Das Vierdte Buch.

[335] Das Schimmer der schläfrigen Morgenröthe hatte noch nicht den Schatten der Nacht vertrieben / noch die aufgehende Sonne die Gestirne gar verdüstert / als die vielfache Sorgsfalt schon dem Hofe den Schlaf aus den Augen gestrichen; insonderheit aber die Liebe in unterschiedenen Gemüthern alle Grmüths-Regungen ausgelescht hatte. Fürnehmlich aber machte die Begierde der Königin Erato und den Fürsten Zeno wache / umb ihre beyderseits überstandene Zufälle zu vernehmen. Thusnelde und Ismene / wie auch die Cattische Hertzogin und Fräulein wurden auf dieser Anleitung nach Erfahrung solcher Ebentheuer gleichfalls lüstern; Weswegen sie sä tlich mit Saloninen sich in den eine Stunde von der Hertzoglichen Burg gelegenen Lust-Garten verfügten / umb in ihren Erzehlungen von niemanden gestöret zu werden. Adgandester aber des Feldherrn obrister Staats-Rath brachte selbtem /[335] als er mit dem Hertzoge Jubil / Arpus / Sigismund /Melo / Rhemetalces / Malovend sich auf der Reit-Bahn befand / die Nachricht: daß zu Folge seines Befehls die fürnehmsten Stücke des dem Drusus zu Ehren in der Festung Alison aufgebauten / von den Deutschen aber abgebrochenen Heiligthum zu dem Tansanischen Tempel geführt worden wären. Dieses veranlaßte sie insgesa t sich dahin zu verfügen / den Feldherrn zwar / daß er darmit die bey sich entschlossene Anstalt verfügte / die andern Fürsten aber der Vorwitz diß berühmte Gedächtnüß-Mahl eines in der Welt so beruffenen Heldens zu sehen. Der oberste Priester Libys bewillko te beym Eingange des Thales diese Fürsten mit gewöhnlicher Ehrerbietung / führte sie hierauf zu dem Tempel / für welchem die Drusischen Denckmale niedergesetzt standen. Es waren die vier Haupt-Flüsse / die Donau / der Rhein / die Elbe und die Weser aus Marmel künstlich gehauen / über denen das Bildnüß des Drusus aus Ertzt mehr als in Lebens-Grösse gegossen stand. Sie lehnten sich mit den lincken Armen auf grosse Wasser-Gefässe / daraus ihre Ströme geschossen kamen; mit der rechten Hand aber reichte die Donau dem Drusus einen Myrten-Krantz empor / in dessen inwendigem Kreisse eingegraben war: Dem Bezwinger der Aufrührer. Der Rhein langte ihm einen Krantz aus Eichen-Laube /mit der Umbschrifft: Dem Erhalter der Bürger. Die Weser einen Lorber-Krantz / mit denen Worten: Dem Uberwinder der Feinde. Die Elbe einen Krantz aus Oel-Zweigen / mit dem Beysatze: Nach verjagtem Feinde. Des Drusus Bild hatte eine dreyfache vergüldete Krone / darinnen ein Mauer- ein Läger- und Schiff-Krantz artlich durcheinander geflochten war /auf dem Haupte / in welchen künstlich gepräget stand: Nach erstiegenen Mauern / nach erobertem Walle / nach dem Schiffs-Siege. Dieses Gedächtnüß-Mahl hatte mitten in dem achteckichten Heiligthume gestanden. Von seinem Altare aber war alles zermalmet / ausser denen silbernen Opfer-Gefässen /und einer silbernen Taffel / welche die förderste Seite des Altar-Fusses abgegeben hatte; in diese war mit erhobenen Buchstaben nachfolgende Uberschrifft gegossen:


Dieses Heiligthum

der Tugend und des Drusus Claudius /

beyder unzertrennlicher Geferten /

ist / auf Befehl des Kaisers / dessen Reich er erweiterte /

aus Andacht der Römer / die er wieder in Freyheit zu setzen trachtete /

mit den Händen der Feinde / derer Gemüther er ehe /als ihre Hälse fesselte /

in Deutschland aufgerichtet.

Die Donau betet ihn an /

Weil er die rauhen Vindelicher / die unwirthbaren Rheten / die kühnen Pannonier

gezähmet /

Der Rhein fürchtet ihn /

weil er seine Ausflüsse dreyhörnricht gemacht /

seine niedrige Ufer mit Tämmen umbschrencket /

seinen Nachbarn durch funfzig Festungen einen Kapzaum angelegt.[336]

Die Weser verehret ihn /

die er unter den Römern am ersten überschritten /

und allhier zwischen ihr festen Fuß gesetzt.

Die Elbe bewillkommet ihn /

weil sie für ihm keinen Römer gesehen hat.

Das Nord-Meer verwundert sich über ihm;

weil er auf selbtem die ersten Römischen Flacken aufgesteckt.

Seiner Tapfferkeit schafften weder

die Feinde mit ihren Waffen /

die Gebürge mit ihren Klippen /

die Flüsse mit ihren Strömen /

die Lufft mit Gespenstern /

noch die Träume mit ihren Schrecknüssen

einige Hindernüß.

Ja die Natur war nicht nur zu schwach ihm irgendswo einen Rügel fürzuschieben /

sondern er selbst änderte die Gräntz-Mahle der Natur;

in dem er den Rhein mit der Isel vermählte /

in Deutschland neue Eylande machte /

den Nachkommen aber den Weg zeigete /

durch Zusammenschneidung der Arar und Mosel /

das grosse Welt-Meer mit dem Mittelländischen zu vereinbarn.

Seine Gestalt bezauberte die Hertzen der Anschauer /

seine Tugend gewan die Gewogenheit des Himmels /

welche von nichts als seiner Sanfftmuth übertroffen ward.

Denn / ob er zwar wie der Blitz alles ihm widerstrebende zermalmete /

so versehrte er doch nichts / was sich demüthigte.

Ob er schon die Sicambrer durchs Schwerd / die Usipeter durch Feuer verheerte /

so nahm er doch die Schwaben freundlich auf /

Er riß den Cheruskern die Palmen aus den Händen /

wormit er den Friesen Oelzweige einhändigte.

Er vergnügte sich an dieser gezinßten Ochsenhäuten /

und versorgte die Schwaben mit einem tauglichen Könige.

Seine eigene Feinde netzten seine Asche mit Thränen

weil niemand bey seinem Leben über ihn hatte weinen dörffen.

Seine Wolthätigkeit hatte kein Maaß /

seine Großmüthigkeit kein Ziel;

Wenn die gütigen oder mißgünstigen Götter in weiblicher Gestalt /

mit der er auch unter den Sterblichen zu kämpffen verkleinerlich hielt /

selbtes an dem Ufer der Elbe /

nicht so wol seinen Wercken / als seinem Leben gesteckt hätten.

Dann /[337] nach dem er sich durch seine Thaten allzu

zeitlich vergöttert hatte /

verlangten die Götter seinen Geist unter ihrer Zahl zu haben /

der Ruhm sein Gedächtnüß bey der Nachwelt zu verewigen /

das Glücke sein Thun aus irrdischen Zufällen /

das Heil seinen Leib aus den Bandensterblicher Schwachheit zu reissen.

Das ewige Rom hob seine Todten-Asche in Gold auf.

Die Hülfen seines Leibes würdigten die Kriegs-Obersten auf ihren Achseln zu tragen /

Tiberius sie vom Rheine biß an die Tiber zu Fusse zu begleiten.

Das Römische Volck hätte sein Leid nicht zu mäßigen gewüst /

wenn nicht sein Geist seinen Sohn beseelet /

und am Germanicus der Welt eine neue Sonne aufgegangen wäre;

also sich iederman beschieden hätte:

daß zwey Drusus und zwey Sonnen einander nicht vertragen könten.

Diese allhier verächtlichrinnenden Flüsse

verehren nicht so wohl seinen Schatten auf diesem Opffer-Tische /

worzu die Adern des Hartz-Waldes ihr erstes Ertzt und Marmel gaben;

als sie durch diß Ehren-Mahl sich selbst der Welt

bekandt machen.

Denn die Tugend versetzt nicht nur die Helden /sondern auch die Flüsse unter die Gestirne.


Als diese gantze Versammlung alles nachdencklich durchlesen / und die Kunst dieser Denckmahle betrachtet / fing Hertzog Arpus an: Ich muß bekennen /daß die Erstlinge unserer Berg-Schätze in keine ungeschickte Hand gediegen; aber es hat nicht allein der Römische Hochmuth / sondern auch ihre Abgötterey der Hand den Griffel und das Polier-Eisen geführet /die diese Steine ausgehauen / und diese Buchstaben geetzt hat. Diesemnach bin ich begierig zu vernehmen / zu was Ende der Feldherr diese Stücke zum Tempel unserer Götter zu bringen erlaubet habe. Hertzog Herrmann begegnete ihm: Sein Absehn wäre diese Bilder im Eingange des Tanfanischen Tempels aufzurichten. Der Catten Hertzog versetzte: Er nehme des Feldherrn Erklärung für einen Schertz auf; sintemahl er nicht begreiffen könte / daß weder diese ruhmräthige Bilder ohne Verkleinerung der Deutschen Freyheit unzermalmet bleiben / noch ohne Beleidigung des Vaterlandes Schutz-Götter bey ihrem Heiligthume stehen könten. Der Feldherr antwortete: Es wäre sein angedeutetes Absehn sein rechter Ernst. Man müste wegen seines eigenen Vortheils der Tugend keine Kürtze thun. Drusus hätte durch seine Helden-Thaten verdient / daß ihn die Lebenden geliebt / die Nachkommen verehret hätten. Und er wolle eben deßwegen diese Denckmahle in die heilige Halle setzen / wormit die Deutschen daraus ein Beyspiel der Tugend / und eine Warnigung für innerlicher Zwytracht schöpffen möchten. Wie man wegen einer beliebten Person ihre Laster nicht lieben solte / also müste man wegen einer unangenehmen der Tugend nicht gram werden. Hertzog Arpus fing an: Er wäre in dem mit dem Feldherrn einig / daß man auch die Tugend am Feinde hoch schätzen / und als ein Bild der Nachfolge anschauen solte; Er tadelte auch nicht / daß man in Siegs-Geprängen / oder auch in Leichbegängnüssen die Bilder der überwundenen Völcker trüge / und dem Sieger zu Ehren aufstellete; aber dem könte er nicht beystimmen[338] / daß man die zu sein und seines Volckes Schande aufgerichtete Gedächtnüß-Mahle stehen lassen / und hierdurch diese Götzen der Ehrsucht verehren solte. Solche Bilder rückten mit ihrer stummen Zunge alle Augenblicke den Deutschen ihre Fehler für / und rissen ihnen täglich die Wunden auf / daß sie nimmermehr verheilen könten. Sie machten den Landes-Fürsten verächtlich / den Adel schwürig / das Volck furchtsam / und den Pöfel unbändig. Dieser Ursache halben / und wormit er durch Verdunckelung der Persischen Geschichte alleine der Griechen Helden-Thaten in Ansehn setzte / nicht aber aus einer wollüstigen Verleitung der Thais / habe der grosse Alexander mit der Persischen Haupt-Stadt alle ihre Ehrenmahle eingeäschert; der grosse Pompejus des Mithridates güldene Wagen / des Pharnaces und anderer Pontischer Könige Bilder / Augustus der Ptolomeer Säulen aus den Augen selbiger Völcker gethan / und zu Rom in Schmeltz-Ofen geworffen. Uber diß wäre die Aufrichtung solcher Säulen bey denen / die solches thäten /ein Aberglaube / die es aber verstatteten / ein unerträglicher Ehr-Geitz. Denn so schändlich es einem Buhler wäre / sich mit der Magd seiner Braut gemein machen / so unanständig wäre es auch / wenn man seine Liebe nur halb der Tugend / halb ihrer Magd /nehmlich der eiteln Ehre / zutheilte. Ja weil diese Verehrung allein den Göttern keinem sterblichen Menschen zukäme / massen auch die allerersten zu Rhodis den Göttern wären gewiedmet / und vom Cadmus bey den Griechen in die Tempel gesetzt worden; hätte Gott an vielen / theils durch ihre Zermalmung seinen Zorn ausgeübet / theils selbte zu Merckmahlen irrdischen Unbestandes und Andeutungen hi lischer Rache gebrauchet. Die Säule des Hiero wäre eben den Tag herunter gefallen / als er zu Syracuse umkommen. Aus des Spartanischen Hiero Bilde wären beyde Augen gefallen / als er kurtz hierauf bey Leuctra ins Graß gebissen. Die vom Lysander erhobenen Sterne wären vergangen / und das Antlitz seines Marmel-Bil des mit wildem Kräutichte überwachsen / ehe er mit dem gantzen Atheniensischen Heere von den Lacedemoniern erschlagen worden. Gleichergestalt wäre diese unmäßige Ehre offt der Ehrsucht zu einer Schiffbruche-Klippe und zur Ursache eines gemeinen Auffstandes worden. Als des Britannischen Königs Hippon Stadthalter der Hertzog Bala / nach erhaltenem Siege wider die Menapier / Eburoner / Moriner / Advaticher und Nervier / sein Bildnüß / das zweyen den Adel und das Volck bedeutenden Bildern auff dem Halse stand / aus Ertzt hätte aufrichten lassen / hätte er selbige schon gefässelte Völcker zu einem verzweiffelten Abfall / seinen König um so viel Länder /sich um die Gnade des Königs / und in Verachtung des Hoffes bracht. Das Bild wäre selbst wieder abgebrochen / und die unzeitige Ehre in Schimpfverwandelt worden. Zuweilen hätten auch diese Säulen einen Drittern den Hals gekostet. Dionysius habe den Antiphon lassen hinrichten / weil er gesagt / diß wäre das beste Ertzt / woraus der zweyen Tyrannen-Vertreiber des Harmodius und Aristogitons Säulen gegossen wären. Hingegen wäre Cato zu loben / daß er für eine grössere Ehre geschätzt hätte / wenn man seinetwegen gefragt: warum er kein / als weßwegen er ein Ehren-Bild hätte? Und Mecänas habe nichts weniger dem Käyser klüglich gerathen: Er solte ihme durch Wohlthaten unsichtbare Säulen in die Hertzen der Men schen / keine Gold- oder silberne aber in Rom aufsetzen; als Augustus nicht allein die ihm anderwerts aus Silber gegossene Bilder zerschmeltzet / und dem Apollo Dreyfüsse daraus gefertigt / sondern auch anderer abergläubige Heucheley mehrmahls verlacht habe. Denn als einsmahls die Stadt Tarragon ihm durch eine Gesandschafft zu wissen[339] gemacht / daß auf einem dem Käyser zu Ehren angerichteten Altare ein Palmbaum auffgeschossen wäre; hätte er so wohl ihren Aberglauben / als diß Wunderwerk / welches ein alberer Fürst vielleicht in der gantzen Welt hätte ausruffen lassen / verlachet; in dem er den Abgeschickten nichts anders geantwortet / als / er sehe wohl / daß sie ihm auf seinem Altare wenig Opffer verbrenneten. Und da ja auch Menschen durch ihre Tugenden solche Ehre verdienten; so wäre doch solche nicht den Feinden / am wenigsten aber von den Deutschen einzuräumen. Ein Serischer König eines neuen Stammes habe seinem Geschlechte für verkleinerlich geschätzt / wenn die Nachwelt etwas älters /als von seinen Thaten wissen solte / und daher alle Bücher verbrennt; Wie möchten denn sie Deutschen ohne Spott ihrer Feinde Bilder gantz lassen? Die weder dem Tuisco noch dem Mann ihren eigenen Uhrhebern einiges gemacht / ja nicht gerne solche den Göttern zu fertigen erlaubten; sondern ihre Helden mit nichts / als einem Liede verehreten. Der Feldherr hörte den Catten-Hertzog gedultig aus / setzte ihm aber entgegen: Es wäre seine Meinung nie gewest den Ehren-Säulen das Wort zu reden / welche vom Aberglauben oder Heucheley Unwürdigen aufgerichtet würden. Er verlache die Abgötterey der Griechen / die der Phryne Bild in den Delphischen Tempel gesetzt; der Alexandriner / die der schönen Sclavin Balestia Tempel gebauet / des Cäcilius Metellus / der der unzüchtigen Flora Bildnüß in dem Heiligthume des Castors aufgestürtzt; insonderheit aber des grossen Alexanders / der der Pythionice / welche drey mahl eine leibeigene Magd / und eine Hure gewest / ein prächtiges Grabmahl zu Babylon / der unkeuschen Glicera zu Tharsus eine ertztene Säule / ihm aber selbst und den Seinigen kein Gedächtnüß aufgerichtet hat. Auch hätten die Säulen der Boßhafften / oder die die Ehrsucht ihr selbst und zu anderer Verkleinerung aufgesetzt / so wenig Bestand / so wenig das Laster durch einen angeschmierten Firnß zur Tugend werden / oder Eigen-Ruhm zu seiner Vergrösserung ausschlagen könte. Des Demetrius Phalereus 360. Säulen hätten die Ehre nicht gehabt / daß sie der Schimmel verstellt oder der Rost gefressen hätte; denn sie wären alle noch bey seinen Lebzeiten abgebrochen und in stinckende Schachte geworffen worden. Des Demas ertztene Bilder hätte man zu Nacht-Scherben umgegossen. Hingegen hielte er in allewege wohlverdiente Ehren-Säulen für eine herrliche Belohnung; ja für einen Saamen der Tugend / welche man zugleich ausrottete / wenn man ihr allen Preiß entzöge. Dieser wäre weder Frembden zu entziehen / noch diese Beehrungs-Art für einen Greuel der Götter zu schelten. Alexander hätte dem Aristonicus / einem nach tapfferm Gefechte in der Schlacht umbgekommenem Cytherschläger eine Säule aufzusetzen kein Bedencken gehabt. Ja der heilige Numa wäre von den Göttern dem weisen Pythagoras und dem tapffern Alcibiades zwey Säulen in Rom aufzurichten befehlicht worden. Ja es diente zu einer Vertheidigung seines itzigen Beginnens / daß die Römer ihres geschwornen Ertz-Feindes Hannibals Bild an dreyen Orten ihrer Stadt aufgerichtet hätten. Vielen hätten solche Ehren-Bilder den Trieb der Tugend eingepflantzt / den ihnen weder das Geblüte ihrer Eltern / noch der Fleiß ihrer Lehrmeister einflössen können. Dem Theseus hätten die Tempel des Hercules / dem Themistocles die Säulen des Miltiades den Schlaff verstört und zu Helden-Thaten angefrischet. Denn weil das Beyspiel frembder Ehre die Nahrung und der Zunder der eiversüchtigen Tugend ist / werde ein feuriger Hengst von dem[340] Schall der Trompeten nicht so sehr zu der Schlacht als ein edles Gemüthe durch frembden Ruhm aufgemuntert. Sintemahl wie der Himmel grosse Helden in ihrem Leben dem Vaterlande zu Mauern / nach ihrem Tode aber zu einem allgemeinen Spiegel des Adels und einem Muster ihrer Lebens-Art bestimmet; also läst ein edler Geist sich nicht beruhigen / wenn er in ihre Fußstapffen tritt / sondern er brennet für Begierde es ihnen noch vorzuthun. Der in dem Grabe schlaffende / ja wol längst vermoderte Achilles weckte den grossen Alexander alle Nacht auf / daß / wie er / dem mütterlichen Geschlechte nach / von ihm entsprossen war; also er ihn in Thaten übertreffen möchte. Er sahe sein Bildnüß keinmahl / daß ihm nicht Thränen aus den Augen fielen; nicht so wohl Achillens Sterbligkeit / als seine eigene Langsamkeit zu beweinen / daß er nicht schon berühmter als jener wäre. Wiewohl an ihm scheltbar bleibt / daß er auch an Grausamkeit ihm überlegen seyn wolte; als er an statt des todten Hectors den lebendigen Betis umb die Stadt Gatza schleiffte. Was nun Achilles dem Alexander war / war dieser dem Käyser Julius. Denn weil jener die Morgenländer bezwungen / wolte dieser der streitbaren Abend-Welt Meister werden; also: daß / da er ihn nicht übertroffen / doch zweiffelhafft gelassen / ob der grosse Alexander nicht kleiner als Julius gewesen sey. Käyser August hätte zwar anfangs mit einem Sphynx gesiegelt / von guter Zeit aber brauchte er nur das Bild des grossen Alexanders / nicht so wohl / daß selbtes ihm Glücke zuziehen / als eine Aufmunterung zu großmüthigen Entschlüssungen abgeben solte. Er selbst müste betheuren / daß Marcomirs seines Anherrns Schatten ihm als ein Gespenste offt für dem Gesichte umirrete; ja daß die Tugend seiner Feinde ihm täglich neue Fürbilder auffstellete. Dahero er auch diese zu stürmen für ein Merckmahl eigener Schwachheit hielte. Rom hätte die Ehren-Säule des hoffärtigen Tarqvinius auch / nach dem man ihn als einen Feind des Vaterlands verjagt / nicht nur im Capitol stehen lassen / sondern so gar des Uhrhebers ihrer Freyheit des Brutus darneben gestellt. Als etliche Römer hätten des Philopemenes Siegs-Bilder in Griechenland abbrechen wollen / weil er ihr Feind gewest wäre / und so wol dem Qvinctius als Attilius grossen Abbruch gethan hatte / wäre es von dem großmüthigen Mumius verwehret worden; und der /welcher sich auff die Kunst und Kostbarkeit der Corinthischen Ertz-Bilder nicht verstanden / hätte doch sie als Merckmahle der Tugend zu schätzen gewüst. Ja er hätte es für verantwortlicher gehalten / die Haupt-Stadt Achajens / die Zierde Griechenlands / die Schatz-Grube aller Köstligkeiten und die Gebieterin zweyer Meere einzuäschern / als eines hertzhafften Feindes Bildnüß zu beschimpffen. Käyser Julius hätte die Gallier geliebt / daß sie seines Feindes des Brutus Bild auch nach seinem Tode in Ehren gehalten hätten. Diese Beehrung gereichte auch nicht allein dem Verehrer zu Lobe / sondern auch zum Vortheil. Also hätte Julius mit Auffrichtung der vom Pöfel herabgestürtzten Bilder des Sylla und Pompejus seine eigene befestigt. Endlich verliere das Crystall bey uns nicht seinen Werth / daß es aus den steilesten Klippen gehauen würde; Die rauen Schalen benähmen denen Diamanten / die ungestalten Muscheln den Perlen nichts von ihrem Preiße. Wir kauffen die Rhabarbar von denen wildesten Scythen / Ambra / Musch und andere Kostbarkeiten von den Menschen-Fressern. Also könte er nicht begreiffen / warum die Tugend sie anstincken solte / weil sie nicht auff eigenem Miste gewachsen wäre? Der Purper der Rosen behielte[341] seinen Glantz und Geruch auf den dörnrichtsten Stöcken / die Tugend unter den ungeheuersten Völckern / und bey den grimmigsten Feinden. Als der Feldherr seine Rede beschloß / schienen die Anwesenden meist seiner Meinung beyzufallen. Denn grosser Fürsten Worte sind eitel Urthel / und haben das Gewichte des Goldes. Dahero überwiegen sie auch die Meinungen der beruffensten Weltweisen. Welches hier so viel leichter sich ereignete / weil Hertzog Herrmann mit so guten Gründen diß behauptete / was die meisten Völcker fürlängst mit ihrem Beyspiele gebillicht hatten. Sintemahl auch sonst der Fürsten Irrthümer gar leichte Beyfall kriegen; weil man insgemein den Mantel nach dem Winde richtet / und nicht so wol mit den Fürsten als mit ihrem Glücke redet / um sich durch Beyfall beliebt zu machen. Der tapffere und kluge Hertzog der Catten / welcher wol verstand / daß ein hartnäckichtes Widersprechen eines andern Urtheil verkleinerte / also verdrüßlich wäre / und man dahero nichts minder eigenes als frembdes Widersprechen verhüten solte / fand sich gleichfalls drein. Diesem folgte der oberste Priester Libys / welcher sich gegen dem Fürsten bückte / und nach dem er Uhrlaub etwas fürzubringen gebeten hatte / anfing: Er hielte es in allewege mit dem großmüthigen Ausschlage des Feldherrn. Die Natur hätte zwar nach dem Unterschiede der Länder die Eigenschafften der Geschöpffe und der menschlichen Leiber; die Gewohnheit auch ihre Sitten unterschieden; aber die Tugend wäre nicht anders als die Sonne überall einerley und zu verehren würdig. Er hätte deßhalben bey Durchreisung Indiens selbige Einwohner gepriesen / daß sie des grossen Alexanders Siegs-Bogen nicht beleidigt hätten / sondern noch verehrten. Jedoch hätte er darbey zu erinnern / daß der Mißbrauch die den Helden gebührende Ehre bey den meisten Völckern sehr verunreinigt / und also auch der Aberglaube dieses Denckmahl des Drusus befleckt hätte. So lange die Griechen die Nahmen ihrer Helden in der Minerva Schleyer gestückt / die Römer ihre in den Saliarischen Liedern besungen hätten; wäre denen über den Pöfel sich schwingenden Geistern ihre anständige Ausrichtung geschehen. Die Vergötterung aber der Todten / und da ihnen die Römer träumen liessen / daß die Adler der Käyser die Pfauen der Käyserinnen Seelen von den Holtzstössen in den Himmel trügen / daß der Julius in ein Gestirne verwandelt worden wäre / daß man sie nach ihrem Absterben / ja den Augustus noch bey Lebzeiten mit Tempel und Opffer-Tischen verehren müste / wäre zwar ein Geheimnüß der Staats-Klugheit / um die Fürsten für aller Beleidigung so viel mehr zu versorgen; aber eine Erfindung der Ehrsucht / und fürnehmlich derer / welche hernach selbst vergöttert zu werden verlangten / also ein irrdischer Gottesdienst und eine lächerliche Andacht. Der Fürst Rhemetalces fiel dem Priester ein: wie die Laster einen Menschen derogestalt verstelleten / daß er / wo nicht gar zum Vieh /doch Halb-Vieh Halb-Mensch wurde; also würde man durch die Tugend wo nicht gar / doch zum theil vergöttert. Deßhalben gläube er / daß Zoroaster / Plato und andere tiefsinnige Weisen durch die der menschlichen Seele zugeeigneten Flügel / welche sie aus den Gestirnen herab und wieder hinauf führten / anders nichts als die Tugend und die Krafft ihrer Vergötterung verstanden hätten. Zumal da sie ausdrücklich lehrten: es büste die Seele solche Flügel durch Wollust ein. Seine Meinung bestärckte das Alterthum der Vorwelt und die Einstimmung der Völcker. Die Egyptier eigneten den Seelen die Sternen zur Wohnung und ein göttliches Wesen zu; weßwegen ihre Pyramiden auch nichts / als ihren Helden zu Ehren gebauete Altäre wären. Die Scythen hätten ihren Toxaris / die Carthaginenser ihren sich in das Opffer-Feuer stürtzenden Amilcar und die sich[342] verscharrenden Philenischen Brüder / die Salaminier den Ajax / die von Egina den Eacus göttlich verehrt. Athen habe dem Cecrops / dem Theseus / dem Menestheus und Codrus / die Spartaner dem Hyacinthus / dem Agamemnon /dem Menelaus / die Arcadier dem Epaminondas / die Archiver dem Perseus / die von Delphis dem Neoptolomeus / die Chersoniter dem Miltiades / die von Levce dem Achilles Tempel und Altäre gebauet. Wer hätte nicht in frischem Gedächtnüsse / daß Juba bey den Mohren / Selevcus bey den Syrern / Disares bey den Arabern / Philippus und Alexander bey den Macedoniern / Romulus zu Rom / und Belecus von den benachbarten Norichern als Götter angeruffen würden. Ja den Deutschen würde nachgesagt / daß sie den Tuisco und den Mann göttlich verehrten. Zu dem hätten viel Völcker diese Verehrung weder in das männliche Geschlechte noch allein auff Helden eingeschrenckt; ja auch frembder Tugend selbte nicht mißgegönnt. Carthago erkennte die Dido / Babylon die Semiramis / Phasis Medeen / Memphis Arsinoen /Sparta Helenen / Athen Erigonen / Rom die Acca Laurentia und Deutschland die Herta und die noch-le bende Aurinien für eine Göttin. Uberdiß wären nicht allein die sich fürs Vaterland aufopffernden Töchter des Erechtheus zu Athen / und die neun Musen vom Leßbischen Könige Macaris vergöttert; sondern es hätten die Zinser auch dem Homerus weisse Ziegen geopffert / die Metapontier den Pythagoras angebetet /die von Stagira dem Aristoteles ein Fest gefeyret; die Indier rufften ihren Lehrmeister Cambadaxi / und seine Thracier den Getischen Gesetzgeber Zamolxis an / daß er nach dem Tode ihre Seele aufnehmen wolle. Dem Paris stehe weder sein feindliches Vaterland / noch sein Raub im Wege / daß er nicht von den Laconiern für einen Gott gehalten würde. Die Macedonier hätten dem Eneas / die Umbrier dem Diomedes / die Rhodier dem Kleptolemus kostbare Heiligthümer aufgerichtet. Des Ulysses Altar solle in Britannien / ja auch am Rheinstrome zu sehen / und von seinem Vater Laertus eine Uberschrifft daran zu lesen seyn; ja er selbst habe so wohl auf des itzigen Käysers / als des grossen Alexanders Altären am Boristhenes opffern gesehen. Also würden die Deutschen so wenig alle dem Drusus noch auch andern Römern aufgerichtete Opffer-Tische zu zerstören / als diese Meinung von der Vergötterung der gantzen Welt auszureden mächtig seyn.

