Das Sechste Buch.

[730] Die Sterne stunden noch am Hi el / und der gantze Hof lag noch zur Ruh / als ein Cattischer Edelmann dem Hertzog Arpus und Fürsten Catumer zu wissen machte: daß beyder Gemahlinnen Erdmuth und Rhamis nur drey Meilen von dannen auf einem Lusthause des Feldherrn ankommen wären; derer erstere / als der Fürstin Thußnelda nahe Bluts-Freundin / bey dieser Vermählung die Mutter-Stelle vertreten solte. Diese Post erweckte anfangs diese zwey Cattische Fürsten; Hernach aber / als Fürst Adgandester hiervon Nachricht kriegte / und dem Feldherren beybrachte / alle Grossen. Denn iederman war über dieser Ankunfft erfreuet. Also ward von allen Deutschen Fürsten Befehl ertheilet fertig zu machen / diese annehmliche Gäste zu bewillkommen. Der Feldherr alleine blieb zurück /und verschloß sich wegen wichtiger Schreiben in sein Zimmer / befahl aber dem Fürsten Adgandester: daß er bey fast einsamen Hoffe die fremden Fürsten inzwischen annehmlich unterhalten solte. Wie nun das hertzogliche Schloß derogestalt von allen Häuptern gleichsam ausgeleeret ward / führte Adgandester die fremden Gefangenen / oder vielmehr annehmlichen Gäste / auf die neue Rennebahn / und zeigte ihnen alle Anstalten / die der Feldherr zu herrlicher Begehung seines Beylagers angeordnet hatte. Nachdem sie auch mit unterschiedenen Rennen sich erlustigt / verfügten sie sich in den Lustgarten; da sie die Königin Erato mit Saloninen und etlichem andern Frauenzimmer /welches die Fürstin Thußnelda zurück gelassen hatte /antraffen;[730] und nach gegen sie bezeugter tieffer Ehrerbietung erkundigten; mit was für Annehmligkeit sie einander in dieser Einsamkeit unterhielten. Die holdselige Erato berichtete hierauf: daß sie ihr die Ankunfft und Beschaffenheit der beyden Cattischen Hertzoginnen; denen der gantze Hoff entgegen gezogen wäre / hätte erzehlen lassen; und von ihnen so viel gutes vernommen: daß sie eine grosse Begierde hätte sie nur bald zu umarmen / und sich um ihre Gewogenheit zu bewerben. Ihr Vorwitz hätte sie auch ferner getrieben den Uhrsprung der Liebe zwischen dem Feldherren und der auserwehlten Fürstin Thußnelda /wie nichts minder der von ihrem Vater hierüber geschöpfften Gramschafft zu erforschen. Worvon ihr die anwesende Nassauin zwar ein Theil zu eröfnen Vertröstung / hiernebst aber diese Anweisung gethan hätte: daß sie alle Umstände von niemanden besser /als dem Fürsten Adgandester / welchem Hertzog Herrmann iederzeit sein Hertze mit allen Heimligkeiten vertraut hätte / ja ein treuer Gefärthe seines Glücks gewest wäre / vernehmen könte. Aber sie trüge nicht unbilliches Bedencken ihm nicht nur eine so beschwerliche Bemühung / sondern auch die Eröffnung derselben Heimligkeiten anzumuthen; welche die Liebhaber insgemein verborgen wissen wolten; weil sie davon den Aberglauben hätten: daß wie die Sonne den Glantz den Sternen / also die Wissenschafft den Zucker der Liebe benehme. Jedoch könte sie ihn wohl versichern: daß die holdselige Thußnelda ihr selbst nichts hiervon zu verschweigen Vertröstung gethan hätte. Adgandester bezeugte gegen die Königin ein absonderes Verlangen ihr zu gehorsamen / und trüge er selbte zu eröffnen kein Bedencken. Sintemal er wol wüste: daß er hierdurch nichts / was sein Herr und Thußnelde für ihnen verschwiegen haben wolte / entdeckte. Nicht zwar / weil ihnen vieler Eitelkeit anklebte / welche ihre Liebe für unvollkommen / oder nicht für genung eingezuckert hielten / wenn nicht auch andere darvon wüsten; und gleichsam an ihrer Ergetzligkeit theil hätten; sondern vielmehr / weil beyder Liebes-Fackeln alles Rauches befreyet wären; also: daß sie allen andern Liebhabern wol ein Licht /niemanden aber kein Aergernüß abgeben könten. Und irrete ihn nichts: daß Segesthes selbst diese reine Gluth nicht nur auszuleschen / sondern auch zu schwärtzen sich auf alle Weise bemühete. Denn wie die von der Erden aufsteigenden Dünste es die Sonne zu beflecken nicht endeten / gleichwol aber durch ihre Zerrinnung der angefeuchteten Erde wider ihr Absehn Nutzen schafften; Also benähme die Verleumdung denen Stralen der Tugend nicht den geringsten Funcken; ja sie verursachte mit ihrem Schatten vielmehr: daß sie desto heller leuchtete / und ihren Lauf mit so viel mehr Ehre vollendete. Hertzog Rhemetalces fiel ein: Er wolte wol nicht gerne der Königin Verlangen /und ihrem aus Anhörung einer so merckwürdigen Liebes-Geschichte bereit durch den Vorschmack der Hoffnung geschöpfften Vergnügen den minsten Abbruch thun; weil er aber bereit diese Nachricht hiervon hätte: daß die Erzehlung in andere wichtige Reichs- und Kriegs-Begebenheiten Deutschlands einfallen würde; stellte er zu der Königin Entschlüssung: Ob nicht Fürst Adgandester zu vermögen wäre / ihnen vom Uhrsprunge an der Deutschen Geschichte / und insonderheit die mit denen Römern und Griechen gehabte Vermengungen vorher entwerffen / und dardurch des Feldherrn Herrmanns Thaten ein Licht geben wolte. Erato versetzte: sie wäre für diese gute Erinnerung dem Fürsten Rhemetalces hoch verbunden / noch höher aber würde sie es gegen den Fürsten Adgandester seyn; wenn er sie alle mit einer hochverlangten Nachricht zu beglückseligen erbittlich seyn möchte. Adgandester antwortete: Er wäre so begierig als schuldig hierinnen zu gehorsamen; Sein einiges Bedencken wäre nur: daß seine Erzehlung einer so lieblichen Gesellschafft[731] mehr Eckel als Anmuth verursachen / er auch in einigen Umständen / die dem Fürsten Malovend zweiffelsfrey besser kundig wären /irren / und also seine übrige Berichte verdächtig machen dörffte. Alle Anwesende nahmen seine Erklärung für bekandt auf / und versicherten ihn ihrer hohen Vergnügung; da er ihnen von Grund aus und umständlich alles fürtragen würde; weil dieser ihnen freygelassene Tag durch keine bessere Lust zu verkürtzen wäre / ihnen auch diese Gelegenheit nicht so bald wieder kommen möchte. Adgandester erinnerte hierauf: Man möchte seine Erzehlung deßhalben nicht bald als unwahrhafft verdammen; wenn selbte nicht in allem mit den Römischen Geschichtschreibern / welche ihrem Volcke bißweilen zu sehr geheuchelt /übereinstimmete. Die aufrichtige Entdeckung der Deutschen Fehler und Niederlagen würden hoffentlich ihm auch im übrigen desto mehr Glauben erwerben. Zeno begegnete ihm: Er möchte deßhalben den minsten Kummer haben; weil nicht nur die Deutschen /sondern auch die Griechen und andere Völcker hierüber eine gleichmäßige Klage führten / und ein überaus grosser Unterscheid zu lesen wäre / von dem /was die Römer und Fremde von ihren Africanischen und Parthischen Kriegen aufgezeichnet hätten. Da doch die Warheit der Kern und die Seele eines Geschichtschreibers / die Heucheley aber ein vergänglicher Firnüß wäre / welchen die Zeit nichts minder von scheltbaren Thaten / als das Alter die Schmincke von runtzlichten Wangen abwischte. Fürst Malovend setzte auch diese absondere Vertröstung bey: daß er mit seinen Erinnerungen ihm auf den unverhofften Nothfall nicht entfallen wolte; weil er zumal dem Fürsten Zeno und Rhemetalces noch in der Schuld wäre / die Begebenheiten der beyden Feldherren Aembrichs und Segimers zu erzehlen. Adgandestern waren hiermit alle ohne diß nur von seiner Höfligkeit eingeworffene Ausflüchte abgeschnitten; dahero er denn / nach dem die Königin Erato / Saloninc nebst dem andern Frauenzimmer / Fürst Zeno und Rhemetalces sich in einem anmuthigen Gesträuche in einen Kreiß niedergelassen hatte; folgende Erzehlung anfing.


Es hat mit den Ländern in der Welt und dem Meere / oder denen Wolcken einerley Beschaffenheit. Die Flüsse / die das Meer in sich verschlinget / giebet es durch geheime Wasser-Röhren aus den Gebürgen wieder von sich; die schwämmichten Wolcken drücken ihre Feuchtigkeit wieder auf den Erdbodem aus /woher sie empor gedampfft waren. Und die vor anderwärts her bevölckerten Länder überströmen und besämen hernach andere. Denn ob zwar insgemein geglaubet wird / daß Menschen und Thiere von Anfang nicht anders als die Piltze / oder die Egyptischen Mäuse aus dem Erdbodem / und zwar anfangs nicht in solcher Vollkommenheit / sondern heßlich und gebrechlich gewachsen wären; Weßwegen die Egyptier aus ihres Landes annehmlicher Fruchtbarkeit / die Scythen aber aus der Höhe ihrer Gebürge zu behaupten vermeinet: daß die ersten Menschen bey ihnen aus dem fetten Leime gewachsen / oder doch von denen im Nil schwimmenden Wasser-Leuten gezeuget worden wären; so ist doch bey uns Deutschen eine beständige von unsern Ahnen herrührende Sage: daß Gott in Asien nur einen Mann / nemlich den Tuisto und ein Weib Hertha aus einem Erdschollen erschaffen habe. Dessen Sohn wäre Mann / sein Enckel Ascenas gewest; welcher aus Phrygien über die Meer-Enge und den Ister-Strom zum ersten Deutschland besessen /und durch seiner dreyen Söhne Jugävon / Hermion und Istevon Nachkommen derogestalt erfüllet hätte: daß sie hernach viel andere Länder zu besetzen genungsamen Uberschuß gehabt. Sintemal die Natur die kalten Nordländer für dem heissen Sud-Striche mit mehrer Fruchtbarkeit beschencket /[732] also: daß Mitternacht die Scheide der Völcker genennet zu werden verdienet hat. Unter diesen Deutschen Propfreisern sind die ersten gewesen die Gallier; welcher Sprache noch ein Kennzeichen ist: daß so wol sie als das Volck selbst von uns / nicht aber von Galaten / dem geträumten Sohne des Hercules entsprossen. Ja von den alten Griechen und Römern alles / was zwischen dem Pyreneischen Gebürge biß an das schwartze Meer und die Ost-See lieget / mit dem Nahmen Galliens belegt / und also die Deutschen insgemein für Gallier gehalten / diese aber zu Nachbarn der Scythen gemacht worden; da doch der Rhein die eigentliche Gräntze der Gallier und Deutschen ist. Wiewol nicht zu leugnen: daß anfangs auch ein Theil von des Javans Nachkommen aus denen Egeischen Eylanden /und hernach die für dem Persischen Joche sich flüchtenden Phocäer / nach dem sie vorher mit dem Römischen Könige Tarqvinius ein Bündnüß gemacht / an dem Rhodan niedergelassen hätten. Und eben diese Vermischung ist hernach die Ursache der zwischen diesen beyden verschwisterten Völckern itzigen so merckwürdigen Unähnligkeit und vieler andern Verenderungen gewest. Es ist bekandt: daß die Einwohner der Nordlande / ungeachtet sie sich mit einem Weibe vergnügen / viel fruchtbarer als die des heissen Sudstrichs sind. Aus dieser Ursache ward Deutschland / Sarmatien und Gallien seinen Völckern endlich zu klein / und daher entstanden zwischen denen Deutschen / und denen nicht minder fruchtbaren Sarmatern der Gräntzen halber die ersten Kriege; Wiewol diese zwey streitbare Völcker sich auch mehrmals mit einander vereinbarten / und der übrigen Welt gegen einander ein Schrecken einjagten. Insonderheit kam Galathes / der Deutschen König / zur Zeit des zu Troja herschenden Ilus / seiner Macht und Tapfferkeit wegen in grosses Ansehen; und was die aus Deutschland entsprossenen Amazonen in Asien und Africa für Wunder gethan / ist ohne diß Weltkündig. Weil nun die sich in Gallien vermehrenden Völcker wegen der ihnen im Wege stehenden zweyen Meere und Gebürge nicht so wol ausbreiten konten / wurden die aus Deutschland in Gallien gekommenen / und ziemlich ins Gedrange gebrachten Bojen unter dem Gebiete des Königs der Bituriger Ambigat genöthigt / die Deutschen anzuflehen: sie möchten ihnen ein Stücke Landes in ihrem alten Vaterlande einräumen. Worauf sich ihrer viel tausend unter dem Heerführer Sigovesus /des Königs Schwester Sohne / in dem ihnen angewiesenen Hercynischen Walde an dem Muldau-Strome niederliessen / auch alldar blieben sind / biß sie unlängst der Marckmänner König Marobod über die Donau vertrieben hat. Weil aber die Bojen nicht alle in dem volckreichen Deutschlande raum hatten / traf des Sigovesus Bruder / den Bellovesus / das Looß /über denen Himmel-hohen Alpen / welches für ihm kein Mensch als Hercules überstiegen haben solte /eine Wohnstadt zu suchen. Zu den Bojen schlugen sich viel tausend Schwaben und Alemänner; iedoch schiene der gantzen Welt Macht nicht genung zu seyn / durch die Mauern Italiens / nemlich die so steilen und von der Natur mit unvergänglichem Schnee verwahrten Gebürge einen Weg zu brechen. Sie versuchten an vielen Orten / aber vergebens. Endlich fand sich zum Belloveß ein Helvitischer Schmied / welcher gleich aus Italien kam / und getrocknete Feigen / frische Weintrauben / Oel / und andere denen Deutschen unbekandte und für ein Meer-Wunder gehaltene Früchte mit brachte / und darmit den Bojen und Deutschen die Zähne sehr wäßricht machte. Die Lüsternheit nach so süsser Kost / und nach einem so glücklichen Lande schloß ihnen die Alpen auf; ungeachtet sonst der vom Elico gewiesene Fußsteig für ein so grosses Volck viel zu enge oder zu beschwerlich gewest wäre. Also fanden sie durch die Taurinischen Steinklüffte den Eingang gleichsam in eine neue Welt; und zwar zu der Zeit: als Tarqvinius[733] Priscus zu Rom herrschte / und die Phocäer gleich sich an dem Rhodan niederliessen. Die Thuscier kamen ihnen zwar an der Cicinischen Bach mit volckreicher Heeres-Krafft entgegen; alleine der Deutschen erster Anblick streute ihren Vortrab von sammen; und die damals den Vorzug habenden Allemänner traffen auf in den lincken Flügel gestellten Vieberer und Lepontier mit solcher Gewalt: daß sie im ersten Ansatze alsbald verwirret / und kurtz hierauff in völlige Flucht gejagt wurden. Die Thuscier und Tauriner erwarteten nicht einst der andringenden Celten / Helvetier und Marckmänner; und kamen in wenig Stunden über zwantzig tausend Feinde meist im Wasser und in Abstürtzung über die Steinklippen um. Denn wenn in einer Schlacht-Ordnung nur ein Fadem zerreist / gehet unschwer ihr gantzes Gewebe auf; und das Schrecken macht die Flüchtigen so alber oder so blind: daß sie /umb einem verzweiffelten Tode zu entrinnen / dem Gewissen selbst spornstreichs in die Armen rennen. Mit dieser einigen Schlacht war es auch gleichsam ausgemacht. Denn als die Besiegten erfuhren: daß die Deutschen im Kämpffen ärger / als wütende Thiere /im Leben aber tugendhaffter und gerechter als andere Völcker waren / räumten sie ihnen zwischen dem Flusse Ticin und Addua ein Stücke Landes ein / und Bellovesus baute zu seinem Sitze die Stadt Meyland; wiewol nach deutscher Art ohne einige Befestigung. Wie nun eines Vorgehers Fußstapffen richtige Wegweiser / und anderer Glückseligkeiten annehmliche Lock-Bären sind; Also folgte nach 76. Jahren ein abgefundener Hertzog der Allemänner Elitoro mit seinen übrigen Landsleuten dem Bellovesus auf der Spure nach / welche zwischen denen Cottischen Alpen durch ihre Verwegenheit ihnen einen Weg bähneten; und weil Elitoro im Gefechte ihnen allezeit zurief: Fechtet ihr kühnen Männer / den Nahmen Cenomånner erwarben. Diese setzten mit des noch lebenden Bellovesus geheimer Einwilligung über die Ströme Ticin / Lamber und Addua / und bemächtigten sich nach wenigem Wiederstande zwischen den Flüssen Humatia / Ollius / Cleusis und Mincius biß an dem Po des gantzen Landstriches; und bauten daselbst die Städte Brixia /Beromum und Bedriach. Die alten Einwohner die Thuscier wurden durch die Deutschen derogestalt verdrungen; und musten sie ihr fettes Land nur mit dem Rücken ansehen / und Feuer und Herd zwischen denen steilesten Gebürgen oberhalb dem Sebinischen See um den Uhrsprung des Flusses Zen / Athesis und Ollius aufschlagen / da sie von ihrem Führer Rhetus die Rhetier genennt wurden / und nach und nach aus einer halb gebrochenen Sprache alle Arten ihres Vaterlandes verlernten. Weil nun auch der tiefste Fluß nur so lange sein Ansehn behält / biß man einmal einen Furth dardurch gefunden; und ein zwey mal überstiegener Zaun zum gemeinen Fußsteige wird; nahm Hertzog Medon / von welchem der fromme Metellus sein Sprichwort entlehnet: Wenn er wüste: daß sein Hemde seine Anschläge wüste / wolte er es verbrennen; mit zwantzig tausend Deutschen von dem Saal-Strome her / durch denselbigen Weg seinen Zug in Italien. Er stellte sich anfangs / als wenn er über den kleinern Fluß Duria gegen die Brunnen des Po einbrechen wolte; ließ auch gegen selbigem Landstriche den Ritter Eberstein mit seiner Reuterey allenthalben Lermen machen; weßwegeñ die Feinde fast alle ihre Macht an selbigen Strom legten. Uber welche er oberhalb der Stadt Ocelum einen herrlichen Sieg wider die viel stärckeren Feinde erhielt / und mehr zum Scheine als aus Andacht / hernach dem Kriegs-Gotte daselbst einen Tempel baute. Medon aber wendete sich mit seiner rechten Heeres-Krafft gegen dem Flusse Orgus / und dem grösseren Duria / und behauptete nach etlichen wenigen Treffen seine[734] Herrschafft von dem Uhrsprunge des Flusses Arcus und Durentia biß an den Strom Seßites. Sein Volck / welches anfangs von ihrem väterlichen Flusse die Salier oder Saal-Länder genennet ward / erwarb von ihrer Eintracht und gegen einander bezeigten Liebe den Nahmen der Liebitier; sein zwölfter Nachkomme Cottius pregte selbigem Gebürge seinen Nahmen ein / erweiterte seine Herrschafft / und erwarb nichts minder in Italien ein grosses Ansehen und den Titel eines Königes / als bey den Römern eines Bundgenossen. Unterdessen ward das zwischen dem Krantze der Hercynischen Gebürge begriffene Land den fruchtbaren Bojen / und der Strich zwischen der Weichsel und Oder denen Logionen und Lygiern auch zuklein /daher erhob sich beyder Völcker Uberschuß unter dem Lingo und setzte über den Rhein / erlangte bey den Helvetiern aus Freundschafft / bey den Rhetiern aus Furcht freyen Durchzug / kam also über die Penninischen Alpen in Italien; Und weil die lincke Seite an dem Po schon mit Deutschen angefüllet war / setzte er nach Erbauung der Stadt Laus an dem Flusse Lamber durch ihrer Landsleute Vorschub bey dem Einflusse des Mincius mit den Flössen über den Po. Die Hetrurier und Umbrier hielten zwar das Ufer mit viel tausenden besetzet. Hertzog Lingo aber / welchen die Italiäner seiner Länge halber einen Storch oder Liconius hiessen / warf bey dem zweiffelhafften Gefechte das Kriegs-Zeichen / darauf des Thuisco Haupt gebildet / und als ein heiliges Glücks-Bild aus einem Hercynischen Heyne an der Moldau mit genommen war / auf das feindliche Ufer mitten unter die Umbrier. Die Deutschen / welche tausend mal lieber ihr Leben / als diß Heiligthum zu verlieren gemeinet waren / fingen hierüber nicht mehr als Menschen /sondern als wütende Bären an zu fechten; also: daß die Feinde sie anfangs am Lande musten lassen festen Fuß setzen / hernach gar das Feld råumen. Die Flůchtigen wurden biß an den Berg Sicimina / und an den Fluß Gabellus verfolgt. Welches kurtz hernach Servius Tullius in ihrer Schlacht gegen die Sabiner /Furius Agrippa / als er wider die Hernicher / und Qvintus-Capitolinus / als er wider die Phalisker kämpfte / ihm glücklich nachthäten. Nach dem die Bojen sich zwischen dem Flusse Tarius / Nicia und Gabellus feste gesetzt hatten; und ihnen noch wol 10000. ihrer Landsleute nachkamen / rückten sie ferner. Die Umbrier begegneten ihnen abermals an dem Flusse Scultenna. Wie nun Hertzog Lingo seine Bojen und Logionen in die Schlacht-Ordnung gestellt hatten / schlug der Donner nahe für ihm in eine über dem Strome stehende Eiche. Welches die Umbrier nicht wenig erschreckte / Lingo aber deutete diesen Zufall für ein gewisses Zeichen des Sieges aus; redete hiermit sein Volck an: Sehet ihr wol: daß der Himmel uns selbst den Weg weiset / und wider unsere Feinde zu kämpfen den Anfang macht. Worauf denn nicht nur seine Reuterey behertzt durch das Wasser setzte; sondern das Fußvolck schwã mit entblösten Waffen durch den Strom; und es währete keine Stunde / waren die Umbrier in der Flucht / ihr Hertzog gefangen; Das Ende der Verfolg- und Niedermachung aber endigte sich allererst auff die sinckende Nacht / und an dem Flusse Rhenus. Rhemetalces brach allhier ein / und fing an: Es ist ein Meisterstücke / wenn ein Heerführer solche Zufälle zu seinem Vortheil brauchen kan; und erinnere ich mich: daß Chairias / als für seiner zum Treffen fertigen Schiff-Flotte der Blitz gleichfals niederschlug / er auff des Lingo Art ebener massen sein Kriegsvolck anfrischte. Und Epaminondas / als des Nachts eine brennende Fackel mitten in sein Heer fiel; fing zu selbten an: Freuet euch / die Götter stecken uns selbst Lichter auf. Ja / sagte Zeno / dieses aber ist noch růhmlicher / wenn ein scharfsinniger Feldherr aus Unglücks-Zeichen zu seinem Besten verdrehen[735] kan; wie eben dieser Epaminondas; welcher /als der Wind von einer aufgesteckten Lantze seine Hauptbinde in eines Spartaners Grab wehete / und hierdurch seine Thebaner hefftig erschreckt wurden /darüber diese Auslegung machte: Fürchtet euch nicht / den Spartanern hengt der Untergang zu. Denn die Zierden der Gräber sind Leichen. Und als ein ander mahl der Stul unter ihm zerbrach / sprang er freudig auf / und sagte zu seinen solches übel-deutenden Kriegesleuten: Auf / auf! denn ich sehe / wir sollen nicht stille sitzen. Nicht unglücklicher deuteten Scipio / und Käyser Julius ihre Fälle vom Schiffe auff die Erde aus; als jener anfing: Gott lob! ich erdrücke Africa; und dieser: Ich umfasse die Erde unsere gütige Mutter. Adgandester setzte bey: daß ein Celtischer Feld-Oberster bey einem sich in der Schlacht ereignenden Erdbeben sein erstarrendes Kriegsvolck mit diesen Worten: Nun die Erde für uns bebet / wie mögen die Feinde gegen uns stehen / auffmunterte; und der Feldherr Marcomir erhielt sein Heer / als gleich der rechte Flügel in die Flucht gerieth / mit dieser Zusprache: Ich sehe wol: daß wie im Menschen /also auch in meinem Heere das Hertze nur in der lincken Seite sey / im Stande / und darmit den Sieg. Unser Hertzog Lingo aber schlug die Umbrier zum dritten mal bey dem Flusse Vatrenus / und erweiterte zwischen dem Po und Apennin sein Gebiete vom Flusse Tarus an / biß an den Rubicon. Dieses war der Deutschen und Gallier Zustand in Italien / biß nahe in die zwey hundert Jahr / nach des Bellovesus erstem Einbruche. Unterdessen aber liessen sich die nunmehr halb entfremdeten Gallier mehrmals gelüsten ohne der Deutschen Einwilligung ihr übriges Volck / welches ihre Gräntzen nicht mehr zu beherbergen vermochte /über den Rhein zu setzen; auch wol offt sonder einige Noth aus blosser Leichtsinnigkeit allerhand Raub zu holen. Die Deutschen begegneten den Galliern anfangs mit Glimpf / und vergnügten sich an wieder-Ahnehmung des Raubes / oder liessen auch die Gallier unversehrt über den Rhein und die Gräntze zurück führen. Hierbey vermahneten sie die Häupter der Gallier: sie möchten die ihrigen im Zaume halten; auser dem würden sie Gewalt mit Gewalt ablehnen / und gegen die der alten Verwandschafft vergessen / welche vorher den gemeinen Frieden / und das Völcker-Recht verletzten. Der Gallier König Katumand entbot den Deutschen hochmüthige Antwort: der Furchtsamen Eigenschafft wäre sich mit dem Seinen vergnügen / streitbare Völcker und großmüthige Könige pflegten um fremdes Gut zu kämpffen. Zu dem könten die Deutschen den Galliern nicht übel auslegen / was sie unter einander selbst ausübten. Es wäre unlaugbar: daß die Deutschen wilde Thiere zu jagen / und schwächere Menschen / welche gleichsam zum Gehorsam gebohren wären / zu rauben / oder ihm unterthänig zu machen für ein gleichmäßiges Recht / ja einen andern / der nicht ein Glied seines Gebietes /oder mit ihnen im Bündnüsse wäre / zu tödten für einen Helden-Ruhm / die um sein Land aber rings herum gemachte Wüsteney für eine lobwürdige Befestigung der Gräntzen hielten. Diese Gewohnheit wäre nichts minder bey den alten Griechen und Hispaniern im Schwange gegangen / und derogleichen Einfall wäre sonst der mehr als brüderlich-verträglichen Triballier tägliches Handwerck. Die Rhetier rechtfertigten durch dieses Völcker-Recht ihre mehrmals in Italien verübte Raubereyen. Krieg wäre so wol der Menschen als derer ohn Unterlaß gegen einander kriegender Fische erster und natürlicher Zustand; die Furcht /nicht aber die gegen einander tragende Liebe und Verwandschaft die Ursache derer Gemeinschaften und Bündnüsse. Wenn auch schon benachbarte und unverbundene Völcker einander nicht stets in Haaren lägen / wäre diß für keine angebohrne oder ihrer menschlichen Art gemässe[736] Eintracht / sondern nur für einen aus verwechselter Furcht entspringenden Stillestand zu halten; indem einen nur entweder seine Schwachheit und heimliche Wunden / oder des Nachbarn Kräffte oder Bündnüsse vom Angriffe zurücke hielten. Deshalben hätte die Natur den Menschen nicht allein gleicherley Waffen gegeben / und ins gemein des einen Schwäche in Gliedern mit der Geschickligkeit zu seiner nöthigen Beschirmung ersetzt / sondern auch die Ehre einen andern in etwas zu übertreffen /oder ihm zu gebieten / als einen rechten Zanck-Apfel in der Welt aufgeworffen. Des einen Vorzug aber ziehe nach sich des andern Verachtung / und also eine rechtmässige Ursache der Beleidigung. So strebte des Menschen Gemüthe auch von Natur nach dem besten / und also nach einerley Dinge; welches aber selten theilbar wäre / also ein unvermeidliches Zanck-Eisen abgeben müste. Die mehr tapferen als Rachbegierigen Deutschen kamen ungerne daran: daß sie mit ihren Bluts-Verwandten brechen; und durch eigene Schwächung der aufachtsamen Nachtbarn Uberfall ihnen auf den Hals ziehen solten. Diesemnach schickten sie drey ihres Alters / Heiligkeit / und Beredsamkeit halber in grossem Ansehn sich befindende Priester an den König Catumand / welche ihn von Verübung mehrer Feindseligkeit abwendig machen solten: diese hielten ihm bescheidentlich ein: Unzeitige Begierde frembden Gutes ziehe meist nach sich den Verlust des eigenen. Der Gallier ungerechtes Recht vermöchte zwar nicht ihre / aber wohl die Waffen der Deutschen wider sie zu rechtfertigen. Treffe ihre Beschuldigung einen oder den andern / so hätten doch die meisten und vernünftigsten Deutschen ohne Begierde fremden Reichthums / ohne blinde Rachgier oder eitele Ehrsucht durch Gerechtigkeit in ihrem Ansehn zu bleiben getrachtet; ihre Großmütigkeit mit Ruhme besänftiget / keinen unnöthigen Krieg angehoben / und den Nachbarn vorsetzlich keinen Schaden gethan. Hingegen hielten sie für das einige Merckmal der Tugend und Stärcke / ihre Ober-Herrschafft durch kein Unrecht befestigen; den Beleidigern alsofort die Spitze bitten /und bey seiner Ruhe gleichwohl für einen nur schlafenden Löwen gehalten werden. Wir Menschen wären alle eines Vaters Kinder / und also das gantze menschliche Geschlechte einander mit Blut-Freundschafft verknüpft. Die wilden Thiere kämpften nicht leichtlich wider ihr eigenes Geschlechte. Die den Menschen verliehene Gleichheit der Kräfften riethe ihnen die Beleidigung vernünftig ab; daher wäre derer Friede / welche mit einander noch nicht die Kräfften gemessen hättẽ / und also gleicher Stärcke zu seyn schienen / der beständigste; die Eintracht aber in alle Wege der natürliche Zustand der Menschen; und der gesunden Vernunft nichts ähnlicher: als niemanden beleidigen / iedermann bey dem Geniesse des Seinigen lassen; und was er ihm nicht gethan wissen wil /an andern nicht ausüben. Ehrsucht / Geitz / und Mißtrauen als Ursachen des Krieges wären keine Eigenschafft aller / sondern eine Miß-Geburt vieler menschlichen Gemüther; welche die Vernunfft / die den Menschẽ von dem Vieh unterscheidete / in der ersten Blüthe / als schädlich und unanständig / tödtẽ solte. Zu dem könten dardurch wohl etliche / nicht aber das gantze Geschlechte beleidigt werden. Herentgegẽ empfinde ieder Mensch in der sichersten Einsamkeit /wo er das minste nicht zu fürchtẽ hätte / gleichwohl eine Begierde nach seines gleichen. Diese Zuneigung würde noch mehr gereitzet von der allgemeinen Dürftigkeit; und hätte die Natur nicht aus Mißgunst / sondern um uns durch Wolthatẽ aneinander zu verknüpfen / den Menschen ohne Zähne der Wald-Schweine /ohne Klauen der Panther / ohne Schnautze der Elefanten / ohne Harnisch der Crocodile / schwach und nackt geschaffen. Seine Waffen wären Vernunfft und Gemeinschafft. Diese verliehe ihm die Herrschafft über alle[737] Thiere; diese thue ihm in Kranckheiten nöthige Handreichung / diese sey sein Gehülffe im Alter; sein Trost bey empfindlichsten Schmertzen. Also könne der Mensch sich selbst nicht / sondern zugleich auch andere lieben. Welcher Vater ziehet den Nutzen der Kinder nicht seinem eigenen für? Welche Mutter fürchte ihren Untergang / umb ihr Kind zu erhalten? Uber diß hätte wegen anderer / nicht seiner selbst halben die Natur dem Menschẽ eine Sprache / und die Geschickligkeit einen andern zu unterweisen verliehẽ. Das Vieh ergötzte sich in Einöden / Hölen und Raub; der Mensch aber genisse die Süssigkeit seines Gutes erst in der Mittheilung / und vergässe seines Unglücks unter der Gesellschaft und hülfbarer Beyspringung. Ja da Ertzt nud Steine / Kräuter und Bäume aus einer verborgenen Zuneigung sich mit einander verknüpften / lieffe der Vernunfft zuwider: daß nicht auch diese /sondern vielmehr widrige Furcht der Ursprung menschlicher Gemeinschafft seyn solte. Also solten sie sich des allgemeinen Völcker-Rechts bescheiden /sich ihres gemeinen Ursprungs erinnern / und versichert leben: daß es den Deutschen weder an Hertze noch Kräfften fehle Gewalt mit Gewalt abzulehnen /und durch die Waffen den Frieden zu befestigen / zu dem die Gallier nicht durch vernünftiges Einreden sich verstehen wolten. Alleine die Gallier gaben nicht nur ein Lachen drein / sondern Katumand / nach dem er mit den Massiliern Friede und Bündnüß gemacht /brach mit einem starcken Heere bey denen umb die Brunnen der Donau wohnenden Celten ein / derer Hertzoge des Semnoner Hertzogs Brennus Schwester zur Ehe hatte; und thät mit Raub und Brand unsäglichen Schaden. Diese Celten machten es dem damals seiner Tapferkeit wegen berühmten Hertzoge der Semnoner Brennus zu wissen. Dieses Volck ist das älteste und edelste unter den Schwaben / und ist von der Elbe an Ostwerts an der Spreu / der Oder und Warte über hundert Dorfschaften eingetheilet. Wie die Gesandten beym Brennus ankamen / verfügte er sich alsbald mit den fürnehmsten Semnonern in den zwischen der Oder und dem Bober ihrem Gotte geweihetẽ / und bey ihren Vor-Eltern vieler Wahrsagungen wegen hoch verehrten Wald. Alle trugen an Füss- und Beinen Fessel; umb anzudeuten: daß an diesem heiligen Orte / als dem Uhrsprunge ihrer Macht / niemand als Gott herrschete / für welchem sie alle Knechte und Sclaven / ausser dem aber keinem Menschẽ in der Welt unterworffen wären. Weñ auch in diesem Walde ungefehr iemand zu Bodẽ fällt / darff er weder selbst aufstehen / noch iemand anders ihm aufhelffen / sondern er muß / gleich als er allhier Gott in seine Hände gefallen wäre / umbkommen. Brennus ließ allhier alsofort einen Gefangenen zum Opfer abschlachten; und nachdem der Priester grosses Glück zu seinem Fürnehmen ankündigte / grieff er auf sein Haupt / welches mit einem von empor gesteckten Pfeilen gemachten Krantze umbgeben war / zoh einen daraus / und gab selbten dem Gesandten zum Wahrzeichen und Versicherung: daß er mit seinen Semnonern ihnen unverlängt zu Hülffe kommen wolte. Brennus übergab seinem Sohne die Herrschafft / und zohe mit seinem Bruder Basan und zweymal hundert tausend Schwaben in Gallien. König Katumand begnete ihnen mit einem mächtigen Heere / welches aber im ersten Treffen sonder grosse Müh in die Flucht geschlagen ward. Denn die Gallier waren durch die Wollüste und Sitten der Massilier sehr verzärtelt / und also ihre erste Tapferkeit nicht wenig vergeringert worden. Katumand aber brachte in Eil durch Hülffe der Massilier / und des Bisuntschen Königs Sigirin ein frisches Heer auf; welches die Semnoner abermals aufs Haupt erlegten /und die Gallier und Massilier nöthigte ihnen den Frieden theuer abzukauffen; auch dem Brennus die Stadt Agendicum mit ihrem Gebiete / denen Zelten aber zwischen dem Rhodan und dem Pyreneischen[738] Gebürge einen Kreiß Landes einzuräumen. Dahingegen setzte sich ein Theil der Semnoner umb den Berg Abnoba an der Celten statt unter dem Nahmen der Marckmänner nieder. Denn der Bisuntische König Sigwin muste seine Tochter dem Hertzog Brennus vermählen / und ihm die Stadt Aventicum mit dem Landstriche zwischen dem Flusse Arola und Urbe zum Heyraths-Gute abtreten. Des Brennus Ehrsucht ward durch die wider die Gallier und Massilier erhaltene Siege so wenig als das Feuer durch grosse Klufften Holtz ersättiget. Sein voriger Gewinn war nur ein Zunder der Begierde mehr zu gewinnen; und weil in Deutschland alle Lieder des Bellovesus / des Elitoco / des Medon und Lingo Helden-Thaten eben so / wie des Tuisco und des Hercules heraus strichen / hielte er sich unwerth den Fürsten-Nahmen zu führen / und seine Schwaben nicht werth: daß sie Deutschen hiessen; wenn sie nicht auch über die Alpen stiegen. Welches dazumal in Deutschland eben so hoch; als bey den Griechen / wenn sie nach Colchis segelten / geachtet ward. Ja es war ihm verächtlich in anderer Fußstapfen zu treten / und daher suchte er ihm mit drey hundert tausend Schwaben einen neuen Weg / setzte über die Donau / ging durch das nunmehr auch mit Deutschen besämete Norich / und über den Berg Alpius; von dem er an dem Strome Plavis herab / folgends durch das Gebiete der von Troja an das Adriatische Meer gekommenen Veneter über den Po fortging; und weil er es bey seinen Landesleuten nicht gedrange machen wolte / am allerersten das Apenninische Gebürge überstieg. Die allhier ohne diß ins Gedränge gebrachten Umbrier / welche nunmehr nicht mehr Land / sondern alleine diesen letzten Winckel ihres vorhin weiten Gebietes nebst der Freyheit und dem Leben zu verlieren hatten; boten mit ihrer eusersten Macht ihm an dem Flusse Pisaurus die Stirne / gelobten auch dem Glücke an dem Adriatischen Meer auf Einrathen ihrer Wahrsager einen Tempel. Alleine die Tapferkeit überwieget aller Oerter Vortheil / und das Verhängnüß den Aberglauben. Die Semnoner setzten im ersten Anfalle an dreyen Orthen über den Fluß / und zwangen die Semnoner zu weichen. Turnus / der Umbrier Hertzog / hielt zwar anfangs am Rücken seines Heeres / und dräute den als seinen Feind zu empfangen / welcher ihm das Antlitz / und dem Feinde den Rücken kehren würde. Aber die Noth zwang ihn bey Zeite für seinem wanckenden Heer sich an die Spitze zu stellen. Er selbst ergrieff einen seiner Fähnriche /als er gegen die Deutschen fortzurücken stutzte / bey dem Arme / und führte ihn an; einen flüchtigen Kriegs-Obersten erstach er mit eigner Hand. Und weil alle Umbrier für dem blossen Anblicke des wie der Blitz alles zu Bodem schlagenden Brennus zurücke wiechen / begegnete er ihm mit dem Kerne seines Adels / mit einer Ruhmswürdigen Hertzhaftigkeit. Allein es giebet unter den Gestirnen sechserley / unter den Helden aber noch mehr unterschiedene Grössen. Jeder Stern hat seine Vollkommenheit; gegen der Sonnen aber zeigen sie durch Verschwindung ihre Gebrechen. Nicht anders ereignete sich zwischen dem Brennus und Turnus / indem diesem von jenem nach einem merckwürdigen Kampfe das Licht ausgelescht ward. Mit diesem Streiche wurden dem Umbrischen Heere zugleich alle Spann-Adern verschnitten. Denn die hurtigsten hielten noch die Flucht für das euserste Merckmal ihrer Treue; die meisten aber / und insonderheit die umb Sold geworbenen / warffen die Waffen weg / und fielen dem Sieger zu Fusse / und bothen ihm als einem glücklichen Uberwinder ihre Dienste an. Sintemal die / welche nicht aus Liebe des Vaterlandes / noch aus einem Eifer für den Wohlstand ihres Herren / und aus Begierde der Ehre fechten / sich nicht bekümmern / wem sie dienen / sondern nur für was. Es ist nicht ohne / fing Zeno an: daß geworbene und umb Sold dienende[739] Kriegsleute ins gemein mehr auf ihren Gewinn / als auf ihren Ruhm / und des Volckes Heil ihr Absehn haben / und bey umbschlagendem Glücke den Mantel nach dem Winde hängen; aber sie lassen sich hingegen leichter im Zaum halten; und können durch lange Ubung besser ausgewürckt werden / als die des Zwanges ungewohnte / und selten beständig dienende Freywillige / oder die / welche meist wechselsweise von den Ländern als ein Außschuß in Krieg geschickt werden. Adgandester versetzte: Kein Kriegs-Zwang / keine Waffen-Ubung trägt so viel zum Siege / als die Liebe des Vaterlandes bey; welche ich bey denen / die aus dem Kriege eine Handlung machten / und mit ihrem Gefechte wucherten / nicht antreffe. Daher / wenn einige Zufälle / oder auch das Unvermögen der durch den Krieg ausgesogenen Länder verhinderte: daß geworbenem Kriegs-Volcke der Sold nicht auf die Stunde bezahlt würde /lassen sie aus Trägheit anfangs die Hände sincken; hernach gerathen sie ins Luder; und wenn man ihrer Trägheit und Muthwillen nicht durch die Finger sihet / machen sie gar einen Aufstand / legen die Hand an ihre Befehlhaber / plündern ihre Länder / die sie beschützen sollen / und verkauffen dem Feinde sich und ihre anvertrauten Festungen. Durch welchen Fehler Carthago in grössere Gefahr eines gäntzlichen Untergangs gerieth / als es in dem Römischen Kriege kurtz vorher gewest war. Ich bin / versetzte Zeno / eben der Meynung; wenn Fürst Adgandester die Werbung der Ausländer verwirfft / welche freylich wohl mehr selbst zu fürchten sind / als sich auf sie zu verlassen ist. Insonderheit stehet ein Reich schon auf dem Fallbrete /wenn man eitel oder grösten theils fremdes Kriegs-Volck auf den Beinen hat / und mit dem Schweiß und Blute eigener Unterthanen besolden soll. Alleine man muß Bürger und Eingebohrne werben / und also ein Heer mit der Liebe des Vaterlandes / und mit der Schärffe der Kriegs-Gesetze vereinbaren; Ausländer aber nur in solcher Anzahl / welcher man zum minsten dreyfach überlegen ist / zur Unterspickung in Dienste ziehen. Wenn ein Fürst dieses wahrni t /wird es ihm niemals an geübtem und treuem Kriegs-Volcke / auch nie an willigem Beytrage der Kriegs-Kosten fehlen; dahingegen es schläfrig hergehet /wenn ein Kriegs-Mann sich selbst verpflegen / oder ein Land seinen durchs blinde Looß oder unvernünftige Wahl in Krieg geschickten Ausschuß besolden soll. Das Heer sihet so denn mehr auf das Volck / als den Fürsten; und hat dieser so wenig Ansehn / als Vermögen grosse Streiche zu thun. Daher die Römer die ersten vierdtehalb hundert Jahr / als die Bürger ohne Sold kriegten / kaum etlicher geringen Land-Städte sich bemächtigten; nach dem sie aber bey Anxur dem Fuß-Volcke / und im Vejentischen Kriege der Reiterey einen wiewohl geringen Sold an schlechtem Kupfer-Gelde reichten / spielten sie in der Helfte so vieler Zeit in dreyen Theilen der Welt des Meisters. Adgandester antwortete: Ich stelle dahin: Ob der Kriegs-Sold des Römischen Wachsthum / oder nicht vielmehr die erste Schwäche der Römischen Kindschafft / und die Schwerigkeit alles Anfangs die Hindernüß zeitlichern Aufnehmens gewesen sey. Ich glaube auch wohl: daß die Besoldung des Kriegsvolcks dem Kriegs-Haupte mehr Gewalt zueigne; aber hiermit gehet auch die Freyheit auf Steltzen. Denn es ist kein sicherer Mittel einem Volcke das Seil an die Hörner zu legen / als den Adel von der Nothwendigkeit in Krieg zu ziehen entheben / und die Bürger mit geworbenen Kriegsleuten beschirmen. Weswegen die alten Deutschen / Sarmater und Scythen niemals zu bereden gewest wären / zu Hause zu sitzen / und die Gemächligkeit süsser Ruhe der Beschwerligkeit[740] des Kriegs fürzuziehen; oder vielmehr ihre güldne Freyheit um den faulen Schlamm eines stinckenden Müßiggangs zu verkauffen. Welchen Griffs sich Käyser Julius meisterlich zu gebrauchen gewüst / als er für dem ihm bereit im Kopffe steckenden Bürger-Kriege den Kriegs-Sold um des Heeres Gewogenheit zu gewinnen / noch einmal so hoch gesetzt. Und August hätte es ihm ebenfals nachgethan. Gleichwohl aber wäre das hierdurch verwehnte Römische Kriegs-Volck darmit nicht vergnügt / sondern es hätte schon mehrmals durch Auffstand des Soldes Vergrösserung gesucht. Uber biß hieraus erwachsende Ubel wäre der Kriegs-Sold nicht nur ins gemein auch den vermögensten Ländern unerschwinglich / welche mit Herbeyschaffung des Kriegs-Geräthes und der Lebensmittel genug zu schaffen hätten; sondern er wäre auch der Verkürtzung der Zahlmeister / der Verschwendung der Kriegs-Obersten / und andern so vielen Unterschlieffen unterworffen: daß die scharffsichtigste Auffsicht der redlichsten Befehlhaber selbten zu steuren viel zu unvermögend wäre. Das allerärgste aber wäre: daß so denn unter denen Fahnen unzehlbare blinde Lücken blieben / und dem Feldherrn tausend nie in der Welt geweste Undinge / oder die Nahmen der längst Verstorbenen für Kriegsleute verkaufft /derselben Sold in fremde Beutel gestrichen / und durch diese Blendung die Fürsten eines auff den Rollen starcken / im Felde aber schwachen Heeres zu unvernünfftigen und höchstschädlichen Entschlüssungen verleitet würden. Welcher Betrug hingegen mit Benehmung der Gelegenheit von dem Solde schnöden Gewinn zu machen hinfiele / und also viel heilsamer wäre: weñ ein Kriegs-Heer nur mit auskommentlichen Lebensmitteln Kleidern und Waffen versorgt; die tapffern aber wegen ihrer Verdienste ansehnlich belohnet; und derogestalt nichts minder die feigen von den Hertzhafften unterschieden / als die tugendhafften durch anderer Hervorzückung zu Nachthuung gleichmäßiger Heldenthaten angereitzt werden. Diese Eyversucht ist der beste Sporn zu grossen Verrichtungen / und die Ehre der würdigste Sold der Kriegs-Leute; unter denen die Edelsten so begierig nach einem Krantze von eichenem Laube oder Lorber-Zweigen gestrebt haben: daß sie auch vergessen die zu ihrem Begräbnisse nöthige Unkosten zu hinterlegen. Auff diese Art zahlete auch der großmüthige Brennus sein siegendes Kriegs-Volck aus / durch welches er ihm nach obiger Niederlage mit weniger Müh nicht nur das Land vom Flusse Utis biß an den Strom Aesis /sondern auch die Umbrier unterwürffig machte; welche einem so grossen Helden zu gehorsamen ehe für Glück als Verlust hielten. Also ist auch in Feinden die Tugend ein Magnet der Gewogenheit / und eine Bezauberung der Seelen. Brennus baute zum Gedächtnisse an dem Meer-Strand bey dem Einflusse des Misus-Stroms / eine Stadt / und nennte sie nach seinem Volcke Semnogallien; befestigte seine neue Herrschafft mit Gerechtigkeit / und erlangte in Italien für allen andern Häuptern das gröste Ansehen. Dieses veranlaste einen Hetrurischen Edelmann aus der Stadt Clusium / Aruntes: daß er zum Brennus kam / und so wohl wider den Rath wegen versagten Rechtes / als wider seinen Pflege-Sohn Lucumon / der sein Ehebette besudelt hatte / Rache und Hülffe foderte. Brennus ärgerte sich nach seiner deutschen Art so wohl über ein- als dem andern Laster; als bey welchem die Straffe der versehrten Keuschheit auf der Fersen folget /und unnachläßlich ist; und niemand wie die zu Clusium / aus dem Ehebruche ein Gelächter macht. Gleichwohl aber schickte er nach Clusium / und verlangte den Lucumar entweder nach aller Völcker Rechten zu straffen / oder ihn ihm ausfolgen zu lassen.[741] Weil aber niemand daselbst im Rathe saß / der nicht mit dem Ubelthäter befreundet oder geschwägert war; wiesen sie die Botschaft mit verächtlicher Antwort ab: daß sie nicht wüsten / wer den Brennus zu ihrem Ober-Richter bestellt hätte. Sie klagten auch alsofort denen andern eilf mit ihnen in einer Eyd-Genossenschafft stehenden Hetrurischen Städten: daß Brennus sich mit Gewalt an sie riebe / und nur Gelegenheit auch die Hetrurier unter sein Joch zu bringen suchte; also möchten sie bey Zeiten nicht nur auff ihre allgemeine Beschirmung vorsinnen; sondern auch ihre Waffen vereinbaren um diese Räuber wieder über die Alpen zu jagen. Sintemal es doch nichts minder besser als rühmlicher wäre / sein Pferd an seines Feindes Zaum binden. Und der / welcher des Feindes zu Hause wartete / bekennte schon: daß er ihm nicht gewachsen /auch nichts zu gewinnen / sondern nur nicht zu verspielen gesinnt wäre. Hiermit zohen die Hetrurier unter dem Fürsten Lars zu Clusium (als welche unter denen zwölff verbundenen Städten damals gleich die Reye der Ober-Herrschafft traff) in Eil ihre Macht zusammen / und besetzten gegen Umbrien auff dem Apennin nicht nur alle Eingänge; sondern überfielen auch unterhalb des Aesischen Brunnen drey hundert die Gräntze bewachende Semnoner; richteten an dem Orte der Niederlage einen Steinhauffen auf / und nennten ihn das Begräbniß der Gallier. Brennus schickte ein Theil seines Heeres daselbsthin; theils der Hetrurier Einbruch zu steuern / theils sich anzustellen / als ob die Semnoner gegen Helvillum einbrechen wolten. Er hingegen ließ in Umbrien ein Auffbot an den Fluß Metaurus ausruffen / auff welches alle streitbare Mannschafft bey Verlust des Lebens zu erscheinen verbunden ist; so gar: daß auch die zuletzt oder zu spät sich stellenden in aller Angesichte durch allerhand Pein auffgeopffert werden. Aus diesen machte Brennus einen starcken Ausschuß / wendete sich mit der grösten Macht gegen dem Ursprunge des Arnus / allwo ihm Aruntes einen Weg über den Apennin zeigte / durch welchen er bey Aretium so unverhofft ankam: daß als die Clusier hiervon Zeitung kriegten / sie hierüber lachten / und fragten: Ob die Semnoner sich in Kranche / wie die Ripheischen Völcker in Wölffe verwandeln / und über die Berge flů gen könten. Der Glaube aber kam ihnen zeitlich in die Hand. Denn sie erfuhren wenig Stunden darnach: daß Aretium mit Sturm übergegangen / und alle Einwohner durch die Schärffe der Deutschen Schwerdter gefallen wären. Lars verließ hierüber die Engen des Apennin / und eilte über Hals und Kopff seinem brennenden Vaterlande zu. Er traff auff den gerade gegen Clusium anziehenden Brennus bey Cortona. Der bereit empfundene Verlust reitzte ihn zu einer geschwinden Rache / und er meinte: weil das Amt eines Kriegs-Mannes schlagen wäre; müste nicht schlagen ein Merckmal eines Feigen seyn. Da doch zur Unzeit eine Schlacht liefern / die schlimmste Thorheit eines Vermessenen; und ohne Schwerdtstreich überwinden ein Meisterstücke der Klugen ist. Weil nun Brennus dem Lars an Kriegs-Wissenschafft die Semnoner den Hetruriern an Tapfferkeit überlegen / jene auch noch ausgeruhet / diese müde waren / und einen vortheilhafften Ort mit dem Winde bereit eingenommen hatten / war es den Deutschen unschwer sich des Sieges zu bemeistern. Mit denen flüchtigen Hetruriern drangen die Uberwinder mit in die von den Lydiern erbaute Stadt Croton oder Cortona / und erlangten derogestalt in einem Tage einen zweyfachen Sieg. Lars zahlte selbst seine Ubereilung mit Einbüßung seines Lebens; Aruntes aber ward von seinen eingeholeten Deutschen im Gedränge durch die Pferde zertreten. O eine gerechte Straffe der Götter! fing Zeno an überlaut zu ruffen / daß der / welcher[742] sein Vaterland durch fremde Macht in Kloß treten wollen; ehe er diese grausame Freude erlebt / selbst so schändlich in Koth gedrückt worden! Rhemetalces fiel ein: hat denn nicht Aruntes eine billiche Ursache sich an dem undanckbaren Lucumar / und seinem ungerechten Vaterlande zu rächen gehabt? Hat nicht Lucumar ein Laster begangen / dessen Flecken durch keine andere Seiffe als durch Blut abzuwaschen sind? Haben nicht die Clusier durch ihr Unrecht das Recht der Völcker verletzt; und sich dem beleidigten Aruntes zu einem Stieff-Vater gemacht? Es ist beydes wahr / versetzte Zeno. Aber hat sich gantz Clusium am Aruntes versündigt? Ist er versichert gewest: daß keine Seele seine Beleidigung unbillige? Sollen die nun leiden / die ihm im Hertzen recht gaben / und seine Richter verdammten? Wenn aber auch schon eine gantze Stadt verbricht; ist doch nicht ein ieglicher zu straffen. Am wenigsten aber ist ein beleidigter Bürger berechtigt sein Unrecht gegen sein Vaterland zu rächen. Man muß wie wohlgearthete Kinder auch die unverdienten Streiche der Eltern verschmertzen. Denn die Liebe gegen das Vaterland soll reichlicher abgemässen werden / als die gegen die Brüder / oder gegen die Eltern; und der gegen die Götter am nechsten ko en. Sintemal wir wohl ohne unsere Blutsfreunde / nicht aber nach untergehendem Vaterlande bestehen können. Diesemnach der von Rom verwiesene Camillus nicht rühmlicher sein undanckbares Vaterland beschämen konte /als da er es von den Galliern errettete. Und der ins Elend gejagte Themistocles übte zugleich gegen sein Vaterland eine Wohlthat und Rache aus / da er sich um nicht wider selbtes den Persen zu dienen durch geopffertes Ochsen-Blut tödtete; indem er durch sich selbst Athen zwar eines grossen Feindes / aber auch eines unvergleichlichen Sohnes beraubte. Cimon vergalt die ihm und seinem wohlverdienten aber im Kercker erstickten Vater angehenckten Feßel mit unvergeltbaren Wohlthaten. Als auch gleich der unschätzbare Hannibal sein vergeßliches Carthago mit dem Rücken anzusehen gezwungen ward / hieng und neigte er ihm doch biß in seinen Tod das Hertze zu / und bemühete sich die gantze Welt wider Rom in Harnisch / und durch dessen Fall sein Vaterland wieder empor zu bringen. Wenn man aber auch gar sich zu überwinden entweder nicht vermögen / oder zu rächen allzu grosse Ursache hat; soll unsere Empfindligkeit nicht zu des Vaterlandes Verderb / sondern nur zu seinem Erkäntniße angesehen seyn. Auf diese Art rächte Scipio sonder Schaden sich an Rom; als er seine Todten-Asche lieber den geringen Lintern / als dem Haupte der Welt gönnte / und zu einem ewigen Verweiß auf sein Grab schreiben ließ: Undanckba res Vaterland! Es ist dir nicht so gut worden meine Gebeine zu besitzen. Diese Rache erfolgte erst nach seinem Tode / als er dieser Stadt nicht mehr wohlzuthun mächtig war. Gleichwohl aber war diese sanfftmüthige Rache nachdrücklicher / als des Coriolans / der sein Vaterland für Furcht gleichsam in ein Bocks-Horn jagte. Er entzoh Rom nichts / als seine Asche / sie zu erinnern: daß sie selbst nicht zu Asche worden; und daß der Römischen Bürger Augen der Glückseligkeit nicht würdig wären / seine Todten-Asche mit ihren Thränen anzufeuchten. Gleichwol aber stachen dieser Grabeschrifft wenige Buchstaben tieffer in der Römer Hertzen / als keine Spieße einiger Verräther zu thun vermocht hätten; und er vergrösserte sich durch Verachtung seiner Schmach mehr; als da er Rom zur Frauen / und Africa zu einer ihrer Mägde machte. Brennus zohe nach erobertem Siege mit dem grösten Theile des Heeres gerade nach Clusium / um sich des Hauptes der Hetrurier im ersten[743] Schrecken zu bemächtigen / nach welchem so denn die andern Glieder sich gleichsam von sich selbst legen müsten; das andere Theil aber setzte über den Clusischen See / eroberte Beturgia / und einen grossen zwischen dem Fluße Umbro gelegenen Landstrich. Die Belägerten meinten den Brennus nunmehr durch Lieferung des schuldigen Lucumar zu besänfftigen; liessen ihn daher durch eine Gesandtschafft gebunden ihm einhändigen; und um Friede Ansuchung thun. Brennus wäre beynahe damit vergnügt gewest / wenn nicht der über seinem Laster vernommene Lucumar fürgeschützt hätte: daß er durch seinen Ehebruch nichts wider die Sitten der Hetrurier und anderer Tyrrhener gehandelt hätte /bey welchen ihre Kinder von der Wiegen an aufs zärtlichste erzogen und zur Geilheit abgerichtet / auch die welche in der Wollust am sinnreichsten und vermögend wären / für die Edelsten verehret würden. Sie liessen sich bey Tische nichts anders als von nackten Dirnen bedienen; alle Weiber wären gemein; und die /welche man gleich für Ehweiber erkiesete / möchten andere Männer in der ersten Anwesenheit ohne Scheu zulassen. Den Beyschlaff verrichteten sie offentlich in aller Augen / und hielten ihnen noch Seitenspiele darzu. Daher auch die Kinder wegen Ungewißheit ihrer Väter gemein wären / und aus den Einkünfften des gemeinen Wesens erzogen würden. Nur der Adel und Pöfel wären hierinnen unterschieden; weil jener nur mit diesem sich zu vermischen für Laster hielte. Daher weder der gramhaffte Aruntes wider ihn so eifersüchtig zu seyn / noch die nicht reineren Clusier ihn zur Straffe auszulieffern Ursach gehabt hätten. Brennus hörte diese abscheuliche Lebens-Art nicht ohne Entsetzung an / fragte daher die Clusischen Gesandten: Ob sich alles erzehlter massen verhielte. Diese meinten ihre Unart zwar zu vermänteln / unter dem Vorwande: daß für Alters es zwar also gewest /und diese Lebens-Art mit vom Fürsten Tyrrhenus /oder Tarchon nach Croton aus Lydien / woher die Hetrurier entsprossen / gebracht worden wäre / nunmehr aber die Sitten sich um ein merckliches gebessert hätten; und würde nur noch nach eingeführtem Spartanischen Gesetze / denen heyrathenden Alten auffgelegt: daß sie zu Bedienung ihrer jungen Frauen einen hurtigen Jüngling unterhalten / und ihre Kinder für die eigenen annehmen müsten. Brennus ward über so ärgerlichen Gesetzen und Sitten auffs hefftigste entrüstet; Befahl also: daß die Gesandten selbigen Augenblick sich aus dem Lager in die Stadt zurück ziehen solten. Denn er wäre nicht gemeint für eines gantzen Volckes so abscheuliche Boßheit den einigen Lucumar Gott zu einem Versöhn-Opffer abzuschlachten; sondern die Missethäter alle zu straffen. Der Clusier Schrecken ward durch diese Bedräuung in eine Verzweiffelung verwandelt; also: daß sie sich biß auf den letzten Blutstropffen zu wehren entschlossen; sonderlich da die andern Hetrurischen zehn Städte sie des Entsatzes in geheim versicherten / und die Obersten der Stadt /derer keiner allhier so wenig als zu Sparta ohne die Wissenschafft aus dem Vogel-Geschrey zu wahrsagen in Rath kommen konte / das Volck versicherten: daß Clusium nicht eingenommen / Rom aber für sie ein Söhnopffer werden würde; sintemal ein Falcke / welcher einer Taube / die Clusium und die Lydier zu ihrem Zeichen führten / nacheilte / selbte fahren ließ /und sich über einen ihm in Wurff kommenden Adler machte / und selbten zerfleischte. Rhemetalces fing an: Es hat diese Weissagung / so viel ich weiß / auch hernach eingetroffen / und ist die Begebenheit derselben nicht unähnlich / da aus des Brutus des Käysers und Antonius zweyen gegeneinander stehenden Lägern zwey Adler gegen einander empor flogen; und der auff des Brutus Seite verspielende auch des Brutus Niederlage andeutete. Erato brach ein: Sie wäre wol[744] des Geschlechts / welches man insgemein des Aberglaubens beschuldigte; aber es wäre ihr die Art aus der Vogel unvernünfftigem Beginnen künfftige Zufälle vorzusehen allezeit sehr verdächtig fürkommen. Denn woher solten die Vogel für andern Thieren / insonderheit aber für den Menschen / welche Gott mit der Vernunfft als einem Funcken seines Lichtes betheilt / ein Vorrecht haben? Malovend antwortete: Es ist diß nichts unglaubliches; weil die Natur auch in vielen andern Dingen / als in Schärffe der eusserlichen Sinnen / und in Länge des Lebens denen Thieren für dem Menschen einen Vortheil gegönnet. Insonderheit aber scheinen die Vögel eine Eigenschafft zu haben: daß ihre Augen eben so wohl für uns in Göttliche Versehung als die Adler in die Sonne einen Blick thun können. Die Fincke kündigt uns das Winter- Wetter / die Schwalbe den Frühling / der Kuckuck den Sommer / die Schnepffe den Herbst / der Hahn mit seinem offt und zur Unzeit geschehenem Krähen den Regen / der Sperling mit seinem Morgengeschrey Ungewitter / die hoch aber stille flügenden Kranche heimlich Wetter / die gleichsam bellenden Raben Wind / die im Sande sich baden den Reiger / und die schnatterden Gänse Platzregen an. Zeno warff ein: diß wären alles natürliche Dinge / welche aus Veränderung der Lufft / aus Auffschwellung des Wassers /und Auffdampffung der Dünste nicht nur von den Thieren / sondern auch von einfältigen Ackersleuten durch die Erfahrung wahrgenommen werden könten. Künfftige ungewisse Zufälle aber vorsehen / wo weder Sinnen noch Scharffsinnigkeit einigen Einfluß oder Ursache ergründen kan / ist was göttliches. Daher auch er auff der Vogel Flug / Geschrey oder Speise einiges Absehen zu setzen für gefährlich / oder auch gar für eiteln Aberglauben hielte. Rhemetalces begegnete ihm: wie kommts denn: daß so viel nachdenckliche Anzeigungen der Vögel so genau eingetroffen? Ist es ungefehr geschehen: daß der Rabe auff des Cicero Vorwerge bey Cajeta den eifernen Weiser an der Uhr fortrückte / an dem Saume seines Rockes nagte / da er bald darauff ermordet ward? Deutete nicht ein auff dem Dache sitzender Adler durch allerhand Gebehrdung desselbigen nahen Einfall an? Suchten nicht drey Raben durch Abwerffung eines Dach-Ziegels den Tiberius von Besuchung des Capitolium abwendig zu machen; auff dem er vom Priester Scipio Nasica erschlagen ward? Kündigten nicht die aus dem Gebauer zu gehen sich weigernden Hüner dem Junius den Verlust seiner Schiffleute an? Zwangen nicht zwey Raben durch ihre gewaltsame Widersetzung den Priester Metellus zu Hause zu bleiben: daß er aus dem kurtz darauff brennenden Tempel der Vesta das Bild der Pallas rettete? Zeno versetzte: Es kan wohl seyn: daß zuweilen ein- und andere Muthmassungen hierinnen eintreffen. Aber lassen sich wohl dieselben / welche fehl geschlagen haben / zehlen? Wie viel haben solche Zeichen verächtlich in Wind geschlagen / gleichwohl aber ihr Fürnehmen glücklich ausgeführt? Käyser Julius verlachte alle solche Andeutungen / welche ihm den Zug wider den Scipio und Juba / wie auch die Farth in Asien widerriethen; gleichwohl aber war er niemals glücklicher als selbige mahl. Und der grosse Alexander ließ sich Aristanders Unglücks-Zeichen von der glücklichen Erlegung der Scythen nichts irre machen. Am allerklügsten aber halff der beym grossen Alexander befindliche Jude Mosomachus dem auff dem Zuge nach Babylon stutzenden Heere fort / als er den stille sitzenden Vogel / mit welchem / der Wahrsager Gesetze nach / es auch unbeweglich bleiben solte / mit einem Pfeile vom Baume schoß / und den erzürnten Wahrsagern einhielt: Sie solten doch nicht gläuben: daß der Vogel / welcher nicht sein eigenes Unglück vorgesehen hätte / fremdes hätte wissen köñen. Was kan hierunter nicht für Betrug fürgehen; und[745] hat nicht jener Carthaginenser sich durch abgerichtete Vögel gar für einen Gott ausruffen lassen? Ja wie soll diß auff was beständiges zu gründen seyn / das so gar widrig ausgedeutet wird? Die Hetrurier geben bey dem Vogel-Fluge auff Ost / die Römer auff West / die Deutschen auff den Nord acht. Die Eule ist den Atheniensern ein Glücks- den Römern ein Unglücks-Vogel; und sie solte ihre Niederlage bey Numantia angekündigt haben. Die auff des Hiero Spieß sitzende Nacht-Eule soll ihm die Königliche Würde angedeutet; und des Agathacles Heer als ein Siegs-Zeichen auffgemuntert /hingegen aber / als sie sich auff des Pyrrhus Lantze gesetzet / ihm den Tod bedeutet haben. Diesemnach sich Cato wunderte: daß die Wahrsager / welche auff die Vögel acht hätten / nicht selbst über ihre Eitelkeiten oder Betrügereyen lachen müsten. Und Hannibal verwieß es dem Könige Prusias ins Antlitz: daß er einem Stücke Kalbfleische / und einer unvernünfftigen Eule mehr / als einem erfahrnen Feldhauptmanne Glauben beymaß. Hingegen wurden Mamertius und Amilcar von den Vogeln und denen / welche ihre Sprache zu verstehen / und aus fremdem Gehirne mehr als aus eigenem zu verstehen meinten / hefftig betrogen; indem jener zwar ins feindliche Läger / dieser in Siracusa / beyde aber als Gefangene darein kamen. Der Mißbrauch eines Dinges / antwortete Adgandester / macht die Sache und den rechten Gebrauch nicht alsofort verwerfflich. Der Unterscheid in Auslegungen solcher Zeichen hat auch nichts zu bedeuten. Sintemal die Vögel nicht aus ihrer eigenen Wahl die Menschen leiten / auch nicht des albern Pöfels Meinung nach / ihres hohen Fluges halber die göttlichen Rathschlüsse ausforschen; sondern Gott leitet die Vogel: daß sie nach der Auslegung ein oder andern Volckes ihren Flug oder ihr Geschrey zur Nachricht künfftiger Begebnisse einrichten. Sind also die Vögel auff eben die Art / als die Träume / oder die Wahrsager-Bilder / wie auch die weissagenden Tauben zu Dodona Werckzeuge göttlicher Offenbarungen. Dieser hätte sich das tieffste Alterthum / und fast alle Völcker der Welt / Deucaleon auch schon in der grossen Wasser-Ergiessung einer Taube und eines Rabens bedienet. Wiewohl auch die Deutschen abergläubischen Dingen sehr unhold sind; so haben sie doch nichts minder die Wahrsagung der Vögel von undencklicher Zeit hoch gehalten / und in dieser Weißheit sich geübet. Und ob unsere weisen Frauen zwar auch aus dem Geräusche des Wassers künfftig Ding zu sagen wissen; verdient doch jene Weissagung grössern Glauben / und weicht keiner andern / als die / welche aus dem Wiegern und der Bewegung der weissen heiligen Pferde angemerckt wird. Zeno begegnete ihm: Es befremdet mich: daß die in Glaubens-Sachen sonst so mäßigen Deutschen hierinnen so leichtgläubig sind; indem doch darbey so wenig Gewißheit zu finden und kein Alterthum die Irrthümer zur Warheit macht. Ich widerspreche zwar nicht: daß die Götter nicht offtmahls den Menschen künfftige Dinge zu ihrer Warnigung offenbaren; aber den Vorwitz von sich selbst in die Geheimnisse des ewigen Verhängnißes zu sehen / weiß ich wohl nicht zu billichen. Denn die Wissenschafft künfftiger Begebnisse ist ein Vorrecht der Götter. Und unser Polemon hat durch sein trauriges Ende diese Vermessenheit augenscheinlich gebüsset / der Welt aber ein Beyspiel gelassen: daß die / welche hierinnen Luchs-Augen zu haben vermeinen / weniger als die Maulwürffe sehen. Adgandester fing hierauf mit einer lächelnden Bescheidenheit an: Gleichwohl aber traff der Hetrurischen Wahrsager Andeutung ein. Denn die belägerten Clusier / welche furtreffliche Künstler und Baumeister waren / also: daß sie die Römer darmit versorgten /hielten die Semnoner mit Fallbrücken / grossen Schlendern / und insonderheit mit unglaublich geschwinder Ausbesserung der zerschelleten[746] Mauren so lange auff: biß die Hetrurischen Bundsgenossen bey der Stadt Herbon eine ansehnliche Macht wieder zusammen zohen. Inzwischen war die Gesandtschafft der Stadt Clusium auch zu Rom anko en / welche um Hülffe bewegliche Ansuchung that / und für sich anführte: Ob sie schon mit einander nicht in Bündniße ständen / hätten sie sich doch mit den Römern iederzeit in Freundschafft zu leben beflissen; also: daß sie auch den Vejentern ihren Bluts-Verwandten nicht wieder sie beystehen wollen; in welchen Fällen auch unverbundenen Freunden wider ungerechte Gewalt bey zustehen das Recht der Völcker erlaubte / weñ schon die Hülffe nicht ausdrücklich wäre versprochen worden. Uberdiß hätten die Römer aus selbsteigener Staats-Klugheit Ursache / dem Wachsthume dieser wilden Völcker / welche gleichsam zu Ausrottung des menschlichen Geschlechtes gebohren zu seyn schienen / und den Maßiliern als Römischen Bundgenossen so grosses Leid angethan hätten / bey zeite zu begegnen. Denn es stünde nicht nur die Stadt Clusium /sondern gantz Hetrurien in Gefahr; welchem die Stadt Romihren Gottesdienst / ihre Künste / und den fürtrefflichen König Tarqvinius zu dancken hätte. Die Römer schlugen der Stadt Clusium die gebetene Hülffe zwar ab / weil die Semnoner sie noch mit nichts beleidigt / mit den Maßiliern Friede gemacht hatten /und des Nachbars blosse Vergrösserung keine genugsame Ursache wäre selbten zu bekriegen; iedoch schickten sie des Marcus Fabius Ambustus drey Söhne in Botschafft an den Brennus um selbten zu bewegen: daß er von Bekriegung der Clusier / welche ihres Wissens die Semnonier nicht beleidiget hätten /abstehen möchten. Brennus empfing in dem prächtigen Irrgarten / welchen König Porsena an dem See bey Clusium zu seinem Begräbniß-Mahle aus eitel viereckichten Marmelsteinen gebaut / und mit Wunderholen Seulen besetzt hatte / die Römischen Gesandten auffs höfflichste / hörete sie mit Gedult an /und antwortete ihnen: die Römer wären ihm zwar ein unbekandter Nahme / iedoch hielte er sie für tapffere Leute / weil die Clusier in ihrer höchsten Noth auff ihren Beystand so grosses Vertrauen gesetzt / und sie nicht alsbald aus blindem Eifer die Waffen ergriffen /sondern vernünfftiger ihren Freunden durch diese Gesandschafft an der Hand gestanden hätten. In Ansehung solcher Vermittelung wolte er den Clusiern /welche wieder die Semnoner nicht nur den Maßiliern /sondern auch den Umbriern Hülffe geleistet / auch sie zum ersten beleidigt hätten / den Frieden gönnen / mit dem Bedinge: daß die biß an den Fluß Umbro / und denen neuen Säulen gelegene Aecker / welche sie ihren Feinden durch Kriegsrecht abgewoñen / ihnen verbleiben müste. Stünde diß aber den Clusiern nicht an / wolte er in Anwesenheit der Gesandten / mit seinen Feinden schlagen / wormit sie zu Rom berichten könten / wie weit die Semnoner andere Sterblichen an Tapfferkeit übertreffen. Die allzu hitzigen Fabier versetzten mit ziemlichen Ungeberden: Was die Semnoner in Hetrurien zu schaffen hätten? Woher sie ihnen fremde Aecker zueignen könten? Ob sie nicht sich mit den Massiliern und Umbriern verglichen? Ob unter dem Frieden nicht auch die Bunds-Genossen stillschweigend eingeschlossen wären? Wer dem Brennus einen Gerichts-Zwang über den Lucumar und andere Bürger zu Clusium verliehen? Brennus lachte nur über der Unbescheidenheit dieser Gesandten / und schlug auff sein Degen-Gefäße / sagende: In dieser Scheide stecket meine Berechtsamkeit; und die gantze Welt ist streitbarer Helden Eigenthum.

Folgenden Tag näherte sich das zu Pallia versa lete Hetrurische Heer / welchem Brennus mit seinen Belägerern hertzhafft die Stirne bot. Die Fabier aber liessen sich wider die Würde ihres tragenden Amts /wider aller Völcker Recht / das allen Gesandten alle Feindseligkeiten wider den / zu dem sie geschickt sind / auszuüben verbeut /[747] zu Heerführern der Clusier brauchen; ja einer unter ihnen hatte das Glücke einen Obersten der Semnoner / Brand geneñt / als dieser dem Feinde die Haupt-Fahne auszureissen bemüht war / mit einer Lantze zu durchrennen / und ihn seiner Waffen zu berauben; worüber dieser Römer von Semnonern auch erkeñet ward; indem ein Semnonischer Edelmann herzu rennte / und den Fabius nicht allein den Raub im Stiche zu lassen zwang / sondern ihm auch seine Streitaxt auswand. Weßwegen ihm Brennus wegen eines darauff gemahlten goldenen Ochsens den Nahmen Gold-Axt / und den Ochsen zu seinem Krieges-Zeichen gab. So bald nun die Clusier sich theils in die Stadt / theils auff die Schiffe in den Clusischen See geflüchtet hatten / schickte Hertzog Brennus eine Botschafft nach Rom / durch welche er ihm die Fabier / als Verletzer des Völcker-Rechts / auszufolgen verlangte. Ob nun wohl der Römische Rath ihr Beginnen weder loben noch entschuldigen konte / so brachte es doch das Geschlechte der Fabier durch ihr Ansehen und Reichthum bey dem Volcke so weit: daß der Rath dem Brennus nicht allein kein Recht verhalff / sondern die Semnoner mit einem Stücke Geldes befriedigen wolte; welches die Gesandten als eine bey den Deutschen verächtliche Wahre anzunehmen weigerten; als bey denen es ungewöhnlich wäre / die gerechte Rache um unnützes Ertzt zu verkauffen. Ja der Römische Pöfel / welcher insgemein die hitzigsten Entschlüssungen für die klügsten / und Wagehälfe für die grösten Helden hält / erklärte die Friedbrecher auf folgendes Jahr gar zu Kriegsobersten. Also verblendet das Glücke die Gemüther der Menschen / wenn es iemanden seinem besti ten Untergange nicht wil entkommen lassen. Die hierüber nicht unbillich verbitterten Semnoner hoben auf diese Zeitung alsbald die Belägerung der Stadt Clusium auff / und nachdem sie vorher des Porsena prächtiges Grabmal eingeäschert /zohen sie den geraden Weg auff Rom zu / setzten aber unvermerckt unter dem Berge Soracte über die Tiber. Den dritten Tag / als inzwischen das gantze flüchtige Latium mit Schrecken der Stad zueilte / uñ von der Feinde Ankunft Nachricht brachte / welche die Götter durch den Marcus Cöditius zwar vorher geweißagt /die Römer aber verächtlich in Wind geschlagen hatten / begegneten die Fabier / Sulpitius Longus / Qvintus Servilius und andere mit dem Römischen Heere bey dem Fluße Allia den Semnonern. Jene stellten ihre Legionen mitten in die Fläche / die Hülffs-Völcker aber an beyden Seiten auff erhobene Hügel. Der Kriegsverständige Brennus trieb zum ersten mit seiner deutschen Reuterey / welche in der gantzen Welt damals schon / wie das Spanische Fuß-Volck / für andern berühmt war / den Feind von den Hügeln / wormit sie bey dem Treffen ihm nicht konten in die Seiten fallen; welche aber bald die Fersen kehrten. Hirmit fielen die Semnoner in die Römischen Legionen auff allen Seiten ein; allein weder Führer noch Kriegsknechte vermochten die blossen Gesichter der ergrimmten Semnoner vertragen; ergriffen also ohne einige Gegenwehre eine so blinde Flucht: daß sie ihren eigenen Hinterhalt über Hauffen rennten / ja daß das gröste Theil verzweiffelt durch die Tiber schwe te /und in die feindliche Stadt der Vejentier sich zu begeben nicht scheuete. Der gantze lincke Flügel warff für Schrecken die Waffen weg / und stürtzte sich in den Tiber-Strom; also: daß die Semnoner anfangs nicht wissende: Ob die Römer aus Zagheit oder einer Kriegslist so schimpfflich wichen / sie zu verfolgen Bedencken trugen / hernach aber die ereileten Flüchtigen nur zu schlachten hatten / und von dem Heere nicht ein Bothe nach Rom kam. Die Semnoner schnitten den Todten dreißig tausend Köpffe ab / hingen sie an die Mänen ihrer Pferde / und bauten hernach für der Stadt Rom einen abscheulichen Thurm darvon. Folgenden Morgen kamen sie mit dem Vordrab für Rom / funden selbte zwar offen / uñ unverwachet /scheueten aber aus Beysorge eines verborgenẽ Hinterhals sich derselben zu bemächtigẽ.[748] Wie nun aber die gantze Macht dar ankã / sie auch sich nirgendswo das minste rühren hörten / drangen sie durch die Collinische Pforte mit grossem Geschrey in die Stadt; fanden aber allenthalben eine wüste Einsamkeit / in dem sich alle Weiber und Kinder des Nachts vorher an andere Orte / die streitbare Mannschafft aber unter dem Manlius aufs Capitolium geflüchtet hatten. In den innersten Gemächern alleine fanden sie die alten verlebten Greisse / welche sich den obersten Priester Marcus Fabius für das gemeine Heil den Göttern hatten zu Versöhn-Opfern einweihen lassen / auf helffenbeinernen Stülen gantz unbeweglich sitzen; welche die Semnoner anfangs für Gespenster ansahen / hernach aber als Marcus Papirius einen Deutschen / der ihm seinen langen Bart streichelte / den helffenbeinernen Stab auf den Kopf schlug / in Stücken zerhieben. Hat Papirius / fing Rhemetalces an / die Anrührung seines Bartes für eine unerträgliche Beschimpfung angenommen? Oder hat er der Deutschen Zorn durch seinen Eifer mit Fleiß erregen wollen: wormit ihr Vorhaben für das Vaterland sich aufzuopfern nicht zernichtet würde? Es mag eines und das andere wohl die Ursache gewesen seyn / sagte Adgandester. Sintemal der / welcher sich schon einmal also zu sterben verlobt hatte / wenn er nicht starb / keinen Gottes-Dienst mehr abwarten dorffte. Andern theils wurden die Haare / und insonderheit der Bart nicht nur bey den Römern und Lacedemoniern / sondern auch bey fast allen Völckern in Ehren / und dessen Betastung so wohl / als derselbten Abscherung für eine Beschimpfung gehalten. Weswegen auch bey den Rhodiern ein Gesetze die Abscherung des Bartes und der Haare verbot; und insonderheit die Weltweisen mit langen Bärthen prangten; ja auch die alten Bildnüsse der Götter mit langen Bärten gezieret sind; und Jupiter von denen Tichtern / wie er bey seinem unversehrlichen Barte schwere / mehrmals eingeführet wird. Daher / und weil der Bart für eine Zierde der Männer und Götter gehalten wird / ungeachtet er sonst wenig nütze ist / bey den Griechen und Römern die bärtichte Glücks-Göttin umb das Wachsthum der Haare angeruffen wird. Hingegen werden die Leibeigenen / und die Ruder-Knechte auch noch ietzt gleichsam zur Schmach glatt beschoren / gleichsam als wenn diese Leute nicht in das Geschlechte der Männer / sondern der glatten Weiber und der Verschnittenen zu rechnen wären. Zeno fiel ein: Von diesen alten Sitten aber scheinen die Griechen / Römer /insonderheit auch die Deutschen / ja bey nahe alle Völcker grossen theils abgewichen zu seyn / welche die Bärte abscheren lassen / und derselben Hegung entweder für ein Kennzeichen der Verda ten / oder der euserst Betrübten brauchen. Also haben die Catineer in Sicilien durch Gesandten / welche zu Bezeigung ihres Nothstandes ihnen die Bärte derogestalt verwildern lassen / zu Athen Hülffe gesucht. Und der blutgierige Attalus gab auf solche Weise seine Bestürtzung über seiner Mord-Thaten zu erkennẽ. Käyser Julius ließ nach der Titurianischen Niederlage ihm Bart und Haare lange wachsen; und des Flavius Berichte nach hat August nach des Varus Erlegung ihm kein Schermesser wollen ansetzen lassen. Ja in Griechenland lassen ihnen nach dem uhralten Beyspiele des Theseus die Jünglinge ihre ersten Bart-Haare abnehmen / und wiedmen selbte an ihrem Geburts-Tage zu Delphis dem Apollo. Zu Troetzen / und in andern Orten Griechenlands opfern die Bräute ihre abgeschnittenen Haare dem Hippolitus. In Sicyonien soll das Bild der Gesundheit kaum für daran gehenckten Haaren zu sehen seyn. Zu Rom habe ich gesehen: daß nicht nur die edlen Jünglinge / sondern auch ältere /ihre in Gold und Edelgesteine verwahrte Haare für des gantzen Leibes Wohlstand dem Capitolinischen Jupiter geweihet haben. Ich erinnere[749] mich auch allhier gehört zu haben: daß kein Catte für Erlegung eines Feindes sich nicht dörffe bescheren lassen. Es ist nicht ohne / versetzte Adgandester: daß bey vielen Völckern andere Gewohnheiten aufkommen; iedoch bleibet die gäntzliche Abnehmung der Haare allenthalben ein Schandmaal. Und werdẽ bey uns Deutschẽ denen Ehebrecherinnen die Haare zum höchsten Schimpf gantz abgeschnittẽ. Ausser dem pflegen wir Deutschen zwar aus eben der Ursache / als es der grosse Alexander bey seinem Heere einführte / den untersten Bart abzuschneiden / wormit er beym Gefechte denen Kriegsleuten keine Hinderung / denen Feinden aber einen Vortheil selben zu fassen abgebe. Uber diß tragen wir Deutschen einen starcken Knebel-Bart /und lange kräußlichte Haare / welche wir aber nur in Schlachten über dem Haupte in einen Knoten zusammen knipfen / wormit siẽ uns nicht für die Augen flügen / und wir den Feindẽ desto schrecklicher aussehen. Malovend brach hierüber ein: Es ist allerdings wahr / daß alle Völcker die Antastung der Haare und Bärte für eine Beschimpfung halten; ich glaube aber: daß der deutsche des Papirius Bart mehr aus Vorwitz / und umb zu erfahren: Ob die unbeweglichen Alten lebten / als selbten zu spotten angerühret habe. Hätte also Papirius wohl nicht Ursache gehabt ein zweydeutig Ding so übel aufzunehmen / und durch unzeitigen Eifer die Sieger zu verbittern. Zumal daß die Betastung deß Bartes offt als eine Liebkosung gebraucht wird. Und hätte er sich erinnern sollen: daß Castor und Pollux den Enobarbus eben so gestreichelt / und ihm seinen schwartzen Bart geröthet haben.

Adgandester fiel ein: Man kan solche Sachen hin und wieder verwerffen; unterdessen gerieth Rom hierüber wider des Hertzogen Brennus Verbot aus vermuthlicher Rache in Brand / und in die Asche. Die Semnoner belägerten das Capitolium / und durchstreifften das Land biß an den Fluß Vulturus. Jenes würden sie unschwer erobert haben / wenn nicht die Semnoner des Lucius Albinus Frau und Tochter /welche auf seinen Befehl vom Wagen absteigen / und selbten denen sich baarfüssigflüchtenden Vestalischen Jungfrauen einräumen müssen / gefangen bekommen hätten. Denn Hertzog Brennus verliebte sich so sehr in die letztere: daß er ihr zu Liebe das Capitolium nicht zu stürmen / und also ihre Bluts-Verwandten zu tödten / sondern nur durch Abschneidung der Lebens-Mittel zur Ubergabe zu nöthigen angelobte. Welches er so treulich hielt: daß als einsmals in der Nacht die Semnoner stillschweigend schon biß auf die Mauren gestiegen / die schlafenden Römer aber viel zu spät von dem Geschnater der Gänse erweckt waren / Brennus die Ubersteigung zu verfolgen verbot. Inzwischen brachte er gleichwohl die Römer durch Hungers-Noth und sein mit dem Könige Dionysius aus Sicilien gemachtes Bündnüß / der damals gleich mit den Locrensern in Italien Krieg führte / so weit: daß sie die Aufhebung der Belägerung / und die Einräumung der eingeäscherten Stadt mit tausend Pfund Goldes abzukauffen willigten. Brennus verließ sich auf den mit dem Sulpitius abgehandelten Frieden; zohe also mit dem grösten Theile seines Heeres zurück. Denn die Hetrurier hatten mit vielem Golde und noch grössern Vertröstungen die Veneter beredet: daß sie denen Semnonern ins Land gefallen waren / auch bereit an dem Flusse Sapis / Sassina erobert hatten. Gleicher gestalt belägerten die Hetrurier ihre verlohrne Stadt Croton / und dräuten zugleich einen Einfall gegen Sestin. Inzwischen blieb der oberste Eisenberg zu Rom /und wartete auf die versprochenen tausend Pfund Goldes / welches die damals arme Stadt / ungeachtet das Frauenzimmer alle ihr güldenes Geschmeide beytrug /ohne Angreiffung der Heiligthümer nicht zuwege bringen konte. Dahero sie anfangs die Deutschen im Gewichte zu[750] bevortheiln trachteten / hernach aber /als Eisenberg dieses inne ward / sie bedreuten: daß wo sie sich nicht darmit vergnügten / ihnen an statt des Goldes geschlieffenes Eisen zuwiegen wolten. Eisenberg lachte hierzu / legte seinen Degen auf die Wage / sie solten so viel Goldes ihm noch zur Zugabe herbey schaffen. Uber dieser Wortwechselung trat der von Rom verwiesene / aber nunmehr mit einem ziemlichen von Veje und Ardea zusammen gelesenen Heere beruffene Camillus mit hundert geharnschten Männern in den Saal / und befahl das Gold auf die Seite zu schaffen; weil sein Vaterland mit Stahle /nicht mit Golde zu lösen wäre. Die zwantzig daselbst befindlichen Deutschen schützten den getroffenen Vertrag für. Aber Camillus versetzte: Er wäre erwehlter Römischer Feldherr / und ohne ihn hätte weder Manlius / noch Sulpitius was nachtheiliges eingehen können. Also wäre er der Semnoner Feind / und daher solten sie sich nur zur Gegenwehr fertig machen. Eisenberg drang mit den Seinen sich hierauff eilends zur andern Pforte hinaus; und machte Lermen. Ehe er aber sein Kriegs-Volck zusammen bringen konte / fielen die Vejer / Ardeater / und Römer durch 3. Pfortẽ in die Stadt / Manlius auch aus dem Capitolium; gleichwohl aber wehrten die nicht das vierdte Theil so starcken Semnoner sich als umbstrickte Löwen / und schlugen sich durch zwey Thore durch. Bey dem achten Meilen-Steine von der Stadt begegnete ihnen eine neue zusammen gezogene Macht / und Camillus lag ihnen ebenfalls in den Eisen; also: daß sie fast allenthalben von Feinden umbringet wurden. Eisenberg aber munterte seine Semnoner so wohl mit seinem Arme / als mit seiner Zunge zu einer behertzten Gegenwehr auf; und befahl: daß sie sich nach und nach an den nicht weit entfernten Fluß-Anio / und unter das darbey stehende Dorff ziehen solten. Das Beyspiel ihres Obersten / und die euserste Noth / welche der mächtigste Werckzeug des Sieges ist / zwang denen wenigen Deutschen ungemeine Helden-Thaten ab. Insonderheit übte Briso ein junger Semnonischer Fürst gegen die Römer Wunderwercke aus. Weil er aber keinen Fußbreit Erde weichen wolte / ward er von den Feinden umbringet / und nach unglaublicher Gegenwehre und vielen empfangenen Wunden endlich vom Manlius getödtet. So bald aber Eisenberg das verlangte Ziel erreichte / ließ er das erlangte Dorff an allen Ecken anzünden; und nach dem er bey nahe tausend Mann verlohren / gleichwohl aber auch die Römer nicht Seide darbey gesponnen hatten / setzte und schwemmte er unter dem Dampf und Rauche über den Strom / warff die Brücke hinter sich ab / daß der Feind ihn nicht weiter verfolgen konte. Von dar kam er so unverhofft nach Fidene: daß er die Pforten offen fand. Dieses zündete er an / gieng nach etlicher Stunden Erfrischung daselbst über die Tiber / und kam /ohne daß sich einiger Feind an ihn ferner wagen wolte / in Hetrurien; allwo Brennus bereit die Clusier von Belägerung der Stadt Croton abgetrieben / und seinen Sohn gegen die Veneter voran geschickt hatte. So bald er nun durch das Geschrey von der Römer Friedens-Bruche gehört hatte; wendete er seine Deichsel wieder gegen Rom / begegnete also seinem von Rom kommenden Volcke bey dem so genanten Königs-Bade. Brennus ward über der Römer Betruge aufs eifrigste verbittert; verheerete daher biß nach Nepete alles mit Feuer und Schwerdt. Und das Geschrey brachte nach Rom ein solches Schrecken: daß Camillus sich vergebens bemüht hätte die nach Veje allbereit besti te Flucht des gantzen Römischen Volckes zu hintertreiben; wenn nicht die Römischen Gesandten zu Nepete ihn durch Entgegenbringung der tausend Pfund Goldes / welche inzwischen die umb die Römische Verwüstung im Trauren gehenden Massilier als treue Bundsgenossen[751] nach Rom geschickt hatten / und Entschuldigung ihrer aus Mißverstande entsprungenen Thätligkeiten besänftiget / oder vielmehr andere geheime Ursachen zu Beliebung eines neuen Friedes bewegt hätten. Denn weil er die Hetrurier und Veneter noch hinter sich als einen beschwerlichen Dorn im Fusse hatte / die über dem Po wohnenden Deutschen auch mit einander in Krieg geriethen / und die vertriebenen Rhetier auch denen Bojen eingefallen waren / hielt er nicht rathsam mit so vielen Feinden auf einmal sich in beständigen Krieg zu vertieffen; als in welchen Fällen man nicht stets hinter sich sehen kan; und der Schild der Klugheit die feindlichen Streiche sicherer / als ein gewaffneter Arm ablehnet. Uber dis hatten es die Römer durch ein neues mit den Massiliern aufgerichtetes Bündnüß / krafft dessen alle Massilier das Römische Bürger-Recht / die Zoll-Freyheit / und ihren Gesandten ein Sitz im Römischen Rache verliehen ward / so weit gebracht: daß sie mit andern gegen die Deutschen ergri ten Galliern / weil Hertzog Marcomir biß an die Maaß die deutsche Herrschafft erweitert hatte / des Brennus zu Aventicum zum Hertzoge der Semnoner eingesetzten Bruder bekriegten; welchen Brennus nicht hülff-loß lassen konte; daher er zehn tausend Deutschen ihm über die Alpen zuschickte; und hierdurch die Feinde zum Frieden zwang. Als Brennus derogestalt auf beyden Seiten der Alpen sieghafft war / flog auch seiner Semnoner Ruhm in Sicilien / Africa und Griechenland. Denn es hatte König Dionysius in Sicilien mit dem Hertzoge Brennus ein Bündnüß gemacht / und von ihm zwölf tausend deutsche Hülfs-Völcker bekommen. Denn er eroberte durch ihre Tapferkeit die von den Carthaginensern erbaute See-Stadt bey dem Lilybeischen Vorgebürge Motya; zwang den Imilco; daß er / umb freyen Abzug aus Sicilien bitten muste. Ja bemächtigte durch sie sich in Italien des grossen Griechenlands. Fünff tausend dieser Semnoner schickte Dionysius auch der von den Beotiern belägerten Stadt Corinth zu Hülffe / welche des Nachts in aller Stille in den Lecheischen Hafen einlieffen; und bald daraus in einem Ausfalle das gantze Beotische Läger gegen dem Tempel des Priapus aufschlugẽ; also den Feind die gantze Belägerung aufzuheben nöthigten. Weswegen die Stadt Corinth dem Brennus und Dionysius zwey ertztene Bilder auf dem Rathhause aufrichteten. Die Corinther und Carthaginenser beehrten den Brennus auch hernach mit Gesandschafften / und bewarben sich so wohl / als die Nachbarn in Italien umb seine Freundschafft. Als nun derogestalt in Griechenland und Deutschland des Brennus Thaten nicht anders als des Hercules gesungen wurden; hielten es alle andere Deutschen darfür: daß ihnen / wenn sie es ihm nicht nachthäten / so viel Schande / als ihm Ruhm zuwüchse. Daher fast alle deutsche Völcker damals zu schwermen anfingen. Hertzog Antenor segelte mit etlichen 1000. Deutschen in Britannien; hielt sich daselbst so tapfer: daß ihm König Belin seine Tochter Cambra vermählte; von welcher seine Völcker noch ietzt die Sicambrer genennet werden. Denẽ Cattẽ war ohne diß ihr bergicht und unfruchtbares Land zu enge / also: daß sie selbst einander in die Haare geriethen. Endlich entschloß sich Fürst Batto und sein Sohn Heß ihrem Vetter ihr Erbtheil abzutreten / und wie Brennus eines mit dem Degen zu erwerben. Diese beyde Hertzoge zohen mit 30000. Catten den Rhein hinab /schlugen die Gallier / und bemächtigten sich des zwischen denen zwey Armen des Rheines und dem Meere liegendẽ Eylandes / nennten sich auch nach ihrẽ Fürsten die Bataver / welcher die Stadt Nimegen erbaute. Bathanat machte sich ebenfalls mit 100000. an dem Oder-Strome gelegenen Osen und Marsingern auf /setzte über die Donau / und eroberte zwischen diesem Flusse und der Sau ein grosses Gebiete. Die noch in[752] Deutschland und Gallien gebliebenen von denen Allemännern aber gedrückten Celten giengen so gar über das Pyreneische Gebürge / und gründeten um den Fluß Durias und Sucra ein neues Reich der Celtiberier. Alle in Griechenland kriegende Völcker mühten sich einige Deutschen zu ihren Kriegs-Obersten /und die Könige sie zu ihrer Leibwache zu bekommen /und insonderheit nach etlicher Zeit König Philip in Macedonien. Inzwischen aber starb Brennus / und ließ seine Herrschafft seinem Sohne Ludwig; sein Gedächtnüß aber der Nachwelt zu einem Beyspiele der Tapfferkeit. Hertzog Ludwig war seines Vaters Ebenbild nichts minder an Gestalt als an Gemüthe. Daher nam die von den Römern bekriegte Stadt Velitre zu ihm Zuflucht; und beklagten sich / daß Rom die minste Ursache einiger Feindseligkeit gegen sie hätte /sondern aus blosser Herschenssucht sich als eine Wölffin alle andere Städte in Italien als Schaffe zu verschlingen berechtigt hielte. Weil nun die Römer die Velitrer aus dem Felde schlugen und ihre Stadt belägerten / es also nicht Zeit war mit der Feder / sondern mit dem Degen zu fechten; machte er sich mit 40000. Semnonern auf / und rückte so eilfertig fort: daß die Römer von ihrem Anzuge nicht ehe Kundschafft kriegten: als biß sie zu Crustumerium über die Tiber gesetzt hatten. Sie erklärten hierauf den Marcus Furius zu ihrem Feldherrn / schrieben an alle ihre Bundgenossen um Hülffe / niemand aber wagte sich in diß Spiel zu mischen / aus Beysorge: daß sodenn die Deutschen die Kriegs-Last ihnen selbst auff den Hals weltzen würden. Wie nun Hertzog Ludwig bey Collatia über den Fluß Anio gieng / und biß nach Alba kam; hoben die Römer die Belägerung für Velitre über Hals und Kopff auf / setzten sich darmit an einen vortheilhafftigen Ort; aus welchem sie durch keine Ausforderung der Semnoner zu locken waren; unter dem Vorwande: daß das Bild des weiblichen Glückes an dem Wasser Crabra bey Rom nunmehr zum dritten mal geredet / und ihnen zu schlagen verboten hätte. Rhemetalces fiel ein: Er hätte ja in den Römischen Geschichtschreibern gelesen: daß Marcus Furius die Semnoner damals bey Alba aufs Haupt geschlagen; deßwegen zu Rom ein Siegs-Gepränge erlangt / und der Deutschen wenige Uberbleibung sich in Apulien geflüchtet hätte. Adgandester antwortete: Die Griechischen Geschichtschreiber redeten hierinnen den Deutschen ihr Wort; und wäre aus diesem unverdächtigen Zeugnüsse zu urtheiln: wie viel in andern Fällen der Römer Großsprechen Glauben verdiente. Und zweiffelte er nicht: Rhemetalces würde diß / was er erwehnte / aus dem Livius haben / welchen Käyser Augustus selbst wegen gesparter Warheit / und daß er allzu sehr Pompejisch wäre / beschuldigte; wie man hingegen den Dion für allzu gut Käyserlich / den Fabius für zu gut Römisch / den Philinus für allzu Carthaginensisch hielte. Es ist diß / sagte Zeno / der gröste Schandfleck eines Geschichtschreibers / welcher / wie köstlich er sonst ist / hierdurch alleine die Würde gelesen zu werden einbist; und nicht unbillich einem Thiere vergliechen wird / dem man die Augen ausgestochen hat. Daher auch die sonst so ruhmswürdige Liebe des Vaterlandes alleine in einem Geschichtschreiber verwerflich ist. Rhemetalces versetzte: Es ist freylich wol wahr; ich glaube aber: daß es so wenig Geschichtschreiber ohne Heucheley / als Menschen ohne Maale gebe. Wolthat und Beleidigung zeucht uns gleichsam unempfindlich zu ungleichem Urtheil; wie der Strom des Hellesponts auch bey der Windstille die Schiffe gegen das Griechische Meer. Daher Callias von Syracuse sich nicht mäßigen konte / alles Thun des ihn beschenckenden Agathocles zu rechtfertigen / der von ihm aus Sicilien verwiesene Timeus aber alles zu verdammen. Ja nach dem Berichte des Asinius Pollio / hatte Käyser Julius in seinen[753] Schrifften selbst so wenig Warheit gefunden: daß er selbte zu verbessern durch Schamröthe bewogen / durch seinen Tod aber verhindert worden. Zugeschweigen daß einige nach der Art des Zevxes / welcher alle Menschen grösser machte / als sie wahrhafftig waren / auch ihre Geschichte derogestalt vergrössern / gleich als wenn die Warheit ein zu schlechter Firns der Schrifften / und diese ohne Erzehlung ungemeiner Wunderwercke nicht lesens-würdig wären. Adgandester nahm das Wort von ihm / und sagte: Die denen Schlachten oder andern Staats-Händeln selten beywohnenden Geschichtschreiber sind noch ehe zu entschuldigen; als welchen selbst zuweilen entweder das unwahrhaffte Geschrey / oder der Irrthum eines anbindet. Viel schädlicher aber ist es / wenn ein Feldherr oder Volck entweder nichts ausrichtet; und gleichwol nach Römischer Gewohnheit grosse Siegs-Gepränge hält; oder gar seinen Verlust für einen grossen Gewinn in der Welt ausruffen läst. Zeno versetzte: Es erforderte es vielmal die euserste Noth aus einem Schatten einen Riesen machen; und es wäre die gröste Klugheit seine Wunden mit den Pflastern des Eigenruhms nicht minder verhölen / als heilen. Denn welche Freundschafft hielte bey verkehrtem Glücke die Farbe? Das Elend züge denen Bundgenossen die Treue / wie die Sonne hohe Farben aus; und kein Eydschwur / keine Bluts-Freundschaft / keine genossene Wolthat verhinderte: daß man nicht sich fremder Gefahr entzüge; ja denen Bedrängten selbst Spinnenfeind würde; und wormit es nicht schiene: als wenn man es iemals mit ihnen gehalten / sie selbst vollends ins Verderben stürtzen hülffe. Also wäre das Unglück des grossen Pompejus Hencker / Achillas aber nur sein Scherge gewest. Bacchus wäre dem Jugurtha erst / als ihm das Glücke den Rücken gekehret / feind worden; und König Prusias hätte nicht ehe seine Larve gegen den Hannibal vom Gesichte gezogen; als biß jene Närrin sie vorher abgenommen. Adgandester begegnete ihm: In zweiffelhafften Begebnüssen wäre es freylich eine Klugheit seinen schlechten Zustand so viel möglich beschönen; aber wider die kundbare Warheit Falschheiten aussprengen sehr unverschämt. Gleichwol aber hätten die Römer diß unzehlbare mal gethan; und hätten ihre überwundenen Heerführer offt / ja Marcus Furius und Petilius ieder Siegs-Gepränge gehalten / ohne daß einer iemals einen Feind geschlagen. Welches der mit denen Galliern verbundenen Stadt Tibur nicht unbillich so lächerlich vorkam; daß sie nach Rom schickten / und den über sie siegprangenden Petilius fragen liessen: Ob er mit ihren Mücken / oder mit ihrer Verstorbenen Geistern geschlagen hätte? Denn 9. Jahr nach der Zeit / da Hertzog Ludwig Velitre entsetzt / und aus dem Römischen Gebiete grossen Raub in Umbrien zurück gebracht hatte /überfielen die Römer die Hernicier / und folgendes Jahr das Gebiete der über fünftehalb hundert Jahr älteren Stadt Tibur. Weil nun die Semnoner zu Rom vergebens ihre von beyden Völckern gesuchte Vermittelung fürschlugen / schickte Hertzog Ludwig seinem Bruder Adolph dreißig tausend Deutsche beyden zu Hülffe / welche biß an den dritten Meilenstein an Rom anrückten / und also die Römer / welche die Stadt Ferentin erobert / der Hernicier Gebiete zu verlassen / und ihrem eigenen Feuer zuzulauffen nöthigten. Hertzog Adolph gieng / um die Stadt Tybur zu bedecken / zu Antenna über die Tiber / und setzte sich an dem Flusse Anio auf der Saltzstrasse dem neuerwehlten Römischen Feldherrn Qvintius Pennus recht gegen über. Die Römer mühten sich durch vielfältige Anfälle die daselbst zwischen beyden Lägern über den Fluß Anio gebaute Brücke zu gewinnen / wurden aber allemal mit grossem Verluste zurück geschlagen; also: daß Qvintius durch keine Dräuung oder Versprechen sie zu fernerm Angriffe bewegen konte; also genöthiget ward die eusersten Kräffter aus[754] Rom an sich zu ziehen / und die junge Mannschafft mit einem schärffern Eyde zu verfassen. Die Semnoner kamen hierauf nach und nach einzel-weise auf die Brücke /tummelten sich daselbst und forderten die Römischen Edelleute zum Zweykampf aus. Nach vielem Ruffen erschien endlich gegen einem Deutschen Edelmanne Gergelase der junge Licinius; welcher aber / als der Deutsche auf ihn an drang / i er wie ein Krebs zurücke wich / und endlich die Flucht nahm / weßwegen ihm jener hernach zum Gedächtnüsse einen Krebs auf den Schild mahlen ließ. Diese Scharte auszuwetzen stellte sich des Bürgermeister Sulpitius Sohn wider Morien einen Deutschen Edelmann ein; nach einem kurtzen Gefechte aber versetzte Morien dem Sulpitius einen tödtlichen Streich in Halß / daß er zu Bodem fiel. Morien nahm ihm nichts / als seinen Schild mit einem güldenen Sterne; Hingegen beschenckte ihn Hertzog Adolf mit einem köstlichen Schilde / darauf er die Saltz-Brücke und einen güldenen Stern pregen ließ. Eben so unglücklich gieng es dreyen folgenden Römern / welche gegen so viel Semnonern zu fechten sich erkühnten. Als nun diese keinen Römer durch die schimpflichste Ausforderung zum Kampffe mehr bewegen konten / kam endlich ein unbekandter Deutscher Jüngling in einem blau-gelben seidenen Rocke auf die Brücke; mit blossem Haupte und nur mit einem Degen und schmalem Schilde gerüstet. Dieser ruffte den Römern zu: Es solte doch der tapfferste unter ihnen / wo anders einer noch ein Hertz im Leibe hätte / mit einem ungewaffneten / oder wenn die Römer ja alle zu Weibern werden / mit einem Deutschen Weibe sich schlagen. Worauf denn Qvintius aus dem Römischen Adel mit Noth den Titus Manlius mit der Erinnerung: daß sein Geschlechte vom Verhängnüsse den Semnonern zu widerstehen erkieset wäre / noch beredete: daß er aufs sorgfältigste mit einem grossen Schilde / einem Spanischen Degen /und unter dem Rocke mit einem Pantzer-Hemde ausgerüstet / gegen den Deutschen sich stellte. Das Gefechte beginnte beyderseits mit einer freudigen Tapfferkeit; iedoch erlangte der Deutsche den Vortheil: daß er dem Manlius drey hefftige Streiche anbrachte /welche aber wegen des verborgenen Pantzers nicht durchgiengen. Diese über diesen Betrug erwachsende Verdrüßligkeit verleitete den Deutschen: daß er dem Manlius einlief / selbten faste und zu Bodem warf. In diesem Ringen aber stieß Manlius dem Deutschen einen verborgenen Dolch beym Nabel in den Leib; worvon er mit häuffiger Blutstürtzung zu Bodem fiel. Manlius sprang hierüber auf / rieß dem Deutschen sein güldenes Halsband ab / henckte es ihm um / und kehrte darmit eilfertig ins Römische Läger; welches hierüber / als einer gewonnenen Schlacht / ein grosses Freuden geschrey erregte / und den Manlius mit dem Zunahmen Torqvatus beehrte. Hertzog Arnold ließ den Deutschen alsbald von der Brücke abholen / befanden aber; daß selbte eines Semnonischen Edelmanns Tochter war; Daher sie die Römer mit ihrem Siege nur verhöhnten / und noch selbigen Tag Lochau ein Edelmann / biß an den Wall des Römischen Lägers ritt / und dreyen auff seine Ausforderung sich gestellenden Römern die Köpffe abhieb; welche er hernach zum Gedächtnüsse auff seinen Schild mahlen ließ. Nach dem nun beyde Heere zwantzig Tage gegen einander / iedoch das Römische wegen der im Rücken habenden Stadt in mercklichem Vortheil gelegen hatte / diß aber zu keiner Schlacht zu bringen war / denen Deutschen aber die Lebensmittel abgiengen / zündete Hertzog Adolf sein Läger an / zohe sich gegen der Stadt Tibur; und weil die Campanier auff Anstifftung der Römer die Hernicier mit offtern Einfällen bedrängten / rückte er an dem Flusse Anio biß zu seinem Brunnen fort. Hierauff gieng er bey Sora[755] über den Fluß Livis / überfiel bey der Stadt Arpin die Campanier und schlug selbte mit seiner blossen Reuterey aus dem Felde. Die Stadt Atina sperrte ihm selbst die Thore auf; die in dem fruchtbaren Oel-Lande aber gelegene Stadt Venafrum eroberte er mit Sturme / und zwar durch die Reuterey; welche / als an beyden Seiten das Fußvolck anfiel / auff dem die Stadt zertheilenden Flusse Vulturnus unvermerckt darein schwemmte / die Gatter zerhieb / alles was in Waffen war erlegte / und die Pforten dem Fußvolcke eröffnete. Allisa / Telesia und Calatia begaben sich hierauf in der Deutschen Schutz / richtete also Adolph hier eine neue Herrschafft auf. Diesemnach rückte der Bürgermeister Petilius Libo / um den Campaniern Lufft zu machen / für die Stadt Tibur / Fabius Ambustus aber fiel denen Herniciern ein. Hertzog Adolph aber trieb mit dem blossen Nahmen seiner Ankunfft den Fabius aus dem Hernicischen Gebiete / trieb ihn von Preneste weg / verwüstete in den Gegenden um Lavicum / Tusculum und Alba alles / was den Römern anhing; und jagte endlich den Fabius in Rom /und setzte sich eines Bogenschusses weit von der Collinischen Pforte. Es bebeten die sieben Berge über dem Heulen und Angstgeschrey des eine neue Eroberung besorgenden Volckes. Der Rath machte den Servilius Ahala zu einem neuen Feldherren / und was nur Waffen tragen konte / muste sich in die Kriegs-Rollen schreiben lassen. Titus Qvintius führte die Reuterey zu erst hinaus / welchem Hertzog Arnold Platz zum Treffen machte. Die Schlacht beginnte erst gegen den Abend / wormit die Römer bey widrigem Glücke ohne allzu grosse Unehre sich zurück weichen könten. Aber die Sonne gieng noch nicht zu Golde / als das Römische Heer schon zertrennet / und biß an die Stadtmauer gejagt ward. Die Römischen Weiber /alten Greise und Kinder / standen zwar auf den Thürmen / rufften den ihrigen aufs beweglichste zu; sie möchten sich als Männer halten / und ihr Vaterland retten; durch die Collinische und Viminalische Pforte kriegten sie auch eine starcke Hülffe von frischem Volcke; ja die Römischen Weiber selbst wurden zu Besetzung der Mauern gebracht / aber es war alles umsonst; und muste Servilius nur das völlige Feld räumen / und sich in die Stadt nach überaus grossem Verluste retten. Weil nun in dreyen Tagen sich kein Römer für denen geschlossenen Thoren mehr sehen ließ / Arnold aber weder Volck genung / noch Sturmzeug die Stadt Rom anzugreiffen bey der Hand hatte /und die Tiburtiner wider den Petelius bewegliche Hülffe suchten; eilte er an der Tiber hinauf. Sein Vortrab kam mit dem Bürgermeister zwischen Nomentum und Tibur zu schlagen; die Nacht aber scheidete sie von sammen; in welcher Petelius zu Noment über die Tiber gieng / das Deutsche Heer nicht erwarten wolte / sondern nach Rom kehrte / gleichwol aber daselbst zwey lächerliche Siegs-Gepränge hielt. Folgendes Jahr verneuerten die Römer ihr altes Bündnüß mit den Lateinern / zohen also viel tausend Kriegsleute an sich / griffen hierauf die Tarqvinier mit Krieg an; aber Hertzog Adolf kam ihnen mit seinen Deutschen / die damals aller Bedrängten Zuflucht waren / zeitlich zu Hülffe; und brachen bey Preneste und der Stadt Pedum ein. Die Römer machten aus beyder Bürgermeister Heere eines / und den Cajus Sulpitius zum Feldherrn. Dieser aber verschantzte sich an einem festen Orte / und war weder durch der Deutschen schimpfliche Ausforderung / noch durch seines eigenen Volckes Schmachreden zu einigem Treffen zu bewegen / sondern er verbot vielmehr bey Lebens Straffe / wenn einer ohne Befehl kämpffen würde. Als er endlich sich ohne euserste Verkleinerung nicht länger enthalten konte / und ein grosses Theil des Deutschen Heeres sich Rom näherte / und ihr Gebiete mit Feuer und Schwerd verwüstete / versteckte er des[756] Nachts allen mit Waffen ausgerüsteten Troß nebst hundert Reutern in ein Gepüsche auf einem Tusculanischen Hügel / und stellte des Morgens sein Heer für dem Lager in Schlacht-Ordnung. Die Deutschen waren so begierig zum Fechten: daß sie die Römer ehe anfielen / ehe Hertzog Arnold seine Schlacht-Ordnung gemacht / oder das Zeichen gegeben hatte. Sie brachten auch den rechten Flügel / darinnen doch der Feldherr selbst fochte / und das Ampt eines tapffern Kriegs-Mannes verwaltete / zum weichen in Verwirrung. Der lincke Flügel aber hielt mit dem Marcus Valerius den Semnonern die Wage; iedoch muste der nothleidende Sulpitius seinem Troß ein Zeichen geben: daß selbter auf der Seite gegen die Deutschen herfür brach. Durch welche Bländung denn die Deutschen stutzig gemacht wurden. Weil nun sich der Wind zugleich wendete /und den Deutschen den Staub recht in die Augen wehete / zohe Hertzog Arnold sein Heer mit einer so klugen Art zwischen die Berge: daß der Verlust beyder streitbaren Theile gleiche war; ungeachtet die Römer dem Sulpitius ihrer Meinung nach ein wahrhafftes /nicht aber wie vormals andern falsch ertichtete Siegs-Gepränge erlaubten. Hingegen gewan Ritter Sultz /welcher mit 10000. Semnonern denen Tarqviniern beystand / dem Fabius einen herrlichen Sieg ab / welche / weil die Römer vorher etliche Gefangene dem Mars geopffert hatten / 307. gefangene Römische Edelleute ebenfals abschlachteten. Diesen Verlust einzubringen ward das Jahr hernach der Bürgermeister Popilius Lenas wider die Tarqvinier und Deutschen geschickt; welcher aber mit einer schweren Niederlage abgefertigt war; worzu die Deutschen Priester nicht wenig halffen / welche für dem Tarqvinischen rechten Flügel mit brennenden und mit Schlangen umwundenen Fackeln vorher lieffen / und die über diesem neuen Aufzuge bestürtzten Römer verwirrten / denen Tarqviniern aber ein Hertze machten. Es wurden aber die Deutschen mit denen Tarqviniern wegen der Beute uneines; weßwegen jene ihre Hülffs-Völcker nach Hause berufften / diese also unterschiedene mal grossen Schiffbruch liedten. Weil die Römer aber aufs neue die Tiburtiner überfielen / schickte Hertzog Ludwig / Erdmann / sein Schoßkind einen jungen Semnonischen Ritter / wieder mit einem frischen Kriegs-Heere ins Latium; gegen welchen der Bürgermeister Popilius Lenas mit einem starcken Heere aufzoh; weil er aber den Deutschen sich gleichwol nicht gewachsen zu seyn / oder die Langsamkeit einem Feldherren anständiger als die Vermessenheit hielt / sich auff dem kalten Berge verschantzte. Dem jungen und hitzigen Erdmann ward die Zeit zu lang / und die Gedult zu kurtz den Feind an einem gelegnern Orte anzugreiffen / daher entschloß er wider die Einrathung / welche entweder von Art oder Alter zum Verzuge geneigt waren / den Berg und das befestigte Läger zu stürmen; und zwar unter diesem Vorwand: daß der Feind sich nur auff seinen Wall / er sich aber auf die Hertzen seiner Deutschen verliesse / welche lieber stürben / als etwas unüberwindlich hielten. Zudem wären sie so fruchtbar: daß ihrem Hertzoge alle Nacht ein Heer gezeugt würde. Er selbst führte anfangs den Sturm an; und ob die Deutschen gleich aus dem Athem kamen /ehe sie des Berges Höhe erstiegen / oben auch noch zweyfache Graben und Wälle für sich hatten / und es augenscheinliche Unmögligkeit war das Lager einzunehmen / stürmte er doch mit stets abgelösten Völckern Tag und Nacht durch; eroberte auch zwar den eusersten Wall / und warf dem Bürgermeister einen Spieß durch die lincke Achsel; also: daß das Römische Lager nunmehr in Gefahr stand; aber das Blat wendete sich unverhofft / indem Erdmann mit einem Steine so harte am Kopffe verwundet war: daß er für todt zu Bodem fiel. Worauf die andern Kriegs-Obersten nicht für[757] verantwortlich hielten dieses so vermessene Werck zu verfolgen; sondern von Sturme abblasen liessen; ihr Läger ansteckten / und sich nach Alba zohen / sondern daß sich die Römer sie zu verfolgen wagten. Erdmann kam den dritten Tag erst wieder zu sich selbst; und als die Obersten sich über dem allzu hitzigen Fürnehmen beklagten / nur die Achseln einzoh / und antwortete: Es war wol eine harte Ecke. Worvon er hernach den Zunahmen Harteck bekam; iedoch diese Scharte hernach durch einen herrlichen Sieg gegen die Griechischen See-Räuber / welche bey Laurentum / wo vor Zeiten Eneas ausgestiegen war /aussetzten und das Land verheereten. Sintemal er diese nicht nur mit grossem Verlust in die Schiffe jagte / sondern auch die Lateiner dadurch gewan: daß sie den Römern aufs neue den Bund aufkündigten. Hierüber ward Rom so bestürtzt: daß sie ein Heer von zehn Legionen / iede zu fünftehalb tausend Mann aufrichteten; mit dessen gröstem Theile der Bürgermeister Camillus gegen die Deutschen in das Pomptinische Gebiete aufzoh; welcher aber durch Langsamkeit die zum kämpffen eifrige Deutschen gleichfals abmatten und durch Verdrüßligkeit zu einem unvernünftigen Treffen verleiten wolte; also sich allezeit / wann der Feind auf ihn drang / zwischen die Pomptinischen Sümpffe versteckte. Der Fluß Amasen scheidete beyde Läger von einander / über diesen kam um Mitternacht ein altes Weib auff einem Hunde mit einem Krantze von Eisen-Kraute auf dem Haupte / und mit einer brennenden Fackel in der Hand geschwommen; machte mit selbter einen Kreiß in die Hand; und nach vielen gemahlten Zeichen und seltzamen Gebehrden fing sie gegen das Deutsche Läger mit heiserer Stimme aus allen Kräfften zu rüffen: Ist irgends ein Gott /eine Göttin / oder Geist / der die Deutschen beschützet / so verehre und bitte ich euch: verlasset der Deutschen Land / Städte und Läger. Jaget ihnen Schrecken / Zagheit und Vergessenheit ein. Kommt nach Rom; erwehlet unsere Heiligthümer / und stehet unserm Heere für; so geloben wir euch Tempel zu bauen /Opffer zu liefern und Spiele zu halten. Die Deutsche Wache ward hierüber verbittert / schossen daher mit Pfeilen auff sie / welche aber alle für dem Kreisse niederfielen. Sie ließ sich auch in ihrer Gauckeley nicht hindern / sondern machte einen Hauffen wächserne Bilder und zerschmeltzte sie in der Fackel; zuletzt steckte sie einen Stab in die Erde in einen Ameiß-Hauffen / an welchem die Ameissen hinauf auf lieffen; an der Spitze sich in Raben verwandelten / und davon flohen. Hierauf fing sie so ein jämmerliches Geheule an: daß den Deutschen die Haare zu Berge stunden /und sprang in den Fluß / über welchen diese Zauberin ihr Höllen-Hund an dem Römischen Ufer aussetzte. Zeno fing an: Es ist diß eine Zauber-Art / wie sie in Pannonien aus den Ameissen Staare machen /und ihrem Nachbar in die Weinberge die Trauben abzufressen schicken sollen. Aber ich glaube / daß diß alles abergläubische Bländungen sind. Adgandester versetzte: Der Deutsche Heerführer Leuchtenberg war in eben dieser Meinung; daher er die Deutschen / welche zu Abwendung dieser Zauberey drey mal in die Schooß den Speichel ausspien / verlachte / die in seinem Heere befindlichen Tiburtiner aber / die dem Neptun und der Nemesis opffern / oder in dem Läger des Priapus Bildnüß auffrichten wolten /wie nichts minder denen Kiegsleuten viel mit Raute / Knaben- und Faselwurtz gefüllte Knispel an Hals zu hencken mittheilten / auch ihm das Läger zu verrücken riethen / mit hartem Verweiß abfertigte; alleine der Ausgang wieß gleichwol: daß das göttliche Verhängnüß doch der Zauberey zuweilen etwas enträume; und daß die schwartzen Raben den Deutschen so viel Böses / als die weissen[758] denen Beotiern in Thessalien Gutes bedeuteten. Denn Udalrich ein deutscher Edelmann setzte über den Fluß / und forderte den hertzhafftesten der Römer zum Zweykampffe aus. Die Römischen Wahrsager brachten es bey dem Camillus wider vorige Gewohnheit der Römer / welche sonst schwer hierzu kamen; in dem ein gantzes Heer meist aus solchen Gefechten den Ausschlag des gantzen Krieges urtheilte / durch grosse Vertröstungen dahin: daß einem Kriegs-Obersten Marcus Valerius mit dem Deutschen zu kämpffen erlaubt ward. Wie der Streit nun angehen solte / kam über das Deutsche Läger ein Rabe von ungemeiner Grösse mit grausamen Geschrey geflogen /setzte sich dem Valerius auff den Helm / und beym Anbinden flohe er dem Udalrich ins Gesichte / hackte und kratzte ihm die Augen aus; also daß Valerius bey dieser seiner Bländung ihm leicht etliche tödtliche Stiche beybringen konte. Die Deutschen schmertzte dieser zauberische Betrug / und die Bezauberung des Todten so sehr: daß die Vorwache ohne Verlaub durch den Fluß schwemmte und den Valerius mit seinen Gefärthen verfolgte / unter denen waren zwey Hermundurische Edelleute; welche dem Valerius nicht nur die abgenommenen Waffen abjagten / sondern ihm auch den Helm von dem Kopffe schlugen / und eroberten; weßwegen der eine hernach den Zunahmen Rabe / und einen mit einem Raben ausgeputzten Helm / der andere Rabenstein mit einem Raben im Schilde führte. Uber diesem Gefechte aber drangen aus beyden Lägern so viel Kriegsleute nach und nach herzu: daß beyde Feldherren endlich um nicht ihre bereit kämpffenden Leute im Stiche zu lassen / gezwungen wurden mit vollen Kräfften loß zu gehen. Camillus munterte die Seinigen darmit auf: daß der dem Valerius zu Hülffe gekommene Rabe den Römern zur rechten / den Deutschen zur lincken Hand geflogen wäre; also jenen den Sieg / diesen den Untergang angekündigt hätte. Diesem ihrem Glücks-Vogel und Wegweiser solten sie nur behertzt nachfolgen. Die Götter schickten den Menschen mehrmals Thiere zu Gehülffen und zu Leitern. Also hätten die Tauben den Chalcidensern über das Meer an den Ort / wo sie hernach Cuma hingebaut / eine Schlange der Antinoe nach Mantinea / eine Kuh dem Cadmus nach Thebe /ein Widder dem Bacchus in Africa den Weg gewiesen. Leuchtenberg hingegen redete diß den Deutschen aus; und meldete: daß der Aberglaube die heßlichste Larve der Vernunfft / und eine Ohnmacht des Gemüthes wäre. Jedoch hatten die Deutschen / welche durch den Fluß Amasen theils schwimmen / theils waten / und in dem Wasser biß an die Achsel stehende gegen die an dem festen und meist hohem Ufer fechtenden Römer kämpffen musten / einen schweren Stand. Nichts desto weniger setzten sie endlich festen Fuß / und erfolgte beyderseits eine grausame Blutstürtzung so lange / biß die wieder Gewohnheit stockfinstere Nacht die gegen einander rasende Feinde von einander sonderte / und ieden in sein Läger zu kehren zwang; also: daß sich kein Theil mit Warheit eines Sieges rühmen konte / beyde aber wol den verlohrnen Kern ihres Volckes zu betrauren / und nur die höllischen Geister über ihrer Mordstifftung sich zu erfreuen hatten. Camillus zohe hierauff nach Rom / die Deutschen aber erfrischten sich in Apulien; und machte diese geschehene Prüfung beyderseitiger Kräfften zwischen ihnen einen stillschweigenden Stillestand; welchen die Römer hernach mit vielen Geschencken und Liebkosungen unterhielten; wormit sie bey dieser Einschläffung die Samniter und Lateiner unter ihre Botmäßigkeit bringen konten. Diese Ruhe unterhielte von seiten der Deutschen auch theils die zwischen denen Semnonern / Bojen und andern über die Alpen gestiegenen Völckern erwachsende Unruh /theils daß den streitbaren Hertzog[759] Ludwig der friedliebende Alarich folgte / welcher mehr mit guten Gesetzen seine Herrschafft zu befestigen / als sie mit dem Degen zu erweitern trachtete. Also endern auch die Völcker / wie die Gewächse unter einem andern Himmel ihre erste Eigenschafften.

Unterdessen bewegte sich ein neuer Schwarm der um den Berg Abnoba und den Brunnen der Donau wohnenden Allemänner unter dem Hertzoge Arnolff; gieng nach dem Beyspiele der Marsinger und Osier in Pannonien / und breiteten sich von dar biß an den innersten Seebusem des Adriatischen und Illyrischen Meeres / die Marsinger und Osier aber biß über den Fluß Marisus aus; also: daß der um den Strom Tyras wohnende Sarmatische König Athea wider sie den Macedonischen König Philip zu Hülffe beruffte. Die Deutschen erinnerten sich ihrer alten mit den Sarmatern gepflogenen Freundschafft und Bündnüsse. Sintemahl schon zur Zeit des zu Troja herschenden Ilus der Deutsche König Galathes und Gothard mit der Sarmater Könige Lauthim wider den Darius Histaspides zusammen gekrieget / und diesen / weil er sich die überschickte Mauß / Frosch und Pfeile nicht zurücke halten ließ / mit Verlust 90000. streitbarer Männer wieder über den Ister getrieben / hernach aber nach getroffenem Frieden dem Xerxes unter seinem Bruder Ariomard wider die Griechen gedienet hatten. Daher sie denn auch dißmal den Sarmatern wider den herrschsüchtigen Philip beyzuspringen für recht und rühmlich hielten; welcher nach aufgehobener Belägerung der Stadt Byzanz von dem Könige Athea unter dem heiligen Scheine: daß er an dem Ister dem Hercules eine gelobte Säule aufrichten wolte / über diesen Strom zu setzen / Erlaubnüß bekam / die einfältigen Sarmater aber überfiel / und grosse Beute machte. Bey Ankunfft der Deutschen aber muste Philip nur weichen / und seiner vorangeschickten Beute nach ziemlichem Verluste folgen; ja als die Deutschen sich mit denen Triballen vereinbarten / ihnen die Beute gar im Stiche lassen / und nach empfangener gefährlichen Wunde die Flucht ergreiffen. Weil nun dieser der Deutschen Tapfferkeit genungsam geprüfet hatte /hielt erster rathsamex sie zu Gehülffen in sein Schiff zu nehmen / als es an diesen Klippen zu zerstossen. Daher er denn ihrer sich in dem Kriege wider Athen fruchtbarlich bediente / und derer insonderheit damals / als er zu Corinth von gantz Griechenland zum Feldherrn wider die Persen erkieset ward / 10000. in Bestallung nahm. Nach dem aber Philip hierüber getödtet war / und sein Sohn der grosse Alexander nicht nur die Thracier / Illyrier / Triballer und Peonier überwand; sondern auch über den Ister setzte / und wider den Syrmus den König der Geten / welche vorzeiten Hertzog Berich und Philomar aus dem mitternächtigen Deutschlande an den Ister und Tibiscus geführet haben sollen / zohen die Deutschen die Hand ab / und sperrten die Augen gegen diesen Siegen weit auf; schickten also die Allemänner / Marsinger und Osier Gesandten an Alexander / welche ihn von Bekriegung ihrer Verwandten und Bundsgenossen der Geten abmahnten / ihm auch rund heraus andeuteten: daß sie seine Herrschafft sich über den Ister und die Sau zu erweitern gar nicht enträumen könten. Alexander verwunderte sich nichts minder über ihrer Freyheit der Gemüther / als über den Kräfften ihrer Leiber; fragte daher die Gesandten für was sich die Deutschen am meisten fürchteten? An statt der verhofften Erklärung: daß sie die Macedonische Macht anziehen würden /kriegte er von ihnen zur Antwort: In den Hertzen der Deutschen hätte keine Furcht raum. Solten sie aber ja für etwas Sorge tragen / könte es nichts anders seyn /als daß der Himmel ihnen auf den Hals fiele. Sonst aber unterhielten sie mit hertzhafften Leuten gerne Freundschafft. So wil denn auch ich / versetzte Alexander /[760] solche mit euch befestigen / euch zu Liebe noch heute des Syrmus Gebiete räumen / und zwischen uns den Ister das Gräntzmahl bleiben lassen. Hierdurch erhielt er: daß nicht allein die vorigen Deutschen unter seinem Heere blieben / uñ denen Illyrischen Königen Clitus und Glaucias wider ihn keinen Beystand leisteten / sondern auch etliche tausend sich unter ihm in den Persischen Krieg bestellen liessen /welche ein nicht geringer Werzeug seiner unglaublichen Siege waren. Wie nun Alexander als ein Blitz gantz Persien unter seine Füsse gelegt hatte / kützelte die Ehrsucht auch seinen in Pontus und in Thracien hinterlassenen Stadthalter Zapyrion: daß er mit dreißig tausend Macedoniern und Thraciern / nebst einer grossen Menge Mösischer Hülffs-Völcker über den Ister setzte / und also auch gegen Nord das Macedonische Reich zu erweitern trachtete. Aber Zapyrion erfuhr zeitlich wie wahr der Epirische König Alexander geurtheilet: daß in Europa Mäñer / in Asien Weiber wohnten. Sintemal die Geten und Deutschen ihn mit seinem Heere umringten und erschlugen: daß nicht einer davon die Zeitung über den Ister brachte. Nachdem aber Alexander die Welt biß an den Ganges bemeistert hatte / und alle Völcker entweder aus Furcht oder aus Heucheley ihn mit Gesandschafften ehrten /hieltẽ auch die Deutschen / mit welchen der Landvogt in Macedonien Antipater inzwischen Friede gemacht hatte / es ihnen anständig zu seyn / durch eine Botschafft ihr altes Bündnis zu verneuern. Die deutschen Gesandten / nehmlich der Ritter Rosenberg und Sternberg zohen biß nach Babylon / allwo der aus Indien siegprangend zurückkommende Alexander aller Völcker Bothschaffter seiner zu warten befohlen hatte. Ungeachtet nun die Chaldeer ihn die Stadt Babylon /wie andere Wahrsager dem Epirischen Alexander den Fluß Acheron / als das Ziel seines Lebens zu meiden /beweglich warnigten / hielte er doch das einige grosse Babylon seiner Grösse uñ dem Gepränge so viel Bothschaffter zu empfangẽ gemäß zu seyn / zohe also / ungeachtet er schon über den Phrat ko en war / auf des weisen Anacharchus Einrathen nach Babylon zurücke. In dieser Stadt oder vielmehr kleinen Welt waren von mehr als fünff hundert gekrönten Häuptern Botschaffter verhanden; welche bey verlauteter Ankunfft des grossen Alexanders sich mit unbeschreiblichem Pracht / insonderheit die Indianischen und Africanischen mit unschätzbaren Perlen und Edelgesteinen sich ausgeputzt / und mit Beyführung unzehlbarer Elephanten / Nasenhorn-Thiere / Kamelen und Mauleseln ausgerüstet hatten. Sie eilten meist für der Zeit aus Babylon / und wolte ein ieder den Vorzug haben. Der Deutschen Auffzug war mehr männlich / als wollüstig / iedoch auch nicht heßlich. Die fast alle andere überragende Länge / die wohl abgetheilten Glieder /die weissen Antlitzer / und Haarlocken der zweyen deutschen Bothschaffter und ihrer hundert Edelleute aber nahm allen andern gefirnsten Zierrachen bey weitem den Preiß weg / also: daß sie aller Zuschauer Augen an sich zohen / welche gleichsam wie Mauem die Strassen der Stadt und der Felder besetzten. Es ist wahr / fing die Königin Erato an: die weisse ist die vollko enste unter den Farben / und daher die Deutschen auch die schönsten unter allẽ Völckern. Daher würde ich mich zu Babylon nicht sehr nach den schwartzen Indianern und Afrikanern / noch auch nach den gelben Asiatern umgesehen haben. Die Fürstin Ismene versetzte: Sie sehe wol: daß die Königin noch nicht mit ihnen zu schertzen / und ihnen den Ruhm der schwartzen Farbe abzunöthigen vergessen könte. Die Natur antwortete Erato / wäre die Rednerin für sie / welche nur weiße Perlen / lichte Sternen / ja nichts merckwürdiges schwartzes geschaffen hätte. Je mehr auch ein Leib lichtes an sich hätte / ie mehr wäre sein Wesen von Unsauberkeit gereiniget / wel che der Anfang der Finsterniß / diese aber eine Vertilgung der[761] Schönheit / oder die Heßligkeit selbst wäre. Die weisse Farbe wäre nichts anders als ein Glantz des reinen Geblütes und des Geistes / und das Licht nichts anders als eine thätige Weisse. Ja die Götter selbst könten nicht schwartz seyn; und daher könten die welche die Farbe der Perlen oder Sternen und des heiteren Himmels an sich hätten / sich mit gutem Fug rühmen: daß sie den Göttern ähnlicher als schwartze Leute wären. Thußnelde war bereit geschickt der Königin zu begegnen; als Zeno ihr mit Fleiß vorkam und sagte: Die Schönheit stünde zwar allen Menschen wohl an / aber niemanden besser als Fürsten und Gesandten; als welche durch ihre geheime Zauberey die Gemüther der Menschen zu gewinnen am meisten vonnöthen hätten. Daher die Serer / welche aus der Schönheit gleichsam einen Abgott machen / noch auch die Völcker / die den Schönsten zum Könige erwehlen / so wenig als die Spartaner für Thoren zu halten wären / welche ihren König Archidamus verhöneten / weil er ihm eine Zwergin heyrathete. Und die Hispanier hätten kein verwerffliches Gesetze; daß ihre Könige schöne Gemahlinnen ehlichen solten. Die ansehnliche Gestalt des Marius / und die Anmuth des Käysers Augustus hätte zweyen sie zu tödten schon im Wercke begriffenen Mördern Arm und Streich zurücke gezogen. Hingegen wäre die Verachtung der unabtrennliche Nachfolger der Heßligkeit; und wäre einsmahls ein nur mit einem Auge sehender Gesandter bey Hofe gefragt worden: Ob er von denen einäugichten Cyclopen geschickt wäre? Und der sonst zum Schertz ungeneigte Cato hätte von denen Bithynischen abgefertigten Gesandten / derer einer den Schwindel / der ander die Gicht / der dritte wenig Witz gehabt / geurtheilt: daß die Römische Botschafft weder Haupt / noch Füße noch Hertz hätte. Wiewohl auch der Agrigentische Gesandte Gellias / als die Centuripiner ihn als ein Ungeheuer zu hören nicht würdigten; ihnen spitzfinnig begegnete: daß seine Oberen zu schönen schöne / zu heßlichen heßliche Gesandten schickten; so vergnügte er zwar durch diese Rache seine Empfindligkeit / aber nicht in der Verrichtung seine Bürger.

Adgandester verfiel in seine Erzehlung / und sagte von seinen deutschen Bothschafftern: Ihre Verrichtung hätte ihrer Gestalt nichts zuvorgegeben. Denn als alle Gesandten an den Fluß Phrat kamen / über welchem Alexander in tausend von Golde schimmernden Zelten / so wohl der Bothschafften / als anderer zu seinem Einzuge verordneten Anstalten erwarte; wolte keiner dem andern weichen; indem die Scythen ihr Alterthum / die Serer ihre Macht / die Carthaginenser ihre Reichthümer / die Indianer ihre Bündnisse / die Epirischen ihre Anverwandniß / die Sarmater ihre Tapfferkeit / andere was anders vorschützten; also: daß es beynahe zu den Waffen kommen wäre / wenn nicht Perdiccas darzu kommen / und denen Bothschafften ihre Reyhe angedeutet hätte. Weil nun die Deutschen vernahmen: daß die Serer die ersten / die Indianer die andern / die Scythen die dritten / die Deutschen die vierdten seyn solten; und die verhandenen Schiffe zur Uberfarth der Serer bestellt wurden; fing der Ritter Rosenberg an: es ist niemand an Treue und Tapfferkeit über die Deutschen; und sie wissen von keinem Vorzuge / als den man ihnen mit dem Degen macht. Hiermit sprengte er Spornstreichs in den Strom / ihm folgte Ritter Sternberg und alle ihre Edelleute; welche zu vieler tausend Menschen höchsten Verwunderung alle glückselig durchschwemmeten / und also allen Gesandten den Ruhm ablieffen; von dem solches anschauenden Alexander auch überaus geneigt empfangen / und hernach bey dem Einzüge unmittelbar für ihm zu reiten gewürdigt wurden. Die Sarmater folgten dem Beyspiele der Deutschen /und jener die Scythen; so denn folgten allererst der andern Völker Gesandten auff den Schiffen[762] nach. Rhemetalces brach ein: dieser Deutschen Entschlüssung überstiege allen Ruhm. Sintemahl es gewiß in solchen Fällen / da man einem Gesandten / und seinem durch ihn vorgebildeten Fürsten etwas verkleinerliches zumuthete / Witz und Tapfferkeit erforderte / seinem Fürsten nichts vergeben / und gleichwohl den / zu dem man geschickt würde / nicht beleidigen. Denn der Vorzug ist ein Augapffel der Fürsten; welchen sie mit grösserer Empfindligkeit berühren / als ihnen sonst grossen Schaden zufügen lassen. Daher hätte Arsaces seinen Gesandten Orobazes enthaupten lassen / weil er dem Sylla gewichen / und der Rath zu Athen den Derogoras harte gestrafft / weil er den Persischen König wider ihre alte Art verehret. Es wäre zwar eine gemeine Art sich der Zusammenkünffte zu enteussern / wo man in Gefahr stünde nicht seine gebührende Ehre zu genüssen; zuweilen würde auch die Oberstelle durch Gewalt behauptet; und wären wohl ehe der Britannier und Gallier Gesandten von ihren eingenommenen Stühlen gestossen worden; aber jenes hielte schon selbst ein eigenes Mißtrauen / und ein halbes Nachgeben in sich; und diß wäre nicht nur eine Versehrung der Höffligkeit / sondern auch offt ein Zunder schrecklicher Kriege. Zuweilen pfleget man sich auch wohl dem ungewissen Looße zu unterwerffen; nach welchem Antonius / August / Lepidus und Pompejus nach Abredung ihres Bündnüßes ihre Stellen nahmen; oder man erkieset zum Sitz runde Taffeln / misset gegen einander die Tritte ab / redet zusammen einander begeggnende; sucht den andern / wenn er zu Bette liegt / heim; giebt stehende Verhör: daß auch der andere nicht sitzen dörffe. Allein biß alles sind Künste nichts zu vergeben / aber auch nichts zu gewinnen. Daher denn die Römischen Gesandten in dem Etolischen Reichs-Tage viel klüger thaten: daß als sie für dem Macedonischen Gesandten nicht zur Verhör kommen konten / sie auch denen geringern Atheniensern freywillig den Vorzug liessen; und dardurch den Vortheil der vorhergehenden Gründe zu wiederlegen erlangten; und doch vorschützten: daß bey den Römern der / welcher zuletzt ginge und redete / der Vornehmste wäre. Des Königs Perseus verschmitzter Diener Philip machte durch einen annehmlichen Schertz: daß Perseus ohne Verkleinerung zu dem Römischen Bürgermeister Qvintilius als einem Aelteren über die Bach zur Unterredung kommen konte. Eben so verschmitzt machte es der Thebanische Gesandte Ismenias; welchem der Persische König ohne Beugung seines Hauptes zur Erde keine Verhör geben wolte; da er beym Eintritte mit Fleiß seinen Ring fallen ließ / und ihm also Ursache den Ring auffzuheben machte / gleichwohl aber den Verhörgeber vergnügte. Ein Persischer Bothschaffter aber / welcher durch eine mit Fleiß erniedrigte Pforte zu dem Indianischen Könige eingeleitet ward / erhielt rückwerts hineingehende das Ansehen seines mächtigen Herrschers. Und des Deutschen Feldherrn Marcomirs Bothschaffter / als der Scythische König ihm in dem Verhör-Saale keinen Sitz-Teppicht aufbreiten lassen / machte aus seinem Mantel einen Sitz / und aus der Noth eine Tugend.

Adgandester fuhre fort: Es wäre darbey nicht blieben / sondern als die Botschaffter hernach bey dem Einzuge Alexanders abermahls mit einander zwistig wurden / und insonderheit die sich eindringenden Serer und Indianer verlauten liessen: Sie wolten die wenigen Deutschen in Stücken hauen; zohen dich augenblicks von Leder / und der Gesandte Rosenberg sagte ihnen unter Augen: Sie wüsten vielleicht nicht: daß der in dem Amasischen Gebürge wachsende Stahl zwar der schönste / und am Glantze bey nahe dem Golde und Silber gleich / der Hercyn- und Abrobische aber in Deutschland der schärffste wäre / und der Deutschen Brüste die Härtigkeit der Amboße / ihre Streit-Hämmer aber die Eigenschafft[763] der alles zermalmenden Mühl-Steine hätten. Also wären sie fertig ihre Klingen gegeneinander zu versuchen. Aber Alexander lies diß Unvernehmen unterbrechen / und verfügen: daß der Vorzug im Einzuge nach der Ordnung der geschehenẽ Empfangungen eingerichtet werden solte. Zeno bezeugte ein sonderbares Vergnügen über der Deutschen so fertiger Entschlüssung / und so stachlichter Antwort; als durch welche er seinem hochmüthigen Gegentheil so gut / ibo nicht besser begegnet wäre / als der Parthische Gesandte Vagises dem Crassus / da dieser jenen zu Selevcia zu beantworten bescheidete / jener aber mit Lachen ihm den Hand-Teller wieß / und versetzte: Es würden auff selbtem ehe Haare wachsen / als seine Augen Selevcia sehen. Und als der Taurominische Fürst Andromachus / für welchem der Carthaginensische Gesandte die Hand umdrehete / und andeutete: Würde er nicht aus ihrem Gewässer die Corinthische Schiffs-Flotte abziehen /wolten sie Tauromin / wie er seine Hand zu oberste zu unterste drehen; worauff Andromachus mit der Hand gleiche Geberdung machte und dem Gesandten sagte: Er solte bey Sonnen-Schein von dar weg / oder er wolte es seinem Schiffe auff diese Art mitspielen. Adgandester kam wieder in seine Erzehlung / und meldete: daß die Deutschen beym Alexander von Tage zu Tage immer in grösser Ansehen kommen; und die ersten gewest wären / mit welchen er das Bündniß verneuert hätte. Sie hingegen gewannen Alexandern so lieb: daß sie seinen kurtz darauf folgenden Tod zwar nicht so weibisch / als die Persen beweineten / aber sein Gedächtniß werther / als seine Macedonier hielten. Denn diese konten den meineydigen Cassander / welcher Alexandern bey Aufffrischung seines Tranckes alles ausser Pferde-Huff zerbeitzendes Gifft einschenckte / und seines wohlthätigen Königs gantzes Geschlechte ausrottete / zu ihrem Könige; jene aber nicht wohl zu ihrem Nachbar leiden. Dahero sie mit einem Kriegs-Heere über die Donau setzten / um des Alexanders Sohn Hercules mit Hülffe des Polyperchon auff den Macedonischen Stul zu erheben. Westwegen auch Cassander sein eigen Feuer zu leschen gezwungen / und zu folge des mit dem Ptolomeus in Egypten und Lysimachus in Thracien getroffenen Bündnisses wider den Antigonus auffzuziehen verhindert ward. Hätte auch Polyperchon sich nicht vom Cassander bestechen / und den Hercules Meuchelmörderisch hinrichten lassen; würde Cassandern seine Krone auff dem Häupte gewaltig gewackelt haben. Gleichwohl aber war er den Deutschen und der mit ihnen verbundenen Könige der Sarmater Dromichetes nicht gewachsen; sondern es muste ihm Lysimachus mit allen seinen Kräfften zu Hülffe kommen /welcher aber auffs Haupt geschlagen / selbst gefangen / aber / als die Deutschen nur des Cassanders Tod vernahmen / von ihnen seiner Tapfferkeit halber ohne Löse-Geld großmüthig freygegeben ward.

Also beginnte in Griechenland den Deutschen ihr Glücks-Stern auff- in Italien aber / weil das Verhängniß Rom nunmehr empor zu heben anfing / allgemach nieder zu gehen. Denn es kriegten die Semnoner etliche friedliebende Fürsten zu ihren Herrschern / welche zwar anfangs von ihrem kriegerischen Volcke denen von Rom bedrängten Völckern zu stehen gleichsam gezwungen wurden; Hernach aber nam das Volck auch die Art ihrer Fürsten an / die der süssen Ruh gewohnten / und sich die Liebkosungen der Römer einschläffen liessen / und als sie die tapfferen Samniter verschlungen / nichts minder blinde Zuschauer ihres eigenen / als unbarmhertzige fremden Unterganges abgaben. Jedoch gaben die Semnoner /wie die ausleschenden[764] alten Lichter in den eröffneten Grabe-Hölen noch einen Glantz ihrer Tapferkeit von sich; und fielen wie die durch ihren Fall viel Stauden zerschmetternden Eich-Bäume. Wie aber diese von innen zum ersten faulen / oder von Würmern gefressen werde; also begiñte auch der Deutschen Unglück von ihrer eigenen Zwytracht / als welche sich allein eine Besigerin streitbarer Völcker zu rühmen hat. Der Anfang aber hierzu war: daß / als Siegfried der Semnoner Herrschafft antrat / ein neuer Schwarm Völcker / welches grösten theils die von den Bructerern vertriebenen Marsen waren / in Italien eindrang; worüber die umb den Po wohnenden Gallier aus Beysorge: sie würden von Deutschen endlich gar verdrungen werden / nicht wenig Eifersucht schöpften / und mit den Römern ins geheim Verständnüß machten. Gleichwohl aber vermittelte es Hertzog Siegfried: daß die Marsen sich mit verlaubtem freyen Durchzuge der Bojen und Gallier vergnügten. Also kamen diese in Hetrurien / und von dar rückten sie über die Tiber. Weil auch die Römer sonst alle Hände voll zu thun hatten / musten sie geschehen lassen: daß sie umb den Fucinischen See in dem Apenninischen Gebürge ein Glücke Landes einnahmen. Gantz Hetruriens Raub ward fast ihnen zur Beute; aber so wohl die Gallier als Semnoner schöpften hieraus Neid und Mißtrauen; iedoch blieb der Zunder der Mißgunst und Feindschafft noch unter der Asche glimmend. Wenige Zeit darnach ward Herennius der Samniter Fürst / dessen Tochter Siegfried geheyrathet hatte / mit den Campaniern und Marsen uneines. Die Campanier aber erkaufften mit grossem Gelde die Römer: daß sie mit den Samnitern ohne einige Ursache den Frieden brachen. Wiewohl nun Siegfried sich ins Mittel schlug /und den Römern einhielt: daß es nicht allein verkleinerlich wäre aus dem Kriege ein Gewerbe zu machen / sondern auch ihr Friedens-Bruch wider die gemeine Ruh Italiens lieffe / sich auch erboth die Samniter mit den Campaniern und Marsen zu vereinbarn; verfing doch bey denen Römern / welche wider die Samniter für längst Gelegenheit zu kriegen gesucht / dieses alles das minste. Diesemnach führte Pontius des Fürsten Herennius Sohn die Samniter; Siegfried aber wegẽ verächtlich ausgeschlagener Vermittelung seine Semnoner den Römischen Bürgermeistern Veturius und Posthumius / welche mit dem Römischen Heere bey der Stadt Calatia ihr Läger geschlagen hatten /biß zu der Stadt Caudium entgegen / und besetzten daselbst aufs heimlichste die zwey Engen des Caudinischen Gebürges. Von dar vertheilten sie zehn in Pferde-Hirten verkleidete Kriegs-Knechte / welche denen Römischen Streiff-Rotten einmüthig berichteten: daß der Feind zwischen den Flüssen Cerbalus und Frento die Stadt Luceria in Apuliẽ starck belägerte. Die Römer setzten noch selbige Nacht über den Fluß Vulturnus / und eilten den geraden Weg gegen Luceria mit ihrem gantzen Heere unvorsichtig in das erstere Thor in das Caudinische Gebürge / dessen Ausgang sie aber mit Bäumen verhauen / mit abgeweltzten Stein-Felsen verschlossen / und als sie wieder zurück kehren wolten / den ersten Eingang von den Semnonern starck besetzt / und schon auch grösten theils verhauen fandẽ. Nach dem sie nun aus diesem Gefängnüsse durch keine Gewalt weder hinter sich noch vor sich konten / muste das gantze Römische Heer auf Befehl des Pontius / wiewohl Siegfried und Herennius sie ohne solchen Schimpf loß zu lassen / oder gar zu tödten rieth / die Waffen und Kleider niederlegen / und nach der Ordnung ihrer Würde /also die Bürgermeister zum ersten halbnackt unter einem Joche durchgehen / und einen Frieden belieben / wie es ihnen fürgeschrieben ward. Alleine wie die Römer das ihnen geschenckte Leben für keine Wohlthat / den angethanen Schimpf für eine Ursache der Todfeindschafft annahmen / also[765] wolte der Römische Rath den gemachten Frieden nicht genehm haben; sondern die Bürgermeister wurden zurück geschickt /die sechs hundert zur Geissel gelassene Römische Edelleute in Wind geschlagen / unter dem Papirius ein neues Heer / und darunter die durchs Joch gegangenen als verzweifelte und rasende Leute wider die Samniter angeführet; welche / weil sie der Semnoner Hülffe nicht erwarten wolten / geschlagen / Pontius und andere Gefangene aus gleichmässiger Rache ebenfalls durchs Joch getrieben wurden. Diese Unbilligkeit / und des Fabius Maximus durch den Ciminischen Wald in Hetrurien gemachte Einfall nebst Abziehung der Stadt Aretium von dem gemeinen Bündnüsse stiftete zwischen den Semnonern / Samnitern /und Hetruriern ein neues Bündnüß; und die Belägerung der Stadt Aretium. Ob nun wohl die Römer solche entsetzen wolten / wurden sie doch aufs Haupt /und der Burgermeister Lucius zugleich mit erschlagen. Dieser Steg aber ward den Samnitern kurtz darauf durch etliche Niederlagen / welche sie von dem Bürgermeister Volumnius und Appius erlitten /mercklich vergället. Weswegen der Samnitische Fürst Gellius Egnatius abermals zu den Hetruriern und Semnonern seine Zuflucht nahm; jenen die Helden-Thaten des Porsena / diesen des Brennus / beyden die Gefahr unter das Römische Joch zu fallen beweglich einhielt. Weil nun die zwischen Stahl und Waffen gebohrnen Semnoner die Hetrurier selbst aufmunterten /brachten sie diese / wie auch die über dem Flusse Aesis wohnenden Umbrier wider die Römer in Harnisch. Zu Rom ward nicht nur alle streitbare Jugend und Mannschafft / sondern auch die verlebten Alten gemustert; die zwey Bürgermeister Quintus Fabius /Publius Decius / wie auch der Stadt-Vogt Appius Claudius und Lucius Volumnius zu Heerführern erkieset. Ehe diese aber Hetrurien erreichten / kam Hertzog Clodomar mit seinen Semnonern dem Scipio bey Clusium auf den Fluß / und jagte ihm ein solch Schrecken ein: daß er sich im befestigten Läger nicht sicher schätzte / sondern in der Nacht auf einen zwischen der Stadt und dem Läger liegenden Berg zoh. Weil aber die Deutschen ihnen und der Tugend keinen Weg unwegbar zu seyn hielten / grieffen sie die Römer an dem flächesten Theile des Berges behertzt an / und hielt von Seiten der Römer der vortheilhafte Ort / von Seiten der Deutschen die Begierde zu siegen die Schlacht so lange in gleicher Wage; biß der Ritter Kyburg mit 500. Semnonern auf der einen Seiten /und der Ritter Homberg mit so vielen recht in Rücken über die steilen Felsen empor gestiegen waren; und die Römer daselbst gantz unvermuthet anfielen. Scipio thät zwar das äuserste; aber der Nachdruck der Semnoner verwirrete alle gute Anstalt / und hiermit auch sein Heer / welches / weil selbtem auf dem Berge alle Flucht abgeschnitten ward / eine solche Niederlage erlitt: daß kein Römer die Botschafft hiervon bringen konte. Unterdessen eilten die zwey Bürgermeister Decius und Fabius in Umbrien / und brachen in der Semnoner eigenes Gebiete ein / wormit diese ihr eigen Feuer zu leschen genöthigt / und die Römer nicht gar aus Hetrurien zu treiben verhindert würden. Die Semnoner rückten mit einem Theile der Samniter alsofort über den Berg Apennin; und bothen den Römern bey der Stadt Sentin die Stirne / trieben auch alle ihnen begegnende Hauffen mit grossem Verlust in das am Flusse Aesis geschlagene Läger; darinnen sie sich zwey Tage wegen widriger Wahrsagungen feste eingeschlossen hielten. Den dritten Tag aber stellten sie mit der ersten Tagung beyde Heere gegen einander in Schlacht-Ordnung; zwischen welcher ein Wolf und eine Hindin in vollen Bügen gerennt kam. Die Römer machten dem Wolfe als einem bey ihnen heiligen Thiere durch alle geschlossene Glieder Platz /die Samniter aber erlegten zu[766] grossem Unwillen des Fürsten Clodomar die Hindin mit Pfeilen; welcher es nicht minder für ein Böses / wie Fabius für ein gutes Zeichen auslegte. Clodomar traf mit seinem rechten Flügel der Semnoner auf den Decius / Egnatius mit seinen Samnitern auf den Fabius. Den gantzen Tag biß an den sinckenden Abend ward beyderseits mit einer solchen Hartnäckigkeit gefochten: daß keiner dem andern einen Fuß breit Erde abgewan. Wenn nun die Hetrurier und Umbrier dem Verlaß nach gefolgt /und den Feind oder sein Läger im Rucken angegriffen hätten / wären die Römer sonder Zweifel aufs Haupt erlegt worden. Aber es ging allhier wie insgemein im Kriege vieler Bundsgenossen; da so viel Köpfe so viel Absehen das allgemeine Glücke hindern; indem Bündnüsse nur einerley Zweck / wie ein Kreiß einen Mittel-Punct haben müssen; wenn selbte nicht sollen verterbt und verfälscht werden. Die Hetrurier und Umbrier hielten ihnen für thulicher: daß die Semnoner und Samniter mit ihren Klauen alleine in die heisse Asche greiffen / und die Aepfel des Sieges und Friedens daraus ziehen solten. Aber ihre absondere Schonung war aller Untergang; und da sie unschwer alle zusammen hätten siegen können / machte ihre schlimme Klugheit: daß ein ieder überwunden ward. Denn der verzweifelte Decius hatte ein Gelübde gethan daselbst zu siegen / oder begraben zu seyn. Daher redete er dem Kern des Römischen Adels beweglich zu: daß sie ihre äuserste Kräffte vollends daran setzen / und behertzigen solten: daß nach dem Reitze der Natur es zwar süsse zu leben / aber nach dem Urtheil der Vernunfft viel süsser wäre fürs Vaterland zu sterben. Mit diesen traff er gleichsam unsinnig auf den die deutsche Reiterey führenden Ritter Mannsfeld / welcher bereit acht Kriegs-Fahnen den Römern abgenommen hatte; nöthigte ihn auch zweymal sich an das deutsche Fußvolck zu setzen. Hertzog Klodomar machte hiermit zwischen dem Fuß-Volcke eine Strasse; durch welche der Ritter Falckenstein hundert zweyrädrichte Sichel-Wagen anführte / auf welchen eitel Semnonische Edelleute ihre Wurff-Spiesse gleichsam wie Donner-Keile auf die Römer ausschütteten / oder sie zu Bodem rennten. Das blosse Geschwirre der eisernen Räder jagte vielen ein Schrecken ein / insonderheit brachte es die Pferde in Verwirrung. Nach der Flucht der Reiterey ward auch die fünfte und sechste Legion zertrennet / und was nur die Vermessenheit hatte über Hauffen gerissen / zerquetschet und gerädert. Die deutsche Reiterey und das Fuß-Volck säumte nun auch nicht den Römern auf den Hals zu dringen / und auf die Fersen zu treten; also: daß der gantze lincke Flügel der bebenden Römer in offene Flucht gedieg. Decius schäumte für Zorn gegen seine Flüchtige / und für Rache gegen die Deutschen. Jene fragte er: Für was sie fliehen? Ob sie in denen vom Romulus nach dem Raube des Sabinischen Frauenzimmers angestellten Spielen keinen Wagen-Kampf gesehen hätten / welcher mehr Geräusche / als Wercks hätte? Ob sie weicher / als die weibischen Asier wären / welche bey der Stadt Elis mit dieser Kurtzweil noch des Oenomaus / als des Erfinders Gedächtnüß jährlich feyerten? Als aber alles diß nicht helffen wolte / rieff er mit aufgehobenen Händen seinem Vater Decius /der bey Veseris sich auch für sein Heer geopfert hatte. Hierauf befahl er dem Priester Livius: weil er sich der Erde und der verstorbenen Geistern abschlachten /und das feindliche Heer zu verfluchten entschlossen hätte / solte er ihm die grausame Entsegnung vorsprechen. Nach dem diß verbracht / verhüllte er sein Haupt / und rennte Spornstreichs unter die Deutschen / welche ihn denn Augenblicks / ehe Klodomar es verbieten konte / mit unzehlbaren Wunden tödteten. Es ist Wunder zu sagen / und schier unglaublich zu hören: daß den Augenblick / als Decius fiel / den Semnonern aller[767] Muth / und de Römern alle Furcht entfiel; sonderlich: da der Priester Livius sich umbwendete / und rieff: Die Römer haben gesiegt / der Feind ist der Erde und den höllischen Geistern gewiedmet. Die Seele des Decius ruffet ihnen schon ihm zu folgen; kehret umb / und schlachtet die schon Erstarrenden ab. Hiermit wendeten sich die Romer / die Semnoner liessen Hertz und Hände sincken / ausser daß sie von Schilden gleichsam eine Brustwehre für sich machten. Klodomar selbst stand als verrückt oder bezaubert; und ließ sich ohne Gegenwehre vom Cajus Junius erschlagen. Der Semnoner Brustwehre ward auch bald durchbrochen / und weil sie zu fliehen ungewohnt waren / wurden sie gleicher Weise erlegt. Fabius / welcher inzwischen dem siegenden Jupiter ein Heiligthum gelobt hatte / ward nunmehr durch Eifersucht auch gleichsam zu siegen / und die nichts minder bestürtzten als müden Samniter zu weichen genöthiget / zumal da ihr Fürst Egnatius an der Spitze hertzhafft fechtende erschossen ward. Als nun die Samniter das Feld geräumt / die Römer das Läger erobert hatten; ermunterte Manßfeld / Falckenstein /Werdẽberg / Metsch / und andere noch übrige Kriegs-Obersten die Deutschen: daß sie nicht wie todte Stöcke sich aufreiben / sondern weil es zu stehen mehr nicht rathsam wäre / sich gegen das Gebürge und den Ursprung des Flusses Metaurus zurück ziehen solten. Welches so viel leichter geschah / weil die Römer kaum mehr athmen / und ihrer wenig einen Leib ohne Wunden zeigen konten. Falckenstein ward wegen seines tapferen Wagen-Gefechtes mit einem zweyrädrichten Schilde / Mannsfeld mit acht / und Kneßbeck mit fünf Fahnen beschenckt. Zehn tausend Deutsche /und fünfzehn tausend Samniter blieben todt auf der Wallstatt liegen / acht tausend Samniter und Umbrier wurden gefangen; hingegen waren in des Decius Flügel sieben tausend / und in des Fabius zwölf hundert Römische Bürger / und sonst über zwölf tausend Campaner und Lateiner todt. Ungeachtet nun wenig Tage darnach Cneus Fulvius die Perusiner und Clusier schlug / die Samniter auch aufs neue von Pelignern beschädiget wurden / traute doch Fabius bey den Deutschen nicht weiter einzubrechen; weil ihr neuer Hertzog Wittekind an dem Flusse Metaur auf einem Berge eine Fackel und eine blosse Sebel aufsteckẽ /und in seinem Gebiete ausruffen ließ: Daß wer in fünf Tagen sich daselbst nicht gerüstet stellte / solte das Recht Degen und Sporne zu tragen verlohren haben; worvon hernach dieser Ort zum Degen genennet ward. Wormit nun Fabius die Deutschen nicht aufs neue schwürig machte / ging er mit ihnen einen Frieden ein; worinnen sie aber deutlich ausdungen: daß wenn der Krieg gegen die Samniter noch länger tauern solte / sie ihnen / als alten Bunds-Genossen unbeschadet des Friedens mit zehn tausend Mann beystehen möchten. Hierauf zohe Fabius mit seinem Heere nach Rom / und hielt dar sein Siegs-Gepränge. Weil aber Appius Claudius und Volumnius in einer Schlacht sechszehn tausend Samniter erschlug / und Atilius Regulus mit einem starcken Heere aufs neue gegen Samnium anzoh / welches ohne fremde Hülffe nunmehr verlohren zu sein schien / schickte Hertzog Britomar den Grafen Eichelberg mit zehn tausend Semnonern den Semnonern zu / welche an der Gräntze ihr Läger harte an das Römische schlugen. Weil nun den dritten Tag ein sehr dicker Nebel fiel / stürmte der Samnitische Kriegs-Oberste Gellius an einer / Eichelberg an der andern Seite das Römische Läger. Dieser drang auch zu der einen Pforte hinein / bemächtigte sich der Kriegs-Gelder / tödtete den Zahlmeister Opimius Pansa / und erregte im gantzen Läger kein geringes Schrecken. Wenn auch der dritte Samnitische Kriegs-Oberste nicht in einen Sumpf gediegen / und der Nebel nicht verschwunden wäre / hätte Atilius eine völlige Niederlage erlitten; so aber muste Eichelberg[768] der auf ihn dringenden gantzen Macht und in das Samnitische Läger weichen. Die Römer durfften sich gleichwohl nicht rücken / sondern musten im Läger als in einẽ Gefängnüsse leben; weil die geschwinden Semnoner alle auf Fütterung ausreitende Römer erschlugen / und ihnen den Vorrath abnahmen. Dahero der Bürgermeister Lucius Posthumius ihnen mit einem neuen Heere und frischen Lebens-Mitteln zu Hülffe eilen muste. Weil nun die Samniter alldar alles aufgezehret hatten / zündeten sie ihr Läger an / und zohen sich an einen bequemen Ort zurücke. Die Deutschen aber / weil der Bürgermeister Attilius dahin rückte / eilten in Apulien zu denen die alte vom Diomedes erbaute Stadt Luceria belägernden Samnitern. Daselbst kam es zu einer hitzigen Schlacht / darinnen die Römer von den hertzhaften Deutschen und erhitzten Samnitern geschlagen / und mit Verlust sieben tausend Mann in ihr Läger getrieben wurden; in welchem die Römer wie ein Aspen-Laub bebten / und aus selbtem sonder Zweifel geflohen wären / wenn die Samniter nur dem tapfern Eichelberg gefolgt / und in der Nacht das Läger gestürmt hätten. Weil aber diese den Römern Lufft liessen / sprach Attilius ihnen wieder ein Hertze zu / und sie wurden auf den Morgen mit frischen Völckern verstärckt; also: daß sie folgenden Tag den Samnitern aufs neue die Spitze bothen. Ob sie nun zwar anfangs wieder zum weichen und ins Gedrange gebracht wurden; also: daß Attilius sich an die Pforte des Lägers mit blossem Degen stellen / und die Eindringenden zurücke treiben / auch dem stehenden Jupiter einen Tempel geloben muste; so verkehrte sich doch nach solchem Gelübde abermal das Spiel /also: daß die Samniter mit ziemlichem Verluste zurücke weichen musten; gleich als wenn die Feinde der Römer nicht so wohl mit Menschen als Göttern zu fechten hätten. Nachdem auch folgendes Jahr die Samniter vernahmen: daß der Bürgermeister Papirius noch mit einem mächtigern Heere sie auszurotten in Samnium einbrechen solte; beschrieb ihr Fürst Cajus Pontius Herennius alle über achtzehn und unter sechzig Jahren sich befindende Mannschafft nach Sirpium / mit der Bedräuung: daß der aussenbleibenden Köpfe dem Jupiter geopfert werden soltẽ. Also kamen viertzig tausend Kriegsleute zusammen / aus diesen wurden sechzehn tausend ausgelesen / und mit leinen Kitteln angethan / nach allerhand schrecklichen Opfern von dem Priester Ovius Paccius eingeweiht / und für einem blutigen Altare endlich zu betheuern gezwungen: daß er aus der Schlacht nicht fliehen / sondern die Flüchtigen selbst tödten / und ein ieder einen absondern Mann aus dem Feinde zu erlegen erkiesen wolte. Mit diesen rückten sie in der Hirpiner Landschafft / und bemächtigten sich der Stadt Aquilonia. Beyde Bürgermeister Carvillius und Papirius zohen mit zwey starckẽ Heeren dahin; jener belägerte Cominium / dieser lieferte bey Aquilonia den Samnitern eine Schlacht; welche er wegen unvergleichlicher Gegenwehre der Semnoner sonder Zweifel verlohren hätte; wenn nicht Papirius in der grösten Hitze des Treffens die Samniter durch eine sonderbare Kriegs-List in die Flucht bracht hätte / in dem Spurius Nautius mit etlichen hundert Reitern und dem Troß auf der Seite / unter dem Scheine / als wenn es das andere unter Cominium stehende Heer wäre / einfiel. Worüber der Samniter dreissig tausend / und darunter der biß auf den letzten Mann fechtende / und der Samniter Flucht zu hemmen bemühte Eichelberg mit vier tausend Semnonern erschlagen wurden. Pontius mit seinen Samnitern / und Graf Habspurg mit seinen übrigen Deutschen rächte sich zwar an dem jungen Fabius / und gewan selbtem einen so herrlichen Sieg ab: daß der Bürgermeister Fabius nach Rom seiner Unvorsichtigkeit halber gefordert ward / und er ein schimpfliches Urtheil zu erwartẽ[769] gehabt hätte / wenn nicht sein Vater durch angezogene Verdienste seines Geschlechtes / und sein Versprechen selbst wider die Samniter in Krieg zu ziehẽ den Rath versöhnet / und das Volk besänftigt hätte. Sie brachten auch zwar beyde Fabier noch einmal in die gröste Verwirrung /und Pontius hatte den jungen Fabius schon gantz umbzüngelt; aber der verzweifelte Vater that ein Werck über seine Kräfften / sprengte den Fürsten Pontius an / verwundete ihm und errettete nicht allein seinen Sohn / sondern nahm den Pontius auch selbst gefangen; der streitbare Habspurg fochte zwar noch etliche Stunden als ein Löw / und zehlte man ihm so viel Wunden als Streiche nach / endlich aber fiel er auf das Bette der Ehren / und hiermit das gantze Hertze des noch kämpfenden Heeres; welches in die Flucht / Pontius aber zu Rom unter das Beil des Scharffrichters; der Rath zu Samnium durch die glücklichen Waffen des massigen Curius in solche Kleinmuth gerieth: daß er zu Rom Friede bat / und auf schwere Bedingungen erhielt / unter denen war: daß sie alle Fremde / insonderheit der Semnoner Bündnüß abschweren musten. Diese konten ihnen hieraus leicht an den Fingern ausrechen: daß dieser Vergleich auf ihren Untergang gemüntzt wäre; insonderheit / da die Römer vorher auch der Deutschen Bunds-Genossen in Hetrurien / nemlich die Vulsinier / die Städte Perusia und Aretium von ihnen abtrünnig gemacht / und in ihren Schutz genommen hatten. Diesemnach beschwerten sich die Semnoner gegen die Römer / als sie aber schlechte Antwort erhielten /rückten die Deutschen für Aretium. Die angefleheten Römer schickten den Cöcilius Metellus mit einem Heere der belägerten Stadt zu Hülffe; weil sie aber ungerne mit den Deutschen zerfielen / den Junius in Gesandschafft vorher an den Hertzog Britomar. Dieser nahm die Absendung des Junius / als der seinen Vater Klodomarn erschlagen hatte / alsbald übel und für eine Kriegs-Ankündigung auf. Gleichwohl aber überwand er sich: daß er ihn hörte. Weil aber Junius von den Semnonern verächtlich redete / Britomarn einen Eydbrüchigen schalt; und ihn zwingen wolte: daß er / ehe er von seinem Stule aufstand / sich erklären solte: Ob er die Belagerung der Stadt Aretium mit Erstattung alles Schadens aufheben wolte; ja ihm in die Augen sagte: daß er den Degen an der Seite führte / wormit er seinem Vater Klodomarn das Licht ausgelescht hätte / solcher auch nicht stumpfer als für siebzehn Jahren wäre; entrüstete sich Britomar so sehr: daß er das Römische Bündnüß für des Junius Augen in tausend Stücke zerrieß / und ihn wegzuführen befahl. Die Leibwache aber ward über den Juius so verbittert: daß sie ihn in ebẽ so kleine Stücke zerkerbte? Zeno brach ein: Diese Verletzung des Römischen Gesandten ist gewiß ein Vortrab eines unglücklichen Kriegs gewest; nach dem nicht nur das Recht der Völcker / sondern die Götter selbst hierdurch verletzt und zur Rache bewegt würden. Malovend antwortete: Ich wil dieser That nicht das Wort reden / welche freylich ein böser Ausschlag verda t hat. Aber es ist auf der Römer Seiten auch grosse Unvernunft / wo nicht eine vorsetzliche Beleidigung gewest: daß sie nicht nur einen so trotzigen / sondern auch wegen seiner That so verhaßten Gesandten abgeschickt. Sintemal dieser Ampt ist auch die herbsten Befehl durch eine freundliche Bescheidenheit zu verzuckern. Eines verhaßten Botschafters Anmuth aber ist verdrüßlich / die vernünftigsten Liebkosungen werden in seinem Munde zur Galle / die höchste Billigkeit seines Vortrages scheinet eine unrechtmässige Forderung zu seyn; und daher nicht wegen ihr selbst / sondern nur seinethalben verworffen; hingegen das verworffene / so bald es nur aus einem andern Munde fleust / nicht anders / als wenn es wie die durch die Ertzt-Adern gequollenen Brunnen einen gantz andern Geschmack und[770] Kräffte an sich gezogen hätte / mit beyden Händen angenommen. Rhemetalces billigte diß und setzte bey: Die Römer hätten sich selbst erinnern sollen; wie das wegen der verlebten Virginia auf den Aventinischen Berg entwichene Volck des Valerius und Horatius Vortrag so begierig angenommen / vorher aber den unangenehmen Julius / Sulpitius und Tarpejus mit ihren vortheilhaftigern Vorschlägen nicht einst zu hören gewürdigt hätten. Die Gewogenheit rennte hier innen der Beredsamkeit / und ein gutes Ansehen dem sonst so angenehmen Nutzen den Vortheil ab. Daher die Spartaner einmal einen sehr heilsamen / aber von einem lasterhaften Menschen gegebenen Rath so lange verwarffen / biß ihn einer aus dem Rathe fürtrug. Und der stammelnde Menenius Agrippa stillte mit wenig halb verbrochenen Worten den Aufstand des Römischen Volckes auf dem heiligen Berge. Insonderheit aber legt die Verwandnüß / oder die mit dem Gesandten gepflogene Gemeinschafft seinem Gesuch ein grosses Gewichte bey. Daher richtete der Redner Archelaus bey dem die Stadt Rhodis belägernden Cassius / welchen er Griechisch gelehrt hatte / so viel aus. Die geraubte Sabinerin Hersilia leschte mit wenig Thränen die des Weiber-Raubes halber zwischen den Römern und Sabinern unausleschliche Kriegs-Fla e. Etliche Seufzer der Mutter Veturia und des Ehweibs Volumnia trieben den grimmigen Coriolan von der Belägerung der Stadt Rom ab. Und die Stadt Carthago wuste keinen geschicktern Friedens-Werber als den gefangenen Regulus nach Rom zu senden.

Adgandester fuhr fort: Es wäre freylich so wohl auf der Römer als Semnoner Seiten gefehlt worden; wiewohl einige dem Hertzoge Britomarn riethen: daß er die / welche ohne seinen Befehl den Junius umbgebracht hatten / den Römern zur Bestraffung ausliefern / und dardurch nichts minder ungleiche Nachrede / als die Rechtfertigung des Römischen Frieden-Bruchs ablehnen solte. Weil aber böse Rathschläge so selten zurücke gehen / als Unkraut vertirbt; drang derselben Meynung / die des Junius Erlegung billigten / und die Auslieferung widerriethen / darmit fürnemlich durch: daß die Römer auch die Fabier / welche bey Clusium die Deutschen verletzt / ebenfalls nicht hätten ausliefern wollen. Diesemnach ließ der Bürgermeister Dolabella Hetrurien Hetrurien seyn / und eilte mit einem zweyfachen Heere aber tausendfacher Rachgier durch das Sabin- und Picenische Gebiete in die Semnonische Landschafft. Der verwegne Britomar raffte von seinen Semnonern / derer Kern Aretium belägerte /mehr eine Menge Land- als Kriegs-Volck zusammen; und lieferte / ungeachtet es ihm seine alte Kriegs-Obersten widerriethen / bey der Stadt Atidium dem zwey- oder dreymal stärckern Dolabella eine Schlacht. Anfangs standen die ersten Glieder der wehrhaften Semnoner wohl als Mauren / Britomar wieß auch durch seine Tapferkeit: daß es seinem Leibe weniger am Hertze / als seinem Kopfe an Klugheit mangelte. Nach dem aber die ungeübtẽ Bauers-Leute zum Treffen kamẽ / brachten sie die Römer alsbald in Verwirrung und in die Flucht; Britomar und sein Adel ward vom Feind umbringet / dieser meist geschlagen / jener aber gefangen; auch alle Tage als ein Knecht geprügelt / und wie ein Ubelthäter gepeinigt; gleichwohl aber ihm alle Mittel zu sterben abgeschnitten / welche Freyheit doch dem Vieh unverwehret ist; und diß zwar; weil die Rache sich an seinem Leiden / und der Ehrgeitz an seiner Einführung nach Rom im Siegs-Gepränge zu vergnügen vorhatte. Dolabella durchstreiffte hierauf gantz Umbrien; das gantze Land rauchte von denen eingeäscherten Städten und Dörffern; noch abscheulicher aber von dem verspritztẽ[771] Blute. Denn alles was vierzehn Jahr alt war / fiel durch die Klingen der wütenden Römer; Weiber und Kinder wurden nackt wie das Vieh in Heerden fortgetrieben / und allenthalben unmenschliche Grausamkeit ausgeübt. Denn Dolabella mühte sich so gar alle Fußstapfen: daß jemals Menschen alldort gewohnt hätten / zu vertilgen / umb seinen Nahmen durch Verwüstung unsterblich zu machen. Weil aber das Glücke mit den Orten ins gemein sein Gesichte verwandelt; lief es bey Aretium viel anders ab. Denn Lucius Cöcilius wolte selbige Stadt mit Gewalt entsetzen. Hertzog Britomars Bruder Hartmann hörte seines Volckes Niederlage und die Verheerung des Landes zwar /aber die Rache / welche andere Gemüts-Regungẽ /wie die Koloquinten alle andere Kräuter todtet / erlaubte ihm nicht dem Vaterlande zuzulauffen; sondern reitzte ihn und sein Volck / welches er an Bestürmung der Stadt Aretium anzuhalten beweglich ermahnte /vorher seinen Eifer anderer Blute zu kühlen / welche durch ihre Hartneckigkeit den Semnonern so grosses Unglück auf den Hals gezogen hattẽ. Weil er nun vernahm: daß Cöcilius schon mit dem Entsatz zu Perusia ankommen war / stellte er alsbald ein Theil seines Heeres in Ordnung / und machte den gantzen Tag bald dar bald dort durch falsche Stürme Lermen in der Stadt. Auf die Nacht aber grieff er mit seinem wohl ausgeruhten Volcke das den Tag über abgemattete Aretium an fünf Orten mit allem Ernst an; eroberte sie mit Sturm; und er konte die erhebten Semnoner nicht erhalten: daß sie nicht nur alles was Waffen trug /sondern auch sich in die Tempel flüchtete / mit denen opfernden Priestern für denen Altären niederhieben /gleichsam mit diesem Blut den Geist des inzwischen zu Rom erwürgten Britomars zu versöhnen. Daher der Krieg wohl recht ein Kind des Göttlichen Zornes /weil man darinnen offt aus Noth und wider Willen sündigt / die Unsinnigkeit aber eine Tochter / und die Blindheit eine Schwester der Rache; also nicht allein unerbittlich ist / sondern sie sinnet auch nicht nach /wen sie zu Bodem rennt. Wenn sie ein Mensch beleidiget / müssen es tausend andere / ja die Unschuld selbst und die Heiligthümer der Götter entgelten. Gleichwohl aber war die List allhier noch eine Gefärtin der Rachgier. Denn Hertzog Hartmann verboth bey Leibes-Straffe: daß kein Mensch ohne seine absondere Zulassung ausser der Pforten des befestigten Lägers kommen dorffte; wormit die Römer nichts die Eroberung der Stadt vernehmen möchten. Wie Cöcilius auch mit seinem Heere nahe an das Lager ankam / machte er allerhand blinde Stürme / und Ausfälle aus der Stadt / gleich als wenn sie sich noch wohl hielte; schickte auch durch falsche Kundschafter ertichtete Briefe dem Cöcilius zu; lockte hingegen auch andere von ihm heraus / und dardurch verleitete er ihn: daß er in Hoffnung eines abgeredeten Ausfalls das Lager an dem allerfestesten Orte stürmte; und sich in etliche rechte Falken locken ließ; und / ungeachtet daselbst die Römer gleichsam wider die Unmögligkeit stritten / dennoch durch das gegen der Stadt von dem Troß mit Fleiß erregte Waffen-Gethöne zu hartnäckichter Verfolgung des thörichten Sturmes verleiten ließ. Als dieser Sturm sechs Stunden mit grossem Verlust der Stürmenden gewehret; kam Hertzog Hartmann / welcher sich auf der andern Seite des Lägers mit dem Kerne seines Heeres heraus gezogen hatte /über die gegen Tifernum liegenden Hügel in voller Schlacht-Ordnung heran gerückt. Die Reiterey ließ er vorwerts das gantze Fuß-Volck / welches er ohne diß auf Hetrurische Art angekleidet und ausgerüstet hatte / bedecken / und durch selbte einen heftigen Staub erregen / wormit Cöcilius nicht die Grösse der Macht /und was es für Volck wäre / erkiesen konte.[772] Cöcilius erschrack hierüber nicht wenig; Jedoch weil ein Feldhauptmann nichts mehr fürchten soll / als daß es nicht scheine / samb er was fürchtete / sprach er den seinen ein Hertz zu / und bot mit einem Theile der umgewendeten Deutschen / welche er für Hetrurier ansahe /denen sich nähernden die Stirne. Als er aber sich die Reuterey gegen ihn in zwey Hörner austheilen / und das geschlossene Kriegs-Volck andringen sahe / ließ er vom Sturme abblasen. Dieses geschahe nicht ohne grosse Unordnung und so bald: daß die Deutschen denen weichenden Römern aus zweyen Pforten und gar über den Wall des Lägers in die Hacken gingen; und sie also an zweyen Orten mehr aus Verzweiffelung / weil sie wegen des hinter sich habenden Arnus-Stroms und Clusinischen Sees nirgendshin weichen konten; als aus Hertzhaftigkeit fochten. Hierzu kam noch das dritte Ubel / indem Segger / Bothmar / Sursee / Grotov / Weißlav / und andere Deutsche Edelleute / die hernach eitel Schiffe auff ihren Schilden führten / auff funfftzig Schiffen von der Stadt Aretium theils als Römer / theils als Samniter gekleidet auff dem Clusinischen See herab fuhren / den Römern recht in Rücken kamen / und mit Pfeilen / Steinen /Wurffspießen unauffhörlich auff sie hagelten. Derogstalt ging es recht an ein metzgen; und weil die Deutschen keinen Römer gefangen nehmen wolten / sondern in der That ihr Losungs-Wort: Schlag todt / aufs strengeste ausübten / stachen viel edle Römer einander selbst todt / gleich als wenn der Freunde Klingen nicht so weh als der Feinde thäten / oder es tröstlicher wäre von jenen als diesen sterben. Cöcilius zohe den noch übrigen Kern der ältesten Kriegsleute an sich /und meinte mit der Haupt-Fahne gegen Croton sich durch die eingebildete Hetrurier / denen er seine Kriegs-Gelder und bey sich habende Kostbarkeiten zur Beuthe fürstreuen ließ / durchzuschlagen. Aber der allenthalben als ein wüttender Bär um sich reissende Hartmann war ihm bald selbst in Eisen / und rieff ihm mehrmals nach: Halt an / halt an! kam auch endlich selbst an ihn / und schlug ihn mit seiner Streit-Axt vom Pferde / von denen er bald zertreten /und die Haupt-Fahne vom Ritter Zorn erobert ward. Hiermit war es nun auch fast umb das gantze Heer gethan / worvon wenig durch Hülffe der finstern Nacht und durch ihr Schwimmen über den Arnus davon kamen. Dreyzehn tausend Römer wurden ohne die Ertrunckenen / und die erschlagenen Hülffsvölcker /und darunter sieben Kriegs-Obersten / zweyhundert Hauptleute auff der Wahlstadt gezehlet / und ihre Köpffe rings um den Clusinischen See auff Pfähle gesteckt. Rom zitterte auffs neue über dieser Zeitung /sonderlich da sie hörten: daß Hertzog Hartmann /welchem man nunmehr den Zunahmen Anhalt gab /seinen Zug gerade nach Rom einrichtete. Denn dieser hielt seinen Deutschen ein: Die Römer hätten eine gantz widrige Art / als der vom Hercules erlegte Riese Antius; ausserhalb ihrer Stadt wären sie mehr als Männer / in ihrem Neste aber weniger als Weiber. Daher hätten die Deutschen sehr geirret: daß sie nur die eussersten Glieder dieser Raubvögel bezwickt /nicht aber ihnen aus Hertz gegangen wären. Denen Schlangen wenn sie sterben solten / müste man den Kopff zerqvetschen. Der nicht weniger kluge als hertzhaffte Brennus hätte hierinnen das Eiß gebrochen / und ihnen den Weg gewiesen. Diesem solten sie nachfolgen / er wolte ihr unerschrockner Vorgänger seyn. An eben diesem See hätte Brennus eine Ursache gefunden / und den Schluß gemacht / Rom zu zerstören. Beydes treffe auch itzt ein / die Ursachen aber wären viel glösser / als damals. Denn zu selbiger Zeit hätten die Fabier etwan drey Semnoner getödtet; itzt hätte Dolabella ihr Land / und beynahe ihre gantze Völckerschafft vertilget. Der Deutschen itziger Sieg aber wäre herrlicher / als alle vorige; und daher ein gewisser[773] Werckzeug vieler folgenden. Ja die Noth zwinge sie einen neuen Sitz zu suchen; weil ihr Umbrien wohl einem feurigen Steinhauffen / aber keinem Lande mehr ähnlich sehe. Sie selbst würden in wenig Jahren vollends verloschen seyn / wenn sie nicht ihre nach Rom geschleppten Weiber und Kinder wieder holeten / für welche auch wilde Thiere lieber ihr Leben / als sie im Stiche liessen. Hierbey ließ es Hertzog Anhalt nicht; sondern er schickte an die Bojen /Hetrurier / Samniter / Lucaner und Brutier Gesandten; und ermahnte sie wider den in Italien um sich fressenden Krebs / nehmlich die Herrschsucht der Römer mit gesamter Hand Eisen und Brand zu brauchen / und die selten zweymahl kommende Gelegenheit sie mit Strumpff und Stiel auszurotten nicht aus Händen zu lassen. Ehe er nun noch von diesen die hernach erfolgten guten Vertröstungen bekam / setzte er seinen Zug fort / weil er einem erschrockenen Feinde keine Lufft zu lassen für rathsam / und die Geschwindigkeit für die Amme der Glückseligkeit im Kriege hielt. Die Römer hingegen bothen in ihrem gantzen Gebiethe Mann für Mann auff / liessen allenthalben die Wälder verhauen / die Brücken abwerffen / die hohlen Wege verfüllen / die Lebensmittel verbrennen / und den in Umbrien seng- und brennenden Dolabella zurücke ruffen. Zu allem Unglücke machten die hefftigen Regen die Wege bey nahe unwegbar / die Tiber und Clanis ergossen sich so sehr: daß die Semnoner zehn Tage auff den Perusischen Bergen Hungerune Noth leiden musten. So bald aber das Wasser nur ein wenig gefallen war / setzte er über den Fluß / und rückte durch das feindliche Gebiete und viel ihm in Weg gelegte Hindernisse gerade gegen Rom zu. Bey Polimartium begegnete den Deutschen der Bürgermeister Domitius / mit welchem es / weil der deutsche Vorzug aus allzuhefftiger Hitze sich zu sehr vertieffte / wider Hertzog Anhalts Willen zur Schlacht kam. Ungeachtet nun die Semnoner vom Reisen und vielem Ungemache sehr abgemattet waren / fochten sie doch gegen die ausgeruhten und viel stänkern Römer biß in den sinckenden Abend so hertzhafft: daß sich kein Theil einigen Vortheils zu rühmen hatte. Von beyden Seiten wurden etliche hundert gefangen; welche Anhalt aber auff des Domitius Verlangen nicht austauschen wolte; westwegen die Deutschen durch eigens Auffreibung den Todt für der Dienstbarkeit erkiesten / Anhalt aber der gefangenen Römer abgeschlagene Köpffe auff Lantzen stecken / und ins Römische Läger schleudern ließ. Dieses erregte darinnen ein solches Schrecken: daß Domitius sich biß an den Vadimonischen See zurücke zoh. Hertzog Anhalt hingegen erhielt unter dem Ritter Freyberg fünff tausend Bojen / und acht tausend Hetrurier zu Hülffe; mit welchen er die Römer verfolgte / und den Domitius zwang an dem Vadimonischen See Stand zu halten. Nach fünff-stündiger Schlacht kam das Römische Heer in Verwirrung / und schien schon alles verlohren zu seyn; als Dolabella mit seinem mächtigen Heere zu diesem Treffen kam /und anfangs mit der voranhauenden Reutere des Domitius Heer von offenbarer Flucht errettete / hernach aber mit den Legionen der Semnoner rechten Flügel angriff; und nach zweyer Stunden tapfferer Gegenwehr zertrennte. Der lincke muste hierüber seinen über die Römer habenden Vortheil vergessen / und dem rechten zu Hülffe kommen. Worbey Hertzog Anhalt unglaubliche Heldenthaten ausübte. Weil es aber augenscheinliche Unmögligkeit war zweyen / und darunter einem frischen Heere gewachsen zu seyn; zumal die Hetrurier die Flucht nahmen / vom rechten Flügel auch wenig mehr übrig / er selbst auch schon gantz umringt war / sprengte er zum ersten in den Vadimonischen See; welchem bey nahe noch tausend Semnoner folgten; und / weil ihm kein Römer durch zu schwemmen getraute / in der Nacht nach Polimartium[774] entkamen. Hertzog Anhalt war daselbst voller Ungedult / und hätte nach eingebüstem Heere sich selbst auffgerieben; wenn nicht so wohl Semnoner / Bojen und Hetrurier / derer sich daselbst noch ungefehr sieben tausend zusammen rafften / ihn mit Thränen von einer so kleinmüthigen Entschlüssung zurück gehalten hätten. Er wich daher biß an den Fluß Metaurus zurück / verstärckte sich daselbst mit etlichen tausenden; Und weil die Römer seiner Vorfahren Fürstlichen Sitz Senogallien mit Römischen Einwohnern zu volcken vorhatten; wolte er dasselbte verhindern; aber der Bürgemeister Emilius Papus zwang ihn mit einem vierfach stänckern Heere zurücke zu weichen. Gleichwohl brachte er es durch seine Tapfferkeit noch dahin: daß die Römer ihm und seinen wenigen Uberbleibungen die Gegend zwischen dem Fluße Rubico und Utis liessen; gantz Umbrien und Hetrurien aber mit deutlichem Beystande des unerbittlichen Verhängnißes ihnen unterthänig machten. Unterdessen behielt doch Hertzog Anhalt in diesem engen Kreisse sein völliges Ansehen / zu einem merckwürdigen Beyspiele: daß die Tugend so wenig als die Natur ihre Vollkommenheit an Riesen Geschöpffe gebunden habe; sondern ein grosser Fürst sich so wohl in einem kleinen Gebiete; als die köstliche Balsam-Staude in einem engen Gefässe sehen lassen könne.


Es ist aber das Rad des Glückes eben so wohl dem Lauffen / als das der Sonne unterworffen. Beyde geben niemahls unter: daß sie nicht zugleich an einem Orte auffgehen. Insonderheit traff es diese Zeiten bey denen Deutschen ein. Denn als ihr Glücks-Stern in Italien so sehr verdüstert ward / klärte er sich anderwerts so viel heller aus. Ich wil nicht die Siege der Sicambrischen Fürsten Diocles und Basan wider die Gothen / und die Erweiterung seiner Herrschafft über den Rhein erwehnen; weil beyder Vortheil wider Deutsche erhalten ward / und die Bemeisterung seiner eigenen Landsleute mehr für Verlust / als Gewin zu halten ist. Der erste deutsche Fürstin Pannonien / welcher die benachbarten Völcker in Furcht und Schrecken versetzte / war Cambaules. Denn dieser drang durch Mysien biß in Thracien / und brachte ein unglaubliches Reichthum an Beute zurück. Nachdem aber Hertzog Belgius mit zweymal hundert tausend Marsingern / Lygiern / Gothonen und Herulen verstärckt ward / jagte er durch diese streitbare Völcker /und seine Tapfferkeit allen benachtbarten Königen ein solches Schrecken ein: daß auch die / denen er gleich keine Gewalt andreutete / den Frieden mit grossem Gelde von ihm erkaufften. Unter andern Gesandschafften kam auch eine von der Königin in Pontus und Thracien Arsinoe / des grossen Lysimachus Wittib / der dem weisen vom grossen Alexander unschuldig verstimmelten Callisthenes durch gereichtes Gifft von seinem erbärmlichen Leben geholffen / und den Löwen / welchem er auff Alexanders Befehl vorgeworffen ward / zerrissen / den Pyrrhus auch aus Macedonien getrieben hatte / nachmahls aber vom Selevcus in einer Schlacht erschlagen worden war. Unter den Geschencken war ein grosser Carniolstein / aus welchem der fürtreffliche Bildhauer und Baumeister Sostratus Gnidius / der den Egyptischen Pharos gebauet / dem Lysimachus in Gestalt der Diana Arsinoen gehauen hatte. Dieses Bild veranlaste den König Belgius zu fragen: Ob er trauen dörffte: daß Arsinoe in diesem Steine ohne Heucheley abgebildet / und nach dem Leben getroffen wäre. Wie ihn nun die Gesandten dessen versicherten / ließ er sie mit herrlichen Geschencken von sich; und alsbald so wohl bey Arsinoen selbst / als beym Könige Ptolemeus in Macedonien ihren Bruder um sie zu werben. Ptolemeus fertigte die Botschafft geschwinde / und mit Bezeugung grosser Gewogenheit von sich; schrieb aber dem König Belgius: Wie sehr er Arsinoen[775] ihm gönnte /und mit einem so mächtigen Könige in Verwandniß zu ko en verlangte; so müste er doch aus auffrichtigem Gemüthe ihm diese Heyrath wiederrathen. Denn ob sie wol seine Schwester / und ihrer Schönheit halber ein Meisterstücke der Natur wäre; bliebe doch ihre Seele ein Begriff aller Laster / und ein Ebenbild der höllischen Unholden. Sintemal sie nicht nur die meisten aus den funffzehn Kindern des Lysimachus /und darunter ihren Stieff-Sohn Agathocles / der in so vielen Kriegen seine Tapfferkeit erwiesen hatte / und vom Lysimachus zum Reichs-Erben bestimmt war /sondern auch ihren Ehherrn selbst durch Gifft getödtet hätte. Arsinoen aber schrieb er in geheim: Sie möchte dem Belgius / welcher einem Räuber ähnlicher als einem Fürsten wäre / und dessen Volck von keinen Gesetzen wüste / sich nicht vermählen / und dardurch so wohl ihr Reich als ihre Kinder / darum es ihm allein zu thun wäre / nicht in augenscheinliche Gefahr setzen / noch auch ihr den Haß aller wohlgesitteten Völcker / welche für den rauhen Deutschen eine Abscheu hätten / auff den Hals ziehen. Wiewol auch nun Arsinoe mit ihrem Bruder eine zeitlang Krieg geführt hatte / ihr auch sein herrschsüchtiges Gemüthe nicht unbekaut war / nahm sie doch ihres Bruders Rathschlag als wohlgemeint danckbar auff / und versprach dem Belgius die Eh abzuschlagen / wenn sie nur ein Mittel wüste sich gegen einem so mächtigen Feinde in Sicherheit zu setzen. Ptolemeus schickte alsofort eine prächtige Botschafft an sie zurücke / welche ihr seine Macht / nachdem er den Antigonus aus Macedonien vertrieben / durch Verheyrathung seiner Tochter Antigone aber den mächtigen König Pyrrhus in Epirus ihm verknüpfft hätte / noch vielmehr aber seine zu ihr tragende Liebe scheinbar heraus striech / und also ihre Bluts-Freundschafft noch durch ein engeres Band der Ehe zu befestigen antrug. Arsinoe ward über dieser Werbung noch mehr bekümmert / und zweiffelhafft; sonderlich da ihr ältester Sohn Ptolemeus ihr fürbildete; wie durch diese Eh nur seiner Brüder Untergang / als gegen welche Ptolemeus schon einmahl den Degen gezuckt hätte / gesucht würde. Den Gesandten aber hielt er selbst ein: daß ihren Oheim die angebohrne Schande und die Abscheu wohlgesitter Völcker / für so naher Vermählung seiner vollbürtigen Schwester Eh zurück halten solte. Alle Heyrathen zwischen dem Geschwister hätten einen kläglichen Ausgang gewonnen; Thyestes und Macareus / die mit ihnen heimlich zugehalten / währen durch eigenhändigen Tod umko en. Der Gesandte aber redete Arsinoen ein: Ptolomeus wolte mit ihren Söhnen sein eigenes Reich theilen; gegen welche er zeither zwar gekriegt / keinesweges aber sie ihres väterlichen Reichs zu berauben / sondern nur die Ehre zu erlangen getrachtet hätte: daß sie es von seinen Händen empfingen / und ihm destbalben so viel mehr verbunden würden. Dieses alles wäre Ptolomeus im Angesichte der väterlichen Götter mit einem kräfftigen Eyde zu erhärten erbötig. Wider des jungen Ptolomeus Bedencken setzte er: der Geschwister Vermählung wäre der Natur nicht zuwider; die etlicher Menschen hierüber gefaste Abscheu wäre eine von Kindauff eingeflöste Einbildung; und weil selbte durch die Gewonheit insgemein bestätigt würde / hätte sie sich in ein angebohrnes Gesetze verkleidet. Nicht nur die berühmtesten Helden / sondern ihre eigene Götter hätten ihre Schwestern geehlicht / Saturnus die Opis / Neptun die Thetys / Jupiter die Juno; Artemisia wäre des Mausolus / Mecasiptolema des Archetolis Schwester und Eh-Weib gewest. Cimon hätte also geheyrathet; Solons Gesetze hätten es zu Athen verstattet / die Egyptischen aber wegen glücklicher Heyrath des Osiris und der Isis /[776] wie auch die Carischen / nach dem Beyspiele des Hidrieus solches gar geboten. Der junge Ptolemeus begegnete nun zwar dem Gesandten: Die angezogenen Gesetze und Einwendungen hätten alleine ihr Absehn auf halbbürtiges Geschwister / das zweyerley Mütter hätte; welches auf Arsinoen nicht zu ziehen wäre. Der Gesandte aber lachte hierüber / fragende: Ob der Vater zu Zeugung eines Kindes nicht ein mehrers beytrüge als die Mutter / derer Zuthat wol arbeitsamer / nicht aber edler wäre. Ob nicht der meisten Völcker Recht deßhalben die Kinder der Gewalt der Väter / nicht aber der Mütter unterwürffe? Ob deßhalben die klugen Spartaner wegen eines Vaters /nicht aber einer Mutter Kindern die Heyrathen verboten hätten? Ob Ptolomeus nun nicht die Verweigerung dessen / was dem gemeinen Pöfel frey gelassen / für eine Verachtung aufzunehmen haben würde? Dieser letzte Donnerschlag bewegte die nicht so sehr wegen ihrer selbst / als ihrer Kinder halber ängstige Arsinoe: daß sie ihren getreuen Chodion in Macedonien zu Abnehmung des angebotenen Eydes abschickte / in Meinung: daß ihre Eh ihre Kinder sie mehr als die Waffen für dem Grimme eines so mächtigen Feindes beschirmen würde. Ptolomeus umfaste in dem Tempel des Jupiters / welchen die Macedonier für den heiligsten und ältesten hielten / die Hörner des Altares / und das Bildnüß Jupiters / schwur also mit unverändertem Gesichte: Er suchte die Heyrath seiner Schwester von treuem Hertzen; Er wolle sie nebst sich auf den Reichs-Stul setzen / keine aber nebst ihr in sein Ehbette / auch niemanden anders als ihre Kinder zum Macedonischen Zepter erheben. Er kam hierauf selbst mit nur etlichen Edelleuten nach Cassandrea / und bethörte Arsinoen mehr mit seinem Liebkosen / als vorher mit seinem Meineyde; führte sie also in seine Stadt Epidamus / allwo das Beylager mit grossen Freuden und unbeschreiblicher Pracht vollzogen / ja Arsinoen die Krone Macedoniens aufgesetzt ward. Allein alles diß / was Arsinoens Hertze als ein Magnetstein an sich zoh / enteuserte als eine Beschwerung des jungen Ptolomeus Gemüthe von seinem neuen Stiefvater. Daher er sich auch bey Zeiten aus dem Staube machte / und zu dem über dieser Heyrath schäumenden Könige Belgius in Sicherheit verfügte. Die einfältige Arsinoe / welche das gefährliche Wetterleuchten für die angenehme Morgenröthe ansah /meinte sie hätte mit der Krone nun auch vom Donner unversehrliche Lorbern auf ihr Haupt gesetzt; und es könte kein Gifft eines falschen Hertzen mit einer so heissen Liebe behisamt werden; also wolte sie die ihr zu Epidamus wiederfahrne Anbetung zu Cassandrea mit einem gleichwichtigen Opffer abschulden. Sie reisete daher vorher / ließ alle Strassen mit Persischen Tapeten / die Königliche Burg mit Edelgesteinen / die Thürme mit Freuden-Feuern / die Altäre mit brennendem Weyrauch erhellen / schickte auch ihren sechzehn jährigen Sohn Lysimachns / und den zwölf jährichten Philip mit Myrthen gekrönet dem eingeladenen Ptolomeus entgegen. Allein der Untergang greifft insgemein schon nach uns / wenn leichtgläubige Sicherheit so wol Furcht als Fürsicht aus dem Hertzen gejagt hat. Welcher zwar sie auffs freundliche umarmte / und mit vielem Küssen bethörete; so bald er aber in Cassandrea kam / Stadt und Burg mit seinem Kriegsvolcke besetzte / der Arsinoe Kinder aber tödten hieß. Diese flüchteten sich in ihrer Mutter Zimmer und Schoß / aber sie vermochte weder mit Entblössung ihrer Brüste / noch auch mit Fürwerffung ihrer Armen und Glieder den unmenschlichen Ptolomeus von so grausamem Morde ihrer Kinder abhalten. Ja ihr selbst ward nicht erlaubet sie zu begraben / sondern sie ward mit zerrissenen Kleidern / zerstreuten Haaren aus der Stadt gestossen / und mit zweyen Knechten in Samothracien ins Elend verjagt; welches[777] durch nichts mehr vergället ward / als daß sie mit ihren Kindern nicht sterben konte. Als Ptolomeus allhier so abscheulich wütete / fiel der erzürnte Belgius mit einem mächtigen Heere in Macedonien ein; iedoch schickte er eine neue Botschafft an den Ptolomeus / die ihm andeutete: daß er zwar sein eigen Unrecht gegen Erstattung verursachter Kriegs-Kosten vergessen wolte; die an der Arsinoen Hause verübte Grausamkeit aber anders nicht / als durch Abtretung der Stadt Cassandrea und des väterlichen Reiches an den sich zu ihm geflüchteten Ptolomeus / beygelegt werden könte. Allein / er bildete ihm ein: es wäre nicht schwerer einen grossen Krieg / als grausame Laster zu endigen; daher wieß er diese Gesandschafft schimpflich und mit dieser Antwort ab: Er könte mit dem Belgius keinen Frieden schlüssen / als biß zwölf Deutsche Fürsten ihm zur Versicherung / und alle ihre Waffen ausgeliefert würden. Ja die ihn zu stürtzen beschlüssende Rache Gottes bethörte ihn so gar: daß er die von den Dardanern ihm angebotene zwantzig tausend Hülffs-Völcker verächtlich ausschlug / vorwendende: daß seine Kriegsleute der Macedonier Söhne wären / die unter dem grossen Alexander die gantze Welt überwältigt hätten. König Belgius / und der junge Ptolomeus / konten sich über des Ptolomeus hochmüthiger Antwort nicht genungsam verwundern / und sich des Lachens enthalten; drangen daher. Mit ihrem Kriegs-Heer über das Skandische Gebürge und den Fluß Axius in das Hertze / Macedoniens; und nach dem Ptolomeus mit allen / einen Kräfften ihnen bey der Stadt Aedessa eine Schlacht lieferte / wurden die Macedonier / entweder weil es ihnen des Ptolomeus auch zu ihres Reichs Auffnehmen gereichende Laster zu verfechten kein Ernst war / oder weil so denn / wenn das Verhängnüß die Hand abzeucht / die Hertzhafftigsten ihre Tugend verlernen / in weniger Zeit zertrennet / und aus dem Felde geschlagen. Unter den Verwundeten ward Ptolomeus selbst / und ein mit Macedonischen Waffen angethaner Kriegs-Knecht gefunden /der dem halb todten Könige auf dem Halse lag / und mit seinem Degen ihm schon sieben Wunden versetzt hatte. Wie nun König Belgius diesen weg zu reissen /und den Ptolomeus aufzurichten befahl / gab Arsinoe durch Abziehung ihres Helmes sich zu erkennen /welche ihr anwesender Sohn Ptolomeus alsobald thränende umhalsete / Belgius nach grosser Verwunderung aufs freundlichste bewillkommte; Sie aber erzehlte: daß sie um gegen ihrem Todfeinde verdiente Rache auszuüben / bey vernommenem Kriege sich in einen Kriegsknecht verkleidet / unter der Macedonier Heer den Tag für der Schlacht sich vermenget / und durch die unvergleichliche Tapfferkeit der Deutschen /als sie den Ptolomeus in der Flucht vom Pferde gerennet / ihren Vorsatz glückselig auszuüben Gelegenheit gefunden hätte. Ptolomeus öffnete über dieser Erzehlung seine schon halb gebrochene Augen / und sahe mit einem tieffen Seufzer seine siegende Arsinoe an. Belgius redete ihn hierüber mit ernster Gebehrdung an: Dieses ist noch nicht genung dir deinen Tod zu verbittern / sondern wisse: daß in dreyen Tagen Belgius mit Arsinoen auff deiner Königlichen Burg sein Hochzeit-Feyer halten wird. Ptolomeus seufzete hierauff / noch mehr aber / als noch selbigen Tag sich Aedessa; und den dritten die Stadt Pella ergab / und er mit schälen Augen / und vergifftetem Hertzen so wol den Macedonischen Stul / als das Bette Arsinoens vom Belgius betreten sahe. Ptolomeus lief mit dem Kopffe wieder eine marmelne Säule; worauf Belgius um ihn eines so mühsamen Todes zu überheben / ihm das Haupt abschlagen / und auff eine Lantze stecken ließ / welches hernach zum Schrecken der Feinde durch gantz Macedonien herum geführet ward. Mit diesem Schlüssel oder vielmehr mit dem Schrecken seiner blutigen Sebel eröffnete ihm Belgius[778] viel Städte / und erschütterte gantz Griechenland. Die zwey Macedonischen Fürsten Meleager und Antipater unterstunden sich zwar die Macedonier vom Wehklagen und Verfluchung des lasterhafften Ptolomeus zur Gegenwehr anzuleiten / aber jener verlohr nach sechzig /dieser nach fünf und vierzig Tagen mit seiner zerstreueten Macht die Königliche Würde; welche hingegen der junge Ptolomeus durch der Deutschen Hülffe /und der Thracier Auffstand gegen die Macedonischen Landvögte wieder erlangte. Endlich brachte der unedle Sosthenes / welcher eines Ackermannes Sohn / und durch seine Tapfferkeit ein Oberster über zweytausend Kriegsknechte worden war / das Macedonische Wesen ein wenig in Stand / sintemal die von dem Marsingischen Fürsten Cerethrius vorher gedemüthigten Geten und Triballen den Deutschen nach seinem frühzeitigen Absterben hinterrücks eingefallen waren / und also König Belgius seine Macht zurücke ziehen muste. Sosthenes ward derogestalt zwar für den König in Macedonien ausgeruffen / wiewol er nach dem Beyspiele des grossen Philippus nur den Nahmen eines Feldherren annahm; Alleine es kam Brennus der von dem Necker aus dem Schwatzwalde in Pannonien gezogener Tectosager Hertzog / welcher sich inzwischen zum Meister in Illyris biß an den Fluß Drilon gemacht hatte / auff bewegliches zuschreiben des König Belgius mit einem frischen Heere in Macedonien / zu welchem Belgius noch dreißig tausend an der Ost-See um die Weichsel / um die Agstein-Inseln wohnende Herulier und Skirer unter dem Fürsten Acichor stossen. Sosthenes begegnete zwar dem Brennus bey Heraclea an dem Flusse Erichton / und versuchte alles / was einem tapfferen Heerführer möglich war; insonderheit sprengte er aus: daß Brennus von ihm erlegt wäre / wormit er denen Macedoniern einen Muth / viel Deutschen auch irre machte; alleine der feurige Brennus ließ sich um diesen schädlichen Irrthum zu wiederlegen / bald als ein Blitz an der Spitze sehen /und band mit dem auch unerschreckenen / und für ein gantzes Königreich fechtenden Sosthenes tapffer an. Dieser aber hatte mehr Hertze denn Glücke. Denn er ward vom Brennus aus dem Sattel gehoben / von Pferden ertreten / das durch Verlust seines Hauptes verstimmelte Heer in die Flucht / und nicht allein das von den Deutschen überschwe te Macedonien grossen Theils erobert / sondern auch des Brennus Siegs-Fahnen biß an den Berg Cytheron / und die Corinthische Land-Enge ausgebreitet. Denn weil die Griechen dem Sosthenes Hülfsvölcker zugeschickt / die Deutschen aber schon gute Zeit die berühmten Herrligkeiten Griechenlands im Kopffe hatten / beschloß Brennus mit dem Fürsten Acichor Griechenland zu bekriegen. Das Geschrey hiervon erschütterte diß mehr / als für Zeiten Xerxes mit seinen unzehlbaren Persen; daher auch der Griechen Zurüstung nunmehr zwey mal so groß war. Ja alle benachbarte Könige schickten ihnen Hülfsvölcker / insonderheit Antiochus aus Asien den Telesarchus / und der inzwischen nach dem Sosthenes in Macedonien auffkommende König Antigonus den Aristodemus. Der oberste Feldherr war der Stadt Athen Kriegs-Hauptmann Callippus. Gleichwol aber hielten sich alle Kräfften Griechenlands zu schwach den Deutschen in freyem Felde zu begegnen. Anfangs setzten sich zwar die Griechen an den Fluß Peneus in Thessalien; als aber ein schwacher Vortrab von tausend leichte berittenen Lygiern unter dem Berge Olympus bey Larissa durchschwe te / hoben die Griechen über Hals und Kopff ihr Läger auf /giengen über den Fluß Sperchius und warffen hinter sich alle Brücken ab. Also eroberte Brennus die Länder Magnesia / Thessalien und Phtiothis ohne einigẽ Schwerdstreich. An dem Strome Sperchius aber hemmte sich etlicher massen der Lauf seines Sieges.[779] Denn dieser floß nicht allein mit grossem Ungestümme vom Berge Pindus herab / und hatte allenthalben hohe felsichte Ufer; sondern war noch darzu vom Regen sehr angelauffen / und von den Griechen besetzt. Der nichts minder schlaue als kühne Brennus laß darum zehn tausend der längsten Deutschen aus seinem gantzen Heere aus / und schickte sie unter dem den Nahmen mit der That habenden Ritter Unverzagt in aller Stille biß unterhalb Thebe den Strom hinab /welcher daselbst wegen seiner Ausbreitung einem stehenden See ähnlicher als einem Flusse ist. Unverzagt muste um nicht entdeckt zu werden bey finsterer Nacht / und zwar entweder biß in den Hals watende /oder schwimmende übersetzen; worzu ihm denn ein treuer Hund / welchen er hernach auch auf seinen Schild mahlen ließ / zu einem guten Wegweiser / und vielen Deutschen ihre Schilde zu Kahnen dienen. Cephissodor der Beotier Heerführer hatte in selbiger Gegend seinen Stand; Er konte aber der Deutschen Antlitzer / weniger ihre Schwerdter vertragen; flüchtete sich also auf den Berg Oepta / wiewol fünf hundert übereilte Beotier im Stiche blieben. Critobul der Phocenser / Midias der Locrer / und Polyarchus der Etolier Feld-Hauptleute giengen ebenfals durch / und setzten sich an die Thermopylische Berg-Enge an den Maliakischen See-Busem. So bald die Phtiotier die Brücke über den Fluß Sperchius wieder gelegt hatten / gieng Brennus mit seinem gantzen Heere über / und wormit er den Griechen so viel eher aus Hertz käme /wolte er sich mit Belägerung der wolbesetzten Stadt Heraclea nicht aufhalten. Ungeachtet nun die Eroberung der Thermopylen mehr als ein menschliches Werck zu seyn schien; und die Deutschen selbst selbige Unmögligkeit wiederriethen; sagte doch Brennus: hätten die Griechen das Meer und die Felsen / so hätten die Deutschen ihr kühnes Hertz zur Mauer; ließ also folgenden Tag mit aufgehender Sonne daselbst zu Sturme lauffen. Keine Reuterey war in diesen felsichten und noch darzu wegen vieler Qvelle schlüpfrichten Orte zu brauchen. Den ersten Angrief thät Ritter Sultz mit unglaublicher Tapfferkeit / eroberte auch gegen den Obersten der Megarensen Megareus die erste Höhe des Gebürges. Ihn entsetzte der Ritter Schlick / und bekam den Felsen ein / auff welchem eine Ertztene Säule des Hercules stand; die er auch hernach in seinem Schilde führte. Auff der dritten Höhe bemeisterte Ritter Schwartzenberg zwey feste Thürme / und trieb den Lysander mit seinen Beotiern daraus. Die oberste Spitze dieses Berges behauptete zwar der Ritter Hohenlohe; er ward aber in die Brust tödtlich verwundet; gleichwol aber rieß er den Pfeil grimmig aus seiner Wunde / und erschoß mit selbtem noch der Beotier Obersten Thearidas. Die den Berg hinab gehenden Versetzungen verlieffen die Griechen ohne Gegenwehr / und wurden die Deutschen des an dem Meere liegenden engen Thales Meister. Wie nun Fürst Acichor den andern Berg zu bestürmen anfing /welchen der Griechische Feldherr Callippus selbst nebst dem Midias / Diogenes / Lacrates / und dem tapfferen Cydias vertheidigten / dieser letzte auch vom Acichor eigenhändig erlegt ward; kam der Athenienser Schif-Flotte herfür / und überschüttete von der Seite die Deutschen mit ihren Pfeilen wie mit einem Hagel; also: daß nach dem sie diesen Sturm zwey Stunden ausgestanden / und gleichwol dem Callippus genung zu schaffen gemacht / sie um auf den ersten Berg zurücke weichen musten. Brennus wütete für Unmuth: daß er daselbst nicht durchbrechen konte; daher ließ er den Fürsten Acichor alldar die Griechen unaufhörlich mit blinden Lermen beunruhigen; Er selbst aber zohe mit dem grösten Theile seines Heeres sich unter dem Berge Oeta westwerts hin; und versuchte durch die Truchinische Berg-Enge; wo nur zwey Menschen neben einander gehen können /durchzukommen.[780] Er selbst war nicht zu erhalten: daß er nicht seine Tectosager anführte. Er erlegte mit seiner eignen Hand zwar auch den Obersten Telesarchus / und drang biß zu dem auf einer hohen Klippe liegenden Tempel der Minerve durch; aber die Klippen waren daselbst Thürme hoch: daß nur Brennus an ihnen den Kopf zu zerbrechen vernünfftig unterlassen muste. Weil aber unter allen Griechen die Etolier den Deutschen am hartnäckigsten begegneten / schickte Brennus die Fürsten Orester und Combut mit 40000. Mann über den Fluß Sperchius / welche durch Thessalien über den Berg Callidromus in Etolien einbrachen; alles mit Feuer und Schwerd verheerten / und hierdurch die Etolier zu Beschirmung ihres Eigenthums von Thermopylen wegzohen; welche aber nebst ihren Gehülffen den Patrensen nur in den Gebürgen sich aufhalten / und nach etlichen Treffen / und verbrennter Stadt Callium mit reicher Beute musten abziehen lassen. Unterdessen weil die Heracleer und Aeniater der Deutschen Last überdrüßig waren / weiseten sie nicht zwar aus Haß gegen die Griechen / sondern um sich zu entbürden dem Hertzog Brennus selbst einen leichten Weg über den Berg Oeta / auf welchem für Zeiten der Mede Hydarnes den Leonides überfallen / und Ephialtes die Persen in Phocis geleitet hatte. Die Phocenser hatten diesen Eingang zwar auch besetzt; aber der zu selbiger Zeit fallende Nebel verbarg die Deutschen so lange: daß die Griechen dieser nicht ehe / als biß sie gantz umringt waren / gewahr wurden. Daher wurden sie fast alle erschlagen oder gefangen; und brachten wenig entflohene dem Callippus von der Ankunfft der Deutschen die traurige Zeitung. Callippus wendete sich zwar gegen den Brennus / aber nach einem zweystündigem Gefechte gieng bey den Griechen alles über einen Hauffen /sonderlich / da der tapfere Callippus gefährlich verwundet ward. Daher flüchtete sich alles / was noch den Deutschen Schwerdtern entran / auf die Atheniensischen Schiffe; von denen aber eine ziemliche Anzahl überladen ward / und in dem Schlamme stecken blieb; also von denen ins Meer watenden Deutschen noch erobert wurden. Fürst Acichor rückte hiermit unverhindert durch die Thermopylen; gantz Phocis und Achaien selbst biß an Athen muste sich dem Brennus ergeben und für ihm demüthigen. Der gantze Peloponnesus aber die Corinthische Land-Enge besetzen /das Cytherische Gebürge verhauen / und die holen Wege mit abgestürtzten Klippen verriegeln / um der Deutschen Einfall zu verhindern. Mir ist hierbey das Gedichte nicht unbekandt; als wenn Brennus kein geringerer Gottes-Spötter wie Dionysius gewest wäre; welcher bey Beraubung der Tempel fürgegeben: daß der güldene Mantel dem Apollo im Sommer zu schwer / im Winter zu kalt wäre; und die gütigen Götter ihme selbst ihre güldene Kräntze zulangten / und daß selbter den Delphischen Tempel auf dem Berge Parnassus / darinnen ein aus einer unterirrdischen Höle aufsteigender Wind die Priester zum Wahrsagen begeistern soll / seines dahin gewiedmeten Reichthums zu berauben vor gehabt hätte / vom Erdbeben und anderm Unglück aber / nach dem er ihm vorher einen Dolch ins Hertz gestossen / samt seinem gantzen Heer aufgerieben / und kein einiger Mensch errettet worden wäre. Alleine dieses Gedichte werden nicht allein nachfolgende Thaten des Brennus wiederlegen; sondern es wiedersprechen ihnen die Geschichtschreiber selbst / da sie theils bekennen müssen: Es wäre dieser Tempel im heiligen Kriege von den Phocensern lange vorher aller Schätze beraubt worden / theils für gegeben: Es hätten die unter denen Tectosagern vermischte Tolistobogier die Schätze würcklich erobert und zum theil in ihr Heiligthum nach Tolosa geliefert / zum theil daselbst in einen See geworffen / welches hernach der Römische Heerführer Cöpio zu seinem grossen Unglücke heraus gefischet hätte. Es rühret[781] aber dieses falsche Geschrey daher: Hertzog Brennus schickte einen aus dichtem Golde gemachten Spieß / derogleichen die Tectosager nach der ältesten Völcker Art für ein göttliches Bild verehrten / in den Delphischen Tempel zu einem Geschencke. Die aberwitzigen Priester aber / welche dieses Kriegrische Gewehre für eine Andeutung des Krieges hielten; da doch die Säulen des Apollo selbst Lantzen und Pfeile führen / weigerten sich nicht alleine selbte anzunehmen / unter dem Vorwand: daß Gold und andere unnütze Schätze der Tempel nur Anlaß zu ihrer Entweihung und zum Kirchen-Raube gebe / wie sie es schon vom Philomelus / und andere reiche Tempel Griechenlands vom Philippus / des Belus oder Didymeischen Jupiters vom Antiochus und die Egyptischen Heiligthümer vom Cämbyses erfahren hätten; sondern sie liessen auch einem so mächtigen Fürsten höchst unzeitig entbieten: daß ihr Gott am Geschencke geraubter Güter kein Gefallen hätte. Welches den Brennus derogestalt verbitterte: daß er über die Priester Rache auszuüben mit seinem Heere dem Tempel sich näherte. Es traf sich aber ungefähr: daß als selbtes den Tempel im Gesichte hatte / die Sonne sich verfinsterte; welches / wie iederzeit dem unwissenden Pöfel / also auch dißmal den Tectosagern nicht ein geringes Schrecken einjagte; die Delphischen Priesterinnen aber zum Aberglauben meisterlich zu gebrauchen wusten; in dem sie gleichsam als verzückt mit zerstreuten Haaren und mit Schlangen in Händen / unter das zu Beschirmung des Tempels versammlete Volck lieffen / vorgebende: Sie hätten den Apollo in Gestalt eines schönen Jünglings mit zwey gewaffneten Jungfrauen / welches Diana und Minerva seyn müste / vom Himmel in den Tempel absteigen gesehen; sie hätten gehört das Schwirren der Waffen und der gespanneten Bogen; die Geister des längst verstorbenen Pyrrhus Hyperochus und Laodocus wären ihre Vorgänger; also möchten sie nicht die Gelegenheit versäumen mit denen vorgehenden Göttern die vom Schrecken schon halb tobte Feinde anzufallen. Für diesen wütenden Leuten wäre der angefallene Vortrab aus einer aber gläubischen Bestürtzung zurück gewichen / und von selbtem an statt des Fechtens mit seinen Waffen um der verfinsterten Sonne zu helffen / ein grosses Gethöne gemacht worden. Rhemetalces fing an: Es ist nichts im gemeines: daß die tapffersten Leute durch ein solch unversehenes Schauspiel erschreckt / oder durch eine aberglaubische Andacht in die Flucht bracht worden. Also zerstreuten die Valisker und Tarqvinier / wie auch die Vejenter und Fidenater zwey mal das Römische Heer durch eine Menge als Priester angekleideter Kriegsleute /welche mit Schlangen und Fackeln in Händen sie gleichsam rasende anfielen. Adgandester versetzte: Brennus aber ließ sich diese Larven nicht schrecken; sondern sprach seinem fortzurücken sich weigerndem Heere / welches ihr Fürnehmen für ein Gott widriges Erkühnen gehalten / und ihm selbst den Untergang wahrgesagt / durch seine mit sich geführte Priester /welche hierinnen beym Pöfel vermögender als Obrigkeiten sind / vernünfftig zu / und versicherte es: daß diese aus natürlichen Ursachen entstandene Finsternüß in einer Stunde überhin seyn würde. Worauf er denn auch bey der darauf folgenden schönen Ausklärung des Himmels / welche die Sonnen-Finsternüsse wie der Wind die Monden-Finsternüsse insgemein zu begleiten pflegt / die ihm entgegen rasenden Hauffen unschwer zerstreuete / etliche schuldig befundene Priesterinnen tödtete / die andern aber beschenckte /in dem Tempel seine Andacht verrichtete / ja zwey in seinem Heere befindliche Fürsten aus Thessalien /welche ein Marmelnes Siegsbild aus dem Delphischen in einen Thessalischen Tempel gebracht hatte /straffte / und an seinen ersten Ort setzen ließ. Ob auch wol die Phocenser hernach aus einem blinden Eyver und Aberglauben dem Brennus unter der Stadt Ambrysus einfielen; wurden sie doch mit[782] blutigen Köpffen abgewiesen / und ihr Heerführer Aleximachus selbst getödtet. Fürst Zeno brach hier ein: Es wunderte ihn nunmehr weder die Aussprengung von des Brennus erdichtetem Untergange / noch auch des Deutschen Heeres Schrecken über der Sonnenfinsternüß; Nach dem auch die Affen und andere wilde Thiere sich darüber entsetzten / und vielen tapfern Kriegsleuten mehrmals das Schwerd aus den Händen gefallen wäre. Also wäre des grossen Alexanders Heer an dem Flusse Tigris bey der Mondenfinsternüß fast verzweiffelt / hätte auch um keinen Fuß breit wider der Götter Willen fortzusetzen einen Aufstand gemacht; welchen Alexander selbst zu stillen nicht getraut /sondern die Bestürtzten durch die Egyptischen Warsager beredet hätte: daß der Monde der Perser Sonne wäre / und seine Verfinsterung ihnen allezeit Unglück bedeutete. Niccas hätte bey ereigneter Finsternüß mit seiner Schiffflotte aus dem Hafen in die See zu lauffen sich nicht erkühnet / und dardurch der Stadt Athen unsäglichen Schaden zugefüget. König Archelaus in Macedonien hätte für Furcht die Burg verschlossen /und zum Zeichen seiner Bestürtzung seinem Sohne die Haare abscheren lassen. Der vorhin nie erschrockene Hannibal hätte sich für seiner mit dem Scipio zuletzt gehaltenen Schlacht über Verfinsterung der Sonnen so sehr; als König Perseus / da er gegen die Römer schlagen solte / über der Mondenfinsterniß entsetzt. Welches alles daher geflossen: daß nicht nur der Pöfel / welchem man die Ursachen der Finsternüsse mit Fleiß verschweiget / sondern auch die Weltweisen iederzeit sehr seltzame Meinungen hiervon geführet haben. Anaximander meinte / der Sonnen und dem Monden würde bey ihrer Verfinsterung das Loch verstopft / woraus sie ihr Feuer und Licht ausschütteten; Heracletus: Es kehrten sich ihre nur auf einer Seiten leuchtende Kugeln um; Xenophanes: Es gebe viel Sonnen / welche nach und nach verleschten; biß Thales endlich die Warheit gelehrt: daß der zwischen die Sonne und die Erdkugel tretende Monde der Sonnen /die Erde aber mit ihrem Schatten des Monden Finsternüß verursache. Die sonst genungsam gescheuten Brahmänner glaubten aber noch viel thörichter: Sonn und Monde würden von zweyen Schlangen gefressen; die Serer: diese zwey Gestirne verlieren ihren Schein aus Furcht für einem Hunde und Drachen / der sie zu verschlingen dräute; andere Indianer: sie würden von dem gestirnten Drachen gebissen. Rhemetalces fing an: Diese Wissenschafft ist vielen eine Handhabe ihres Glückes / wie der ersten abergläubiger Unverstand eine Ursache ihres Verderbens gewest. Denn der in Africa segelnde Agathocles machte durch Auslegung der damals sich ereignenden Sonnenfinsternüß seinem Kriegsvolcke ein grosses Hertz; in dem er ihre böse Bedeutung artlich auf die / wider welche er zog /abweltzte. Und der die natürliche Ursache des verfinsterten Monden anzeigende Sulpitius Gallus half der Bestürtzung des Römischen Heeres ab. Unterschiedene Heerführer haben hierdurch ihr auffrührisches Kriegsvolck besänftiget. Niemand / sagte Adgandester / hat sich der Vorsehung der Finsternüsse nützlicher / als Hanno gebraucht / welcher in dem Atlantischen Eylande mit seinem gantzen Heere hätte erhungern müssen; weñ er nicht die wilden Einwohner daselbst mit einem in wenig Stunden bevorstehenden Finsternüsse erschreckt / und sie zu Lieferung reichlicher Lebensmittel bewegt hätte. Sintemal diese einfältigen Wilden so denn das Ende der Welt besorgen und darfür halten: die Gestirne würden von einem höllischen Geiste verschlungen; oder Sonn und Monde wären auf die Menschen ergri et; oder auch: sie würden von bösen Leuten bezaubert; dahero sie insgemein mit klingendem Ertzte / Kieselsteinen und andern Dingen ein Geräusche machten / etliche auch ihre Wangen zerkratzten / und ihre Haare ausraufften. Die Deutschen pflegten sich auch dergleichen Gethönes aber mehr aus angeno ener Gewohnheit von andern Völckern / als aus Aberglauben zu gebrauchẽ. Ob nun wol freylich[783] die Finsternüsse der zwey grossen Welt-Lichter so wol ihre ordentliche Ursachen als ehre Gesetze Zeit haben; so ist deßhalben es der göttlichen Versehung unverschrenckt: daß sie hierdurch grosse Enderungen / und insonderheit die Verdüsterung grosser Welt-Lichter / wie der Schatten an den Sonnen-Uhren die Stunden andeute. Massen denn wenige Zeit hernach so wol Brennus als Belgius ihrem Leben und Siegen ein Ende machten. Bey diesen Todesfällen ereigneten sich unter den Deutschen Fürsten allerhand Zwytrachten; welche die grösten Reiche auch biß zu der eusersten Ohnmacht zu entkräfften mächtig sind. Bey welcher Unruh Antigonus sich wider gantz Macedoniens bemächtigte. Gleichwol aber behauptete des Belgius Sohn Commontor nebst dem halben Pannonien ein Stücke von Dacien / Mysien und Thracien / zwischen dem schwartzen Meere und dem Flusse Athyras / nach dem er vorher die Geten und Treballen in etlichen Schlachten aufs Haupt erleget hatte. Dieser Fürst erlangte durch seine Helden-Thaten in Europa und Asien einen so starcken Nahmen: daß alle ferne Könige an seinen neuen Reichs-Sitz die Stadt Tube schickten / und den Hertzog Commontor um Hülffe und Bündnüß ersuchten. Denen Byzantiern nahm er nach etlichen Treffen ihre fetten Aecker / und brachte sie derogestalt ins Gedrange: daß sie ihm und seinen Nachkommen jährlich 80. Talent zum Geschencke senden musten. Unter diesem ehrlichen Nahmen verhüllen die schwächern Herrschafften die schimpflichen Schatzungen. In diesem Zustande blieb es / biß Fürst Cavar von den Thraciern überwunden ward. Brennus verließ unterschiedene Söhne / und zwar seinem Sohne Hunn Pannonien / den andern beyden Leonor und Luthar nebst einer schlechten Abstattung seine zwey beste Sebeln /mit der Erinnerung: daß diese / die Tugend und das Glücke schon mächtig genung wären / sie mit einem Erbtheile etlicher Reiche zu versehen. König Hunn aber eignete seines Vaters Feld-Hauptmanne Thessalor ein Hertzogthum zwischen dem Ister und der Sau zu / welcher die ihm untergebenen Völcker nach seinem Vater die Scordißker nennte. Dieser ließ anfangs zwar in seinem Reiche ihm nichts mehr / als den Ruhm seiner Gelindigkeit angelegen seyn; nach dem er aber durch allerhand Künste die Gemüther seiner Unterthanen und die Gewogenheit der Nachbarn gewonnen hatte / verleitete ihn die einmal gekostete Süßigkeit der Herrschafft so weit: daß er so gar auff den Pannonischen Zepter ein Auge warf / unterschiedene Pannonische Fürsten / welche der Deutschen Herrschafft überdrüßig und der Neuigkeit begierig waren /auf seine Seite / die Geten und Triballen aber wider die Deutschen in ein Bündnüß brachte. Nach dem diesen verschwornen nun unterschiedene Anschläge den König Hunn durch Gifft hinzurichten fehl schlugen /beschlossen sie ihn auf der Jagt / welche Sinadat einer seiner geheimsten Räthe anstellte / aufzureiben. Hunn war schon auf dem Wege / als ein Deutsches Weib sich qver über einen engen Weg legte / wordurch der König reiten solte / und mit aufgehobenen Händen bat / er möchte keinen Schritt ferner reiten / ihm auch von des Sinadats eigenem Weibe ein verschlossen Schreiben einhändigte / welches das Geheimnüß der Verrätherey umständlich entdeckte; von welchem sie ihren Ehmann abwendig zu machen nicht vermocht hätte. Hunn entsetzte sich über iedem Worte / weil er die /denen er die gröste Treue zu- und das Hefft seines Reiches anvertraut hatte / unter dem Verzeichnüsse der schlimmsten Verräther fand. Also kehrte er stillschweigend zurücke / ließ ihre Schrifften durchsuchen / und / nachdem er darinnen augenscheinlichen Beweiß fand / selbte an statt des Wildes auf der angestellen Jagt fangen / und denen zwey fürnehmsten Rädelsführern Sinadat und Irenitz die Köpffe abschlagen. Ihr Götter! fing die[784] Königin Erato an zu ruffen /mit was für Empfindligkeit ist dieser Schlag nicht des Sinadats Weibe durchs Hertz gegangen? Hat sie einen Augenblick den Tod ihres Ehmanns überlebt / dem sie eh als der Hencker das Messer an die Gurgel gesetzt? Oder haben die / welche ihre Ehmänner aufrichtiger ließ gewonnen / nicht sie als eine Unholdin / die den Eyd der Treue / und das heilige Band der Ehe zerrissen / verfluchet? Fürst Rhemetalces lächelte / und bat / sie möchte diese Ruhms-würdige Heldin / welcher Pannonien einen Ehren-Krantz schuldig blieben wäre / nicht unverhörter Sache durch ein so strenges Urtheil verdammen. Denn ob zwar die Liebe eines Ehweibes alle andere übertreffen solte / wäre selbte doch dem Mäß-Stabe der Vernunfft unterworffen /ohne welchen alle Tugenden zu Lastern würden. Sie könte ihr Hertz zwar mit keinem Nebenbuhler theilen / aber sie wäre nicht befugt es ihrem Vaterlande zu entziehen; welches über uns mehr Gewalt hätte / als Väter über ihre Kinder / und Männer über ihre Weiber. Der Ehleute Liebe wäre angenommen / des Vaterlands aber angebohren. Ja auch die angebohrne müste des Vaterlands Liebe aus dem Wege treten. Daher hätte Agesilaus zu unsterblichem Nachruhme seinen Sohn Pausanias der Spartaner Fürsten / weil er sein Vaterland dem Xerxes für 500. Talent verrathen wollen / durch Hunger getödtet / seine Mutter aber die Leiche unbegraben weggeworffen. Brutus und Cassius hätten diese Zärtligkeit ihnen aus dem Gemüthe geschlagen / als sie beyde ihre wider das Vaterland aufgestandene Söhne zum Tode verurtheilet; und Fulvius / als er seines Sohnes Kopf springen sahe / gesagt: Er hätte ihn nicht dem Catilina wider das Vaterland / sondern dem Vaterlande wider Catilinen gezeuget. Das Vaterland könte wohl bestehen / wenn ein Geschlechte zu Grunde ginge / dieses aber nicht /wenn jenes fiele. Da nun ihrer so viel ihre selbsteigene Liebe des Vaterlands nachgesetzt / und dessen Wohlstand mit ihren Leichen unterstützet hätten / wie wäre des Sinadats Ehfrau ohne sich der Verrätherey selbst theilhafft zu machen ihres verrätherischen Ehmanns zu schonen / und das gemeine Heil in Grund zu stürtzen berechtigt gewesen? Sintemal ja die Eh ein Verbündnüß der Hertzen / nicht aber der Laster seyn solte. Erato begegnete dem Rhemetalces: Sie gebe gerne nach: daß ein Weib ihren Ehmann von bösen Entschlüssungen abzuleiten bemüht seyn; aber ihn doch nicht selbst angeben solte. So wenig einer sich selbst anzuklagen schuldig wäre / so wenig läge es seiner unzertreñlichen Gefärtin in allem Unglück und zweifelhafften Fällen ob. Calliroe / welche ihres Vaters Lycus abscheuliche Menschen-Opferung ihrem Liebhaber Diomedes entdecket / hätte sich hernach mit einem Stricke erhencket; Bysatia die eben dis von dem Massyler Könige dem Crassus offenbart / ihr die Kehle abschneiden müssen. Also würde sie sich nimmermehr überwinden / aus Liebe des Vaterlandes dem Ehmanne treuloß zu werden / welchen der meisten Völcker Recht über ihre Weiber die Gewalt des Lebens und des Todes zueignet. Adgandester ward ersucht / hierüber den Ausschlag zu geben / aber er lehnte sein begehrtes Urtheil mit allerhand Unterscheidungen der Umbstände ab; wolte des Sinidats Ehweib weder gäntzlich vertheidigẽ noch verdammẽ; vorwendende: Es gebe solche Thaten; welche nach der Eigenschafft der auf dem Lande und im Wasser lebender Thiere gewisser massen zu den Tugenden und Lastern gerechnet werden könten. Jedoch / sagte er /fragte König Hunn nach der Zeit wenig nach ihr; sie selbst brachte ihr übriges Leben mit Einsamkeit hin /ihren Kindern aber nur die Ungenossenheit der nichts minder fallenden Straffen zuwege. Der Skordisker Fürst Thessalor flüchtete sich zum Antigonus / und erhärtete durch sein Beyspiel: daß ein beleidigter Freund mehr als tausend Feinde Unheil stiften könten. Denn nach dem[785] alle Deutschen alle innerliche Unruh gestifftet / die Geten und Treballen gezähmt hatten /wurden sie / und insonderheit Leonor und Luthar lüstern / das verlohrne Macedonien wieder zu erobern. Der König Hunn schickte deshalben zum Antigonus eine Bothschafft / oder vielmehr Kundschaffer die Beschaffenheit Macedoniens auszuspüren; welche Antigonus aufs kostbarste unterhielt / und ihnen seine grosse Gold- und Silber-Klumpen / als die Spann-Adern der Kriege / nebst den Elefanten zeigte. Dis aber /was die Deutschen vom besorglichen Kriege abschrecken solte / reitzte sie nur mehr zur reichen Beute an; zumal die Gesandten berichteten: daß das Macedonische Läger gar nicht befestigt / fahrlässig bewacht würde; das Eisen liesse man daselbst verrostern; gleich als wenn sie durch ihren Uberfluß des Goldes schon genungsam sicher wären. Diesemnach setzten beyde Hertzoge Leonor und Luthar in möglichster Eil über den Fluß Strymon / und eilten dem oberhalb Heraclea geschlagenen Läger zu. Antigonus aber traute nicht der Deutschen Ankunfft zu erwarten / sondern ließ das volle Läger stehen / und flohe mit seinem Heere in das Bertiskische Gebürge / theils in die See-Stadt Arethusa / umb die in dem Strymonischen See-Busem liegende Kriegs-Flotte zu verstärken. Weil nun dazumal in Griechenland die bereit für hundert Jahren geschehene Phaennische Weissagung in grossem Ruffe war: daß die Deutschen in Asien ein mächtiges Reich aufrichten würden; zohen Leonor und Luthar gerade dem Meere zu / überfielen auch die bey Arethusa liegende Schiffe wie ein Blitz. Als aber die Deutschen ihnen von keinem Feinde was mehr träumen liessen / sondern nur in den Schiffen Beute machten; kam die bey Stagira liegende Schiff-Flotte des Antigonus mit vollem Segel angelauffen / und erlegtẽ in den Schiffe beynahe 3000. Tectosager. Nichts desto weniger behaupteten sie etliche 20. Schiffe / mit welchen sie lange auf dem Aegeischen Meere herumb kreutzten / biß sie von denen eroberten Schiffen eine starcke Kriegs-Flotte zusammen brachten; und bald dar bald dort in Asien reiche Beute holeten; insonderheit aber die Attalischen Länder sehr ängstigten. Inzwischen kam König Pyrrhus / nach dem er gute Zeit mit allerhand Zufällen in Italien und Sicilien Krieg geführet hatte / unverhofft in seinem Königreiche Epirus an / zohe zehn tausend deutsche Hülffs-Völcker von denen Skordiskern an sich; und weil ihm Antigonus seiner Vertröstung zuwider kein Volck in Italien zu Hülffe geschickt hatte / fiel er in Macedonien ein. Antigonus ward hierdurch gezwungen mit den Deutschen Friede zu machen / und dem Fürsten Leonor und Luthar jährlich hundert Talent zu versprechen; worgegen sie ihm mit fünf tausend Tectosagern beystunden. Beyder Könige Heere traffen an dem Flusse Aliacmon unter dem Berge Citarius auf einander; und thäten die unter dem Ritter Eberstein auf die Spitze gestellten Deutschen denen Epiroten grossen Abbruch. Als aber König Pyrrhus seine Deutschen auch herfür rücken ließ; liessen die dem Antigonus ohne diß nicht allzu geneigte Deutschen ihre Hände sincken; welche sie nicht in ihrer Landsleute Blut waschen wolten. Hiermit geriethen die Macedonier in Unordnung / und in die Flucht; und es wäre Antigonus / dessen gantzes Heer biß aufs Haupt erlegt ward / selbst nicht entronnen / wenn nicht die Deutschen noch so ehrlich an ihm gehandelt / und ihn / wiewol mit Verlust etlicher hundert tapfern Kriegsleute nach Thessalonich gebracht hätten. Wiewohl nun Antigonus daselbst mit vielem Golde die Deutschen erkauffte: daß sie / iedoch mit der ausdrücklichen Bedingung nicht wider die Deutschen zu kämpfen / denen Epiroten bey Apollonia noch einmal die Spitze bothen; so erhielt doch des Pyrrhus streitbarer Sohn Ptolomeus wider den Antigonus einen so grossen Sieg: daß er nebst sechs Pferden mit genauer[786] Noth entkam / und sich von Argos flüchtete. Gantz Macedonien und Thessalien ergab sich hierauf dem Pyrrhus; weil er aber so wohl der erlegten Deutschen eroberte Schilde in den Itonischen Pallas-Tempel; wie die Macedonischen in des Dodoneischen Jupiters Heiligthum den Deutschen gleichsam zur Verkleinerung aufhencken ließ; zohen des Pyrrhus deutsche Hülffs-Völcker wieder in Pannonien. Worauf denn sein Sohn Ptolomeus in der Stadt Sparta von Weibern erlegt / Pyrrhus selbst aber bey Stürmung der Stadt Argos mit einem Steine erworffen / iedoch sein gefangener Sohn Helenus vom Antigonus frey / und in sein Königreich Epirus gelassen ward. Also machte sich Antigonus durch Beystand der Deutschen nicht nur zum Herren in Macedonien / sondern auch über ein Theil des Peloponnesus. Weil aber Antigonus über dem Uberflusse so vielen Glückes hochmüthig ward / und den Deutschen ihren versprochenen Sold hinterhielt; fielen sie acht tausend starck in Pierien ein. Antigonus / welcher diesen Feind mehr als keinen andern fürchtete / ließ den Spartanern und dem Ptolomeus / mit welchen er damals kriegte / gerne Lufft / und eilte mit allen seinen Kräfften wider die Deutschen / schnitt auch ihnen zwischen dem Flusse Aliacmon und Pharibus den Rück-Weg zur See ab. Weil sie nun gegen einer so grossen Macht ihren Untergang für Augen sahen /ihre bey sich habende Weiber und Kinder nicht in die Dienstbarkeit fallen lassen wolten / rieben sie sich nach vielen Thränen und Küssen durch ihre eigene Schwerdter auf; fielen hierauf mit blutigen Fäusten die Macedonier so verzweifelt an: daß wenn diese ihnen nicht zehnmal an der Zahl überlegen gewest wären; sie schwerlich ihren Sturm ausgestanden hätten. So aber wurden die Deutschen / derer keiner gefangen seyn wolte / biß auf wenige sich in das Citarische Gebürge und von dar in Epirus entkommende /iedoch nicht ungerochen erschlagen; weil der Macedonier über zwölff tausend auf der Wallstadt blieben. Die geflüchteten frischten Alexandern den König in Epirus an / so wohl seines Vaters Pyrrhus Tod / als ihr Unrecht am Antigonus zu rächen; welcher denn mit der Deutschen Zuthat den Antigonus nicht nur Macedoniens / sondern auch des Lebens beraubte. Bald aber drauf wendete sich mit der Deutschẽ hin und wieder fallenden Hülffe das Blat des Glückes /gleich als wenn es mit ihnen im Bündnüsse stünde. Denn durch sie vertrieb des Antigonus Sohn Demetrius ein minderjähriges Knabe Alexandern aus Macedonien und Epirus zu den Acarnanen; die Skordiskischen Deutschen aber setzten ihn bald wieder in sein väterlich Königreich ein.

Unterdessen als ein kleines Theil der Deutschen in Griechenland Kronen nach Belieben nahm und aufsetzte; besti te das Verhängnüß solche in Asien denen tapfern Fürsten Leonor und Luthar aufzusetzen; welche man daselbst recht der Hochmüthigen Schrecken / der Bedrängten Zuflucht nennen konte. Sie hatten sich an dem Ascanischen Flusse und See feste gesetzt / als der König in Bithynien Nicomedes / dessen Groß-Vater wider des grossen Alexanders Feldhauptmann Calantes der Bithynier Freyheit so herrlich beschirmet hatte / von seinen aufrührischen Unterthanen und seinem Bruder Zipetes auf des Königs in Syrien Antigonus Anstiftung sehr bedrängt / und in der Burg zu Prusa belägert; also die Deutschen umb Hülffe an zuruffen genöthigt ward. Hertzog Leonor und Luthar waren mit ihrem Heere zeitlicher in dem Gesichte der Belägerer / als sie es ihnen träumen liessen; weil sie den Fluß Sagar gegen sie starck besetzt hatten. Wie die Deutschen aber diese Besatzung im ersten Angriffe auf die Flucht bracht hatten / also hoben die Bithynier auch über Hals und Kopf die Belägerung auf; welchen aber Hertzog Luthar in die Eisen ging / sie biß aufs Haupt schlug / und sechs tausend gefangen[787] nahm; aus denen Nicomedes die Rädelsführer auslaß /und ihre Köpfe auf die Prusischen Mauern stecken ließ. Sein Bruder Zipetes entran mit genauer Noth übers Meer in Macedoniẽ; welchẽ die Byzantier zwar hernach zu ihrem Heerführer wider seinẽ Bruder-Sohn den König Prusias berufftẽ / aber ihn ehe von seiner Kranckheit erbleichen / als seinen Degen wider sein Blut und Vaterland zücken sahen. Dem Fürsten Leonor und Luthar aber Paphlagonien und die zwischen dem Flusse Parthenius und Halys gelegene Helfte seines Gebietes einräumte; darinnen die Tectosager die Stadt Pessinus / die Trogimer Ancyra / die Tolistobogier Tobia erbauten / und dardurch sich nichts minder als gute Wirthe als streitbare Helden bezeugten. Dieses neue Reich bekam den Nahmen Galatiens / weil die Deutschen in Asien Galater / wie in Griechenland Gallier irrig genennt wurden. Alle Könige in Asien bewarben sich umb ihre Freundschafft / gründeten ihre Hoheit auf ihre Achseln / und die Völcker legten ihre Freyheiten in ihre Armen. Kurtz nach gegründetem Galatischen Reiche entstand nach des Königs in Syrien Antiochus Tode zwischẽ seinẽ Sohne und Nachfolger Seleucus / und dem Könige Ptolomeus in Egyptẽ ein blutiger Krieg / weil jener seine Stiefmutter Berenice des Ptolomeus Schwester mit ihrem Sohne auf Anstiften seiner rechten Mutter Laodice getödtet hatte. Als nun wegen seiner Grausamkeit viel Städte von ihm abfielen / er durch Schiffbruch und eine verlorne Schlacht 2. schwere Niederlagen erlitte /ruffte er seinen Bruder Antiochus Hierax zu Hülffe; und nach dem das Verhängnuß sich entweder an ihm ausgerächet / oder das Unglück ermüdet hatte / also sein ihm vorher gehässiges Volck aus Mitleiden geneigt zu werden anfing / zwang er dem Ptolomeus den Frieden ab. Weil aber Selevcus dem Antiochus das Theil Asiens / das zwischen dem Taurischen Gebürge lieget / und er ihm versprochen hatte / nicht abtreten wolte / zohe dieser mit grossen Vertröstungen die Deutschen oder Galater an sich; durch derer Tapferkeit er seinen Bruder Selevcus aufs Haupt erlegte /also: daß er selbst kaum mit hundert Pferden sich durch einen Fluß rettete; Antiochus sich aber auf der Wallstatt krönen ließ. Wie aber Antiochus den Deutschen den versprochenen Sold zu reichen weigerte /schlugen sie sein Heer / tödteten seinen Feldhauptmann Patroclus / umbringten ihn selbst in seinem Gezelt / und nöthigten ihn solchen zweyfach zu bezahlen. Unterdessen kam das Königreich Bithynien vom Nicomedes auf den Fürsten Zela / bey welchem die alten Wohlthaten der Deutschen schon ihren Geruch verlohren hatten. Daher er das Königreich Galatien nicht mehr als ein Kauff-Geld des erhaltenen Bithyniens / sondern als einen Verlust seiner Krone mißgünstig ansah. Gleichwohl aber hatte er weder Hertze noch Kräfften mit den Deutschen anzubinden; ließ also den Hertzog Luthar unter dem Scheine das väterliche Bündnüß zu verneuern auf die Gräntze einladen. Ihre Zusammenkunfft geschahe auf einer in dem Flusse Sagar liegenden Eylande; ieder hatte nur hundert Edelleute bey sich. König Zela ließ nichts an Pracht und herrlicher Bewillkommung mangeln. Ehe man sich aber zur Taffel setzte / trug man ein Geträncke herumb; darunter diß / was man dem Fürsten Luthar brachte / mit dem ärgsten Gifte angemachet war. Dieser aber hatte wegen schon einmal empfangenen Giftes die Gewohnheit: daß sein Mund-Schencke alles vorher übertrincken muste. Wie nun diese Vorsicht auch dißmal beobachtet ward; fiel er Augenblicks steintodt zu Bodem. Eben diß begegnete einem andern daraus trinckenden Deutschen. Daher denn auf des Fürsten Luthars Winck die übrigen ihre Sebeln blösten / und den König Zela mit fast allen anwesenden Bithyniern in Stücke hieben. Sein Bruder Prusias war froh über der an ihn verfallenden[788] Herrschafft /verdammte des Zela Arglist / und machte so wohl mit dem Fürsten Luthar / als dem in Thracien gebietenden Cavar Freundschafft; welcher ihm die Byzantier so enge: daß sie nicht vor die Stadt-Pforten durfften /einsperren / und hernach einen vortheilhafften Frieden machen halff. Ein viel grösser Ungewitter aber zohe aus dem Attalischen Mysien auff. Denn Phileterus eines gemeinen Mannes und einer Pfeifferin Sohn hatte sich aus einem Stadthalter zum Könige zu Pergamus auffgeworffen / und seine Herrschafft seines Bruders Sohne Eumenes hinterlassen. Dieser sahe denen zwischen dem Selevcus / Antiochus und Deutschen entstandenen Blutstürtzungen mit grosser Vergnügung zu / und zehlte alle ihre Niederlagen unter seinen Gewinn. Wie er nun meinte: daß sich die Syrier und Deutschen genug abgemergelt hätten; und insonderheit diese so wol in dem mit dem Selevcus als Antigonus gehaltenen Schlacht viel erlitten hatten; griff Evmenes den Sieger Antiochus / und die von ihren Wunden noch nie genesenen Deutschen bey Sardes mit einer grossen Macht an; und spielte in dem nach Syrien gehörigen und gleichsam keinen Besitzer habenden Asien allenthalben den Meister. Gleichwohl aber behielten die Deutschen ihre neue Reichs-Gräntzen unversehret; ob schon sonst die noch nicht feste- beraasete Herrschafften leicht zerfallen. Ja Ptolomeus in Egypten / wider welchen der Cyrennische König Magas auffstand / und mit einem Heere in Egypten einzubrechen vorhatte / bath vom Hertzog Luthar vier tausend Deutsche zu Beschirmung seiner Gräntzen aus. Welche seinem Vorzuge einen gewaltigen Streich versetzten; und weil überdiß die Marmariden von hinten zu in Cyrene einfielen / verursachten: daß Magas unverrichteter Sachen von Egypten abzoh. Weil nun dieser tapfferen Leute Wohlthaten grösser waren / als sie Ptolomeus zu bezahlen hatte / konten sie anders nicht als mit Undanck vergolten werden. Die Erkentnüß seiner Schuld gebahr in ihm Haß / dieser aber vermählte sich gleichsam zu seiner Rechtfertigung mit einem wiewohl der Warheit gar nicht ähnlichem Verdachte / samb die Deutschen oder Galater sich Egyptens zu bemächtigen im Schilde führten. Weil nun keine betrüglichere Wegweiser als Argwohn und Ehrsucht sind / setzte er sie auff der Mareotischen See zu Schiffe / und führte sie auff dem Flusse Lycus über den Märischen See den Nil hinauff; ließ sie auff einem oberhalb Thamiat liegenden wüsten Eylande aussteigen / die Schiffe des Nachts heimlich abstossen / und erhungern. Welches aber die Deutschen in Asien nicht ungerochen liessen / sondern den König in Syrien dem Ptolomeus auf den Hals hetzten / und mit Beysetzung ihrer Waffen ihm alle seine Ehrsuchts- Zirckel verrückten.

Der in Asien auffkommende Nahme / und der sich ausbreitende Ruhm der Deutschen diente denen Semnonern und andern in Italien zu einem Vorwand ihre Hände in die Schooß zu legen / und dem sich mit Gewalt auff der Römer Seite schlagenden Glücke zuzuschauen. Denn ungeachtet sie ihnen die Rechnung leicht machen konten: daß durch eintzelen Krieg alle überwunden / und die grosse Last der sieben sich alle Tage vergrössernden Berge sie mit der Zeit auch überschütten würde; so hatten sie doch schon mit Schaden erfahren: daß das Verhängniß denen selbst auff die Zeen trete / welche das Römische Wachsthum zu hindern sich erkühnten; und dahero hielten sie für Klugheit Zeit zu gewinnen / und das ihm zuhengende Verterben noch auffzuschieben. Nach dem nun Hetrurien und Samnis gedemüthigt / Pyrrhus aus Italien vertrieben / Rhegium erobert war / und sich nichts mehr wider die Römer rührte; fingen sie an gegen ausländischer Nachbarn Macht eiffersüchtig zu werden; sonderlich[789] aber stach sie die Stadt Carthago in die Augen; welcher Macht sie rings um sich her / und insonderheit in dem benachbarten Sicilien anwachsen sahen. Weil nun Andacht fast aller Kriege Firnß seyn muß / schickten sie in dem dem Vulcanus zugeigneten Herbst-Monathe einen ihrer Priester mit einer grossen Platte Gold / darauff die Stadt Rom gepreget war /auff den Berg Etna / welcher seiner Höhe wegen die Seule des Himmels genennet wird. So bald sie der Priester in seinen feurigen Kessel warff / ward sie augenblicks verschlungen. In des Vulcanus Tempel aber liessen sie einen güldenen Amboß lieffern / da denn die Hunde den abgeschickten Priester liebkosende bewillkommten / und alle seine Fußstapffen leckten. Weil beydes nun für gewisse Zeichen künfftigen Glücks in Sicilien angenommen ward / fertigten sie den Bürgermeister Appius ab / der belägerten Stadt Messana zu Hülffe. Die Carthaginenser wurden nicht alleine die Belägerung auffzuheben gezwungen / sondern der König zu Syracuse Hiero schlug sich auch zu den Römern; weil der grosse Brunn Arethusa / der auff dem an Syracusa liegenden Eylande Ortygia aus einem Steinfelsen entspringet / eine silberne Schale auffgestossen hatte / auff der gepreget war / wie ein Wolff ein Pferd zerfleischte / welches die Priester in dem darbey stehenden Tempel der Alpheischen Diana dahin auslegten: daß Rom die Stadt Carthago zerstören würde / und also den Hiero sich der Unglückseligen zu entschlagen / und an der Römer Glücks-Bild zu lehnen verursachte. Wiewohl dieses eben so wohl für einen Betrug der Priester gehalten ward; als dieses: daß eine in Arcadien zu Olympia in Fluß Alpheus geworffene Schale / wie auch die Merckmahle von denen daselbst geschlachteten Opffer-Thieren aus diesem Brunnen solten hervor ko en / ja vom Delphischen Apollo selbst dem Archias gerathen worden seyn: daß er da / wo der unter dem Meere unvevmischt durch dringende Alpheus sich mit dem Brunnen Arethusa vermählte / seine angezielte Stadt /nehmlich Syracusen erbauen solte. Wie nun die Carthaginenser derogestalt einen schweren Krieg / dessen Grausamkeit der Berg Etna mit Ausstossung ungewöhnlicher Hartzt und Schwefel-Bäche / mit Abstürtzung zerschmoltzener Stein-Klippen in das vom unterirrdischen Feuer siedende Meer / und das gantze Eyland durch grausame Erdbeben ankündigte /für Augen sahen / hingegen der Deutschen Tapfferkeit nicht nur in der gantzen Welt beruffen war / sondern die Semnoner / welche Brennus dem Könige Dionysius zugeschickt hatte / in denen Sicilischen Kriegen /und die Celten in den Spanischen ihre Tugend genugsam hatten sehen lassen / beschlossen sie so viel Semnoner / Celten oder andere Deutschen / als ihrer möglich auffzubringen wären / in ihre Kriegs-Dienste zu ziehen. Weil nun die zwey Könige der Alemannier Concoletan und Aneroest ihrem zwischen dem Rhein /Meyn und der Donau liegendes Gebiete alle denen Helvetiern zustehende Landschafften zwischen den Alpen und dem Gebürge Jura beygesetzt / die Insubrer und Ligurier aber / welche mit den Maßiliern der Römer Bunds-Genossen in Krieg verfallen waren /ihnen die Städte Antipolis und Nicea abgenommen /und Britomarn der Catten Hertzog wegen seiner Tapfferkeit zu ihrem Könige erwehlet hatten; schickten sie an diese Könige eine Gesandtschafft; und brachten eine ansehnliche Hülffe von Alemännern / Insubrern und Liguriern zuwege / die sie auff dem Rhodan herab / von dar in Sardinien / und endlich in Sicilien nach Agrigent führten; welche Stadt nicht allein ihrer Festung halber / sondern auch wegen allerhand natürlichen Seltzamkeiten berühmt ist / insonderheit wegen des Saltzes / das beym Feuer zerfleust / beym Wasser wie anders von der Flamme zerplatzet / wegen des Brunnen / aus welchem alle / insonderheit[790] aber das fünffte Jahr eine grosse Menge Erde hervor qvillet /und daß daselbst aus einem Felsen des Sommers Wasser / des Winters Feuer springet; ja ein kaum eines Schildes grosser Pful / wenn Badende hineinspringen / sich so weit ausdehnet: daß ihrer wol funfzig darinnen Raum haben / und so wenig Menschen als Holtz untersincken läst. Nach dem auch die Carthaginenser durch ihre Schiffarth mit den Friesern /Chauzen / und Cimbern vertrauliche Freundschafft gemacht / ja den aus Indien vom Sandrcot verjagten /bey dem Ptolomeus Lagida in Egypten / und dem Lysimachus in Thracien unter zu kommen vergebens suchenden Friso / Bruno und Sax mit ihren Schiffen biß an die Weser übergeführet hatten / brachten sie da selbst gleicher Gestalt eine ansehnliche Menge Hülffs-Völcker auff; welche dem überaus bekümmerten Hanno zu Heraclea / wohl zu statten kamen. Denn dieser war halb verzweiffelt; weil wider des Orts Gewonheit seine auff dem Vulcanischen Hügel über Reben-Holtz gelegte Opffer sich von sich selbst entzünden wolten; ja in dem berühmten Oel-Brunnen bey dem Blumen-reichen Berge Gonius das Oel versieg /als es Hanno nach empfangener Weihung zu seinem Gottesdienste schöpffen wolte / und also die Götter ihm ihren Unwillen genugsam zu verstehen gaben /welchen er auch in der That verspürte / indem der die Stadt Agrigent belägernde Posthumius und Manlius seinen Entsatz mit grossem Verlust zurücke schlug. Ihre erste Tapfferkeit erwiesen die Deutschen in der grausamen Belägerung der Stadt Agrigent / indem diese nicht nur durch ihre Tapfferkeit / sondern auch durch ihre Mäßigkeit den Mohren und Siciliern ein Beyspiel die fast unmenschliche Hungers-Noth auszutauern abgaben; auch zuletzt den in Agrigent beschlossenen Hannibal des Nachts mitten durch das Römische Läger mit dem Degen in der Hand glücklich durchbrachten; nachdem die Römer über dreißig tausend Mann für dieser Stadt hatten sitzen lassen. Jedoch wurden ihnen ihre treue Dienste schlecht belohnt. Denn als sie ihren so lang entbehrten Kriegs-Sold forderten / vertröstete sie der Feldherr Hanno: daß er ihnen folgende Nacht der gantzen Stadt Entella reiche Beute zu ihrer Belohnung lieffern wolte; schickte sie auch gerade darauff zu. Inzwischen hatte Hanno durch einen Uberläuffer den Bürgermeister Ottacilius benachrichtiget: daß die Carthaginenser in der Stadt Etellan Verständniß hättẽ / und selbige Nacht sie überfallen würden. Daher wartete Ottacilius mit seinem halben Heere jenen auff den Dienst; umringte sie auff allen Seiten; und erlegte vier tausend tapffere Deutschen / derer keiner von einiger Ergebung hören wolte; noch seine Haut ungerochen verkauffte. Jedoch blieb dieser dreißig tausend Römer schändliche Undanck des Hanno verdrückt / und kamen sechs tausend frische Deutschen unter den Heruler Fürsten Avtarit den Carthaginensern zu Hülffe; welche unter dem Boodes / als er dem Cnäus Cornelius mit der Römischen Schiffs-Flotte in dem Hafen zu Lipara beschloß / alles gefangen nahm; und unter Amilcarn / als er zwischen der Stadt Paropos und denen Himerischen warmen Brunnen vier tausend Römer erlegte. Als auch Atilius Regulus in Africa aussetzte / nach erlegtem abscheulichen Drachen / (dessen hundert und zwantzig Füße lange Haut hernach zu Rom in des Saturnus Tempel gehenckt ward) und nach eroberter Stadt Clupea Adin belägerte / die Carthaginenser aber in dẽ Gebürgen mit ihren Elephanten und Reuterey gar nichts ausrichten konten / und die gantze Last der Römer den Deutschen Hülffsvölckern auff dem Halse lag / übten diese unglaubliche Helden-Thaten aus /und trieben die erste Legion mit grossem Verlust zurücke. Weil sie aber die Africaner allein im Stiche liessen / litten sie ziemlichen Verlust; also: daß sie unter damaligen Heerführern[791] dem Asdrubal / Bostar und Amilcar / nach dem vorher Annibal wegen übel geführten Krieges gekreutziget worden war / länger zu fechten sich weigerten. Dieses verursachte: daß Xantippus / der aus Griechenland mit frischen gewordenen Hülffs-Völckern von Celten und Spartanern ankam / zum Feldherrn erwehlet ward / welcher denn auch durch seine vortheilhafftige Schlacht-Ordnung und der deutschen Tapfferkeit / die an den Spitzen beyder Flügel wie Löwen fochten / und auff der Seite die Römischen Hauffen durchbrachen / biß auff wenige sich nach Clupea flüchtende erlegte / und die / welche nicht in der Flucht von Elephanten und Pferden zertreten wurden / mit dem Bürgermeister Attilius Regulus nach Carthago zum Siegs-Gepränge führte; und also wahr machte: daß auch mit Löwen / wenn selbte einen Hasen zum Führer haben / nichts ruhmwürdiges auszurichten / ein kluger Kopff aber viel tausend Händen überlegen sey. Diese Schlacht jagte den Römern ein solch Schrecken ein: daß sie etliche Jahre sich allezeit nur an bergichten Orten setzen / und mit diesem Feinde nicht in falschem Felde treffen wolten /biß Aßdrubal bey Panormus vom Cöcilius die grosse Niederlage erlidt / und alle seine Elefanten einbüste. Attilius starb hierauff zu Carthago für Betrübnis /nicht aber durch der Feinde Grausamkeit / wie des Attilius ergri tes Ehweib zu Rom fälschlich aussprengte / um ihre unmenschliche Rache / da sie nehmlich den zu ihrer Verwahrung anvertrauten gefangenen Bastar durch Hunger getödtet / Amilcar auch schon das letzte auff der Mühle hatte; der aber durch des Römischen Raths Vorsorge noch kümmerlich erhalten ward / mit etwas beschönigen möchte. Höret aber /wie der Undanck nicht alleine einen ausgepreßten Granat-Apffel auf den Mist wirft / ein satter Mund dem süssesten Qvell den Rücken kehrt; sondern wie nichts gefährlicher sey / als einen durch grössere Wolthaten ihm verknüpffen / als selbtem zu vergelten /entweder sein Vermögen oder seine Gemüthsart erlaubet. Jener Mangel machet einen anfangs schamroth /hernach verrauchet das Gedächtniß durch Vergessenheit. Dieses aber sauget aus einer so köstlichen Frucht das ärgste Gifft / wordurch er seinem Wohlthäter vom Leben hilfft / wormit ieder seiner Anblicke ihm nicht seine Undanckbarkeit stets auffrücke. Bey welcher Beschaffenheit es sich niemanden sicherer Wolthaten erzeigen läst; als dem / der ihren Werth gar nicht zu schätzen weiß / und gegen einem Pfund Ambra ein Loth Saffran zurücke wiegt. Die boßhaften / aber auch zugleich blinden Carthaginenser wurden nicht allein durch diesen glückseligen Streich so hochmüthig / als wenn sie mit diesem Heere allen Römern das Licht ausgelescht / oder die Mohren so viel schon in der Kriegs-Kunst begriffen hätten: daß sie des Xantippus gar wohl entbehren könten; denen abgesetzten Heerführern aber schien es nicht allein verkleinerlich zu seyn: daß der Carthaginensische Adel / und der uhralten Barcken-Sta einem Spartanischen Bürger nachgehen / oder gehorsamen / dieser herrliche Sieg ein Werck eines unedlen Spartaners seyn solte; sondern es wäre auch eine grosse Unvernunfft einem Ausländer das Hefft der Dinge zu vertrauen; dem alle fremde Hülffs-Völcker auff einen Winck zu Gebote stünden / und den ihr eigner Pöfel als einen Abgott verehrte. Dahero stelltẽ sich die Carthaginenser an /als wenn sie mit den Römern einen Frieden schlüssen wolten / beschenckten den Xanthippus und etliche mit sich gebrachte Kriegs-Häupter ansehnlich / gaben selbten sie in Griechenland über zu führen 10. Kriegs-Schiffe zu / den Mohren aber Befehl: daß sie auff der hohen See den Xanthippus mit den seinigen ins Wasser stürtzten; hernach tichtende: daß sein Schiff auff einem Steinfelsen zerborsten wäre. Die Deutschen und andere Hülffs-Völcker wurden hierüber unwillig / und Carthago büste alsbald durch den Verlust der See-Schlacht bey dem Hermetischen[792] Vorgebürge seine Thorheit und Boßheit / ja es wäre schon damals um Carthago geschehen gewest / wenn der Schiffbruch den unvorsichtigen Römern nicht zweyhundert und drey- und siebzig Schiffe mit allem Volck und Vorrathe verschlungen / auch nicht nach eroberter Stadt Panormus ihre Flotte bey der kleinern Syrte auff den Grund kommen / und in der Sicilischen Meerenge ihnen abermals durch Vermarlosung anderthalb hundert Schiffe zu Grunde gegangen wären. Der Alemänner / Friesen / Chauzen / Semnoner und Celten Treue und Tapferkeit ward doch endlich bey der berühmten Belägerung der von dem Grabe der Cumanischẽ Sibylle berühmten Stadt Lilybeum wieder aus Licht gebracht. Denn ob wol die Sibylla dieser festẽ Stadt wahrgesagt hatte: daß so lange sie ihre Asche unversehrt auff heben würden / kein Feind mit Gewalt sie übermeistern würde; so wurde doch dieser Glauben nach und nach sehr vermindert / und in Kleinmuth verwandelt / als etliche Griechen nach langer Gegenwehr und vielem verspritztem Blute alle Hülffs-Völcker zu den Römern aus der Festung über zu gehen beredet hatten / sie auch schon im Läger mit dem Bürgermeister die Bedingungen abhandelten. Allein es war Alexon / ein in Achaien gebohrner Celtischer / und Delmenhorst ein Chauzischer Ritter so redlich: daß sie dem Himilcon solches nicht allein eröffneten / sondern auch nebst dem bey den Deutschen sehr beliebten jungen Hannibal die wanckenden Kriegsvölcker durch grosse Vertröstungen in beständiger Treue erhielten / ja sie zu Niedersebelung derer vom Feinde zurückkommenden Verräther bewegten. Uberdiß war unter den Hülffs-Völckern Strabo ein streitbarer und scharffsichtiger Marckmann / dessen Gesichte von einer Höhe der Stadt Lilybeum biß an das Hermetische Vorgebürge in Africa trug; und denen Kleinmüthigen andeutete: daß er aus selbigem Hafen 50. Schiffe auslauffen sehen. Massen denn auch den dritten Tag der hernach so grosse Annibal Amilcars Sohn mit so viel Schiffen im Angesichte der für dem Hafen liegenden feindlichen Schiffs-Flotte darein glücklich einlieff. Wiewol nun der Ausfall auff des Feindes Belägerungs-Wercke von den Römern behertzt abgetrieben / und Annibal schon nach Depanum dem Adherbal zu Hülffe gezogẽ; ja die Römer den Hafen zu versencken bemühet / und mit ihren Sturm-Thürmen den Belägerten biß ans Hertz kommen waren; nahm doch ein Semnonischer Edelmann die Zeit wahr / da von der Stadt ab gegen das feindliche Läger ein gewaltiger Sturmwind bließ / und gab dem Himilco eine Erfindung an die Hand des Feindes Gebäue einzuäschern. Himilco vertraute die Ausführung dem Erfinder und denen Deutschen / die er ihm selbst auslaß; welche denn umb Mitternacht sich an Stricken über die Mauern liessen / über die Graben schwammen / und ehe der Feind ihrer inne ward / ihre die Mauer weit überhöhenden Thürme an dreyen Orten in Brand brachten. Die von dem Winde auffgeblasene Flamme nahm in einem Augenblicke derogestalt überhand: daß alles Leschen vergebene Arbeit /und diese Gebäue etlicher tausend Römer Holtzstösse und Todtenbahren waren. Himilco that hierauff einen Ausfall / da denn der Wind nicht allein Feuer und Rauch / sondern auch die feindlichen Pfeile den Römern mit Gewalt in die Augen trieb / und so viel Schaden that: daß denen Belägerern alle Hoffnung der Eroberung entfiel / und von Rom zehn tausend frische Römer in Sicilien musten geschickt werden. Der Angeber dieses Brandes erlangte einen köstlichen Siegs-Krantz / und andere kostbare Geschencke; zwey Friesische Edelleute aber / welche den durch Abstürtzung eines abbrennenden Thurmes rings herum mit glüenden Bränden umschütteten Himilco aus dem Feuer und augenscheinlicher Lebens-Gefahr retteten / eben zwey solche Seulen in dem Lilybeischen Tempel der Ceres / wie sie denen 2. frommen Jünglingen[793] Anapius und Amphinamus in dem Cartaneischen Felde auff gerichtet sahen / die Vater und Mutter aus dem feurigen Hartzte des Berges Etna getragen haben. Als die Friesen nun auch in der Seeschlacht bey Drepanum unterm Adherbal sich so tapffer hielten / daß drey und neunzig Römische Schiffe erobert wurden / und Publius mit dreißig Schiffen zur Noth entrann / auch eben diese unter dem Carthalon die für Lilybeum liegende Römische Schiff-Flotte anzündeten / den Bürgermeister Junius aber bey dem Pachinischen Vorgebürge an Strand jagten / und zwey Römische von einander getrennte Kriegs-Flotten / dem Winde und Wellen auffopfferten / ward hinfort sonder der Deutschen Zuthat kein wichtiger Anschlag mehr fürgeno en. Welche denn auch dem kühnen Hamilcar Barca an die Hand gaben: daß der zwischen der Stadt Panormus und Hyccara der Lais Vaterlande dem Berge Ercta an einem festen und fruchtbaren Orte / wovon er mit Schiffen die Italiänischen Küsten täglich unsicher machen konte / zu grossem Abbruch sein Läger schlug /die Römer in grosse Hungers-Noth brachte / welche der Erycinischen Venus Tempel eingeno en hatten /den Aeneas auff dem Gipfel des Berges Eryx gebaut /und darein seinen Vater Anchises nebst der Venus Sohn Eryx begraben hat. Die Römer kamen hierdurch derogestalt ins Gedrange: daß sie dieses Heiligthum /und vielleicht gantz Sicilien verlassen hätten / wenn nicht der wunder würdige güldene Wider / dẽ Dädalus der Venus gegossen / sich Landwerts umgekehrt / und derogestalt die Römer daselbst noch zu bleiben erinnert / hingegen die Tauben / welche von der dar in Gestalt einer rothen Taube vorflügenden Venus jährlich nach Africa nachflügen sollen / ihren Flug gegen Italien verändert / und gleichsam gegen dieses ihre Gunst / gegen jenes ihre Abneigung angedeutet hätten. Das Blat wendete sich auch etliche Tage hernach; indem etliche tausend unter dem Hertzog Narvas streitende / von den Mohren aber übel gehaltene Deutschen zu den Römern übergegangen wären / wodurch denn die Römer nicht alleine aus diesem Gedrange errettet / sondern auch der Abgang dieser tapfferen Leute kurtz hierauff in der Seeschlacht bey Drexana zwischen dem Hanno und Lutetius mercklich gemißet / den Carthaginensern funffzig Schiffe in Grund gebohrt / siebenzig mit zehntausend Mann gefangen wurden; und Carthago derogestalt durch den an Klugheit und Tapfferkeit keinem nachgebenden Feldherrn Hamilcar mit den Römern einen Frieden schlüssen /das fruchtbare Sicilien aber im Stiche lassen muste.

Kurtz erwehnter Fürst Narvas war ein Enckel des Bructerer Hertzogs Narvas / dessen zwey jüngere Söhne theils wegen ihres Brudern Erstgeburt / theils wegen ihres allzu volckreichen Vaterlandes mit seinem Theile Volckes ein fremdes Land zu suchen gezwungen wurden. Der eine Sohn Bagan ließ sich in Gallien zwischen der Schelde und Maaß an dem Flusse Sabis nieder; von welchem die Stadt Bagenheim /von dessen Vater aber das Volk den Nahmen der Närvier hat. Der andere Sohn Estion verdrang ein Theil der Veneter / und bemeisterte sich des Seestrandes an dem Venedischen Seebusem von dem Flusse Chronus und Rubo an biß an den Strom Turnutum; an welchem er nach seines Vatern Nahmen die Stadt Narva erbaute. Nach seinem Tode nöthigte der älteste Sohn Hirus seinen jüngern sechzehnjährigen Bruder Narvas sein Vaterland zu räumen. Dieser junge Held hielt es ihm anständiger zu seyn / bey den Fremden durch Tugend ein Lorberreiß zu verdienen / als seinem Bruder durch Trägheit Uberlast / und seiner Vor-Eltern Reichs-Apffel zum Zanck-Apffel zu machen; dahero segelte er mit etlichen Carthaginensischen Kauffschiffen / welche auff dem Eylande Glaßaria Agstein / den das Meer häuffig an diese Ufer anspielet / einkaufften / nach Carthago.[794] Die Königin Erato fuhr hierüber heraus: was höre ich? Ist Deutschland das rechte Vaterland des edlen Agtsteines? und wird der häuffig im Meerstrande gefunden; welcher in Morgenland den Edelgesteinen vorgezogen wird / zu Rom und in Asien nicht nur ein herrlicher Schmuck / sondern auch eine köstliche Artzney für das Anlauffen der Mandeln und andere Flüsse; ja weil er Stroh an sich zeucht /eben so wohl / als der Magnet ein Wunder der Natur ist? Die Nassauin antwortete: der reine und wohlrüchende Agstein würde nirgends als bey den Gothonen und Estiern an der Ost-See um die Weichsel und den Fluß Rodan gefunden; welchen letztern die Griechen aus Irrthum oder vielleicht deßhalben Eridan hiessen; weil ihren Getichten nach die für den vom Hi el gestürtzten Thränen der Sonnen-Töchter in Agstein solten verwandelt werden. Salonine fing an: Es ist diß Getichte nicht so ungeschickt. Sintemal es zweifelsfrey den Ursprung und die Köstligkeit des Agsteins auszudrücken erfunden / und er hierdurch bey weitem dem Weyrauche / welcher aus des in eine Staude verwandelten Jünglings Libanus Thränen entsprossen seyn soll / fürgezogen worden. Erato versetzte: Es ist freylich diß Getichte geschickter / als des Sophocles und Demonstratus thörichte Meynungen; in dem jener den Agstein für der Indianischen Hennen Zähren hält /dieser aber gläubt; daß er aus dem Harne der Luchse entspringe. Sonst aber ist der Agstein in meinen Augen so schön: daß die ihn gebährenden Bäume von den Deutschen mit Rechte den Arabischen Weyrauch- und Myrrhen-Bäumen / uñ denen Syrischen Balsam-Stauden entgegen gesetzet werden können. Daher in Asien ein Stücke Agstein / darinnen eine Heydechse von der Natur begraben worden war / für etliche Talent / und zu Rom ein kleiner Agsteinerner Cupido theuerer / als schwerlich ein lebender Mensch wäre zu verkauffen gewest / meinem Bedüncken nach nicht zu theuer verkaufft worden. Wie nun die Gräffin von Nassau lächelte / fragte die Königin Erato: Ob sie die Liebe aus Agstein wol oder übel gebildet zu seyn glaubte? Ihrer Einbildung nach hätten beyde mit ein ander eine vielfache Aehnligkeit; indem beyde zum brennen geschickt wären / und einen Magnetischen Zug an sich hätten. Die Gräfin entschuldigte sich: daß sie daran nicht gedacht / sondern nur theils sich über der übermäßigen Kostbarkeit des Agsteins verwundert hätte / welcher bey den Gothonen so gemein wäre: daß sie ihn zum Räuchern und zu den Opffern an statt des Weyrauchs / ja zur Kitte brauchten / auch der Estier Hertzog der Fürstin Thußnelde unlängst ein Stücke dreyzehn Pfund schwer geschenckt hätte; theils aus der Königin Rede eine Billigung des gemeinen Irrthums zu spüren gewest wäre / samb du Agstein ebẽ diß an gewissen Bäumen / was das Hartzt an den Kiefern und Tannen / und das Gummi an den Kirschbäumen wäre. Verhält sichs denn nicht also? versetzte die Königin: daß der fette von gewissen Bäumen ins Meer trieffende Schweiß von dem Meersaltze durchbeitzet und gereinigt / von den Sonnen-Stralen aber gleichsam zu einem durchsichtigen Ertzte gehärtet / und von den Fischern entweder an dem von der See bespielten Strande auffgelesen / oder aber aus gewissen Gräben / darein es das Meer auswirfft / gefischet werde? Die Naßauische Gräfin antwortete: Es wird zwar der Agstein auff solche Arten gesammlet; er ist aber weder der Safft noch das Hartzt / weniger die Frucht eines Baumes / sondern eine Fettigkeit der schwefflichten Erde / welche die Kälte und das Saltz des Meer-Wassers wie der Frost die Berg-Kristallen versteinert; und daher auch diß auff denen zweyen länglichten an der Ost-See in der Estier Gebiete liegenden Eylanden mehrmahls herrliche Marck aus seiner Mutter der Erde gegraben wird. Zeno fügte bey: derogestalt wird nunmehr der zeither verworffene Bericht des Philemons[795] gerechtfertiget: daß der Agstein auch wie Ertzt aus der Erden komme. Allerdings /sagte die Nassauin; aber der gegrabene gleicht dem nicht / den das Meer-Wasser und die Sonnen-Stralen geleutert haben. Zeno nam das Wort von ihr und meldete: Es muß das Meer-Wasser eine wunderwürdige Krafft haben / ungeachtet es sonst / seiner Fruchtbarkeit unbeschadet / so verächtlich gehalten wird. Denn sein Saltz und seine Bewegung bereitet auff gleiche Weise den seines Geruchs halber unvergleichlichen Ambra / welcher / wie ich in Indien selbst wahrgenommen / nichts / als ein von dortigen Fliegen oder Bienen in denen am Meer liegendẽ Steinklüften zusa engetragenes / hernach herunter gefallenes uñ von den Meereswellen ausgearbeitetes Wachs und Honig eben so wenig aber der meisten Meinung nach / als der Agstein eine Baum-Frucht / viel minder Schaum der Meerschweine / oder eine von dem Meere ausgearbeitete Fettigkeit der Erde / noch Mist / gewisser nur köstliche Würtze essender Vögel ist. Vielleicht aber fiel Salonine ein / bat der Agstein in Gallien Hispanien / Britannien und Mohrenland einen andern Ursprung. Die Gräfin versetzte: diese Länder haben zwar etwas / das dem Agsteine gleicht / keines weges aber den rechten ausgeklärten Agstein / welcher nirgends in der Welt als in dem deutschen Gebiete der Gothonen und Estier gefunden / daselbst seiner Durchsichtigkeit halber Glaß genennt / von dar nach Carmut / und folgends in Italien / Griechenland und Asien gebracht wird. Seinen ersten Werth aber haben ihm die Carthaginenser gegeben / welche ihn mit ihren Schiffen in Africa brachten; woraus vielleicht der Ruff kommen: daß in Mohrenland an dem Orte /wo Phaethon umkommen / des Ammons Wahrsagung und das Wachsthum des Agsteins zu finden sey. Adgandester bestetigte diß / und fuhr in seiner Erzehlung derogestalt fort: Als Narvas auff eben solchen Schiffen nach Carthago gebracht ward / führte gleich diese Stadt mit dem Könige Agathocles dem berühmten Töpffer-Sohne / von welchem / als er noch in Mutter-Leibe war / Apollo wahrgesagt hatte: daß er in Sicilien und Africa groß Elend stifften würde / Krieg. Dieser war zwar mit genauer Noth aus der belägerten Stadt Syracuse entronnen / und mit einem Theile seines Heeres in Africa kommen / hatte die Städte Magna und Tunis unversehens eingenommen / und eingeäschert; und Hanno war mit etlichen tausenden theils durch Agathocles List / indem er bey währender Schlacht eine Menge Nacht-Eulen / als ein Siegs-Zeichen der Griechen flügen lassen / theils durch des andern Feldherrn Bomilcars verrätherisches Weichen erschlagen / viel Städte und Festungen in Africa erobert; ja auch ihr Heer / welches Syracusa belägerte /von Antandern des Agathocles Brudern unversehens aufgeschlagen / und der Feldherr Amilcar / des Giscons Sohn / lebendig gefangen / hernach zu tode gepeinigt worden. In diesem Gedränge war Carthago /als das Schiff / auff welchem der junge Fürst Narvas war / in den Hafen lieff; welchen aber die Meyneidischen Kauffleute unterweges als einen Gefangenen gebunden hatten / und aus Begierde eines schnöden Gewiñes des Bomilcars Gemahlin für einen Knecht verkaufften / um selbten für die Wolfarth ihres noch nicht in die Stadt zurücke gekommenen Ehherrns dem Saturnus auffzuopffern; dessen ertztenes Bild mit zweyen Antlitzern / unter sich gestreckten Armen die ihm darauff gelegten Menschen unter sich in einen glüenden Schmeltzofen abstürtzet; und also hier von diesem grausamẽ Abgotte / mit welchem doch die Vorwelt nur die sich selbst verzehrende Zeit fürgestellet hat / in Warheit abgebildet ward: daß er seine Kinder fresse. Folgenden Tag aber rückte Agathocles mit seinen beyden Söhnen Archagathus und Heraclidas gar für Carthago; und ein Grieche ritt mit dem blutigen Kopfe Amilcars biß unter den Wall den Feinden selbten recht eigentlich[796] zu zeigen / welches die Behertzten auf die Mauern die Kleinmüthigen aber in die Tempel trieb / von ihren Göttern Hülffe zu bitten. Die blutdürstigen Priester der Saturnus und Hercules aberschrieben die Ursache alles Elendes der kaltsiñigen Andacht zu / indem sie ihrem Hercules nach Tyrus in vielen Jahren keine Zehnden geschickt / dem Saturnus aber keine Kinder / oder doch nur ungeartete uñ Fremdlinge geopfert hattẽ. Weil nun erschrockene Gemüther leichte zum Aberglauben bewegt werden /füllten die Frauen mit ihren güldenen Geschmeiden /Perlen / und Edelsteinernen Ohrgehencken ein ziemlich Schiff voll / und schickten es noch selbigen Tag nach Tyrus. Drey hundert edle Geschlechter brachten freywillig so viel ihrer Söhne in den Tempel des Esculapius zum Saturnus-Opfer. Der Pöfel aber / welcher beym Unglücke zugleich verzagt und grausam wird / war noch grausamer / als dieser Mord-Geist. Denn er nöthigte noch zwey hundert edle Häuser; und unter selbten auch Bomilcars eines ihrer Kinder zum Opfer herzugeben. Wiewohl nun Bomilcar nur einen einigen Sohn hatte / muste er doch in einen sauren Apfel beissen / und lieber seinen Sohn als den Schein des Vaterlandes missen. Aber seine Gemahlin Hipsicratea konte es nicht übers Hertze bringen sich eines so unschätzbaren Pfandes zu berauben. Daher nahm sie den gekaufften Fürsten Narvas / schnitt ihm seine schneeweisse Haare ab / und erstattete selbte durch falsche schwartz-gekräuselte; schmierte sein Antlitz und gantzẽ Leib mit allerhand färbendẽ Kräutern und Sesam-Oel ein: daß ihn nunmehr die braunen Africaner / nicht aber die weissen Estioner für ihr Lands-Kind annehmen konten. Welches der dienstbare Narvas / dem Hipsicratea hiebey auf alle ersinnliche Weise liebkosete / auch ihn anders nicht als ihren Sohn nennte / desto williger vertrug; weil er ihm nicht träumen ließ: daß man ihn zu einer so abscheulichen Abschlachtung mästete. Wie nun die besti te Zeit erschien / fuhren die Mütter auf köstlichen von Maul-Thieren gezogenen Sieges-Wagen mit ihren in ascherfärbichten Silber-Stücke gekleideten / und mit Cypressen / welche mit Quicken / Jaspissen und Topassen umbwunden waren / gekräntzten Söhnen gegen Mitternacht in den von allerhand Paucken und Saiten-Spielen bebenden Tempel / und also auch Hipsieratea mit ihrem aufgeputzten Narvas / den sie überredete: daß sie in dem Heiligthume die Banden seiner Dienstbarkeit auflösen / und wahrmachen wolte: daß er an ihr eine natürliche Mutter überkommen hätte. Das Kinder-Opfer gewan nicht nur im Angesichte des grossen Rathes / sondern ihrer selbsteigener Väter den Anfang / und die Mütter musten mit lachendem Munde ihre Söhne selbst dem fressenden Saturnus auf die Armen legen / oder vielmehr ihr Mutter-Hertze in einen giftigen Höllen-Pful verwandeln / und ihre Hände den Werckzeug der unempfindlichsten Hencker übertreffen. Der behertzte Fürst Narvas wuste anfangs nicht / was mit so viel edlen Knaben gespickt ward / ob er schon von ferne beym Abfall eines oder des andern einen feurigen Strahl aufschiessen sahe /biß ihm die bey etlichen Kindern aus den Augen rinnende Thränen die Sache verdächtig machten. Es waren ihrer wohl schon 200. von dem zerschmoltzenen Bley verschlungen; als die Reye an ihn kam / und die Opfer-Knechte ihn binden / und Hipsicrateen in die Hände liefern wolten. Er erblickte aber den feurigen Pful / sprang also zurücke / und als die Opfer-Knechte ihn gleichwohl antasten wolten /zohe er einem edlen Carthaginenser die Sebel aus der Scheide / und stellte sich zur Gegenwehr. Hipsicratea ward hierüber überaus verwirret / und das zuschauende Volck wendete nunmehr die Augen auf Bomilcarn / was selbter bey Entweihung dieses Opfers gegen seinem widerspenstigen Sohne entschlüssen würde. Denn ihm lag nunmehr vermöge der väterlichen Gesetze[797] ob / selbst an sein Kind Hand anzulegen. Bomilcar / welcher selbst nicht anders wuste / als Narvas wäre sein rechter Sohn / stand hierauf von dem Altare des Esculapius / für welchem er kniete / auf / umb dem Gottes-Dienst sein Recht zu thun; und das Gethöne verwandelte sich auf gegebenes Zeichen in ein tieffes Stillschweigen. Wie nun Bomilcar den Fürsten Narvas anredete: Mein Sohn / wilst du dem Willen der Götter und deiner Eltern widerstreben? Wilst du dein Vaterland lieber / als deinen ohnmächtigen Leib eingeäschert wissen? Narvas versetzte: Verrätherey hat mich zwar zu deinem Knechte / nicht aber zu deinem Sohne gemacht; und meine eigene Sprache zeiget: daß ich Carthago für mein Vaterland nicht; zu rühmen habe. Hiermit rieß er die falschen Haare vom Kopfe / streiffte den güldenen Rock von der lincken Schulter ab / und zeigte unter dem Arme einen Fleck der weissen Haut / zum Kennzeichen: daß sein Leib nur wäre angefärbt worden. Bomilcar verstu te / und sahe nur die gleichsam in einen Stein verwandelte Hipsicratea an. Das Volck aber ward gegen Bomilcarn und seine Gemahlin überaus erbittert /rannten zum Theil in seinen Pallast / und schleppten seinen Sohn Imilco in Tempel; welchen die unglückselige Mutter nunmehr nicht so wohl fürs Vaterland /als für den Vater und sich selbst aufopfern muste / da sie nicht von den Klauen des erbosten Pöfels wolten zerfleischet werden. Das Opfer ward hierauf vollendet / Fürst Narvas aber auf Befehl des Rathes im Tempel verwahret; welcher / als er auf den Morgen sich für dem Rathe rechtfertigte / und durch Einziehung seiner Verkäuffer sein Zustand entdecket war / nicht allein auf freyen Fuß / sondern auch in der Stadt Krieges- Dienste kam. In die Stadt kamen hingegen täglich schlimmere Zeitungen / wie nemlich Agathocles die Neustadt und Adryneet / ja wohl zwey hundert Städte erobert / mit dem Numidier Könige Elymas wider Carthago / welche zeither gantz Africa gedrückt und sich also verhaßt gemacht hatte / in ein Bündnüß getreten / auch mit einem Theile des Heeres biß in das innere Libyen gedrungen wäre. Wiewohl nun hierauf den Carthaginensern sich ein Sonnen-Blick zeigte /indem Agathoclens Heer / weil sein Sohn Archagathus einen tapferen und beliebten Kriegs-Obersten Lyciscus / der ihn ungebührlichen Zuhaltens mit seiner Stiefmutter Alcia beschuldigte / ermordet hatte /einẽ Aufstand machte / und den König / weil er seinen Sohn zur Straffe aushändigen wolte / in der Feinde Hände zu liefern vor hatte / so verwandelte sich doch selbter bald wieder in eine Donner-Wolcke. Denn /als Agathocles für dem gantzen Heere den Purpur ablegte / die Priester-Mütze / welche er an statt einer Königlichen Krone zu tragen gewohnt war / zu ihren Füssen warf / eines gemeinẽ Kriegs-Knechtes Kleid anzoh / und durch selbsthändige Hinrichtung seiner Gefängnüß fürko en wolte / ließ das vorhin wütende Volck durch den Aufruhr / wie das stürmende Meer in dem weichen Sande von seinem Brausen ab / und nöthigte ihn / sich der Königlichen Würden wieder anzumassen / verdiente also von ihnẽ aufs neue wieder gefürchtet zu werden / weil er für ihrem Dräuen und dem Tode selbst keine Furcht hatte. Rhemetalces fiel hier ein: Es wäre bey äuserster Gefahr kein besserer Rath als die Verwegenheit / sonderlich bey dem gemeinen Volcke / welches für allen Mittel-Dingen ein Grauen hat / und von dem äusersten Ende frecher Grausamkeit bey einer unvermutheten Entschlüssung zu der Erbarmnüß und Dienstbarkeit verfällt / gleich als wenn die Schamröthe über ihr Verbrechen anders nicht als durch übermässige Demuth vertilget werden könte. Und daher habe auch einer seiner Vorfahren Antigonus König in Macedonien durch ebenmässige Wegwerffung der ihn vom Volcke angefochtenen Krone nicht nur selbte / sondern auch die Bestraffung der Aufwiegler erhalten. Ja / sagte Adgandester / und Agathoclens Heer bemühete sich von Stund an durch[798] Tapferkeit ihre Scharte auszuwetzen. Massen sie denn die Carthaginenser / welche aus Sicilien mit etwas waren verstärckt worden / und den König Elymas durch Geschencke und Vertröstungen wieder auf ihre Seite brachten / aus dem Felde biß in das Läger unter die Stadt trieben / den König Elymas aber mit einem seiner Söhne und ansehlichem Heer erschlugen. An diesen Unglücken war es noch nicht genung; denn sie hengen meist wie die Ketten-Glieder an einander. Es kam in die Stadt Zeitung: daß Aphellas / der ein gewesener Kriegs-Oberster des grossen Alexanders gewest war / und anfangs das Königreich Cyrene dem Tyrannen Thimbro aus den Händen gewunden / dem Könige Ptolomeus unterthänig / hernach aber sich aus einem Unter-Könige zu einem eigenmächtigen Herren gemacht / mit den Atheniensern sich verbunden / von dar eine Enckelin des berühmten Miltiades Euthydica geheyrathet hatte / mit einem mächtigen Heere von Cyrenern und Griechen durch Marmarica dem Agathocles zu Hülffe im Anzuge wäre. Weswegen von Carthago ein ziemliches Heer gegen der Stadt Leptis so wohl dem Aphellas fürzubeugen / als die Abtrünnigen Numidier wieder an sich zu ziehen abgeschickt war. Bey dieser Gelegenheit entschloß sich Bomilcar eines gefährlichen Vornehmens / als welcher nicht allein lange Zeit sich zum Ober-Herren der Stadt Carthago zu machen im Schilde geführt / sondern auch die abgezwungene Opferung seines einigen Sohnes zu rächen beschlossen hatte; er hatte fünf hundert Bürger /und zwar meistentheils die / derer Kinder auch wider Willen waren geopfert worden / wie auch tausend geworbene Kriegsleute auf seine Seite bracht / mit diesen nahm er früh morgens den grossen Marckt ein /erklärte sich daselbst für einen König / ließ hierauf alle auf den Strassen ungewaffnet befindliche Bürger niederhauen. Wie nun aber die Stadt verstand: daß kein ausländischer Feind / sondern Bomilcar derogestalt wütete / grieffen die Bürger / und zwar der dem Hause des Bomilcars / gehässige Fürst Narvas am ersten zun Waffen / führte auch selbte so behertzt an: daß diese Aufrührer zerstreuet / und Bomilcar / welchen Narvas selbst mit einem Spiesse in die Seite verletzte / lebendig gefangen ward. Folgenden Tag ward Bomilcar auf dem Marckte / als dem Schau-Platze seiner Würden und Verbrechens an ein Creutze genagelt / welches er behertzt erduldete / und der Zuschauenden Menge beweglich zuredete: daß ihn die Grausamkeit ihrer blutigen Opfer und ihr Undanck gegen wohlverdiente Helden zu solcher Entschlüssung gebracht hätte; indeme er wahrgenommen: daß nach dem sie ihn seines einigen Sohnes beraubet / es ihm nicht besser gehen würde / als dem Hanno / welchẽ sie aus blossem Argwohn angemaßter Oberherrschaft getödtet; oder dem unschuldig vertriebenẽ Gisgo /und denen zweyen Amilcarn / derer einem sie verläumderisch beygemessen: daß er mit dem Agathocles unter dem Hute spielte; den andern gleichsam aber gezwungen hätten: daß er bey vernommener Flucht seiner Völcker sich selbst in sein eigenes Opfer-Feuer lebendig gestürtzet. Ob sie ihn nun hernach vergöttert /wäre doch biß ein merckwürdiges Beyspiel: daß sie die Güte einer Sache allererst nach ihrem Verluste schätzten; der Tugend aber im Leben Spinnen-feind wären. Wie aber diß alles bey vergällten Gemüthern wenig Mitleiden schaffte; also kam der noch junge Fürst Narvas in grosses Ansehen seiner Tapferkeit halber. Inzwischen war König Aphellas den Carthaginensern schon zuvor / und in Agathocles Läger ankommen / daselbst zwischen beyden grosse Verträuligkeit gemacht / und des Agathocles Sohn Heraclidas vom Aphellas zum Sohne angenommen worden. Weil aber dessen sein Absehn und Bündnüß dahin ging: daß Agathocles sich mit Sicilien und einem Stücke Italiens vergnügen / gantz Africa aber des Aphellas Beute seyn solte; überredete zu gelegener Zeit / als das Cyrenische Heer theils auf der Fütterung aussen /theils in der Ruhe war /[799] Agathocles sein Heer: daß Aphellas ihm mit Gift nachgestellet hätte; worauf die Cyrener alsofort überfallen / Aphellas getödtet / die meisten aber sich unter die Sicilier unterzustellen gezwungen wurden. Mit diesem vereinbarten Heere rückte er für Utica / und nahm selbtes stürmender Hand ein; weil die Belägerten ihre an die Spitzen gestelllen Mit-Bürger und Bluts-Freunde / die Agathocles vorher gefangen bekommen hatte / zu beleidigen eine lange Zeit anstunden / also durch eine unzeitige Barmhertzigkeit die gantze Stadt ins Verterben stürtzten. Hierauf ergabe sich des Agathocles Sohne Archagathus / und seinem Feldhauptmanne Eumachus die grosse Stadt Tocas / Phellnia / Moschala / die Pferde-Burg / und Acris mit einem grossen Theile Numidier und Asphodeloder. Und es wäre alles vollends von den Siciliern überschwemmet worden / wenn nicht Fürst Narvas / welcher inzwischen in die Stadt Miltine mit einem Theile Celten zur Besatzung war gelegt worden / den hochmüthigen Feind mit überaus grossem Verlust abgetrieben hätte. Dieser glückliche Streich / und achtzehn aus Hetrurien mit Semnonischen und Bojischen Hülffs-Völckern ankommende Schiffe versetzte gantz Africa in einen andern Zustand / und ermunterte die Carthaginenser: daß sie mit dreyen Heeren gegen ihre Feinde aufzohen. Darunter das mitlere unter dem Hanno den Sicilischen Feldhauptmann Eschrion erlegte; das äuserste aber führte Imilco gegen Numidien. Wie nun Eumachus gegen selbtes anzoh / rieth der darzu kommende Fürst Narvas / er solte die Helffte jenes Heeres unter ihm zum Hinterhalte lassen / und bey Zeite sich anstellen / als wenn er die Flucht nehme. Als nun hierauf Eumachus den mit Fleiß weichenden Imilco unvorsichtig verfolgte /fiel Fürst Narvas mit der andern Helfte des Heeres dem Feinde in den Rückẽ / und machte eine so grosse Niederlage: daß von drey und zwantzig tausend Mann Fuß-Volck mehr nicht als dreissig / und von acht hundert Reitern nur viertzig davon kamen. Mit dem dritten Heere schnitt Artabas dem Feinde an der Seite gegen das Meer alle Zufuhr ab. Endlich als in dem Mohrischen Lager bey ihrem Opfer ein heftiger Brand entstand / und viel Carthaginenser verzehrte / kam des Nachts in der Sicilier Läger ein unvermuthetes Schrecken: daß sie alle die Flucht ergriffen / und hierüber wohl viertzig tausend Mann einbüßten. Welches den Agathocles so verzweifelt machte: daß er heimlich entwiech / und seine Söhne im Stiche ließ / welche das Kriegs-Volck ermordete / den Carthaginensern alle eroberte Städte verkauffte / und sich selbst grossen Theils in ihre Dienste begab. Fürst Narvas aber gerieth inzwischen in einen kläglichen Zufall; denn als er nach erobertem Siege wider den Eumachus dem noch feindlichen Könige der Numidier und Mohren Ergamenes einfiel / dieser aber mit Fleiß den Narvas biß in die innersten Sand-Wüsteneyen verleitet hatte / besetzten die Mohren alle Pässe; also: daß die Carthaginenser / welche schon die Helffte theils vom Durste / theils von Schlangen verlohren hatten / dem zehnmal stärckern Heere des Ergamenes nur die Stirne bitten musten. Die Verzweifelung zwang ihnen ungläubliche Helden-Thaten ab / und fügte den Mohren nicht geringen Schaden zu / indem keiner ungerochen starb; endlich aber ward die Menge doch ihr Meister /Fürst Narvas nach zwantzig empfangenen Wunden gefangen / und mit etlichen wenigen Semnonern und Celten nach Cirtha gefangen bracht / endlich gar nach Meroe geführt. Zu ihrem grösten Unglücke hatten diese in der Schlacht zwey Affen umbbracht / welchen die Numidier und Pithecusier / so wie die Egyptier den Hunden Göttliche Ehre erweisen / und sie als ihre Helffer in alle Schlachten mit nehmen; die aber / welche sich an ihnen vergreiffen / unnachläßlich am Leben straffen. Die Gefangenen wurden von den Numidiern und Mohren zwar wohl gepflegt / aber zu ihrem Tode; welcher ihnen denn auch angesagt ward.[800] Zu welchem Ende sie den Tag vorher der Gewohnheit nach an die Stadt von beyden Seiten berührenden Nil-Strom geführet wurden / sie daselbst abzuwaschen. Narvas / welchem der Kerckermeister in geheim aus Erbarmnüß vertraut hatte: daß sie auff den Morgen solten von grimmigen Affen / welchen man die Gefangenen zu opffern pflegte / zerrissen werden / nahm die Gelegenheit in acht / und entschwam seinen Hütern über den wol eine halbe Meile breiten Fluß. Ob nun wol iederman verzweiffelte: daß er es das andere Ufer zu erreichen schaffen würde / so entkam er doch aus dem Wasser und durch einen blossen Zufall in den an dem Ufer liegenden Königlichen Garten; als die Königin Elisa ihre Tochter Andraste / und ihr Sohn der junge Fürst Syphax gleich daselbst frische Abendlufft schöpffte. Sie hatten dem schwimmenden Narvas lange von ferne zugesehen / als sie einen so schneeweissen Wassermann aus dem Flusse steigen sahen; welcher aber für Müdigkeit so viel Kräfften nicht hatte ihre Frage / wo er dahin käme / zu beantworten; biß König Ergamenes selbst auch darzu kam / und Fürst Narvas für einen Gefangenen erkennt / also auf inständiges Anhalten eines blutbegierigen Affen-Priesters wieder gefangen in die Stadt geführet / und auf den Morgen in den grausamen Mord-Tempel zum Opffer geführet ward. Im hingehen drückte ein Numidier ihm eine kleine Schachtel in die Hand; welche Narvas bey der ihm verstatteten Entkleidung eröffnete; und darinnen nebst etlichen eingebisamten Kugeln dieses zu lesen fand: Die / welche an unschuldiger Aufopfferung einer liebens-würdigen Schönheit ein grosses Mißfallen hat / übersendet dir ein sicheres Mittel aller Affen Zähne und Klauen stumpff zu machen. Narvas wuste nicht / ob er dieser Nachricht Glauben zustellen / oder dieses ihm gleichsam vom Himmel gefallenen Mittels sich bedienen solte. Wie nun aber er in den Schauplatz / welchen der gantze Königliche Hoff / und eine unglaubliche Menge Volck anfüllte / gebracht / die hungrigen Affen auch /welche mit ihren Gebehrden ihre Blutbegierde genungsam entdeckten / aus ihren gegitterten Kefichten gebracht waren / und sie also grimmig auf ihn zurennten / schüttete Narvas unvermerckt die Kugeln an Erdboden; nach welchen die Affen Augenblicks schnapten / hierüber aber einander so grimmig in die Haare fielen: daß derer etliche zwantzig todt auff dem Pflaster liegen blieben / die übrigen aber so verwundet und abgemattet waren: daß Narvas zu grosser Verwunderung des Volckes / und Verbitterung der Abgöttischen Priester unversehret blieb. Die Tunckelheit des Ortes hatte diese Zanckkugeln aller Zuschauer Augen verborgen; und also urtheilte nicht nur das Volck / sondern der König selbst: daß die Götter an dem Tode dieses schon zweymal wundersam erretteten Menschen ein Mißfallen haben müsten; daher wolte er den Priestern kein Gehöre mehr geben; welche unter dem Scheine der Andacht seine Hinrihtung so eifrig suchten. Dieser Verhindernüß legten die nach und nach einlauffenden Zeitungen ein groß Gewichte bey: daß Carthago nicht nur wieder allein Meister in Africa worden / sondern des Agathocles Feldhauptmann Pasiphilus in Sicilien wider ihn aufgestanden wäre / und zum Dinocrates zum Haupte derer von Syracuse vertriebenen Bürger sich geschlagen hätte. Endlich hielt den Ergamenes von aller grausamen Entschlüssung eine Botschafft der Stadt Carthago zurücke / welche dem Fürsten Narvas und etlichen noch übrigen Gefangenen und völlige Freyheit erbat / und das alte Bündnüß mit Carthago wieder befestigte. Die Affen-Priester wurden hierüber so erbittert: daß sie dem Könige durch einen schlechten Boten anbefehlen liessen: Er solte sich alsofort selbsthändig hinrichten. Denn diese Gewalt zu befehlen hatten von Alters her die Mohrischen Priester über ihre Könige. Ergamenes[801] aber ergrimmte über dieser Vermessenheit so sehr: daß er den unverschämten Boten durchstach / mit gewaffneter Hand zu dem gantz güldenen Tempel eilete / alle Priester tödtete / sich zum obersten Priester erklärte und einen gantz neuen / der Königlichen Herrschafft besser anständigen Gottesdienst aufrichtete. König Ergamenes führte hierauf die Gesandten und den Fürsten Narvas auf eine Elefantẽ-Jagt / in eine mit eitel Oel- und Myrthen-Bäume bewachsene Wildnüs gegen dem Flusse Nubia / auf welcher Fürst Narvas das Glücke hatte / nicht allein einem Elefanten /der den König nach empfangener Wunde mit samt dem Pferde zu Bodem rennte / unter dem Schwantze einen Wurfspieß in Leib zu jagen / sondern auch einer Schlange Minia / welche auch einen Hirsch zu tödten und zu verschlingen mächtig ist / auch dißmal die mit ihrem Pferde bey Verfolgung eines Elefanten in einen Graben stürtzende Fürstin Adraste schon umwunden hatte / den Kopf abhieb / also beyde aus augenscheinlicher Todes-Gefahr errettete. Bey welchem Zufalle Adraste dem Fürsten Narvas eröfnete: daß sie ihm aus Erbarmnüß die von Panterthieren ausgezogene Bisam-Kugeln / welche nicht nur die Affen durch ihren annehmlichen Geruch bethörten / sondern auch die Schlangen tödteten / heimlich hätte zuschieben lassen; Fürst Narvas hingegen ihr seine inbrünstige Liebe / welche ihn bey ihrem ersten Anblicke eingenommen / bey itzt vernommener Errettung aber ihn völlig bezaubert hätte / eröfnete. Adraste wuste ihre Liebe durch ihre Mutter Elisa auch so klüglich einzurichten: daß Ergamenes selbst seine Tochter Adraste dem Fürsten Narvas nebst dem Königreiche Massesyler anbot. Die Priester der Stadt Mulucha aber / welche daselbst / wie zu Argib / den Erretter der Andromeda Perseus göttlich verehren / schickten nach vernommener behertzter Erlösung Adrastens alsbald an den Fürsten Narvas / und erklärten ihn bey Uberreichung einer güldenen Mütze / eines helffenbeinernen Stabes / und eines ertztenen Schildes / worauf die an den Felsen bey Joppe gebundene Andromeda / und der ihr zu Hülffe kommende Perseus künstlich geetzet war / zu einem Priester des Perseus und Andromedens. Wiewol nun diese unvermuthete Würde dem Fürsten Narvas anzunehmen ziemlich bedencklich war / so dorffte er doch in dem Lande / wo er nunmehr den Grundstein seines Glückes zu legen vermeinte / diß / was bey iederman in so grossem Ansehen war / nicht verächtlich wegwerffen. Inzwischen kam der gantze Hof nach der Stadt Nigira / (welche an dem See / wo der achzehn Meilweges unter der Erden gekrochene Fluß Nigir wieder hervor kommt /gelegen ist /) allwo das Hochzeit-Feyer mit grosser Pracht und Frolocken des Volckes vollzogen ward. Wie nun aber Fürst Narvas seiner Braut in dem zum Beylager besti ten Zimmer mit höchstem Verlangen erwartete / sagte ihm einer seiner Vertrauten: daß die Priester sie für etlicher Zeit in den Tempel der Derceto abgeholet hätten; weil alle / und so gar die Königlichen Bräute daselbst ihre Jungfrauschafft denen Priestern aus einer besondern Andacht aufopffern müssen. Narvas ward über dieser thörichten Zeitung halb rasend / er grief daher sein Schwerd / und rennte mit seinem einigen Ansäger durch die stockfinstern Gassen dem Tempel zu; allwo er die in Thränen schwimmende und aus einer Ohnmacht in die ander fallende Adraste unter den Armen der geilen Priester antraf; welche sie zu entkleiden / und hernach in das daselbst bereitete heilige Bette zu legen bemüht waren. Diese Weichlinge wurden des Fürsten ehe nicht gewahr /biß er dem einen die vorwitzige Hand abgehauen / des andern Brust durch und durch gestochen hatte. Dieser Anblick zerstreute in einem Augenblicke die Priester; und verstattete dem für Eifersucht schäumenden Bräutigam seine halb verzweiffelte Adraste durch den Garten der Burg unvermerckt in sein Gemach zu bringen. Er hatte aber kaum etliche mal seine wieder zu sich kommende Braut umarmet / als sich für der Burg[802] anfangs ein Geräusche / hernach ein ie länger ie mehr wachsendes Getümmel des Volckes mit unzehlbaren Windlichtern spüren ließ. Kurtz hierauf kam König Ergamenes und die Königin Elisa gantz erblast ins Zimmer / berichteten den Aufruhr des Volckes; und daß sie wegen Beleidigung der Priester und der alten Sitten in höchster Lebensgefahr schwebten. Nach langer Berathschlagung und einlauffendem Berichte: daß der rasende Pöfel schon das eine Thor des Hofes aufgewogen / und man also keine Ausflucht mehr zu finden hätte / setzte Narvas die zu Thirmida bekommene güldene Mütze auff / nahm den Helffenbeinernen Stab in die rechte / den Schild der Andromeda in die lincke Hand; gürtete aber sein Schwerd unter seinen Purpur-Mantel / und trat in Begleitung wol 100. Wachsfackeln an der innersten Pforte dem Volcke entgegen. Diese unverhoffte Begegnung hemmete den ersten Sturm des Volckes; als er aber ihnen noch ferner einhielt / durch was Verdienste er die Würde des Priesterthums erworben; mit was Unrechte ihm derogestalt die Priester seine Braut entführet; mit was Aergernüsse sie ihre Geilheit unter dem Scheine der Andacht bekleideten / und die Blüten der Jungfrauschafften denen keuschesten Seelen wegraubten / verwandelte das leicht bewegliche Volck nicht alleine ihre Raserey in jauchzende Glückwünsche / sondern sie brachten es auch dahin: daß denen unzüchtigen Priestern dieses schandbare Vorrecht durch ein Reichs-Gesetze abgeschafft ward. Fürst Narvas aber lebte in höchster Vergnügung mit seiner tugendhafften Gemahlin / übte wider den feindlichen schwartzen König grosse Heldenthaten aus / erweiterte sein Massesylisches Königreich durch kluge Krieges- und Friedens-Künste / zeugte mit Adrasten drey tapffere Söhne /Narvas / Gala / Desalces / und erfüllte gantz Africa mit seinem Ruhme.

Dieser junge Fürst Narvas begab sich im siebzehnden Jahre seines Alters in der Stadt Carthago Kriegsdienste; brachte sich auch durch seine Tapfferkeit nach kurtzer Zeit in solches Ansehen: daß er in Sicilien zum Obersten über die Numidischen Hülffsvölcker gemacht ward. Es ereignete sich aber: daß als der kühne und verschmitzte Amilcar Barca seine wunderschöne Tochter Sophonisbe nach Lilybeum mit überbrachte / und Autaritus der Celten Heerführer sich zugleich in sie verliebten / und ieder durch seine behertzte Herfürzückung beym Amilcar sich in Ansehen / bey Sophonisben in Gewogenheit zu setzen trachtete. Amilcar gab beyden ein geneigtes Auge / theils weil ieder dieser Liebhaber sein Eydam zu seyn verdienten / theils daß er sie anreitzte durch heldenmäßige Thaten einander das Vortheil abzurennen. Gleichwol schien endlich Fürst Narvas bey Sophonisben /Fürst Autaritus beym Amilcar den besten Stein im Brete zu haben. Hierüber machte Rom und Carthago mit einander Friede / und Amilcar / dessen Macht und Glücke ohne diß viel in die Augen gestochen hatte /legte seinen Stab nieder / und zohe mit Sophonisben nach Hause. Der Rath zu Carthago beschloß zwar klüglich bey so verdächtigem Frieden kein geworbenes Kriegsvolck abzudancken / noch durch Ersparung der Verpflegungs-Kosten die allgemeine Sicherheit in Gefahr zu setzen; Weil aber der Stadthalter zu Lylibeum Gescon vernünfftig überlegte; wie gefährlich es sey fremde Völcker zu Hülffe zu ruffen / indem noch in frischem Andencken war / wie die Carier vom Cyrus / Rhegium und Messana neulich von Römern /Griechenland von Philippen unter das Joch gespannet worden; ja daß fremde Kriegsvölcker entweder stets wider den Feind geführet / oder ihre Kräfften und Laster wie die schwermenden Bienen durch den Rauch zertheilet werden müssen; so schickte Gescon sie auff einzelen Schiffen nach und nach in Africa. Allhier aber fing Amilcar so wohl den Narvas als Autaritus über Achsel anzusehen; theils weil der Barckische Stamm / so sich noch von der Königin Dido herrechnete /[803] aller andern Geschlechter zu Carthago / vielmehr aber fremder sich zu gut achtete; theils weil sich Gescon selbst Sophonisben zu heyrathen anmeldete. Fürst Narvas erfuhr inzwischen nicht nur von der ihm geneigten Sophonisbe die Ursache solcher Veränderung; sondern auch: daß Amilcar an dem Adel des Fürsten Narvas und Autaritius gezweiffelt hatte. Dieses bewegte ihn dem Amilcar seine Vertröstungen der Heyrath wegen schrifftlich einzuhalten / auch ihn zu versichern: daß er sein Fürstliches Geschlechte von solchem Alter / als der Barkische Stamm immermehr hätte / ausführen könte. Allein er begehrte sich mit den verrosterten Schilden seiner Vorfahren nicht zu behelffen / weil Amilcar in Sicilien selbst gesehen: wie viel er ihrer selbst den Feinden abgerissen hätte. Vermeinten die Mohren seine Neuigkeit verächtlich zu halten / so müste er derselben Zagheit verlachen /derer Eltern sich selbst solcher Kinder schämen / ihn aber zu ihrem Sohne wünschen würden / wenn sie aus ihren Gräbern aufstünden. Also möchte er sein Ansuchen nicht verschmähen. Hätte er das Glücke des grossen Amilcars Tochter zu heyrathen / so würde Amilcar sich des unvergleichlichen Tuisco und des mächtigen Hiempsals Enckel zum Eydame zu haben sich nicht schämen dörffen. Autaritus versuchte gleichfals sein Heil aufs beste; aber die Freundschafft des Gescon überwog sie endlich: daß Sophonisbe zu höchster Verbitterung beyder Fürsten jenem versagt / durch solchen Verlust aber des Fürsten Nervas und Autaritus durch die Eifersucht eine zeitlang zertrennte Vertrauligkeit wieder ergäntzet ward. Dieses geschah /als der Rath zu Carthago aus Mangel Geldes zur Bezahlung alle fremde Hülfsvölcker mit Sack und Pack höchst unvernünfftig in der Stadt Sicca sich zusammen ziehen / daselbst eine zeitlang schädlicher Ruhe genüssen ließ; welche anfangs in Muthwillen / hernach in Verwegenheit den rückständigen Sold mit Ungestüm zu suchen sich verwandelte. Jedoch bildete der Rath ihm nichts weniger ein / als daß so viel durch Sprachen und Sitten von einander unterschiedene Völcker so bald wieder Carthago unter einen Hut gebracht werden könten / daher meinten sie durch den Hanno ihnen die Helffte ihres sauer verdienten Lohnes und den Werth der eingebißten Pferde abzudingen. Welch Anmuthen aber ihnen so beschwerlich nicht fiel / als daß sie diese Unterhandlung durch keinen Feldherren / der in Sicilien ihre Kriegs-Thaten gesehen hatte / bewerckstelliget ward; daher setzten sie sich mit 20000. Mann zu grossem Schrecken der Stadt Carthago für Thunis; fluchten insonderheit auf Amilcarn / als welcher um sich seiner betheurlichen Versprechungen güldener Berge loß zu machen sein Ampt abgelegt / und die zwey tapffern Fürsten Narvas und Autaritus / derer Tugend die Herrschafft der gantzen Welt verdiente / durch Versagung seiner Tochter beschimpft hätte. Nach dem aber Gescon in Sicilien bey dem Kriegsvolcke sehr angenehm gewest war /schickte der Rath von Carthago ihn diese Völcker zu bestillen; Als inzwischen sie dem Fürsten Narvas und Autaritus die Ober-Gewalt über sich aufgetragen /und bey dieser ihrer Verweigerung einen Africanischen Edelmann Mathos und einen Campanier von Geburt Spendius zu ihren Häuptern erwehlt hatten. Gescon mühte sich zwar auf alle weise sie zu besänfftigen; wie sie aber um Bezahlung des rückständigen Getreides anhielten / und Gescon aus unzeitiger Ubereilung solche bey ihrem Mathos zu suchen nicht allein sie anverwieß / sondern auch einen frechen Balearier mit seinem Degen verwundete; fielen die nechsten den Gescon an / welcher unzweiffelbar von der ergrimmten Menge wäre erwürgt worden / wenn nicht Fürst Narvas seinen Nebenbuhler zu beschirmen sich unterwunden hätte. Gleichwol konte er nicht verwehren: daß er in Banden geschlossen und ins Gefängnüß gelegt ward; und[804] Mathos durch Botschafften fast alle Völcker zum Aufstande wider die Carthaginenser / als die Feinde der allgemeinen Freyheit bewegte. Sintemal diese mit so viel Unrecht zeither beleidigten Völcker kaum so geschwinde die Post hiervon bekamen /als sie die Carthaginensischen Gewalthaber und Zöllner tödteten / den Hülffsvölckern ihren völligen Rückstand zahlten / grosses Geld zu Fortsetzung des Krieges fürschussen / und selbst mit 70000. Mann ins Feldrückten. Hiermit kamen Utica und Hippacrita in euserste Gefahr; sie beschlossen auch die in einem halben Eylande zwischen dem Meere und einem See liegende Stadt Carthago / und erlegten den Hanno nach angestellter Flucht mit vielen Elefanten und fast den letzten Kräfften der so mächtigen Stadt in zweyen Schlachten. Welches verursachte: daß Amilcar wieder zum Kriegshaupte erwehlet ward; welchem Fürst Autaritus durch einen Gefangenen anbot / mit seinen Celten und Semnonern von den Abtrinnigen ab- und zu ihm zu treten; da er ihm Sophonisben vermählen wolte; weil er an diesem Aufstande kein Gefallen trüge / auch seine Sebel noch nie wieder Carthago gezückt hätte. Hiernebst schickte er zugleich mit eine schrifftliche Verzicht des gefangenen Gescons / welcher um seine Freyheit zu erlangen gerne seine Buhlschafft vergessen wolte. Weil aber Amilcar so wol von Römern als dem Könige Hiero zu Syracusa eine ansehnliche Hülffe bekam / schlug er dieses verächtlich in Wind; welches den Fürsten Autaritus so sehr bitterte: daß er endlich in das lange Zeit hinterhaltene Verlangen des Spendius / nehmlich in den Todt des Gescons willigte; welchem wie auch siebtzig andern Edlen Carthaginensern die Hände abgehackt / die Beine zerbrochen / und sie noch lebend in die Erde geschorren wurden; mit gemachtem Schlusse: daß es hinfort allen Gefangenen nicht besser ergehen solte. Also verwandelt hefftige Liebe seine Anmuths-Blicke in grausame Basilisken-Augen; Und die Geschwüre der Gemüther sind viel schädlicher / als die Gifftdrüsen der Leiber. Ja Autaritus und Spendius bewegten die zur Besatzung Sardiniens gelassene Libyer und Hispanier so weit: daß sie den Stadthalter Bostar mit allen Carthaginensern todt schlugen / den mit neuer Hülffe ankommenden Hanno aber kreutzigten; und also dieses gantze Eyland ihrer Gewalt entriessen. Für dieser Grausamkeit aber hatte Fürst Narvas eine solche Abscheu: daß er um Mitternacht mit seinen Numidiern heimlich aus dem Läger wich / und am tagenden Morgen für Amilcars Lager kam; seine Waffen freywillig von sich gab / und als man ihn auf sein Begehren zum Amilcar führte / ihn folgenden Inhalts anredete: Seine Liebe gegen der unvergleichlichen Sophonisbe / die Wolthaten der Stadt Carthago gegen seinem Vater hätten ihn zeither zurücke gehalten den Degen zu zucken / wider die Stadt / welche die Beherrscherin seiner Seele zum Vaterlande / sein Vater aber zu seiner ersten Aufnehmerin gehabt; wiewol er darfür hielte: daß der Rath durch angefügtes Unrecht so viel tapffere Kriegsleute wider sich in Harnisch bracht hätte. Nach dem aber Spendius durch unmenschliche Grausamkeit das Recht der Völcker verletzt / und des feindlichen Heeres Sache böse gemacht / triebe ihn sein Gewissen und der Reitz der Tugend unter einem so behertzten Feldherren die Waffen für Carthago zu führen. Weder der Tod des unglückseligen Gescons / noch sein Verdienst machten ihm einige Hoffnung zur Besitzung der unschätzbaren Sofonisbe; weniger hielte er ihm für anständig ihre Heyrath durch ihres Vaterlandes Nothstand und durch bedungene Hülffe auszuwürcken. Er hätte nunmehr sein Gemüthe derogestalt beruhigt: daß sein Verlangen mit dem Verhängnüsse in völliger Eintracht lebte / seinen Vorsatz aber dahin gerichtet: daß Carthago zwischen ihm und einem eingebohrnen Bürger / Amilcar aber zwischen dem[805] Fürsten Narvas und einem würcklichen Eydame keinen Unterscheid finden würden. Wie der Sternseher Rechnung eintreffe / sie setzten gleich die Bewegung der Sonne und die Unbewegligkeit der Erde / oder die Unbewegligkeit der Sonne und die Herumdrehung der Erde zu ihrem Grunde; also wäre es einem vernünfftigen einerley Glückseligkeit: Ob er alles haben könte / was er verlangte; oder nichts verlangte / was er nicht haben könte. Daher wären mit ihm alle Klugen glückselig / weil sie nichts unmögliches suchten; alle Unvernünfftige aber unglücklich /weil sie alle fremde Güter in die Augen stächen. Amilcars Gemüthe ward durch solche Freymüthigkeit dieses Fürsten / und die der Stadt Carthago zuwachsende Hülffe bey dieser ersten Umarmung bewogen /demselben nun nicht mehr seine Tochter vorzuhalten /oder sich selbst und sein gantzes Glücke einer fremden Stadt zuzueignen / sondern selbte vielmehr dem Fürsten Narvas durch einen theuern Eyd zu versprechen. Welche Entschlüssung eine unmäßige Freude in beyder fürlängst verliebter Hertzen / und die demüthigste Ehrenbezeugung gegen Amilcarn verursachte. Denn es können auch die beständigstẽ Seelen eine unvermuthete Freude so wenig in ihrem Hertzen /als die tiefsten Bette der Ströme einen plötzlichen Wolckenbruch in ihren Ufern beschlüssen. Wie nun Amilcar seine erste Krieges-Klugheit darinnen erwieß: daß er an dem Einflusse des Flusses Macar ins Meer wahrnahm / wie selbter zu gewisser Tages-Zeit gleichsam gantz versändet war / und daher über diesen Sand und das Schilf sein gantzes Heer zu höchster Bestürtzung des Mathos übersetzte / als welcher den Strom und das Gebürge allenthalben starck besetzt hielt / ja dem Spendius bey der verschantzten Brücke in Rücken gieng / sechs tausend Mann erlegte / zwey tausend gefangen nahm / die vom Mathos neugebaute / und mehr andere verlohrne Städte wieder eroberte; also besiegelte Fürst Narvas seine Treue mit klugem Rathe und unglaublicher Tapfferkeit / als Amilcarn die Africaner vor- die Numidier hinterwärts / Spendius aber auf der Seite umsetzte. Denn er machte mit seinen Edlen Numidiern Amilcarn einen solchen Muth: daß er mit seinen wol zweyfach stärckern Feinden eine Schlacht wagte / in welcher ihrer 10000. auf der Wallstatt blieben / 4000. gefangen / Autaritus von Amilcarn / Spendius vom Narvas gefährlich verwundet wurden. Alleine dieses herrlichen Sieges Furcht verderbte die zwischen Amilcarn und dem neidischen Hanno sich entspinnende Zwytracht / die Mißgeburt der ruhmwürdigsten Thaten / und die Stiefmutter des geneigten Glückes. Denn Mathos und Spendius erholeten sich nicht alleine bey dieser Windstille / sondern der von Liebe und Rache brennende Fürst Autaritus brachte durch seine durchdringende Annehmligkeit die zwey vorhin getreuesten Städte Utica und Hippacrita zum Abfall; ja Carthago ward vom Mathos Spendius / und denen Africanern / welche der König des innern Libyens Zarxas aufs neue zu Hülffe bracht hatte / belägert. Als aber Hanno zurück geruffen / und Hannibal Amilcarn zugegeben ward / wandte sich das Glücke abermals. Denn Fürst Narvas schnitt mit seiner Reuterey den Belägerten alle Zufuhr ab / also: daß sie selbst mehr für belägert zu achten waren / und die Gefangenen und Knechte selbst für Hunger aufffrassen / und endlich sich Autaritus / Zarxas und Spendius bey der Stadt Prion Amilcarn mit Bedingung: daß er zehn Rädelsführer nach Belieben straffen / alle andere aber mit schlechten Kitteln fortschicken möchte / ergeben musten. Weil aber das feindliche Heer /welches von dieser Behandlung nichts wuste / zu den Waffen grief / die noch übrigen wenigen Semnoner und Celten auch die Gefängnüß ihres Fürsten Autaritus nicht erdulten konten / grieffen sie zur Unzeit nach den Waffen; ihrer aber ward wol 40000. theils von den Elefanten und[806] Pferden zertreten / theils durch die Schärffe der Sebeln in die Pfanne gehackt. Amilcar /Narvas und Hannibal rückten hierauf für Tunis; und weil diese Stadt sich nicht ergeben wolte / ließ Amilcar / wie beweglich sich gleich Narvas hierwieder lehnte / den Fürsten Autaritus und Spendius unter der Stadtmauer an hohe Kreutze anpflöcken. Dieses traurige Schauspiel rechnete der belägerte Mathos in einem unversehnem Ausfalle in des unachtsamen Hannibals Läger mit etlicher tausend Carthaginenser Hinrichtung; ja er ließ den gefangenen Hannibal selbst an die Stelle des abgenommenen Spendius anhefften / und 30. der Edelsten Feinde dem Autaritus zu einem Versöhnungs-Opffer durch hunderterley Qval abschlachtẽ. Gleichsam als wenn es beyden Kriegenden nicht so wol um den Sieg / als den Vorzug in der Grausamkeit zu thun wäre. Hanno kam hierauf aus der abermals bebenden Stadt Carthago mit 30. Rathsherren ins Läger / welche durch des Fürsten Narvas Vermittelung den Hanno mit Amilcarn aussöhnte. Der verzweiffelte Mathos forderte mit seinen letzten Kräfften Amilcarn endlich zu einer Schlacht aus / darinnen er aber den Kürtzern zog / selbst gefangen nach Carthago zum Siegs-Gepränge geführet / daselbst mit glüenden Zangen zerrissen / Sophonisbe und Narvas mit höchstem Frolocken vermählet / und durch Unterwerffung Afrikens dieser Krieg geendiget ward / zu einem unvergeßlichen Denckmale: daß einheimische Kriege nicht nur die schädlichsten / sondern auch die grausamsten sind.

Wie aber die irrdische Glückseligkeit an Zerbrechligkeit dem Glase / an Veränderung der Lufft überlegen ist; also genaß Fürst Narvas wenige Jahre seiner süssen Eh / und nach seinem verstorbenen Vater der königlichen Herrschafft. Ob nun wol er einen dreyjährigen Sohn Lacumarn nach sich verließ; so verfiel doch nach den Africanischen Reichs-Gesetzen das Reich auff des Narvas ältesten Bruder Gala.

Als dieses derogestalt in Africa erfolgte / geriethen hingegen die Deutschen in Italien ie länger ie mehr ins Gedränge. Denn das Glücke gleichet sich mit seinen Umwechselungen dem wütenden Meere; welches an einem Orte neue Eylande gebieret / am andern aber so viel den Ufern abspielet. Oder das von so vielen Siegen aufgeblasene Rom wolte nunmehr als ein grosses Meer alle Länder überschwemmen / und alle Nachbarn in seinen Rachen verschlingen. Massen die Römer nicht alleine wider die Ligurier und Insubrier eine Kriegs-Ursache vom Zaune brachen / sondern auch Publius Valerius eigenmächtig / und ohne einige Kriegs-Ankündigung die Semnoner überfiel / aber von ihnen derogestalt empfangen ward: daß er vierdtehalbtausend Römer an dem Flusse Sapis sitzen ließ. Und ob er zwar hernach mehr aus einer blinden Verzweiffelung als aus einer vorsichtigen Tapfferkeit den Semnonern einen Abbruch that; hielt der Römische Rath doch des Valerius Vortheil so geringe: daß ihm das verlangte Siegsgepränge verweigert ward. Viel glücklicher überfiel Grachchus ohne die geringste Ursache / und unter erdichtetem Vorwand: daß etliche Römische Handelsleute wären beraubet / und ins Meer geworffen worden / die unschuldigen Ligurier /und die durch innerliche Unruh entkräftete Carthaginensische Besatzung auf den Eylanden Sardinien und Corsica. Denn nach dem sie auf diesen unglaublichen Raub gemacht hatten / Carthago aber die abtrinnigen Sardinier zum Gehorsam bringen wolte / nahmen sich die Römer der Aufrührer an / und zwangen diese ohnmächtige Stadt ihnen den Frieden durch Abtretung Sardiniens und zwölff hundert Talent abzukauffen; denen Semnonern / Celten und Bojen aber befahlen sie gantz Italien zu räumen. Weil nun die Semnoner Italien nicht räumen wolten / sondern mit den Bojen und Liguriern wider den allgemeinen Feind sich verbanden; zohen die Bürgermeister Lucius Cornelius und[807] Qvintus Fulvius mit zweyen vereinbarten Heeren ins Feld; mit derer grossen Macht die Deutschen zu schlagen nicht trauten / sondern sich stets in vortheilhaffte Oerter zwischen Sümpffe und Gebürge setzten: daß ihnen die Römer zwar nichts abgewinnen konten / aber müde und verdrüßlich gemacht wurden. Wie nun die Bürgermeister ihre Heere zertheilten in Meinung der Semnoner Gebiete gäntzlich zu verheeren /und dem Feinde alle Lebensmittel abzuschneiden /oder gar über den Po zu setzen; fiel Hertzog Ates des Nachts unversehens des Fulvius Lager an / bemeisterte sich der einen Pforte / erlegte etliche tausend Römer / wäre auch des gantzen Lägers Meister worden / wenn er nicht auf erhaltene Nachricht: daß Cornelius dem Fulvius zu Hülffe eilte / mit guter Ordnung sich zurücke gezogen hätte. Nach dem ihm auch König Galatus mit 12000. Bojen / und 20000. Allemäñern aus Deutschland zu Hülffe kamen / räumten beyde Bürgermeister der Deutschen noch übriges Gebiete / und wiechen in Hetrurien. Ungeachtet nun der Bürgermeister Lentulus ihre Bundsgenossen die Ligurier schlug; schickten doch Hertzog Ates und Galatus zu dem Cornelius und Fulvius / und liessen mit grosser Bedräuung die Wieder-Abtretung des Ariminischen Gebietes als ihres alten Eigenthums fordern. Weil diese nun den Deutschen nicht gewachsen waren / verwiesen sie sie mit guten Vertröstungen an den Römischen Rath; und machten mit ihnen einen Stillestand. Bey dieser Gelegenheit streuten die Römer unter die Semnoner und Bojen allerhand Saamen des Mißtrauens / beredeten die Bojen: daß die Alemänner von Semnonern nicht so wol wider die Römer / als der Bojen fruchtbares Land einzunehmen beruffen hätten. Hieraus entstand ein grausamer Aufruhr; und /weil König Galatus und Ates diese Zwytracht zu stillen / und den ihrigen den Verdacht auszureden bemüht waren / wurden sie beyde als Verräther von ihrem eigenen Volcke erwürget. Alle drey Völcker kamen hierüber einander in die Haare / schnitten also den Römern zum besten ihnen mit ihrem eigenen Messer die Spann-Adern selbst entzwey. Die undanckbar belohnten Alemänner zohen wieder nach Hause; die Semnoner musten Arimin / und die Bojen alles / was sie über dem Po hatten / fahren / und beyde die Ligurier den Römern zur Beute lassen. Dieses Friedens genossen die Deutschen etliche Jahr /weil die Römer mit denen Liguriern / Sardern und Lorfen / denen ihr Joch unerträglich war / alle Hände voll zu thun hatten. Nach dem diese aber ziemlich gedemüthiget waren; rieben sich die Römer aufs neue wider die Deutschen. Der Zunfftmeister Flaminius /wormit er sie zur Ungedult bewegte / zwang dem Rathe ein Gesetze ab: daß die Picenischen und Semnonischen Aecker nach Anzahl der Köpffe unter das Römische Volck vertheilet werden solte. Als die Deutschen diß verschmertzten; führten die Bürgermeister Emilius und Junius ihr wider die Ligurier bestimmtes Heer in einem ungeschickten Umwege mitten durch das noch übrige Gebiete der Semnoner. Der Rath zu Rom verbot keinem Deutschen einiges Gold oder Silber zukommen zu lassen; weil sie dessen für verkauffte Leibeigene sehr viel zu bevorstehendem Kriege wider die Römer versammlet hätten; und im Schilde führten Rom aufs neue zu überfallen / wenn das Römische Heer in Ligurien sich verwickelt haben würde. Die Deutschen musten für so viel Unrecht nicht nur die Augen zudrücken / sondern noch durch Anbietung ihrer Dienste die Gnade der Römer unterhalten; Gleichwol aber kochte das Geblüte in ihren Hertzen eitel Galle; und suchten sie unter der Hand über den Alpen in Deutschland neue Hülffe. Weil aber die Römer gleichwol hiervon Wind kriegten /oder zum minsten Argwohn schöpfften; trauten sie nicht mit denen in Hispanien sich überaus vergrössernden Carthaginensern / wie[808] sehr es ihnen gleich darum zu thun war / nicht zubrechen / sondern vergnügten sich mit dem Vortrage: daß die Carthaginenser nicht über den Fluß Iber schreiten / und Sagunt in Freyheit lassen solten. Unterdessen verlautete in Rom: Es stünde in den Sibyllinischen Büchern: daß um selbige Zeit die Deutschen und Griechen Rom einnehmen würden; worvon alldar ein solches Schrecken entstand: daß der Rath in Griechenland zu den Etoliern / Acheern / nach Corinth und Athen Bothschafften schickten / und mit ihnen Freundschafft machten; dem Pöfels Aberglauben aber abzuhelffen zwey Deutsche und zwey Grichen zu Rom auff dem Ochsen-Marckte lebendig vergraben ließ; gleich als wenn hierdurch die Sibyllinische Wahrsagung erfüllt wäre. Nach dem aber der streitbaren Deutschen so nahe Macht der schon in fremde Länder ausgestreckten und nach Eigenschafft des Feuers stets nach mehrerm Zunder dürstenden Herrschsucht der Römer allein im Wege stand / beschlossen sie ihr eusserstes zu thun / um diesen beschwerlichen Dorn aus dem Fusse zu ziehen. Dieses zu vollziehen machten sie einen Uberschlag ihrer Kriegs-Macht / und befanden: daß sie mit ihren in Waffen stehenden Hülffs-Völckern über 700000. streibare Fußknechte / und 70000. Reuter auff den Beinen hatten. Sie richteten überdiß mit den Venetern und Cenomannen ein Bündniß auff /welche den Römern zu Liebe 20000. Mann auff den Fuß stellten / und auff erfolgten Friedens-Bruch den Bojen einzuhalten fertig stunden. alles dessen unbeschadet / rüsteten die Deutschen sich zum Kriege. Wie nun auff ihr bewegliches Ansuchen der Alemänner König Aneroest / der Catten Hertzog Concoletan mit grosser Macht über die Alpen kamen / und der Insubrer Fürst Britomar mit den Bojen sich vereinbarte / hielten die Deutschen es nunmehr rathsam zu seyn /der Römer nicht zu erwarten / sondern ihre Pferde an einem fremden Zaum zu binden. Die Bojen blieben unter ihrem Fürsten Gondomar gegen die Veneter und Cenomänner zu Beschirmung ihres Landes stehen; Aneroest / Concoletan / und Britomar aber drangen mit funffzig tausend Mann zu Fuße / und zwantzig tausenden zu Rosse in Hetrurien. Weil aber kein Römer Stand hielt / rückten sie biß nach Clusium; allwo sie Nachricht bekamen: daß ein Römisches Heer ihnen auf dem Fuße folgte. Dahero dreheten die Deutschen alsofort ihre Deichsel um / und kriegten beyde Heere einander mit der Sonnen Untergange ins Gesichte. Des Nachts aber zündeten die Deutschen ihr Läger an / und wiech Aneroest mit dem Fußvolcke mit Fleiß zurücke. Wie die Römer nun auff den Morgen nur die feindliche Reuterey für sich / und zwar gleicher Gestalt weichen sahen / meinten sie: die Deutschen trauten sich nicht mit ihnen zu schlagen; also zohen sie ihnen über die neuen Seulen / und Beturgia / ja gar über den Fluß Arnus nach. Wie sie aber den Feind in völliger Flucht zu seyn vermeinten / trafen sie bey der Stadt Fesula gantz unvermuthet auff das vom Aneroest in völlige Schlacht-Ordnung gestellete Fußvolck / und ein Theil der Reuterey / welche der Sohn Aneroests führte. Der Strom auff einer / das Gebürge auff der andern / und Aneroest auff der dritten Seite schnitten den Römern alle Ausflucht ab /und also wurden sie gezwungen sich aus dem Steigereiffen einer Schlacht zu entschlüssen. Allein das schreckliche Ansehen dieser gri igen Feinde / welche kolschwartze Schilde / gemahlte Leiber hatten / und mit ihrem blossen Schatten schon den Todt oder die Hölle vorbildeten / wie auch die schon anbrechende Nacht / überwunden erstlich der Römer Augen; ihr erster Angriff trennte ihre Glieder / und der von hinten zu mit der meisten Reuterey einfallende König Concoletan brachte sie in höchste Verwirr- und Blutstürtzung. Denn der Flucht waren alle Wege verrennet. Sechs tausend[809] Römische Edelleute blieben auf der Wallstatt / vier tausend wurden gefangen / der Uberrest kroch bey der düstern Nacht gleichwohl in das Apenninische Gebürge gegen dem Thale Mugella / und setzte sich auff einem hohen Felsen feste. Die Beute war an Gelde / Zierrathen / Pferden / Gewehre /Wagen und anderm Geräthe so groß: daß darmit das gantze Deutsche Heer belastet ward. Wiewohl nun dieses die Römer auff dem Gebürge besetzte / so kriegten diese doch alsbald Lufft / weil der gegen die absonderlich einfallenden Semnoner geschickte Bürgermeister Lucius Emilius von Ariminum mit einem frischen Heere gegen die nach Rom ihren Zug richtende Deutschen angezogen kam. Nachdem König Aneroest aber ihn zu keiner Schlacht bringen konte; die schwere Beute ihnen auch überaus hinderlich war / hielt er für rathsam selbte über dem Po bey ihren Bunds-Genossen einzulegen / und hernach dem Feinde mit leichten Händen wieder die Stirne zu bieten. Wormit aber diese Entschlüssung so viel weniger einer Flucht ehnlich sehe / und so viel sicherer bewerckstelliget würde / setzten die Deutschen über den Fluß Arnus / und richteten ihren Zug gerade gegen Rom. Wie sie aber den Fluß Umbro erreichten /zohen sie an selbtem gegen das Meer hinunter / in Meinung an dessen Gestade sich zurücke zu ziehen. Lucius folgte gleichwohl dem Feinde auff der Fersen nach / biß an das Telamonische Vorgebürge / allwo die Deutschen den Weg von einem neuen Krieges-Heere / welches der andere Bürgermeister Cajus Atilius aus Sardinien nach Pisa übergeschifft hatte / auff einem vortheilhafftigen Hügel besetzt fanden / und also unvermuthet zwischen Thür und Angel verfielen. Die Deutschen Heerführer geriethen hierüber gleichwohl in keine Zagheit / als welche der klugen Rath /und des Pöfels Unvernunfft durch einander vermischt / und also der ärgste Feind eines Kriegs-Heeres ist /sondern sie machten aus der Noth eine Tugend / führten ihre Beute auff einen sichern Hügel / und stellten ihr Heer mit zweyen Stirnen in Schlacht-Ordnung /also: daß Concoletan mit seiner dem Cajus / Aneroest mit seiner gegen dem Emilius zu stehen kam; die Rücken aber hinten an einander stiessen / und also kein Heer / sondern das andere gegen den Feind anzutreiben weichen konte. Mit den Wagen aber umsegelten sie die Spitzen oder Hörner ihrer Heere: daß die Römer auff der Seite nicht einbrechen konten. Diese ob sie zwar zweymahl stärcker waren als die Deutschen / grieffen sie selbte gleichwohl nicht ohne geringen Zweiffel am Siege an. Insonderheit war ihnen schrecklich anzusehen: daß die Gösaten / welche unter denen Deutschen für ein gewisses Geld Kriegs-Dienste leisteten / alle nackend fochten / umb von denen hinn und wieder stehenden Hecken und Gestrittig durch ihre abhenckende Kleider nicht verhindert zu werden. Ja in den ersten Gliedern stand keiner / der nicht güldene Ketten und Armbänder umgewunden hatte; und ihre Tapfferkeit war so groß: daß die Römer Faust für Faust gegen sie zu fechten sich weigerten / sondern nur von der Höhe die Bogen-Schützen sie mit Pfeilen überschütten liessen. Wordurch ihrer denn sehr viel verwundet wurden / weil ihre Schilde sie allenthalben zu verdecken nicht zulangten; also: daß sie halb rasende den Berg hinauff renneten /und ihren für Augen schwebenden Tod durch Niedersebelung vieler Schützen rochen. Wo aber die Deutschen auff der Fläche Mann für Mann fechten konten /standen sie wie die Mauern; ungeachtet die Römer ihrer breiten Schilde und zum Stoß und Hau geschickter Degen halber für den Deutschen / die mit ihren Schwerdtern nur hauen konten / einen grossen Vortheil hatten. Ja König Concoletan machte mit seiner Leibwache von dreyhundert Cattischen Edelleuten durch den Blitz ihrer[810] Spieße und Schwerdter einen Weg biß an den Römischen Adler; den der Graff zu Wirtenberg von der Stange riß / und zu Bodem warff. Wie nun der Bürgermeister Cajus diesem Hauffen entgegen drang / durchrennte ihn König Concoletan mit seiner Lantze; welchem der Graff Mansfeld vollends den Kopff abhieb / selbten auff eine Lantze spießte / und zum Schrecken der auff der andern Seite kämpffenden Römer Aneroesten zubrachte. Weil aber die Römer beym Verlust dieses Adlers und Bürgermeisters eine gantz frische Legion an selbigem Ort anführten / und Concoletan nicht zurücke weichen wolte / ward er allenthalben umringet / und vom Lutatius Catulus / der dem Kriege wider Carthago ein Ende gemacht hatte / ihm das Pferd erlegt; welchen aber der Graff von Hochberg zu Bodem rennte / und seinem Könige auff des Catulus Pferd halff. Allein nachdem Wirtemberg / Durlach / Eichelberg / Kyburg / Hochberg / Fürstenberg / Doghenburg / Lentzburg /Grimmenstein / Utzingen / und fast alle des Alemannischen Adels nach unvergleichlicher Gegenwehr erlegt waren / Concoletan auch nach etlichen zwantzig empfangenen Wunden zu Bodem fiel / ward er endlich gefangen. Aneroest that auff der andern Seite zwar das beste / und rächete durch des gewesenen Bürgermeisters Fulvius Flaccus Tod die von ihm vorher untergedrückten Ligurier. Alleine nach dem Concoletan gefangen / und sein Heer fast / wie es gestanden / gliederweise nach einander erlegt war / also drey Römische Heere auff Aneroesten stiessen / raffte er seine eusserste Kräfften zusammen / schlug sich mit etwan drey tausend Pferden durch / und kam mit Hülffe der Nacht biß an den Fluß Umbro. Nachdem er aber über selbten so wohl wegen auffgeschwellten Wassers / als daß die Einwohner der Stadt Ruselle selbten mit Volcke starck besetzt hatten / nicht schwemmen konte / ihm auch Nachricht zukam: daß Concoletan nicht todt / sondern gefangen / ihm auch die gantze Römische Reuterey schon im Rücken wäre / munterte er seinen Uberrest zu hertzhafftem Sterben auff; er wäre bereit sich für sie selbst auffzuopffern /nachdem die Götter ihn seines Gelübdes: krafft dessen er seinen Harnisch ehe nicht / als biß ers Capitolium erobert hätte / aufflösen wollen / zu gewehren nicht für gut befunden hätten. Ein behertzter Tod hätte nicht die Helffte der Bitterkeit in sich; die einer einen Augenblick im schimpfflichen Siegs-Gepränge empfinde. Hiermit rennte er spornstreichs voran mitten unter die Römer. Diese aber muthmassende: daß es König Aneroest wäre / wolten ihn nicht beleidigen / sondern lebendig fangen. Nachdem er aber etliche Feinde durchstochen / fällten sie ihm das Pferd; gleichwohl wehrte er sich mit dem Degen in der Faust / biß selbter mitten entzwey sprang; wormit er aber nicht lebendig in der Römer Hände käme / schnitt er ihm mit dem übrigen Stürtzel die Gurgel ab / und bließ also mit der Feindschafft gegen sie seine Seele aus. Die übrigen Deutschen folgten dem Beyspiele ihres Königes / und bezeugten durch Erleg- und Verwundung vieler Römer: daß ein verzweiffelter Feind mit zweyen Schwerdtern fechte / und mit seiner Leiche meist drey andere zu Bodem drücke. Denn ob wohl viertzig tausend todt blieben / zehn tausend gefangen wurden / mißten die Römer doch über sechzig tausend Mann; und kein Deutscher ward so wenig /als ihr halb todter König Concoletan und Britomar vom Bürgermeister in Rom zum Siegs-Gepränge geführet / aus der Beute aber Jupitern ein güldenes Siegs-Zeichen geweihet / welches Aneroest von den Römischen seinem Kriegs-Gotte gelobet hatte. Rhemetalces fing hierüber an den Unfall zweyer so behertzter Fürsten zu beklagen / auch zu billichen: daß ein Kriegender aus Andacht[811] den Göttern zur Danckbarkeit gewisse Gelübde thue. Alleine wenn man aus Vermessenheit auff seine eigene Kräffte dem unauffhaltbaren Rade der göttlichen Versehung gleichsam in die Speichen fällt; und ehe diß oder jenes mit unsern schwachen Armen ausgerichtet sey / seine Haare / wie Semiramis / nicht auffflechten / oder sie / wie die Catten / für Erlegung des Feindes nicht abscheeren lassen / wie Amilcar auff eine gewisse Zeit in belägerten Städten speisen / oder für ihrer Eroberung kein weisses Hemde anlegen will / und seinen eigenen Kopff zum Verlust durch Gelübde verknüpfft; verwirret Gott nicht unbillich der Klugen Rathschläge / und entkräfftet die Stärcke der Riesen. Uberdiß überlegen die /welchen kein Anschlag krebsgängig werden soll / gar nicht: daß es selbst ihr eusserstes Unglück wäre /wenn die Götter die thörichten Begierden der Menschen allezeit mit gewünschtem Ausschlage beseligten. Denn grosses Glücke scheinet uns zwar wie die Schwantz-Sternen herrlich in die Augen; aber sie ziehen nach sich ihre geschwinde Einäscherung und anderer Finsterniß. Es ist wahr / sagte Adgandester; und hat nicht nur König Aneroest / sondern nach ihm viel andere einen grossen Schiffbruch ihrer allzuverheuchelten Hoffnung gelitten / welche insgemein alle Früchte einerndet / ehe sie reiff werden / und sie daher auch ehe verfaulen / als eßbar werden siehet; für etlicher Zeit Marcus Crassus im Parthischen / Democritus im Etolischen / und Antonius im Cretischen Kriege ein schimpffliches Beyspiel abgegeben. Derer erster dem Qvintius an der Tyber / wenn er daselbst sein Lager auffschlagen würde / der andere den Parthen / erst in der Stadt Selevcia antworten wolte /beyde aber selbst gefangen oder erschlagen wurgen /der dritte mehr Ketten als Waffen in seinen Schiffen mit führte / aber solche schimpfflich einbüste; und die auff fremder Armen und Beine geschmiedete Fessel seinen Römern muste am Halse hencken sehen. Wenn aber solch Gelübde nur eine Erinnerung tugendhaffter Entschlüssung / nicht aber die Unterdrückung der Unschuld zu ihrem Zwecke hat / ist solcher Reitz sonder Zweifel so wenig / als eine Spießgerthe in der Hand eines vernünfftigen Reuters zu tadeln.

Alleine die Vielheit dessen / was mir noch zu erzehlen oblieget / nöthiget mich hier abzubrechen / und noch zu erwehnen: daß Emilius mit seinem Heere in der Bojen Gebiete einfiel / zwischen dem Rhein und dem Flusse Scultenna reiche Beute machte / und die gefangenen Deutschen in voller Rüstung zu Rom im Siegs-Gepränge auffs Capitol führte; wormit sie ihres gethanen Gelübdes sich entschütten möchten / weil sie geschworen haben solten nicht eher als im Capitolium ihren Gürtel auffzulösen. Die Furcht der Römer für den Deutschen war durch diesen glücklichen Streich zwar abgethan / die Begierde der Rache aber nur vermehret. Daher fielen die Bürgermeister Manlius und Torqvatus auffs neue bey den Bojen ein; und weil bereit der Kern ihres Volckes von Römern und Cenomannen erlegt war / die andern Deutschen auch durch eigene Zwytracht ihnen beyzustehen verhindert wurden; unterwarffen sich die Bojen zwischen den Flüssen Gabellus und Idex biß an den Po der Römischen Bothmäßigkeit. Die Römer waren zwar auch im Wercke über den Po zu setzen / und die Insubrier zu demüthigen / sie konten es aber dißmahl wegen starcker Gegenwehr und Ungewitter nicht schaffen. Dieser vergebene Versuch war folgenden Bürgermeistern / nehmlich dem Cajus Flaminius und Furius Philus der hefftigste Reitz die Ehre zu erlangen: daß sie die ersten Römer wären / welche die Siegs-Fahnen auff dem lincken Ufer des Po auffsteckten. Sie versuchten zwar alle Mittel und Kriegs-List über diesen Strom zu kommen; aber die nichts minder vorsichtigen / als streitbaren Deutschen hielten mit ihrer Gegenwehr die Römer drey Tage auf; biß sie endlich[812] ein Theil ihres Heeres weit den Strom hinab schickten / und wo der Fluß Padusa oder der Messanische Graben von den andern Strömen des Po sich absondert; ehe die Deutschen daselbst sich in völlige Verfassung stellen konten / durchdrangen; worüber aber gleichwohl über zehntausend Römer umbkamen; die Stadt Rom auch so bekümmert ward: daß nachdem es im Picenischen Blut geregnet / in Hetrurien der Himmel gebrennet /zu Arimin 3. Monden gesehen / und der Rhodische Colossus durch Erdbeben umgestürtzt worden war /sie alle Wunderzeichen für sich zum ärgsten ausdeutete / und der Rath den Bürgermeistern mitgab mit den Insubriern einen Stillestand zu machen; krafft dessen sie auch ihr Gebiete räumten. Wie aber die Alberen alles ungemeine für Wunderzeichen leicht annehmen; die eitele Furcht auch mehrmals eine Betrügerin der Augen und Ohren ist; die Boßhaften durch sie in ungemeine Zagheit versetzt werden; also macht derselben offtere Begebnüß sie entweder ungewiß / oder verächtlich; die Ehr- und Herrsch-Sucht aber ein Gelächter; oder eine Erfindung der Staats-Klugheit; die Mißgunst ein ihr dienendes Gespenste daraus. Welches letztere auch der Bürgermeister Furius den Flaminius dißmal beredete / und ihn versicherte: daß ihnẽ aus blossem Neid in dẽ Zügel ihrer Siege wider die Deutschẽ gefallẽ würde. Wie der Thebanische Rath seine Bürger die Schlacht bey Luctres zu wagen dardurch beredet: daß des Hercules Waffen sich aus seinem Tempel verlohren hätten; also müsten dem Römischen Rathe / so offt es ihnen gefiele / die Ochsen reden / die Maul-Thiere gebären / Menschen und Thiere ihr Geschlechte verwandeln / die Bilder der Götter weinen / die Säulen Blut schwitzen / die Sternen sich vermehren oder verfinstern / der Himmel brennen oder Schlachten fürstellen. Hierdurch brachte es Furius so weit: daß Flaminius mit ihm und denen von Cenomännern und Bojen erkaufften Hülffs-Völckern den Stillstand brachen / und über den Fluß Clusius den Deutschen einfielen / und alles mit Feuer und Schwerdt verwüsteten. Die Insubrier wurden hierdurch aufs heftigste verbittert / lieffen in den Tempel Minervens / darein sie den mit den Römern gemachten Vergleich verwahrt hatten; nahmen drey ihrer güldenen sonst für unbeweglich gerühmten Bilder daraus / zohen mit diesen / und funfzig tausend Kriegsleuten den Römern unter die Augen. Beyde Heere standen schon in Schlacht-Ordnung gegen einander / als vom Römischen Rathe Briefe ankamen; welche zwar den Bürgermeistern alle Feindseligkeit verbothen / aber auf des Flaminius Einrathen für der Schlacht nicht eröffnet werden wolten. Wiewohl sie auch den Bojen und Cenomannen nicht trauten / und sie durch den Fluß Clusius von sich absonderten; so war doch des Flaminius Schluß entweder zu siegen / oder alles einzubüssen; weswegen er auch sein Heer mit dem Rücken harte an das hohe Ufer des Flusses stellte; also: daß es entweder als eine Mauer stehen / oder mit dem geringsten Weichen in Strom stürtzen muste. Gleichwohl fiel nach einem sehr blutigen Treffen aus Schickung des auf der Römer Seite sich schlagenden Verhängnüsses / und durch ihre vortheilhaftere Waffen der Sieg den Römern zu. Und blieben neun tausend Deutsche auf der Wallstadt. Worauf Flaminius allererst die Briefe laß / sich über des Rathes Mißgunst beschwerte / und nach Rom schrieb: Sie möchten aus seinem Thun die Eitelkeiten der Wahrsagungen verachten lernen / und aufhörẽ abergläubig zu seyn. Er verwüstete zwar auch hierauf das platte Land / nahm eine ihrer besten Städte ein; weil aber Furius nicht länger wieder den Rath ihm beyfällig seyn wolte /kehrte er mit ihm nach Rom / hielt auf des Pöfels Verlangen ein Siegs-Gepränge / und richtete aus der Deutschen Raube und insonderheit ihren güldenen Waffen und Ketten / die sie in den Schlachten an den Hals zu hencken gewohnt[813] sind / dem Kriegs-Gotte so / wie sie es dem Ihrigen gelobt hatten / ein Kriegs-Zeichen auf.

Zeno fing an: So sind die Deutschen in Italien von denen disseits der Alpen mercklich zu unterscheiden gewest; in dem meine Augen und Glieder erfahren: daß diese mehr auf scharffe / als gläntzende Waffen bedacht sind. Insonderheit habe ich unter dem Hertzoge Jubil etliche Geschwader Reiter gesehen; welche nicht nur an Gestalt / sondern auch in Grimme den kohlschwartzen höllischen Geistern ähnlich waren. Adgandester antwortete lächelnde: Es wären diß die starcken Arier / ein Theil derer zwischen der Oder und Warte angesessenen Lygier; welche ihre Schilde und Glieder schwärtzten; die finstersten Nächte auch am liebsten zu ihrem Kampfe erkieseten / und gleichsam mit ihrem Schatten die Feinde jagten. Die übrigen Deutschen / bey welchen zumal ausländische Zierrathẽ noch nicht so gemein wordẽ wärẽ / wären freylich wohl auch gewohnt in Luchs-Wolff- und Bären-Häuten mit Püffel-Hörnern mehr grausam / als prächtig auf den Kampf-Platz zu erscheinen; iedoch verwürffen die Fürsten und der Adel nicht eben alle Kriegrische Aufputzung. Sintemal sie umb dem andern Volcke ein gutes Beyspiel zu geben lieber wolten durch ihren Glantz kentlich und in Gefahr / als verborgen und sicher seyn. Rhemetalces hob an: Es ist diß ein rühmliches Absehn; welches mir mein sonst deshalben habendes Bedencken beni t: daß viel Fürsten an ihren mit güldenen Blumen bestreuten Waffen; an ihren aufgethürmten Feder-Püschen erkennt /und vom Feinde für andern getroffen; etliche auch durch dieses eitelen Uberflusses Beschwerde an der Gegenwehre gehindert / und in Noth versetzt worden. Zeno fiel ihm bey; und lobte darumb nichts minder den Deutschen Feldherrn Herrmann / welcher in der Schlacht an seinen Waffen stets auch in die Ferne wäre zu erkennen gewest; als den Griechischen Heerführer Philopömen / und den Käyser Julius; die ihre Kriegsleute zur Schlacht / wie zum Tantz-Bodem und Hochzeit Feyer aufgeputzt hätten. Adgandester setzte bey: Der berühmte Hertzog Viridomar / mit dem die Insubrier gestanden und gefallen wären / hätte auch durch den Glantz seiner Waffen zwar seinen Tod beschleunigt; aber auch seine Helden-Thaten sichtbar gemacht. Denn als die Römer denen abgemergelten Insubriern so gar Gesätze des Friedens fürzuschreiben / und sie ohne Uberwindung in Gehorsam zu nehmen weigerten; berufften sie erwähnten Viridomar einen jungen Fürsten der Hermundurer zu ihrem Hertzoge /und überkamen mit ihm eine ergebige Hülffe. Dieser empfing die Römer an dem Flusse Addua / durch welchen sie setzen wolten; derogestalt: daß sie das dritte Theil ihres Heeres mit allem Kriegs-Geräthe im Stiche lassen mustẽ. Ob sie nun zwar über Hals und Kopf gegen der Cenomänner Gräntze absacktẽ / so überfiel sie doch bey Schlagung ihres Lägers der wachsame Viridomar noch einmal; erlegte sie biß aufs Haupt; also: daß die zwey Bürgermeister mit Noth über den Bach Clusius entranen; und weil sie besorgten: daß die Deutschen wiederumb biß an das hierüber zitternde Rom fortrücken würden; machten sie mit Viridomarn einen Frieden / krafft dessen denen Insubriern auf beyden Seiten des Po biß an die Stadt Acerre alles eigenthümlich verbleiben solte. Der hochmüthige Marcus Marcellus aber brachte durch seinen Anhang zuwege: daß Manlius und Flaminius auf Angeben der von ihm bestochener Wahrsager /wie auch bald darauf Scipio Nasica und Cajus Martius des Bürgermeister-Amptes / wie nichts minder Cornelius Cethegus und Quintus Sulpitius / weil sie hierzu nicht allerdings sti ten / der Priester-Würde /unter dem Schein: jener hätte die Opfer nicht recht dargereicht / dieser aber die Insel vom Haupte fallen lassen / entsetzt ward; sondern er brach auch / als er Bürgermeister war /[814] den Frieden / weil untüchtige Heerführer nichts verbündliches hätten schlüssen könten. Hiermit sa lete er alle Römische Kräfften zusammen / schickte den andern von ihm selbst erkieseten Bürgermeister Cneus Cornelius mit einem starcken Heere die Stadt Acerra zu belägern; er aber fiel ohne einige Kriegs-Ankündigung mit einem noch stärckern Heere in ihr flaches Land ein / und mühte sich diesen fruchtbaren Garten Italiens in eine Wüsteney zu verwandeln. Die sich dieses Uberfalls am wenigsten versehenden Insubrier schickten dem Marcellus entgegen / und erboten sich zu aller Billigkeit / da sie die Römer in etwas unwissende beleidigt hätten; aber er würdigte die Gesandten nicht anzuhören. Wie nun Viridomar von seinen verwandten Fürsten etliche tausend an dem Rhein und Rhodan angesessene Marckmänner / Rauracher / und Helvetier / welche ihrer langen Spiesse halber in Gallien Gesaten / in Deutschland Lands-Knechte genennet wurden / zu Hülffe bekommen hatte / er aber gleichwohl wegen allenthalben starck verwahrter Zugänge die Stadt Acerra nicht entsetzen konte / rückte er für die Römische Stadt Clastidium / umb den Feind von Acerra abzuziehen. Marcellus folgte ihm mit seiner gantzen Macht alsofort nach; und ließ Viridomarn verächtlich zuentbittẽ: daß er seine Waffen / die er ihm abnehmen würde / schon dem Feretrischen Jupiter gewiedmet hätte. Viridomar antwortete: Er hätte des Marcellus Harnisch und Schwerdt schon dem Vulcan gelobt /oder vielmehr zum Feuer verda t; weil die Deutschen niemals diesen Abgott verehrt haben. Da nun Marcellus so behertzt fechten / als Großsprechen könte /wolten sie mit einander im Angesicht beyder Heere umb diesen Siegs-Preiß alleine spielen. Weil dem Marcellus seine Eltern vielleicht würden verschwiegen haben; wie vielen Römischen Heerführern die Deutschen ihre Köpfe abgeschnitten hätten / wolte er derer ihm etliche zeigen; befahl auch alsofort etliche mit Ceder-Oel eingebalsamte hervor zu bringen. Hierauf sprengte König Viridomar / welcher nach der Deutschen und Gallier Gewohnheit des Zweykampfs begierig war / einen ziemlichen fernen Fleck für seinem Heere herfür; gegen welchen Marcellus sich auch zwar hervor zückte. Wie er aber den so wohl von seiner Leibes-Gestalt / als denen Gold-schimmernden Waffen ansehlichen Viridomar gegen sich mit angelegter Lantze in vollen Bügen ankommen sahe / und die Insubrer zugleich ein Feld-Geschrey erhoben; drehte Marcellus sein Pferd um / und rennte mit verhangenem Zügel seinem Heere zu; vorwendende: daß er durch solche Umbdrehung nur der Sonnen eine andächtige Ehrerbietung erwiesen hätte. Es war aber unter den Cenomännern / welche denen Römern dißmal Beystand leisteten / Klodomir / ein junger Sicambrischer Fürst / Hertzog Basans Sohn / dessen Schwester der Cenomänner Könige vermählet war / und diese Hülffs-Völcker führte. Dieser lag dem Marcellus so lange an: biß er ihm den Zwey-Kampf gegen Viridomarn erlaubte; darzu Klodomirn Marcellus umb seine eigene Scharte auszuwetzen in seinem Gezelte seine eigene Waffen anziehen ließ. Klodomir und Viridomar fielen hierauf einander wie zwey Löwen an; und nachdem sich beyde biß auf den äusersten Athem miteinander ohne einigen Vorschein des Sieges oder Verlustes abgemergelt / strauchelte Viridomars Pferd / wei es in ein Gleiß trat; worauf denn Klodomir als ein geschwinder Falcke zufuhr / und mit seiner Lantze Viridomarn durch die Fuge des Harnisches in die Brust verletzte; und eh er sein Pferd wieder zu Stande bringen konte / ihm noch zwey tödtliche Stiche mit dem Degen versetzte; worvon er vollends todt zur Erden fiel. Die Insubrer / oder vielmehr die Gesaten wolten den Tod ihres Königes rächen; fielen daher die Römer zwar behertzt an; aber der Mangel eines Hauptes / ohne welches das tapferste Heer für einen Bien-Schwarm ohne König zu achten ist; und der Mißverstand unter denen[815] Krieges-Obersten spielte den Römern / wiewohl nicht ohne viel Schweiß und Blut / den Sieg / wie auch die Stadt Acerra und Meyland in die Hände; nach dem insonderheit bey denẽ Gesaten nicht nur mit dem Könige Viridomarn die Gewogenheit zu den Insubrern erkaltete / sondern sie auch diese beschuldigten: daß sie in der Schlacht sich nicht tapfer genung gehalten hätten; also über das Gebürge wieder zurück an den Rhodan und den Rhein kehreten; nach dem sie gleichwohl vorher ein Theil des Römischen Heeres erlegt / und in die Flucht bracht hatten. Inzwischen trug Marcellus den unverdienten Ruhm darvon: daß er selbsthändig Viridomarn erlegt hatte; da doch dieser deutsche Held von niemanden / als einem Deutschen überwunden werden konte. Viridomars güldene Waffen wurden auf einem eichenen Stocke für dem Marcellus zu Rom hergeführet / und ausgeruffen: Er wäre nach dem Romulus und Cornelius Cossus / derer erster den König Acron / der ander den Volumnius getödtet / der dritte / welcher dem feindlichen Heerführer selbst Leben und Waffen abgenommen hätte. Die Insubrischen Fürsten verlohren mit ihrem deutschen Könige und den Gesaten so wohl Hertze als Freyheit; die Römer aber schätzten diesen Gewinn so groß: daß sie dem Delphischen Apollo eine Schale aus dichtem Golde hundert Pfund schwer zuschickten. Zeno fiel ein: Dieses Beyspiel dienet allen Kriegs-Häuptern zu einer Warnigung: daß der Zwey-Kampf mehr ein Handwerck der vermessenen Jugend / als eine Verrichtung einer vorsichtigen Tapferkeit; an Fürsten aber ein Wahnwitz / und ein Untergang der Reiche sey. Denn ob zwar Pittacus einer aus den sieben Weisen / und der Oberherr zu Mytilene bey zweifelhaftem Kriegs-Ausschlage mit dem Fürsten Phrynon / welchen er mit einem Netze bestrickte und tödtete / auf diese Art sich glücklich auswickelte; die drey für das Römische Volck fechtende Horatier ihrem Vaterlande die Herrschafft über die Stadt Alba erwarben; so hat doch der mit seinem Bruder Artaxerxes anbindende Cyrus durch seine Hitze das gantze Spiel verlohren; ungeachtet die ihm beystehenden Griechen auf ihrer Seite den Sieg erhielten. Ja die verspielten Schlachten sind nicht zu erzehlen / welche nur darumb verlohren worden / weil ihre Häupter oder vielmehr die Hertzen der Kriegsheere durch unvorsichtige Kühnheit zu zeitlich gefallen. Daher ich fast anstehe: Ob jener Atheniensische Feldhauptmann nicht mehr Ruhms als Scheltens werth sey; welcher einem sich mit seinen empfangenen Wunden aufblasenden Heerführer einhielt: Er hätte nie keinen ärgern Fehler / als durch unzeitige Näherung einer belägerten Stadt begangen / da ihm ein Pfeil für seine Füsse gefallen wäre. Hingegen würde am Scipio hochgeschätzt: daß er bey Belägerung der Stadt Carthago allezeit drey grosse Schilde ihn für allem Geschoß zu bedecken hätte vortragen lassen; und der so kühne Hannibal hätte nicht nur sein Leben sorgfältig gesparet; sondern auch dem von ihm überwundenen Bürgermeister Marcellus diese schlechte Grab-Schrifft gemacht: daß er als ein tapferer Kriegsmann / aber als ein unvernünftiger Feldherr geblieben wäre. Wiewohl Hannibal bey Belägerung der hartnäckichten Stadt Sagunt und bey Placentz seiner und dieser Klugheit selbst vergaß; als er dort auf der Sturmleiter / hier bey Uberrumpelung einer Festung ver wundet / und beyde mal sein gantzes Heer in bestürtzte Verwirrung gesetzt ward. Des grossen Alexanders Kriegsheer / für welchem vorher die gantze Welt gebebet hatte / ward nach seinẽ Tode zu einem gebländeten Cyclopen / und bewährte dardurch: daß ein Feldherr seines Heeres Auge und Leitstern; also sein Leben ohne äuserste Noth nicht in die Schantze /und als ein Spielball dem blinden Glücke aufzusetzen sey. Es ist wahr / sagte Adgandester; und ward in der Schlacht bey Cannas vom Römischẽ[816] Rathe dem Bürgermeister Varron nicht aus Heucheley / sondern mit gutem Rechte gedanckt: daß er sich zu rechter Zeit aus dem Staube gemacht / und an Erhaltung des Vaterlandes nicht verzweifelt hatte. Und der flüchtige Antigonus entschuldigte seine Flucht durch diesen Schertz gar scharffsinnig: Er wäre nur umbgekehrt /umb sich des zurück gelassenen Heiles zu versichern. Noch klüger aber haben etliche Fürsten gehandelt; welche nach dem Vorbilde des gegen Viridomarn kriegenden Marcellus / umb durch ihre vermeynte Gegenwart ihr Heer zu beseelen; und gleichwohl sich und das gantze Reich ausser Gefahr zu halten / einem andern treuen und tapfern Kriegs-Obersten / welcher fürs Vaterland sein Blut zu versprützen / und im Wercke die Stelle eines Vaters und Fürsten zu vertreten für Ehre geschätzt / ihre Waffen angelegt / und durch einen heilsamen Betrug niemanden als dem Feinde geschadet haben. Alleine wo ein Fürst eines solchen Dieners nicht vergewissert ist / und umb seine gantze Krone gespielet wird / muß er nur auch selbst / ein ander Feldherr aber / so offt ein Hauptwerck unter der Hand / und sein Volck in zweifelhafter Furcht ist /sein eigen Leben aufsetzen / und wie Hannibal zuletzt in Africa / da er mit dem Scipio und Masinissa Mann für Mann zu fechten kam; wie Scipio / als er an Illiturgis selbst die Sturmleiter anlegte; wie Käyser Julius in den Pharsalischen / August in der Philippischen Schlacht; in der er wegen seiner Kranckheit sich doch auf der Sänfte herumb tragen ließ; und unser Hertzog Herrmann letzthin allenthalben an der Spitze fechten /sich getröstende: daß Fürsten auch Fürstliche Schutz-Geister haben; und daß für unerschrockenen Helden sich entweder das Unglücke selbst entsetze / Pfeil und Kugeln sie zu verletzẽ schämen / ja das Verhängnüß sie mit Gewalt dem Tode aus dem Rachẽ reisse / wie der in der Mallier Stadt sich halb verzweifelt stürtzende Alexander ein herrliches Beyspiel abgibt; oder: daß wenn ihre heldẽmässige Entschlüssung auch gleich mißlinget / sie dennoch von viel tausenden beklagt / von niemanden aber / der die Güte des An- und Ausschlags zu unterscheiden weiß / getadelt werden. Unter diese war nun auch der hertzhafte Viridomar zu rechen; mit welchem der Deutschen und der Gallier Glücks-Stern in Italien gleichsam gar verschwand; die Römer aber dessen völlige Meister wurden. Die Bojen / Insubrier / und übrige Deutschen gewohnten auch nach und nach den Römern zu gehorsamen. Sintemal die Noth der nachdrücklichste Lehrmeister ist; und die Erhaltung seines Vermögens den Verlust der Freyheit gleichsam unempfindlich macht. Nachdem aber die Römer der Deutschen eigenthümliche Güter /als den Aug-Apfel des gemeinen Volckes antasteten /nemlich nach Placentz und Cremona mit etlichen tausend Römischen Einwohnern bevolckten; und also die alten Besitzer von ihren Häusern und Aeckern verdrangen; fühlten sie allererst ihre Dienstbarkeit; ihr Geblüte fing hierüber an ihnen in den Adern zu jähren / ihr Hertze nach der alten Freyheit zu lächsen / und ihre Augen sich nach einem Helffer umbzusehẽ. Hiezu ereignete sich durch ein von Mittag über Rom aufziehendes Gewitter Gelegenheit. Denn Carthago hatte bey dem gemachten Frieden den Römern zwar das fette Sicilien / niemals aber den Vorsatz sich desselbten bey ereigneter Gelegenheit wieder zu bemächtigen / abgetreten. Es war dieser herrschsüchtigen Stadt unentfallen / was Rom vormals für ein klein Licht gegen ihr gewest wäre / als sie in dem mit dem Junius Brutus / und Marcus Horatius / beyden Bürgermeistern gemachten erstern Bündnüsse / die Römer derogestalt einschränckten: daß sie über das bey Carthago liegende schöne Vorgebürge nicht schiffen / oder wenn sie durch Ungewitter weiter getrieben würden / daselbst kein Gewerb treiben / auch den fünften Tag zurück segeln musten. Welches Verbot Carthago auch hernach auf Mastia und Tarsesium[817] erstreckten; ja denen Römern in gantz Africa und Sardinien alle Handlung untersagten. Alles dieses aber ward durch den Sicilischen Frieden verlohren / und so gar gantz Sicilien; in welches vorher die Römer mit genauer Noth anlenden durfften. Der tapfere Amilcar trug den Römern damals zwar mit einem beliebten Gesichte aus Noth die Ablegung der Waffen an; aber sein für Ungedult schäumẽdes Hertze legte den Harnisch niemals ab / und sein Gemüthe saan Tag und Nacht auf fügliche Rache. Aber der inerliche Krieg mit den Hülffs-Völckern hielt nichts minder seine Meynung verdeckt / als die Schwerdter in der Scheide. Zu dem verhielt die Aufbrechung dieser nur von aussen zugewachsenen / inwendig aber nie zugeheilten Wunde das von den Römern vernünftig gebrauchte Kühl-Pflaster / da sie nemlich der Stadt Carthago wider den Mathos und Spendius etwas Hülffe schickten. Als aber die Römer hernach ohne einige gegebene Ursache ihnen Sardinien abdrückten / und noch darzu eine jährliche Schatzung von zwölff hundert Talenten aufbürdeten; wolte zu Carthago und bey Amilcarn die Ungedult ausreissen; alleine die Klugheit hieß sie ihrer durch den letzten Krieg entkräffteten Stadt geringe / hingegen der Römer vergrösserte Macht gegen einander auf die Wage legen; und also lieber zu ihrem empfangenen Unrechte ein Auge zudrücken / als durch unzeitige Rache zu Grunde gehen. Der Staats-verständige Amilcar rieth dannenher: daß Carthago /ehe es mit den Römern wieder anbinde / die Numidier / als gleichsam im Busem sitzende Feinde demüthigẽ / und sich in Hispanien vor groß machen solte. Welches beydes er mit grosser Tapferkeit ausrichtete; aus Hispanien ein grosses Reichthumeroberter Beute nach Carthago schickte / dardurch alle von ihm abgeneigten Gemüther gewan / und seinem Vaterlande die Hoffnung der Begierde gantz Hispanien zu bemeistern einpflantzte. Diesen Zweck zu erlangen war überaus vorträglich: daß Amilcar noch in Sicilien des Celtiberischen Königs Salonichs Tochter die schöne Arimene geheyrathet / und mit selbter zum unschätzbaren Braut-Schatze der Celtiberier Zuneigung gegen Carthago / und den Haß wider die Römer bekommen hatte; als welche biß auf den letzten Athem gleichsam in unverrückter Treue für jene wider diese verharreten; und den Lauff des Römischen Glücks-Rades lange Zeit hemmeten. Die Stadt Sagunt und andere Griechen / welche in Hispanien festen Fuß gesetzt hatten / nahmen bey Vergrösserung dieser neuen Macht zwar nach Rom ihre Zuflucht / und vertrauten sich ihrem Schutze; aber die damals anderwerts von den Deutschen fort für fort beunruhigten Römer musten den sieghaften Waffen Amilcars nur den Lauff lassen; welchen nicht allein die Liebe seines Vaterlandes und angebohrne Tugend / sondern auch seine aus deutschem Geblüte entsprossene und daher den Römern von der ersten Mutter-Milch abholde Gemahlin /die behertzte Arimene unaufhörlich wider diese allgemeine Feinde anreitzte. Diese hatte Amilcarn fünf Kinder gebohren / Elißen / Hermegilden / Annibaln /Aßdrubaln / und den Mago. Hermegilde ward dem zu Carthago hochangesehenen Asdrubal / derer Tochter Sophonisbe nachmals den Numidischen König Syphax zur Eh nahm / Elißa dem grossen Hanno vermählet / welcher beyder Tochter Dido hernach dem Maßesyler Könige Desalces heyrathete. Wie nun die Vermählung geschehen solte / führte Arimene ihre Tochter Hermegildis für das Altar der gewaffneten Venus / oder Derceto; und nöthigte sie in Anwesenheit Amilcars ihr eydlich zu versprechen: sie wolte ihrem Könige Asdrubaln Tag und Nacht in Ohren liegen Carthago wider die Römer in Waffen zu bringẽ. Amilcar war über diese Verbitterung gegen seine Tod-Feinde nichts minder beschämet / als[818] erfreuet /und daher ergrieff er den damals nur 9. jährigen Annibal bey der Hand / führte ihn für das Altar des rächendẽ Jupiters / um ihm bey seinẽ Opfern die benöthigte Handreichung zu thun. Nach vollbrachtem Gottes- Dienste umbhalsete und küßte er seinen Sohn / fragende: Ob er wohl Lust hätte mit ihm in Krieg nach Hispanien abzusegeln? Wie ein von dem mütterlichen Geblüte noch nasser Löwe schon seine Klauen zeigt; ja Helden-Kinder in der Wiege Schlangen zu zerreissen begierig sind; also brach beym noch so zarten Hannibal mit seinen Freuden-Thränen schon das Feuer seines Gemüthes für. Er umbarmte die Knie seines Vaters / und küssete den Staub seiner Fußstapfen / mit Bitte: Er möchte ihn ja nicht zurück lassẽ. Amilcar küßte Annibaln mit noch mehrer Brünstigkeit / nahm seine rechte Hand / legte selbte auf das Bild Jupiters / sprach ihm einen Eyd für / in welchem Annibal der Römer Tod-Feind zu sterben angeloben muste. Diesen sprach er nicht nur mit tausend Freuden nach; sondern er war in Hispanien die neun Jahr über ein unabtrennlicher Geferte in den Kriegs-Zelten seines sieghaften Vaters / der durch seine Thaten den ersten Stein zu einem neuen Reiche legte / und seinen Nachfolgern den Weg zu noch grössern Wercken bähnte. Auf der einen Seite des Flusses Iberus war alleine der tapfere und mächtige König Orisso noch übrig / der sein Haupt für Amilcarn nicht beugte. Daher kamen beyde mit einander zum Haupt-Treffen. Wie nun die Iberier überaus hartnäckicht fochten /drang Amilcar aus Ungedult mit einer wunderwürdigen Kühnheit auf das Haupt der Feinde zu / durchrennte den König Orisso; verfiel aber in solchem Gedränge mit seinem Pferde in einen Sumpf / und muste darinnen mit seinem Leben auch die unersättliche Begierde der Ehren ausblasen. Der achzehnjährige Hannibal aber ließ sich weder die Anzahl der Feinde /noch seines Vaters Tod irre machen; sondern gewan durch seine Tapferkeit die Schlacht. Asdrubal / der bißher über die Kriegs-Flotte bestellt war / kam in Amilcars Stelle; welches bey Annibaln schon etlicher massen Schälsucht erweckte. Also düncket ein ruhmsüchtiger Geist niemals einen zu kurtzen Degen / und zu wenig Jahre zu haben / wenn er grosse Unterfangungen im Schilde führt. Asdrubal stand seinem hohen Ampte mit grossem Fleisse und Klugheit acht Jahr für / erweiterte der Carthaginenser Gräntzen sehr weit /und zwar nicht so wohl durch die Waffen / als seine Leutseligkeit / wormit er der meisten Hispanischen Fürsten Gemüther an sich zoh. Denn es lassen sich durch keine Wünschel-Ruthe so wohl die heimlichen Ertzt-Adern erforschen / als menschliche Hertzen durch den Trieb der Freundschafft; und keine Zauber-Gärthe kan so wohl die Gespenster / als Freundligkeit und Wohlthun die Gemüther an sich ziehen. Er erbaute die mächtige und überaus wohlgelegene Stadt Neu-Carthago; welche die Römer sehr ins Gesichte stach /und sie gleichsam aus einem tieffen Schlafe gegen Carthago aufweckte. Alldieweil sie sich aber noch nicht völlig aus dem Illyrischen Kriege mit der Königin Teuta ausgewickelt / auch von denen Deutschen und Celten einen neuen Anfall zu gewarten hatten /machten sie zwar einen grossen Ruff / als auf dessen Gewichte die Kriege offtmals mehr als auf der Schwerde der Waffen bestehen: daß von Ostia und Cajeta ein mächtiges Heer nach Hispanien überfahren solte; ihr gröstes Absehn aber hatten sie auf ihre an Asdrubaln mit vielen Geschencken abgehende Gesandschafft. Wiewohl nun die in Italien noch seßhaften Deutschen / König Aneroest und Viridomar Asdrubaln durch vertrösteten Beystand beweglich in Ohren lagen / nunmehr die Waffen wider Rom und Sagunt zu ergreiffen; ließ er sich doch die Römische Kriegs-Rüstung entweder schrecken / oder ihre Geschencke blenden: daß er ohne des Raths zu Carthago Vorbewust / und zum Nachtheil des Vaterlands[819] den Römern durch ein neues Bündnüß versprach über den Fluß Iberus seine Bothmässigkeit nicht zu erstrecken. Diese Zeitung kam kaum so geschwinde nach Rom /als die Römer ihre völlige Macht gegen die Deutschen an- und über dem Po fortrücken liessen. Durch welche Kleinmuth / und einen dem Asdrubal begegnenden Unfall; da er nemlich einen der Gesandten auf der Jagt mit einem Pfeile tödtlich iedoch zufällig verwundete /ein in der Deutschen Gesandschafft sich befindender Edelmann derogestalt erbittert ward: daß er sich umb seine Rache auszuüben in Asdrubals Leibwache bestellen ließ; als aber in wenigen Tagen des Nachts die Reye der Schildwache für seinem Hause an ihn kam /er sich unvermerckt in das Schlaf-Gemach spielte /und ihm den Degen durchs Hertze stach. Kurtz vorher war zu allem Glücke Annibal wieder bey dem Kriegesheere in Hispanien ankommen / welcher eine Zeitlang in Gallien sich umbgesehen / auch mit den vermessenen Galliern wider König Klodomirn über den Rhein gesetzt; bey damaliger Niederlage anfangs zwar seine Freyheit verlohren / hernach aber durch seine vielfach erwiesene Kriegs-Wissenschafft Klodomirs wunder-schöne Tochter Chlotildis erworben hatte. Das Kriegsheer erklärte den wiewohl sehr jungen doch hertzhaften Annibal in Hispanien alsofort zum Haupte / der Rath zu Carthago bestätigte ihm seine Würde; und der Ausschlag wieß: daß das Alter so wenig die Mäß-Schnure der Klugheit / als ein Riesen-Geschöpfe das eigentliche Wohn-Haus der Tugend sey. Weil nun Volck und Pöfel viel Augen hat neuer Häupter Fehler zu übersehen / und viel Zungen ihn zu lästern; entschloß er sich mit einem herrlichen Anfange ihm ein Ansehen zu machen. Denn ein ungleicher Ruff findet den besten Glauben / und es ist leichter selbtem durch etwas rühmliches vorzukommen / als desselbten einmalige Flecken durch viel tugendhaftes Beginnen zu tilgen. Weil nun auch die allergeräumsten Umbschrenckungen beschwerlich sind; Hannibals Gemüthe aber einen grössern Umbschweiff als die Welt hatte; war ihm der letzte Römische Vertrag ein unerträgliches Fessel; daher beschloß er bey numehr erholten Kräfften die Stadt Carthago lieber frey und todt / als gebunden zu seyn / und seines Vaterlandes Herrschafft über den Flüß Iberus zu erweitern. Zumal seine für Rache glüende Gemahlin Chlotildis /welcher Bruder Concoletan von Römern erschlagen worden ward / Annibaln Tag und Nacht in Ohren lag mit den Römern zu brechen / sie ihm auch von unterschiedenen Deutschen Fürsten schrifftliche Versicherung ihres Beystandes fürzeigte. Weil nun diß ohne mit den Römern wieder ins Handgemenge zu kommen nicht geschehen konte; hierzu aber das gemeine Volck zu Carthago nicht Lust hatte; ja der Adel die gröste Gewalt des zur Kriegs-Zeit am meisten überwiegenden Barkischen Geschlechtes mit schälen Augen ansah / stand er an / diesen Vorschlag selbst aufzuwerffen. Denn ein Kluger soll so viel möglich sich hüten / nicht allein andern zu widersprechen / als welches eine Verdammung ihres Urtheils ist; sondern auch / daß er nichts vorschlage / welches andere besorglich widersprechen werden. Sintemal dieses gleichsam heist wider den Strom schwimmen; und nichts minder zu eigener Gefahr / als zu Verminderung des Ansehens gereichet. Also muß ein Kluger offt mit seiner Erklärung zurück halten / und wenn er es gleich mit den wenigern hält / doch mit den meisten reden. Uber diß erinnerte ihn der gemeine Lauff menschlicher Dinge: daß selten der Ausschlag das Ziel der alles erleichternden Einbildung erreichet /dieser ihr Urtheil hingegen auch das schwerste Fürhaben nach der Mäß-Ruthe des Verlangens urtheilet; und die Grösse der Römischen Macht aber: daß er mit nicht allzu übermässiger Hoffnung diß wichtige Werck unterfangen solte. Zumal ihm[820] Amilcar noch diese heilsame Lehre hinterlassen hatte: mit den Römern nicht ehe zu brechen / biß er gantz Hispaniens Meister worden wäre. Diesemnach stifftete er durch die dritte und vierdte Hand an: daß seine untergebene viel von der Begierde der Deutschen gegen die in Illyricum abgematteten und bey selbigen Völckern verhaßten Römer auffzuziehen / von Beschwerde der Sardinier über das Römische Joch und die Grausamkeit des Manlius / von deren rechtmäßigen Ursachen wider die Römer zu kriegen / von der erwünschten Gelegenheit sich der nicht so wohl unerträg- als schimpfflichen Schatzung zu befreyen. Welches alles so wohl dem Adel / als Pöfel lieblich in Ohren klang. Annibal bestärckte inzwischen diese scheinbare Ursachen mit männlichen Thaten. Denn er nahm die reiche Stadt Althea stürmender Hand ein; worfür Chlotildis das Kriegs-Volck auff einer Seite selbst behertzt an führte. Das gantze Volck der Olcader ergab sich hiermit unter Carthago. Hierauff bemächtigte er sich der Stadt Salmantica mit List / der grossen Stadt Arbucala mit Gewalt / uñ folgends des gantzen Vacceischen Landstrichs. Hundert tausend der mächtigen und so wol vierfach stärckern Carpetaner erlegte er / als sie gegen ihn durch den Fluß Tagus durchsetzten / auffs Haupt; machte sie auch kurtz hierauff ihm gar unterthänig. Und derogestalt war nichts mehr übrig / als die von Zazynthiern erbaute / in der Gräntze der Iberier und Celtiberier tausend Schritte vom Meere liegende / und mit den Römern verbundene reiche Stadt Saguntus im Tarraconensischen Hispanien; welche wegen für Augen schwebender Gefahr Post über Post nach Rom um Hülffe schickte. Hannibal / nach dem er so glücklich seinen Zweck und hiermit so grosses Ansehen zu Carthago erlangt / und seines Bedünckens den die Tugend sonst unterdrückenden Nebel des Neides überstiegen hatte / meinte nunmehr es Zeit zu seyn: daß er sein Vorhaben zu Carthago auff den Teppicht würffe / ehe das Gedächtniß seiner Siege und zugleich derselben Werth veralterte. Denn wie die Wercke eines Klugen und Thoren nicht so wohl in ihrem Wesen / als daß jene zur rechten / diese zur Unzeit geschehen / unterschieden sind; also ist es ein grosser Vortheil sich seiner Neuigkeit bedienen. Sintemal ein heutiges Loth unserer Thaten einen jährichten Centner grosser Verdienste überwieget. Wie er nun so wohl die Gemüther des Volcks gewonnen / als selbtem den Eckel für dem Kriege durch die reichen Beuten verzuckert hatte; schrieb er alle ersinnliche Ursachen: warum Carthago den Römern nunmehr auff den Hals gehen / oder nur Sagunt antasten solten; wormit Rom für sich selbst loß schlagen würde; als welches ohne diß die Hispanier heimlich zum Aufstand verhetzte. Dieser Meinung auch einen grössern Nachdruck zu geben / reisete seine Gemahlin Chlotildis mit vielen Nachrichten / und ihr Vetter Magilus der Bojen Hertzog um sein und seiner benachbarten Völcker Gemüther dem Rathe so viel kräfftiger zu eröffnen selbst nach Carthago; daselbst bearbeitete sich auch des Königs Demetrius Pharius aus Macedonien Gesandter / um ein Bündniß wider die Römer; welche er über dem Fluße Lissus anzutasten versprach. Amilcar war kaum drey Tage zu Carthago in seiner Winterrast; da auff einen Tag Chlotildis und Magilus mit freyer Gewalt für Annibaln zurücke kam; wie auch eine Römische Botschafft mit Verwarnigung / weder Sagunt anzutasten / noch über den Iberus zu setzen /bey ihm sich einfanden. Hannibal gab dieser Bothschafft auff Chlotildens Einredung zur Antwort: daß die Dräuungen im Kriege nur schädliche Warnigungen wären / als wie Blitz und Knall zugleich kommen müste; Gleichwohl beschwerte er sich über die Römer: daß sie zu Sagunt etliche den Carthaginensern verwandte Adeliche Geschlechter durch schimpfflichen Tod hingerichtet;[821] die Saguntiner aber in ihrem Gebiete die Torboleter beraubet / auch wider dieser noch anwesenden Beschwerführung seine billiche Vermittelung verächtlich ausgeschlagen hätten. Nach zweyen Monaten schied die Botschafft von ihm nach Carthago / daselbst gewisse Enschlüssung zu holen. Amilcar aber / der mit Sagunt den Römern alle Gelegenheit in Hispanien festen Fuß zu setzen abschneiden wolte / kam mit seiner Macht unversehens für Sagunt an; beschloß selbte rings um mit einem Walle /daran Annibal und Chlotildis selbst als gemeine Kriegs-Knechte Hand anlegten / bey ieder Gefahr sich in die Spitze stellten; und nach acht Monatlicher Belägerung die nunmehr verzweiffelten Saguntiner / als sie sich von den kleinmüthigen Römern verlassen /alle eusserste Beschirmung aber verspielet sahen /dahin brachten: daß sie alles Gold und Silber auff dem Marckte mit Ertzt und Bley unter einander verschmeltzten; hierauff des Nachts einen Ausfall thäten / alle aber biß auff den letzten Mann erschlagen wurden / ihre Weiber sich theils erheuckten / theils von der Mauer stürtzten; ausser welche durch Vorbitte Chlotildens erhalten blieben. Also war Saguntus nicht so wohl die Ursache / als der Anfang des Krieges. Wie aber diese Eroberung den Römern bey ihren Bunds-Genossen übele Nachrede verursachte / beschlossen sie alsobald und ohne Berathschlagung den Krieg; und daß der Bürgermeister Tiberius mit Kriegs-Macht Carthago selbst belägern / der ander aber wider Annibaln auffziehen solte. Weil sie aber mit dem Demetrius in Illyricum noch genung zu schaffen hatten / schickten sie ihren Schluß biß zu völliger Ausrüstung zu verblümen / eine Botschafft nach Carthago / unter dem Schein die Zwistigkeiten zu vergleichen. Diese beschwerte sich: daß Hannibal wider das mit Asdrubaln gemachte Abkommen über den Iber gesetzt / und Sagunt ihre Bunds-Genossen ausgerottet hätte. Daher im Fall der Rath sich nicht solchen Frieden-Bruchs theilhafftig machen wolte /müste er Hannibaln und alle seine Rathgeber zu der Römer Bestraffung aushändigen. Der Rath versetzte: Ob wohl die Römer schon durch Abdringung Sardiniens und Abheischung einer jährlichen Schatzung den Lilybeischen Frieden gebrochen hätten / wolten sie doch solch Unrecht vergessen / und den Frieden unterhalten. Die Saguntiner aber hätten durch Uberfall der Torboleter sich an den Hannibal gerieben / und ihren Untergang verursacht. Zu dem wären diese bey oberwehntem Frieden der Römer Bunds-Genossen noch nie gewest; sondern nur um der Stadt Carthago einen Dorn in die Augen zu setzen / hernach in ihren Schutz gezogen worden. Endlich wüsten sie von neuem Bündnüsse Asdrubals nichts / der den Rath ohne ihre Einwilligung zu nichts kräfftig verbinden können. Aus welchem Grunde die Römer vorher den zwischen Carthago und dem Römischen Bürgermeister Luctatius in Sicilien gemachten Frieden verworffen / ihnen aber schwere Bedingungen auffgehalset hätten. Was aber Asdrubal für sich geschlossen / wäre mit seinem Tode erloschen. Der Römische Gesandte / an statt: daß er dem Rathe noch hätte einhalten können: die Sardinische Sache wäre durch Erlegung der Schatzungen in der That beliebt / der Friede vom Luctatius auff Genehmhabung des Römischen Raths / Asdrubals aber ohne Bedingung geschlossen / und darinnen alle / also auch die künfftigen Bundgenossen begriffen worden / öffnete den Rock auff der Schoß; fuhr hitzig und entrüstet heraus: Wir sind hieher nicht zum Wortgezäncke erschienen; sondern wir fordern Annibaln und andere Friedbrüchige. Hier stecket Krieg und Friede; was ihr auslesen werdet / will ich heraus geben. Der König oder Oberste im Rath versetzte: Carthagens Würde[822] erfordert diß anzunehmen /was ihr heraus ziehen wollt. Hierauff zohe der elteste Gesandte ein blanckes Schwerd herfür / mit dem Beysatze: Diß ist es / was uns anstehet. Der Rath rieff hierauff einhellig: wir nehmen es an / weil es euch gut dünckt. Wormit die / derer Gemüther viel Jahr vorher getrennt waren / gleichsam für Zorn schäumende von sammen schieden. Wie nun nach zerrissenem Bündnisse Hannibal freye Hand bekam gantz Hispanien ihm in weniger Zeit theils durch Gewalt / theils durch Dräuung / theils Verheissungen zu unterwerffen / und an Römern sein Heil zu versuchen / ließ Hertzog Magilus nicht ab ihn durch Herausstreichung der fruchtbaren Länder / streitbaren / und den Römern gehäßiger Völcker am Po zum Einfalle in Italien durch Gallien zu bereden. So ka eben zu rechter Zeit Matalus und Dietrich zwey Bojische Fürsten / als Gesandten /von den um die Alpen wohnenden Deutschen an /welche dem Annibal selbiger Völcker bereitete Hülffe anboten; andern Kriegs-Häuptern aber den Traum benahmen; als wenn über solch Alpen-Gebürge noch kein ander Kriegs-Heer als für Zeiten des Hercules zu steigen vermocht hätte. Da doch die Gallier und Deutschen mit Weib und Kindern so vielmahl selbtes durchreiset hätten. Ja sie selbst wären über diß Schnee-Gebürge nicht geflogen / sondern itzt gleich über selbtes / und zwar zur Winters-Zeit kommen /wolten also ihre selbsteigne Wegweiser seyn. Der kühne Hannibal wolte diese Gelegenheit nicht aus den Händen lassen; sondern handelte mit ihnen ein gewisses Bündniß ab; in welchem unter andern merckwürdig versehen war: Es solten die Deutschen den Carthaginensern: daß sie Kriegs-Obersten / diese aber jenen / daß sie Weiber zu Richtern und Rathgebern hätten / nicht fürrücken. Diesemnach hielt Hannibal fürs rathsamste den Feind im Hertzen anzugreiffen; schickte also unverzüglich das Hispaniens gewohnte Kriegs-Volck in Africa; das Africanische aber verlegte er in Hispanien zur Versicherung / allwo er seinen Bruder Asdrubal zum Kriegs-Haupte bestellte / und ihm wider der Römer besorglichen Einfall heilsame Lehren gab. Nach so guter Anstalt zohe er im ersten Frühlinge mit neuntzig tausend Mann zu Fuße / und zwölff tausend Reutern über den Iber / brachte alle biß an das Pyreneische Gebürge durch das Aqvitanische Narbonische Gallien mit funffzig tausend zu Fuß / und fünfftehalb tausenden zu Rosse alles alten abgehärteten Kriegs-Leuten. Die auff Römische Seite hengenden Gallier gewan er mit Schrecken / die andern mit Geschencken und Vertröstung: Er käme dahin nicht als ein Feind / sondern Gast /wolte auch den Degen nicht eher / als in Italien zücken. Hertzog Magilus aber reisete eilfertig voran; und versicherte die Insubrier / Bojen / und andere Deutschen der anziehenden Hülffe; welche / weil zumahl die Römer am Po durch Auffricht- und Besetzung der neuen Stadt Placenz diesen freyen Völckern ein Gebiß ins Maul legten / Annibals nicht erwarten konten /sondern die Waffen ergriffen; aus denen abgenommenen und denen Römischen Bürgern vertheilten Aeckern die neuen gewaltsamen Besitzer vertrieben / den Lutatius / Servilius / Annius und andere dahin geschickte Feld-Mässer in Mutina belägerten / und als sie heimlich daraus sich flüchten wolten / erlegten. Manlius eilte mit einem starcken Heere herzu die Stadt zu entsetzen; Magilus aber zohe selbtem entgegen / versteckte sein Heer in einen Wald / und überfiel die daselbst nichts minder als einen Feind besorgenden Römer mit so grossem Vortheil: daß wenig von dem gantzen Heere auffs Gebürge entrannen. Ob nun wohl Manlius mit frischen Völckern ihm begegnete / so schlugen ihn die Deutschen doch abermahls mit grossem Verlust in die Flucht; eroberten sechs Fahnen / und belägerten[823] in der Stadt Tannetum die gantze vierdte Legion / und die Römisch gesinnten Brixianischen Gallier; biß Lucius Atilius mit seiner Legion und viel Galliern an- / die Deutschen aber mit grosser Beute sich zurück zohen. Weil nun aber die Massilier den Römern Annibals Siege in Hispanien zu wissen machten; schiffte der Bürgermeister Publius Scipio mit einem ansehlichen Heere von Pisa ab an dem Ligustischen Meer-Strande biß nach Maßilien / in Meinung biß in Hispanien zu segeln. Er erfuhr aber daselbst mit Erstaunung: Annibal habe nicht nur das Pyreneische Gebürge hinter sich gelegt / auch die ihm widerstehenden Narbonischen Gallier zerstreuet /sondern sey auch schon begriffen über den Rhodan zu setzen. Sintemal die zwey deutschen Fürsten Matalus und Dietrich die auff der West-Seite des Rhodans wohnenden Ardves / wie auch die Deutschen an dem Fluß Araris schon vermocht hatten: daß sie Hannibaln eine grosse Menge Nachen zu Fertigung einer Schiffbrücke den Strom herab brachten. Die Kriegsvölcker höleten auch unzehlich viel Bäume zu Nachen aus. Die Volcaischen Gallier alleine zohen sich mit allen ihrigen auff die Ost-Seite des Flusses / und bothen mit der Maßilier Hülffe Annibaln an dem Strande die Stirne. Dahero führte Fürst Dietrich ein Theil des Heeres unter dem jungen Hanno Bomilcars Sohne unvermerckt eine Tagereise am Rhodan hinauff; allwo der Rhodan in sich ein kleines Eyland macht. Daselbst machten sie des Nachtes in dem anliegenden Walde eine Menge Flössen zusammen / kamen also unverhindert über den Fluß; hiermit rückten sie auff der Ost-Seite Stromwerts wieder ab / berichteten ihre Uberkunfft und Anzug Annibaln; welcher denn alle Schiffe mit Volck besetzte / und darmit überzukommen versuchte. Als nun die Maßilier und Gallier dieses zu verwehren eusserst arbeiteten; fiel Hertzog Dietrich mit neuen deutschen Hülffs-Völckern und Hanno mit seinen Mohren ihrem Feinde in Rücken; erlegten derer viel tausend; also kam Hannibal mit einem grossen Siege über den Rhodan. Wiewohl er mit Ubersetzung der das Wasser überaus fliehenden Elephanten / denen er eine Schiffbrücke bauen / und selbte mit Rasen besetzen muste / unglaubliche Mühe anwendete; derer etliche zwar auch bey Loßtrennung eines an die am obersten Ufer stehenden Bäume angebundenen Schiffes in Fluß stürtzten / aber mit empor gereckten Schnautzen doch herdurch wateten. Allhier kam der tapffere Magilus mit Bericht seiner Siege und zum Wegweiser wieder bey Annibaln; Publius Scipio aber mit seinem Heere am Rhodan wiewohl zu spat an / weil Annibal schon drey Tage vorher am Rhodan hinauff / über den durch der Vecontier Land flüssenden gefährlichen Strom Druentia gediegen war. Das vierdte Nachtlager schlug Annibal in der Tricaßnier Gebiete am Fluße Isara auff; Allwo zwey Allobrogische Fürsten über ihrem zwischen dem Rhodan und Isar in Gestalt eines Eylandes liegenden Erbtheile mit einander zwistig waren / Annibaln aber ihren Streit zu entscheiden untergaben. Annibal sprach wider Bertholden für den Brancus / als welcher auch für sich das Recht der Erstgeburt hatte / und Annibaln an Volck und nöthigem Vorrathe allen möglichen Vorschub zur Reise that. Allhier stiessen zu Annibaln etliche tausend Alemänner und Nemeter unter dem Fürsten Hulderich der Chlotildis jüngsten Bruder; Fürst Berthold aber nahm seine Zuflucht zu denen benachbarten Fürsten der Centroner und Veragrer / brachte auch durch seine klägliche Beschwerden es so weit: daß diese Völcker in aller Eil alle Lücken der Alpen gegen Annibaln besetzten / der zwischen dem Rhodan und dem Isar seinen Weg unsäumbar verfolgte. Berthold aber war allzuhitzig / ließ sich mit seinen im Vortheil stehenden Völckern für[824] der Zeit sehen; da er hingegen bey derselben Verdeckung Annibals Heer in den tieffen Thälern mit schlechter Müh sonder einige Gefahr durch Abweltzung der Steine hätte ausrotten können. Hingegen kundschaffte Fürst Hulderich von etlichen Galliern aus: daß sie des Nachts diese Berg-Engen unbesetzt liessen / und sich theils nach Axima / theils nach Novimagum zurück zügen. Annibal brach hierauf in höchster Eil des Nachts aus seinem Läger auff / bemächtigte sich dieser felsenen Pforten /und führte das gantze Heer Berg auf. Am Morgen fielen die Gallier und Allobroger Annibaln grimmig an /thäten ihm aber nicht so viel Schaden / als das abschüßige und enge Gebürge; von welchem ihrer viel und insonderheit Pferde und andere Thiere mit grosser Menge abstürtzten. Endlich aber ward Fürst Berthold vom Hertzoge Magilus von einem Pfeile tödtlich verwundet / und nicht alleine der Feind verjaget / sondern auch die Stadt Axima mit grossem Vorrathe erobert / allwo er drey Tage sein abgemattetes Heer erfrischte; die benachbarten Gallier aber derogestalt erschreckte: daß sie von allen Orten mit Oelzweigen ihm entgegen kamen / um seine Freundschafft baten /und alles nöthige reichlich zuführten. Zwey Tage reisete Annibal derogestalt friedlich durch das Centronische biß in das Veragrische Gebiete / da ihn denn in einem tieffen um und um mit steilen Klippen umgebenen Thale die mißträulichen Gallier abermals anfielen; also: daß es hier um sein gantzes Heer gethan gewest wäre / wenn der schlaue Annibal aus einem vernünfftigen Mißtrauen nicht die Elefanten und alles Kriegs-Geräthe mit der Reuterey allezeit zu voran geschickt / den Kern des Fußvolckes / und insonderheit die der Felsen gewohnte Deutschen aber im Rücken behalten hätte. Gleichwol war es ein hartes Treffen /und muste nach des gantzen Tages Gefechte Annibal auf einem kahlen Berge übernachten; er erreichte auch allererst folgende Nacht seinen Vortrab. Folgenden Tag machten die Gallier zwar hin und wieder Lermen / aber ohne Nachdruck. Denn so bald sie die ihnen gantz fremden Elefanten ersahen / trieb sie die Furcht zurücke. Den neundten Tag erreichte Annibal den längst gewünschten höchsten Penninischen Gipffel /von welchem man gegen West Gallien / gegen Sud-Ost aber das lustige Italien übersehen kan. Diesen Berg verehren die Gallier nichts minder / als die Syrier den Carmelus; nennen ihn auch die Säule der Sonne. Auf dem Gipffel stehet der Verager Gott Pennus in Risen-Grösse in Marmel ausgehauen. Auf selbtem entspringt der Fluß Dranse / und noch ein ander /jener laufft gegen Mitternacht in den Lemannischen See / dieser gegen Sud-Ost in den Strom Duria; welcher Annibaln gleichsam einen Wegweiser biß an den Fluß Po abgab. Weil nun Annibaln das Wetter fugte /lag er zwey Tage auf dieser Höhe stille; nicht so wol: daß sein Heer daselbst ausruhte; als daß er ihm die Zähne nach denen Herrligkeiten des im Gesichte liegenden Italiens wäßricht machte. Nach dem Andacht und Gottesdienst auch das festeste Band der Gesetze /der sicherste Kapzaum des Volckes ist / vergaß Hannibal nicht auf diesem alle andere Berge überragenden und deßhalben so viel heiligern Berge dem Jupiter /dem alle Gipffel gewiedmet sind / zu opffern; setzte auch dem Pennus das Bild des Ammonischen Jupiters gegen über. Auff der Seiten aber grub er in einen Steinfelß: Annibal der Carthaginenser Feldherr / welcher am allerersten mit einem Heere über diese Höhe in Italien gedrungen / leget dem Jupiter und dem Schutz-Gotte dieses Gebürges ein heiliges Gelübde ab: daß / da sie ihn die beschworne Zerstörung der Stadt Rom bewerckstelligen lassen / er auff die Spitze dieses Berges einen grössern Tempel / als in Rom keiner ist / bauen / und den Capitolinischen Jupiter drein setzen wolle. Ob nun wol auch Annibal beym Aufbruche seinem Heere[825] die nicht mehr allzu ferne Gegend der Stadt Rom / als welcher Stadt Mauern sie so wol / als Italiens mit diesen Bergen überstiegen /ungefähr anwieß; so grausete doch allen für dem gähen und engen Abwege; zumal der die Nacht vorher häuffig-gefallene Schnee Berge und Thäler ausgegleicht hatte; also: daß viel nur einmahl fehltretende Menschen oder Thiere von den Abgründen verschlungen wurden / und nicht einst eine Spure zu anderer Verwarnigung hinter sich verliessen. Die gewohnte Müh des abgehärteten Heeres überwand gleichwol alle Beschwernüsse / ungeachtet die wegen gewohnten Schnee und Eises an die Spitze gestellten Deutschen Fuß für Fuß mit Schauffeln sich durchscharren musten. Endlich aber geriethen auch die Hertzhafftigsten in Verzweiffelung / weil die Natur ihnen selbst einen Rigel vorgeschoben / und tausend Schuch hoch einen Felß von dem Wege abgespalten hatte; also: daß über diese Tieffe zu kommen nicht Füsse / sondern Flügel von nöthen schienen. Der hierüber zwar ängstige / aber sich doch euserlich unerschrocken gebehrdende Annibal suchte anfangs zwar einen Umweg über ein von viel-jährigem Schnee angefülltes Thal; aber die schweren Thiere und Menschen traten durch den neuen oben nur gefrornen Schnee bald durch /und versancken in den unterhalb wäßrichten Sumpf; also: daß nach ziemlichem Verlust Annibal selbst fast nicht wuste / wo er sich hinwenden solte. Gleichwohl ließ er seinen Kummer nicht mercken; entschloß sich also die Unmögligkeit selbst zu überwinden / und über die abschüßige Höhe ihm einen Weg zu bähnen; wol wissende: daß auch eine verzweiffelte Ausrichtung besser / als eine nichts entschlüssende Sorgfalt sey. Zumal Elefanten und andere Thiere auf diesen rauen Klippen schon halb verhungert waren. Diesemnach ließ er alle in der nähe stehende Bäume abhauen / Schnee und Erde herzu schleppen / auff Anleitung der Deutschen die Klippen mit Feuer und Eisen zersprengen / alles diß aber von der Höhe hinab stürtzen / und also einen Weg ausgleichen: daß er den vierdten Tag erstlich das Vieh / hernach die Menschen herunter führen konte / und nach dreytägiger Ruhe endlich im fünfften Monat der Reise die erwünschte Fläche Italiens erreichte / und nach hinterlegtem Salaßischem Gebiete zwischen den fruchtbaren Flüssen Duria und Seßites bey denen ihn mit Freuden bewillkommenden Libiciern an Kräfften sich erholete; sintemal er nach Verlust der Helffte seiner eigenen Völcker mehr nicht als zwantzig tausend zu Fusse / und sechs tausend Reuter allhier übrig hatte / aber alsbald mit zehn tausend auserlesenen Deutschen verstärckt ward; welche aus Helvetien über das Adulische Gebürge / und so fort auf dem Flusse Ticin und über den Verbanischen See vermöge des mit Annibaln gemachten Bündnüsses dahin an- und ihm wol zu statten kamen. Denn weil die Römer den Atilius mit einer starcken Macht dem Manlius wider die Bojen und Deutschen am Po zu Hülffe geschickt hatten / die mit denen Insubrern kriegende Tauriner auch die Römische Seite hielten /und Cneus Scipio mit einem noch mächtigern Heere im Abzuge war; scheuten sich diese mehrmals gewitzigten Völcker / ehe sie von Hannibaln was merckwürdiges sähen / sich öffentlich zu ihm zu schlagen. Weil die Tauriner aber sich für Feind erklärten; fiel ihnen Hannibal als ein Blitz über den Hals / belägerte ihre am Po und dem obern Flusse Duria gelegene Hauptstadt; eroberte selbte auch den dritten Tag stürmender Hand. Welches nicht allein ihm den Zufall der Insubrer / sondern selbiger gantzer Gegend erwarb /auch verursachte: daß die Römer den nach Africa befehlichten Bürgermeister Tiberius vom Lilybeischen Vorgebürge zurück forderten. Wie nun aber Annibal am Po herab zoh / ward ihm angesagt: daß der von Maßilien zurück schiffende Publius Cornelius Scipio mit seinem Heere bereit oberhalb Placentz über den[826] Po gesetzt hätte / und über den Fluß Ticin eine Brücke schlüge. Wenig Tage hernach begegneten beyder Heere Vortrab einander harte am Po; da aber die Römer von Annibals Reuterey bald zertrennet / von den Numidiern umgeben / und meistentheils erlegt wurden. Fürst Magilus verwundete den Bürgermeister selbst / hätte ihm auch gar den Rest gegeben / wenn ihn nicht sein Sohn ein tapfferer Jüngling von siebzehn Jahren / der hernach der Africanische Scipio genennet ward / bey aller andern Römer Zagheit beschirmet / und ihm sich der Gefahr zu entziehen Lufft gemacht hätte. Publius muste derogestalt nicht nur den Fluß Ticin verlassen / sondern auch über den Po zurücke weichen. Hannibal aber lag dem Feinde fort für fort in Eisen / bekam sechs hundert bey der abgebrochenen Brücke gelassenen Römer gefangen / und nunmehr die um den Po wohnende Deutschen Völcker Hauffenweise zu sich; gieng darmit auf einer Schiffbrücke über selbten Fluß biß für das Römische Lager bey Placentz. Nach dem Annibal auch den Publius vergebens zur Schlacht ausgefordert hatte; redete im Römischen Lager Albert ein Deutscher Fürst / welcher von den Römern unters Joch gebracht / und ihnen zu dienen gezwungen war / seine unterhabende Völcker auf: daß sie durch ihre Tapfferkeit sich wieder in Freyheit setzen solten. Diese überfielen des Nachts die neben ihnen liegenden Römer in ihren Zelten / schnitten wol vier tausenden die Köpffe ab / brachen / ehe Publius wider diesen Anfall genungsame Anstalt machte / durch ein Thor aus dem Läger / und kamen des Morgens / als zugleich die Bojen mit denen voriges Jahr gefangenen Römern sich einfanden / zu Hannibaln / welcher alle mit schätzbaren Köstligkeiten beschenckte; und theils seine Freygebigkeit auszubreiten wieder von sich nach Hause ließ. Publius Scipio ward durch den Abfall der Bojen und anderer Deutschen euserst erschreckt; daher brach er des Nachts stillschweigend auff / setzte über den Bach Trebia / und verschantzte sich auff einem darbey liegenden vortheilhafften Hügel. Die Numidische Reuterey aber ereilte den Römischen Nachzug / und hieb alles zu Bodem. Annibal schlug nahe darbey sein Läger auf / kauffte vom Römischen Hauptmanne Brundusin ihr Kornhauß die Stadt Clastidium; also: daß er durch diese Verrätherey und derer Deutschen Zufuhre im feindlichen Lande mehr Vorrath als die Römer hatten. Inzwischen stieß Tiberius Sempronius mit seinem mächtigen Heere zum Scipio; welcher durch etliche Scharmützel so hochmüthig ward: daß ihn der noch von seiner Wunde bettlägrige Scipio die Liefferung einer Schlacht nicht erwehren konte / welche Hannibal / weil die Römischen Krieges-Leute noch ungeübet / die Deutschen aber noch in der ersten Hitze waren / und durch eine grosse That in Italien den Grund des Krieges zulegen für nöthig hielt / auffs sehnlichste verlangte. Sintemal die Sternseher nicht so genau aus denẽ bey der Geburt scheinenden Sternen /als Kriegsleute aus dem ersten Gefechte eines Feldherren den künfftigen Glücks-Lauff wahrsagende urtheilen. Hierinnen nun keinen Fehltritt zu thun / raffte er alle seine Kriegs-Künste zusammen / und versteckte auff der zwischen beyden Lägern befindlichen Fläche seinen Bruder Mago mit tausend auserlesenen Reutern / und den Fürsten Dietrich mit tausend Deutschen Fußknechten zwischen die ziemlich tieffen Ufer einer daselbst rinnenden mit hohem Schilf und Senden bewachsenen Bach; ließ auch des Nachts das gantze Heer erqvicken / und zur Schlacht sich rüsten; mit dem ersten Morgen aber 2000. Numidier biß unter den Römischen Wall streiffen. Tiberius hingegẽ mit seiner Reuterey und 6000. Bogenschützen alsbald auf sie einen Ausfall thun / auch die mit Fleiß fliehenden durch den des Nachts vom zerschmoltzenẽ Schnee und gefallenem Regen angeschwollenen Strom Trebia verfolgen / ob ihnen[827] schon das Wasser biß an die Brust gieng. Añibal wolte diese erwünschte Gelegenheit / welche nach einmal gekehrtem Rücken niemanden leicht wieder das Antlitz zukehrt / nicht aus Händen lassen / schickte daher den Numidiern die Balearischen Schützen / und der Bojen leichte Reuterey 8000. Mann starck alsbald zu Hülffe. Weil diese sich an den Feind hiengen / führte er 6000. Africaner /6000. Hispanier / 4000. Alemänner / 2000. Catten /und 2000. allerhand andere Deutschen / alles auserlesenes Fußvolck aus dem Läger / und stellte sie in einer Reyhe in Schlacht-Ordnung / auf iede Seite 5000. Reuter / meist Hispanier / Africaner und Deutschen; derer rechten Flügel Fürst Magilus / den andern Matalus führte; Er aber selbst und seine gewaffnete Chlotildes beobachteten die Mitte. Tiberius hätte auf des Scipio ungedultiges Zureden sein hungriges Volck zwar gerne zurück gezogen / aber er hatte sich zu tief eingelassen; also / da er seine acht biß 10000. Mann nicht muthwillig in die Schantze setzen wolte; weil die Bach und die Geschwindigkeit der Numidier keine vernünfftige Zurückweichung verstattete / muste er mit dem übrigen Heere nur auch aus dem Läger rücken; welches in 36000. Fuß-Knechten / und 4000. Mann Reuterey bestand; unter welchen 20000. Hülffs-Völcker / und zwar meist zwischen denen Flüssen Mae / Po und Athesis wohnende / und fast alleine nur noch den Römern treuverbliebene Cenomänner waren. Diese Macht war wo an der Zahl stärcker /als Annibals. Aber seinen Führer Tiberius machte sein erste Versehen schon kleinmüthig / und diß: daß er wider Willen schlagen muste / verdammte alles /was er oder die Seinigen hernach gleich gutes ausrichteten. Uber diß ließ sich der Anfang der Schlacht bald zum ärgsten an. Denn das Fußvolck beyder Heere war noch nicht völlig an einander / als die Römische Reuterey in schimpfliche Flucht gerieth. Als diese Magilus verfolgte / brach Fürst Matalus mit den Elefanten in die schwere Rüstung der Römer zur Seiten ein. Endlich fiel Mago mit seinen versteckten Reutern /und Fürst Dietrich mit seinem Fußvolck den Römern in Rücken; worvon das gantze Römische Heer auf einmal verwirret / zertrennet / von Elefanten und Pferden zertreten / die flüchtigen in den Strom Trebia getrieben / und ersäufft wurden; also von 50000. Mann nicht der fünfte Theil nach Placentz ertran. Hingegen war auf Annibals Seite der Verlust geringe; und hatten die Deutschen und Bojen in diesem frostigen Treffen diemeiste Hitze ausgestanden; insonderheit aber weil sie 10000. gegen Placentz durchbrechende Römer mit euserster Gewalt aufhalten wolten / durch ihr Blut fast alleine den herrlicher Sieg erkaufft; welchen der unvorsichtige Tiberius vergebens zu verblümen suchte / da er den Römischen Rath wissen ließ: der Wirter hätte ihm den Sieg aus den Händen gebunden. Alleine die darauf erfolgende Eroberung des Römischen Lagers / der Abfall gantzer Völcker / die Umschlüssung der entflohenen Römer / welchen aller Vorrath mit genauer Noth vom Adriatischen Meere auf dem Po zu Schiffe muste gebracht werden / verrieth alsbald die Warheit der Sache / und erregte zu Rom ein so grosses Schrecken: als wenn Annibal schon für den Pforten wäre. Annibal hingegen ließ alle gefangene Italer loß / vorgebende: daß er nur wider die Römer zu kriegen / denen von ihnen unters Joch gespanneten Völckern aber die Freyheit wieder zu geben in Italien kommen wäre. Hierauf zerstreute Fürst Matalus mit 4000. Deutschen / und 500. Numidiern / 35000. auf der Römer Seiten stehende Anamaner / eroberte die Festung Vicumnia; Annibal aber hielt nicht für thulich die Deutschen und Gallier / als die Werckzeuge seines Sieges mit langer Winter-Verpflegung zu bebürden; weil die Last der Bundsgenossen beschwerlicher / als des Feindes; also mehrmals eine Ursache schädlicher[828] Trennung ist. Daher belegte er nur die Tauriner / und die / welche ihm die Spitze geboten hatten / und zohe im ersten Frühlings-Anfange / entweder weil er von Natur zu beschwerlicher Mühsamkeit geneigt / oder hierdurch sein Kriegsvolck für der Verzärtelung zu bewahren gemeint war /den zwar kürtzesten und daher von Römern am wenigsten besetzten / an sich selbst aber schlimsten Weg über das Apenninische Gebürge / und hernach durch eitel vom über giessenden Flusse Arnus gemachte Pfützen und Sümpffe in Hetrurien; in welcher das Heer gantzer vier Tage warten muste; worvon vielen Pferden das Horn von Füssen fiel / Annibal aber selbst vom Winde und Platz-Regen ums Gesichte eines Auges kam; ja er den Galliern mißtrauende durch Verwechselung der Kleider und fremd-angenommener Haare sich mehrmals verstellte. Inzwischen hatte der Bürgermeister Flaminius ein neu mächtiges Heer versa let / ihm auch der König in Sicilien Hiero eine ansehnliche Hülffe zugeschickt. Mit diesem rückte er biß an Aretium; hatte auch noch den andern Bürgermeister Servilius mit einer grossen Macht zu erwarten. Annibal spürte alsbald des Flaminius Hochmuth aus; der aus allzu gewiß eingebildetem Siege eine grosse Menge Ketten und Fessel die Feinde in Eisen zu schlagen mit sich führte; daher brach er aus der Fesulanischen Gegend auf /durchstreiffte mit Raub und Brand das Land / zohe bey des Flaminius Läger vorbey / und zwischen der Stadt Cortona und dem Thrasimenischen See gerade auf Rom zu. Flaminius schäumte für Zorn: daß ihn Annibal so verächtlich am Rücken gelassen hatte; daher verfolgte er Annibaln blind und unvorsichtig biß an den See; welcher dieses vernehmende des Nachts am Thrasimenischen See alle Hügel mit Deutschen besetzte; Er selbst aber mit den Mohren und Hispaniern an dem innersten Hügel sich in Schlacht-Ordnung stellte. Wie nun Flaminius des Morgens /ungeachtet des dichten Nebels das gröste Theil seines Heeres in das rings um besetzte Thal fortrücken ließ /bot Annibal ihnen unversehens die Stirne. Als sie nun in diesem Gedränge sich vorwärts in Schlacht-Ordnung zu stellen bemüht waren / fielen die Fürsten Magilus / Dietrich und Matalus auf dreyen Seiten mit ihren streitbaren Deutschen wie der Hagel über die Römer; also: daß die rings umgebenen Römer bey so dickem Nebel nicht wusten: ob die Feinde aus den Wolcken ihnen über den Hals kämen. Die Römer wurden im ersten Angrieffe in Unordnung bracht; viel konten wegen des Gedränges nicht einst die Schwerdter zücken / keiner aber einige Lantze brauchen. Ein Deutscher Ritter Ducario / welcher tausend Insubrer führte / erkennte den Flaminius; und weil er seine Schwester ihm in vorigem Kriege weggeführet hatte /drang aus absonderer Rache gegen ihm durch die ihren Bürgermeister vergebens verfechtenden Römer wie ein Blitz durch / rennte seinen Waffenträger zu Bodem / den Flaminius aber mit der Lantze durch und durch; hernach hieb er ihm nach Verdienst den Kopff ab; weil er das Haupt eines so tapffern Heeres zu seyn unwürdig war. Funfzehn tausend Römer / welche weder ihre Kriegs-Gesetze / noch die Beschaffenheit des Ortes fliehen ließ / wurden in Stücken gehauen oder zertreten. Mago und Maharbal traffen inzwischen auff das zwischen dem See und den Bergen fortziehende Römische Heer mit einem solchen Ungestüm: daß die meisten ihr Heil in dem Wasser suchten / aber entweder von Schwerde der Waffen in Grund gerissen / oder von der Reuterey zu Bodem gerennt wurden. Viel kamen durch eigenhändigen Tod der Grausamkeit ihrer Feinde für. Am merckwürdigsten aber war: daß die Hitze der Sieger / und das Schrecken der Uberwundenen allen die Wahrnehmung des sich bey währender Schlacht zutragenden Erdbebens entzoh / welches doch Städte über[829] einen Hauffen warf / gantze Flüsse verleitete / und Berge abstürtzte. Rhemetalces fiel ein: Ich wundere mich nicht: daß Furcht und Schrecken die Besiegten so unempfindlich ge macht habe; weil ich weiß: daß diese henckerische Gemüths-Regung etlichen in einer Nacht graue Haare heraus getrieben / ja blutigen Schweiß ausgeprest /oder auch viel gar auf der Stelle getödtet habe. Daß aber die Uberwünder / welche die Vernunfft besser zu rathe halten könten / so wenig gefühlt haben solten /wäre was gar ungemeines. Malovend antwortete: diß ist nichts seltzamers / als jenes. Denn die Tapfferkeit ist kein so hefftiges Feuer / welches so wenig fühlet /so sehr es von andern gefühlet wird. Sie siehet nichts über ihrem Haupte / alles aber erschüttert sich unter ihren Füssen. Es ist wahr / sagte Adgandester. Und daher antwortete jener Feldhauptmann Hertzog Marcomirs einem Fragenden: Ob bey währender Schlacht die Sonne / wie bey Zeugung des Hercules der Monde am Himmel stille gestanden hätte? gar recht: Er hätte auf der Erde so viel zu schaffen gehabt: daß er nicht Zeit gehabt sich nach Wunderzeichen umzusehen. Alleine in der Thrasimenischen Schlacht waren die Schwerdter der Africaner und Deutschen bey den bestürtzten Römern empfindlicher / als das Erdbeben. Denn ihrer 6000. flüchteten sich darfür / erreichten auch zwar die Höhe der Berge / und endlich nach dem sie bey fallendem Nebel die Abschlachtung des gantzen Heeres wahrnahmen einen gegen Tifernum zuliegenden Flecken; Alleine dieser ward vom Fürsten Magilus und Maharbal bald umrennet / und die Flüchtigen sich auff Gnade und Ungnade zu ergeben gezwungen. Aus 20000. Gefangenen ließ Annibal alle Lateiner frey in ihr Vaterland ziehen / die Römer aber wurden unter die Sieger vertheilet. Annibal hatte in allem nur 1500. Mann verlohren / meist Gallier und Deutschen; darunter dreißig hertzhaffte Edelleute / insonderheit aber Fronßberg / Reynach / Polheim / Arberg / Froburg / Heusenstein / Mettburg / Eyzing /Malzan / Windeck / Pogrel und Greiffenberg ihrer Heldenthaten halber berühmt waren / die Annibal deßhalben auff so viel Hügeln beerdigen / und iedem ein Grabmal aus Marmel auffrichten ließ. Des Flaminius Leib wolte er gleichfals begraben / aber weil die Deutschen ihrer Gewohnheit nach etlich tausenden die Köpffe abgehauen hatten / war er nicht zu erkennen. Darbey Annibal denen / die seine Leiche vergebens suchten; nachdencklich dieses Merckmal andeutete: Sie würden nicht irren / wenn sie einen von Windsucht aufgeschwellten Leichnam unter den Todten anträffen. Dieser herrliche Sieg war kaum vorbey / als ein Deutscher am Flusse Sapis begüterter Ritter Losenstein Annibaln spornstreichs die Post brachte: daß der in Umbria an dem Flusse Ariminus stehende Bürgermeister Cneus Servilius von seinem Heere 4000. auserlesene Reuter dem Flaminius zu Hülffe schickte. Maharbal zohe mit seinen Numidiern / Fürst Dietrich mit der Deutschen Reuterey diesen alsofort entgegen /umringten sie unversehens bey dem Brunnen des Flusses Metaurus / erlegten anfangs die Helffte / hernach zwangen sie die übrigen geflüchteten auf den Berg / unter welchem die Tiber entspringt: daß sie sich mit ihrem Führer Centronius ergeben musten. Annibal ließ hierauf sein Heer allenthalben freye Beute machen / setzte bey Vettona über die Tiber /bey Spolet fürbey und an dem Flusse Nar unter dem Berge Fiscellus in die Picenische der Prätutier / Marruciner / Peligner und Ferentaner Landschafft / darinnen so viel Raub zusa en gebracht ward: daß selbten das sich täglich von Deutschen und Galliern vergrössernde Heer kaum schleppen konte. So groß das Schrecken nun zu Rom wer / und daher Servilius mit seinem Lager nur zu Besetzung der Stadt Rom eilte /so weit breitete Annibal seine siegreiche Waffen aus /drang in Apulien / und verheerte die Daunier / Peuceter[830] und Mesapier biß an das euserste Sallentinische Vorgebürge. Wie er aber vernahm: daß zu Rom Qvintus Fabius Maximus zum obersten und vollmächtigen Kriegs-Haupte / Marcus Minucius zum obersten Befehlhaber über die Reuterey gemacht war /beyde auch mit des Servilius Kriegs-Heere und vier neuen Legionen bey den Dauniern gegen ihn ankamen; zohe er ihnen entgegen / und stellte bey der Stadt Aece an dem Flusse Cerbalus sein Heer in voller Schlacht-Ordnung für das Römische Lager dem Fabius unter Augen. Weil aber der lauschende Fabius zu keinem Treffen zu bewegen war / noch auch / als Fürst Magilus / Dietrich und Matalus ihn zum Zweykampfe ausforderten / er einige Entrüstung von sich spüren ließ; also: daß ihn nicht allein der gemeine Mann / sondern auch der hitzige Minucius als einen Zaghafften verachtete / rückte er über den Apennin in das fette und unerschöpfliche Samnium / nahm Benevent und Venusia ein / und drang endlich über die Berg-Enge Eribanus in Campanien / nehmlich in den rechten Lustgarten und in die Schmaltzgrube nicht nur Italiens / sondern der gantzen Welt / biß an den Fluß Vulturnus in das Falernische Gebiete. Wiewol auch Fabius allezeit eine Tagereise weit ihm auf der Seite über den Berg Maßicus nachfolgte / so ließ sich Annibal doch an Durchstreiffung gantz Campaniens nicht hindern. Fabius meinte zwar hierauf durch Besätzung der Eribanischen Berg-Enge / wordurch der in dem Casallinischen Thale stehende Annibal mit seiner reichen Beute aus dem nunmehr eingeäscherten also zum Winterlager undienlichen Campanien den Rückweg zu nehmen anzielte / Annibaln ins Gedrange zu bringẽ. Dieser aber ließ bey Anbrechung der Nacht Asdrubaln 2000. Ochsen gegen den Berg Callicula antreiben / und alsdenn die an iedes Horn gebundene Fackeln oder dürres Rebenholtz anzünden. Wie nun diese Ochsen an dem Gebürge hinauf steigen / und von ferne viel tausend hin und wieder lauffender Menschen fürbildeten; verliessen die zaghaften Römer die besetzte Berg-Enge / theils aus Furcht umringt zu werden / theils in Meinung dem über den Berg steigenden Feinde zu begegnen / und liessen nicht nur durch selbte Annibals gantzes Heer entwischen / sondern die Hispanier erschlugen auch auff den Morgen tausend Römer. Annibal stellte sich hierauff / als wenn er durch Samnium nach Rom wolte / gieng aber durch die Pelignische Landschaft wieder in Apulien /nahm die Stadt Gerion ein / befestigte darbey sein Läger / und verlegte zwey Drittel seines Heeres von dem Flusse Aufidus an biß an den Strom Freuto. Fabius hingegen reisete aus gewisser Andacht nach Rom / übergab das an dem Flusse Tifernus eingelegte Heer dem Minucius; welcher nach etlichen glücklichen auff die streiffenden Mohren gethanen Streichen Annibaln im Lager gar zu belagern sich erkühnte; von sich aber ruhmräthig nach Rom schrieb: Ein kluger Feldherr /welcher die Vernunfft im Kopffe hätte / führte das Glücke zugleich in den Händen / und trete alle widrige Zufälle unter die Füsse. Annibal zohe sich endlich gar unter die Mauern der angefüllten Stadt Geryon; Die hierüber allzu früh frolockenden Römer aber machten den Minutius zum andern gevollmächtigten Feldherrn / als mit welchem der zurück kommende Fabius das Heer theilen muste. Annibal nahm hier über zu seinem Vortheil die Zwistigkeit der Römischen Feldherrn / und die Vermessenheit des Minutius wahr / versteckte daher des Nachts Maharbaln mit 500. Reutern / den Mago und Fürsten Matalus mit 5000. Deutschem und Hispanischem Fußvolcke in zwey und drey hunderten hinter die zwischen beyden Lägern aufschüssende Hügel; früh aber ließ er Asdrubaln mit etlich tausend Galliern und Africanern eine sichtbare Höhe des Berges einnehmen. Minutius ließ alsbald die leichten Reuter und unlängst darnach den schweren Reisigen Zeug auff den Feind loß gehen / er selbst[831] folgte auch mit den Legionen nach. Hingegen schickte Annibal Asdrubaln die Numidier zu Hülffe; als aber beyde Theile hitzig auf einander traffen / fiel Mago / Maharbal und Matalus den Römern in Rücken und in die Seiten / brachten also das gantze Heer des Minutius in Verwirrung. Wäre nun der verachtete Fabius dem vermessenen Minutius nicht zum Entsatze kommen / so würde es abermals um das gantze Römische Heer gethan gewest seyn; wiewol Minutius ohne diß über 6000. Mann im Stiche ließ. Daher er sich und sein gantzes Heer freywillig dem Fabius unterwarf / und mit allgemeinem Schaden lernte: daß im Kriege öffter durch Ubereilung / als durch Langsamkeit gefehlt werde. Nach Auswinterung des Heeres /da inzwischen die Römer unter den neuen Bürgermeistern Lucius Emilius / und Cajus Terentius / wie auch dem Cneus Servilius ohne die Hülffsvölcker acht Legionen zusammen gezogen hatten / überrumpelte Magilus das Schloß zu Canna an dem Flusse Aufidus / in welches die Römer aus der Stadt Canusium allen Vorrath geführt hatten. Weil nun derogestalt der Römer Bundgenossen vom Feinde gäntzlich ausgesogen /und nunmehr durch so langsamen Krieg zu wancken veranlast wurden / schickte der Rath beyde Bürgermeister ins Feld / mit Befehl zu schlagen. Emilius und Terentius / welche einen Tag um den andern Befehl ertheilten / zwisteten sich aber alsbald / weil jener im flachen Felde mit dem Feinde nicht treffen wolte; dieser aber an seinem Tage das Heer harte für des Feindes Läger führte / und mit selbtem ein ziemlich glückliches Gefechte hielt. Weil nun Emilius folgenden Tag / wie gerne er gewolt / sein Heer nicht zurücke ziehen konte / verschantzte er sein Läger nicht weit vom Flusse Aufidus. Annibal hingegen wolte sich der für seine Reuterey so vortheilhafften Fläche in alle wege bedienen / stellte am Strome sein des Nachts wol gewartetes Heer in Schlacht-Ordnung. Als aber die Römer in ihrem Lager blieben / ließ er durch die schnellen Numidier die waßerholenden Römer unaufhörlich anfallen. Terentius / welchen die Begierde zu schlagen / oder vielmehr das Verhängnüß zu verspielen wie eine Natter im Busen nagte / führte folgenden Tag mit dem ersten Lichte sein Heer / welches in 80000. Mann Fußvolck / und 6000. Reutern bestand /aus beyden Römischen Lägern / stellte selbtes recht gegen Sud in Schlacht-Ordnung / die Römische Reuterey setzte er unterm Emilius am Flusse Aufidus in rechten / die Hülffsvölcker unter sich selbst in lincken Flügel; Marcus und Cneus die gewesten Bürgermeister führten in der Mitte das Fußvolck. Der freudige Hannibal hingegen stellte unter dem Fürsten Magilus und Asdrubal die Spanische / Deutsche und der Gallier Reuterey im lincken Flügel / und ihnen an die Seite die Mohren. Im rechten Flügel führte Hanno und Maharbal die Numidier. In der Mitte stellte er das Deutsche und Hispanische Fußvolck unter dem Mago und Matalus in eine Spitze / die Africaner aber hinter denselbten führte er Dietrich / und die hertzhaffte Chlotildis in einer dienlichen Breite; welche alle nunmehr mit Römischen Waffen versehn waren; wiewol gleichwol eine ziemliche Menge Deutschen und Gallier gantz nackt fochten. Im lincken Flügel stritt die Reuterey mit unverwendeten Pferden unabläßlich Mann für Mann gegen einander; ja auch denen die Pferde erlegt wurden / standen wie Mauern / und fochten aufs grausamste zu Fusse; also: daß nach dem die Deutschen und Hispanier die Oberhand erhielten / von den Römern schier nicht ein Reuter entran. Das Römische Fußvolck hingegen drang nach einer tapfern Gegenwehr und weil so wol Fürst Matalus hefftig verwundet ward / zwischen die zugespitzte Schlacht-Ordnung durch das Deutsche und Hispanische Fußvolck. Alleine sie verfielen hier allererst auf Hannibals / Dietrichs[832] und Chlotildens vortheilhaftig gestelltes Kern-Volck; also: daß als die Deutschen und Hispanier sich in der Mitte zwar trennten / auf den Seiten aber wieder zusammen schlossen / die Römer vorwerts von frischem Volcke und auf beyden Seiten von Deutschen und Hispaniern aufs neue angegriffen wurden. Emilius war aus der geschlagenen Reiterey des rechten Flügels gleichwohl entronnen / und weil nunmehr alles sein Heil auf den Legionen bestand / sprengte er mit seinem Pferde dahin gegen Annibaln / welche als zwey ergri te Löwen gegen einander fochten und die Ihrigen anführten. Inzwischen war die deutsche Reiterey vom lincken Flügel den Numidiern im rechten zu Hülffe kommen / derer anfangs fünf hundert zu den Römern übergelauffen waren / und ihre Schilde /Spiesse und Bogen zu der Römer Füsse geworffen /hernach aber in dem hitzigsten Treffen ihre unter dem Rücken verborgene Degen herfür gezogen / und zu grossem Schrecken der Römer Rücken angefallen hatten; hierüber gerieth Terentius mit seiner Reiterey in die Flucht; welchen Asdrubal die Numidier alleine verfolgen ließ. Er aber und Fürst Magilus fielen mit dem schweren reisigen Zeuge den Römischen Legionen in Rücken / und rennten die Behertztesten zu Bodem. Uber diß stach die Sonne die Römer nicht nur ins Gesichte / sondern der sich vom Vulturnischen Gebürge und Flusse zu erheben gewohnte Wind jagte ihnen auch allen Staub in die Augen; welches der schlaue Annibal alles vorher gesehen hatte / und diesen Tag wahr machte: daß vorsichtige Erkiesung des Kampf-Platzes eines Feldhauptmanns Meister-Stücke sey. Ob nun zwar die Römer derogestalt rings umb von den Feinden umschlossen waren / thaten doch sie durch tapfere Gegenwehre das äuserste; alleine: nach dem Asdrubal den in Illyricum so sieghaften Bürgermeister Emilius mit einem Spiesse durchbohrte / Magilus den Marcus / und die kühne Chlotildis dem vorher von einem Hispanischen Edelmanne aus dem Sattel gehobenen Cneus den Kopf zerspaltete; wurden die Römer derogestalt verwirret: daß sie weder Freund noch Feind mehr unterscheideten / und also viel einander selbst verletzten / sie auch selbst ihren auf einem Steine in Ohnmacht liegenden Bürgermeister vollends ertraten; die meisten aber wie wildes Vieh abgeschlachtet wurden. Terentius Varro entkam mit nicht mehr als siebzig Römischen Reitern in die Stadt Venusia / 300. andere nach Herdonia und Aquilonia / und etwan 3000. Fuß-Knechte verlieffen sich ins Gebürge; welche Carthalo mit seinen Numidiern aber auch nach und nach aufsuchten und hinrichteten. 10000. Mann / welche Lucius Emilius in seinem Läger mit Fleiß zu Anfallung des feindlichẽ Lägers zurück gelassen hatte / wurden gefangen; siebzig tausend aber erschlagen. Unter den Todten waren achzig Rathsherren / und viel andere Würden bekleidende Leute; als Cajus Minutius / Numatius / Lucius Attilius / Furius Bibaculus / wie auch ein und zwantzig Kriegs-Obersten; ja zu Rom war kein Adelich Geschlechte / das nicht etliche gebliebene Anverwandten zu betrauren hatte. Auf Annibals Seiten blieben funfzehn hundert Mohren und Hispanier / zwey tausend Gallier / 2000. Deutsche / und darunter starb der hertzhafte Fürst Matalus an seinen Wunden; welcher gleichwol noch die Freude des Sieges erlebte / welches die annehmlichste Verzuckerung eines Helden-Todes ist; und zu Salapia ein herrliches Begräbnüß-Mal erlangte. Magilus rieth nach so grossem Siege Annibaln: Er solte unverwendten Fusses mit dem gantzen Heere nach Rom eilen / und der Bothschafft von so grosser Niederlage zuvor kommen / welchem Maharbal beyfiel; mit Versicherung: daß er den fünften Tag im Capitolinischen Schlosse Taffel halten würde. Alleine Annibaln verbländete entweder das Verhängnüß / welches der Stadt Rom die Oberherrschafft der Welt bestimmet hatte; oder eine der Stadt Carthago abgeneigte[833] Gottheit: daß er beyden antwortete: Diese Hoffnung wäre grösser / als sie ihm ein Kluger einbilden könte. Da doch Rom in solches Schrecken verfiel: daß Cöcilius Metellus / und Furius Philus öffentlich riethẽ / die Stadt zu verlassen / und aus Italiẽ zu fliehẽ; also: daß der junge Scipio diesen bösen Vorsatz mit dem Degen in der Faust zu hintertreiben noth; hingegen es das Ansehen hatte: als wenn Annibal dem Siege seine Flügel abgeknipft / das flüchtige Glück angeknipft / und in dessen Rade des Viereck seines Kreisses gefunden hätte. Also beni t die Göttliche Weißheit / umb ihren besti ten Zweck zu erreichen /den Ohren das Gehöre / den Augen das Gesichte / und der Klugheit die gestunde Vernunft: daß sie auch denen treulich warnenden keinen Glauben geben; und was sie mit Händen greiffen nicht umbfassen wollen. Fürst Magilus ward hierüber so unwillig: daß er die Worte ausstieß: So sehe ich wohl: daß Annibal wohl siegen / des Sieges aber nicht gebrauchen könne. Annibal gab inzwischen seinem Heere alle Beute frey /und ließ die Leichname in den Fluß Aufidus / und in die Bach Vergellus werffen; welche ihrer Menge halber eine rechte Brücke darüber machten; denen Edlen aber ließ er alle goldene Ringe von Fingern ziehen /und schickte nebst denen eroberten acht Adlern derer drey gantze Maß voll zum Zeugnüsse feines Sieges nach Carthago. Worüber die deutschen Fürsten / welche an diesen Ehren-Gedächtnüssen auch Theil zu haben vermeynten / mit Annibaln abermals in Zwytracht verfielen; und Hertzog Dietrich ihm unter Augen sagte: Die Deutschen hätten die drey grossen Siege mit ihrem Blute erworben; sie sähen aber wohl: daß die Mohren ihnen den Ruhm allein zueigneten. Also wurden die Gemüther der Deutschen und Africaner nach und nach zertrennet / und hiermit der beste Grund-Stein des bißherigen Glückes loß gebrochen. Denn in Wahrheit die Götter hätten den Römern keine bessere Hülffe als die Zwytracht ihrer Feinde zuschicken können. Sintemal es dißmal menschlicher Vernunft nach umb Rom gethan war; denn als die Kwaden / Osen / Marsinger / und Burier an den Flüssen Marus / Guttalus / oder der Oder den glücklichen Lauff der Waffen ihrer Landsleute in Italien vernahmen / machten ihre Hertzoge einen Ausschuß junger Mannschafft zusammen / ihr Heil auch ausser Landes zu suchen; zumal diesen Völckern die Reise-Begierde ohne diß von Natur angebohren ist. Diese setzten bey Carmuntum über die Donau / zohen durchs Noricum über die Rhetischen Alpen in Italien. Sie standen bereit an dem Flusse Athesis bey Verruccia / als die Bojen ihnen entgegen schickten / und sie ihnen zu Hülffe rufften / weil die Römer / als der Bojen Hertzog mit dem Kerne ihres Volckes beym Annibal in Apulien stünde / ihr und der Nachbarn Länder gantz entblösset stünden / den Stadt-Vogt Lucius Posthumius Albinus mit zwey Legionen und 12000. Campanischen und Sicilischen Hülffs-Völckern wider sie abgeschickt hätten / dieses Heer auch bereit durchs Mugellische Thal über den Apennin züge. Briegant der Deutschen Hertzog eilte aus Begierde mit den Römern anzubinden am Flusse Athesis herunter / setzte bey Verona und Hostilia über die Ströme / und vereinbarte bey Mutina mit sechs tausend Bojen seine zwantzig tausend Kriegsleute. Inzwischen näherte sich Posthumius; Hertzog Brigant aber / als er ihm die Gelegenheit der Oerter / worauf die Römer ihren Zug richteten / theils beschreiben / theils anweisen ließ / und er daraus wahrnahm: daß der zwischen dem Flusse Gabellus und Scultena abkommende und sich keines Widerstands besorgende Feind durch den Littannischen Wald ziehen muste; besetzte vorwerts hinten und am Ende den Wald / iedoch auf der Seiten derer beyden dardurch gehenden Strassen / ließ an demselben die Bäume so weit: daß sie mit genauer Noth stehen blieben / und durch[834] geringen Anstoß umbgefället werden konten / absägen / und selbte mit verborgenen Seilen umschlingen. Posthumius / dem noch kein gewaffneter Mann begegnet / alles mit Schrecken erfüllet hatte / ließ ihm von einigem Feinde nichts träumen / rückte also mit allen fünf und zwantzig tausend Mann in den Litannischen Wald. Der Nachzug aber war kaum tausend Schritte hinein kommen / als hinter ihnen die von den Deutschen gezogenen Bäume / nicht anders / als wenn selbte der Blitz oder ein Sturm-Wind niederschlüge / niederfielen /und also ihnen den Weg zur Rückkehr abschnitten. Nicht anders wurden auch für dem Römischen Vortrab die Bäume gefället; also: daß selbter nicht wissend / durch was für Zauberey solches geschehe / anhalten musten. Aber als die Römer hierüber einander erstaunet ansahen / kam das Gewitter in der Mitten über sie selbst; indem die niedergerissenen Bäume ihrer wohl zwey tausend erbärmlich zerschmetterten /ehe sie gewahr wurden: daß die Bäume abgesägt / und von so nahen Feinden über sie gefället würden. Es war schrecklich anzuschauen; indem / wo sie auf der Seite auf die Feinde loß gehen wolten / sie nur selbst in ihren Tod renneten / und in wenigen Stunden das gantze Römische Heer biß auf etwan zwölf hundert /die sich theils in Wald noch verlieffen / oder unter die bereit verfallenen Bäume verkrochen / erschlagen und zerquetscht wurden. Die halblebenden aber / welchen nur etwan Arm oder Bein zerbrochen waren / den wiederschallenden Wald mit ängstigem Klag- die Deutschen aber mit gewohntem Kriegs-Geschrey erfüllten. Alleine auch die / derer die unempfindlichen Bäume verschont hatten / wurden von denen rings umb den Wald auf die Wache gestellten Bojen erlegt / und die noch lebenden unter den Bäumen herfür gesucht; und weil die Deutschen auch am Rücken die Brücke über den Fluß Gabellus eingenommen und besetzt hatten /den Römern allenthalben die Flucht abgeschnitten; also: daß nicht zehn Mann entrunnen / von denen Deutschen aber mehr nicht als zehn todt blieben /welche aber nicht die Römer / sondern weil sie allzubegierig in die Bäume gerissen / ebenfalls die Bäume erschlagen hatten. Unter den Todten suchten die Bojen mit Fleiß den Posthumius herfür; diesem schnitten sie den Kopf ab / lösten das Fleisch darvon ab; und nach dem sie den Hirnschädel aufs sauberste ausgekocht hatten / faßten sie selbten in Gold / und schickten selbten als ein grosses Heiligthum in Deutschland ist der Bojen heiligsten Tempel; welchen König Sigovesus auf dem Sudetischen Gebürge / welches der Bojen alten Landsitz von Marsingern unterscheidet / an dem Neiß-Strome auf einen Berg gebauet hatte / und dahin auch die in Italien wohnenden Bojen aus Andacht offt ihre Wallfarthen verrichteten. Diesen Köpf brauchten die Priester hernach nicht alleine zu einem Trinck-Geschirre / sondern auch zu einem Opfer-Gefässe. Die Deutschen aber erlangten hierdurch eine überaus reiche Beute; da hingegen dieser Unfal bey dem nun fast gar verzweifelnden Rom ein neuer Donner-Schlag war.

Wiewohl nun Annibal darinnen sehr anstieß: daß er das Hauptwerck / nemlich die Zerstörung der nunmehr ohnmächtigen und unbewaffneten Stadt Rom /allwo aus Noth wider das alte Herkommen acht tausend furchtsame Knechte zu Besetzung der Mauern gewaffnet wurden / unterließ; so zohe doch sein Sieg die freywillige Untergebung des grossen Griechenlandes / Campaniens / und fast gantz Italiens nach sich. Der mächtige König Philippus in Macedonien schickte seinen Gesandten Xenophanes zu Hannibaln in Italien / schloß mit ihm ein Bündnüß; krafft dessen er mit 200. Kriegs-Schiffen / und einem Heere zu Lande ihm Rom und Italien / Annibal hingegen dem Philippus Griechenland übermeistern[835] helffen solte. Hierzu kam noch diß: daß als Hiero der Römer geschworner Feind starb / sein Sohn Gelo / und nach dessen Tode sein Enckel Hieronymus sich zu den Carthaginensern schlug. Hertzog Rhemetalces fiel hier ein: Es wäre der Wind die Richtschnure der Schiffleute das Glücke der Fürsten / nach dem sie ihre Segel umbschwenckten. Annibaln aber / als einem weltberühmten Feldherrn traute er den ihm zugeschriebenen Kriegs-Fehler nicht zu / noch weniger wolte er der Göttlichen Versehung eine solche Verbländ- oder Bethörung zueignen; sondern glaubte vielmehr: Er hätte / wie ins gemein die Kriegs-Häupter / weder durch Einrathung des Friedens / noch durch desselbten völlige Ausmachung das Heft nicht gerne aus den Händen geben wollen. Denn Amilcar hatte nicht so wohl mit den Römern Friede gemacht / als nur auf eine Zeitlang die Waffen niedergelegt. Annibal aber / der aus Begierde des Krieges die Eintracht der Stadt Rom und Carthago zerstöret /konte aus Liebe des Friedens nicht auf das Ende des Krieges sinnen. Zumal der Adel bey Friedens- nicht so hoch als bey Krieges-Zeiten gesehen / noch sich durch grosse Verdienste hoch ans Bret zu heben; sondern vielmehr selbten zu drücken Gelegenheit verhanden ist; ja der Friede denen tapferen und feigen einerley Ehren-Stellen einräumet. Zu geschweigen: daß die Ritterschafft durch den Krieg alleine / wenn selbter schon mit Raub und allen Lastern ausgeübt worden /empor zu kommen für rühmlich; durch Friedens-Dienste aber / ob gleich selbte vom Vaterland zehn Kriege und tausenderley Unglück abgewendet / geadelt zu werden für verächtlich hielte. Daher auch die tapfersten Leute / welche dem Kriege den Anfang zu machen am geschicksten wären / den Frieden am längsamsten riethen. Aus diesem Absehn hätte seines Bedünckens Annibal Rom nicht nur unangetastet gelassen / sondern auch der Barchinische Adel zu Carthago des Hanno wohlgemeynte Anschläge hintertrieben.

Adgandester antwortete: Wer wil in solchen Fällen die Schlüssel zu denen mit Fleiß versteckten Hertzen der Menschen finden? insonderheit aber zu Hannibals; welcher zwar in seinen Anschlägen den Kopf voller Gehirne / in seinem Thun den Blitz in der Hand / aber in Geheimnüsse keine Zunge im Munde hatte. Daher weiß ich kein über ihn gefälltes Urtheil zu schelten / auch keinem beyzufallen. Gewiß aber ist: daß übermässiges Glücke eine zaubrische Verwandlungs-Ruthe gröster Klugheit sey; gleichwohl aber viel vernünftige Entschlüssungen von denẽ / die in derselben Grund nicht sehen / und die entgegen stehenden Hindernüsse nicht wissen / als tu verdammet werden. Zumal allen Rathschlägen ein Werth nicht nach ihrer innerlichen Güte / sondern nach dem Ausschlage beygelegt wird; wie das Geld / nicht nach Schrott und Korn; sondern nach der gemeinen Würdigung gültig ist. Diß aber kan nicht verneint werden: daß Annibal und sein Heer / welches in den rauhen Alpen bestanden / in dem fetten Campanien vertorben; und daß den Römern nicht so sehr Canna / als den Mohren dieser Lustgarten schädlich gewesen sey. Denn diß / was in brennenden Nesseln frisch bleibet /verwelcket in weichen Rosen-Blättern. Annibal selbst versanck nach dem nunmehr fast gantz eroberten Italien in Sicherheit und Wollüste. Die Tage brachte er zu Capua in Lust-Gärten / die Nächte mit geilen Weibern zu. Welche herrliche Stadt wegen ihrer fruchtbaren und lustigen Gegend dem bergichten Rom weit herfür zu ziehen war / an Grösse und Reichthum selbtem wenig enträumte / übrigens mit Corinth und Carthago umb den Vorzug kämpfte; und weil sie Annibal zum Haupte Italiens zu machen vertröstet hatte / frey willig in seine Hände verfallen war. Weswegen die schlauen Römer eine grosse Anzahl der schönsten Dirnen mit Fleiß nach Capua schicktẽ / um Annibaln und die andern Kriegs-Obersten / welche ins gemein auch die verterbten[836] Sitten ihres Hauptes anzunehmen für Tugend halten / durch ihre Gifft einzunehmen. Sintemahl sie gar zu wol wusten: daß die Tapfferkeit /wie der Stahl dem Eisen widerstünde / aber von Wollust und linder Feuchtigkeit rostig würde; und daß viel unüberwindliche Helden ihren im Felde erworbenen Ruhm im Zimmer eingebüst hätten; unterschiedene mächtige Herrscher Leibeigne im Frauenzimmer / Uberwinder der Ungeheuer / Seidenstücker worden wären; und die / welche vorher grossen Völckern ihre Freyheit erhalten oder erworben / sich geile Mägde wie Sclaven bescheeren lassen. Unter andern hatte sich Agathoclea / das berühmte Kebsweib des Königs Ptolomeus Philopator in Egypten nach Rom geflüchtet / welche selbten König gantz bezaubert / ihn zu Ermordung seiner Schwester und Gemahlin Eurydice verleitet / endlich aber den Ptolomeus ins eusserste Verderben / indem er von seinem eigenen Volcke erdrückt ward / gestürtzt hatte. Diese war zwar mit ihrem Bruder fingernackt dem rasenden Volcke zum Opffer geliefert / aber auff des jungen Königs Befehl /den sie gesäugt hatte / und durch Arglist eines in sie verliebten Edelmannes aus des Volckes und Todes Klauen errettet worden / und entronnen. Wie aber die Egyptische Gesandschafft / welche die Römer um des jungen Ptolomeus Epiphanes Vormündschaffts-Verwaltung anlangte / von Agathocleen Nachricht bekamen / und bey dem Römischen Rathe ihres Lasters /und wie sie aus den Königlichen Kebsweibern dem verdienten Stricke entkommen wäre / entdeckten /muste sie bey Sonnenschein aus der Stadt. Diese Zauberin kam zu allem Unglücke nach Capua / und ward in weniger Zeit Hannibals so sehr / als vorhin Ptolomäus mächtig. Alle Gewalt bestand in ihren Händen /sie vergab alle Kriegs-Aemter / und kein Verdienst war so groß etwas zu erlangen / wenn man nicht bey ihr einen Stein im Brete hatte. Dieses kränckte die Kriegs-Häupter so sehr; als Chlotildis hierüber eifersüchtig war. Uberdiß gab Agathoclea Hannibaln eine Kuplerin ab / verführte die edelsten Weiber in Capua / und brachte sie durch Geschencke oder wohl zauberische Künste zu Annibals Willen. Unter diesen waren fürnehmlich zwey Weiber Servilia und Polinice / welche für die zwey schönsten in Italien gehalten wurden. Jene war des Perolla Ehweib / dessen Vater Pacuvius Calavius mit seinem Anhange die Stadt Capua Annibaln übergeben hatte; diese des Magius Decius / welche beyde in der Schlacht bey Canna wider die Mohren tapffer gefochten hatten / und unter den Leichen halb todt herfürgezogen und von Annibaln in Fedis ihr Vaterland gelassen wurden waren. Diese beyde verfluchten in ihren Hertzen der Campaner / und insonderheit des Calavius Untreu gegen die Römer; als aber die eifersüchtige Chlotildis beyden noch darzu anfangs verblümt zu verstehen gab: sie möchten auff die Spur ihrer Ehweiber achtung geben; hernach sie durch eine geheime Thüre in einen Lustgang des Gartens führte / daraus sie in eine Höle sehen konten / wie Annibal in einer grossen Marmelsteinernen Muschel / welche das Qvell eines warmen Brunnen in sich faste / mit Agathocleen / Servilien und Polinicen badete / wurden sie für Rache beynahe wütend; und wenn Chlotildis sie nicht zurücke gehalten / hätten sie Annibals in dieser geilen Weiber Blut mit den Chrystallen dieses edlen Brunnen vermischet. Gleichwohl aber blieb dieser Dorn dem Porella und Magius im Fuße. Daher Magilus mit denen gut Römisch-gesinnten Rath hielt / wie sie Annibaln und die Besatzung in Capua überfallen /und die in Bauern verkleideten Römer durch Eröfnung einer gewissen Pforte einlassen möchten. Zu allem Unglück ward das Antwort-Schreiben des Marcellus an den Magilus auffgefangen / und Annibaln zugebracht. Dieser verfügte sich also fort in den Tempel / wo der Capuanische Rath versammlet war / forderte von ihnen[837] über des Magilus Verbrechen zu erkennen / und ihn zu bestraffen. Magilus erschien / und bekandte freywillig: daß er seinem Vaterlande die unter dem Römischen Schirme genossene Freyheit wiederzugeben; an Annibaln aber die Befleckung seines Ehebettes zu rächen noch entschlossen wäre. Annibal schäumete für Gri ; befohl also unerwartet des Urthels dem Magilus Ketten anzulegen / ihn ins Läger zu schleppen / und zu einer grausamen / den Campaniern aber nicht so in die Augen fallenden Straffe nach Carthago zu schicken; Sintemal es gefährliche Unvernunfft ist / Halsgerichte in derselben Augen ausüben / die entweder Theil an des leidenden Schuld haben; oder da auch das blosse Mittleiden ihre Sache besser / und das Volck rachgierig machen kan. Das Meer aber hatte Mitleiden mit des Magilus Unschuld /trieb also das Schiff durch Ungewitter nach Cyrene; allwo Magilus sich zu der am Hafen stehenden Schutz-Seule des Ptolomeus flüchtete / von dar er nach Alexandrien gebracht / und nach verhörter Sache auff freyen Fuß gestellet / gegen Annibaln aber ein unversöhnlicher Feind von der Kette loßgelassen ward. Wie nun bey solcher Ubereilung Annibals des Magilus Mitverschwornen verschwiegen blieben /oder Annibal selbst für rathsamer hielt / die Menge der Schuldigen nicht zu wissen; also hielt Perolla den festen Fürsatz Annibaln das Licht auszuleschen. Wie nun sein Vater Calavius / Jubellius und Taurea die fürnehmsten Herren in Campanien / und Porella einst bey Annibaln in einem Lusthause speiseten / und vom Mittage an biß zur Sonnen Untergange sich auff allerhand Art erlustigt hatten; Calavius aber in einen Lustgang sich absonderte / folgte ihm Porella / und fing an: Vater / ich weiß einen Anschlag die Scharte unsers Abfalls von Rom nicht allein auszuwetzen / sondern auch Campanien in höchstes Ansehen zu bringen. Calavius fragte: was es denn wäre? Porella hob den Mantel auff / zeigte dem Vater ein blosses Schwerd / und sagte: Itzt gleich will ich durch Annibals Blut das neue Bündniß mit Rom versiegeln. Dir Vater / habe ichs allein sagen wollen / wormit du dich könnest auff die Seite machen / da du nicht einen Zuschauer einer so heilsamen That abgeben wilst. Calavius fiel dem Sohne mit vielen Thränen um den Hals /und beschwur ihn bey seiner kindlichen Pflicht den dem Hannibal für so kurtzer Zeit geschwornen Eyd nicht zu brechen; Annibals Wohlthat durch so grausamen Undanck nicht zu vergelten / im Antlitze des Vaters keinen Meuchelmord zu beginnen / noch selbst mutwillig in so vieler gewaffneter Schwerdter zu rennen. Ja wenn auch niemand Annibals Leib beschirmete / würde er seine eigene Brust ihm zum Schilde fürwerffen; wiewohl Annibals blosser Anblick mächtig wäre einem das gezückte Eisen aus der Hand zu winden; für dessen Antlitze so viel geharnischte Legionen erzittert hätten; für dessen Dräuen das grosse Rom bebete. Porella erseuffzete hierüber etlichmahl / und fing an: Ihr Götter! wem bin ich mehr verbunden / dem Vater / oder dem Vaterlande? Soll ich das mir angethane Unrecht verschmertzen / um den Vater nicht in Gefahr zu setzen? Hierauff warff er sein Schwerdt über die Garten-Mauer / und fügte sich mit dem Vater an die Taffel; auff welche Annibal einen Glücks-Topff hatte bringen lassen; aus welchem ein ieder für sich einen Zettel zu dem auff folgenden Tag bestimmten Göttermahle heben muste. Annibal zohe heraus den Mars / Munius Jupitern / Celer den Saturn / Carthalo ward Apollo / Jubellius Pan / Taurea Bacchus /Calavius Neptun / Stenius Pluto / Barcellon ein Hispanischer Fürst Mercur / und Porella Vulcan. Die hierzu beruffene Agathoclia muste für das ihr vom Annibal auffgezeichnete Frauenzimmer greiffen. Sie selbst ward Juno / des Porella Schwester / in welche Barcellon verliebt war /[838] Ceres / Polinice Diana / Servilia Venus / des Jubellus Frau Thetys / des Taurea zwey Töchter Cybele und Pallas / des Stenius Frau Flora / des Munius Frau das Glücke / Aglaja eine edle Frau von Neapolis ward Nemesis. Porella konte die gantze Nacht für Ungedult nicht schlaffen; insonderheit fraß ihm sein Hertze: daß das Loß ihn zum Vulcan / seine Frau zur Venus / und Annibaln zum Mars erkieset hatte. Denn weil der Argwohn lauter Mißgeburten gebieret / kam ihm unauffhörlich für: als wenn entweder Annibal durch ein unbegreiffliches Kunststücke das Loß zu seiner Beschimpffung derogestalt eingerichtet hätte / oder sich das Verhängnis selbst über seinem Unglücke kützelte. Gleichwohl fand er sich folgenden Tag der Abrede gemäß mit dreyen Cyclopen / welche er aus seinen treuesten Knechten nahm / und auff den Fall guter Bedienung ihnen die Freyheit versprach / in dem besti ten Lustgarten ein /der zwischen denen zwey grossen Märckten Albana und Seplasia gelegen war / auff derer ersterm nichts als Perlen / Edelgesteine und Purpur / auff dem andern eitel köstlicher Balsam und andere wohlrüchende Wasser verkaufft wurden. Die Pracht ihrer Ausputzung / und die kostbare Zubereitung ist unbeschreiblich. Aller Welt seltzame Speisen / aller Meere Perlen / aller Gebürge Edelgesteine / gantz Morgenlands Balsame schienen in diesen Garten zusammen geronnen seyn. Alle andere aber übertraf Agathoclia / welche die Göttin des Reichthums und eine Himmels-Königs selbstständig abbildete. Dieser hielt die Wage Servilia / an welcher Leibe nichts verborgen war / als was Perlen und Diamanten verdeckten. Denn ihr von seidenem Flor gewürcktes Kleid war dünner als Spinnenweben / und durchsichtiger als Glaß. Sie bedienten nebst drey finger-nackten Gratien sechs schnee-weisse und sechs Mohren-Knaben / alle wie Liebes-Götter ausgerüstet. Annibal aber hatte einen über und über von stammenden Rubinen schimmernden Rock an. Diese irrdischen Götter wurden unauffhörlich von denen aus den künstlich bereiteten Wolcken mit wol rüchendem Narden- und Bisam-Wasser bethauet; die edelsten Weine Campaniens von Creta und Alba wurden wie gemein Wasser eingeschluckt. Die Speisen dampfften nichts als Zibeth und Ambra von sich aus einem silbernen Spring-Brunnen sprützte eitel Zimmetwasser und Syrischer Balsam aus. Wie nun nichts / was ein Sardanapal zu Ausübung seiner Uppigkeiten hätte aussinnen können / abgieng; also vergassen Wirth und Gäste nichts / ihre angenommene Person meisterlich zu spielen. Nach vollbrachter Mahlzeit brachten 12. geile Satyren einen künstlichen Tantz; worzu ihnen zwölff nackte Wasser-Göttiñen mit weißwächsernen Windlichtern leuchteten / zwölff in grünen Damast gekleidete Schäfferiñen aber sie mit ihren Seitenspielen bedieneten. Diesen folgte im Reygen der von Wein und Brunst erhitzte Annibal; und nach seinem Beyspiele muste ieder Gott seine ihm zugeeignete Göttin erkiesen; also kam Annibal als Mars mit Servilien / der wollüstige Campaner Taurea mit der Ceres des Perolla Schwester / Stenius mit Agathoclien allerhand geile Begebnisse / und die unzüchtigsten Getichte der verliebten Götter zu tantzen. So viel Müh und Kunst wendet man an die Laster; und so sauer läst man sichs werden: daß man mit Geschicke und guter Ordnung sündige. Diese alle liessen durch ihre unkeusche Gebehrdungen genugsam blicken: daß sie keinen Funcken Tugend im Hertzen / keine Schamröthe im Gesichte und keine Scheu für andern Anwesenden hatten; also: daß die Fürstin Chlotildis /Magilus / und Dietrich sich hochvernünfftig dieser Versammlung entschlagen hatten. Sintemal Laster gifftiger als Basilißken sind. Denn diese tödten nur durch ihre Blicke; jene aber / wenn man selbten nur die Augen gönnet. Perolla und Barcellon kochten inzwischen im Hertzen eitel Galle; dieser gegen den Taurea / weil er seiner Buhlschafft[839] mehrmals die Brüste betastete; jener gegen Annibaln / der mit Servilien nicht viel anders umgieng / als ein Ehbrecher mit einer gemeinen Dirne im Hurenhause. Denn die unkeusche Liebe ist nicht nur / weil sie anfangs offt eine heßliche Eule für einen Paradiesvogel erkieset / sondern auch / weil sie ihr einbildet: daß andere Leute ihre offenbare Laster nicht sehen / für blind zu schelten. Aber die hundertäugichte Eiversucht machte Porellen und den Barcellon allzu scharfsichtig. Denn wie Barcellon dem Taurea seine eiserne Ruthe / welche er als Mercur führte / durch den Leib trieb / also stieß Porella in eben selbigem Augenblicke / gleich als hätten sie es mit einander abgeredet / Servilien einen Dolch in die Brüste; daß beyde todt zur Erden fielen. Porella war auch schon in vollem Stoffe Annibaln eines zu versetzen / sein Vater Pacuvius Calavius aber verrückte ihm den Stich. Hierüber fielen alle anwesende Africaner den Porella an; Ob nun wohl ihm seine drey Cyclopen zu Hülffe kamen / und etliche Mohren verletzeten / wurden sie doch von der Menge bald erschlagen / und nicht nur Porella / sondern auch der zwar hieran / aber nicht an Verrathung der Stadt Capua unschuldige Calavius mit mehr als hundert Stichen ermordet. Also sind die Strafen der göttlichen Rache allezeit gerecht / wenn selbte schon für menschlichen Augen die Unschuld zu treffen scheinen. Weil alles Annibaln zulieff / hatte Barcellon inzwischen Zeit sich bey der finstern Nacht aus dem nunmehr so traurigen Lustgarten zu spielen / und ins Läger zu seinen untergebenen Hispaniern zu fliehen; weil doch Hannibal sein Beginnen für ein mit dem Porella abgeredetes Werck auffnehmen; die Verstörung seiner Lust / und den Mord des bey ihm hoch am Brete sitzenden Taurea mit grausamen Strafen rächen würde. Die gantze Versammlung kam hierüber in Bestürtzung / die gantze Stadt in Unruh / also: daß Annibal alle Kreutz-Gassen mit Kriegsvolcke besetzen muste. Wie die Mohren nun die Leichen aus dem Garten schlepten / und also ihre Kleider durchsuchten /fand einer zu allem Unglücke beym Porella einen Zettel mit diesen Worten: Bistu denn mit sehenden Augen blind; daß du deiner Ehebrecherin so viel Luft zu ihren Lastern läst? Meinestu nicht: daß es die Götter für keine geringere Sünde aufnehmen / Laster verhängen / als selbte begehen. Oder hastu kein Manns-Hertze in dir / eines so unreinen Brandes Licht auszuleschen? Der Mohr lieff mit dieser Handschrifft / welche er weder zu lesen noch zu erkennen wuste / alsbald zu Agathocleen; als durch welche alles zu gehen pflegte / was zu Annibaln kommen solte. Diese erkennte sie beym ersten Anblicke für der Fürstin Chlotildis eigene Hand; daher ging sie unverwandten Fusses zu Annibal; verhetzte ihn wider die ihr mehr als Spinnen verhaste Chlotildis / als welche nicht nur die Mordstiffterin des geschehenen Trauer-Falls wäre /sondern auch den Porella zu Hinrichtung Annibals ihres eigenen Ehgemahls angefrischt hätte. Annibal wolte alsbald mit dem Degen in der Faust in Chlotildens Zimmer eilen / und sie in ihrem Bette seiner Rache auffopffern. Agathoclea aber hielt ihm die Gefahr / den Haß / den er ihm bey allen Deutschen zuziehen / und die übele Nachrede bey der gantzen Welt / welche von seiner Gemahlin schwerlich eine so grausame Missethat glauben würden / beweglich ein; und daß nichts alberers wäre / als eine plumpe Rache / welche alle Augen sehen / und dem Rächer selbst Schaden thäte. Sie versicherte ihn: daß Chlotildis den folgenden Untergang der Sonnen nicht erleben / die Scharffsichtigsten aber des Todes Ursache nicht er gründen solten. Hiermit gingen sie zwar zur Ruhe; wiewohl ihrer wenigen der Schlaff in die Augen kam. Auf den Morgen gab Agathoclia achtung / als der Chlotildis Cammer-Jungfrau der Gewohnheit nach aus dem Springbrunnen frisches Wasser zu Begiessung der Jesminsträuche hohlete; welche Chlotildis für dem Fenster ihres Zimmers stehen hatte.[840] Dieser begegnete Agathoclia auff der Stiege / nahm ihr den Krug aus den Händen / vorwendende: daß sie wegen Durstes gleich selbst sich zum Springbrunnen hätte verfügen wollen. Unter diesem Gespräche schüttete sie / als die Trägerin nur einen Blick auf die Seite thät / das hefftigste Gifft in den Krug; diese aber darauf es auf die Jesminen. Kurtz hierauf besuchte Fürst Magilus und Dietrich Chlotilden in ihrem Zimmer; welche über des vorigen Tages Trauerfällen überaus bekümmert waren. Chlotildis legte nach etlichen Unterredungen sich an ihr Fenster / und brach etliche Zweige von Jesminen ab / in willens selbte beyden Fürsten zu reichen. Sie hatte aber kaum den Geruch dieser Blumen recht empfunden / als sie im Augenblicke stein todt zur Erden sanck. Alle Reib- und Kühlungen waren vergebens; die Fürstin und der gantze Hof derogestalt erschreckt: daß sich fast niemand wagte den Mund aufzuthun / sondern nur eines dem andern mit stummen Gebehrden das gemeine Leid klagte. Niemand war zwar: der nicht Agathoclien in Verdacht zohe; aber weil weder diese noch iemand von ihr in etlichen Tagen ihr Zimmer betreten / Chlotildis auch seit des vorhergehenden Tages weder Speise noch Tranck zu sich genommen hatte / war wider Agathoclien der geringste Grund eines billichen Argwohns aufzufinden; auser: daß so wohl bey ihr als bey Annibaln eine grosse Schwermüthigkeit zu spüren war. Denn die Erinnerung lieset in den Gewissen der Boßhafften ohne einige Schrifft ihre eigene Laster / sie redet davon ohne Stimme / und sie peitschet sie biß aufs Blut ohne Ruthe. Ihr eigen bangsames Antlitz ist wie der Zeiger an den Uhren ein Verräther der inwendigen Unruh: daß die Angst ihnen die Ruh aus dem Hertzen / den Schlaff aus den Augen reisse / die Furcht ihren Geist und die Vernunfft verwirre / die Reue Marck und Bein aussauge / und die Verzweiffelung ihnen Athem und Sprache verhalte. Nach zweyen gleichsam in einer Höle hinterlegten Tagen / eröfnete Annibal der Chlotildis Schreibetisch; und sand in selbtem zu seiner höchsten Erstaunung folgendes an Chlotilden abgelassenes Schreiben: Ich flehe die Götter unaufhörlich an um Dämpffung meiner auffschwellenden Gemüths-Bewegungen / seit ich Annibaln mit meinem Ehbrechrischen Ehweibe in der Höle baden gesehen: daß ich ihrem Befehle gehorsamen könne / Annibaln das mir zugefügte Unrecht zu verzeihen. Denn wiewol seine Beleidigung einem edlen Gemüthe fast unverschmertzlich fällt; so wil ich doch lieber eine unauffhörliche Seelen-Marter erdulden / als von einer so tugendhafften Fürstin beschuldigt werden: daß ich mit ihres Ehmannes geringster Wunde das Mittel ihres Hertzen durchbohrete. Ich werde meine Rache nur mit dem Blute meiner Ehbrecherin abkühlen; wormit ich Annibaln so viel leichter vergeben könne; und derogestalt von ihrem strengen Urthel: daß ich ihren und Annibals Hof nicht mehr betreten solle / loßzusprechen seyn. Wie nun diese Zeilen nicht nur Chlotildens Unschuld / sondern auch ihre für Annibals Wolstand gepflogene Fürsorge augenscheinlich ans Licht stellten; also war iedes Wort eine glüende Zange / welche des grausamen Annibals sich selbst verdammendes Gewissen zerfleischte. Bald war er entschlossen sich selbst / bald die Mordstiffterin Agathoclia eigenhändig hinzurichten. Er warf sich auf sein Bette / mit Befehl: daß ihn kein Mensch auch wegen der wichtigsten Angelegenheit beunruhigen solte; Gleich als wenn sein Gemüthe nicht mehr / als das bey gröstem Ungewitter stürmende Meer unlustig gewest wäre. Diese Seelen-Marter zwischen tausend zweiffelhafften Entschlüssungen trieb er den gantzen Tag / und die Nachtdurch. Folgenden Morgen rief er und befahl beyde Fürsten Magilus und Dietrich zu ruffen; ihm aber ward zur Antwort: daß beyde Fürsten schon vorhergehenden Tag nach angemerckten[841] Gifftzeichen an Chlotildens Leiche mit allen Deutschen zu Pferde gesessen / und aus Capua fort geritten wären; vorgebende: daß sie sich eines so vergifteten Hofes zu enteusern wichtige Ursache hätten.

Demnach nun Annibal bereit bey sich entschlossen hatte / Agathoclien ins geheim abzuthun / aus dieser Begebenheit aber leicht muthmassen konte: daß der Verdacht des Gifftes auf ihn fiele; entschloß er durch öffentliche Bestraffung Agathocliens sich für aller Welt rein zu brennen. Daher ließ er Agathoclien in Kercker werffen / und über der Vergifftung Chlotildens anfangs in der Güte; als sie aber leugnete / und inzwischen ein Edelknabe vom Anrühren des Jesmins gleichfals getödtet / also die Ursache des Todes erkundiget / von der Kammer-Jungfrau die Begebenheit mit dem Wasserkruge entdecket worden war / scharf befragen. Die Marter drückte endlich ihr das Bekäntnüß der Warheit aus; sie schützte aber zu ihrer Entschuldigung für: daß sie es Annibaln vorher entdeckt /und Chlotilden mit seiner Genehmhabung vergifftet hätte. Die Richter fragten nach dem Beweise ihres Einwands. Agathoclia bezohe sich auf Chlotildens Schreiben / welches ein gewisser Mohr in des Perolla Kleidern gefunden und ihr gebracht / sie aber Annibaln eingehändigt hätte. Annibal / welchem zu Behauptung seiner Herrschafft in Italien an Verführung seiner Unschuld viel gelegen war / widersprach Agathocliens Fürwand als eine grausame Verläumdung / schickte auch an statt des erstern / der Chlotildis letzteres Schreiben den Richtern; um dardurch zu bescheinigen: daß er Chlotilden deßhalben mehr zu lieben / als ihren Mord zu willigen Ursache gehabt hätte. Diese fällten daher Agathoclien / welche zu Alexandria dem Pfal entronnen war / ein verdientes Urthel / krafft dessen sie rückwärts auf einen räudichten Esel gesetzt / an den Ecken der Stadt mit glüenden Zangen gezwickt / hernach mit vier Pferden zerrissen /verbrennt / und die Asche in den Fluß Vulturnus gestreut ward. Also entrinnen die Lasterhafften zwar zuweilen aus der Hand des weltlichen Richters / niemals aber der göttlichen Rache; welche / wenn sie einem Boßhafften mit langsamen Bleyfüssen nacheilet / ihn auch mit einer desto schwerern Hand zu Bodem drückt.

Das grausamste an dieser zwar verdienten Straffe war: daß Annibal nicht nur diesem Trauerspiele zusah / sondern auch selbst mit einer Gerte das eine nicht anziehende Pferd aufmunterte um denselben Leib zu zerfleischen / den er so viel mal inbrünstig umarmt hatte. Die Königin Erato fing hierüber laut an zu ruffen: O des merckwürdigen Beyspiels! daß eine viehische Liebe nichts als Minotauren gebähre; und ihr Englisches Antlitz sich mit einem Schlangen-Schwantze endige. Freylich wol / sagte Thusnelde. Denn wie das Mittel der Tugend Eigenschafft ist; also haben die Laster nur in dem eusersten ihren Auffenthalt. Jene richtet ihr Thun nach / diese wider die Gesetze der Natur ein; welche zwischen Kälte und Hitze / zwischen Sturm und Meerstille / zwischen Tag und Nacht ein gewisses Mittel beobachtet. Sintemal die Sonne aus den Fischen in Löwen / vom Mittage in Mitternacht keinen gähen Sprung thut; sondern zwischen Winter und Sommer den lauen Frühling und kühlen Herbst; zwischen Licht und Finsternüß eine annehmliche Dämmerung einrückt. Die geile Brunst hingegen verkehrt sich im Augenblicke in bittersten Haß; und sprüet in einem Atheme Liebkosen / Gifft und Galle heraus. Sie hat zwar die Art des hartnäckichten Epheu / welcher alles umarmet / was er nur erreichet; Aber ihre Tauerung ist vergänglicher als der Mertz-Schnee / der insgemein eh / als er die Erde erreicht / zu Wasser wird. Sie raset grimmiger als loderndes Pech und brennender Schwefel; hält eingeäscherte Länder für ihre kostbare Siegszeichen / und das geronnene Blut erwürgter Völcker für[842] süsse Opffer. Ihr grauset für ihren eigenen Flammen / die sie für reiner hält als die Sternen sind; weil sie nunmehr einem gifftigen Nebel gleichen. Die neue Gluth des Zornes schwärtzet sie mit stinckendem Rauche / und erstäckt sie; welche vorher ihre Seufzer aufzublasen /und ihre Augen mit dem Saltze bitterer Thränen zu er frischen ängstig bemüht waren. Wenn sie aber auch ihr unreines Feuer unkeuscher Brunst immer für schön ansieht; so ersteckt doch ihr Hütten-Rauch alles Licht der Seele / damit sie nicht die Pforte der Tugend finde / noch Geblüte und Freundschafft unterscheide. Denn ihre Schande und Mord-Lust sind Eltern und Feinde eines / und der Bruder-Mord nicht schwärtzer als der unschuldige Todschlag des Wildes. Ja ihrer schnöden Lust und unsinnigen Rache ist nicht zu viel mit eigener Hand sein Geschlechte auszurotten / und mit seinen Nachkommen die Hoffnung seines andern Lebens zu erstecken. Ihre Freude ist / wenn sie andern viel Todte zu beweinen / und viel Brände zu leschen läst. Sonderlich aber verlernt sie alle menschliche Empfindnüsse gegen der / welche sie vorher für ihren Abgott anbetete. Sie wandelt sich gegen der in einen Wüterich / welcher Leibeigner sie vor war; und die vorhin so beliebten Haare in Stricke; um darmit ihren Kerckermeister zu erwürgen. Die Rache reitzet sie ein Hencker derselben Gottheit zu werden / welcher Priester er vor war; und der sie vorher ihr Hertz an statt des Weyrauchs anzündete / wünscht er in ihrem eigenen Tempel einzuäschern; weil er sie für seinen Glücksstern / itzt für die erste Bewegung seines Ubels hält. Ihre wenige Funcken der Vernunfft / die sie nicht gar vertilgen kan / braucht sie nur zu einem Irrlichte und Wegweiser in die Sümpffe der Wollust / und zum Werckzeuge ihren Lastern einen Glantz zu geben. Ich höre wol: brach Salonine ein / wem die Königin durch diß schöne Gemählde so heßlich einzubilden bemüht ist. Aber sie muß an ihrem frechen Liebhaber seine Pein und schimpflichen Untergang auch zu entwerffen nicht vergessen. Es ist wahr / versetzte die Königin. Der Apffel der Wollust ist allezeit wurmstichig; und die Stiche des Gewissens versaltzen ihre allersüsseste Kützelung. Wenn aber diese ihrer Vergängligkeit nach endlich verschwindet / überfällt sie eine so grausame Abscheu ihrer Laster: daß wenn der erzürnte Himmel iemanden anders für seinen Scharfrichter zu gut hält / ein so toller Liebhaber an ihm selbst zum Hencker wird; und also das schrecklichste Laster wider sich selbst ausübt.

Adgandester hob ab: So unglückselig war auch leider der sterbende Hannibal. Inzwischen aber war seine Brunst auch das Fallbret seiner Siege / und hatte er nach Chlotildens Tode mehr wenig Stern oder Glücke. Denn als das lustige Capua ein Schauplatz so vieler Trauerspiele ward; kam Annibaln zu voriger Unlust noch die betrübte Zeitung zu: daß Barcellon mit tausend Hispanischen Reutern zu den Römern übergegangen / die Fürsten Magilus und Dietrich aber alle Bojen und Deutschen aus dem Läger an sich gezogen / und ihren Weg nach Hause genommen hätten. Mit derer Abzuge der Carthaginenser Macht nicht allein eine grosse Verminderung / sondern auch Annibals Siege einen gewaltsamen Stoß bekamen. Denn die Römer borgten nach der Cannischen Niederlage in Mangel der Waffen selbte aus den Tempeln; und weil das Unglück sie zwang aus der Noth eine Tugend zu machen / nahmen sie / nach dem Beyspiele der Spartaner / als der Athenienser Feldherr und lahme Tichter Tyrteus sie drey mal aufs Haupt geschlagen hatte /und Agathoclens / als die Mohren ihn so sehr in Sicilien bedrängten / acht tausend Knechte zu freyen Kriegs-Leuten an. Das Römische Frauenzimmer riß ihren Schmuck vom Halse / die Edlen ihrer Vor-Eltern Gedächtnüsse aus ihren Zimmern / und warffen sie zu Kriegs-Kosten in Schmeltzofen. Insonderheit aber brauchten sie sich des zwischen Annibaln und den Deutschen entstandenen Mißverständnüsses; Und / ob sie zwar vorher ohne Frucht den Stadtvogt Lucius Posthumius[843] zu den Deutschen und Galliern geschickt hatten; so liessen sie doch eine kostbare Gesandschafft an Magilus / Dietrich / Briegant und andere Deutsche Fürsten abgehen; welche ihnen der Römer Bündnüß mit der Versicherung antrug: daß die Römer ohne der Deutschen und Gallier Einwilligung über den Fluß Po nicht sätzen / sondern auch / was sie noch disseits besessen / ihnen ewig und eigenthümlich verbleiben solte. Diese Fürsten / und insonderheit den Hertzog Briegant / welcher nun mit 20000. Qvaden / Marsingern und Osen in Hetrurien einzubrechen fertig stand / beschenckten sie Königlich. Allen aber stellten sie der Mohren Laster und Ubermuth für Augen / wie sie unter dem Schein der Italien gebrachten Freyheit / alle freywillig auf ihre Seite gefallene Völcker / und insonderheit die Campaner unter die Füsse getreten / der Deutschen und Gallier Landschaften verheeret / und nach dem sie mit den Macedoniern und Syrern sich verknüpfft / durch Verachtung und böse Thaten den gerechten Haß ihrer treusten Bundgenossen ihnen auf den Hals gezogen hätten. Diese Botschafft gieng so glücklich ab: daß alle Deutschen und Bojen / auser wenig Galliern / welche noch auf der Africaner Seite blieben / den Degen einsteckten / und auff keiner Seite zu stehen sich verbündlich machten. Hierauf erfolgte: daß Titus Manlius in Sardinien die Mohren schlug / den Mago und Hanno gefangen nahm / Claudius Marcellus Annibals Heer von Belägerung der Stadt Nola mit grossem Verlust abtrieb / Titus Sempronius mit seinen gewaffneten Knechten die Mohren und den Hanno bey Benevent in die Flucht brachte / Claudius Marcellus mit Eroberung der fast unüberwündlichen Stadt Syracusa das fast gantz abgefallene Sicilien zum Gehorsam brachte / nach dem sich der neue König daselbst Hieronymus vom Annibal durch seine zwey schlaue Gesandten Hippocrates und Epicydes unter dem Scheine: daß er des Nereis der Pyrrhischen Tochter Sohn wäre / und zum gantzen Sicilien Recht hätte / bereden lassen auf der Carthaginenser Seite zu fallen / mit dem Bedinge: daß Sicilien nach ausgetriebenen Römern halb ihm / und halb der Stadt Carthago zugehören /und der Fluß Himera ihre Gräntze machen solte. Ferner überfiel Valerius bey der Stadt Apollonia des Nachts den König Philip / und trieb ihn in sein Macedonien zurücke; Er demüthigte die Acarnanes / machte mit denen Eloliern ein Bündnüß. Publius und Cneus Scipio nahmen fast gantz Hispanien ein; weil Asdrubal wider den Numidischen König Syphax / der wider Carthago mit einem mächtigen Heere anzog / in Africa beruffen ward. Und ob wol Carthago nach gemachtem Frieden mit dem Syphax / beyde Asdrubal und den Mago mit 30000. Mann und 30. Elefanten in Hispanien schickten / Publius Scipio auch von Asdrubals Reuterey erschlagen / Cneus auf einem Thurme verbrennet ward / ja Marcellus und Claudius fast alles biß an das Pyreneische Gebürge verspielten / die mächtige Stadt Tarent durch Verrätherey des Jägers Philemenes / und Tapfferkeit zweyer tausend noch zurück gebliebener Deutschen und Gallier an Annibaln übergieng / so setzte doch der junge Cornelius Scipio alles in bessern Stand; eroberte die mächtige Stadt Neu-Carthago den ersten Tag seiner Belägerung durch Sturm / darinnen sich Mago mit 10000. Mann ihm ergeben muste; schlug Asdrubaln / zwang viel Städte zur Ubergabe / die Stadt Astapa aber zu ihrer eigenhändigen Einäscherung / zog durch seine Freundligkeit und Keuschheit ein grosses Theil Hispaniens / und insonderheit das gröste Theil der streitbaren Celtiberier durch Gewinnung ihres Fürsten Allucius an sich. Denn seine Braut Gertrudis Erdmunds des Nevetischen Hertzogs Tochter / welche mit ihrer Schönheit aller Anschauer Hertzen verwundete / war über die Cottischen Alpen in Ligurien kommen / und von dar nach[844] Neu-Carthago übergeschifft; also gefangen und als ein Wunderwerck der Natur zum Scipio gebracht worden. Dieser aber / wie sehr er durch den ersten Augenblick in sie verliebt ward / ließ sie dem Fürsten Allucius unversehrt ausfolgen / und schenckte die für sie zum Lösegelde gebrachte Gaben dem Bräutigam zum Heyrath-Gute. Tarent kam inzwischen auch in Römische Gewalt. Qvintus Fulvius und Appius Claudius übermeisterten den Hanno / und eroberten nach mehrmals vergebens versuchter Entsätzung durch eine hartnäckichte Belägerung die Stadt Capua nunmehr Annibals anders Vaterland / und darinnen die zwey Krieges-Obersten Anno und Bostar. Ob auch wol Annibal um seinen Feind von solcher Belägerung abzuziehen / für die fast aller Mannschafft entblöste Stadt Rom an den Fluß Anien rückte; solche auch für seiner Macht bebte / die Mauern mit Weibern / welche vorher mit ihren abgeflochtenen Haaren das Pflaster der Gotteshäuser abgesaubert hatten / besetzte; ja Annibal des Nachts mit dreyen ihn biß an die Pforten begleitenden Wahrschauern / und 3000. im Rücken habenden Reutern das inwendige Wehklagen selbst hörete; so traute er sich doch nicht Rom mit Gewalt anzugreiffen; sonderlich / da nicht allein Claudius Flaccus mit einem Theile des für Capua liegenden Heeres ihm stets auff der Fersen folgte / sondern auch die ungemeinen Platzregen und Sturmwinde / die nicht so wol vom Himmel / als den Römischen Mauern ihren Uhrsprung zu haben schienen /Annibaln von Rom ab- und / nach dem er des Flaccus Läger vergebens durch Arglist zu überfallen sich bemüht hatte / in Lucanien vertrieben. Ungeachtet ihm auch das Glücke hernach etliche holde Blicke gab / in dem er den Bürgermeister Fulvius mit 8000. Römern erschlug / den Claudius Marcellus einmal aus dem Felde jagte / hernach ihn gar tödtete / den Qvintius Crispinus aber in die Flucht brachte / so kehrte diese wanckelmüthige Buhlerin doch denen Mohren bald wieder den Rücken. Denn ob wol Asdrubal des Hannibals Bruder mit einem mächtigen Heere aus Hispanien durch das Aqvitanische Gallien der Arverner Gebiete / der Allobroger Eyland bey der Stadt Mantala über den Fluß Isara setzte / an dem Flusse Arcus hinauf / und über den Berg Cinisius / auf die Stadt Segusio / und bey der Tauriner Hauptstadt mit besserem Glücke als Annibal in Italien kam / und mit denen ihm zufallenden und zu allem Vorschube nunmehr willigen Liguriern sein 56000. Mann starckes Heer biß auf 70000. vergrösserte; auch / ungeachtet des ihm entgegen stehenden Bürgermeisters Marcus Livius die Stadt Placentz belägerte; so zohe doch der im Brutischen Gebiete gegen Annibaln liegende Bürgermeister Claudius Nero mit einem Theile seines Heeres so heimlich: daß es der ihm auf dem Halse liegende Annibal nicht einst erfuhr / aus dem Läger / stieß bey dem Flusse Sena in Umbrien zu dem Livius gleichfals unvermerckt / und nöthigte Asdrubaln zur Schlacht /in welcher er zwar das Ampt eines klugen und unverzagten Feldherren rühmlich verwaltete; aber weil die Gallier und Arverner für Müdigkeit kaum die Waffen tragen kunten / von der grossen Römischen Macht /darunter nunmehr auch 8000. wolversuchte Deutschen und Hispanier / und etliche hundert Numidische waren / übermannet / und weil er sterben oder siegen wolte / also bey Zertrennung seines Heeres gegen dem Nero wie ein Blitz in die Römischen Hauffen sprengte / nach dem er wol zehn edle Römer eigenhändig erlegt hatte / von Volckensdorff / einem Alemannischen Ritter / der hernach den zu Pferde sitzenden Asdrubal in seinen Schild machen ließ / durchstochen ward. Mit ihm fielen über 50000. Africaner und Gallier / auff Römischer Seite 8000. Uber diß wurden fünfftehalb tausend von den Siegern gefangen / Asdrubaln das Haupt abgeschlagen / und / als Nero wieder in[845] sein altes Läger kam / selbtes Annibaln für den Wall geworffen / und durch zwey loßgelassene Mohren ihm die grosse Niederlage zu wissen gemacht. Worüber Annibal seines Brudern Haupt mit Thränen netzte /und seufzende ruffte: Ich sehe leider! den weder durch Witz noch Tapfferkeit ablehnlichen Untergang der unglücklichen Stadt Carthago für Augen. Ich sehe leider! wol das aufziehende Gewitter / aber den Unglücks-Streich weiß ich nicht zu verhüten. So wenig dient künfftiger Dinge Wissenschafft zur Glückseligkeit; ob schon solche der Kern der Klugheit ist. Zwar dieser Ohnmacht ist der stärckste Grundstein: daß Götter sind; welche ein Volck beschirmen / das andere verfolgen. Aber diß ist mir noch verborgen: Ob sie selbst an eine Nothwendigkeit des Verhängnüsses angebunden / oder unerbittlich sind. Denn sonst würden ja auch der Africaner Opffer und Andacht etwas fruchten; welche gleichsam in einem Tage früh den Glücksstern über ihrem Wirbel; des Abends unter ihrer Fußsole / ihre Tugend auch von der Römischen Ehrsucht zu Bodem getreten sehen. Ich habe zeither nicht geglaubt: daß Klugheit als ein unnützes Ding zu verwerffen / Tapfferkeit als ein unglückliches nur zu beweinen / beyde also schlechte Zwergdinge sind; wenn sie nicht dem Glücke auf der Achsel stehen. Wie viel glücklicher aber sind die / welche nie so hoch gestiegen / als die von dieser wanckelmüthigen wie ich zu Bodem gestürtzt / und mit Füssen getreten werden. Hannibal verfiel hierauf in eine so grosse Schwermuth: daß er schier aller Kriegs-Sorgen vergaß; und ihn Reichhold ein Cattischer Fürst / welcher nur noch beym Hannibal stand hielt / aus seiner tieffen Bekümmernüß aufrichten / und ihm einhalten muste: Es wäre keine Schande / wenn einem das Glücke / aber wol / wenn man der Tugend den Rücken kehrte / diese wäre ihr eigener Lohn / nicht der ungewisse Ausschlag. Wenn Gott alle unsere verschmitzten. Rathschläge gerathen liesse / würden wir uns selbst zu Göttern machen; wenn uns aber alle fehl schlügen; würde man glauben: daß entweder alles ungefähr geschehe / oder das Verhängnüß mit Vernunfft und Tugend eine Todfeindschafft hegte. So aber geriethe eines / das andere schlüge fehl; wormit man lernte: daß ein Wesen auser uns sey; in welchem alles ist. Diesem solte er den Lauf des Krieges heimstellen. Denn dieser handelte niemals und nirgends unrecht; sintemal er aller Sterblichen Leben seiner Güte und Boßheit nach auf die Wagschale legte; auch niemals unvorsichtig. Denn Gotte wäre nichts verschlossen. Er wohnte in den Seelen der Menschen / und prüfete ihre Gedancken. Nebst dem solte er das zeither rühmlich bewegte Steuer-Ruder nicht aus der Hand lassen. Denn Gott verkauffte um Müh und Fleiß seinen Segen; Er stünde nicht Weibern / sondern den Tapfferen bey; und fiele der Sieg wie die weisse Henne mit dem Oelzweige der wachenden und unerschrockenen Livie nicht den Müßigen in die Schoß. Also müste man ihm in Unfällen selbst eine Hülffe geben / nicht aber durch eigene Verzweiffelung seine Schwäche zeigen; oder sich dem Unglücke zum Fußhader machen: daß es mit uns das Garaus spiele. In grossen Nöthen wäre kein besser Gefärthe / und kein bewehrter Beystand / als ein gut Hertze / dieses verminderte das Ubel / es käme der Schwachheit zu Hülffe / also daß man aus allem Gedränge darvon käme / und so gar die ungütigen Sterne bemeisterte. Aber Annibal mißtraute nunmehr nicht weniger ihm selbst / als den Göttern; wich also in die euserste Spitze Italiens /nemlich in die Landschafft der Brutier zurücke. Mago machte zwar mit den Liguriern ein neu Bündnüß wider die Römer / und eroberte Genua; Hingegen bemächtigten diese sich fast gantz Hispaniens / erlegten den von Rom wieder abgetretenen Judibilis und Mandonius. Alles diß waren noch erträgliche Wunden für Carthago / weil sie nur die eusersten[846] Glieder traffen. Nunmehr aber griff das Verhängnüß dieser grossen Herscherin ins Hertze; und die im westlichen Hispanien aufgegangene Glücks-Sonne der Römer kam in dem Mittagichten Africa ihnen auch am höchsten; und zwar anfangs durch des Numidischen Königs Syphax / hernach durch des Massasylischen Königs Masanissa Zufall und Beystand. Denn die zwey Geschwister Kinder Syphax und Gala bekamen mit einander einen Gräntz-Stritt; diesen gaben sie dem Rathe zu Carthago zur Entscheidung heim / welcher aus grosser Unbedachtsamkeit der ihm aus diesem Richter-Ampte erwachsenden Gefahr entweder wegen Gerechtigkeit der Sache / oder zur Danckbarkeit für die von seinem Vater und Bruder Narvas geleisteten treuen Dienste für den König Gala sprach. Dieser Ausschlag verbitterte den Syphax so sehr: daß er wider diese mit den Römern in Krieg eingeflochtene Stadt die Waffen ergrief / und mit denen an ihn aus Hispanien überschiffenden Römischen Gesandten ein Bündnüß schloß /von ihnen den Kriegs-Obersten Qvintus Staborius /der die Numidier in denen vorhin ungewohnten Kriegs-Ubungen unterrichtete / zu sich bekam; Hingegen durch seine Botschafft in Hispanien alle den Carthaginensern dienende Numidier nach Hause beruffte /und wider Carthago einen herrlichen Sieg erhielt. Die schuldige Danckbarkeit / und der Carthaginenser bewegliche Einredung: daß Syphax ein geschworner Feind des Deutschen / und also fremden Narvasischen Hauses wäre / auch allem Vermuthen nach den jungen Narvas des Gala Bruder mit Gifft hingerichtet / und ein Auge auf das Massasylische Königreich / als ein altes Antheil Numidiens hätte / brachten den König Gala unschwer dahin: daß er seinen siebzehn jährigen Sohn Masanissa mit einem mächtigen Heere wider den Syphax schickte / welcher mit Hülffe der zu ihm stossenden Carthaginenser den Syphax mit Verlust 30000. Numidier aus dem Felde schlug. Syphax flohe biß an die Gaditanische Meer-Enge zu denen ihm unterthänigen Maurusiern / verstärckte sich daselbst mit Mohren und denen nunmehr auf Römische Seite getretenen Celtiberiern. Masanissa aber hielt mit seinen eigenen Kräfften dem Syphax derogestalt die Wage: daß er schon an dem Römischen Bunde zu wancken anfing. Der Römische Rath aber schickte den Lucius Genutius / Publius Petellius und Popilius mit einem Purpernen Rock und Mantel / einem helffenbeinernen Stuhle / einer güldenen Schale von fünf Pfunden zu ihm / und erhielt durch Vertröstung gewisser Hülffe den Syphax noch auf seiner Seite. Hingegen blieb Masanissa nicht allein in Waffen wider den Syphax /sondern er zohe auch mit 10000. Reutern in Hispanien Asdrubaln zu Hülffe. Er hatte bey sich im Läger seiner Schwester Sohn Maßiva einen Knaben von 14. Jahren. Dieser hatte aus einer rühmlichen Ehrsucht ohne Massanissens Vorbewust nicht alleine in Hispanien übergesetzt / sondern auch in dem Treffen zwischen Asdrubaln / und dem jungen Scipio die Waffen ergrieffen / der aber nach tapfferem Gefechte in der Flucht der Mohren mit dem Pferde gestürtzt / und also gefangen ward. Scipio / als er seinen Uhrsprung und Zufall vernommen / beschenckte ihn mit einem goldenen Ringe / vergüldeten Waffen / köstlichen Kleidern / einem schönen Pferde / und schickte ihn mit sicherer Begleitung dem Masanissa in sein Zelt. Diese Großmüthigkeit gebahr bey Masanissen eine unvermerckte Zuneigung gegen den Römern. Also weiß ein Kluger ihm seine Feinde mehr / als ein Unvernünfftiger seine Bundsgenossen nütze zu machen. Hingegen beobachteten die Römer nicht: daß Freunde haben / unser halbes Wesen sey; und daß die / welche der Mund mit guten Worten gewonnen / das Hertze mit redlichem Beginnen zu erhalten habe. Denn sie suchten nur ihren Eigennutz;[847] und liessen den Syphax in Africa alleine baden. Welches zwar ein gemeiner Streich der Bundgenossen / aber auch die Ursache ihrer Trennungen ist. Also machte auch der dieses wahrnehmende Syphax mit Carthago Friede und Bündnüs. Welcher Botschafft es dahin vermittelte: daß König Gala alles dis / was er und sein Sohn Masanissa eingenommen hatten / dem Syphax / wiewol nicht ohne Unwillen erstatten muste. Wordurch Carthago eben so wol verstieß; Sintemal sie zwar einen laulichten Freund am Syphax erwarb / behielt aber einen der ihm ihre Wolfarth mit Ernst angelegen seyn ließ / wo nicht alsbald in Waffen / doch im Gemüthe am Gala verlohr. Dieses spürte der schlaue Scipio aus; schickte daher den Loelius nach Cirtha zum Syphax / welcher ihn durch reiche Geschencke auf guten Weg / iedoch / weil er sich mit iemand anderm als dem Römischen Feldhauptmann einen Bund zu schlüssen / viel zu hoch deuchtete / zu keinem völligen Schlusse brachte. Scipio und Lölius setzten sich auf zwey Kriegs-Schiffe /und fuhren mit so grosser Verwegenheit als Gefahr nach Cirtha / weil sie kaum etliche Augenblicke für Asdrubaln / der auf der andern Seite mit fünff Kriegs-Schiffen eben dahin segelte / in Hafen einlief. Syphax bewillkommte beyde Kriegs-Häupter mit gleicher Ehre; brachte es auch so weit: daß Scipio und Asdrubal nicht allein an einer Taffel mit ihm speiseten /sondern auch in einem Bette lagen; Hingegen Scipio mit seiner gleichsam aller Menschen Gemüther bezaubernden Freindligkeit so weit: daß der die neue Wolthat / aber nicht die alte Beleidigung vergessende Syphax Asdrubaln mit leeren Worten speisete / mit dem Scipio aber ein Bündnüß machte / und selbtem / wenn er in Africa aussetzen würde / mächtigen Beystand versprach. Gleichwol aber ward so wol auff einals der andern Seite das Spiel durch neue Zufälle verrückt. Denn als Masanissa noch in Hispanien für Carthago Krieg führte / starb sein Vater König Gala; diesem folgte im Reiche sein Bruder Desalces / des Deutschen Fürsten Narvas jüngster Sohn. Er starb aber kurtz hierauf; und kam sein ältester Sohn Capusa zur Krone. Es war aber in selbigem Reiche ein ziemlich mächtiger Fürst Mezetul / des Königs Ergamenes Tochter Sohn / welcher dem gegenwärtigen Königlichen Geschlechte Spinnen-feind war. Dieser mahlte dem Adel die Schande: daß ein Ausländer mit seinen Kindern über die Edlen Numidier herrschen solte /dem Pöfel aber die bisher ertragene Kriegs-Beschwerden für; brachte es auch so weit: daß das Reich sich spaltete. Das aber für den Fürsten Capusa stehende schwächere Theil ward mit samt ihm und den andern Söhnen des Königs Desalces erwürget. Wiewol er nun mehrmals sich verlauten ließ: daß er / als Königs Ergamenes Enckel / der nechste Stul-Erbe wäre; so gaben diesem Ausspruche doch die Reichs-Stände schlechtes Gehöre / sondern sie zielten auf den seiner Tapfferkeit halber so berühmten Masanissa. Mezetul erschrack hierüber nicht wenig; daher suchte er in Wahrnehmung: daß er es schwerlich schaffen würde /sich selbst zum Könige zu machen / durch eine andere Arglist das Hefft in die Hände zu kriegen; schlug sich also auf die Seite des funffzehn-jährigen Fürsten Lacumaces / und weil dieser des Fürsten Narvas / als ältesten Bruders Sohn war / behauptete er: daß er Masanissen / als des jüngern Bruders Gala Sohne / von Rechtswegen fürzuziehen wäre. Uber diß vermählte er ihm zu Unterstützung seines Reiches des Königes Desalces Wittib / Amilcars Tochter und Annibals Schwester Dido / verband sich mit seinem Schwager Syphax aufs festeste. Masanissa / als er seines Vettern Desalces und Capusa Tod vernahm / setzte aus Hispanien in Mauritanien über; und bat bey desselbten Könige Bochar 4000. Mann zu Einnehmung des väterlichen Königreichs aus. An der Gräntze bewillkommten[848] ihn alsofort fünffhundert edle Numidier /durch derer Hülffe er bey der Stadt Tapsus den Fürsten Lacumacen in die Flucht trieb / sich der Stadt bemächtigte / und im Königreiche einen ziemlichen Beyfall überkam. Ob nun wol Lacumaces vom Syphax ohne die Reuterey funffzehn tausend Fußknechte / Mezetul zehntausend Reuter wider Massanissen ins Feld führte; überwog doch dessen Krieges-Wissenschafft in der Schlacht die Menge; also: daß Lacumaces und Mezetul mit wenigen Geferthen nach Carthago entkamen. Wiewohl nun Masanissa seines Königreichs Meister ward / so sahe er doch aus des mächtigen Königs Syphax Zorn-Wolcken ein grausames Gewitter über ihn auffziehen. Daher schrieb er seinem Vetter Lacumaces auffs freundlichste zu / trug ihm an die Nachfolge im Reiche / und daß er ihn wie König Gala seinen Bruder Desalces unterhalten; dem Mezetul aber alle Erb-Güter einräumen wolte. Beyde waren damals aus Königs Syphax Hofe / und hätten sie diese Anerbietung nicht allein angenommen / sondern auch Syphax geschehen lassen: daß Masanissa der Masesyler König bliebe; wenn nicht Asdrubal ihm eingehalten: wie viel ihm und der Stadt Carthago daran gelegen wäre diesen streitbaren und Römisch gesinneten Fürsten bey seiner noch nicht befestigten Macht als ein schädliches Feuer bey erster Entglimmung zu dämpffen. Der ohne diß herrschsüchtige Syphax war wieder einen schwächern König leicht auffzubringen; rückte daher mit seinem Heere in dasselbige Stücke Landes / welches der Rath zu Carthago vormahls zwar dem Gala zuerkennet hatte / nunmehr aber unter dem Scheine neu auffgefundener Urkunden dem Syphax zueignete / und als Masanissa sich wider das Urthel der von ihm nie beliebter Richter und die Gewaltthat des Syphax beschwerte / in das Hertze des Masesylischen Reichs; schlug auch den ihm begegnenden Masanissa aus dem Felde; also: daß er mit Noth auff das Balbische Gebürge entran / Syphax aber nicht Lacumacen / sondern ihm selbst das Reich zueignete. Masanissa streiffte von selbtem Gebürge nicht nur in Numidien / sondern auch in der Stadt Carthago Gebiete / und verkauffte die Beute am Meer-Strande denen anländenden Handels-Leuten. Syphax hingegen schickte seinen Feldhauptmann Bochar mit viertausend Mann diesen Räuber auszuspüren; welcher Masanissen derogestalt in die Enge brachte: daß er mit wenigen auff den Gipffel des Berges weichen / endlich aber aus Mangel der Lebensmittel mit seinen übrigen siebenhundert Mann in ein Thal abkommen muste. Bochar aber lag ihm alsbald in Eisen; er schlug biß auff vier Reuter und den gefährlich verwundeten Masanissa alle; welche in einen strengen Fluß abstürtzten; von denen ihrer zwey alsbald vom Fluße verschlungen / Masanissa aber vom Strome aus der Numidier Augen gerissen / gleichwohl endlich mit seinen zwey Geferthen ans Ufer getrieben ward; da er denn / den nunmehr Bochar und Syphax unfehlbar für todt hielt / seine Wunden ihm in einer Höle mit Kräutern ausheilete. Hierauff wagte er sich wieder in sein Reich; bekam auff der Gräntze mehr nicht als vierzig Reuter / kurtz hierauff aber sechs tausend Mann; welche ihn als einen vom Himmel gefallenen mit unglaublichem Frolocken bewillkommten /zu sich / nahm das gröste Theil seines Königreichs ein / und verheerte noch darzu seiner Feinde Länder. Syphax kam alsbald mit zwey mächtigen Heeren gegen ihm ab; derer eines er selbst vorwerts / das andere aber sein ältester Sohn Vermina anführte; und durch diese Ubermannung Masanissens gantze Macht in Stücken hieb; also: daß er kaum mit siebenzig Pferden zu der kleinern Syrte / und von darzu den Garamanten entran. So bald aber Lälius in Africa kam /fand Masanissa mit zwey hundert[849] Numidischen Edelleuten sich zu ihm / schlug auch den andern Tag mit sonderbarem Glücke etliche hundert Carthaginenser in die Flucht. Scipio kam kurtz hernach auch an / bewillkomte Masanissen / belägerte Utica; und als Amilcars Sohn Hanno bey der Stadt Salera sich gegen die Römer setzte / schlug Masanissa ihn mit drey tausend Reutern todt / unter denen zwey hundert Carthaginensische Edelleute waren. Der jüngere Asdrubal zohe hierauff zwar mit drey und dreyßig / Syphax mit funffzig tausend Mann auff / nöthigten auch den Scipio die Belägerung auffzuheben. Aber nach dem Masanissa mehr als zwanzig tausend ihm zufallende Masesyler und Numidier an sich zoch / schlug Scipio / oder vielmehr Masanissa Asdrubaln und den König Syphax /wiewohl wegen der streitbaren Celtiberier unglaublicher Gegenwehr nicht ohne selbst eigenen grossen Verlust / etliche mahl aus dem Felde / eroberte zwey /iedoch unter dem Schein angezielter Friedens-Handlung arglistig angezündete Läger. Ja Masanissa nahm den Syphax gar gefangen / nöthigte Sophonisben zur Ubergabe der Hauptstadt Cyrtha. Endlich belägerte Scipio die Stadt Carthago / und zwang den Rath nicht nur den Mago aus Ligurien / welcher kurtz vorher in einer blutigen Schlacht wider den Qvintilius Varus /und Marcus Cornelius tödtlich verwundet worden war / und auff der Rückreise starb / sondern auch den neunzehn Jahr in Italien siegenden Annibal nach Hause zu ruffen; welcher so lange Zeit mit seinem Heere niemahls das Feld geräumt / nicht ohne Wunderwerck so vielerley Völcker / aus welchem sein Kriegsvolck bestand / in unverruckter Eintracht erhalten hatte / und daher nicht unbillich bey Empfahung dieses Befehls für Ungedult mit den Zähnen knirschte; gleichwohl aber dem Brande seines Vaterlandes zulauffen muste. In Africa mühte er sich durch persönliche Unterredung mit dem Scipio / selbtem einen nützlichen Frieden durch Vorstellung des in Schlachten am meisten wanckelbaren Glückes zu erwerben. Aber der Ehrsüchtige Scipio wolte vorher den Ruhm haben den Besieger seines Vaters und den berühmsten Kriegs-Held der Welt zu überwinden. Massen denn beyde ihre Heere / zu welchem Annibal den Numidischen Fürsten Tycheus mit zwey tausend außerlesenen Pferden bekam / so klüglich in Schlachtordnung stellten / und so ritterlich gegen einander fochten: daß Annibal weder dem Scipio / noch Scipio Annibaln den geringsten Fehler auszustellen wuste. Alleine bey gleicher Tugend gab gleichwohl die grössere Macht der Römer / der grosse Beystand Masanisses / und das auff ihre Seite henckende Glücke für den Scipio den Ausschlag; indem zwanzig tausend Mohren erschlagen / fast auch so viel gefangen wurden / Annibal auch mit genauer Noth nach Adrumet und so fort nach Carthago entrann. Scipio meinte nunmehr seiner Ehren ein Genügen gethan; und mit diesem Siege einen Grundstein zu Eroberung der Welt gelegt zu haben; scheuete auch die Belägerung einer so mächtigen Stadt / am meisten aber die Ankunfft eines Nachfolgers / welcher ihm so denn den Preiß des geendigten Krieges entzüge. Diesemnach gab er dem vom Verhängnisse augenscheinlich gedrückten Carthago nach überwundenem / und nunmehr so sehr nach der Ruhe selbst seuffzendem Annibal einen Frieden / den er denen noch so starck gewaffneten kurtz vorher versagt hatte. Also trennte die gifftige Anspinnerin dieses Krieges / nehmlich die Mißgunst / auch sein so schädliches Gewebe entzwey; und ward dißmahl zu einer wohlthätigen Friedensstiffterin. Der sonst so kriegerische Hannibal bewehrte die Nothwendigkeit der Ruh durch eine kühne aber redliche Vermessenheit / in dem er den Kriegrathenden Gisco von seinem Raths-Stule zwar wider die Gesetze einer freyen Stadt / iedoch aus einem wohlgemeinten Eiver herab zoh. Mit diesem Frieden blieben eine[850] ziemliche Zeit die Waffen zwischen den Deutschen / Galliern und Römern aufgehenckt; Massen denn die Deutschen damals auch unter dem Fürsten Marcomir die Weltweißheit / Tichter und andere Künste in Schwung brachten.

Fürst Zeno / als er ohne diß warnahm: daß Adgandester ermüdet / und in dem nechsten Zimmer des Lusthauses zur Mittags-Mahlzeit zubereitet ward; fiel ihm ein: Ich vernehme hieraus genugsam: daß weder die Mohren die Wunderthaten Annibals in Italien; noch auch Scipio die Demüthigung der Stadt Carthago den Römern / sondern beyde gröstentheils ihre Siege der streitbaren Deutschen Tugend zuzuschreiben haben. Adgandester antwortete: Ob ich zwar für meine Landsleute ein verdächtiger Zeuge zu seyn scheine / die Römischen Geschichtschreiber auch so wol unser / als ander Ausländer Heldenthaten mit Fleiß verdrücken; so ist es doch die lautere Warheit: daß sonder der Deutschen Hülffe weder Annibal mit seiner Hand voll Volcke Italiens /noch Scipio ohne den Beystand der von uns entsprossener Celtiberier Hispaniens / weniger aber ohne den aus deutschem Geblüte kommenden Masanissa Africens Meister worden wäre. Worinnen die Grichischen Geschichtschreiber den Römern die Warheit zimlich unter die Augen sagen; wiewol sie alle ausser Italien wohnenden Nordvölcker irrig unter dem Nahmen der Gallier auffführen / und wie die Gräntzen / also auch die Thaten der Deutschen mit unter der Celten Nahmen verdecken. Hertzog Rhemetalces antwortete: Es ist ein allgemeiner Brauch der Völcker: daß dasselbte / welches die Oberhand hat / ihme den Verdienst aller seiner Gehülffen zueigne. Es ist nichts seltzames fremdes Wasser auff seine Mühle leiten / und anderer Schweiß zur Farbe seiner Siegs-Fahnen brauchen. Dahero / wie vieler tugendhaffter Würde vom Neide vergället / oder von dem Staube der Vergessenheit vergraben wird; also ist der Nachruhm offt mehr ein Geschencke des Glückes / als der Tugend / und er kehret einem Lasterhafften so bald das Antlitz / als einem tapffern die Fersen. Gleichwol aber wird ein grosses Werck dem nicht unbillich zugeschrieben /der selbtes angegeben / und andern die Hand geführet. Das Haupt behält in allen Anstalten den Vorzug; ob schon der Werckzeug der Armen und anderer Glieder das meiste bey der Sache zu thun scheinet. Ein grösserer Strom beraubet hundert andere einfallende Flüsse ihrer Nahmen / ob sein eigen Wasser gleich kaum das hunderste Theil austrägt. Ein Feldherr hat mehrmals nicht den Degen gezuckt; gleichwohl wird ihm nicht unbilliger nachgerühmet: daß er den Feind aus dem Felde geschlagen; als einem Steuermanne: daß er das Schiff in den gewünschten Hafen bringe. Dannenhero der tapfferen Deutschen Beystand dem Ruhme des klugen Annibals und der Römischen Feldherrn nicht allen Ruhm entziehen kan. Adgandester versetzte: Es sey diß seine Meinung niemahls gewest; aber doch hätten ihre Geschichtschreiber der Deutschen nicht so gar vergessen / sondern sich des nachdencklichen Getichtes ihres Menannius erinnern sollen; wie übel es denen edlern Gliedern deß menschlichen Leibes bekommen sey / als sie den in ihren Augen so verächtlichen Bauch allzu verkleinerlich gehalten. Das Haupt hätte billich den Vorzug; aber die Armen verdientẽ auch ihr Lob. Die Sonne verdüsterte zwar mit ihrem Glantze die andern Gestirne; sie leschte ihnen aber nicht gar das Licht aus; ja sie theilte stets mit ihnen den Himmel / und vergnügte sich mit der Helffte seines Umkreißes; wormit nicht nur der Monde / sondern auch die kleinesten Sternen sich der halben Erde können sehen lassen. Zeno setzte nach: es ist wahr: daß die Tugend der Römer niemals höher kommen sey / als in diesem Römischen Kriege / ungeachtet hernach ihr Glücke allererst zum Riesen worden. Vorher war ihre Tugend allzurau / hernach ihre Grösse zu übermäßig; damals[851] aber ihre Verdienste unschätzbar. Ohne den Brutus würde Rom vielleicht niemahls frey; und ohne den Camillus ein Steinhauffen oder eine Magd der Gallier worden seyn; dißmahl aber nahm nicht nur ein oder ander Bürger /sondern gantz Rom wider die Mohren seiner Pflicht wahr. Nach der grossen Niederlage bey Canna entfiel dem Rathe nicht seine Klugheit / keinem Römer das Hertze / ja der Pöfel vergaß seiner Schwachheiten; und kein Mensch hatte einige nicht dem gemeinen Heile nützliche Gedancken. Das Frauenzimmer wiedmete selbtem ihren Schmuck / der Geitz verschwendete zu der gemeinen Wolfahrt seine Schätze; die am wenigsten Vermögen hinter sich behielten / schätzten sich am reichsten zu seyn. Die Jünglinge ertheilten so kluge Rathschläge / als graue Häupter. Die frevgelassenen Knechte verfochten mit einem edlen Helden-Geiste die sämtliche Freyheit. Fürnehmlich aber übersteiget der Römer getroste Hertzhafftigkeit allen Ruhm: daß als Rom selbst in vieler tausend Augen verlohren zu seyn schien / sie doch in Sicilien und Spanien Hülfs-Völcker / der Stadt Neapolis aber ihr angebotenes Volck und Geld zurücke schickte / und nur das Getreyde von ihrem Geschencke behielt. Sintemal dieses edle Volck auch in der grösten Noth nicht seine Schwäche blicken lassen wolte; weil niemand gerne sich an einen zerbrochenen Stab lehnet; und das Glücke selbst zuweilen lüstern ist einen an den rohen Ort zu stechen / wo es am wehesten thut. Uberdiß trug Rom die Stirne schon so hoch: daß es für ehrlicher hielt / gar zu Grunde zu gehen / als eines Nagels weit von seiner Hoheit zu verfallen / und für einerley Unglück nicht mehr anderer Völcker Herr /oder gar nicht mehr seyn. Es ist nicht ohne / fing Adgandester an: daß die Römer damals nichts versehen /was Tugend und Klugheit zu Erhaltung eines Reichs beyzutragen vermag. Meines Erachtens aber würde alles verlohrne Arbeit gewest seyn; wenn Carthago nicht selbst aus Unvernunfft sein Glücke mit Füssen von sich gestossen hätte. Unter denen die fürnehmste war: daß Hanno dem siegenden Annibal grämer als den feindlichen Römern war; und daß er lieber Carthago eingeäschert / als seinen Feldherrn sieghafft zurücke kommen gesehen hätte; nur daß seine den Krieg widerrathende Meinung nicht getadelt werden könte. Da hingegen die Römer den aus der Cannischen Niederlage entflohenen Bürgermeister viel klüger Danck sagten / daß er nicht gar an der Erhaltung Roms verzweiffelt hätte. Annibals gantz Italien erschütternde Siege wurden zu Carthago entweder nicht geglaubt /wenn er zumal sein Heer mit Volck und Gelde zu verstärcken bath; oder man schalt ihn gar für einen eigennützigen Räuber der feindlichen Beute; und unterbrach alle seine klugen Anstalten / gleich als wenn er nicht der Mohren Feldherr / sondern der Römer Bundsgenosse wäre. Nichts destoweniger überwand Annibal so wohl die einheimischen als fremden Feinde / und verdiente den unzweiffelbaren Nachruhm: daß er der gröste Kriegsmann gewest sey / den iemahls die Erde getragen hat.


Es ist nicht ohne / sagte Zeno: daß Hannibal einer der grösten Helden der Welt gewesen sey. Alleine wie die Natur daselbst / wo das Meer am grausamsten stürmet / denen Ländern zum besten ihm die höchsten Steinfelsen gleichsam als Riegel vorgeschoben hat; also setzet die göttliche Versehung insgemein auch einem grossen Helden einen andern entgegen / welcher selbtem die Stange biete / und die Herrschafften der Welt in gleicher Wage halte. Hector und Achilles; Sylla und Marius; Pompejus und Julius; Anton und August hatte der Himmel gleichsam außerlesen: daß sie ihre Kräfften an einander eichten solten. Und dem Annibal war der unvergleichliche Scipio gleichsam wie ein Angelstern dem andern entgegen gesetzt. Sie waren in vielen Dingen einander zu vergleichen.[852] Annibal war aus dem edlen Stamme Barcha / Scipio aus dem der Cornelier. Jener kam als ein neunjähriges Kind ins Lager / und schwur der Römer Feind zu sterben; ward im fünf und zwantzigsten Jahre seines Alters oberster Feldherr; dieser erhielt im siebzehnden Jahre in der Schlacht bey Ticin seinem verwundeten Vater das Leben; zwang hernach die Römer / welche aus Italien zu fliehen für hatten / mit blossem Degen zu schweren: daß sie nimmermehr ihr Vaterland verlassen wolten; und nahm / als er 24. Jahr alt war / als Feldherr Spanien zu beschützen auf sich. Beyde lagen auch in dem Läger gelehrten Dingen ob; Hannibal hatte den Philenius und Sosilus / Scipio den Ennius bey sich. Beyde waren beflissen ihrem Feinde nicht nur durch unverzagte Tapferkeit / sondern auch durch schlaue Kriegs-Räncke Abbruch zu thun / und nichts minder mit Klugheit als Waffen zu kämpfen. Hannibal wuste des hitzigen Sempronius Gemüthe so listig aufzureitzen: daß er wider die Vernunft die Schlacht bey Trebia wagte und verspielte. Des hoffärtigen Flaminius Gemüthe reitzte er durch Einäscherung des Landes so ferne: daß er aus Ungedult wider seinen Willen schlug / und Heer und Leben einbüßte. Den fürsichtigen Fabius machte er durch Verschonung seiner Land-Güter den Römern verdächtig; dem verwegenen Minutius verhing er einen kleinen Sieg / wormit seine Eitelkeit ihn in den Verlust einer Haupt-Schlacht stürtzte. Denen geitzigen Cretensern / zu denen er sich und sein Vermögen geflüchtet hatte /spielte er es meisterlich aus ihren räuberischen Händen; in dem er viel mit Bley gefüllte Fässer im Spunde mit Golde bedeckt / und als seinen Schatz in der Diane Tempel verwahret / das Gold aber in die holen Ertzt-Bilder verstecket und weggeführet. Den viel stärckern König Eumenes jagte er mit in Töpfe verschlossenen Schlangen aus der See. Nichts weniger schlau war Scipio; als er die Römer glauben ließ: daß er im Capitolinischen Tempel von den Göttern geheime Offenbarungen empfangen / und den Apollo zum Vater hätte; als er bey Belägerung der neuen Stadt Carthago in Spanien bey sich ereignenden Eppe sein Kriegs-Volck beredete: daß Neptun selbst wider die Feinde stritte. Als er Kriegsverständige in Knechte der Römischen Gesandten verkleidete / und des Syphax Läger ausforschte / auch hernach anzündete. Beyde Helden sind auch von dem Neide und Undancke der Ihrigen mehr / als von der Gramschafft ihrer Feinde verfolgt worden. Sintemal Hanno Hannibaln durch seine Vergällung nicht nur Hülff-loß machte; sondern seine eigene Numidier trachteten ihn nach verlohrner Schlacht bey Zama zu tödten. Der Rath zu Carthago schämte sich nicht zu entschlüssen / den in die Hände der Römischen Bothschafft zu liefern / dessen Vermögen einzuziehen / und sein Haus abzubrechen / welcher sein Blut so viel mal für ihre Freyheit aufgesetzt hatte. Antiochus und Prusias meynten nicht viel anders seine Wohlthaten zu belohnen; also: daß er durch seine eigene Vergiftung seiner eigenen Gefangenschafft vorzuziehen gezwungen ward. Eben so war dem Scipio Fabius über Achsel; man maß ihm des Pleminius wider die Locrenser verübte Grausamkeit zu; der Rath durchgrübelte alle sein Beginnen /als eines verdächtigen Ubelthäters. Er verfiel in den Haß des gantzen Volckes; weil er in dem Schauplatze die Gestüle der Rathsherren absonderlich setzen ließ. Und der / welchen man vorher für den Fürsten des Raths erklärt hatte / ward auf Anstiften des Cato an eben dem Tage / da er etliche Jahr vorher Carthago besiegt hatte / verklagt: daß er sich vom Könige Antiochus mit Geld hätte bestechẽ lassen. Wiewohl Scipio darinnen noch glücklicher / als Hannibal war: daß / als er aus Verachtung dieser Anklage aufs Capitolium ging / von seinem Feinde Tiberius Gracchus seine Unschuld vertheidigt ward. Ob ihm auch wohl Rom keine Nothwendigkeit zu sterben aufbürdete; zwang ihn doch Mißgunst und Verläumdung seines[853] Vaterlandes / ohne welchen es zum andern mal wäre erobert worden / sich in einen geringen Winckel bey Linternum zu verkriechen / und daselbst den Acker zu graben. Weil aber Scipio entweder der Römischen Freyheit / oder diese dem Scipio nachtheilig war / und entweder er oder sie von Rom entfernet seyn muste /bezeugte er mehr Großmüthigkeit durch Verlassung /als durch Beschirmung seines Vaterlandes; wiewohler durch eine auf seinen Grabe-Stein eingehauene selbtes mit Beerdigung seiner Gebeine zu beehren verbot. Beyde Helden aber waren darinnen glückselig: daß sie auch in ihrem Elende hochgeschätzt; und zwar Annibal vom Scipio selbst für der Schlacht bey Zama / und hernach zu Ephesus umbarmet / von den Römern gefürchtet / Scipio von den See-Räubern als ein Halb-Gott angebetet / von fremden Völckern bejammert ward; daß beyder Vaterland ihre Asche hernach mit Thränen benetzte / ihr Gedächtnüß mit Ehren-Säulen beehrte / und ihr Geist mehrmals mit viel-tausend Seufzern zurück gewüntscht / ja von den Römern geglaubt ward: daß ein Drache des Scipio Geist in einer Höle unter seinem Linturnischen Vorwerge bewachte. In so vielen waren diese zwey Helden einander ähnlich. Gleichwohl aber düncket mich: daß dem Scipio aus vielen erheblichen Gründen die Ober-Stelle gebühre. Adgandester versetzte: Diese aber hat Scipio zu Ephesus dem Annibal selbst enträumet. Zeno antwortete: Eben damals hat Scipio mit seiner Höfligkeit Annibaln überwunden / wie er ihm sonst mit seiner annehmlichẽ Gestalt und Sanftmuth überlegen war. Jene war so anlockend: daß niemand / der ihn ansahe / sein Gesichte sättigen konte. Mit dieser glimpf- und gütigen Bezeugung überwand Scipio fast mehr Feinde / als Hannibal mit seinen Waffen. Die Freylassung der in Neu-Carthago überkommener Geissel / die Aufnehmung des abtrünnigen Mandonius und Indibilis machte ihm halb Spanien unterhänig. Die Ubergebung seiner gefangenen Braut verknüpfte mit dem Lucejus ihm die Celtiberier. Die Loßlassung der dem Asdrubal abgeschlagener Spanier machte: daß sie den Scipio für ihren König ausrufften. Für den wiedergegebenen Knaben Massiva ward König Masanissa der Römer getreuster Bunds-Genosse / und hertzhaftester Beystand. Durch seine guten Worte zohe er den zweifelhaften König der Bithynier auf der Römer Seite. Adgandester versetzte: Es wäre nicht ohne: daß Scipio an Gestalt und Freundligkeit Annibaln übertroffen hätte. Beydes aber rührte von dem gantz unterschiedenen Land-Striche ihrer Geburts-Stadt her. Wiewohl denen Mohren / welche die Schwärtze für eine Zierrath / und die Ernsthaftigkeit für eine Tugend hielten /den Scipio vielleicht weit hinter Annibal gesetzt habẽ. Gleichwohl aber hätte Annibal auch nicht allemal sauer gesehen / sondern / wenn er es ihm vorträglich zu seyn befunden / hätte sein kluges Absehen iederzeit die ihm angebohrne Neigungen verdrücket; und er insonderheit gegen die Römischen Bunds-Genossen so viel Glimpf und Güte; als gegen die Römer selbst Grausamkeit gebrauchet; hierinnen auch viel klüger /als Pyrrhus gebahret; der denen gefangenen Römern liebkosete / ihre Bunds-Genossen mit Schwerdt und Feuer verfolgte. Nichts minder hätte Annibal des in der Schlacht erlegten Marcellus Leiche aufs beste schmücken / und verbrennen / seine Gebeine in einen silbernen Topf schlüssen / mit einer güldenen Krone beehren / und seinem Sohne zuschicken lassen. Daß aber er gegen die Seinigen sich zuweilen einer Strengigkeit gebraucht / hätte ihm sein eigner Zustand abgenöthigt; weil er meist allerhand fremde Völcker in seinem Kriegs-Heere geführet; selbte ohne Geld und Vorrath in feindlichem Lande im Gehorsam halten müssen; wiewohl alle diese mehr aus Ehrerbietigkeit /als Furcht ihre Pflicht gegen ihm niemals versehret hätten. Wegen[854] welcher Ursache seine Siege aller andern Helden vorgezogen zu werden verdienten. Sintemal Alexander mit eitel Griechen / welche der Persen Tod-Feinde / und meist seine Unterthanen waren / und mit des Darius unschwer eroberten Schätzen; Scipio und Käyser Julius mit eitel Römern und Feinden der Stadt Carthago; Annibal aber mit eitel geworbenen und übel besoldeten Ausländern Krieg geführet. Mit einem Worte: Annibal hätte die Arbeitsamkeit / die Gedult / die Hertzhaftigkeit / die Wissenschaft und alle Tugenden eines Feldherren gleichsam in Ubermasse gehabt. Sein Feldzug aus Spanien; wo es umb Carthago mißlich und zweifelhafft stand; durch das feindliche Gallien / da er alle Tage mit neuen Völckern schlagen müssen; über das unwegbare Alpen-Gebürge / da die Natur und der Himmel gleichsam selbst wider ihn zu Felde lag; in Italien / da er weder Vorrath / Hülffe / noch Sicherheit der Rückkehrung zu hoffen hatte / übersteiget schier den Glauben der Nach-Welt. Wiewohl / wenn man Annibals allenthalben geprüfete Fähigkeit beobachtet / muß man sich mehr über Annibaln / als seinen Zug verwundern /und diesen noch für etwas wenigers / als ein Werck dieses Helden ansehen. Der Verlust seines Auges / die Begegnung fast unzehlbarer Heere waren viel zu ohnmächtig den Lauff seiner Siege von einem Ende Italiens bis zum andern zu hemmen. Ja so lange er in diesem Lande gewest / hat niemand in Schlachten ihm die Wage halten / und nach der Cannischen Niederlage kein Römisches Heer sich gegen ihm in freyem Felde lagern können. Zeno begegnete Adgandestern: Scipio hätte in allem dem Annibaln kein Haar breit gewichen; weil er neu Carthago in einem Tage belägert und erobert / in vier Jahren das etliche mal grössere Spanien bemeistert / darinnen vier Carthaginensische Heere und Feldherrn erschlagen / den mächtigen König Syphax / und endlich den Italien zu verlassen gezwungenen Annibal selbst überwunden. Da hingegen Hannibal schier die geringste sich rechtschaffen währende Stadt zu bemeistern / der Siege zwar durch Wollüste zu genüssẽ / ebẽ so wenig aber /als Pompejus / derselben durch ihre Verfolgung sich zu gebrauchen / am wenigsten / wie Alexander / Scipio und Julius / ein Werck völlig auszumachen gewüst hätte. Welche letztere alle ihre Thaten / so lange noch etwas zu thun übrig war / für ungethan hielten. Also wäre Annibal zwar andern Kriegsleuten Fehler aufzubinden / sich aber von selbten zu befreyen nicht fähig gewest. Wie hitzig er sonst seinen Feind anzugreiffen / auch ihn über Hals und Kopf zu verfolgen gewüst; so unzeitig hätte er nach dem Cannischen Siege ihm unnöthige Schwerigkeiten mehr aus eingebildeten Hindernüssen / als aus Wichtigkeit des Werckes gemacht / durch eine falsche Vorsichtigkeit die Eroberung der Stadt Rom und die Stunde versäumet; darinnen er den gantzen Krieg aus / dem Römischen Reiche ein Ende / und Carthago zum Haupte der Welt machen können; indem entweder sein Verstand nicht so weit sehend / oder sein Gemüthe ein so grosses Glücke zu begreiffen zu engbrüstig / der Römer beraaseter Ruhm und Macht ihm gar zu groß / ihr erschlagenes Heer in seinen Gedancken noch lebend /und der schon überwundenen Kriegsleute Gespenster ihm ein blindes Schrecken gewest wäre. Also hätte er ehe seinen Mühseligkeiten / als dem Kriege ein Ende zu machen gedacht; und endlich / nachdem er nur einmal die vorhin unbekandte Wollüste geschmecket /von selbten sich bezaubern und stürtzen lassen. Adgandester setzte dem Fürsten Zeno abermals entgegen: Für den Scipio hätte augenscheinlich mehr das Glücke / für Annibaln aber die Tugend gestritten. Von jenem wäre zwar bey Zama der Mohren viel geringeres Heer / aber nicht Annibal überwunden worden. Denn an eben selbigem Tage hätte dieser durch kluge Stellung seines Heeres / durch hertzhafte Gegenwehre sich selbst und alle KriegesKünste[855] überstieg. Scipio wäre über Annibals Anstalten selbst erstaunet; und bey seinem herrlichen Siege hätte den überwundenen Annibal seiner grossen Fähigkeit halber beneidet / der flüchtige Annibal aber ihm noch eingebildet: daß er es dem Uberwinder zuvor gethan hätte. Dieser wäre nicht ein Meister im Felde gewest; sondern: daß er auch Städte einzunehmen gewüst; gebe ihm die Asche der hartnäckichten Stadt Sagunt ein Zeugnüß. Daß er aber von Spolet und noch einer kleinern Stadt abgezogen / hätte vom Mangel des Fuß-Volckes / des Geldes und des Sturmzeuges hergerühret. Welches nebst dem / daß er eine Stadt am Meere / umb auf allen Fall Hülffs-Völcker an sich zu ziehen nöthiger gehalten / ihn vermuthlich an der Stadt Rom Belägerung gehindert hätte. Wiewohl nichts seltzamers wäre: daß nach dem das Verhängnüß allen Menschen ein Ziel gesteckt hätte / sich in den grösten Helden Gedult / Hertzhaftigkeit und Beständigkeit erschöpfte; und also Annibal / weil er allzu viel überstanden / nichts mehr auszustehen vermocht; sein vorhin allzu kühner Geist mit übriger Beysorge sich abzukühlen genötigt gewest wäre / und der im Unglücke unüberwindliche Held mit dem liebkosenden Glücke zu buhlen nicht verstanden hätte. Zwar wäre er zu Capua in die Wollüste mehr als ein Weiser eingesuncken; welcher selbte nicht weiter / als zu seiner Erholung gebrauchen soll. Aberes schiene eine gemeine Art der ernsthaften Leute zu seyn: daß sie sich zwar langsam / aber so viel heftiger von ihren Süssigkeiten einnehmen liessen. Denn das Stroh finge zwar augenbliclich Feuer / das Eisen aber würde langsam glüend; hingegen verschwinde jenes auch bald /dieses aber tauerte so viel länger. Zu dem hatte Annibal / als die Noth wieder wäre an Mann kommen / genungsam erwiesen: daß er der alte Annibal wäre; und ob wohl freylich sein Heer von der Wollust allzu sehr verzärtelt worden; so hätten doch nur die Noth und die Beruffung der Stadt Carthago / nicht aber die Gewalt der Römer ihn aus dem Hertzen Italiens zu reissen vermocht. Adgandester hätte noch weiter seinem Annibal das Wort geredet / wenn nicht Hertzog Herrmann / welcher an dem Eingange ihnen eine Weile zugehöret hatte / hinein getreten wäre / und durch seinen Ausspruch diesem feindlichen Zwiste derogestalt ein Ende gemacht hätte: daß Annibal ein grösserer Krieges-Mann als Scipio gewesen seyn würde; wenn es möglich gewest wäre grösser zu seyn als Scipio. Dieser aber wäre ein besser Bürger gewest / als Annibal.

Weil nun in dem Saale selbigen Lusthauses die Taffel mit Speisen bereit besetzt war / führte der Feldherr die Königin Erato / und ihnen folgten alle Anwesenden zu der Mittags-Mahlzeit / welche mit eitel lustigen Schertz-Reden verkürtzt ward; wiewohl die begierigen Zuhörer selbter ohne diß abbrachen; und Adgandestern / welcher mit fernerer Erzehlung ihnen den übrigen Tag beschwerlich zu fallen Bedencken trug /durch ihre Höfligkeit die Verfolgung seiner Geschicht-Beschreibung abnöthigten.

Adgandester erseufzete / und hob an: Ihr zwinget mich nunmehr unserer Deutschen grosse Wunden zu entdecken / welche ich als ein treuer Sohn schuldig zu verhüllen wäre! Jedoch haben diese nicht nur uns /sondern die halbe Welt getroffen. Denn nach besiegtem Carthago schämte sich nun niemand mehr von den Römern überwunden zu werden. Ich mißgönne diesem Volcke nicht ihren Ruhm der Tapferkeit; aber sie selbst wagen sich nicht so viel Siege ihrer Tugend zuzueignen; wenn sie enthängen: daß sie das Glücke wie ein Platz-Regen / oder eine Berg-Bach überschüttet habe. O Anbethens würdiges Verhängnüß! wie thöricht opfern die Sterblichen der Tugend und dem Glücke! Deine unerforschliche Weißheit theilet alleine Siegs-Kräntze aus / und gebieret Schoß-Kinder des Glückes. Wie vielmal hast du denen /[856] welchen die Natur einen Riegel vorgeschoben / wo menschliche Klugheit nirgends aus gewüßt / ein Licht angesteckt /und einen Weg über Meer und durch Felsen gewiesen! Wie offt bist du dem / der aus der Wiege der Morgen-Röthe biß zum Sarche der Sonnen in einem Athem zu rennen vermeynt / beym ersten Ansprunge in Zügel gefallen; und hast die Vermessenheit menschlicher Rathschlüsse mit einem grausamen Untergange bestrafft! Wir elende Menschen können ja wohl den ersten Abrieß eines Gebäues entwerffen; nimmermehr aber selbtes ausbauen; wenn die Göttliche Versehung nicht den ersten Grund-Stein legt. Diese ist die Sonne / welche die Irrwische der alberen Vernunfft zernichtet; diese ist der Wegweiser zu Lande / und sie sitzet beym Steuer-Ruder auf dem bittern Meere dieser Welt / umb uns entweder in die Strudel des Verderbens zu stürtzen / oder bey den Schiffbruchs-Klippen des Untergangs vorbey zu führen. Diese ist die oberste Gebieterin / welcher Gesetzen wir unterworffen; in welcher Gebiete wir eingeschränckt sind; welche der halben Welt Kräfften dem einigen Rom unterworffen hat.

Der Fortgang der Römischen Siege geschahe wider die Macedonier; welch Volck sich vorher der Herrschafft des Erdbodems angemaßt; dessen König Philipp aber sich mit Annibaln verknipft hatte. Ja das Verhängnüß spielte den Römern nicht nur eine scheinbare Ursache des Krieges / nemlich den Schirm der bedrängten Stadt Athen in die Hand; sondern es kündigte ihnen auch durch ein auf dem obersten Kriegs-Schiffe wachsendes Lorber-Reiß den ungezweifelten Sieg an. Ja nicht nur Philip / sondern Thebe / Euböa und Sparta wurden bezwungen. Dieses Glücke konten die zwey hertzhaften Helden Annibal und Amilcar / denen ihres Vaterlandes Unterdrückung durchs Hertze ging / ohne schäle Augen nicht ansehen; weil sie aber weder eigene Kräfften was hauptsächliches zu unterfangen hatten / noch auch Carthago aufs neue in Gefahr setzen wolten; ging Amilcar zu den Deutschen / Annibal zum mächtigen Könige Antiochus über. Jener brachte die nunmehr unter dem Joche der hochmüthigen Römer schwitzenden Insubrier / Bojen / Cenomänner / und Ligurier dahin: daß als Cajus Appius mit gewaffneter Hand in das Gebiete der Bojen einfiel / und ihre Land-Früchte gewaltsam abmeihete / sie ihn mit sieben tausend Römern erschlugen / die übrigen mit dem Bürgermeister Elius nach Rom jagten / und sie sich / in Hoffnung: Es würde Antiochus den Römern biß ins Hertze kommen / mit einander in Bündnüß einliessen / und den Römern den Gehorsam aufkündigten / die Römische Stadt Placentz mit Sturm einnahmen / selbte einäscherten / und mit viertzig tausend Mann Cremona belägerten; also: daß der Bürgermeister Aurelius und der Landvogt Lucius Furius mit einem mächtigen Heere zum Entsatz eilen musten. Ob nun zwar die Deutschen allhier übermannet / Amilcar getödtet /und sie über den Po zurücke zu weichen genöthigt wurden; so unterhielten doch die deutschen Fürsten und der junge Amilcar selbige Völcker noch in den Waffen; wormit sie ihre Freyheit biß auf den letzten Bluts-Tropfen zu vertheidigen entschlossen waren. Aber weil der furchtsame Antiochus Annibals klugen Rathschlägen langsames Gehöre gab / zohen alsbald beyde Bürgermeister mit mächtiger Heeres-Krafft gegen die Deutschen und Gallier auf. Quintus Minutius fiel bey den Liguriern ein / eroberte die Städte Clastidium und Libubium; hierauf rückte er gegen die Bojen; der andere Bürgermeister Cornelius gegen die am Flusse Mincius stehenden Insubrier und Cenomänner: daß selbte bey erfolgender Schlacht von den Deutschen nicht nur ab; sondern / weil sie zum Hinterhalte gestellt waren / ihnen gar in Rücken fielen /und also den sonst zweifelhaften Sieg durch ihren Meineyd den Römern zuschantzten / in welchem drey deutsche Fürsten und der junge[857] Amilcar / als vier Löwen fechtende umbkamen. Diese Niederlage schreckte die Bojen: daß sie mit dem Minutius / dem sie doch bereit grossen Abbruch gethan hatten / nicht zu schlagen getrauten / sondern diese Völcker mit den Römern / so gut sie konten / sich verglichen. Nachdem aber die Römer die Deutschen wie Knechte hielten / vorgebende: daß vermöge ihrer Sitten sie dieselben / welche sich auf Treu und Glauben ihnen ergeben / in Band und Eisen zu schlagen / über ihr Leben und Güter zugebieten berechtiget wären / insonderheit auch der gefangẽ gewesene / und gegẽ gleichwiegendes Silber ausgelösete Fürst Corolam seinen Bojen und Insubriern erzehlte: wie er in dem Siegs-Gepränge vom Cornelius Cethegus mit Füssen getreten; die edelsten Deutschen an einander gekoppelt für seinem Wagen wie eine Heerde Vieh hergetrieben / in den Kerckern halb von Hunger / halb von Gestanck getödtet worden wären / endlich sie von ihren alten Landsleuten den Celtiberiern aus Hispanien Nachricht bekamen: daß sie wegen ebenmässiger Dienstbarkeit den Sempronius Tuditanus mit seinem gantzen Heere er schlagen hätten; zwang die äuserste Ungedult die Deutschen abermals den Harnisch anzulegen. Der erste Streich gelückte dem Fürsten Corolam auch: daß er den Sempronius Gracchus / Junius Sylvanus / Ogulnius und Publius Claudius mit drey tausend Römern aufopferte. Marcellus gerieth hierauf bey der Stadt Comum mit ihm in ein Haupt-Treffen; wiewohl nun Corolam die ersten Hauffen zertrennte / der Sieg auch einen halben Tag auf gleicher Wag-Schale lag / so schlug selbter doch endlich auf der Römer Seite / weil Corolam wegen empfangener gefährlicher Wunde sich aus der Schlacht begeben muste. Sein Bruder Ehrenfried begegnete inzwischen dem andern Bürgermeister Furius Purpureo bey dem Schlosse Mutilum so hertzhafft: daß er die Flucht nehmen / und sich zum Marcell fügen muste. Beyde Bürgermeister fielen hierauf bey den Liguriern ein; Fürst Ehrenfried aber folgte mit seinem wiewohl viel schwächern Lager ihnen stets an der Seiten / und thät den Römern mercklichen Abbruch; gleichwohl aber zohe zuletzt ein Theil seines mit allzu vieler Beute überladenen Heeres den kürtzern; also: daß er sich in die Bojischen Gräntzen zurück ziehen muste. Furius folgte ihm zwar mit dem gantzen Heere / aber die Bojen besetzten ihre Gräntzen so wohl: daß er in Insubrien zurück bleibẽ muste. Wie nun diese über die Raubereyen der Römer beweglich klagten / und die Bojen umb Hülffe anfleheten / schickten sie einen jungen Hertzog der Nemeter Dorulach / der beyden Bojischen Fürsten Schwester Sohn mit zehn tausend Pferden den Insubriern zu Hülffe; aber weil die bedrängten Insubrier mit ihrem Fuß-Volcke nicht zu ihm stossen konten / weil Valerius Flaccus mit einem mächtigen Heere ihm stets die Stirne both; muste er nach ziemlichem Verluste nur umbkehren; zumal er Nachricht kriegte: daß der Bürgermeister Titus Sempronius mit einem frischen Heere schon an den Bojischen Gräntzen stünde; welchem Fürst Bojorich zwar entgegen geschickt; aber allem Ansehen nach nicht gewachsen wäre. Inzwischen hatte Bojorich und Sempronius beyde Läger harte gegen einander geschlagen; und erwartete dieser den andern Bürgermeister / jener aber den Fürsten Dorulach mit mehr Volcke; gleichwohl aber entschloß sich Bojorich / aus Beysorge: es möchte der Eifer seines Volckes lau werden / Flaccus auch endlich an einer andern Seite einbrechen / zwey Tage nach einander sein Heer in Schlacht-Ordnung zu stellen. Als aber die Römer in ihrem Lager unbeweglich blieben /führte er sein Volck biß unter den Wall / und zu Bestürmung des Lägers an. Sempronius wolte diesen Spott nicht vertragen / öffnete also zwey Pforten / und drang mit zweyen Legionen heraus. Die Deutschen aber standen gegen sie wie Mauern / und verhinderten durch ihre männliche Gegenwehr: daß die Römer nicht aus dem Lager zu kommen vermochten; ob schon Quintus Victorius und Cajus Arinius[858] den Fähnrichen die Römischen Kriegs-Fahnen aus den Händen riessen / selbte unter die Feinde warffen / umb das Kriegs-Volck zu derselben Wiedereroberung aufzufrischen und vorwerts durchzudringen. Aber diese verwegene / wiewohl vormals glücklich ausgeübte Kriegs-List wolte dißmal nicht gelingen. Denn Bojorich fochte an der Spitze wie ein Löwe mit unverwendetem Fusse; und mühte sich nicht allein seinen Deutschen ein Beyspiel hertzhafter Gegenwehr zu geben; sondern gar in das Läger zu dringen. Dieser blutige Kampf hatte schon einen halben Tag gewähret / als Hertzog Dorulach mit seiner Hülffe ankam. Weil aber theils das Gedränge der Streitenden / theils die holen Wege ihn verhinderten auf diesen beyden Seiten an Feind zu kommen / fügte er mit seiner Reiterey und wenigem Fuß-Volcke sich zur dritten Pforte / sprang vom Pferde / thät den ersten Hau ins Thor; und ungeachtet es gleichsam Pfeile auf ihn regnete / ließ er doch mit seinen Nemetern / die er stets zur Leibwache umb sich hatte / nicht ab / biß er ins Läger gebrochen war. Die drey Kriegs-Obersten Lucius Postumius /Marcus Atinius und Titus Sempronius bothen ihm zwar hertzhaft die Spitze; aber die ersten zwey erlegte er mit eigner Hand / den letztern ein Nemetischer Edelmann Solms / und blieben mehr als fünfhundert Römer bey diesem Thore todt; ja Dorulach ward Meister des Lägers. Sehet aber / was für ein Zufall den Deutschen die Vollkommenheit eines herrlichen Sieges zernichtete! Es ließ ein Theil Römischer Reiterey / das für das Läger allerhand Nothdurfft einzuholen ausgeschickt war / sich auf der nechsten Höhe sehen /rathschlagende: Ob es bey vermerckter Verwirrung im Römischen Läger fortrücken solte. Der Bürgermeister aber gebrauchte sich dieser schlechten Hülffe durch Kriegs-List zu einem grossen Vortheil; kleidete alsbald etliche Marsen nach deutscher Art aus; welche zu den Deutschen überlieffen / und dem Fürsten Bojorich fälschlich entdeckten: daß der ander Römische Bürgermeister / dessen Vortrab schon auf der Höhe stünde / mit zwantzig tausend Mann keine Meil weges weit mehr entfernet wäre. Dieser scheinbare Betrug verleitete den Bojorich: daß er dem Fürsten Dorulach das Römische Läger zu verlassen / dem gantzen Heere aber sich mit geschlossenen Hauffen wieder in das deutsche Läger zu ziehen anbefahl. Hertzog Dorulach schäumte für Zorn hierüber; sonderlich: da die ausgeschickte Kundschafft entdeckte; wie so leicht sie sich die schlauen Römer hätten hinters Licht führen lassen. Diese hingegen wurden so hochmüthig: daß sie folgenden Tag durch Stürmung des deutschen Lägers den vorhergehenden Schimpf abzuleschen vermeynten. Bojorich aber fiel zu einer /Hertzog Dorulach zur andern Pforte heraus / und griffen die Römer mit so grosser Tapferkeit an: daß ihrer fünf tausend auf dem Platze blieben / und sie sich anfangs mit genauer Noth ins Läger / hernach gar biß nach Placentz zurücke ziehen musten. Scipio vermeynte mit einem absondern Heere zwar bald bey den Bojen / bald bey den Liguriern einzubrechen; aber er muste nur / wegen Wachsamkeit des Fürsten Ehrenfrieds / allenthalben unverrichteter Sache zurück weichen. Inzwischen berichteten die furchtsamen Carthaginenser / welche hierdurch die ihnen vom Masanissa abgedrungene Stadt Leptis / und die darzu gehörige Landschafft wieder zu erlangen vermeynten / nach Rom: daß der von ihnen flüchtige Annibal / auf den sie vorher auch die Schuld des andern Punischen Krieges beym Scipio und zu Rom gelegt hatten / wie auch Thoas der Etolier Fürst den Antiochus zum Kriege wider Rom aufgewickelt / er auch durch dẽ Aristo vom Tyrus Carthago einzuflechtẽ sich bemühet hätte. So knechtisch war Carthago durchs Unglück worden; Annibal aber hätte es für ein Glücke zu achten gehabt / wenn seine Wohlthaten verraucht / nicht aber so undanckbar belohnt worden wären. Alleine[859] diese waren von derselben Art / derer Eigenschaft es ist aus sich selbst Haß und Undanck zu hecken; nemlich: Sie waren von solchem Gewichte: daß Carthago ihr keine Hoffnung machen konte weder sie zu vergelten / noch ihre Fehler / da sie Annibaln muthwillig im Stiche liessen / auszuleschen. / Denn weil der Mensch ihm verkleinerlich hält Wohlthaten zu empfangen /und dardurch seine Schwäche sehen zu lassen / als selbst wohlzuthun; nimmt ein freyes Gemüthe niemals gerne fremde Hülffe an; wird schamroth über der empfangenen; müht sich selbst zweyfach zu vergelten; wenn es diß aber nicht vermag / verwandelt die hierüber geschöpfte Verdrüßligkeit solch zartes Erkäntnüß in bittern Haß und Verfolgung / wie wenige Säure die füsseste Milch in Matten und Molcken. Antiochus regte sich hierauf zwar / als wenn er die Römer bekriegen wolte: aber seine grosse Kräfften machten mehr Geschrey als Werckes. Er weigerte Annibaln ein Theil des Heeres umb in Italien einzufallen / und mit den Deutschen sich zu vereinbaren; da doch die Wahl kluger Heerführer für die Beselung eines Krieges zu achten / weil diese sonder Zweifel ihr Hertz sind. Der eitele Antiochus vergnügte sich an dem Griechischen Gestade seine von Gold und Purpur schimmernde Zelten über kühle Bäche aufzuspannen; die mit edelstem Weine schäumende Crystall-Gläser zu tausenderley Uppigkeiten seinem mächtigem Heere gleichsam die Spann-Adern zu verschneiden. Gleichwohl waren hierüber die Römer nicht wenig bekümmert; zumal auch Fürst Nabis zu Sparta / und die Acheer sich gegen Rom Feind erklärten; insonderheit aber die Deutschen mit viertzig tausend Mann biß nach Pisa fortrückten. Daher sie den Africanischen Scipio nicht nur zum Antiochus ihn vom Kriege abzuhalten / als nach Ephesus zum Annibal / dessen Klauen sie schon mehr als zu viel empfunden hatten / ihm entweder die eingebildete Tod-Feindschafft der Römer gegen ihn auszureden / oder zum minsten ihn beym Antiochus zu verdächtigen / abschickten. Alleine er richtete ausser dem letztern Absehen wenig aus; hingegen sperreten die Fürsten Corolam und Bojorich den Bürgermeister Minutius mit dem gantzen wider sie aufgeführten Heere zu Pisa ein; und weil er zu keinem Treffen zu bringen war / holeten sie reiche Beute durch gantz Hetrurien. Der Bürgermeister Cornelius Merula holete mit seinem Heere zwar einen Raub aus der Bojen Gebiete; aber Hertzog Ehrenfried und Dorulach schnitten ihm bey Mutina den Weg ab / und nöthigten ihn zu einer blutigen Schlacht. Es war in vielen Jahren nicht grimmiger als allhier gefochten worden. Fürst Dorulach brachte den lincken Flügel der Römer / welchen Titus Sempronius vorigen Jahres Bürgermeister führte / bald anfangs in Verwirrung; aber Marcus Marcellus entsetzte ihn mit einer gantzẽ Legion. Livius Salinator brachmit seiner Reiterey zwar durch die ersten Hauffen des deutschen rechten Flügels / aber Fürst Ehrenfried ergäntzte mit seiner Vorsicht und Tapferkeit alsbald die Lücken. Die Schlacht tauerte biß in die sinckende Nacht; da denn Finsternüß und Müdigkeit beyde wiewohl sich des Sieges rühmende Theile zwang / ihrer Blutstürtzung ein Ende zu machen; wiewol Dorulach mit seinen zwey grossen auf dem Helme stehenden Hörnern sich auch im düstern sichtbar / durch die Schärffe seines Schwerdtes empfindlich machte / und die Wallstatt behauptete; hernach aber beym Lichten schwerer als vorher zu erkennen war; weil er allenthalben von Blute troff / gleich als er sich darinnen gebadet hätte. Auf deutscher Seite blieb des Dorulachs Bruder Budoris / auf Römischer / die Kriegs-Obersten Marrus Genutius und Marcus Martius / drey und zwantzig Hauptleute / fünf tausend Römer / und zweymal so viel Hülffs-Völcker.[860] Kurtz hierauff traff auch Minutius mit dem Fürsten Corolam; als Hertzog Bojorich mit einem Theile des Heeres gegen dem Flusse Auser die Ligurische Gräntze für der Römer Einfall beobachtete. Diese Gelegenheit und der Mangel an Lebensmitteln zwang den Minutius: daß er wiewohl mit ziemlichem Verlust durch die Bojen durchschlagen /und über den Fluß Cöcina zurück weichen muste. Welches alles zu Rom schlechtes Vergnügen gab /weil sie gemeinet durch diese zwey mächtige Heere alle Bojen auszurotten; wiewol Marcus Fulvius in Hispanien diese Scharte mercklich ausgewetzt hatte; weil von ihm die Celtiberier geschlagen / und ihr König Hilerm gefangen worden war. Folgendes Früh-Jahr zohen die Bürgemeister Lucius Qvintius / und Domitius Enobarbus mit zwey mächtigen Heeren wider die Bojen und Ligurier auff. Aber sie geriethen in eusserste Noth und Gefahr. Denn Fürst Dorulach überfiel die Römische Reuterey bey Tursena / und schlug sie aus dem Felde. Corolam und Bojorich aber stürmten gar das Römische Läger an dem Flusse Ausser; dessen schnelle Ergiessung alleine die Eroberung verhinderte. Gleichwohl aber traute Qvintius nicht den andern Sturm der ergrimmten Deutschen zu erwarten; ließ also allen Vorrath im Stiche / und machte sich des Nachts stillschweigend über ein Theil des Gebürges. Nachdem aber ein Uberläuffer solches verkundschaffte / schwemmte Fürst Dorulach mit einem Theile der Reuterey / und einer Anzahl hinten auff die Pferde gesetzten Fußvolcks durch den Fluß Auser / dessen Wasser sich ehe in der Mitten empor wöllet / ehe er sein Ufer übergeust; kam also den Römern nicht allein zuvor / sondern verhieb und besetzte auch den Ausgang des Forstes / durch welches Qvintius unvermeidlich ziehen muste. Hertzog Corolam ließ ein Theil seines Volckes zu Bewahrung des verlassenen Römischen Lägers / folgte den Römern auff der Ferse nach und besetzte den Eingang des Waldes. Fürst Bojorich beobachtete die Seiten und Fuß-Steige. Also waren die Römer im Sacke; und menschlichem Ansehen nach / musten sie entweder erhungern oder sich ergeben. Qvintius selbst wuste mehr weder Hülffe noch Rath / und wolte ihm schon selbst verzweiffelnde das Schwerd in Bauch stossen; als Masanissens Sohn Micipsa / welcher mit acht hundert Numidiern den Römern allhier Beystand leistete / ihm das Schwerd aus den Händen wand / die Thorheit der das Laster des Bruder- und Vater-Mords übertreffenden eigenen Entleibung für Augen stellte /und ihm aus dieser Fallgrube zu gelangen Hoffnung machte. Micipsa erwehlte hierauff einen gemeinen ihm nicht unehnlichen Numidier / zohe ihm seine von Gold und Edelgesteinen schimmernde Kleider und Rüstung an; gab ihm etliche der treuesten Numidier zu seiner Bedienung zu / und beredete ihn durch grosse Verheissungen: daß er unter seinem Nahmen folgende Nacht zu den Deutschen übergehen / und den freyen Abzug / oder nur zum minsten eine erträgliche Gefängnis biß zu ihrer Auslösung erbitten solte. Dieser Numidier wuste diesen Betrug meisterlich zu spielen / ließ zwey seiner Gesellen zu der eussersten Wache der Deutschen kriechen / und seine Ankunfft berichten. Fürst Bojorich hörte diese zwey Uberläuffer vergnügt an / schickte auch alsofort den einen zurück / mit Vermeldung: daß / weil die Deutschen nur der Römer / nicht der Numidier / und insonderheit des aus deutschem Geblüte entsprossenen Masanißa Feinde wären / solte Micipsa nicht nur gerne gesehen /sondern auch Fürstlich gehalten werden. Kurtz hierauff fand sich der falsche Micipsa ein / mit Bericht: daß seine Numidier / so bald sie sich nur würden wegspielen können / insgesamt nachfolgen / und zwar zu mehrer Versicherung alle ihre Waffen wegwerffen würden. Die Sonne war kaum auffgegangen / als der Numidische Schwarm[861] sich gegen den eussersten Wachen der Deutschen sehen ließ / sich auch anstellte: als wenn ihre Flucht verrathen wäre / und sie von Römern verfolgt würden. Wie sie denn auch im Angesichte der deutschen Wachen ihre Sebeln und Bogen wegwarffen / und also auff des Fürsten Bojorichs ohne diß vorher ertheilten Befehl unverhindert durchgelassen wurden. So bald sie aber zwischen diesen Wachen und dem deutschen Läger das freye Feld bekamen / rennten sie spornstreichs auff der Seite weg /ohne daß sie einiger Deutsche verfolgte / weil sie mit ihrem Fürsten Micipsa ein genugsames Pfand ihrer Treue in Händen zu haben vermeinten. Alleine sie zertheilten sich alsobald in unterschiedene Hauffen /durchstreifften Ligurien biß an den Fluß Macra / zündeten Bondelia / Tursena und etliche hundert unbesetzte Flecken an / hieben auch mit ihren unter denen langen Röcken verborgenen Sebeln alles nieder. Nicht nur der Rauch und die Flammen / sondern das Wehklagen der armen Ligurier eröffneten alsbald der Numidier Betrug / und wolte Bojorich das gantze für Schrecken bebende Ligurien nicht gar in die Asche legen lassen; so muste er ein grosses Theil seines Heeres dort und darhin diesen Mordbrennern zu steuern von sich lassen. Ja weil jeder Ligurier für sein Haus und Hoff Sorge trug; lieffen sie auch ohne des Hertzogs Zulassung ihren eigenem Brande zu; also: daß Bojorich kaum fünff tausend Bojen bey sich behielt. Dieses nahmen die Römer fleissig wahr; brachen daher mit ihrer grossen Macht an dreyen nicht halb besetzten Wegen durch; also: daß Bojorich mit höchstem Unwillen sich in das Römische Läger ziehen / und das Römische Läger seitwärts ab-nach dem Pisischen Gewässer muste entkommen lassen. Weßwegen er denn auch im ersten Grimme den falschen Micipsa mit seinen Geferthen ans Kreutze nageln ließ / wiewohl er diese Schärffe hernach selbst bereuete /und die Treue dieser Numidier dem Unterfangen des edlen Zopyrus gleich schätzte / welcher mit abgeschnittener Nase und Ohren zu den Babyloniern überlieff / um seinem Könige Darius selbige Stadt in die Hände zu spielen. Nachdem aber die Römer die Ausrottung der stets schwürigen Deutschen in Italien für den Grundstein ihrer Wolfahrt hielten; ja sich so lange nicht recht sicher in Rom schätzten / führte Qvintus Minutius voriges mit noch zehn tausend Mann verstärcktes Heer gegen sie an; Bojorich und Dorulach aber zohen ihm biß unter Pisa entgegen; und kam es da abermahls zu einem hitzigen Gefechte; weil aber den Deutschen Wind und Sonnenhitze in das Gesichte ging / beyde Fürsten auch verwundet wurden / musten sie das Feld räumen; und weil sich die Römer noch täglich durch Hülffs-Völcker verstärckten / also daß sie zu besorgen hatten: es dörffte ihnen der Rückweg über den Fluß Auser abgeschnitten werden / sich aus dem Läger heimlich in Ligurien ziehen. Wiewohl dieser Schade nun zu verschmertzen war; so war doch dieser unschätzbar: daß Fürst Bojorich nicht nur für Kummer starb / sondern auch Fürst Dorulach von seinen Nemetern / wegen Absterben seines Vaters Budoris / in Deutschland zurück beruffen ward. Hingegen brach der Bürgermeister Lucius Qvintius bey den Liguriern / Cneus Domitius bey den Bojen mit zwey mächtigen Heeren ein. Ob nun wohl hier Fürst Corolam / welcher aber wegen vieler Wunden mehrmahls auff dem Siech-Bette bleiben muste / dort Hertzog Ehrenfried tapffern Widerstand that; so überwog doch die Römische Macht und das Glücke die deutsche Tapfferkeit; und musten sie / nachdem der weibische König Antiochus sie lange genug vergebens mit vertrösteter Hülffe gespeiset hatte / einen Frieden schlüssen / alle Römische Gefangenen auslieffern / und noch etliche feste Plätze abtreten;[862] ja auch ein grosses Stücke Geldes bezahlen; worvon zu Rom ein vierspänniger güldener Wagen nebst zwölff mit Golde überzogenen Schilden gefertigt / und zum Siegs-Zeichen über die hierdurch auffs neue verbitterte Deutschen / dem Jupiter auffgehencket wurden. Hiermit erklärete allererst Antiochus auff bewegliches Einreden Annibals den Krieg wider die Römer; aber so bald er nur hörte: daß der Bürgermeister Acilius Glabrio wieder ihn im Anzuge war /flohe er. Sein Heer aber ward bey der berühmten Enge zwischen Phocis und Thessalien ereilet / geschlagen /und seine Macht aus gantz Grichenland verjaget. Diese glücklichen Streiche machten die Römer übermüthig; also: daß sie die Deutschen und Gallier in Italien zu vertilgen nunmehr ungezweiffelte Hoffnung schöpfften. Minutius brach also mit einem frischen Heere in Ligurien ein. Die Einwohner / als sie sahen /daß es nun nicht allein um ihre Freyheit / sondern um ihr Leben zu thun wäre; verschwuren sich zusammen bey einander vollends Gutt und Blut auffzusetzen. Die wenige Hoffnung gegen die Römische Macht länger zu bestehen / und die Ungedult ihres Hertzogs / welcher eine bösse Entschlüssung für besser hielt / als keine; verursachte: daß sie des Nachts des Minutius Läger stürmeten / welches er mit der Helffte seines Heeres leicht beschirmete. Als nun er die Ligurier überaus abgemattet sahe; fiel er bey anbrechendem Tage mit seinem ausgeruheten Volcke zu zwey Pforten heraus; aber er fand nichts destominder männlichen Widerstand; wiewohl endlich die viel schwächern Deutschen nach Verlust vier tausend Mann das Feld räumen / und sich in die Gebürge ziehen musten. Zwey Monat darnach traff der Bürgermeister Publius Cornelius Scipio mit einem noch stärckern Heere gegen die Bojen vom Morgen biß in die sinckende Nacht. Weil denn diese so hartnäckicht fochten: daß sie Vermöge ihres gethanen Gelübdes lieber alle sterben als fliehen wolten; blieben ihrer fünff und zwanzig tausend todt; unter diesen alle Bojische Fürsten /und der gantze Adel; also: daß die verlebten Alten und die unvermögenden Kinder sich schlechterdinges der Römischen Botmässigkeit unterwarffen; auch die Helffte ihrer Aecker Römischen Einwohnern abtreten musten. Ob nun wohl auff Römischer Seite auch über zehntausend Mann blieben waren / hielt doch Scipio ein prächtiges Siegs-Gepränge / in welchem er tausend schöne Pferde / fünff hundert bespannte Streit-Wagen / etliche tausend Ertztene Geschirre / funffzehn hundert goldene Ketten / die die Edlen über ihren Waffen zu tragen pflegten / zweyhundert fünff und vierzig Pfund ungeschlagenes Gold / zwey tausend drey hundert und vierzig Pfund Silber ihm für führen ließ. Bald hierauff schlug Emilius Regillus mit Hülffe der Rhodier des Antiochus Schiff-Flotte / und mit selbter den unglücklichen Annibal aus der See; Lucius Cornelius Scipio setzte unter allen Römern zum ersten mit Kriegs-Macht in Asien über; und das Verhängniß strit hier ebenfals für die Römer. Denn bey darauff folgender Schlacht fiel ein hefftiger Platz-Regen; und machte die Seenen an den Persischen Bogen / und das Leder an den Schleudern / welches der Asiatischen Völcker beste Waffen sind / unbrauchbar. Diese grosse Niederlage / und des Königs Eumenes Beystand zwang dem weibischen Antiochus einen schimpfflichen Frieden ab; indem er sich alles Gebietes in Europa und in Asien disseits des Taurischen Gebürges verzeihen / also Lycaonien / Phrygien / Mysien / Jonien / Lycien / Carien abtreten / fünffzehn tausend Talent den Römern / fünff hundert nebst einer Menge Getreydes dem Könige Eumenes bezahlen / den Annibal nebst etlichen Grichischen Herren auszulieffern versprechen[863] muste. Der Fall eines so grossen Baumes verursachte die Zerschmetterung der an ihm hangender Aeste / deßhalben wurden des Antiochus Bundgenossen die Etolier und Istrier ebenfalls leicht unters Joch bracht / und der letzte König Apulo gefangen.

Weil nun das Verhängniß in der Welt ein neues Reich auffzuthürmen bestimmt hatte; solches auch die Natur etliche Zeit hernach durch Gebehrung eines neuen Eylandes zwischen Theramene und Therasia ankündigte; mischte sich der Deutschen Glücke in Griechenland und Asien auch greulich durch einander. Denn nachdem sie anfangs den König in Syrien Callinicus / hernach den sie für solchen Sieg übel belohnenden Antiochus geschlagen hatten / versetzte der Pergamenische König Attalus Eumenes denen noch von voriger Schlacht müden und blutigen Deutschen einen solchen Streich: daß sie eine Zeit sich zu erholen bedurfften; sonderlich da ihr Bundgenosse Antiochus endlich noch vom Selevcus überwunden / und zum Könige Artamenes in Cappadocien / endlich in Egypten zu fliehen gezwungen ward. Gleichwohl aber wolten sie dem Attalus das zwistige Asien nicht gar zur Beute lassen; sondern nahmen sich der schwächern Völcker wider ihn an / und ergäntzten also durch die Stücke fremden Schiffbruchs ihr zerschleudertes Reich. Inzwischen zohe Antigonus Gonatas /der durch Wegwerffung Kron und Zepter das seinem Mündlein geraubte Reich Macedonien behauptete /die in Griechenland gebliehenen Deutschen mit vielen Vertröstungen an sich; und überwältigte durch sie das vor nie eroberte Sparta. In Asien breitete Attalus seine Herrschafft noch immer aus / und war selbtes disseits des Taurischen Gebürges völlig unterworffen. Daher kam Selevcus Ceraunus über diesen Berg mit einem mächtigen Heere um die seinem Vater Selevcus Callinicus abgenommene Länder wieder einzunehmen. Dieses zwang den Attalus mit den Deutschen ein Bündniß zu machen / und die zeither strittige Landschafft abzutreten. Hingegen stieß ihr Hertzog Apatur zu seinem Feldhauptmanne Nicanor; welche an dem Fluße Melas das Syrische Heer mit samt ihrem Könige Selevcus erschlugen. Acheus sein Blutsfreund aber brachte in so geschwinder Eil ein mächtiger Heer auf die Beine / und rückte so unvermerckt den Feinden auff den Hals: daß sie ehe den Anfall als die Ankunfft erfuhren. Die Pergamener nahmen schier alle / ausser Nicanor mit tausend Edelleuten die Flucht. Hertzog Apatur stand mit seinen Deutschen Mauer-feste / und hielt einen halben Tag die wohl zehnmahl stärckern Syrier hertzhafft auff. Nachdem aber er mit einem Pfeile durchs Hertz getroffen / und Nicanor vom Pferde gerennt und zertreten ward / kam alles in Verwirrung und in die Flucht. Weil Acheus aber zwey Feinde zu haben nicht für rathsam hielt / und die im Stiche gelassenen Deutschen ohne diß gegen die Pargoner verbittert waren / ließ er alle ihre Gefangene loß / und machte mit ihnen Frieden. Hingegen verfolgte er die Pergamener mit Feuer und Schwerdt / und brachte sie allenthalben ins Gedränge. Weßwegen die Syrer ihm ihre Krone antrugen; welche er aber großmüthig des Selevcus Sohne als dem rechtmäßigen Reichs-Erben auffsetzte. Nachdem aber Acheus alles verlohrne in Asien wieder einnahm / ja den Attalus selbst in der Stadt Pergamus belägerte / vermochte seine Gemüths- Mäßigung so grosses Glücke nicht mehr zu verdeyen /und daher eignete er ihm alles disseits dem Taurus zu / und warff sich zum Könige auff. Antiochus in Syrien meinte diß Verlusts halber sich an dem in Wollust schwimmenden Vater-Mörder Ptolomeus zu erholen; kauffte daher seinem übelbelohnten Stadthalter Theodotus die Städte Selevcia und Ptolomais ab / rüstete sich auch gar in Egypten einzubrechen.[864] Ptolomeus aber zog aus Griechenland und Galatien 20000. Deutsche an sich; schlug darmit bey der Stadt Raphia in Syrien den viel stärckern Antiochus aus dem Felde /und zwang ihm den Frieden mit Abtretung alles verlohrnen ab. Unterdessen ruffte Attalus die in Thracien wohnenden Deutschen über den Hellespont wider den Archeus zu Hülffe / und eroberte durch sie Smyrna /Phocea / Colophon und Mysien. Wie sie aber über den Fluß Lycus / das Pelecantische Gebürge biß an den Strom Megistus ihren Sieg ausbreiteten / wurden sie durch eine Finsternüß erschrecket weiter zu gehen. Daher sie Attalus zurücke ließ / und ihnen am Hellespont eine Landschafft einräumte. Weil sie aber hernach als Leibeigene gedrückt wurden; warffen sie des Attalus Joch von sich ab / und belägerten Ilium. Die Phrygier aber trieben sie unter dem Fürsten Themista von Ilium und aus gantz Troas aus. Die Deutschen setzten hierauf in der Abidenischen Landschafft festen Fuß / und eroberten die Stadt Arisba. Es war aber ihnen König Prusias mit einem frischen Heere bald auff den Dache; welcher nach einem blutigen Gefechte / darinnen alle Männer mit dem Degen in der Hand fielen / auch durch Niederhauung ihrer Weiber und Kinder / auser denen / welche in der Stadt Abydus sich als Bürger niedergelassen hatten / sie mit Strumpf und Stiel ausrottete. Nicht viel glücklicher waren die Deutschen in Abydus; sintemal sie vom Könige Philip in Macedonien / weil sie seine Gesandten nicht in die Stadt lassen wolten / belägert / und um nicht in des grimmigen Siegers Hände zu fallen /sich und die ihrigen wie die Saguntiner selbst aufzureiben genöthigt wurden; welcher aber kurtz hernach an den Römern und den Grichischen Bundgenossen um 4000. Pfund Goldes gestrafft / seinen Sohn Demetrius nach Rom zur Geissel zu schicken / und die eroberte Griechische Städte in Freyheit zu setzen gezwungen ward. Sintemal seine vorhin gebrauchten Werckzeuge vieler Siege die Thracischen Deutschen von ihm absatzten. In Galatien aber behielten die Deutschen noch so wol ihr Ansehn als Kräffte unversehret; also: daß zwischen dem Pergamenischen Könige Attalus / und dem Bithynischen Prusias sie gleichsam die Zunge in der Wagschale waren: daß /wo sie / also auch ihr Glücke hinhieng. Daher sie und die Rhodier bey Chius auch dem flüchtigen Attalus /hernach aber / als sie auf Annibals Beredung sich zu dem Prusias schlugen / wider des Attalus Nachfolger Eumenes mit ihm eine herrliche See-Schlacht / und zwar durch viel in die Pergamenischen Schiffe geworffene Schlangen-Töpffe erhielten; hernach auch seinen Bruder den dritten Attalus aufs Haupt erlegten / die Hauptstadt Pergamus einnahmen / und das angebetete güldene Bild des Esculapius zur Beute bekamen / und dem Prusias verkaufften. Eben so hoch waren sie mittler Zeit beym grossen Antiochus in Syrien gesehen; also: daß er 500. Deutsche Edelleute zu seiner Leibwache erkiesete / ihrem Könige Mendis eine jährliche Schatzung zahlte / ja seine Tochter Arsinoe / als sie der Pergamenische König Eumenes aus Furcht für den Römern / nicht wie Ptolomeus in Egypten Cleopatren / und Ariarathes in Cappadocien /die Antiochus annehmen wolte / ihm vermählte. Als dieser nun dem Annibal beystimmte / sich denen in Griechenland bereit zu Acro-Corinth / Chalcis und Demetrias eingenisteten / und durch den Attalus und Eumenes in Asien einspielenden Römern bey zeite die Stirne zu bieten; setzte Antiochus mit dem Mendis und Annibaln über den Hellespont / nahm viel Städte in Thracien ein / verband sich mit Byzantz. Ob nun wohl hierauf der Krieg durch die Römische Botschafft eine weile aufgeschoben / und durch den Africanischen Scipio Annibal beym Antiochus verdächtig gemacht ward; so trieb doch Nicanor und Amynander der zwischen Acarnanien und Etolien[865] wohnenden Deutschen oder Athamaner König / wie auch der Etolier Fürst Democritus mit seinen Kriegs-begierigen Deutschen das Werck so weit: daß Antiochus endlich mit 10000. Mann meist Deutschen in dem Eylande Euboa ausstieg / darauf Annibal Chalcis / Mendis alle übrige Plätze einnahm. Diß erregte zu Rom ein ungemeines Schrecken / weil der Rath besorgte: daß nach Annibals und Nicanors Gutachten des Antiochus Asiatisches Heer in Italien anlenden würde; Weßwegen zu Tarent ein grosses Heer zusammen zog / und die Schiffs-Flotte selbige Küste bedeckte. Annibal spielte es inzwischen auch so künstlich: daß der Macedonische König Philip aus alter gegen die Römer tragenden Gramschafft mit dem Antiochus seine Waffen zu vereinbaren fertig stand. Alleine das unerforschliche Verhängnüß / welches die Hand allenthalben mit im Spiel hat / schickte es so seltsam: daß diß / welches Philip vom Antiochus für einen Liebes-Dienst aufzunehmen Ursache hatte / zu einem Zanck-Eisen ward. Denn als dieser die von Römern bey Cyno-Cephala erschlagenen Macedonier begraben ließ / deutete jener es für einen schimpflichen Verweiß aus: daß er der Seinigen Beerdigung vernachläßigt hätte; schlug sich also wider ihn zu den Römern. Appius Claudius kam nur mit 2000. Mann in Thessalien; diese aber erschreckten den weibischen Antiochus so sehr: daß weder Annibal noch Nicanor ihn von Verlassung der belägerten Stadt Larissa abwendig machen konte. Weil er nun gar nach Chalcis floh / und daselbst eine gemeine Dirne Eubia heurathete / sein Heer in allen Wollüsten ersauffen ließ /auff den Frühling aus Acarnanien nur für dem Ruffe: daß die Römer über das Jonische Meer setzten / drehte Mendis mit seinen Deutschen die Deichsel in Asien / um an der vorgesehenen Schande des Antiochus kein Theil zu haben; welcher bald darauff von dem Manius Acilius in der so vortheilhafftigen Thermopylischen Enge geschlagen / und in Chersonesus zu fliehen gezwungen ward. Nach dem aber auch sich Prusias und die Rhodier zu den Römern schlugen / Diophanes des Antiochus Sohn / Selevcus von Pergamus abtrieb /verließ Antiochus auch den Chersonesus und die Stadt Lysimachia mit unglaublichem Vorrathe. Wie nun die Deutschen der Römer Einbruch in Asien vernommen / stiessen sie um die allgemeine Freyheit zu vertheidigen aus Noth bey dem Berge Sipylus in Lydien zu dem flüchtigen Antiochus; und bewegten ihn: daß er in den Thyatirenischen Feldern mit seiner zusammen gezohenen Macht der bey Sardis stehenden Römer wartete. Hier kam es zu der berühmten Schlacht / welche die Herrschafft Asiens entschied. Mendis fochte mit 5000. gepantzerten Deutschen in dem Hertzen des Syrischen Heeres neben der Königlichen Phalanx; die andern Deutschen standen unter dem Selevcus nebst den Cappadociern im lincken Flügel; Antiochus selbst führte den rechten. Seinerseits aber war diß das erste Unglück: daß König Evmenes durch anbefohlne Erlegung der Pferde die Syrischen Streitwagen verwirrete / und mit selbten die auf Kamelen fechtende Araber in Unordnung brachte. Die gantze feindliche Reutereytraf hierauff gegen die wie Löwen fechtende Deutschen / welche auch / weil sie von den Syriern nicht entsetzt ward / und die allzu enge gestellte Macedonische Phalanx sich kaum rühren konte / fast alle ritterlich auf dem Platze blieben. Worauf der lincke Flügel in öffentliche Flucht gerieth; die Phalanx aber nebst dem Deutschen Fußvolcke von Römern umringt ward / gleichwol aber nicht zertrennet werden konte / biß ihre in die Mitte genommene eigene Elefanten sie zertheilten / und Domitius disseits völliger Sieger ward. Hingegen aber durchbrach König Antiochus die Römischen Legionen / und drang biß an ihr Läger; ward aber von dem übrigen siegenden Heere / und insonderheit[866] dem mit seiner Reuterey ihm begegnenden Attalus nach vernommener Niederlage des lincken Flügels nach Sardes zu weichen gezwungen; Von dar er sich nach Apamea /dahin auch sein Sohn Selevcus durch Hülffe seiner Deutschen Leibwache entronnen war / und endlich in Syrien flüchtete / einen schimpflichen Frieden um 2000. Talent kauffte / gantz Asien biß an das Calycadnische und Sarpedonische Vorgebürge den Römern abtrat / seine Bundsgenossen aber die Deutschen und den Cappadocier König Ariarathes liederlich im Stiche ließ. Dahingegen der Bürgermeister Domitius den Rhodiern / Lycien und Carien / dem Evmenes fast alles eroberte in Asien abtraten. Ariarathes kaufte ihm noch mit Gelde Ruh; den Deutschen aber kündigte Cneus Manlius alsbald mit thätlicher Feindseligkeit einen unversöhnlichen Krieg an. Die wahrhaffte Ursache war: daß die Römer keine sichere Besitzung des eroberten Asiens ihnen einbildeten; so lange dieses streitbare Volck nicht auch gezämet wäre; und der Bithynischen Könige eingewurtzelter Haß wider diese Ausländer trieb den Eumenes: daß er die Römer gegen sie auffs eifrigste verhetzte. Hierzu kam noch die Zwytracht des Deutschen Königes Orgiagon / und Epossognat; welcher allezeit auf Eumenes Seite gehincket / auch bey erster Ankunfft der Römer in Asien / mit ihnen ein Bündnüß aufgerichtet hatte / durch dessen Wegweis- und Anleitung Manlius denen Deutschen so viel leichter einen glücklichen Streich anzubringen hoffte. Also zohe Manlius mit dem gantzen Römischen Heere / zu welchem noch des Eumenes Attalus und Atheneus mit etlichen tausenden stiessen / durch Asien; unterwarf ihm die Alabander /Gorditicher / den geitzigen Fürsten Moageten / ja gantz Pamphilien und Carien. Endlich kam er in die Gräntzen der Tolistobogier / welche nebst den Tectosagern und Trocmiern die drey fürnehmsten Völcker der Deutschen und Semnoner sind. Epossognat bereuete zwar nunmehr / aber zu spät: daß er seinen Landesleuten und Bluts-Freunden solche Gefahr auf den Hals ziehen helffen; und also bemühte er sich auch auf einer Seite die Römer zu besänfftigen: weil der Deutschen einem alten Bundsgenossen aus Pflicht geleistete Beystand keine solche Feindschafft verdiente / zumal wenn man sich mit dem / welchem man Hülffe geschickt / schon verglichen hätte; Andern Theils wolte er die Deutschen bereden / sich unter den Schirm der Römer zu begeben / oder wenigstens eine jährliche Schatzung zu willigen. Aber jenes Absehen verrückte die Ehrsucht des Manlius / dieses die Großmüthigkeit der Deutschen; welche Schatzung zu nehmen / niemanden aber zu geben / weniger ihrer Freyheit ein solch Brandmal einzubrennen gewohnt waren. Daher fielen die Tolistobogier dem Manlius bey der Festung Kuball zum ersten ein; erlegten alle Vorwachen / und zohen sich über den fischreichen Fluß Sangar zurücke. Wie nun aber die Römer über eine Schiffbrücke mit aller Macht folgten / die drey Könige der Deutschen / nehmlich Orgiago / Combolomar und Gaulot wegen der Beschirmungs-Art sich nicht mit einander vergleichen kunten; Nahm Orgiago mit den Tolistobogiern den Berg Olympus / Combolomar mit denen Tectosagern den Berg Magana ein; Gaulot aber blieb mit den geschwinden Trocmiern zu Felde /mit Vertröstung / denen / die die Römer auff den Gebürgen angreiffen würden / beyzuspringen. Aber der Unstern der Deutschen gab diesem Rathschlusse einen betrübten Ausgang. Denn weil die Römer viel Cretensische und Triballische Bogenschützen bey sich / die Römer auch selbst vielerley Art Waffen hatten / wormit sie die darmit nicht so wol versehenen und ohne diß meist nackend fechtende Deutschen verwundeten / brachen sie an dem einen Orte mit Gewalt durch / nach dem Attalus an zweyen andern Seiten durch etliche dieses Gebürges kundige[867] Pergamenische Schützen über die Steinklippen geleitet ward; und also die Tolostobogier ihre Macht an viele Orte zertheilen musten. Also ward das Gebürge mit grosser Beute erobert / und blieben biß an 10000. streitbare Männer; welche aber grösten Theils sich von den Klippen herab stürtzten / um der Schande der Dienstbarkeit zu entfliehen. Die wenigen aber / die in der Feinde Hände fielen / bissen für Ungedult mit den Zähnen in die sie schlüssenden Ketten / reckten ihre Gurgeln begierig den Stricken und Schwerdtern dar /und fleheten ihre Wächter um ihre Hinrichtung mit Thränen an. Gleichwol schlug sich König Orgiago mit etwan 7000. Mann durch; Alleine seine Gemahlin Chiomara ward mit noch wol 40000. Weib und Kindern gefangen. Diese / als Manlius wider die Tectosager fortrückte / ward in der Stadt Ancyra einem Hauptmanne Helvius zu verwachen anvertrauet; welcher ihrer unvergleichlichen Schönheit halber in so tolle Brunst verfiel: daß / als er durch keine Liebkos- und Vertröstungen ihre keusche Seele zu seinem geilen Willen bewegen konte / sie in Fessel schloß / und mit Gewalt nothzüchtigte. Uber diß verleitete ihn der Geitz: daß er ihr gegen ein Attisch Talent Goldes heimlich aus dem Gefängnüß zu helffen mit ihr eines /auch einer ihrer Knechte von ihrem Ehherren das Lösegeld abzuholen abgeschickt ward. Dieser kam mit einem Gefärthen / und dem Golde auf bestimmte Zeit; Helvius und seiner Kriegsknechte einer an dem Flusse Hylas an. Die Königin Chiomara befahl in ihrer Sprache alsbald ihren Knechten: daß sie / wenn Helvius das Gold abwägen würde / ihn durchstechen solten. Welches glücklich vollzogen / dem andern Römer aber gleichwol das Lösegeld gefolgt / und die Ursache solcher Rache zu verstehen gegeben ward. Chiomara ergrif hierauff selbst die Sebel / hieb dem Helvius den Kopf ab; hüllte ihn in ihr Kleid; und legte ihn hernach zu den Füssen ihres Königes; welchem sie mit Thränen ihre Verunehrung eröffnete; welche sie mit nichts als des Schänders Blute abzuwischen gewüst hätte. O der unvergleichlichen Heldin! fing die Königin Erato an; in welcher Keuschheit / Großmüthigkeit und Redlichkeit mit einander um den Siegs-Krantz streiten. Verkriecht euch ihr Römer mit euer Lucretien; und lasset sie als eine beschämte Dienerin dieser Deutschen Fürstin den Schirm nachtragen. Jener verzagte Seele willigte aus Furcht des doch hernach erwehlten Todes in des Tarqvinius Verunehrung; bey der Chiomara aber leiden des Helvius Schand-That nur die in Stahl / und Eisen sich nicht zu rühren mächtige Glieder. Ihre feurige Augen / ihre sprüende Zunge / ihre knirschende Zähne / ihr sich windender Leib / dünckt mich / geben noch ihre Abscheu für dem unmenschlichen Laster zu verstehen. Lucretie schämt sich ihres Fehlers; ja sie läst sich die Schande so gar in eine unvernünfftige Verzweiffelung stürtzen: daß sie das Laster nicht an dessen Uhrheber / sondern an ihr selbst strafft; und ihre Schamröthe mit ihrem eigenen Blute abwäscht. Wie viel hertzhaffter aber rächet Chiomara an dem Ehrenschänder Helvius ihr Unrecht. Der Himmel verleihet ihr über ihn einen so herrlichen Sieg: daß sie seine stinckende Leiche zu ihres beleidigten Ehmanns Füssen legen; und seine Schandflecken zum Wahrzeichen ihrer unbesudelten Keuschheit angewehren kan. Lucretie zwinget ihren Ehmann und Vater durch einen Eyd ihre Beschimpffung an denen Tarqviniern / und also auch an denen zu rächen: die an solcher That keine Schuld hatten. Die aufrichtige Chiomara aber hält auch ihren Feinden Treu und Glauben; und zählet das dem Rothzüchtiger zum Lösegelde versprochene Gold auch in ihrer Freyheit aus. Es ist wahr / versetzte Zeno: daß Chiomara ein Beyspiel sey / das nicht seines gleichen habe. Wie hochschätzbar nun ihre Keuschheit und Hertzhafftigkeit ist;[868] so dünckt mich doch: daß ihr letzteres Beginnen das aller merckwürdigste / und eine rechte Fürstliche Tugend sey. Sintemal Treu und Glauben das heiligste Gut des menschlichen Geschlechtes; ein Ancker des gemeinen Wesens / ein Band aller Völcker / ein Ehren-Krantz der Fürsten / eine Schwester der Gerechtigkeit / und eine in den Seelen ingeheim wohnende Gottheit ist. Weßwegen die Römer billich ihr Bild harte neben den Capitolinischen Jupiter gesetzt haben; weil sie so wol als er ein Schutz-Gott der Sterblichen ist; ohne welche keine Gemeinschafft unter den Menschen bestehen / und keine Zwytracht geschlichtet werden kan. Die Königin Erato brach ein: Ob ich wol meines Geschlechtes halber ihrer Keuschheit das Wort reden solte; bezwingen mich doch die Umstände des Fürstin Zeno Urthel beyzupflichten. Sintemal niemand der Fürsten Chiomara übel ausgedeutet haben würde; wenn sie gleich bey ihrer erlangten Freyheit das ihr in Band und Eisen zu versprechen abgezwungene Lösegeld hinterhalten hätte. Die Fürstin Ismene setzte ihr entgegen: Ich bin gantz widriger Meinung; und halte mit meinen Landesleuten darfür: daß man auch untreuen Leuten / und diß / was man aus euserster Furcht versprochen / zu halten schuldig sey. Sintemal ein gezwungener Willen dennoch eine Verwilligung / und das versprochene beschwerliche in Ansehung des überhobenen grössern Ubels nichts minder als die Auswerffung der Waaren ins Meer gegen dem Verluste des Lebens und Schiffes etwas gutes und verlangliches ist. Rhemetalces nahm sich der Königin an: Er bescheidete sich wol: daß diß / was in öffentlichem Kriege ein Feind den andern verspräche / das Völcker Recht heilig gehalten wissen wolte; und zwar auch gegen den / der schon einmal Bund- und eydbrüchig worden wäre. Helvius aber wäre in seinem Thun nur für einen Räuber und Mörder zu halten / derogleichen Leute des allgemeinen Völcker-Rechts nicht fähig wären. Malovend fiel Ismenen zu: Ich weiß wol: daß dieser Fürwand eines der Schliplöcher sey; dardurch eine aus den Schlingen ihrer Angelöbnüsse sich scheinbar zu reissen gedencken. Alleine wenn solche Leute keines Rechtes genüssen solten / würde an eines Räubers Ehweibe kein Ehbruch / und an seinem rechtmäßigen Gute kein Diebstal begangen werden können. Rhemetalces fiel ein: Eben so wenig / als an ihm selbst ein straffbarer Todschlag. Sintemal ich dem vielmehr Ehre und Vermögen zu nehmen berechtiget bin / über dessen Leben ich Gewalt habe. Malovend antwortete: Es ist diß ein zu strenger und gefährlicher Schluß. Denn ob zwar zwischen einem offentlichen Feinde / und einem Räuber ein grosser Unterscheid / auch zweyerley Recht ist; so hat doch dieser nicht so gleich den Menschen ausgezogen / noch sich aller in der Natur gegründeten Rechte verlustig gemacht. Das Völcker-Recht eignet den Herren über ihre Leibeigene das Recht des Lebens und Todes zu. Gleichwol aber war keiner / der nicht denen in den Pasikischen Tempel geflohenen Knechten sein Wort hielt. Hingegen straffte die göttliche Rache sichtbarer der Spartaner an denen Tenarensischen Leibeigenen wider ihren Vergleich verübte Mordthat. Soll ich einem Räuber sein mir anvertrautes Gut wieder zustellen? Soll ich einem Mörder / der mir den rechten Weg weist / den versprochenen Lohn nicht geben? In alle wege / meine ich. Denn er höret gegen mir auf ein Ubelthäter zu seyn. Und das unrechte Besitzthum eines andern eignet mir nicht bald eine Berechtsamkeit ihm solches zu entfremden zu. Rhemetalces versetzte: Hier aber hat Helvius / der mit Gewalt der Chiomara Versprechen erzwungen / das Lösegeld abgeheischen. Ja / sagte Malovend / aber auch gegen eben diese sind wir es zu halten schuldig; weil es in unserm Willen und Vermögen gestanden solches zuzusagen. Denn ob wol die Obrigkeit einen solchen[869] Gewaltthäter zu straffen / ihm auch das erzwungene wieder abzunehmen Recht hat; so kan doch der Versprecher selbst seine anfängliche Beschaffenheit nicht ändern / und sich wider den / mit dem er das Versprechen vollzogen / zum Richter machen. Daher nicht allein Lucullus dem Führer der Flüchtlinge Apollonius sein Wort gehalten; und Augustus dem sich selbst gestellenden Räuber Crocotas den auff seinen Kopff gesetzten Lohn bezahlet; sondern auch der Römische Rath gar des Pompejus mit den See- und des Julius mit den Pyreneischen Berg-Räubern gemachten Vergleich genehm gehabt hat. Rhemetalces begegnete ihm: Aber Helvius hat die Versprechung des Goldes von der Chiomara durch angedräute Unzucht erzwungen. Soll nun das bindig seyn / was aus einer Gewalt herrühret / welche das Recht der Natur und der Völcker verdammet? Malovend antwortete: Wenn was so verdammliches verheissen würde / wäre es unkräfftig und zu halten scheltbar. Je verdammlicher aber diß ist / was durch das Versprechen verhütet wird; je mehr ist man wegen so einer wichtigen Bewegungs-Ursache das Verheissene zu halten schuldig. Wiewol die Deutschen auch das Versprochene / was gleich an sich selbst scheltbar ist / nicht inne zu halten für Schande achten / und daher / wenn sie ihre aufgesetzte Freyheit verspielen / sich ohne geringe Weigerung dem Gewinner leibeigen geben. Ja unter uns ist auch der Pöfel so geartet: daß er lieber einen Zentner an seinem Vermögen / als ein Loth an seinen Worten einbüssen wil; weil diese ein Vorbild des Gemüthes sind; und wenn jene leichtsinnig sind / dieses liederlich seyn muß. Wiewol diese Aufrichtigkeit uns Deutschen in denen mit den verschlagenen Römern geführten Kriegen sehr schädlich gewest; in dem wir gar zu genau Wort gehalten / und ihren zweydeutigen Reden zu viel getraut haben. Wiewol es rühmlicher ist / durch Redligkeit Schaden leiden / als durch Unwahrheit Schaden thun. Zeno fing hierüber laut an zu ruffen: Nun erfahre ich: daß kein Volck an Treu und Glauben über die Deutschen sey; und daß in andern Ländern nur dieser Tugend Schatten / hier aber ihr Wesen und Uberfluß zu finden sey! Ja / sagte Malovend: dieses reichen Besitz thums haben wir uns zu rühmen; insonderheit aber ist sie eine so nöthige Eigenschafft des Adels und der Fürsten: daß wer darwider handelt seiner Würde verlustig wird; vorher aber weder Fürst noch Edler etwas mit einem Eyde betheuern darf. Weßwegen unser Hertzog Marcomir nicht nur nichts höher / als: so wahr er ein ehrlicher Mann wäre / zu betheuern / und daß er diß wäre / für seinen höchsten Ruhm zu schätzen / ja zu sagen pflegte: diß wäre mehr als Käyser seyn. Zeno fiel ein: Diese Eydes-Freyheit haben zu Rom nur die Vestalischen Jungfrauen / und Jupiters Priester. Und Xenocrates hatte sie seiner Redligkeit halber in Griechenland für allen Richter-Stülen. Wolte Gott aber / daß alle Menschen oder doch nur zum wenigsten Fürsten solcher zu genüssen würdig wären! welcher aber leider! insgemein Treu und Glauben halten nur für eine Tugend der Kauff-Leute / für einen Fehler der Staats-Klugen /und für Gebrechen der Fürsten; die theuersten Eyde für Spielbeine halten / die Albern damit zu betrügen. Rhemetalces nahm das Wort von ihm: Ich gebe gerne nach: daß da ein Mensch / so viel mehr Fürsten als Gottes Bilder auff Erden die Warheit lieben sollen. Weßwegen Marcus Antonius ihm den Titel des Wahrhafftigstens als den fürnehmsten unter allen zueignete. Alleine seinem Bedüncken nach wäre die Welt nunmehr auff so viel Fallstricke abgerichtet: daß ein Fürst mit seinen Worten leicht könte gefangen werden. Solte er in solchen Fällen nicht auch eine verschmitzte Ausflucht zu suchen / und List mit List zu vernichten befugt seyn? Solte er seinen Feind nicht mit Worten in einen Irrthum verleiten[870] mögen / den er zu tödten Recht hat! Warlich / wer in Staats-Sachen gar zu gerade zugehet / wird dem gemeinen Wesen viel Unheil verursachen / und sich zum Gelächter der Boßheit machen. Und dünckt mich: daß die / welche mit gar zu grossem Eyver hierinnen verfahren / eben so sehr verstossen / als der Bildhauer Demetrius; welcher seine Säulen gar zu ähnlich nach dem Leben machte /hierdurch aber alle Annehmligkeit verderbte. So edel die Warheit an ihr selbst gleich ist / so läst doch weder die eigene noch die gemeine Wolfarth / (welche erstere der Natur / die andere das höchste bürgerliche Gesetze ist) allezeit zu mit der Warheit zur Thüre nein fallen. Sie thut mehrmals grössern Schaden / als eine zwar gute / aber zur Unzeit gebrauchte Artzney. Denn sie ist eine unter denen drey guten Müttern /welche so ungerathene Kinder zur Welt bringen; nemlich: sie gebiehret Haß / wie die Verträuligkeit Verachtung / und der Friede Unachtsamkeit. Malovend antwortete: Ein kluger Fürst ist wol nicht schuldig alles zu sagen / was er im Schilde führt; Aber nichts soll er sagen oder versprechen / was nicht wahr / oder er zu halten willens ist. Durch seine Verschwiegenheit mögen sich andere / er aber niemanden durch seine Worte betrügen; noch er seiner Unwahrheit durch eine spitzfinnige Auslegung eine Farbe der Wahrheit anstreichen. Diese haben die Alten mit einem weissen Schleyer abgebildet; weil sie keine Larve verträgt. Daher auch diß / was ohne langen Bedacht unvermuthet versprochen wird / nicht zurück gezogen werden kan. Daher Agamemnon das unbedachtsame Gelübde seine Tochter Iphigenia zu opffern nicht wiederruffen wolte; und Cydippe ward von dem Wahrsagungs-Geiste verurtheilt diß zu halten / was Acontius auf eine Qvitte geschrieben / und sie unvorsichtig nachgelesen hatte. Rhemetalces antwortete: Ich kan mich schwer bereden lassen: daß / wo kein rechter Vorbedacht und Vorsatz sich zu verbinden gewest /man so unauflößlich verknipft sey; und daß das Gesetze sein Wort zu halten keinen Absatz leide. Ja ich glaube vielmehr: daß desselben Zurückziehung offtmals eine zuläßliche Klugheit / zuweilen auch ruhmswürdig sey. Solte jener Fürst wohl getadelt werden können / der bey Belägerung einer sich hartnäckicht wehrenden Stadt auch biß auff die Hunde Rache auszuüben schwur / hernach aber nur diese tödten / die Menschen aber leben ließ? Malovend begegnete ihm: Wenn ein Gelübde und Versprechen auf was an sich selbst böses zielet / und sich derogestalt selbst zum Laster macht / bleibt solches so billich als eine Unmögligkeit zurücke; wie hingegen man nach dem Beyspiele der ihre Bitterkeiten vergüldender Aertzte durch eine nützliche Unwarheit einem andern wol helffen mag. Denn diese ist alsdenn so wenig für eine Lüge / als des Junius Brutus mit Gold erfüllter Stab für geringes Holtz / und seine dem Vaterlande zu Liebe angenommene Blödsinnigkeit für Betrügerey zu halten. Auser dem wissen wir Deutschen von keinem zuläßlichen Absatze; und verdammen fürnehmlich auch die scheinbarsten Ausflüchte / wenn es der / mit dem wir handeln / anders verstanden und angenommen hat. Daher darf sich bey uns der friedbrüchige Amasis nicht rühmen: daß er seinen Eyd gehalten /dardurch er geschworen mit den Barseern so lange ruhig zu leben / so lange die Erde / darauf sie stünden / unbeweglich seyn würde / ungeachtet er selbten Platz hernach untergraben ließ / daß sie unter sich fallen muste. Eben so unverantwortlich führten die Locrenser die Sicilier hinters Licht; da sie in ihre Schuh Erde / und über ihre Achseln unter die Kleider Zwiebel-Häupter versteckten / und schwuren ihre Freunde zu bleiben / so lange sie die Erde unter ihren Füssen /und die Köpffe auf den Achseln haben würden. Und der Cyrenische Aristotoles meinte sich seines der Lais gethanen Angelöbnüsses liederlicher / als sie selbst war / loß zu[871] machen; da er an statt ihrer ihr Bündnüß mit in ihr Vaterland nahm. Massen denn / wenn solche Auslegungen gültig wären / unschwer alle Versprechungen ersitzen bleiben würden / wie des Palanthus in Rhodis Schiffe; welche ihm Iphiclus bey Ubergabe seiner Festung zu seiner Abreise zwar ihrem getroffenen Vergleiche nachgab / aber Seile / Segel und Steuer-Ruder vorher davon nehmen ließ. Adgandester / welcher inzwischen Athem geschöpft hatte / brach hier ein / und meldete: daß Qvintus Fabius Labeo es dem Antiochus nicht besser mitgespielt hätte / da er wider ihr Abkommen: daß dieser die Helffte seiner Schiffe behalten solte / sie sämtlich mitten entzwey hauen ließ / darmit er ihn um alle brächte. Noch betrüglicher liessen die Römer den schlaffenden König Perseus / dem sie das Leben zugesagt hatten / erwürgen / unter dem thörichten Vorwand: daß der Schlaff des Todes Bruder / und ein schlaffender nicht lebend wäre. Und auf diese Art haben diese arglistige Leute /welche nur in kleinen Dingen Treu und Glauben halten: daß sie ihnen den Weg bähnen / andere Völcker über den Stock zu stossen / wenn es ihnen für die Müh lohnet / die leichtgläubigen Deutschen unzehlich mal bevortheilt. Massen sie sonderlich etliche solche Streiche in Galatien gegen die Tolostobogier glücklich anbrachten. Nachdem diese nun derogestalt ziemlich den kürtzern gezogen hatten / traffen etliche Hauffen der Römer auff die Tockmier mit abwechselndem Glücke; endlich aber erlitten die Tectosager an dem Berge Magana eine harte Niederlage; also: daß sie auf bewegliches Wehklagen ihrer Weiber mit den Römern einen wiewol noch erträglichen Frieden zu schlüssen gezwungen wurden; krafft dessen sie nur ein gegen Capadocien liegendes Theil Galatiens im Stiche lassen / und ihre Gräntzen nicht gewafnet zu überschreiten Macht hatten.

Diß denen Galatern zugefügte Unrecht / und die denen zwischen der Donau und der Sau niedergelassenen Deutschen nach Bedrängung Griechenlands immer näher kommende Gefahr / da zumal Acilius den Athamantischen König Aminander verjagte /seine Deutschen der Botmäßigkeit des Macedonischen Königs Philip unterwarf / Cato die Etolier demüthigte / verursachte diese Freyheits-liebende Völcker: daß sie den König im Pontus Pharnaces den Großvater des grossen Mithridates / wie auch den König in Armenien Artaxias / und der Sarmater König Galatus / der vom Antiochus aber flüchtige Annibal den Bithynischen König Prusias / den von Römern so groß gemachten Eumenes auff den Hals hetzten. Des Artaxias Feldhauptmann fiel in Capadocien / Galatus in Griechenland / Leocritus des Pharnaces Heerführer in das verlohrne Galatien / Pharnaces in Paphlagonien / die Deutschen Fürsten Carsignat und Gözotar theils in Phrygien / theils in Capadocien / Prusias in Mysien ein. Dieser verlohr zwar zu Lande eine Schlacht; solches aber rächete der aus Creta zum Prusias fliehende Annibal bald darauff durch einen herrlichen Sieg zur See. Die Sarmater spielten in Griechenland den Meister; in Paphlagonien nahm Pharnaces die Festung Tejum ein / und führte grosse Beute und viel tausend Gefangene heim; Aus Capadocien ward Ariarathes gar vertrieben und der Königliche Schatz erobert. Die Lycier lehnten sich auch wider Rom und die Rhodier auf. Nichts desto weniger ließ sich Prusias das Dräuen der Römischen Gesandten schrecken: daß er nicht nur von Bundsgenossen absetzte / sondern auch Annibaln ausliefern wolte /also ihn sich selbst zu vergifften nöthigte / und wie ein Leibeigener in Gestalt eines beschornen Knechtes der Botschafft entgegen zoh. Dem Prusias folgte der Sarmater König Gatalus / nach dem ihnen die Römer kostbare Geschencke schickten / Philippus in Macedonien für Unmuth wegen seines unschuldig getödteten Sohnes Demetrius starb / und sein[872] Nachfolger Perseus ihnen die Dardaner auf bey Hals betzte. Weil nun die Römer ihre in Griechenland gegen den ihnen verdächtigen Philip habende Waffen alle in Asien übersetzten / machte Pharnaces und Mithridates Friede / gaben alles eroberte aus Furcht wieder / und muste jener noch neuntzig / dieser dreyhundert Talent bezahlen / beyde auch des mit den Deutschen gemachten Bündnüsses sich entäusern. Die Deutschen Fürsten Carsignat und Gözotor aber konten als unversöhnliche Feinde keinen Frieden erlangen. Daher sie sich so lange tapfer wehreten / biß der vom Perseus wieder Rom erhobene Krieg ihnen ein wenig Lufft wachte. In Ligurien machten zwar die Deutschen mit offtern Streiff-Rotten die Römer fort für fort müde /und zohen sich bey andringender Macht hierauf in ihre verhauene Gebürge: daß es also eine gute Zeit zu keinem Haupt-Treffen kam. Endlich aber mergelte doch der Bürgermeister Cajus Flaminius die Britinaten derogestalt ab: daß sie ihm die Waffen aushändigen musten; wiewohl sie / so bald sie nur Lufft kriegten / auf das Auginische Gebürge entkamen. Jedoch drang ihnen Flaminius über den Apennin nach / und zwang sie zur Ubergabe alles Ihrigen. Hierauf grief er die zwischen dem Flusse Arnus und dem Vor-Gebürge wohnenden Apuaner an / und nöthigte ihnen einen Frieden und Versprechen ab: daß sie in die Bononische und Pisische Landschafft nicht mehr streiffen wolten. Der Bürgermeister Emilius aber setzte gar über den Fluß Macra / brennte daselbst an den Bächen Labonia und Sturla alles aus / hernach lockte er die auf den Schweinberg und das Gebürge Ballista geflüchteten Deutschen und Gallier herab / erschlug derer etliche tausend / und brachte sie hernach gleichfalls zum Gehorsam. Marcus Furius aber nahm denen stets in unverrückter Treue auf Römischer Seite gestandenen Cenomännern zwischen dem Flusse Athesis und Mincius / als sie ihnen keine Feindseligkeit träumen liessen / alle Waffen ab. Nach dem nun die in den Gebürgen gebliebenen Ligurier sich nicht gutwillig unters Joch einfinden woltẽ / ward Quintus Martius mit einẽ neuen Heere wider die Apuaner abgefertigt. Diese lockten ihn mit allem Fleiß in ihre innerste Behältnüsse; und als sie die Römer in ein brüchiges Thal verleitet hatten / fielen sie sie vor und hinterwerts an / erschlugen vier tausend Römer / sechs tausend Lateiner / nahmen jenen einen Adler und drey andere / diesen eilf Fahnen / und eine unzehlbare Menge Waffen ab; also: daß wenig durch die Wälder in Hetrurien entkamen. Welcher Sieg denen Alemännern aufs neue Anlaß gab: daß sie über die Tridentinischen Alpen stiegen / zwischen den Flüssen Liquentia / Sontius und dem Adriatischen Meere festen Fuß setzten; und etliche Städte an den Flüssen Tilavemptus / Alsa und Natiso bauten. Unterdessen lächelten den König Perses in Macedonien seiner Vorfahren Thaten auf sich und auch durch Krieg in der Welt ansehlich zu machen. Des die Römer zu bekriegen im Schilde führenden Philippus versammlete Kriegs-Vorrath / der unter dem Römischen Joche schmachtenden Griechen Ungedult / der Stadt Carthago / welche seiner Botschafft des Nachts Verhör gaben / in geheim kochender Groll / und seine auf die gegen Rom verbitterte Deutschen gesetzte Hoffnung waren alles gewaltiger Zunder zu diesem Feuer. Diesemnach verband er sich mit dem deutschen Fürsten Gözonor in Galatien / und mit dem Könige der Odrysen Cotys in Thracien; durch derer Hülffe er den mit den Römern verknüpften Thracischen König Abrypolis aus seinem Lande vertrieb / den eben so gesinnten Illyrischen König Aretas gar erlegte; den König Prusias dahin brachte: daß er den Römern keine Hülffe zu leisten versprach; die Beotier ihm verband. Mit einem Worte: Perses hatte Bunds-Genossen / Mittel / Ansehn und Volck genung; nemlich: neun und dreissig tausend FußKnechte[873] / und drey tausend Reiter auf den Beinen; also: daß er sich spielende gantz Griechenlands Meister hätte machen können. Sintemal keine Römische Macht bey der Hand / Egypten in einen Krieg mit dem Antiochus in Syrien eingeflochten /Eumenes zwar gegen den Perses / der ihn zu Delphis wollen ermorden lassen / verbittert / aber die Römische Macht zu vergrössern nicht gemeynet / Masanissa in Numidien / weil er Carthago siebzig abgenommene Städte wieder geben muste / den Römern nicht mehr so geneigt war. Aber Perses versäumte die Gelegenheit und den Ansprung / verspielte die Zeit und Kriegs-Kosten; ließ sich auch den Gesandten Martius theils durch Dräuen erschrecken / theils durch gemachte Friedens-Hoffnung ums Licht führen; biß die Römer die Haupt-Stadt in Thessalien einnahmen / der Bürgermeister Licinius mit einem mächtigen Heere /und der Stadt-Vogt Lucretius mit einer Kriegs-Flotte in Griechenland einbrach. Der schläfrige Perses hätte ihm die Römer biß in Macedonien auf den Hals kommen lassen; wenn nicht König Cotys mit tausend Thracischen / Hertzog Gözonor mit tausend Edelleuten über die unter dem Feldhauptmanne Ascleopiadiot voran geschickte zwey tausend Deutsche zu Pella ankommen wären / und den Perses den Römern entgegen zu ziehen ermahnet hätten; weil im Kriege der Angriff ein Zeichen eines hertzhaften Vertrauens / und sein Pferd an einen fremden Zaum binden kein geringer Vortheil wäre. Perses rückte also gegen Thessalien fort; Hertzog Gözonor selbst führte den Vortrab /und rückte über den Fluß Aliacmon / nahm die Städte Azor / Pythoum / Doliche und Pertebe mit Schrecken /Creta durch Gewalt / Myle mit Sturm ein. Hierauf setzte sich Perses mit seinem gantzen Heere bey der Stadt Sycurium unter dem Berge Ossa an dem Eingange des Tempischen Thales / und durchstreiffte das gantze flache Thessalien mit der Deutschen und Thracischen Reiterey. Licinius hingegen konte sich mit Noth durch Epirus und das bergichte Athumarien durcharbeiten; erreichte aber endlich den Fluß Peneus; stieß daselbst zu dem Thessalischen Fürsten Hippias; und ob wohl Evmenes / Attalus und Phileterus die drey Pergamenischen Brüder und der Deutschen Galater Fürst Carsignot mit 7000. zu ihm stiessen / wagte er sichdoch nicht dem Perseus unter die Augen zu ziehen / sondern setzte sich unter die Stadt Larissa / und verschantzte sein Läger an dem Flusse Peneus. Ob nun wohl Perses der Pherer Gebiete täglich mit Raub und Brand beschädigte; lagen die Römer doch stille /biß Perses mit einem Theile seines Heeres biß ins Gesichte des Lägers rückte / Gözonor aber und Cotys mit fünf hundert Deutschen und Odrysischen Reitern unter den Wall kamen / und die Römer ausforderten. Der Deutsche Fürst Carsignat hatte mit seinem Vetter Gözonor mit Fleiß abgeredet: daß einer dem Perses /der ander den Römern beystehen solte / um durch ein oder des andern Theiles Verlust die deutsche Herrschafft zu unterstützen. Dieser und Attalus konten den Schimpf nicht verschmertzen / rückten also mit ihrer Reiterey heraus / und geriethen mit einander in ein hitziges Gefechte; darinnen aber Hertzog Carsignat selbst von einem deutschen Ritter tödtlich / und Attalus vom Fürsten Gözonor verwundet ward. Nach fast gleichem Verluste trennte sie die Nacht. Nach etlichen Tagen stellten beyde Theile endlich ihre Heere gegen einander in Schlacht-Ordnung. Der König Cotys grief mit seinem rechten Horne die Römische / Perses und Gözonor aber die Griechische und Asiatische Reiterey an. Ob nun wohl des Carsignats zwey hundert deutsche Reiter ihr bestes thaten / so brach doch Gözonor mit seinen mehrern Deutschen durch. Die Etolier geriethen für ihrem Geschrey in die Flucht. Evmenes nahm zwar sein Volck ein / und brachte die Flüchtigen wieder zu Stande; es tauerte aber nicht[874] lange /sonderlich als Cotys auch die Römische Reiterey zertrennete. König Perses drang zugleich mitten in die Römische Schlacht-Ordnung; und Bereus sein Feldhauptmann trennte mit der Phalanx die eine Legion: daß auf Römischer Seiten nun alles verspielet zu seyn schien. Zu allem Unglücke kam Evander aus Creta /welchen Perses nach Delphis den Evmenes zu ermorden geschickt hatte; machte dem Perses den Ausgang der Schlacht zweifelhaft / er solte durch Heftigkeit die Römer nicht unversöhnlich machen; und erhielt: daß der Perses abblasen / die Krieges-Fahnen umbdrehen /und durch einen betrügerischen Meuchel-Mörder ihm den in den Händen habenden völligen Sieg auswinden ließ. Hertzog Gözonor aber hatte kein Gehöre / sondern verfolgte die feindliche Reiterey biß in den Fluß Peneus; allwo er bey überkommendem Befehle des Perses den blutigen Degen ins Wasser warff / und für Ungedult anfing: Wenn wir Weiber seyn müssen /sind uns die Waffen nichts nütze. Gleichwohl blieben auf Römischer Seiten zweytausend Fuß-Knechte /zwey hundert Reiter; auf Macedonischer Seiten zusammen kaum sechzig. In dem Römischen Läger zitterte alles für Schreckẽ; also: daß der Bürgermeister es des Nachtsin aller Stille über den Fluß versetzẽ muste. Wiewol nun Perses hernach seinen ihm vom Fürsten Gözonor eingehaltenen Fehler erkennte / und auf die Höhe Mopselus zwischen der Stadt Larissa und dem Tempischen Thale rückte; so wiechen doch die Römer noch an einen sichern Ort zurücke; hätten auch Zweifels-frey Thessalien gar verlassen; wenn nicht Misagenes Königs Masanissa Sohn mit tausend Reitern / tausend Fuß-Knechten und zwey und zwantzig Elefanten ankommen / und dem Römischen Heere ein Hertze gemacht hätte. Wie diese sich aber unterstunden in den Phalanneischen Feldern das Getreide abzumeyen; kam König Cotys und Gözonor ihnen mit tausend Thraciern / so viel Deutschen / und Cretensern als ein Blitz auf den Hals / nahm tausend Wagen / und sechs hundert Kriegsleute gefangen; und der darzu kommende Perses umbsätzte den Obersten Lucius Pomponius mit acht hundert Römern auf einem Hügel. Wie nun Licinius / Evmenes / Attalus und Misagenes nur ihr Läger besetzt liessen / und mit dem gantzen Heere diese entsätzten; kam es zu einem blutigen Treffen; in dem auf Macedonischer Seite drey hundert Fuß-Knechte / und Antimachus mit vier und zwantzig Rittern aus dem heiligen Geschwader erlegt wurden. Welches den Perses so kleinmüthig machte: daß er das Gebürge besätzte / und wider Gözonors Rath in Macedonien wiech. Daselbst kriegte Cotys Zeitung: daß Atlesbius ein Thracischer Fürst / und Corragus des Evmenes Statthalter ihm eingefallen und die Landschafft Marene eingenommen hätten. Daher Cotys umb das Seinige zu beschützen / Gözonor aber aus Verdruß über des Perses Zagheit / nach Hause kehrten. Weil der Winter den Römern den bergichten Eingang verhinderte / nahm der Bürgermeister etliche Städte in Illyricum ein; und Cajus Cassius unterstand sich durch dieses lange Land mit einem Heere in Macedonien einzubrechen. Weil aber er die Histrier /Kärnter und andere Deutschen an dem Carvankischen Gebürge für ihre Gutthaten als Feinde handelte; begegnete ihm König Cincibil mit einer sohertzhaftẽ Gegenwehr: daß Cassius nach erlittenem grossem Verluste zurücke weichen / und einen andern Weg in Macedonien erkiesen muste. Cincibil beschwerte sich über so unrechte Gewalt bey dem Rathe zu Rom / und forderte eine Erklärung: Ob er die Römer hinfort für Feinde oder Freunde halten solte. Der Rath entschuldigte alles / als ein ohne ihren Willen erkühntes Beginnen / dräuten den Cassius zu straffen / schickten den Cajus Lelius und Emilius Lepidus zum Könige Cincibil und seinen Bruder mit 2. fünf Pfund Goldes schweren Ketten / mit viel kostbarem Silber-Geschirre / 2. aufs prächtigste ausgeputzten Pferden / güldenen Waffen und herrlichen Kleidern /[875] umb diese streitbare Völcker nicht wider sich in Harnisch zu jagen. Der Römer in Illyris und Griechenland verübte Grausamkeit verursachte: daß als die Stadt Uscana des Appius Claudius Ankunft mit 8000. Kriegsleuten an dem Lycheidischẽ See auf der Macedonischen Gräntze vernahm / sie die benachbarten Scordiskischen Deutschen umb Beschirmung ersuchten / und 4000. Mann zur Besatzung erhielten. Claudius der hiervon nichts wuste / eilte dahin / in Meynung sie des Nachts unversehens zu überfallen. Wie die Römer aber nur einen Bogen-Schuß von der ihrer Einbildung nach eingeschlafenen Stadt waren; erhob sich auf den Mauern von Geschrey der Weiber / vom Schwirren des Ertzts ein jämmerliches Getümmel. Die Deutschen fielen durch 2. Thore auf die so wohl müden als sicheren Römer heraus; brachten sie auch alsofort in Unordnung und in die Flucht; also: daß Appius nicht für voll 2000. zurück nach Lychindus brachte / die übrigen alle erschlagen oder gefangen / alle an Rom hängende Städte aber hierdurch in Schrecken gesetzt /und die Römer ihre Macht in Griechenland zu verstärcken genöthigt wurden. Dessen ungeachtet setzte Cephalus der Fürst in Epirus von Rom ab; Cotys eroberte mit Hülffe der Deutschen / und sonderlich Hertzog Gözonors alles verlohrne in Thracien / machte daselbst mit seinen Feinden einen vortheilhaften Frieden. Dem Perses kam gleichsam die alte Macedonische Tugend wieder in sein Hertze; sintemal er mit dem durch den König Cotys wieder versöhnten Fürsten Gözonor die Dardaner überwand; die von den Illyriern den Römern verkauffte Stadt Uscana zur Ubergabe zwang / und darinnen allein viertausend Römer gefangen bekam / und die fast unüberwindliche Festung Oeneum mit Sturm eroberte. Hierauf schickte Perses anfangs den Illyrier Pleuratus / hernach auch nebst ihm den Glaucias über das Skordische Gebürge nach Lissus an den König Gentius umb ihn zu einem Bündnüsse wider die Römer zu bewegen / welcher denn auch hiezu gute Neigung zeigte; wenn ihm vom Perses mit nöthigen Kriegs-Mitteln unter die Armen gegriffen würde. Aber der Geitz oder das Verhängnüß band dem Perses die Hände: daß er einen so streitbaren Bunds-Genossen zu erlangen in Wind schlug. Hingegen aber liessen sich die Römer nichts gutes träumen; sonderlich da Lucius Cölius mit grossem Verlust und Schimpfe von der Stadt Uscana abgeschlagen ward; und die Rhodischen Gesandten zu Rom dem Rathe mit nachdencklichen Dräuungen einen Frieden mit dem Perses zu machen aufdringen wolten. Bey diesen und andern aufziehenden trüben Wolcken / und da der Bastarnen König mit dem Hertzog Gözonor sich verknüpfte / fertigten sie von Rom den Aulus Postumius / Marcus Perpenna / Lucius Petillius und Marcus Pompejus ab. Der erste solte die Dardaner wider den Perses aufhetzen / der andere die Bastarner und Dacier in Ruh erhalten / der dritte die Dalmatier und Thracier gegen ihre Feinde erregen /der vierdte des Königs Gentius Fürhaben ausforschen. Pompejus brachte den Perpenna und Petilius ohne einige vorher erlangte Geleits-Briefe nach Scodra an den Königlichen Hof. Weil nun der Römische Rath vorher auf der Isseer Vergällung des Gentius Botschafft / sonder ertheilte Verhör schimpflich abgewiesen hatte / und Gentius erfuhr: daß Pompejus mehr als ein Kundschafter denn ein Botschafter dahin kam /ließ er den Perpenna und Petilius in Hafft nehmen; den Pompejus aber fragte er bey der Verhör: Zu was Ende und wohin Perpenna und Petilius verschickt wären; weil er selbst aus Rom für ihren gefährlichen Rathschlägen wäre gewarnigt worden. Pompejus trat auf diese Befragung zu dem neben des Königs Stule gesetzten Tische / hielt seinen Finger in eine der daselbst brennenden Wachsfackeln so lange / biß er gäntzlich versehrt war. Hernach antwortete er: Die Römer sind gewohnt sich ehe einzuäschern / als ihre Geheimnüsse zu verrathen. Gentius ward hierüber bestürtzt /[876] schickte den Pompejus auf seine Reichs-Gräntze / und ließ den Römischen Rath wissen: Er behielte die zwey andern als Stiffter gefährlicher Anschläge bey sich / biß er der Römischen Freundschafft versichert / und ihm wegen Beschimpffung seiner Gesandtschaft Vergnügung verschafft würde. Die Römer verstellten eine Weile ihre hierüber geschöpffte Empfindlichkeit; schickten aber den Qvintus Martius mit neuen Völckern in Thessalien; welcher durch einen fast unwegbaren Weg des von dem Hippias mit zwölff tausend Kriegs-Leuten verwahrten Volustan- und Capathischen Gebürges mit unglaublicher Müh einbrach / und bey Libethrum dem Könige Perses unvermuthet auff den Hals kam: daß er weder Rath noch Hülffe wissende / bald dar bald dorthin floh / aus der festen Stadt Dion alle güldene Bilder wegführen ließ /und dem Feinde alle Pässe / insonderheit den gar engen unter dem Berge Olympus an dem Strome Baphyrus gegen der Stadt Dion öffnete / und nach Pydna floh; seine Schiff-Flotte zu Thessalonich aus schändlicher Furcht anzünden und seine übel aufgehobene Schätze zu Pella ins Meer werffen / iedoch solche hernach wieder heraus fischen ließ. Martius segelte hierauff mit der Römischen Kriegs-Flotte von Heracle ab / setzte bey Thessalonich / Ania / Antigonea und Pallene aus / verwüstete das Land / und belägerte die mächtige Stadt Cassandrea; hätte sie auch erobert /wenn sich nicht auff zehn Schiffen tausend außerlesene deutsche Kriegsleute des Nachts darein gespielet /und durch ihre blosse Ankunfft die Römer abzuziehen verursacht hätten. Der Römische Bürgermeister belägerte inzwischen Melibea / und Martius machte sich auch an die Stadt Demetrias. Weil aber die Römer bey ihrem Glücke hochmüthig / und dem Könige Eumenes ihre tägliche wachsende Kräfften verdächtig wurden / brachte es Perses oder vielmehr Gözonor durch den Cydas und Antimachus so weit: daß er mit seinen Hülffs-Völckern sich von den Römern absonderte / und in Asien kehrte; ja sich nicht erbittten lassen wolte seine in Bestallung habende fünff hundert deutschen Reuter den Römern zu hinterlassen. Diese Veränderung und so wohl des Königs Prusias als der Rhodier für den Perses auffs neue gethane Friedens-Werbung brachte die Römer zu glimpfflicher Anstalt; und daß sie den deutschen Fürsten bessere Worte gaben; unter denen sie den gegen die Bastarnen gräntzenden Hertzog Balanos durch Uberschickung einer güldenen Kette von zwey-einer güldenen Schale von vier Pfunden / eines ausgeputzten Pferdes / und köstlicher Waffen gewanen: daß er die Bastarnen von der dem Perses versprochenen Hülffsleistung abhielt. Nachdem auch Perses durch erlangte neue Hülffe der Deutschen sich wieder erholete / und in Pierien an dem Fluße Enipeus die Römer lange Zeit auffhielt / ja ihnen fast alle Lebensmittel abschniet; liessen sie durch den Cneus Servilius über dem Po sechs hundert deutsche Reuter werben / welche mit dem Bürgermeister Emilius Paulus und einer ansehnlichen Macht in Griechenland übersätzten. Der ängstige Perses schickte auch seinen getreuesten Pantaucus an König Gentius / und dieser den Olympius an Perses; durch welche nicht nur zwischen ihnen ein gemeiner Schirm-Bund geschlossen ward / sondern sie sendeten auch ins geheim zu den Rhodiern und dem Könige Eumenes sie auff ihre Seite zu bringen; welches auch erfolgt wäre: wenn nicht des Eumenes Geitz abermahls das Spiel verderbet / und er die versprochenen Hülffs-Gelder nicht anderwerts / als in seinen Samothracischen Tempel hätte niederlegen wollen. Diese Wurtzel alles bösen / und die Gifft der gemeinen Wohlfahrt that auch noch grössern Schaden. Denn es hatte Perses durch eine Bothschafft den König der Qvaden Clondich beredet: daß er mit einer ansehnlichen Macht von zehn tausend Reutern und so viel Fußvolcke über den Ister und die Sau gesätzt war / und bey der Stadt Desudaba unter dem Orbitaischen Gebürge von[877] dem Perses den versprochenen Sold und die Geissel erwartete. Perses eilte zwar von dem Fluße Enipeus an den Strohm Axius biß zu der von den Deutschen gebauten. Stadt Alemana dem Könige Clondich entgegen / sendete auch ihm und den Heerführern etliche Pferde und Zierathen durch den Antigonus zum Geschencke; mit Vertröstung einer mehrern Freygebigkeit / die Perses zu Bylazor bey ihrer Zusammenkunfft würde spüren lassen. Alleine Clondich wolte wegen bewuster Kargheit des Perses für erlangter Zahl- und Versicherung nicht weiter rücken; und der thörichte Perses kriegte über einer so grossen deutschen Macht selbst Argwohn; oder verhüllte auffs wenigste seinen Geitz mit einer eben so schlimmen Furcht; ließ also dem Clondich melden: daß er mehr nicht als fünff tausend Hülffs-Völcker brauchte. Wie nun auch auff Clondichs Nachforschung für so viel kein Geld verhanden war / kehrete er mit seiner Macht / welche die Römer aus Griechenland zu vertreiben mächtig gewest wäre / wieder an den Ister. Nichts bessers spielte er es dem Gentius mit; indem er ihm dreyhundert Talent zurücke hielt; weil er ihn durch Anhaltung der Römischen Gesandten schon tieff genung in Krieg eingewickelt zu seyn vermeinte. Der Asiatischen Deutschen Beystand büste er auch vollends durch diese Grausamkeit ein. Evmenes schickte um nicht gar von den Römern abzusetzen tausend deutsche Reuter auff fünff und dreißig unbewehrten Schiffen dem Attalus zu. Diese geriethen zwischen dem Eylande Chios und Erythra unversehens unter der Macedonischen Schiffs-Flotte / welche die schlechten. Plätten theils zur Ubergabe zwangen; theils an Strand trieben / und die dem Wasser entkommenden auff dem Lande vollends erschlugen. Diese an ihren Bluts-Freunden verübte Blut-Begierde machte: daß Hertzog Götzonor mit seinen Deutschen wieder in Asien kehrte; und Perses an dem Flusse Enipeus vom Emilius Paulus auffs Haupt erlegt / zwantzig tausend Macedonier erschlagen / fünff tausend flüchtige unter Weges /und sechs tausend nach Pydna entkommene gefangen wurden. Perses kam kaum mit drey Geferthen in die Haupt-Stadt Pella. Allein ein Verzagter schätzt sich auch nicht in der Schoß des Jupiters / weniger in einer Festung sicher. Daher spielte sich Perses noch selbige Nacht aus Pella / und flohe nach Amphipolis / von dar mit zwey tausend nur für die Feinde ersparten Talenten in das Eyland Samothracien. Denn des Perses schändliche Flucht war dem Emilius ein Schlüssel zu den Städten Beroe / Thessalonich / Pella / Pydna /Meliboe / Amphipolis und gantz Macedonien. Zu Pella fand er noch die dem Gentius hinterhaltene dreyhundert Talent. Cneus Octavius segelte auch gerade nach Samothracien / und begehrte des Perses und seines Sohnes Ausfolgung. Beyde aber umarmten die vom Cephissodor gefertigte und alldar hochheilig verehrte Bilder der Venus und des Phaetons. Weil nun dieser Ort die unversehrlichste Frey-Stadt war; hielt Attilius dem Samothracischen Fürsten Theondas ein: daß Perses wegen seines an dem Könige Eumenes in dem Delphischen Heiligthume fürgehabten Meuchel-Mordes keiner Göttlichen Beschirmung fähig wäre. Theondas versprach hierüber Recht zu hegen; und Perses muste seinen gebrauchten Werckzeug Evandern holen lassen. Evander gestand sein Fürhaben; und weil Perses von ihm als Anstiffter verrathen zu werden besorgte / ließ er ihn tödten. Also entweyhte Perses zum andern mahl das Heiligthum mit Blute. Wiewohl er nun den Theondas bestach: daß er sagte: Evander hätte sich selbst getödtet; so verdammte doch den Perses schon sein Gewissen. Daher redete er mit einem Cretischen Kauffmanne Oroandes[878] ab: daß er ihn nach Thracien zum Cotys flüchten solte; ließ auch einen ziemlichen Schatz in sein Schiff bringen. Wie aber Perses des Nachts aus dem Tempel in Demtrischen Hafen kam; war Oroandes schon nach Creta entflohen. Perses versteckte sich hierauff zwar am Ufer / hernach in einen finstern Winckel des Tempels; endlich aber ergab er sich und seinen Sohn Antiochus dem Octavius; und Emilius führte hernach den Perses mit dreyen Söhnen / wie auch des Königs Cotys gefangenen Sohn Bitis zu Rom im Siegs-Gepränge ein. Anitius spielte eben dieses Trauer-Spiel mit dem Könige Gentius / welchem zu seiner Entschuldigung nichts halff: daß Alexander die Thebischen und Spartanischen Gesandten an Darius; die Römer des Königs Philips Gesandten an Annibal; die Sicilier der Stadt Syracusa; die Argiver der Athenienser; die Epiroter der Etolier an verdächtige Oerter gehende Botschafften angehalten / und also er das Völcker-Recht weder verletzt / noch einige andere Ursache zum Kriege gegeben hätte; zumahl / da diesen König auch Lucius Duronius beschuldigte: daß er auff dem Adriatischen Meere See-Rauberey verübte; und zu Corcyra viel Römische Bürger in Band und Eisen hielte. Der Anfang des Krieges geschahe zur See; indem Anitius viel Illyrische Schiffe eroberte; und ungeachtet Gentius an Klugheit in der Kriegs-Anstalt / an Tapfferkeit in den Schlachten nichts erwinden ließ; wurden doch alle seine Anschläge krebsgängig; und schien es: daß die göttliche Rache selbst wider ihn mit zu Felde läge. Sintemahl er seinen vollbürtigen Bruder Plator nur um desto sicherer zu herrschen; oder aus Unwillen: daß er des Dardanischen Fürsten Honun Tochter Etuta heyrathen wolte / durch Gifft hingerichtet hatte. Die Schlachten wurden verspielet. Die zwischen den Flüssen Clausula und Barbana liegende feste Haupt-Stadt Scodra erobert. Die alten Illyrier fielen von ihm ab; und Gentius in Hoffnung sein Land wieder zu bekommen verleitet: daß er nach vergebens erwarteter Hülffe von seinem Bruder Karavant aus der Sicherheit des Labeatischen Sees sich auff Gnade und Höffligkeit in der Römer Hände gab; allwo ihn Anitius zwar höfflich empfing / ihm seine Gemahlin Leva / seine Söhne Skerdilet und Pleurat / wie auch den Bruder Karavant an seine Tafel setzte; beym Aufstehen aber ihm den Degen abheischen / und alle gefangen nehmen ließ; von dar er und seine Söhne nach Rom zum Siegsgepränge geführt; kurtz hierauff vom Emilius Paulus siebenzig Illyrische Städte / die sich gutwillig ergeben / auch bereit die Plünderung mit vielem Gold und Silber abgekaufft hatten / auff einen Tag mit Raub und Brand verzehret wurden. Ob nun zwar die abtrinnigen Ardieer und Palarier dieses Unrecht zu rächen vermeinten; die Japoder und Segestaner auch auff Freylassung des Königs Gentius drangen; wurden doch jene vom Fulvius Flaccus / diese vom Sempronius und Tiberius Pandusius nach etlichen Schlachten übermannet. Wiewohl auch die Dalmatier ihre Freyheit anfangs wider den sie ebenfalls anfallenden Marcus Figulus hertzhafft vertheidigten / und ein Theil seines Heeres biß über den Fluß Naro zurück trieben; so schlug doch das Glücke bald umb. Denn er jagte sie bey der Stadt Delmin in die Flucht; und nöthigte diese fast unüberwindliche Festung durch Einwerffung brennender Pech- und Schwefel-Fackeln sich zu ergeben. Popilius schreckte mit seinen rauhen Worten die Rhodier: daß sie alle / welche iemahls wider Rom etwas gethan / oder gerathen / zum Tode verdammten; und den König in Syrien Antiochus mit einem um ihn mit Staub gestrichenen Kreiße: daß er dem Ptolomeus alles / was er in Egypten erobert hatte / wieder[879] vergeben muste. Epirus / gantz Griechenland und Illyricum strich für den Römern seine Segel; die Könige aus Africa / Asien und Europa stritten mit einander sich durch Glückwünschungen und andere Heucheleyen bey den Römern einzulieben. Ja Prusias und sein Sohn Nicomedes schämten sich nicht die Schwelle des Römischen Rathhauses zu küssen / den Rath ihre Erhaltungs-Götter / sich aber ihre Freygelassene zu nennen. Welche seltzame Fälle allzu deutlich erhärten: daß das ewige Gesetze der Gottheit von aller Ewigkeit her allen Dingen einen gewissen und unveränderlichen Lauff besti&et habe; also weder die menschlichen Geschichte ungefähr / sondern vielmehr aus verborgenen Ursachen sich zutragen / noch iemand das Rad des Verhängnisses auff die Seite abwenden könne / wenn die Vernunfft es schon von ferne ersiehet / und die Tugend beyde Armen vorwirfft. Insgemein aber verblendet diese Nothwendigkeit auch die sonst von Thorheit entfernte Gemüther: daß sie weder ihren Rathschlägen genugsam nachdencken / oder bevorstehender Gefahr nicht klüglich vorbeugen.

Ungeachtet nun derogestalt die halbe Welt nicht nur die Römische Macht anbetete / sondern auch für dem Eumenes und Prusias / als den Werckzeugen so ferner Dienstbarkeit die Achseln einzoh; so liessen sich doch die Deutschen in Galatien zu nichts knechtischem Verleiten. Sie schickten keine Botschafft nach Rom; und als ihnen Prusias ein Stücke Landes abstreiten wolte / welches des Syrischen Königs Autiochus gewesen / und von den Römern ihm solte geschenckt worden seyn; liessen sie dem Prusias zu entbieten; der Degen wäre bey den Deutschen das Grabscheit / wenn man ihnen etwas von ihrem Eigenthume abgräntzen wolte. Ob auch schon Prusias hernach zu Rom von dem Rathe solch Land als eine Vergeltung für seine treue Verdienste verlangte; ward er doch durch diese Antwort abgewiesen: Wenn das Land der Deutschen wäre / müste er nicht übel auffnehmen: daß der Rath sie mit Weggebung fremden Gutes nicht beleidigen / und dem Eigenthums-Herren Unrecht thun könte. Mit dem Könige Evmenes aber banden die Deutschen gar an. Denn Hertzog Solovet / des in Thessalien gebliebenen Fürsten Carsignat Sohn / welcher aus einer besondern Staats-Klugheit stets auff der Römer Seite gestanden hatte / beschuldigte den Evmenes: daß er die ihm geschickten tausend Deutschen Reuter mit Fleiß der Macedonischen Schiffs-Flotte in die Hände geschickt hätte; und Hertzog Gözonor goß bey verneuertem Bündnisse mit dem Solovet mehr Oel ins Feuer; also: daß sie mit gesammleter Macht in sein Gebiete einfielen / auch ihm etliche harte Streiche versätzten. Welche dem zu Rom sich befindenden Attalus so tieff zu Gemüthe stiegen: daß er bey dem Rathe die Helffte seines brüderlichen Reichs für seine Verdienste auszubitten unterließ /indem er wohl sahe: daß seine und des Evmenes Zwytracht die Deutschen gar zu Meistern über das Pergamenische Reich machen würde. Also suchte er nur bey den Römern wider diese hefftigen Feinde Hülffe; welche aber nur Gesandten zur Vermittelung eines Friedens dahin schickten. Diese brachten es zwar so weit: daß die Deutschen / weil der Winter ohne diß für der Thür war / einen drey-monatlichen Stillestand willigten; mit dem ersten Früh-Jahre aber fielen sie über den Berg Didymus wieder ein / und eroberten die Stadt Siniada. Publius Licinius eilte mit dem Attalus dahin / weil inzwischen Evmenes bey Sardes an dem Fluße Pactol sein Heer zusammen zoh. Licinius bat und dreute nicht ferner zu rücken; die beyden deutschen Fürsten aber gaben ihm nur lachen de zur Antwort: Sie wären der Römer gute Freunde /aber kein Antiochus; welcher sich wie[880] eine Schlange in einem Kreisse bezaubern / und mit Dräu-Worten ihm einen schädlichen Frieden abpochen liesse. Licinius muste also unverrichteter Sachen zurücke ziehen; und weil die Deutschen allenthalben den Meister spielten / reisete Eumenes selbst nach Italien um Hülffe zu bitten. Weil aber er im Verdacht war: daß er mit dem Perses unter dem Hute gespielt hätte /machte der Rath nicht nur ein Gesetze: daß kein König nach Rom kommen solte; sondern schickten ihm auch entgegen / und liessen fragen: Was er verlangte; hätte er aber nichts anzubringen / möchte er nur alsofort umkehren. Diß verdroß den Eumenes so sehr: daß er umkehrte und antwortete: Er wäre bettelns halber nicht kommen; sondern nur zu fragen: Ob diß der Danck für so viel Dienste wäre: daß die Römer ihm den ihrenthalben ihm zugezogenen Deutschen Krieg allein auf dem Halse / und die edelsten Pergamener / welche in Macedonien für sie die Waffen geführet / vom grausamen Solovet unmenschlich aufopffern liessen. Kurtz nach ihm kam von den Deutschen eine Gesandschafft nach Rom / welche den Rath ihrer Freundschafft versicherte / und die Ursachen ihres Krieges wider den Eumenes ausführte; auch erhielt: daß sie für ein freyes Volck und Römische Bundgenossen erklärt wurden. Der von Furcht und Zorn unruhige Eumenes zohe nach Hause / verband sich mit dem Antiochus in Syrien / und begegnete nicht allein den Deutschen / sondern fiel auch dem Prusias in Bithynien ein. Weswegen dieser den Python nach Rom schickte / und diesen Uberfall nur seinem mit den Römern habenden Bündnüsse zuschrieb. An statt der verhofften Hülffe aber gab der Rath nur zur Antwort: Er solte mit den Deutschen pflügen / die wären zweyen Eumenen gewachsen. Prusias folgte diesem Rathe; und verband sich mit denen Fürsten Gözonor und Solovet in Galatien / heyrathete auch des in Thracien wohnenden Deutschen Königes Diegyl Tochter; mit denen er gegen den Eumenes mit umwechselndem Siege und Verlust Krieg führte. Weil aber Prusias diesen noch immer zu Rom verdächtigte / der Rath auch den Tiberius Grachus um so wol des Antiochus / als Eumenes heimliches Beginnen auszugrübeln; schickte dieser seine Brüder Attalus und Atheneus nach Rom / ihn von allen Verläumdungen weiß zu brennen. Gleichwol aber konten sie sich so rein nicht waschen: daß nicht Cajus Sulpitius / als ein Kundschaffter aufs neue dahin geschickt ward. Inzwischen starb Eumenes; und ließ seinen den Römern beliebtern Bruder Attalus zum Erben. Jedoch machten die Deutschen und Prusias dem Kriege kein Ende; sondern schlugen den Attalus aus dem Felde / und bemeisterten fast die Helffte seines Reiches. Attalus klagte durch den Andronicus und hernach seinen Bruder Atheneus es zwar zu Rom; Aber des Prusias Gesandter Antiphilus und sein Sohn Nicomedes lehnten alles durch fürgeschütte Gegenwehr ab; biß die dahin geschickten Apulejus und Petronius ein anders berichteten. Daher der Rath den Prusias durch eine Gesandschafft zur Ruh ermahnten. Lucius Hortensius kehrte zwar allen Fleiß an sie zu vergleichen; aber die Deutschen riethen dem Prusias seinen Vortheil nicht aus den Händen zu geben. Nach dem sich auch die Handlung zerschlagen / und Prusias den Deutschen kaum aus den Händen entwischte; rückten sie für die Hauptstadt Pergamus / und belägerten darinnen den Attalus. Weil die Stadt aber allzu wol besetzt war / plünderte Prusias in der Vorstadt des Esculapius / bey Hiera der Diane / und bey Temnos des Apollo Tempel. Weßwegen sich die Deutschen vom Prusias trennten; Attalus hingegen kriegte vom Cappadocischen und Pontischen Könige Hülffe; Die Römer kündigten dem Prusias auch den Bund auf; hetzten ihm die Rhodier und Cyzizener auff den Hals; auf derer Schiffen er in Bithynien[881] einfiel / und den Prusias nicht wenig ins Gedrange brachte. Die Römischen und Deutschen Gesandten aber vermittelten bald einen Frieden. Dieser vertiefte den Prusias in allerley Laster; also: daß er auch seinen Kindern anderer Eh zu Liebe seinen zu Rom sich befindenden Sohn Nicomedes zu ermorden beschloß / wo er nicht vom Rathe die Erlassung der dem Prusias versprochenen fünf hundert Talent erhielte. Der hierzu bestellte Menas aber entdeckte es nicht allein dem Nicomedes; sondern brachte auch ein Theil des Bithynischen Kriegsvolckes aufseine Seite. Attalus nahm den Nicomedes mit Freuden auf / und brach mit ihm in Bichynien ein; dessen Stände häuffig zum Nicomedes fielen. Prusias suchte vergebens zu Rom Hülffe; in das Niceische Schloß nahm er 500. Thracische Deutsche von seinem Schwehervater Diegyl ein. Endlich flohe er nach Nicomedien; und als die Bürger die Stadt aufgaben / in Jupiters Tempel; darinnen ihn aber sein Sohn Nicomedes ermorden / und das Altar mit väterlichem Blute besprützen ließ. Attalus kriegte inzwischen den dem Prusias zu Hülffe kommenden König Diegyl gefangen; ließ ihn aber auf Hertzog Solovets Vorbitte wieder loß. Also erhielten die Deutschen unter so viel Veränderungen gleichwol ihren Stand und Ansehen; und insonderheit bey denen in Syrien. Denn ob zwar nach des Antiochus Tode der sich von Rom wegspielende / und wieder den jungen Antiochus das Reich behauptende Demetrius / welcher den jungen König Ariarathes wegen verschmähter Heyrathung seiner Schwester aus Cappadocien vertrieb / und den von seiner Mutter untergesteckten Orophernes einsetzte / von dem Könige Ptolemeus /Attalus und Ariarathes aus Syrien vertrieben / und ein gemeiner Jüngling unter dem Nahmen Alexanders eines Antiochischen Sohnes eingesetzt; ja auch Demetrius durch Hülffe der Juden vom Alexander erschlagen ward; so erbarmten sich doch die Deutschen Fürsten des von dem Demetrius nach Gnidus zur Sicherheit geschickten und in Creta bey dem Fürsten Lasthenes sich aufhaltenden Sohnes Demetrius; und setzten ihn nach Verjagung des üppigen Alexanders / mit Hülffe des Ptolomeus Philometors in Syrien auff den väterlichen Thron.

Bey diesem Wachsthume der Deutschen in Asien /mühten sich auch die in Italien nach der von den Bojen erlittenen grossen Niederlage ihr Haupt wieder empor zu heben. Massen die Ligurier den in Hispanien ziehenden Stadt-Vogt Bebius angrieffen / sein Volck erlegten / ihn biß in Maßilien jagten / da er den dritten Tag von den empfangenen Wunden starb; ja sie machten sich so breit: daß der Römische Rath beyden Bürgermeistern auftrug die Deutschen zu stillen. Sie gaben ihnen aber genung zu schaffen / biß Flaminius die Friniatischen / Emilius die Apuanischen Ligurier endlich überwältigte / und ihnen die Waffen abnahm. Marcus Furius überfiel hierauf auch die sich keines Krieges versehenden Cenomannen /und entwaffnete sie; der Rath aber gebot ihm einen Stillestand; und Emilius gab ihnen alles abgenommene wieder. Als die Römer nun alle Deutschen in Ligurien für todte Leute hielten / krochen die Apuanischen wieder hinter ihren Klippen und aus ihren Hölen herfür / und streifften biß nach Bononien. Qvintus Martius zohe mit einem Heere gegen sie; welche / als sie ihn durch stetes weichen in die ängsten Thäler zwischen die höchsten Klippen gelockt hatten / ihn rings umher anfielen / 4000. Römer erschlugen / von der andern Legion drey-von den Lateinern eilf Fahnen eroberten; und sie nicht ehe zu verfolgen / als die Römer zu fliehen aufhöreten.

So viel Empörungen der Deutschen aber waren kein Werck einer Leichtsinnigkeit; sondern eitel Rachen angethanen grausamen Unrechts. Sintemal die nunmehr in Wollüsten ersoffenen und daher auch so viel grimmigern[882] Römer andere Völcker mehr für Vieh als Menschen hielten. Massen denn selbige Zeit Qvintius Flaminius aus dem Rathe gestossen ward /weil er am Po einen zu ihm abgeschickten Bojischen Ritter einem mißbrauchten Schandbuben / und zu Placentz einen edlen Ligurier seiner Hure zu Liebe und zur Ergetzligkeit ermorden lassen / und Tisch und Bette mit so unschuldigem Blute besprützt hatte. Zu eben dieser Zeit kam aus Deutschland ein neuer Schwarm derer an der Donau wohnenden Völcker über die Alpen / ließ sich am Adriatischen Meere um die Flüsse Turrus und Tilavent nieder. Wider diese ward Lucius Julius geschickt sie daselbst wegzutreiben. Weil sie aber übel / oder gar nicht bewehret waren / machten sie mit den Römern einen Vergleich /und zohen mit ihrem Geräthe wieder über die Alpen /und setzten sich um den Fluß Anisus. Folgendes Jahr zohen abermals beyde Bürgermeister in Ligurien; da sich denn 2000. dem Marcellus gutwillig ergaben; die andern aber versteckten sich in ihre Gebürge und Festungen: daß ihnen die Römer nicht beykommen konten / sondern ihr Heer von einander lassen; solches aber bald wieder zusammen ziehen / und auff alle Fälle fertig halten musten; Weil ein Geschrey kam: daß in Deutschland viel tausend junger Mannschafft sich zusammen züge / und irgends wo in Italien einbrechen wolte. Die Ligurier machten auch die See unsicher / und thaten den Maßiliern nicht geringen Schaden; musten also die Römer eine Schif-Flotte in das Ligustische Meer schicken. Das nechstfolgende Frühjahr zohe der sonst allenthalben so sieghaffte Emilius Paulus wider die Inguanischen Ligurier auf. Weil er aber von keinem andern Vergleiche / als daß sie sich auf Gnade und Ungnade ergeben solten / hören wolte; stürmten und belägerten sie das Römische Läger; Alleine sie erlitten von denen wegen aussenbleibender Hülffe fast verzweiffelt ausfallenden Römern eine schwere Niederlage; indem 15000. erschlagen / drittehalb tausend gefangen wurden; zur vernünfftigen Warnigung: daß eines verzweiffelten Feindes Degen drey anderen besiehe. Die Inguaner ergaben sich hierauff ohne Schwerdschlag. Wiewol nun diese abgemergelten Völcker gantz ruhig sassen / wolten doch Publius Cornelius / und Marcus Böbius / weil sie in ihrem Bürgermeister-Ampte nichts denckwürdiges verrichtet hatten / an ihnen den Muth kühlen / und Ehre einlegen; Also durchforschten sie mit zweyen mächtigen Heeren das gantze Anidische Gebürge /zwangen sie alle auff die Flächen zu verfügen; und waren weder Geschencke noch Thränen so mächtig die Römer zu bewegen: daß sie in ihren Geburts-Städten ersterben / und ihre Gebeine in den Grabestätten ihrer Vor-Eltern ruhen möchten; sondern es wurden ihrer 40000. in Samnium fortgeschleppet. Weil nun beyde sich hierdurch zu Rom so sehr verdient hatten; daß ihnen / die doch gegen keinem Feinde einigen Degen gezückt / ein Siegs-Gepränge erlaubt ward / machte sich Posthumius über den Schweißberg / und das Gebürge Balista; zwang diese armen Leute durch Abschneidung aller Lebens-Mittel zur Ubergabe; nahm ihnen alles Gewehre / und ließ ihnen mit genauer Noth so viel Eisen übrig / als sie zu Pflugscharen und dem Ackerbau dorfften. Fulvius kroch an dem Flusse Maora in den Hölen / noch 7000. Apuaner aus / welche ihren Landesleuten in Samnium folgen musten. Cajus Claudius beraubte hierauf aus blosser Vermuthung des Krieges die Epanterier / und siegte über den Istrier König Epulo und diese Ligurier; welche aber für Ungedult nicht alleine ins Mutinensische Gebiete einfielen / und es mit Schwerd und Feuer verheerten / sondern auch diese Stadt selbst eroberten. Alleine Claudius rückte mit einem noch stärckern Heere für Mutina / eroberte es mit Sturm; in welchem 10000. Römer / und 8000. Ligurier blieben; schlug hierauff sie beym Flusse Skulteña / trieb sie vom Berge Letus[883] und Balista. Worauf Claudius hochmüthig nach Rom schrieb: Seine Tugend und Glücke hätte nunmehr zu wege gebracht: daß Rom disseits der Alpen keinen Feind mehr hätte. Gleichwol aber reckten diese Untergedrückten aus Liebe der Freyheit bald wieder ihre Hörner empor / erschlugen den Bürgermeister Petilius mit etlichen tausend Römern. Der Bürgermeister Popilius wolte diese Schande an denen allezeit Römisch-gesinnten Statellatisthen Liguriern rächen / und gerieth bey der Stadt Caristum mit ihnen in eine blutige Schlacht; also: daß er sich zwar des Sieges / aber schlechten Vorthels zu rühmen hatte; Wie denn auch der Römische Rath dieses Unrecht ihres Bürgers verdammten / und die Ligurier in ihre Freyheit zu setzen befahl. Aber bey Verwechselung der Aempter blieb es nach; iedoch empfand es das Römische Volck so sehr: daß es in dem Heiligthume Bellonens den Bürgermeister Popilius schimpflich fragte: Warum er die durch seines Bruders Betrug untergedrückte Deutschen in Ligurien nicht wieder in Freyheit gesetzt hätte? Welche Mäßigung denn hernach die Ligurier und Deutsche ziemlich beruhigte; biß die wegen des eroberten Macedoniens des durch eigene Zwytracht entkräffteten Syriens und zur Dienstbarkeit geneigtens hoffärtigen Römer in Ligurien den Krieg ohne einige andere Ursache / als aus Begierde sich durch viel Siege berühmt zu machen den Krieg erneuerten; und die Bürgermeister wegen etlicher vortheilhafften Treffen nebst dem Publius Scipio / welcher mit der Stadt Delmin gantz Dalmatien zum Gehorsam gebracht hatte / ein Siegs-Gepränge hielten. Weil die Deutschen nun von den Maßiliern der Römer geschwornen Gefärthen lange Zeit Uberlast /und beym Kriege Abbruch gelitten hatten / fielen sie in Gallien in ihr Gebiete ein; eroberten die Seestadt Nica / setzten über den Fluß Varus / und belagerten Antipolis. Wie nun die Maßilier zu Rom hierüber klagten / reisten alsofort Flaminius / Popillius Lenas und Pupius dahin / stiegen zu Egitica / welche Stadt den Oxybischen Liguriern gehöret / aus; und befahlen ihnen die Belägerung aufzuheben. Die Ligurier hingegen befahlen den Römern ihre Gräntze zu räumen; und als sie von Dräuen und Scheltworten nicht abliessen / trieben sie sie mit Gewalt in die Schiffe / und verwundeten den Flaminius. Hierauf folgte alsbald der Bürgermeister Qvintus Opinius mit einem mächtigen Heere; drang über alle Gebürge biß an den Strom Acro / nahm die Stadt Egitra ein / und schickte die Fürnehmsten in Band und Eisen nach Rom. Dieses verbitterte die Oxybier: daß sie unerwartet der ihnen zu Hülffe anziehenden Deciaten die wol viermal stärckern Römer aus blinder Rachgier / aber mit grossem Verlust anfielen. Die Deciaten kamen zwar noch zum Treffen / und stritten mit grosser Hertzhafftigkeit wider den allgemeinen Feind; der ihnen aber überlegen war / ihnen ein Stück Landes abnahm / und den Maßiliern gewisse Geissel zu geben aufbürdete. Folgendes Jahr kriegte der Bürgermeister Titus Annius abermals mit den Galliern über dem Po. Und durch diese unauffhörliche Bedrängung wurden alle Kräffte der Deutschen in Italien / wie die Schliefsteine von dem Eisen unempfindlich verzehret: daß sie nur ihre Achseln / wie andere entferntere Völcker unter ihr Joch beugen musten. Jedoch waren nicht so wol der Römer Waffen als ihre Arglist / und der Deutschen selbsteigene Veränderung die fürnehmste Ursache ihrer scheiternden Freyheit. Sintemal jene bald diesen / bald einen andern Deutschen Fürsten durch einen vergüldeten Schild / ein zugerittenes Pferd / einen mit falschen Edelgesteinen versetzten Degen / oder durch eine gemahlte Lantze bethörten; den Kern ihrer streitbaren Jugend zu Uberwindung anderer Völcker oder der Deutschen selbst an sich zohen / und durch öfftere Botschafften die Beschaffenheit[884] ihrer Länder auskundschafften; die Deutschen aber nach Eigenschaft der versetzten Pflantzen unter dem viel sanfftern Himmel Italiens gleichsam ihre erste Geburts-Art vergessen; und den Safft vieler in dem rauern Deutschlande unbekandten Wollüste an sich gezogen hatten. Weil aber die Celtiberier in Hispanien noch nicht so lange von ihrem Vaterlande entfernet waren; tauerte ihre Hertzhafftigkeit noch immer; und machten sie den Römern nach denen aus Hispanien vertriebenen Carthaginensern doch unaufhörlich zu schaffen; und die Kriege so sauer: daß es Marcus Marcellus daselbst nicht mehr auszustehen getraute / und die junge Mannschafft zu Rom für Schrecken sich nicht mehr gegen die streitbaren Celtiberier wolte brauchen lassen. Dahero sie auch der Rath für freye Völcker zu erkennen / ihnen ihre eigene Gesetze zu lassen / auch sie für Freunde und Bunds-Genossen anzunehmen gezwungen ward.

Bey solcher Beschaffenheit brachen die Römer eine Ursache vom Zaune die Stadt Carthago als den grösten Dorn in ihren Augen auffs neue zu bekämpffen; weil anfangs Königs Syphax Enckel Archobarzanes Masanissen beunruhigte / und hernach dessen sein Sohn Gulussa angab: daß Carthago nicht so wol wider ihn als wider die Römer selbst eine Kriegs-Flotte ausrüsteten; also: daß Scipio Nasica selbst diesen unrechtmäßigen Krieg beweglich wiederrieth. Inzwischen verfiel Carthago mit Masanissen in Krieg; weil er ihre Stadt Oroscopa belägerte. Seine Heerführer Anasis und Juba giengen auch mit 6000. Numidiern zu Asdrubaln über; welcher Masanissen anfangs ziemlichen Abbruch that / hernach aber in Anwesenheit des von einem Berge zuschauenden Scipio Emilianus in einer blutigen Schlacht geschlagen / auff einem Berge belagert / und den schimpflichsten Vergleich einzugehen gezwungen ward. Worbey denn die Römer Masanissen anzureitzen nicht vergassen: daß er sich seines Glückes gebrauchen solte. Ungeachtet nun Carthago durch zwey Botschafften sich für den Römern demüthigte / Asdrubaln in Elend vertrieb / so kriegten sie doch keine andere Antwort; als: sie solten Rom Vergnügung geben; darüber aber / was hierunter gemeint würde / konten sie keine Auslegung erbitten. Insonderheit drang Porcius Cato mit hefftigster Ungestüm auff den Krieg; und ruffte wol tausendmal auf dem Rathhause: Carthago werde vertilget! zeigte zugleich eine frische Feige / welche allererst für drey Tagen zu Carthago überbracht worden war; nöthigte also gleichsam dem Römischen Rathe wider den Nasica ab: daß ihre Einäscherung beschlossen / und das von Carthago abfallende Utica begierig angenommen ward. Wiewol sich nun Carthago durch anerbotene freywillige Ergebung das ihnen aufgebürdete Vorhaben der Feindseligkeit genungsam ablehnte / sie auch dem Römischen Befehle nach für Abschiffung der zum Kriege befehlichter Bürgermeister 300. edle Geissel nach Lilybeum lieferten; so schifften doch die Bürgermeister nach Utica / und zwangen die Carthaginenser: daß ob sie schon Asdrubal bekriegte / sie doch ihre Schiffe verbrennen / und alle Waffen aushändigen musten / welche zu Bewaffnung gantz Africens genung gewest wären. Als sie diß würcklich vollbracht / fällte Lucius Martius noch dieses harte Urthel über sie: Sie solten ihre Stadt abbrechen / und vom Meere weg eine andere bauen. Welches die Gesandten in eine Raserey / nach vergebener flehentlicher Bitte aber dieses edle Volck in Verzweiffelung /und in grausame Wütung wider die / welche zu Ausliefferung der Geissel und Waffen gerathen hatten /endlich in die Waffen / worzu die Frauen ihre Geschmeide verschmeltzten / ihre Haare abschnitten /brachte; welches auch eine lange Zeit männlich und wider alle menschliche Vernunfft die Belägerung austauerte / in welcher 500. in Sold genommene / und 300. aus[885] der Dienstbarkeit freygelassette Deutschen in Ausfällen / Zernichtung der Sturmböcke und anderer Gegenwehr gleichsam Wunderwercke ausübten / und denen schier ihrer Vernunfft beraubten Carthaginensern zu Wegweisern dienten. Massen denn auch durch des verachteten Masanissa Absetzung / und des wie der versöhnten Asdrubals Näherung das Römische Heer in grosse Noth gerieth / und die Belägerung hätte aufheben müssen / wenn nicht Publius Scipio /dessen Geschlechte gleichsam vom Verhängnüsse zum Untergange der so mächtigen / und sieben mal hundert tausend Einwohner beherbergenden Stadt Carthago versehen war / darfür kommen wäre. Denn Asdrubal / welcher mit 20000. Africanern / und 2000. vom Andriseus aus Macedonien empfangenen Deutschen die Belägerer mit täglichem Lermen und Abschneidung der Lebensmittel ängstigte / begegnet nach Masanissens Tode seinem Sohne mit ansehnlicher Numidischen Reuterey so er an sich gezogen /und nach ihm aufgetragenem Bürgermeister-Ampte anfangs das Theil Megara erobert / hernach den Seehafen verstopfft / den neuerbauten Hafen und das Theil der Stadt Cothon / endlich auch nach sechstägichter Stürmung das Schloß Byrsa eingenommen hätte. Der Esculapische Tempel war allein noch übrig; darinnen sich Asdrubal zwar eine zeitlang wehrete / aber endlich doch kleinmüthig ergab. Die aus Deutschem Geblüte allein ersprossene Ehfrau des Asdrubals konte sich so wenig / als vorher Sophonisbe überwünden in der Römer Dienstbarkeit zu fallen. Dahero / nach dem sie ihrem zu des Scipio Füssen sitzenden Ehmanne von dem Esculapischen Tempel hefftig verwiesen hatte / schlachtete sie seine zwey Söhne / und stürtzte sie mit sich nach dem Beyspiele der Königin Dido in die unter ihr rasenden Flammen. Scipio selbst konte sich nicht enthalten mit seinen Thränen die nich siebentägichten Flammen glüenden Brände dieser sieben hundert Jahr / (welches schier das längste Ziel langer und grosser Reiche zu seyn pflegt) geblüheten / und nun in der Asche liegenden Stadt auszuleschen. Und wie Nasica vorher die gäntzliche Vertilgung beweglichst wiederrathen hatte: wormit Rom aus Scheue dieser mächtigen Nachbarin nicht in sichere Wollust verfiele; also wahrsagte nunmehr Scipio in Erwehnung des Trojanischen Brandes auch der Stadt Rom ihren Untergang.

Hertzog Zeno fing hierüber an: ihn bedeuchtete: es habe Nasica nicht alleine klüglich gerathen Carthago stehen zu lassen / sondern auch Scipio über ihrer Einäscherung billich geweinet; wo anders die Thränen nicht wie in dem mittägichten Theile des Atlantischen Eylandes / ein Merckmal der Freude / oder ein Firnß der rachgierigen Vergnügung beym Käyser Julius gewest / als dieser des Pompejus blutigen Kopf in die Hände bekam. Denn in Warheit nicht nur eintzele Personen werden durch des Nachbars Tugend aufgemuntert / oder vielmehr durch eine Scheue für anderer Aufsicht von Lastern zurück gehalten; wie an dem Römischen Adel / so lange als der verjagte Tarqvinius noch lebte / anzumercken war / in dem dieser nach seinem Tode bald das Volck zu drücken anfing; sondern es bleiben auch gantze Völcker nur so lange tugendhafft und streitbar; so lange die benachbarte Tugend sie im Zaum hält. Die Feuersteine geben nur so denn Feuer von sich / wenn man einen andern schlägt. Daher hielt es der kluge Cleomenes für rathsam die überwundenen Argiver nicht gar auszurotten; wormit ihre Jugend noch iemanden behielte / an dem sie ihre Tapfferkeit ausübten. Hingegen verfiel mit dem Thebanischen Fürsten Epaminondas nicht nur seiner Landesleute / sondern auch seiner Feinde der Athenienser Tapfferkeit. Hertzog Herrmann hat mir selbst bekennet: daß der zwischen den Cherußkern und Catten strittige Vorzug ein Wetzstein beiderseitiger Tapfferkeit[886] gewesen sey. Ja ich glaube: daß / wie nach eingeäschertem Carthago / nach überwundenem Asien Rom zwar in seinem Leibe mehr Fleisch / aber nicht stärckere Spann-Adern bekommen habe; also es durch seine eigene Laster verfaulet wäre; wenn nicht die rauen Winde / welche ihnen zeither aus der kalten Mitternacht in die Augen gegangen sind / selbtes noch erhalten hätten. So konte ihm auch Scipio leicht die Rechnung machen: daß die gerühmte Ewigkeit der Stadt Rom ein Traum der Uhrheber wäre / und grosses Glücke wegen seiner schweren Last nicht lange Zeit auf einem Beine stehen könte. Dahero sprachen die Scythen beym grossen Alexander dieser Abgöttin gar alle Beine ab; als welche nur Hände und Federn an sich hätte; welche letztere sie mit den erstern keinmal ergreiffen liesse / wormit sie iederzeit die Freyheit behielte ihren Flug anderwärts hin zu nehmen. Uber diß behertzigte Scipio / mit was Unrecht Rom diß Kriegs-Feuer durch die halbe Welt ausgestreuet hatte; und daß die göttliche Rache insgemein den in dem glüenden Ochsen brate / der solchen für andern gegossen hat. Insonderheit aber ungerechtem Gute wie des Adlers von dem Opffer-Tische gestohlnen Fleische eine glüende Kohle anhencke / welche hernach des Raubers gantzes Nest in Brand steckt.


Adgandester fuhr hierauf wieder fort: Er wüste nicht: ob Scipio / als der selbsteigene Werckzeug so unrechter Grausamkeit oder einiger anderer Römer damals mehr in seinem Gemüthe eine so zarte Empfindligkeit gefühlet hätte; weil sie hierauff gleichsam stockblind in den Pful der ärgsten Laster gerennt / und nach zerstörtem Carthago dem Meere vollends das andere Auge / nemlich die schöne Stadt Corinth / und zwar ehe / als sie unter die Zahl der Feinde gerechnet worden / ausgestochen; ja bey spielendem Freuden-Gethöne dieses Wunder der Städte angezündet / und die Steine in kostbaren Staub verwandelt. Worbey aber mehr der Römer Unverstand als ihre Grausamkeit zu bejammern war. Sintemal sie die edelsten Marmel-Säulen aus Kurtzweil / oder um etwan ein darein zur Befestigung eingelassenes Stücke Ertzt zu bekommen zerschmetterten; Die Ertztenen Bilder zerschmeltzten / und unter andern den vom Aristides gemahlten Bacchus zu einem Spielbrete brauchten /für welchen König Attalus hernach 6000. Silbergroschen bot / Mummius aber selbten zu Rom in der Ceres Tempel setzte. Wie nun ein schon einmal beflecktes Kleid nicht mehr in Acht genommen wird; Also hielt es Rom nach einmal an Carthago so offenbar verübten Ungerechtigkeit nicht mehr für Schande sich täglich mit neuen Lastern zu besudeln / und durch ihre Macht der Boßheit das Ansehn und die Zuläßligkeit der Tugend zu geben. Denn eben so betrüglich verfuhr der Ehrsüchtige Bürgermeister Appius Claudius wider die Salaßier / welche sich von der Saale unter die Göröjischen Alpen in ein Thal an dem Flusse Duria niedergelassen hatten. Dieser ward vom Rathe geschickt sie mit ihren Nachbarn zu vergleichen; welche sich beschwerten: daß die Salaßier ihnen den Strom Duria verbauten / und zum Nutzen ihrer Goldbergwercke anderwärts hin verleiteten; also sie ihre unterhalb habende Wiesen und Aecker nicht bewässern konten. An stat dessen aber fiel Appius bey den Salaßiern mit Kriegs-Macht ein / und verheerete alles mit Feuer uñ Schwerd. Diese warẽ nichts minder hertzhafft als unschuldig; grieffen also den Appius an / und erschlugen 5000. von seinem Heere. Der Rath zu Rom hörte zwar des Appius Unrecht und Unglück; aber sie trachteten nicht jenes zu verbessern / sondern diß nur zu rächen. Jedoch waren sie darüber so bekümmert: daß sie die Sibyllinischen Bücher aufschlugen / und belernt wurden: daß sie allezeit / wenn sie mit den Deutschen kriegen wolten / auff derselben Gräntzen ihren Göttern opffern solten.[887] Hierauf grieffen die Römer die Salaßier auffs neue an; und weil dieser ein Mann gegen zehn fechten muste / wurden sie geschlagen / 5000. erlegt / und den Römern das flache Land nebst den Goldgruben abzutreten gezwungen. Gleichwol aber schätzten die Römer den Appius keines Siegs-Gepränges würdig. Und als er sich dessen eigenmächtig anmaste / hätten sie ihn mit Gewalt vom Wagen gezogen / wenn nicht seine Tochter als eine Vestalische Jungfrau ihn beschirmet hätte. Noch viel ärger spielten es die Römer dem unvergleichlichen Helden Viriath mit; dessen Deutscher Uhrsprung und Thaten nicht nur allhier / sondern in der gantzen Welt erwehnt zu werden würdig sind. Es ist bekandt: daß mit denen Carthaginensischen Kauffleuten viel Deutsche in Hispanien übergesetzt sind; Und nicht nur an dem eusersten Westlichen Land-Ende / sondern auch an dem Flusse Anas unter dem Gebürge der Venus einen ziemlichen Strich unter dem alten deutschen Nahmen der Celten bewohnt haben. Diese waren geschworne Feinde der Carthaginenser; und der Werckzeug ihrer meisten Siege in Hispanien. Daher sie auch nach dem andern Punischen Kriege /da Carthago Hispanien im Stiche lassen muste / keine Gelegenheit versäumten den Römern Abbruch zu thun. Unter diesen war ein Fürst der Celten am Flusse Anas Olonich / welcher dem Macedonischen Könige Perses zu liebe auf heimliche Anstifftung der Carthaginenser die Waffen wider die Römer ergrief; aber von ihrer Macht überdrückt / und nach hertzhafter Gegenwehr in einer Schlacht getödtet ward. Sein Großvater ein Sidinischer Fürst an dem Jader oder Oder-Strome war mit etlich tausend Deutschen übers Meer dahin kommen / und hatte selbiges Gebiete von Carthago zum Geschencke bekommen. Weil nun die Römer allen Celten die Hände abschnitten / ja Weiber und Kinder tödteten / flohe Olonichs Wittib mit ihrem halbjährigen Kinde Viriath / welchen Nahmen ihm Olonich nach der Sidinischen Fürsten Hauptstadt in Deutschland gegeben / in das Gebürge der Venus. Die Römer aber verfolgten sie auch in diesen Klippen; also: daß diese edle Fürstin entweder unversehens /oder auch vorsätzlich / um nicht in der Römer Hände zu fallen von einem Felsen abstürzte. Aller andern Flucht verursachte: daß dieses Kind im Gebürge liegen blieb; iedoch / weil es der menschlichen Vorsorge entbehren muste / von den Gemsen gesäuget ward. Sechs Monat genaß es aus sonderbarer Versehung Gottes dieser unartigen Mutter-Milch / ehe ein in das Gebürge hütender und einer geschossenen Gemse nachklettender Ziegen-Hirte das Kind fand / solches in seine Hütte trug / und als sein eignes auferzoh. Diese Wildnüß aber konte so wenig die hohe Ankunfft dieses Fürsten / als des grossen Cyrus verbergen. Er ward der schönste und geschickteste unter den Hirten-Knaben; und keiner war so Ehrsüchtig: daß er nicht diesem verborgenen Fürsten den Vorzug enträumte / und ihn für seinen Führer erkennte. Ermachte ihm und seinen Gefärthen selbst Bogen und Pfeile /und leitete sie mehr zu Verfolgung des Wildes / als zu Hütung ihres Viehes an. Die Alten fragten ihn mehrmals als einen Knaben noch um Rath / und die Zwistigen nahmen ihn für ihren Richter an. Hierdurch machte er ihm in der Blüthe seiner Jugend ein Ansehn eines Alten; und durch Freygebigkeit verknipffte er ihm aller Gemüther. Denn wenn er auff die Gemsen oder ander Wild ausgieng / behielt er von seinem Geschossenen das geringste / und theilte das übrige unter die Gefärthen aus / die gleich nichts getroffen hatten. In diesem Stande blieb er / biß Marcellus den Celtiberiern die Stadt Ocelis und Nertobriga / Marcus Atilius aber denen Lusitaniern die Stadt Oxthraze und etliche Vettonische Städte abdrang. Weil nun die Römer das Land mit Rauben durchstreifften / und also auch dem Celtischen[888] Gebürge sich näherten / machte sich Viriath mit den andern Hirten an etliche dieser Räuber / und eroberte nach ihrer Erlegung / zu seiner höchsten Vergnügung / ihre Waffen / und hiermit fing der in seinẽ Hertzen verborgene Zunder der Tapferkeit Feuer: daß er nach einmal in die Hand bekommenem Degen den Hirten-Stab wieder anzurühren für unausleschliche Schande hielt. Hierzu kam die allgemeine Verbitterung der Hispanier über den Lucullus / welcher mit der am Flusse Tagus gelegenen Stadt Cauca einen Frieden machte; hernach sich und sein Volck betrüglich hinein spielete; alle Mannschafft über vierzehn Jahr meineydig erwürgte / Weiber und Kinder aber verkauffte. Wie nun Lucullus die Stadt Intercatia belägerte / und Sergius Galba in Lusitanien einbrach; gab sich Viriath nicht nur selbst in Krieg / sondern redete auch zwey hundert junge Hirten auf nebst ihm wider so falsche Feinde die Waffen zu ergreiffen. Das Heer der Lusitanier ward vom Galba in die Flucht bracht. Wie aber Viriath mit seinen Gefärthen auf einem Hügel wahrnahm / wie sparsam und langsam die müden Römer sie verfolgten / faßte er ihm einen frischen Muth einem feindlichen Hauffen die Stirne zu bieten. Wie dieser nun wegen ermangelnden Nachdrucks zurücke wiech; nahmen anfangs die Celten /hernach auch die Lusitanier von diesen Hirten ein Beyspiel sich zu wenden. Worüber die zerstreuten Römer in Schrecken und Flucht geriethen / ja aufs Haupt geschlagen wurden; also: daß ihrer 7000. todt auf dem Platze liegen blieben / und Galba mit der Reiterey kümmerlich nach Carmelis entraan / und sich gar nach Conistorgis zurück ziehen muste. Die Stadt Pallantia ward hierdurch auch aufgefrischt: daß sie den Lucullus tapfer zurück schlug; Viriath aber mit einem Pferde / einer güldenen Kette / und einem köstlichen Schwerdte beschenckt / auch zum Hauptmann über fünf hundert Celten gemacht. Dem Galba that dieser Streich in der Seele weh; daher schämte er sich nicht aus Mißtrauen zu seiner Tapferkeit sich des Betruges zur Rache zu bedienen; ließ derhalben den Lusitaniern einen Vergleich antragen; sintemal er selbst wohl wüste: daß sie mehr ihr Mißwachs an Oele /Wein und Weitzen / an Ablieferung ihres Zinses gehindert; als sie aus Untreu die Waffen ergriffen hätten. Der Vertrag ward auf leidliche Bedingungen gemacht; und die Lusitanier stellten sich zu Beschwerung des neuen Bundes beym Galba ein; welcher sie mit Römischem Kriegsvolcke umbsetzte / und nach gutwillig niedergelegten Waffen ihrer 10000. erbärmlich niederhauen ließ. Zu allem Glücke kriegten die auf den folgenden Tag verschriebenen Celten / als sie gleich in das Römische Läger einziehen solten / durch einen Entronnenen / Wind von der verrätherischen Blutstürtzung. Daher Viriath sein Pferd zum ersten umbwendete / und nicht nur den Celten ein Wegweiser zu ihrer Erhaltung war / sondern auch die ihm nachsetzenden Römer mit blutigen Köpfen / und in weniger Anzahl zurück schickte. Weil nun Galba auf dem flachen Lande theils mit Ermordung / theils mit Verkauffung der Gefangenen gleichsam seine Kräfften prüfete: Ob sie in Geitz oder Grausamkeit am höchsten kommen könten; verhieb sich Viriath im Gebürge / und thät durch öftere Ausfälle den Römern mercklichẽ Abbruch. Sein Ruhm wuchs hierüber durch gantz Hispanien; die Noth aber / und seine in Austheilung der Beute erzeigte Freygebigkeit vergrösserte seinen Hauffen so sehr: daß er / nach dem die gröste Macht der Römer wider Carthago in Africa übergesetzt war / sich mit fünf tausend Kriegsleuten herfür machte / und in das den Römern beyflichtende Turdetanien einfiel / und biß an den Fluß Betis mit Flucht und Schrecken alles erfüllte. Cajus Vetilius sa&lete zwar wider ihn ein starckes Heer; und die bekümmerten Lusitanier stunden schon auf dem Schlusse sich dem Vetilius zu untergeben; als Viriath durch Aufmutzung vieler Römischen Meineyde die Handlung abbrach /[889] und sich mit denen Gesandten nach Tribola flüchtete; hernach die Römer durch dort und dar gedräute Einfälle und geschwinde Zurückziehungen matt und müde machte. Vetilius ward hierüber verdrüßlich; und dardurch verleitet: daß er in Meynung diesen verwegenen Hirten mit Strumpf und Stiel auszurotten / sich in einen sumpfichten Wald nachzusetzen verleiten ließ; darinnen ihn die versteckten Celten auf allen Seiten angriffen / und mit seinem in dem Schlamme sich kaum zu rühren vermögenden Heere erschlugen. Die sechs tausend nach Tartessus entkommenden Römer wurden zwar mit fünf tausend frischen Völckern verstärckt / und gegen dem Viriath geführt; aber von ihm derogestalt bewillko&t: daß kein Bothe übrig blieb ihre Niederlage zu berichten. Diese herrliche Siege machten: daß gantz Lusitanien ihn für ihren Hertzog erklärten / und ihre Kriegs-Fahnen seiner Bothmässigkeit untergaben. Viriath / umb mit dieser neuen Würde auch seinen Ruhm zu vergrössern / und durch seine Regung auch die Celtiberier zu beseelen / wendete sich von dem Gaditanischen Meere gegen dem Tagus; trieb alle Römer aus Carpetanien / und bereicherte sein Kriegs-Volck mit vieler Beute. Cajus Plautius eilte mit vierzehn tausend Römern ohne die Hülffs-Völcker dahin / umb das schon wanckende Tarraconensische Hispanien im Gehorsam zu erhalten. Der schlaue Viriath eilte über Hals und Kopf aus Carpetanien / umb durch seine angenommene Furcht die Römer in Vermessenheit zu setzen. Plautius meynte / der Sieg würde ihm mit denen entrinnenden Lusitaniern entflügen; daher schickte er vier tausend Mann eilfertig nach; welche sich an den Feind hängen / und ihn biß zu seiner Nachfolge aufhalten solten. Viriath aber wendete sich bey Libora; umbringete und erschlug sie: daß kaum hundert Römer entraanen. Gleichwohl aller wiech Viriath noch immer zurücke / welchem Plautius aus Begierde der Rache über den Tagus folgte / und unter dem Gebürge der Venus sein Läger schlug. Diese diß Gebürge bedeckende Oel- und Friedens-Bäume aber verwandelten sich dem Viriath in Lorbern / dem Plautius in Cypressen. Denn dieser ward von jenem aufs Haupt geschlagen; welcher / weil die Römer mit wenigen kaum darvon kamen / ihr Gebiete weit und breit unter Schatzung setzte; und die über einem Opfer beschäftigte Stadt Segebrige durch schnellen Uberfall eroberte. Nicht besser machte er es dem Cajus Nigidius / und dem einhändichten Stad-Vogte Claudius; derer erstern mit Strumpf und Stiel auf einmal vertilgte; in dem wider den andern fürhabenden Zuge aber gerieth er fürhabender Ausspürung des Feindes mit drey hundert Celten unter tausend Römische Reiter; iedoch hielt er sich mit den Seinen so ritterlich: daß er nur siebzig einbüßte; die Römer aber nach Verlust drey hundert und zwantzig Mann die schimpflichste Flucht nahmen. Das allermerckwürdigste aber war: daß ein in dem Gepüsche von sieben Römern überfallener Ritter Gußmann selbigen die Stange both; und nach dem er des ersten Pferd mit der Lantze erlegt /dem andern den Kopf mit dem Schwerdte zerspalten /die übrigen in die Flucht brachte. Diß aber war nur ein Vorspiel der dem Claudius bald darauf begegnenden völligen Niederlage. Welchen Sieg er so hoch hielt: daß er auf dem höchsten Gipfel des mehrmals erwehnten Venus-Gebürges ein marmelnes Sieges-Zeichen ausrichtete / der erlegten Römischen Feldherren Waffen und Purpur-Röcke daran hing; und den Göttern daselbst sieben Tage nach einander auf Hispanische Art eitel rechte denen Römern abgehauene Hände opferte. Wie nun Viriath daselbst in voller Andacht für dem Altare lag; trat aus dem grossen Hauffen des daselbst versa&leten Volckes eine edle gantz schwartz gekleidete Frau herfür; welche / nach dem sie den Hertzog Viriath eine gute Weile mit starren Augen betrachtet hatte / drey[890] Handvolln rothes Saltz in das heilige Feuer warff / und laut zu ruffen anfing: O ihr Götter! eröfnet mir meine Augẽ: daß ich dis /was ich mir festiglich einbilde / recht erkennen möge! Hierauf redete sie den Viriath getrost an: Wo mich das Verhängnüß nicht selbst verblendet / bist du nicht Indibil und ein Hirten-Kind; (also hatte man ihn zeither geheissen) sondern Viriath des tapfern Celtischen Fürsten Olonich Sohn. Denn du sihest ihm so gleich /als wenn du ihm aus den Augen geschnitten wärest; und das kleine Feuer-Mal in dem rechten Schlafe /welches ich genau wahrgenommen / als ich dich gesäuget / ist mir ein gewisses Merckmal. Wormit aber weder du noch iemand anders an dieser Wahrheit zweifeln darffst / so entblösse deine rechte Brust; damit man auf selbter das Merckmal der Sidinischen Fürsten / nemlich die eigentliche Bären-Tatze erkenne. Viriath empfand sich zu seiner grossen Vergnügung überwiesen / und aus einem Hirten in einen gebohrnen Fürsten verwandelt. Daher rieß er seinen Rock auf / und zeigte allem Volcke das angedeutete Bären-Zeichen. Bald darauf ward auch Viriaths vermeynter Vater ein alter Ziegen-Hirte aus einer Hütte herbey geholet; welcher bekante: daß er für ein und zwantzig Jahren nach dem Einfalle der Römer und des Fürsten Olonichs Erlegung ihn als ein Kind im Gebürge gefunden habe. Alles Volck fing hierüber ein so grosses Freuden-Geschrey an: daß das Gebürge erbebte / und die tieffen Stein-Klüffte durch ihren Wieder-Schall gleichsam auch ihr Jauchzen beysetzten. Gantz Lusitanien ließ ihn hierauf für ihren Fürsten und Ober- Haupt ausruffen; welchen die Tapferkeit vorher schon zu ihrem Feldherrn gemacht hatte. Er aber selbst änderte mit seinem Stande das mindeste seiner Sitten; sondern er ging mit seinen Kriegsleuten wie mit seinen Brüdern umb; ließ ihnen alle Beute /und vergnügte sich mit der Ehre. Sein Schild war ins gemein seine Taffel; welche meist nur mit Brodt und Wasser angerichtet ward. Er schlief niemals ungewaffnet / noch über fünf Stunden. Wollüste waren ihm so fremde / als Hispanien die Crocodile; also: daß er auch sich zu verheyrathen schwerlich zu bereden war. Mit einem Worte: Er zeigte sich in allem ein ausbündiger Fürst zu seyn / wenn er es schon nie wäre gebohren gewest. Der Rath zu Rom ward über dieser neuen Zeitung noch mehr bekümmert / schickte daher den Bürgermeister Quintus Fabius Emilianus mit siebzehn tausend frischen Völckern in das Betische Hispanien. Die Uberbleibung der vormals geschlagenen Heere aber machte durch Herausstreichung des unüberwindlichen Viriaths die Römer so bestürtzt: daß sie Fabius nicht über den Fluß Betis zu führen getraute; sondern sie bey der Stadt Orsona durch Kriegs-Ubungen vor abzuhärten / auch selbst in dem Eylande Gades dem Hercules auf Celtische Art zu opfern für nöthig hielt. Unterdeß aber setzte Viriath selbst über den Fluß Betis; nahm den Römern vier hundert nach Holtz fahrende Wagen mit fünf hundert Reitern weg; und als des Viriaths Befehlhaber ihn verfolgte / schlug er sein Heer aus dem Felde /und eroberte eine unsägliche Beute. Ob nun wohl Fabius zurück eilte und verstärckt ward / traute er doch nicht mit dem Viriath zu schlagen. Nach dem die Römer mit ihrem Schaden des Viriaths Kriegs-Streiche endlich lernten / erlangte Fabius zwar in etlichen Scharmützeln einigen Vortheil; alleine er wetzte bald diese Schart an dem ihm gleichsam zum Glücks-Steine erkieseten Gebürge der Venus durch Uberwindung des Quintius / und Eroberung der Stadt Ituca aus. Hierdurch brachte er nicht allein die streitbaren Arvacker / Titther und Beller umb den Strom Suero auf seine Seite; sondern auch die Stadt Numantja dahin: daß sie gegen die ungerechten Römer großmüthig die Waffen zückten / welche sie als Sclaven niederlegẽ solten;[891] weil sie von den Römern verjagten Segulenser beherbergten / und für sie eine Vorbitte einlegten. Weil nun Metellus gegen diese zu Felde lag / durchstreiffte Viriath das Land Bastetanien biß an den Berg Orospeda. Seine beste Beute aber war Algarbe eines Celtiberischen Fürsten Tochter / welche er in dem Orospedischen Tempel der Minerve zu Gesichte bekam / und wider seinen ersten Vorsatz gleichsam aus einem Göttlichen Eingeben heyrathete. Die Hochzeit war zwar mit grossem Gepränge angestellt; die Taffel mit köstlichen Speisen bedeckt; aber er war nicht zu bereden sich daran zu setzen / am wenigsten aber nach selbiger Landes-Art aus wohlrüchenden Wassern zu waschen; sondern er aaß nur stehende ein Stücke Brodt und Fleisch; alles andere überließ er seinen Gefärthen. Die kostbaren Tapezereyen strich er im Zimmer und Bette mit seiner nie aus der Hand gelegten Lantze weg / mit Vermelden: daß diese allein eines Fürsten Zierrath wäre. Nach weniger Stunden Verlauff / als nur die Priesterliche Einsegnung geschehen war / nahm er ohne Ubernachtung seine Braut / setzte sie auf ein Tiegerfleckichtes Pferd / und ritt mit ihr seinem Heere und dem Gebürge zu. Der Bürgermeister Quintus Fabius Servilianus kam gleich damals mit zwantzig tausend Mann von Rom dahin / umb gegen den Viriath sein Heil zu versuchen. Ungeachtet er nun nur sechs tausend Mann starck war / verbeugte er doch dem gegen Ituca eilenden Fabius den Weg; und vertraute seiner der Waffen längst gewohnten Gemahlin Algarbe die Helfte seines Heeres; welche umb den Römern mit einem ungewöhnlichen Aufzuge zu begegnen / alle ihre Kriegsleute wie Weiber bekleiden / ihre Haar-Zöpfe aufflechten / und die Locken über Antlitz und Achseln abhencken ließ. Hierauf traff sie und Viriath auf der andern Seite mit einem so abscheulichen Geschrey gegen die Römer: daß diese erstarreten / gleich als wenn sie von höllischen Unholden angefallen würden. Fabius hatte alle Hände voll zu thun sein dort und dar verwirrtes und weichendes Heer auffzurichten / und so lange im Stande zu behalten / biß die Nacht sie / wiewohl mit grossem Verlust der Römer / scheidete. Fabius als er folgenden Tag von einem Gefangenen die Schwäche des Viriaths / und daß sein Heer für einem Weibe erzittert wäre / vernahm / hätte sich für Verdruß in die Finger beissen mögen; gleichwohl aber wagte er sich nicht noch einmal an den Feind / biß er vom Könige Micipsa zehn tausend Africaner und zehn Elefanten bekam. Hierauf band er mit dem sich verstärckenden Viriath abermals an; welcher Fuß für Fuß zurücke wiech / biß er den Fabius an einen Pusch brachte / aus welchem sein Hinterhalt den Römern in die Seite ging / sie trennte / drey tausend Römer / vier tausend Africaner und Hispanier erlegte / alle Elefanten eroberte / und den Fabius über Hals und Kopf ins alte Läger trieb; welches auch zugleich eingenommen worden wäre / wenn nicht Cajus Fannius es noch hertzhaft verfochten hätte. Unterdessen setzte Quintus Metellus den Celtiberiern heftig zu / schlug mit Bedräuung: daß er alle ohne Sieg zurück kommende Römer als Feinde tödten wolte / die Arvacker / und belägerte die Stadt Nertobriga an dem Flusse Salo. Weil aber die Belägerten des zu den Römern übergegangenen Rhetogenes Kinder in dem Sturm-Loche an die Spitze stellten; ließ Fabius / ungeachtet der grimmige Vater ihn ermahnte über seiner Kinder Leichen den Sieg zu verfolgen / vom Sturme abblasen; und ala er des Viriaths Anzug vernahm / hob er die Belägerung gar auf. Folgendes Jahr hatte zwar Fabius das Glücke denen Lusitanischen Obersten Curius und Apulejus die Städte Escadia / Gemella und Obulcula abzudringen; aber Viriath hemmete alsbald sein Glücks-Rad / und trieb ihn von der Stadt Baccia weg. Quintus Pompejus[892] kam mit zwey und dreißig tausend alten Kriegsleuten in Celtiberien / und erregte daselbst so grosses Schrecken: daß die zwey mächtigen Städte Numantia und Termes an dem Flusse Durius schon auff dem Sprunge gestanden sich den Römern zu unterwerffen. Aber der als ein Blitz dahin eilende Viriath verdrehete das schon bey nahe verlohrne Spiel; in dem er die ihnen anbefohlne Ausfolgung der Waffen für ein ärger Brandmahl auslegte; als wenn ihnen die Hände abgehackt würden. Eines hertzhafften Helden Geist ist so wohl fähig hundert tausend Menschen zu beseelen / als ein Funcken gantze Länder anzuzünden. Daher machte Viriaths Auffmunterung: daß Pompejus beyde Belägerungen der Städte Numantia und Termes nach eingebüstem vielem Volcke schimpfflich auffheben / in Seditanien zurücke weichen / und seine Rache an dem Räuber Tangin /und an den furchtsamen Lancinern ausüben muste. Fabius Servilian belägerte inzwischen die Stadt Erisane; Viriath aber spielte sich des Nachts hinein / thät früh auf die Römer einen glücklichen Ausfall und schlug nicht allein sie dar weg / sondern brachte sie auch im Gebürge derogestalt ins Gedränge: daß Fabius mit dem Fürsten Viriath einen Frieden schlüssen /und alles gewonnene Land ihm lassen muste. Durch diß Mittel entrann Fabius und das umzüngelte Römische Heer aus Viriaths Händen; aber der Römische Rath / dessen Ehrsucht nunmehr weder Eyde noch Bündnisse weiter zu halten gewohnt war / als sie ihm Nutzen brachten; erklärte insgeheim diesen schimpfflichen Frieden für ungültig; und schickte den Bürgermeister Cöpio in das Betische Hispanien; welcher den sich ehe des Himmel-Falls als eines Frieden-Bruchs sich versehenden Viriath in der Stadt Arsa zu überfallen vermeinte. Aber Viriath entwischte ihnen unter den Händen in Carpetanien; und weil er da so geschwinde sein Kriegs-Volck nicht zusammen ziehen konte / über den Fluß Tajus. Weil nun Cöpio ihm auff dem Fuße folgte / und so wohl den Vettonern als Galliern grossen Brandschaden zufügte / machte Viriath mit dem Cöpio einen neuen Frieden / trat ihm etliche Plätze ab / und händigte ihm viel Uberläuffer aus. Als diß geschehen / brachte Cöpio ein unerträgliches Friedens-Gesetze auffs neue auff die Bahn; nehmlich: die Lusitanier solten alle ihre Waffen aushändigen. Viriath verlachte diese kaum Weibern anmuthliche Bedingung; verfluchte der Römer Betrug und seine Leichtgläubigkeit / rüstete also sich auffs neue wider den Cöpio zum Kriege / und fügte durch Abzwackung der nach Holtz und Lebensmitteln ausgeschickten Reuterey grossen Abbruch zu; worüber die Römer so erbittert wurden: daß sie den friedbrüchigen Bürgermeister selbst in seinem Zelte verbrennt hätten; weñ er nicht durch die Flucht sich aus dem Staube ge macht hätte. Diese Gefahr und das Mißtrauen am Viriath zum Ritter zu werden / verleitete den Cöpio zu neuer Arglist / und einem Friedens-Vorschlage. Unter denen Gesandten des Fürsten Viriaths waren zwey Lusitanier Ditalco und Minurus. Diese gewann er durch Versprechung der Lusitanischen Ober-Herrschafft und anderer güldenen Berge: daß sie ihren Fürsten zu tödten gelobten; welches sie auch die dritte Nacht / als der den Tag vorher in einem glücklichen Treffen ermüdete Viriath in voller Rüstung in seinem Zelte sich auff die Erde gestreckt hatte; Meuchelmörderisch ausübten / und diesem unvergleichlichen Helden die Kehle abstachen / welcher so wohl wegen seiner Aufferziehung und Tapfferkeit selbst von den Römern mit Rechte der Hispanier Romulus genennt /und von den Nachkommen für eine Säule des Vaterlandes verehret war / mit welchem Hispanien gestanden und gefallen ist. Massen denn der ihm nachfolgende Fürst Tautan Sagunt vergebens belägerte / an dem Flusse Betis vom Cöpio so sehr geänstiget[893] ward: daß er sich und sein Heer den Römern ergab; aus welchem aber Viriaths Gemahlin Algarbe mit fünffhundert Celten nach Numantia entran; und mit ihr gleichsam des entleibten Viriaths Geist zum Schutz-Gotte dahin brachte. Sintemal diese Stadt den Pompejus zum andern mahl von der Belägerung abtrieb / und ihn zu einen Frieden zwang; welchen die Römer aber wieder brachen; Jedoch als Popilius Numantia zum dritten mahl belägerte / mit Einbüssung ihres gantzen Heeres den Friedens-Bruch büsseten. Cajus Mancinius belägerte hernach Numantia zum vierdten mahl; die Numantier aber / und insonderheit die dahin geflüchteten streitbaren Weiber der Celten / mit welchen die Fürstin Algarbe aber / welche kurtz vorher dem Bürgermeister Decius Brutus an dem Fluße Durius lange unglaublichen Widerstand gethan hatten / thaten in Ausfällen so grossen Schaden / und jagten den Römern solche Furcht ein: daß sie mehr weder das schreckliche Geschrey / noch die feurige Augen der Numantier vertragen konten / sondern Mantius des Nachts stille abziehen und das Läger verlassen muste. Die Fürstin Algarbe zohe durch ihre Tapferkeit zweyer Numantischen Fürsten Augen auf sich: daß sie beyde um ihre Liebe in Zwist geriethen. Sie aber entscheidete sie derogestalt: daß der / welcher ihr die erste rechte Hand eines edlen Römers zur Morgengabe lieffern würde / ihr Bräutigam seyn solte. Beyde liessen sich noch selbige Nacht über den Wall / funden aber die Lauffgraben / das Feld und endlich das gantze Römische Läger leer. Die von ihnen zurück gebrachte Nachricht munterte alsbald vier tausend Numantier / und darunter viel männliche Weiber auff / den Römern zu folgen. Die Nacht / die Geschwindigkeit / und die Kundschafft der Oerter halff den Numantiern: daß sie das gantze Römische Heer in den Engen des Caunischen Gebürges umsetzten / und zwantzig tausend Römische Bürger / und zehn tausend andere Kriegs-Leute für dem fünfften Theile der Numantier die Waffen nieder zu legen. Als aber Mancinus / Tiberius Gracchus und die andern Römischen Häupter einen Frieden und darinnen der Stadt Numantia ewige Freyheit beschworen hatten / gaben sie ihnen die Waffen und ein Theil der im Läger eroberten Beute wieder. Als Numantia derogestalt in Ruhe war / Brutus aber in Lusitanien biß an das grosse Meer kam / über den Fluß der Vergessenheit uñ den Strom Minius sätzte / eilte die großmüthige Fürstin Algarbe denen Bracarischen Völckern zu Hülffe; aus denen streitbaren Weibern sie ein absonderlich Heer zusammen zoh / und des Brutus Waffen behertzt / ja verzweiffelt die Spitze bot. Sintemahl die gefangenen Weiber / um der Diestbarkeit zu entkommen / sich und ihre Kinder selbst hinrichteten / und den Tod für die edelste Art der Freylassung rühmten. Wie aber Brutus in einer Schlacht funfftig tausend Lusitanier durch eine besondere List erlegte / ward sie gezwungen mit ihren Weibern in die Stadt Pallantia zu weichen / daraus sie bey der vom Marcus Emilius vorgenommenen Belägerung ihre Anwesenheit durch unzehlbare Helden-Thaten bekand machte / und bey des Emilius Abzuge eins der fürnehmsten Werckzeuge war / welche den Römern einen nicht geringern Streich als die Numantiner versetzten. Jessen ungeachtet erklärte der Römische Rath den Numantischen Frieden für nichtig / schickten den Mancius nach Numantia; welche Stadt ihn aber als eines betrügerischen Friedens allzuunwürdiges Opffer anzunehmen verschmeheten. Wie nun Qvintus Piso in Hispanien ebenfals nichts ausrichtete / ward endlich Publius Scipio zum Bürgermeister und Hispanischen Feldherrn erkieset; gleich als wenn er und sein Geschlechte nur zu Zerstörung mächtiger Städte vom Verhängniße gewürdigt wäre. Er kam in Hispanien / ergäntzte die verfallne Kriegs-Zucht / vertrieb die Warsager /schaffte alle dahin[894] zielende Opffer ab / rückte an Numantia / verwüstete alles um die Stadt herum / zohe des Masanissa Enckel Jugurtha mit zwölff Elephanten und vielen Hülffs-Völckern an sich: daß er sechzig tausend streitbare Kriegs-Leute zusammen brachte /schniet den Numantiern alle Zufuhre ab / enteusserte sich mit denen ihn ausfordernden Feinden zu schlagen / führte einen starcken Wall und tieffen Graben um die Stadt herum / verhinderte durch stachlichte Balcken die Schiffarth auff dem Fluße Durius / und alle Ausfälle; nöthigte also diese mit Gewalt unüberwindliche Stadt durch grausamen Hunger beym Scipio durch den Fürsten Abarus zu bitten: Er möchte ihre Ergebung entweder auff hertzhafften Leuten anständige Bedingungen annehmen / oder sie streitende sterben sehen. Weil aber Scipio nur auff Gnade und Ungnade sie verlangte / stürmten sie verzweiffelt den Römischen Wall / erhielten sich hernach noch eine Weile vom Grase / Mäusen und Menschen-Fleische. Endlich vermahnte die Fürstin Algarbe und ihr ander Ehmann Rhetogenes die Numantier durch tapfferen Zweykampff ihrem Leben und Qvaal selbst abzuhelffen. Massen zuletzt beyde sich auch selbst in die Flamme ihrer angezündeten Burg stürtzen; durch welche gantz Numantia derogestalt eingeäschert ward: daß nicht eine lebendige Seele / nicht ein Stücke Gutes / was nach Rom zu bringen verdient hätte / in der Römer Hände gerieth. Also hatte sich das Kriegsvolck über keiner Beute zu freuen; der grosse Scipio aber sich nichts bessers zu rühmen: dann daß er über den Nahmen der Stadt Numantia ein Siegs-Gepränge gehalten hätte.

Gleichwol aber ward durch Vertilgung dieser Stadt das zwey hundert Jahr bekriegte Hispanien gedemüthiget; die achzig Jahr bestrittenen Ligurier rührten sich nicht mehr. Die in Macedonien einfallenden Skordistischen Deutschen wurden bestillet. Der den Römern des Attalus Erbschafft strittig machende Aristonicus vom Perpenna gefangen und erwürget; und dem Kriege der auffrührischen Knechte in Sicilien auch ein Ende gemacht.

Weil nun das in sich selbst schon zwistige Rom so wenig als ein grosser Leib die Ruhe länger vertragen konte; ward es lüstern die Zwirbelwinde seiner Ehrsucht über den lufftigen Alpen auszuwehen. Hierzu gab ihnen eine erwünschte Gelegenheit die Klage der mit den Römern von Alters her verbundener Maßilier über die an dem Rhodan wohnenden Saluvier an die Hand; welche sie mit beyden Händen ergriffen / und ihren Bürgermeister Marcus Fulvius / um nur dieses unruhigen Kopffes in der Stadt loß zu werden / wieder sie mit Heereskrafft schickten. Ob er nun wohl wieder die Saluvier wenig ausgerichtet / sondern nur etliche Rotten ihm einfallender Ligurier und Vecontier vertrieben hatte; so ward ihm doch / weil er zum ersten die Alpen überstiegen / auff künfftig gutes Glück ein Siegs-Gepränge verwilligt. Diesen Anfang konten die Römer ohne Schande nicht ersitzen lassen; und sie erlangten hierzu noch mehr Anlaß durch die zwischen den Deutschen und Galliern erwachsene Kriege; indem gleich zu selbiger Zeit die Sicambrer wider die Sveßioner zu Felde lagen / und den Tod des von ihnen erschlagenen Fürsten Clodius zu rächen suchten; des Cattischen Königs Sohn Bateph aber wegen innerlicher Unruhe mit einem mächtigen Heere sich des Eylandes zwischen denen zwey Ausflüssen des Rheins bemächtigte / die alten Gallier daraus vertrieb / und sich mit denen Menapiern beschwägerte. Die an dem Ursprunge der Flüsse Vigenna und Elaver wohnenden Arverner / drückten die zwischen der Ligeris und Arar wohnenden Heduer auch so sehr: daß sie mit den Römern ein Bündnis machten. Die Heduer machten hierbey den Römern die Zähne nach der Arverner Reichthümern wäßrig; von dessen letzt verstorbenem[895] Könige Luer sie erzehlten: daß er mehrmahls übers Feld zu fahren / und dem Volcke Hauffenweise Gold- und Silberne Müntze ausgestreut / ja einen funffzehn hundert Schritte im Umkreiß habenden Teich mit köstlichem Geträncke erfüllet / und unzehlbare Gerüchte zum Genüß der Arverner viel Tage nach einander auffgesetzt hätte. Dieser Uberfluß und die innerliche Unruh der Gallier war den hungrigen / oder vielmehr unersättlichen Römern ein hefftiger Reitz sich ihrer zu bemächtigen; wiewohl ihnen auch nicht wenig bedencklich war: daß die Arverner alleine über zwey hundert tausend Männer solten in Krieg ausführen können. Aber Geitz und Ehrsucht tilgte bald diß Bedencken. Also rieben sie sich auffs neue an Teutobaln der Salyer König / dessen Gebiete an dem Flusse Druentia und Canus sich in die Alpen erstreckte / und zwischen den Maßiliern und Liguriern gelegen war. Cajus Sextius und die Maßilier kamen ihm so unvermuthet mit zwey mächtigen Heeren auff den Hals; daß er mit Noth zehn tausend Mann zusa&en bringen konte. Mit diesen muste er gegen seine Feinde ehe treffen / ehe er die Ursache des Krieges erfuhr; welche hernach eine Beleidigung der Maßilier seyn solte. Wiewohl der Stärckere für eine neue Beleidigung annimmt / wenn man nach dem Rechte seiner Feindseligkeit fragt. Gleich als wenn die Riesen von der Natur schon das Erlaubniß erhalten hätten mit den Zwergen ihre Kurtzweil zu haben / und Schwächere zu unterdrücken. Wie tapffer nun zwar die Salyer und Sentier ihren Feinden begegneten / muste doch endlich Teutobal / welcher noch darzu von seinem Vetter Crantor verkaufft und verrathen ward / das Feld und sein Reich / in welchem Sextius an dem Flusse Canus eine neue Stadt baute / selbte von denen annehmlichen kalten und warmen Brunnen die Sextischen Wasser hieß / und mit eitel Römern besetzte / räumen / und zu seinem Schwähersohne Hulderich der Allobroger Könige fliehen. Daß Huldrich den König Teutobal auffnahm /war dem Cneus Domitius dem rothbärtigen / welchem Citinius Crassus einen eisernen Mund / und ein eisernes Hertz zueignete / eine genugsame Ursache die Allobroger zu überziehen; diß aber nur ein Vorwand: daß die Allobroger über den Fluß Arar gesetzt / und zwischen der Ligeris und Arar bey den Heduern einen Raub geholet hätten. Wie nun aber Hulderich der Römer Anzug wider sich vernahm; rückte er mit dem Könige Teutobal biß in die Gräntze Italiens / nehmlich an den Fluß Varus dem Domitius entgegen. Domitius mühte sich über den Strom zu setzen / Hulderich aber solches zu verhindern; worüber die Römer denn etliche mahl den kürtzern zohen. Nachdem aber die von den Römern zuvor überwältigten Deceaten und Nerusier dem Domitius allen Vorschub thäten /kam er endlich bey Glanate über / und also es beyderseits zu einer so hefftigen Schlacht: daß der Fluß von dem Blute der Erschlagenen angeröthet ward. Und weil weder ein noch ander Theil weichen wolte / die finstere Nacht beyde trennen muste. Jedes rühmte sich des Sieges. Weil aber Domitius in Ligurien / Hulderich in sein Reich zurücke wich / war die Rechnung leicht zu machen: daß weder einer noch der ander Seide gesponnen hatte. Der Arverner König Bituit Luers Sohn schickte zwar eine Gesandschafft an den Domitius; welcher sich zwischen den Römern / Allobrogen und Salyern zu einem Mitler anbot. Diese war theils wegen ihrer an Huneen bestehenden Leib-Wache / theils wegen eines bey sich habenden weisen Bardens zwar mit Verwunderung angenommen / aber mit schlechter Verrichtung abgefertigt. Denn Rom hielt es nunmehr nicht nur ihres Ortes für Schande /sondern andern theils für die höchste Beleidigung /wenn ein angetastetes Volck nicht alsbald die Waffen niederlegte. Daher setzte der Bürgermeister Qvintus Fabius Maximus zu Egitna im Hafen ein mächtiges Heer aus / und zohe[896] durch der Adunicater / Sentier und Vecontier Gebiete recht gegen die Allobroger. Domitius folgte auf der rechten / die Massilier auf der lincken Seiten mit einem mächtigen Heere. Dieses letztere aber überfiel Bituit der mächtige König der Arverner bey der Stadt Arausio; und erlegte selbtes derogestalt: daß denen Massiliern und dem Fabius kaum die Zeitung solcher Niederlage zukam. Fabius eilte daher desto mehr gegen dem Flusse Isara / umb zu verhindern: daß die Arverner nicht zu den Allobrogen stossen könten. König Hulderich stand mit seinem Lager bey der Stadt / wo die Vecontier ihre Göttin in einem prächtigen Tempel verehren. Wie er aber vernahm: daß Fabius und Domitius mit zweyen Heeren gegen ihm im Anzug wären / besorgte er: Es möchte ihm eines in Rücken kommen / und ihn von seinem Reiche abschneiden. Doch schickte er den König Teutobal mit einem Theile seines Heeres dem Domitius biß an den See / aus welchem der Fluß Sulgas entspringt / entgegen. Aber Teutobal war zum andern mal unglückselig gegen den Domitius. Denn sie traffen zwar gegeneinander fast mit gleichem Verlust des Volckes; aber die Allobroger musten das Feld räumen. Domitius selbst ward heftig verwundet; aber Teutobal gar erschlagen. Bey solcher Beschaffenheit wiech König Hulderich biß an seine Stadt Cularo an den Iser-Strom zurücke; allwo ein Fürst der Tribocer ihm mit etlichen tausend Deutschen zu Hülffe kam. Fabius und Domitius stiessen bey der Stadt Drachenbach zusammen; und es kam daselbst abermals zu einer blutigen Schlacht. König Hulderich / welcher mit seinem rechten Flügel auf des Domitius lincken traff / brachte selbten / hingegen Fabius mit seinem rechten des Tribocischen Fürsten Siegfrieds lincken Flügel in die Flucht; weil allhier etliche dreissig gethürmte Elefanten durch die Deutschen brachen; welche derogleichen Thiere vorher nie gesehen hatten /und daher so viel mehr Schrecken machten. Der Abend / welcher in einem engen Umkreisse zwantzig tausend Todte zu beerdigen bekam / beschloß abermals auf beyden Seiten die Verfolgung des Feindes; und lernten die Römer aufs neue die Tapferkeit der Deutschen / und daß ins gemein die Gemüther der Menschen der Beschaffenheit ihres Himmels und Bodems nacharthen / erkennen. Inzwischen hausete König Bituit in der Marsilier Gebiete nach Gefallen /zerstörte die Sextischen Gewässer / eroberte den herrlichen See-Hafen Telo Martius; er ward aber vom Könige Hulderich durch inständigste Schreiben genöthiget / ihm zu Hülffe zu kommen; zumal schon ein frisches Römisches Heer zu Segusium über den Fluß Duria gegangen war / und bey Ocelum sich gegen ein Theil seines Heeres gelagert hatte. Weil nun Fabius /ungeachtet diese letztere Macht zu ihm stieß / doch über die Iser nicht einbrechen konte / nahm er ihm für über den Rhodan zu setzen / und mit Hülffe der Heduer in die Landschafft der Arverner einzubrechen. Aber König Hulderich und Bituit / welche bey der Zusammenflüssung des Rhodans und Isar sich gleichfalls vereinbarten / verbeugten der gantzen Römischen Macht den Weg / und kamen unter dem Berge Cemmenus in eine so blutige Schlacht / als bey Menschen Gedencken nicht geschehen war. Nach zwölfstündigem Gefechte / darinnen abermals die Elefanten zu dem Römischen Siege die Bahn brachen / war dieses der traurige Ausschlag: daß zehn tausend Römer /und dreissig tausend ihrer Hülffs-Völcker; hingegen König Hulderich mit zwölf tausend Allobrogern todt blieben; König Bituit aber wohl hundert tausend Arverner verlohr; welche meist wegen einbrechender Brücke in dem Rhodan ersoffen; wiewohl die Römischen Geschicht-Schreiber die Zahl der erlegten Feinde auf hundert funfzig tausend erstrecken; ja sich zu tichten nicht schämen: daß auf ihrer Seite mehr nicht als funfzehn Kriegesleute blieben wären. Fabius erwarb hierdurch ein Siegs-Gepränge / und den Zunahmen des Allobrogers; welches dem Domitius[897] so sehr verdroß: daß er durch ein knechtisches Laster / als der den Tempel der Diane anzündende Herostratus / sein Gedächtnüß zu verewigen sich entschloß. Denn er machte mit dem Arverner Könige Bituit einen Frieden; und verleitete selbten unter dem Scheine verträulicher Freundschafft: daß er mit seinem Sohne Congentiat ihn zu Valentia besuchte. Nach dem er ihn etliche Tage herrlich unterhalten / mühte er sich den König zu bereden: Er solte nach Rom ziehen. Als aber Bituit diß höflich entschuldigte / nahm Domitius ihn und seinen Sohn verrätherisch gefangen / schickte beyde zu Schiffe nach Ostia / von dar sie hernach auf ihren silbernen Streit-Wagen mit ihren vielfärbichten Rüstungen in die Stadt Rom vom Domitius zum Siegs-Gepränge geführt / und Bituit zu Alba gefänglich gehalten / der nach Römischen Sitten erzogene Congentiat aber nach guter Zeit wieder aus einer besondern Staats-Klugheit in sein Königreich eingesätzt ward.

Also hatte König Hulderich mit seinen Allobrogern ihren Tod für ein Glücke zu halten; nicht nur / weil von ihnen diß / was sie dem Vaterlande und der Natur schuldig waren / abgegolten / sondern auch weder der Untergang ihres Reiches / noch die Schmach der Dienstbarkeit erlebet ward. Wiewohl nun Hertzog Siegfried in der Allobroger Haupt-Stadt Ebrodun an dem Rhodan sich mit seinen wenigen Deutschen setzte / ward er doch von den Römern / Massiliern und Heduern derogestalt bedränget: daß er noth hatte seine und etlicher edlen Allobroger Uberbleibung über den Rhodan zu bringen. Also ward das gantze Gebiete der Allobroger zwischen der Iser und dem Rhodan ins Römische Joch gespannet. Die Römer selbst schätzten diesen Gewinn so wichtig: daß / ob sie wol zeither ausser der zu Rom in den Tempeln geschehenen Aufhengung der eroberten Waffen keinen überwundenen Feind verächtlich gehalten / und aus seinem Verluste Gedächtnüß-Maale gestiftet hatten; sie auf denen Sieges-Städten aus Marmel und Alabaster hohe Thürme und prächtige Siegsbogen aufbaueten / und die gewonnenen Waffen daran heftetẽ; Domitius auch nicht nur auf der Wallstadt ihm ein großsprecherisch Ehren-Maal aus Marmel / dem Mars und Hercules zwey Tempel aufrichtete / sondern zwischen dem ihn als einen Sieger mit grossem Geschrey begleitenden Kriegs-Volcke auf einem Elefanten das gantze Land durchreisete. Diesen Sieg begleitete die Unterdrückung der Stöner und Sarnuter; welche unter dem Berge Adula / aus welchem die vier Haupt-Ströme / der Rhein / der Rhodan / der Ticin und Arula entspringen / wohnen; von dem unter Antonach in den Rhein fallenden Saar-Flusse dahin gezogen; durch die Römer aber darumb bekriegt waren: daß sie ihnen wider die Allobroger nicht genungsamen Vorschub gethan hatten. Weil nun der Römische Bürgermeister Qvintus Martius die in der ersten Schlacht Gefangenen so strenge hielt / richteten sie sich selbst durch Entäuserung des Speisen dahin; die übrigen Sarnuter aber sebelten selbst ihre Weiber und Kinder darnider /stürtzten sich hierauf selbst ins Feuer umb der Römischẽ Dienstbarkeit vorzukommen; welche nunmehr durch Erbauung einer neuen und mit eitel Römischem Volcke besetzten Stadt / wo der Fluß Arauraris ins Meer fleust / Gallien ein rechtes Hals-Eisen anlegten. Gleicher gestalt überfielen die Römer diean dem Sau-Strom von einem deutschen Fürsten Segesthes gebaute Stadt Segesthe sonder Ankündigung des Krieges; und aus keiner andern Ursache / als: weil diese Stadt vermögend / und zu Unterdruckung der Pannonier fürtrefflich gelegen war. Und in Dalmatien fing Cöcilius nur darumb einen Krieg an; wormit er nicht müssig sässe / und nicht ohne Siegs-Gepränge sterben dörffte. Marcus Emilius Scaurus nöthigte sich gleicher gestalt zu denen in den Alpen wohnenden Karnen und Gantiskern / und fuhr über ihrer Fürsten[898] Leichen ins Capitolium. Die Gallier sahen dem Untergange ihrer Nachbarn mit blinden Augen und ohne Nachdencken: daß die sich nähernde Flamme auch ihre Häuser auffressen würde / zu; und hatten alleine das Auge auf die ihnen nunmehr allzu schrecklichen Deutschen /welche / nach dem der Sicambrische Hertzog Klodomir an der Maaß über hundert tausend Gallier erschlagen / ein grosses Theil des Belgischen Galliens in Besitz nahmen. So vieler Römischen Siege Freude ward alleine vergället durch die niedergesessenen Skordiskischen Deutschen. Diese Uberbleibungen des Brennus waren noch die einigen Schutz-Säulen der von den Römern bedrängten Völcker; und nahmen so wohl die Karner als Dalmatier zu ihnen Zuflucht; mit denen sie die Römer durch öfftere Einfälle in Macedonien / Thessalien und Illyrien beunruhigten. Die Römer hatten wohl Bedencken mit diesem streitbaren Volcke sich zu verwickeln; sonderlich / weil die Nachbarn gleichsam unmenschliche Grausamkeiten von ihnen erzehlten: daß sie die Gefangenen mit Feuer und Rauche ermordeten / aus ihren Hirn-Schädeln Blut trincken / und die unzeitigen Früchte aus Mutter-Leibe zu schneiden für Kurtzweil hieltẽ. Gleichwohl zohe der Bürgermeister Cajus Portius Cato wider sie; ließ sich aber durch diese in das güldene Gebürge aus angenommener Furcht zurück weichende Deutschen derogestalt in die verhauenen Wälder und Klippen verleiten: daß beynahe sein gantzes Heer erschlagen ward. Gantz Griechenland und alle Länder standen hiermit den Deutschen biß an das Adriatische Meer zum Raube offen; darein sie ihre Pfeile aus Verdruß abschossen; nach dem es die Natur zum Aufenthalt ihrer Siege ihnen in Weg gesetzt hatte. Die Römer sorgten allein ihre festen Städte zu bewahren; wiewohl sie in Macedonien unter dem Bertiskischen Gebürge mit Hinwegtreibung des Viehes den Lucullus aus der Stadt Heraclea lockten / hernach ihm den Rückweg abschnitten / ihn mit acht hundert Römern erlegten und die Stadt eroberten. Jedoch hielten sie sich wenige Zeit hernach wieder in ihren Gräntzen / weil folgendes Jahr der Bürgermeister Livius Drusus / und abermals Titus Didius / wie nichts minder Marcus Drusus ihnen einen schweren Gegenstreich versetzte. Zu eben selbiger Zeit aber schienen die Deutschen der allgemeinen Herrschafft der Römer / welche in dreyen Theilen der Welt Meister spielte /einen Riegel fürzuschieben.


Es liegt von hier gegen Mitternacht ein halbes Eyland / welches mit etlichen andern neuen Eylanden die Cimbern und Teutoner bewohnen / und wordurch die Ost- und West-See von einander unterschieden werden. Wie der Weltweise Hipparchus einen gantz neuen Stern an dem Himmel wahrnahm / und daraus den Römern die völlige Unterdrückung des Griechischen Reiches wahrsagte / schwellete sich das Meer durch einen grausamen Sturm; und weil der Gestirne Würckungen in dem Meere am sichtbarsten sind / vermuthlich durch eine besondere Regung des neuen Sternes derogestalt empor: daß der Cimbrer und Teutoner festes Land grossentheils überschwemmet / und in unterschiedene Eylande zergliedert wurden. Diese enge Einschrenckung oder auch die Ruhms-Begierde dieser streitbaren und überaus fruchtbaren Völcker /welche schon lange Zeit vorher nicht nur biß zu der Meotischen Pfütze / sondern biß in Lydien zum Crösus gedrungen waren / veranlaßte sie: daß zwar König Juta seiner Voreltern Herrschafft behielt / dreymal hundert tausend Mann aber zur Zeit des grossen Alexanders umb anderwerts einen Sitz zu gewinnen / und ihren Freunden Lufft zu machen das Vaterland verliessen. Ein Theil derselben satzten über die Oder /Weichsel und Boristhenes / gingen an dem Flusse Gerrhus hinauf / und liessen sich in dem Taurischen Chersonesus[899] nieder. Nach der Zeit aber setzten sie über selbige Meer-Enge / welche von ihnen den Nahmen des Cimmerischen Bosphorus behält; nahmen ein an Colchis stossendes Theil Scythiens ein; bauten daselbst eine lange Mauer und etliche Städte. Ein Theil darvon drang auch unter dem Fürsten Lygdanis in Lydien und Ionien / nahm Sardes ein / zündete den Ephesischen Tempel an / baute am Euxinischen Meere die Stadt Chersonesus. Endlich als sie in Cilicien eine ziemliche Niederlage erlitten / vereinbarten sie sich mit denen in Asien kommenden Deutschen des Brennus Nachkommen in Galatien. Die andere Helffte der wandernden Cimbern zohe mit gutem Willen der Chautzen / Friesen und Brucierer über den Rhein / und die Maaß / vertrieben daselbst die alten Gallier / und setzten sich zwischen der Maaß / dem Flusse Sabis und der Schelde feste. Aber diß war ein viel zu enger Raum für eine so fruchtbare Menge /und ein so kriegerisches Volck. Daher machten sie mit den benachbarten Belgen eine richtige Gräntzscheidung / liessen nur so viel / als zu Besetzung selbiger Landschafft Volckes von nöthen war /unter dem Nahmen der Aduatischer hinter sich / und etliche aus Italien von den Römern vertriebene Deutschen sich bereden: daß sie mit gesamletem Hauffen über die Alpen in das glückselige Italien einzubrechen beschlossen. Hiermit theilten sie sich in zwey grosse Heere; das eine führte Hertzog Bojorich an dem Rheine hinauf biß zu den Trebozen / zohe unter Weges noch viel Catten und Nemeter an sich; hernach setzte er über den Rhein / und folgends über die Dohnau in Noricum. Weil er aber vernahm: daß die Alpen allenthalben von denen hierüber erzitternden Römern starck besetzt waren / kam er biß in Illyricum / umb durch Anleitung der Skordiskischen Deutschen so viel leichter durchzubrechen. Das andere Heer führte Hertzog Teutobach durch die Länge des Lugdunensischen Galliens gegen dem Rhodan zu; welcher aber an dem Flusse Matrona und der Seene / insonderheit aber bey denen Heduern allerhand Widerstand fand; und daher so geschwinde als Hertzog Bojorich nicht fortrücken konte. Aber Teutobach zählte seine Siege wider die Gallier / nach seinen Tage-Reisen; jagte ihnen auch ein solches Schrecken ein: daß sie den Cimbern alle Wege öffneten; oder / wenn sie sich schon einmal in Festungen zur Gegenwehr gesetzt hatten / aus Verzweifelung alles äuserste erduldeten / ja sich mit derer zum Kriege untauglicher Menschen abgeschlachteten Leibern speiseten / ehe sie sich gutwillig ergaben. Dem Hertzoge Bojorich ließ Papirius Carbo ins Norich zuentbitten: Er solte die Noricher als befreundete Nachbarn der Römer unbelästigt lassen. Bojorich antwortete: Er hätte sich so genau umb die Bündnüsse der ihm unbekandten Völcker über der Donau nicht bekümmert; sondern die Noth ihn aus der äusersten Mitternacht gezwungen ihm irgendswo einen Sitz zu suchen. Dieser von allen Völckern zeither durch ihr Thun bestätigtes Gesetze lehrte ihn: daß alle Dinge der Mächtigen / nichts aber desselbten Eigenthum wäre / der es nicht mit den Waffen zu behaupten wüste. Massen / seines Wissens / die Römer aus keinem bessern Rechte zu so grossen Herrschern worden wären. Ob er nun zwar sich für keinem Menschen /und keines Volckes Waffen fürchtete; so schätzte er doch der so berühmten Römer Freundschafft höher als den über die Noricher erlangten Vortheil; wolte also in der weiten Welt ihm einen Raum aussuchen; weil die Natur ihm einen unter dem Himmel zu geben schuldig / sein Degen auch einzunehmen mächtig wäre. Daher hoffte er: daß die Römer sich in keine mit einem andern Volcke angesponnene Händel mischen würden. Hiermit wendete sich König Bojorich gegen das Gebiete der Taurisker[900] und Karner; lagerte sich auch an dem Fluße Tilavemptus bey der Stadt Noreja. Der durch einen viel kürtzern Weg dem Bojorich zuvor gekommene Carbo meinte die Deutschen des Nachts im Schlaffe zu überfallen. Diese aber niemahls entkleidet schlaffende Völcker griffen behertzt zu ihren keinmahl von der Seite kommenden Waffen; trieben die Römer mit unglaublicher Hertzhafftigkeit zurücke / erschlugen zwantzig tausend Römer / also: daß Carbo mit wenigen entraan und sich nach Ravenna flüchtete. Ja es wäre von ihm kein Bein entronnen /wenn nicht ein hefftiger Platzregen die Deutschẽ an Verfolgung des Feindes gehindert hätte. Carbo zohe zwar aus denen umliegenden Landschafften alle Römische Kräfften zusammen / aus Begierde durch Rache seinen Schimpf abzuwischen / und durch einen Sieg seinen unrechtmäßigen Krieg zu rechtfertigen. Beyde Heere kamen in Rhetien an dem Flusse Plavis gegeneinander zu stehen. Dem bey Erblickung dieser sauersehenden Feinde schwindelnden Carbo fiel alsofort der Muth; daher hätte er sich gerne durch einen Vergleich loß gewunden; ließ also fragen: Was der Deutschen Begehren wäre? Bojorich / und ein zu ihm gestossener Hertzog der Qvaden Brinno liessen dem Carbo wissen: Sie kämen alle von den Römern ihren deutschen Vor-Eltern abgenommene Aecker wieder in Besitz zu nehmen. Auff diesen weit aussehenden Vortrag liessen Carbo und Silan den Deutschen entbieten: Rom hätte vor sie wohl geschliffene Schwerdter / aber keinen Fuß breit Erde. Ehe sie nun mit einander anbunden / fragte Bojorich seine mit sich genommene Wahrsagerinnen um den Ausschlag der Schlacht. Diese waren alte greiße / in weisse Leinwand gekleidet / mit breiten eisernen Spangen umgürtete baarfüßige Weiber / welche über einem grossen Ertztenen Kessel etliche Gefangenen abschlachteten / theils auch aus denen Eingeweiden ihrer Feinde künftige Begebenheiten erkundigten / und bey währender Schlacht auff über die Wagen ausgespanneten Fellen ein groß Gethöne machten. Weil sie ihm nun alle einmüthig gewissen Sieg versprachen / setzte er freudig über den Fluß Plavis; ungeachtet er vernahm: daß noch den Tag vorher dem Carbo vom Po zwey gantze Legionen zukommen waren. Beyde Heere kamen an der Burg mit grossem Ungestümme gegen einander zu treffen. Aber die Römer vermochten kaum zwey Stunden denen weder durch Zärtligkeit ihres rauhẽ Vaterlandes / noch durch angewöhnte Wollüste verunartheten Deutschen die Wage zu halten. Denn in dieser Zeit zerschniet die Schärffe ihrer Schwerdter alle Schlachtordnungen. Alle Hauffen wurden zertrennt; der fast verzweiffelt fechtende Carbo vom Qvaden Hertzoge selbst tödtlich verwundet / zwey Haupt-Fahnen erobert / und dreissig tausend Römische Kriegsvölcker erschlagen. Rom bebte hierüber nicht viel weniger als vorhin für Hannibaln. Jedoch begieng Bojorich eben des Hannibals Fehler / indem er nicht geraden Weges nach Rom / sondern gegen Helvetien und Gallien aus einem unergründlichen Absehen fortrückte / und sich daselbst um eine beständige Wohnung umsah.


Inzwischen hausete König Teutobach in Gallien nach seinem Belieben; und nach dem ihm die Gallier den Weg über die von den Römern starck besetzten Alpen so schwer machten; als in welchen Annibal mehr als die Helffte seines Heeres verlohren hätte; gleichwohl aber ihn durch grosse Gaben beredeten Gallien zu räumen / setzte er bey Nemoßus über den Ligerstrom / und zohe theils durch das Aqvitanische /theils durch das Narbonische Gebiete biß an das Pyreneische Gebürge. Es schickten aber die Celtiberier zwey ihrer Fürsten an Teutobach; welche ihm einhielten: daß sie von Ursprung ebenfalls Deutsche wären /also sich von ihren Landesleuten keines feindlichen Einbruchs versehen. Sie hätten einẽ allgemeinen gewaltigen Feind / mit dem sie schon anderthalb hundert Jahr[901] Krieg geführet. Zuletzt aber wären sie vom Cato Censorius etliche mahl geschlagen / vom Gracchus ihnen wol anderthalb hundert Städte eingeäschert /und des itzigen Celtiberischen Königs Salonticus verrätherisch erschlagen worden; für dessen silberner ihm von den Göttern aus dem Himmel geworffener Lantze die Römer hundert mahl vorher gebebt hätten. Diesemnach möchte König Teutobach lieber in Italien seine Bluts-Freunde aus der Dienstbarkeit erlösen /die ihnen geraubten Länder einehmen; als sie mit ungerechtem Einfall / welches die Götter so wohl mit Donner und Blitz / als sie mit ihren Degen verwehren würden / bekränckẽ. Sie woltẽ inzwischen mit denen Lusitaniern den Römern in Hispanien genug zu schaffen machen; und dem in Africa wider Rom aufgestandenen Jugurtha möglichst an der Hand stehen. Sintemal zwar Jugurtha den Calpurnius Bestia mit Gelde bestochen: daß er unverrichteter Sachen abgezogen; den Aulus Posthumius Albinus durch blosses Schrecken verjaget / sein Läger erobert / ihm auch einen schimpflichen Frieden abgezwungen hätte; es wäre aber dieser vom Römischen Rathe gebrochen / und Cöcilius Metellus mit einem neuen Heere in Numidien geschickt worden. Dieser Vortrag und Erbieten bewegte die Deutschen ihren Fuß zurücke zu setzen /und durch das Narbonische Gallien in der Maßilier Gebiete einzufallen. Diese hielten dem Teutobach ein: daß ehe er wider die Römer sich feindlich erklärte; möchte er vorher seinen Anspruch ihnen eroffnen. Daher er den auff einem Maßilischen Schiffe Gesandten nach Rom schickte / und eben diß / was König Bojorich verlangt hatte / von den Römern forderte /auch auff solchen Fall den Römern wider Jugurthen Beystand versprach. Der Rath / welcher wohl wuste: daß die Römer mit den Deutschen nicht Ruhms-sondern ihrer Wohlfahrt halber zu fechten hätten / erwieß den Gesandten grosse Ehre / zeigte ihnen alle denckwürdige Sachen der Stadt / und unter andern die unschätzbaren Bilder und Gemälde / welche Mu&ius aus der eingeäscherten Stadt Corinth nach Rom bracht hatte; unter welchen ein auff einen alten Stab sich lehnender Hirte überaus hochgehalten ward. Wie nun der eine Gesandte gefragt ward: was für einen Preiß er diesem Bilde zueignete? gab er zur Antwort: Er möchte auch ihn lebendig nicht umsonst haben. Denn denen Cimbern wäre nur mit frischer Mannschafft /welche ihre Schwerdter zu brauchen wüsten / und sich auf die Leichen ihrer Feinde lehnete / gedienet. Wie sie nun die Gesandten lange / und biß Marcus Junius Silanus über die Alpen mit einem mächtigen Heere kommen / und zu den Maßiliern und Heduern gestossen war / durch allerhand Vertröstungen auffgehalten hatten / liessen sie sie mit leeren Händen von sich; meldende: Es wäre wider die Hoheit und Gewonheit der Römer: daß sie sich ihre Feinde einiges Land abtrotzen lassen solten; da Italien ihnen selbst zu enge wäre / und sie mit so viel Aecker-Gesetzen kaum die Landleute in Ruh und in ihren Gräntzen erhalten könten. Zu dem wären sie alle ihren Feindẽ für sich selbst übrig genung gewachsen. Hiermit kam es zwischen beyden Theilen zur Schlacht; aber die an die Spitze gestellten Maßilier und Heduer / welche nicht einst die gri&igen Gesichter der Deutschen vertragen konten / kamen mit dem ersten Angriffe in die Flucht /und verursachten unter den Lateinern eine Unordnung. Die Römischen drey Legionen hielten ein paar Stunden; biß Enano / ein Hertzog der zwischen der Elbe und der Edora wohnenden Sachsen mit seiner Reuterey auff der einen / und Holstein / ein Hertzog der Angeln zwischen dem Flusse Chalusus und der Varne / auff der andern Seite durchbrach. Alles Fußvolck ward zerhauen oder zertreten; die Römischen Fahnen mit welchem Tockenwercke die Deutschen damahls einiges Gepränge zu machen sich schämeten / zerbrochen /[902] der Bürgermeister Silan selbst von Rantzauen einem Cimbrischen Ritter durchstochen. Das über dieser Niederlage abermahls sich erschütternde Rom schöpffte zwar einiger massen einen Trost durch einlauffende Zeitung: daß Marcus Minutius in Thracien an dem Flusse Hebrus die Skordiskischen Deutschen / die Triballen und Dacier durch eine besondere Kriegs-List geschlagen hätte; da er nehmlich bey währender Schlacht seinen Bruder mit wenig Kriegs-Volcke / aber vielen Drommelschlägern und Pfeiffern das Gebürge übersteigen / dem Feinde in Rücken fallen / und sie derogestalt irre machen lassen. Alleine zwey hernach kommende hinckende Bothen vergällten alsofort diesen Trost. Sintemahl die Scordisker die sie unvorsichtig verfolgenden Römer wieder geschlagen / über den zugefrornen Strom Hebrus zurück getrieben; und weil das Eiß gebrochen /etliche tausend darinnen ersäufft hatten. König Bojorich aber hatte nach seinem Siege sich in zwey Theile getheilet; das eine ging unter dem Qvadischen Hertzog Brinno und dem Marckmännischen Fürsten Schleß an dem Fluße Plavis hinab in das Gebiete der Veneter; er aber selbst machte sich auff Bitte der Tugurnier und Ambroner / welche über dem Brigantinischen See zwischen dem Rheine und dem Flusse Arola aus Deutschland sich gesetzt hatten / über den Fluß Atagis / und die grausamsten Gebürge um die Allobroger des Römischen Joches zu entbürden. Unterdessen hatte der Tigurnier Hertzog Divico biß an den Einfluß des Rhodans ins Meer alle Römische Besatzungen auffgeschlagen; daher der Bürgermeister Lucius Caßius mit einem frischen Heere dahin eilte. Hertzog Divico wiech mit seinen Tugurniern und Ambronen so lange hinauff / biß er ihn an die Allobrogische Gräntze brachte / und sich unvermerckt mit dem Könige Bojorich und denen Tugenen unter dem Könige Bolus vereinbarte. Wie nun Devico aus angestellter Müdigkeit seines Volckes stand hielt; stellte Caßius das Römische Heer gegen ihn in Schlacht-Ordnung. Sie hatten aber kaum die Schlacht angehoben; als sich auff einer Seite das Cimbrische / auf der andern das Teutobogische Heer seyen ließ. Dieser blosse Anblick benahm den Römern den Muth und die Gegenwehr; also: daß sie durch offenbahre Flucht in ihr bey der Stadt Umbennum verschantztes Läger zu entkommen sich entschlossen. Aber der wenigste Theil hatte diß Glücke. Denn der Bürgermeister Caßius / und sein Stadthalter Lucius Calphurnius Piso wurden mit zwey und dreißig tausend streitenden erschlagen. Unter denen kriegenden Cimbern war Langerta Hertzog Waldemars zu Laviburg streitbare Tochter; welche im Treffen das Glück gehabt / dem Caßius den Kopff abzuhauen / solchen auff eine Lantze zu spiessen / und zu Bojorichs Füssen zu legen. Cajus Popilius war zwar mit zehn taustnd Mann ins Läger entkommen; aber auff allen Seiten besetzt / und gezwungen / sich auff Gnade und Ungnade zu ergeben / und mit seinem gantzen Heere unter dem Joche dreyer über einander gesteckten Lantzen durchzugehen / auch allen Vorrath einzuhändigen. Bojorich ließ gleichwohl mit den höchsten Kriegs-Häuptern den Popilius loß; welcher aber auff Anhalten des Zunfftmeisters Cölius verwiesen ward. Die Gefangenen wurden theils in Deutschland zum Zeichen der Siege geschickt / theils in Gallien verkauft; und spielten die Deutschen in denen von den Römern eroberten Gebürgen allenthalben den Meister; verursachten auch zu Rom ein solches Schrecken: als weñ die Deutschen mit einem neuen Brennus schon für den Stadtpforten wären. Die an dem Flusse Garomna gelegene Stadt Tolosa / darein sich die Römer arglistig gespielt hatten / sahe sich bey dieser Begebniß wieder nach ihrer Freyheit um; schickte an König Teutobach um Hülffe / und erlegte mit dieser die gantze Römische Besatzung.[903] Welch Leid gleichwohl durch die Zeitung gelindert ward: daß Cajus Marius den König in Numidien Jugurtha / und den Mauritanischen König Bochus auffs Haupt geschlagen / die dem Hercules zu Ehren fast mitten in Africa gelegene / von Sand-Wüsteneyen und Drachen gleichsam bewahrte Stadt Capsa / und die auff einem hohen Steinfelsen fast unüberwindlich geachtete Festung Mulucha durch Verwegenheit eines Liguriers erobert / der Bürgermeister Servilius Cöpio aber durch heimliche Verständniß in Gallien die Stadt Tolosa wieder eingenommen / und aus des Apollo Tempel tausend Pfund Goldes und hundert und zehn tausend Pfund Silber / als einen von Delphis dahin gebrachten Schatz erobert hätte. Wiewohl dieses heilige Reichthum hernach alle / die an diesem Schatze Theil hatten / in Untergang stürtzte; zu einem merckwürdigen Beyspiele: daß geraubte Güter / wenn selbte gleich in vom Feuer unverzehrlichem Golde bestehen / so wohl die schädliche Würckung / als die Flüchtigkeit des Qvecksilbers an sich haben. Die allergröste Vergnügung aber schöpffte Rom / als es erfuhr: daß der Mauritanische König Bochus seinen eignen Eydam Jugurtha arglistig in Band und Eisen geschlagen / und dem Lucius Cornelius Sylla überantwortet hatte. Hingegen ward ihnen diese Freude bald wieder versaltzen durch die Niederlage des Manlius; welcher die Deutschen aus dem Gebiete der Veneter vertreiben wolte / aber von dem Hertzoge Brinno und Schleß an dem Flusse Maduacus auffs Haupt erleget ward; also: daß er selbst mit Noth kaum entraan. Diesemnach wolten die Römer den Krieg wider so mächtige Feinde nicht mehr einem Feldherrn vertrauen; sondern schickten zum Servilius Cöpio noch den Cneus Mallius mit einem Heere in Gallien. Aber diese zwey von Ehrsucht harten Steine waren nicht fähig was gutes abzumahlen. Ihr täglicher Zwist brachte sie endlich zu diesem schädlichen Vertrage: daß sie ihre Kriegs-Heere absonderten / den Rhodan zu ihrem Gräntz-Mahle erkieseten / die Gallier durch ihre Grausamkeit ihnen auffsätzig / die Deutschen aber selbte durch Glimpff und Gerechtigkeit ihnen geneigt machten. Uber diß bezeigten diese eine absondere Gottesfurcht und Andacht; und thäten alle ihre Fürsten ein Gelübde: daß alle Gefangene und Beute heilig seyn solte. Bojorich versetzte den ersten Streich des Bürgermei ster Mallius Sladthaltern / nemlich dem Aurelius Scaurus; erschlug sechs tausend Römer / und kriegte ihn selbst lebendig gefangen. Mallius beruffte den Cöpio hierauff zur Hülffe; kriegte aber zur Antwort: ein ieder hätte sein ihm vertrautes Land zu beschirmen. Gleichwohl aber setzte Cöpio bald darauff an die lincke Seite des Rhodans über; iedoch mehr in Meinung dem Bürgermeister den Ruhm des Sieges wegzufischen / als ihm beyzustehen. Daher er auch zwischen den Mallius und die Cimbern sein Läger schlug. Bojorich / welcher den entfernten Teutobach nicht so bald an sich ziehen konte / ward über die Vereinbarung beyder Römischen Heere bekümmert; schlug also durch eine Botschafft einen Frieden für. Weil aber diese nur mit dem Bürgermeister zu handeln befehlicht war / grief sie Cöpio mit hefftigsten Schmeh-Worten an / und fehlte wenig: daß die Cimbrischen Gesandten nicht in Cöpions Läger ermordet wurden. Dieser vereinbarte hierauff zwar mit dem Mallius sein Läger / aber gar nicht seine Meinungen; also: daß die Deutschen sich ihrer täglich mehrenden Zwytracht zu gebrauchen / und nunmehro zu treffen schlüßig wurden. Bojorich stellte noch für auffgehender Sonne seine Deutschen in Schlacht-Ordnung; Mallius und Cöpio hingegen zanckten sich noch über Stellung der ihrigen; als Hertzog Schleß schon mit seiner Reuterey einbrach. Wie nun das Glücke einem Feinde keinen grössern Vortheil als die Zwytracht der Kriegs-Obersten[904] zuschantzen kan; also kaum die Deutschen an ihrer guten Verständnis einen ansehlichen Vortheil / an ihrer wohl geschlossenen Stellung einen guten Vorsprung; und da dem Könige Bojorich weder an Vorsicht noch Tapfferkeit was abgieng / gewonnen Spiel. Sein von ihm selbst geführter rechter Flügel traff auff den Kirchen-Räuber Cöpio; welchen sein eigen Gewissen schon verklagt / und die göttliche Rache zum Untergange verderbt hatte. Daher in einer Stunde sein lincker Flügel zertrennt / in die Flucht bracht / und über Hals und Kopff an Rhodan gejagt ward; da sie entweder von der Schärfe der deutschen Schwerdter / oder von dem reissenden Strome auffgefressen wurden. Cöpio entkam selbst dritte auf einem kleinen Nachen über den Rhodan; der tapffere Qvintus Sertorius aber schwamm nach verlohrnem Pferde in voller Rüstung darüber / und brachte alleine seinen Schild aus der Schlacht. Bojorich sahe ihm verwundernd nach; und verboth einige Pfeile auff ihn abzuschiessen. Ein Theil dieses Flügels flüchtete sich zwar in des Cöpio Läger; aber ein sie auff dem Fusse verfolgender und vom Ritter Osten männlich angeführter Cimbrischer Hauffen drang zum Thore mit hinnein; welchem ihr Führer immer zurieff: Eines hertzhafften Degen wäre ein alle Schlösser auffmachender Schlüssel. Daher ihn auch König Bojorich hernach mit einem güldenen Schilde beschenckte /worauff ein Schlüssel geetzet war. Ein anderer Hauffen der Cimbrer bemächtigte sich des Walles / ehe selbter noch recht besetzt werden konte / und hieben das andere Thor auff; wordurch die deutsche Reuterey einbrach / und alles / was sich noch entgegen zu stellen vermeinte / über einen Hauffen rennte. Die ersten Eroberer dieses Walles waren Kwal und Brockdorff zwey Cimbrische Edelleute; und in der Schlacht eroberte Alefeld das erste / Bockwald das andere / und Powisch das dritte Römische Kriegs-Zeichen. Gegen den Bürgermeister Mallius traff Brinno der Qvaden Hertzog mit dem lincken Flügel / und einem erschrecklichen Geschrey. Den ersten Angriff thäten fünff hundert mit kohlschwartzen Rüstungen versehene Arier; welche sich für den Hertzog Brinno zum Tode verlobet hatten. Diese drangen sich zwischen beyde Römische Flügel ein; und verhinderten: daß einer den andern nicht entsetzen konte; wiewol ieder alsbald mit sich selbst genug zu schaffen kriegte. Die Römischen Reuter schienen gegen die dem Winde gleichsam zuvorkommende Deutschen nur Fußknechte zu seyn; und also entblösten sie bey zeite die Legionen. Mallius that zwar bey diesen das eusserste /sie im Stande zu erhalten; und erstach einen / der ihm von der Flucht des Cöpio Post brachte / wormit es nicht auch sein Kriegs-Volck von ihm vernehme und verzagt würde; aber wie war es möglich den Deutschen in die länge zu widerstehen; welche unter einander ein Gesetze gemacht hatten: daß wer einen Fußbreit Erde aus Zagheit zurück setzen würde / seiner Ehre und Adels verlustig seyn solte. Daher wurden durch der Cimbern nichts minder kluge / als hartnäckichten Angriffe die Römischen Glieder durchbrochen; und Mallius selbst vom Ritter Oldenburg durchrennet. Des Bürgermeisters Fall war das Loß einer allgemeinen Flucht; welche ein Theil ebenfalls in die Wirbel des Rhodans / das andere ins Läger trieb; welches aber noch selbige Nacht gestürmet und erobert ward. Ein Theil meinte sich in die Gebürge zu verkriechen; abepdie Eingänge waren von den Tigurinern besetzt; und also fielen die Flüchtigen aus dem Regen in die Trauffe. Drey Tage und Nächte währte das Würgen und Schlachten; indem die Römer aus allen Hölen und Püschen auffs fleißigste herfür gesucht; und zu Folge des gethanen Gelübdes alle Gefangenen mit Stricken an die Bäume gehenckt; von der unbeschreiblichen grossen Beute / die köstlichsten Kleider zerschnitten und in Koth getreten / alles Gold in Rhodan geworffen / Harnische[905] und Schilde zerbrochen /die schönsten Hispan- und Mauritanischen Pferde in Sümpffen ersteckt; ja zwey Gallier / derer einer des Bürgermeisters Purpur-Mantel / der andere einen Knispel güldener Müntze zu verstecken vermeinte / mit auffgehenckt wurden. Von beyden Römischen Heeren entkamen nicht mehr / als zehn Menschen; und wurden auf der Deutschen Seite dreyzehn hundert / auff Römischer achzig tausend Todte / ohne den in vierzig tausend Menschen bestehenden und meist auffgehenckten Römischen Troß gezehlet. Nachdem alle Beute zernichtet / die gebliebenen Deutschen herrlich begraben / und von den Cimbern ein grosses Siegs-Feyer mit vielen Opffern verrichtet ward / ließ Bojorich alle Leichen auff einen Hauffen über einander schleppen /und diesen Berg voll Menschen mit Erde beschütten; darauff aber in eine Marmelne Säule eingraben: Hier ist das Begräbnüs achzig tausend Römer; von welchen König Bojorich ihrer zehn entkommen ließ / umb nach Rom die Zeitung zu bringen: daß sie nicht der Blitz / sondern die Cimbern erschlagen hätten.

Dieser herrliche Sieg machte die Deutschen nicht schläffrig / sondern vielmehr nach Römischem Blute und Ruhme durstiger. Daher beschloß König Bojorich im Kriegs-Rathe / nunmehr geraden Weges über die Alpen und nach Rom zu rücken. Befahl auch den gefangenen Aurelius Scaurus zu hohlen; und ermahnte ihn gegen diese Wohlthat des ihm gelassenen Lebens den leichtesten Weg in Italien zu entdecken. Scaurus antwortete hierauff: wenn er nicht diß einzurathen gedächte / was so wohl seinem Vaterlande / als den streitbaren Cimbern vorträglich wäre; wolte er lieber die Warheit verschweigen / wenn er schon wie Marcus Regulus zu Carthago am Creutze stehen solte. König Bojorich hätte durch bißherige Siege so viel Ruhm an den Römern erjagt / als kein Mensch für ihm. Wenn er aber in Italien einbräche / würde die Nachwelt sein Thun mehr für keine Tugend rühmen; sondern als eine Verwegenheit schelten. Denn seine Einbildung wäre ein betrüglicher Irrthum: daß der Kern der Römer umkommen wäre. Ihr Thun verriethe die Uberwundenen: daß sie die geringste Spreu gewest / und kaum den Nahmen der Römer verdienet hätten. Die besten Kräfften stecken in Rom / wie das Leben im Hertzen. Insonderheit hätten die Römer diese Eigenschafft: daß bey wachsender Noth ihnen der Muth / und bey abnehmenden Kräfften ihre Tapfferkeit wüchse. Welches Pyrrhus und Hannibal zwar so wenig / als itzt Bojorich geglaubt / endlich aber mit Schaden erfahren hätte. Daher thäten die Cimbern klüger und rühmlicher: wenn sie diß / was jene zu langsam / vorher sähen. Widrigen Falls würde man sie für übersichtiger als jene halten / weil Rom damahls nicht viel mehr / als eine Zwergin gewest / nunmehr aber durch Eroberung so vieler Länder zu einer unüberwindlichen Riesin ausgewachsen; ja vom Verhängnisse diese Stadt zum Haupte der Welt erkieset wäre / an der alle Feinde ihre Hörner und Köpffe zerstossen müsten. Uber diesem für einen Gefangenen allzu hochmüthigen Großsprechen überlieff dem hertzhafften Bojorich die Galle: daß er des Scaurus unzeitige Wahrsagung mit einem tödtlichen Streiche bestraffte. Gleichwohl starb Scaurus rühmlicher / als es dem furchtsamen Cöpio gieng; welchem zu Rom seine Güter / und sein Amt genommen wurden / welches nach dem hoffärtigen Tarqvinius niemanden noch begegnet war. Den sechsten Weinmonats-Tag /an welchem die Cimbern gesiegt / schrieb man als unglückselig mit schwartzer Farbe zum ewigen[906] Gedächtnisse ins Jahr-Buch / und machte ausser der Zeit den in Africa noch abwesenden Marius zum Bürgermeister; welcher aber bald hierauff nach Rom kam /den König Jugurtha nebst seinen zwey Söhnen im Siegs-Gepränge einführte / und in dem Tullianischen Gefängnisse unter der Erde / und zwar mit einer erbärmlichen Begierde zu leben verschmachten ließ. Das Römische Volck empfing ihn mit unbeschreiblichen Frolocken / nennte ihn die Zierde seiner Zeit /und den Wiederbringer der durch den Adel verfallener Tugend. Massen sie ihm denn auch bald darnach die Bothmäßigkeit über Gallien / die Wahl der Kriegs-Heere übergaben / ihn auff folgendes Jahr schon wieder zum Bürgermeister erklärten; und zwar mit diesem den Edlen verkleinerlichen Beysatze: daß die Tugend die Art des ie länger ie schöner gläntzenden Marmels / der Adel aber des mit der Zeit veralternden Helfenbein und Agsteins an sich habe; also die frische Tugend des unedelgebohrnen Marius an die Lücke des verwegenen Sylanus / des verzagten Cöpio / der geilen Fabier / der auffgeblasenen Appier / und anderer durch Wollüste absetzender Geschlechte treten /und man diesen das übrige Reichthum / als nur zu Lastern dienende Schwung-Federn ausrauffen müste.

Bojorich ließ hierauff zwar auff der seinigen Gutachten an den König Teutobach muthen: daß er über den Rhodan / und mit ihm in Italien fortrücken möchte. Dieser versprach auch solches; kam aber selbtem langsam nach; weil er sich seine unzeitige Empfindligkeit / oder vielmehr die Begierde mit eigener Hand etwas denckwürdiges auszurichten über das Pyreneische Gebürge zu ziehen verleiten ließ. Die Ursache /oder doch der Vorwand war: daß die Celtiberier ihn geäffet hätten / und ihrem Versprechen gegen die Römer auffzustehen nicht nachkommen wären. Er drang auch zwar biß an den Fluß Iberus / und eroberten viel Plätze; aber die mit dem Römische Stadt-Vogte Fulvius vereinbarten Celtiberier wiesen ihnen: daß sie nicht wie die weichen Gallier von der streitbaren Art ihrer Deutschen Voreltern gewiechen / noch aus dem Geschirre geschlagen wären. Daher muste Ulfo nach etlichem Verlust wieder in Gallien weichen. Gleichwol ließ er den Lusitaniern etliche Hülffs-Völ cker; mit derer Beystand sie den Römern einen empfindlichen Streich versetzten. König Teutobach wendete sich hierauff wohl von dem Pyreneischen Gebürge gegen den Rhodan / in willens mit ihm in Italien zu dringen; jagte fast alle Römer aus dem Narbonischen Gallien / und setzte darinnen Kopiln zum Könige ein. Bojorich stand auch schon unter dem höchsten Berge der Penninischen Alpen / die Sonnen-Säule genant /und Teutobach bey Secuster an dem Fluße Druentia; es lieff aber unvermuthet die Zeitung ein: daß Lucius Sylla vom Marius / welcher inzwischen zum Kriege sich eiffrigst rüstete / mit einem Heere voran nach Narbo geschickt; dieser aber mit Hülffe des Gallischen Fürsten Egritomar / welcher hernach den Junius Silanus als einen Urheber alles von den Cimbern entsponnenen Unheils angab / der Tectosagischen Gallier König Kopill geschlagen und gefangen bekommen hätte. Daher Teutobach nicht für rathsam hielt fort zu rücken / und einen solchen Feind im Rücken zu lassen. Dem Könige Bojorich ward nichts minder von den Marsen ein Stein in den Weg geworffen. Denn dieses zwischen dem Rheine und der Isel wohnende Volck ward auff einer Seite von den Sicambern / auff der andern von den Bructerern so enge eingesperret: daß sie ihr Vaterland nicht beherbergen konte. Daher setzte die Helffte ihren Fuß in das fruchtbare Gallien fort / zohe an der Mosel hinauff / an der Arar aber hinunter / machte mit dem Könige Bojorich ein[907] Bündniß / und schlug sich theils zu den Cimbern / theils ließ es sich zwischen der Arar und Liger nieder. Nachdem aber der schlaue Sylla den Kopill erlegt /und im Narbonischen Gallien eine halbe Wüsteney gemacht hatte / trug er denen von den Ambarren und Vadikoßiern beunruhigten Marsen durch die Heduer ein Stücke Landes an; da sie mit den Römern das von den Heduern vorher beliebte Bündniß eingehen wolten. Die Marsen nahmen diß Anerbieten nicht nur mit beyden Händen an; sondern rufften auch ihre zum Bojorich gestossene / von den mehrern Cimbern aber geringschätzig gehaltene Landsleute zurücke; welche mit den Römern freudig ihre Waffen vermengten; also: daß Bojorich gleichsam zwischen Thür und Angel / wie nichts minder in Zweiffel gerieth: Ob sie in Italien fortrücken / oder hinter sich ihnen vorher in Gallien diesen gefährlichen Dorn aus dem Fuße ziehen solten. Uber diesen Verwickelungen verspielten sie zwey gantzer Jahre; welche Marius ebenfals mit blosser Kriegs-Rüstung zubrachte; wiewohl diese einen neuen Krieg in Sicilien anzündete. Denn als der Bithynische König Nicomedes sich von Zuschickung der verlangten Hülffs-Völcker damit entschuldigte: daß die Römischen Zöllner gar zu viel Leute in Dienstbarkeit verschlept hätten; befahl der Römische Rath: daß im gantzen Römischen Gebiete alle frey gebohrne Leute derer mit ihnen verbundener Völcker loßgelassen werden solten. Als nun einige Knechte frey gegeben wurden / empörten sich die andern; wehlten den Salvius und Athenio zu Königen / bauten zu Triocola einen Königlichen Sitz; und machten ihrer mehr als dreissig oder vierzig tausend den Römern / und denen ihnen unter dem Fürsten Gomon aus Mauritanien zukommenden Hülffs-Völckern genug zu schaffen. Denn ob wohl Lucullus ihrer zwantzig tausend erschlug; liessen sie doch weder Muth noch Waffen sincken. Hispanien musten die Römer fast gar vergessen / und den Gehorsam gleichsam in die Willkühr selbiger Völcker stellen. Wiewohl Piso nun in Macedonien gegen die Deutschen und Thracier glücklich fochte; und ihnen biß über Rhodope nachsetzte; Marius auch mit zweyen Heeren unter den Alpen stand; so wagte er sich doch auch im dritten Jahre seines Bürgermeister-Amtes nicht die Cimbern anzugreiffen; sondern vergnügte sich als mit einem auskommentlichen Gewinne: daß sie ihn und Italien unangetastet liessen. Zu dessen Merckmahle er auch itzt allererst seinen eisernen Ring vom Finger nahm / und einen güldenen ansteckte. Nach dem Bojorich und Teutobach nun inzwischen ein- und andere Hindernisse aus dem Wege geräumt / und etliche Pässe wohl besetzt hatten; zohen sie auffs neue den Alpen zu; Teutobach zwar an dem Meere gegen Ligurien; Bojorich aber mehr Nordwerts. Auff dessen von den Maßiliern schleunigst gethane Nachricht ward Marius zum vierdten mahl / und neben ihm Luctatius Catulus Bürgermeister. Beyde führten zwey mächtige Heere und fast aller bekandten Völcker Hülffen mit sich; und war die Abrede: daß Catulus die Alpen bewahren / Marius aber selbst in Gallien die Deutschen angreiffen solte. Dieser musterte in seinem Heere alle andere zu Kriegs-Zeichen gebrauchte Thiere aus / und behielt alleine die Adler. Die Nacht für dem Abzuge träumte dem Marius: wie ihm die Göttin der Siege auff dem Berge Vesulus einen Lorber-Krantz reichte; iedoch hätte er ihr vorher sein Hertz auffopffern müssen. Diesen Traum eröffnete er alsbald einer Syrischen Wahrsagerin Martha; welche er auff einer köstlichen Sänffte allenthalben hin mit sich führte; und nach ihrem Rathe seinen Gottesdienst und anderes Fürnehmen einrichtete. Diese versprach ihm den Sieg wider die Deutschen / wenn er seine einige Tochter Calphurnia /[908] welche sein anderes Hertz wäre / aufopferte. Marius entschloß sich alsofort sein Blut zum Lösegeld für sein Vaterland hinzugeben; nahm also wider der Römer Gewohnheit zu aller Verwunderung Calphurnien mit sich zu Felde. Wie er nun unter die Meer-Alpen kam / ließ er sein Heer übergehen / er aber stieg nebst Calphurnien / der Martha / einem Priester / und wenigen edlen Römern auf die Spitze des Berges Vesulus; richtete daselbst von zusammen gelesenen Steinen einen Altar auf / liest selbtes dem siegenden Jupiter weihen. Hierauf deutete er seiner sich ehe des Himmelfalls versehenden Tochter an: daß sie das für ihr Vaterland auf dieses Altar besti&te Opfer wäre; also solte sie sich nicht mit vergebenen Thränen bemühen; seinen so wenig als des Verhängnüsses unerbittlichen Schluß zu hinterziehen / noch den Zorn der Götter auf sich zu laden; sondern vielmehr durch hertzhafte Gedult sich als eine nicht mißgerathene Tochter des Marius bezeugen. Calphurnia fiel dem Vater zu Fusse / umbarmte seine Knie /küßte seine Hand / und erklärte sich den Streich des Priesters mit unverwendeten Augen / und unverzagtem Hertzen zu erwarten; weil ihr kein grösseres Glück begegnen könte; als daß sie ein den Göttern gefälliges Opfer / ein Lösegeld ihres Vaterlandes; ihre Handvoll Blut aber ein Brunn seyn solte: aus welchem ein gantzes rothes Meer / welches aus so viel rauer Völcker Adern abströmẽ würde / seyn solte. Marius küßte sie hierauf; und befahl dem hierüber erstaunenden Priester sein Ampt zu verrichten. Ob er nun zwar anfangs bey sich anstand ein so grimmiges Menschen-Opfer zu vollziehen; sagte doch Martha: Es wäre der Wille der Götter; und Marius gab ihm einen so nachdrücklichen Blick: daß er mehr aus Furcht als Andacht das Schlacht-Messer ergrieff / und der auf das Altar gelegten Calphurnia die Gurgel abschnitt; hernach ihre Brust eröffnete / und die Eingeweide alle gut befand; woraus Martha ihre vorige Wahrsagung nochmals bekräfftigte. Der entseelte Leib / (dessen ausgeschnittenes und eingebalsamtes Hertze der Priester nach Rom führte / und dem Tarentinischen Sieges-Bilde in einer güldenen Schachtel wiedmete /) ward aus dem Brunnen des daselbst entspringenden Po abgewaschen / auf einen inzwischen aufgerichteten / und mit allerhand Arabischem Rauchwercke angefüllten Holtz-Stoß geleget und verbrennet. Der hierüber mehr als der eigene Vater bestürtzte Priester meynte sein grausames Opfer durch ein Gedächtnüß-Mal zu entschuldigen; kratzte also in dem an statt eines Altars gebrauchten Stein-Fels der die Iphigenia weit beschämenden Calphurnia zu Ehren diese Grab-Schrifft ein:


Liegt hier Calphurnia des Marius sein Kind?

Nein. Denn er selber schnitt ihr ja die Gurgel ab /

Als er zum Schlachten sie dem Priester übergab.

Kein Vater aber ist / der Todes-Netze spinnt /

Auf eignes Fleisch und Blut. Jedennoch aber rinnt

Aus seinen Augen Saltz der Thränen auf ihr Grab.

Diß ist der Eltern Sold. Wer aber wil ein Stab

Des Vaterlandes seyn; schlägt Kinder-Blut in Wind.


Diß opfert Marius als seiner Liebe Pfand

Für das gemeine Heil mit seiner eignen Hand

Der ewigen Stadt Rom. Die Tochter aber rennt

Den Preiß ihm ab / wenn sie so willig sich verbrennt /

Und zeugt: Ihr Vater sey zwar durch so harte That

Ein Sohn; doch sie als Kind die Mutter ihrer Stadt.


Hierauf eilte Marius seinem theils auf der See /theils zu Lande voran gegangenem Heere nach. Und weil die Deutschen ins gesa&t sich weit gegen Mitternacht gewendet hatten / Teutobach durch die Cottischen / Bolus der Helvetier Hertzog durch die Norichischen / Bojorich durch die Vindelicher Alpen einzubrechen / und an dem ihm schon bekandten Flusse Athesis herunter zu gehen willens war / kam Marius ohne alle Hindernüß am Strande des Meeres an den Rhodan. Seine erste Sorge war bey noch entferntem Feinde die Krieges-Zucht wieder zu ergäntzen / das durch Müssiggang und Wollüste verzärtelte Volck durch tägliche Arbeitund KriegesUbungen[909] abzuhärten; dem Feinde aber am Rücken die Lebens-Mittel abzuschneiden; und durch angenommene Langsamkeit entweder die wachsamen Deutschen einzuschläfen / oder wenigstens die hitzige Heftigkeit der feurigen Nord-Völcker abzukühlen. Wormit aber seinem Heere nichts gebräche; blieb er an dem Meere stehen umb der Zufuhr zur See zu genüssen; ließ auch / weil der Mund des Rhodans sich mercklich verschlemmet hatte / von dem Tempel der Ephesischen Diana gegen dem Astromelischen See einen zur Schiffart dienlichen Graben aus dem Rhodan in das Meer führen /umb dardurch nicht allein seine mühsame Kriegsleute von den trägen zu unterscheiden / sondern auch ihnen ins gemein mehr Kräfften beyzusetzen. Weil die Deutschen aber sich in ihrem Zuge wenig irre machen liessen / zohe Marius endlich an dem Rhodan hinauf /und verschantzte sich daselbst / wo die Iser hinein fällt. Hierdurch machte er den König Teutobach stutzig; und verursachte: daß er an dem Flusse Varus umbkehrte / in dem Gebiete der Allobroger die Tuguriner und Ambronen mit ihrem Könige Bolus all sich zoh / und sein Läger dem Marius gegen über schlug. Wie sich Marius aber nicht rückte / stellte er etliche mal unter dem Walle des Römischen Lägers sein Heer in Schlacht-Ordnung; und ließ dem Marius sagen: Dafern die Römer das Hertze hätten / den Deutschen das blaue in Augen zu sehen; stünde er dar fertig mit ihnen anzubinden. Marius ließ ihm hingegen zur Antwort wissen: Die Römer lieferten Schlachten / wenn es ihnen / nicht aber dem Feinde anständig wäre. Hierauf forderte König Bolus den Marius zum Zwey-Kampfe aus. Dieser aber versetzte: Wenn et seinem Leben so gram wäre / und es nicht besser anzuwehren wüste / könte er selbtem ohne wenigere Müh durch einen Strick abhelffen. Er wäre ein Feldherr / kein Fechter; meynte nun Bolus mit einem dieser Art sich zu schlagen / wolte er gegen ihn einen schicken / der schon zwantzig andere Fechter erwürgt hätte. Und da ihn Bolus bemeisterte / so denn nachdencken: Ob für die Stadt Rom rathsam wäre / daß ihr Bürgermeister mit einem frechen Jünglinge anbinde. Wie nun die Deutschen hierüber so verwegen wurden: daß sie einzelich unter den Wall des Lagers renneten / und mit spöttischẽ Wortẽ die Römer zum Kampf ausforderten; also murreten diese für Ungedult: daß Marius zwar auf dem Walle ihnẽ die Deutschen und ihre Art zu streiten zeigte / keinen aber aus dem Lager einen Fuß setzen ließ. Sie hielten ihm nicht ohne Vermessenheit ein: daß ein Feldherr durch Verbittung des Angriffs sein Heer selbst verzagt / seinen furchtsamsten Feind aber hertzhaft machte. Alleine Marius / der diese Begierde ihm wohlgefallen ließ / schützte für: Es wäre vortheilhaftiger mit einem vermässenen als furchtsamen Feinde zu thun haben. Eines Feldherren Ampt wäre die Zeit zum Streite erkiesen / der Kriegsleute / nichts minder gehorsam als tapfer zu seyn. Die weise Martha riethe noch nicht zum schlagen; durch welcher Mund die Götter schon selbst ihnen den Weg und die Zeit ihren hochmüthigen Feind zu dämpfen zeigen würden. Ja ungeachtet Marius von Rom Erinnerung zu schlagen kriegte; weil man in Umbria in den Wolcken zwey feurige Heere fechten / und das fremde herab stürtzen gesehen; die Göttin Cybele auch ihrem Priester Bathabates den unzweifelbaren Sieg angekündigt hätte; so ließ er sich doch nichts irren; sondern verleitete die Deutschen durch angestellte Zagheit: daß sie das überaus starck befestigte Läger mit Gewalt stürmeten; aber durch den Hagel der abgestossenen Römischen Pfeile zurück getrieben wurden / und etliche tausend in den Greben ihr Begräbnüß funden. König Teutobach entschloß hierauf den Marius in seinem Neste zu lassen; und in das Hertze Italiens zu dringen; führte also gantzer 6. Tage lang harte unter dem Römischen Lager sein Heer gegen die[910] Alpen zu; welches fort für fort denen Römern zuruffte: Was sie ihren Weibern und Kindern zu Rom von ihnen für Zeitung bringen solte? Marius /welcher keines weges mehr rathsam befand dem Feinde zuzusehen / ließ / als die Deutschen vorbey waren /zwey von der Zauberin Martha abgerichtete Geyer mit messenen Halsbändern des Nachts aus ihrer Verwahrung / welche mit dem Anfange der Sonnen zu grossem Frolocken des Heeres sich über dem Läger herumb schwungen / hernach dem deutschen Heere nachzohen. Marius ließ alsofort die Thore des Lägers öffnen / und frischte sein ausziehendes Heer zur Tapferkeit an; meldende: Sie solten nun ihr bestes thun; nach dem ihnen die Götter durch diese zwey Glücks-Vögel / welche ihm auch schon in Africa etliche Siege angezeigt hätten / den Weg wiesen. Er erreichte noch selbigen Tag den aus eitel Ambronen bestehenden Nachtrab der Deutschen; und erlegte derselben an einem Furthe über tausend. Weil nun der erste Ausschlag entweder Zuversicht oder Furcht gebieret /diente dieser Vortheil den Römern zu einer mercklichen Hülffe künftigen Sieges. Wie das deutsche Heer nun an die Sextischen Wasser und also nahe unter die Alpen kam; über welche König Teutobach sich durchzuarbeiten nicht für rathsam hielt / da das Römische Heer ihm in den Eisen / der Bürgermeister Catulus aber im Wege lag; also muste er daselbst stand halten; und an diesem lustigen Orte sein Läger schagen. Marius hingegen lagerte sich ein gutes Stücke von dem Flusse Canus weg auf ein dürres Feld. Wie nun sein Kriegsvolck über Wasser klagte / wieß er ihnen den von den Deutschen besetzten Strom; meldende: Seyd ihr nicht Männer; dort holet euch Wasser. Wordurch er nicht nur die Krieges-Knechte / sondern so gar den Troß zum Gefechte angewehnete. Hierauf wolten die auf der Römer Seite stehenden Ligurier /denen Marius einhielt: daß der Deutschen Einfall ihr Land am ersten treffen würde / sich für andern sehen lassen; setzten daher mit acht tausend Mann auf zehn tausend Ambronen an; welche ausserhalb des deutschen Lägers an dem Flusse Canus standen / und den Römern das Wasser abschnitten. Aber Hertzog Harald begegnete ihnen mit so tapferer Gegenwehr: daß etliche tausend Ligurier das Wasser-Trincken vergassen / und Blut lassen musten; also / daß Marius seinen Sohn mit einer gantzen Legion denen nothleidenden Liguriern zu Hülffe schicken muste. Da denn endlich nach einem blutigen Treffen / wordurch nicht allein der Fluß angeröthet / sondern auch eine breite Brücke von todten Leichen darüber gemacht ward /sich gegen das deutsche Läger zurück ziehen musten. Wie die Römer sie aber verfolgten / fielen der weichenden Deutschen mit Aexten und Schwerdtern gewaffnete Weiber aus einer Wagenburg mit unglaublichem Geschrey den Römern in Rücken / und tasteten selbte wie rasende Unholdinnen so verzweifelt an: daß nach dem die Deutschen sich aufs neue gegen sie setzten / und ein neues Heer sich aus dem deutschen Lager hervor thät / die Römer wieder über den Strom weichen / und diesen streitbaren Weibern / welche gleichsam ohne Empfindligkeit den Römern in ihre Schwerdter grieffen / und mit blutendẽ Fäustẽ ihnen die Waffen auswunden / viel Krieges-Zeug und Todte hinterlassen musten. Folgende Nacht hielten die Weiber / derer Männer den Tag vorher geblieben waren /rings umb das noch nicht gar verschantzte Römische Läger ein so jämmerliches Mord-Geschrey: daß nicht nur dem Römischen Kriegsvolck die Haare zu Berge stunden / und sie für Schrecken die gantze Nacht nicht ruhen konten / sondern auch Marius / als er fort für fort ein grosses Geräusche der Waffen / und die Barden darzu ihre Heldenlieder / (welche sie sonst für den Schlachten zu singen pflegen) mit untermischen hörte / selbst in Sorge stand: es würde sein noch schlecht verwahrtes Läger gestürmt werden. Zu seinem Glück aber fiel bey den[911] Deutschen ein Feyertag der Göttin Hertha ein; den sie in ihrem Läger ruhig ausser mit dem erzehlten Gethöne begingen. Bey dieser Gelegenheit; und weil dem Marius aus dem Narbonischen Gallien sechs tausend Marsen zu Hülffe kamen / ließ er den Marcus Claudius Marcellus mit der Helffte der Marsen / drey tausend auserlesenen auf deutsche Art gekleideten Römern / nebst einer grossen Menge gewaffneten Trosses eine püschichte Höhe Seitenwerts gegen das deutsche Läger einnehmen; mit Befehl: daß er bey der nunmehr entschlossenen Schlacht trachten solte dem Feinde in Rücken zu kommen. Auf den Morgen führten beyde Theile ihre Kriegsheere aus dem Läger. Die Deutschen aber waren so hitzig: daß sie die Römer in der zur Schlacht bequemen Fläche nicht erwarten wolten; sondern den von einem Berge abkommenden Feind bergaufwerts fechtende angrieffen. Wiewohl nun die Beschaffenheit des Ortes den Römern sehr vortheilhaftig / den Deutschen nachtheilig war; so standen sie doch wie Felsen; und fochten drey Stunden lang / ehe sie die Römer auf die Fläche kommen liessen. Beyderseits Kriegs-Häupter thäten nicht allein das äuserste / und ergäntzten mit ihrer klugen Anstalt alle Lücken; ja auch die im Hinterhalt stehenden Weiber kamen ihren Männern mit Zuruff und eigner Tapferkeit zu Hülffe /wo sie irgends Noth leiden wolten. Als aber Marcellus den Deutschen mit seinen verkleideten Römern und Marsen in Rücken fiel; wurden sie überaus verwirret; in dem sie nicht wusten: durch was für Verrätherey ihnen ihre Landsleute zu Feinden worden / oder / ob sie ihnen vom Himmel auf den Hals gefallen wären. Die Tugenen lidten hierbey unter dem Könige Bolus die gröste Noth; und begonte der lincke Flügel in nicht geringe Unordnung zu kommen. Aber König Teutobach / welcher nebst seinen drey hundert zur Leibwache habenden Riesen über alle andere Streitenden mit dem Kopfe fürragte / drang dahin / rennte den Marcellus selbst zu Bodem / und brachte die Seinigen / welche endlich die Römische Verkleidung wahrnahmen / wieder zu Stande. Inzwischen aber hatte Marius im rechten Flügel wider den Hertzog Harald einen mächtigen Einbruch gethan; also: daß Teutobach dort abermals fürbeugen muste. Wiewohl nun die Deutschen / insonderheit welche fingernackt fochten / die ungewohnte Hitze selbigen Tages mehr als die Waffen der Feinde abmattete / zum Theil kaum mehr lechsen konten / ja für Schweiß und Staube kaum mehr Menschen ähnlich waren; hielten sie doch biß zur Sonnen Untergange aus. Da denn Teutobach / sonderlich als König Bolus heftig verwundet / Fürst Harald aber getödtet ward / den Seinigen ins Läger zu weichen ein Zeichen gab. Marius blieb zwar zum Zeichen des Sieges etliche Stunden auf der Wallstatt stehen; hernach aber führte er das gröste Theil seines Volckes ins Läger / und ließ alle aufs beste sich erfrischen. Mit etlichen einander ablösenden Hauffen aber machte er durch vieles Geräusche und Geschrey die gantze Nacht Lermen; also: daß die im Läger stehenden und einen Sturm besorgenden Deutschen durch stetes Wachen vollends abgemattet wurden. Dessen ungeachtet führte König Teutobach / als er bey angehendem Tage die Römer sich wieder zu einer neuen Schlacht stellen sahe / und über diß die Lebens-Mittel gebrechen wolten / sein Heer aus dem Lager. Es ist über menschlichen Glauben: mit was für Heftigkeit die Deutschen allhier für ihr Leben und Freyheit / die Römer für den ihnen eingebildeten Sieg gefochten. Die Krieggs-Schaaren stiessen an einander wie Felsen; und gleichwohl hatte biß an den hohen Mittag kein Theil dem andern einigen Vortheil / oder nur einen Fuß breit Erde abgewonnen. Insonderheit aber trat und schlug König Teutobach mit seiner Riesen-Wache alles was ihm begegnete / zu Bodem; und es blieben diesen[912] halben Tag etliche dreissig Römer von des Teutobachs eigener Faust. Am Mittage aber kam die Sonne den Römern abermals zu Hülffe; und die grosse Hitze /derer die Nord-Völcker nicht gewohnet / stritt mit grossem Vortheil wider die Deutschen; derer Leiber im Schweiß gleichsam wie der Schnee zerschmoltzẽ. Daher fing ihr lincker Flügel / gegen welchen Marius die Seinigen mit blossem Degen antrieb / zu wancken. Alleine die ihm zu Hülffe kommenden deutschen Weiber brachten ihn wieder zu Stande; welche die Fürstin Landgertha als eine ergri&te Löwin anführte /einem Römischen Hauptmanne zu erst die Hand mit sa&t dem Degen abhieb / und die Kräffte ihres Geschlechtes übersteigende Helden-Thaten ausübte; also: daß die Schlacht noch wohl eine gute Stunde auf gleicher Wage lag; biß der junge Marius / den hernach der König in Numidien Hiempsal bey sich in so grossem Werth hielt / Landgerthen einen verwegenen Stoß beybrachte; worvon sie ihre edle Seele mit dem Blute ausströmete; aber mit dieser Helden-Dinte auch in den verweßlichen Staub ihren unsterblichen Nahmen aufzeichnete. Der Deutschen Hertzeleid über dieser Fürstin Tode war so heftig: daß sie an statt der Rache in Kleinmuth verfielen. Denn gemeiner Schmertz ist ein Wetz-Stein / übermässiger aber ein Feind der Tugend. Also begonte der lincke Flügel aufs neue zu weichen. Und weil König Teutobach /der bereit aufs sechste Pferd kommen war / bey dem rechten mehr als zu viel gegen den eingebrochenen Marcellus zu thun hatte / war ihm unmöglich dem lincken zu Hülffe zu kommen. Wie aber auch in der Mitten die Schlacht-Ordnung brechen wolte / entschloß er sich durch eine verzweifelte Erkühnung der Gefahr zu rathen; ermahnte also seine Riesen / und zwey hundert umb ihn streitende Edelleute: sie solten ihm behertzt folgen; und hiermit drang er wie ein Blitz der Römischen Haupt-Fahne zu. Alles was sich widersetzte /ward zu Bodem getreten / oder erlegt; und brachte es der nunmehr gleichsam wütende Teutobach so weit: daß ein Alemannischer Ritter Fürstenberg den Römischen Haupt-Adler dem Fähnriche aus den Händen rieß / ihn zerbrach und zu Bodem warff. Wie grosse Verbitterung dieser Schimpf bey den Römern erweckte; also ließ Marius nur ein Theil gegen den schon gantz zertrenneten lincken Flügel der Deutschen fechten; er aber kam mit dem noch frischesten Volcke auf einer / und Cneus Domitius auf der andern Seite mit einer ausgeruheten und zum Hinterhalte gelassenen Legion gegen den Teutobach an; welcher gleichwohl mit seinem Adel und Riesen wie ein Fels gegen die heftigsten Wellen aushielt. Endlich aber / nach dem auch der härteste Marmel-Stein durch weiche Regen-Tropfen abgenützet wird; muste er einen neuen Schluß fassen / sich gegen sein Heer durchzuschlagen; welches beyderseits viel Blut / und den König Teutobach abermals drey Pferde und wohl die Helfte seiner Leibwache kostete. Gleichwohl erreichte er sein nunmehr aller Orten weichendes Heer; welchem er so viel möglich Anleitung gab: gegen Mitternacht in das Gebürge sich zu ziehen / umb von dar über den Strom Druentia in das Vulgentische Gebiete zu entkommen. Wormit er auch den Seinen so viel mehr Lufft machte; both er in dem nechsten Forste den Römern bey schon spätem Abende noch einmal die Spitze; und die Liebe seines Volckes war bey ihm so groß: daß er sich als ihre Schutz-Säule hier lieber wolte zermalmen / als ihre Beschirmung fahren lassen. Daher er biß umb Mitternacht an einem Furthe Stand hielt; endlich aber umbringet / übermannet /und alle bey ihm stehende erschlagen wurden. Er selbst ward so verwundet: daß er biß auf den Morgen unter den Todten lag; welchen aber Marius so denn aufheben / bey verspürtem Athemholen erfrischen /und die Wunden zu grossem Vergnügen dieses großmüthigen Königes heilen ließ; dem sein Leben ein[913] täglicher Tod war; weil selbtes nicht mehr zum Theil seines Volckes / sondern zum Schauspiele seiner Feinde dienen solte. Gleichwohl halff seine Tapferkeit so viel: daß über zwantzig tausend Teutoner und Ambroner über den Fluß Druentia entkamen / und sich mit denen zu Besetzung des Allobrogischen Gebürges gelassenen Tugurinern stiessen; also: daß ungeachtet der Deutschen beyde Tage sechzig tausend blieben /auch zwantzig tausend gefangen wurden / (welche wahrhafte Zahl aber die Römer etliche mal vergrössern) Marius sie zu verfolgen Bedencken trug; vorwendende: Es wäre Ehre genung: daß der Kern der Deutschen erlegt wäre; die übrigen die Flucht im Hertzen und die Wunden auf dem Rücken mit sich führten. Sintemal jene ihr Leben nicht umbsonst verkaufft / und die Römer gleichfalls über viertzig tausend verlohren / Marius / und alle Kriegs-Obersten genungsame Wunden an sich zu verbinden hatten; der Römische Rath auch auf des Quintus Metellus Einrathen den Verlust so vieler Bürger durch ein den Ehstand aufnöthigendes Gesetze zu ersetzen schlüssen muste. Marius ließ von den feindlichen Leichen und Waffen zwey grosse Berge zusammen tragen / auf einen Holtz-Stoß zwölff der schönsten deutschen Jungfrauen setzen / und im Angesichte des gantzen mit Lorbern bekräntzten Heeres von dem Priester zum Gedächtnüsse seiner geopferten Calphurnia lebendig verbrennen. In welche Flamme sich noch viel andere deutsche Frauen freywillig stürtzten; die in der Schlacht gefangen worden waren; umb mit der Keuschheit auch ihre Freyheit durch den Tod zu erkauffen. Den Bergvoll Leichen aber verschleppten die Massilier; brauchten der Deutschen Fleisch und Blut zu Tingung der Aecker / ihre Gebeine aber zu Umbzäunung der Wein-Berge. Marius ward dieses Sieges halber / wordurch gleichsam schon auch die Cimbern und Helvetier überwunden zu seyn schienen / mit unzehlbaren Glückwüntschen überschüttet; zu Rom abwesende das fünfte mal zum Bürgermeister erwehlet / und zu seinem Siegs-Gepränge ungemeine Anstalt gemacht.

Alleine diese Freude und Siegs-Gepränge verstörte bald darauf der Ruff von König Bojorichs Anzuge. Quintus Catulus hatte zwar alle Pässe des Tridentinischen Gebürges besetzt und verschanzt. Bojorich aber / nach dem er sich mit dem Hertzoge der Angeln Cesorich / dem Longobardischen Hertzoge Claudicus /und der Variner Fürsten Lucius verstärckt / arbeitete sich mitten im Winter durch Schnee und Eiß über den höchsten Gipfel der Tridentinischen Alpen zu aller Menschen Verwunderung durch; ob wohl die Cimbern wegen der abschüssigen und von dem Eise Spiegel-glatten Berge mehrmals sich herunter kugeln /oder auf ihren grossen Schilden wie auf Schlitten herunter rennen musten. Quintus Lutatius Catulus entsetzte sich über diesem Einbruche eines gleichsam über die Berge geflogenen Feindes derogestalt: daß er über Hals und Kopf biß nach Verruca zurücke wiech /und sich auf einem Berge verschantzte. Aber die Furcht trieb ihn / ehe er einen Deutschen zu Gesichte bekam / bey nur verlautendem Anzuge biß über den Fluß Athesis nach Verona / allwo sie das Ufer dieses Flusses als eine rechte Festung mit einem Walle belegten. Dessen ungeachtet hielt König Bojorich zu grossem Schrecken des Feindes / ihn / wo er am sichersten zu seyn meynte / anzugreiffen. Daher laß er die grösten Kriegs-Knechte aus seinem Läger zusammen / ließ selbte in den Fluß waten / mit Befehl die Gewalt des Stromes denen unterhalb fechtenden Deutschen aufzuhalten. Welch Beginnen zu Rom ein Geschrey machte: Die Cimbern wären so thu&kühn; daß die Flüsse mit ihren Schwerdtern wie Xerxes das Meer mit Ruthen schlügen; und gleich als wenn auch das Wasser eine Fühle hätte / solchen zu verwunden meynten. Da doch nach ihrer Erfindung Pompejus hernach sein Heer durch den Fluß Cyrus / Käyser Julius sein Volck durch den Rubico führte. Als diß aber wegen Heftigkeit des von dem zergangenen[914] Schnee angelauffenen Flusses nicht anging; ließ er eine Menge Bäume abhauen / ober mit sa&t den Wurtzeln ausreissen / und ungeachtet der feindlichen Pfeile quer über den Strom einwerffẽ; oder sie von oberhalb herunter schwemmen; die sich hernach an den untersten Quer-Bäumen hemmeten; und also sonder fernere Müh den Deutschen eine feste Sturmbrücke baute. Als nun die Römer sich die Deutschen zum Sturm fertig machen sahen / geriethẽ sie in ein solches Schrecken: daß Catulus weder mit Worten noch mit blossem Degen sie von der Flucht zurücke halten konte; gleich als ob ihnen aus dem Siege kein Ruhm / aus der Flucht kein Laster zuwüchse. Wie nun ben dẽ Römern kein haltẽ mehr war; ließ Catulus selbst den Adler aushebẽ; rennten darmit spornstreichs voran; umb die Schmach lieber auf sich / als auf das Römische Heer zu ziehen; wormit diß mehr ihrem Feldherrn zu folgen / als für dem Feinde zu fliehen scheinen solte. Wie denn auch die Zagheit der Flüchtigen eine gantze ihnen zu Hülffe eilende Legion eilends mit zurück über den Fluß Mincius und Clusius biß nach Badriacum rieß. Ja ein Theil setzte bey Hostilia gar über den Po / und kam biß an Rom an; also: daß Marcus Scaurus seinem auch entflohenen Sohne sein Antlitz verbieten; und daß er seinen Gebeinen mit Freuden entkommẽ wolte / ankündigen ließ; hierdurch auch denselben dahin brachte: daß er sein Schwerdt hertzhafter wider sich selbst als den Feind gebrauchte. Nichts desto weniger blieb die fünfte Legion mit zwey tausend Balearischen Schützen unter dem Didius zu Beschirmung des Ufers unverrückt stehen; aber die Menge und Tapferkeit der Deutschẽ übermañeten sie in weniger Zeit; und wurdẽ 8000. Römer und Hülffs-Völcker gefangẽ. Die andere absonderlich verschantzte Legion aber brachte Cneus Petrejus ein Hauptmann / wiewohl nicht ohne grosse Verwegenheit und Verlust davon; indem er den sich durch einen Ausfall zu retten weigernden Obersten eigenhändig erstach / sich durchs Cimbrische Läger des Nachts durchschlug / und deshalben von dem Kriegs-Volcke mit einem Belägerungs-Krantze beschenckt ward. König Bojorich aber hatte an ihrer hertzhaften Gegenwehr ein solches Gefallen: daß ob wohl bey den Römern und den meisten Völckern kein Gesetze der Gefangenen schonen / noch ihre Straffen auf gewisse Art einschräncken heist / er alle ohne Entgeld frey ließ /nach dem sie vorher nach der Cimbrer Gewohnheit über einen ertztenen Ochsen geschworen hatten: daß sie ihre Lebetage wider die Deutschen keinen Degen zücken wolten. Bojorich verfolgte hierauf den Catulus / welcher inzwischen über den Fluß Mela / Humantia und Addua gediegen war / mit einer so unglaublichen Geschwindigkeit: daß die Deutschen in einem Tage mit dem Catulus über diesen letzten Strom kamen. Dieser sahe hierdurch nicht ohne Bekümmernüß ihm den fürgenommenen Weg zu den Insubriern abgeschnitten; über den Po aber zu setzen und den Feind ihm in das Hertz Italiens nachzuziehen hielt er nicht für rathsam. Sintemal Rom sicherlich dißmal nicht in viel geringere Gefahr / als zur Zeit des Brennus verfallen seyn würde: wenn König Bojorich nicht des Deutschen Nachzugs ohne Noth erwartet / sein vorhin unter freyem Himmel zu schlafen / rohes Fleisch zu essen / in Flüsse Schweiß und Staub abzuwaschen gewohntes Kriegsvolck nicht in dem fruchtbaren Gebiete der Veneter durch die weichen Lager-Städte / wohlrüchende Zimmer / niedliche Speisen / warmen Bäder die vorhin unversehrlichen Kräffte eingebüsset; sondern den flüchtigen Catulus hätte seyn lassen / und geraden Weges auf Rom zugerückt wäre. Wie aber Bojorich dem Catulus allzu geschwind über den Hals kam / zwang ihn die Noth mit dem gantzen Heere wieder über den Strom Addua zurücken; allwo Hertzog Lucius nur noch mit 10000. Mann stand. Beyde stellten sich auch wohl / als wenn sie daselbst auf einem Berge ihr Lager befestigen wolten; liessen aber weder absatteln / noch das[915] Kriegs-Geräthe absacken. Wie nun Bojorich hierdurch verführet ward / und folgenden Tages sein Heer gleichfalls zurücke gehen ließ / ging Catulus des Nachts in aller Stille über des Aureolus Brücke / und kam nach Mogruntiacum an den Fluß Lamber; ehe die müden Deutschen des Aufbruchs inne wurden. Bejorich ward hierüber unwillig: daß der Feind nirgends stand halten wolte; ließ also den Hertzog Cesorich und Claudicus selbten verfolgen; er aber schlug oberhalb Placentz eine Brücke über den Po / und streiffte biß an das Apenninische Gebürge gegen Hetrurien; ja der Sicambrische Fürst Merodach kam biß unter die Stadt-Mauer zu Ravenna. Also verfiel dieser sonst kluge Fürst durch einen geheimen Trieb des Verhängnisses in die Fehler des Annibals; welcher hernach zu langsam beklagt: daß er nach der Cannischen Schlacht nicht Rom gestürmt hatte.

Allein es überfällt zuweilen auch die wachsamsten Kriegs-Helden nach einem grossen Wercke eine Schlafsucht / wie das Meer nach heftigem Sturme eine Windstille. Entweder / weil sie die Geschwindigkeit für eine Ubereilung der Unvorsichtigen; die Langsamkeit aber für eine Schwester der Klugheit / und eine Gefertin der Glückseligkeit haltẽ; oder: weil sie die überstandene Gefahr und die noch übrigẽ Schwerigkeiten durchs Vergrösserüngs- ihr Vermögen durchs Verkleinerungs-Glaß ansehen; und den Sieg mehr für einen Zuwurff des Glückes; als desselbtẽ Ausmachung für ein mögliches Werck ihrer Tugend haltẽ; und am füglichstẽ denen Vögeln zu vergleichẽ sind: welche wol Eyer legẽ / aber sie nicht ausbrütten. Nach welcher Art auch der Atheniensische Feldherr Nicias in Sicilien / und der Spartaner Brasidas durch seine Langsamkeit den Sieg aus den Händen verspielte /und sein Thun eine unzeitige Frucht bleiben; hingegen aber Käyser Julius nichts unausgemacht ließ. Gleich als wenn nichts gethan wäre / wenn noch was zu thun übrig bliebe. Also war auch Hermocrates mit seinem Vaterlande nicht vergnügt: daß die von Athen die Belägerung der Stadt Syracusa aufheben musten; sondern er ließ nicht nach / biß er sie aus gantz Sicilien verjagt / und dem gantzen Kriege ein Loch gemacht hatte. Wie nun der einmal ins stecken kommende Fortgang der Waffen den Siegenden selbst den Glauben ihrer Oberhand zweifelhaft; den Feinden aber Lufft / und den Furchtsamsten ein Hertze macht; also kam auch das über Bojorichs Einbruche bebende Rom / als die Cimbern nicht gleich den Apennin überstiegen / wieder zu sich; und zu dieser heilsamen Entschlüssung: daß sie den Marius sein Sieges-Gepränge verschieben / und mit einem mächtigen Heere sich gegen den Bojorich aufmachen liessen; von dem ihm im Mogellischen Thale eine Gesandschafft begegnete / welche den Römern gegen Einräumung eines auskommentlichen Erdreichs für sein und König Teutobachs Volck Frieden antrug. Marius lächelte über dem Vortrage der Deutschen; und antwortete ihnen: Die Römer hättẽ für sie nichts übrig; für den Teutobach und ihre Brüder aber möchten sie ausser Sorgen stehen. Denn diese hätten schon Erde genung; würden selbte auch immer behalten. Wie er nun zugleich den Teutobach und etliche andere gefangene Fürsten ins Zelt führen ließ; erstauneten die von solcher Niederlage nichts wissenden Gesandten so sehr: daß sie ohne fernere Wortwechselung zurück ins Läger kehrten / und dem Könige Bojorich hiervon die traurige Zeitung brachten. Bojorich schäumte hierüber für Zorne; frischte sein Kriegsheer zu gerechter Rache ihrer erwürgten Brüder auf; rückte dem Marius / welcher nun über das Apenninische Gebürge kommen war / entgegen / und forderte ihn zur Schlacht aus; mit der Andeutung: Es wäre der Deutschẽ Art / ohne Verzug umb die Oberhand zu kämpfen; nicht aber zum Vortheil der Kriegs-Obersten / zum Verterb des unschuldigen Landmannes den Krieg zu schleppen / die gemeinen Schatz-Kammern zu erschöpfen / und so denn allererst / wenn beyde Theile mit ihrer Grausamkeit[916] müde / die Länder aber Wüsteneyen worden /einen kläglichen Frieden zu machen. Aber Marius hatte für / die hurtigen Deutschen müde / und seine Hitze durch Verzug laulicht zu machen; wie auch den Feind wieder über den Po zu locken / und des Catulus Heer an sich zu ziehen; ungeachtet den Ehrsüchtigen Marius nicht wenig biß: daß der von ihm sich zum Catulus schlagende Sulla etliche aus den Alpen einfallende Völcker glücklich schlug / und des Catulus Heer mit so auskommentlichen Lebensmitteln versorgte / welche auch dem nothleidenden Marius aushelffen konten. Sintemal Ehrgeitz fremde Wolthat als einen Vorruck seiner Dürfftigkeit hasset; und daher sie mit mehrer Gramschafft / als Rache die Beleidigung verfolget. Dem Bojorich ließ er auf seine Forderung entbieten: Es wäre der Römer Brauch nicht sich feindlichen Rathes zu bedienen; sondern er würde nach seinem Gutbedüncken schlagen. Hiermit lenckte er Nordwestwerts gegen den Po ab; lagerte sich allezeit so vortheilhafftig: daß ihm die Deutschen nicht beykommen konten; gieng bey Dertona über; und weil er sich stellte: als wolte er den Cesorich und Claudicus zwischen beyde Römische Heer einschlüssen; folgte ihm Bojorich über den Po; und nachdem beyde Römische und beyde deutsche Heere zusammen gestossen waren / both Bojorich noch einmahl dem Marius den Kampff an; welches er auff den dritten Tag /und zwar auff dem grossen Raudischen Felde zwischen den Bächen Novaria und Seßites nicht ferne von Vercell beliebte. Weil er aber folgenden Tag Wind- und neblicht befand; ließ er in aller Eil das Römische Heer sich erqvicken / zur Schlacht sich anschicken / und mit anbrechendem Tage auff das bestimmte Feld rücken; allwo er sein Heer Sudostwerts in Schlacht-Ordnung stellte; also: daß wenn die Sonne den Nebel unterdrücken würde / selbte den Deutschen recht ins Gesichte schiene / und sie zugleich der Wiederschein von den gläntzenden Schilden blendete / ja der Wind ihnen auch den Staub unter die Augen wehete. Hierauf ließ er dem Streitbegierigen Bojorich wissen: Er wartete sein auff dem bestimmten Felde; also verlangte er zu vernehmen: ob er so tapffer fechten als großsprechen könte? Die Deutschen / ob sie wohl weder ihrer Pferde recht gepflegt hatten / hielten für ärgsten Schimpff auf solche Ausfoderung sich nicht zu stellen; sonderlich: da der bey ihnen als ein Gallischer Uberläuffer sich einfindende Qvintus Sertorius sie hierzu verleitete / und dem Marius alle ausgefischte Anschläge der Deutschen verkundschafftete. Daher führten sie über einen beschwerlichen Berg ihr Heer dahin. Ehe nun Bojorich seine Schlacht-Ordnung reckt gemacht hatte; stiessen die Deutschen schon bey dem dicken Nebel auff die wider ihre Einbildung nahen Römer; allwo Marius den rechten / Sylla den lincken Flügel führte; Catulus mit seinem Volcke in der Mitten / iedoch mercklich zurücke stand. Denn Marius hatte mit Fleiß die Schlacht-Ordnung so sehr eingebogen / und die aus seinen Legionen bestehenden Flügel so weit herfür gerückt; weil er entweder diesen wegen schon wider den Teutobach befochtenen Sieges mehr trauete; oder weil er den Ruhm der Uberwindung ihm und den seinigen allein zuziehen wolte. Sintemahl diese Auslegung des Marius Ehrsucht / jene seine Kriegs-Erfahrung an Tag giebt. Wie denn seine Anstalt bald anfangs machte: daß Hertzog Claudicus eine gute Zeit die erste Hitze der Römer allein aushalten muste / biß das völlige Deutsche Heer überkam / und in richtige Ordnung gebracht ward. Bojorich kam gegen den Marius / Cesorich gegen den Sylla / Hertzog Lucius und Claudicus gegen den Catulus und Marcellus zu fechten. Bojorichs Helm hatte nur einen / sein Schild drey Löwen; Cesorichs Helm einen Greiff / sein Schild einen Ochsen-Kopff mit einem eisernen Rincken; des Claudicus Helm einen Drachen / der[917] Schild ein auffgelehntes Pferd; des Lucius Helm einen weissen Adler / der Schild einen Goldgekrönten Löwen mit einem güldenen Halsbande auff sich / die Ritters-Leute auch ins gesamt hatten sich mit Löwen-Bär- Luchs- und Wolffs-Häuten umhangen / und ihre geflügelten Helme mit grimmiger Thiere Rachen außgeputzt; die Leiber mit Panzern / die lincken Armen mit weiß-gläntzenden Schilden / die Hände mit Lantzen / grossen Schwerdtern / und zweyfach hauenden Aexten ausgerüstet. Das deutsche Fußvolck war drey tausend sieben hundert und funffzig Schritte breit / und zwar viereckicht gestellt. Die Helffte der in funffzehn tausend Mann bestehenden Reuterey / welche bey denen Römern in höchstem Ansehen war / und derselben zum Gedächtniße auch nach erlangtem Siege die Stadt Eporedia erbauet ward / führte Bojorich höchst klüglich nicht gerade auf die Stirne der Römer / sondern rechtwerts / die andere Helffte Cesorich linckwerts ab; um das Römische Heer gleichsam zu umschlüssen /und in die Mitte zu bekommen. Der schlaue Marius aber merckte bald diese Kriegs-List; daher ruffte er den gerade vorwärts dringenden zu: der Feind fliehe; sie solten ihm also auff der Fersen folgen. Besser aber glückte es dem Cesorich; welcher den Sylla zwischen sich / und das deutsche Fußvolck bekam; und so hefftig zusetzte: daß wenn ihm nicht die Numidische Reuterey mit zwölff Elefanten zu Hülffe kommen wäre; welche in der deutschen Reuterey nicht wenige Unordnung verursachten; wäre das Spiel zweiffelsfrey gantz verkehrt ausgeschlagen. Deñ ob wohl der verschmitzte Bojorich aus zusammengeneheten Ochsenhäuten derogleichen ungeheure Thiere hatte nachbilden / selbige durch darunter versteckte Kamele bewegen / und durch ihre Führer gegen die Reuterey anführen lassen / wormit die Pferde ihrer gewohnten; so übertraff doch diese Warheit jene Nachaffung; und insonderheit war der starcke Geruch der Elefanten den Pferden zu wider / und machten sie unbändig. Gleichwohl meinten diesem Ubel zwey Brüder und deutsche Ritter zu begegnen; welche von ihren Voreltern schon wegen einer tapffern Hülffs-leistung den Nahmen Helffenstein überkommen / und in dem Jugurthischen Kriege gedienet hatten. Diese sprangen bey dieser Gefahr von Pferden / ergriffen zwey daselbst ungefähr liegende Wipffel von abgehauenen Baumen / bländeten damit die ersten zwey Elephanten / und hieb der ältere dem einen die Schnautze ab; also: daß er alsofort umkehrte / unter den Römern selbst Trennung machte. Der jüngere Helffenstein stach dem andern sein Schwerd unter dem Schwantze biß ans Hefft hinein: daß er mit seinem Thurme über einen Hauffen stürtzte. Dieser Beyspiele folgten zwey Norichische Ritter Dietrichstein und Wagensberg; welche mit vorwerts / nach Art der Wein-Messer oder Sicheln gekrümmten Degen oder halben Sicheln zwey andern Elefanten die Schnautzen abhackten; derer einer aber von dem ergrimmten Thiere zertreten ward. Hierüber /und nachdem etliche Elefanten-Leiter mit Pfeilen erlegt wurden / kamen diese Thiere in Verwirrung / die deutsche Reuterey aber wieder in ihre Glieder; das Fußvolck auch beyderseits an einander; also: daß diese zwey / oder vielmehr vier mächtige Heere anfangs ein Rauschen des brausenden Meeres / hernach aber ein Gethöne etlicher hundert Schmieden und Eisen-Hämmer fürbildeten. Zwey Stunden währete die Schlacht: da die streitenden Hauffen für Nebel und Staube einander kaum erkiesen / auch ein Flügel / was in dem andern fürgieng / schwerlich erfahren konten. Hernach aber drückte die Sonne zu grossem Vortheil der Römer den Nebel gleichsam in einem Augenblicke unter sich / und eröffnete beyden Völckern ein jämmerliches Schauspiel; weil ihnen beyderseits soviel tausend blutige Leichen von Menschen und Thieren[918] ins Gesichte fiel; und also die Rachgier in ihren ohne diß verbitterten Gemüthern vergrösserte. Bojorich unterließ nichts / was ein kluger Feldherr / und ein hertzhaffter Held ausüben kan; und Marius bezeigte sich als ein Wunder in der Kriegs-Wissenschafft. Drey Stunden lang blieben beyde Schlacht-Ordnungen noch unverrückt; ungeachtet der Wind mit erregtem Staube / und zugleich die Sonne die Deutschen eine gute Zeit blendete. Denn Bojorich ließ den Hertzog Cesorich wissen: daß er mit dem lincken Flügel und dem mittelsten Heere etwas gegen Westen weichen wolte / um halben Wind und Sonne zu gewinnen. Daher solte er mit dem rechten Flügel feste stehen bleiben; welcher Anschlag auch glückte; und würden die Römer wie die Sonne / welche die der Hitze ungewohnten Cimbern hefftig plagte / den Staub ins Gesichte bekommen haben: wenn nicht der Wind sich /gleich als wenn selbter unter der Botmäßigkeit der Römer / und das Glücke ihr angebohrnes Erbgut wäre / sich abermahls gewendet / und aus Ost so starck zu wüten angehoben hätte: daß die Deutschen fast kein Auge auffthun konten; sondern gleichsam blinde Fechter abgeben musten.

Ob nun wol der Staub der deutschen Helden Augen verdüsterte / versehrte er doch nicht ihre Hertzen. Bojorich durchstach einen Römischen Obersten Lucius Drusus; welchen er wegen seiner güldenen Rüstung für den Marius ansahe / Hertzog Merodach verwundete den Catulus; und der verzweiffelte Fürst Lucius riß einen Römischen Adler zu Bodem; ward aber zu grossem Unglück erstochen. Aber welche Großmüthigkeit mag gegen dem donnernden Verhängnisse bestehen? Welche Riesen-Armen sind dem Winde gewachsen; welcher auch hundertjährige Eichen mit ihren Wurtzeln ausreisset. Wer kan denen Pfeilen fürbeugen / die der Himmel selbst von seinen Bogen abscheust / und uns ins Hertze richtet? Wer wil die Augen des Leibes und des Gemüthes gegen die uns selbst bländende Gottheit auffthun? Daher stürtzte Hertzog Cesorich ohne seine Verwahrlosung mit dem Pferde in einen Graben / und ward gefangen. Sylla erlegte mit eigener Faust seinen Bruder Uffo / einen zwar hertzhafften Fürsten; von welchem aber noch die besten Früchte zu hoffen waren. König Bojorich /welcher ihm vorgesätzt hatte zu sterben / oder den Wind noch einmahl zu gewinnen / drang durch drey Römische Hauffen wie ein Blitz / und erlegte selbigen Tag eigenhändig zwey und dreißig Feinde; aber er ward doch endlich durch eben so viel Wunden erleget. Worbey Marius das Glücke hatte: daß er ihm die letzte / und hiermit auch selbten vom Pferde setzte; welchem aber dieser Römische Feldherr nachrühmte: Bojorich hätte wie ein Löw gefochten / und seine Haut theuer verkaufft. Bey Entfallung dieser drey fürnehmer Häupter musten die von dem dürren Winde / und der unerträglichen Hitze der damahls im Löwen brennenden Sonne fast verschmachtenden und zerschmeltzenden Deutschen nicht so wohl der Tugend der Römer / als dem Winde / der Sonne und dem Verhängniße aus dem Wege treten / und so gut sie konten sich in ihr Läger ziehen. Ein Theil derselben flüchtete sich auch in eine Wagenburg; in welche die Königin Hatta / des Fennischen Königs Tochter / die Fürstin Leutgarde / Kumißa / Adela / und etliche tausend edle Frauen und Jungfrauen ohne die gemeinen sich unter einem rauhen Berge engeschlossen hatten. An diese setzten zwey Römische Legionen mit etlich tausend Balearischen Schützen an; weil Marius in einem Tage dem Cimbrischen Kriege ein Ende machen wolte / sie wurden aber nicht so wohl von der wenigen Mannschafft / als denen behertzten Weibern / und zugleich denen starcken Hunden dreymahl zurück getrieben. Als aber Marius endlich durch Pech / Hartzt und Schwefel die Wagenburg in Brand brachte / und sie sich verlohren sahen;[919] schickte die Königin Hatta an Marius / und erklärte sich: daß / da er ihre Keuschheit zur Entweihung beschirmen; sie auch zu Rom in dem Heiligthume der Vestalischen Jungfrauen bewahren wolte; wären sie erböthig sich zu ergeben / und sich allen Vestalischen Gesetzen zu unterwerffen. Denn das deutsche Frauenzimmer setzte die Freyheit dem Leben / die Keuschheit aber beyden für; welche / wie sie hörten / zu Rom unter dem Nahmen der Vesta göttlich verehret würde. Ohne dieser Verunehrung könte er ihrem an dem Kriege keine Schuld habendem Geschlechte ihre Bitte nicht abschlagen; welches er ohnediß nach überwundenen Männern ohne Schimpff nicht bekriegen könte. Zumal er ohne diß sich nur ihrer Leiber bemächtigen könte. Denn diese wären nur in ihrer eigenen Gewalt / und ihrer Tugend kein Vortheil abzujagen. Derogestalt wäre es ein weniges / was er ihnen liesse; wenn er ihnen aber nichts gebe; würde ihm auch von ihnen nichts zu statten kommen. Aber der rauhe Marius antwortete ihnen: dieses Heiligthum wäre für so wilde Weiber nicht gewiedmet. Dieses verursachte; daß sie im Angesichte der Römer ihre zarten Kinder an die Felsen und Wagen schmetterten; dieselben auch / welche nicht zum fechten geschickt waren / sich an die Bäume auffhingen / und hierzu an statt der Stricke ihre abgeschnittene Haare brauchten. Unter andern war eine edle Frau / welche ihre zwey kleinen Söhne an ihre Füße / und sich mit ihnen an eine Deichsel hing; vorgebende: daß nichts / waran ihre Kinder hencken solten / als diß / worvon sie ihr Leben bekommen / würdig wäre. Die übrigen Frauen aber fielen die Römer wie wütende Thiere an; und geselleten ihren abscheidenden Geistern noch nicht wenig feindliche zu; halffen auch hierdurch: daß Hertzog Merodach / weil Claudicus in der Flucht ebenfalls gefangen ward / mit noch dreißig tausend Mann in die Lepontischen und Penninischen Alpen entrann. Der Deutschen waren siebzig tausend erschlagen / dreißig tausend gefangen. Auff Römischer Seite blieben etliche dreißig tausend; also sich über die Römischen Geschichtschreiber zu verwundern; die sich nicht schämen die deutsche Niederlage noch zweymal grösser zu machen; hingegen zu tichten: daß der Römer nicht vor voll dreyhundert erlegt worden wären; da doch ihrer mehr als zweytausend von Weibern erschlagen worden. Die Königin Hatta stach ihr selbst /weil die Römischen Befehlhaber sie nicht zu tödten /sondern gefangen zu nehmen verordneten / ihr eigenes Schwerd in die Brüste. Ihr Leib ward hernach von denen gefangenen Barden mit Erlaubnis des Marius in eine nahe dabey befindliche Höle begraben; und zu ihrem Gedächtniße in einen Felsen eingehauen:


Als Hatta sich erstach / rieff sie: Schwerd / Leiche Seele /

Seyd Zeugen meiner Scham / beym Feinde / Mann und Gott.

So preist nun / nicht beweint dieselbe / welcher Todt

Hat Zeugniß auff der Welt / im Himmel / in der Höle.


Zu Rom war über diesem Siege / von dem die Römer hernach abergläubisch getichtet haben: daß selbten eben selbigen Tag zwey mit Lorbern gekräntzte Jünglinge bey dem Heiligthume des Castors und Pollux zu Rom verkündiget hätten / so grosse Freude: daß das Volck nicht nur den Göttern /sondern auch dem Marius opfferten; ja bey ankommender Zeitung kein Bürger in Rom war / der ihn nicht unter die Zahl der Götter rechnete. Der Rath muste ihn aufs neue zum Bürgermeister bestätigen; sein Geschlechte / weil er eines Tagelöhners Sohn war / unter die Edelsten zehlen; ihn nach dem Romulus und Camillus den dritten Vater der Stadt Rom nennen / und ein zweyfaches Siegs-Gepränge ihm zueignen; wiewol er sich an einem / darzu er auch den Catulus zum Geferthen nahm / vergnügte; und dadurch etlicher massen die Verdüsterung des Catulus entschuldigte / dessen Heer ein und dreißig / des Marius[920] aber nur zwey deutsche Kriegs-Fahnen erobert hatten. Uber diß weiseten des Catulus Kriegs-Leute den Gesandten von Parma auf der Wallstatt: Daß fast alle Todten mit ihren Schuß- und Wurff-Pfeilen erleget waren; als welche sie mit des Catulus ihres Feld-Herrn Nahmen vorher bezeichnet hatten. Gleichwol aber schien es nicht wenig hochmüthig zu seyn: daß Marius nach dem Beyspiele des über Indien siegprangenden Bachus bey seinem Einzuge in Rom eine Kanne in der Hand führete; und den zehn Füsse hohen / und sich unter seiner Rüstung bückenden König Teutobach mit güldenen Fesseln für seinem Wagen herjagte. Hingegen baute er der Ehre und Tugend nur aus gemeinen Steinen und auff bäuerische Art /gleichsam der Bau-Kunst und den edlen Steinen /oder vielmehr dardurch gemeinten alten Geschlechten zu Hohne; Catulus aus Marmel / aber ohne mindere Ehrsucht dem Glücke einen Tempel; gleich als ob diß mehr / als ihre Tapferkeit die Uhrheberin dieses Sieges wäre. Wiewol sonst iederman insgemein die glücklichen Streiche seinem Witze / die unglücklichen dem Verhängniße zuschreibt; und daher die siegenden Feld-Herren stets für klug gepriesen werden; Die verspielenden aber durch tausend Zeugen nimmermehr ablehnen können / daß sie nicht was versehen hätten. Wormit nun der Adel sich bey dem glücklichen Marius so viel mehr einliebte / ließ der Römische Rath auff den Berg Vogesus / und zwar auff den Felß / darauff Calphurnia geopffert worden war / einen Ey-rundten Siegs-Tempel bauen; in dessen Mitte das Bild des Cimbrischen Sieges aus Corinthischem Ertzt auf einem marmelnen Fuß stand / unter welchem der Brunn des Flusses Po herfür qvall. Auff der Abend-Seite des Tempels stand das Bild seiner Tochter Calphurnia aus Alabaster / auf einem ertztenen Begräbnüß-Maale; daran auswendig ihre Auffopfferung geetzt / inwendig aber in einem güldenen Geschirre ihre Todten-Asche verwahrt war. Auff der Seite war im Ertzte zu lesen:


Nach dem Calphurnia besiegt die Wollust hat /

Der reinen Jungfrauschafft den keuschen Geist geweiht;

Tilgt sie die Eigen-Lieb und weib'sche Zärtligkeit /

Sie hemmt der Cimbern Sieg / der Römer Unglücks-Rad

Zertrennt der Feinde Macht und den Verhängniß-Drat /

Bemeistert endlich auch Vergessenheit und Zeit /

Wenn sie fürs Vaterland ihr Blut zum Opffer leiht

Daß ihr gutwillig Tod umwende Krieg und Blat.


Mäßt / Sterblichen / ihr Thun nach ihrem Grabe nicht /

Die Asche vom Gestirn' hat selber keinen Schein.

Sie konte / wenn man prüfft den Schatten und ihr Licht /

Lebendig nichts nicht mehr / todt nichts nicht minders seyn.

Doch ists genung: daß sie die Nachwelt nennen muß:

Die Mutter der Stadt Rom / ein Kind des Marius.


Gegen Ost stand auff einem schwartz-marmelnen Fuße das Bild des Marius aus weissen Marmel gehauen; in welchem der Bildhauer durch ein besonder Kunst-Stücke eine rothe Ader zu dem sein Haupt umflechtenden Lorber-Crantze gebraucht hatte. Die drey Schlachten des Marius wider den Jugurtha / die Teutoner und Cimbern / wie auch die Auffopfferung seiner Tochter Calphurnia waren unten in Corinthisches Ertzt gegossen; in den marmelnen Fuß aber eingegraben:


Die Marmel zanckten sich / als Rom diß Bild geboth

Zu fertigen; woraus es solte seyn gepräget?

Der schwartze / weil der Held die schwartzen Mohren schläget /

Der weiße / weil er schmeist die weißen Deutschen todt /

Der rothe / weil er selbst für die gemeine Noth

Den Göttern / die erzürnt / der Tochter Blut fürträget.

Biß daß Minervens Spruch den Zwist hat beygeleget:

Der Fuß sey schwartz / das Bild selbst weiß / der Siegs-Krantz roth.


Nun kützele der Neid sich über diesem Bilde;

Es sey von Lorbeern reich / entblösset aller Schilde /

Rom hab' ihn nicht gezeugt / kein Anherr steh' dabey.

Die Thaten zeugens ihm zu aller Römer Ruhme:

Daß er mehr als ihr Kind / des Adels Kern und Blume /

Des Kriegs-Gotts erster Sohn / Roms dritter Vater sey.


Am allermerckwürdigsten aber war: daß die edelsten Geschlechter / welche den Marius vorher bey dem Jugurthinischen Kriege wegen ihm auff getragener hohen Gewalt auffs eusserste[921] angefeindet hatten /ihm ihre erste Stimme gaben: daß er solche Ehren-Maale durch seine Tugend verdient hätte. Also steiget diese endlich so hoch: daß dem Neide das Gesichte vergehet; wenn er selbter nachsehen wil. Denn weil die Mißgunst nichts himmlisches an sich hat; sondern als ein geringer Dunst von der Erden / und aus niedrigen Thälern entspringet; wird selbte von denen kräfftigen Sonnenstrahlen der Tugend bald untergedrückt. Ja wie der Schatten der Erde mit seiner Verfinsterung nur den niedrigen Monden / nicht die höhern Gestirne erreichet; also muß die Mißgunst auch alle die unversehret lassen: welche durch ihr Verdienst sich in so hohen Stand versetzt haben: daß mit ihnen sich niemand vergleichen kan.

Wie nun die Uberbleibung von des König Teutobachs Heere; welche sich in den Alpen zu verstärcken vermeinten / auch die unglückliche Schlacht König Bojorichs vernahmen; liessen sie die Hoffnung den Römern einiges Land abzuzwingen fahren; kehrten sie zurücke an den Rhein / an welchem sie sechstausend Mann mit ihrem schwersten Geräthe zurücke gelassen hatten. Alldieweil aber ihnen die Deutschen /insonderheit aber die Bojen keinen Sitz erlauben wolten; sondern man allenthalben ihnen mit Heereskrafft begegnete: nahmen sie ihren Weg an der Maaß hinunter; und setzten zwischen der Schelde und dem Fluße Sabis bey ihren daselbst vorhin schon eingesessenen Landes-Leuten denen Adualichern festen Fuß. Ein Theil darvon aber ward von denen Celtiberiern auffgenommen; welche hernach den Römern in Hispanien genung zu schaffen machten. Denn sie redeten die Lusitanier auff: daß sie wider den Cornelius Dolabella die Waffen ergriffen / als auch sie geschlagen / und etliche hundert nach Rom gefangen geführt; und in den Schauplatz wieder Löwen und Elefanten zu kämpffen gebracht wurden; redete sie ein einiger darunter befindliche Deutsche auf: daß sie durch freywilligen Kampff einander selbst aufrieben. Nichts minder lehnten sich die Celtiberier mit ihnen gegen die Römer auf; und überfielen sie in der Stadt Castulo. Daher die Römer zehn Gesandten in Hispanien zu schicken genöthiget wurden. Wiewol auch Titus Didius wieder die Vacceer und Termestiner glücklich fochte; so he ten doch diese gewaltig den Lauff seiner siegenden Waffen; und strafften die an der Stadt Colenda verrätherisch ausgeübte Mord-Lust. Nasica wütete zwar nach ihm auff etliche Gefangene / und äscherte unterschiedene Städte ein; goß aber dardurch nur mehr Oel ins Feuer; biß Cajus Valerius durch Erlegung wol zwantzig tausend Celtiberier solches auff eine zeitlang stillete. Ein Theil der Deutschen ward auch von den Tencterern bewirthet; welches an dem Rheine unterhalb dem Flusse Segus eine Stadt nach dem Nahmen der Teutoner baute.

Hertzog Merodach aber zohe mit des erschlagenen Königs Bojorich über die Penninischen Alpen entronnenen Cimbern zu ihren Landes-Leuten denen Scordiskiern in Pannonien und Thracien; welche die Römer in verwichenen Kriegen entweder aus Illyricum vertrieben / oder sie zum Pfluge verda t hatten. Durch diese neue Verstärckung aber streckten die Scordiskischen Deutschen abermahls die Hörner von sich; unterwarffen ihnen die Avtariaten / die Triballier / alle Eylande in Ister / und erweiterten die zwey Haupt-Städte Heorta und Capedun. Ja Hertzog Merodach / dessen Hertze von unauslöschlicher Rache gegen die Römer kochte / nahm den Römern die Stadt Syrmium ab / schlug den Cajus Geminius auffs Haupt; und eroberte alles / was die Deutschen zwischen der Sau und Drave verlohren hatten / verwüstete Macedonien mit Feuer und Schwerdt. Und / weil Marius unter denen zwölff der Calphurnia geopfferten Jungfrauen auch seine Schwester mit verbrennt / und zu Rom dem Jupiter sieben edle Deutschen geschlachtet hatte; ließ er hundert gefangenen edlen Römern über einem[922] Kessel gleicher Gestalt die Gurgel abschneiden; das Blut auff die Altäre giessen; aus ihren mit Gold eingefasten Hirnschädeln aber Trinckgeschirre bereiten. Weßwegen zu Rom nicht nur ein Rathschluß gemacht ward: daß weder einige Römer noch ihre Bundgenossen Menschen-Blut opffern solten; sondern es erregte auch des Geminius Niederlage abermals grosses Schrecken; sonderlich: weil kurtz vorher der Rathsherr Manilius angedeutet hatte: daß der zeither gelebte Glücks-Vogel Phönix sich eingeäschert; und darmit die Eintretung eines neuen und grossen Welt-Jahres angekündigt hätte / welches die merckwürdigsten Veränderungen nach sich ziehen würde.

Die empfindlichste Wunde aber versetzten den Römern die vierzigtausend Deutschen; welche Marius in dem mit dem Könige Teutobach und Bojorich geführten Kriege gefangen / und hernach durch gantz Italien für Knechte verkaufft hatte. Denn nach diesen Siegen verfiel Rom in Wollüste und Laster; gleich / als weñ ihr glücklicher Wolstand keiner Tugend mehr benöthiget wäre; oder bey dem Wechsel des grossen Welt-Jahres die Boßheit nicht nur die Farbe / sondern auch die Güte der Tugend überkommen hätte. Daher ermordete Malleolus seine Mutter. Der thörichte Apulejus warff sich für einen König wieder den Römischen Rath auff. Der grausame Rabirius setzte sein vom zerstückten Leibe gerissenes Haupt auff etlichen Gastmahlen zum Schau-Gerichte auff. Der hoffärtige Claudius führte grausame Schauspiele und Streite wieder Elefanten; und Sylla ein Gefechte von hundert Löwen ein. Crassus und Domitius brachten durch übermäßige Zahlung der Häuser / Trinck geschirre und Bäume / wie auch durch Betrauerung fremder Fische nichts minder die Verschwendung / als Eitelkeit in Schwung. Am meisten aber drückte der Ehrsüchtige Marius durch seine übrige Gewalt die Bürger. Der redliche Metellus muste ihm aus Rom weichen. Der ehrliche Rutilius ward ins Elend verjagt; und ihm sein Vermögen unrechtmäßig abgesprochen. Der unruhige Drusus erschöpfte dem Marius zu Liebe durch Einführung des Gracchischen Acker- und Brodt-Gesetzes die gemeinen Einkünffte; brachte durch das versprochene / hernach aber nicht gewehrte Römische Bürger-Recht die meisten Völcker wieder Rom in Harnisch. Denn diese / insonderheit aber die von den Deutschen entsprungenen Marsen / und die mit den Bojen / Liebiciern und andern Deutschen für Alters verbundenen und befreundeten Samniter rühmten sich: daß sie durch ihr Blut die Cimbern und Teutonen zurück getrieben / das Römische Reich so groß gemacht / nichts anders aber zu Lohne hätten: als daß man sie verächtlicher / deñ einen Römischen Freygelassenen hielte; welches die redlichsten uñ verständigsten Bürger in Rom selbst als Unrecht verdammten. Pompedius Silo der Marsen Fürst / und der für nehmste Uhrheber dieses Werckes hatte deßhalben mit den Zunfftmeistern in Rom vertrauliches Verständniß; schrieb ihnen als eine heilsame Eriñerung zu: daß die Römer niemahls über / auch nie ohne die Marsen einen hauptsächlichen Sieg erlangt hätten; beschwerte sich zum ersten bey den Nachbarn hierüber; uñ daß man den ihrer gerechten Sache beypflichtenden Drusus deßhalben mit einem Schusterkneip meuchelmörderisch erstochẽ hätte. Hiermit brachte er es so weit: daß die Pelignische Gräntz-Stadt Corfinium zum Haupte Italiens erkläret / zwey gemeine Bürgermeister / zwölff Vögte / und ein grosser Rath von fünff hundert Gliedern erwehlet ward. Dieser erklärte alsbald alle dienstbare Deutschen auff den Fall / wenn sie einen aus den Feinden erlegt haben würden / frey; und gewannen dardurch über zwantzig tausend streitbare / und für den Gewinn der Freyheit begierig aufopffernde Kriegs-Leute. Das erste Merckmal ihrer Danckbarkeit zeigten sie zu Asculum an dem Flusse Truentus. Denn als Cneus Pompejus solche Stadt mit Gewalt stürmte / und die Einwohner[923] sich mit Fleiß einer verzagten Gegenwehr gebrauchten / und nur schwache alte Greise auff die Zinnen stellten; fielen tausend Deutsche und tausend Asculaner heraus / und jagten die Römer mit Verlust alles Sturm-Zeuges und vielen Volckes hinweg. Die Lucaner nahmen den Sulpitius Galba gefangen; Aus dem Römischen Läger ward dem Fürsten Selo alles verkundschafftet. Und ob wol die Lateiner / Hetrusker und Umbrier auff Römischer Seite blieben; Aus Asien auch Hülffs-Völcker ankamen; so legte doch der einigen deutschen Beysatz denen Marsen und Samnitern ein solch Gewichte bey: daß jene den Bürgermeister Rutilius Lupus / Judacilius / Afranius und Ventidius den Pompejus Bettius Cato mit den Samnitern den Bürgermeister Lucius Julius aus dem Felde schlugen / sie belägerten / die Stadt Venafruno und Nola einnahmen / und den Licinius Crassus zu weichen / ja noch viel bey den Römern stehende Völcker abzufallen nöthigten. Der Bürgermeister Rutilius trennte sich zwar vom Marius; und meinte denen ihm an dem Flusse Telonius gegen über liegenden Marsen einen gewaltigen Streich zuversetzen. Vettius Cato aber kriegte hiervon Nachricht; versteckte also vier tausend Deutsche in ein Thal; welche / nach dem er vorher dem Rutilius eine zeitlang tapffer gefochten / den Römern theils in Rücken gehen / theils die Brücke abbrachen; und den Bürgermeister mit acht tausend Römern erschlugen; ohne die in der Flucht im Strome ersoffen. Der Römische Rath ließ hierauff zwar den Marius die Helffte seines Heeres dem Cepio zutheilen; der Marsen Fürst Silo aber verleitete diesen unvorsichtigen Jüngling durch Uberlieferung zweyer gemeiner / aber für seine Kinder ausgegebener Knaben / wie auch durch vieler mit Gold und Silber überzogener Bley-Platten in sein gestelltes Netze; darinnen Cepio mit zehntausend Römern von den Deutschen und Marsen gleichsam als Vieh abgeschlachtet wurden; Weil die Römer wegen der sie auff allen Seiten anfallenden Feinde ihre Waffen zu zücken weder Raum noch Zeit hatten. Die darüber bekümmerten Römer folgten hierauf dem Beyspiele ihres Feindes; machten daher aus denen gefangenen Deutschen auch zehen tausend Kriegs-Leute; und liessen sie nebst so viel Africanischen Reutern zu des Bürgermeisters Lucius Julius Cäsars Legionen stossen. Hingegen putzte der Samniter Fürst Papius den zu Venusta verwahrten Sohn des Jugurtha Oxynta als einen König aus; und verursachte: daß das Africanische Kriegs-Volck meist zu ihm überlieff; Worauff er denn auch die Stadt Esernia eroberte. Julius wolte die vom Papius belägerte Stadt Acerre zwar entsetzen; Marius Egnatius aber erschlug ihm darüber dreyßig tausend Römer. Jedoch rächete solches Marius und Sylla an den Marsen; welche der erstere wegen allzugrosser Sicherheit überfiel und zertrennte / der andere aber in ihrer Flucht ihnen noch grössern Schaden zufügte. So bald aber Fürst Silo nur die für Acerre gewesenen Cimbern wieder zu sich bekam; both er nicht allein dem Marius wieder die Stirne; sondern beschloß ihn auch in seinem Läger / ritt unter den Wall an die Pforte / und ruffte ihm zu: daß weñ er ein so grosser Feld-Herr wäre / solte er heraus rücken. Welchem Marius nur antwortete: Wenn Silo ein kluger Feld-Herr wäre / würde er ihn nichtnöthigen wider Willen zuschlagen. Durch welchen Krieg also die Römer nicht nur zu Hause gekränckt; sondern auch fast all ihr Ansehen in Asien ausgelescht / und die Saluvier in Gallien wider Rom auffzustehen veranlaßt; iedoch diese vom Cajus Cöcilius wieder bestillt wurden. Marius wagte zwar endlich denen Marsen und Deutschen eine Schlacht zu lieffern; er ward aber mit Verlust in sein Läger getrieben; Und wäre diß zugleich erobert worden: Wenn die Peligner die schon den Wall[924] behauptenden Deutschen nicht allein im Stiche gelassen hätten. Westwegen Marius den Römern nicht nur ihre Zagheit mit diesen Worten verwieß: Die Marsen hätten nicht der Römer Rücken / diese aber nicht jener Antlitz vertragen können; sondern auch bey seinem derogestalt verwaltenden Gelücke mit vorgeschützter Unpäßligkeit abdanckte. Weil nun ie länger ie mehr Völcker in Italien von Rom abfielen; muste der Römische Rath sein Heer mit Freygelassenen verstärcken; und durch einen Rathschluß / welcher allen in unverrückter Treue verbliebenen das Römische Bürger-Recht verlieh / dem gantzen Abfalle Italiens einen Riegel vorschieben. Julius schlug hierauff zwar die Samniter / Cneus Pompejus die Marsen / Böbius belägerte Asculum / und der solchen durch das Römische Lager zu Hülffe hinein dringende tapffere Kriegs-Held Judacil / welchen aus den gefangenen Cimbern die Apulier und Picentes zu ihrem Heerführer gemacht hatten / verbrennte sich nach ausgetrunckenem Giffte in dem herrlichsten Tempel daselbst; weil er unter den zaghaften Asculanern länger zu leben überdrüssig ward. Allein die Bundgenossen der Lateiner / Marsen und Deutschen wurden dardurch nur mehr verbittert als geschwächet / und die Römer gezwungen durch den Plautius und Carbo ein neu Gesetze zu machen: daß alle zu denen mit Rom verbundenen Städten gehörige Einwohner Italiens /die sich in sechzig Tagen anmelden würden / für Römische Bürger angenommen werden solten. Diß aber halff noch wenig zur Sache. Die Skordisker und Thracier hauseten in Macedonien nach Gefallen. Die Krieges-Zucht verfiel in den Römischen Heeren. Ihr Gebieter auff der Kriegs-Flotte Posthumius Albinus ward von gemeinen Knechten ermordet; Gleichwol aber muste Sylla durch die Finger sehen. Jedoch erlangte er durch das ihm gleichsam vermählte Gelücke wider die Peligner und Samniter zwey herrliche Siege; zuderer erstern die Vermessenheit eines trunckenen Cimbers; welchen auff seine öfftere Ausforderung ein Mohr mit einem Pfeile erschoß; und dardurch als eine Andeutung künfftiger Niederlage das gantze Pelignische Heer kleinmüthig machte. Zum andern aber der Aberglaube Ursache gab: weil / als Sylla opfferte /unter dem Altare eine Schlange herfür kroch; welches die Römer als ein gewisses Sieges-Zeichen zur Tapfferkeit nicht wenig auffmunterte. Hingegen aber ward der Bürgermeister Lucius Portius / als er der Marsen und Deutschen Lager an dem Fucinischen See stürmte / und Aulus Gabinius von Lucanern erschlagen. Und ob wol die Hirpnier und Samniter hin und wieder einbüßten; Asculum auch an die Römer über gieng; gieng doch der unverzagte Selo mit seinen Deutschen dem Mamercus Emilius tapffer unter die Augen / und nahm die Stadt Boviam ein. Weßwegen ihm fast gantz Italien ein herrliches Siegs-Gepränge bereitete. Die Bundsgenossen suchten zwar durch eine Bothschafft den Pontischen König Mithridates mit in ihr Bündniß wieder Rom zu ziehen / aber sie konten von ihm keine gewisse Entschlüssung erhalten; Gleichwol aber legten sie zu seiner hernach gegen Rom ausgeübten Feindschafft gleichsam den ersten Stein. Sintemahl er dem Sothimus der Scordiskischen deutschen Könige heimlich in Ohren lag / und durch Geschencke ihn dahin brachte: daß er die Römischen Kräffte durch unauffhörliche Einfälle in Macedonien zertheilte. Durch dieses und die zwischen dem Sylla und Marius erwachsende grausame Zwytracht ward Rom endlich genöthiget anfangs den tapferen Marsen / und denen mit ihnen vermischten Cimbern und Teutonern / hernach allen Völckern Italiens das durch so vieles Blut befochtene Römische Bürger-Recht zu geben; welches aber bald mit viel blutigen Strömen versaltzen und besudelt ward. Denn in dem durch[925] den Sylla und Marius entsponnenen bürgerlichen Kriege ward vom Morden nicht ehe aufgehöret / als biß niemand fast zu erschlagen übrig war; weil beyder Ehrsucht von so vielem Blute mehr erhitzet; ihr Rachgier aber nicht gesättiget ward. Dahero tranck Sylla das Blut der Römischen Bürgermeister aus güldenen Geschirren; Marius aber setzte die Köpffe der Raths-Herren zu Schau-Gerichten auff seine Tafel. Catulus verschlang glüende Kohlen; und der Priester Merula bespritzte mit dem Saffte seiner zerkerbten Adern die Augen des Jupiters. Mucius Scevola der hohe Priester äscherte seinen Leib über dem Vestalischen Feuer ein; ehe sie den Grimm dieser Tiger erwarteten; welche das Rath-Hauß zu einer Schlacht-Banck / die Tempel zu Mord-Gruben / das Capitolium zum Stein-Hauffen machten. Also: daß dieses mahl / da die Römer nicht in ihre eigene Glieder ärger als wütende Wölffe raseten; ja die Raserey nicht auffhörte / als die zwey Tod-Feinde Sylla und Marius gleich in zwey feindliche Gräber / jener nehmlich ins Feuer / dieser ins Wasser verscharret war; die Deutschen ihre Rache gegen die Römer durch ihre gäntzliche Vertilgung unschwer hätten ausüben können; wenn nicht die Deutschen theils mit den Galliern / theils unter sich selbst täglich einander in Haaren gelegen / und insonderheit zwischen dem Cheruskischen Hertzoge Aembrich / und dem Alemänner Könige Ariovist ein grausamer Krieg entbrant wäre. Gleichwol mag ich nicht verschweigen: daß unter beyden kriegenden Theilen der Römer / die Deutschen die Hand mit im Spiele gehabt haben. Unter welchen ich alleine erwehnen wil eines Marsingischen Ritters Schöneich; welcher vom Marius in der mit dem Könige Teutobach gehaltenen Schlacht gefangen / und nach der Stadt Minturne an dem Flusse Liris verkaufft worden war. Dahin flüchtete sich auch der aus Rom vom Sylla vertriebene Marius; welchen der Römische Rath durch offene Befehl zu tödten bey Verlust des Lebens anschaffte. Als diese Verordnung nach Minturne / wo Marius sich in einer geringen Hütte aufhielt / ankam; war der Stadt-Rath zwischen Thür und Angel; weil dieser dem Befehl zu wiederstreben / gleichwol aber den so hoch verdienten Marius / der sechsmahl Bürgermeister gewest war / hinzurichten billich anstand. Daher versprach der oberste Raths-Herr zu Minturne / der den Deutschen leibeigen gekaufft hatte / ihm die Freyheit; da er einen vom Römischen Rathe verda ten Menschen in der ihm gezeigten Hütte ins geheim niedermachen würde. Schöneich / der in denen Gedancken lebte: daß dieser ein frecher Ubelthäter wäre / welchen sie anzutasten fürchteten / ging behertzt in die Hütte / und fand den Marius schlaffend. Weil er aber sein verdecktes Antlitz vorher sehen wolte; polterte er mit Fleiß um ihn zu erwecken. Wie nun der Schlaffende hierüber aufffuhr / und der Ritter ihn für den grossen Marius erkennte; warff er seinen Degen zu Boden; lieff ohne einiges Wort zurücke / und meldete seinem Herren an: Er begehrte seine Freyheit durch den Meuchelmord eines so tapffern Heldens nicht zu erkauffen; noch sich mit desselben Blute zu besudeln / aus dessen Augen feurige Strahlen gegangen / und etwas mehr /als Menschliches geleuchtet hätte. Dieses bewegte den Rath: daß sie den Marius / welchem ohne diß aus sieben in die Schoß gefallenen jungen Adlern gewahrsagt worden war: er würde siebenmahl zu Rom Bürgermeister seyn / aus der Stadt zwischen die Minturnischen Pfützen führten / von dar er auff einem Fi scher-Kahne entkam; und in dem Abraume der eingeäscherten Stadt Carthago den Wechsel des ungetreuen Glückes seuffzende überlegte. Von dar er aber / als Sylla wider den Mithridates kriegte / wieder nach Rom kam / zum siebendenmal Bürgermeister ward /in dieser Würde starb / und die Nachwelt zweiffelhafft ließ: Ob er im Kriege mehr genutzt / oder im Friede mehr geschadet habe.

Bey diesen gefährlichen Anstössen hatten die[926] Deutschen in Galatien zwar für den Römern Ruh; allein es gieng ihnen in der Nähe / und fast über ihrem Wirbel am grossen Pontischen Könige Mithridates ein grausamer Schwantz-Stern auff. Diese seine Eigenschafft ward durch einen so wol seiner Geburt / als Herrschafft vorleuchtenden Schwantz-Stern von dem Himmel selbst angedeutet; der wol siebzig Tage mit seiner feurigen Rutte der Welt gedräuet / ja das vierdte Theil des Himmels eingenommen / und den Glantz der Sonne selbst untergedrückt haben soll. Sein Vater Mithridates hatte den Römern wider den Aristonicus Beystand geleistet / und dardurch den Nahmen eines Römischen Bundgenossen / wie auch das grössere Phrygien erworben; ward aber in der von seinem Vater Pharnaces eroberten Stadt Sinope von den Seinigen ermordet. Dem jungen nur eilfjährigẽ Mithridates ward von seinen Vormünden selbst mit Gifft und Schwerdt nachgetrachtet; welches ihm die Erlernung der Kräuter-Wissenschafft die Erfindung eines kräfftigen Gegengiffts an die Hand gab; und verursachte: daß er vier Jahr unter keinem Dache schlieff; sondern in Wäldern und Gebürgen wohnte / also Leib und Gemüthe zur Arbeit und Tugend abhärtete. Hiernechst lernte er wol zwey und zwantzig Sprachen; für welche Wissenschafft ihm sein vom Flusse Halys biß an Armenien sich erstreckendes Reich viel zu enge war. Daher er bey angetretener Herrschafft sich zum Herren aller der Völcker zu machen lüstern ward / mit welchen er reden konte. Wormit er nun weder denen mächtigen Römern / noch den Asiatischen Nachbarn keinen Argwohn wieder sich erregte / machte er mit diesen Bündniße / verknüpffte sich mit den Deutschen in Galatia / Thracien / und denen Bastarnen; setzte hierauff über das Euxinische Meer in das Asiatische Sarmatien / nahm daselbst die Stadt Gorgippia / Hierus / ja alles disseits des Berges Corax von dem Flusse Icarusa biß an die Cimmerische Meer-Enge in einem Sommer ein. Der Galatischen Deutschen Fürst Herrmann / welcher zum ersten festen Fuß gesetzt hatte /baute daselbst am Munde des Flusses Psychrus nach seinem Nahmen die Stadt Hermonassa. Folgenden Feldzug richtete er wieder den Antipater Sisis den Fürsten in Colchis / zwang ihn auch ihm sein gantzes Gebiete abzutreten. Als er sich nun derogestalt von seiner Pontischen Gräntze an biß an den Fluß Corax Meister gemacht hatte; brachte er es durch den Ruhm seiner Tapfferkeit dahin: daß die in dem Taurischen Chersonesus bey dem Parthenischen Vorgebürge von denen aus der Pontischen Stadt Heraclea überfahrenden Handels-Leuten erbaute / und von den Scythen erweiterte Stadt Chersonesus ihn als ihren Schutzherren zu Hülffe rufften; weil sie der Scythen Gewalt nicht mehr gewachsen war. Wie nun dergleichen Beruff der scheinbarste Vorwand / und das sicherste Mittel ist /sich fremder Länder zu bemächtigen. Also wuste der verschmitzte Mithridates sich auch unter dem Scheine anderer Beschirmung sein Gebiete meisterlich zu vergrössern. Der Chersonesische König Scilurus mit seinen 80. streitbaren Söhnen machte ihm zwar eine Weile ziemlich zu schaffen; Aber nach dem er den Fürsten Palack auffs Haupt geschlagen / und wol dreyßig seiner Brüder gefangen / muste nur dieses Reich sich unter Mithridatens Bothmäßigkeit niedersencken. Der benachbarte Bosphorische König Perisades hatte nicht einmal das Hertze den Degen zu zücken; sondern erkeñte alsofort Mithridaten für seinẽ Oberherren. Der sich aus der Schlacht flüchtende Palack brachte zwar zu wege: daß der zwischen dem Ripheischen Gebürge der Meotischen See / denen Flüssen Buges und Porytus herrschende König der Roxolaner Tasius mit 50000. außerlesenen Kriegsleuten biß an die Land-Enge des Chersonesus einbrach /und die Stadt Taphre eroberte; so begegnete ihnen doch Mithridatens[927] Feld-Oberster Diaphantus mit zwantzigtausend wolgewaffneten Mäñern / gegen welche der Roxolaner Ochsen-häutene Helme / und von Wieten geflochtene Schilde nicht den Stich hielten / derogestalt: daß Tansius kaum mit tausend Pferden entkam. Diophantus baute hierauff dem Mithridates zu Ehren an den Tamyracischen Seebusem die Stadt Eupatorium; und von solchem Buseme in der Enge eine Mauer biß an den Bycesischen See; wordurch den Roxolanen und andern Scythen aller Einfall genungsam verwehrt ward. Mithridates selbst segelte über die Meotische See / und nahm an dem Einflusse des Tanais die berühmte Handels-Stadt Tanais / an der See die Städte Patarre / Azara / Tyrambe / Gerusa und Cimmerium ein; wordurch er gleichsam beyder Meere / und des Asiatischen Thraciens Meister ward /ja gleichsam die Brodt- und Saltz-Kammer für Grichenland und Asien in seine Hände bekam. Sintemahl alleine der Chersonesus ihm jährlich hundert und achzig Malter Getreyde und zweyhundert Talent Silber zinsete. An Schiffen und Volcke aber ward er so reich: Daß er nunmehr funffzig tausend Reuter / und drittehalb hundert tausend Fuß-Knechte auff den Beinen / vier hundert Kriegs-Schiffe im Wasser hatte; welche biß an die Säulen des Hercules die Meere durchkreutzten / und viel Orte mit Hunger und Raub plagten. Die Tauroscythen zwischen dem Fluße Pacyris und Pantycapes wurden zwar über dieser mächtigen Nachbarschafft eyversüchtig / und banden mit dem Mithridates an; Aber er ward derselben durch den Vortheil der Waffen und die Kriegs-Wissenschafft seines geübten Heeres / welches Neoptolemus führte / nach zweyen Schlachten mächtig. Diese fast unerhörte Siege verstärckten seine ererbte Macht wol zehenfach; noch mehr aber vergrösserte sie der Ruhm von dem grossen Mithridates bey allen Nord-Völckern. Sintemahl alle zwischen dem Borysthenes und dem Thracischen Bosphorus wohnenden Völcker mit ihm sich in Bündniß einliessen. Dieser seiner Herrschsucht aber strich er eine scheinbare Farbe durch angenommene Andacht an; indem er nicht nur in das eroberte Eyland Macra des Achilles; sondern mit Zulassung seiner Bundsgenossen an dem sich mit dem Hippanis vermählenden Boristhenes der Ceres /und an des Axiaces Einflusse des Neoptolemus Tempel erbaute; welche aber Festungen ähnlicher / als Heiligthümern waren; Dadurch er denen benachbarten Völckern einen Kapzaum anlegte. Weil nun sein endlicher Zweck war die Römische Macht als die bißherige Schiffbruchs-Flotte aller Machten über einen Hauffen zu werffen; schickte er einen Fürsten der Galatischen Deutschen in Deutschland und Gallien / machte mit selbten ein geheimes Bündniß: daß wenn er mit den Römern brechen / und in Griechenland einfallen würde / sie über die Alpen dringen solten. Wie er diß alles derogestalt auff festen Fuß gesetzt; insonderheit die streitbaren Scythen und Deutschen unter seinen Krieges-Fahnen hatte / meinte er es nun Zeit zu seyn gegen seine Nachbarn loß zu brechen. Zumahl die Könige in Syrien und Egypten durch innerlichen Krieg und Mord sich selbst derogestalt abmergelten: daß diese vorhin so grosse Sternen nunmehr schlechte Lichter in aller Nachbarn Augen waren. Damit die Römer ihm auch nicht bald in die Karte sehen möchten / schickte er eine Bothschafft mit vielem Gelde nach Rom / dardurch er die meisten Raths-Glieder bestach. Und weil Apulejus Saturninus solches merckte / die Gesandten auch nicht höflich genung empfing; wäre er seines Kopffsverlustig worden; wenn nicht der Pöfel ihn dem Urthel des Raths durch Dreuung entrissen hätte. Unterdessen machte er mit dem Könige Nicomedes einen Vertrag; daß sie Paphlagonien einnehmen und mit einander theilen wolten; welches denn[928] auch wegen ermangelnden Hauptes auszuüben sie wenig Müh und Zeit kostete. Biß hieher waren die deutschen Mithridates treue Werckzeuge seiner vielen Siege gewest; als er aber so nahe Galatien grasete /fingen sie an den grossen Schotten zu empfinden / mit dem dieser mächtige Riese sie zu dämpffen anfing /und also ihrer Schantze durch klugen Argwohn wahr zunehmen. Marius kam hierüber unter dem Scheine eines der Cybele im Cimbrischen Kriege zu bauen gelobten Tempels in Asien; sein wahrer Zweck aber war die Gemüther und Verfassungen der Asiatischen Könige auszukundschafften. Und weil er nun im Friede sein Ansehen verwelcken sahe / daselbst Drachen-Zähne zum Wachsthume eines neuen Krieges auszusäen. Dieser kam auch nach Sinope zum Mithridates; da er denn nach genossenen vielen Ehren und bezeugter grosser Vertrauligkeit dem Könige in ein Ohr sagte: Er müste entweder lernen den Römern gehorsamen / oder sich mächtiger machen als sie wären. Mithridaten war diß genung. Daher hielt er nun nicht mehr für rathsam seine Klauen zu zeigen / und wolte vielmehr denẽ seine Heimligkeiten ausspürenden Römern zuvor ko en. Daher fiel er als ein Blitz in Cappodocien ein / erlegte seiner Schwester Laodice Mann den König Ariarathes / und bemächtigte sich des gantzen Reiches. Ehe er aber diß völlig einnahm / kamen auff der Deutschen heimliche Nachricht Römische Gesandten in Asien / welche so wol Mithridaten als Nicomeden alles gewonnene wieder abtreten hiessen. Nicomedes erklärte sich zu gehorsamen; Gab aber halb Paphlagonien seinem Sohne und zugleich einen neuen Nahmen Pylemenes. Allein Mithridates sagte: Paphlagonien wäre schon seinem Vater zugefallen; Daher sie ihm zu spat seine Erbschafft streitig machten. So bald auch er mit Cappadocien fertig war / fiel er mit gantzer Macht in Galatien ein; weil die Deutschen ihre Hülffs-Völcker zu Hause geruffen / und seinem Verdachte nach bey den Römern geklagt hatten. Die Deutschen begegneten zwar mit weniger Macht aber mit unverzagtem Muthe dem Mithridates /biß eine neue Bothschafft von Rom kam; welche ihn aus Galatien zu weichen / und denen Scythen die am Boristhenes mitler Zeit abgenommene Stadt Olbia /wie auch den Tempel der Ceres zu räumen durch von ferne gezeigte Waffen bewegte. Die Deutschen wurden hiermit nicht allein der Römer / sondern auch Nicomedens Bundsgenossen; und Mithridaten so viel mehr ein Dorn in Augen. Nicomedes heyrathete hierauff Laodicen Ariarathens Wittib; Und weil er mit dieser etliche feste Schlösser bekam; bemächtigte er sich mit Hülffe der Deutschen der Städte Saralus /Landosia und Senatra. Aber Mithridates kam als ein Falcke dahin geflogen; eroberte das verlohrne / und setzte des durch den Cappadocischen Uberläuffer Gordius erlegten Königs Ariarathes Sohn daselbst zum Könige ein. Nicomedes muste diesen edlen Fürwand des Mithridates ihm belieben lassen; nach zweyen Monathen aber rückte er mit neuer Heeres-Krafft wieder in Cappadocien; weil der junge Ariarathes dem Gordius nicht das halbe Königreich abtreten wolte. Dieser aber kriegte von Deutschen / Bithyniern und Bastarnen in kurtzer Zeit so viel Hülffe: daß Mithridates mit achzigtausenden zu Fuß / zehntausenden zu Rosse und sechs hundert Streit-Wagen nicht zu schlagen getraute; Besonders da fünff hundert deutsche Reuter wol zwey tausend seines Vortrabs in die Flucht gejagt hatten. Daher nahm er seine Zuflucht zur Arglist; und nach dem er Ariarathen unter einer freundlichen Unterredung vom Frieden bewegt hatte /stach er ihm im Angesichte beyder Heere einen Dolch in Bauch. Dieser Fall des Hauptes nahm denen ohne diß unter einander zwistigen Cappadociern das Hertze: daß ein Theil die Flucht er griff / das andere zum Mithridates freywillig übergieng.[929] Daher die Deutschen und Bastarnen auch ihre Schwerdter einsteckten; Und / weil ihnen Mithridates ein grosses Stücke Geldes auszählte / wieder nach Hause kehrten. Mithridates aber machte seinen achtjährigen Sohn zum Könige / und gab ihm den Nahmen Ariarathes / und den Gordius zum obersten Staats-Diener zu; Gleich als wenn die Annehmung eines Cappadocischen Nahmens / und die Bestellung eines eingebohrnen Dieners auch den Besitz selbiger Krone rechtfertigte. Wie aber nicht nur Gordius / sondern Mithridates die Cappadocier mit Schätzungen zu sehr erschöpfte / und wider sie als überwundene Feinde / nicht als Unterthanen verfuhr / machten sie einen allgemeinen Auffstand /berufften des ermordeten Ariarathes Bruder aus Asien zu ihrem Könige. Alleine Mithridates gewann durch eine einige Schlacht gantz Cappadocien wieder; der entronnene König aber schöpffte daraus solchen Unmuth: daß er kurtz darnach so wol den Geist als die Sehnsucht nach seinem väterlichen Reiche ausbließ. Nicomedes ward hierüber Blatscheu / und bekümmert für sein Bithynien; schickte also einen schönen Knaben mit seiner Gemahlin Laodice nach Rom / welche daselbst diesen ihren dritten mit dem Ariarathes erzeugten Sohn ausgab / und um Einsetzung in Cappadocien anhielt. Mithridates begegnete durch seinen Gesandten Pelopidas dieser Unwahrheit mit einer andern / und gab seinen in Cappadocien zum Könige gemachten Sohn für ein Kind des Ariarathes aus / der den Römern wider den Aristonicus in Macedonien beygestanden hätte. Der Rath zu Rom aber wieß beyde mit ihrem Gesuch ab / und erklärte auff der Deutschen in Galatien Gutachten so wol die Paphlagonier / als Cappadocier für freye Völcker. Welche letztern aber sich für die zwar an sich selbst unschätzbare / ihnen aber / die zum Gehorsam gebohren / und zum Herrschen unfähig wären / unanständige Freyheit bedanckten / und um einen König baten / ohne dem sie zu leben nicht getrauten. Hierauff setzten die Römer einen Cappadocischen Fürsten Ariobarzanes durch der Deutschen König in Galatien zum Könige ein. Mithridates muste diß geschehen lassen; und / um nicht mit Rom und den Deutschen welchen die Römer ein Theil des grössern zwischen dem Flusse Meander und Hermus gelegenen Phrygiens / wie auch den berühmten Saltz-See Tatta verehrte / zur Unzeit zu brechen / ein Auge zuthun. Gleichwol kochte sein Hertz Rache; und daher vermählte er seine Tochter Cleopatra dem Armenischen Könige Tigranes; welcher durch seine Heerführer Mithraas und Bagoas den friedsamen Ariobarzanes über Halß und Kopff aus Cappadocien trieb; und Mithridatens Sohn Ariarathes wieder darein einsetzte. Weil nun durch unauffhörliches Blutvergiessen der Selevkische Stamm gleichsam gar vertilget war; erwehlten die Syrier den Tigranes zu ihrem Könige. Diese zwey Begebnüsse verursachten: daß der Römische Rath den glücklichen Sylla in Cilicien schickte / so wol den Tigranes / als Mithridates zu beobachten. Weil aber die über beyder Könige Verwandniß und Macht sorgfältige Deutschen dem Sylla mit aller Macht unter die Armen zu greiffen sich erboten / und dem Tigranes bey Zeite zu steuern in Ohren lagen / fiel er mit wenig Römern / und meist Deutschen in Cappadocien ein / schlug den ihm begegnenden Gordius / hernach den Bagoas mit seinen Armeniern aus dem Felde / und machte den nach Rom geflohenen Ariobarzanes wieder zum Könige; und war der erste Römer / der mit seinen Waffen biß an den Fluß Euphrates drang. Der Parthische König Arsaces schickte dahin Orobazen in Bothschafft zum Sylla / machte mit den Römern Freundschafft; da denn Sylla das Glücke hatte auff einem erhobenen Stuhle zwischen dem Könige Ariobarzanes und des mächtigsten Königs Bothschafftern zu sitzen;[930] wiewol dieser seinen Nach-Sitz zu Hause mit dem Kopffe gelten muste. Hierauff aber kriegten die Römer in Italien genung zu schaffen; und Nicomedes starb mit Verlassung zweyer Söhne. Der ältere Nicomedes maste sich mit Belieben der Römer des Reichs an; der jüngste Socrates Chrestus aber flohe zum Mithridates um Hülffe; weil sein ältester nur von der Tänzerin Nysa gebohrner Bruder zu herrschen nicht fähig wäre. Mithridates ergriff diese erwünschte Gelegenheit mit beyden Händen / fiel unter dem Nahmen des Socrates / welcher die Deutschen mit vielen Geschencken ihm zu helffen / oder zum wenigsten stille zu setzen angieng / in Bithynien / und ward dessen unter einem so scheinbaren Vorwandte zeitlich Meister; weil die meisten Festungen dem Sohne der Laodice Socrates die Schlüssel entgegen brachte. Weil nun Mithridates sich der Zeit zu bedienen / und das Eisen / weil es noch glüet / zu schmieden für rathsam hielt / brach er auf einer / und Tigranes auff der andern Seite in Cappadocien / und vertrieben mit eben so leichter Müh den Ariobarzanes zum andern mahl daraus. Der Römische Rath schickte den Aqvilius hierauff in Asien zum Mithridates; welcher aber sich über viel von den Römern angethanes Unrecht und ausgesogenes Geld beschwerte; iedoch endlich auff keinem Theile zu stehen sich erklärte. Hierauff rückte Caßius mit wenigen Römern und Phrygiern / der Galatier König Amyntas aber mit einer ansehnlichen deutschen Macht in Bithynien / und hierauff in Cappadocien / setzten dort den Nicomedes / hier Ariobarzanen wieder auff den Stul. Mithridates und Tigranes richteten aus Verdruß über der Römer Beginnen ein Bündniß wieder sie auff / mit der Abrede: daß jener alles Land / dieser alles bewegliche zur Beute haben solten. Mithridates setzte auch eine grosse Menge Volckes aus seinem volckreichen Scythien und Sarmatien über; nahm viel Phönicische und Egyptische Schiffer und Schiff-Zimmer-Leute in Bestallung / schickte Bothschafften zu den Bastarnen / Thraciern / Geten / Daciern / Sarmaten /Deutschen / ja gar biß zu den Cimbern / und frischte selbte mit reichen Geschencken / und Versprechung noch herrlicher Beute wider die Römer als die allgemeinen Feinde des menschlichen Geschlechtes / und die unersättlichen Räuber der Welt auff. Am allermeisten lag er den Deutschen in Galatien in Ohren; welche ohne diß auff die Römer und den Nicomedes unwillig waren; weil sie für die Eroberung Bithyniens und Cappadociens ihnen mit Versprechung güldener Berge das Maul aufgesperret / aber nichts als Wind gelieffert hatten; brachte sie auch durch alle nur ersinnliche Mittel / insonderheit aber durch die aus Italien an ihn geschickte Gesandtschafft der Marsen /Samniter und Lateiner / welche der Römer Laster auffs schwärtzeste abmahlten / so wol als die an Colchis stossende Iberier auff seine Seite / und Tigranes die Meden in ihr gemeines Bündniß. Zumahl diese augenscheinlich warnahmen: daß die Römischen Befehlhaber in Asien aus Begierde zum Kriege / und Hoffnung reicher Beute sich an Mithridates mit Gewalt rieben / ja der Römische Rath ihn / ungeachtet er stille saß / durch eine Bothschafft schimpflich bedreute / ihn mit Strumpff und Stiel auszurotten / da er mehr einem Nachbar zu nahe kommen würde. Der junge Nicomedes ward auch durch der Römer Verhetzung so kühn: daß er in das Pontische Reich einfiel /und biß an die Stadt Amastris mit Raub und Mord streiffte; welches der Mithridates ungeachtet der bey der Hand habenden Waffen mit Fleiß vertrug / und zu Rom durch den Pelopidas sich darüber beschwerte /um seinem vorhabenden Kriege so viel mehr Farbe der Gerechtigkeit anzustreichen. Nicomedes hingegen rechtfertigte seinen Einfall mit dem Nahmen einer billichen Rache für angethanes Unrecht; gab für einen Friedenbruch[931] an: daß Mithridates den Taurischen Chersonesus besässe; weil die Römer allen Asiatischen Königen in Europa überzusetzen verboten hatten; und durch so viel Bündniße nichts anders als Rom zu bekriegen anzielte. Wie nun Pelopidas keine Ausrichtung erhielt / sondern nach zweydeutiger Antwort aus dem Rathhause zu gehen genöthiget ward; waffnete Mithridates auf erhaltene Nachricht in seinem gantzen Reiche; schickte seinen Sohn Ariarathes in Cappadocien und entsetzte wie ein durchdringender Blitz den Ariobarzanes zum dritten mahl selbigen Reiches; den Pelopidas aber und Nicandern nach Rom / zum Römischen Feld-Herrn Maltinus / mit der Andeutung: Sie solten ihrer gleißnerischen Freundschafft ein Ende machen / ihm wieder Nicomeden Recht verhelffen / oder er würde es selbst thun. Seine Hoheit litte es nicht: daß er nach ihm abgenommenen Phrygien / welches sein Vater für die den Römern geleistete Hülffe / oder vielmehr für viel Gold bekommen / Cappadocien / welches seinen Vor Eltern zugestanden /endlich das durch Kriegs-Recht gewonnene Bithynien noch immer mehr ihm auf den Fuß treten ließe. Der Geist seines tapffern Vaters Evergetes / der ihm ein zwantzig-hundert-tausend Schritte langes Gebiete verlassen / würde ihn beunruhigen; die von ihm bezwungenen Colchier / Scythen und Sarmater an dem Euxinischen Meere würden ihn mit Rechte nicht länger zu ihrem Haupte erdulden / wenn er sich zum Gauckel-Spiele eines weibischen Bithyniers machen liesse. Sie möchten also entweder mit der Rechts-Hülffe einen redlichen Frieden / oder den Krieg erwehlen / da sie nicht nur mit ihm / sondern mit Parthern / Armeniern /Thraciern / Bastarnen / Scythen / Tauriskern / Deutschen und allen zwischen dem Tanais und Ister wohnenden Völckern mehr / als sie meinten / zu thun bekommen würden. Die Pontischen Gesandten aber wurden schimpflich abgewiesen; und derogestalt beyderseits die eifrigste Kriegs-Rüstung für die Hand genommen. Lucius Caßius brachte aus seinem Pergamenischen Asien / Phrygien / und des Galatischen Fürsten Teporgis deutschen Hülffs-Völckern viertzig tausend Mañ zusammen / und theilte sie mit dem Aqvilius und Appius Claudius. Minutius Rufus hatte im Pamphilischen Meere eine Schiffs-Flotte bey der Hand; und Cajus Popillius verwahrte mit einer andern den Mund der Thracischen Meer-Enge. Nicomedes führte absonderlich sechs und funffzig tausend Kriegs-Leute ins Feld. Mithridatens zwey tapfere Feld-Hauptleute Neoptolemus und Archelaus begegneten ihm am Flusse Amnia mit dem an dem leichtesten Kriegs-Volcke bestehenden Vortrabe; Mithridatens Sohn Arcathias führte darbey fünff tausend Armenische / und Nordbert drey tausend deutsche Reuter. Dieser und Archelaus blieb in einem Thale mit hundert Sichel-Wagen zum Hinterhalte stehen; Neoptolemus und Arcathias aber nahmen wegen der ihnen an Menge überlegenen Bithynier eine felsichte Höhe ein. Nach eines halben Tages vortheilhaffter und tapferer Gegenwehr aber trieb Nicomedes die Pontischen Völcker vom Berge / und in die Flucht. Alleine Archelaus und Nordbert giengen den Bithyniern so ernstlich in die Seite: daß es sie vergieng die Flüchtigen zu verfolgen; sondern Nicomedes muste gegen diese strengen Feinde eine neue Schlacht-Ordnung machen. Hierüber brachen die hundert Streit-Wagen ein; welche mit denen sich an Sicheln und Rädern anhängenden zerfleischten Menschen noch mehr Schrecken als Schaden verursachten. Neoptolemus und Arcathias kriegten inzwischen Lufft sich wieder zu setzen; gingen auch den Bithyniern so hertzhaft in Rücken: daß Nicomedes / nach dem er unterschiedene mahl die Lücken seines getreñten Heeres er gäntzt hatte; zuletzt aber alle Verfassung über einen Hauffen geworffen ward / muste er nur mit wenigem Adel seiner[932] Leibwache die Flucht nehmen / und sein gantzes Kriegs-Volck im Stiche lassen; worvon aber Mithridates alle Gefangenen mit Verehrung eines Zehrpfennigs loß ließ / um den Anfang seines Sieges mit dem Ruhme seiner Gütigkeit desto herrlicher zu machen. Die Römischen Heerführer wurden durch diesen Verlust / da nicht einst der Kern des Pontischen Heeres eine viel stärckere Macht erlegt hatte / heftig bestürtzt; sonderlich / da die Zeitung zugleich kam: daß die Thracier und die am Ister wohnenden Völcker Macedonien verwüsteten. Der Römische Rath erklärte hierauf den Marius zum Feld-Herrn wider Mithridaten / Sylla aber weigerte sich ihm das Kriegs-Heer abzutreten; und rühmte sich: daß dieser Zug ihm gehörte. Sintemal ihm die zu Rom nach Cappadocischer Art verehrte Kriegs-Göttin im Traume den Blitz zugereicht / und beyzustehen versprochen hätte. Allein Mithridates wartete dem blutigen Bürger-Kriege dieser zweyer verbitterten Raub-Vögel nicht aus; sondern kam dem Könige Pylämenes in Paphlagonien mit anderthalb hundert tausend Mann so geschwind auf den Hals: daß er nicht einst Zeit hatte / seine Kriegs-macht zusammen zu ziehen; sondern die den Vortrab habenden Deutschen hatten nur genug mit Besetzung der verlassenen oder sich ergebenden Oerter zu thun. Mithridates richtete seinen Zug dergestalt gerade gegen dem Flusse Sangar und Bithynien. Aqvilius Maltinus / und der entroñene Nicomedes hattẽ sich am Scoborischẽ Gebürge verschantzt. Weil aber ein Sarmatischer Fürst Radzivil mit hundert seiner Reuter acht hundert ihm begegnende Bithynische Reuter in die Flucht schlug / zwey hundert gefangen brachte /welche Mithridates abermals mit Geschencken in ihr Vaterland schickte / ging Nicomedes des Nachts heimlich durch / und eilte zum Lucius Caßius über den Fluß Sangor. Als Maltinus auf den Morgen diß erfuhr; brach er ebenfalls auf mit Vorsatze sich in das Lindynische Gebürge zu ziehen. Allein Neoptolemus Mithridatens und Menophanes der Armenische Feldherr ereilten ihn an einer Bach / zwangen ihn zu schlagen; und erlegten ihm zehntausend seiner besten Kriegs-Leute. Aqvilius verließ nach erlangter Nachricht sein Läger mit allem Vorrathe zur Beute der ihm auf der Fersen folgenden Deutschen; und entkam mit genauer Noth über den Fluß Sangar / und von dar nach Pergamus. Weil nun Mithridates abermahls alle Asiatische Gefangenen mit seidenen Röcken und andern Gaben von sich ließ / ihnen die Freyheit und die Loßlassung von dem Römischen Joche versprach /gewann er in Asien mehr durch seine Leitseligkeit /denn durch Waffen. Mehr als hundert grosse Städte schickten ihm Gesandten und die Schlüssel zu ihren Festungen entgegen / hiessen ihn ihren Erhalter / opferten ihm wie einem Gotte; also: daß nach vergebens gesuchter Hülffe in Phrygien Caßius nach Apamea /Maltinus nach Rhodis / Nicomedes nach Pergamus /ja endlich gar nach Rom sich flüchtete. Die am Munde der Thracischen Meer-Enge liegenden Schiffe giengen theils durch / theils zum Mithridates über. Die Bithynischen Städte stritten mit einander gleichsam um die Ehre und den Vorzug / welche sich dem grossen Mithridates am ersten ergeben hätte. Also ward er in wenig Tagen Herrscher in Bithynien; Und nachdem er durch Erlassung aller Schulden aller Gemüther gewoñen / alle Kriegs-Leute reichlich beschenckt hatte; hielt er seinem Heere für: Sie hätten nunmehr durch ihre Siege gelernet: daß die Römer keine unüberwindliche Götter; sondern Menschen / ja gegen Helden feige Leute wären. Pyrrhus hätte mit 5000. Macedoniern sie dreymal geschlagen. Añibal 16. Jahr sie im Hertzen Italiens beängstiget; uñ daß er Rom nicht gewoñen / hätten nicht der Römer Kräften; sondern seine mißgünstige Landsleute verhindert. Die Deutschen hätten Rom gar eingeno en / und verbreñt; und die nur[933] noch übrige Spitze eines Berges wäre durch ein Lösegeld erhalten worden. Die bey ihm stehenden Galatischen Deutschen wären eben ihres Ursprungs; ja ihre Tapfferkeit durch die in Illyrien / Thracien und Asien geführte Kriege noch mehr geschärfft worden. Was hätten ihnen nicht die Cimbern und Marsen für empfindliche Wunden geschlagen? Wenn nun so viel streitbare Völcker den gemachten herrlichen Anfang mit ihm hertzhafft verfolgen wolten; traute er in kurtzer Zeit sein ihm durch Beraubung so vieler Länder / durch Verwerffung des tapffern Gordius zum Cappadocischen Könige / durch Auffwiegelung des Tantzmeisters Nicomedes angethanes Unrecht zu rächen; und ihre wieder alle Könige der Welt hegende Todfeindschafft auszuleschen. Sintemahl sie alle ihnen nach der Unart ihrer gehabten Könige fürbildeten; als welche entweder nur der Aborigener Hirten / der Sabiner Wahrsager / oder verwiesene Corinthier / ja Leibeigene der Thuscier gewest wären; und keiner keinen ehrlichern Zunahmen als eines Hoffärtigen verdient hätten. Ihre Uhrheber aber hätten nichts minder die Grausamkeit als die Milch aus den Wartzen einer Wölfin gesogen; welche wilde Art das gantze Volck durch unersättlichen Blutdurst /Geitz und Herrschsucht angenommen / oder vielmehr überstiegen hätten. Seiner Herrschafft aber würde sich hoffentlich kein Volck zu schämen haben / weil er vom Vater des grossen Cyrus und Darius / von der Mutter des noch grössern Alexanders und Nicanors Enckel wäre. Das von Alexandern gar nicht oder unglücklich berührte Scythien hätte er noch in seiner Kindschafft ihm unterworffen. Das viel mildere Asien lächsete unter dem Römischen Joche / und Italien selbst seuffzete gleichsam nach seiner Herrschafft. Das gantze Heer gab mit Zusammenschlagung der Schilde und einem Feldgeschrey ihre Beypflichtung zu verstehen. Tiborgis / der das Didymische Gebürge bewohnenden Deutschen Fürst verließ nunmehr auch den furchtsamen Aqvilius. Mithridates aber rückte mit gesamter Macht in das den Römern unmittelbar unterwürffige Phrygien / und schlug zum glücklichen Zeichen sein erstes Läger an dem Orte / wo es der grosse Alexander gehabt hatte. Das Gelücke lieh gleichsam seinem Siege die Flügel; und die Ausbreitung seiner Herrschafft kam seiner Einbild- und Hoffnung zuvor. Er selbst nahm Phrygien und Mysien ohne Verlust einigen Schweises oder Blutes ein. Neoptolemus bemeisterte Carien und Lycien; Archelaus Pamphylien; der Deutschen König Lydien und alles biß an Jonien und Ephesus. Ja als er nur die mächtige Stadt Laodicea an dem Flusse Lycus durch einen Herold aufffordern / und auff erfolgende Ausliefferung der Römer alle Gnade ankündigen ließ; banden die Einwohner den Römischen Stadthalter Qvintus Oppius mit allen Römern / überliefferten sie dem Amyntas / und öffneten ihm die Stadt-Thore. In Jonien meinte Maltinus / Manius Aqvilius in dem Eylande Lesbos Mithridaten die Stirne zu bieten; aber beyde wurden gefangen / und ihr Volck erschlagen; Oppius zwar höflich / aber Aqvilius / als der Uhrheber des Pontischen Krieges / scharff gehalten / anfangs an einer Kette von einem fünff Ellen langen Bastarnen hinter dem Pferde nachgeschleppt / hernach den über ihn erzürnten Mitylenern übergeben; Manius seines Geitzes halber täglich geprügelt / auff einem Esel herum geführet / und zu Pergamus ihm zerschmoltzen Gold in Hals gegossen. Hierauff ergab sich auch bald Magnesia und Ephesus / allwo aller Römer Bilder abgestürtzt / und aus selbten Mithridatens gegossen wurden. Stratonicea in Carien wiedersetzte sich zwar noch dem Neoptolemus; Aber Mithridatens Ankunfft jagte ihr ein solch Schrecken ein: daß sie sich ergab; iedoch diesen grossen König bald zu ihrem eigenen Gefangenen bekam. Denn er verliebte[934] sich in die schöne Minoma des Milesischen Philopemenes Tochter; welche er auch / als sie ihm nicht um funffzehen tausend Pfund Goldes den Beyschlaff verstatten wolte / gar ehlichte / und zur Königin erklärte. Mithridates / weil er nunmehr schon die Römer für unversöhnlich / auch sich von ihnen mehrmahls beschimpfft und beleidiget hielt; auch auffs neue erfuhr: daß man seinem Gesandten Pelopidas zu Rom die Verhör und den Einzug versagte / auch etliche seiner Bedienten in der Tiber ersäufft hatte / san auff eine ihm zugleich die wanckelmüthigen Asiater versichernde Rache; Befahl also einiger Meynung nach /auf des Rutilius eines zu Mitylene gefangenen Römers Einrathen / in gantz Asien den dreyßigsten Tag alle Römer zu erschlagen. Welches wegen der auf den einen oder andern Fall darauf gesetzten Preiße und Straffen mit solchem Eyver vollzogen ward; daß die Trallianer diese Abschlachtung einem Paphlagonier Theophilus verdingten und weder der Tempel der Diane zu Ephesus / das Bild des Esculapius zu Pergamus noch das Heiligthum der Cybele zu Peßimut von Römischem Blute unbespritzt blieb. Wordurch denn Asien sich mit Rom zu versöhnen gleichsam alle Hoffnung benommen / und dem Mithridates treu zu bleiben gefässelt wurden. Dieser rüstete sich nunmehr mächtig zur See aus / um die in der Schiffarth allen überlegene und wiederspenstige Rhodier zu bezwingen / hierdurch aber andere entfernte Eylande so viel leichter zur Unterwerffung zu bringen. Der Wind oder das Glück trieb ihn vielmehr auff das benachbarte Eyland Caus; auff welchem er des Egyptischen König Alexanders Sohn uñ einen von seiner Groß-Mutter Cleopatra dahin geflüchteten unglaublichen Schatz /wie auch der Asiatischen Juden versammleten und nach Jerusalem zu schicken besti ten Reichthum /und dardurch die rechten Spann-Adern des Krieges in seine Gewalt bekam. Hierauf griff er zwar die Stadt Rhodos zur See und zu Lande an; ihre Geschickligkeit aber überwog seine Macht; und rühmten sie sich: daß die Göttin Isis die nahe an ihrem Heiligthum zu Sturme lauffenden Feinde mit Feuer und Blitz zurück getrieben hätte. Pelopidas belägerte inzwischen die in Lycien noch übrige Stadt Patana / in welcher Apollo durch die sechs Winter-Monathe wahrsagen soll. Wie nun sein Volck zum Sturmzeuge in dem denen Unholden gewiedmeten Heyne etliche Bäume umhieben / ward es durch ein daraus erschallendes Gelächter abgeschreckt; und als Pelopidas auff der Wahrsager Rath ihnen eine Jungfrau opfferte; welche nach ihrer Abschlachtung nicht weniger zu lachen anfieng. Also trat gleichsam das Verhängniß des Mithridatens Siegen in Weg. Er selbst brachte zu Pergamus die beste Zeit mit Liebkosung der Monoma zu; und die deutschen Fürsten / welche ihrer Thaten halber sich nicht hoch genung geschätzt achteten / zohen meist mit Unwillen nach Hause / andere waren der Pontischen Herrschafft / und dieses hochmüthigen Königes / welcher sich nunmehr den jungen Bachus nennen ließ / schon überdrüßig / und unterhielten heimliches Verständnüß mit den Römern; ja stellten ihm gar nach dem Leben. Das Verhängniß selbst kündigte durch unterschiedene Unglücks-Zeichen dem Mithridates eine Umwechselung seines Glücks an. Insonderheit schreckte ihn und das Volck: daß die von den Pergamenern durch Kunst geflügelte und gleichsam vom Himmel kommende Siegs-Göttin / welche dem einziehenden Mithridates eine Krone auffsetzen solte / durch Zerreissung des Drates stecken blieb /die Krone aber zu Boden und in Stücken warff. Gleichwol aber bemächtigte der tapffere Archelaus aller Cycladischen Eylande biß an das Peloponnesische Vorgebürge Malea / der Stadt Chalcis / gantz Euböens und in Thessalien der See Stadt Eretria; und erschlug in Besatzungen mehr als[935] zwantzig tausend Römer. Daswegen seiner Heiligkeit unbefestigte Eyland Deles / welches die Griechen der Götter Vaterland hiessen / und darauf weder ein Weib gebohren /noch einige Leiche begraben liessen / nahm Wartenberg ein deutscher Reuter mit seinen Deutschen Hülffs-Völckern ohne einigen Wiederstand ein. Weil nun diese nur einen unsichtbaren GOtt verehrten /nahmen sie alle Schätze aus dem Tempel des Apollo /und trugen sie in das Heiligthum der Göttlichen Versehung: welche aber hernach theils Metrophanes /theils Aristion daraus raubte / und mit selbten so gar Brunnen anfüllte. Hingegen weil sie an der Grichen Abgöttern Abscheu trugen / warffen sie alle ihre Bilder zu Boden und machte Wartenberg mit dem grossen für des Apollo Tempel stehendem ertztenen Drachen den Anfang; daraus er tausend Schilde giessen /und zum Gedächtnüsse an selbte einen sie umflechtenden Drachen etzen ließ; sie aber hernach in Deutschland schickte. Das berühmte güldene Bild des Apollo / warff ein Deutscher / weil es ihm nicht wie für Zeiten der Ptoische Apollo seinem Lands-Manne Myn antworten wolte / gar ins Meer. Die hierüber sich entsetzenden Grichen aber tichteten: daß diß Bild durchs Meer geschwommen / und im Peloponnesus bey der Stadt Boä angelendet wäre; dahin hernach dem Epidelischen Apollo ein Tempel gebaut ward. Der von Athen beym Mithridates befindliche Gesandte Aristion ließ sich entweder sein Glücke / oder seine Geschencke bländen; daß er die Stadt Athen durch den thummen Pöfel auf Mithridatens Seite / und ihre Herrschafft unter sich brachte. Archelaus machte hier auf Athen gleichsam zu seinem Kriegs-Schlosse; und bewegte daraus die Acheer / Spartaner / Thebaner /und gantz Beotien zum Beyfalle; hätte auch mehr ausgerichtet / wenn nicht Bruttius Sura ihm die Wage gehalten hätte; und das Glücks-Kind Sylla mit fünff Legionen Römern / und wol noch so viel Hülfs-völckern / darunter auch drey tausend Deutsche waren / in Grichenland ankommen wären. Dieser gewann durch seine vorangehende Obersten Thebe und Beotien ohne Schwerdschlag wieder / er selbst brach in Attica ein /und schlug den Feind aus dem Felde; Also: daß Aristion sich nach Athen / Archelaus in die den Attischen Meer-Hafen bewahrende Festung Pyräeum flüchten muste. Jene umsetzte er / um sie durch Hunger zu zwingen; diese aber / welche Pericles mit einer aus grossen viereckichten Steinen erbauten Mauer fast unüberwindlich gemacht hatte / belägerte er selbst / und ließ von Thebe alleine auff zehntausend Maul-Thieren Sturm-Zeug dahin bringen. Weil aber diß noch nicht zulangte / wurden alle heilige Wälder und Püsche abgehauen / welche den Göttern geweihet waren / oder die hohen Schulen der alten Weltweisen ziereten. Sein Armuth / in dem der zu Rom wütende Cinna uñ Marius nur auf Abschlachtung der Bürger / nicht Erlegung der Feinde dachten / zwang ihn alle Kirchen-Schätze zu Olympia / Epidaurus und Delphis anzugreiffen; worbey der Aberglaube oder die Heucheley aussprengte: daß Apollo mit einem aus der Delphischen Höle erschallenden Lauten-Gethöne seinen Raub gebilliget hätte. Weil nun so wol Sylla zu Bestürm- als Archelaus zu Vertheidigung des Pyräeum alle Kriegs-Künste hervor suchten / ja viel neue erfunden / viel ungeheure Thürme gegen einander erbauten / und selbte durch Kunst-Feuer anzündeten / oder nach dem sie durch Alaun für dem Brande versichert wurden /durch Untergrabungen über einander warffen / Archelaus auch zur See offt mit frischem Volcke / und sonderlich tausend außerlesenen Deutschen / welche der Galatische Fürst Toredorich aus Galatien dahin schickte / verstärckt ward / und die Römer mit unaufhörlichen Ausfällen beunruhigte; Hingegen zwey Attische Leibeigene in heraus geschossenen bleyernen Kugeln alle inwendige[936] Anstalt dem Sylla verriethen; war diß eine so merckwürdige Belägerung / welche allen vorhergehenden die Wage hielt / und ein Muster aller künfftigen abgeben konte. Unterdessen gieng die von Hunger auffs eusserste abgemergelte Stadt Athen / welche aus Mangel Oels so gar der Minerva ewiges Feuer ausleschen ließ / durch einen unvermutheten Anfall bey dem unbesetzten Heptachalcum durch Sturm über / und hielt Sylla über die abgebrochene Stadt-Mauer seinen Einzug; worbey so viel Blut vergossen ward: daß es Strom-weise biß in die See floß. Die beym Sylla sich aufhaltende zwey verwiesenen Midias und Calliphon verbaten mit Noth diß ihr Vaterland: daß er es nicht gar vertilgte. Endlich nahm Sylla auch nach unglaublicher Müh und Durchbrechung sechs neuer Mauern / die Archelaus bey währender Belägerung hinter einander aufgeführt hatte /die Festung Pyreäum stürmender Hand ein; welche aber Archelaus bey verspielter Sache mit des Philo berühmten Zeug-Hause anzündete / und sich mit seinem übrigen Volcke in das befestigte Eyland Munychia zurück zoh. Mitler Zeit versetzte Munatius bey Chalcis fürnehmlich durch Tapfferkeit der Deutschen Reuterey dem Neoptolemus einen harten Streich; hingegen nahm Arcathias mit Hülffe des deutschen Fürsten Dejotar und Dromichetes samt ihren theils in Galatien / theils in Thracien wohnenden Deutschen /welche Mithridates wieder auf seine Seite gebracht hatte / die Stadt Amphipolis / gantz Macedonien den Römern ab; ja sie drangen gar in Epir / zündeten den Delphischen Tempel an / und zerstörten des Dodonischen Jupiters Heiligthum. Arcathias starb hierüber; also ward Taxiles Pontischer Feldherr / welcher die Phocische Stadt Elatea belägerte / und mit hundert tausend Fuß-Knechten / zehntausend Reutern / neunzig Sichelwagen über den Fluß Cephißus gegen Athen fortrückte. Sylla rückte ihm mit der meisten Römischen Macht funffzehnhundert Deutschen / und acht tausend Grichen in Beotien entgegen; weil ohne diß die unfruchtbaren Attischen Gebürge ihn kaum länger bewirthen konten. Beyde Heere kamen nicht weit von Elatea unter dem Daulischen Gebürge gegen einander zu stehen; iedoch muste Sylla / ob schon der den Berg Parnaßus überkletternde Hortensius zu ihm stieß / wegen weniger Reuterey sich in einer dem / mit dem Flusse Aßus sich vermengenden Cephißus nahen Fläche verschantzen / und den von Munychia hieher zuvor gekommenen Archelaus die Städte Panopeus und Lebadea in seinem Gesichte einnehmen lassen. Nach dem die Pontischen Völcker ihn mehrmals zur Schlacht ausgefordert / rückte Archelaus gegen die Stadt Cheronea zu / in willens sich nach Chalcis zu ziehen; Gabinius aber kam ihm mit einer Legion in Cherea zuvor; Sylla folgte; und als er wahrnahm: daß Archelaus zwischen selbigem bergichten Orte weder sein Heer ausbreiten / noch die Reuterey brauchen könte; stellte er nach dem Murena sein Heer gegen den Archelaus in Schlacht-Ordnung. Als dieser nun auch darmit umgieng / fiel Ericius und Gabinius /welchen Homolerich und Anaxidamus zwey Cheronenser einen geheimen Steig über den Berg Thurius gewiesen hatte / denen Asiatischen Völckern so unvermuthet über den Hals: daß sie daselbst 3000. sitzen liessen / und theils gegen des Archelaus Läger /theils gegen den Römischen lincken Flügel getrieben wurden / und dort ihre eigene Schlachtordnung zerrütteten hier aber übel empfangen wurden. Archelaus ließ zwar gegen die andringenden Römer 60. Sichel-Wagen loß; weil sie aber aus Mangel des Raubes allzulangsam fortrenneten; öffneten diese ihre Schlacht-Ordnung / und liessen sich selbte sonder einigen Schaden verreñen; wurden also ihre Pferde uñ Führer von dem mit den Grichẽ im Hinterhalte stehenden Sulpitius leicht erlegt. Fürst Dejotar bot zwar auch mit seiner deutschen Reuterey[937] dem Sylla eine weile die Spitze; aber die Zagheit der Asiaten / der Vortheil des Römischen Fuß-Volcks / und der abschüßige Streit-Platz machte: daß ihrer viel bey solchem Gedränge über die Felsen stürtzten; und weil sie nicht entsetzt wurden / nicht wenig Noth litten; sonderlich /weil Murena funffzehn tausend vom Archelaus freygelassene Grichische Knechte mit Schleuderern und Bogenschützen leicht in Verwirrung brachte. Dejotar wickelte sich mitler Zeit zwar aus dem Gedränge /und rieth dem Archelaus sich in sein vortheilhafftes Läger zu ziehen; aber er wolte lieber alles / als etwas verlieren; streckte daher seinen rechten Flügel um einen Berg herum; damit er die Römer gleichsam mit seinem viel stärckern Heere umschlüssen möchte. Galba und Hortensius bothen ihm wol die Spitze; alleine Dejotar und Dromichetes schnitten sie von dem Römischen Heere gantz ab; machten nicht allein alles nieder; sondern verursachten auch den Sylla: daß er mit der Römischen Reuterey selbst dahin eilen muste. Archelaus welcher das feindliche Haupt zu erdrücken hätte bemüht seyn sollen / verließ diesen Platz; und meinte bald des verlassenen Römischen Flügels Meister zu werden. Also kam es dort wieder zu gleichem Gefechte; und weil Murena inzwischen frische Hülffe kriegte / gerieth Taxiles in die Flucht. Die fast gantz im Stiche gelassenen Dejotar und Dromichetes kamen nach eusserster Gegenwehre mit Noth davon. Jedoch hätte noch ein grosses Theil des Pontischen Heeres gerettet werden können / wenn nicht Archelaus für den Flüchtigen die Pforten des Lägers verschlossen /und bey schon gantz verlohrnem Spiele sie mehr hitzig als vernünfftig mit blanckem Degen zum Fechten zurück getrieben hätte. Endlich öffnete er zwar das Läger / aber zu spät; indem die Römer zugleich mit eindrangen / und selbtes eroberten. Also verlohr Mithridates diesen Tag wol sechzig tausend Kriegs-Leute; wiewol die Römer die Zahl wol auf hundert tausend vergrösserten; hingegen sich nicht zu schämen tichteten: daß nur zwölff Römer todt blieben wären; Da doch Fürst Dejotar ihrer mehr mit seiner Hand erlegt hatte; und über zehntausend edlen Grichen Begräbnüß-Male aufgerichtet wurden. Archelaus entrann mit zehntausenden nach Chalcis; die über des Archelaus schlimmer Anführung aber verdrüßlichen Fürsten Dejotar und Dromichetes führten ihre Deutschen durch Thessalien / und Macedonien in Thracien; welches dem Archelaus Gelegenheit gab / durch Verleumdung der Deutschen / samb sie ihn verlassen hätten / sein Versehen zu entschuldigen / und auf sie Mithridatens Zorn und Galle abzuleiten. Weil nun dieser ohne diß ihnen so wenig als denen überwundenen Asiaten traute; entbot er mit vielen Verheissungen unter dem Scheine mit ihnen geheimen Rath zu halten / die Fürsten Dejotar / Toredorich / und wol noch sechzig der fürnehmsten aus dem Adel nach Pergamus. So bald sie dahin kamen / verbot er keinen aus der Stadt zu lassen / ließ auch ihre Gemahlinnen und Kinder unter dem Scheine der Ehren dahin erbitten. Diese Gewalt und Undanckbarkeit gieng ihnen so sehr zu Hertzen: daß sie Mithridatens Tod beschlossen; und hätte Toredorich ihn in dem Richt-Saale hingerichtet / wenn nicht ein Grichischer Leibeigener den Anschlag verrathen hätte. Worüber der furchtsame Mithridat derogestalt verbittert ward: daß er noch selbigen Abend alle / ausser dem durch Hülffe eines Frauen-Zimmers entkommenden Dejotar / und zwey andern Rittern / mit ihren Frauen und Kindern enthaupten / und ihre Leichen den Hunden fürwerffen; das theils durch bißherige Kriege geschwächte / theils ihrer Häupter entblöste Galatien aber durch schnellen Uberfall des Eumachus einnehmen / und seiner Herrschafft unterwerffen ließ. Dejotar flohe in Thracien /und schlug sich mit seinen daselbst gelassenen Deutschen zum Sylla; welcher deñ /[938] als Mithridatens neuer Feld-Herr Dorylaus mit achtzig tausend Kriegs-Leuten nach Chalcis übersetzte / und Beotien durchstreiffte / den Römern grosse Dienste that. Wie auch Archelaus nach seiner See-Rauberey / und vergebens belägerter Stadt Zacynthus zum Dorylaus stieß; ermunterte er den Sylla: daß er bey der Stadt Orchomenus im flachen Lande denen Mithridatischen eine Schlacht zu lieffern wagte; nach dem er vorher des Nachts auf beyden Seiten seines Heeres einen tieffen Graben geführt / an der Stirne aber hinter denen vordersten Gliedern des Fuß-Volcks starcke Pfäle den Einbruch der Pontischen Reuterey und der Sichel-wagen zu verhindern eingegraben hatte. Dejotar selbst erwehlte mit seiner deutschen Reuterey hinter dem dreyfach gestellten Fuß-Volcke in einer Tieffe zu stehen. Die Pontischen Streit-Wagen blieben zwischen den Pfälen stecken / oder trennten gar ihre eigene Schlacht-Ordnung. Die Reuterey stutzte an dem unvermutheten Graben. Hingegen feyerten die Römer mit ihren Bogen und Schwerdtern nicht; biß Archelaus / nach dem ein Stücke des Grabens mit Leichen gefüllet war / mit seiner Reuterey durchbrach / und zwey Legionen zertrennte; Also: daß Sylla selbst vom Pferde springen / und durch Zuruffung: Sie möchten ihren Feldherrn nicht so schimpfflich im Stiche lassen / sie mit Noth zu Stande bringen muste. Welches aber wegen des darzu kommenden Dorylaus nicht lange getauert hätte; weñ nicht die durch das ihnen Raum machende Volck herfür sprengende / und den Feinden gleichsam vom Himmel auf den Hals fallende Reuterey vom Fürsten Dejotar beyden Heerführern tapffer unter die Augen und in die Hacken gegangen wäre. Dejotar durchrennte selbst des Archelaus Stieff-Sohn Diogenes / und er selbst muste weichen. Weil nun Sylla hierdurch Lufft kriegte / die Pontische Phalanx zu zertrennen; gerieth endlich alles in die Flucht. Funffzehn tausend Asiaten bissen ins Graß; Acht tausend wurden gefangen; Den dritten Tag darauf das vom Archelaus besetzte Läger gestürmet / erobert /und alles nieder gemacht; also: daß der Fluß Cephißus von den Leichen angeschwellet / der Copaische See auch von dem Blute soll gefärbt worden seyn. Der unerbittliche Sylla ließ nur zwantzig tausend aus den Sümpffen hervor gezogene ermorden; aus denen aber der drey Tage versteckte Archelaus noch nach Chalcis entkam. Wie nun hierauf Grichenland wieder Römisch ward / und in Asien die Stadt Ephesus den Zenobius ermordete / welcher zu Chios zwey tausend Talent erpreßt und die Einwohner als Sclaven nach Colchos geschickt hatte; andere Städte wegen Mithridatens Grausamkeit abfielen / viel sich ihn zu tödten verschwuren; die Deutschen auch wie der unter dem sich über das Euxinische Meer in Galatien spielenden Dejotar Mithridatens Besatzungen austrieben; der in Asien übersetzende Römische Feld-Herr Flavius Fimbria auch den jungen Mithridates in Bithynien zweymahl / ja den König Mithridates selbst aus dem Felde schlug / die Stadt Pitane / daraus Mithridates kaum durch des Lucullus verwahrlosung entschlipte / wie auch Pergamus und Ilium / Lucullus das Eyland Chios eroberte / und den Neoptolemus bey Tenedos aus der See trieb; ließ dieser endlich durch den Archelaus mit dem Sylla auf solche Bedingungen einen Frieden behandeln: daß Mithridates sich Galatiens / Asiens und Paphlagoniens enteussern / Bithynien dem Nicomedes / Cappadocien dem Ariobarzanes abtreten / den Römern zwey tausend Talent und siebentzig gespitzte Schiffe abtreten solte. Ob nun wol Mithridates so schwere Gesetze genehm zu haben eine weile Bedencken trug / und den Archelaus wegen Verlust zweyer so mächtiger Heere verdächtig hielt; sonderlich / weil Sylla mit ihm als ein Bruder mit dem andern umgieng / ihn[939] einen Römischen Freund und Bundgenossen hieß und ihm in Eubea zehntausend Huben Ackers schenckte; so zohe doch dieser unglückliche König dem Sylla biß zur Stadt Dardanus entgegen / und beliebte nach einer langen Unterredung den geschlossenen Frieden. Worauff denn beyde / gleich als wenn sie niemahls gegen einander den Degen gezückt hätten / als vertraute Freunde einander umhalseten und küßten; die Deutschen also unter dem Fürsten Dejotar / nach dem sie sich zwischen der Römischen und Pontischen Macht seltzam durchgeschraubt hatten / zwar wieder zur Ruh / aber nicht zu ihren alten Kräfften und Ansehen kamen.

Sylla hingegen saß dem Fimbria auff den Hals /und zwang ihn: daß er zu Pergamus sich in dem Tempel des Esculapius ermordete; gleich als diß Laster verzweiffelter Zagheit eine den Heiligthümern anständige Andacht wäre. Wiewol / wenn es einigen Schein der Tugend annehmen kan / es ihm sein Knecht zuvor that / der des Fimbria Leben und Schmertzen durch seinen Dolch vollends abhalff / und hernach sein eigen Blut dessen Leiche aufopfferte; Dessen Leben er seine Dienste so treulich gewiedmet hatte. Hierauf baute Sylla Ilium wieder auf / ließ sich zu Athen in dem Elevsinischen Heiligthume einweihen; behandelte vom Tejus Apelicon / das Aristoteles und anderer weisen Grichen halb vermoderte Handschrifften; und ließ den Murena mit zwey Legionen in Asien / und den Lucullus in der vergebenen Belägerung der Stadt Mytilene zurücke. Hierauf erklärte sich der in Italien kommende Sylla zwar: daß er sich dem Rathe unterwerffen wolte / wenn alle vom verstorbenen Cinna verjagten Bürger wieder nach Rom beruffen würden; aber der Bürgermeister Carbo verderbte alles Spiel /und zündete den grausamen Bürger-Krieg an; in welchem etliche tausend Deutsche abermahls das Blut-Bad musten vergrössern helffen. Denn der Römische Rath / welcher nach des Carbo Urthel mit einem in des Sylla Hertzen wohnenden Löwen und Fuchse zu thun hatte / dorffte bey nahe keinem Römer recht trauen / nach dem Metellus / Cethegus / Verres / Piso /der junge Pompejus / und der Kern des Römischen Adels dem Sylla zufielen; Daher ließ er den Junius Brutus / die Helvetier / Noricher und andere Deutschen mit grossen Vertröstungen wieder den Sylla um Hülffe anflehen. Ein Tribocischer Fürst brachte ihm auch in Eyl drey tausend Reuter zu / mit welchen er dem jungen Cneus Pompejus / der gleichsam als ein neuer Glücks-Stern aufgieng / und mit der Uberbleibung seines väterlichen Heeres zum Sylla ritte / den Weg verbeugen wolte. Allein des Brutischen Heeres Müdigkeit / und die gar zu hefftige Hitze des Tribocischen Fürsten / welcher zu eiffrig dem Pompejus selbst auff den Hals drang; und weil seine Lantze auff des Pompejus Schilde zerbrach / von ihm durchrennt ward / oder vielmehr das für den Sylla selbst fechtende Gelücke waren Ursache: daß die Deutschen und das gantze Heer des Brutus geschlagen ward. Worauff denn auch des Bürgermeisters Scipio Heer ihn verließ / und zum Sylla übergieng; Pompejus aber / der kaum aus dem Picenischen Schul-Staube gediegen war /vom Sylla prächtig bewillkommet / ein Römischer Feld-Herr begrüsset / und am Po denen anziehenden Deutschen zu begegnen verschickt ward. Der junge Marius zohe hierauff zwar ein frisches Heer meist von Samnitern / Marsen und Deutschen zusammen / und grieff den Sylla bey der Stadt Signia tapffer an; weil aber im hitzigsten Treffen sieben Römische Fahnen die Waffen niederwarffen / und zum Sylla flohen /ward selbtes geschlagen; und entkam Marius mit genauer Noth nach Preneste. Pompejus und Metellus schlugen bald darnach auch den Carbo / und Rom sperrte dem Sylla selbst das Thor auff. Ob nun wol derogestalt alles sich für dem Sylla bückte; ja der[940] Bürgermeister Carbo selbst aus Italien lieff / uñ dreyßig tausend Mann im Stiche ließ; so ließ doch allein der Samniter tapfferer Fürst Pontius Telesius und Sultz ein deutscher Ritter mit seinen Hülffs-Völckern den Muth nicht gar sincken / sondern munterten den zu ihnen stossenden Carnias / Damasippus und Marcius auf: daß sie zwischen des Sylla und Pompejus Heeren durch / und gerade nach Rom rückten; und sich auf dem Albanischen Berge im Gesichte der Stadt lägerten / und den ausfallenden Appius Claudius mit vielem Adel erschlugen. Sylla eilte gleichfalls nach Rom / und liefferte ihnen für der Collatonischen Pforte eine Schlacht; in welcher der den rechten Flügel führende Marius Craßus zwar des Carinas lincken Flügel gestellten Samnitern und Deutschen so warm: daß der schon halb verzweiffelnde Sylla ein aus dem Delphischen Tempel geraubtes / und in einen Rubin gegrabenes Bild des Apollo herfür zoh / und selbtes kniende um den Sieg anruffte. Hierauff rennte er zwar auf einem weißen Pferde allenthalben hin / wo die Noth am grösten war / hielt die Flüchtigen mit eigner Hand auf; und hielt da festen Fuß / wo niemand mehr stehen konte; so / daß Telesin einen / und Sultz den andern Wurffspieß ihm nahe am Leibe vorbey schmiessen / aber alles war umsonst; und konte niemand gegen den schäumenden Sultz und Telesin stehen; welcher immer rieff: Man müsse diese für Augen stehende Stadt als Italiens Wald ausrotten / wenn man wolte der Wölffe loß werden. Also gerieth der gantze Flügel in die Flucht; die Römer liessen an den Stadt-Thoren die Fall-Gatter nieder. Dieser Auffenthalt zwang die fliehenden Römer sich wieder zu wenden; und ihre Verzweiffelung verneuerte das Gefechte; welches biß in die sinckende Nacht währte; also: daß beyde Theile biß auff eine geringe Uberbleibung von des Sylla Volcke einander im Finstern gleichsam blind aufrieben; und funffzig tausend Leichen auf der Wallstatt gezehlet wurden. Darunter war Sultz / Carnias / Damasippus / und der noch unter den Todten athmende Telesin / welchen Sylla die Köpffe abschlagen / und sie dem den Marius in Preneste belägernden Lucretius zubringen ließ. Hierauf verfiel Sylla in so unmenschliche Grausamkeit: daß er bey Ermordung acht tausend Ergebener nur im Rathe lächelte / den Marcus Marius nach ausgestochenen Augen / geprügeltem Rücken / tausenderley Pein auf des Catulus Grabe zerfleischen / durchgehends alle Samniter vertilgen / alle vermögende in die Acht erklären ließ; so /daß auch der dreyzehnjährige Knabe Cato seiner Raserey durch einen Dolch abgeholffen hätte / wenn es nicht sein Lehrmeister Sarpedo verhindert. Nach diesem erklärten die Römer ihn zu ihrem ewigen Feldherrn / räumten ihm auch über sich eine so unverschränckte Macht ein: daß er Städte bauen und einäschern / Königreiche nehmen und geben / auch ohne Rechts-weg verdammen und tödten möchte /wen er wolte. Und endlich beschloß er mit einem prächtigen Siegs-Gepränge wegen des besiegten Mithridates; darinnen unter so einer unsäglichen Menge Goldes und Silbers / und so viel unzehlbaren Seltzamkeiten wol nichts bessers zu sehen war: als daß die vom Marius vertriebenen Bürger seinem Siegs-Wagen folgten / und den Sylla ihren Vater und Erhalter / das Volck aber den Glückseligen ausrufften.

Mitler Zeit wendete Mithridates allen möglichsten Fleiß an die Gemüther der Deutschen in Galatiẽ wieder zu gewiñen / mit derer Beystand er unschwer die beym Römischen Kriege abgefallenen Colchier überwand / und auf ihre Bitte ihnẽ seinen Sohn Mithridates zum König gab. Weil sie diesem jungen Fürsten aber zu sehr liebkosten / argwohnte er: sein Sohn wäre ihres Abfalls[941] Uhrheber gewest; entbot er ihn freundlich zu sich / schlug ihn in güldene Fessel / und ließ ihn endlich durch den Rauch einer vergiffteten Fackel tödten; zu einem traurigen Merckmahle: daß Herrschsüchtige Eltern nicht nur ihr Leben aufopffern den Kindern Kronen zu erwerben; sondern auch Kinder schlachten / um Kronen nicht zu verlieren. Bald darauf rüstete er etliche hundert Schiffe über hundert tausend Kriegs-Leute aus / solche wieder die aufrührischen Bosphoraner zu führen. Weil aber Archelaus darbey keinen Dienst bekam / flohe er zum Murena /und brachte unter dem Vorwandte: daß Mithridatens allzugrosse Rüstung nicht wider die schwachen Sarmater / sondern die Römer angesehen wäre / zu wege: daß der Kriegs-begierige Murena in Cappadocien rückte / und alles / was noch Mithridatisch war / einnahm; ja die Stadt Cumana durch Sturm eroberte. Mithridates schickte hierauf zwar drey Grichische Weltweisen an Murena; diese aber riethen verrätherisch mehr zum Kriege als davon ab. Daher auch Sylla das gantze Land durchstreiffte / und mit Raub und Brand so gar nicht der Heiligthümer schonte. Mithridates schickte zwar auch eine Bothschafft an den Sylla /und den Römischen Rath / welche sich über diesen unverschuldeten Friedenbruch beschwerte; mit Bitte: Es möchten die Römer doch unter Feinden und Bundgenossen einen Unterscheid machen; Aber Murena ließ sich nichts irren; sondern setzte über den Fluß Halys / raubte / plünderte und kehrte mit grosser Beute durch Galatiẽ in Phrygien. Ungeachtet auch Callidius von Rom kam / und dem Murena einen Stillestand gebot; so kehrte er sich doch wenig hieran /und bedrängte so wol die Deutschen als den Mithridates. Wie nun jene zu den Waffen griffen; wagte es endlich auch Mithridates; und jagte beyder vereinbarte Macht nicht allein den Murena über den Fluß Parthenius / sondern gar in Phrygien. Viel des Römischen Geitzes überdrüßige Völcker in Asien fielen dem Mithridates wieder zu; und in weniger Zeit eroberte er die von den Römern besetzte Oerter in Cappadocien. Welchen Sieges halber er nach dem Beyspiele der auf des Cyrus Begräbnüß-Berge bey der Stadt Pasargada opffernden Persen / von welchen er entsprossen war / auf die Spitze des Lyndinischen Gebürges selbst Holtz trug / und in einem auff hundert und dreyßig Meilen sichtbaren Feuer dem Kriegs-Gotte Milch / Honig und Oel opfferte. Nach diesem Verluste kriegte Murena durch den Gabinius von Syllen auffs neue Befehl den Mithridates und die Deutschen nicht ferner zu reitzen; zumahl den Römern die einige Stadt Mytilene so viel zu schaffen machte: daß sie sie nicht erobern konten. Gleichwol aber ward ihm zu Rom ein Siegs-Gepränge erlaubt. Mithridates verglich sich inzwischen mit dem Ariobarzanes; Und damit er die Cappadocischen Festungen in seinen Händen behalten konte / gab er ihm eines seiner Kinder zur Geißel. Hierauf setzte er nach Colchis über; überstieg den Caucasus / und erweiterte sein Gebiete biß an den Fluß Cyrus. Hernach zähmete er die noch unruhigen Bosphoraner. Bey denen zwischen dem Flusse Icarusa und Nesus unter dem Caucasus liegenden Acheern aber büste er theils durch Arglist der Feinde / theils durch Einbrechung des Eyßes bey nahe zwey Theil seines Heeres ein. Zu Rom hatte Sylla zeither als ein Herr über seine Leibeigene gebahrt /den Lucretius und andere zu hoch empor wachsende Köpffe abgeschnitten / Egypten einen König gegeben / zehntausend Knechte freygelassen / und sie alle nach seinem Vornahmen genennet; nunmehr aber schien ihm der aus Africa sieghafft zurückkommende Pompejus zu Kopffe zu wachsen; welcher daselbst Hiempsaln das Reich Numidien eingeräumt hatte; weßwegen ihm Sylla ehrerbietig entgegen zoh / ihn den grossen Pompejus hieß / und ihm wieder die Gesetze ein[942] Siegs-Gepränge enträumte; ja / vieler Meynung nach /um von dieser aufgehenden Sonne nicht schimpflicher verdüstert zu werden; sich selbst in dem einsamen Schatten seines Cumanischen Vorwergs einschloß /und in einem Augenblicke sich aller seiner Gewalt /nach dem er vorher viel Tage nach einander dem Römischen Volcke ein kostbares Abschiedsmahl gegeben / und viertzig-jährigen Wein aufgesetzt hatte /enteusserte. Der gröste Trieb dieser Entschlüssung aber rührte von einem Cimbrischẽ Priester her / welcher dem Sylla in der mit dem Könige Bojorich gehaltenen Schlacht aus den Gefangenen zu kommen / und in seinem Hause zeither blieben war. Dieser hatte den Sylla zeither theils durch Rührung seines Gewissens wegen so viel vergossenen Blutes / und seinem Vaterlande geraubter Freyheit / theils durch Vernichtigung der Obersten Gewalt / welche nichts als eine edle Dienstbarkeit / und ein Kreyß ohne Mittel-Punct einiger Ruhe des Gemüthes wäre / endlich so mirbe gemacht; daß er die mit so viel Schweiß und Gefahr geraubte Würde nunmehr als einen eitelen Dunst verschmehete; und derogestalt derselbe / welcher für erlangtem Siege nicht genung zu loben / nach selbtem nicht sattsam zu schelten war; die Neige seines Alters klärer und herrlicher machte als sein Mittel gewest; ja hierdurch verdiente: daß wie er beym Leben des Todes / also in seinem Tode des Lebens würdig zu seyn geschätzt werden muste; ungeachtet er an der denen Wütterichen fast eigenen Läuse-Kranckheit solches mit unsäglichen Schmertzen beschloß. Daher ihm auch bey seinem prächtigen Begräbnüße zwey tausend güldene Kronen für getragen; seine Asche und Gebeine in die alte Königliche Grufft beygesetzt wurden. Seine Leiche ward seinem Befehle gemäß verbrennt; da doch alle Edlen zeither in Rom sich hatten beerdigen lassen; vielleicht aus Beysorge: Es möchte aus gerechter Rache seinen / wie des Marius Gebeinen gehen / die er hatte ausgraben und in den Fluß Anien schütten lassen. Daher fand man in des Sylla Holtz-Stosse eine Zypressen-Tafel / in welche nachfolgendes künstlich eingeschnitten war:


Der Tod der alles tilgt / der öffters Feind' als Freunde

Verscharret in ein Grab / giebt allzu schwach sich an:

Daß er den Marius nicht mit dem Sylla kan

Vereinbarn. Beyder Seeln und Geister sind noch Feinde.

Ja Libitina traut sich nicht nach einer Art

Der grossen Wüttriche zwey Leichen zu begraben.

Weil die des Marius nun ist in Fluth verwahrt /

Muß Syllens Holtz und Gluth zu ihrem Sarche haben.


Hierauff entspan sich in Hispanien der grausame Krieg des vom Sylla verbannten Sertorius; in welchen gleichsam die Seele des Marius und Annibals gefahren zu seyn schien. Deñ als zu Rom durch ein Gesetze allen / die auf des Marius Seite gestanden waren / mit samt ihren Nachkommen alle Staffeln der Ehren verschrenckt worden / zohe er nicht allein einen grossen Römischen Adel an sich; sondern verband sich auch mit denen Celtiberiern / und denen von König Teutobachs Heere in Hispanien gekommenen Deutschen / welche um das Edulische Gebürge ihren Sitz genommen hatten. Diese begegneten in den Pyreneischen Berg-Engen dem durch das Narbonnische Gallien anziehenden Cajus Annius so tapffer: daß drey tausend Römer daselbst ins Graß bissen. Allein Calpurnius Lanarius ermordete den Livius verrätherisch /schlug sich zum Annius / und eröffnete ihm allenthalben die Pforten; welches den Sertorius verursachte mit drey tausend vertriebenen Römern nach neu Carthago / und in Mauritanien zu fliehen. Nach erlittenem Schaden und Schiffbruche setzte er wieder oberhalb des Flusses Betis aus / und traff alldar etliche aus den glückseligen und Atlantischen Eylanden zurückkommende Schiff-Leute an. Daher er die Seinigen in die Ruhe dieser so fruchtbaren Länder überzuschiffen bemüht war; wie sie aber ihm zu folgen weigerten / und die[943] Lusitanier ihn zu ihrem Heerführer berufften / segelte er dahin / schlug sich durch des Cotta Schiffs-Flotte durch / und den Furfidius im Betischen Hispanien aus dem Felde. Wiewol auch der erfahrne Metellus wieder ihn geschickt ward / mergelte er ihn doch sonder Gefechte eusserst ab / schlug den Domitius und Thorius. Hirtulejus mit den Celtiberiern und Cimbern erlegten dem aus Gallien kommenden Lucius Manilius fünff gantze Legionen; also: daß er selbst über den Fluß Sicovis schwemmende mit Noth nach Ilerda entran. Worauf Sertorius einen Römischen Rath von dreyhundert edlen Römern / eine Leib-Wache / aber meist von fünffhundert Deutschen / und zwar nach der aus Deutschland von den Celtiberiern in Hispanien gebrachten Gewonheit aufrichtete: daß diese seine Gefehrten ihr Leben vor ihren Fürsten verloben musten. Mit denen Cilicischen See-Räubern machte er einen Bund; welche allenthalben zur See den Meister spielten. Den Metellus trieb er von der Stadt Laccobrige Belägerung mit grossem Verlust weg; Die Charocitaner trieb er durch hinein geweheten Staub aus ihren Höhlen. Ja seine Klugheit und Tapfferkeit bemächtigte sich mit des Cimbrischen Fürsten Siwalds / und der Celtiberier treuem Beystande fast gantz Hispaniens; und Sertorius hatte bereit für in Italien einzufallen; wenn nicht Cnejus Pompejus / der in Africa den Cneus Domitius und den Numidischen König Hiera überwunden / auch deßhalben im vier und zwantzigsten Jahre seines Alters zu Rom ein Siegs-Gepränge gehalten hatte / mit einem mächtigen Heere über die Lepontischen Alpen durch einen neugesuchten Weg / um es dem Annibal nachzuthun /in Gallien angezogen wäre; Allwo ihm aber die Alemänner / welche das Penninische Thal / und das Gebürge Jura bewohnten / allerhand Hindernüße machten / und seinen Nachtrab grossen theils zernichteten. Pompejus kam gleichwol mit einer grossen / uñ vom Fontejus nach verstärckten Macht das Narbonische von den Römern schon meistentheils besetzte Gallien über das Pyreneische Gebürge in Hispanien. Er ward aber bald übel bewillkommt. Denn als er die vom Sertorius belägerte Stadt Lauron entsetzen wolte /verlohr er zehntausend Römer und die Stadt Lauron darzu; welche Sertorius schleiffte / und eine gantze Römische Fahne niederhauen ließ; weil aus selbter vom Servilius einem Römischen Edelmanne bey Eroberung der Stadt eine edle deutsche Jungfrau mißbraucht worden war; ungeachtet sie ihm mit den Fingern darüber die Augen ausgegraben hatte. Metellus versetzte hierauff zwar dem Hirtulejus und denen Lusitaniern einen gewaltigen Streich; aber Sertorius war ein Meister sich nur nicht alleine selbst für Fehlern zu hüten / sondern auch fremde zu verbessern. Wie er denn durch eigenhändige Erstechung des Boten diese Niederlage für seinem Kriegs-Volcke gantz verdrückte. Massen denn der grosse Ruff vom Sertorius den Mithridates wieder gleichsam aus dem Schlaffe erweckte / und anreitzte: daß er den Tigranes in Cappadocien zu fallen beredete; darinnen er zwölff von den Grichen bewohnte Städte verödete / und dreyhundert tausend Einwohner in seine neue Stadt Tigranocerta gefangen wegführte. Eben selbiges Jahr nahm Pompejus den Celtiberiern die Stadt Segida / und nach Erlegung des Herennius an dem Fluß Durius Valentia weg; daher eilte Sertorius den Deutschen zu Hülffe; und kamen beyde gantze Machten bey dem Flusse Sucroan einem zwar hellen / aber unaufhörlichblitzenden Tage zu einer Haupt-Schlacht; in welcher Afranius des Perpenna und der Celtiberier / Sertorius aber und Hertzog Siewald der Römer rechten Flügel in die Flucht schlug / und Sertorius mit eigner Faust dem Pompejus einen Spieß durch das dicke Bein jagte; Ein Deutscher zu Fusse kämpffender Ritter[944] Gußmann aber ihn gar vom Pferde rieß; also: daß / weil die andern Deutschen sich mit dem Gußmann um das mit Golde und Edelgesteinen reich aufgeputztes Pferd zwisteten / Pompejus gleichsam durch ein Wunderwerck entran. Sertorius trieb hierauf auch den Africanus mit grossem Verlust zurücke; also: daß zehntausend Römer sitzen blieben; Er hätte auch früh dem Pompejus sein letztes vollends versetzt; wenn nicht Metellus ihm zu Hülffe kommen wäre. Hierauff hielt sich Sertorius alles ihm bevorstehenden Vortheils ungeachtet / in seinem Lager gantz stille; biß seine weiße Hindin / die sich in die Wälder verlauffen hatte / zurück kam. Da er denn / gleich / als wenn ihm die Götter durch selbte diß / was er fürnehmen solte / andeuteten / auszoh / und das Römische Heer an dem Flusse Salo bey Seguntium erreichte: mit selbigem vom Mittage biß in die Nacht schlug / und sechs tausend Römer dem Pompejus erlegte; folgenden Tag auch des Metellus Lager stürmte / und bey nah eroberte. Weil nun die Celtiberier und Deutschen hierinnen so tapffere Helden-Thaten ausübten; erkiesete Sertorius ihm solche zur Leib-Wache; die Deutschen aber rückten den Römern für: daß sie bey Stürmung des Metellischen Lägers ihre Pflicht nicht gethan hätten. Welches die Römer hoch empfunden; und als sonderlich Pompejus mit zwey frischen Legionen verstärckt ward / hauffenweise zu ihm und dem Metellus übergiengen. Gleichwol hielt ein Theil nebenst denen Deutschen beym Sertorius stand / entsetzte die vom Pompejus belägerte Stadt Palantia / und erlegte bey Calaguris abermals drey tausend Römer; ja er brachte den Metellus und Pompejus in solche Furcht: daß keiner ihm mehr Stand hielt / und so ins Gedrange: daß jener in einen Winckel Italiens / dieser ins Narbonische Gallien sich verkrichen muste; ja Rom selbst schon für dem ankommenden Sertorius und den strengen Deutschen zitterte. Zu eben dieser Zeit starben Nicomedes und Appio / welche das Römische Volck zu Erben ihrer Königreiche Bithynien und Lybien entsetzte; daher Mithridates mit seinem im Hertzen verborgenen Kriege länger zurück zu halten / und die Römische Macht sich vergrössern zu lassen nicht rathsam hielt. Derhalben schickte er zwey vertriebene Römer / nemlich den Fannius und Magius durch Italien zum Sertorius; welche / iedoch weil dieser gleichwol nichts zu Abbruch des Römischen Reichs fürnehmen / sondern nur des grausamen Sylla Uberbleibung / und die gewaltsamen Herrscher aus dem Sattel heben wolte / mit Noth zu einem Bündnüße bewegte /Krafft dessen Mithridates zwar Cappadocien und Bithynien haben; das übrige Asien aber den Römern bleiben; Sertorius Mithridaten einen Feldhauptmañ mit gewissem Volcke / dieser aber jenem drey tausend Talent und viertzig Schiffe schicken solte. Mithridates brach hierauf alsofort mit den Römern / welcher alleine hundert-sechs- und funffzig tausend Hülffs-völcker von Deutschen / Scythen / Sarmatern / Thraciern / und insonderheit Bastarnen / vierhundert grosse Schiffe /wie auch hundert und funffzig Sichelwagen zusa en brachte. So bald nun Fannius und Magius mit dem gewesenen Rathsherrn Marcus Varius / welchem Mithridates selbst die Oberstelle gab / in Asien ankam /schickte er den Diophantus mit hundert tausend Mann in Cappadocien; er selbst rückte mit anderthalb hundert tausend Fuß-Knechten und zwölff tausend Reutern durch das Timonitidische Paphlagonien und Galatien in Bithynien / und bemächtigte sich der Stadt Heraclea. Daher beyde Bürgermeister Lucullus uñ Cotta wieder den Mithridates geschickt wurden. Alleine der ehrsüchtige Cotta / welcher dem Lucullus den Ruhm des Sieges wegnehmen wolte / ward bey Chalcedon von denen einigen Bastarnen und andern Deutschen auffs Haupt geschlagen; Lucullus Manlius mit sechstehalb tausend Römern getödtet / und die Uberbleibung in Chalcedon eingesperrt. Mithridates selbst[945] segelte mit einem schnautzichten Schiffe die eiserne Kette im Hafen entzwey / erschlug im See-Gefechte acht tausend Römer / und Rhodier / zündete vier Schiffe an / und schlepte die übrigen sechzig mit fünfthalb tausend Gefangenen weg. Daher über Rom aus Asien und Hispanien zwey schreckliche Ungewitter aufzogen. Aber das sich dieser Stadt gleichsam verschworne Glücke zohe ihr bald zwey schädliche Dörner aus den Füssen. Denn weil Sertorius auf der Celtiberier Beschwerde dem Perpenna beweglich verwiesen hatte: daß er in etlichen Treffen diese streitbare Bunds-Genossen allein baden lassen; erstach der rachgierige Perpenna den trunckenen Sertorius unversehens in seinem Speise-Saale. Welch Meuchelmord des Perpenna / den doch Sertorius zum Erben eingesetzt hatte / die Celtiberier und Deutschen verursachte: daß sie sich mit dem Pompejus vertrugen / den Perpenna im Stiche liessen; der hierauf leicht überwunden und erschlagen ward; wiewol die Römer noch genung zu thun fanden / ehe sie die Städte Osca /Terme / Tutia / Valentia / Auxima und Caleguris; in welcher die Belägerten aus dringender Hungers-Noth ihre geschlachteten Weiber und Kinder verspeiseten /und das übrige von ihnen einsaltzten / wieder zum Gehorsam brachten. Der Römer ander Glücke war: daß Appius Claudius die mit den Dardanern verbundene Skordiskischen Deutschen / welche auf Mithridatens heimliche Verhetzung gantz Macedonien durchstreifften / und zu grossem Schrecken der Römer / aus aller Erschlagenen Hirnschädeln Trinckgeschirre machten / zweymahl aus dem Felde schlug / und sie biß an die Donau verfolgte; wie auch denen mit dem Sertorius und Mithridates verbundenen Cicilischen See-Räubern einen heftigen Streich versetzte; Publius Servilius aber gantz Cilicien eroberte / am ersten unter den Römern den Berg Taurus überstieg / und in dem mittagichten Galatien dem mit dem Hertzoge Dejotar strittigen Fürsten Konnachorich die Stadt Isara ab- und selbigen Deutschen so wol als denen Lycaoniern eine Schatzung aufdrang / und durch sein in Cilicien und Pamphilien verlegtes Heer dem Mithridates alle verdächtige Gemeinschafft mit den See-Räubern abschnitt. Den grösten Abbruch aber that Hertzog Dejotar dem Mithridates. Denn weil dieser bey seinem Durchzuge seine Galatische Deutschen gleichsam als Feinde gedrückt hatte / auch die deutschen Hülffs-Völcker allenthalben zu verzweiffelten Verrichtungen gebrauchte; und wenn er sie mit dem Feinde verwickelt hatte / mit Fleiß im Stiche ließ; gleich als wenn es ihm nützlicher wäre: daß die Deutschen von Römern / als diese von jenen erlegt würdẽ; kehrte der verschmitzte Dejotar bey Zeite den Rock um; und verfügte sich / so bald er des Lucullus Ankunfft zu Pergamus vernahm / zu ihm. Er kam gleich den Abend an: als das in Gestalt eines grossen silbernen Fasses vom Himmel fallende Feuer des Lucullus / und des Marcus Varius mit einander schlagendes Heer bey Otrye in Phrygien von sammen getrennt hatte. Lucullus empfing Dejotarn mit offenen Armen / dieser aber gab ihm von Mithridatens Macht und Anschlägen heilsame Nachricht; und so bald dieser mit seiner gantzen Macht die in dem Bebrycischen Meere gantz vertieffte / und überaus feste Stadt Cycicus belägerte /stieß Dejotars gantze deutsche Macht zum Lucullus. Und weil beyde Mithridatens unzehlbares Heer ehe mit Hunger als Fechten zu überwinden getrauten /rückten beyde jenem an den Rücken; und spielte es Dejotar so künstlich: daß er den Magius mit dem Lucullus versöhnte; dieser aber Dejotarn zu Eroberung eines zwischen beyden Bebrycischen Meer-Spitzen gelegenen Berges halff; durch dessen Befestigung und Besetzung dem Pontischen Heere auf einmahl alle Zufuhre zu Lande abgeschnitten ward. Die Stadt ward inzwischen zu Lande und Waßer vom Mithridates[946] auffs eusserste bedrängt und bestürmet; Aber Pisistratus vertheidigte selbte fast über menschliche Vernunfft; und zwar durch diesen den Einwohnern beygebrachten Aberglauben: daß die ihm im Schlaffe erscheinende Proserpina versprochen hätte wieder die Pontischen Pfeiffer einen Africanischen zu schicken. Massen denn folgenden Tag ein hefftiger Sud-Wind von Africa herstrich; und Mithridatens Sturm-Thürme alle über einen Hauffen warff. Endlich aber wäre doch die Stadt aus Verzweiffelung übergegangen; wenn nicht ein Deutscher ihm unter die Armen Blasen gebunden / an die Füsse Bley gehenckt / und über das Meer durch die Pontischen Schiffe in den Cycikischen Hafen geschwommen / und durch berichtete Anwesenheit des Lucullus und Dejotars sie zu tapfferer Gegenwehr aufgemuntert hätte. Wie nun bey herrückender Winters-Zeit dem Mithridates auch zur See die Zufuhre entfiel / zwang der Hunger ihn ein grosses Theil / und fast alle Reuterey seines Heeres weg zu schicken; Alleine Dejotar war ihnen mit seiner Reuterey bald in Eisen / und zwang sie an dem Flusse Rhyndacus Stand zu halten; Lucullus folgte mit einem Theile des Heeres; und erschlug daselbst eine grosse Menge / funffzehntausend Kriegs-Leute / sechs tausend Pferde / und eine unglaubliche Menge Vieh ward gefangen. Wenig Tage darnach schlug Mamercus den Fannius und Methrophanes in Mösien. Weil aber Eumachus Mithridatens Feld-Hauptmann im Pisidien /und bey den Isauriern den Meister spielte; eilte Dejotar seinen Deutschen zu Hülffe / und traff das zerstreute Heer des Eumachus unter dem Berge Didymus in voller Sicherheit an / schlug selbtes in die Flucht /ehe es sich recht setzen konte; funffzehntausend musten über die Klinge springen / und nicht weniger wurden mit unschätzbarer Beute gefangen. Hierüber verlohr Mithridates alle Hoffnung die Stadt Cycicus zu erobern; ließ also den Hermeus und Fannius dafür / er aber schiffte des Nachts darvon. Die zurückgelassenen wurden theils von dem ausfallenden Pisistratus im Läger / theils vom Lucullus am Flusse Esepus und zwar in so grosser Anzahl erschlagen: daß dieser und der Fluß Granicus sich von ihrem Blute färbte. Also kostete diese Belägerung Mithridaten über dreyhundert tausend Menschen; sein See-Hauptmann Aristonicus ward hierauff gefangen / viel Schiffe ihm durch Ungewitter zerschmettert / Apamea und Prusa erobert; und auf Anleitung eines zu Troas in dem Tempel der Venus habenden Traumes / bemeisterte Lucullus bey Tenedos vollends die feindliche Schiff-Flotte; und endlich kriegte er nebst andern Pontischen Fürsten auch den Rathherrn Varius gefangen / welchem er alsofort den Kopff abschlagẽ ließ. Ja weñ Poconius nicht mit dem Samothracischen Aberglaubẽ die Sache unzeitig versäumt hätte / wäre ihm Mithridates mit der Stadt Nicomedia selbst in die Hände gefallẽ. Mithridates flohe von dar zur See nach Hause; verlohr aber wieder durch Schiffbruch sechzig Schiffe / und zehntausend vom Kerne seines Krieges-Volckes; gleich als wenn Himmel / Erde und Meer sich ihn zu vertilgen verschworen hätte. Bey welcher Menge Unglücks dieser kleine Sonnenschein hervor blickte: daß die Stadt Heraclea diesen flüchtigen König einließ /und unter den Deutschen von den Römern aus Isaura vertriebenen Fürsten Konnachorich mit vier tausend Mann zur Besatzung einnahm. Mithridates aber lidt noch einmahl Schiffbruch / und kam auf einem gedungenen Raub-Schiffe selbst kaum nach Sinope. Von dar reisete er nach Anisus / besprach sich daselbst mit dem Könige Tigranes / endlich zu seinem über die Bosphoraner herrschenden Sohne Machar. Den Diocles schickte er mit einem grossen Schatze zu den Scythen um Hülffe; dieser aber flohe darmit zum Lucullus / welcher Amisus und Eupatoria / durch den Dejotar aber[947] Emisayra einnahm; nach dem diese Stadt sich lange nicht allein durch Menschen / sondern auch von den Mauern gelassene Bären und Bienen-schwärme vertheidigt hatte; Gleichwol aber zoh Mithridates bey Cabira dem Lucullus mit viertzig tausend aus Iberien / Albanien / und Scythien versammleten Fuß-Knechten und viertzig tausend Reutern abermahls unter Augen. Seine Reuterey schlug auch die Römische; und ward Pompejus selbst gefangen / aber vom Könige selbst wieder Gewalt beschützet; ja er brachte den sich für der Reuterey in die Gebürge verstecken den Römer bey nahe in so grosse Noth / als der König bey Cycicus gelitten. Allein das Blat wendete sich alsbald; in dem nach einem geringen Verlust sein Heer aus einem blinden Schrecken in eine solche Flucht gerieth: daß dreyßig tausend im Stiche blieben; er auch selbst sich kaum durch von sich Werffung allerhand kostbarer Beuten aus den geitzigen Händen der Römer in die Comanische Landschafft rettete. Von dar flohe er mit zwey tausend Pferden zu seinem Eydame Tigranes in Armenien; weil dieser aber ihn nicht einst vor sich ließ / schickte den Bacchus nach Sinope um seine Gemahlinnen / Schwestern und Kinder durch den Tod aus der Römischen Dienstbarkeit zu retten; sie aber ersparten durch eigene Messer / Strick und Gifft ihm die Mühe. Hiermit fiel fast alles vom Mithridates ab; Amastris und Heraclea ergaben sich ohne Zückung eines Degens; Sinope aber ward nach tapfferer Gegenwehr ihrem Erbauer Autolycus zu Ehren für eine freye Stadt erkläret. Ja Mithridates eigener Sohn Machar schickte dem Lucullus eine güldene Krone / und machte mit ihm Bündnüß. Denn die Kinder wollen auch keinen Unglücklichen zum Vater haben Lucullus rückte hierauf in Armenien. Dejotar gieng mit seinen Deutschen voran; und schlug den Mithrobarzanes mit dem Vortrabe. Sextilius belägerte Tigranocerta. Tigranes selbst begegnete dem Lucullus mit dritthalb-hundert tausend Fuß-Knechten / und funffzig tausend Reutern / liefferte auch wieder Mithridatens Rath ihm alsofort eine Schlacht. Alleine die Deutsche und Römische Reuterey verwirrten mit dem ersten Anfalle diese sich selbst zu fechten verhindernde weibische Menge; also: daß die Römer hundert und zwantzig Stadien weit nur zu schlachten hatten. Manceus in Tigranocerta entwaffnete aus Mißtrauen alle Grichen / wolte sie auch gar aufopffern; diese unbewaffneten aber wurden der Armenier Meister / und halffen den Römern zur Eroberung dieser reichen /und unglaublich befestigten Stadt. Mithridates und Tigranes sammleten zwar dort und dar neue Heere /zohen aber meist allezeit den kürtzern / und in einer harten Schlacht an dem Flusse Iris mit dem Fabius ward Mithridates mit einem Steine auffs Knie / und mit einem Pfeile unter das Auge verwundet; gleichwol aber von den Agarenern aus Scythien mit Schlangen-Pflastern geheilet. So bald er geheilet war / eilte er dem Triarius gegen Sadagena entgegen; alleine ein erschrecklicher Wirbel-Wind trennte nach einem hefftigen Gefechte beyde Heere von sa en. Ungeachtet nun Triarius wenig Seide gesponnen hatte / verleitete ihn doch die Begierde dem aus Armenien sich nähernden Lucullus den Sieg wegzunehmen: daß er folgenden Tag auffs neue mit dem Mithridates anband. Beyde Heere stunden zwar drey Stunden gleichsam in gleichem Gewichte gegen einander; alleine Mithridates /welcher hier entweder sterben oder siegen wolte /drang mit seinem Flügel durch / und jagte den Triarius mit allem Fuß-Volcke in einen Sumpff / darinnen sie sich nicht bewegen konten / und also wie das Vieh durch das Geschoß erlegt wurden. Allem Ansehen wäre kein Römer davon kommen; wenn nicht Wittig /ein auf Römischer Seite fechtender deutscher Hauptmann unter dem Scheine: daß er zum[948] Mithridates gehörte / dem Könige auf der Fersen gefolgt / und ihm einen Wurff-Spieß durch das dicke Bein gejagt hätte. Worüber Mithridatens Gefährten ihn zwar in Stücken hieben / aber aus unzeitigen Schrecken dem siegenden Heere ein Zeichen sich zurück zu ziehen gaben; welches den Tod des Königes vermuthete / und nicht ehe / biß der Artzt Timotheus nach Stillung des Blutes den König hoch empor wieß / zu stillen war. Gleichwol blieben über zwantzig tausend vom Römischen Kriegs-Heere; und unter den Todten wurden vier und zwantzig Obersten / anderthalb hundert Haupt-Leute gefunden. Ja / weil der Römische Rath auch dem seine Kriegs-Gewalt über die Zeit verlängernden Lucullus das Heer ferner zu gehorsamen verbot / auch es selbst aus Uberdruß eines so beschwerlichen Krieges grossen Theils ausriß / und die Römer von den See-Räubern sehr beängstigt wurden; rückte Mithridates in Cappadocien / und eroberte fast sein gantzes Reich wieder. Dem Hertzoge Dejotar lag nunmehr die gantze Last des Krieges auff dem Halse; biß der grosse Pompejus nach ausgerotteten See-Räubern durch Cilicien in Cappadocien kam; da denn Mithridates nur mit der Reuterey die Feinde beunruhigte; mit dem Heere aber alles hinter sich verheerte und verbrennte; wormit der Mangel die Verfolgung der Römer hinderte. Alleine Pompejus gab nichts minder einen versorgenden Hauß-Vater / als einen tapffern Feld-Herrn ab. Und insonderheit führten die Deutschen aus Galatien alles reichlich zu; waren auch nichts minder des Pompejus Vorfechter als Wegweiser. Beyde Heere geriethen nach etlichen schlechten Scharmützeln allererst über den Eufrates / darüber Pompejus die erste Römische Brücke schlug / mitten in Armenien / und zwar des Nachts in ein Haupt-Treffen; in welchem sein gantzes Heer aus einem blossen Irrthume in die Flucht gerieth / und meistentheils durch Abstürtzung über die Stein-Klippen vergieng. Mithridates kam durch das Gebürge mit wenigen davon nach der Festung Sinorex / daraus er sechstausend Talent nahm / darmit gegen dem Brunnen des Eufrates eilte / endlich über diesen und den Fluß Absarus und Phasis setzte / und in der Stadt Dioscorias allererst auf Ergäntzung des Krieges dachte. Die benachbarten Heniocher boten ihm selbst allen Vorschub an; die grimmen Acheer /welche die Griechen ihren Göttern zu schlachten pflegen / setzen sich ihm zwar entgegen; wurden aber bald von ihm gedemüthiget; ja sein undanckbarer Sohn Machar der Bosphoraner König zu eigener Entleibung gezwungen. Er selbst durchreisete bey nahe gantz Scythien / und brachte fast alle Nord-Könige /theils durch Geschencke / theils durch Verheyrathung seiner Tochter auff seine Seite; mit festem Vorsatze /mit den Scythen und Bastarnen durch Thracien / Macedonien / und Pannonien in Italien einzubrechen. Pompejus ward inzwischen vom Dejotar biß in Colchis / und über das Caucasische Gebürge geführet; allwo er den Colchischen König Orthaces gefangen bekam / mit dem Albanischen Könige Orezes / und dem Iberischen Arocus / an dem Flusse Cyrus und Araxes / und zugleich mit denen streitbaren Amazonen zu streiten bekam. Dejotar aber vermittelte zwischen ihnen einen Frieden; und Stratonice Mithridaten Eh-Weib des Xipharis Mutter verrieth und übergab dem Pompejus alle in einer Höle in küpfernen Fassen verborgene Schätze. Pompejus kehrte also zurücke in Armenien; allwo sich König Tigranes mit sechs tausend Talenten ihm ergab / alle Römische Kriegs-Leute beschenckte / und von Eufrates an gantz Syrien den Römern abtrat. Pompejus baute im kleinern Armenien auf die Wallstatt des überwundenen Mithridates die Stadt Nicopolis; schlug die Comagen-Medische und Arabische Könige / nahm Jerusalem und gantz Syrien biß in[949] Egypten ein / schenckte dem Ariobarzanes Cappadocien / dem Attalus Paphlagonien /Colchis dem Aristarchus; den Archelaus machte er zum grossen Comanischen Priester / und seinem treuen Gehülffen so grosser Siege Dejotarn / und dreyen noch wolverdienten deutschen Fürsten gab er Lycaonien und Pisidien; also: daß die Deutschen zwar die Gräntzen / nicht aber die Hoheit ihrer Asiatischen Herrschafft erweiterten. Sintemahl Asien nunmehr eigentlicher Römische Landvögte / als eigenmächtige Könige hatte. Mithridates unterdessen bildete ein rechtes Stieff-Kind des Glückes ab. Denn die Bosphoranische Stadt Phanagoria / und hernach der Scythische Chersonesus fiel von ihm ab; die Scythen liessen ihre hülffbare Hand sincken; ja er muste seine Faust in seiner eigenen Kinder Blute waschen. Diesem nach er entschloß mit seinem noch übrigen Krieges-Volcke in Deutschland zum Könige Ariovist zu ziehen / mit dem er vorher schon durch Bothschafften Freundschafft gemacht hatte; ja nach Hannibals Beyspiele die Alpen zu übersteigen; und sich mit dem durch Gesandtschafft eben so wol verehrten Spartacus zu vereinbaren. Zumahl der tapffere deutsche Fürst Bituit Mithridatens unabtreñlicher Geferthe ihm den Weg zu weisen / und mehr deutsche Fürsten ihm zu verbinden versprach. Mithridates war mit seinem Heere schon biß an den Fluß Hippanis fortgerückt; als es über eine so ferne Reise zu seuffzen anfieng. Daher reitzte sein Sohn Pharnaces selbtes nicht alleine zum Aufstande /sondern stand ihm gar nach dem Leben; brachte es auch durch Geschencke und Vertröstungen dahin: daß sie den Pharnaces für ihren König ausrufften / und aus Mangel einer bessern ihm eine papierne Krone auffsetzten. Welches diesem großmüthigen Helden so tieff zu Hertzen gieng: daß er aus Beysorge: sein Sohn möchte ihn fangen und den Römern zuschicken / Gifft tranck / nach dem seine dem Egyptischen und Cyprischen Könige verlobte zwey Töchter Mithridatis und Nyßa vorher aus selbigem Glase den Tod gezogen hatten. Weil aber das Gifft bey ihm nichts würcken wolte; beschwor er den getreuen Bituit: daß er durch seinen so offt hülffbaren Helden-Degen ihm und zugleich dem Unglücke das Licht ausleschen möchte. Welches er endlich auch / iedoch mit zitternder Hand und thränenden Augen verrichtete / hernach mit seinen übrigen Deutschen über den Fluß Hippanis schwemmte / und in sein Vaterland kehrte. Der ungerathene Pharnaces schickte seines Vaters Leiche mit vielen gefangenen Römern und Grichen dem Pompejus über das Euxinische Meer nach Sinope. Ob nun zwar die Römer über dieses Feindes Tode tausend Freuden-Feuer anzündeten / und grosse Feyer hielten /ließ doch Pompejus den Mithridates in der Königlichen Grufft kostbar begraben / ihn über die fünff für ihm gewesenen Pontischen Könige setzen / von Marmel eine Grabe-Spitze aufrichten / und daran schreiben:


Den grossen Stern der Welt / den grösten Mithridat /

Der funffzig Jahr gestrahlt / deckt dieser Grabe-Stein.

Des kleinern Asiens Begrieff war ihm zu klein /

Das schwartze Meer zu schmal. Sein siegend Fuß betrat /

Was Tyras / Caucasus / Meotens Pfüß / Eufrat

Und das gefrorne Meer für Länder schlüssen ein.

Die Seulen Hercules / Cephißus / Betis / Rhein

Sind Zeugen: daß für ihm Rom offt gezittert hat.


Nicht ärgert aber euch: daß er so tieff verfiel;

Die grösten Herrscher sind der Götter Gauckel-Spiel.

Und durchs Verhängniß ist sein Glück und Reich zerronnen.

Die Sternen tilgt der Tag / Cometen werden grauß.

Legt's sein Geburts-Licht doch schon Mithridaten aus:

Daß er ein Schwantz-Stern sey; Rom aber gleicht der Sonnen.


Pharnaces behielt zur Belohnung seiner Untreu das Bosphoranische Reich; die Stadt Phanagoria aber ihre Freyheit. Pompejus brachte fast alle Schätze und Seltzamkeiten gantz Asiens / unter andern alleine zwey tausend aus Onyx geschnittene Trinckgeschirre / und so viel Edelgesteine nach Rom: daß man dreyßig[950] Tage mit der Gewehr zubrachte. Er selbst fuhr in einem so prächtigen Siegs-Gepränge / als niemand für ihm / auf einem mit Edelgesteinen gläntzenden Wagen / mit des grossen Alexanders Kriegs-Rocke angethan / ein; für ihm giengen der junge Tigranes /König Olthaces / und Aristobulus / Artaphernes /Cyrus / Opathres / Darius / Xerxes / fünff Söhne / wie auch Osabaris und Eupatra zwey Töchter des Mithridates; dessen aus Golde gegossenes sieben Ellen langes Bild nebst vielen Uberschrifften der Pompejischen Siege vorgetragen ward.

Die Ubermasse so vielen die Römer gleichsam überschneienden Glückes / war eine Mutter des Ubermuthes / und der sich täglich bey der Wärmbde nach Art der Fliegen und Käfer mehrenden Laster / verursachte also: daß die Römer die in Italien noch gefangen habende Gallier / Scordisker / Teutonen / Cimbern und andere Deutschen übel und grausam hielten /sie / wenn sie etwan ein Glaß zerbrachen / zu Mästung der Murenen abschlachteten; insonderheit fingernackt des Morgens Löwen und Bären zu zerreissen fürwarffen; nach Mittage aber sie täglich in die Schau-Plätze einschlossen: daß sie wieder ihre Landes-Leute und Blut-Verwandte nur dem Pöfel zur Kurtzweil um Leib und Leben fechten musten; welcher / wenn sie nicht geschwinde genung einander in die Schwerdter renneten / sie mit Peitschen schlug /mit glüenden Zangen brennte / und zum Tode gleich einem Freuden-Spiele antrieb. Daher ward endlich dieser hertzhafften Leute Gedult in Verzweiflung verwandelt; sonderlich / als sie hörten: daß bey des Lucullus uñ andern künftigen Siegs-Geprängen sie nun nicht mehr einzelich; sondern hundert gegen hundert fechten solten. Worzu denn sie bereit zu tausenden in die untersten Gemächer des grossen Capuanischen Schau-Platzes / allwo Lentulus dem Römischen Volcke allerhand Lustspiele zu geben entschlossen war /eingesperret sassen. Es traff sich aber: daß Spartacus ein Skordiskischer Deutscher aus Thracien / welcher selbst etliche Jahre den Römern wieder ihre Feinde gedient hatte / Granicus ein Friese / Oenomaus ein Noricher / und Crixus ein Cimbrischer Edelmann in ein Gefängnüß kamen; und sich mit ihren Gefährten verschwuren / lieber biß in Tod für ihre Freyheit / als dem Römischen Pöfel zur Ergetzligkeit zu fechten. Hiermit erbrachen sie den Kercker / erwürgten ihre Hüter / und entkamen ihrer siebenzig von denen Hunderten in Campanien; da sie denn unter weges niemanden als die Römer insonderheit ihrer Waffen beraubten / sich auf dem Berge Vesuvius feste setzten /daselbst eine grosse weisse Fahne / in welcher auf einer Seite ein Löwe / mit einem blutigen Klauen ein eisernes Gegitter zermalmete; mit der Uberschrifft: Wolangewehrtes Blut. Auf der andern Seite ein Adler / der in dem Schnabel einen güldenen Apffel hatte / aus einem Kefichte empor flohe; mit der Uberschrifft: Die güldene Freyheit / abwehen liessen; wordurch sie in weniger Zeit über dreyßig tausend unter der Römischen Dienstbarkeit schmachtende Deutschen / und noch zwantzig tausend andere ausländische Knechte an sich zohen / und die Landschafft Campanien unter sich brachten; sonderlich; weil ihre vier Kriegs-Obersten für sich keinen Vortheil suchten / sondern alle eroberte Beute gleich eintheileten. Diese alle erwehlten den Spartacus seiner Klugheit und Tapfferkeit / wie auch deßhalben zu ihrem Hertzoge: weil sich zu Rom um des Schlaffenden Haupt ein Drache wie ein Krantz gewunden; eine edle Wahrsagerin auch ihm daher eine grosse Herrschafft geweissagt / und ihn deßhalben in seiner Dienstbarkeit geheyrathet hatte. Claudius Pulcher meinte diese verächtlichen Flüchtlinge mit schlechter Müh zu erdrücken; sie jagten ihn aber in die schimpflichste Flucht. Welch glücklicher[951] Streich dem Spartacus alsbald einen grossen Zulauff der Leibeigenen zu wege brachte. Die Römer schickten alsofort den Varinius Glaber mit zwey Legionen und vielen Hülffs-Völckern gegen sie nicht so wol als Feinde / als wieder Räuber; welche den Furius mit seinem in zwey tausend Römern bestehenden Vortrab schlugen; iedoch sich einer Flucht anmasten / und auf den Berg Vesuvius sich wieder verbargen. Als sie aber der Stadtvogt Glaber darauf belägerte / ließ sich Granicus mit zwey tausend Deutschen an langen aus Wieten zusammen geknüpfften Stricken des Nachts von denen steilesten Klippen herunter. Wie nun Spartacus und die andern Heerführer nach Mitternacht vorwerts das Römische Läger /und den sicher schlaffenden Glaber anfielen / kam ihm Granicus hinterrücks so unverhofft / als wenn ein Feind vom Himmel ins Läger fiele / auf den Hals; und brachte alles / ehe sich die Römer einst recht zur Gegenwehr stellten / in die Flucht. Spartacus erwischte auch den Stadt-Vogt schon beym Rocke; also: daß er mit genauer Noth / und Hinterlassung seines Pferdes sich nach Herculaneum auffs Tyrrhenische Meer flüchtete; sein gantzes Heer aber dem Feinde zum Raube und Abschlachtung im Stiche ließ. Nicht besser gieng es dem Publius Valerius / welcher mit genauer Noth nach Capua entran. Nach diesen Siegen /und vielen täglich zuwachsenden Verstärckungen /theilten sie sich unter ihren Heerführern in vier Theil; eroberten die Städte Cora / Nola / Nuceria / Metapont / der Thurier Stadt; ja Spartacus überfiel in Lucanien bey Saline den Coßimius so unvermuthet: daß er ihn bey nahe im Bade erwischt hätte. Wie er denn samt seinem meisten Volcke gefangen / und das Lager erobert ward. Den Varinius schlug er auch zum andern mahl / und eroberte das Pferd mit denen Bürgermeister-Beilen / und andern Kennzeichen seiner Würde; welche Spartacus hernach für sich gebrauchte. Dem Crixus aber / welcher in Apulien einbrach / und sich des Seehafens Agasus bemeistern wolte / begegneten beyde Römische Bürgermeister mit einem starcken Heere unter dem Gebürge Garganus / auf dessen höchster dem Priester Calchas gewiedmeten Spitze Crixus einen schwartzen Wieder opferte; und als er auf desselben Felle einschlieff / träumende sahe / wie ihn ein Adler auf seinen Flügeln biß ins Gestirne führete. Weil er denn wieder die Eigenschafft dieser Wahrsagung durch des Priesters heuchlerische Veranlassung diesen Traum auf einen vorstehenden Sieg ausdeutete / die Deutschen und Gallier auch mit Gewalt auf eine Schlacht drangen; entschloß er sich mit den Feinden zu schlagen; da doch sein Kriegs-Volck nur mit schlechten ledernen oder aus zusammen geflochtenen Rutten gemachten Schilden / und aus schlechtem Eisen der Fessel umgeschmiedeten Degen / die Reuterey aber nur mit gemeinen Feld- und Acker-Pferden versehen war. Gleichwol wehrte sich Crixus auffs eusserste; er ward aber endlich mit der Helffte seines Heeres erlegt; wiewol keiner fast ungerochen starb / sechs tausend Römer tod blieben / und wol zweymahl so viel verwundet wurden. Spartacus /Granicus / und Oenomaus zohen sich hierauf mit des Crixus Uberbleibung zusammen. Und weil es ihnen an tauglicher Rüstung / ja nunmehr an Lebens-Mitteln gebrach / sie auch leicht wahrnahmen: daß sie in diesem engen Winckel Italiens nicht in die Länge den Schwall der grossen Römischen Macht austauern /weniger die nunmehr der gantzen Welt zu Kopffe wachsende Macht der Römer / an der so viel mächtige Könige die Hörner zerstossen hätten / über einen Hauffen werffen würden; entschlossen sie sich über das Apenninische Gebürge in Gallien / und von dar in ihr Vaterland zu eilen. Weil diß aber wegen des ihnen auf dem Halse sitzenden Varinius nicht ohne grosse Gefahr öffentlich zu vollziehen war; stellte er auff[952] dem Walle seines Lägers lauter todte Leichname an Pfälen empor; ließ auch etliche Pfeiffer und Drommelschläger nach gewöhnlicher Art darinnen die Umgänge halten; er aber zohe um Mitternacht in solcher Stille davon: daß die Römer erst bey hellem Tage und also allzu spat solches gewar wurden. Wiewol auch der Bürgermeister Cneus Cornelius Lentulus in dem Mugellischen Thale ihnen vorbeugen wolte / schlugen sie doch das Römische Heer daselbst auffs Haupt; und bey Mutina erstürmten sie das Läger des Cajus Caßius; schlachteten auch des erlegten Crixus erblastem Geiste zu Liebe drey hundert edle Römer ab; und noch etliche hundert andere Gefangene wurden gezwungen bey dem Holtzstosse des Crixus auf Leib und Leben mit einander zu fechten / oder andere Schauspiele fürzustellen. Wie nun Spartacus sein Heer mit denen eroberten Römischen Waffen ziemlich ausgerüstet hatte / schöpffte diß verbitterte Kriegs- Volck mehr nach dem Mäß-Stabe ihrer Rachgier / und des ihnen heuchelnden Glückes / als nach Uberlegung ihrer und der Römischen Kräfften höhere Gedancken; und muste Spartacus wegen Hartneckigkeit des Granicus und des gantzen Heeres seine vorhin heilsame Gedancken wieder Willen ändern / und mit hundert und zwantzig tausend Mann gerade auf Rom zu ziehen. Weil aber beyde Römische Bürgermeister mit allen eussersten Kräfften den Apenninus besetzt hatten /lenckte er durch Umbrien in die Picenische Landschafft. Als nun jene ihm mit gesammleter Macht folgten / verfielen sie bey Asculum an dem Flusse Truentus in eine so hefftige Schlacht: daß auf Römischer Seiten über viertzig- auf deutscher Seiten zwantzig tausend Mann ins Graß bissen. Ja als die Bürgermeister noch einst ihnen die Stirne boten / schlugen sie sie abermahls auffs Haupt / und Granicus selbst rennte den Caßius über einen Hauffen; wegen welchen Verlustes zu Rom der zehnde Mann aller flüchtigen Römer zum Tode verurtheilt ward. Die überbleibenden stieß Marcus Licinius Craßus zu sechs frischen Legionen und allen nur aufzutreiben möglichen Kräfften des Reiches / mit welchen er den mit zehn tausend Mann bey dem Fucinischen See gelagerten Granicus umringte; welche zwar alle Mittel der Klugheit und Tapfferkeit herfür suchte sich durchzuschlagen; welches einem dritten Theile seines Heeres auch gelückte; er aber büste mit denen meisten / derer keiner sich den Römern gefangen geben wolte / sein Leben ein; welchen ihr eigener Feind das Zeugnüß geben muste: daß keiner nichts knechtisches begangen / sondern durch ihre Tapfferkeit viel Edle beschämt hätten. Hierauf kamen beyde gantze Heere in dem Harpinischen Gebiethe zu einer Haupt-Schlacht; welche mit der aufgehenden Sonnen anfieng / mit der untergehenden sich endigte. In dieser blieb Oenomaus mit viertzig tausend Mann; Hingegen zwantzig tausend auff Seiten der Römer. Spartacus muste sich in sein Läger ziehen; und behielten die Römer zwar das Feld; die Knechte aber den Ruhm. Als nun Spartacus in Samnium / und so fort in Gallien durchbrechen wolte; kam es bey Taurasium abermahls zu zwey harten Treffen; da denn Spartacus nach Verlust zehn tausend Mann in Lucanien / weil ihn Craßus unauffhörlich verfolgte / biß an die eusserste Ecke des Brutischen Winckels weichen / und sich an der Rheginischen Meer-Enge verschantzen muste. Damit nun sein Kriegs-Volck aus keiner Hoffnung der Gnade sich ergeben möchte / ließ er den fürnehmsten gefangenen Römer für dem Lager aufhencken; thät auch durch öfftere Fälle dem Craßus mercklichen Abbruch; welcher endlich / nach dem Spartacus auf Fässern / Nachen und Flössen in Sicilien überzusetzen sich mühte / und der aus Hispanien zurück kommende Pompejus dem Craßus zu Hülffe ziehen solte / das Läger mit aller Macht stürmte und zum[953] Theil eroberte. Gleichwol aber entkam Spartacus mit dem grösten Theile seines Krieges-Volckes biß an die innerste Spitze des Tarentinischen Seebysens an den Fluß Bradanus / in willens Brundusium zu überrumpeln / und von dar übers Meer zu entkommen. Als er aber hörte: daß daselbst Lucullus mit einem Theile seines steghafften Heeres aus Asien ankommen / also ihm alle Ausflucht verhauen war / machte er die Noth zur Tugend / liefferte dem Craßus die verlangte Schlacht; in welcher er / ungeachtet so vieler empfangenen Wunden: daß seine Leiche hernach unter den Todten nicht zuerkennen war / seine Tapfferkeit und Feindschafft wieder Rom nicht ehe / als mit seinem letzten Lebens-Athem / als einer der edelsten Feld-Herren ausbließ; ja alle Deutschen nicht anders als wie Schlangen / die nach zerknicktem Kopffe sich doch noch mit dem Schwantze wehren / biß auf den letzten Blutstropffen fochten; und den Römern den Sieg theuer genung verkaufften. Craßus ließ auf der Wallstatt eine marmelne Seule aufrichten; und ließ durch seines überwundenen Feindes Lob auch sein eigenes derostalt darein graben:


Allhier ist Spartacus der edle Knecht geblieben /

Der seiner Fessel Stahl brach als ein Löw entzwey /

Und hundert tausend sprach von ihren Halsherrn frey.

Rom zehlt die Todten kaum die er hat aufgerieben /

Durch derer Bluter ihn den Frey-Brieff selbst geschrieben.

Die güldne Freyheit legt ihm selbst diß Zeugniß bey:

Daß gar nichts knechtisches an ihm gewesen sey.

Ja Feind und Adel muß den Helden-Sclaven lieben.


War sein zerfleischter Leib gleich hier nicht zu erkennen;

So wird sein Nahme doch unendlich kennbar seyn.

Rom gräbt zugleich sein Lob in dieses Siegs-Mal ein /

Das man nun erst kan Frau und Freygelaß'ne nennen.

Denn hätte nicht der Todt ihn untern Fuß gebracht;

So hätt' er endlich Rom noch gar zur Magd gemacht.


Es ist nicht müglich auszudrücken / wie die in Italien und zwischen den Alpen übrig gebliebenen Deutschen von denen theils dieser empfangenen Wunden halber rachgierigen / theils wegen der Mithridatischen Siege hochmüthigen Römern nach der Zeit gedrückt wurden. Weil aber kein Volck unter der Sonnen den Deutschen an Treue überlegen ist; liessen diese in der Meynung: daß die Tugend so wol den Undanckbaren /als die Sonne gifftigen Thieren wohl thue / durch kein angethanes Unrecht der Römer selbte auch nur eines Haares breit versehren; hielten sich auch bald darauf /als ihr Untergang an einem seidenen Faden hieng / so ehrlich: daß Rom seine Erhaltung ihnen zu dancken hatte. Denn / als unter dem grossen Pompejus die Römischen Heere in fremden Landen wieder den Mithridates zerstreut waren / Lucius Catilina aber mit einem grossen Theile des Römischen Adels ihr Vaterland zu vertilgen sich verschworen / und diesen grausamen Bund mit eines abgeschlachteten edlen Jünglings / auf den das Loß gefallen war / aufgefangenen mit Wein vermischten / und nach der Reye begierig ausgetrunckenem Blute bestätigt; ja er nicht allein in Hetrurien ein grosses Heer versammlet / sondern auch Lentulus zu Rom die Stadt an zwölff Orten anzuzünden / und den Rath zu ermorden Anstalt gemacht hatten; kamen vom Hertzoge Catugnat der Allobroger / wie auch von dem Alemannischen Herzoge Vocion Ariovistens Brudern / welcher die Helvetier beherrschte / eine ansehliche Gesandschafft nach Rom / theils sich über die Grausamkeit und den Geitz des Römischen Landvogts zu Vienne zu beschweren / theils für die Allobroger als der Alemänner Bluts-Freunde eine Erleichterung ihres Joches zu bitten. Lentulus / welcher diese Beschwerden leicht erfuhr / ließ sich alsbald den schlauen Publius Umbrenus / der in Gallien viel Jahre Handlung getrieben hatte / und also die Gesandten gar wol kennte / an diese Beleidigte / und seinem Bedüncken nach leicht bewegliche Allobroger machen; zu versuchen: Ob sie dieses streitbare / und unter dem Joche schmachtende Volck zu des Catilina Anhange machen könte. Umbrenus redete sie[954] auf dem grossen Platze / wie sie auf des Saturnus Tempel noch daselbst in den gemeinen Schatz-Kasten der Stadt Rom gelieferten Schatzung auffs Capitolium gehen wolten /freundlich an; erkundigte ihr Anliegen; bezeugte ein hertzliches Mitleiden mit ihrer Bedrängung; und als sie auf seine Frage: Was sie denn für ein Ende ihres Elendes / zu welchem der Rath taube Ohren hätte / erwarteten; ihm antworteten: den Tod; fieng er seuffzende an: Ich aber / wenn ihr anders noch Männer seyd; wolte euch wol ein bessers an die Hand geben. Die Gesandten begegneten dem Umbrenus nicht anders als ihrem Schutz-Gotte; und fleheten ihn um Eröffnung seiner vertrösteten Hülffe an. Dieser leitete sie alsofort in das nahe darbey liegende Hauß des Brutus zum Gabinius Capito; welcher das Unrecht des Römischen Rathes mit tausend Flüchen verdammte; des Marius und Sylla Rasereyen / das Wüten des Cinna / des Pompejus Hochmuth scharffsinnig durchließ / und wie der meiste Römische Adel vom Bürgermeister Cicero / und andern Neulingen; derer Väter Kohlenbrenner / die Mütter aber Ammen abgegeben / untergedrückt; die ehrlichen Deutschen und viel andere freye Völcker wieder aller Völcker Recht ausgeädert / und zu Leibeigenen gemacht würden /nichts minder verfluchte / als scheinbar erzehlte / endlich eröffnete: daß diese Unterdrückung sie sich aus Liebe der unschätzbaren Freyheit mit dem edlen Catilina wieder den grausamen Rath zu verknüpffen / und die Einäscherung des Raub-Nestes der Welt / des Noth-Stalles aller Völcker der blutigen Stadt Rom zu beschlüssen gezwungen hätte. Da sie nun ihre Freyheit wieder zu erlangen / denen sie ausmergelnden Schindern die Hälse zu brechen entschlossen wären; wolten sie ihnen darzu alle Handreichung thun. Die Gesandten hörten den grausamen Anschlag dieser Un-Menschen wieder ihr Vaterland / dessen Liebe die Mütterliche / ja seine selbsteigene mit aller Welt Reichthum weichen soll / nicht ohne Erstaunung /gleichwol aber mit angenommener Vergnügung an; danckten dem Gabinius für sein Mitleiden und Verträuligkeit; baten aber Frist / hierzu die Gesandten Hertzog Vocions gleichfalls zu bereden; als ohne welche sie ohne diß nichts zu schlüssen befehlicht wären. Wie nun die Allobroger dieses des Vocions Gesandten eröffneten / und sie einmüthig mit einer so schwartzen Verrätherey der Deutschen Ruhm zu besudeln für unthulich hielten; berieffen sie alsbald ihnen zu Rom habenden Schirms-Mann Fabius Sanga; und entdeckten durch ihn dem Cicero alles Haar-klein; welcher ohne diß in höchstem Kummer lebte; weil Gallien und Italien vom Catilina schon in nicht geringe Verwirrung gesetzt war. Dieser wuste seine Danckbarkeit gegen der Deutschen Redligkeit nicht genung auszudrücken; rieth auch: daß sie ihre Beypflichtung zu solchem Bündniße auffs beste bescheinigen und denen Verschwornen alle ihre Geheimnüße möglichst ausholen solten. Wie nun alle deutsche Gesandten folgende Nacht sich bey dem Stadtvogte Lentulus einfunden / ward von denen in grosser Menge versammleten Verschwornen beschlossen: Catilina solte durch das Fesulanische Gebiete eilends gegen Rom anrücken; also denn der bevorstehende Zunfft-Meister Lucius Bestia in seiner gewöhnlichen Antritts-Rede bey dem Feyer des Saturnus des besten Bürgermeisters Cicero übele Herrschafft anklagen; folgende Nacht Statilius / Gabinius und Lucius Caßius die Stadt an zwölff Enden anzünden / Cethegus den Cicero / und der andere Hauffen alle Raths-Herren / derer viel doch der verschwornen leibliche Väter waren / ermorden; und hierauf dem Catilina zurennen; die Gesandten aber eilfertig nach Hause reisen / die ihnen fürgesetzte Befehlichshaber erwürgen /und mit ihrer Macht zum Catilina stossen. Diese[955] versprachen nichts an ihrem Fleiße erwinden zu lassen; alleine müsten sie ins geheim aus der Stadt gebracht /ihnen auch dieses Bündniß von allen Beschwornen unterschrieben und besiegelt ausgehändigt werden; als ohne welches ihr Fürtrag bey ihren Landes-Leuten keinen Glauben verdienen würde. Die anfangs fürsichtige Boßheit wird nach und nach vermessen und bekommet Maulwurffs-Augen: daß sie andere Leute in ihrer Auffsicht so blind zu seyn schätzet / als sie in Ausübung gewohnter Laster ist. Diesemnach unterschrieben die Verschwornen ohne alles Bedencken den vom Cethegus entworffenen Schluß; und befehlichten den Vulturcius: daß er folgende Nacht die Gesandten zum Catilina begleiten solte; welchem Lentulus ein hierzu dienendes Schreiben einhändigte. Die Gesandten liessen diß alles den Cicero wissen: aber auf die bestimmte Zeit der Reise die Milvische Brücke an der Flaminischen Strasse mit Krieges-Volcke besetzen; welches die deutschen Gesandten und den Vulturcius gefangen in Rom brachte. Worauf Cicero die Verschwornen nach und nach ins Heiligthum der Eintracht bringen ließ / sie mit ihrer Hand und Siegel überzeugte / hernach im Gefängniße behielt / und also Rom von so nahem Untergange errettete. Sintemahl die Gefangenen / wie sehr gleich Cicero für sie bat /auf des Cato Gutbefinden im Kercker erwürget; ja viel mitverschworne Söhne von ihren Vätern nach dem Beyspiele des ihnen vorgehenden Aulus Fulvius eigenhändig getödtet / Catilina aber mit seinem Heere biß auf den letzten Mann nach unglaublicher Gegenwehr vom Antonius erschlagen; iedoch ihm von seinen Uberwindern nachgerühmet ward: daß / wenn er fürs Vaterland gefallen; Niemand für ihm eines schönern Todes gestorben wäre. Wer solte aber Rom eine solche Undanckbarkeit zutrauen: daß sie zwar die Gesandten mit helffenbeinernen Stülen / güldenen Stäben / und anderem Tocken-Wercke hätten beschencken; den so treuen Allobrogern aber nicht ein Loth ihrer unerträglichen Zentner-Last abnehmen sollen? Welches dieses hertzhaffte Volck zu einer halbverzweiffelten Entschlüssung brachte: daß sie die Römischen Geldägeln erwürgten / in das Narbonische Gallien einfielen / und für ihre Freyheit alles eusserste zu wagen entschlossen. Aber Cajus Pomptinius / der doch mit den Gesandten selbst ihrer Treue halber Unterhandlung an der Milvischen Brücke gehabt hatte; kam ihnen unter dem Scheine eines Vermitlers so geschwinde mit einem mächtigen Heere auf den Hals; und die Heduer giengen ihnen mit aller ihrer Macht in Rücken; also: daß sie die Allobroger auf einmahl zu verschlingen schienen. Aber Noth und Tugend rennen nicht selten auch der Unmögligkeit einen Rang ab. Dahero ihre tapffere Gegenwehr den Pomptinius nöthigte / an einem vortheilhafften Orte bey der Stadt Acunum sein Läger zu befestigen. Wie nun aber Pomptinius vernahm: daß der Hertzog Catugnat /nach dem er die Römer nicht aus dem Läger zu locken vermocht hatte / bey Bantiana über den Rhodan mit dem halben Heere gesetzt hatte um ins Narbonische Gallien einzubrechen / blieb er mit wenigem Volcke zur Besatzung im Läger / ließ das gantze Heer unter dem Manlius Lentinus des Nachts in möglichster Stille über den Rhodan gehen / uñ hinter einem Walde den Allobrogern wegelagern. Diese aber kriegten noch selbige Nacht durch einen Uberläuffer von allen Umständen des Anschlags Nachricht. Daher zohe Hertzog Catugnat über Hals über Kopff sein gantzes Heer an sich / rückte darmit recht gegen das ihm gestellte Fallbret; stifftete auch etliche leichte Reuter an: daß sie voran gegen die Römer streifften / sich mit Fleiß fangen ließen / und einmüthig aussagten: daß Catugnat nicht selbst bey denen kaum zehntausend Mann starcken Allobrogern wäre; sondern sie des Vocions Sohn ein noch unerfährner kühner Jüngling[956] führte / von den Römern auf selbiger Seite des Rhodans das minste wüste. Catugnat theilte hierauf sein Heer in drey Theil; den Vortrab / der auf die Römer gleichsam unvorsichtig verfallen solte / vertraute er dem jungen Vocion / das andere seinem Sohne; mit welchem er durch einen Umweg den Römern in Rücken gehen solte. Er selbst blieb mit dem Kerne seines Volckes / und etlichen tausend Helvetiern in voller Schlacht-Ordnung stehen / um den Römern / weñ sie den Vocion verfolgen würden / die Spitze zu biethen. Diese der List entgegen gesetzte List schlug glücklich aus. Denn so bald die Römer den Vocion ersahen /fielen sie vorwerts und auf beyden Seiten ihn an; welcher nach laulichter Gegenwehr zu weichen / und endlich zu fliehen anfieng / also mit ihm die Römer auf des Catugnats Heer verleitete. Wie nun dieser ihn so behertzt als unvermuthet unter Augen gieng / des Vocions Volck aber sich zugleich gegẽ die durch die Verfolgung in nicht geringe Unordnung gebrachten Römer wendete; sahen sie wol: daß der Steller in sein eigenes Garn verfallen war. Weil es aber sich dem in Eisen habenden Feinde zu entziehen unmöglich war /musten sie aus der Noth eine Tugend machen / und also sich zu behertzter Gegenwehr anstellen. Eine Stunde währete die Schlacht / ehe die Römische Reuterey zum weichen gebracht war / und die Allobroger die Römer zur Seite antasten konten; hiermit aber gerieth Catugnats Sohn / und der vom Mithridates aus Scythien in Deutschland angekommene Fürst Bituit mit acht tausend Mañ den Römern in Rücken; also in weniger Zeit diese in Unordnung; und endlich / nach dem zumahl Lentinus hefftig verwundet / und zwey Römische Adler genommen waren / in die Flucht; welche aber ihnen fast allenthalben verschrenckt / und das Römische Heer durchgehends wie Vieh abgeschlachtet ward. Der nahe Wald und die Nacht / insonderheit aber ein erschreckliches Hagelwetter / welches nicht drey Schritte weit vor sich sehen ließ / halff dem Lentinus mit drey oder viertausenden theils nach Acunum / theils zu den Heduern darvon; da ohne diesen Zufall von denen dreyßig tausend Römischen Krieges-Leuten allem Ansehen nach kein Gebeine davon kommen wäre. Der hierüber zitternde Pomptinius schätzte sich im Läger nicht sicher; brach daher eilfertig auf / und wiech am Rhodan biß zur Stadt Vindelium zurücke. Der eine denen Römern nicht allzuwol wollende Fürst der Heduer Convictolitan brachte bey Erfahrung dieses herrlichen Sieges es auch dahin: daß sie unter dem Vorwand: Es wären die Alemänner und Helvetier wieder sie im Anzuge / sich aus der Allobroger Gebiethe zurücke zohen. Nach dem aber Lucius Marius / und Sergius Galba mit zwey neuen Heeren / wie nichts minder die Massilier /und die leichtsinnigen Heduer den Pomptinius mit grosser Macht verstärckten / setzte er über den Rhodan / verheerte der Allobroger Gebiethe; und gewañ die eine Seite der Stadt Solonium; nach dem sie der junge Fürst Vocion vergebens zu entsetzen versucht hatte. Die andere Seite der Stadt aber hielt zehn Stürme aus; biß Pomptinius nach erlangter Nachricht von des Herzogs Catugnat völligem Anzuge die Belägerung aufzuhebẽ / das eingeno ene Theil der Stadt Solonium aber einzuäschern nöthigte. Die Römischen Heere eilten diesemnach denen Allobrogern entgegen / die Heduer giengen ihnen auch mit einem frischen Heere in Rücken / und zwungen den Hertzog Catugnat durch Abschneidung aller Lebensmittel zu Lieferung einer Schlacht wieder seine wol dreymahl stärckere Feinde. Sintemal die Zwytracht der Alemäñer uñ Helvetier ihm alle vorige Hülfe beno en hatte. Ob nun zwar die Verbindligkeit zu schlagen schon halb verspielt ist; so wehrte doch das Treffen von der ersten Tagung an biß in die sinckende Nacht; endlich aber erlangten die Römer einen wiewol blutigẽ Sieg; dessen sie sich wenig zu erfreuen / weniger aber zu rühmen hatten. Catugnats[957] Sohn blieb selbst todt; Er aber und der Vocion schwamen mit etwan hundert Edelleuten durch den Fluß Araris / und entkamen mit genauer Noth in die Stadt Genf / an den Lemanischen See und der Helvetier Gräntze. Die grosse Niederlage und der gemeine Ruff: Es wäre der Hertzog in der Schlacht umkommen / verursachte: daß die übrigen Allobroger die Waffen niederlegten / alle Festungen den Römern einräumten / und Catugnat zu den Helvetiern sich flüchten muste. Herentgegen erliedt Cajus Antonius von den Skordiskischen Deutschen in Thracien; welche nebst denen Bastarnischen Deutschen noch immer mit des Mithridates Söhnen wieder die Römer ihr Verständniß unterhielten / und in Macedonien Beute holeten / eine ansehnliche Niederlage.

Diese Erzehlung des Fürsten Adgandesters ward nicht nur durch die zu Golde gehende Sonne; sondern auch durch die Ankunfft eines Edelmannes unterbrochen; Der dem Fürsten Adgandester Nachricht brachte: daß wegen der beyden Cattischen Hertzoginnen /Erdmuth und Rhamis von der eilfertigen Reise empfundener Ungemächligkeit der Einzug biß über den andern Tag verschoben; Gleichwol aber die Gräfin von der Lippe / der Fürstin Thußnelde Hofmeisterin mit ankommen wäre / um von Seiten ihre die gehörige Anstalt des Beylagers zu machen. Adgandester war hierüber erfreuet; und vermeldete alsobald: daß diese Tugendhaffte Frau / welcher kein Geheimnüß von der Fürstin Thußnelde verborgen / und ein wahres Ebenbild der selbst-ständigen Dienstfertigkeit wäre / ihn einer grossen Bürde versprochener Erzehlung überheben würde. Malovend fiel ihm ein: So werde ich meine Unfähigkeit auch vieler Fehler entziehen; Er aber / nach dem ich gleich die Händel / die die Deutschen außerhalb ihrer Gräntzen mit den Römern eigentlich gehabt / beschlossen; die ihm Haar-klein bekanten Begebnüße umständlich fürzutragen wissen /wie nehmlich der für Ehrsucht in dem Gadischen Tempel des Hercules bey dem Bilde des grossen Alexanders bittere Thränen vergissende Julius Cäsar aus einem Traume / darinnen er seine Mutter zu beschlaffen sich bedüncken ließ / ihm die Herrschafft der Welt; und / weil sein gespaltene Klauen habendes Pferd niemanden als ihn aufsitzen ließ / Alexander gleiche zu werden habe träumen lassen; und zu dem Ende in das Hertze Galliens / über den Rhein in Deutschland / ja über das Meer in Britannien eingebrochen / sein Nachfolger August auch seinen Fußstapffen nachgefolgt sey. Die Gräfin von der Lippe aber wird ihr selbst für ein Glück achten / dieser hochansehnlichen Versamlung durch Abmahlung der finsteren Liebes-Wolcken zwischen dem Feldherrn! Herrmann und der Heldin Thusnelde den Sonnenschein des nahen Hochzeit-Feyers desto annehmlicher zu machen. Bey diesen Reden kam die Gräfin selbst zur Stelle; mit welcher sich alle Anwesenden auffs höflichste bewillkö ten; und nach dem sie ins gesa t die Abend-Tafel durch hunderterley annehmliche Gespräche abgekürtzt hatten / von ihr selbst die Vertröstung einer umständlichen Ausführung ihrer Zufälle /zugleich aber diese nachdenckliche Erinnerung bekamen: daß ob wol die Welt selten auf die / welche in der Rennebahn der Tugend schwitzten / acht hätten /dennoch die Sternen endlich selbst gegen dieselben ihre Augen aufsperreten; welche nunmehr den einen Fuß auf den verlangten Zweck setzten. Sie wisse die Freude ihres Hertzens nicht vollkommen auszuschütten: daß sie die Tugend und Liebe des Fürsten Herrmanns / und der nichts minder hertzhafft- als keuschen Thusnelde auff einmahl mit Lorbern und Myrthen herrlich gekräntzt sehe; und wie alle ihre Neider nunmehr erkennen müsten: Es sey alberer an gerechtem Ausschlage der göttlichen Versehung zweiffeln; als von der Sonne Zeugniß ihres Lichtes fordern.

Quelle:
Daniel Caspar von Lohenstein: Großmütiger Feldherr Arminius, Erster Theil, Leipzig 1689, S. 730-958.
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