob-Liedern / welcher von der Göttin Ceres den er sten Feigen-Baum zur Belohnung seiner guten Bewirthung bekommen haben solte. Wiewol andere dieser göttlichen Pflantze einen noch edlern Ursprung zueigneten / nemlich: daß die von dem süssen Bacchus geliebte Syca bey ihrer Umbarmung; andere / daß einer von den flüchtigen Titanen Sycaus in einẽ Feigenbaum wäre verwandelt worden. Wegen des ersten krönen nicht nur die Cyrener und Griechen die Bilder des Bacchus / als den Erfinder des Ackerbaues und der Feigen / mit Feigen / oder Feigen-Blättern / und geben ihm den Zunahmen Sycites; sondern im Anfange der Weinlese überschmieren sie auch sein Bild mit saftigen Feigen. Auf dem Eylande Naxes war das Antlitz des Wein-Gottes selbst aus Feigen-Holtze gemacht; und im Feyer des Bacchus wird ein aus Feigen-Holtze gemachtes Bild der thätigen Zeugungs-Kraft offentlich zur Schaue getragen. Und zwar dis nicht ohne erhebliche Ursache; weil die Feigen nicht nur eine kräftige / sondern die süsseste Speise den Menschen / ihre Blätter den Seiden-Würmern abgeben / ja vom Feuer der Feigen-Bäume das Fleisch geschwinder und mirber kochet / und daher die Alten alle die / welche nicht Feigen zu essen hätten / für die unglückseeligsten Leute hielten; Hingegen die Athenienser ihrer Bräutigamer Häupter mit Feigen / als einem Sinne Bilde der grösten Vergnügung /kräntzten / und / umb derselben Abgang zu verhüten /die Verführung ihrer Feigen bey schwerer Straffe verboten. Sintemal nicht nur die Ringer auf den Olympischen Spielen meistentheils nur von Feigen / als einer zur Stärckung der Glieder sonderlich dienenden Speise / lebten / darumb auch die Griechen ihre Belohnungs-Kräntze der Arbeiter aus Feigen und Rosen zusammen flochten; Die Spartaner auf ihren Gastmahlen jedem Gaste noch so viel Feigen als andere Gerichte fürsätzten; die Carier nicht nur alle ihre Speisen mit Feigen anmachten; sondern weil sie dem Giffte widerstehen und daher vom Mithridates zu seiner berühmten Artzney genommen worden / den Zähnen / der Gurgel / der Brust / den Nieren und vielen andern Gliedern sehr gesund sind / sind sie auch fast die einige Speise des Zeno / Anchimolus / Moscus / Democritus und anderer Weltweisen gewest. Ja als der geschlagene Artexerxes des jüngern Cyrus Bruder auf seiner Flucht nebst einem Gersten-Brodte nur ein paar Feigen zu essen bekam / beklagte er sich: daß die Persischen Wollüster ihm dieses alle niedliche Speisen wegstechendes Gerichte so lange vorenthalten hätten. Oder vielleicht hielten die Persen die Feigen für eine irrdische Speise zu gut. Sintemal ihre Könige / wenn sie sich bey der Stadt Pasargada einweyhen liessen /nur Feigen / als eine den Göttern annehmlichste Kost / wie die Egyptier auf ihrem Feyer des Mercur nur Feigen und Honig / als Bilder süsser Beredsamkeit speiseten. Ja den erzürnten Göttern selbst werden bey Versöhnungen der Städte / und für Abwendung giftiger Seuchen / annehmliche Feigen; und in den Hunds-Tagen an dem der Philotis zu Ehren gehaltene Mägde-Feyer der Juno Milch der wilden Feigen-Bäume geopfert. Saturnus träget an dem Feyer der Venus einen Feigen-Krantz zum Friedens-Zeich n / und an seinem Tage gibt man mit Feigen das Anfangs-Zeichen zu Sa lung des Honigs. An dem Thargelischen Feste hingen die Griechen dem Menschen / welcher dem Apollo und Dianen geopfert werden solte / Feigen an / und schlügen das Opfer-Fleisch mit wildem Feigen-Holtze. Die Egyptier aber kräntzten mit Feigen-Laub an dem Feyer des Serapis und der Isis alle / welche darbey Körbe oder Wasser-Krüge[325] tragen. Nichts weniger ist der Kriegs-Gott ein Freund der Feigen-Bäume; weil ihr Holtz zu Schilden / der Rauch davon zu Erstechung der Missethäter / ihre Frucht zu Siegs-Geschencken so dienlich ist; oder vielleicht weil Cato mit Vorzeigung einer frischen aus Africa in drey Tagen nach Rom gebrachten Feige den dritten Punischen Krieg angezündet / aller widriger Rathsherren Beredsamkeit darmit überstimmet / und das mächtige Carthago eingeäschert hat. Ja zu Rom wird der wunderwürdige Feigenbaum / welcher die unter ihm als Kinder liegenden Romulus und Remus gespeiset haben solte / und zeither den Römern für einen Wahrsager gedienet / gleichsam göttlich verehret. Welche Wahrsagungs-Krafft auch König Philipp an Feigenbäumen wahrgenommen / als derer zweyfache Fruchtbarkeit ihm die Vergrösserung seines Reiches angekündiget; zu geschweigen: daß der Feigenbaum nichts weniger / als der Lorberbaum dem Donner widerstehet / und daher so wohl zum Schutz als zum Nutz an die Häuser gepflantzt wird / und die an einen Feigenbaum gebundenen wilden Ochsen zahm werden. Diesemnach auch am neuen Jahres-Tage die Obrigkeiten zu Rom nachdencklich mit der Frucht dieses glückseligen Baumes beschencket werden. Wegen so vieler Fürtreffligkeiten des Feigenbaums / hat sonder Zweifel die gütige Natur ihn für fast allen andern Bäumen mit / ungemeiner Fruchtbarkeit begabt / indem sie ihn mit allem Fleisse niemals blühen läßt; wormit alle seine Kräffte der Frucht vorbehalten bleiben. Keine Frucht eilet so sehr zu ihrer Reiffung als die Feigen; ja die Nächte tragen nicht ohne Wunderwerck hierzu mehr / als die heissesten Tage bey. Uber diß schadet die unaufhörliche Fruchtbarkeit das wenigste nicht dem Stamme / wie andern sich übertragenden Obstbäumẽ; ja weil die Fruchtbarkeit mit einem Alter zuni t / läßt ihn die Natur gleichsam mit Fleiß geschwinde alt werden. Denen wilden Feigenbäumen zum besten aber zeuget diese weise Mutter eine grosse Menge anklebender Würmlein / die ihnen durch stete Bisse den rothen Safft aussaugen / durch die zehe Haut den Sonnen-Strahlen die Thüre eröffnen /und also dieses Ungeziefer wie die nachahmende Mißgunst der Tugend einen Werckzeug ihrer sonst nachbleibenden Reiffwerdung abgiebt. Scythien brach ein: Der niedrige und weiche Feigenbaum möchte sich mit seiner letschichten Frucht nur verkriechen / welche durch seine nach der Mittags-Mahlzeit genossene Feuchtigkeit leicht Feber gebähre / den weisen Anchimolus und Moscus aber so stinckend gemacht hätte /daß sie niemand bey sich hätte im Bade leiden wollen. Sein Safft wäre ja süsse; aber nur ein Schaum von der Bitterkeit seiner in Aesten steckenden Milch; also der Feigenbaum ein rechtes Ebenbild der vorwerts annehmlichen inwendig aber verbitterten Heucheley. Westwegen vermuthlich die Natur diese Frucht / nicht wie andere ins gemein / unter / sondern über den Blättern wachsen liesse / umb sie der Beschädigung des Ungewitters so vielmehr zu unterwerffen. Seine schattichten Blätter bildeten die Traurigkeit seines eigenen Stammes ab / welcher von keiner Blüthe etwas wüste / welche doch aller Pflantzen Freude wäre. Dahero die Egyptier nicht nur das Feigen-Holtz meist nur zu ihren Särchen und Todten-Kisten verbrauchten / sondern man pflegte auch mit einem Zweige von wilden Feigenbäumen / die doch zu der andern Fruchtbarkeit beförderlich sind / die Verstorbenen zu verfluchen. Diesemnach denn die Feigen nur billich eine Speise der aus denen umb ihn stets sehr beschäfftigten Ameisen dem Eacus zu Liebe entsprossener Myrmidoner /nicht aber derselben Menschen seyn solte / welche Titan aus edlerm Thone gebildet hätte. Sein Birnbaum hingegen verdiente[326] den Nahmen des besten Obst-Baumes / welcher nirgends / als bey der Meer-Enge seines Meotischen Meeres vollkommener würde. Sein Holtz käme an Härte und Glätte dem Ebenholtze am nechsten / weil es seine durchgehenden Aeste nicht knörnricht machte. Seine Blüthe wäre die annehmlichste Nahrung der Bienen / die Bienen aber der Menschen / derer Arten sich nicht zehlen liessen / oft auch auf einem einigen Stamme umb eines jeden Geschmack zu vergnügen. Denn in seinen Stock liesse sich fast alles pfropfen; dahero er ein Proteus unter den Bäumen genennet würde. Wie nun seine Fruchtbarkeit mit den Jahren wächst; also ist kein Baum /wie der Birnbaum so begierig aus seinen Wurtzeln Kinder zu zeugen. Diesemnach seine Frucht auskommentlich wäre gantze Völcker zu unterhalten; wie denn die Argäer und Tirynthier nichts als Bienen ässen. Welches so viel leichter sich thun liesse / weil man aus selbtem so wohl Wein als Essig machen könte. Weil diese nun wegen ihrer zusammen ziehenden Krafft dem Magen gesund wären / ihre Hartz-Gestalt auch andeutete: daß sie allerhand Zufällen des Hertzens dienten; dem Gifte widerstünden / theils wie Zucker im Munde zerflüssen / theils am Geruche den Musch beschämten / würden sie bey den Griechen auf den kostbarsten Gast-Mahlen in Wasser aufgesetzt. Gallien versetzte: Es hätte zwar an köstlichen Bienen einen solchen Uberfluß / als kein ander Land. Aber der Birnbaum wäre mit seinen meist steinichten Früchten zu wenig den Preiß unter den Obst-Bäumen zu erstreiten. Vielmehr gehörte dieses Vor-Recht seinen Apfel-Bäumen / derer Früchten die Natur die Vollkommenheit durch ihre Rundte / wormit sie die Sonne und die Welt abbildeten / fürgestellet. Nach ihnen wären im Menschen die Augen und die Brüste gebildet. Daher die Göttin der Liebe und Schönheit ihr einen Apfel zum Heiligthum erkieset / Canachus bey den Sicyoniern der Venus herrliches Bild in der einen Hand mit einem Mohn-Haupte / in der andern mit einem Apfel ausgeetzet; Eris einen Apfel zum Preise der Schönheit erkieset; und Paris die siegende Liebes-Göttin damit begabet hätte; vielleicht weil an den Aepfeln die zwey abwechselnden Farben der Liebhaber / nemlich Röthe und Blässe zu sehen ist. Hippomenes hätte durch die Schönheit der Aepfel die Atalanta im Wettelauffen überwundẽ / und sie hierdurch eben so wol als Acontius Lydippen zur Liebe beweget. Wegẽ dieser Eigenschafft suchten die Persen vielleicht niemals ihre Buhlschafft heim / wenn sie nicht vorher einen Apfel verzehrt hätten / und am Hochzeit-Tage ässen ihre Bräutigame nichts anders als Aepfel. Jedoch gäbe an ihnen der Geschmack so wenig den besten Früchten und denen Arabischen Würtzen / als ihre Gestalt den Rosen nach. Westwegen sie die Römer nicht nur iedesmal zu der andern Speisen Tracht gebrauchten / sondern die alten Archiver hätten für Zeiten / wie ietzt die Völcker umb Meroe / von nichts anderm / als Aepfeln gelebet. Zu geschweigen: daß in Gallien und Sarmatien unterschiedene Völcker bey dem köstlichen Aepfel-Trancke alles Weines gerne vergässen. Zumal da von ihnen auch kräfftige Gehirn- und Hertz-Stärckungen /wie auch Artzneyen wider die Pest / Geschwüre und Blindheit bereitet würden. Epicurus hätte daher nicht nur aus täglicher Speisung der Aepfel grosse Wollust geschöpft / sondern / wie wenig er auch sonst von der Göttlichen Versehung gehalten / bekennet: daß der Himmel dem Menschen durch selbte ein grosses Gut zugeeigt hätte. Aepfel wären nichts minder der nackten Weltweisen in Indien köstlichste und die Weltweißheit stärckende Gerichte. Ja die Götter hätten fast durchgehends an dieser Frucht ein sonderbar Belieben. Die dritte der Chariten[327] trüge einen Krantz von Aepfeln und Weintrauben; Apollo hätte von Aepfeln den Zunahmen Meliates überkommen / und für Verwandelung der Daphne einen Aepfel-Krantz getragen; westwegen auch bey seinem Tempel eitel Aepfel zu Bekräntzung der Sieger auf den Pythischen Spielen abgebrochen würden. Bacchus trüge sie auch in seinem Krantze / die Böotier brächte sie als das allerangenehmste Opfer ihrem Hercules; und Lucullus solte seinen Reichthum von den fruchtbaren Einkünften der Aepfel gesa let haben / weil er den zehenden davon iedesmal dem Hercules gewiedmet. Gleicher gestalt opferten die Patrenser an ihrem Laphirischen Feyer /und alle Griechen der Mycaleßischen Ceres nur Aepfel / welche auf der letztern Altare ein gantzes Jahr so unversehrt / als wenn sie erst vom Baume gebrochen /liegen blieben. Nach der Marathonischen Schlacht hatte Phidias dem Bilde seiner fiegenden Nemesis einen Apfel-Zweig an statt der Palmen in die Hand gemacht; und auf die Harnische der Persischen Leibwache wären vermuthlich aus einerley Ursache Aepfel gemahlt gewest. Diesemnach auch das Alterthum die Köstligkeit der Alcinoischen Gärte auf Corcyra von nichts mehr / als von Bäumen zu rühmen gewußt /welche des Jahres zweymal Aepfel getragen; hingegen wäre für den mörderischen Tantalus keine ärgere Straffe / als das lüsterne Verlangen nach denen für seinen Lippen allzeit flüchtigen Aepfeln auszusinnen gewest. Die Obst-Göttin hätte keine andere Frucht /als nur die Aepfel gewürdigt von ihnen den Nahmen anzunehmen; ja die Natur wäre den Aepfeln so geneigt: daß ihnen auch sonst schädliche Dinge dienlich seyn müsten / indem das von Wolffs-Milch gekochte und an des Apfel-Baums Wurtzel gegossene Wasser sie fruchtbar / Würmer aber die Aepfel weicher /wohlschmeckender und wohlrüchend machten. Persien lächelte / und fing an: Es wäre wahr / den Aepfeln gehörte der Preiß; aber keinen andern denn den Persischen / nemlich denen in dem Munde in eitel Safft zerfliessenden Pfirschken; welche die Durstigen nicht weniger tränckten / als die Hungrigen speiseten. Diese wären die annehmlichen Aepfel der Liebes-Göttin /wie die Rosen ihre Blumen / mit welchen die Pfirschken einerley Geruch und eine solche Verwandschafft hätten: daß sie von denen nahe zu den Pfirschken-Bäumen gepflantzten Rosen / ein Rosen-rothes Fleisch bekämen. Unter allen Aepfeln wären diese die gesündesten und schmackhaftesten; sie kühlten den entzündeten Magen; sie feuchteten an die Lungen; die den Purper beschämende Blüthe reinigte den Leib; vertriebe die Wassersucht; ihr Hartz diente wider Hust und Stein / der Kern wider Verstopfung des Miltzes und der Leber; und wäre ein kräfftiges Gegen-Gifft; also eine Verläumbdung: daß die Pfirschken in Persien giftig / und umb die Egyptier zu tödten dahin wären fortgepflantzet worden. Die Blätter tödteten die Würmer / und wären wegen ihrer Zungen-Gestalt von den Egyptiern ihrẽ Gotte des Stillschweigens Harpocrates gewiedmet. Von den Schalẽ der Kerne machte man die schwärzeste Farbe und Tinte; und wäre zu Rom eine Pfirschke anfangs ihrer Köstligkeit halber umb 300. Groschen gekaufft worden. Armenien schüttelte hierüber den Kopf / und sagte: So fern die Pfirschken Aepfeln und anderm Obste fürgiengen; so ferne überträffen seine Morellen die Pfirschken. Die Natur hätte sie destwegen für diesen zugleich mit Purpur und Golde bemahlet. Die Sonne machte sie so viel zeitlicher reiff / und pflantzte ihnen eben die Tugenden der Pfirschken ein. Sie wären aber viel gesünder und annehmlicher dem Magen / darinnen jene mehrmals versauerten oder faulten. Hispanien brach ein: Morellen und Pfirschken wären ihrer Ungesundheit[328] halber rathsamer aus Gärten zu tilgen / als in selbe zu pflantzen / und ihren eben so saftigen / aber viel gesündern Kirschen nicht zu vergleichen. Lucullus hätte nach überwundenem Tigranes die ersten mit grosser Sorgfalt von der Stadt Corasus im Pontus nach Rom gebracht; aber diese reichten den Spanischen nicht das Wasser; welche gar keine Hülsen hätten / sondern nichts als Safft und erquickendes Wesen waren. Ja es schiene: daß die Erde ihr Blut in keine Frucht reichlicher leitete / als in die voller Purpur-Farbe stockende Kirschẽ. Daher auch die Weinreben den Kirsch-Bäumen eingepfropft werden könten / der Wein sich mit dem Kirsch-Safte annehmlich verschwisterte / und von Kirschen das beste Blut gezeuget würde. Kein ander Obst stärckte so sehr die Leber; daher auch den Sperlingen zur Zeit /wenn sie reiff wären / die Lebern noch einmal so groß wüchsen. Sie leschten den Durst / schlüssen nach der Mahlzeit den Magen / verzehrten den gallichten Schleim / gäben dem Munde einen annehmlichen Geruch / machten Begierde zum Essen. Das von ihnen gebrennte Wasser stärckte das Hertze / hülffe der hinfallenden- und der Wasser-Sucht / stopfte den Durchlauff / vertriebe den Saad / das Oel der Kirsch-Kerne die Sprenckeln und die Gicht. Das Hartzt der Kirschbäume stärckte die Spann-Adern und zermalmte den Stein. Pannonien begegnete Hispanien und meldete: Es hätte zwar so gute Kirschen / als Hispanien / oder das hiervon eben so sehr berühmte Scythien, aber diese wären fast mehr der Vortrab des Obstes / als desselben Kern. Daher auch selbte meistens Früchte des unzeitigen Frühlings / und nur ein kleiner Vorschmack der so saftigen aber viel grössern Pflaumen wären; derer etliche Arthen in Pannonien die Grösse der Hüner-Eyer erlangten. Damascus / Armenien /Iberien und die fruchtbarsten Länder kämpften mit ihren Pflaumen umb den Vorzug; wiewohl Italien für des Cato Zeit nichts von ihnen gewüßt hätte; aber Pannonische wären allen an Grösse / Geruch / Geschmack und Menge überlegen; wo man ins gemein auf den Pflaumbäumen mehr Früchte / als Blätter zehlte. Ihre unterschiedene Arthen wären eben so wohl zu unterschiedenen Artzneyen dienlich / ja die Armenier vermählten mit diesen Bäumen den Safft und die Würckung der reinigenden Kräuter. Ihr Hartzt hülffe dem Steine ab; und der veralterten Stämme Holtz schätzten die Drechsler dem Indianischen gleich; und die Griechen diese Frucht so werth: daß sie Uberwinder im Kämpfen damit kräntzetẽ. Mauritanien streckte hierüber seinen braunen Hals herfür /und fieng an: Die Pflaumen dienten zwar auch ihrem Durste / und gleichten etlicher massen seiner Farbe. Aber es wäre der Pflaumbaum mit seinen Früchten gegen seinem Schatten-reichen Tamarinden-Baume nur ein Schatten; dessen Blätter zum Zeichen seiner mit der Sonnen habenden Verwandschafft sich iederzeit dem grossen Auge der Welt / wie die Sonnenwende zukehrten / mit dem untergehenden sich zusammen schlüssen / mit dem aufgehenden sich wieder öffneten. Seine schneeweisse Blühte wäre der Pomerantzen-Blühte gleich / seine schwartzen Mohren-Früchte hielte die Natur so werth: daß sie solche nicht alleine wie die Erbsen in Schalen verwahret hätte; sondern womit der Nacht-Frost den zarten Tamarinden nicht schadete / hülleten so denn die sich zusammen schlüssenden Schalen die Frucht wie Windeln die Kinder ein. In ihr wäre der Honigseim mit der annehmlichstẽ Schärffe vermählet; die heissen Länder hätten keine gesündere Durstleschung. Denn die Tamarinden benehmen den Feuchtigkeiten die Schärffe / dem Geblüte die übrige Hitze. Sie kühlten die Leber / reinigten die Galle / vertrieben die scharffen und faulen Feber. Assyrien wunderte sich: daß Africa mit einem von ihm und Indien[329] geborgten Baume den Vorzug zu behaupten vermeynte / welchen die gantze Welt seinem Palm- oder Dattel-Baume zuerkennete / und in dem sich die Natur als an ihrem mühsamsten Meister-Stücke erlustigte. Alle andere Stämme wären viel zu geringe / daß er darauf wüchse; und ein einiger Dattel-Kern zu wenig. Daher ihrer wol drey hundert zusammen in die Erde gelegt werden müsten / wormit aus aller sich zusammen flechtenden Bäumen ein so edler Baum entsprisse / gleich als müste er viel Ahnen zu seinem Geschlechte haben. Er wüchse nur in saltzichtem Erdreiche / und dörffte doch vieler Begiessung / weil in den Datteln das rechte Saltz der Erde und die Süssigkeit des Wassers vereinbart wäre. Kein Palm-Baum wüchse irgendswo von sich selbst / wo andere Bäume wüchsen / gleich als wenn ihm wie dem nur an unfruchtbaren Orten wachsenden Golde /die Gemeinschafft anderer Stauden nicht anständig wäre. Er wäre nirgends fruchtbarer / als wo es niemals regnete / entweder weil er mit keiner euserlichen Fruchtbarkeit wolte betheilet seyn; oder weil er mit den Sonnen-Strahlen sich unzertrennlich zu begatten lüstern wäre. Diesemnach denn die in Griechenland und Italien mit grosser Müh fortgepflantzte Palm-Bäume keine / in Cypern nur unreiffe / in Egyptẽ und Africa kleine und nicht tauernde / im Jüdischen Lande etwas bessere / beym dürstigen Babylon aber die besten Datteln trügen. Der Palmbaum wäre ein solcher Freund der Reinligkeit: daß er für dem Tinger von Vieh die gröste Abscheu trüge / das Weinlager aber gerne annehme. Diesemnach er denn auch mehr Nahrung aus der Lufft / als aus der Erde an sich züge /und die Verletzung seines Hauptes / in welchem sein Gehirne oder Kern vereinbart läge / gefährlicher / als die Verwundung seiner Wurtzeln / sein Sta auch oben stärcker als unten wäre. Die Weisen wüsten zwar viel vom männ- und weiblichen Geschlechte /von verwechselter Buhlschafft / und Vermischung der Pflantzen zu sagen; aber ohne des Palmbaums Zeugnüß / bey welchem alles diß Sonnenklar herfür leuchtete / würde ihre Lehre sehr zweifelhafft bleiben. Denn des männ- und weiblichen Palmbaums schilffichten Zweige umbarmten und küsseten einander augenscheinlich / und mühten sich einander in der Ferne zu erreichen. Die allzu weit entfernten aber vereinbarten die Ackers-Leute mit einem Seile; oder bekräntzten des weiblichen Palmbaums Haupt / aus dessen Marck oder Kerne alle Früchte entspriessen / mit denen weissen Blühten oder der Salbe des männlichen; worvon jener nicht nur seine Zweige empor streckte / sondern auch so viel mehr Datteln trüge. Sintemal der nur Blühte-tragende Mann sein nur Frucht-tragendes Weib mit einem staubichten Saamen überschüttet / und selbtes wie der wilde Feigen-Baum die zahmen / etliche Fische die Fisch-Eyer mit Befeuchtung ihres Saamens fruchtbar macht; wiewohl auch die gar zu weit entfernten von ihres Mannes blossem Anblicke etlicher massen geschwängert / alle verwittibte aber / nach Abhauung des männlichen Palmbaums unfruchtbar würden. Gleichwohl aber brächte der Palmbaum erst nach einem hohen Alter seine purpurfarbichten Früchte. Denn köstliche Sachen brauchen Zeit zu ihrer Vollkommenheit; ja die Datteln selbst wüchsen drey Jahr / und ihr Fleisch würde nicht für einem Jahre reiff. Hingegen taurete der Palmbaum auch etliche hundert Jahre / weil seinem dichten Stamme weder Ungewitter / noch Fäule /noch Würmer etwas anhätten / seine ohne Aeste grünenden Zweige auch niemals verdorrten. Ja zu Delos solle noch ein Palmbaum stehen / der so alt als Apollo wäre.[330] Diesemnach die Egyptier ihre Götzen nicht mehr aus Pantoffel- sondern aus Palmen-Holtze schnitzten. Seine bitter-süssen von den Zweigen wie Hirse / von den Eeren oder Kolben hangenden Früchte wären eine höchst annehmliche / und dem Magen dienende Speise / und daher nicht nur ein tägliches Gerichte des Käysers August; sondern sie würden auch zu Rom an dem Feyer des Saturnus von guten Freunden einander zu beschencken geschickt. Aus den Datteln machten die Assyrier Brodt / presten daraus einen guten Wein / der nicht alleine den Durst leschte / sondern auch die Krafft hätte truncken zu machen /und die Leichen für der Verwesung zu erhalten / welche die Egyptier damit wüschen. Das Marck des Baumes wäre nichts minder ein gutes Gerichte. Die drey oder viel Ellen langen Zweige / welche sich umb des Baumes Haupt in einen Kreiß ausbreiteten / dienten zu festen Seilen / zu geflochtenen Schuhen / Hüten und Sonnen-Schirmen. Ja die Palmen-Zweige wären die ersten Schreibe-Federn und der Musen ältester Krantz gewest. Aus der Palmbäume Oel und Asche machte man die schönste Seiffe / und ihr Holtz gäbe die beständigsten Balcken ab / weil selbte keiner Last nachgäben / sondern ihr entgegen drückten. Aus welcher Ursache alle grossen Uberwinder mit Palmen-Zweigen prangten / seit dem Theseus nach überwundenem Minotaurus / die Sieger auff seinen dem Apollo zu Ehren angestellten Spielen mit Palm-Zweigen bekräntzt hätte. Ja die Palmen wären nicht nur Zeichen / sondern Wahrsager der Siege. Sintemal ein junger Palmzweig / welcher in wenig Tagen seine Mutter überwachsen / dem Käyser Julius den Sieg bey Munda in Hispanien / und ein auff der Wallstadt / wo Julius des Pompejus Söhne überwunden / wie auch ein zu Rom für seinem Hause gewachsener Palmbaum dem August seine Siege angedeutet / dieser auch seine Uberwindung Egyptens gar nachdencklich auf vielen Müntzen mit einem an einen Palmbaum gebundenen Krocodil bezeichnet hätte. Zu geschweigen: daß in den heiligen Geheimnüssen der Götter die Palm-Zweige nicht weniger / als die von Oel-Bäumen gebraucht würden; und die Persier in einem tieffnnigen Getichte so viel Tugenden des Palmbaumes / als Tage im Jahre zu zehlen wüßten. Indien brach hierüber sein Stillschweigen / und sagte: Verdienen die unverdäulichen den Miltz und die Leber verstopfenden Datteln so viel Ruhm / so kan kein Mensch sein Lebtage die Tugenden der Indianischen Nüsse und meines Kokos-Baumes erzehlen. Gegen diesem funfzig und mehr Füsse hohen Riesen-Baume / bey welchem einem offt das Gesichte vergehet / sind die meisten andern Bäume Zwerge; welchem die Sturm-Winde nichts anhaben / ungeachtet seine seichte Wurtzeln kaum von der sandichten Erde / die er am meisten nebst dem Meer-Ufer liebet / bedecket werden. Er grunet unaufhörlich / und ist das gantze Jahr nie ohne reiffe Früchte / welche er schon im fünften Jahre seines Alters träget / ungeachtet sein Alter drey und vier hundert Jahr übersteiget. Ungeachtet er nun in Indien so gemein /als in Lusitanien die Oelbäume / in Deutschland die Weiden; so ist doch seine Fürtreffligkeit unbeschreiblich / ungeachtet so wohl seine Blätter dienliche Schreib-Taffeln / als das Marck dieses Baumes das beste Papier abgibt. Sein Holtz ist feste / dichte und gläntzend / wie Nußbaum-Holtz / also zum Bauen das geschickteste. Die schilffichtẽ aber sehr grossen Blätter dienen zu Dächern / zu Sonnen-Schirmen und aus selbten lassen sich zierliche Kleider flechten. Aus der aufgeritzten[331] ascherfarbichten Rinde / oder aus einem abgeschnittenen Zweige rinnet ein annehmlicher / iedoch starcker Milch-Saft so häuffig: daß in einem Tage vier Maß davon voll werden. Seine dreyeckichten von den Blättern als Schilden bedeckte Nüsse aber wären ein rechtes Wunder der Natur. Ein Baum trüge derer zu hundert und zweyhunderten / und kämen an Grösse den Straussen-Eyern und Menschen-Köpfen gleich. Dieser Nuß euserste braune Schale wäre gantz fäßricht / dessen zärtestes Theil zu dinnem die Seide beschämenden Gewande / das gröbste wie Hanff zu Seilen / die innerste beinichte Schale aber zu köstlichen Trinck-Geschirren diente / und in Gold eingefaßt würde. So sorgfältig hätte die Natur diese edle Frucht verwahret / daß sie darinnen etliche Jahr tauerte. In denen noch nicht allzu reiffen Nüssen aber wäre ein so süsser und annehmlicher Safft / für die Dürstenden verwahret / gegen welchem man für dem besten Weine einen Eckel beko t / und der ein Nectar der Götter zu seyn verdienet. Dieser Safft würde nach und nach zu Honig und Zucker / endlich aber zu einem wohlschmeckenden und einer geronnenen Milch gleichenden Kerne; welcher nicht nur eine nährende Speise / sondern auch eine Hertz- und Nieren-stärckende und dem Scharbock steurende Artzney abgibt; und so wohl ein Labsal der Armen / als ein Himmel-Brodt genennet zu werden würdig ist. Massen man denn daraus nicht nur köstliches Mehl und Brodt / sondern auch den stärcksten Brandt-Wein / eine Mandel-Milch / und das beste kläreste Oel in die Lampen presset / welches den Leib reinigt / die Schmertzen der Glieder stillet; denen güldenen Adern und der Blase dienet. Insonderheit aber scheinet dieser das Saltz und das Meer liebende Baum gleichsam ein rechtes Heiligthum der Schiffarth zu seyn. Denn sein Stamm gibt die höchsten Mast-Bäume / sein Holtz die festesten Ruder und Bohlen / das Gefäßer seiner eusersten Nuß die im Saltz-Wasser unversehrlichen Seile und Thauen / seine Blätter geben die Segel / seine Frucht aber Brodt / Wasser / Oel / Wein /Essig / Zucker / Milch / Honig / Brandt-Wein / und also die vollkommenste Ladung; also: daß die Indianer nicht unbillich einen sehr nützlichen Menschen einem Kokos-Baume vergleichen. Das Atlantische Eyland brach ein: Wen würden sie denn meinem viel nützlichern Maguey-Baume vergleichen? welcher den Einwohnern ihre gantze Lebens-Nothdurfft zu geben reich genung ist. Die Spitzen der Blätter geben Nägel / Neh-Nadeln ab / welche sie mit einem daran hangenden Fademe daraus ziehen. Mit den Blättern selbst deckt man die Häuser / machet daraus Schüsseln / Papier / Leinwand / Schuh / Kleider / Weber-Karten /und Waffen. Ja die gekochten dicken Blätter geben nicht nur eine den eingemachten Citronen gantz gleich schmeckende Speise / sondern auch ein unvergleichliches Wunden-Pflaster / und heilsames Mittel wider die Gicht-Schmertzen ab. Aus dem Stamme rinnen viel Eymer süssen und gesunden Wassers für die Dürstenden. Welches / wenn mans siedet / zu Weine /wenn mans neun Tage an der Sonne stehen lässet / zu Essig / wenn mans lange kochet / zu Honig / und wenn dieser eintrocknet / zu Zucker wird. Aller dieser Safft aber ist eine bewehrte Nieren- und Blasen-Artzney. Das Serische Land schüttelte hierüber den Kopff / und fieng an: Man machte von dieser Staude mehr Geschrey / als Wesens dran wäre / und müste sie sich für seinem dreyerley Rosen tragenden Thee-Strauche ins[332] Graß und in Staub bücken. Sein Stamm wäre zwar keine die Wolcken durchbrechende Ceder; aber ihre selbst eigene fünferley Blätter / worunter die kleinsten die kräftigsten und theuersten wären / dienten ihm zum Troste: daß die Wunder der Natur nirgends grösser als in den kleinsten Dingen wären. Uber seine weisse Kraft-Blumen / wären seine mit heissem Wasser getrunckene Blätter eine allgemeine Sättigung und Artzney der Morgen-Länder. Diese trockneten die schädlichen Feuchtigkeiten aus / zertrieben den Schleim / vertrieben die Schlafsucht / benehmen die Trunckenheit mit ihrem Ubel / stärckten das Gehirn /erquickten die Lebens-Geister / ja wo dieser unschätzbare Tranck genossen würde / wüste kein Mensch nicht einst von dem Nahmen / weniger von Schmertzen der Gicht und des Steines. Diesemnach nicht nur seine Einwohner / sondern die gantze Welt diesen Serischen Rosen-Strauch in Himmel zu erheben / und dem ungewissen Steine der Weltweisen vorzuziehen hätten. Egypten begegnete ihm: die Serer möchten ihnen ihre bittere und wenig rüchenden Thee-Blätter behalten. Sein grosser und den Nuß-Bäumen ähnliche Caßien-Baum hätte so viel mehr Tugenden / als Blätter für andern Bäumen. Seine starcke Aeste starrten gleichsam für Blumen / welche an Gestalt vollen Rosen gleichten / an Farbe das Gold / an Geruch die Indianischen Nägel sonderlich beym Aufgange der Sonne übertreffen. Daher die Egyptier sich täglich früh unter diesen Bäumen mit der hiervon eingebalsamten Morgen-Lufft erquickten. Die Blüthen selbst aber wider die hitzigen Nieren in Zucker einmachten. Aus diesen wüchsen lange Schalen wie Röhre / wel che noch grün mit Zucker eingemacht würden / und das köstlichste Latwerg abgäben. Sonst aber reifsten sie ein gantz Jahr / brächten in ihren schwartzen und harten Rohr-Schalen die gesündeste Frucht und Saamen; welche entweder an sich selbst eine süsse Speise abgäbe / oder in einem Trancke von Zucker und Süsseholtze als die allerbewehrteste Artzney wider den Stein / die Engbrüstigkeit / den Husten / die Gicht /und alle Beschwerden der Nieren und der Blase genossen würde. Diesem wunderschönen Baum wäre überdis diese Redligkeit eingepflantzt; daß die ihres Honigseimes beraubte Caßia bey wehendem Winde in den dürren Schalen durch einen artlichen Klang sich verriethe. Das Eyland Taprobana / welches alleine die gantze Lufft mit seinem Atheme einbisamte / fieng an: Es solte der Caßien-Baum nur seine Larve abnehmen. Sintemahl der Alten Irrthum der Caßia / welche in Indien doch viel besser und würtzhafter / als in Egypten wüchse / viel dem Zimmet alleine zuständige Eigenschaften zugeschrieben / ja solche gleichsam gar mit einander vermenget hätte / da sie doch von einander wie die Mohren von den Deutschen unterschieden wären. Gleichwol aber hätten auch die / welche die Caßia so sehr geschmincket / nachgeben müssen: daß die Helffte des Zimmets so gut und kräftig / als zwey Theil Caßia wären. Denn der Zimmet-Baum wäre ein rechtes Kind der Sonne; welcher in ihn ihre nährende und lebhafte Wärmbde gleichsam selbstständig einflößte / die reiffe Rinde von den Zweigen ablösete /und sie hernach durch ihre Abdörrung vollkommen brauchbar und tauerhaft machte. Maßen er denn auch dem der Sonne gewiedmeten Lorbeer-Baume an Blättern und Beeren gantz ähnlich / und für den Indischen Lorbeer-Baum gehalten würde. Diesemnach auch der Sonnen-Vogel Phönix von seiner Rinde sein Nest und Begräbnüs bauen / und der statt der Sonnen verehrte Bacchus in einem Zimmet-Walde auferzogen seyn solte. Welches nirgends als auf Taprobana seyn könte / weil allein dieses Eyland[333] grosse Zimmet-Wälder /und diese den allerköstlichsten Zimmet hätten. Die Fürtrefligkeit dieser wolrüchenden und anmuthig beißenden Rinde wäre daraus abzunehmen: daß auf dem Gipfel des Baumes die beste wüchse / die sie ablöseten / der Sonne durchs Loß ein gewisses Theil zum Opfer anzünden müsten; und der Alten Meinung nach / diese unschätzbaren Bäume von Schlangen / wie die güldenen Aepfel von Drachen / und das güldene Flüß von Feuer-speyenden Ochsen bewachet würden. Diese trügen zwar schneeweisse und wolrüchende Blumen /wie auch grüne und endlich schwartz-werdende Beeren; welcher Oel der Kälte des Magens und der Spann-Adern abhülffe; aber die Natur hätte umb etwas absonderliches auszumachen die sonst geringste Rinde zum Kerne des Zimmet-Baumes gemacht /und in jene / besonders aber in ihr innerstes Häutlein den gantzen Geist des Zimmet-Baumes / ja aller Würtzen verschlossen. Er wäre ein rechtes Vorbild der kräftigen Jugend. Denn die zärtesten Bäume trügen den kräftigsten Zimmet; und je fleißiger die Rinde abgeschälet würde / je besser und zärter wüchse sie wieder / wiewol sie zu ihrer Vollkommenheit zwey oder drey Jahr von nöthen hätte. Diese machte durch ihre Würtzung nicht nur alle Speisen angenehm / wärmete alles erkaltete / sondern das aus dem Zimmet gepreßte Oel gäbe den stärckesten Balsam / sein Wasser für den Magen / die Leber / den Miltz und das Gehirne die kräftigste Stärckung / wider Gifft / hinfallende Sucht / Darmgicht und alle Erkältungen eine bewehrte Artzney ab. Deutschland brach ein: es möchten alle Länder der Welt ihre Artzney-Bäume rühmen / wie sie wolten; so reichte doch keiner hierinnen seinem an allen Zäunen und Gräben wachsenden Holder-Baume das Wasser. Der unvergleichlichte Hippocrates wüste selbst seine Tugenden nicht zu erzehlen / und der klügste Narr / der jemals in der Welt gelebt / Junius Brutus hätte sehr nachdencklich in des Holderbaums ausgehöletem Holtze dem Delphischen Apollo oder dem Artzney-Gotte sein Gold geopfert / und dadurch verdienet dem von dem Joche seiner Könige erlösetem Rom fürzustehen. In dem gantzen Baume wäre nichts so geringe / das nicht sehr heilsam wäre. Seine gekochte Wurtzel heilete die Wassersucht / und Schlangen-Bisse / seine Schale kühlete die Hitze der Gicht und verwahrete für der Pest. Die Blätter hülffen den Augen-Ohren- und Haupt-Schmertzen ab. Hinderten die Entzündungen / trieben den zehen und gallichten Schleim ab. Die aufwerts abgebrochenen Knospen führten durch Brechen / die unterwers abgenommenen durch den Stuhlgang schädliche Feuchtigkeiten ab. Die Asche von den Blättern stillte das Nasenbluten. Die starck und wolrüchenden Blüten reinigten den Leib / ihr Wasser kühlete alle übermäßige Hitze / benehme das Hauptweh / heilete die Geschwüre; der davon gemachte Eßig stärkte den Magen / zertriebedie rohen Feuchtigkeiten / und machte Begierde zum Essen. Das Oel aber heilete die verbreñten Glieder. Der Safft seiner Beeren reinigte das Geblüte / triebe den Schweiß / hülffe wider die Wassersucht / und die rothe Ruhr. Die Körner in den Beeren beförderten das Wasser / dienten den Geburts-Gliedern / reinigten den Leib. Und ihr daraus gebrennetes Wasser stillete die Mutter-Ersteckungen. Der aus dieses Baumes Blättern / Blüthe und Rinde mit Weine übergezogene Geist aber öfnete die Verstopffungen der Leber und des Miltzes / triebe den zehen Schleim ab / verjagte das dreytägichte Feber / stärckte den Magen / benehme die hitzige Röthe den Augen / heilete die alten und kalten Geschwüre / benehme das Zittern den[334] Händen. Die an seinem Stamme wachsenden Schwämme wären die auserlesenste Artzney wider verschwollene Hälse. Mit einem Worte: die Natur hätte diesen Baum als einen Feind aller Kranckheiten in das Erdreich gepflantzet / ja für erfundenem Zinober hätten die opfernden Menschen nicht nur ihre Antlitze / sondern gar die Bilder ihrer Götter mit Holder-Saffte gefärbet. Taprobana fragte mit einer höhnischen Gebehrdung: ob unter dem kalten Angelsterne und dem frostigen Deutschlande auch Bäume wüchsen? wo aber dis gleich wäre / könte in seinen Gewächsen so wenig was heilsames / als im Schnee Feuer verborgen seyn. Indien hingegen wäre das Auge der Welt / und Taprobana mit seinen verschwisterten Eylanden der Aug-Apffel und sein lange tauernder / und des Jahres zwey oder drey mal frucht-bringender Mußcat-Baum ein rechtes Wunder der Natur / zumal da dieser so gemein wäre / und ungepflantzet aus denen auf die Erde von Menschen oder Vögeln verstreuten Nüssen wüchse. Seine lichte / gelben und denen Pomerantzen-Blättern nicht ungleiche Blätter gäben grün und dürre / sonderlich wenn sie gerieben würden / den annehmlichsten Geruch von sich / und eine kräftige Artzney ab. Seine Blüte wäre lieblich; seine länglicht-runden Nüsse aber hätten in ihrer Kleinigkeit mehr Krafft als die gröste Kokos-Nuß in sich / welcher die euserste fleischichte Schale / wenn sie eingemacht würde / gleich käme / und die beste Latwerck abgäbe. Unter dieser umbgäbe die roth und goldgelbe Mußcaten-Blume wie ein zierliches Netze die harte Schale. Diese Blume wäre der edelste Kern aller Gewürtze / und nicht nur das wolgeschmackste Vorgerichte / in niedliches Mächsel aller Speisen; sondern uch so wol als sein unschätzbares Oel die kräfgste Artzney kalter Magen / zusammen gezogener Sehnen und starrender Spann-Adern. Keine schlechtere Tugenden hätte der in der harten Schale verwahrete Kern / denn die Mußcaten-Nuß stärckte das Gehirne / schärfte das Gedächtnüs / wärmete den Magen / verbesserte den Athem / zertriebe die Blähungen / welcher ihrer Köstligkeit halber nunmehr die Küchen- und die Artzney-Gewölbe der Welt / weniger / als einigen andern Dinges zu entpehren wüsten. Africa versätzte: der Mußcaten-Baum redete hiermit seiner Trauben-tragenden und keiner Pflegung dürffenden Pfeffer-Staude / als welche die Indianischen bey weitem übertreffe / zu nahe / die eben so unentpehrlich als das Saltz wäre /ja den Abgang dieses so nöthigen Gewürtzes / ohne welches schwerlich einig Gewächse sein Leben haben oder gezeugt werden könte / zu vertreten vermöchte /die Begierde zum Essen erweckte / und bey rohen Speisen die Stelle eines Koches vertrete. Die Natur hätte seine Pfeffer-Körner mit allem Fleiße zu einer Würtze aller Speisen / und zum Magen-Pflaster der Menschen bereitet; und gleichsam das selbst-ständige Wesen des Feuers mit seiner Pflantze unschädlich vermählet. Taprobana begegnete Indien: die Pfeffer-Staude verdiente nicht einst den Nahmen eines Baumes; weil sie nicht die Kräfften hätte alleine über sich zu wachsen / wenn sie sich nicht wie Epheu und Hopffen umb einen andern Stamm zu flechten Gelegenheit hätte; Sein mit vielen Zweigen blühender und die dicke eines Mannes erreichender Nägelbaum trüge nicht nur so häuffige und bey zwantzigen die voller gesunden Feuers steckenden Nägel / sondern auch seine Blüten biesamten nicht nur die Lufft weit und breit sonderlich bey truckenen Jahren ein; sondern sie spielten auch anfangs mit weißlichter / hernach mit grüner / folgends röthlich / und endlich schwartzer Farbe. Seine feurigen Früchte / welche wie die Sonne in der Nähe gantze Tonnen Wasser in dünne Lufft zu zertheilen und an sich zu ziehen Kräffte hätten /wären genung[335] die Stelle aller Würtzen zu vertreten /und so wol allen Mängeln des Gehirnes / als des Magens und der erkälteten Glieder abzuhelffen. Ja auch seine Blätter / Zweige / und das von ihm flüssende Hartzt wären bewehrteste Artzneyen. Indien ward gegen sein eigen Geschwister / nemlich gegen Taprobana und seine benachbarte Eylande eyversüchtig; fuhr also heraus: Weñ das verzehrende Feuer in der Natur das beste wäre / würden sie mit ihren brennen den Frucht-Bäumen allerdings den Vorzug behaupten. Weil aber diese die Eingeweide und das Geblüte allzu schädlich entzündeten; die mittelmässig-vermischten Nahrungs-Pflantzen aber so viel mehr Ruhm verdienten / als sie Nutzen stifteten / wäre sein schilffichter Musa-Baum Nägeln / Mußcaten und Zimmet weit vorzuziehen. Sintemal seine grünlicht gelbe Feigen-Frucht / welche zu zweyhunderten auf einem etlichen Männern kaum tragbaren Zweige wächst / nicht nur überaus schmackhafft / sondern gantz Indiens Semmel-Brodt ist; ohne welches viel seiner Länder erhungern müsten; von dieses einigen Baumes Fruchtbarkeit aber gantz Morgenland sein Auskommen haben /und aller andern Speise leicht entbehren könte. Zumal da dieser Baum / ungeachtet sein gantzer Stock bis zur Wurtzel abgeschnitten wird / alle Monat wieder wächset / und des Jahres zwölfmal Früchte bringt. Africa versätzte: Es wäre wahr / daß dieser Feigenbaum Indiens Speise-Kammer genennt zu werden verdiente. Wenn aber das Brodt den Vorsitz behaupten solte /würden unterschiedene giftige-aber gesundes Brodt abgebende Wurtzeln und Kräuter des Atlantischen Eylandes / und Egyptens / ein Baum der Serer und der glückseeligen Inseln / und insonderheit seine Mauritanischen Weitzen-Stengel allen Bäumen den Preiß abrennen. So aber wären Schönheit-Nahrungs- und Artzney-Kräfte zur Vollko enheit von nöthen. Alles dieses wäre an seinem viel zweigichten Quitten-Baume befindlich / dessen Vollkommenheit daraus erhellete / daß auf dessen Sta sich zwar vieler andern Bäume Zweige / seine Zweige aber auf keinen andern Stamm pfropffen liessen / seine Blüthe wären vollkommene Rosen / welche die Sonne durch ihre Würckung im Frühlinge herfür triebe: daß hiemit selbten gleichsam die Hörner des gestirnten Wieders und Ochsens bekräntzte. Seine anfangs graurauche hernach gelbe Frucht wären die rechten güldenen Aepffel der Hesperiden / welche von dem einen Drachen abbildenden Mittel-Meere bewahret würden. Diese hätte Hercules in Hispanien / Italien und Griechenland überbracht; westwegen sein marmelnes Bild zu Rom drey Quitten-Aepffel in der Hand trüge. Sie hätten nicht allein selbst einen erquickenden Geruch; sondern sie machten auch den Athem wolrüchend. Daher hätte Solon in seinen Gesätzen befohlen: daß jede Braut für dem Beylager Quitten essen müste / und sie ihr Bräutigam damit / als mit einem Merckmale ihrer unversehrten Jungfrauschafft begabte. Es hätten sie auch die Erde der Juno und Jupitern; dieser aber sie der Venus geschencket / welcher uraltes Bild in Deutschland drey Quitten in Händen hätte. Sintemal die Aepffel der Liebes-Göttin sehr beliebt seyn müsten / weil ihre Blüten das Frauenzimmer schön machte / die oft von schwangeren Frauen genossene Frucht verursachte: daß sie sinnreiche und mühsame Kinder auf die Welt brächten / und durchgehends die menschlichen Leiber erfreueten. Das daraus gemachte Quittenbrod wäre nicht nur die annehmlichste Speise und kräftigste Erquickung; sondern auch eine heilsame Artzney für den Magen und Miltz wider die Ergießung der Galle / rothe Ruhr und Wasser-Sucht. Der Safft schlüße für der Speise den Leib / öfnete ihn hernach / und dämpffte die aus dem Magen ins Haupt empor steigende Dünste. Das Oel stillte die Stein-Schmertzen / die[336] Blüthe die Hitze der Augen. Die Frucht der Kwitten erquickte das Haupt und Gehirne /ja in ihrer bloßen Anwesenheit verliere das Pharische Gifft seine Schädligkeit. Denen von Kwitten-Bäumen essenden Hirschen schadeten die mit Niesewurtz vergifteten Pfeile nichts; und also hätten sie auch Kräfften wider Pest und anfällige Seuchen. Assyrien fiel Africa in die Rede / und sagte: Africa möchte sich schämen seine ohne Kochung uneßbare und gelbsüchtige Kwitten für güldene Aepffel zu verkauffen / dieser Nahme käme mit Rechte keiner andern Frucht / als seinen Granat-Aepffeln zu; welche Africa selbst als das herrlichste Gewächse des Berges Atlas und der Hesperischen Gärte in der Hand trüge / die Pelaßger aber sich rühmeten: daß sie den ersten Granat-Apffel-Baum auf Cypern gepflantzt hätten. Alleine die Egyptischen / welches aus herben Kernen süße / und Cilicien / welches an der Bach Pinarus Granat-Aepffel ohne Kerne zeugte / gestünde Assyrien selbst zu: daß in der gantzen Welt keine bessere Granat-Aepffel / als umb ihr Babylon wüchsen / welche eitel Safft ohne herbe Kerne / oder doch so weiche Kerne hätten: daß man sie mit allem / was darinnen wäre / äßen könte. Dis aber wäre eines jeden Baumes rechtes Vaterland /wo er zur höchsten Vollkommenheit käme. Sein Granat-Baum aber wäre der unschuldigste unter allen Bäumen / weil seine wenigen Wurtzeln nicht raubrisch umb sich grieffen / und andern Gewächsen ihren Safft entzögen / sondern sich mit weniger Nahrung der Erde / und einer freygebigen Wasser-Hand vergnügte. Er wäre ein herrliches Bild der gleich durchgehenden Gerechtigkeit; Sintemal jeder Baum einem jeden seiner Granat-Aepffel / wenn sie schon an Größe einander gantz ungleiche wären / nicht einen einigen Kern mehr oder weniger einpflantzte / als dem andern. Zu geschweigen / daß die Granat-Aepffel nicht ihre rechte Würckungen ausüben solten / wenn sie nicht umb einen billigen Preiß verkaufft und bezahlet würden. Er hegete mit dem Mandeldem Oel- und Lorbeer-Baume eine sonderbare Freundschafft; ja er verschmähte nicht die geringen Weiden; insonderheit aber küsseten und vermählten sich seine Wurtzeln begierigst mit dem Myrthen-Baume: daß beyder Blätter nicht allein einander gantz gleich; sondern ihre Nachbarschafft auch eine Ursache mehrer Fruchtbarkeit wäre; könte also kein besser Sinnebild für eine fruchtbare Freundschafft ersonnen werden / als ein mit Granat-Aepffeln durchflochtener Myrthen-Krantz. Diesemnach ihr denn auch die keusche Liebes-Göttin diesen Baum / dessen Aepffel doch der Liebes-Brunst widerstehen / eben so wol / als die Myrthen zugeeignet / und ihn / wie den ihr gewiedmeten Rosenstock /mit spitzigen Dornen gewaffnet / und vom Paris einen Granat-Apffel / keine verächtliche Quitte / zum Siegs-Preiße ihrer Schönheit bekommen hätte. Diesemnach die Vorwelt diesen Baum aus göttlichem Saamen /und entweder selbst aus des Bacchus / oder aus des von dem Jupiter gezeugten / von dem Bacchus aber seiner Männligkeit beraubten Adgestes Bluts-Tropffen entsprossen zu seyn geglaubet hätte; ja von einem diesem verwandelten Baume abgeno enen und in die Schoos gelegten Granat-Aepffel solle Nana den Atys empfangen haben. Ist sich also über die Fruchtbarkeit des Granat-Apffelbaumes / daß er seine Kinder zu Tausenden bringt / gar nicht / vielmehr aber deßhalben zu verwundern; daß / ob wol seine Blüthe grossen theils / seine Früchte aber alle in voller Flamme und Purper stehen / dennoch er im Schatten besser als an der Sonne wächset / und seine Aepffel dort zeitlicher reif werden; westwegen vielleicht getichtet worden: daß sie auch in Elysischen Feldern wüchsen / und die geraubte Proserpina / weil sie von einem daselbst abgebrochenen drey oder sieben Kerne gessen / auf ihrer Mutter sehnliches Verlangen[337] nicht hätte wieder können ans Tagelicht kommen; westwegen so wenig die Zweige von diesen Bäumen bey den Arcadiern in Proserpinens Tempel gebracht / und die von Granat-Aepffeln essenden Frauen zu dem Thoßmophorischen Feyer der Ceres gelassen; als auf selbtem die Granat-Aepffel Kräntze verworffen würden. Wie aber dieser unzeitige Haß der für Leide gramhaftigen Ceres; noch auch / daß bey Thebe in Boetien auf dem Grabe des Mecänus ein Granat-Apffel-Baum mit blut-rother Frucht gewachsen / der Würde dieses Baumes nichts benähme; also diente ihm zu grossen Ruhme: daß ohne ihn die Elysischen Felder nicht glückseelig seyn könten. Ja er verdiente mitten in die gestirnten Gärte des Himmels gepflantzt zu werden / denn seine theils schnee-weisse-theils Rosen-theils Feuer-färbichte Blüthen / und seine purpernen Aepffel hätten keine irrdische grüne / sondern eitel Sternen-Farben / auswendig an den harten Schalen kräftige Pyropen / inwendig an Kernen genoßbare Granat-steine an sich. Ihr theils süsser / theils säuerlicher / theils vermischter Safft wären die allerschmackhaftesten Rubinen /welche die Meister-Hand der Natur so künstlich / als die Bienen den Honig / in gewisse Fächer eintheilte. Jeder dieser mit Edelgesteinen und Nectar angefülleten Aepffel wäre ein Vorbild eines unerschöpflichen Reichthums. Daher ihm Darius so viel treue Zopyren gewünscht hätte / als in einem Granat-Apffel-Baume Kerne steckten. Ein Sinnbild der die Menschen den Göttern gleichmachenden Freygebigkeit / welche umb ihren himmlischen Safft den Dürstenden oder Krancken anzubieten für Liebe zerplatzten. Maßen denn ihr Safft in allen Speisen als eine kräftige Erquickung gemischet / und die Gerüchte mit den Kernen als Edelgesteinen ausgezieret würden. Jedoch hätten diese Aepffel in sich mehr Artzney als Nahrungs-Kräfften; daher auch kluge Aertzte sie denen Krancken / welchen die Speise schädlich wäre / verschrieben. Die ihrer Süßigkeit halber auch an Farbe und Größe vollkommensten dienten der Brust / hülffen dem Hust und dem Seitenstechen ab / wärmeten auch den Magen / die herben befreyten ihn von gallichten Feuchtigkeiten / erfrischten die Leber / stillten den Durst / benähmen das Hertzweh / der daraus gepreßte Wein wäre das kräftigste Labsal der mit Feber und Hauptweh beladenen. Die Blüthen heilten die Brüche / befestigten die Zähne / stopfften die Blutstürtzungen. Die Schalen der Aepffel geben die schönste Farbe zu Ledern / der Stamm den Tischlern das beste Einlege-Holtz ab; der Granat-Aepffel-Safft reinigte das Eisen und verwandelte es in Stahl; ein einiger Zweig von diesem Baume verjagte die Schlangen; der Rauch von seinem brennenden Holtze alle giftige Thiere. Mit einem Worte: die Natur selbst hätte die Granat-Aepffel an ihrem obersten Nabel mit einer Krone gekräntzet / und sie hierdurch für Könige der Baum-Früchte erkläret. Daher nicht nur Polycletus seinem aus Helffenbeine und Golde gemachten Pallas-Bilde einen Granat-Apffel / welchen ihr aber Venus streitig gemacht / in die Hand gegeben; sondern die Götter-Königin Juno legte ihn auch als einen Reichs-Apffel zum Zeichen ihrer himmlischen Herrschafft niemals von sich. Welche denn auch der Stadt Carthago und dem davon fruchtbaren Africa nur dieser Frucht halber geneigte Schutz-Frau gewest wäre. Weñ nun die Götter an diesem Baume so grosses Belieben hätten / trüge die Königin der Heiligthümer zu Rom bey den Opffern einen Granat-Apffel-Zweig an statt des Krantzes umbs Haupt und der Juden Hoherpriester hätte zwischen den Zimbeln an dem untersten Saume seines Rockes Granat-Aepffel hencken / wenn er in das allerheiligste ihres Tempels gienge. Hispanien trat Assyrien verwegen unter Augen / und meinte ihres Amptes zu seyn sich so wol[338] des benachbarten Africa anzunehmen / als seinem Pomerantzen-Baume / welcher so wol seine Wälder / als der Tagus seinen Sand mit Golde bereicherte / das Wort zu reden. Der Granat-Aepffel-Baum würde bald zum alten Weibe; hingegen tauerte der Pomerantzen-Baum insgemein zwey und drey hundert / zuweilen gar fünf-hundert Jahr. Der Granat-Apffel-Baum wäre alles Geruches beraubet / und also / weil der Geruch die Seele der Pflantzen und ein bewehrtes Mittel das menschliche Leben zu verlängern wäre / für ein schönes Aaß zu halten; hingegen wäre nichts an seinem Pomerantzen-Baume / welches sich nicht in eitel wolrüchende Geister zu zertheilen bemühte / ja die abfallenden Blüthen / und die gleichsam für ihrer Geburt sterbenden Aepfel / weil der allzu fruchtbare Stamm nicht starck genung wäre seine unzählbaren Kinder zu tragen oder zu säugen / balsamten ihr Grab durch ihre ausgeathmete Seelen ein. Sein Stamm wäre seiner Güte nach ein rechter Zärtling oder Schoos-Kind der Natur; seiner Tauerhaftigkeit nach aber ein abgehärteter Riese /welcher umb die Kälte besser / als die allzu zärtlichen Citron-Bäume zu vertragen / mit einer Eisenfarbichten Rinde wider Schnee und Ungewitter verwahret wäre / und daher auch bey weitem seine Geschwister die Limonien- und Citron-Bäume überlebte; wenn schon diese zwey auf jener Stock gepfropfft würde. Der Pomerantz-Baum wäre überdis reicher an Aesten / seine Blätter gäben den vollkommensten Schatten /beschämten an der Farbe die Schmaragden / wie die Blüthe die Lilgen / die Aepfel das Gold und den Scharlach. An Fruchtbarkeit hätte er nicht seines gleichen; und prangete er nicht nur zu einerley Zeit zu gleich mit dem Schnee seiner geistigen und selten unfruchtbaren Blütē / und dem Feuer seiner safftigen Aepfel; sondern es trüge ein Stamm in einem Jahre von tausend bis vier-tausend Früchten; und zuweilen wüchse eine Pomerantze in der andern / wie Perlen-Mutter; sonderlich wo sein Hispanien die Armen der Vorgebürge der untergehenden Sonne nachstreckte; seine See-Buseme aber / als Hafen der Wollüste / dem annehmlichen Westwinde / umb von ihm geschwängert zu werden / öfnete / und das grosse Welt-Meer mit güldenem Sande bereicherte. Jedoch dieser Baum brauchte seiner Fruchtbarkeit so behutsam: daß er /umb sich nicht auf einmal zu erschöpfen / das andere Jahr seinen Stamm zu seiner Erholung ein wenig verblasen ließe. Seine Früchte aber wären nicht nur auswendig schimmerndes-sondern inwendig flüßendes Gold. Ihr Safft eine häuffige / und so gar von der Winter-Kälte unverterbliche Süßigkeit. Die purpernen Schalen hätten in sich eine aber gewürtzte und gesunde Bitterkeit. Also wären die Pomerantzen ein rechtes Sinnenbild der bitter-süßen Liebe. Daher sich auch die Cyprier rühmten: daß ihre Liebes-Göttin diese Aepfel zum ersten gepflantzt hätte; Wiewol auch ihrer eine gewisse Art mit süssen und wolschmeckenden Schalen; andere zu grossen Riesen-Aepfeln wüchsen /und ein im Munde zergehendes Fleisch in sich hätten. Ja auch die unreiffen Früchte eines halben Jahres wären fürtreflich zum einmachen; und dieser Apfel mit den Blüthen nichts minder eine Erquick- und Reitzung der Begierde zum Essen / als eine Zierde der Taffeln; alles aber an diesem Baume heilsam. Aus den Blättern preßte man ein herrliches Oel für die von Zerquetschung herrührende Schäden. Die wolrüchenden Pomerantz-Blüthen stärckten die Lebens-Geister; das daraus gebrennte Wasser hülffe dem schwachen Magen; diente wider giftige Fleckfeber; verursachte Schweiß; stärckte das Hertze und die Geburts-Glieder / erleichterte die Geburt / gäbe allem anderm Geruche gleichsam[339] Flügel; ja ohne seine Beymischung verdiente keiner den Preiß eines himmlischen Geruches. Alle diese und noch edlere Würckungen hätte das daraus gepreßte Oel; welches gleichsam Halb-Todten alle Sinnen / dem sterbenden Hertzen eine frische Regung wiedergäbe / und der Pest keinen Platz enträumete. Wenn man es aber mit Rosen-Wasser vermählte / würde etwas überirrdisches daraus. Die Pomerantz-Schalen hülffen dem Seiten-Stechen / den Blehungen /dem Durchbruche ab / reinigten das Haupt / und trieben den Sand. Das Wasser von denen inwendigen Kernen zermalmte den Stein. Mit einem Worte: Ein solcher güldener Apfel wäre ein rechtes Vorbild der gantzen Welt. Die feurige Schale stellte den Himmel /das schwämmichte Fleisch darunter die Lufft / der kühlende Safft das Meer / die dardurch gehenden Gefäser mit den Kernen die Erde für. Wer wolte diesemnach dem ihn tragenden Baume mit Vernunfft die Oberstelle streitig machen? Niemand mit besserm Rechte / antwortete Italien / als mein deinem Pomerantzen zwar verschwisterter / aber viel edler Limonien-Baum; gegen dessen Herrligkeit jener mit seinem schädlichen Hartzte nur seine Unvollkommenheit beweinen möchte. Der Pomerantzen-Safft wäre weder nährend / noch heilsam. Seine den Schatten liebende Süßigkeit verwandelte sich im Magen in eitel Galle. Er verursachte Hauptweh und den Aussatz; zeugte schwartze Feuchtigkeiten und Feber / verstopffte den Miltz und die Leber. Und derogestalt wäre seiner Schale schönes Feuer das Bild einer mißträulichen Flamme wütender Liebe. Hingegen prangete sein viel gestreckter / und wie der Rosenstock mit kleinen Stacheln gewaffneter Baum mit wolrüchendẽ und eine tugendhafte Schamröthe abbildenden Blüthen / und viel reinerm Golde unzählbarer Aepfel; welche die Natur Ey-rund / wie nach Zoroasters Meinung auch die Welt-Kugel seyn solte / bildete. Seine Schale wäre ohne Brand und Bitterkeit / ihr linder Geruch aber so durchdringend: daß die geistigen Seufzer seiner Ligustischen Gärte dem liebkosenden Sudwinde zwantzig Meilweges übers Meer entgegen flügen / und die saltzichten Lüffte einbalsamten. Sein Safft wäre aller weibischen Süßigkeit befreyet; seine männliche Schärffe aber wäre der Zunge annehmlicher / und dem Menschen gesünder. Alle Speisen würden darvon schmackhafter / der Durst darmit geleschet; alle Hitze abgekühlet; und wider den Scharbock wäre keine bewehrtere Artzney in der Welt. Der allersäuerste Safft diente zu der schönsten Karmesin-Farbe; zu Bleichung der Frauenzimmer Haare / und zu unschuldigen Schmincken. Sintemal das daraus gebrennte Wasser die Sprenckeln / und Flecken der Haut vertilgte; das von der Schale den Stein triebe / der eingezuckerte Safft die Galle aus dem Magen abführte / und giftigen Febern steuerte. Indien konte für Ungedult länger nicht schweigen; sondern fieng an: Hispanien möchte mit seinen letschichten Pomerantzen / und Italien mit seinen sauern Limonien sich gegen seinem wunder-würdigen Zucker-Schilff nur verkriechen. Sintemal so wol das beste an den Pomerantzen nemlich die Schalen ohne den Zucker eine unnütze Wermuth / der Limonien-Safft aber ein natürlicher Eßig wäre / welcher den Magen verterbte / den Mund zusammen züge / die Eingeweide zerbisse / ja die härtesten Perlen zerbeitzte. Sein aus der Zuckerstaude aber gepreßter Safft übertreffe alle Süßigkeit der Welt / und den Attischen Honig / also daß / ob zwar dis Schilff nicht über sieben oder acht Schuh hoch / und nur zwey Daumen dicke wüchse / doch sein saftiges Marck so wol frisch / als wenn es in irrdenen Geschirren beym Feuer gekocht / durch Lauge geleutert / und von der Hitze gehärtet wäre / alle Säffte und[340] Früchte aller hohen und niedrigen Bäume übertreffe / indem wie das unentpehrliche Saltz alles weichliche scharff; also der Zucker alles zu scharffe linde machen müste; und daher sonder ihn die Wollust keine Taffel bestellen /die Aertzte ihre bitteren Artzneyen keinem Krancken einbringen könten; ja der Zucker-Safft eine treffliche Augen-Artzney abgäbe / die Brust lüftete / die Entzündungen der Leber und Nieren abkühlete. Ja die in dem grossen den Pappel-Bäumen gleichenden Zucker-Stamme / zwischen seinen knotichten Gliedern wie Stärcke zusammen-rinnende milchichte Feuchtigkeit; ungeachtet sie nicht so süsse wäre / sondern einen zusammen ziehenden Geschmack gebrennten Helffenbeins bekäme / wäre wider hitzige Feber / die Darm-Gicht / den rothen Weh / und alle Entzündungen eine so unvergleichliche Artzney / daß sie in Persien gegen gleiches Silber ausgewogen würde. Die aus seinem Baume aber gleichsam selbst von der Natur gemachte Nachen würden von den Crocodilen so sehr verehret; daß sie keinen darauf schiffenden Menschen antasteten. Diesemnach Indien / welches Africa / die glücklichen / und das Atlantische Eyland / Syrien und Cypern mit ihrem kleinen Zucker-Schilffe nur etlicher massen begabt hätte / wie in Edelgesteinen / also auch in Baum-Gewächsen in allen Ländern als eine Perle der Welt vorgienge. Persien begegnete Indien mit hochmüthigen Augen und Geberden / meldende: Persien wäre der Perlen und edelsten Bäume rechtes Vaterland; also die einige Perle der Welt. Indien hätte sich nicht wenig vergangen / oder seine Schwachheiten verrathen: daß es den Obsieg seiner Bäume auf ein schwaches Schilff zu stützen gesuchet / dessen gehärteter und mit beissendem Kalck oder Asche vermischter Safft im Munde zwar Honig wäre / im Magen aber zu Galle würde / und die Eingeweide beleidigte. Die sauern Limonien müssen zwar ihren Essig mit Zucker anmachen / welcher aber von sich selbst zu schärffstem Essige / ja / wenn der Zucker dreissig Jahr stünde / zu dem allertödlichsten Giffte würde. Alleine die annehmlichsten Früchte des alleredelsten Zitron-Baumes hätte so wenig des Zuckers /als angebohrne Schönheit der Schmincke von nöthen. Die Limonien- und Pomerantzen-Bäume / als seine Stief-Geschwister / oder vielmehr unächten Kinder /nähmen zwar vielen Bäumen den Preiß / dem Zitron-Baume aber enträumten sie / als blosse Nachgemächte der Kunst ihm als dem vollkommensten Meister-Stücke der Natur willigst die Oberhand. Zu dem schmückten sich Hispanien und Italien mit frembden Federn. Sintemal diese dreyerley Aepfel / welche des Alcinous- und die Hesperischen Gärte so berühmt gemacht / nirgends als in Persien einheimisch / in an dern Ländern aber verreisete Frembdlinge wären. Aus Persien und Meden wären sie in Mohren-Land / von dar unter den Atlas und in Cyrene versetzt; und die Hesperischen Gärte dieses Schatzes halber für ein von den Drachen / nemlich der Mißgunst bewachtes Heiligthum; Hercules aber / welchem Prometheus einen Anschlag solche zu erlangen gegeben / für einen Gott und Himmel-Träger / für einen Erwürger des von der Juno zu Verwahrung dieser güldenen Aepfel dahin gesetzten Drachens in der Welt ausgeruffen worden /weil er diese unschätzbaren Gewächse zu erst in Italien und Griechenland überbracht hätte. Westwegen seyn ertztenes Bild zu Rom auf dem Ochsen-Marckte drey Zitronen trüge; und nach diesem Beyspiele wäre dem Bilde des grossen Alexanders auch eine in die Hand geetzt worden. Ja es hätte nicht nur Mauritanien / Cyrene / die glücklichen Eylande / sondern auch alle Länder / wo diese Aepfel nur gewachsen / ihnen den Besitzthum der Hesperischen Gärte eingebildet; und Atlas solte die Mauritanischen mit einem so hohen Gebürge verwahret haben / weil[341] Themis ihm wahrgesagt hätte: Es würde ein Sohn des Jupiters ihm einige ausführen / als welche Juno den Jupiter selbst damit als einer fürtrefflichen Schönheit zu beschencken gewürdigt hätte. Gleichwohl aber schätzte der den Nordwind fliehende / den Sud und das Meer / warme und feuchte Oerter aber liebende Citron-Baum sich viel zu edel: daß er sich wie die bittern Pomerantzen und herben Limonien in alle rauhe Länder / und unter ieden ungütigen. Himmel solte versetzten oder vielmehr verweisen lassen; und das hochmüthige Rom /welchem Erde und Meer sonst alle ihre Schätze opfern müßte / hätte noch zur Zeit nicht die Ehre gehabt / ausser einigen Gefässen / in Italiens Erde einen Zitron-Baum zu essen. Die Käyser und Bürgermeister schämten sich ihre güldenen Aepfel durch Verspeisung zu verschwenden / sondern hieben sie als Schätze / oder setzten sie als Schau-Gerichte auf; zum höchsten aber verbrauchten sie solche zu Artzneyen. Alle diese und mehrere Ehre verdiente der mehr als güldene Zitron-Baum / aus welchem Könige zu ihrem Aufenthalt lebendige Zelten / ja gantze Palläste zusammen geflochten hätten. Seine niemals verwelckendẽ Blätter wären ein Ebenbild der Unsterbligkeit /bey den Medern ein schöner Aufputz der Gerichte /und ihr Safft heilete die Wunden. Seine weiß-gepurperten und von der Natur gleichsam schon mit Fleiß in einem Püschel versa lete Blüthen / hätten das gantze Jahr durch reiffe und unreiffe Zitronen zu ihren Gefärthen / umb Frühling / Sommer und Herbst stets mit einander zu vermählen. Sie würtzeten mit wenig Tropfen kräfftig die Speisen ein; verursachten Freudigkeit des Hertzens / widerstünden der Galle / und aus ihrem geistigen Wesen würde durchs Feuer etwas so kräfftiges gezogen; welches aller andern Gewächse Tugenden überstiege. An denen göldenen Zitron-Aepfeln wären auch die Schalen nicht ohne Kern. Ihr lebhaftes Gold athmete nicht durch mehr Runtzeln seinen kräfftigen Balsam aus / als es Lebens-Geister darmit unterhielte / und durch seinen würtzichten Geruch zu Verlängerung des Lebens hülffe; also: daß die Alten diese Aepfel nur zum süssen Rüchen aufgehoben /nicht verspeiset hätten. Nachdem aber die klügere Welt gelernet: daß diese anfangs purperne / hernach Smaragdene / endlich güldene Frucht / welche funfzehn und zwantzig Pfund schwer würde / allem Reichthume des Herbstes vorzuziehen wäre / indem ihre Schale eine kräfftige Magen-Stärckung / eine heilsame Hertz-Erquickung / ihr Oel ein herrlicher Balsam der Spann-Adern / ihr weisses und saftiges Fleisch eine süsse Speise / eine Erquick?g des Magens / ihr saftiges Marck der Kern aller andern Speisen / und die edelste Artzney in der Welt abgäbe. Ohn diesen Safft schmecktẽ Fasaen / Austern / Phönicopter-Zungen und Skarus-Lebern nicht gut. Alle Süssigkeiten verursachtẽ ohne Zitronen Eckel; und aller niedlichen Gerichte Uberdruß; also daß in Persien geglaubt würde: man könte bey Zitronen weder erhungern noch erdürsten / sondern damit ohne einigen andern Beytrag auskommentlich leben. Hingegen leschten die zugleich kühlenden / trocknenden und eröffnenden Zitronen den Brand der Galle / zermalmten den Stein / vertilgten hitzund giftige Feber / leschten den Durst / dämpften die Trunckenheit / vertrieben den Schwindel / hülffen der Traurigkeit ab / verrietheten die Zauberey / verbesserten den Athem / verjagten die Motten / rotteten den Scharbock aus / und gäben das allerbewehrteste Gegen-Gifft ab; also: daß viel Aertzte in einer Zitrone mehr Hertzstärckung und Heilsamkeit / als in vielen Bezoar-Steinen / in grossen Hauffen Perlen / und in Mithridatens so berühmter Artzney gefunden hätten. Dahero ein zum Tode verda ter / welcher nur einen solchen güldenen Apfel vorher genossen / in Egypten aus der Gruben der giftigen Schlangen unbeschädigt entronnen[342] wäre. Die offt in einem Apfel befindlichen anderthalb hundert Saam-Körner widerstünden gleichfalls dem Gifte / heilten die Bisse und Stiche giftiger Thiere / erläuterten den Verstand / und ihr Safft stillte die Gicht-Schmertzen. Ja die aus dieser Frucht gemachten Träncke / Oele /Saltze / Eingemachte und Säfte wären unvergleichliche Labsale / und fast wider alle Kranckheiten unschätzbare Hülffs-Mittel; welche ohne den Thau der Morgen-Röthe den Tithonus bey lebhaftem Alter /ohne der Medea Kräuter den Jason bey einer unaufhörlichen Jugend zu erhalten vermöchten; wessentwegen diese Aepfel / derer Safft alle Tugenden aus dem Golde an sich züge / an sich selbst aber schätzbarer als Gold wäre / mehr hi lische als irrdische Ehre verdienten; massen denn auch die Göttin der Liebe sie und die Hesperischẽ Gärte ihr als ein Heiligth? für das liebste Reichthum ihrer Tempel für ein Pfand der Liebe / für das würdigste Hochzeit-Geschencke zugeeignet; die Spartaner mit Zitron-Zweigẽ ihrer Götter Bilder bekränzt / die Böotier ihre Aepfel / welche vom Jupiter zum ersten wären gesäet worden / dem Hercules geopfert / ja fast alle Völcker für Erfindung des Weyrauchs damit den Göttern geräuchert hätten. Käyser Julius hätte nach besiegtem Gallien als einer /der die Schrancken der Sterbligkeit überflogen / Palmen und Lorbern verschmähet / und einen Siegskrantz von Zitron-Laube aufgesetzt. Diesemnach wäre auch kein ander / als der Zitron-Baum den Siegs-Krantz hinweg zu tragen würdiger. Deutschland trat hiermit lächelnde herfür / und sagte: Die Natur hätte nichts umbsonst / und nichts unnützes gemacht. Auch der Eiben-Baum / dessen Schatten doch tödten solte /hätte so wohl als der giftige Scorpion und die tödtlichen Schlangen ihren Nutzen und Heilsamkeit an sich. Der Zitron-Baum aber wäre so vieler Lob-Sprüche werth; als seine Zweige Blätter trügen. Nichts desto weniger klebten ihm so viel Gebrechen, als offtmals seinem Augen-trieffenden Stamme schädliche Hartzt-Tropfen an. Nüchternen Magen wäre nichts schädlichers als sie. Sein gerühmtes Gold oder viel mehr Schwefel wäre so vergänglich: daß eine Zitrone die andere durch blosses Anrühren anfäulete; und in viele andere Wege ein Muster der flüchtigen Wollust fürbildete. Der Zitron-Baum eignete ihm ein frembdes Lob zu / wenn er die drey güldenen Aepfel in den Hesperischen Gärten / welches drey güldene Schafe gewest wären / für seine Frucht ausgäbe. Die heilsamsten Würckungen aber übten die Zitronen durch Beyhülffe des Weines aus; daher sie auch auf dem Feyer des Bacchus nur zu geringen Wurff-Bällen; und ihre Bäume an vielen Orten zu Zäunen gebraucht würden. Der Wein-Stock aber wäre allein der rechte güldene Baum. Daher auch die Persischen Könige in ihrem Schlafgemache / die Juden in ihrem Tempel einen güldenen Wein-Stock auf einem güldenen Berge / welchen Pompejus in seinem Siegs-Gepränge in die Stadt Rom geführt / gehabt hätten / umb dardurch auszudrücken: daß der Weinstock güldener als Gold wäre /alle andere Bäume gelobt zu werden verdienten / dieser aber keines Lobes bedürffte / sondern vielmehr den Ruhm aller Zungen überstiege.