Der Priester begegnete dem Thracischen Fürsten mit einer demüthigen Annehmligkeit / beydes letztere wäre zu bejammern. Der Aberglaube hätte gemacht /daß man drey und vierzig Hercules / drey hundert Jupiter und zusammen dreißig tausend Götter zählte /und so gar unbeseelte Sachen / als die Cappadocier das Messer / wormit Iphigenia solle geopffert worden seyn / die Spartaner die Schale von dem vermeinten Ey der Leda / Rom die Ancilischen Schilde / die Indianer einen Affen-Zahn für göttlich verehrten. Alleine alles diß wäre so wenig / als die Vielheit der Irrenden für einen Grundstein der Warheit zu legen. Die menschliche Seele habe von dem Brunn aller Dinge dem einigen und ewigen Gotte zwar den Schatz der Unsterbligkeit / aber kein göttliches Wesen bekommen. Dieses sey unversehrlich / unverderblich und unveränderlich / und von dem Wesen der Seele so weit /als die Sonne von einem Feuer-Funcken / als das Meer von einem Tropffen Wasser unterschieden. Die Seele besudelte sich mit vielen Lastern / und sey in dem zerbrechlichen Geschirre des Leibes vielerley Leiden unterworffen / auch als ein unvollkommeneres Geschöpffe von dem vollkommenen Schöpffer gantz zweyerley. Diesemnach könne auch der göttliche[343] Dienst auff keinen sterblichen Menschen noch seine sterbliche Seele / die GOTT ihre Tauerung zu dancken habe / ohne eine dem unendlichen Wesen zuwachsende Verkleinerung / so wenig / als die Verehrung eines Königs auff seinen Knecht / erniedrigt / ja aus einem Menschen weniger ein GOtt / als aus einem unvernünfftigen Thiere ein Mensch / gemacht werden. Zu dem wären die Wohlthaten der Menschen / welche etwa ein Volck gepflantzt / eine Stadt erbauet / das Vaterland beschirmet / die Weißheit gelehret / eine nützliche Kunst erfunden / gegen die unermäßliche Güte des Schöpffers und des Erhalters aller Dinge /nicht als ein Strohhalm gegen das grosse Welt-Gebäue / zu rechnen. Auch vernehmen die herrlichsten Seelen / sie hätten gleich / nach des Plato Meinung /ihren Sitz / bey den Gestirnen / oder / nach der Stoischen Schule / beym Monden / oder / wie Arius wolte / in der Lufft / oder / nach des Pythagoras Glauben /in andern Leibern / so wenig die ihnen zugeschickte Anruffungen; sie rüchen so wenig den angezündeten Weyrauch / sie sehen so wenig die brennenden Opffer; als in ihrer Gewalt stünde den Flehenden zu helffen / die Befleckten zu reinigen / die Boßhafften zu straffen. Diesemnach / wie Gottes unverneinliche Eigenschafft wäre / die Ewigkeit ohne Uhrsprung und Unermäßligkeit / welche seinen Mittel-Punct allenthalben / seinen eusersten Zirckel aber nirgends habe /also folge: daß so wenig zwey Ewigkeiten und Unermäßligkeiten neben einander stehen / und in eine / den ermäßlichen Dingen allein anständige / Zahl und Zeit verfallen; so wenig auch mehr als ein GOtt seyn /noch in der Zeit und den engen Schrancken der Welt eine neue Gottheit entspringen könte. Dieses wäre der älteste und deßhalben auch der wahrhafftigste Glaube der ersten Welt; Und ob schon Unverstand und Boßheit solchen hernach abscheulich verfälscht hätte /wäre doch dieser Strahl auch in der ärgsten Finsternüß der abergläubischen Zeiten nicht gantz verdüstert worden. Denn es hätte nicht nur Pythagoras einen GOtt / als einen unumbschrencklichen Geist / Parmenides ein einiges unbewegliches und unbegreiffliches Wesen / Zoroaster ein einiges Feuer / welches alles gezeuget hätte / Antisthenes einen einigen natürlichen GOtt / sondern auch so gar diß gelehret / daß wie die Natur und alles Geschöpffe nicht so wohl ein Fürhang / der das göttliche Wesen verstecke / als ein heller Spiegel wäre / in dem die sonst blinde Welt schauen könte / es sey wahrhafftig ein GOtt / es sey iedwedes Geschöpffe ein Zeugnüß von GOtt / wie der Schatten ein Merckmahl eines verhandenen Leibes; die Sonne mahle diß mit ihren Strahlen / der Mensch mit seiner Vernunfft / die Erde mit ihrer Fruchtbarkeit / der Himmel mit seiner Würckung / die gantze Natur mit ihrer Ordnung / als klaren Pinseln / denen / die nicht sehen / sondern nur fühlen / deutlich fürs Gesichte; also auch durch das Licht der Natur bey so unauffhörlicher Eintracht so vieler tausend unterschiedener ja widriger Dinge / und da nicht eine Feder eines Sperlings / ein Blatt einer Eyche / eine Schupffe eines gewissen Fisches / mit einer andern Art / durch Gleichheit vermischet würde / erhärtet werden könte: es sey mehr nicht als ein einiger GOtt / der alles einstimmig ordne / schaffe und erhalte. Wiewohl nun diß / was die Sterblichen in dem Glauben eines Gottes hätte bestärcken sollen / so / wie die Unerschöpfligkeit der Brunnen / die gleiche Unaufhörligkeit der Flüsse uns überwiese / daß das Meer alles dessen einiger Uhrsprung sey; gleichwohl albere Menschen nicht begreiffen könten / wie so viel Dinge möglich von einem Uhrsprunge herrühren / und das grosse Last-Schiff der weiten Welt von[344] einem Steuer-Manne geleitet werden könte / also aus der Vielheit der Würckungen auf die Menge der Ursachen einen Schluß gemacht / den Werckzeug für den Meister angesehen; so wäre erfolget / daß die Sonne / der Himmel / die Gestirne / die Lufft / das Feuer / das Wasser / ja alle Wolthaten Gottes / als die Eintracht / die Liebe / der Sieg / die Freyheit / gleichsam als absondere Götter verehret worden. Nichts desto weniger hätten nicht allein dieselbten / welche weiter als der albere Pöfel gesehen / wohl wahrgenommen / daß alle diese Umbkreisse mehr nicht als einen Mittel-Punct / so viel Bäche nur einen Brunn / und die Welt nur einen Gott hätte; sondern es hätten auch gantze Völcker die Erkäntnüß eines einigen Gottes behalten. Dieses würde bey den Juden am reinesten angetroffen / und die Egyptier zu Thebais hätten unter so viel abgöttischen Nachbarn ihren einigen Gott Kneph / den Schöpfer der Welt / behalten. Die Griechen / als sie unter so unzehlbaren göttlichen Nahmen so vieler Völcker gleichwohl nur ein Wesen verborgen zu seyn erblicket / dessen rechten Glantz aber unter so viel Nebel nicht recht erkiesen können / hätten dem unbekandten Gotte zu Athen / ja auch Augustus zu Rom ein Altar aufgebauet. Wiewohl er auch die / die Gott anfangs so vielerley Nahmen gegeben / ihn mit so vielerley Art des Gottes-Diensts verehret / nicht so wohl für Abgötter hielte / als des unvernünftigen Pöfels schlimmer Auslegung den Anfang des Aberglaubens beymässe. Worzu er die Mißgunst der ehrsüchtigen Priester rechnete / welche umb ihnen ein desto grösser Ansehen zu machen den Gottes-Dienst zu lauter Geheimnüssen machten / und hinter Retzel und tieffsinnige Sinnen-Bilder versteckten. Weshalben man in Egypten in allen Tempeln des Isis und Serapis / den Harpocrates oder Sigaleon finde / der mit zweyen auf den Mund gelegten Fingern die Heimligkeiten der Götter verschwiegen zu halten andeutete / und zu Rom hätte es den Valerius Soraus das Leben gekostet / daß von ihm ihr Schutz-Gott wäre ausgeschwätzt worden. Bey den Deutschen dürfte niemand den Wagen der Hertha / welcher mit einem Fürhange verdeckt ist / anrühren. Bey den Juden der Hohe-Priester allein in das innerste Heiligthum eingeben. Ja die Egyptischen und Serischen Priester gebrauchten sich in Göttlichen Dingen so gar einer absondern Sprache / und einer gantz andern Schreibens-Art; gleich als wenn die Priester nur den wahren Gott / die Könige nur die Natur / der Pöfel aber die vergötterten Menschen anzubeten würdig wären. Wie denn bey den Seren niemand als der König dem Himmel und der Erde opfern dörfte. Hinter diese Geheimnüsse wären gleichwohl von Zeit zu Zeit unterschiedene / theils durch Nachdenken / theils durch der Priester Offenbarungen kommen. Massen denn der grosse Alexander derer ein gantz Buch voll von den Egyptischen / Cyrenischen / Persischen und Indianischen Priestern heraus bracht / und an seine Mutter Olympia überschickt hätte. Und er wolte nicht so wohl Eigen-Ruhms als der Wahrheit wegen nicht verschweigen / daß wie der Aberglaube einerley Abgotte vielerley Nahmen zugeeignet / als unter der Ceres / Cybele / Minerva /Venus / Diana / Proserpina / Juno / Bellona / Hecate /Rhamnusia / Isis / Dago / Derceto / Astarte / den einigen Monden / unter dem Phöbus / Apollo / Mercurius / Osiris / Adargatis die einige Sonne verstanden hätte; also die nachdencklichen Priester aller Völcker / unter viel seltzamen Nahmen / als die Römer / unterm Jupiter / die Cyrener / unter dem Ammon / die in der Atlantischen Insel / unter dem Pachakamack und Usapu / die meisten aber / als die Juden / Epyptier / Seren /Indianer / Celtiberier und Deutschen / unter keinem Nahmen / den einigen Schöpfer der Welt für den wahren Gott erkenneten / dessen Nahmen auszudrücken weder einige Buchstaben / noch einiges Wort /[345] weniger einiges Bild zu finden wäre. Der berühmte Tempel zu Jerusalem / der zu Gades und das Heiligthum des Berges Carmel verwürffen alle Bildnüsse / weil das unsichtbare Wesen Gottes nur mit den Gemüths-Augen zu schauen / und die innerliche Furcht und Andacht die tieffste Ehrerbietung wäre. Oder da ja auch irgendswo der wahre Gott durch etwas fürgebildet würde / zielete solcher Entwurff bloß auf eine Wolthat / oder auf eine gewisse Offenbarung. Weswegen einsmals der berühmte Indianische Brachmann / Zarmar / der sich hernach in Anwesenheit des Käysers Augustus zu Athen lebendig verbrennet / seine Einfalt verlacht / und als er sich / bey verspürter tieffsinniger Weißheit / über die Vielheit ihrer Götzen und Götter verwundert / ihn unterrichtet hätte: Der grosse und einige Gott habe sich nicht nur durch die geringsten Geschöpfe / durch Kefer / Schnecken / Fliegen / Schlangen und Würmer offenbaret; sondern er sey auch selbst in allerhand Gestalten auf der Welt / hier so /dort anders / erschienen. Wie nun diese unterschiedene Erscheinung seine Gottheit nicht zergliederte /also geschehe diß noch weniger durch ihre Bilder und vielfache Verehrungen. Jedoch könte er disfalls desselben Weltweisen Meynung nicht beypflichten: daß Gott an dem vielfachen Unterschiede des Glaubens und des Gottes-Dienstes ein Gefallen trüge. Aus Beypflichtung dieser Einigkeit hiessen die Assyrischen Priester Gott anders nicht / als Adad / nemlich: Den Einigen. Ja in den Sybillinischen Büchern würde Griechenland / wegen Vielheit der Götter und ihrer vergötterten Menschen / stachlicht durchgezogen. Und ob schon die Ausländer von den Deutschen insgemein ausgäben / daß sie drey Götter / nemlich die Soñe / den Mond und das Feuer anbeteten; so läge doch / unter diesen dreyen Bildern / durch die sich Gott dem Mann / ihrem Uhr-Anherrn offenbaret hätte / ein heiliges Geheimnüß einer dreyfachen Einigkeit verborgen; welches zu ergrübeln dem menschlichen Geiste so unmöglich / als seine Augen in die Sonne zu schauen geschickt wären. Denn menschlich darvon zu reden / wie der Monde von der Sonnen sein Licht /das in den natürlichen Leibern aber befindliche Feuer von Sonn und Mond seinen Ursprung hätte / und alles diß auf gewisse Maaß dreyerley / und gleichwohl ein Wesen / und eines Alters wäre; also sey aus dem Göttlichen Wesen eine andere Person / aus beyden auch die dritte / iedoch von aller Ewigkeit her / entsprossen / und doch die Göttliche Einigkeit hier weder zergliedert noch vermehret worden. Auch wäre die Hertha bey den Deutschen keine absondere Göttin / sondern ein unsichtbares Sinnen-Bild der Gemeine /die diesen reinen Gottes-Dienst / welcher durch die weissen Ochsen bedeutet würde / in ihren Hertzen unbefleckt behielten. Die Aurinia aber wäre / so wol als andere Heldẽ bey dẽ Deutschen / zwar durch herrliche Gedächtnüß-Lieder verehret / kein Mensch aber bey ihnen iemals unter die Zahl der Götter gerechnet /weder einigem Könige damit geheuchelt worden. Denn ob ihnen wohl die Ausländer beymässen / daß sie ihren Mercurius / Mars / wie auch die Isis anbeteten / und daß sie diesen Gottes-Dienst von Frembden angenommen hätten / aus einem aufgerichteten Renn-Schiffe erzwingen wolten / er auch nicht läugnete /daß ein Theil der Deutschen in diesen Irrthum durch etliche Druiden versetzt worden wäre; so wohnte doch denen Verständigern eine viel andere Meynung und Auslegung dieser Sinnen-Bilder bey. Zudem hätten auch nebst ihnen viel Völcker die Vergötterung der Todten / darinnen die Griechen den Anfang gemacht /verdammet. Die Africaner / ausser den Augilen und Nasamonern / welche ihre Eltern anrufften / und auf diß / was ihnen bey ihren Gräbern träumete / grosse Stücke hielten / hätten sich dieser Abgötterey allezeit enthalten. Die Persen wären bey ihrer Sonne[346] blieben /biß sie auf Alexanders Befehl dem Hepyästion / und hernach ihm hätten Tempel bauen müssen. Diese Anruffung der Seelen wäre auch nur nach und nach / und aus einem Mißbrauche dessen / was Anfangs / zum blossen Gedächtnüsse der Todten und zum Trost der Uberlebenden / angezielt worden / entsprungen / und die Helden-Ehre zu einer Andacht / die Trauer-Mahle zu einem Opfer worden. Ja diese Andacht sey anfangs nur in einem Hause / bey der Blut-Freundschafft / und bey nächtlicher Fürsetzung Weyrauchs / Weines und Brodts / in die Gräber / verblieben / wormit sie die der Speise noch dürftige Seelen zu laben vermeynt; hernach aber habe die Ehrsucht der Lebenden die todten Könige in Gestirne verwandelt / und mit ihren neugebacknen Nahmen die für etlich tausend Jahren gestandenen hi lischen Zeichen verunehret / endlich sie gar zu grossen Göttern / und die letzte Begräbnüß-Pflicht zum Gottes-Dienste gemacht / wormit die Abgötter eines Gottes Söhne oder Brüder würden / ja sie auch wohl hierdurch aus dem rechten Gottes-Dienste ein Gespötte machten. Wie man denn wohl ehe denselbten / dem man giftige Schwämme zu essen gegeben / oder für einen Narren gehalten / vergöttert; Julius Proculus auch / daß er den Romulus in Göttlicher Gestalt gesehen habe / meyneidig getichtet hätte. Dieselben aber / welche sich besorgt / daß die klügere Nachwelt ihren Aberglauben verlachen würde / hätten selbten durch die Veränderung der Nahmen / in dem sie aus dem Romulus einen Quirin / aus Leden eine Nemesis / aus der Circe eine Marica / aus dem Serapis einen Osiris gemacht / zu vertuschen / oder ja seinen eigenen Ehrgeitz darmit zu verhüllen vermeynet /wie nechsthin Augustus / der nicht so wohl zu Liebe dem Romulus / als die Jahre seines glückseligen Alters zu bezeichnen / einen dem Quirin gewiedmeten Tempel / von sechs und siebentzig Säulen / aufgerichtet. Alleine die Thorheit werde durch keine Einbildung zur Weißheit / kein Irr-Licht durch Verblendung zur Sonne und kein Sterblicher durch Aberglauben zu einem Gotte.


Alle Anwesenden / insonderheit aber Rhemetalces /der bey denen seiner Einbildung nach wilden Deutschen / einen so vernünftigen Gottes-Dienst zu finden / ihm nicht hatte träumen lassen / hörten der anmuthigen und nachdencklichen Rede des Priesters / gleich als er ihnen lauter Weissagungen oder hi lische Geheimnüsse entdeckte / mit Verwunderung zu. Wormit aber des Thracischen Fürsten Einwurff nicht allzu unvernünftig schiene / redete er den Priester sehr ehrerbietig an: Er wäre / von Göttlichen Geheimnüssen zu urtheilen / allzu unvermögend; bescheidete sich auch /daß die Demuth und heilige Einfalt Gott annehmlicher / als eine vermässene Nachgrübelung wäre. Weswegen ihm iederzeit die Bescheidenheit des weisen Simonides gefallen hätte / welcher dem Könige Hieron /auf sein Begehren das Göttliche Wesen auszulegen /nach vielen Frist-Bittungen / endlich geantwortet hätte: Je länger er diesem Geheimnüsse nachdächte /ie mehr ereigneten sich Schwerigkeiten / etwas gewisses von Gott zu entdecken. Ja er glaubte: daß es Gott selbst nicht gefiele / wenn der menschliche Vorwitz ihn / nach dem irrdischen Mäß-Stabe der eitelen Vernunft / ausecken wolte. Denn Gott wäre freylich dißfalls der Sonne gleich / welche sich durch nichts anders / als ihr eigenes Licht / entdeckte / hingegen aber der Menschen Augen verblendete / welche sie gar zu eigen betrachten und ausholen wolten. Ja zwischen Gott und dem Menschen wäre ein viel entfernter Unterscheid / als zwischen dem grossen Auge der Welt /und der schielenden Nacht-Eule. Weswegen die Spartaner Zweifelsfrey aus rühmlicher Bescheidenheit dem verborgenen[347] Jupiter opferten / die zu Elis und zu Athen den unbekandten Gott anbeteten. Diesemnach hätte er weder das Hertze noch Vermögen einem so heiligen Priester zu widersprechen / sondern wolte mit dem armseligen Tiresias lieber gar nicht / als mit dem Athamas und Agave / welche ihre Feinde für Löwen und Tieger ansahen / Gott für was ansehen / was seinem Wesen und Eigenschafften unanständig wäre /auch daher nicht billigen / daß man der verstorbenen Helden Seelen den dem höchsten Gott schuldigen Anbetungs-Dienst zueignen / und den Hercules auff den Thron des Jupiters setzen solte. Aber / nachdem die Sonne Neben-Sonnen / dieses Auge der Welt den Monden / Augustus neben sich die Verehrung des Tiberius / ohne Verminderung ihrer Hoheit / vertrügen /hielte er dafür / daß die mindere Verehrung der Helden der höchsten Anruffung des unbegreifflichen Gottes keinen Abbruch thue / als welcher auch Menschen / die er geliebet / mehrmals hätte lassen die Sonne still stehen / die Sterne gehorsamen / und das Meer aus dem Wege treten. Libys lächelte und versetzte: Es liesse sich von menschlichem Unterschiede auf den Gottes-Dienst keinen Schluß machen. Der eingeworffene Verehrungs-Unterscheid käme ihm für / wie die Entschuldigung der geilen Julia / welche ihren Ehbrüchen diesen Firnß angestrichen / daß sie ihren Ehmann / den Agrippa / doch am hertzlichsten liebte /auch lauter ihm ähnliche / keine frembde Kinder gebähre / weil sie eher nicht / als nach völlig belastetem Schiffe / andere Wahren aufnehme / oder / nachdem sie schon schwanger / frembden Begierden willfahrte. Alleine diese umbschränckte Uppigkeit bliebe so wol eine Verletzung der Eh-Pflicht / als die Anruffung der so genanten Halb-Götter eine Abgötterey. Denn wo die Sonne der ewigen Gottheit schiene / müsten alle andere Sternen auch der ersten Grösse gar verschwinden. Sintemal doch die Sterblichen nur mit äusserlichen Gedächtnißmahlen / Gott aber allein mit dem innerlichen Opfer der Seelen zu verehren wäre.

Wie nun des Priesters letztes Ausreden ein allgemeines Stillschweigen nach sich zoh; redete der Feldherr den Priester an: ob er denn nun für zuläßlich /oder gar verwerfflich hielte / des Drusus Denckmale in der Halle des Tansanischen Tempels auffzusetzen? Libys antwortete: Gemeine Menschen pflegten in ihren Rathschlägen den Vortheil zu ihrem Augen-Ziel zu haben; Fürsten aber müsten ihr Absehen auff den Nachruhm richten. Diesen aber befestigten die am gewissesten / die sich ihrer Sterbligkeit bescheideten /und ihrer hohe Pflicht so weit ein Genügen thäten: daß die Nachkommen von ihnen sagten: Sie hätten ihren Ahnen keine Schande angethan / dem Volcke vorsichtig fürgestanden / in Gefahr sich unerschrocken bezeugt / und für das gemeine Heil in Haß zu verfallen sich nicht gescheuet. Dieses wären die rechten Tempel / die man derogestalt ohne Abgötterey / in die Hertzen der Lebenden bauete / die schönsten und unvergänglichen Ehren-Seulen. Denn welche aus Marmel gehauen werden / bey der Nachwelt aber Fluch verdienen / würden geringer als schlechteste Gräber gehalten. Gleichwohl aber wären eusserliche Gedächtniß-Maale nicht gäntzlich ausser Augen zu setzen. Denn sie munterten ein laues Gemüte wie ein Sporn ein träges Pferd auff. Und für sich selbsten wären selbte denen Helden nicht allein zu gönnen / sondern sie möchten auch selbst darnach streben. Denn weil die Verachtung der Ehre auch die Verachtung der Tugend nach sich ziehe / wäre die sonst in allem verwerffliche Unersättligkeit alleine bey dem Nachrühme zu dulden. Und man verhinge wohlverdienter Leute Nachkommen nicht unbillich / daß sie so wohl wegen ihres Andenckens / als in ihren Begräbnissen / für dem Pöfel etwas besonders hätten. Einige kaltgesinnte[348] hielten zwar den Nachruhm für einen Rauch; aber dieser wäre die süsseste Speise der Seelen / wie der von den Opffern auffsteigende Dampff eine Annehmligkeit GOttes. Alle andere Dinge verleschten; das Gedächtnüß der Tugend aber erleuchtete die fernsten und finstersten Zeiten. Dieses herrlichen Glantzes halber hätten die Alten / welche die Ehre für eine Gottheit gehalten / selbter eben so / wie dem Saturn / oder der durch ihn vorgebildeten Zeit / mit blossen Häuptern geopfert; gleich als wenn nur diese zwey Gottheiten nicht verfinstert werden könten. Mit einem Worte: In dem Nachruhme bestünde alleine die irrdische Glückseligkeit / und die Ehre wäre die einige Köstligkeit /wormit man Gott selbst beschencken könte. Ja der tugendhaften Gemüther Begierde / nach ihrem Tode ein rühmliches Andencken zu behalten / wäre kein geringer Beweiß für die Unsterbligkeit der Seelen. In solchem Absehen könte wohl geschehen / daß das Bild des Drusus alldar aufgesetzt würde; die Altar-Taffel aber gereichte zu Abbruch ihres reinen Gottes-Diensts. Die Fürsten nahmen des Priesters Urtheil /als einen Göttlichen Außspruch an / und der Feldherr befahl hierauf / des Drusus Bild aufzurichten / die Taffel aber zu zerbrechen.

Bey dieser Unterredung lieffen dem Feldherrn wichtige Schreiben ein / welche veranlaßten / daß er sich mit dem Hertzog Jubil / Arpus / Sigismund und Melo zur Berathschlagung in Tempel verfügte / den Fürsten Adgandester aber zu Unterhaltung des Fürsten Rhemetalces und Malovends hinterließ / welche inzwischen der Zermalmung der herrlichen Taffel zuschaueten. Rhemetalces fragte hierauf den Adgandester: Ob diß alles / was in der Uberschrift vom Drusus erwehnt würde / der Warheit gemäß wäre? Dieser antwortete: Seine und der Deutschen Redligkeit wäre nicht gewohnt eigene Fehler zu überfirnßen / fremden Ruhm aber mit dem Schwa e der Mißgunst zu verwischen; also müste er gestehen daß daran wenig zuviel geschriebẽ wäre. Dieser Drusus / sagte er / des Nero rechter / des Käysers Stieffsohn / den Livia erst nach der mit dem Käyser schon erfolgten Vermählung gebohren hatte / hat wenig Römer seines gleichen gehabt / keiner aber in Deutschland mehr ausgerichtet. Seine Geschickligkeit übereilete das Alter / und der Verstand kam den Jahren zuvor. Deßwegen erlaubte ihm auch Augustus / daß er fünff Jahr eher / als es die Gewonheit zu Rom mitbrachte / öffentliche Aemter bediente. Wie er denn auch alsofort als Tiberius der damahlige Römische Stadtvogt mit dem Käyser in Gallien zoh / sein Amt inzwischen rühmlich vertrat. Kurtz hierauff ereignete sich / daß / nach dem der Marckmänner König die Bojen / ein Volck dem Ursprunge nach aus Gallien / aus ihrem Sitz an der Moldau / Elbe und Eger vertrieben / dieses aber sich bey den Rhetiern und Vindelichern mit dem Könige Segovesus niedergelassen hatte / diese vermischten Völcker theils aus angebohrner kriegerischen Art / theils weil ihre Felsen ihnen zu enge werden wolten / nicht nur in Gallien zum öfftern Einfälle thäten / sondern auch gar aus Italien Raub holeten / ja von den Römern selbst Schatzung foderten und ihrer Stadt dräueten. Uber diß hielten sie alle durch ihre Länder reisende und mit den Römern / nicht aber mit ihnen verbundene Personen an; setzten denen sich darüber beschwerenden Nachbarn entgegen: Es wäre bey ihnen ein altes Herkommen / daß wer nicht ihr Bundes-Genosse wäre / oder ihnen Schatzung gebe / für Feind gehalten würde. Rhemetalces fing an: Ich höre wohl /die Rhetier sind derselben Weltweisen Meinung /welche den insgemein geglaubten Wahn / samb die Natur die Menschen durch einen geheimen Zug vereinbarte und zu Unterhaltung der Gemeinschafft triebe / verdammen / sondern die für einander habende Furcht sie in[349] Gesellschafft / Dörffer und Städte versammlete. Adgandester begegnete ihm: Wenn er die Beschaffenheit gegenwärtiger Zeit und die Neigungen itziger eisernen Menschen recht überlegte / müste er dieser denen Rhetiern beygemessener Meinung beypflichten. Deutschland wäre von undencklicher Zeit gespalten / und ein Volck gegen dem andern wie Hund und Katze gesinnet gewest. Die einige Furcht für den Römern hätte sie nun endlich mit einander verknüpffet / welche wegen ihrer anhängender Kälte die Eigenschafft des Wassers hätte / indem diese nicht nur das sonst zerfliessende Wasser / sondern auch die widrigsten Dinge durch Zusammenfrierung / jene aber die ärgsten Feinde gegen die von einem Drittern andräuende Gefahr vereinbarte. Rhemetalces versetzte: der meisten Weltweisen einhellige Meinung wäre doch / daß weder die Ameisen noch die Bienen zu der Versammlung so sehr als der Mensch geneigt wären. Diesen hätte die Natur ohne Waffen geschaffen / also wäre er eines gemeinen Beystandes mehr als andere Thiere benöthigt. Er würde der wilden Thiere tägliche Beute / und sein Blut ihre gemeinste Speise seyn /wenn ihn die Vernunfft und Gesellschafft nicht beschirmete. Diese aber eignete ihm die Herrschafft über die stärcksten Elephanten und die unbändigsten Panther zu. Sie befreyete ihn von Kranckheiten /stärckte ihn beym Alter / linderte seine Schmertzen; ja mit ihr würde die Einigkeit des menschlichen Geschlechts und das Leben selbst zertrennet. Weil nun iedes Thier einen natürlichen Trieb zu seiner Erhaltung hätte / müste der Mensch auch selbten zur Gesellschafft / als dem einigen Mittel seiner Erhaltung haben. Die Einsamkeit wäre dem Tode ähnlicher als dem Leben; jener aber wäre das schrecklichste in der Welt / und die Zernichtung der Natur. Wie könte solcher nun der Mensch nicht gram seyn? Auserhalb der Gemeinschafft wäre die Zunge / der alleredleste Werckzeug der Vernunfft / und das den Menschen am meisten von andern unterscheidende Merckmahl /nichts nütze. Solte sie deßhalben die kluge Mutter der Welt umsonst geschaffen haben? Das Feuer der Liebe müste ohne Gesellschafft erleschen / das Band der Freundschafft sich zernichten / die Fortpflantzung nachbleiben und durch die allgemeine Furcht das gantze menschliche Geschlechte in sein altes Nichts vergraben werden. Malovend hielt sich schuldig zu seyn Adgandesters anzunehmen / setzte also Rhemetalcen entgegen: Die Furcht ist kein so grausames Unthier als sie insgemein gemahlet wird. Sie hilfft in unterschiedenen Kranckheiten; Sie öffnet die Blase /vertreibt das Schlucken / der Gicht und das viertägichte Fieber; Läst die Meer-Spinne die schwartze Feuchtigkeit entgehen / die sie von dem Garne deß Fischers eben so wohl als den Menschen aus dem Netze der Feinde errettet. Sie verwandelt im Cameleon so offtmahls die Farben / ohne welche Veränderung er sich nicht lange erhalten könte. Die Hindinnen sind nicht fähig zu empfangen und trächtig zu werden /wenn sie nicht der Blitz vorher furchtsam gemacht. Die Furcht lösete des jungen Croesus stumme Zunge; Sie ist eine Gefährtin kluger und in die Ferne künfftiger Zufälle sehender Köpffe / und daher war Aristippus auff der See beym Sturme furchtsamer als niemand anders. Ja die Furcht ist eine Wehmutter der Tapfferkeit / in dem ein alles fürchtender Mensch auch alles fähig zu wagen ist / und die älteste Urheberin der Andacht / denn sie hat den Menschen zum ersten gelehret / daß ein Gott sey. Weßwegen sich so vielweniger zu verwundern / daß die Römer der Furcht nicht nur Altäre / sondern die Spartaner ihr einen Tempel gebaut / und an selbten den Richter-Stul ihrer Fürsten gelehnet haben. Warum solte sie[350] denn zu einer Stiffterin menschlicher Gemeinschafften unfähig oder zu ohnmächtig seyn? Die verwechselte Liebe der Menschen hat sicher wenig Städte gebauet. Denn so heiß sie gegen sich selbst ist / so kalt ist sie gegen andere. Wäre diese uns von der Natur eingepflantzt / warum liebt man nicht einen Menschen wie den andern? Warum hat man für so vielen eine innerliche Abscheu? Die Selbst-Liebe um uns entweder zu liebkosen oder Nutzen zu schaffen / ist die einige Ursache / warum wir uns nach ein oder anderer Gesellschafft sehnen. Versammlet uns das Gewerbe / so suchen wir unsern Gewinn / des andern Bevortheilung. Kommen wir in Amts-Sachen gleich zusammen / hat die Furcht mehr ihr Auge auff des andern Thun / als auff Befestigung einiger Verträuligkeit / und das Mißtrauen gebiehret mehrmahls Spaltungen als Freundschafft. Wollen wir mit andern die Zeit vertreiben /schöpffen wir die gröste Vergnügung aus fremden Gebrechen / aus Verkleinerung der Abwesenden / und wenn wir durch Erlangung grössern Ansehens und Vermögens unsere Furcht auff andere Schultern legen. Ja unter dem Scheine der Weißheit und der Begierde zu lehren oder zu lernen / verbirget sich die Eitelkeit eigener Ehre / und das Verlangen andern zu Kopffe zu wachsen; und mit einem Worte: der Mensch hat mehr Neigung über andere zu herrschen / als sie zu Gefährten zu haben. Aus dieser eingepflantzten Herschens-Begierde erwecket das Mißtrauen insonderheit bey den Schwächern Furcht / diese aber stifftet grosse und tauerhaffte Versammlungen. Sintemahl uns die Einsamkeit nur wegen dessen / was unserer Selbst-Liebe abgeht / verdrüßlich ist; und bey ermangelnden Erhaltungs-Mitteln gleichsam ein Zwang der Natur / oder bey Erkiesung ein und andern Vertheils die Vernunfft dem Menschen die Gesellschafft auffnöthigt / worzu er doch seiner angebohrnen Art nach so geschickt nicht ist / als zur Einsamkeit. Denn diese erhält ihn in der Glückseligkeit des Friedens und in seinem Wesen; Ausser der aber geräthet er alsbald in Krieg. Sintemahl die Menschen niemahls das erstemahl und für gemachten Bündnissen zusammen kommen / da nicht der Argwohn Schildwache halte / das Mißtrauen im Hertzen koche / und die Vernunfft auff Beschirmungs- oder Uberwältigungs-Mittel vorsinnet; Also aller Menschen erster natürlicher Zustand gegen alle andere kriegerisch ist / ungeachtet Vorsicht oder Heucheley insgemein diese Eigenschafft verblümet. Rhemetalces fragte hierauff: Ob er denn derogestalt der Rhetier gegen alle Menschen und Völcker / die sie gleich nie beleidigt hätten / tragende Feindschafft billigte? Adgandester antwortete: Er begehrte der Rhetier Thun nicht zu vertheidigen. Denn ob wohl die Neigungen der Menschen an sich selbst kriegerisch wären / so hätte doch die Natur durch die Vernunfft ihnen diß Gesetze zugleich eingepflantzt / daß man einem andern nicht thun solte / was man selbst von ihm nicht gern erduldete. Die Regungen und das Recht der Natur wären gantz unterschieden. Uberdiß könte die Selbst-Liebe neben der Gemeinschafft / und die eigene Erhaltung ohne des andern Unterdrückung gar wohl stehen; ja jene müste wegen des Menschen Schwäche und Dürfftigkeit diese zu Gefährten haben /und ihre Hefftigkeit mässigen / wormit der Mißbrauch nicht das Band der Gesellschafft zertrennete. Wenn auch schon der Mensch sich in genugsame Sicherheit gesetzt hätte / so wäre er doch auch denen / welche zu seiner Erhaltung nicht fähig oder nöthig sind / auff den Hals zu hucken nicht berechtigt. Ja auch frembder uns zu vertilgen nicht gemeinter Vortheil gäbe zum Kriege uns kein Recht. Ein Wetteläuffer wäre befugt alle[351] eusserste Kräfften anzugewehren / um andern vorzukommen; nicht aber denen ihn übereilenden ein Bein unterzuschlagen. Jeder Mensch möchte sich um seine Nothdurfft bewerben / aber sie nicht andern arglistig oder mit Gewalt nehmen; ungeachtet die Natur dem Menschen das Urthel / was er zu seiner Erhaltung bedörffe / frey gelassen / und anfangs alle Dinge iederman frey gemacht hätte. Denn jenes solle der gesunden Vernunfft und dem angezogenen Gesetze gemäß seyn; und weil das Recht aller Menschen zu iedem Dinge nur eines ieden Genüß verhindern würde / wäre hernach das durch die Gemeinschafft eingeführte Eigenthum von ihr gebilligt / und derogestalt dem Kriege ein Zaum angelegt worden / welcher der Erhaltung der Menschen ungezweiffelt zuwider; also der Mensch denen / die ihm zu schaden nicht gemeinet sind / vermöge obigen Gesetzes / gutes zu thun /und also ihre Gemeinschafft zu unterhalten verbunden wäre. Zu welcher Verbindligkeit auch allein genug zu seyn schiene / daß der andere so wohl ein Mensch als er wäre. Denn diese Gleichheit hebe alle Fremdigkeit auff / sänftige alle widrige Meinungen und gebe einen festen Fuß zu allgemeiner Freundschafft ab. Die Griechen hätten ihrem Jupiter nicht unbillich den Zunahmen eines Freundes / eines Gefärthen und eines Gastfreyen zugeeignet / und ihn gepriesen / daß er diese Eigenschafften auch den Menschen mittheilte / wormit sie durch verwechselte Wohlthaten ihrer Selbst-Liebe so vielmehr ein Genügen thäten. Sintemahl auch die Ehre vielen andern genutzt zu haben uns selbst die süsseste Vergnügung ist. Je mehr ihrer nun unserer Hülffe geniessen / ie weiter erstreckt sich unser Ruhm. Weßwegen die nur gegen eintzele Menschen tragende Freundschafft mehr von des menschlichen Geschlechts Schwachheit / als von der Einsetzung der Natur den Ursprung hat; und deßwegen Hercules / welcher allen Menschen ohne Unterscheid durch seine Thaten wohlzuthun bemüht gewest / für allen andern Helden unter die Sternen versetzt worden. Malovend warff ein; was ist denn die Natur für eine zänckische Stieff-Mutter / daß sie dem Menschen einen kriegerischen Trieb einpflantzet / gleichwohl aber Gesetze der Eintracht fürschreibet? Adgandester unterbrach diesen Zwist / und fing an: Seinem Urtheil nach hätte der Mensch eine natürliche Neigung zu der häußlichen Gemeinschafft / die bürgerliche aber hätte ihren Ursprung aus der Furcht / und der Vorsorge bevorstehendes Ubel abzuwenden. Jene hätte zu ihren Grundfesten die Begierde der Vermehrung und daher die Gemeinschafft des Männ- und Weiblichen Geschlechts / wie auch die eingepflantzte Liebe der Eltern gegen ihre Kinder und der Bluts-Verwandten gegen einander. Diese häußliche Gemeinschafft ist schon genug den Menschen zu vergnügen und glückselig zu machen. Sintemal die Natur mit wenigem vergnügt / der Uberfluß aber eine Mißgeburt grosser Städte ist. Bey dieser Gemeinschafft wären die ersten Menschen blieben; welche insgemein in holen Bäumen und Wäldern gewohnt. Die Scythen hätten noch ihren Auffenthalt auff Wagen / die Araber in Ziegen-Hütten / welche sie bald dar bald dort auffschlügen. Eben so hätten die wenigsten Deutschen Städte / die meisten vertrügen nicht / daß der Nachbar an ihre Häuser anbauete; sondern sie wären nach Gelegenheit eines Brunnens / Pusches / Feldes oder einer Bach weit von einander zerstreuet. Viel wohnten auch noch in den Hölen der Berge / und bedeckten sie des Winters mit Miste. Bey solcher Beschaffenheit hätte die Natur gar nicht / sondern die Wollust alleine vonnöthen gehabt dem Menschen die Begierde zu bürgerlicher Gemeinschafft einzupflantzen / ungeachtet der Mensch eine Fähigkeit an sich hat / daß er zum bürgerlichen Wandel ausgearbeitet[352] werden könne. Für sich selbst aber und seinem Ursprunge nach kan er ausserhalb der Städte vergnügt / tugendhafft und also glückselig leben. Dahero auch ein guter Mann und guter Mensch weit vonsammen unterschieden sind; und es sich in einem verwirreten Stadt-Wesen treffen kan / daß ein guter Bürger kein guter Mann seyn dörffe. Ja weil die häußliche Gemeinschafft allem Mangel der Lebens-Mittel und den Verdrüßligkeiten der Einsamkeit abzuhelffen vermag / hingegen aber die Bürgerliche ein Verbündniß ist / welches Kinder und albere Leute nicht eingehen können / auch ohne Gesetze unmöglich bestehen kan / welche den Menschen / sein Vermögen / seine Ehre und Leben derselben Zwange unterwerffen / ihm also viel / worzu er keine Lust hat / auffnöthigen / seinen frechen Begierden einen Kapzaum anlegen / und gleichwohl manchen zu keinem das gemeine Wesen fürnehmlich suchenden Bürger machen / scheinet die bürgerliche Gemeinschafft eine Beraubung der natürlichen Freyheit / und also der Natur mehr zuwider als ihr Werck zu seyn. Zumahl der Mensch unter allen Thieren das ungezähmteste ist; und an kriegerischer Zwytracht die rasenden Tieger übertrifft / welche gleichwohl unter sich selbst einen ewigen Frieden halten; jener aber nicht nur auff seines gleichen / sondern wider sein eigenes Blut wütet /durch Geitz / Hoffart und Ehrsucht / derer vereinbarten Regungen sonst kein Thier fähig ist / nicht nur die andern Glieder einer Stadt unterdrücket / sondern Gott selbst verachtet; also / daß die Natur nur deßhalben aus einer vorsichtigen Erbarmniß den Menschen am allerlangsamsten groß wachsen läßt / wormit er nicht zu geschwinde zu einem unbändigen Ungeheuer werde / und durch kluge Aufferziehung zu einem tauglichen Bürger ausgeschnitzt werden könne. Diese angebohrne Unart der Menschen hat unter dem gantzen Geschlechte ein Mißtrauen und Furcht / diese aber die bürgerliche Gemeinschafft / die Erbauung der Städte / die Befestigung gewisser Plätze / den Gerichts-Zwang und die höchste Gewalt gestifftet / wormit man so wohl wider Fremder als Einheimischer unrechte Gewalt sicher sey; Nachdem das Gesetze der Natur wegen der Menschen allzu hefftiger Gemüths-Regungen sie in den Schrancken der Billigkeit zu halten viel zu schwach / und ihr Urthel theils wegen so grossen Unterschieds der Meinungen zu zweiffelhafft / theils wegen übermäßiger Selbst-Liebe gar zu unrecht ist.

Malovend und Rhemetalces nahmen entweder aus wahrhafftem Beyfall / oder aus Begierde Adgandestern auff seine angefangene Erzehlung zu bringen /seine Erklärung für einen gerechten Entscheid an. Diesem nach er denn folgender massen darinnen fortfuhr. Die Rhetier waren ein Beyspiel der von den Gesetzen der Natur abirrenden Menschen / und daß die Furcht eine Mutter der Rache und Grausamkeit / auch die bürgerliche Gemeinschafft mehrmahls der Natur abgesagte Feindin sey. Denn als die Römer einst etliche Rhetier durch List in ihre Hände bekamen und tödteten / machten diese ein Gesetze / daß niemand bey Verlust seines Lebens einen in seine Gewalt gediegenen Römer leben lassen dorffte / ja sie verschonten nicht der unzeitigen Knaben in Mutterleibe / nachdem sie durch Zaubereyen erforschten / ob die schwangern Weiber Knaben oder Mägdlein trügen. Diesem nach schickte der Käyser diesen Drusus mit einem Heere gegen sie; welchem sie aber bey dem Tridentinischen Gebürge die Stirne boten / iedoch weil die Römer ihnen an Art der Waffen überlegen waren / den Kürtzern und sich zurück ziehen musten. Nichts destoweniger streifften sie noch immer in Gallien / welches den Käyser nöthigte den Drusus mit einem frischen Heere ihnen entgegen zu schicken /und Tiberius selbst[353] setzte ein anders über den Brigantinischen See / und kam den Rhetiern in Rücken; also nach dem sie vor und hinterwerts angegriffen wurden / sie nach unterschiedenen harten Treffen in die Gebürge zurück wichen. Nach dem aber Tiberius Taxegetium / Cur / Brigantz / Vemania / und Viaca / Drusus Paerodun / Abudiacum / Esco / Ambra / Isarisca und Clavenna einnahm / und an dem Lech in der Stadt Damasia etliche tausend Römische Geschlechter niedersetzte / hingegen die streitbarsten Rhetier in Italien hin und wieder zertheilete; musten sich diese Völcker nach mehrmahls fruchtloß versuchten Auffstande nur endlich für dem Drusus demüthigen und das Römische Joch auff sich nehmen. Allein die in Gallien versetzten Rhetier thäten den Römern daselbst unbewaffnet mehr Schaden / als vorhin in ihrem Vaterlande. Denn sie nahmen der Gelegenheit wahr den Galliern ihre schimpffliche Dienstbarkeit stachlicht zu verweisen / und sie so gar für Werckzeuge und Fesselträger der Römischen Herrschafft zu schelten; nach dem man so gar fremde der Freyheit zugethane Völcker in Gallien gleichsam in ein genugsam sicheres Gefängniß brächte. Wie nun diese Einhaltung unterschiedenen fürnehmen Galliern tieff zu Gemüthe ging; also unterliessen auch die benachbarten und zum Theil in Gallien noch vermischten Deutschen nicht / insonderheit die Sicambrer und Usipeter / denen der glückselige Streich wider den Lollius schon einst geglückt war / ihnen in Ohren zu liegen. Unter andern aber trug sich zu: daß als der Käyser Augustus aus Spanien in Gallien ankam / der Römische Landpfleger alle Fürsten in Gallien nach der Stadt Lugdun an dem Rhodan verschrieb / den Käyser daselbst mit desto grösserer Pracht zu bewillkommen. Drey Tage nach des Käysers Ankunfft fiel sein Geburts-Tag ein. Ob nun wohl August sich zu Rom aller übermäßigen Ehre entschlug / so verhing er gleichwohl / daß man daselbst seinen Geburts-Tag als heilig mit Lust-Spielen und Jagten feyerte. Die Ritterschafft hielte allerhand Rennen / und die Zunfften sammleten so gar das gantze Jahr in eine Lade die Unkosten zu unterschiedenen Freuden-Zeichen. Alle Stände gingen mit grosser Ehrerbietung zu dem Pful des Curtius / und warffen dem Gott Summanus für das Heil des Käysers eine Gabe hinein. Und an diesem Tage durffte kein Ubelthäter verurtheilet / weniger abgethan werden. Alleine in denen überwundenen Ländern hatte die Heucheley der Landvögte diese Fest-Tage viel herrlicher zu halten eingeführet / auch August solches mehrmahls gebillicht / welcher für ein Geheimniß seiner Herrschafft hielt sich zu Rom kleiner / anderwerts aber grösser /als er war / zu machen / und dort für einen Bürger /anderwerts für einen Gott angesehen seyn wolte. Insonderheit meinte dißmahl der Landvogt Qvintus Adginnius was ungemeines auszuüben / verschrieb also alle Fürsten und einen Ausschuß des Adels nach Lugdun / welche den Käyser nebst zwey Römischen Legionen auffs prächtigste einholeten. Ausserhalb der Stadt war eine kostbare Ehren-Pforte gebauet / welche mit allerhand von dem Phönix genommenen Sinne-Bildern bemahlet war. Auff der rechten Seiten stand das Bild des Käysers / über ihm war eine Welt-Kugel / und darauff ein Phönix gemahlet / mit den Worten: Der einige in dem einigen. Neben ihm stand ein Phönix / der gerade in die Sonne sahe / mit der Beyschrifft: Gleich und gleich. Auff der andern Seite flog ein junger Phönix / der eines andern verbrenntes Nest auff ein der Sonne gewiedmetes Altar legte / mit der Uberschrifft: Heute dir / morgen mir.[354] Bey dem Fuße spreußte ein Phönix die Flügel / und drehete den gestirnten Thier-Kreyß mit einem Fuße herum. Die Worte dabey waren: Ich verändere die Zeiten. Oben in der Spitze schwebte ein Phönix / unter ihm hingen die Adler ihre Flügel. Die Uberschrifft war: Der Könige König. Auff der lincken Hand stand das Bild Galliens / über selbtem aber ein sich verbrennender Phönix / mit der Uberschrifft: Ich verginge / wann ich nicht vergangen wäre. Auff der einen Seite war ein Phönix den die Sonne mit Strahlen überschüttete /mit der Beyschrifft: Anderer Verzehrung meine Speise. Auff der andern Seite ein den Hals empor streckender Phönix / der darum seinen auff Art eines Halsbandes habenden güldenen Kreiß zeigete / mit den Worten: Meine Bande meine Zierde. Oben in der Spitze warff ein Phönix Zimmet und Weyrauch auff ein brennendes Altar / mit der Uberschrifft: Meine Opffer meine Genesung. Das erste Sinnebild war ein zerbrochener Spiegel / in dessen iedem Stücke die Sonne vollkommen sich bespiegelte / mit den Worten dabey: Verminderung ohne Abgang. Das andere war ein hol ausgeschliffener Brenn-Spiegel / in dessen Mittel-Puncte die Sonnen-Strahlen sich vereinbarten / mit dem Beysatze: Je enger ie kräfftiger. Das dritte war der verschlossene Tempel des Janus mit der Uberschrifft: Er zeigt sich durch die Verschlüssung. Das vierdte Sinne-Bild war der zusammengefügte Tempel der Tugend und der Ehren / mit der Beyschrifft: Durch Staub zum Gestirne. Die dritte Ehren-Pforte stand für dem Königlichen Hause /das dem Käyser zur Wohnung bestimmt war / und auff den Rhodan ein weit und anmuthiges Aussehen hatte. Weil sichs nun gleich traff / daß die Sonne zu Golde ging / war die Uberschrifft daran:


Die Sonne sinckt ins Meer / so bald August zeucht ein.

Denn eine Stadt verträgt nicht zweyer Sonnenschein.


Der Käyser war in Gestalt des Apollo gebildet und ward auff dem Wagen der Sonnen von vier weissen Pferden gezogen. Die gantze Ehren-Pforte war mit eitel von der Sonne genommenen Sinne-Bildern angefüllt. Die am Morgen lieblich auffgehende Sonne hatte eine Uberschrifft: Eigenbeweglich und umsonst. Die am Mittage den gantzen Erdkreiß überstralende diese Worte: Unermüdet und allenthalben. Bey der alle Gestirne mit Lichte betheilenden Sonne stand: Alle von einem. Bey der den Schnee zerschmeltzenden und die Kräuter erqvickenden: Ich vertilge und erqvicke. Der einen Regenbogen machenden Sonne war beygeschrieben: Mahlwerck eines Blickes. Der die zwölff himmlischen Zeichen durchwandernden Sonne stund beygesetzt: Eines nach dem andern. Die aller gröste Pracht aber hatte Adginnius in dem bey Zusammenrinnung des Rhodans und der Araris dem Käyser Julius und Augustus zu Ehren aus weissem Marmel gebauten Tempel sehen lassen / dahin der Käyser folgenden Tag auff dem Rhodan in einem gantz übergoldeten Schiffe geführet / und mit mehr als tausend andern Schiffen begleitet ward. Der Käyser warff / als er den ersten Fuß in das Schiff setzte / einen köstlichen Ring in den Rhodan / entweder auch hierinnen es dem grossen[355] Alexander nachzuthun / der nach Eroberung der Stadt Hamatelia dem Meere opfferte / oder aus einer wahrhafften Andacht / nachdem nicht nur die Messenischen Könige den Fluß Pamisus / die Phrygier den Meander und Marsyas / die Egyptier den Nil göttlich verehrten / sondern auch die Römer glaubten / daß die Götter und die Gestirne sich von denen aus dem Meere und den Flüssen dämpffenden Feuchtigkeiten nähreten. Uber der Pforte des Tempels stand in eine ertztene Tafel gepreget: Denen zwey Göttern der vier Gallien. Der Tempel war nach Art des Tugend- und Ehren-Tempels zu Rom in zwey Theile abgetheilet. In dem ersten stand des Cajus Julius Bild zu Pferde aus Ertzt gegossen in der Mitten. Unter dem Pferde lagen allerhand in Ertzt gleichfalls geetzte Kriegs-Waffen; und an einem Marmelnen Fußbodeme war zu lesen:


Als Mars in Gallien nahm Cäsars Thaten wahr /

Sprach er: Ich sehe nun / wo ich den Krieg sol lernen.

Nahm also über sich sein Thun / Amt und Gefahr /

Und Cäsars Seele ward der Kriegs-Gott bey den Sternen.


Auff der einen Seiten des viereckichten Tempels stand das Bildnis des Belgischen Galliens. Die Wand war in zwey Felder abgetheilet. Im ersten war des Julius mit dem Könige Ariovist gehaltene Schlacht zwischen der Araris und dem Rheine / und insonderheit wie der verwundete Ariovist in einem kleinen Nachen sich über den Rhein flüchtete / und zwey Gemahlinnen nebst einer Tochter im Stiche / die andere dienstbar machen ließ / abgebildet. Darunter war in Stein gehauen:


Ariovisten trifft mein erster Donnerschlag;

Der Deutschland zitternd macht und Gallien ertäubet.

So kan ein Helden-Arm ausüben einen Tag /

Was ewig eingepregt in Ertzt und Sternen bleibet.


Im andern Felde war die hefftige Schlacht mit den Nerviern zu sehen / da diese gantz verzweiffelt fochten / aus den todten Leichnamen Brustwehren machten / und das Römische Heer zu weichen nöthigten /Käyser Julius aber einem gemeinen Kriegs-Knechte den Schild vom Arme riß / an die Spitze sich stellte /den Sieg des Feindes hemmte / ja fast den Nahmen der Nervier vertilgte. Darbey war auffgezeichnet:


Sind Perseus und sein Schild als Sterne zu erhöhen /

Weil Atlas und ein Fisch verwandelt wird in Stein;

Muß Cäsar und sein Schild verkehrt in Sonnen seyn /

Weil tausend Nervier für ihm wie Marmel stehen.


Auff der andern Seite war das Bild des Aqvitanischen Galliens auffgerichtet / und an dem ersten Felde der Wand künstlich eingeetzt das hohe mit sechs Füssetieffem Schnee bedeckte Gebennische Gebürge / über welches Käyser Julius die Arverner wider alle menschliche Einbildung überfiel. Darunter stand:


Verkreuch dich Hannibal mit deinem Alpen steigen /

Weil Mensch und Sommer dir dort einen Fuß-Pfad zeigen;

Gebennens Schnee-Gebürg' ist Gemsen auch zu hoch /

Doch findet Julius durch Klipp' und Schnee ein Loch.


In dem andern Felde stand die Eroberung der überaus festen Stadt Uxellodun; da Käyser Julius nach vergebens gebrauchtem Schwerdt und Feuer einem starcken Brunnen das Wasser entzoh / und durch Durst die Belägerten zur Ubergabe zwang / hernach aber allen / die Waffen getragen hatten / die Hände abhauen ließ. Die Beyschrifft war:


In dem Uxellodun in Cäsars Hände fällt /

Als er dem ew'gen Qvell die Adern abgeschnitten;

Erweist der Käyser sich mehr einen Gott als Held /

Denn Götter können ja nur der Natur gebieten.


An der dritten Seite des Tempels stand das Bild des Celtischen Galliens / und im ersten Felde der Mauer war zu sehen Cäsars wunderwürdige Belägerung der unüberwindlichen Festung Alexia / und derselben Auffgabe. Die Schrifft dabey war:[356]


Kein Weg das Auge trägt kaum auf Alexens Klufft /

Doch schwingt sich Cäsar hin / zermalmt Thor / Mauern / Riegel.

Nicht rühmt des Dädalus zur Flucht geschickte Flügel /

Denn Götter nehmen nur ein Schlösser in der Lufft.


In dem andern Felde der Mauer aber die Ergebung der Carnuter / und die Aushändigung ihres Fürsten Guturvat / welcher dieses und andere Völcker wider die Römer aufgewiegelt hatte / und deshalben mit Prügeln und einem Fallbeile hingerichtet ward. Unter demselben war zu lesen:


Als sich Carnut empört / ko t Cäsar / siht und siegt

Für seinem Schalten fällt fußfällig es zun Füssen /

Siht wie sein Haupt entseelt von Beil und Prügeln liegt.

Denn knechtschen Meyneid muß ein Fürst auch knechtisch büssen.


An der vierdten Ecke des Tempels sahe man das Bild des Narbonischen Galliens / und in dem einen Felde die Schlacht des Käysers mit dem Könige Vercingentorix / und wie nach derselben Verlust dieser mit seinem Volcke und Läger sich selbst dem Käyser ergibet / und für seinem Stule fußfällig Helm und Waffen niederlegt. Die Worte darbey waren:


Nicht Vercingentorix / gantz Gallien liegt hier /

Wirfft Helin und Zepter weg / weicht Cäsarn Hertz und Seele;

Rufft: Cäsar halt' ihm selbst der Völcker Opffer für /

Weil er in Menschen-Tracht die Gottheit so verhöle.


In dem andern Felde war die unvergleichliche Belägerung der Stadt Massilien fürgebildet / und wie nach verzweifelter Gegenwehr sie ihre Rüstung / Waffen /Geschütze / Geld und Schiffe dem Käyser demüthig eingeliefert / die Stadt aber nicht wegen ihrer Verdienste / sondern wegen ihres Alterthums / weil sie die Phocenser noch gebauet / begnadigt wird. Darunter stand:


Massilien erstarrt für Cäsars Ungewitter /

Wenn er wie Mavors Glut / wie Zevs Blitz auf sie schneyt /

Doch fässelt er sie mehr durch seine Gütigkeit.

Denn Grüñ zwingt Mauern nur / Sanftmüthigkeit Gemüther.


Dieses Vor-Tempels an eitel kriegerischen Dingen bestehende Pracht aber ward weit übertroffen von dem Friedens-Tempel des Kaisers Augustus. Wie in dem erstern die Zierrathen eitel eisenfärbichte Waffen / das Laubwerck nur Lorbern waren; also waren im andern allerhand Blumen / insonderheit viel Hörner des Uberflusses in Marmel und Ertzt geetzt. Das Laubwerck bestand an eitel Oel- und Myrten-Laube /und war alles ziervergoldet. Für der Pforte stand ein Spring-Brunnen / in welchem die Schale aus Porphir /das Bild der Natur aber / welches aus den Brüsten mit grosser Heftigkeit / darein das kläreste Brunn-Wasser spritzte / war aus Corinthischem Ertzte gegossen / die Schale trugen vier aus Alabaster gehauene Delphinen. Die mitten zertheilte Pforte war aus Ertzt / und darauf Bacchus mit seinen Wein-Reben / und Ceres mit Weitzen-Eeren gegossen. Darüber stand in Marmel gehauen:


Dem Käyser Augustus /

Der Gallier grossem und gütigem Jupiter /

baute dieses

Qvintus Adginnius /

Der Stadt Rom und des Käysers Priester /

bey der Zusammen-Flüssung des Rhodans

und der Araris.[357]


Dieser Tempel war Kugel-rund gebauet; in der Mitten stand aus Corinthischem Ertzte des Käysers Augustus Bildnüß / welchem alle Kennzeichen des Jupiters und der Sonne beygefügt waren. An dem marmelnen Fusse stand:


Laß Cäsarn / wenn er stirbt / zu einem Gotte werden /

Ein Schrecken Galliens / des Himmels Kriegs-Stern seyn.

August wird eine Sonn' / ein Gott noch hier auf Erden;

Er und der Friede baut / was Furcht und Krieg reist ein.


Die Abtheilung des Tempels aber war fünffach /und in einer ieden eine Geschichte des Jupiters in Marmel eingehauen / welcher aber alenthalben ein dem Kayser August gantz gleiches Antlitz hatte. In iedem Fünfeck war einer von den Haupt-Flüssen Galliens / nemlich der Rhodan / die Garumne / die Ligeris / die Seene und die Maaß abgebildet / welche aus ihren Krügen grosse Ströme Wassers ausgossen. Im ersten lag die Maaß / allenthalben mit Schilff umbwachsen / oben saß August bey einer Taffel / ein fliegender Adler aber nahm ihm mit dem Schnabel ein Theil der Speise vom Teller / mit der Beyschrifft:


Nicht wunder dich August / daß dir ein Vogel frist

Die Speisen aus der Hand. Er kennt dich / wer du bist.

Und du kanst / was es für ein Vogel sey / ermässen.

Denn Adler pflegen nur mit Jupitern zu essen.


Im andern Fünfeck saß die Seene / umb und umb mit tausenderley Art Muscheln umbleget / und der noch junge Jupiter ward mit Honig von den Bienen ernähret / welche nach und nach ihre Eisen-Farbe in Gold-gelbe verwandelten. Darüber war zu lesen:


Warumb wird Gallien am Golde so sehr reich /

Nach dem's dem Käyser zinßt? Es grub ja vor kaum Eisen /

Nicht fragt! denn Jupiter macht / wenn sie ihn nur speisen /

Der Bienen Eisen-Farb auch schönstem Golde gleich.


Im dritten Felde lag die Ligeris auf einem mit Mooß bewachsenen Felsen; über ihr war Jupiter gemahlet / wie er den Thurm des Acrisius durchbricht /und sich als ein güldner Regen in die Schoos seiner hierdurch geschwängerten Danae abläßt. Darunter war geschrieben:


Entsetze / Gallien / dich für dem Käyser nicht /

Der güldne Friede kommt / wenn er gleich stürmt und wütet.

Wenn Jupiter durch Ertzt / durch Thürm und Mauern bricht /

Wird Danae mit Gold und Segen überschüttet.


Im vierdten Theile lag der Fluß Garumna / das Haupt hatte er wie Bacchus mit Reben und Wein-Laube umbhüllet. In selbigem Felde war die Geburt der Pallas aus dem Gehirne Jupiters eingehauen / mit der Bey-Schrifft:


Die Weißheit steigt hier hoch. Warumb? August regirt.

Denn Pallas wird gebohrn aus Jupiters Gehirne.

Saturnens güldne Zeit wird aber auch verspürt!

Denn dieser Zevs hier beut dem Vater nicht die Stirne.


Im fünften Theile lag der Rhodan auf einem mit eitel Corallen-Zapfen bewachsenen Felsen. Im Felde war der in einen Schwan verwandelte Jupiter gebildet / wie er die Leda des Tyndarus Gemahlin schwängert / welche hernach zwey Eyer gelegt / aus derer einem Pollux und Helena / aus dem andern Castor und Clytemnestra hervor kommen. Darunter war gezeichnet:


Warumb mag wohl August so Gallien bebrütten?

Nicht: daß es Eyer ihm aus Golde legen soll.

Als Zevs die Leda zwingt / thut es ihr selber wohl.

Zwey Helden haben sich aus ihrem Ey geschnidten.

Viel tausend aber hört man Franckreich Mutter nennen.

Was macht es? Jupiter ward ein unfruchtbar Schwan.

Der Käyser aber ist ein unermüdet Hahn /

Und die vier Gallien vier gute Lege-Hennen.[358]


Als der Käyser bey dem Tempel aus dem Schiffe trat / bewillkommte ihn der ihm zugeeignete Priester Cajus Julius Vercondaridubius / ein Heduer der Geburt / nebst sechs andern Priestern / welche iedem denen dem Käyser fürtretenen Fürsten eine weisse mit Oel-Laube umbwundene und brennende Fackel einhändigten. Mitten im Tempel war bey seinem Bildnüsse ein hoher Thron aufgebauet / darauf sich der Käyser setzte. Alsofort ward auf denen darinnen stehenden fünf Altaren von wolrüchendem Holtze ein Feuer angezündet. Die Fürsten der Gallier / und nach ihnen der Adel / gingen nach der Reyhe / neigten sich für dem Augustus / küsseten gegen ihm ihre rechte Hand / dreheten sich hierauf linckwerts (welches bey den Galliern die gröste Andacht ist) zu denen Altaren / und warff ieder eine Handvoll Weyrauch in die heilige Flamme.


Ich mag / fuhr Adgandester fort / alle abergläubische Heucheleyen / die daselbst fürgingen / nicht erzehlen. Uns ist alleine genung / daß viel Gallier diese ihre schmähliche Dienstbarkeit einen sterblichen Menschen göttlich zu verehren in ihrem Gemüthe verfluchten / die zuschauenden Sicambrer und Rhetier aber die Gallier als Knechtische Sclaven verschmäheten / und alle auf den Julius Cäsar und den Augustus gerichtete Sinnen-Bilder und Uberschrifften zu ihrer ärgsten Verkleinerung auslegten. Wordurch denn nach dem Abzuge des Kaisers ihrer viel aufgewecket wurden / das Römische Joch abzuwerffen / sonderlich da der Sicambrische Hertzog Anthario ihnen wider die Römer mit äusersten Kräfften beyzustehen versprach.


Dieser Aufstand / sagte Malovend / ist eine noch allzu geringe Straffe des Käysers gewest / welcher durch angenommene Verehrung der Priester keine absondere Ehre Gott übrig gelassen. Sintemal entweder keine blindere Thorheit / oder keine schändlichere Vermessenheit seyn kan; als wenn ein elender Mensch / der im Leben sich mehrmals nicht der Läuse / nach dem Tode nicht der Maden erwehren kan / sich zu einem unsterblichen Gotte machen / und seinen Staub und Asche mit denen unversehrlichen Gestirnen verwechseln wil. Zeno antwortete Malovenden: Er hätte selbst eine Abscheu für dem / daß ein Sterblicher sich den unsterblichen Göttern gleichen solte. Alleine weil die Menschen sich durch Wohlthat den Göttern ähnlich machten / schiene so ärgerlich nicht zu seyn /wenn man seine Wolthäter / derer Verdienste man nicht vergelten könte / auch etlicher massen mit einer denen wolthätigen Göttern zu liefern gewohnten Danckbarkeit betheilte. Hätten doch die Epyptier den Schlangen-verzehrenden Vogel Ibis / und andere wilde Thiere wegen des ihnen zuwachsenden Nutzens vergöttert. Sonst aber könte er sich schwerlich bereden / daß iemals ein Mensch so alberer Gedancken gewest wäre; sondern es hätte von Anfang die Unwissenheit des Pöfels / welcher die herrlichen Thaten der Helden als etwas irrdisches zu begreiffen nicht gewüst / in dem sie alle andere Menschen nach ihrer Fähigkeit ausgemässen / ihnen etwas Göttliches mitgetheilet zu seyn vermeynet; hernach hätte entweder das danckbare Andencken empfangener Wolthaten / zuweilen auch wohl die Heucheley / und endlich die Staats-Klugheit / welche das unbändige Volck durch nichts besser in den Gräntzen des Gehorsams zu halten gewüst / die Halb-Götter in der Welt aufbracht. Niemand aber hätte seines Wissens irgendswo geglaubt /[359] daß unter solchen Helden und den ewigen Göttern kein Unterscheid seyn solte. Malovend versetzte: Beyder Verehr- und Anbetung wäre gleichwohl gantz gleich. In Gallien wäre keinem Gotte ein so herrlicher Tempel als dem Augustus aufgerichtet / und jenem in einem Jahre nicht so viel Weyrauch / als diesem in einem Tage verbrennet worden. Käyser Julius hätte sich auf einem Wagen dem Capitolinischen Jupiter entgegen setzen lassen. Anfangs wäre freylich zwar die Götter und Helden-Verehrung unterschieden gewest; diese hätte in Bildern / jene in Opfern / diese in Küssen / jene in der Anbetung bestanden / weil man die von uns entfernten Götter nicht wie Menschen erreichen können. Hernach aber hätten die Angilen und Nasamonen in Africa die verstorbenen Seelen / die Persen ihren Cyrus als wahre Götter zu verehren den Anfang gemacht. Die Griechen hätten der Lampsace anfangs nur eine Säule / hernach aber Altäre aufgerichtet; die Arcadier ihren Arcas anfangs nur in einen Stern / den Aristäus aber folgends in Jupitern verwandelt. Jedoch wären bey allen Völckern die grösten Helden noch so bescheiden gewest / daß sie die Göttliche Ehre von ihren heuchelnden Unterthanen erst nach ihrem Tode zu empfangen sich vergnüget /erwegende: daß die Göttligkeit noch glaublicher einem Menschen nachfolgen / als ihn begleiten könne / und daß zu Befestigung dieses Aberglaubens so viel Zeit verlauffen müsse / wormit man sich des verstorbenen Schwachheit nicht mehr erinnere / oder zum minsten selbte nicht mehr sehe. Zumal mit dem Tode auch die der Tugend allezeit aufsätzige Mißgunst erlischt / und die sie schwärtzende Verläumbdung verrecket; hingegen die Nach-Welt iedem nicht nur seinen verdienten Ruhm wieder erstattet / sondern auch aus der Helden irrdenen Bildern Heiligthümer zu machen geneigt ist. Augustus aber habe die Gottheit bey seinem Leben von denen Galliern anzunehmen sich nicht gescheuet / welche doch nicht das Vermögen haben ihnen selbst einen König zu machen; Da es doch ein unermäßlich schwererers Werck ist einem den Himmel / als ein Königreich zuzuschantzen. Zeno warff hierwider ein: August wäre der erste nicht gewest / der solches bey seinem Leben verstattet hätte. Der grosse Alexander hätte als des Jupiters Sohn angebetet zu werden verlanget / und den solches widerrathenden Callisthenes peinigen und kreutzigen lassen. Philadelphus hätte seine und der andern Ptolomeer Bilder auf güldenen Wagen neben dem Bacchus und andern Göttern mit ungläublicher Pracht aufführen / Kayser Julius unter der Götter Bildern seines tragen / auch alle Göttliche Ehre anthun lassen. Nichts desto weniger wäre dieses alles vermuthlich mehr aus einer Staats-Klugheit / als aus einer thummen Einbildung einer wahrhaften Göttligkeit geschehen. Sintemal diese alle die Götter selbst angebetet / Julius auch sein auf der Erd-Kugel stehendes Ertzt-Bild mit der Uberschrifft eines Halb-Gottes bezeichnet hätte. Insonderheit wäre August nicht zu bewegen gewest ihm in Rom einiges Heiligthum bauen zu lassen; hätte auch Liviens Bild nicht in der Gestalt der Juno aufrichten lassen wollen; auch als ihm der Rath die von denen überwundenen Völckern angebotene Vergötterung gleichsam aufgedrungen / sich erkläret / daß sein Ehrgeitz nicht diese Anbetung / sondern seine Liebe des Vaterlandes[360] nur des RathsVorsorge billigte; wel che meinte / daß durch diese Künste dem Römischen Reiche ein Ansehn zuwüchse; und die Welt sich weniger einem Gotte als Menschen unterthänig zu seyn schämen würde. Die Persen und des Atlantischen Eylandes Inwohner bezeugten gegen ihrem Könige nur deßhalben einen so blinden Gehorsam / weil jene gläubten / daß er die Stütze des Himmels und der Erde / sein Fußwasser aber eine heilige Artzney wider viel Kranckheiten wäre; Diese aber daß er liesse Sonne und Monde scheinen. Malovend fiel ein: Er könte einen frommen Betrug der Staats-Klugheit nicht verwerffen / als durch welchen Numa / Scipio / Lucius Sylla / Sertorius / Minos und Pisistratus ihrem Thun und Gesetzen gleichsam ein göttliches Ansehn gemacht; Er verargte den Griechen nicht die Aufrichtung des Trojanischen Pferdes / denen Phöniciern und Zazinthiern den von den Göttern ihrem Fürgeben nach im Traume befohlnen Tempel- oder vielmehr Festungs-Bau / daraus sie sich gantz Hispaniens bemächtigt; Aber Gott die Würde der Gottheit / und die Ehre der Anruffung abstehlen / wäre eine verdammlichere Boßheit / als ein ärgerlicher Irrthum / daß der Gottesdienst nur eine Erfindung der Staats-Klugheit wäre. Denn diese steckten nur in dem Finsternüsse der Unwissenheit; jene aber wären die wahrhafftesten Riesen / die den Himmel vorsetzlich stürmeten / und der Salmoneus / der mit seinem Donner den Jupiter zum Streit ausforderte. Diesemnach auch sie von der göttlichen Rache durch Blitz eingeäschert zu werden verdienten; und hätten alle vernünfftige Weisen solche eitele Vergötterung verspottet / der Rath zu Athen auch den Demas gar recht mit einer Geld-Busse belegt / weil von ihm der sterbliche Alexander bey denen Olympischen Spielen als ein GOtt eingeschrieben worden wäre. Ja Leonnatus hätte sich nicht gescheuet / einen den Alexander anbetenden Persen ins Antlitz zu verhöhnen; und Hermolaus hätte nebst denen andern Edel-Knaben deßhalben den eitelen Alexander zu erwürgen sich verbunden. Gleichwol aber / versetzte Zeno / ist der Delphische Apollo selbst so eiversüchtig nicht gewest / in dem er den Griechen gerathen den Hercules zu vergöttern. Adgandester begegnete ihm: Es hat der Delphische Wahrsager-Geist wol eher dem Könige Philip und andern liebgekoset. Weil aber August selbst wol ehender mit dem Agrippa / Alexander mit seinem Hephestion wegen allzu grossen Ansehens geeivert hat; und kein Stern in Anwesenheit der Sonne sich einigen Glantz von sich zu geben erkühnet; möchten die armen Sterblichen sich wol selbst bescheiden / daß sie gegen GOtt Spreue / und keiner Göttligkeit fähig sind; der angebetete Darius / Xerxes und Attaxerxes auch leider ein Gelächter der ohnmächtigsten Menschen worden / als den ersten die Scythen / den andern zwey Griechische Städte / den dritten Clearchus und Xenophon gleichsam in ein Bocks-Horn gejaget.

Hertzog Zeus merckte / daß die Eitelkeit der Vergötterung allen Deutschen ein Dorn in Augen wäre; also brach er von derselben Entschuldigung ab / und ersuchte den Fürsten Adgandester in seiner annehmlichern Erzehlung fortzufahren. Dieser verfolgte sie dergestalt: Das Bündnüß ward zwischen denen durch des Agrippa strenge Verfahrung / und des Licinnius Geitz und unmenschliche Schinderey ohne diß vorher verbitterten Gallier dem Sicambrischen Hertzoge Anthario und den Fürsten der Ubier Beer-Muth ins geheim / und insonderheit durch Unterhandlung der über des Augustus Vergötterung eivernden Druyden beschlossen. Alleine die Römer kriegten hiervon zeitlich Kundschafft; und der zu Beobachtung der Deutschen und Gallier zurück gelassenen Drusus beruffte unter dem Scheine des Augustus Feyer abermahls zu begehen / die Fürsten der[361] Gallier nach Lugdun. Diese fanden sich so viel fleißiger ein / ie weniger sie ihren Anschlag verrathen zu seyn besorgten / oder wegen ihrer so beflissenen Dienstbarkeit sich einigen Arges versahen. Aber die sie beschlüssenden Fässel lehrten sie allzu zeitlich / daß man bey Anspinnung eines gefährlichen Beginnens alles Vertrauen aus dem Hertzen verbannen müste. Weil sie aber auf Andräuung noch schärffern Verfahrens nicht nur ihre Söhne und Bluts- Verwandten den Römern wider die Pannonier und Dalmatier zukriegen einlieferten; also der Käyser mit ihnen nicht nur Hülffs-Völcker / sondern auch Geisel überkam / wie nichts minder alle Geheimnüsse des Bündnüsses erfuhr / wurden sie nach desselbten Abschwerung wieder auf freyen Fuß gestellt. Wordurch sie aber das Mißtrauen bey den Römern und die Verächtlichkeit bey den Bunds-Genossen nicht ablehneten; ja so gar verursachten / daß die Sicambrer und Usipeter sich mit dem Drusus in ein Bündnüß einliessen.

Weil aber die obbestrickten Gallier den Hertzog der Moriner Erdmann beschuldigten / daß er ebenfalls theil an ihrem angezielten Aufstande gehabt hätte; oder die Römer in Gallien keine umschrenckte Gewalt vertragen konten / kündigte ihm Drusus unter einem gantz andern Vorwande / nehmlich / daß die Helffte seiner Länder mit seiner ältesten dem Licinnius verheyratheten Tochter an seinen Eydam verfallen wäre /den Krieg an. Diese Moriner waren nebst den Batavern das einige Volck in Gallien / welches nicht der Römischen Botmässigkeit schlechterdings unterworffen war. Käyser Julius und Labienus hatten zwar ihnen zwey Schlachten abgewonnen; aber die feste Beschaffenheit ihres sümpfichten Landes und ihre der Streitbarkeit vermählte Vorsicht hatte / auser einer den Römern verwilligten leidlichen Schatzung / sie noch grossen Theils bey ihrer Freyheit erhalten; also /daß weder Agrippa / noch August selbst / bey ihrer Anwesenheit ein Bein unterzuschlagen vermochten. Als nun Drusus mit den Morinern anband / auch sich etlicher Plätze bemächtigt hätte / hemmete eine Gesandschafft der Britannier und Bataver / welche schon funfzig tausend Kriegs-Leute auff den Beinen / und zu Beschirmung der Moriner fertig hatten / den Lauff der Römischen Siege; nöthigten auch den Drusus / daß er / um nicht das mißträuliche Gallien gantz in Gefahr zu setzen / mit den Morinern einen billichen Frieden schlüssen muste.

Drusus ward über der Fehlschlagung seines eingebildeten Sieges so verbittert / daß er sich hätte in die Finger beissen mögen; insonderheit aber meinte er gegen die Bataver seine Galle und Rache auszugiessen berechtigt zu seyn. Dieses Volck war von den streitbaren Catten entsprossen / hatte wegen häußlicher Unruhe sein Vaterland verlassen / die zwischen dem Rheine und dem Nord-Meer gelegene Pfützen ausgetrocknet / und solch Eyland zur Wohnung erkieset. Weil sie aber von Anfangs weder an Mannschafft noch Kriegs-Geräthe sonderlich starck waren / musten sie sich unter den Schutz der Britannier begeben /welche damahls vom Einflusse des Rheins biß an die Seene Meister der Gallischen Küsten waren. Als aber die Britannier eine schwerere Hand ihnen auflegten /als die freyen Deutschen zu tragen gewohnt waren /beschwerte sich der Bataver Hertzog Eganor gegen dem Britannischen Könige / und schrieb ihm zu: Er möchte sich entweder seiner Härtigkeit / oder seiner Herrschafft enteusern. Es möchte wohl seyn / daß anderer Völcker Könige nur den Göttern Red und Antwort zu geben gewohnt wären; Die Deutschen aber forderten auch von ihren Gebietern Rechenschafft; und fromme Fürsten hielten es für einen Ruhm / die Gesetze und das Urthel ihrer Unterthanen[362] über sich zu leiden. Der König / welchem entweder von seinen Land-Vögten die geklagte Bedrängung ausgeredet ward / oder weil er eine umschrenckte Gewalt nicht für Königlich hielt / verwieß die Bataver an statt verhoffter Erleichterung zu der Schuldigkeit ihres Gehorsams. Dieses jagte nicht nur die Bataver in den Harnisch / sondern Eganor bewegte alle denen Britanniern unterthänige Gallier zum Aufstande. Wiewol nun der kluge und tapffere Eganor Meuchelmörderisch hingerichtet ward; verfolgte doch sein Sohn Eisenhertz den Krieg wider die Britannier so glückselig /daß diese jene für freye Leute erkennen musten. Die Bataver / wie ein kleines Antheil Galliens sie gleich besassen / erlangten hierdurch ein grosses Ansehen /und den Ruhm / daß sie nicht nur unter den Galliern /sondern allen an dem Rheine wohnenden Völckern die tapffersten wären. Weil nun ihr Eyland endlich so wohl ihrer Mannschafft zum Unterhalte / als ihrer Tugend zur Gräntze viel zu enge war / lagen sie täglich denen benachbarten Galliern in Eisen / und machten sie durch stete Uberfallung zinßbar. In denen Nord-Völckern ging zu sagen kein Rauch auf / da sie nicht als Mittler erbeten worden / oder sie sich selbst zu Schieds-Richtern aufwarffen / und denen hartnäcktichten einen Frieden vorschrieben. Durch Schiffarthen und Handlung machten sie sich nichts minder vermögend / als in der gantzen Welt bekandt. Ob auch wol hernach Käyser Julius gantz Gallien einnahm /wagte er sich doch nicht / die Bataver in ihrem Lande anzutasten. Ja weil sie für die besten Schwimmer /und die fürtrefflichsten Reuter berühmt waren / suchte er nicht alleine durch Gesandschafft und Geschencke ihre Freundschafft; sondern brauchte sie auch in seinem Britannischen und Bürgerlichen Kriegen um zweyfachen Sold für Hülffs-Völcker. Unter dem Käyser August stiegen sie so hoch / daß Agrippa im Nahmen des Käysers sie nicht nur für Freunde und Brüder der Römer aufnahm / und zum Gedächtnüsse dieser Verbindung an dem Ufer / wo der Rhein ins Meer fällt / eine von Rom übersendete Marmelne Säule mit der Uberschrifft: Das Volck der Bataver / der Brüder des Römischen Reichs / aufgerichtet ward; sondern August erkiesete sie auch zu seiner Leibwache. Derogestalt schienen die Bataver an den höchsten Gipffel der Ehre und Glückseligkeit gelanget zu seyn; Ob zwar im Wercke bey ihnen wahr war / daß Herrschafften offt mehr dem Ruffe / als dem Wesen nach auf festen Füssen stehen. Denn wie dem Britannischen Könige ein Reichs-Rath diesen schlauen Anschlag gegeben hatte / daß die Bataver / wie ihre unbewegliche Pfützen / durch Ruhe verderben müsten; Also ereignete sich freylich / daß die Bataver theils durch Sicherheit / in dem sie ihre Macht so feste beraset zu seyn vermeinten / daß sie allen Nachbarn die Spitze bieten könten / theils durch die vortheilhaffte Kauffmannschafft guten Theils der Waffen und ihrer streitbaren Art vergassen. Worzu sie nicht allein die Süßigkeit des Gewinns / sondern die von denen listigen Britanniern an die Hand gegebene Gelegenheiten; ja der Batavischen Fürsten eigne Anleitungen verführten; als welche ebenfalls durch Verzärtelung der Bataver ihre vorhin mercklich verschrenckte Gewalt zu vergrössern anzielten. Insonderheit gab Hertzog Waldau durch Einführung gewisser Handlungs-Gesellschafften auch dem Adel Anlaß / sich in die Handlung zu verwickeln. Und ob wohl der Catten Gesandter dem Batavischen Adel die Gewohnheit ihrer Vor-Eltern / welche alle Kauffmannschafft bey Verlust des Kopffes aus ihren Gräntzen verbanneten / wie auch daß das Gewerbe die hertzhafftesten Gemüther verzagt / und nach der Süßigkeit auch eines unanständigen Friedens lüstern machte / einhielt; so setzten doch die Werckzeuge[363] des Fürsten Wodan diesen Erinnerungen entgegen: Die Kauffmannschafft wäre der alten Scythen und fast aller Völcker bestes Gewerbe gewest. Die Phönicischen Handelsleute hätten sich durch ihr Gewerbe zu Fürsten / die Stadt Tyrus zu einer Beherrscherin vieler Länder / und Carthago bey nahe zum Haupte der Welt gemacht. Der grosse Gesetzgeber Solon / und die berühmtesten Weltweisen Democritus und Socrates hätten sich zu handeln nicht gescheuet / und der göttliche Plato wäre durch den in Egypten getriebenen Oel-Handel reich worden. Dem Thales hätte die Vermählung seiner Sternkunst und Kauffmannschafft grossen Wucher einbracht. Die Römische Ritterschafft hätte durch Kauffmannschafft ihren Glantz behalten; Lucius Petius zu Panormus /Qvintus Mutius zu Syracusa dardurch ein grosses erworben. Käyser Julius wäre eines Wechslers Enckel /und der König Tarqvinius Priscus / so wol als der grosse Bürgermeister Cicero / eines Kauffmanns /nehmlich des Damarats Sohn gewest / ja Tarqvinius selbst und der grosse Pompejus hätten Handlung getrieben. Die über des Adels Auffnehmen eifernde Fürsten hätten durch Abschneidung des Gewerbes selbtem arglistig die Flügel zu verschneiden getrachtet /und solches dem kleinmüthigen Pöfel zugeschantzt. Hätten Curius / Scipio und andere grosse Helden /wie auch fast aller Völcker Adel dem Feldbaue als einer der Ritterschafft anständigen Bemühung obgelegen; warum solte die Kauffmannschafft / welche die Hand in Seide / Gold / Perlen und den edelsten Gewächsen hätte / selbter verkleinerlich seyn? Die Handlung wäre ja ein Grundstein eines Reiches; welche das Vermögen als die Spann-Adern des gemeinen Wesens beytragen müste. Die Griechen hätten das Schiff der Argonauten als ein Sinnebild der Kauffmannschafft unter die Gestirne versetzt; weil sie wol gesehen / daß sie ein beweglicher Angelstern eines Landes wäre. Hiermit erreichte Fürst Wodan seinen Zweck; die Bataver wurden wohl / wie die andern Gallier / reicher / aber auch weibischer. Weil nun Wodan nicht ohne Mißgunst wahrnahm / wie die Gallier dem Käyser auf sein Wincken zu Gebote stunden / die Britannier auch dem / was sie ihren Königen an Augen ansahen / durch Befolgung zuvor kamen; ward er verdrüßlich / daß er mehr ein Diener / als Gebieter der Bataver seyn / und nach der Deutschen Art nur mit seinem Beyspiele / nicht mit Befehle sie zu Beliebung eines oder des andern Dinges bringen solte. Daher fing er an nach und nach etwas weiter zu greiffen. Die Wohlthaten seiner Vorfahren hatten ohnediß dem Volcke eine Liebe gegen sein Geschlechte eingeflöst; diese aber ist nicht selten eine Stief-Mutter der Freyheit und eine rechte der Dienstbarkeit. Also war fast iederman seinen Befehlen zu gehorsamen geneigt; und ie begieriger einer zu dienen war / ie mehr ward er vom Volcke gepriesen / und vom Fürsten erhoben. Das Glücke bot seinem Vorhaben gleichsam die Hand / weil zwischen denen Eubagen / die die Bataver zu ihren Priestern und daher auch zu ihren vornehmsten Leitern hatten / sich über gewissen Meinungen Zwist entspan / und sie dardurch ihre alte Gewalt schwächten. In diese Zwytracht wickelte sich Hertzog Wodan unter dem Scheine sie zu vereinbaren / in der Warheit aber sich / nach der Römischen Käyser verschmitzten Beispiele / zum obersten Priester zu machen. Die klügern Vorsteher des Landes merckten numehr / wohin Wodan zielte; daher waren sie bemüht dieser Fluth bey Zeiten einen Tamm entgegen zu bauen; und schlug der edle Bisuar / den die Bataver für einen göttlichen Wahrsager hielten / allerhand kluge Mittel für; wordurch Wodan unvermerckt in den Schrancken voriger Fürsten / die Bataver aber bey ihrer alten Freyheit erhalten werden möchten. Unter andern rieth er / daß die zwistigen[364] Eubagen nicht ihnen selbst Recht sprechen / sondern für einer allgemeinen Landes-Versammlung verhöret und entschieden werden solten. Wodans Anhang beschuldigte Bisuarn hierüber / daß er dem neuerlichen Irrthume beypflichtete /und dardurch die Herrschafft der Bataver zu zerrütten vorhätte. Wie nun die neue Meinung der Eubagen als irrig verdammt ward / also sprach und schlug man Bisuarn den Kopff ab. Aller ferne sehenden Bataver Köpffe erschütterten sich über dem Falle dieses Haupts; ihre Hertzen flossen mehr von Thränen / als ihre Augen; weil aber das gemeine Volck / das ohnediß sich über so blutigen Schlacht-Opffern zu ergetzen pflegt / auff Wodans Seite stand / war niemand so behertzt / daß er hierüber seine Empfindligkeit hätte blicken lassen. Die Wunden der Beleidigten heilte die Zeit nach und nach zu; Die Freyheitliebenden gewohnten endlich des Gehorsams / und niemand war / der den tapffern Wodan nicht zu herrschen / und seine Verdienste nicht einer grossen Vergeltung würdig schätzte. Also erlangte dieser Fürst fast eine vollmächtige Botmäßigkeit / und verließ sie seinem Nachfolger Dagobert. Dieser machte zwar durch seine Vermählung mit des Caledonischen Hertzogs Tochter sich vermögender / aber auch verdächtiger. Insonderheit wuste er nicht so wol als Wodan in gefährlichen Entschlüssungen frembdes Wasser auf seine Mühle zu leiten / und ihm den Vortheil / andern aber den Haß zuzueignen. Wie er nun die seinem Vorhaben widrige Stadt Batavodur mit der ihm anvertrauten Kriegs-Macht zu überrumpeln vergebens versuchte; Also starb er hierauf unverlängt / entweder aus Gramschafft über seinem entdeckten aber fehlenden Anschlage / oder etlicher Meinung nach durch Gifft. Denn insgemein wird über unvermutheten Todes-Fällen der Fürsten also geurtheilt / gleich als wenn sie nicht denen gemeinen Gesetzen der Sterbligkeit unterworffen / oder insgesamt ein Ziel der Verrätherey wären Sein Tod zohe vielen / welche die alte Freyheit noch in ihrem Hertzen besassen / die Larve vom Gesichte. Denn nach dem doch ein niemahls fehlender Schluß des Verhängnüsses ist / daß von dem Vorhaben der Fürsten nichts verschwiegen bleiben kan; daß die Wände ihrer geheimsten Zimmer und Schlaffgemächer auswendig der Nachwelt als helle Spiegel für Augen stellen / was inwendig im verborgensten begangen wird; so ist insonderheit der Tod / wenn alle andere stumm bleiben / ein Verräther ihrer Geheimnüsse / welcher durch das Horn des gemeinen Ruffes der gantzen Welt kund macht / was mehrmahls der oberste Staats-Rath nicht gewüst hat. Welche Begebnüß Fürsten alleine eine genungsame Ursache seyn solte / nichts niedriges in ihre Gedancken zu fassen /als von welchem hernach die Welt ewig reden wird. Ja weil das Geschrey von so schnellem Gewächse ist /daß es über Nacht aus einem Zwerge zum Riesen wird / und bey Abwegung der Gemüths-Eigenschafften die Verläumbdung dem Gewichte des Guten iedesmahl ein Steinlein unvermerckt weg nimmt und dem Bösen zulegt; ereignete sichs auch / daß vom Dagobert ausgesprengt ward / er hätte mit den Caledoniern und Römern ein Verständnüß gehabt / wie er die Bataver ihm als Leibeigne unterthänig machen könte. Alldieweil denn das Böse insgemein glaubhaffter als das Gute ist / und über den gemeinen Ruff auch die reineste Unschuld schwerlich einen Richter findet; blieb dem verstorbenen Dagobert viel nachtheiliges auff dem Halse. Sein verlassener Sohn Cariovalda /ein Kind von wenigen Monaten / war ohnediß der Herrschafft unfähig / und verfiel unter die Vormündschafft derer / welche der Freyheit geneigt und der Herrschafft Spinnenfeind waren. Also ward Cariovalda nicht nur mehr Bürgerlich als Fürstlich erzogen /sondern es ward die gantze Herrschens-Art umgekehret; in[365] dem nicht nur wie in Gallien / vermöge der von denen Maßiliern bekommenen Richtschnur / der Adel / sondern auch ein Ausschuß des gemeinen Volcks zu der Herrschafft gelassen ward. Ja etliche Eiverer für die Freyheit machten ein eidliches Bündnüß / daß sie Dagoberts Geschlechte nimmermehr ihnen so sehr zu Kopffe wachsen lassen / noch dem jungen Cariovalda die Waffen und höchsten Aemter des Landes in die Hände geben wolten. Massen denn auch alle Festungen nicht so wohl im Kriege erfahrnen Edeln / als welche im Verdacht waren / daß sie allezeit einen Hang zu Fürstlicher Herrschafft / und eine Abscheu für der Bürgerlichen hätten / sondern mehr niedrigern und daher umb leichtern Sold dienenden Leuten an vertrauet wurden. Denn die bürgerliche Herrschafft ist geneigt zur Sparsamkeit und geschickter zu Unterhaltung des Friedens / als des Krieges. Daher wuchs auch bey den Batavern die Handlung und das Reichthum also / daß dieses die Hibernier und Sitonen in die Augen stach / und dem Drusus Anlaß gab / diese den Batavern / welche / seinem Angeben nach / numehr so wol ihnen als den Römern in den Schiffarthen Gräntzen und Gesetze fürschreiben wolten / auf den Hals zu hetzen. Die Bataver kriegten von des Drusus Ungewogenheit zwar Wind; Sie konten iedoch einige erhebliche Ursache eines Krieges nicht ersinnen; gleich als wenn selbte nicht wohl ehe die Herrschenssucht vom Zaune zu brechen pflegte. Die Catten / Sicambrer und Usipeter warnigten zwar die Bataver / boten ihnen auch wider die Römer ein Bündnüß an; aber das erste vermehrete nur mehr ihren Argwohn / als ihre Kriegs-Verfassung / und das letztere anzunehmen war ihrer Kargheit wegen gefoderter Hülffs-Gelder bedencklich; da doch auch die / welche / frembdes Geld nicht zu begehren / beym eignen sparsam / bey des gemeinen Wesens Gütern geitzig zu seyn der Schuldigkeit erachten / keine Verschwendung heilsamer halten / als die zu Erhaltung der alten Bundsgenossen geschiehet. Viel derer / die im Rathe sassen / und zwar die Friedens-nicht aber die Kriegs-Künste verstunden / hatten ihre unfähige Anverwandten zu Kriegs-Häuptern in die Festungen eingeschoben; andere heuchelten ihnen selbst mit dieser schädlichen Einbildung: Gott und die Natur hätte die Bataver so befestigt / daß / da Käyser Julius über ihre Flüsse und Sümpffe zu kommen sich nicht getrauet hätte / Drusus viel zu ohnmächtig wäre denen etwas abzujagen / welche von den Catten entsprossen /denen die unsterblichen Götter nichts anhaben könten. Drusus / der inzwischen alle deutsche Fürsten durch Gesandschafften der Römer verträulicher Nachbarschafft versichert / viel hohe Bataver mit Geschencken gewonnen / ja den Fürsten der Ubier und Tenckterer gar in ein Kriegs-Bündnüß gebracht hatte /zohe mit drey mächtigen Kriegs-Heeren an; die festesten und fast unüberwindlichen Gräntz-Städte Grinnes / Vada und Arenacum giengen ohne einige Gegenwehr / theils aus Verrätherey der bestochenen Gewalthaber / theils aus Mangel genungsamer Besatzung /theils aus Gebrechen des nicht herzugeschafften Kriegs-Vorraths über. Der zu Vertheidigung des Rheinstroms bestellte Kriegs-Oberste wieß den Römern selbst den Furth. Also ward in Monats-Frist das halbe Gebiete der Bataver gleichsam ohne Schwerdschlag eingenommen. Jederman flüchtete in die Eylande der einverleibten Taxanter; und wenn nicht noch einige treue Leute das Land mit Durchstechung der Tämme / wiewol mit unschätzbarem Schaden / unter Wasser gesetzt hätten / wäre die Haupt-Stadt Batavodurum / und die gantze Herrschafft in die Hände der Feinde verfallen. Hieran war es aber noch nicht genung / sondern auff der andern Seite zohe noch ein Wetter auf / in dem der Hibernier König / ungeachtet seines mit den Batavern unlängst verneuerten Bündnüsses /[366] mit einer mächtigen Kriegs-Flotte sie / wiewohl mit schlechtem Vortheil / antastete. Denn die Bataver / Taxandrer und Friesen / welche wegen ihrer grossen Handlung die erfahrensten See-Leute waren /und bey so fernen Schiffarthen wider die See-Räuber den Wasser-Krieg geübt hatten / schlugen die Hibernier nicht allein aus der See / sondern es zohen auch Himmel und Winde wider sie in Krieg. Unterdessen schwebten die Bataver gleichwohl in dem gefährlichsten Schiffbruche. Der Verdacht unter ihnen selbst stieg so hoch / daß keiner dem andern trauete / und ein ieder sich für seinem Nachbar als einem Verräther fürchtete. Also ward alles gute Verständnüß zerrüttet / alle nöthige Anstalt versäumet / die Klügsten verwirret / und die Hertzhafftesten feige gemacht. Der zur Enderung geneigte Pöfel fing anfangs an nach der Fürstlichen Herrschafft zu seuffzen / bald darauf aber darnach zu schreyen / und den jungen Cariovalda eigenmächtig um seine Beschirmung anzusuchen. Der Rath spitzte zu diesem nachdencklichen Ansinnen gewaltig die Ohren; und ob zwar / vermöge eines neuen Staats-Gesetzes / niemand bey Verlust des Kopffs die Fürstliche Herrschafft auff den Teppicht bringen solte / auch allgemeiner Meinung nach / alle Fürstlichgesinnte aus dem Rathe ausgemustert waren; so erkühnte sich doch Enno / ein alter von Adel / der dreyer Fürsten Helden-Thaten noch mit seinem Auge gesehen hatte / in der Versammlung aufzustehen / und diesen Vortrag zu thun: Die Liebe des Vaterlandes verknüpffte einen iedern auch wider die Gesetze sich aufzulehnen / wenn sie dem gemeinen Wesen anfingen schädlich zu seyn. Denn man schnidte auch Arm und Bein ab / wenn der sich darein fressende Krebs den gantzen Leib anstecken wolte. Dieses nöthigte ihn wider diß zu reden / was dem Fürsten Cariovalda an Beherrsch- und Erhaltung der Bataver hindern möchte. Er fürchtete nicht die auf solche Freyheit gesetzte Straffe. Denn er würde von den Händen des Scharff-Richters rühmlicher / als in einer blutigen Schlacht fürs Vaterland sterben. Diß aber könte dißmahl nicht anders / als durch einhäuptige Herrschafft erhalten werden. Diese wäre der Bataver und aller Völcker älteste und heilsamste Herrschens-Art. Rom hätte sich selbter mit dem Tarqvinius zwar entschlagen / bey seiner Verwirrung und Abfall aber hätte es von dem gäntzlichen Untergange nicht anders errettet und zu einem kräfftigen Leibe werden können / als daß sie den Julius sich ihnen zum Haupte machen liessen. Das gantze gemeine Volck der Bataver widersetzte sich itziger Freyheit und dem Rathe; die sich also zertreñnenden Glieder vermöchte aber nur einer vereinbaren / dem sich niemand zu widersetzen berechtiget wäre. Diß aber hätte in vieler Herrschafft nicht statt. Bey geschwinden Kranckheiten / wie die gegenwärtige Zwytracht und Verfallung der Bataver wäre / müste man kräfftige Mittel brauchen. Keine Herrschens-Art aber hätte mehr Nachdruck / als die einzele / wo die Gewalt zu schlüssen in eben dem Haupte beruhete / das der Hand die Ausübung anbefehlen könte. Vieler Herrschafft wäre nur so lange vorträglich / als Tugend / Arbeitsamkeit und gute Sitten im Schwange gehen. Wenn die aber verfallen und bey einschleichender Ungleichheit die Edlern / Reichern oder Geschickten andere überlästig werden /also das Armuth den Pöfel zu unrechtem Gewinn /das erduldete Unrecht zur Rache / die Verschmehung zu verzweiffelten Entschlüssungen zwinget; müste zwischen beyden ein vermögender Mittler / Richter und Beschirmer aufwachsen / wo nicht beyde einander zermalmen solten. Die vorige Gleichheit hätte unter den Batavern aufgehöret; die Kauffleute wären zu reich / die Handwercker[367] zu arm / der Adel zu sehr gedrückt. Die Sparsamkeit wäre in Eitelkeiten der Kleider / der Häuser / der Blumen und Gemählde zur Verschwendung / die guten Sitten zu Lastern / ihr einträchtiger Gottesdienst zu einer vielköpfichten Schlange seltzamer Meinungen worden. Der meisten Gemüther wären nicht hertzhafft und streitbar genung zu einer Herrschafft des Volckes; die wenigsten geneigt denen fürtrefflichern zu gehorsamen; Die Vermögenden wären alle selbst zu herrschen begierig; Die Schwächern nach der Dienstbarkeit lüstern / jene spotteten der Obrigkeiten / diese der Freyheit; jene thäten böses aus Verwöhnung / diese aus Noth; Also hätte müssen gegenwärtige Zerrüttung erfolgen; ja wenn auch das Vaterland nicht so auff der Schüppe stünde / erforderte die Eigenschafft so widriger Neigungen / daß sie alle einem Cariovalda unterthänig würden. Alle Anwesenden im Rathe höreten ihn gedultig / sahen einander an / niemand aber erkühnte sich ein Wort darzu zu sagen / biß der gemeine Redner auftrat / und zwar seine Rede von dem Lobe der unschätzbaren Freyheit anfing; Als er aber der meisten Rathsherren vorhin ausgeleuterte Gesichter gleichsam von einem Unwillen überwölcken sahe; wendete der verschlagene Redner seinen Schluß dahin / daß man bey euserster Noth solch güldenes Kleinod der Freyheit / wie die Schiffenden ihre köstliche Ladung / um das Schiff nur zu erhalten / ins Meer werffen / und durch gutwillige Unterwerffung des unvermeidlichen Herrschers Gemüthe besänfften / also ein Theil oder nur einen Schatten der alten Freyheit nebst Mäßigung der Dienstbarkeit erhalten müste. Derogestalt müste man freylich der Neigung des Volckes folgen; oder vielmehr durch Ausruffung des Cariovalda für ihren Fürsten denen hefftigern Thätligkeiten des Volckes vorkommen. Gleichwol aber stellte er zu der gegenwärtigen Landes-Väter Nachdencken: Ob nicht dem Cariovalda die Herrschafft nach Art der Römischen Dictatorn nur auf gewisse Zeit anzuvertrauen /auch mit gewissen Gesetzen zu umschrencken wäre? Enno aber begegnete diesem nunmehr mit einer hertzhafften Freyheit: Cariovalda würde sich nicht weigern die Eydes-Pflicht und Verbindung gegen die Bataver nach dem Beyspiele und der Maßgebung seines Vaters und Großvaters abzulegen. Nimmermehr aber würde er seine Achseln ihrem gebrechlichen Staat unterschieben / wenn er nach überstandener Noth einer verkleinerlichen Absetzung zu erwarten hätte. Die Römer hätten nur zu solcher Zeit / wenn ein Theil des gemeinen Wesens zerrüttet gewest / einem auf gewisse Zeit die oberste Gewalt anvertrauet. Bey itzigem Zustande der Bataver aber dräueten alle Wände den Einfall; daher müsten sie / wie die Römer zuletzt / einen beständigen Fürsten / keinen veränderlichen Verwalter haben. Niemand war im gantzen Rathe /der nicht gleichsam mit zusammen klopffenden Händen dem Enno beyfiel; ieder wolte unter den Abgesandten seyn / die dem Cariovalda die neue Herr schafft antragen / oder dem Volcke andeuten wolte. Als auch Cariovalda im Rath erschien / welchen das Volck mit unzehlbarem Zulauff und tausenderley Glück wünschen begleitete / trachtete ieder durch Ausdrückung seiner über dieser neuen Wahl geschöpfften Vergnügung dem andern vorzukommen. Die gemeinsten Lobsprüche waren / daß das Verhängnüß zu Hohne des Glückes / als einer widrigen Stiefmutter den Fürsten Cariovalda zum Vater des Vaterlandes erkieset / und seine Tapfferkeit zu einer gesicheren Gräntz-Festung / als ihre grossen Flüsse und Lachen dem Feinde entgegen gesetzt hätte. Mit diesem Fürsten gienge bey so grossen Ungewittern den Batavern ein heilsames Gestirne der Wohlfarth auff. Das Volck dörffte nunmehr nur um den Fürsten /nicht mehr um[368] das ihm allzusehr angelegene Heil bekü ert seyn. Als auch Cariovalda den Eid seiner Vor-Eltern willig ablegte / rieff der gantze Rath: die Grösse dieses Fürsten wäre nicht nach der engen Herrschafft der Bataver; die vollkommenste Gemüths-Mäßigung aber wohl nach seinem Ehrgeitze abzumessen. Also pfleget iederman und zwar die / welche vorhin die hartnäckichsten Eiverer für die Freyheit gewest /bey veränderter Herrschafft in die Dienstbarkeit des neuen Fürsten zu rennen. Je edler einer von Geschlechte / ie ansehnlicher er an Verdiensten oder Würden ist / ie tieffer demüthigt er sich und verhüllet wie die Sterne gleichsam für der auffgehenden Sonne seinen Glantz; wormit er dem Fürsten nicht verdächtig sey / noch sein im Hertzen insgemein steckender Unwille nicht aus einer Kaltsinnigkeit herfür blicke. Je unfähig- oder boßhafter auch der Fürst ist / ie niedrigere Unterwerffung erfordert theils seine Eigenschafft / theils der Unterthanen sicherheit / wormit jener sich nicht für verächtlich oder verhaßt zu seyn einbilde / und diese zu unterdrücken sich entschlüsse.

Cariovalda brachte durch so willigen Gehorsam /und die Hülffe der Menapier die verworrenen Sachen der Bataver gleichwohl etlicher massen wieder zu Stande / die noch übrigen Pässe wurden besetzt / und die Hibernier wurden zum andern mahl aus der See geschlagen. Dieses Glücke vergrösserte hingegen die Verbitterung des Volcks gegen die vorige Herrschafft. Ein gemeiner Mann beschuldigte einen der fürnehmsten Räthe / daß er die fliehenden Hibernier zu verfolgen verhindert / und dem Cariovalda nach dem Leben gestanden hätte. Die erste war eine offenbare Verläumdung / das andere eine Anklage ohne Beweiß. Gleichwohl nahmen ihn die Richter in Hafft / der Pöfel aber kam dem Urthel durch eine unmenschliche Zerfleischung sein und des gemeinen Redners zuvor. Also weiß der blinde Pöfel weder die Tugend von den Lastern zu unterscheiden / noch in Liebe und Haß Maß zu halten; sondern es wird der gestern mit Frolocken bewillkommte Camillus / Themistocles und Cimon heute ins Elend verstossen / dem grossen Miltiates / dem Griechenland die Freyheit zu dancken hatte / wird nicht nur ein Krantz von Oelblättern versagt / sondern er muß so gar im Kercker verschmachten. Der redliche Nuncius wird von dem wütenden Volcke zerfleischet / daß es dem schlimmsten Bürger die bestimmte Würde zuschantzen könne. Denn wie bey einer bürgerlichen Herrschafft auch die grösten Wohlthaten und Verdienste von niemanden als ihm geschehen geschätzt / sondern wegen Vielheit derselben / denen sie zu gute kommen / gleichsam zu Soñen-Staube werden; Also machet hingegen der Verdacht iede Mücke zum Elephanten / und es ist kein Bürger so geringe / der nicht meine / daß durch einen schlechten Fehler an ihm die Hoheit der Herrschafft verletzt worden sey.

Unterdessen ward durch Vertilgung anderer hohen Bäume / welche gleichwohl noch einigen Schatten auff den Cariovalda warffen / seine Botmäßigkeit mehr ausgebreitet und befestigt. Hingegen ist unschwer zu urtheilen: Ob die neue Eintracht der Bataver / oder die kluge Anstalt des Cariovalda / oder auch das mit seinen eigenen Geschöpffen endlich eiffernde Glücke dem siegenden Drusus in Zügel fiel /und seinen Eroberungen / wiewohl nicht für seiner Ehrsucht ein Grentzmahl steckte. Gleicher Gestalt stieß sich die Macht der Ubier und Tenckterer an der Stadt Baduhenna / davon ein Cattischer Sanqvin die Belägerer mit ihrem grossen Verlust und seinem Ruhme abschlug.

Inzwischen nahmen die Sicambrer / Usipeter und Catten gleichwohl wahr / daß es nicht rathsam wäre /die Römer in der Nachbarschafft mächtiger werden zu lassen; Insonderheit aber riethen die Catten / entweder aus einer alten Zuneigung zu den Batavern / oder aus einer vernünfftigen[369] Staats-Klugheit: Es solten die Deutschen mit den Batavern diesen nach Uberwindung der Rhetier alleine noch übrigen Thamm / zwischen der Römischen und Deutschen Herrschafft /nicht zerreissen lassen. Durch der Bataver Thore würden sie in das Hertze Deutschlandes einbrechen / ja ihnen gleichsam in Rücken gehen können. Die Natur wäre hierinnen selbst ihr Wegweiser / welche / wormit zwey Meere nicht zusammen brächen / die darzwischen stehenden Vorgebürge mit so steilen Felsen befestigt hätte; Oder auch heute durch die Wellen an diesem Ecke wieder ansetzte / was die Fluth gestern an jenem Ende abgespielt hätte. Wiewohl nun einige Fürsten unter ihnen sich auff keine Seite schlagen /und den Ausgang als Zuschauer des Spieles erwarten wolten; insonderheit auch die Römer durch ihre Gesandten alle deutsche Fürsten ihrer beständigen Freundschafft versichern liessen; und deßwegen die Ubier und Tenckterer allen andern entgegen setzten: daß die empfangene Beleidigung keines weges aber die Furcht für dem sich vergrössernden Nachtbar eine rechtmäßige Ursache des Krieges wäre; so hielt ihnen doch der großmüthige Hertzog der Usipeter und Estier ein: Die Freyheit wäre ein so edles Kleinod / welches zu erhalten alle eusserste Mittel zuläßig wären. Eine vernünfftige Beysorge solches einzubüssen /rechtfertigte alle Beschirmungs-Mittel / wenn die Furcht anders nicht eine weibische Kleinmuth / und insonderheit der siegenden Nachbar herrschenssüchtig / und zu ungerechtem Kriege geneigt wäre. Weil nun die Römer ihnen ein Recht die gantze Welt zu beherrschen einbildeten / sie nicht einst eine Ursache des wider die Bataver angesponnenen Krieges zu sagen wüsten; mit ihrer Eroberung aber sich zu Herren des Nord-Meeres und zum Gesetzgeber gantz Europens machten / die Deutschen aber bereit hundert mahl unrechtmäßig beleidiget hätten; so solten sie sich ja ihrer Nachbarn Unterdrückung zu Hertzen gehen /und der herrschenssüchtigen Römer Versicherungen nicht einschläffen lassen. Indem die Beleidigten immer das angethane Unrecht vergessen / oder vielmehr aus einer knechtischen Zagheit verschmertzet /und sich nur immer das würcklich angegriffene Volck ihnen zur Gegenwehre gestellt hatte / wäre ihrer so vielen das Joch an Hals geleget worden. Den Deutschen würde allein die dem Ulysses verliehene Gnade jenes Cyclopen zu statten kommen / daß er ihn zuletzt fressen wolte. Die es mit keinem Theile hielten /machten sich beyden zum Raube und dem Uberwinder zur Beute. Die Thebaner hätten mehr als die Feinde gelitten / als sie bey des Xerxes Einbruch in Griechenland den Mantel auff zwey Achseln getragen /hingegen die Etolier es dem Bürgermeister Qvinctius zu dancken / daß sie auff seine Beredung sich mit den Römern wider den Antiochus eingelassen. Diese hertzhaffte Entschlüssung der Deutschen ward mit einer grossen Tapfferkeit ausgeübt. Die Deutschen setzten mit Gewalt über den Rhein / ob schon die Fürsten der Ubier und Tencterer ihnen allenthalben die Uberfarth verweigerten / wo sie den Feinden den Weg gewiesen hatten. Drusus / welcher ohne diß denen Trevirern und andern von den Deutschen entsprossenen Galliern nicht trauen dorffte / ward gezwungen ausser wenigen Besatzungen seine gantze Kriegs-Macht aus dem Gebiete der Bataver zu ziehen / und den Deutschen am Rheinstrome entgegen zu setzen. Weil nun Cariovalda bey dieser Erleichterung die Hände gleichsam in die Schooß legte / ausser daß er die Stadt Fletio einnahm / und das verlassene Traject besetzte / hingegen Drusus etliche frische Legionen an sich zoh; wurden die Sicambrer und Usipeter gezwungen sich zurück über den Rhein zu begeben. Drusus folgte selbten mit Hülffe der Ubier und Tencterer; Und nach dem der Deutschen Bündnis entweder[370] noch nicht recht zusammengeronnen / oder sie wegen des Ober-Gebiets im Kriege mit einander zwistig waren / wo nicht gar Verdacht gegen einander hegten / gingen ihre Kriegs-Völcker zurück und von sammen. Dem Drusus konte das Glücke keinen grössern Vortheil als diese Zwytracht der Feinde zuwerffen; gleichwohl wuste er nicht / ob sie nicht aus einem geheimen Verständnisse derogleichen Uneinigkeit annehmen / und / um ihn in ein Netze zu locken / ohne Noth zurück wichen. Daher übte er alleine seine Rache durch Einäscherung etlicher Flecken aus / und gab für: Er wolte seine zwistige Feinde nur ihrer eigenen Auffreibung überlassen / weil er kein Jäger wäre /daß er das Wild in unwegbaren Wildnüssen auffsuchte.

Alldieweil aber Drusus auskundschaffte: daß der Theudo der Friesen / und Ganasch der Chautzen Hertzog denen Batavern grossen Vorschub gethan hatte /auch die Deutschen Fürsten zu einem allgemeinen Bündnisse anreitzeten; Er auch über diß wahrnahm /daß die Bataver bey ihrem etliche Jahr getriebenen Kriegs-Handwercke wieder auff die alten Sprünge kämen / und / wie vor Zeiten die Thebaner von denen Lacedemoniern / also die Bataver von den Römern die Ubung der Waffen erlerneten / und daher den Krieg mit ihnen auff eine Zeitlang abzubrechen / oder sie vielmehr einzuschläffen für thulich hielt / wie nichts minder vernünfftig überlegte / daß die Römer denen Deutschen nichts anhaben würden / wenn sie ihnen nicht ans Hertz kämen / welches aber anderer Gestalt nicht als über das Nord-Meer / und durch Bemächtigung eines grossen Stromes geschehen könte; Als beschloß nach getroffenem Stillstande mit den Batavern er bey den Friesen und Chautzen einen unversehenen Einbruch zu thun / in der Hoffnung / daß wenn ihm dieser Anschlag von statten ginge / sein Ruhm aller andern Römer Siegs-Kräntze verdüstern würde. Sintemahl die Friesen unter den Deutschen so berühmt waren / und sie keinem sterblichen Menschen an Treue und Tapfferkeit nichts bevor gaben; wolte Drusus sein Heil versuchen / an ihnen Ehre einzulegen. Nachdem ihm aber vorwerts die tieffen Moräste / auff dreyen Seiten das Meer / die Flevische See / und der Emse-Strom am Wege stand / unterfing er sich eines verzweiffelten Wercks mit erwünschtem Ausschlage. Denn er machte einen tieffen und breiten Graben acht tausend Schritte lang / und führte einen Arm des Rheines in die Nabal oder Sala / baute aldar eine Festung Drususburg / und vergrösserte von dar biß in die Flevische See den Busem des Flusses; also / daß er mit den grossen Schiffen darein / und ferner um Frießland in das grosse Meer schiffen konte. Weil auch hierdurch das Land der Bataver und Caninefater / welches sonst jährlich von dem Rheine überschwemmet ward / einen grossen Vortheil erreichte; liessen es jene nicht ungerne geschehen / diese aber ihnen nebst den Römern daran recht sauer werden. Rhemetalces fiel dem Adgandester hier ein: Es hätte es Drusus ihm in alle Wege für ein grosses Glücke zu schätzen / daß seine Tugend hierinnen die Natur übertroffen / und die von dem göttlichen Verhängniße gesetzte Grentzen einem so grossen Strome verändert hätte. Die Götter hätten durch ihre Weissagungen nicht allein derogleichen Fürnehmen den Menschen wiederrathen / sondern auch ihre darüber bestehende Hartnäckigkeit mehrmahls mit Ernst unterbrochen. Sesostris wäre gemeint gewesen / das rothe und Mittelländische Meer zusammen zu führen / hätte aber über hundert und zwantzig tausend Menschen darüber sitzen lassen. Darius / Ptolomeus und Cleopatra hätten sich ebenfalls ohne Frucht unterwunden / und man sehe noch bey der Stadt Arsinoe die Merckmahle[371] vergebener Hoffnung. Ich habe derogleichen unnütze Arbeit in Augenschein genommen / wo Seleucus Nicanor das Caspische und schwartze Meer zu vereinbaren gesucht. Als die Gniedier ein anhängendes Stücke von Carien abschneiden wollen / hätte es ihnen Apollo zu Delphis nicht nur untersagt / sondern die Steine wären denen / die durch selbige Felsen hauen wollen / in die Augen gesprungen / also / daß sie davon abstehen musten. Pyrrhus habe vergebens aus Epirus in Calabrien / Xerxes über den Hellespont eine Brücke zu machen / Diomedes das Gaganische Vorgebürge von festem Lande abzureissen sich bemühet. Daher wolte er es weder selbst wagen / noch einem andern rathen /es dem Drusus nachzuthun / und die Natur zu meistern / welche allen Dingen der Sterblichen am besten gerathen / und so wohl ihren Ursprung / als Ausfluß am weisesten eingerichtet hätte. Ja es würde durch solche Veränderung gleichsam die über Ströme und Berge herrschende Gottheit / denen die Vorwelt Heynen geweihet / und Altäre gebauet / beleidiget. Adgandester antwortete dem Thracischen Fürsten: Wenn aus blosser Ehrsucht / oder einen wenigen Umweg zu verkürtzen / Felsen durchbrechen / aus blosser Eitelkeit Berge abtragen /oder seltzame Gestalten daraus bilden / und einen unbedachtsamen Eifer über einem etwan ertrunckenen Pferde schiffbare Ströme in seichte Regenbäche zertheilen / wie es Cyrus mit dem Flusse Gyndes gemacht / wegen eines freyern Aussehens von einem Lusthause hohe Hügel wegräumen /oder zu blosser Vergnügung des Auges auff fruchtbaren Flächen rauhe Klippen über einander tragen wolte; müste er dem Rhemetalces in allewege beyfallen. Aber wenn derogleichen Wercke zum allgemeinen Nutz / oder aus Noth / und zu Abwendung aller hand Ungemachs / angefangen würden / hielte er sie in alle wege für löblich; Und da die Klugheit hierbey das Richtscheit führte / würden sie auch mit gewünschtem Ausschlage / ihr Stiffter aber mit unsterblichem Nachruhme beseligt. So wenig eine Mutter ihrem Kinde mit der Geburt zugleich alle Vollkommenheiten beylege; so wenig habe die Natur auch ihre Geschöpffe derogestalt gefertigt / daß sie dem menschlichen Nachdencken nichts daran zu verbessern übrig gelassen. Sie habe ja so viel wilde Bäume gezeugt / daß die Kunst ihnen durch Pfropffung hülffe. Dem Agsteine und den schönsten Diamanten müsten die rauhesten Schalen abgeschliffen / das Gold aus häßlichen Schlacken geschmeltzet / die Perlen allererst durchlöchert werden. Der Mensch werde halb wild gebohren / ja die Weißheit selbst sey anfangs eine Bäuerin / und die gantze Welt Barbarn gewest. Warum solte menschlicher Witz nicht auch an rauhe Gebürge und unbeqveme Flüsse Hand anlegen dörffen? Welche die Natur mehrmahls selbst den Lauff der Ströme ändert / ja durch Erdbeben / unterirrdische Winde und andere Verrückungen der aus dem Meere in die Gebürge gehenden Wasserröhre / neue Flüsse machet / und die Felsen in Seen verwandelt? Er wolte sich mit keinen Ungewißheiten / als daß der Phönicische Hercules bey Gades / das Mittelländische und das grosse Welt-Meer / der Cimmerische die Ost- und West-See zusammen gegraben haben solle / behelffen. Allein es habe nicht nur Drusus mit dem Rheine /sondern auch Marius mit dem fast gantz versändeten Rhodan / den er an einem andern tiefferen / und für dem Sturme sicheren Orte ins Meer geleitet / es glücklich ausgeführt. Cyrus habe durch Ableitung deß Flusses Phrat sich der Stadt Babylon / Käyser Julius mit Zertheilung des Flusses Sicoris / Hispaniens bemächtigt / Segimer mit Schwellung der Ocker die Haupt-Stadt der Camplacer erobert. Für weniger Zeit habe Grubenbrand / der fürtreffliche Hertzog der Sicambrer / Longobarder und Estier /[372] den Viader mit der Spreu vereinbart / und auch die Schiffarth in die Elbe und West-See: Vereingetorich der Gallier König aber den Fluß Garumna mit dem Mittel-Meere verknüpffet. Daß die Götter sich solchen Unterwindungen nichts minder als Jupiter der von den Riesen fürgenommener Zusammentragung der Berge widersetzten / wäre ein Wahn der Abergläubigen / oder ein Fürwand der Faulen. Zum letzten gehörte das Gedichte / daß die Gespenster die Arbeiter / als Tuisco die Donau und den Meyn in einander leiten wollen / weggetrieben hätten; Zum ersten / daß eben damahls / als er diß mit der Arar und Mosel fürgenommen / biß was im Tage gearbeitet worden / die Schutz-Götter selbiger Flüsse des Nachts wieder eingerissen hätten. In dem jenes Träume oder Gedichte der Werckleute /hier aber der viele Regen und der Schwämmichte Bodem die Ursacher gewest. Insgemein zernichtete diese Wercke die unbedachtsame Fürnehmung einer Unmögligkeit / oder nebst übeler Anstalt zufällige Hinderniße. Also hätte Darius die Vereinbarung des rothen- und Mittel-Meeres nahe zu Wercke gerichtet /und seinen Graben dreyßig Ellen tieff und hundert breit schon biß auff 38000. Schritte vollendet gehabt; Er hätte aber / um Egypten nicht zu ersäuffen / zuletzt abstehen müssen / nachdemer allzuspät wahrgenommen / daß das rothe Meer wohl drey Ellen höher gelegen wäre. Gleicher gestalt hätte der hohe Phrat sich mit dem niedrigen Tigris / der dürre und felsichte Bodem den Avernischen See mit dem Munde der Tiber nicht wollen vermählen lassen. Silem der Scythen König wäre nahe daran gewest / die Tanais an die Wolge zuhängen / wenn es die Massageten nicht mit Gewalt verwehret hätten. Ein Todesfall wäre Ursach / daß in Persien nicht die Flüsse Miana und Tirtiri / und mit diesen das Caspische und Persische Meer aneinander verknüpfft worden.

Aber wir müssen den Flüssen ihren Lauff lassen /und mit dem Drusus auff seinem neuen Strome zu den Friesen schiffen / welcher denn über die Flevische See mit hundert Schiffen glückselig segelte / und als sich die Friesen von den Römern nichts träumen liessen /sondern in dem Baduhennischen Heyne ein sonderbares Feyer begingen / seine Kriegs-Völcker unverhindert ans Land setzte. Drusus / welcher wohl wuste /was im Kriege an der Geschwindigkeit gelegen war /ließ ihm durch die Gefangenen alsofort den Weg zu dem Friesischen Heiligthume weisen. Die in der Andacht begriffenen / wiewohl nicht gäntzlich entwaffneten Friesen griffen alsofort zur Gegenwehr; Und weil Theudo ihr Hertzog ihnen mit tapfferem Beyspiel vorging / fochten sie wie Löwen / also daß / ungeachtet die mit völliger Rüstung versehenen Römer für den so unversehens überfallenen Friesen einen grossen Vortheil hatten / ihrer dennoch viel erlegt / Drusus und viel Kriegs-Obersten auch verwundet wurden. Endlich aber musten sie der Menge der Römer nachgeben / und nachdem alle ihre in der Eil gemachten Ordnungen durchbrochen waren / ihr Heil durch die Flucht in dem Gehöltze und den Sümpffen zu suchen /sonderlich der Hertzog Theudo hefftig verwundet und hierüber gefangen ward. Nach erlangtem Siege wolte Drusus seinen Durst aus dem unfern von ihm sich befindenden Brunnen kühlen / und mit seinem eigenen Helme daraus Wasser schöpffen; Es rieff ihn aber der gefangene Theudo an / und verwarnigte ihn / daß er durch solch Wasser seiner Gesundheit nicht Abbruch thun solte. Drusus goß das geschöpfte Wasser zur Erden / und fragte: Wer er wäre? und warum ihm denn solches schaden solte? Theudo antwortete: Er wäre der Friesen Hertzog / diß Wasser aber ein gifftiger Brunn / von welchem den Trinckenden die Zähne ausfielen / und die Grelencke in Knien auseinander gingen.[373] Wie nun andere Gefangene diesen Bericht bestärckten / wunderte er sich über der Redligkeit dieses gefangenen Fürsten; welche des Römischen Raths überwog / da sie ihren Feind den König Pyrrhus selbst für Gifft warnigten / als sein Artzt Timochares ihm zu vergeben antrug. Wormit aber Drusus so vielmehr erforschte: Ob Theudo aus Heucheley um dardurch seinen Uberwinder zu besänfftigen / oder aus Großmüthigkeit / ihn gewarniget hätte / fragte er ihn: Warum er wider die Römer die Waffen ergriffen / und den Batavern Hülffe geleistet hätte? Theudo antwortete mit lächelndem Munde / und unveränderter Stimme: Weil ich die Römer für allzu herrschenssüchtig /die Friesen aber für unüberwindlich gehalten. Als nun Drusus ferner erkundigte: Ob er diesen seinen Fehler nunmehr bereuete? versetzte Theudo: Kein Unfall vermöge die Tugend so zu verstellen / daß man sich derselben schämen / oder gereuen lassen solte. Auff fernere Frage des Drusus / wie er in seiner Gefängniß verhalten wolte seyn; erklärte sich Theudo sonder die geringste Veränderung des Gesichtes und der Geberden / wie er meinte / daß es dem Sieger vorträglich /und der Uberwundene würdig wäre. Drusus sahe über so hertzhaffter Antwort diesen unerschrockenen Fürsten eine gute Weile an / und nach einem nachdencklichen Stilleschweigen fragte er ihn ferner: Ob er wohl mit seinen Friesen dem Römischen Volcke treu verbleiben wolte / da ihm selbige länger zu beherrschen verstattet würde? Theudo antwortete so ernsthafft als vorher / und als wenn es ihm gleich gielte / ob er wieder zur Herrschafft kommen möchte oder nicht: Ja / so lange die Römer die Friesen als auffgenommene Freunde und Bunds-Genossen / nicht als Knechte handeln würden. Drusus war hierüber so vergnügt /daß er ihm alsofort die Ketten abnehmen ließ / die Gefangenen loßgab / und den Theudo gegen Versprechen wider die Römer nicht mehr zu kriegen und jährlich tausend Ochsenhäute zu zinsen / in seiner völligen Herrschafft bestetigte. Malovend brach dem Adgandester ein: Es solte ein Fürst in allewege sein Antlitz nicht mit seinem Glücke verändern / sondern dem Widrigen und dem Uberwinder gerade ins Gesichte sehen. Denn die Kleinmüthigkeit des Uberwundenen wäre dem Sieger selbst schimpflich / seine Hertzhafftigkeit aber gereichte ihm zur Ehre / und dem Bezwungenen zur Wohlfarth. Da hingegen die Furcht den Grimm des Feindes nicht mildert / noch das Schrecken iemanden aus der Gefahr zeucht / sondern vielmehr sein Gegentheil muthiger / die Seinigen aber kleinmüthig macht / welche aus dem Antlitze ihres Fürsten / wie aus denen umbhaubten Gipffeln der Berge das bevorstehende Ungewitter wahrnehmen. Alles diß begegnete dem so verzagten Pompejus /welchem nicht so viel der Verlust der Schlacht / als daß er ihm die Kennzeichen eines Römischen Feldherrn selbst abnahm / schadete / und durch seine Erniedrigung eines Verschnittenen Hand wider sich behertzt machte. Ja es schämte sich Emilius / daß er an dem fußfälligen Perseus einen Knecht / keinen Fürsten überwunden hatte. Der Römische Rath konte die Rede des weibischen Prusia nicht aushören / sondern verspeyete seine Zagheit / als er in Sclaven-Kleidern und mit beschornem Kopffe für den Römischen Gesandten zu Bodem fiel / sich einen Freygelassenen deß Römischen Volcks / die Rathsherren aber seine Götter schalt / und die Schwelle des Rathhauses küßte. Hingegen hat der gefangene Hermundurer Hertzog Socas durch seine Großmüthigkeit sein Leben und Ehre errettet / als er Marcomirn / ungeachtet schärffster Bedräuungen / die belägerte Festung Elbburg aufzugeben seinen Kriegsleuten nicht befehlen wolte; Auch als ihm über dem Schach-Spiele das Leben abgesagt ward / er sich daran nichts[374] irren ließ /sondern einen mit ihm spielenden Cattischen Fürsten fortspielen hieß. Adgandester fuhr hierauff in seiner Erzehlung fort: Drusus war von dem durch seine Großmüthigkeit ebener Gestalt geneseten Hertzog Theudo durch gantz Frießland herum geführt / und ihm alles Merckwürdige gezeiget. Letzlich kamen sie an den Mund der Emse / und auff das Eyland Birhanis oder Fabaria / um welche sich dieser Strom in das Nord-Meer außgeust. An ieder Ecke war eine von überaus grossen Steinen auffgerichtete Seule / oder vielmehr übereinander getragener Berg zu schauen. Unten war in einem glatten Stein ein Bild eines alten Schiffers gegraben / der über die Schultern eine Löwen-Haut hencken hatte / in der rechten Hand eine Keule / in der lincken einen Bogen trug. An der Seite hieng ein Köcher / durch das euserste der Zunge ging eine von Gold und Agstein gemachte Kette. Auff dem obersten Spitz-Steine war diese eingegrabene Uberschrifft zu lesen.


Wodan

zeichnete mit diesen Seulen

das Ende seiner

und den Anfang grösserer Helden-Thaten.

Denn die Tugend leidet keinen Grentzstein /

Und das Ziel der Vorwelt soll seyn der Ansprung

der Nachkommen.


Drusus laß an beyden Seulen die gleichstimmige Schrifft mit höchster Vergnügung / und mehr als zehnmahl; fing hierauff zum Hertzog Theudo an: Er finde hier so wohl zwey neue Seulen des Hercules /als sein Bildnis; also solte er ihm sagen: Ob Hercules auch bey den Friesen gewest / und diese Seulen auffgerichtet habe. Theudo antwortete? Weil die alten Deutschen sich mehr bemühet hätten tapffere Thaten auszuüben / als auffzuschreiben / und deßhalben ihre denckwürdigste Sachen in Vergessenheit kommen /oder durch vielfältige Kriege und daher entstandene Feuersbrünste / in Frießland auch durch öfftere Uberschwemmung des Meeres viel Gedächtnis-Mahle wären vertilget worden / wüste er ihm von diesem Helden kein genugsames Licht zu geben. Nachdem aber nicht so gar weit von dar an dem Munde der Schelde des Magusanischen Jupiters Tempel zu finden wäre / schiene es glaublich / daß dieser Wodan der Deutschen Hercules wäre / welchen die Klügern Deutschen nicht / wie die Ausländer ihnen einbildeten / für einen Gott / sondern für einen großmüthigen Helden verehreten; Und / wenn sie eine Schlacht anfingen / zu Auffmunterung des Kriegsvolcks seine Thaten zu singen pflegten. Diesem wären auch zwischen dem Emse und dem Seste-Strom mehr derogleichen steinerne Berge / und an der Lippe ein grosser Wald zugeignet. Jedoch wäre er der Meinung / daß nicht nur ein Hercules sich in der Welt so berühmt gemacht / sondern iedes Volck seinen eigenen gehabt /die Ubereintreffung der Helden-Thaten aber ihrer vielen einerley Nahmen beygelegt hätte.

Drusus brandte bey solcher Besichtigung für Begierde über die Seulen dieses Deutschen Hercules seine Siege zu erstrecken; und er nahm die gefundene Uberschrifft wo nicht für eine auff ihn zielende Wahrsagung / doch zum minsten für eine Auffmunterung an. Denn es kan kein Brenn-Spiegel[375] noch eine Schlange von den Strahlen so sehr als ein tugendhaftes Gemüthe von anderer Ruhme erhitzt werden; ja die Ehrsucht ist begierig so wol diß / was sie zu rühmlichem Beginnen aufgewecket / durch grössere Thaten zu verdüstern / als das Feuer seinen Zunder /und die Natter ihre Mutter zu verschlingen. Diesemnach lieff er mit seiner Schiff-Flotte umb Frießland herumb / fiel darmit die von den Chautzen besetzte Insel Birchanis an / machte sich auch derselben stürmender Hand Meister. Von dannen segelte er in den Einfluß der Jede / und zwar als die Fluth am höchsten war / kam also mitten in dem Gebiete der Chautzen an. Diese Ankunfft war ihrem Hertzoge Ganasch / den sie alle in der Schlacht und an des Feld-Herrn Hofe wohl haben kennen lernen / von etlichen Fischern zeitlich zu wissen gemacht worden. Daher verfügte er sich mit seinen an der Hand habenden Kriegsleuten auf eine der von den Wurtzeln der Bäume zusammen geflochtenen und schwimmenden Inseln / an welche die Römer anzulenden sich eiffrigst bearbeiteten. Als nun von etlichen Schiffen das Kriegsvolck zu Lande kommen war / ließ Hertzog Ganasch die Seinigen solches bewegliche Land fortstossen; fiel hierüber die angeländeten Römer / die nun allererst sich von den andern abgeschnitten und auf einem schwimmenden Lande sahen / so grimmig an / daß alle ausgestiegene entweder von den Waffen aufgerieben / oder ins Wasser gestürtzt wurden. Hierauff befahl er den Seinigen: daß sie sich auf ihren Nachen begeben / und zwar etlicher massen sich gegen die Römischen Schiffe zur Gegenwehr setzen; allgemach aber zurück weichen solten. Bey diesem Gefechte fiel das Wasser bey der Eppe nach und nach ab; also / daß Drusus mit seinen grossen Schiffen auff den Grund gedieg; Hertzog Ganasch hingegen und seine Chautzen mit Geschoß /und insonderheit brennenden Pech-Töpffen selbten hefftig zusetzte / viel Römer erlegten / und unterschiedene Schiffe in Brand brachten. Und es wäre dißmal umb die Römer gethan gewest / wenn nicht das Wasser endlich so weit weggefallen wäre / daß auch die Nachen im Schlamme stecken blieben / zu Fuße aber zu fechten nicht vorträglich oder möglich schien / und die Chautzen sich auff ihre gemachte Sandhügel zurück ziehen musten. So bald nun der Bodem gantz trocken worden / setzte zwar Drusus sein Kriegsvolck von den Schiffen ab / umb weiter hinein ins Land festen Fuß zu setzen; Aber Hertzog Ganasch traff mit seiner geschwinden Reuterey / welche mit großen aus Muscheln zusammen gemachten Schilden bedeckt /und mit langen Spießen gewaffnet war / auf die Römer / welche denn mit ihrem langsamen Fußvolcke wenig ausrichten konten / sondern grossen Abbruch litten. Der Verlust wäre auch noch grösser gewest /wenn nicht Ganasch mit allem Fleiß die Römer mehr abzumatten / als zu erlegen / also sich mehr stetem Lermens / als einer Schlacht zu bedienen / und so lange / biß die Fluth aus der See wieder aufschwellen würde / den Feind aufzuhalten / für rathsamer befunden hätte; in Meynung so denn durch Feuer ihre Feinde mit Strumpf und Stiel auszurotten. Drusus sahe diesen Anschlag des Feindes und seinen Untergang wol für Augen; Gleichwol wuste er nicht zu erkiesen: Ob es rathsamer wäre / sich tieffer ins Land zu wagen / und also die zurück gelassenen Schiffe in Gefahr zu lassen; oder daselbst stehen zu bleiben / und der sechs tausend Friesischen Hülffs-Völcker zu erwarten / die in kleinen Nachen über die Emse zu setzen / und so denn auff dem Lande zu ihm zu stossen versprochen hatten. Wie nun Drusus in diesem Kummer schwebte; überfiel ihn noch ein grösserer / indem die Chautzen mit mehr als hundert Nachen hinterrücks die letztern auff dem Grunde noch stehenden[376] Schiffe mit ihren Feuer-Töpffen anfielen / und derer etliche in Brand brachten; Also die Römer auf allen Seiten zwischen Thür und Angel schwebten. So fing auch das Wasser an sich schon wieder zu zeigen / und den Römern den endlichen Untergang anzudräuen; massen die Chautzen sich bereit wieder mit ihren Kahnen und Feuerwercken zu Anzündung der in dem seichten Wasser unbeweglichen Schiffe fertig machten. Drusus ließ gleichwohl das Hertze nicht fallen / sondern erzeigte sich allenthalben als einen tapfferen Kriegs-Held / und als einen vorsichtigen Feldherrn. Bey solchem verzweiffelten Zustande liessen sich endlich die Kriegs-Zeichen der Friesischen Hülffs-Völcker sehen / welche auff die Chautzen / die bey dem bereit zehnstündigen Gefechte auch nicht Seide gesponnen hatten / gerade loß giengen / und dardurch den Römern ein neues Hertze zum fechten machten. Aber wie ein kluger Feld-Oberster sich auff alle unversehene Zufälle geschickt macht / also hatte auch Hertzog Ganasch einen starcken Hinterhalt hinter etlichen Hügeln stehen / die er alsofort befehlichte / denen Friesen die Stirne zu bieten. Diese hatten ihnen nicht eingebildet /die Chautzen in so guter Verfassung / die Römer aber im Gedränge und an einem so schlimmen Orte zu finden. Ob nun wohl Hertzog Theudo mit seinem Kriegs-Volcke tapffer ansetzte / so sahe er doch wol /daß ihm nicht nur die Chautzen überlegen wären /sondern das allgemach aufschwellende Wasser sie beyde von einander trennen / und also in die Gewalt ihrer Feinde liefern würde. Diesemnach lenckte er bey währendem Treffen so viel immer möglich gegen die Römer ab / wormit sie zusammen stossen / ihre Schiffe als das einige Mittel ihres Heiles beschirmen / und endlich so gut sie könten mit Ehren aus diesem Schiffbruche zurück kommen könten. Hertzog Ganasch nam diß Absehn alsofort wahr; und also vermochten die Friesen keinen Fuß breit fort zu rücken /den sie nicht mit Aufopfferung vieler Todten bezahlen musten. Zumal die Chautzen auf sie / als Deutsche mehr / als auff die Römer / erbittert waren / und sie so viel grimmiger anfielen. Die Römer breiteten ihren rechten Flügel zwar gegen die Friesen so viel möglich aus / um beyde Völcker an eine Schlacht-Ordnung zu hencken; aber es kostete sie viel edlen Blutes. Endlich kamen sie gleichwol zusa en / als die Römer schon fast biß an die Knie im Wasser standen. Hertzog Theudo gab hierauf alsofort dem mit Blut und Schlamm bespritzten / und fast nicht kennbaren Drusus zu verstehen: Es wäre nicht länger Zeit dar zu stehen / sondern er solte / so gut er könte / sich mit den Römern auff die Schiffe wieder verfügen / er wolte inzwischen mit seinen des Wassers mehr gewohnten Friesen die Feinde so viel möglich aufhalten. Drusus erstarrte über der Treue dieses kaum versöhnten Feindes / umarmte ihn also mit diesen Worten: Er wolte zwar seinem Rathe folgen und die Seinigen sich auf die Schiffe flüchten lassen; Aber die Götter möchten ihn in diese Leichtsinnigkeit nicht verfallen lassen /daß er sich von eines so treuen Freundes Seite solte trennen lassen. Wie nun die Römer sich an ihre Schiffe zurück zohen / drangen ihnen die erhitzten Chautzen mit aller Gewalt auff den Hals; also / daß /wie männlich gleich die Friesen nunmehr fast biß in den Gürtel im Wasser stehend ihnen begegneten / sie doch in eine offentliche Flucht gediegen; und derogestalt die theils ihnen nachwatenden / theils auf Nachen sie verfolgenden Chautzen sie wie unbewehrte Schaffe abschlachteten / oder auf ihren Schiffen verbrennten /theils auch ersäufften / und die / welche gleich einem Messer des Todes entranen / doch durch einen andern Werckzeug entseelet wurden. Die Friesen und mit ihnen Drusus und Theudo musten endlich auch der Gewalt und dem Grimme der Chautzen weichen / und auf ihr Heil bedacht seyn / also auf die Schiffe sich zurück ziehen. Die Chautzen[377] aber waren so erbittert /daß sie biß an Hals ins Wasser ihnen nachsetzten /die noch festen Schiffe anzündeten oder mit Beilen Löcher darein hackten; theils mit denen etwan ertapten Schiff-Seilen die sich hebenden Schiffe anhielten; ja wenn schon ihnen eine Hand abgehackt war / mit der andern ja mit den Zähnen die Abfarth verwehreten. Allem Ansehn nach wäre auch kein Schif und keine Gebeine von den Römern darvon kommen /wenn nicht die hertzhaften Friesen ihnen zur Hülffe erschienen wären / und nicht allein ein Nord-Ost-Wind / sondern auch der gleich einfallende Neu-Mond mit Aufschwellung des Salpeter- und saltzichten Wassers die Fluth ehe und höher / als sonst insgemein allhier geschiehet / über die flachen Ufer ergossen / und die Abfarth der noch etwan übrigen funfzig Schiffe beschleuniget hätte. Also muste Drusus nach Verlust des Kerns und grösten Theils seiner Kriegs-Leute nach der Insel Birchanis traurig zurück segeln /und / weil fast niemand unverwundet blieben / daselbst / und bey den treuhertzigen Friesen ausruhen /endlich an den Rhein zurück kehren / und von dar sich nach Rom / allwo er abermahls zum Stadtvogt erwehlet ward / und dem Käyser aus denen so treuen Friesen eine auserlesene Leibwache mitnahm / bey anbrechendem Winter begeben. Unterdessen räumten die Römer alle Plätze / welche sie nicht nur in dem Eylande / sondern auch auff dem Gallischen Gebiete der Bataver erobert hatten / auser der Festung Carvo und Blariach an der Maaß; welchen erstern Ort aber Cariovalda belagerte und einnahm; ungeachtet es schien / daß die Römer selbten leicht hätten entsetzen können. Welche zwischen beyden sich ereignenden Lauligkeit fast iederman überredete / daß Drusus und Cariovalda insgeheim mit einander verglichen wären; nur / daß dieser solches wegen besorgter übelen Nachrede verhölete / daß er die aus blosser Guthertzigkeit für die Bataver kriegende Deutschen im Stiche liesse.

Nachdem aber der großmüthige Drusus wol verstand / daß der Pöfel in seinen Rathschlägen sein Absehn nur auf seinen Nutzen und Gemächligkeit habe; ein Fürst aber nach einem guten Nachruhme unersättlich streben solle; sintemal der Tod beyden gemein /jener Grab aber durch Vergessenheit / dieser durch Ehrengedächtnüsse von einander unterschieden ist; so war es ihm unmöglich / in dem wollüstigen Rom lange zu rasten. Denn ein grosser Geist findet nicht anders / als die Sonne in steter Bewegung / seine Ruh; und er wil lieber wie ein Lufft-Gestirne sich in Gestalt eines strahlenden Sternes einäschern / als wie ein trüber Nebel die Thäler bebrüten. Uberdiß nagte die Rache wegen des letztern Verlustes Tag und Nacht an seinem Hertzen; die nach Art einer geneckten Biene ihrem Feinde einen Stich beyzubringen trachtet / soll sie gleich selbst darüber ihr Leben einbüssen. Augustus aber hatte ebenfals Lust darzu. Denn er wolte seinem Vater dem Käyser Julius / der zweymal eine Brücke über den Rhein geschlagen / nichts nachgeben; Wiewol er diese seine eigene Ehrsucht mit dem Vorwand bekleidete / daß er die Deutschen nur dem Julius zu Ehren und der von ihm gebrochenen Bahne nachzufolgen bekriegte. Diesemnach kam der Drusus am Frühjahre mit einem frischen Kriegsheere wieder am Rheine an / schlug eine Brücke darüber / und fiel bey denen Usipeten ein / in willens durch selbte und die Tencterer bey den Chautzen einzubrechen. Die Usipeter und die Sicambrer langten bey des Drusus verlautender Ankunfft alle Nachtbarn / und insonderheit die Catten umb Hülffe an; zumal die Usipeten ja den Catten ihr Land geräumt / und ihnen am Rheine mit Vertreibung der Menapier durchs Schwerd einen Auffenthalt gesucht hatten. