Das II. Capitel /

Von der Lohensteinischen Schreib-Art.

[7] Die Art zu schreiben / derer der Herr von Lohenstein sich in diesem Werck gebraucht / ist zwar hoch /doch nicht unverständlich / hierbey ungezwungen /durchgehends gleichförmig / und um deß willen desto angenehmer und wunderbarer. Denn wenn gleich einer in einer ordentlich-niedrigen oder mittelmäßigen Schreib-Art denn und wenn hohe Reden und ungemeine Gedancken einmischt / siehets doch nicht viel besser aus / als ein Tuch-Kleid / das mit etlichen Sammt-Flecken geflicket ist; da man hingegen unserm Lohenstein den Preiß lassen muß / dessen Verstand so viel sinnreiche Sprüche / dessen Gedächtniß so viel merckwürdige Exempel / dessen Einbildung so viel artige Gleichnisse iederzeit im Vorrath gehabt / daß alle Stücke dieses Wercks mit unterschiedenen Zierathen auf einerley Art versetzet und denen wohlangelegten Garten-Beeten ähnlich sind / die einander alle gleich / und doch alle mit ihrem eigenen Reichthum versorget seyn müssen.

Wahr ists / es möchten nicht wenig Leser meynen /Lohenstein habe der Sachen allzu viel gethan / und /(da er hin und wieder auf die überwürtzten Speisen so übel zu sprechen ist /) seine Schrifften mit solchen köstlichen Sprüchen / Gleichnissen und Exempeln überwürtzet: Es scheinet ja fast / der unsäglich belesene Mann habe alle seine redende Personen vom grösten biß zum kleinsten / vom Feldherrn biß auf den geringsten Soldaten / nach seinem eigenen Maaß abgemessen / und mit seinem eigenen Geiste beseelet /weil iedweder ohne Nachdencken im freyen Felde aus dem Kopffe so viel Geschichten auf alle Fälle herzusagen weiß / als mancher Halbgelehrter in wer weiß wie viel Wochen aus etlichen dutzent Tröstern vergeblich zusammen suchen solte. Allein gleich wie Plato sein gemeines Wesen entworffen / nicht wie es seyn kan / sondern wie es seyn solte: Also machen solche Helden-Gedichte allezeit die Personen klüger und tugendhaffter / als sie vermuthlich gewesen /damit sie desto eher dem Leser zum Muster vorgestellet zu werden verdienen möchten. Und warum wolte man zu Lohensteins Gütigkeit scheel sehen / der seinen Leser lieber mit vernünfftigen Dingen als mit eiteln Geschwätz unterhalten / und lieber seine eigene vollkommene Gedancken seinen Helden und Heldinnen in den Mund legen wollen / ehe daß er sie etwas reden liesse / so zwar ihrer wahrhafften natürlichen Fähigkeit gemäß / nicht aber einen nach vollkommenern Dingen begierigen Leser völlige Gnüge zu leisten tüchtig wäre?

Ubrigens ist die Redens-Art unsers Lohensteins rein-Hochteutsch / und weder mit Lateinischen oder andern frembden Wörtern ohne[7] die höchste1 Noth /noch mit neugemachten Teutschen vermenget. Und ob wohl ein und andere Arten zu reden da und dort2 vorkommen / so vielleicht in Schlesien gebräuchlicher als in Meissen seyn; so würde es doch eben so grosse Thorheit seyn / den seligen Herrn von Lohenstein deßwegen zu tadeln / als etwa den Livius und Gvicciardini / weil ihre Redens-Arten einiger massen verrathen sollen / daß3 jener von Padua / dieser von Florentz4 bürtig gewesen; denn diß alles wird nimmermehr hindern / daß nicht gelehrte Leute des Livius Latein / das Italiänische des Gvicciardini und des Lohensteins Teutsches für rein und untadelhafft halten.

Damit aber Lohenstein sein Teutsch von allem Lateinischen Beysatz desto mehr sauberte / hat er (nach Art Johann Ludwig Gottfrieds in den vier Monarchien) die in den Lateinisch- und Griechischen Geschicht-Schreibern gefundene und mit Lateinisch- und Griechischen Endungen / Aussprache und Schreib-Art unkäntlich gemachte Alt-Teutsche oder Gallische Nahmen geändert / wie sie vermuthlich von denen Teutschen und Galliern ehemahls selbst ausgesprochen worden; welches zu dem Ende mit unterschiedenen Exempeln zu bestätigen ist / damit man desto ehe den Polybius / Appianus / Livius / Tacitus / Florus /Dio und andere Geschicht-Schreiber gegen unsern Lohenstein verhören könne. Solchergestalt ist


Der bey denen Der beym

Römern undLohenstein gedachte

Griechen gemeldete


Arminius Herrmann.

Maroboduus Marbod.

Cotualda Gottwald.

Orgetorix Orgetorich.

Ambiorix Aembrich5

Adgandesterus Adgandester.

Cimberius Cimber.

Dejotarus Dejotar.6

Thumelicus Thumelich.

Deudorix Dietrich.

Ganascus Ganasch.

1

Gleichwie also die Brahmanischen Kamma und Kristna / das Griechische ΑΡΤΗΣΗ, das Lateinische Phalaux / Legionen / und etliche andere in sehr geringer Anzahl / ohne Dunckelheit der Rede / nicht haben können vermieden werden.

2

Zum Exempel / die Sonne geht zu Golde vor die Sonne geht unter; Kreilen der Vogel vor Krallen; Angewehren vor anwenden / anwerden; Enthengen vor zulassen / verstatten; Zufrömen vor zuwenden /schencken; samb vor gleich als ob; die Säbel vor der Säbel; eine Krause vor ein Krug; warnigen vor warnen.

3

Besiche Dan. Georg Morhoffs Buch de Patavinitate Liviana gedruckt zu Kiel 1684. in 4.

4

Hiervon ist wohl zu lesen Tomaso Porcacchi in seinem Giudicio dalla historia d'Italia di M. Francesco Gvieciardini (so vor der Venetianischen Edition von A. 1599. zu finden /) p. 13. b.

5

Das soll so viel seyn als Emerich

6

Das hat Reinesius für Dietherr gehalten.

Quelle:
Daniel Caspar von Lohenstein: Großmütiger Feldherr Arminius, Zweyter Theil, Leipzig 1690, S. VII7-VIII8.
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