Weil fast alle miteinander in Streit verfallenen Länder Wein bauten / liessen sie ihnen sä tlich gefallen den Wein-Stock mit dem strittigen Sieges-Krantz zu beschencken. Hierauff hegten die sechzig Bäume einen freudigen Lust-Tantz / darinnen ieder mit grosser Ehrerbietung den als einen König stets in die Mitte kommenden Wein-Stock verehrte. Die zwantzig streitenden Länder mischten sich in diesen Tantz mit ein. Weil aber sich ieder Baum zu seinem ihm das Wort redenden Vaterlande / und der Wein-Stock nebst der Eiche und dem Holder-Baume sich Deutschland zugesellete; entstand zwischen den Ländern ein neuer Zwist / und zückte[343] sich Arabien zum ersten herfür / welches Deutschlande fürwarff: daß in selbtem der anderwerts hergeborgte Wein kaum jung / hingegen der Wein-Gott selbst auf seinem von Wein-Reben trächtigen Gebürge Nisa auferzogen worden; also der Arabische Wein der beste / und also mit dem Siegs-Krantze alleine zu beschencken wäre. Egypten widersprach Arabien / meldende: Bacchus wäre von den Hyaden in Egypten ernähret. Denn was solte er in den durstigen Sänden Arabiens / wo auch geringe Stauden nicht gnungsamen Safft für ihre Wurtzeln an sich zu ziehen hätten / für Vergnügung gefunden haben? Dahingegen der saftige Bodem Egyptens eine rechte Amme des Wein-Stocks; sein bey dem See Mareja wachsender weisser süsser und wolrüchẽder Wein ein Kern alles andern; sein Täniotischer bey der Stadt Antylla aber ein flüssendes Gewürtze wäre. Syrien fiel ein: Arabien wäre zu dürre / Egypten zu sumpficht den Wein-Gott zu bewirthen; alleine des Bacchus Mutter wäre aus Phönicien gewest; und wüchse in Syrien der edelste Wein in der Welt unter dem Berge Libanus bey Biblanus / von denen Thracien seine wohlrüchende Wein-Säncker geborgt hätte. Eben so gut wäre sein Chebyllonischer Wein / von dessen fettẽ Reben-Safte die Persischen Könige allein hätten wollen geträncket seyn. Africa versetzte: Wäre des Wein-Gottes Mutter aus Syrien / da doch viel rechter die Cerauische Amalthäa dafür gehalten würde; so wäre der Vater aus Africa / nemlich der Libysche-A on. Bacchus hätte auch in Africa nach überwundenem Saturnus sein Reich / und seinem wahrsagenden Vater Ammon einen herrlichen Tempel aufgerichtet. Indien brach ein: Der Wein-Gott möchte zwar anderwerts gebohren und erzogen seyn; wiewohl auch Indien sich seiner Wiege rühmte; nachdem er aber die gantze Welt durchreiset / hätte er kein ihm anständiger Land / als Indien / auffinden können. In diesem hätte er 52. Jahr gewohnet und geherrschet / darinnen den ersten Wein angelegt. Griechenland wolte diß keines weges enthengen; sondern führte an: Bacchus hätte die Stadt Thebe zu seinem Vaterlande; Indien aber als ein feindliches Land / nur drey Jahr zu seinem Aufenthalte / und zu seinem Sieges-Platze gehabt. Da nun weder in Africa noch Indien einiger Wein / sondern dort nur wenig zum abtrocknen dienende Trauben wüchsen; die Indianer aber Wein aus Reiß kochten /und nur bey den Opfern zu trincken pflegten / suchten sie ihnen nicht ohne Vermässenheit den Ruhm des Weines zuzueignen. Griechenland aber wäre gleichsam von tausenderley Arten des edelsten Weines überschwemmet: Sein Thracischer Chersonesus prangte mit seinem über 200. Jahr tauerndem Maroneischem / Lesbos mit seinem bey Methymnus wachsenden starcken / mit seinem süssen Weine bey Mitylene; Thasus mit zweyerley / derer einer den Schlaf zuwege brächte / der ander vertriebe. Die Könige aller Weine in der Welt aber wäre der am besten verdeyende und keine Vermischung leidende Wein des Eylandes Chius / auf welchem der erste schwartze Wein gewachsen / und der unvergleichliche auf Jupiters Vaterlande Creta; gegen welchem Geträncke alle andere Weine gleichsam nur zum Fuß-Wasser tüchtig wären. Persien brach ein: Es wäre kein geistiger Wein / als der Persische; sonderlich der umb Persepolis und Marrasium; dessen Geruch / Farbe / und Geschmack allen Lobsprüchen zuvor / dem Wein-armen Indien /dem sich an seiner sauren Pferde-Milch vergnügenden Scythien wohl zu statten käme. In der Parthischen Landschafft Aria wüchsen drey Menschen Alter austauernde Weine / und in Margiana Wein-Stöcke /welche 2. Männer nicht umbarmeten / und auf diesen zwey Ellen lange Trauben. Scythien fuhr hierüber entrüstet heraus / die Menschen könten ehe des Weines /als der Milch entpehren; und sein aus[344] Honig bereiteter Meth / wie auch der aus Getreide gebrennte Wein /thäte es an Stärcke und Geschmacke vielem Trauben-Blute / wie die von Scythen entsprossenen Parthen es denen überwundenen Persen an Tapferkeit zuvor. Ob nun zwar die an seinem Boristhenes wachsenden Trauben keinen Wein trügen; so wäre doch ihr nordliches Ufer des Flusses Oxus und ihre Landschafft Sogdiana mit männlichen Reben trächtig. Serica nahm das Wort von den Scythen / und meldete: Wenn die Persen einmal seinen Reiß-Wein gekostet hätten /kriegten sie für dem besten Trauben-Safte Eckel. Jedoch wüchsen in Serica auch so köstliche Trauben /als irgendwo in Asien / welche sie aber nur dörreten /und wie Rosinen zu unschuldiger Speise verbrauchten. Sintemal sein mißbrauchter Safft / den doch etliche Völcker als eine Gott anbeteten / die Menschen in einen ärgern Stand versätzte / als in welchem die unvernünftigen Thiere wären. Diesemnach die so weisen Germanas in Indien sich ihr Lebtage klüglich des Weintrinckens enthielten / und andere aus Andacht selbten als eine beissende Schlange / als einen stechenden Basilisken / und als Drachen-Galle aus einer heiligen Andacht verschmäheten. Assyrien begegnete dieser Verachtung nicht ohne heftige Entrüstung: Dieses lieffe wider die Göttliche Wahrsagung / welche den Atheniensern den Bacchus als einen heilsamen Artzt göttlich zu verehren befohlen hätte; ja der gantze Erdkreiß wäre gleichsam wegen Erfindung des so heilsamen Weines den Bacchus / als einen wohlthätigen Gott / anzubeten einstimmig. Der Wein wäre ein rechter Götter-Tranck; daher auch die Assyrier / welche Syrien und andere Länder allererst die Weinpflantzung recht gelehrt hätten / ihren bey Babylon wachsenden unvergleichlichen Wein mit gutem Rechte Nectar hiessen. Mohrenland trat darzwischen und sagte: Die Mohren wären die ersten Menschen in der Welt / auch also die ersten Wein-Gärtner / die Sonne / welche andere Länder nur anschielete / Mohrenland aber mit geraden Augen anblickete / wäre die rechte Mutter des Weines; also könte dieser Sonnen-Safft nirgends als in Mohrenlande seine Vollkommenheit haben; massen denn auch der den Mohren an Schwärtze ähnliche Wein der älteste in der Welt wäre. Insonderheit aber rinnte in den benachbarten glückseligen Eylanden mehr des edelsten Weines als des Wassers / ungeachtet selbtes auch von Bäumen tröpfelte. Armenien versätzte: Das erdürstete Mohrenland / welches keinen Wein-Stock zu unterhalten Safft genung hätte / suchte sich mit seiner Nachbarschafft vergeblich zu behelffen / und möchte sich nur mit seinem Palmen-Weine vergnügen. Armeniens Gebürge hingegen wären die Quellen unzehlbarer Flüsse / und seine gegen Meden gelegenen Hügel die fruchtbarsten Wein-Gärte. Taprobane konte zwar sich keines Reben-Saftes rühmen / gleichwohl aber striech es sei nen aus den unreiffen Kokos-Nüssen rinnenden Wein / als den besten in der Welt aus. Aus seinem Eylande würden die edelsten Elefanten / für welchen sich alle andere ehrerbietig neigten / gezeuget; alldar wüchse allein der Zimmet und anderes Gewürtze; wer wolte nun zweifeln: daß auf diesem Paradise des Erdbodens das beste Geträncke wachsen solte? Zumal die Alten ihre besten Weine mit Würtze anzumachen und zu verbessern gepflegt hätten. Nichts aber hätte mehr Geist in sich / als der Zimmet / daraus eben so wohl /als aus Amomum und Casia kräfftigen Wein zu machen. Das Atlantische Eyland bestätigte: daß der Morgenländer Palmen-Kokos- und Gewürtz-Wein den Reben-Safft theils am Geschmacke / theils an Stärcke / theils an Heilsamkeit übertreffe; und wäre der Egyptier aus dem Baume Lothos / der Cyprier aus Feigen /der Griechen aus Myrten-Beeren / der Gallier aus Narden / der Syrier von Zedern / der Cilicier aus Isop gemachter Wein nicht zu[345] verachten. Aber auf seinem Eylande / welches hin uñ her 3. mal so grosse uñ süsse Trauben als irgend ein anders Land trüge / würden aus dreyen sonst nirgends in der Wrlt wachsenden Wurtzeln / Beeren / und Früchten so köstliche Träncke bereitet / welche die fruchtbarsten Weinländer als sonderbare Labsale von dar holen liessen. Gallien fuhr mit geruntzelter Stirne und feurigem Antlitze diesen letztern Ländern in Schild / und sagte: Sie möchten nur als Verwürfflinge des gütigen Himmels / welche den Abgang des Weines als des rechten irrdischen Nectars mit ihrem eitelen Kochwercke sich aus der Reyen der gesegneten Weinländer entfernen. Die Kunst wäre eine Magd und Aeffin der Natur / als einer herrschenden Frauen / und also kämen alle andere Geträncke dem Weine nicht näher / als die Meer-Katzen den schönsten Menschen bey. Unter allen Ländern aber wäre Gallien das Weinreichste. Die Liegeris und Garumna theilte der Welt so viel Reben-Safft mit: daß es das Ansehn hätte; sambt alle sein Wasser zu Weine würde; darunter ihrer viel so geistig wären: daß man sie mit vermischtẽ Wasser schwächen müste. Am Rhodan wüchsen die Wein-Stöcke so groß / als andere Bäume. An dem Lattarischen Seebusem bey des Domitius Marckte aber wüchse der edelste Muscaten-Wein in der Welt. Asien begegnete Gallien: Bey ihm wäre der Ursprung und das rechte Vaterland des Weines. Alle Arten wären dar im Uberflusse. Der Carynische beschämte alle schwartze süsse / der Perpyrinische alle schwartze herbe / der Tibecinische alle dinne / der vom Berge Tmolus alle goldfarbicht- und wohlrüchende Weine. Und Xerxes hätte die mehr dem Bacchus als Priapus gewiedmete Stadt Lampsacus seines edlen Weines halber dem tapferen Themistocles verehrt. Italien brach ein: Wie alle Reiche Italien unterwürffig worden wären; also hätten auch seine Weine die Ober-Herrschafft in der Welt behauptet; als in welchem Lande Bacchus und Ceres mit einander umb den Vorsitz stritten. Der einige Berg Gaurus trüge dreyerley Arten des edelsten Weines umb einen iedern Gaumen zu vergnügen. Jedoch übertreffe der Fundanische Wein noch den weltberühmten Falernischen in der Güte; der Amiclanische an der Tauerhaftigkeit. Der schwartze Calenische wäre der kräfftigste Magen-Wein; der Trebellische bey Capua der schmackhafteste; der Albanische und Pictanische der gesündeste; welchem letzteren die Käyserin Livia alleine ihr gesundes Alter zuschriebe. Die Rhetischen verdienten den Ruhm der grösten Anmuth; mit denen als den Kopf gar nicht einnehmenden sich Käyser August am meisten erquickte. Hispanien versätzte: Es hätten keine Gewächse mehr Verwandschafft mit einander / als Wein und Gold. Wie nun diß in seinen Gebürgen gleichsam quälle / und von denen angezündeten Wäldern seine Thäler mehrmals überströmet hätte; also wären auch fast alle seine Hügel Wein-Brunnen. Sein Tarraconensischer weisser wäre der männlichste / sein Illicitanischer rothe der süsseste und stärckste. Zu dem hätten gewisse Wein-Gewächse ihres Oeles halber eine solche Schwerde: daß sie darmit alle andere Feuchtigkeiten /wie das Gold alles andere Ertzt überträffe; und daher die damit gefüllten Fässer untersinckten. Ja die Hispanischen Weine hätten schon von Alters her den rothen für den König aller Weine erwehlet. Pannonien brach ein: Der rothe Wein möchte unter seinen Landes-Leuten sein Königreich behaupten; für seinem Wein-Oel aber sich verkriechen; welches / wie Pannonien an Uberflusse der Gold-Adern Hispanien weit überlegen wäre; auch nicht nur an der Farbe / sondern an Wesen und Tugenden das rechte flüssende oder trinckbare Gold fürbildete. Sintemal an dem Flusse Tibiscus so gar gantz güldene Stengel sich umb die geliebten Reben wie Epheu windeten; und das körnichte Gold offt die Trauben an statt der herben Körner füllte. Daher man mit seinem Saffte zugleich Oel /Gold /[346] Wein / ja einen rechten Lebens-Balsam genüsse; welchem denn auch das edle Trauben-Blut an dem See Peiso wenig an Kräfften / nichts aber an Anmuth bevor gäbe. Deutschland / welches dem Wein-Stocke unter allen Bäumen den Siegs-Krantz erstritten hatte /wolte selbten nunmehr auch unter den Weinen nicht aus den Händen lassen; fieng also an: Es wäre wahr: daß seine Nachbarin Pannonien allen andern Ländern den Wein-Preiß wegnähme. Sintemal alle andere Weine entweder zu wenig Feuer / oder bey ihrem grossen Feuer eine Eckel verursachende Schlüpfrigkeit /die Pannonischen Magen-Weine aber zugleich bey ihrer Stärcke eine Anmuth; bey ihrer Süssigkeit eine männliche Schärffe hätten. Sein Rhein-Wein aber wäre ein gantz neues / und allen Weinländern unbekanntes Geschencke des Himmels. Seine Stärcke entzündete nicht die Eingeweide; gleichwohl aber stärckte es die blöden Magen. Sein Geschmack wäre der lüsternden Zungen Vergnügung; gleichwohl aber umbnebelten sie nicht das Gehirne. Der alleredelste Pannonische Wein führte seinen den Sonnen-Staub wegstechenden Weinstein in das alleredelste Geäder zu Verursachung vieler Kranckheiten mit sich / der Rhein-Wein aber legte seinen an die Wein-Fässer an. Daher würde er wegen seiner nährenden und treibendẽ Krafft als der gesündeste und schmackhafteste auch in solche Länder verführet / derer Hügel nicht weniger vom Weine / als die Morgen-Röthe vom Thau trieffend wären.

Der Zwist dieser streitenden Länder hätte sich noch nicht geendigt / wenn nicht die grosse Königin aller Geschöpfe die Natur durch den vom Himmel flügenden Frieden einen Stillstand gebothen; und als die höchste Richterin diesen Ausspruch: Unter allen Bäumen verdiente der Wein-Stock; unter den Weinen der Rhein-Wein den Preiß / gefället; und hierauf Deutschlande einen von Weinlaube gemachten mit Golde umbwundenen / dem Wein-Stocke aber einen gantz güldenen Krantz aufgesätzt hätte. Alle Bäume neigten in einem Freuden-Tantze sich für dem Wein-Stocke; alle Länder für Deutschlande. Nach geendigtem Tantze aber verfügtẽ sich diese Sieger zu dem damal auf den Schauplaz gestelten / hernach aber in diesen Tempel versetzten Bilde des Bacchus; oder vielmehr des darunter fürgestellten Käysers August und Liviens; sätzten nach einem abermaligen Tantze beyde Kräntze diesen zwey Abgöttern auf. Also endigte sich des Drusus Schauspiel zur Vergnügung der Antonia / und die Erzehlung des Bacchischen Priesters zum Wohlgefallen der deutschen Fürsten.


Inzwischen als der Feldherr Herrmann / Hertzog Arpus / und andere theils sich ihees Sieges freueten /theils selbten zu einem Werckzeuge mehrer Vortheile anzugewehren vorsaanen; hieng der eiferige Tiberius seiner Trauersucht und Arglist nach / der Deutschen sieghaften Waffen einen andern Riegel als aufrichtige Gegenwehr fürzuschieben. Weil Tiberius nun wohl verstand: daß / wenn auch schon das Verhängnüß ein Reich drückte / doch das Glücke der feindlichẽ Zwytracht wieder auf die Beine hülffe; saan er auf nichts mehr / als zwischen die deutschen Fürsten einen Zanck-Apfel zu werffen. Der Feldherr und Hertzog Arpus hatten schon durch tausend Merckmale bewähret: daß sie den alten Haß der Catten und Cherusker der gemeinen Wohlfarth aufgeopfert hatten / und alle seine Scharffsinnigkeit war zu stumpf dieser vorhin gegen einander so sehr verbitterter Völcker verrosterte Feindschafft auszuwetzen. Die grossen Siege des Sicambrischen Hertzogs Melo / welcher bey des Quintilius Varus Niederlage nicht einst mit gewest war / nunmehr aber gleichsam spielende mehr / als alle andere deutschẽ Sieger durch ihr verspritztes Blut gewonnen hatte / veranlaßten ihn zu muthmassen: daß[347] Herrmann und Arpus seinen Gewiñ so vieler Festungen und die Vergrößerung seines Gebietes ohne neidisches Auge nicht anschauen / so selten aber wachsende Macht und Eintracht bey Bundsgenossen / als Zunehmung des Miltzes und Gesundheit anderer Eingeweide beysammen seyn könten. Sintemal viel Siege insgemein neue Kriege und Feinde erweckten / grosse Beuten aber einen so scheinbaren Glantz von sich würffen: daß sie auch denen Großmüthigsten in die Augen leuchteten / welche gleich nie umb was anders / als Freyheit und Ehre zu kämpfen gemeinet gewest. Diese Muthmassung war auch nicht gar ohne Grund. Denn dem Hertzog Arpus war nicht wenig daran gelegen: daß die vom Drusus für achtzehn Jahren vertilgten oder über den Rhein in Galien versätzten Sicambrer / und die für Zeiten von den Catten verdrungenen Tencterer und Sicambrer den Catten nicht möchten zu Kopfe wachsen; und diese fuhren mehrmals gegen ihren Hertzog durch Ungedult heraus: die Cherusker und Catten müsten die harten Nüsse der Römer aufbeissen; wormit die Sicambrer der Kerne genüssen möchten. Jene wären Uberwinder der Feinde / diese der Oerter. Diesen geringen Zunder wuste Tiberius unter dem Deutschen Krieges-Heere durch seine Kundschaffter meisterlich zu unterhalten: daß er fast täglich mehr zu gli en anfieng. In den Scharmützeln ließ er den Sicambern und Tencterern / wenn sich gleich Gelegenheit ereignete / keinen Abbruch thun /und die Gefangenen ließ er ohne Lösegeld frey. Ob nun zwar Hertzog Francke sich hierdurch nichts hindern ließ den Römern mit seiner geschwinden Reiterey einen Streich nach dem andern zu versätzen; und so wol Hertzog Arpus als der Feldherr des schlauen Tiberius ungewohnte Gütigkeit für Kriegs-Künste und Saamen des Mißtrauens hielten; ereignete sich doch eine Gelegenheit / welche beyden kein geringes Nachdencken verursachte. Nemlich es hatten der Feldherr und Hertzog Arpus für / mit ihren von bisherigem Siege muthigen Heere den Römern entweder zu Felde einen Hauptstreich zu versetzen / oder durch Eroberung der Festung Meyntz Deutschlande den gefährlichsten Dorn aus dem Fusse zu ziehen. Diesemnach ersuchten sie den Hertzog Melo / er möchte seine angegfangene Belägerung des Ubischen Altares / welche allem Ansehn nach viel Blut und Zeit bedörffen würde / unterwegen lassen / und seine völlige Waffen mit ihnen wider den Tiberius zu Ausmachung des Hauptwesens vereinbaren; oder zum meisten durch einen tieffen Einfall in Gallien die Römische Macht des Tiberius und Germanicus zur Trennung nöthigen. Malo aber antwortete: es wäre den Deutschen so wenig rathsam eine so starck besätzte Festung / als das Ubische Altar wäre / im Rücken zu lassen / als seinem Ansehn anständig die schon angefangene Belägerung eines gantz Deutschland mit Aberglauben vergiftenden Ortes aufzuheben. Wenn er aber dieses Wespen-Nest zerstöret haben würde /wolte er mit allen seinen Kräfften ihnen zu Hülffe kommen. Wiewol nun diese Antwort vorigen Argwohn vermehrete; brachen doch der Feldherr / Hertzog Arpus und die andern deutschen Fürsten noch selbige Mitternacht von Bingen / dahin sie auf beyden Seiten des Rheines alle ihre Macht versammlet hatten / unversehns auf / und hatten das Glücke zwey Römischen Heere von der Stadt Meyntz abzuschneiden. Sie behaupteten mit wenigem Gefechte auch einen so vortheilhaften Ort: daß hiermit auch alle Zufuhr auf dem Rheine der Festung / und den Römern das Hertze sie davon wegzuschlagen beno en ward. Tiberius war in sich selbst hierüber so viel mehr verbittert; well er diesen Streich selbst versehen / und den Germanicus mit seinen Legionen an der Nave die Trevierer zu bedecken befehlicht / auch sein eigenes Lager zu weit oberhalb Meyntz an den Rhein gehenckt hatte. Germanicus stieß zwar[348] hierauf alsofort zum Tiberius /aber beyde konten weder die Deutschen aus ihrem Vortheil locken / noch verwehren: daß sie durch Einwerffung grosser Eichen den Rhein oberhalb Meyntz unschiffbar machten / und die Stadt in nicht geringe Noth veretzten / weil die deutsche Reiterey noch darzu alle Strassen rein hielt; Hertzog Catumer auch etliche tausend Römer schlug / die in Meyntz mit Gewalt Vorrath bringen wolten. Unterdessen hatten zwey aus Hispanien beruffene Legionen mit zwantzig tausend Galliern sich vereinbart / und hatten bereit über die Maaß gesetzt umb das Ubische Altar zu entsetzen. Westwegen Hertzog Melo seinem Sohne schrieb: daß er mit der Tencterischen Reiterey seine Belägerung zu bedecken zurück über die Mosel kommen solte. Der Feldherr und Hertzog Arpus schöpften über dieser Abforderung ziemlichen Unwillen / weil sie darmit ihnen die Hoffnung Meyntz zur Ubergabe zu nöthigen zu wasser werden sahen. Weil nun eben selbige Nacht etliche deutsche Gefangene / die Tiberius mit Fleiß fahrläßig hatte bewahren lassen / aus dem Römischen Läger übergelauffen kamen / und berichteten: daß den Abend vorher Germanicus mit zweyen Legionen in möglichster Stille aus dem Römischen Läger gegen der Nave gezogen wäre / und dem muthmaßlichen Berichte der Römischen Kriegs-Leute nach / mit dem aus Hispanien kommenden Heere den Sicambrischen Hertzog für dem Ubischen Altare überfallen solte. Dieses ward bestätigt durch unterschiedene deutsche Reiterey / welche selbige Gegend ausgespüret / und von dar Gräserey geholet hatten. Solches bewegte die deutschen Fürsten folgenden Morgen dem Tiberius eine Schlacht anzubieten; Beredeten also den Hertzog Francke / welchem ohne dis bey jeder Gelegenheit zu schlagen das Hertze lachte /daß er mit seiner gantzen Reiterey der Schlacht abwarten wolte; weil er vermittelst des nunmehr in Deutscher Macht unterhalb Meyntz flüßenden Rheinstroms noch zeitlich genung seinem Vater zu Hülffe zu kommen vermeinte / der Feldherr auch nach verhofftem Siege mit zehn-tausend Cheruskern ihn zu begleiten versprach. So bald es tagte / führten die Deutschen ihr Heer aus dem Lager / und stellten es eine Meilweges davon gegen das Römische Lager in Schlacht-Ordnung. Tiberius that dergleichen; jedoch sätzte er sich theils auf eine sehr vortheilhafte Höhe /theils an einen sumpfichten Ort: daß die Deutschen /welche für Begierde zu schlagen brennten / nur an wenigen engen Orten die Römer angreiffen konten. Ob nun wol der Feldherr und Hertzog Arpus allerhand Erfindungen brauchten den Feind aus seinem Vortheil zu locken / die Deutschen auch hin und wieder durch zusammen geschleptes Reisicht sich mühten den Morast zu bähnen; war es doch durch keine Kriegs-Kunst möglich ihr Vorhaben weiter zu bringen; als daß es an dreyen Orten zu Scharmützeln der Reiterey gedieg / darinnen Hertzog Catumer und Francke ihre Löwen-Hertzen überflüßig zeigten / und der Römischen Reiterey grossen Abbruch thaten; jedoch sich zwischen die geschlossenen Römischen Legionen nicht vertieffen konten; weil das deutsche Fuß-Volck weder Platz noch Raum hatte über dem Moraste festen Fuß zu sätzen. Endlich aber behaupteten Fürst Siegesmund mit fünf-tausend Cheruskern / welche zwar bis unter den Gürtel durch den Schlamm wateten / einen vortheilhaftigen Hügel; daher der Feldherr alsofort das fürnehmste Cheruskische Kriegs-Zeichen / nemlich das Pferd pflantzen ließ. Worauf nicht nur die übrigen Cherusker daselbst geraumenes Feld zu gewinnen /sondern auch die Catten im lincken Flügel einzubrechen sich euserst und mit ziemlichem Fortgange bearbeiteten. Denn Hertzog Jubil erstieg mit zwey-tausend Hermundurern seitwerks und also / wo es ihnen die Römer nicht hatten träumen lassen / einen Hügel /darauf die Deutschen[349] gleichsam als auf Leitern klettern musten. Wie nun Graf Waldeck von vornen /Jubil auf der Seite die darauf stehenden sechs Fahnen Römer und zwölf der Gallier als zwey gegen einander blitzende Wolcken anfielen; wurden diese alsbald verwirret / zertrennt / und kurtz darnach über Hals und Kopf bis an die Stirne der Römischen Schlacht-Ordnung verfolget. Hertzog Arpus brachte alsofort seinen halben lincken Flügel auf diesen Berg / von dar er in einer sich nach und nach absänckenden Fläche dem Römischen rechten Flügel auf der Seiten in die Eisen gehen konte. Bey diesem vortheilhaftigen Streiche kriegte der Feldherr aus dem an Rücken gelassenen Läger die Nachricht: daß Germanicus mit seinen zweyen Legionen zwischen dem Deutschen Läger und der Stadt Meyntz durch einen besätzten Paß gebrochen / gegen selbter eine grosse Anzahl mit Lebens-Mitteln beladener Pferde und Esel geschickt / und sich recht gegen das Läger gesätzt hätte. Hieran war es noch nicht genung / sondern Hertzog Francke erhielt durch einen Tencterischen Ritter von seinem Vater Melo den Befehl: er solte ohne Verlierung einiger Zeit / und ohne Hindernüs der wichtigsten Ursachen / sich von seiner Rückkehr nichts hindern lassen. Deñ Marcus Junius Silanus hatte das Fuß-Volck der zwey Hispanischen Legionen zu Pferde gesätzt / und weil es eben folgenden Tag über die Ruhr setzen solte / käme ihm diese Macht unvermuthet über den Hals; und überdis würde ihm auch mit dem Uberzuge des Germanicus gedräuet. Es ist schwerlich zu ermässen; welchem unter diesen beyden Helden am meisten schmertzte: daß durch so unzeitige Zeitung ihrer Hofnung und Tapferkeit ein Zügel angelegt / ihrem Siege aber die Flügel verschnitten werden solten. Hertzog Francke / welcher den Cheruskern nun auch mit sei nem Degen Platz gemacht hatte den rechten Flügel über die Sümpffe zu bringen / stutzte / und wuste sich nicht bald zu entschlüssen: ob er seines Vatern Befehl / der bey den Deutschen als hochheilig ohne grausamste Schande nicht außer Augen gesätzt werden kan; oder dem heuchelnden Anfange seines Sieges befolgen solte. Das letztere rieth ihm seine feurige Tugend / das andere seine Frömmigkeit. Nebst dieser überlegte er vernünftig: daß mit einem guten Wurffe das veränderliche Spiel noch lange nicht ausgemacht wäre. Sintemal das Glücke in andern Dingen zwar einen Cameleon / im Kriege aber einen rechten Proteus und Wetterhahn fürbildete. Zudem hätten die Deutschen noch nicht einst erfochten: daß sie gegen den Römern mit gleicher Karte spielten; welche mitlerzeit ausruheten / als die Deutschen nur umb Erstreitung eines Raumes ihre Schlacht-Ordnung gegen sie zu stellen /alle ihre Kräfften erschöpften / und sich grösten theils schon aus dem Atheme gefochten hatten. Diesemnach ließ er den Feldherrn und den Cattischen Hertzog zugleich wissen: daß seines Vaters Befehl und andere wichtige Ursachen ihn nöthigten mit seinen Tencterern und Juhonen die Schlacht zu verlassen; also solten sie auf eine ehrliche Zurückziehung sinnen / da sie ohne ihn des Feindes Meister zu werden sich nicht getrauten. Er wolle aber / bis das Fuß-Volck wieder außer Gefahr wäre / mit seiner Reiterey den Römischen Einbruch möglichst verwehren.

Dem Feldherrn kam zwar diese unvermuthete Erklärung etwas bedencklich für / sonderlich wenn er sie neben die Nachricht legte: daß die Hispanischen Legionen sich gegen sie der Mosel näherten; also es mit dem Melo keine solche Noth hätte seine Hülffs-Völcker zur Unzeit abzufordern. Weil aber des Germanicus Durchbruch ohne dis ihm schon im Hertzen beredet hatte: daß im fall er nicht das Lager in Gefahr / ja beyde deutsche Heere zwischen Thür und Angel stecken wolte / dismal rathsamer seyn würde die Hörner einzuziehen / als zu verlieren; Daher war ihm zum theil lieb / daß er der Zurückziehung[350] seines Heeres eine ehrlichere Ursache / als seiner Kleinmuth zueignen konte. Also machte er dem Hertzog Arpus so wol des Tencterischen Hertzogs Entschlüßung / als den Einbruch des Germanicus zu wissen. Welche zwey Zufälle die unvermeidliche Zurückziehung ihrer Heere erforderte. Hertzog Arpus hatte mitlerzeit Hertzog Franckens Bothschaft mit höchster Ungedult gehört /und ihm schimpflich zu entbieten lassen: Wer zu feige wäre den Römern das Blaue in Augen zu sehen /möchte sich für ihnen in seiner Mutter Bauch verkriechen. Er wolte nach schon gekostetem Vorschmack mit seinen Catten diesen Tag den Sieg entweder völlig genüßen; oder auf der Wallstatt ehrlich begraben werden. Als er nun gleich vom Feldherrn vernam: daß Germanicus ihnen hinter dem Rücken wäre / hielt er es doch entweder für eine falsche Zeitung der Furcht /oder für eine Erfindung der Mißgunst; welche der Catten Ruhm beneidete: daß sie diesen Tag wider die Römer das beste gethan hätten. Diesemnach tobte und wütete Hertzog Arpus / und gab endlich dem dahin geschickten Ritter Kulenburg keine andere Antwort /als er solte den Feldherrn berichten was er sehe und hörte. Hiermit befahl er / daß der Graf Nassau mit seinen zum Hinterhalt stehenden sechstausend Catten fortrücken / und sich an die eine Römische Legion machen solte / welche Tiberius sich selbst zugeeignet hatte. Der Feldherr kriegte nicht so bald diese schlechte Antwort / als man ihm zugleich andeutete: daß die Tencterische Reiterey sich geschwenckt hätte /und über den Sumpf zurücke gienge. Der Feldherr machte ihm leicht die Rechnung: daß Hertzog Francke vom Hertzog Arpus gleichfals müsse verdrüßlich gemacht / und zu einer so nachtheiligen Entschlüßung veranlaßt worden seyn. Seinen hierüber erwachsenden Kummer; da ihre Zwitracht leicht nicht nur eine schwere Niederlage; sondern gar Deutschlandes Dienstbarkeit nach sich ziehen dörfte / verstellte er so viel möglich / vertraute also die Oberaufsicht des rechten Flügels dem Hertzoge Jubil mit der Verfügung daß er die Schlacht daselbst mehr mäßigen / als anzünden / und die Cherusker vom übrigen Eiver und Nachsatze zurücke halten solte. Hiernach rennte er selbst spornstreichs denen Tencterern zu; hielt dem erherbeten Hertzoge Francken beweglich ein: Er möchte die Wolfahrt Deutschlandes seiner Ungedult zur Rache nicht aufopffern; sondern seine Beleidigung dem gemeinen Wesen zum besten vergessen. Es wäre rühmlich mit Wolthaten / aber schändlich an Beleidigung andere überwinden. Niedrigen Gemüthern gienge das Unrecht / edlen aber nur Verdienste tief zu Hertzen. Also müste man jene überhin lauffen / diese einseigen lassen / und durch seine Tugend die Beleidiger selbst zur Reue bringen. Solte aber durch seine unzeitige Empfindligkeit den Deutschen einiges Unheil zuwachsen / würde es Hertzog Francke weder bey seinem Vater / der den Degen zuerst wider die Römer gezückt / noch weniger gegen sein Vaterland zu verantworten haben; welches von seinen Helden-Thaten ihm schon so viel gutes gewahrsaget hätte; widrigen falls aber sie ihn von nun an für einen Baum voller Blüten / aber ohne Früchte halten würden. Hiermit brachte es der Feldherr so weit: daß er die noch über dem Moraste stehende Reiter Stand halten / und das deutsche Fuß-Volck bedecken ließ. Er selbst machte auch umb die Römer zu verwirren an einem andern Orte solche Anstalt / und Bezeugung / als wenn er einen neuen Angrief vorhätte. Der Feldherr drang sich inzwischen zu dem in die Feinde ziemlich vertieften Hertzog Arpus durch / und beredete ihn durch seine Betheurung: daß Germanicus durchgebrochen / und des deutschen Lägers sich zu bemächtigen im Wercke begrieffen; also selbtes des Entsatzes höchstbenöthiget wäre; da sie nicht etliche tausend Besatz-Völcker /allen[351] ihren Lebens-Vorrath und Kriegszeug / ja bey einem unglücklichen Streiche / den der unverhinderliche Abzug der Sicambrer und Tencterer nebst der ihnen auf den Hals rückenden Macht des Germanicus ungezweifelt zuziehen würde / alle sichere Zuflucht einbüssen wolten. Hartnäckigkeit wäre das schädlichste Gift / worvon alle gute Entschlüßungen verwürffen und unzeitige Geburten des Verterbens ans Licht brächten. Hingegen hielten es die Deutschen für Klugheit nicht für Kleinmuth dem Verhängnüsse und dem Feinde zur Zeit weichen / wenn man nur das Hertze behielte bey besserer Gelegenheit selbtem wieder die Stirne zu bieten. Der den Deutschen an Mannschafft überlegenen Römer laulichte Gegenwehr wäre nicht so wol eine Zagheit / als Arglist des Tiberius; welcher sonder Zweifel das Treffen mit Fleiß verlängerte / und dem Germanicus zu seinem Fürnehmen so viel mehr Luft zu machen: Von den Catten würde gerühmt: daß sie zu Ausmachung des Krieges / andere Völcker zu Schlachten- Lieferung auszügen. Dieses hätte auch der nichts weniger kluge als tapfere Arpus allhier zu beobachten / und eine heilsame Ansichhaltung der eitelen Ehre eines schädlichen Sieges vorzuziehen. Ein aus dem Lager spornstreichs ankommender Catte gab mit seinem Berichte von Germanicus würcklichem Angriffe des Lagers des Feldherrn Rede einen solchen Nachdruck: daß Hertzog Arpus den Abzug willigte. Beyde Hertzoge wurden über der Art solcher Bewerckstelligung alsbald eines; und wuste der Feldherr so wol seine Cherusker über den Morast / als Arpus die Catten und Jubil die Hermundurer von dem Berge so behutsam zuruck zu ziehen: daß das meiste ehe / als die Römer diesen Entschluß merckten / und alles mit so guter Ordnung vollzogen ward: das die auf des schlauen Tiberius Befehl nachdrückenden Römer in ihre geschlossene Hauffen sich vergebens einzubrechen bemüheten. Weil das meiste Fuß-Volck neben sechs-tausend Cheruskischen Reitern gerade dem Lager zueilete / nam Hertzog Catumer und Francke mit der Reiterey / und Hertzog Jubil mit drey-tausend Hermunduren und so viel Catten auf sich der Römer und Gallier Vorbruch zu verwehren; welches diesem auserlesenen Volcke so viel leichter war; weil es den Feind nun eben so schwer / als anfangs die Deutschen ankam / die anfangs zu seinem Vortheil gehabte Höhen und Sümpfe zu überwinden. Weil aber Tiberius von des Germanicus glücklichem Einbruche und fernerem Vornehmen Wind kriegt hatte /spahrt er weder Müh noch listige Anschläge durchzubrechen; und gieng es zwar an dreyen Orten scharf genung her / nirgends aber schärffer / als wo Tiberius elbst die zwantzigste Legion / welche er für den Kern aller andern hielt / anführete. Gleichwol aber stand der unverzagte Jubil daselbst als eine Mauer / und musten ohne die Gallier / welche man vorher in die Sümpfe trieb / damit ihre Leiber den Römern zu Brücken dienten / über tausend auserlesene Römer /welche so wol mit dem Orte als Feinde zu kämpfen hatten / daselbst die Lachen mit ihrem Blute färben. Tiberius konte seine Ungedult hierüber kaum verstellen / ließ also auch die vierzehende Legion / welche von den grösten Thaten des Augustus / wie die zehende von des Käysers Julius berühmt war / herbey rücken / und auf der Seite den Angrif thun. Weil diese zwey Legionen mit einander umb den Vorzug eiverten; ward auch beyder Tapferkeit geschärffet / und war ihr Streit so viel verbitterter / weil die Catten und Hermundurer nicht halb so starck / als sie / waren. Hertzog Francke / welcher seine Reiterey wol an zwantzig Orten zur Besatzung der Sümpfe zertheilen muste / schickte zwar den Grafen Reckheim mit fünf-hundert Tencterern dem Jubil zu hülffe / welche den Hermundurern ein neu Hertze / den Römern neue Schwerigkeit machten / also: daß bey dem feurigsten Gefechte die[352] Römer doch eine halbe Stunde aufgehalten wurden / ehe sie disseits der Sümpfe den güldenen Adler der zwantzigsten Legion aufstecken konten. Weil nun die drey Hertzoge das deutsche Fuß-Volck in dreyen bereit verstrichenen Stunden schon nahe genung dem Lager zu seyn glaubten / hielten sie numehr mehr für vermessen als nöthig sich länger mit den Römern umb faule Pfützen und einen kahlen Berg zu schlagen. Dahero zohe Hertzog Francke auf der rechten / Catumer auf der lincken Seite die Reiterey gegen Hertzog Jubils Fuß-Volck / welches er numehr aus dem wäßrichten Gestrittig Fuß für Fuß zurücke zoh /und inzwischen / daß Catumer und Francke auf dem festen Bodeme der zwanzigsten und vierzehenden Legion mit der Reiterey den Kopf boten / brachte Hertzog Jubil seine Catten und Hermundurer / welche fast alle verwundet / jedoch nicht über zwey-hundert vermindert waren / zu Pferde; welche nach dem sie ihre letzte Wurff-Spiße den Römern vollends abgeliefert hatten / mit der andern Reiterey unter denen drey tapfersten Fürsten der Welt dem deutschen Heere in so guter Verfassung folgten: daß die Römische und Gallische Reiterey / nach dem die sich an den Nachzug der Tencterer hängenden Feinde mit blutigen Köpfen abgewiesen wurden / sie zu verfolgen keine Lust hatte; sondern sie nur mit dem gantzen Römischen Heere den Deutschen gemachlich nachzoh. Unterdessen war der vom Feldherrn vorangeschickte Fürst Siegesmund mit drey-tausend Cheruskischen Reitern /derer jeder noch einen Fußknecht hinter sich auf dem Pferde führete / zu rechter Zeit beym Lager ankommen; welches Germanicus mit der ersten Legion und acht-tausend Galliern stürmen ließ. Hertzog Marcomir that mit seiner kaum vier-tausend Mann ausmachenden Besatzung darinnen wol sein bestes. Weil der Sturm aber an dreyen Orten geschah / und also sein Volck zu sehr zertheilt werden muste / hatte sich Cäcina Severus schon der Nord-Pforte bemächtiget /und hinderte Marcomir durch eine inwendig gemachte Wagenburg und fast verzweifelte Gegenwehr der Römer völligen Einbruch. Hertzog Siegesmund eilte demselben Orte / wo das Getümmel und vermuthlich die Noth am grösten war / selbst zu; dem Grafen von Barby aber gab er ein Theil seines Volckes auf der andern Seiten die Belägerten zu entsetzen / oder ins Lager zu dringen. Siegesmund kam dem Cäcina nicht unvermuthet auf den Hals / sondern fand ein grosses Theil der Römischen Reiterey und sechs Fahnen Fuß-Volck neben drey-tausend Galliern die Stürmenden zu bedecken in Bereitschafft stehen. Nichts destoweniger fiel Siegesmund die Römische Reiterey / und Graf Schwartzenburg mit seinen abgeladenen Cheruskern das Fuß-Volck hertzhaft an; und weil beyde der Brücken des Lagers mit eusersten Kräfften zudrangen /vermischten sich die Deutschen und Römer so nahe mit einander: daß sie Schilde an Schilde / und die Degenknöpfe einander ins Antlitz stießen. Kein Verzagter hatte Platz eine Spanne zurück zu weichen; die Hertzhaften aber machten durch Erlegung ihres Feindes Raum / und auf seiner Leiche einen höhern Stand. Kein Verwundeter hatte Gelegenheit aus dem Gedränge zu kommen / weil ihm vorwerts der Feind begegnete / von hinten zu sein eigenes Volck fortstieß; also: daß jeder mehr im Zweykampf / als in der Schlacht fochte. Fürst Siegesmund vertrat nicht weniger die Stelle eines Kriegsmannes / als das Ampt eines Obersten. Schwartzenburg / weil er durch alle ihre Tapferkeit den Belägerten nicht geholffen sah / und die Römer von der Brücken zu verdringen für unmöglich schätzte / befahl zwantzig Friesen: daß sie mit Aexten in den gewässerten Graben des Lagers zu kommen trachten / der Brücke zuschwimmen / und selbte zernichten solten. Dieses verrichteten sie unter einem Friesischen Führer mit nicht wenigerm Glücke / als[353] Verwegenheit: Denn nach dem sie nur die Brücke erreichten / hieben sie unter selbter gantz sicher sechs Pfähle ab / wormit zwey Joch der Brücke mit den stürmenden Römern in Graben fielen / und dadurch den Stürmenden der Nachdruck ins Lager zu dringen abgeschnitten ward. Weil aber die schon ins Lager gedrungenen Römer den Deutschen an der Zahl fast zweymal überlegen waren / würde doch Schweiß und Blut ohne Nutz verspielet worden seyn / wenn nicht der Graf Barby tausend von Pferden abgesetzte Cherusker nach gegebenem Hülfs-Zeichen durch die aufgesperrte West-Pforte ins Lager Marcomirn zu Hülffe geschickt hätte. Dieser gewünschte Entsatz veränderte alsofort das Spiel. Denn an statt daß die Römer vorhin sich euserst bemühten ins Lager einzubrechen /hätten sie nun gerne den Krebsgang erwehlet; wenn nicht der behertzte Cäcina noch mit dem Kopfe durchzudringen vermeinet; und der abgebrochenen Brücken das Weichen gehemmet hätte. Also wetzete Schande und Noth der Römer / die Begierde des Sieges aber der Cherusker Schwerdter. Inzwischen traf Siegesmund mit seiner Reiterey auf die Gallier / Pannonier und Hispanier / welche die Sudseite des Lagers gegen den Grafen Stollberg stürmeten. Die Furcht vergrösserte die Anzahl der Deutschen in jener Augen /daher sie des Sturmes beyzeite vergaßen / und sich zu der in Bereitschafft stehenden halben fünften Legion flüchteten. Germanicus vernam alle diese Verwirrungen mit höchsten Unmuthe; und weil er von der auf einem Berg gestellten Schildwache benachrichtiget ward: daß viel deutsche Kriegshauffen dem Lager gerade zuzügen / hielt er für rathsamer beyzeite weichen / als hernach fliehen / ließ also vom Sturme abblasen. Der Abzug ward allenthalben leicht befolget / außer vom Cäcina / welcher gleichsam zwischen Thür und Angel schwebte. Nachdem aber Germanicus mit seiner gantzen fünften Legion dahin rückte / den Fürsten Siegemund also auf die Seite zu weichen zwang / bekamen die Römer Lufft den Brückenbruch mit dem ohne bis zu Füllung der Gräben bereiteten Reißichte auszufüllen; Cäcina aber sich Fuß für Fuß zurücke zu ziehen; weil die Enge des Ortes / die ihn anfangs hinderte / numehr zu statten kam: daß die Deutschen ihm nicht zu häuffig auf den Hals gehen konten. Germanicus / nach dem ihn seine zurück kommende Ausspürer einmüthig versicherten: daß das gantze deutsche Heer im Anzuge wäre / wuste fast nicht / was er von des Tiberius Beginnen urtheilen solte; und ob dieser neidische Mensch aus einer geheimen Herrschsucht ihn mit Fleiß in der Deutschen Hände zu liefern / oder zum wenigsten ihm einen guten Streich versetzen zu lassen angezielet habe. Dahero rückte er mit beyden Legionen und allen Hülfs-Völckern nahe an Meyntz an. Das deutsche Heer erreichte ohne den geringsten Anstoß sein Lager; allwo sie an etlichen tausend feindlichen Leichen die Tugend der zurück gelassenen Besatzung und des Fürsten Siegemunds erkenneten. Tiberius kam mit seinem Heere allererst bey sinckender Nacht eine halbe Meilweges von dem deutschen Lager an. Weil nun dieser daselbst ein Lager zu schlagen anfieng / wordurch das Deutsche gleichsam eingeschlossen ward; Hertzog Francke auch noch selbigen Abend mit seiner Reiterey aufzubrechen sich fertig machte / und die Hofnung Meyntz zu erobern durch den Germanicus zernichtet ward / wurden die sämtlichen deutschen Fürsten leicht eines umb Mitternacht mit dem gantzen Heere aufzubrechen. So bald das Fuß-Volck mit dem Kriegszeuge einen Vorsprung hatte / steckte die den Nachzug habende Reiterey das Läger in Brand; und kam die gantze Krieges-Macht zu Bingen an / sonder daß weder Tiberius noch Germanicus auf ein oder der andern Seite einigen Einfall zu thun sich wagen wolten.

Tiberius rückte folgenden Tag gleichfals[354] nach Meyntz; allwo der Ritter Stahrenberg ein Botschafter des Königs Marbod seiner wartete. Nach dreyen Tagen verlangte dieser vom Feldherrn und Hertzog Arpus Geleits-Briefe nach Bingen zu kommen / welche mitlerzeit ein Theil ihres Heeres über den Rhein gesätzt hatten / umb auf allen Fall der Römer Einbruch in das Gebiete der Catten zu verhindern. Ob nun zwar der Feldherr den König Marbod mehr für seinen Feind als Freund zu halten hatte / weil er ihm seine Gemahlin entführet / und von geraumer Zeit her mit den Römern in ein Horn bließ; unterließ er doch nichts den Gesandten aufs plächtigste zu empfangen. Dieser nam bey allen deutschen Fürsten / außer bey dem Hertzoge Jubil Verhör / welcher seine unversöhnliche Todtfeindschaft gegen den Marbod mit Ehren nicht ablegen konte. Sein Vortrag war: daß Segesthes frey gelassen / mit den Römern ein billiger Friede geschlossen werden möchte; darzu er den Tiberius geneigt befunden hätte. Diesen zu erlangen /würde kein Zweifel seyn / wenn die Deutschen den König Marbod für einen Mitler erkennen wolten / den sie ohne dis als einen Deutschen ohne Verachtung nicht verwerffen könten. Als die deutschen Fürsten hierüber rathschlagten / war keiner / welcher für rathsam oder ihm anständig hielt den Frieden schlechterdinges auszuschlagen. Sintemal die wilden Thiere nur aus einer blinden Feindschaft / vernünftige Menschen aber des Friedens halber mit einander Krieg führten; und da ihnen der Friede angeboten würde / welches man viel ehrlicher gäbe als annehme / könten sie desselben Vorschläge ohne Nachtheil hören. Den König Marbod / oder seine Bothschaft zum Mitler anzunehmen widerrieth Hertzog Siegesmund aufs allereivrigste. Sintemal er nicht nur gegen den Hertzog Herrmann die Waffen ergrieffen / sondern mit dem Tiberius jederzeit zum Nachtheile Deutschlandes unter dem Hute gespielet / und durch der Römer Hülffe ihm gantz Deutschland vollends dienstbar zu machen getrachtet hätte. Dieser behertzte Fürst bezeugte sich hierinnen so viel eivriger / damit es nicht das Ansehen hätte / als wolte er seinem Vater zum besten dem Vaterlande was schädliches rathen / und zur Rache seines eigenen Unrechts die allgemeine Ruhe zerstören. Hertzog Arpus aber fiel ihm bey / und führte an: es könten die deutschen Fürsten / derer alte Häuser auszurotten ihm gleichsam aus einer Staats-Klugheit obläge / nicht ohne ärgste Schande einen Fürsten-Mörder für einen Schiedes-Richter erkennen. Es wäre ohne dis allen die mitternächtige Welt beherrschenden Fürsten Schande genung: daß sie an statt der ihnen obliegenden Rache / worauf Asien und Africa die Augen weit aufgesperret hätte / ihre und aller Fürsten unter seinem Fürsten-Morde verborgen-liegende Beleidigung / anfangs nur zum Scheine und zwar ziemlich kaltsinnig geeivert / bald verstellet /und kurtz darauf vergessen hätten. Nunmehr aber solten sie ihn gar für einen Richter oder Schiedesmann erkennen; welches ohne für einen gerechten Mann zu erkennen nicht geschehen könte. Also wäre ihr Thun nichts bessers als die Mord-Lust auf den Richter-Stuhl der Gerechtigkeit erheben. Zudem wäre sein Friedens-Vortrag nur ein arglistiger Grief die deutschen Bündnüsse zu trennen / für ihn aber ein scheinbarer Fürwand / wenn man seine unbillige Bedingungen nicht annehmen würde / solches für eine Verschmähung anzunehmen / und sich an die Deutschen zu reiben. Hertzog Jubil aber war wider aller Vermuthen gantz widriger Meinung. Niemand / sagte er /hätte mehr Ursache als er / Marbods Fürhaben für verdächtig zu halten. Aber es wäre leichter mit einem Verdächtigen / als oft mit Freunden zurechte zu kommen / weil man im trüben Wasser ohne Bleymaaß nicht leicht einen Schritt fortsetzte / das klärste Wasser aber mit seiner Durchsichtigkeit uns oft seine Tiefe verhüllete. Sie[355] hätten den Marbod würdig geschätzt den Hertzog Ingviomer an ihn zu senden / und ihn ersuchen lassen mit in den deutschen Bund zu treten. Wie möchte sie denn nun Bedencken haben ihn jetzt zum Mitler zu leiden? Des Marbods Vermittelung schlechterdinges ausschlagen / wäre eben so viel als ihm den Krieg ankündigen / nichts aber gefährlicher als mit zwey mächtigẽ Feinden auf einmal zu thun kriegen. Hertzog Arpus fiel ihm ein / und sagte: Jubil redete mehr zu seinem Ruhme / als für das gemeine Beste. Denn weil niemand mehr als er Ursache hätte dem Marbod gram zu seyn / könte er durch keinen anderen Rath mehr Ehre aufheben / als wenn er für der gemeinen Ruh die Rache seines empfangenen Unrechts schenckte. Allein es bliebe einmal ein gefährlicher Stand für einen verdächtigen Richter rechten / wenn man schon nicht gezwungen wäre bey seinen Urtheln zu beruhen / sondern sich an einen höhern ziehen könte. Des Ingviomers bey ihm schlecht angewehrte Bothschaft solte ihnen billich eine Ursache mehrern Mißtrauens seyn; welchen er anfangs mit dem Winde oder blossem Geruche glatter Worte gespeiset / im Wercke aber bis jetzt nichts gethan / sondern vielmehr nur der deutschen Anschläge ausgekundschaft / und den Römern verrathen / ja wol gar den Fürsten Ingviomer gantz umbgekehrt hätte: daß man ihn von seinem Hofe nicht weg- und wieder die Römer in Harnisch bringen könte. Weil aber alle andere Fürsten dem Hertzoge der Hermundurer beyfielen; gab der Feldherr / welcher eine Stunde vorher in einem beweglichen Schreiben vom Hertzoge Ingviomer zu Annehmung dieser Vermittelung aus vielen wichtigen Gründen ermahnet worden war / der Frage diesen Ausschlag: Er sähe den König Marbod mehr als einen Widersacher / als Freund der Deutschen an /und traute er ihm nicht zu: daß er aus guter Meinung um Deutschlands Frieden bekümmert wäre. Nach dem aber Marbod gegen den Tiberius nicht weniger mißträulich / als die Römische Macht in Deutschland ihm sehr verdächtig wäre / könte es aus einer Staats-Klugheit Marbods Ernst seyn einen redlichen Frieden zu vermitteln. Sintemal einem Nachbar meist daran viel gelegen; daß ihrer zwey mit einander nicht kriegen /entweder daß die aus ihrer Kriegs-Fla e fliegende Funcken nicht auch seine Länder anzünden; oder daß einer den andern nicht gar verschlinge / und also dem Nachbar allzu gefährlich werde. Also schickte es Gott nicht selten: daß eines Feindes Schwerdt einem Krancken das Geschwüre öfnete / welches kein Artzt ihm aufzumachen getrauet hätte. Wenn aber auch gleich Marbod einen Schalck im Busem verborgen hätte; würden die Deutschen noch allezeit sich aus seinem Garne auszuflechten Vorsicht und Gelegenheit haben; weil sie ihn für keinen Schiedes-Richter / sondern nur für einen Mitler annehmen / der nicht wie Alexander mit seinem Degen den Gordischen Zweifels-Knoten zerhauen / sondern durch bewegliches Zureden und Anführung wichtiger Ursachen / welche in dem Rechte der Völcker / in der Billigkeit vernünftiger Leute /und auf dem daraus erwachsenden Nutzen gegründet wären / die Streitenden zur Eintracht bewegten. Weil diese nun ein so heiliges Ampt übernähmen / schiene es einer wilden Unart ähnlich zu seyn / wenn man aus dem einigen Vorwandte: daß der sich anbietende Mitler dem andern Theile geneigter wäre / selbten schlechter dinges verschmähete. Ihrer Freyheit würde dadurch nichts benommen; sondern es stünde bey ihnen: ob sie seine Ursachen für erheblich; seine Vorschläge für thulich achten wolten. In der Welt wäre keine schädlichere Armuth / als der Abgang treuer Mitler / welche so seltzam / als die Schadenfroh gemein wären. Hundert grosse Fürsten hätten sich zwar durch Rachgier gestürtzt; zehnmal[356] aber so viel: daß sich kein Mittel ihnen gezeiget mit Ehren nachzugeben / welches die bloße Anwesenheit eines Mitlers verhütet hätte; dem zu Ehren man etwas gethan / das uns doch unsere eigene Wolfahrt in geheim riethe /oder gar die Noth zu thun aufbürdete. Feuer und Wasser wären die ärgsten Feinde in der Welt; gleichwol aber liessen sie sich durch Mäßigung ihrer heftigen Eigenschaften vergleichen / und durch Vermittelung der Lauligkeit mit einander annehmlich vermählen. Diesemnach auch niemand an der Mögligkeit des Friedens zwischen den Deutschen und Römern verzweifeln solte. Derogestalt kriegte des König Marbods Bothschafter / welchem ein Gesandter von Ariovisten dem allererst in seine Herrschaft tretenden Fürsten der Allemänner mit gleicher Verrichtung folgete /gewünschte Antwort / und wurden Hertzog Melo und Ganasch ersucht / entweder selbst / oder durch Gesandschaften dieser allgemeinen Friedens-Handlung beyzuwohnen. Inzwischen reiseten Marbods und Ariovistens Bothschafter nach Meyntz zu dem Tiberius von ihrem guten Anfange Bericht zu thun; und so bald sie des Sicambrischen und Friesischen Gesandten Ankunft vernahmen / fanden sie sich zu Bingen mit Cäcinen als einem Römischen Bothschafter ein /und schlugen einen allgemeinen Stillstand der Waffen für. Hingegen schickten die deutschen Fürsten Gesandten nach Meyntz an den Tiberius; wormit der Römischen Hoheit nichts vergeben würde. Ob nun wol einige Deutschen sich hierzu unter dem Vorwand bereden ließen: daß bey einem erfolgten glücklichen Streiche die Sieger hochmüthiger / die Bedingungen schwerer / die Gemüther verbitterter / und also die Abkommen / darüber man viel Zeit und Mühe angewendet / krebsgängig gemacht würden: so gaben sich doch des Hertzog Melo und Ganasches Gesandten kurtz und rund an: daß ihre Herren nimmermehr in einigen Stillstand willigen könten. Ihnen wäre ohne dis die gantze Friedens-Handlung verdächtig genung: daß die Römer durch den schlimmen Marbod nur der Deutschen Anschläge und Kräften ausspüren; zwischen ihnen das Unkraut der Zwytracht sämen; durch die Friedens-Hofnung ihre Wachsamkeit einschläffen / sich aus Italien und Griechenland zu verstärcken die Stadt Meyntz fester zu machen / und das Ubische Altar den Sicambern aus den Zähnen zu reissen / Zeit gewinnen wolten. Zu geschweigen: daß die Römer mit einem einmal angefochtenen Volcke zu keinem andern Ende Friede machten; als daß sie hernach selbtes in seiner Sicherheit desto unversehner und vortheilhaftiger überfallen könten: Sie hätten der Deutschen Ruh aus Begierde des Krieges zerstöret; wer wolte sich nun von diesen blutdürstigen Leuten bereden lassen: daß sie aus Liebe des Friedens den Krieg beyzulegen gedächten? daß diese Lermenmacher der Welt derselben Ruh verlangten / welche glaubten: daß Rom in der Unruh steter Kriege / wie die Kinder in geschwenckten Wiegen ihren süssen Schlaf und Sicherheit erlangten? wäre also ein offentlicher Krieg besser / als ein verdächtiger Friede / und nichts schädlicher / als ein Stillstand; welcher zu nichts anderm diente / als daß der Feind Zeit gewäne seine Schwerdter zu wetzen und mehr Holtz zu einer ärgeren Kriegs-Flamme zusammen zu tragen. Bey diesem wurtzelten frembde Feinde in einem Lande nur mehr ein; Ihr unrechtes Besitzthum kriegte nach und nach einen Schein des Rechtes / und die Hartnäckigkeit wüchse frembde Gütter ihren rechtmäßigen Herren nicht wieder abzutreten. Wolte man diesemnach einen sicheren Frieden haben; müste man ihn unter dem Schilde schlüssen / und die deutschen Fürsten / wie die Griechischen Herolde / in der einen Hand einen Spieß / in der andern einen Stab des Mercur haben;[357] nicht aber die tumme Einfalt der Schafe an sich nehmen / welche durch Vorhaltung eines den Frieden abbildenden Oelzweiges sich / wohin man wolte / auch ins Feuer verleiten liessen. Andere hingegen lachte die Süssigkeit des Stillstandes nicht wenig an / und meynten: daß Melo nur aus Eigen-Nutz und Begierde das Ubische Altar vollends zu gewinnen / Ganasch aber aus einer unzeitigen Verbitterung den Stillstand und Frieden zu stören gedächten; also: daß desthalben nicht wenige Zwytracht zwischen den Deutschen hervor blickte; und der diß alles ausspürende Cäcina hierdurch bereit viel gewonnen zu haben meynte. Gleichwohl aber brachte der Feldherr durch sein Ansehen und vernünftige Einredungen alle Köpfe unter einen Hut; und ward der Stillstand von den Deutschen zu nicht weniger Verwirrung des Cäcina abgeschlagen; sonderlich als er vernahm: daß Hertzog Francke den Vortrab der zwey aus Hispanien kommenden Legionen überfallen / geschlagen / und sie biß an die Maaß sich zu ziehen gezwungen hatte. Cäcina ward hierüber nicht nur verdrüßlich; sondern befürchtete auch: daß Melo und Ganasch den Römern das gantze Spiel verterben / und ihr Absehen verrücken würde. Daher er sich durch Geld / wormit sich nun auch die Deutschen bethören zu lassen anfiengen / alle Heimligkeiten auszuforschen / und zwischen die Fürsten noch immer mehr Mißtrauen zu säen bemühete. Jenes gieng ihm unschwer an; weil bey den Deutschen über kleinen Dingen die Fürsten nur allein Rath halten / zu den wichtigsten aber auch die Priester und Hauptleute gezogen / oder diesen doch die vom Fürsten abgehandelten Sachen hernach fürgetragen / und sie meist des Nachts unter freyem Himmel / dahin sich iedermann leicht zuschleichen kan / erörtert werden. Dieses versuchte er dadurch auszurichten: daß Tiberius bey denen abgewechselten Besuchungen zu Meyntz des Feldherrn und Hertzog Arpus Gesandten eben die Ehre als König Marbods Botschafter / des Sicambrischen und Friesischen aber mehr nicht als einen Schritt entgegen gieng; den Ritter Schönberg des Hertzog Jubils Gesandten aber unter dem Vorwand: daß er zu Rom in Diensten des Cajus ihn beleidiget hätte / gar nicht für sich lassen wolte. Welches aber vielmehr eine Angel seyn solte / König Marbods Gewogenheit zu gewinnen. Melo / Ganasch und Jubil wurden dessen zeitlich benachrichtiget / und nahmen es für die gröste Beleidigung auf; also: daß die Friedens-Versa lung wäre zerrissen worden / wenn nicht Hertzog Herrmann und Arpus sich erkläret hätten: Sie verlangten für ihre Gesandten keine grössere Ehre und Tittel / als der andern deutschen Fürsten bekämen / weil sie an Uhrsprung und Würden einander gleich; auch niemanden als Gott und dem Degen eines Uberwinders unterworffen wären / und ieder für sich Krieg führen / Friede und Bündnüß machen könte / ungeachtet einer mehr Macht als der andere / und Herrmann wegen seiner Feldhauptmannschafft den Vorzug für allen hätte. Ariovistens Gesandter der Graf von Oettingen hielt beyden Theilen vernünftig ein: Die Zeit würde durch nichts unnützer verschwendet; die heilsamsten Friedens-Handlungen durch nichts öffter / und doch am unverantwortlichsten gestöret / als durch eitele Strittigkeiten über den Vorsitz / über einen Tittel / oder einem Tritte. Gleichwohl aber müste die Erfahrung /oder vielmehr etliche hundert tausend Menschen beweinen: daß die Gesundheit des gemeinen Wesens /nemlich der Friede / durch diese nicht einer Wasser blase werthe Eitelkeiten viel Zeit aufgezogen / oder wohl gar die kostbarsten Zusammenkunften durch das Gezäncke über diese Schalen zerrissen würden / da die Erörterung des Kernes nicht einst halb so viel Schwerigkeit gemacht haben würde. Die Deutschen und Römer hätten sich für Alters[358] umb diese Nichtigkeiten wenig bekümmert; sondern Zeit und Unkosten /welche andere zu unnützem Gepränge verwendet / zu Ausübung des Hauptwercks angewehret. Durch diese und andere bewegliche Einredungen vermittelte es auch der Gesandte dahin: daß Hertzog Jubil an statt des Schönbergs den Ritter Reußen zum Gesandten nach Meyntz schickte; und Tiberius / wormit er dem Feldherrn und Hertzog Arpus durch Minderung voriger Ehre nicht zu nahe träte / erklärte sich auf des Germanicus Zureden aller deutschen Fürsten Gesandten gleichmässige Begegnung zu erzeigen. Nach Beylegung dieses Streites spannete Tiberius durch des Marbodischen Gesandten Vortrag die Seiten so hoch: daß iedermann an einem Schlusse zweifelte; weil er die Wieder-Einräumung nicht nur aller am Rheine; sondern auch auf dem Gebürge Taunus und an der Lippe gelegener und verlohrner Plätze verlangete; und dadurch die Deutschen veranlaßte: daß sie durch den Alemannischen Gesandten das gantze Belgische Gallien biß an die Seene zurück forderten; weil desselbten Einwohner alle deutscher Ankunfft wären / und für Alters die weichen Gallier daraus vertrieben hätten. Weil kein Theil zum ersten von seinen Vorschlägen weichen wolte / gleich als wenn diß ein Bekäntnüß seiner Schwäche wäre; gieng mit vergebenen Handlungen / ungeachtet die Mittler an ihnen nichts ermangeln liessen / viel Zeit hin; also gar: daß der Feldherr das sehnliche Verlangen seiner Gemahlin Thußnelda endlich einwilligte ins Lager zu kommen. Unterdessen bat Marbods Bothschaffter ihm Erlaubnüß aus / in dem Rathe der deutschen Fürsten zu erscheinen; daselbst trug er ihnen für: Sie möchten doch sich zum Frieden geneigter / als zeither bezeigen. Wäre ihrer Tapferkeit ein und ander glücklicher Streich gelungen; so wäre doch das Glücke wetterwendisch / die Römische Macht unerschöpflich / alle Bündnüsse auch zerbrechlich. Ein einhäuptiges Heer taurte in die Länge eine dreymal stärckere Macht aus. Niemand nähme sich mit beständigem Eifer frembder Wohlfarth an; und aus Uberdrüssigkeit wäre diß / was aller seyn solte / niemandens. Hätte Carthago Hannons Rathe gefolget / und nach Hannibals bey Canna erlangtem Siege Friede gemacht / stünde es biß ietzt noch uneingeäschert. Wenn aber auch gleich die Deutschen ihr Bündnüß mit Diamantenen Ketten befestigt / dem Siege und Glücke aber die Federn ausgeropft zu haben vermeynten; wäre ihnen doch auch der Friede dienlich / weil sie ihn mit anständigen Bedingungen schlüssen / und das gewonnene befestigen könten. Verlangten sie nun einen beständigen Frieden / müsten sie den Römern nichts schimpfliches oder unmögliches zumuthen. Für diß aber legte es Tiberius nicht ohne Ursache aus: daß man an das schon vom Käyser Julius gewoñene Belgische Gallien Anspruch machte / worauf keiner unter den deutschen Bunds-Genossen jemals einig Recht gehabt hätte. Wenn man aber auch zugleich durch die Waffen dem Feinde einen harten Frieden aufhalsete; springe er bey erster Gelegenheit entzwey; weil sich iedermann einer beschwerlichen Last zu entschütten trachtete. Dahero Privernas dem Römischen Rathe unter die Augen gesagt hätte: Ihr Friede könte nicht lange tauren / wenn sie nicht einen erträglichen willigten. Gleicher gestalt hätte der Römische Rath alsbald den vom Quintus Pompejus und Mancinus mit Numantia gemachten Frieden zerrissen / weil er der Stadt Rom nicht anständig gewest. Wenn aber auch gleich die Deutschen diß Theil Galliens gewinnen könten / solten sie es ihnen nicht wüntschen. Denn sie würden über desselbten Eintheilung einander selbst in die Haare gerathen; und sie würden auf allen Fall zwar mehr Land zu vertheidigen / nicht aber mehr Kräfften haben. Deñ wie die gute Gestalt und die Stärcke eines[359] Menschen nicht von vieler Speise; sondern von guter Verdäuung eines wenigern herrührete; also machte nicht die gewaltsame Zusammen-Raffung unzehlbarer Länder /sondern derselben friedsame Erhaltung einen Fürsten mächtig. Diesemnach wäre sein treuer Rath: Die Deutschen solten Gallien Gallien seyn lassen / und ihr Deutschland in seinen Gräntzen für den herrlichsten Gewinn ihres Sieges schätzen. Die Deutschen wolten diesen Vortrag weder mit Zusammenschlagung schwirrender Waffen loben; noch mit einem Getümmel verachten; sondern alle verharreten in einem tieffsinnigen Stillschweigen; biß der Feldherr diesem wichtigem Wercke nachzusinnen versprach / und den Bothschafter ersuchte die Römer zu einem billichen Vorschlage nachdrücklich zu bereden / und ihnen einzuhalten: daß die Deutschẽ nicht wie die Asiatischẽ Völcker gewohnt wären ihnẽ Friedens-Gesetze fürschreibẽ zu lassen / noch auch die Fürsten sich für Abnehmung ihrer Länder zu bedancken. Starenberg versicherte dessen die deutschen Fürsten / und kam selbtem auch redlich nach. Denn er reisete noch selbigen Tag nach Meyntz; und redete dem Tiberius aufs beweglichste ein erträglichere Vorschläge auf den Teppicht zu werffen. Die Ordnung erforderte: daß wer den ersten Vorschlag gethan / auf erfolgte Gegenforderung selbten auch am ersten mässigte. Der gegenwärtige Krieges-Zustand wäre auch so beschaffen: daß den Römern der Friede so wohl nöthig / als anständig wäre. Jenes / weil die Deutschen durch bißherige Kriegs-Ubung so wohl die Waffen zu führen gelernet hätten; als sie von Geburts-Art darzu geschickt wären. Dahero es nicht rathsam wäre mit einem ungeübten Feinde lange Krieg zu führen / und dardurch sein Lehrmeister zu werden. Dieses / weil die Römer nach der grossen Niederlage des Varus schon wieder so viel Ehre aufgehoben und erwiesen hätten; daß es ihnen weder an Macht noch Hertze mangelte den Deutschen die Stirne zu bitten. Uber diß gienge Käyser August auf der Grube; nichts aber wäre gefährlicher / als bey Veränderung eines Herrschers in grosse Kriege eingeflochten seyn. Viel nur auf des Augustus Tod wartende Länder würden so denn die Larve ihres scheinbaren Gehorsams vom Gesichte ziehen / und den Römern die Klauen weisen; welche ietzt / da alle andere Völcker gleichsam in der Dienstbarkeit eingeschlaffen wärẽ / mit halb Deutschland alleine alle Hände voll zu thun hätten. Er wüste zwar: daß Rom den Schild zu seiner Wiege / den Spieß zu seiner Kinder-Tocke gehabt hätte; und daß diß die beste Nahrung gäbe / was anfangs auch zu der Geburt geholffen hätte; daß der Stadt Rom mehr die langen Röcke / als die Pantzer-Hembde geschadet; daß unter dem Geräusche der Waffen alle guten Künste aufgewachsen; und also die Römer mit mehr Recht / als Athen seine Pallas im Harnische abzubilden Ursache hätte: Aber des klugen Numa und des friedsamen Augustus Beyspiel lehrten: daß / wie es in der Welt nöthig wäre / bald regnende / bald verschlossene Wolcken zu haben /also auch den Römern nöthig sey des Janus Tempel wechsel-weise zu sperren und aufzuthun. Es wäre schon sechs und sechtzig Jahr: daß Käyser Julius sich an Deutschland gemacht hätte; der Gewinn aber zahlte nicht den hundersten Theil des Verlustes an Blut und Gelde; da doch Tiberius allzu wohl verstünde /wie wenig den Römern an unfruchtbaren Kriegen gelegen wäre / sonder sie nicht leicht einen entschlossen hätten / wenn nicht selbter ein Bergwerck gewesen wäre / dessen oberste Adern nur Eisen / die untersten aber Gold und Silber ausgegeben hätten. Daher der vorsichtige August fast allemal mit Unwillen an den Deutschen und Partischen Krieg kommen / und selbten einer kostbaren / aber unfruchtbaren Fischerey mit einem güldenen Hamen verglichen hätte /[360] Tiberius selbst hätte für wenig Tagen gestanden: Er wäre nun das neundte mal in Deutschland / hätte aber iedes mal mehr durch klugen Rath / als mit grosser Macht ausgerichtet. Dieses solte er nun durch Mässigung der Friedens-Vorschläge bewähren. Denn es wäre keine grössere Klugheit / als die Räder seines Gemüthes mit denen des Glückes zugleiche stille halten und zusammen herum gehen lassen. Denn ohne Waffen gebohrnen Menschen wäre nichts anständigers / als diß zu erkiesen / was am süssesten zu hören / am sehnlichsten zu wünschen / am nützlichsten zu besitzen; ja der rechte Gesundheit-Stand des menschlichen Lebens wäre / nemlich den Frieden / welchem die Römer / als einer Gottheit Tempel und Altäre aufgerichtet hätten. Und also ihn Tiberius / als ein so kluger Fürst nicht verschmähen könte; wenn er auch gleich den Sieg schon in Händen hätte. Mit einem Worte: Er solte behertzigen: daß die Lorber-Bäume nur unnütze Beeren / die Oel-Bäume hingegen nützliche Früchte trügen. Durch diese bewegliche Einredungen und ofters hin und her reisen des Marbodischẽ und Ariovistischen Gesandten kam es endlich dahin: daß Tiberius alles auf der Ost-Seite des Rheines vergessen / die Bataver in ihrer Freyheit ohne einige Schatzung zu lassen; die Deutschen hingegen nichts über der Saare und unter der Mosel nichts über der Maaß zu besitzen sich erkläreten. Wegen derer an der West-Seite des Rheines gelegenen Festungen aber blieben beyde Theile als unbewegliche Felsen stehen; also: daß die nunmehr so weit gebähnte Seite endlich zerspringen wolte; insonderheit aber verhärtete den Hertzog Melo die nunmehr erfolgende Ergebung des Ubischen Altares; welchen weder die anderwertigen Einfälle der Römer / noch der schon halb vorbey gerückte Winter / noch die verzweifelte Hartnäckigkeit der Belägerten von der halbjährigen Belägerung dieser Festung abzuziehen vermocht hatte. Denn weil daselbst Käyser Julius zum ersten mal solte in Deutschland übergesetzt haben /und dem Käyser August ein Tempel mit reichlichen Einkommen für die Priester / darzu nur Fürsten und der älteste Adel kommen konte / gestiftet war / hatte der auch die Menschheit selbst überwindende Aberglauben die Gemüther der Menschen derogestalt besessen: daß sie umb die Gottheit ihres alldar angebeteten Käysers / und die Beschirmungs-Macht seiner Heiligthümer nicht zweifelhaft zu machen / fast alle menschliche Gegenwehr thaten. Melo hingegen bildete ihm ein: daß er keines seiner Länder sicher besitzen könte / wenn durch Gewinnung des Ubischen Altares ihm nicht der Dorn aus der Zehe gezogen würde. Dieser Vorsatz überwand jene Hartnäckigkeit; also: daß nachdem alle Waffen der Römer zerbrochen / alle Vertröstungen des Entsatzes zu Wasser worden waren / sie die Ubergabe willigten / und ihnen nichts als Augustens ertztenes Bild mit sich wegzuführen bedingeten. An dieses hatten sie bey wehrender Belagerung mit langen von den Stadt-Mauren hergehenden Seilen diese Festung / wie die Epheser ihre vom Crösus belagerte Stadt der Diana / als einen Schutz-Gotte angebunden. Bey dem Abzug aber führten sie dieses Bild auf einem vergüldeten Wagen mit güldenen Ketten angebunden weg. Diesemnach die Römer von den Deutschen mit ihren gefässelten Göttern auffs schimpflichste gespottet und gefragt wurden: Ob sie ihren Gott August zu dem in Tyrus angebundenen Hercules / oder zu dem in Sparta angeschmiedeten Mars / oder neben den wegen besorgter Flucht in Bley verwahrtem Steine zu Lyzicus setzen / oder mit der angepflöckten Venus der Lacedemonier vermählen wolten? Ob des Käysers Augustus Bilder so flüchtig /als des Dädalus wären? und ob dieses ihnen auch Bürgen gesetzt: daß / ehe es nach Trier käme / und daselbst in einen steinernen Mantel eingehüllt würde /nicht entkommen würde? Wenig Tage[361] darnach kam die Hertzogin Thußnelda mit der Königin Erato und anderm vornehmen Frauenzimmer bey dem Altare des Bacchus an; und gebahr auf den nechsten Morgen zu unbeschreiblicher Freude des Feldherrn und gantz Deutschlandes einen Sohn. Die hierüber auf dem Gebürge Taunus und Rhetico angezündeten Freuden-Feuer waren nicht zu zehlen; nach derer Beyspiele von denen Catten / Hermundurern und Cheruskern ihre Berge gleicher gestalt mit Feuern bekrönet wurden / umb nicht die letzten in der Erfreuung zu seyn; ungeachtet die Rheinländer dißmal den Vorzug in Wissenschafft der Freude hatten. Das allbereit wegen strengen Winters in die Dörffer vertheilte Kriegsheer zohe sich wieder zusammen / umb durch allerhand Waffen-Ubungen die Geburt dieses Cheruskischen Sta -Erbens zu feyren. Unterdessen aber ließ der Feldherr seinen Sohn den Tag nach der Geburt die Druydennehmen / und aus einem Schiffe dreymal in den Rhein-Strom tauchen. Alle deutsche Fürsten und Cäcina / welcher wegen des Tiberius und Germanicus dem Feldherren über dieser Geburt Glück wünschte /wohneten dieser Badung bey; und weil ihm diese bey so rauher Winters-Zeit allzu unbarmhertzig fürkam; fragte er einen Druys: Ob dieses nur wie bey den Thraciern / Jazygern und Spartanern zu zeitlicher Abhärtung ihrer Kinder; oder wie bey denen dem Rheine zulauffenden Galliern zu Prüfung des rechten Ursprunges geschehe; weil dieser Fluß die geheime Eigenschafft haben solle / die Huren-Kinder zu verschlingen / die ehlich gebohrnen aber nicht untersincken zu lassen? Der Druys lächelte hierüber und sagte: Das letztere hätten die Deutschen nicht zu untersuchen / bey denen der Nahme des Ehebruchs fast unbekant; das Werck aber bey Fürstlichen Häusern ein unerhörter Greuel / nicht aber wie an vielen wollüstigen Höfen ein Zeit-Vertrieb aufgeweckter Gemüther wäre. Das erstere wäre auch nicht das eigentliche Absehen; wiewohl kein Volck mehr als die Deutschen der Verzärtelung ihrer Kinder gram wäre; so gar / daß man der Strengigkeit und denen Bemühungen nach schwerlich des Herren und seines Leibeigenen / eines Fürsten und eines Burgers Kinder unterscheiden könte. Das reiffere Alter machte so denn allererst unter den Edlen / oder vielmehr die Tugend des Standes Unterscheid. Cäcina war noch begieriger die rechte End-Ursache dieses Kinder-Badens zu wissen /hielt also umb derselben Entdeckung ferner an; welchem der Druys antwortete: Weil die Eintauchung vom Priester geschehe / könte er ihm leicht die Rechnung machen: daß diese Abwaschung ein heiliges Geheimnüß seyn müste. Er möchte nur nachdencken: warumb die Römer ihrer Götter Bilder so offt in der Tiber badeten? warumb bey den Griechen die für todt gehaltenen und wiederkommenden / bey den Juden die büssenden / bey den Egyptiern die Priester sich und ihre Kleider so offt wüschen / und warumb die Brachmanen ihre Leichen wohl zwantzig Tage-Reisen weit zu dem geweyhten Ganges-Flusse / dessen Wasser niemals faul und stinckend werden / noch Würmer bekommen soll / führten / umb selbige darinnen für ihrer Verbrennung zu reinigen? Die meisten aber unter diesen Leuten steckten in dem irrigen Aberglauben: daß das irrdische Wasser einen gewaschenen von Mord / Ehbruch / Diebstahl und andern Lastern reinigte; also sie schön genung würden nach abgewaschenen Füssen in die grösten Heiligthümer zu gehen. Nun wäre allerdings wahr: daß die menschliche Seele durch die Laster viel abscheulicher / als der Leib vom Staube und Kohte besudelt / und zugleich der Leib der Ehbrecher mit dem Schaume der Geilheit / die Faust des Mörders mit dem Blute der Unschuld / des Diebes mit dem Peche ungerechten Gutes besudelt würde. Diese euserlichen Glieder könten ja wol mit Wasser abgewaschen werden / keines weges aber die Seele; welche zwar in dem Leibe als in einer Hütten /aber[362] nichts leibliches ist. Sie hat keine Grösse / keine euserliche Sinnen; daher kan sie nicht gefühlt / nicht betastet / nicht gewaschen werden. Weil aber die Seele nicht den gantzen Menschen machte; sondern sie mit dem Leibe viel fester / als ein Mann mit seinem Weibe vermählet wäre / und sie ihn daher inniglich liebte / liesse sie sich verleiten: daß sie seinen Reitzungen folgete / und durch Erniedrigung zu Wollüsten und andern viehischen Handlungen / mit welchen der Leib eine Verwandschafft hätte / sich aufs heßlichste verstellete. Wormit aber die viel edlere Seele nicht geringerer Beschaffenheit als der Leib seyn möchte; hätte Gott ihr so wohl als den Gliedern ein Reinigungs-Mittel verschaffet / welches aber ihrer Eigenschafft gemäß / und also wie die Seele geistig und unsichtbar seyn müste. Wormit es der gleichsam in ein Vieh verwandelten Seele durch eine neue Geburt ein neues Wesen zueignete. Dieses unsichtbare Mittel aber müste den Augen des Leibes durch etwas sichtbares / wie die Gedancken durch Schrifft und Buchstaben fürgebildet werden. Zu solchem euserlichen Zeichen wäre nun nichts geschickter als wegen seiner Reinigkeit das Wasser / wie dieses den Leib von Unflate sauberte; also tilgte die Gnade des grossen Gottes / der reineste Tau seines allereinfältigsten Wesens alle Schwärtze der Seelen. Wie das durchsichtige Wasser die Eigenschafft hätte das Licht der Sonnen anzunehmen; also verliere eine von Gott erleuchtete Seele alle geistliche Finsternüß. Wie das Wasser Kräffte hätte die Glieder zu kühlen; also leschte der Einfluß Göttlicher Gnade den Brand fleischlicher Lüste / und erquickte die in dem Feuer-Ofen der Anfechtung schmachtende Seele. Bey so gestalten Sachen wäre unschwer das Geheimniß gegenwärtiger Kindes-Eintauchung auszulegen; und zu urtheilen: daß das Wasser ein blosser Rechen-Pfennig wäre / der den verborgenen grössern Schatz nur andeutete / nicht aber begrieffe. Cäcina hörete dem Druys nicht nur mit Verwunderung / sondern mit einer heftigen Regung seines Hertzens zu / und fing nach einem tieffsinnigen Stillschweigen an: Wie ko t es aber: daß ihr Deutschen die erst neugebohrnen Kinder alsobald waschet? welche noch keine Würckung des Verstandes / keine Freyheit des Willens /weniger das Vermögen haben sich mit Lastern zu besudeln? Der Druys antwortete lächelnde: Ob er ihm einbildete: daß der neugebohrnen Kinder Seelen weniger mit dem Gifte ihrer elterlichen Unart / als ihr Leib mit dem Blute ihrer Mütter befleckt wären? Die jungen Schlangen / ehe sie starck genung wären iemanden zu stechen / hätten ihr Gift schon in ihren Zähn-Blasen / und die jungen Eiben-Stauden in ihrer Wurtzel / ehe sie noch Aeste und Laub iemanden zu über chatten bekämen. Nicht anders verhielte es sich mit der Seele der Kinder / welche nicht rein seyn könte /wenn der Eltern ihre unflätig gewest wäre. Ihre Zeugung könte nicht ohne fleischliche Lust geschehen. Die Neigung zu den Lastern steckte in noch ungebohrnen Kindern / wie die Flamme in den Feuer-Steinen / ungeachtet sie noch weder Verstand noch Willen hätten solche zu begehen. Und daher solte er sich nicht wundern: daß die Deutschen Gott so zeitlich umb die Reinigung ihrer Kinder Seelen anrufften. Diese kurtze Unterredung gab Cäcinen so viel Vergnügung: daß er bey währender Friedens-Handlung die Druyden mehrmals heimsuchte / und sich aus ihren sinnreichen Lehren so viel mehr erbaute / weil er von seinen Priestern / welche ihre Heimligkeit auf die blossen Schalen euserlicher Opfer gründeten / derogleichen tiefsinnigen Kern niemals genossen hatte. Auf den siebenden Tag lud der Feldherr alle Gesandten und Bothschafter in einen nicht allzu weit von des Bacchus gelegenẽ Eichwald; darinnen er 7. Ochsen für den neugebohrnen Sohn / 7. Küh für seine Gemahlin zum Reinigungs- und 7. Wieder für das Wachsthum seines Sohnes zum Wuntsch-Opfer schlachten und verbrennen ließ; und daselbst[363] nach deutscher Art am siebenden Tage seinem Sohne den Nahmen Thumelich zueignete. Welche Zahl der Tage die Athenienser ebenfals / die Römer aber den achten bey der Tochter / den 9.ten bey der Söhne Benennung beobachteten. So bald der Feldherr sich des Nahmen halber erkläret; eileten hundert Druyden solchen in so viel heilige Eichen einzuschneiden / welche sonst bey der Straffe ewiger Verfluchung von keinem Eisen berühret werden dorfften. Aller Wuntsch gieng dahin: daß dieser junge Fürst diese Bäume an Alter und Grösse überwachsen; und wie diese für der Sonnen-Hitze; also er für allem Unglücke ein Schirm des Vaterlandes seyn solte. Eben dieses erfolgte so bald die Post dahin kam / in allen heiligen Heynen der Cherusker /und in dem Tanfanischen Tempel; wo alle Nahmen der Cheruskischen Eingebohrnen / wie zu Rom in dem Saturnischen Tempel von den Vorstehern des gemeinen Schatzes nicht unbillich aufgezeichnet wurden / weil die Mannschafft ein köstlicher Schatz / als Gold und Silber der Länder ist. Unter den Cheruskern war keiner so arm / der nicht ein weisses Thier über diese Geburt schlachtete / sein Haus mit Tannen-Laube kräntzete / etliche Tage angerichtete Tische bereitete und den grossen Gastmahlen der Stände zuvor kam. Massen denn auch der Feldherr an dem Tage /da er seinen Sohn nennte / und folgende Nacht dem gantzen Kriegsheere ein Mahl ausrichtete / für alles Volck offene Taffel hielt / und mit allen Fürsten und Gesandten sich durch ein zwar reichliches / iedoch nach gegenwärtigem Kriegs-Zustand und ohne Uberfluß ausländischer Seltsamkeiten angestelltes Gastmahl ergetzete / welche die Verschwendung nur wegen ihrer Kostbarkeit / nicht wegen ihrer Güte herfür sucht. Die Barden vergassen hierbey nicht ihre Glücks-Wünsche und Loblieder; und hatten sie insonderheit an des neugebohrnen Fürsten Geburts-Stunde als ein besonderes Zeichen seines Aufnehmens angemerckt: daß er gleich ans Licht kommen / als wenig Augenblicke vorher die Sonne in Steinbock getreten war / und also nach der längsten Nacht den Anfang zu Verlängerung des Tages machte. Diesemnach sie für dem Hause / darinn Thußnelda und Thumelich lag; eine zugespitzte Säule aufrichtetẽ. Auf ihrer Spitze stand eine Hi els-Kugel / in welcher die ein Kind in ihrem Kreisse habende Sonne in das Zeichen des güldenen Steinbocks trat. Auf der einen Seite dieser Säule war eine grosse Sonne und in derselben Mitte eine kleinere Sonne gemahlet. Darunter war in den Absatz geschrieben:


Sonn' / Ehbett und der Thron sind den Gefärthen feind;

Die Feindschafft aber ist auf Kinder nicht gemeynt.


Auf der andern Seite war ein gestirnter und mit einer güldenen Krone bekräntzter Steinbock zu sehen / und in dem Absatze zu lesen:


Der Steinbock ward von Gott dem Thumelich zum Licht erkiest;

Weil er die Sonn' erhöht / der Fürsten ihr Geburts-Stern ist.


Auf der dritten Seite war eine Ehren-Pforte / und auf selbiger der gistirnte Steinbock gebildet / durch welches auf dem Sonnen-Wagen eine geflügelte Seele gegen dem Saturnus-Sterne in die Höhe rennte; an dem Absatze war aufgezeichnet:


Des Himmels Steinbock ist der Sonn' und Seelen Thor

Durch welches beydes sie sich schwingen hoch empor.

Weil Herrmann nun die Sonn' und wir die Seelen sind /

Muß beyder Glücks-Thor seyn diß edle Steinbocks- Kind.


Auf der vierdten Seite stand abermals der Steinbock mit seinem Fisch-Schwantze wie Pan sich für dem Riesen Tiphon verstellet haben soll. Alle Sternen waren in ihm wie dem Himmel nachgebildet / und in desselben Kopfe die aufgehende Sonne / im Schwantze ein untergehender Schwantz-Stern zu schauen; an dem Absatze aber folgende Reimen zu lesen:


Fisch / Sonn' und ein Comet schickt sich zusammen nicht /

Doch stehn sie auf einmal in dieses Steinbocks Zei chen.

Sie steigt im Haupt empor / er muß im Schwantz' erbleichen.

Die Sonn' ist Thumelich / August das thu e Licht.[364]


Unten umb den Fuß dieser Seule fiel des Nachtes nachfolgende Schrifft durch ausgehölete und von dem darunter verborgenen Feuer erleuchtete Buchstaben denen Anschauern in die Augen:


Des Unglücks lange Nacht / die Deutschland hat bedeckt /

Und länger hat gewährt; als wo die Sternen Bären

Mit eitel Eiß und Schnee schneeweisse Bären nähren /

Ist nun / Gott Lob! vorbey / und Rom ein Ziel gesteckt.

Die Sonne / die zeither hat Deutschland aufgeweckt

Aus seinem tieffen Schlaf / und abwischt unsre Zehren

Läßt eine neue Sonn' uns aufgehn und gebehren.

Wenn hat vor eine Sonn' je Sonnen ausgeheckt?


Die neue Sonne tritt auch mit dem Steinbock' ein;

Weil sie den güldnen Tag' in Deutschland wird verlängen.

Nun wird August mit Rom für ihm die Flügel hengen;

Der Steinbock wil nicht mehr des Käysers Glücks- Stern seyn;

Nun er den Thumelich auf seine Hörner nimmet.

Kurtz: diesem ist das Reich / und jenem's Grab bestimmet.


Der Feldherr schöpfte aus allen diesen Freuden- Zeichen / als Merckmalen ihrer eivrigen Gewogenheit / eben so wol / als aus dem göttlichen Geschencke seines Sohnes grosse Vergnügung. Wiewol nun das Volck der Barden Gesänge und Schrifften für unfehlbare Wahrsagungen annahmen und dem Käyser August schon gleichsam sein Begräbnüs bestelleten; befahl doch der Feldherr die aufgerichtete Seule unter dem Vorwande: daß er selbte nach Deutschburg verschicken wolte / bald mit dem Tage abzubrechen; weil er es bey fürhabender Friedenshandlung nicht für rathsam hielt die Römer als gehofte Freunde durch unfruchtbare Beleidigungen zu erheben; und weil es ihm gefahr- und bedencklich schien Unterthanen zu verhängen: daß sie auch nur über frembder Fürsten Thun urtheiln oder von ihren künftigen Zufällen Wissenschaft haben sollen. Sintemal diese Erlaubnüs insgemein so fern einreißt: daß sie hernach auch über ihres eigenen Hauptes und Vaterlandes Glücke ihre eitele Wissenschaft gegen das abergläubische Volck ausschütten. Dahero die Römer eine Wahrsagerin aus der Stadt verwiesen / welche sich unterstand den Sieg des Marius wieder die Cimbern zu verkündigen; und die bloße Nachfrage bey Zauberern oder Sternsehern über des Käysers Leben ist ein halsbrüchiges Laster. Die Cherusker waren auf noch viel andere Erfindungen bedacht / wordurch sie den Feldherrn ihrer hertzlichen Vergnügung über ihrem Erb-Fürsten versichern möchten / aber Hertzog Herrmann verhinderte alle kostbare Anstalten selbst mit dieser Erklärung: daß nur die Heucheley / nicht seiner Unterthanen ihm allzu wol bekennte Liebe / so viel euserlichen Firnses bedörfte; und so wol Zeit als Unkosten nützlicher zu Dienste des gemeinen Wesens / als zu übrigem Gepränge / sonderlich bey Kriegs-Zeiten angewendet würden.

Die Freude über diesem jungen Fürsten der Cherusker verursachte keine Hindernüs in der Friedenshandlung / sondern seine Geburt gab vielmehr eine kräftige Beförderung desselbten ab. Denn das Cheruskische Hauß hatte geraume Zeit nur auf vier Augen bestanden / nemblich dem Feldherrn / und Hertzog Ingviomern / also: daß vieler böse Hofnung es schon halb für verlohren gehalten hatte. Nicht aber macht einen Fürsten verächtlicher als der Mangel der Erben; wie der grosse Alexander selbst hierüber sich beklagte. Weil nun hingegen ein Fürst durch seine Kinder sich gleichsam als einen Unsterblichen der Welt fürstellt / sind diese nicht unbillich für eine Schutzwehre des Hofes / für ein Bollwerck des Reiches / und für einen Ancker der Herrschafft zu halten. Die Unterthanen werden durch sie im Gehorsam mehr befestigt; die Nachtbarn aber haben mehr Scheue für einem vererbten Hause. Diesemnach denn dieses noch schwache Kind dismal der stärckste Mauerbrecher in Gewinnung des hartnäckichten Tiberius war: daß selbter alles verlohrne am Rheine zu vergessen sich erklärte /außer das Ubische und des Bacchus Altar / welche[365] nunmehr von dem Römischen Reiche unabreißlich wären / nach dem die Römer schon darinnen ihrem Käyser Tempel gebauet hätten. So wol Ariovistens /als Marbods Gesandten billigten diese endliche Friedens-Erklärung der Römer / welche sonst sich der gantzen Welt zum Gelächter / ihren vergötterten Käyser aber zu einem Maul-Affen machen würden / wenn sie zu ihrer ewigen Schande seine Tempel zur Verunehrung in ihrer Feinde Hände lassen solten. Sie selbst hätten ihnen nimmermehr eingebildet: daß die mächtigsten Römer / für derer dräuen die Welt mehr / als die Erde vom Donner erzitterte / so viel nachgeben solten. Und hätten die Deutschen hierbey sich mit Warheit zu rühmen: daß kein Volck in der Welt mit dem noch nicht einst halb-wachsenen / zu geschweigen dem nunmehr auf den höchsten Gipffel gestiegenen Rom jemals einen so ehrlichen und vortheilhaften Frieden gemacht hätten. Die deutschen Fürsten / insonderheit aber der Feldherr / und des Sicambrischen Hertzog Gesandter / wolten sich zu Abtretung dieser zwey Festungen durchaus nicht verstehen / und Hertzog Arpus drang noch mit aller Gewalt auf die Einräumung der Stadt Meyntz / welche den Rhein und Meyn bemeisterte. So lange diese Fessel ihren Strömen angebunden wären; könte sich Deutschland in Freyheit zu seyn nicht rühmen. Aus dem Ubischen Altare hatten die Römer ihren Gott August nach Trier schon abgeführet; und aus Baecherach wolte der Feldherr dem Tiberius das Bild des unter der Gestalt des Baechus vermummeten Käysers gerne verehren. In die Tempel aber begehrten sie kein Götzen-Bild eines vergötterten Menschen zu setzen; weil das unbegreifliche ihres einigen Gottes nicht von der gantzen Welt / weniger von einem Steinhauffen verschlossen werden könte. Zudem wäre die deutsche Freyheit älter /als diese verdächtigen Heiligthümer der Erden / welche sie für nichts bessers ansehen könten / als die zwey Tempel der Phönicier auf Gades / und der Zazynthier am Dianeischen Vorgebürge in Hispanien gewest wären / mit derer Andacht beyde Raub-Völcker ihre Herrschsucht bekleidet; selbte hernach in Kriegs-Schlösser verwandelt / und die einfältigen Hispanier untergedruckt hätten. Alleine die Mitler und Römer hatten hierzu taube Ohren. Tiberius sagte: man würde ehe die zwey Angelsterne im Himmel verrücken / als ihn von beyden Altären abwendig machen. Er beklagte sich hierbey selbst gegen die Mitler: daß sie mit vertrösteter unfehlbarer Beliebung der Deutschen / ihn zu einer ohne dis so verkleinerlichen Nachgebung verleitet hätten. Dieses zwang die Gesandten den Deutschen diesen unannehmlichen Vortrag zu thun: weil Tiberius mehr denn zu viel gethan; die deutschen Bunds-Genossen aber den Römern einen schimpflichen Frieden abnöthigen wolten / oder vielmehr hinderten / woran doch dem Könige Marbod und Hertzog Ariovist so mercklich gelegen wäre; müsten ihre Herren diese ihnen so gefährliche Flamme selbst leschen helffen. Tiberius wolte nun zwar auch zurück. Aber sie gäben beyden Theilen noch eine Bedenck-Frist von einem Monat die von den Mitlern für billich geurtheilte Bedingungen anzunehmen / oder zu verwerffen. Dis aber wäre König Marbods und Hertzog Ariovistens gemäßene Erklärung: daß sie sich sodenn zu dem willigen nach Zulassung des Völcker-Rechtes schlagen / und den sich widersetzenden zu einem andern Frieden zwingen helffen wolten. König Marbod hätte zu dem Ende schon sechzig und Ariovist zwantzig tausend Kriegs-Leute in Bereitschafft. Der Feldherr antwortete: Man würde hierüber sich berathen / nimmermehr aber glauben: daß Marbod und Ariovist / als Deutsche wider Deutsche / für die allgemeinen Feinde der Welt den Degen zücken / und durch ihrer Nachbarn Graus den Feinden eine Brücke in ihre eigene Länder hähnen würden. Hertzog Melo und[366] Ganasch kamen gleich selbigen Tag nach Bingen / und schoß ihnen zwar über dieser verdrüßlichen Zeitung das Blat; gleichwol aber trachteten sie zu behaupten: man könte ohne Verlust aller durch so viel Siege aufgehabener Ehre / welche gegen mehrere Festungen unschätzbar und unwiederbringlich wäre /kein Haar breit weichen / noch von dem gewonnenen was wiedergeben. Ein guter Ruf wäre die Seele des Krieges und die kräftigsten Spann-Adern eines Heeres. Die ewige Saate der Waffen müste auf einmal durch die Waffẽ mit Strumpf und Stiel ausgetilget werden / daß sie nicht wieder auswachsen könte. Daher wäre des Pompejus Macht gleichsam wie Butter an der Sonne zerflossen / so bald Käyser Julius ihm nur diese durch Verminderung seines grossen Nahmens zerschnitten hätte. Marbods und Ariovistens Dräuungen schienen allein Schreckenberger zu seyn; weil Kinder und Thoren sich nur durch Dräuen / verschmitzte Leute aber / wie sonderlich der verschlagene Marbod wäre / sich stillschweigend rächeten; beyde auch wol verstünden / und aus gegenwärtiger Dienstbarkeit der mit den Römern wider die andern Gallier kämpfender Heduer sich zu spiegeln hätten: daß sie durch ihre Hülffe wider die Catten und Cherusker ihnen das Messer selbst an Hals sätzten. Hertzog Arpus / Jubil / Siegesmund / Marcomir / und andere aber fiengen an zu wancken / und wendeten ein: In allen Verträgen müste jedes Theil etwas von seinem Rechte nachlassen / also auch die Sieger von ihrem Gewinn. Dis wäre die Eigenschafft aller Friedenshandlungen / also könte es ihrem Ruhme nichts abbrüchig seyn / den sie in gegenwärtigem Kriege erworben / und die Römer gelehrt hätten: daß Deutsche nur von Deutschen überwunden werden könten. Zudem müsten Fürsten eben so wenig nach dem Urthel des Pöfels Friede machen / als Heerführer nach dem Gutdüncken der Kriegs-Knechte Schlachten liefern. Beyder Pflicht wäre wider den gemeinen Ruff mit unverrücktem Fusse stehen bleiben. Daß Marbod und Anovist ihre Nachbarn bis auf den Untergang zu verfolgen gemeint seyn solten / wäre freylich wol nicht zu befürchten / aber dis in allewege: daß sie durch ihre Waffen den Römern einen Fuß am Rheine erstreiten helffen würden; weil Marbod den Catten und Cheruskern weniger gutes / als einigem frembden Feinde zutraute. Fürnemlich wäre auf der Waagschale der Klugheit wol abzuwiegen: ob das Ubische und Bacchus Altar wol für die Müh lohnte noch einen vieljährigen Krieg zu führen / oder Deutschland in Gefahr zu stürtzen; und insonderheit rathsam umb das mehrere zu behalten wenig zu verlieren / endlich ehrlicher etwas gutwillig fahren / als es ihm mit Gewalt aus der Hand wünden lassen. Der Feldherr aber / welchem die Abtretung des Bacchischen Altares wegen seines daselbst gebohrnen Sohnes gleichfals tief ins Gemüthe stieg; wolte sich hierüber nichts erklären /sondern verschob den Rath auf eine andere Zeit. Deñ weil er gewohnt war so wol seine Gefährligkeiten und Bekü ernüsse gleichsam zu versiegeln / hielt er noch nicht rathsam mercken zu lassen / wo ihn der Schuch drückte; besonders weil er dem Hertzog Melo keinen geringen Unwillen ansahe / und er sich verlauten ließ: Er wolte ehe alle seine Länder mit dem Degen in der Hand verlieren / als ein Dorf aus weibischer Furcht verkauffen. Inzwischen suchte der Feldherr Gelegenheit denen Mitlern recht an Puls zu fühlen: ob die Seite nicht weiter zu dehnen seyn möchte. Er suchte alles euserste herfür sie zu gewinnen / und hielt ihnen ein: daß das Ubische Altar die rechte Hertz-Ader des Fürsten Melo / welche die Sicambrer und Tencterer zusammen knüpfte / das Bacchische Altar aber die Geburts-Stadt seines Sohnes wäre; also jenem ans Hertz / ihm an Augapffel gegriffen würde. Die Gesandten konten die Wichtigkeit seines Einwurfs[367] nicht läugnen; entdeckten aber dem Feldherrn vom Tiberius: daß er gesagt hätte; es wäre ihm beydes einerley: ob die Deutschen das Ubische Altar behielten / oder ein neuer Brennus Rom wieder einnehme. Also wäre es nur vergebens ein Wort darüber zu verlieren. Wegen des Bacchischen Altares aber wolten sie ihr euserstes thun noch einen Schlüssel zu solcher Schwerigkeit zu finden.

Eben selbigen Tag kam Hertzog Ingviomer mit wenigen Edelleuten gantz unvermuthet zu Bingen an. Der Feldherr und alle Grossen empfiengen ihn mit ungemeinen Freuden; Er aber gab zu verstehen: daß eine Sache von grosser Wichtigkeit die Ursache seiner Ankunft gewest wäre / und nunmehr einer reiffen Berathschlagung seyn müste. Der Feldherr redete anfangs etwas weniges in geheim mit ihm; worauf er den Hertzog Arpus / Melo / Jubil / Catumer / Siegesmund /Marcomier und die andern Fürsten in Rath beruffen ließ. Daselbst fieng Hertzog Ingviomer folgenden Vortrag an: Ich bin bey meiner ersten Ankunfft vom Könige Marbod mit grosser Ehrenbezeigung empfangen worden. Dieser bezeugte damals über der Deutschen Siege nicht nur absonderliche Vergnügung; sondern machte mir auch so wol durch offenherzige Vertröstungen / als durch neue Völcker-Werbung /und andere Krieges-Anstalten so scheinbare Hofnung / die Römer von dem Dohnau-Strome zu vertreiben; daß ich in meinem Hertzen Deutschlande schon über seiner Eintracht und Siegen tausend Glück wünschte. Zwar stieß ihm die Wegnehmung der ihm von ihrem Vater Segesthes versprochenen Thußnelda etliche mahl nicht ohne Unmuth des Hertzens und tief geholete Seufzer auf; gleichwol aber erklärete er sich: daß er seines erlittenen Unrechts halber die Freyheit Deutschlandes nicht in Gefahr setzen wolte. Gemeine Leute möchten die Rache allein unter ihren Gewiñ rechnen; vernünftige aber glauben: daß wenn Gott für jemandens Sicherheit Sorge trüge; die Anschläge menschlicher Rache zu Wasser würden. Fürnemlich aber stünde Fürsten nicht an die allein seiner Person /nicht aber seiner Würde und dem Reiche angefügte Beleidigungen mit dem Blute seiner Unterthanen und mit dem Schweisse des unschuldigen Volckes auszuleschen. Er ließ eines seiner Kriegs-Heere auch gegen Carnuntum / das andere gegen der Emße fortrücken /also daß die Römer selbst alle Tage sich des würcklichen Einbruchs besorgten. Und ob zwar Marbod nicht ausschlug / sondern gegen die Römer Dräu- und Vertröstungen derogestalt mit einander vermischte: daß sie ihn weder für ihren Feind noch Freund zu halten wusten; wuchs doch den Deutschen Bunds-Genossen dieser Vortheil zu: daß sie die an der Donau stehende Legionen an Rhein zu ziehen nicht wagen dorfften. Servilius kam als Bothschafter des Käysers zwar zu Maroboduum mit grossen Geschencken und grössern Versprechungen an / ja es traten die Römer ihm die zeither streitige und bey Zusammen-fließung der Donau und Ems gelegene Festung Lauriach ab; gleichwol konten sie von ihm die Abführung seines Kriegs-Volckes vom Donau-Strome nicht erhalten. Sintemal König Marbod jederzeit entgegen verlangte: daß die Römer auch ihr Kriegs-Volck von Carmut und Bejodurum abführen solten. Weil er ihnen umb so viel mehr / als sie ihm zu mißtrauen / Nachbarn aber aus bloßer Besätzung der Gräntzen keinen Argwohn zu schöpfen Ursach hätten. Ob ich nun zwar alle Erfindungen in der Welt gebrauchte: ja seine denen Römern stets über Achsel seyende Tochter gewaan ihrem Vater vielmal der Deutschen Freyheit zum besten ein und anders beyzubringen / und ihn zum Kriege wider die Römer zu bewegen; hielt er doch diese meist mit Schertz-Reden / mich mit allzeit fertigen und scheinbaren Entschuldigungen auf; niemanden[368] aber schlug er etwas rund ab. Dahero Servilius ihn mehrmals dem Queck-Silber / welches sich schwer einschlüßen und aufheben läßt; ich aber einem mit dem Schwantze gehaltenen Aale vergliech. Nach dem aber die Deutschen am Meyne dem Tiberius einen zweyten Streich versätzten / Bingen und Bacharach eroberten; insonderheit aber Hertzog Melo einen Sieg über den andern erhielt / und durch so viel gewonnene Städte seine Macht so sehr vergrösserte; ward die Eyversucht beym Marbod über seine bisherige Kaltsinnigkeit Meister. Denn als ich ihm die Eroberung der Stadt Novesium zu wissen machte / antwortete mir Marbod: ich wünschte / daß Melo so wol im Siege Maaß zu halten / als zu siegen wüste. Von selbigem Tage an gieng er mit dem Servilius vertrauter und öffter umb / als vorher; gegen mich aber ward er zwar nicht kaltsinniger als verschlossener. Mein Argwohn machte mich hierüber nicht wenig unruhig /reitze mich also so viel mehr hinter diese verdächtige Verträuligkeit zu ko en. Ich versäumte keine Gelegenheit mit dem Könige und seinen geheimsten Räthen zu reden / durch allerhand Gespräche und viel entfernte Fragen ihr Urthel über der Deutschen Siege /der Römer Zustande und des Servilius Handlung heraus zu locken; bald den August zu loben / bald des Tiberius Türckische Eigenschafft zu schelten; zuweilen von einem Frieden Fürschläge zu thun. Ob nun zwar keine Verstellung so künstlich ist: daß sie sich nicht zuweilen vergißt / und der Firnis sich von dem falschen Grunde abschälet; wuste ich doch aus allem wenig gewisses zu lesen / ungeachtet ich alle vermeinte Nachrichten wie Stücke eines zerrissenen Briefes zusammen klebte / bis mir endlich eine heilige Egeria durch diese Nachricht ein Licht aufsteckte: es hätte Marbod den Servilius versichert: daß er zwar ihm den Käyser nicht vorschreibẽ lassen könte / wo er seine Kriegs-Heere hinlegen solte; dis aber solte er dem August und Tiberius berichten: daß so lange die Römer keine Festung zwischen dem Rheine und Meyne belägerten / keiner seiner Kriegs-Leute wider die Römer einen Degen zücken solten. Diese Erklärung / wie verborgen sie mir gleich zugebracht ward /war ein heftiger Donnerschlag in meinem Hertzen; daher ich kein Auge etliche Tage zumachen konte /bis ich einen scheinbaren Vorwand ersonnen hatte /dem Könige Marbod und seinem Hofe nach Celemantia zu folgen / und denen arglistigen Anschlägen des Servilius zu begegnen. Sintemahl ich bereit den Tag für Marbods Erklärung bey ihm die Abschieds-Verhör genommen hatte. Diesem meinem Vorhaben kam der an mich mit Schreiben vom Feldherrn geschickte Ritter Blumenthal gleich zu rechte: daß ich dem Könige einige neue Vorträge thun / und nach Celemantia mit reisen konte. Daselbst aber erfuhr ich noch bestürtzter: daß eine im Noricum gestandene Römische Legion zu Samulocenis über die Donau gesätzt hätte / und durch das Alemannische Gebiete sich dem Rheine und Meyne zuzüge. Meine dem Marbod hierüber geführte Beschwerde / worbey ich anhieng: daß er dem Verlaut nach den Servilius versichert hätte wider die Römer keinen Degen zu zücken / machte ihn etwas stutzig; bald darauf aber fragte er: woher ich diese Nachricht hätte? Ich schützte nun zwar fürr die Geheimnüsse hätten einen so heftigen Zug durch den ängesten Ritz sich aus ihrem Kerker frey zu machen; als der Menschen Vorwitz einen Kitzel in der Fürsten Rathstuben zu gucken. Die am wenigsten von verborgenen Anschlägen redeten / machten sie am geschwindesten durch ihre Einsamkeit / und am deutlichsten durch ihr Stillschweigẽ kund. Machte man denn von Nothwendigkeit ein Ding als ein Geheimnüs zu verschweigen viel Wesens / verriethe sich es so viel ehe durch solch Geräusche. Wenn nun nur ein Auge oder Ohr das geringste erwischt / besämte der gemeine[369] Ruff so geschwinde die Welt: daß desselben Urheber leicht die Köpfe unter die Menge so vieler davon redender Menschen verstecken könte; allein Marbod war viel zu gescheut sich durch diese Ausflucht abweisen zu lassen; jedoch nicht wenig beschämt: daß seine Geheimnüsse so bald auskommen wären / und er weniger Vorsicht als die Bienen vorzukehren wüste; welche / wenn sie gleich in gläserne Bienenstöcke eingesetzt würden / doch derselben Durchsichtigkeit klüglich zu überwichsen wüsten. Fürnemlich / weil Marbod sich eben so wie Tiberius angewöhnt hat / auch in denen nicht zu verhölen gemeinten Dingen mit zwey deutigen Worten und verstellten Gebehrden seine Gemüths-Meinung zu verstecken / und auch in gemeinen Dingen wenigen Räthen davon Wind zu geben. So ist er auch ein völliger Meister über seine Schamröthe / über Zorn / Liebe /und andere Gemüths-Regungen / welche in vielen geschwätziger als die Zungen sind. Daher fieng er gegen mich an: Es wäre zwar wahr: daß ein Fürst mit nicht weniger Kundtschafftern / als Trabanten umbgeben; seine Stirne / seine Farbe / sein Gebehrden Taffeln wären / aus denen Muthmaßung und Verdacht seine Gemüths-Regungen lese. Alleine er wäre so neu und unerfahren nicht im herrschen: daß er sein eigen Antlitz zum Verräther seiner Entschlüßungen machen solte. Auch wäre ein lächerlicher Vorwand der Verräther: daß Wände und Tapeten Zungen / und einige Menschen Luchs-Augen hätten durch verschlossene Thüren und Mauren zu sehen. Also beschwur er mich ihm mit solcher Offenhertzigkeit meinen Ansäger zu entdecken / als er mir die Warheit nicht zu verdrücken gedächte. Denn sein Absehn bey gegenwärtiger Unruhe Deutschlandes wäre so aufrichtig: daß er gar wol seine Rathstube / wie der Zunfftmeister Drusus sein Haus gantz durchsichtig; zu bauen angeben könte /nicht aber sie / wie die Römer das Altar ihres Raths-Gottes Consus unter die Erde verstecken dörffte. Diesemnach ich ihn denn auch nicht für so kleinmüthig halten möchte: daß er für ehrlicher halten solte einen heimlich zu hassen / als offentlich ihm was zu wider zu thun; also aus Heucheley oder Zagheit zu leugnen /was er bey so übermäßigem und Deutschlandes Eintracht selbst schädlichem Siege mit gutem Bedachte den Römern versprochen hätte; aber er wolte den Verräther dieser Heimligkeit / von welcher mehr nicht als vier Köpfe wüsten / andern zum Beyspiele straffen /wenn er ihm schon näher als das Hembde wäre. Ich erschrack über dieser nachdencklichen Dräuung und konte sie nicht anders als auf Marbods eigene Tochter auslegen. Daher ich denn versätzte: Bothschaffter wären zwar berechtigt durch alle nur ersinnliche Weise / und so gar durch Bestechung der geheimsten Räthe die zu ihrer Sache dienlichen Nachrichten auszuspüren; und sich wie die Perlen-Fischer in das Meer frembder Gedancken zu vertieffen / umb den viel nützlichen Perlen-Schatz widriger Anschläge zu fangen / und selbte seinem Feinde zu Nachtheil zu verdrehen; nicht aber schuldig die Ansäger erforschter Heimligkeiten zu offenbaren. Ich könte ihm aber ohne Nachtheil wol entdecken: daß ich diese Nachricht aus des Servilius Hause hätte. Hiermit sätzte ich zwar meine geheime Wahrsagungs-Göttin außer Argwohn; als aber Servilius Wind hiervon bekame; ließ er alle seine zur Schreiberey bestellte Leibeigenen / aber vergebens / auf die Folter spannen; weil er Marbods Versicherung aus denen an Käyser und Tiberius geschriebenen Briefen verrathen zu seyn glaubte. Unterdessen aber richtete ich durch meine Beschwerführung so viel aus: daß Marbod dem Servilius einen mißfälligen Winck gab / als er ihm die vorhabende Abführung zweyer Pannonischen Legionen an Rhein kund machte. Mich hingegen erinnerte er die deutschen Bunds-Genossen zu warnigen: sie möchten sich an der[370] Befreyung Deutschlands vergnügen / Gallien Gallien /und den Rhein der Römer und deutschen Gräntze seyn lassen. Diesen hätte die Natur zu einem grossen Bollwercke Deutschlandes gesäzt; also könte solchen zwar die Herrschsucht / nicht aber die Klugheit verrücken / welche wol verstünde: daß das Glücke mächtiger als Witz und Tapferkeit wäre / und niemals etwas schlimmers im Schilde führte / als wenn sie sich gegen uns am behäglichsten stellte. Wie groß und beständig aber auch das Glücke wäre / so wüchse ihm doch der Neid zu Kopffe; und nichts in der Welt verursachte schälere Augen / als die Vergrösserung eines Reiches bey den Nachbarn. Alle Schwächere verknüpften sich wider den Mächtigen / als wie gegen einen allgemeinen Feind; und wolte ein jeder von dieser Riesen-Seule ein Stücke abhauen: daß es die neben ihm stehenden Bilder nicht zu Zwergen machte. Wenn aber auch schon kein euserlicher Feind sich an ein Reich machte / welches wie ein aufgemästeter Leib an seiner eigenen Größe kranck läge / entkräftete es sein eigener Uberfluß; und seine eigene Fettigkeit verwandelte sich in nagende Würmer. Ja auch in gesunden aber allzu grossen Leibern und Reichen wären die Lebens-Geister allzu sehr zerstreuet. Ein Bildhauer sätzte in Ausarbeitung des vollko enstẽ Bildes dem ihm unter die Hände kommenden Marmel und Helffenbeine das wenigste zu; sondern machte es durch Benehmung seines übrigen Wesens aus. Also hätten kluge Fürsten nicht so wol Sorge zu tragen ihrer Herrschschafft viel beyzusetzen / als ihr Reich /wenn es wol gebildet seyn solte / von unanständiger Last zu entbürden. Diesemnach wäre nichts rathsamer / als seiner Glückseeligkeit einen Zaum anlegen. Denn ohne den würde sie ein unbändiges Pferd / und würffe den besten Reiter aus dem Sattel. Sintemal schon für Alters denen Fürsten diese Eigenschafft eingepflantzt gewest wäre: daß ihre Herrschsucht mit ihrem Reiche gewachsen. Das Vermögen was grössers auszuüben / die sich anbietende Gelegenheit juckten sodenn so wol ihre Gemüther als Augen: daß alles / was sie sähen / ihnen recht wäre; und sie von keinem andern Richterstule ihrer Macht und Begierden wissen wolten / als von Waffen. Ich / fuhr Ingviomer fort / mühte mich zu erhärten: daß die Römischen Festungen am Rheine Fuß Eisen Deutschlandes / und so lange solche nicht abgelöset würden / die Deutschen noch nicht in versicherter Freyheit wären. Aber Marbod begegnete mir: Es gedächte ihn / und wäre nach kein halb Jahr: daß die deutschẽ Bunds-Genossen nur die Lippe / den Berg Rhetico und Taunus von Fesseln frey gewünscht hätten. Nun wolten sie des Rheines Meister seyn? und nach Erreichung dieses Zweckes würde wenig Wasser verflüssen: daß sie nicht auch würden die Maaß beherrschen und der Ligeris auf den Rücken treten wollen; weil für diesem der Deutschen Siege wider die Gallier so ferne ihre Wohnungen ausgebreitet hätten. Die Natur hätte nicht ohne Ursache Deutschland von Noricum und Pannonien vermittelst der Donau / von Sarmatien vermittelst der Weichsel / und von Gallien durch den Rhein und den Unterschied der Sprachen abgesondert. Wie er nun über der Donau / Weichfel und Elbe nichts verlangte; also könten die Bunds-Genossen ohne Ehrgeitz nichts über dem Rheine suchen. Ihr darüber ausgestreckter Arm würde wie die Schnecke / wenn sie ihr hörnricht Haupt aus dem Schnecken-Hause hervor streckt / ihm nicht weniger Unglück als Gefahr zuziehen; und sie als allzu hitzige Spieler / ehe man eine Hand umbdrehte / alles verlieren / was sie nicht ohne Wunderwerck gewonnen. Wenn sie aber auch schon den gantzen Rheinstrom von Römischen Fesseln erledigten; würde ihre eigene Uneinigkeit selbten den Römern wieder in die Hände spielen. Denn die Ursachen einer Eroberung wären nicht bald[371] Werckzeuge der Erhaltung; ja die Raubfische erstickten mehrmals gar an ihrer verschlungenen Beute. Dieser scharffe Einhalt des sonst so sehr hinter dem Berge haltenden Marbods schien mir eine halbe Kriegs-Ankündigung zu seyn. Ich erfuhr auch aus vertrautem Munde: daß Servilius sich erkühnt hatte beym Marbod anzuhalten: ich möchte als ein Ausspürer seiner Geheimnüsser und als ein Störer der alten zwischen dem Käyser und Marbod gepflogenen Freundschafft von Hofe abgefertigt werden. Daher ich gezwungen ward meine höhern Segel zu streichen / nemlich vom Anhalten abzustehen: daß Marbod wider die Römer die Waffen ergreiffen solte; vielmehr aber dem Könige Marbot weiß zu machen: daß die deutschen Bunds-Genossen keinen ehrlichen Frieden ausschlagen; er aber durch desselbten Vermittelung seinen Nahmen unsterblich /Deutschland glückseelig / und den Himmel ihm geneigt machen würde. Durch diesen Vorschlag hemmete ich Marbods Neigung gegen die Römer; oder zum wenigsten seine Hülffe / die er / allem Ansehn nach /schon in seinem Gemüthe den Römern zu loisten beschlossen hatte. Dieser mein Vorschlag / und die Einstimmung seiner Tochter / welche er niemals aus seinem geheimsten Rathe ausschleußt / sind der erste Wirbel gewest / der gegenwärtige Friedens-Seite aufgezogen. Denn wenig Tage hernach schickte er den Ritter Stahrenberg zum Hertzog Ariovist; und von dar hieher einen Frieden zu vermitteln. Bey dieser währenden Handlung blieb Marbod gantz unverändert; und hatte ich mich über seine Bezeugung so wenig zu beschweren / als zu erfreuen Ursach. So bald aber die Zeitung kam: daß Melo des Ubischen Altares Meister worden wäre / zerrissen auf einmal alle Stricke / welche Marbods Schluß zeither zurück gehalten hatten. Denn / als Servilius ihm diesen Verlust nicht viel geringer machte / als wenn das Capitolium zu Rom eingebüßt wäre; ließ er sich gegen ihm heraus: die Römer möchten nun ungehindert ihre Pannonische Legionen dem Rheine zu führen. Er gab auch noch selbigen Tag Befehl: daß seine beyde Heere sich von der Donau entfernen solten umb den Römern so viel mehr alles Mißtrauen zu benehmen. Aus allem dem machte Marbod kein Geheimnüs zu dem Ende mir eine Furcht einzujagen / und denen Bunds-Genossen fernern Vorbruch zu widerrathen. Ich meinte bey verzweifeltem Hauptwercke zum wenigsten an der Zeit was zu gewinnen; weil man oft aus Verschiebung eines Unglücks zweyfachen Wucher macht. Daher mühte ich mich aufs euserste den König zu bewegen: daß er die Bewerckstelligung dieses Schlusses nur so lange verschüben möchte / bis ich einen Edelmann /durch welchen ich einen Stillstand der Waffen zu erlangen hoffte / an den Feldherrn abschicken und mit Antwort zurück erhalten könte. Aber ich erfuhr an Marbods Antwort und Fortstellung seines Schlusses: daß mächtige Herrscher keine andere Gräntzen / als ihren Willen haben. Wie er denn auch mit seiner gantzen Hofstadt wieder nach Maroboduum aufbrach /wormit er / seiner Auslegung nach / dem zu leschen nöthigen Feuer so viel näher seyn möchte. Daselbst endlich kriegte Marbod vom Stahrenberg die Nachricht: daß die Römer denen Deutschen alles / gegen Zurückgebung des Ubischen und Bacchischen Altares / in Händen lassen wolten / die Deutschen aber darüber Schwerigkeit machten. Dieses versätzte den König in solche Ungedult: daß er mich bey Nachte beruffen ließ / und sich beschwerte: ich hätte ihn unter dem Vorwandte des Friedens und unter der Larve der Freundschafft ums Licht geführt. Allein er wolte sich gleichwol nicht so lange als Sextus Pompejus und Lepidus vom Octavius äffen; noch sich umb Reich /Ehre und Leben bringen lassen. Sein Hof wäre viel zu gut: daß er mir nicht mehr[372] zu einem Kramladen dienen solte / darinnen man Schmincke verkauffte. Meinten andere: daß der Rauch nur eine andern verbotene Kaufmanns-Waare der Fürsten wäre; so wolte er sich doch darmit nicht berämen lassen / und ich also meinen ihm unanständigen Kram anderwerts aufschlagen könte. Jedoch möchte ich noch bis an die Saale sein Hof-Lager begleiten; da er mir zeigen wolte: daß er mehr von einem redlichen Kriege / als von einem betrüglichen Frieden hielte; und daß sein Degen lang genung wäre einen Mäß-Stab zu der Deutschen und Römischen Gräntzscheidung abzugeben. Marbod theilte hierauf in meiner Anwesenheit seinen Heerführern Befehle aus: daß sie seine Macht den gerädesten Weg nach Calegia an der Saale zuführen solten; und entbrach sich von mir so bald: daß ich ihm nicht drey Worte zu antworten Zeit hatte. Ich pflügte inzwischen zwar ingeheim mit seinem Kalbe / und brachte es so weit: daß er mich zu hören willigte. Hiermit beklagte ich mich über die weder meinem Stande noch meinem Gemüthe anständige Beymäßungen. Ich trüge die Aufrichtigkeit im Hertzen / und die Warheit auf der Zunge. Den Frieden zu schlüssen wären die deutschen Bunds-Genossen / meiner Versicherung nach / einzugehen jederzeit begierig gewest; niemals aber hätte ich berichtet: daß sie den Tiberius ihnen einen wolten vorschreiben lassen. Sie wären von ihrer erstern Forderung schon weit abgewichen / ungeachtet ihre Waffen seit der Zeit ihren Zustand mercklich verbessert hätten. Der Römer Hartnäckigkeit in Verlangung der beyden Altäre hätte den bloßen Aberglauben wegen ihres nicht ohne Aergernüs vergötterten Käysers; der Deutschen Standhaftigkeit aber die Sicherheit Deutschlandes zum Grunde; ohne welche kein Friede über ein Jahr tauern könte. Marbod hätte / wenn die Römer die Oberhand behielten / viel; bey dem Siege der Deutschen aber nichts zu fürchten / weniger zu verlieren. Der Friede wäre durch seine Vermittelung bey nahe auf den Fuß bracht; also möchte er doch durch keine Einmischung in Krieg sich solchen Ruhmes und des Mitler-Amptes / Deutschland aber seiner Freyheit und Sieges-Frucht nicht verlustig machen. Dieser letztere Krieg hätte gewiesen: daß die sonst nicht irre gemachten Cherusker / Catten und Sicambrer der Römischen Macht / und diese jener ziemlich gewachsen wären. Zwischen zweyen solchen Gewalten aber solte ein Nachbar wie ein zwischen zweyen Seen gelegener Tamm unbeweglich stehen; theils /daß ihn der Widerwag beyderseitigen Gewässers für allem Einbruche befestigte: theils / daß sein Beyfall nicht der Gleichheit zum Abbruche einem Theile einen allzu grossen Ausschlag gebe / und er sich als die Zunge in solcher Wage nicht selbst krümmete /oder auf die Seite neigte. Der wäre der allerglückseeligste / der dem Spiele des Krieges zusähe / und davon gehen könte / wenn er wolte. Ein Spieler aber müste das Spiel wider Willen aushalten; wenn er schon alles darüber einbüßte. König Marbod begegnete mir nun zwar glimpflicher / aber doch mit diesem Bescheide: Wer in bürger- oder nachbarlichen Kriegen auf keiner Seite stünde / wäre am ärgsten dran. In eintzele Streitigkeiten sich nicht einmischẽ / wäre eine kluge Mäßigung; bey gemeinen aber eine ungiltige Ziffer abgeben / verterbliche Kleinmuth. Dieser Eigenschafft wäre alles / des Wahnwitzes aber gar nichts zu fürchten; und ein kluger Fürst müste auch seinen besten Freunden auf die Schantze acht geben. Er hätte durch allzu lange Nachsicht sich ohne dis schon verächtlich gemacht: daß es schiene / einer der Kriegenden wolte ihm den Staub auf den Hals schütten / der andere ihm mit dem Rauche die Augen ausbeitzen. Seine Gelindigkeit hätte das gantze Spiel verterbt; also müste er es auf einen andern[373] Weg versuchen. Denn viel Leute / wenn man ihnen wol thäte /würden böse; wenn man aber sie böse hielte / würden sie gut. Er hielte zwar auch für heilsam mit seinen Nachbarn in Freundschafft leben; aber darüber einschlaffen / oder auf selbte die Sicherheit seiner Herrschafft gründen / wäre Einfalt; sie ihm aber gar lassen zu Kopffe wachsen / Thorheit. Die beständigste Freundschafft wäre unter seines gleichen; also könte er gegen die Deutschen seine Freundschaft nicht besser bewehren / als wenn er sie durch die Waffen in den Schrancken unverdächtiger Gleichheit erhielte. Uberdis wäre er nicht nur ein Nachtbar / sondern ein Bunds-Genosse der Römer / und also ihnen wider alle Unterdrücker Hülffe zu leisten schuldig. Ich antwortete: Er wäre ein alter Bunds-Genoß der Deutschẽ / weil er selbstein Fürst Deutschlands wäre; dessen sämtliche Glieder ihren von Natur durch einerley Sprache /Sitten / Recht und Gottesdienst in eine Gemeinschafft zusammen gesätzten Leib mit gesammter Macht auch wider die jüngern Bunds-Genossen zu vertheidigẽ schuldig wären. Welches die Römer so viel weniger unbilligen könten / weil ihr Bürgermeister selbst denen Campaniern eingehalten: man müsse neue Freundschafften so machen: daß sie den alten Bündnüssen nicht abbrüchig wären. Marbod fiel ein: diese Gemeinschafft der Deutschen wäre durch tausend bürgerliche Kriege fürlängst getrennet; und giengen alle ausdrückliche und besondere Bündnüsse denen stillschweigenden und gemeinen für. Ich versätzte dem Marbob dis / was Ptolomeus den Atheniensern: man müste den Bunds-Genossen zwar wider ihre Feinde /aber auch nur in gerechten Kriegen / und zwar niemals wider unsere Freunde beystehen. Also hätte Marbod das beste Recht die Römer / welche Urheber dieses ungerechten Krieges wären / alleine baden zu lassen; es wäre denn: daß er den Römern mehr eine Unterthänigkeit / als ein freyes Bündnüs zustünde. Marbod begegnete mir: die Deutschen / nicht die Römer hätten zum ersten die Waffen ergrieffen. Ja /sagte ich / nach dem sie ihnen durch ihre Grausamkeit so sehr auf die Zehen getreten / daß sie solch Joch nicht mehr als Menschen / weniger als freye Deutschen hätten ausstehen können. Der Beleidiger / nicht aber der / welcher am ersten den Degen zückte mehr Unrecht abzulehnen / wäre der Urheber des Krieges. Marbod antwortete: Es wäre in der Welt nichts schwerers zu unterscheiden / als dis / wer im Kriege Recht oder Unrecht hätte. Ich aber hielt ihm ein: daß in zweifelhafften Fällen / oder auch / wenn beyde Theile unrecht hätten / beyder Bunds-Genosse sich aller Hülffe und Einmischung enthalten solte. Marbod sätzte mir entgegen: Wenn auch schon die Deutschen anfangs recht / die Römer unrecht gehabt hätten; wäre nunmehro die Sache / da die Römer so viel nachgäben / die Deutschen aber einen billigen Frieden verwürffen / in einen gantz widrigen Stand versätzet. Ich sagte hierauf: Nichts wäre billigers; als daß ein gerechter Sieger das eroberte / was vermöge des Völcker-Rechtes sein Eigenthum worden wäre / behielte. Auf diese Art wären die streitigen zwey Städte vorhin den Römern und ietzt den Deutschen heimgefallen. Marbod antwortete: dieses strenge Recht verdiente den Nahmen einer Grausamkeit; dis aber wäre der Vernunfft und Billigkeit gemäßer: daß man dem überwundenen Feinde nur den Stachel mehr zu schaden benähme / alles andere ihm wiedergäbe; damit es nicht scheine; man habe umb den Raub / nicht umb den Frieden gekriegt. Die edelsten Gemüther vergnügten sich an der Ehre des Obsiegs; und daher hätte Cyrus dem überwundenen Crösus / Alexander dem Porus / Antigonus den Spartanern ihre völlige Herrschafft wieder eingeräumt. Ich versetzte: Wie kommts aber / daß die vormahls obsiegenden Römer[374] den Deutschen weder diese zwey Städte / noch einen Fußbreit Erde wider das Gesetze ihres eigenen Königs Numa abgetreten / welcher von den Opfern ihres Gräntz-Gottes alles Blut abschaffte / und ihre Gräntzmale zu erweitern verbot? Marbod begegnete mir: Die zwey Festungen lägen am Rheine auf der Seite Galliens / welches ohne diese Riegel den Deutschen zu täglichen Einfällen offen stehen würde. Zu geschweigen: daß die Römer diese zwey Plätze ohne euserste Schmach und Abbruch ihres Gottes-Dienstes nicht im Stiche lassen könten. Mit einem Worte: Er hätte den Römern ausdrücklich versprochen ihnen für diese Städte zu stehen; also müste ehe alles andere brechen / als seine Treu und Glauben Schiffbruch leiden. Mit dieser Antwort ward ich diß und alle andere mal abgefertigt / so offt ich unterweges auf der Reise nach Calegia mit dem Könige Marbod zu sprechen Gelegenheit fand; welches sich so viel öffter ereignete; weil er mir nun mehr als iemals vorhero zu liebkosen anfieng / und von der Tapferkeit der deutschen Bunds-Genossen niemals rühmlicher / als ietzt gesprochen hatte; vielleicht: daß sein vorhabender Friedens-Bruch nicht den Schein einer verbitterten Feindschafft / sondern eines abgenöthigten Eivers oder eines unvermeidlichen Staats-Streiches haben möchte. Zu Calegia fand Marbod sein dahin befehlichtes Kriegsheer und den Grafen Hohenloh als einen Gesandten des Alemannischen Hertzogs für sich. Dieser berichtete: daß Ariovist zwantzig tausend Kriegsleute zum Dienste ihres gemeinen Werckes stehen hätte; dieses aber ließ er in meiner Gegenwart mustern. Ich betheuere es: daß selbtes zu Fusse 70000. zu Rosse 4000. Mann starck sey / und daß ich in Deutschland nie ein mit so köstlicher Rüstung versehenes / und in allen Kriegs-Spielen so wohl geübtes Heer gesehen habe. Das Blat schoß mir nun allererst / als mir diese grosse Macht unter Augen kam; weil ich mir zugleich die bevorstehende Unterdrückung der Hermundurer /welche mit den Cheruskern und Catten zwischen denen Saltz-Seen ungefähr funfzehn tausend Kriegsleute zusammen gezogen hatten / und die Verwüstung des übrigen Deutschlandes erbärmlich genung fürbildete. Sintemal in frembden Kriegen das Geblüte nur entzündet / in bürgerlichen aber in Gifft und Galle verwandelt; dort das Blut vertröpfelt / hier / leider! Stromweise verschwendet wird; also daß die / welche einander zu beschirmen verbunden sind / gleichsam Ehre zu erlangen vermeynen / wenn sie sich in wütende Panther und rasende Tyger verwandeln. Die Augen giengen mir über; und mein für Wehmuth zerflüssendes Hertze zwang mich den König Marbod im Gesichte seines Heeres bey der Liebe des Vaterlandes /bey der deutschen Freyheit zu beschweren: Er möchte diese herrliche Waffen nicht mit deutschem Blute besudeln / und diese edlen Kriegsleute nicht wider ihre Mit-Glieder und in ihre eigene Eingeweide wüten lassen. Wäre es ja ein unveränderlicher Schluß: daß die Deutschen den Römern die zwey strittigen Festungen abtreten müßten / möchte doch der Krieg nur so lange verschoben werden / biß ich selbst mit den Bunds-Genossen eine Stunde reden könte. Ich wolte sie zu Annehmung dieser Bedingung bewegen; oder mich als ein Gefangener bey ihm wieder einfinden; er aber möchte über sein hiermit verlobtes Haupt nach Willkühr gebahren / und selbtes der Rache zur Erstattung dieser Versäumung auf opfern. Marbod sahe mir allzu wohl an: daß in mir mehr / als die Zunge redete / und seine neben ihm zu Pferde haltende Tochter ritt dem sich nähernden Servilius mit Fleiß entgegen / umb ihn aufzuhalten; daß ich alleine mit ihrem Vater ausreden könte. Marbod aber / dessen Hertze vielleicht auch eine Empfindligkeit fühlte / warf sein Pferd mit Fleiß herumb / umb ihm vielleicht nicht eine Veränderung anzusehen. Inzwischen ließ ich mich bedüncken / es gäben[375] mir gleichsam die Antlitzer der nahẽ Kriegsleute zu verstehen mein Ansinnen zu verfolgen; welches ich mit aller möglichsten Bewegligkeit werckstellig machte. Marbod hatte sich unterdessen erholet / und antwortete: Die Hartnäckigkeit würde durch Warnigungen eben so wenig / als ein Amboß von Hammer-Schlägen nicht gebeugt; sondern vielmehr verhärtet. Ja sie rennte vielmehr begierig ins Verterben / als sie durch Nachgeben ihren ersten Fehler erkennen wolte. Er würde in seinem Vorhaben viel Zeit und Kriegs-Kosten / ja die herrlichste Gelegenheit seinen Zweck zu erreichen; ich durch meine frucht-lose Unterhandlung mein Ansehen / und bey meiner Versicherung den Kopf verspielen. Es wäre schon zu weit kommen; es liesse sich den Arm / wenn man ihn zum Ausschlagen schon in Schwung gebracht / nicht zurücke ziehen; und die allzu milde Ungerechtigkeit wäre dem gemeinen Wesen so schädlich / als die allzu strenge. Das Verhängnüß hätte ihm Befugnüß und Vermögen nicht ohne Ursach verliehen; also wolte er sein Werck so rüstig ausführen / als reifflich er es überlegt hätte. Hiermit schoß er einen Pfeil über die Saale von seinem Bogen / zum Zeichen: daß das Kriegsvolck auf denen gefertigten Brücken über die Saale fortrücken solte. Ich wußte nichts ferner zu thun / als die Achseln einzuziehen / und dem sich umbwendenden Marbod noch zu sagen: Wer ihm die Freyheit nähme allezeit zu thun / was er möchte / vergienge sich bißweilen mehr als der / welcher gleich thäte / was er nicht dörfte. Darum solte er wohl bedencken / was er thäte. Denn der Krieg und ein Pfeil wäre nur so lange / als der Bogen nicht abgedrückt würde / unter unser Bothmässigkeit. Servilius kam inzwischen mit Marbods Tochter zum Könige / welcher nun gleich der nechsten Brücke zuritt. Es fuhr aber aus einem Strauche ein Hase harte für dem Marbod auf; so daß sein davon scheuendes Pferd einen heftigen Satz auf die Seite that. Ich / der ich nahe am Marbod ritt / und seine Veränderung wahrnahm; brauchte mich der Gelegenheit und Freyheit dem Könige voller Ehrerbietung zu sagen: Es wäre noch Zeit für Deutschland einen heilsamen Schluß zu fassen. Das Verhängnüß selbstsagte ihm durch Begegnung eines unglücklichen Hasens einen widrigen Ausgang wahr. Servilius aber lachte hierzu / und sagte: Man könte aus ungefährlichen Begegnungen keine Wahrsagung nehmen. Das Gebete hätte der / Andacht / und göttliche Zeichen einer vorsetzlichen Aufacht von nöthen. Diesemnach hätten die doch sonst der Hetrurischen Weißheit zugethanen Römischen Feldhauptleute mehrmals zu ihrem grossen Glücke die widrigen Zeichen in Wind geschlagen. Ich versetzte: Aber Claudius hat mit Verlust seiner gantzen Schiff-Flotte; Cajus Hostilius mit Einbüssung seines Heeres / seiner Ehre / seines Lebens; Cajus Flaminius mit einer schweren Niederlage beym Trasimenischen See die Verachtung göttlicher Warnigung gebüsset. Servilius fiel ein: Wer dem Hasen die Wissenschafft künftiger Dinge anvertraut hätte? Ich versetzte: Der / welcher dem Claudius und Hostilius zur Nachricht die Hünlein / und des Flaminius fallendes Pferd in der Wahrsagung unterrichtet. Die Wahrsager selbst / sagte Servilius / wären über der der Auslegung solcher Zeichen nicht einig. Ein Adler hätte dem Tarquinius Priscus die Römische Herrschafft; dem grossen Alexander einen herrlichen Sieg; dem Dionysius aber den Verlust seines Reiches; die Geyer dem Romulus sein Aufnehmen; dem stoltzen Tarquinius seine Verjagung angedeutet. Bey Troja wäre der Blitz für ein Glücks-Zeichen gehalten; vom Crassus aber beym Euphrates für eine Verkündigung seiner Niederlage angenommen worden. Ich begegnete ihm: Beydes wäre wahr; aber es wären nicht nur die Zeichen; sondern alle ihre Umbstände zu untersuchen;[376] und sti ten die Deutschen und Hetrurischen Zeichen-Deuter überein: daß die ungleichen Donner-Schläge glücklich / die gleichen unglücklich / die am Tage geschehenden dem gütigen / die nächtlichen dem grimmigen Jupiter gewiedmet wären. Wie hätten die sonst glücklichen Adler dem Dionysius / die Geyer dem Tarquinius was gutes andeuten können; da jener seinem Waffenträger den Wurff-Spieß aus der Hand gerissen / und ins Meer geworffen; diese aber die jungen Adler zerrissen / und ihr Nest zerstöret hätten? Hingegen gäben auch die abscheulichsten Unglücks-Vögel /als die von der rechten Hand aufflügenden Raben /welche Alexandern zu Babylon / und dem Cicero bey Cajeta das Grabe-Lied gesungen / des Sylla und Marius blutige Todfeindschaft kund gemacht; die Nacht- und andere Eulen / die dem Pyrrhus auf seinem Spiesse das Ende wahrgesagt / gewissen Umbständen nach mehrmahls gewisse Glücks- und Sieges-Zeichen ab. Diese hätten der Stadt Athen i er was gutes / und dẽ Agrippa das Jüdische Reich zuvor gesagt. Der Schwan wäre den Schiffleutẽ ein Glücks- und Unglücks-Zeichen / dieses wäre der Specht einẽ Römischen Stadtvogte / jenes denen Sabinern gewest. Als wir also mit einander einen Wort-Streit hegten / ward König Marbod am allerersten über dem Heere zwey einander so grimmig bekriegende Adler gewahr: daß die ausgezauseten Federn auf die Erde fielen. Der König ließ nicht nur Paucken und Trompeten rühren /sondern auch mit unzählbaren Pfeilen gegen sie in die Lufft schüssen / ja gar ein Feld-Geschrey erregen; aber die Adler liessen in ihrem blutigen Kampfe sich alles diß nicht anfechten; also: daß aller Augen sich am Zuschauen nicht sättigen konten; und der König nebst uns denen sich gegen West entfernenden folgte /worbey der empor sehende Servilius über eines abgehauenen Baumes Stock so unglücklich stürtzte: daß er für todt aufgehoben / und ins nechste Zelt getragen ward. Kurtz darauf aber kam von Ost her ein Storch geflogen / bey dessen noch ziemlich ferner Ersehung die Adler von ihrem. Kampfe abliessen / dem Storche entgegen flogen / und mit einander im Fluge spieleten. Ich redete den König Marbod hierüber mit einer grossen Zuversicht an: Er möchte die Augen nicht für so Sonnen-klaren Warnigungen Gottes verschlüssen; sondern erkennen: daß das Auge seiner göttlichen Versehung über uns offen stünde / wenn wir gleich das Blaster des Unglaubens uns über die Unsrigen muthwillig wachsen liessen. Der sein Pferd schichternde Hase diente ihm zur Lehre: daß die gröste Macht offt für der Ohnmacht flüchtig werden müßte. Der Fall des Servilius an der feindlichen Gräntze und am Ansprunge des Krieges wäre ein leicht auflößliches Rätzel: daß sein Zug den Römern nur zum Falle / wie ihm zur Reue gereichen würde. Deuchtete ihn für seine grosse Macht ein solcher Ausschlag unmöglich zu seyn; so möchte er behertzigẽ: daß aller Welt Kräfften gegẽ das Verhängnüß etwas schwächers / als ein Käfer gegen einẽ Adler; und ein thörichter Unglauben wäre / der die Mögligkeit in Zweifel züge /wo die Göttliche Bothschafft / die niemals irrete / für Augen schwebte / und uns ins Hertz redete. Wie heilsam sein Fürschlag wäre / und wie glücklich Marbod / wenn er nicht ferner fortrückte / Deutschland beruhigen könte / würde ihm kein Mahler deutlicher / als die von dem Storche als einem Friedens- und Eintrachts-Vogel zu Frieden gestellten zwey Adler fürstellẽ. Diese wären lebendige Bilder der Römer und deutschen Bunds-Genossen; diß aber der Wille des Verhängnüsses: daß Marbod einen friedsamen Storch /keinen kriegerischen Habicht abgeben solte. Hiermit redete ich dem Könige ins Hertz; welcher nach einer kurtzen Besprechung mit seiner Tochter Befehl ertheilte; daß sein Kriegsheer ins alte Lager rücken solte. Auf den[377] Morgen aber kam Marbod selbst in mein Zelt / und trug mir für: Auf mein Wort wolte er seinen Degen so lange einstecken / biß ich anhero gereiset seyn / und von denen Bunds-Genossen die endliche Erklärung vernommen haben würde. Ich solte mir aber diß Werck so sehr / als die Erhaltung meines guten Nahmens und die Ruhe Deutschlandes angelegen seyn lassen. Denn wie er mir bey eintretendem Voll-Monden diese Friedens-Erklärung entdeckte; also würde der nechst-folgende Voll-Mond den Bunds-Genossen ein ungezweifelter Krieges-Herold seyn / wenn mitler Zeit sie nicht des Tiberius Friedens Vorschlag annähmen. Ich nahm diese Erklärung mit so grosser Dancksagung als Freuden an / und bin in vier Tagen anher kommen umb denen Säulen unsers Vaterlandes / den Schutz-Göttern unser Freyheit / von der ihnen über dem Kopfe stehenden Unglücks-Wolcke aufrichtigen Bericht zu ertheilen; und sie bey der allgemeinen Wolfarth zu beschweren: daß sie zwar einen der Grösse ihres Gemüthes anständigen Schluß machẽ / aber nicht allein ihr bißheriges Glücke / sondern auch die für Augen schwebende Gefahr mit in Rathschlag ziehẽ / sichere Rathschläge auch mehr für einen Brutt kluger als verzagter Leute halten möchtẽ. Hertzog Arpus erklärte sich hierauf unverwendetẽ Fusses: Des Fürsten Ingviomers Verrichtung verdiente unsterblichen Danck / und in seinem Einrathen wäre so wohl etwas göttliches / als ihrer aller Heil enthalten. Denn wenn des Bacchus und der Ubier Altar aus so viel Golde / als Steinen gebaut wäre /verdienten sie nicht: daß darumb so viel unschätzbares Menschen-Blut verspritzet / und Deutschlands Freyheit in Gefahr gesetzt werden solte. Hertzog Melo konte sich nicht enthalten / anderer besorglichen Beystimmungen hiermit vorzubrechen: Die zwey Festungen wären viel köstlicher als Gold / weil an ihnen die mehr als güldene Freyheit Deutschlands hienge; welche die Römer so lange bey den Haaren hätten / als man ihnen diese zwey Kap-Zäume in Händen liesse. Andern Völckern möchte ihre gäntzliche Austilgung schrecklicher seyn / als die Dienstbarkeit; ehrlichen Deutschen aber wäre die Freyheit lieber als das Leben. Dieser Beschirmung rechtfertigte auch einen sonst ungerechten Krieg / und machte die furchtsamsten Thiere behertzt. Er glaubte wohl: daß der Fürsten-Mörder Marbod das Hertze hätte auch der deutschen Freyheit den Hals zu brechen; aber er würde mit unwilligen Hunden hetzen / weil seine Deutschen durch ihrer Landsleute Bekriegung ihnen selbst das Messer in die Gurgel setzten. Hingegen wäre keine Feindschafft gefährlicher / als wo es ihr umb die Freyheit zu thun wäre. Die Cherusker solten dem Marbod / die Hermundurer Ariovisten begegnen; er und Hertzog Ganasch trauten mit Hülffe der Catten der gantzen Römischen Macht genungsam gewachsen zu seyn; weil der Sieg schon einmal auf ihre Seite den Hang bekommen / und sie den göttlichen Beystand zum Gehülffen ihrer gerechten Sache hätten. Hertzog Jubil fieng hierauf an: Die Deutschen hätten freylich eine allzu rechte Sache. Alleine / wenn der Himmel allemal für diese kriegte / würde Marbod nicht ein Beherrscher so vieler Völcker / und kein Heerführer einer so grossen Macht seyn / für welcher sich alles zwischen der Elbe und dem Rheine nunmehr erschütterte. Weil nun des Kriegs Ausschlag auch unter dem Schilde der Gerechtigkeit ungewiß wäre / heischte die Klugheit und Liebe des Vaterlandes von ihnen / lieber etwas von ihrem Rechte vergeben / als in einem grausamen Kriege ein mehrers auf die Spitze setzen. Kriege solte man auch wegen wichtiger Ursachen nicht anfangen / und würde deswegen des Hercules wieder den Laomedon und Augeas wegen vorenthaltenen Liedlohns angesponnener Krieg gescholten; und durch einen erträglichen Verlust solte man ieden Krieg abkauffen. Sintemal der Krieg / wenn er schon ohne Unrecht und Unglück geführt wird / doch das gröste Elend / ja die[378] ärgste Pest der Welt ist; und der /welcher ohne euserste Noth sich in selbten verwickelt / gleichsam seiner Sinnen beraubt ist. Das Ubische und des Bacchus Altar wären für weniger Zeit deutsche Dörffer gewest; die Römer hätten sie für kurtzer Zeit zu was besserm gemacht. Wie? wenn die Römer diese Müh gesparet? Würden zwey Dörffer wohl für die Müh / für so viel Kriegs-Kosten und Menschen-Blut lohnen? Kluge Leute aber solten niemals in Krieg ziehen; wenn sie daraus so viel / zu geschweigẽ mehr Schaden zu besorgen / als Vortheil zu hoffen hätten. Würde nicht aber der Catten / Cherusker / Sicambrer und Friesen gantze Wohlfarth durch diesen Krieg auf die Spitze gesetzt / da unter dem Marbod und Ariovist zwey Drittel Deutschlandes / unter dem Tiberius und Germanicus neun Legionen / und noch so viel Hülffs-Völcker auf dem Halse lägen / und aus Pannonien noch drey Legionen im Anzuge wären? Zwar Hertzog Melo hätte durch seine Helden-Thaten bewehret: daß ein Löwen-Hertz in seiner Brust steckte; und er glaubte: daß in dem gantzen deutschen Heere kein Kriegs-Knecht einen Hasen in seiner Brust hegte; alleine sie wären doch keine hunderthändichte Riesen-Söhne des Himmels und der Erde. Auch die Löwen verspielten / wenn ihnen die Klauen verhauen würden; und viel Hasen wären auch der Hunde Tod. Diesemnach wäre nichts heilsamers / als mit einem blauen Auge und mit Ehren aus diesem Kriege kommen; darinnen sie in einem Jahre so viel / als die Römer in dreissigen gewonnen hätten. Hertzog Catumer / Siegemund / Marcomir und die andern Fürsten pflichteten alle dieser Meynung bey / und setzte Catumer diß darzu: Wenn es ja dem Hertzog Melo so sehr umb das Ubische Altar zu thun wäre / möchte er doch einer bessern Gelegenheit erwarten / ohne welche auch der nothwendigste Krieg zu verschieben wäre. Denn die Unzeit verrückte allen klugen Rathschlägen den Compaß / und der geschicksten Tapferkeit das Ziel. Er möchte die über der Saale und dem Meyn aufziehende Wolcken vorbey gehen / den Marbod und Ariovist ihre Hitze abkühlen lassen. Die Römer wären so unruhig und ungerecht: daß kein Jahr vorbey gehen würde / sonder denen Deutschen genungsame Ursache zum neuen Kriege zu geben; und so leicht als ietzt ihre Siegs-Waffen ferner auszubreiten. Grosse Dinge dörfften eben so wohl als gewisse erst in drey Jahren reiff werdende Baum-Früchte Zeit zu ihrer Vollkommenheit. Melo brach ein: Bunds-Benossen wäre nichts schädlichers / als Langsamkeit. Durch Aufschub würden die hitzigsten Entschlüssungen lau; und weil niemand in eine Gesellschafft als seines Nutzens halben tritt / ieder in gemein ein absonderes Augenmerck hätte / könten die Gefärthen eines Krieges niemals lange tauren. Daher wäre ungewiß: Ob in zwey oder drey Jahren noch ein Schatten von ietziger Verträuligkeit übrig seyn würde. Wären die Römer aber so ungerechte und Frieden-brüchige Leute / so wären sie so wenig als Räuber und Tyrannen keines Vertrages fähig. Hertzog Arpus begegnete ihm: Das Römische Volck wäre für keine Räuber / welche weder Recht noch Gesetze hätten / nicht zu halten; ungeachtet ein oder ander Land-Vogt mehrmals Bund und Gerechtigkeit versehrte. Zu dem erforderte es mehrmals das gemeine Heil mit Räubern und Tyrannen Frieden zu schlüssen; wie Flaminius mit dem Nabis / Pompejus mit den See-Räubern / Lucullus mit dem Apollonius / August mit dem Crocota / und die Deutschen selbst mit den Römern mehr als einmal gethan hätten. Nach einem ziemlich langen Streite gab der Feldherr den Ausschlag: Die meisten Stimmen der deutschen Bunds-Genossen / und das Heil des Vaterlandes nöthigte ihn gleicher gestalt den Friedens-Schluß mit Abtretung der zwey strittigen Plätze einzugehen. Es käme ihn zwar nicht weniger schwer an des Bacchus Altar den Feinden wieder einzuräumen; sonderlich[379] / weil es seines einigen Sohnes Geburts-Stadt wäre. Aber Deutschland aus Gefahr und in Ruh zu setzen wäre ihm auch sein Deutschburg / ja sein Sohn und sein eigen Haupt nicht zu lieb. Sintemal kein Bürger / wie unschuldig er gleich wäre / sich bey dringender Noth nicht enteusern könte dem Vaterlande zu Dienste sich selbst / wie viel mehr also sein Vermögen in die Hände der Feinde liefern zu lassen. So höre ich wohl / fieng Melo ungeduldig an; ich oder das so theuer erworbene Altar der Ubier solte das Opfer seyn / wormit Deutschland die zornigen Römer zu versöhnen vermeynet? Nein sicher! weil ich dieses Altar mit so viel edlem Blute der Sicambrer und Tencterer eingeweyhet; soll es ohne viel Blut nicht wieder entweyhet / noch ohne Abschlachtung vieler Römischen Opfer mir nicht wieder aus den Händen gerissen werden. Ingviomer fragte alsofort den Melo: Ob er denn mit seiner eigenen Macht ohne gäntzlichen Untergang zu behauptẽ getraute / was die Römer / Marbod / und Ariovist mit aller ihrer Macht bestürmen würden? Melo antwortete: Er traute ihnen als hertzhaften Deutschen nicht zu: daß sie ihnen den Dorn aus dem Fusse ziehen / und ihm ins Auge stechen; sondern ihm vielmehr als einem treuen Bunds-Genossen / der den Degen zum ersten wider die Römer gezückt / den versprochenen Beystand leisten würden. Hertzog Arpus versetzte: Ein Bunds-Genosse wäre auch in der gerechtesten Sache und in euserster Noth dem andern zu helffen nicht schuldig / wenn keine Hoffnung und Ansehn eines glücklichen Ausschlags verhanden wäre. Sintemal alle Bündnüsse auf etwas gutes / nicht auf verzweifelte Fürhaben ihr Absehn hätten. Uber diß könten sie ihnen an den Fingern ausrechnen: daß die Römer anders nicht den Frieden zeichnen würden; als daß sie sich ihm und allen Römischen Feinden zu helffen enthalten sollen. Melo begegnete ihm: Er hoffte: sie würden und könten ohn seine Einwilligung mit den Römern keinen Frieden eingehen. Jubil antwortete: Sie hingegen könten für Ernst nicht aufnehmen: daß nachdem der Feldherr des Bacchus Altar abzutreten sich erklärte / Melo seines Vortheils halber den allgemeinen Frieden hindern; oder / weil doch auch unter Bunds-Genossen die mehrern Stimmen die wenigern überwiegen / sich selbst vom Frieden ausschlüssen / und ihm tausend Unheil auf den Hals ziehen würde. Melo fiel ein: Es wäre kein freyer Mensch / weniger ein keinen Obern erkennender Fürst verbunden mehr einen Frembden / als seinen eigenen Willen zur Richtschnur seines Thuns zu haben. Dahero könte die Vielheit der Stimmen ihm kein Gesetze des Friedens fürschreiben / weil er sich nicht eriñerte: daß er bey Eingehung des Bündnüsses beliebt hätte / das gröste Theil der Bunds-Genossen für den gantzen Bund zu halten / und ihren getheilten Schlüssen zu gehorsamen. Daß aber ein Wille des andern beystimmen müste / erforderte entweder eine ausdrückliche Einwilligung; oder daß man seinen Willen eines andern schlechterdings unterworffen hätte. Diß wäre wider die Eigenschafft der Bündnüsse; welche Gleichheit / nicht Staffeln liebte. Jenes wäre niemals zu vermuthen. Daher wäre bey den Sarmatiern die Widersprechung eines einigen Edlmannes genung einen gantzen Reichs-Schluß zu hintertreiben. Er aber wäre hoffentlich der erste Sicambrische Edelmann / und Fürst Deutschlands über dreyerley Völcker; welchem auf allen Fall eine dreyfache Stimme zukäme; und stünde der Hertzog der Ost- und West-Friesen gleichfalls auf seiner Seite. In der Bündnüsse Rathschlägen aber wäre die Rechnung nicht nach den Personen / sondern / nachdem einer viel oder wenig zu dem gemeinen Wesen beytrüge /zu machen. Zu geschweigen: daß es rathsamer wäre die Meynungen zu wiegen / als zu zehlen. Catumer versetzte: Diß letztere gienge nur in der Schule der Weisen / nicht in der Rath-Stube der Fürsten an. Denn ob zwar einer[380] den Sachen besser / als der andere / nachdächte / wäre doch aller Recht bey Abgebung der Stimmen gantz gleich. Denn / weil jeder seine Meinung für die beste / und sich für den klügsten hielte; würde man sich wegen Hartnäckigkeit der Menschen aus widrigen Rathschlägen sonder den Vorzug des grösten Theiles ni ermehr auswickeln können. Dahero sich jeder des grösten Theiles Urthel unterwirfft / der als ein Glied sich in eine Versammlung begiebt. Sintemal er mit Fug nicht begehren kan: daß die meisten oder alle andere seine Meinung zur Gebieterin machen / oder das berathene Werck gar unterlassen solten. Es wäre denn: daß er ihm solch Vorrecht bald beym Eintritte bedungen hätte. Außer dieser Bedingung aber wäre seine Pflicht den meisten zu folgen; weil er hoffentlich der Sicambrer / Tencterer / und Friesen Beytrag zum gemeinen Kriege nicht über der Cherusker / Catten und Hermundurer sätzen würde. Oder / weil Hertzog Melo freylich nicht versprochen hätte sich zu denen gemeinen Schlüssen so genau zwingen zu lassen; stünde ihm allerdings frey das Bündnüs aufzugeben. Ob dis letztere ihm aber anständig seyn würde / stellte er zu eines so erfahrnen Fürsten Nachdencken. Melo brach ein: Und ich zu gerechter Bund-Genossen Uberlegung: ob er durch seine Treue und Eyver verschuldet; daß man ihn aus dem Bündnüsse zu stossen gedächte? Ob sie etwan lüstern wären: daß die Römer der Sicambrer Meister / und hierdurch so viel mächtigere Glieder des deutschen Bundes werden solten? Ob sie nicht wüsten: daß Bündnüsse mit allzu mächtigen Nachbarn willkührliche Dienstbarkeit; und daher unter diesem scheinbaren Tittel die Thessalier der Macedonier; die Griechen der Athenienser / die Lateiner / Acheer / Magneter und Heduer der Römer Knechte gewest wären? der Feldherr fiel nunmehr / jedoch mit einer grossen Leitseeligkeit ein: es wäre dieser Undanck keinem Menschen in Sinn kommen einen so hoch verdienten Bund-Genossen / als Melo wäre / zu verstossen. Er aber trennte sich selbst / wenn er dis verwürffe / ohne welches die Bund-Genossen / allem Ansehn nach / zu Grunde gehen müsten. Diese Nothwendigkeit solte er behertzigen / als das härteste und unverbindlichste Gesätze / welches auch stählerne Bündnüsse auflösete / und die niedrigsten Schwachheiten entschuldigte /hierwider hinderte auch nichts das Versprechen: daß kein Bunds-Genosse ohne des andern Vorbewust und Einwilligung Friede machen solte. Sintemal dis Angelöbnüs einen nur so lange bindete / so lange er ohne Untergang darbey stehen könte; und hätte es mit Bund-Genossen keine andere Beschaffenheit als wie denen auf einem Schiffe befindlichen Bootsleuten /welche alle beym Sturme so lange / als Hofnung vorhanden wäre das Schif zu erhalten / für die gemeine Wolfahrt arbeiten müsten; wenn aber solches zu sincken anfienge / möchte jeder sich retten / so gut er könte. Wie nun außer diesem Falle kein Bund-Genosse sich von dem Bunde abzusondern befugt wäre /was für vorteilhafte Bedingungen ihme gleich der Feind antrüge; also wäre auch ein jeder im Kriege eben so wol / als beym Ungewitter auf dẽ Schiffe etwas für die gemeine Wohlfahrt in Stich zu sätzen /und ins Meer zu werffen verbundẽ. Weil denn nicht nur ihr Bund sondern die Vernunfft selbst jedwedem dis Gesätze aufbürdete / durch einen kleinen Verlust grössern Schaden abzuwenden; versähen sie sich zum Melo: daß er ihnen / und ihm selbst zu Liebe sich darein schicken würde. Ein für allemahl wäre es besser mit einer wenigen Verkleinerung Friede machen / als mit euserster Gefahr und grossem Nachtheile einen hartnäckichten Krieg zu führen. Gott würde auch nicht verhengen / und Deutschland so straffen; am wenigsten jemand Ursache geben: daß die Römer die Sicambrer überwinden solten; welche auch auf solchen Fall nicht in die Stelle und das Recht der Sicambrer treten; noch sich den Deutschen /[381] wie König Philipp als Uberwinder der Stadt Phocis den Griechen / zum Bunds-Genossen aufdringen könten. Diesem nach hätte er denen Friedens-Mitlern bald anfangs gesagt: daß sie mit den Römern zwar Friede / nicht aber ein Bündnüs zu schlüßen gemeint wären; und würden sie auch wegen des Meynzischen Gebietes denen Römern keinen Sitz in dem deutschen Fürsten-Rathe einräumen; ungeachtet August sich deswegen einen deutschen Fürsten rühmte / und sich also denen deutschen Bundes-Gesätzen unterwerffen wolte. Daher solte sich Hertzog Melo dis zu thun nicht schämen / was der Käyser gerne thäte / wenn er könte. Dem beypflichten / was die meisten dem gemeinen Heile nöthig achteten / wäre keine Erniedrigung / sondern eine Großmüthigkeit. Zu geschweigen: daß es in Deutschland von undencklicher Zeit Herkommens gewest wäre: daß alle Streitigkeiten zwischen denen verbundenen Fürsten / dem Feldherrn / als dem gemeinen Schiedes-Richter; wie bey den Griechen und Lateinern dem ersten Bunds-Genossen wären untergeben worden. Er hielte den Frieden Deutschlande für nöthig und nützlich; gienge ihm auch selbst mit seinem Beyspiele vor: daß es rathsamer wäre / ein Ey zu vergessen / als die Lege-Henne in scheinbare Gefahr zu sätzen. Alle Fürsten hätten ihrer Herrschaft halber schwere Verantwortung bey Gott und den Menschen über sich. Deñ sie besäßen ihre Länder nicht so wol als ihr Eigenthum; sondern als ein heilig anvertrautes Gut /oder wie Vormünden das Vermögen unmündiger Kin der. Das Volck hätte sie ihnen nur zur Verwahrung; nicht aber die Macht gegeben solche nach ihrer Eigensinnigkeit in Stich zu sätzen / noch sie ihrer Rache und Begierde zu Gefallen zu verschleudern. Dem Hertzoge Melo sahe die Ungedult aus den Augen; jedoch sagte er nicht mehr: Es wäre ihm leid / daß die Deutschen mehr durch ihren Sieg verlieren solten / als sie durch so viel Blut gewonnen hätten. Sintemal die wenigen Orte / die sie behielten / gegen der sie jetzt einnehmenden Furcht die schnödeste Ausgleichung machte. Ihm gienge es aufs höchste zu Hertzen / daß die Deutschen nicht sähen / wie die Römer mit ihnen nicht so wol Friede zu machen / als die Waffen nur eine Weile einzustecken; sie also durch dieses Bländwerck nur einzuschläffen und zu trennen anzielten; also sie ihnen durch einen betrüglichen Frieden /unter dem Nahmen einer Artzney / schädlichstes Gifft beybrächten. Ihr Ehrgeitz gleichte dem Feber / welches / wenn schon Frost und Hitze nachließe / nicht vergienge / sondern immer heftiger wieder käme. Sie versteckten das Feuer des Krieges zwar unter die Asche; leschten es aber nicht aus; Und den Deutschen / welche durch einen so schädlichen Frieden zu genesen vermeinten / würde es nicht besser gehen / als Ubel-Geheileten / denen die Wunden wieder aufbrächen. Sie verriethen den Römern ihre Kleinmüthigkeit / indem sie ihnen auf einmal mehr gutwillig abtreten /als sie beym unglücklichsten Lauffe ihrer Waffen in etlichen Jahren verlieren könten. Wormit es nun das Ansehn nicht haben möchte: daß der Römer Macht und Marbods Dräuen das Vermögen hätten die Hertzhaftigkeit auch ihm aus dem Hertzen zu reissen; wolte er bis auf den letzten Tropffen Blut das Eigenthum seiner Vor-Eltern vertheidigen. Würden auf allen Fall ihn seine Bunds-Genossen / so wolte er sie doch nicht verlassen; Und wenn ihm schon genungsame Kräfften fehlten; wolte er doch seinen Feinden zeigen: daß ihm nicht ehe / als mit seinem Atheme Muth und Hertze gebrechen würde. Es wäre doch einmal nicht so schimpflich von etwas verdrungen werden / als es mit Zagheit verlassen. Er hätte noch auf seiner Seiten getreue Länder / ein sieghaftes Heer / den Glücks-Stern Deutschlands / die behertzten Friesen / und die göttliche Rache; wenn schon alle andere Riegel zerbrechen. Hiermit zog er drey Pfeile aus[382] seinem Köcher / brach selbte entzwey / warf die Stücke zu Bodem / und gieng aus der Versa lung. Hertzog Arpus nam dis für eine Aufkündigung des Bundes auf / und sagte: Weil dem Melo ja nicht zu rathen wäre; solte man den Frieden keine Stunde mehr aufschüben; sondern mit den Römern schlüßen / so gut man könte. Die andern Fürsten pflichteten dieser Meinung durchgehends bey; der Feldherr aber rieth aufs beweglichste: man solte mit keinem Degen in dem Feuer scharren; sondern dem tapfern Melo / weil grosse Gemüther wie das Meer am leichtesten bewegt würden / er auch nicht ohne Ursache empfindlich wäre / seine Ungedult ausrauchen lassen. Ein für alle mal hätte doch dieser Fürst für Deutschlands Freyheit ein grosses gethan; also wären sie außer euserster Noth nicht berechtigt ihn alleine im Stiche zu lassen. Denn er wäre ein Glied ihres Bundes; welches von einerley Seele solte geregt werden / und nur einerley Zweck zum Absehen haben; nemlich aller und jeder Glieder Sicherheit. Dieser aber wäre durch keinen andern / als durch einen allgemeinen Frieden; welcher alle Bunds-Genossen einschlüße / und mit einem auch nach dem Friede tauernden Beschirmungs-Bündnüsse / gerathen. Jener wäre die unzerbrechliche Grund-Seule der gemeinen Wolfahrt / welche dem Feinde alle Mittel einzeler Siege abschnitte; hingegen baute man durch einzele Frieden seine Ruhe nur auf Eys; welche mit dem von der Sonne zerschmeltzenden Eise einbräche. Dieses aber wäre der Schild und eine Brustwehre des Friedens; welches alle Bundsgenossen wider neuẽ Anfall des Feindes bedeckte / und der ehrsüchtigen Nachbarn Krieg / wie ein Tamm die Ergleßung der Flüsse / und die Wellen des brausenden Meeres / im Zaume hielte. Es wäre der einige Ancker / welcher bey neuem Ungewitter die allgemeine Ruh befestigte. Wenn nun Bunds-Genossen eines aus diesen beyden versähen / des andern Gefahr und Wolfahrt nicht für ihre eigene hielten / also einer nach dem andern den Kopff aus der Schlinge zügen / die übrigen aber alleine baden liessen; gienge es allen nicht besser / als den Schlangen und Fliegen / welche / wenn man sie zerschnitte / zwar sich eine Weile noch bewegten; weil ihnen aber die Kräffte des abgetrennten Gliedes / als der Ursprung ihrer Tauerhaftigkeit entgienge / nach und nach Kräffte und Leben einbüßten. So lange nun die Römer mit dem Hertzoge Melo Krieg führten; so lange heilten auch ihre Wunden nicht zu; und Deutschland behielte noch einen feurigen Brand unter dem Dache. Daher hätten sie sich für den schlauen Römern wol fürzusehen: daß sie durch einen absondern Frieden mit den Catten und Cheruskern nicht auf eine solche Art / wie die Schmeltzer bey Reinigung Goldes und Silbers mit diesen das Bley vereinbarten /damit solches mit dem andern unreinen Zusatze im Rauche aufflüge / oder sie wenigsten nur wie Ulysses sich der vom Polyphemus versprochenen Wolthat /nemlich am letzten gefressen zu werden / getrösten dörften. Diese Trennung nun zu hindern / hielt er für rathsam und nöthig den Melo auf alle Weise zu gewinnen / und bey den Römern das euserste zu thun: daß durch die Mittler die Friedens-Bedingungen für den Hertzog Melo noch etwas gemiltert / wider den neu-besorglichen Einbruch der Römer über den Rhein vorgebeuget / am allermeisten aber die Unterdrückung der Sicambrer und Tencterer verhütet würde. Dieses bewerckstelligte er mit Hülffe des Fürsten Ingviomers auch mit solchem Nachdrucke: daß Tiberius sich durch den Ritter Stahrenberg endlich erklärte: wegen des Ubischen Altares wäre kein Wort zu verlieren. Der Feldher aber möchte des Bacchus Altar zu Ehren seines daselbst gebohrnen Sohnes behalten; jedoch mit dem Bedinge: daß das wenigste weiter an dem Tempel des Bacchus versehret; sondern der Römische Gottesdienst / und des Käysers[383] Augustus Verehrung von denen dazu gewiedmeten Stifftungen darinnen offentlich fortgestellt; dem Segesthes sein von den Cheruskern eingenommenes Gebiete wieder eingeräumt /und den Römischen Feinden wider die Römer keine Hülffe geleistet; alles dis aber vom Marbod und Ariovist verbürget werden solte. Der Feldherr war über dieser Milterung so bekümmert: daß er nicht wuste: ob er sie für eine Verärgerung annehmen solte. Sintemahl die Duldung des Römischen Gottesdienstes in einem Orte / welcher der Cheruskischen Bothmäßigkeit unterworffen wäre / ihme eine Billigung der vielen Römischen Götter aufzubürden: das Volck in seinem Glauben entweder irre / oder gegen ihn argwöhnisch zu machen schiene. Uberdis war ihm die Uberlassung dieser Stadt bedencklich: daß Hertzog Melo nicht hieraus Anlaß zu argwohnen nehmen möchte /als wenn der Feldherr umb diesen Gewinn der Sicambrer Ruhe und Sicherheit verkaufft hätte. Und endlich wäre weit aussehend: daß die Deutschen sich aller Hülffe gegen die / welche die Römische Herrschsucht für Feinde erklären würde / enthalten solten. Diesemnach denn der Feldherr mit den Mitlern / und diese mit dem Tiberius / etliche Tage bis Mitternacht über Abthuung dieser Schwerigkeiten arbeiteten; bis endlich mit Einwilligung aller anwesenden Fürsten /außer dem auf seinem Sinne verharrenden Melo / der Friede in eben der Nacht / da der Neumonde / als das vom Marbod gesteckte / nunmehr aber mit des Tiberius Einwilligung auf fünf Tage verlängerte Krieges-Ziel eintrat / derogestalt geschlossen ward: die Römer solten über den Rhein ohne der Deutschen Erlaubnüs keinen Fuß setzen; diese aber alles / was sie auf der West-Seite des Rheines itzt besäßen / ruhig behalten. Im Altare des Bacchus solte der Römische Gottesdienst unversehrt auf der Römer Unkosten verbleiben / kein Deutscher aber zu selbtem gelassen werden. Kein Theil solte des andern itzigen oder künftigen Feinden beystehen; es wäre denn: daß die Römer ein deutsches Volck bekriegen wolten. Jedoch solten die Deutschen nicht hindern: daß die Römer sich wider des Ubischen Altares / welches der Feldherr zu schleiffen vergebens fürschlug / bemächtigten; dafern Melo nicht zu bereden wäre / solches gegen tausend Pfund Silber abzutreten. Welcher / außer dieses einigen Ortes / alles behalten / und dieses Friedens / wie alle andere Fürsten genüßen solte. Ins geheim ward auch verglichen: daß auf allen Fall / wenn gleich die Römer mit dem Melo brechen müsten / selbte weder über den Rhein einige Brücke schlagen; noch einige andere Festung einnehmen; widrigen Falls aber alle Bunds-Genossen unbeschadet des geschlossenen Friedens / dem Melo mit allen Kräfften / keines weges aber Marbod und Ariovist den Römern Hülffe zu leisten berechtiget seyn solten. Die Nacht war grösten Theils vorbey / als sie mit diesem Schlusse richtig waren; gleichwol aber machten es die Mitler von Stund an durch den abgeschickten Ritter Weissenwolff dem Könige Marbod; durch den Ritter Nothhafft Ariovisten; der Feldherr aber den deutschen Fürsten zu wissen; Und / weil in Deutschland die Frieden-Schlüsse / wie alle hochwichtige Dinge / von allen beliebt werden müsten / ließ er auf den siebenden Tag alle Obersten und Hauptleute des Heeres /Arpus auch von denen Cattischen Ständen / so viel derer zu erreichen waren / nach Bingen beruffen. Das Geschrey von dem Frieden aber zohe hundert mal so viel Volckes herzu; also daß sich niemand eines so Volck-reichen Reichs-Tages erinnerte. Das darzu für der Stadt ausgesteckte Feld ward zu enge und so voll: daß kein Apffel zur Erde / und die Fürsten sich schwerlich zu ihren bereiteten Sitzen durchdringen konten. Nach dem die Priester der gantzen Versammlung eben so / wie bey den Deutschen für Lieferung der Schlachtẽ zu geschehen pflegt / den[384] gewöhnlichen Eyd fürgesprochen hatten / trug der auf einem Hügel stehende Feldherr dem von denen Priestern nach dem Stande / Alter / Verdiensten und Geschickligkeit in gewisse Reyen gestellten Volcke umbständlich die gantze Friedens-Handlung; der Fürsten hierbey gehabte Bedencken; und die Ursachen: warumb sie den abgehandelten Frieden einzugehen für nöthig und nützlich hielten / für; mit einer beweglichen Erinnerung: daß ein jeder umb die Liebe des Vaterlandes willen nach seinem besten Verstande / und Gewissen dessen sich erklären solte; was er Gott annehmlich /den tapferen Deutschen rühmlich / und dem gemeinen Wesen vorträglich zu seyn glaubte. Er und alle anwesende Fürsten / außer dem nicht erschienenẽ Sicambrischen / betheuerten bey dem unsterblichen Gotte /bey der Freyheit Deutschlandes; bey dem Ruhme ihrer Vor-Eltern / und bey ihren Häuptern / welche sie widrigen Falls allem Unglücke gewiedmet haben wolten /daß sie für dismal dem Vaterlande nicht besser / als durch diesen Frieden gerathen wüsten. Diese Erklärung that der Feldherr zugleich im Nahmen der gesa ten Fürsten / umb dardurch die besorglichẽ Vorrechts-Streitigkeiten zu verhüten; welches etliche Hohepriester allen Fürsten / welche nicht selbst ein Volck beherrschten / oder einen Obern erkennten /streitig machten; weil sie Diener und Bothschafter des die gantze Welt beherrschenden Gottes wären / und also alle weltliche Würden überstiegen; ja ehe in Gallien / Britannien und Deutschlande die Spaltung des Gottesdienstes entstanden / Könige und regierende Hertzoge ihnen gewiechen wären. Hierdurch erlangten die Priester die erste Stimme; welche ihrer verpflichteten Friedfertigkeit halber / fast unmöglich anders / als wider den blutigen Krieg stimmen musten. Uberdis hatte der Feldherr auch wegen des Bacchischen Tempels die darwider schwürigen Priester theils durch vernünftige Unterbauung / theils durch Wolthätigkeit gewonnen. Unter dem meist aus Kriegs-Leuten bestehenden Adel / welche doch sonst dem Frieden so gram / als dem Siege hold sind / war eine so einträchtige Einwilligung des Friedens: daß es schien / als wenn die streitbaren Deutschen ihre alte Geburts-Art verändert und für ihrer vorigen Belustigung / nemlich dem Kriege / einen eckelnden Uberdruß bekommen hätten; so gar: daß sie auch einige unter sie vermischte Tencterer und Juhonen / welche dem Melo zu Gefallen / oder umb für andern hertzhafft angesehn zu werden / wider den Friede murreten / mit ihren Waffen / die sie ohne dis bey allen wichtigen Zusammenkunfften bloß zu tragen pflegten / das Stillschweigen aufdrangen. Das gemeine Volck / so ohne dis dem Kriege gram ist / so bald es nur seinen bitteren Vorschmack gekostet hat / gab mit einem grossen Freuden-Geschrey / wie vorher die Priester mit kleinen Glocken / das Kriegs-Volck mit dem Geschwirre der Waffen sein Wolgefallen zu verstehen. Das Frauenzimmer war noch übrig / welches nicht nur die Männer in Deutschland zu den Schlachten auffrischet /und die Flüchtigen zurücke hält; sondern auch selbst die Waffen führet; also von rechtswegen mit zu den Krieges- und Friedens-Rathschlägen gezogen wird. Auch dieser wegen hatte der Feldherr keinen geringen Kummer. Sintemal / wenn diese / als das schwächere Geschlechte zum Kriege riethen / die Mäñer aus Beysorge verzagt angesehn zu werden / sich einigen Frieden zu schlüßen schämen. Maßen sie denn auch die erwachsenden Streitigkeiten zwischen Bunds-Genossen beyzulegen das gröste Ansehn haben. Uberdis war dem Feldherrn nicht unbewust: daß Hertzog Melo hinter unterschiedene Weiber und Jungfrauen / welche verschmitzt und beredsam waren / seine kriegrische Rathschläge versteckt hatte. Dahero er auch seine Gemahlin Thußnelda vermochte: daß sie den Tag vorher das Kindbette verlassen / sich im Rheine gereiniget /ihr Tauben-Opfer abgelegt / und diesen Tag mit der Cattischen Hertzogin und anderm Frauenzimmer in die Reichs-Versa lung eingefunden hatte. Welche[385] denn auch alle widrige Anschläge / die Melo andern unter den Fuß gegeben hatte / theils durch ihre grosse Vernunft / theils durch ihre gleichsam bezaubernde Leitseeligkeit so glücklich hintertrieb: daß auch die / welche das Widersprechen schon auf der Zunge hatten /anfangs mit dem Hertzen und bald mit dem Munde dem durch Thußneldens Anmuth allzu sehr verzuckerten Frieden Beyfall geben musten. Ja nicht wenig aus dem Adelichen Frauenzimmer bothen sich freywillig zu Geisseln an; da einige den Römern zu Versicherung des Friedens gegeben werden müsten. Sintemal die Deutschen denen Jungfrauen eine gewisse Heiligkeit / ihren Einrathungen eine göttliche Regung / und denen durch sie verbundenen Schlüßen eine besondere Tauerhaftigkeit zueignen. Welcher uralten Gewonheit der Deutschen es schon Cleonymus zu Sparta / Porsenna in Italien nachgethan; indem jenem die von Metapont / diesem die Römer / wie auch noch letzthin die Parthen dem August Jungfrau en zu Friedens-Geisseln liefern müssen. Die hierüber frohen Fürsten schickten Augenblicks nach diesem Reichs-Schlusse den beredsamen Grafen von Hanau zu dem Fürsten Melo; welcher ihm nicht nur diesen Schluß eröfnete; sondern auch mit nachdrücklicher Vorstellung des über die Sicambrer aufziehenden Ungewitters ihn zu Abtretung des Ubischen Altares gegen Annehmung der für ihn bedungenen tausend Pfund Silbers zu bereden keinen Fleiß sparete. Hertzog Melo aber hatte sich niemals ungeduldiger gebehrdet / als nunmehr /da ihm alle Krieges-Hofnung eben so / als wie den nunmehr von der in den Wieder tretenden Sonne zerschmeltzenden Schnee zu Wasser werden sah. Daher er dem Grafen / als er ihm das Gewichte dieses Silbers / worvon er zwey solche Städte / als das Ubische Altar wäre / befestigen könte / zur Antwort gab: Wenn er Graf Hanau wäre / dörfte er sich noch wol bereden lassen unnützes Ertzt für eine ihm im Hertzen liegende Festung und seine Ehre zu nehmen. So aber wäre er weder Hanau / noch ein Geld-dürftiger Kauffmann; sondern ein Hertzog dreyer Völcker / welchem es nicht anstünde die Sicherheit seiner Länder und den Ruhm seiner Siege umb so schnödẽ Wucher zu verkauffen. Seine Länder wären ihm nicht feil / weniger sein guter Nahme; und möchte er mit dem tapferen aber einfältigen Brennus der andere deutsche Fürst nicht seyn / der sich die Römer mit ihrem Gelde betrügen ließe. Ja er wolte lieber / wie die verzagten Römer / ihm die Daumen abschneiden / umb sich zu aller Eydesleistung unfähig zu machen; ehe er der Römer Freund zu seyn schweren solte. Die redlichen Deutschen brauchten / wie die Scythen und Indier /keine schriftliche Versicherungen ihres Versprechens; weniger eydliche Versicherung. Ihr Treu und Glauben wäre ihr bester Schwur / die Römer aber / welche die Menschen hinters Licht zu führen nicht scheuten /würden sich weniger für ihren unsichtbaren / und entweder gar nicht geglaubtẽ- oder mit zugemäßenẽ Lastern beschwarzten Göttern scheuen. Dahero man ihrer Freundschaft sich nicht anders versichern könte /als wenn man sie ihm weit vom Leibe hielte. Wer nun dem Feinde solche Festungẽ / die Kapzäume seines Landes wären / abträte; erkennte sich entweder für den Uberwundenen / oder für einen allberen Sieger. Er merckte die Kreide der Römer wol; welche nichts anders im Schilde führten; denn daß zwar die deutschen Fürsten den euserlichen Schein ihrer vorigen Herrschafft und Gottesdienst / welche kluge Uberwinder auch neuen Unterthanen zu lassen nöthig hätten /behalten / und unter denen dienstbaren / wie weiland Antiochus / die Fürnehmsten / oder vielmehr Werckzeuge andern Völckern das Joch der Dienstbarkeit aufzuhalsen seyn solten. Er verlangte aber weder durch dis ein Greuel der Welt zu werden / noch aus der Römer Gnade zu herrschen. Der Degen und das Glücke möchte der Richter seyn / wem das Ubische Altar von rechtswegen zukäme. Er getröstete sich aber keines schlimmern / als es zeither gewest wäre: und so wol seine gerechte Sache /[386] als des unerschrockenen Hertzog Ganasches Vebsprechen ihn versicherten. Diesemnach solte der Graf den Feldherrn und andere deutsche Fürsten versichern: weil zwischen Herren und Knechten keine Freundschaft statt hätte / und auch im Frieden sowol die Neigungen / als Rechte des Krieges unvertilgt blieben / würde die gläserne Verträuligkeit zwischen den Deutschen und Römern bald zerbrechen / und also er jener Freund / wenn sie ihn gleich beleidigten / und dieser Feind / wie sehr sie ihm liebkoseten / sterben. Der Graf von Hanau antwortete: wenn Hertzog Melo bey dieser Meinung bliebe / wolten die deutschen Fürsten entschuldiget seyn: daß sie bey ihm und für sein Heil alles gethan hätten /was der gemeine Bund und ihre Pflicht erforderte: sie befinden sich gezwungen der Zeit zu weichen / und für dem Verhängnüsse die Segel zu streichen. Dieser ihr Schluß würde ihm auch hoffentlich selbst vorträglicher seyn; als wenn sie alle zusammen aus einer falschen Hertzhaftigkeit sich in Grund stürtzten / und mit der Zeit zu seiner Erhaltung nichts beytragen könten. Melo aber versätzte: Er ließe der gantzen Welt die Freyheit zu urtheilen: ob seine ihn verlassende Bundsgenossen einen Weg zu ihrer Wolfahrt oder zu ihrer Verterben erkieseten? Ob dieses erhebliche Gründe ihres Verfahrens / oder ihre Zagheit bemäntelnde Farben wären? Und ob sich ohne Verlust seiner Ehre in Treu und Glaubẽ eine solche Scharte machen ließe? Wie dem aber wäre; und was für Nothwendigkeit gleich hinter ihrem Friede steckte / bliebe doch ihre Absonderung zum wenigsten eine grosse Schwachheit / in welche kein Fürst verfiele / der das Maas seiner Kräften verstünde / und nichts ohne Vorsicht handelte. Denn / da sie sich den Römern nicht gewachsen zu seyn gewüst / und des herrschsüchtigen Marbods untreue Nachbarschaft für Augen gehabt; hätten sie entweder ihn nicht durch ihren Bund die Waffen zu ergreiffen veranlassen; oder itzt durch ihren unzeitigen Frieden der Welt ihr Unvermögen nicht so schimpflich verrathen sollen / nach dem sie einmal die Beschirmung der deutschen Freyheit auf ihre Achseln geno en hätten. Der Graf von Hanau hielt nicht für rathsam durch ausführliche Antwort das gekränckte Gemüthe des Melo mehr zu erherben /sondern brach kurtz ab / und sagte allein: In schweren Verwickelungen müssen Fürsten dem Glücke / wie in gefährlichen Kranckheiten die Aertzte der Natur folgen / welche ihnen mehrmals selbst den Weg wiese /durch welchen sie das Ubel angreiffen und den Kranckẽ retten solten. Melo aber verließ die schon auf der Zunge habenden Worte im Munde / sätzte sich im Gesichte des Grafen von Hanau zu Pferde; dessen Leibwache für der Stadt schon in voller Bereitschaft hielt; und sein Geräthe ließ er auf etlichẽ Schiffen den Rhein hinunter führen.

Nach des Hertzogs Melo Abzuge ertheilte der Cattische Hertzog alsbald Befehl den gefangenen und zu Maltium verwahrten Segesthes nach Bingen zu holen. Zwischen Meynz und Bingen aber ward auf einem kleinen Eylande im Rhein alles zu Vollziehung des Friedens bereitet. Auf Römischer Seiten war Cäcina und Asprenas; auf Deutscher der Graf Nassau und Waldeck hierzu verordnet. Für die Mitler war ein köstlich Zelt in der Mitte des Eylandes / für die Römischẽ Gesandten am Sud-für die Deutschen am Nord-Ende bereitet. Die Mitler kamen mit der aufgehenden Sonnen dahin; eine Stunde darnach aber stiegen die Römischen und deutschen Gesandten auf einmal aus; und wurden auf gantz gleiche Art und Zeit in das Zelt der Mitler abgeholet. Nach dem sie alle einander mit grosser Ehrerbietung bewillko t / und König Marbods Bothschaffter beyden Theilen über dem geschlossenen Frieden Glück gewünscht; auch den abgehandelten Inhalt wiederholet hatte; erklärten sie sich zwar beyderseits; daß sie darmit einsti ig wären. Es erwuchs aber alsbald ein Streit über der Sprache; und auf was die Friedens-Bedingungen zum Beweiß und künftigem Gedächtnüsse verzeichnet werden solten. Die Römer ließen das dinneste Papier /[387] welches das Käyserliche genennet ward / darlangen. Denn ob zwar schon zur Zeit des grossen Alexanders erfunden worden war / aus denen mit einer Nadel von sa en gezogenen und hernach mit trüben Nil-Wasser zusa en geleimten Blastern oder Häutlein einer Egyptischen Wasser-Staude Schreibe-Papier zu machen; so hatte doch Käyser August erfunden selbtes mercklich in verbessern; indem er nur die dinnesten Blätlein aus der Mitte des Papier-Baumes abschälen / eines die Länge / das andere die Quäre auf einander legen / und mit einem klaren Leime zusammen kleiben ließ. Welches daher fürs beste gehalten / und nach seinem Nahmen geneñt ward. Der Graf von Nassau aber verwarf es / als allzu sehr durchschlagend / und keine scharffe Schreibe-Feder vertragend. Cäcina ließ also das aus denen andern Blätlein / nach Erfindung Liviens / was dicker gemachtes Papier hergeben; aber der Graf Waldeck meldete: die Deutschen wären gewohnt lange tauernde Frieden zu schlüßen; und also wäre ihnen hierzu alles Papier / welches so leicht als die von den Alten zum Schreiben gebrauchten Baumrinden zerrissen / und noch ehe von Schaben gefressen würde / zu geringe / oder eine verdächtige Wahrsagung eines vergänglichen Friedens. Diesemnach ließ er ihm eine ausgearbeitete Schweinhaut reichen; welche denen Römern nicht unangenehm seyn könte / weil sie bey allen ihren Bündnüssen ein Schwein oder gar eine Sau zu schlachten pflegten; und als ein streitbar Thier ihrem Kriegs-Gotte gewiedmet wäre; nach dem solches von dem zähnichten Sicinius / welcher hundert und zwantzig mal im Zweykampfe gefochtẽ / sechs und zwantzig Siegs-Kräntze / hundert und viertzig Armbänder erworben hätte / dem Mars zum ersten mal wäre geopffert worden. Asprenas fiel ein: dieses Thier / welches an Fettigkeit alle andere überträffe /schickte sich zwar gar wol zu opffern; und würde dem Jupiter selbst zu Athen ein Schwein geschlachtet. Alleine die Haut dieses geilen / Koth- fressenden und unflätigen Thieres wäre viel zu unwürdig ein Behältnüs des mehr als güldenen Friedens abzugeben; welcher auf das reinlichste zu verfassen wäre / weil er denen Blutbefleckungen ein Ende machte. Daher zu Rom alle Frieden-Schlüsse auf schneeweisse Leinwand gedrückt / und im Tempel des Saturn aufgehoben würden. Man schmiedete die mörderischen Schwerdter zum Theil aus Golde; man versätzte sie mit Edelgesteinen; ja man verwahrte wol gar tödtliches Gifft in Schmaragd und Hiacynthen; und man solte den unschätzbaren Frieden auf einer Schweinshaut besudeln? Wäre es nicht eben so viel als die Perle auf den Mist werffen? oder mit jenem thörichten Weibe ihren Harn in Gold lassen / und aus Glase trincken? der Graf Waldeck antwortete lächelnde: Er hoffte durch seinen Vorschlag nicht so sehr gesündigt zu haben. Wäre doch der auf Schwein- und andere Häute geschriebene Homer vom grossen Alexander unter sein Hauptküssen / und folgends in das kostbarste damascenische Kästlein gelegt worden. Würden nicht die Schweine / etlicher Meinung nach / von Juden / fürnemlich aber von Cretensern / weil eine Bärmutter Jupitern in seiner Kindheit gesäugt hätte /göttlich verehret? Ja die Vor-Eltern der Römer / nemlich die Bürger zu Lavinium hätten der funfzig Fercklein werffenden Range des Eneas / und die Stadt Alba einem Schweine / als ihrem Urheber / wie Rom seiner Wölffin eine Seule aufgerichtet. Zum wenigsten aber wäre diesem nützlichen Thiere das Lob nicht zunehmen: daß es mehrmals ein Werckzeug grosser Siege gewest; und hätten die von Megara mit überpichten und angezündeten Schweinen Antipaters / die Römer des Pyrrhus Elefanten und Pferde / welche für ihnen eine grausame Abscheu hätten / in ärgste Verwirrung / einen herrlichen Sieg / und dardurch einen guten Frieden zuwege gebracht. Warumb solte nun eines so angesehenen Thieres; welches die Römer und andere Völcker eben so wol / als Ochsen und Schaafe auf ihre ältesten[388] Müntzen gepregt hätten / nicht zu einer Schreibe-Tafel dienen. Cäcina nam diesen Einwurff für einen höflichen Schertz auf / und sagte: der Römische und deutsche Friede wäre ihm so ein liebes Kleinod: daß er ihn in Diamanten und Rubinen zu schneiden würdig schätzte. Was würdigers nun hierzu zu nehmen / und gleichwol der Deutschen Vorschläge nicht gäntzlich zu entfallen / wolten sie hierzu etwas von einem Thiere erkiesen / welches dem Schweine am ähnlichsten; ja dis aus selbigen Thieres Unflathe entsprossen seyn solte. Dieses wäre der Elefant. Hier mit ließ er ihm zwey schöne helffenbeinerne Taffeln langen / welche von allen Anwesenden einmüthig zu Verfassung des Friedens beliebt wurden. Darauf wolten die Römer ihn in Lateinischer- die Deutschen aber in ihrer Mutter-Sprache verfasset wissen. Jene / weil die Lateinische Sprache den Deutschen wie allen Völckern kundig wäre / zu Rom aber fast niemand deutsch könte. Diese / weil sie auf deutschem Bodem / und unter deutschem Himmel wären; die deutsche Sprache sich auch durch gantz Asien bis in Persien ausgebreitet / und als eine der ältesten Sprachen den Griechen selbst ihre Buchstaben geliehen hätte. Der Graf von Stahrenberg wolte diesen Zwist nicht zu Kräfften kommen lassen; fieng also an: Es wäre zu wünschen: daß / der Egyptischen Priester Wahrsagung nach / bald in der gantzen Welt / wie es von Anfange der Welt gewest / da alle Thiere einerley verständliche Stimme gehabt haben solten / eine Sprache geredet würde. Sintemal die siebenzig oder zwey und siebenzig Sprachen / ohne ihre noch gezeugte Töchter / als eine Straffe des Himmels in der Welt nichts als Verwirrung und Beschwerligkeit verursachten. Weil aber hierauf nicht zu warten / kein Augenblick aber bezahlt werden könte / der zu Beförderung des köstlichsten Dinges in der Welt / nemlich des Friedens nicht angewendet würde / hielte er fürs rathsamste: daß / weil die Römer die Griechische gleichsam für ihre andere Mutter-Sprache angenommen; die Deutschen aber darzu ihre Buchstaben hergegeben hätten /und beyde sie für ein allgemeines Band der Völcker /und die Römer ihre Lateinische guten theils für eine Tochter der Eolischen hielten / der Friede am füglichsten Griechisch abzufassen seyn würde. Beyde Theile beruheten bey diesem Vorschlage / also schrieb ein Druys in eine; und ein Römischer Priester mit einem spitzigen Grieffel aus Stahle in die andere Taffel die Friedens-Gesätze; und so wol die Mitler / als beyderseitige Gesandten darunter eigenhändig ihre Nahmen. Ja es ward beliebet: daß an eben selbiger Stelle eine ertztene Seule aufgerichtet werden solte / darein die Friedens-Bedingungen geetzet wären. Welche zu Meynz so geschwinde gefertigt ward: daß man sie den neundten Tag auf einen dazu bereiteten alabasternen Fuß / den Hertzog Arpus aus seinem Nordhausischen Stein-Bruche dahin eilfertig verschaffte / aufrichten konte. Oben auf der Seule stand ein aus Ertzt gegossenes Bild des Friedens über eitel Rosen; welches auf dem Haupte einen Krantz aus Lorbeer- und Oel-Blättern / wie auch Weitzen-Eeren / in der rechten Hand einen Herolds-Stab / in der lincken einen Püschel Mah-Häupter / und göldener Aepffel / an der Seiten an statt des Köchers ein Horn des Uberflusses hatte. Die Barden wolten hierbey weder ihrer Freude noch Pflicht vergessen; daher gruben sie die erste Nacht in die eine Seite des steinernen Fusses über den zur Zierath darein gegrabenen Rhein-Strom folgende Reimen ein:


Der Alpen Riesen-Sohn / du Silber-reiner Rhein /

Für dem Eridanus in Pfützen sich verkreucht.

Dem / wie auch seiner Frau der Donau / willig weicht /

Europens jeder Strom; der du schluckst Wässer ein /

Die statt des Sandes führn Gold / Perl und Edelstein.

Für dessen Hörnern selbst des Meeres Saltz erbleicht /

Und dessen Quell der Nil mit seinen Augen weicht /

Komm! laß dis Friedens-Bild stets deinen Abgott seyn;


Schütt' allen deinen Schatz aus an dis Heiligthum;

Denn Fried' ist güldener als Gold; und edler Art /

Als was für Stein und Perln der Ganges-Strom verwahrt.

Ni dem gestirnten Po nun immer seinen Ruhm.[389]

Denn solche güldne Zeit ist alles Glückes Kern /

Und Eintracht nützlicher den Deutschen / als ein Stern.


Auf der andern Seite war über dem zum Zierath eingegrabenen Römischen Adler zu lesen:


Rühmt ihr Phönicier; daß ihr durch Adlers Blut /

Nach dem Astart' es sprengt' auf des Neptun Altar /

Den Fels geanckert habt / der vormals wanckend war /

Auf welchem Tyrus stand ins Meeres blauer Fluth.

Wie bald fiel eure Stadt durch blossen Ubermuth /

Die an dem Himmel hieng / und lachte der Gefahr.

Denn Keite / Marmel / Stahl reißt wie ein schwaches Haar /

Wenn wir nicht klug / behertzt / und Gott uns nicht ist gut.


Ihr Deutschen / dieses Ertzt und dieser Friedens-Stein /

Ist durch viel edler Blut und Oel geweichet ein /

Das tausend Helden offt aus Wund und Adern raan.

Soll er wie Ertzt nun stehn / muß der befleckte Rhein

Ein Sitz der Gottesfurcht / der Eintracht Vorburg seyn.

Wer so befestigt ist / den ficht kein Sturmwind an.


Nach dem nun der Friedens-Schluß gegen einander ausgewechselt / und so wol vom Tiberius / als denen deutschen Fürsten eine schrifftliche Genehmhabung denen Mitlern eingeschickt war; besti ten die Deutschen den Vollmond / die Römer aber den dreyzehnden April / welcher dem siegenden Jupiter und der Freyheit geweihet ist / zu Beschwerung des Friedes; und den sechzehnden darauf / an welchem Tage Octavius zum ersten mal als Käyser August begrüsset worden / solten ihre Freuden-Feyer gehalten werden. Der Graf Nassau und Waldeck wurden auf besti te Zeit nach Meynz abgeschickt / daselbst vom Tiberius und Germanicus herrlich bewillkommt / und unterhalten. Der Eyd geschahe in dem zu Meynz von den Römern erbauten Tempel des Jupiters / von dem Tiberius alleine; weil er den Germanicus an seiner obersten Kriegs-Herrschafft ein Theil haben zu lassen viel zu neidisch war. Die Priester opfferten zu erst ein Schwein; hernach trat Tiberius für Jupiters Altar / und legte die helffenbeinerne Friedens-Taffel mit grosser Ehrerbietung darauf / der Hohepriester aber gab ihm einen Kieselstein in die rechte Hand / auf die lincke Seite führte ihm ein ander Priester ein schneeweisses La / welches er mit der lincken Hand faßte / hernach zwischẽ diesen Wortẽ den Stein zu Boden warf; Jupiter / Mars und Quirin seyd Zeugen und Rächer dieses Friedens; und wo ich selbtem treulich und ohne Arglist nachko e / so wendet mir alles zum besten. Solte ich aber friedbrüchig werden; so verwerfft mich von eurem Antlitze / wie ich diesen Stein; oder zerfleischet mich / wie der Priester itzt diesem Opffer-Thiere thun wird. Worauf denn Tiberius sich rechtwerts dem Altare wieder zuwendete / mit scheinbarer Andacht der Opfferung des Lammes auswartete / und hernach die deutschen Gesandten mit einem prächtigen Gastmahle abfertigte. Folgenden Tag / an welchem der Vollmonde einfiel / kamen Cäcina und Asprenas nach Bingen / allwo der Feldherr auf einem unter freyem Himmel nahe an dem Rheine aufgerichteten Altare dem einigen Gotte des Friedens hundert weisse Ochsen opffern ließ / und hierauf neben sechs andern deutschen Fürsten den Bestätigungs-Eyd mit grosser Andacht leistete / jeder auch mit einer Zange aus dem Opffer-Feuer ein glüendes Eisen nam und in den Rhein warf / mit beygesetzten Worten: Wenn unter ihnen jemand den Frieden verletzen würde / solte er und sein Haus wie dis glüende Eisen ausgelescht werden. Welche Eydesleistung der Griechischen nahe ko et; dabey Bündnüssen ein glüend Stahl ins Meer geworffen / und betheuert wird: Es solle der Bund so lange tauern / als solch Stahl nicht wieder ans Licht käme. Die Römischen Gesandten wurden hierauf nach deutscher Art herrlich bewirthet; und allerseits gegen einander grosse Verträuligkeit bezeuget. So seltzame Larven nehmen die Menschen nach und nach für; also daß einer heute ein geduldiges La / oder eine behägliche Taube fürbildet / der gestern ärger als ein Tieger wütete / und schärffere Klauen / als Geyer und andere Raubvögel zeigete; wormit diese Warheit ja so viel klärer an Tag käme: daß der Mensch der veränderlichste Cameleon / die Welt ein Schauplatz / das Leben ein anfangs lächerliches / hernach aber trauriges Spiel sey.

Quelle:
Daniel Caspar von Lohenstein: Großmütiger Feldherr Arminius, Zweyter Theil, Leipzig 1690, S. 234-390.
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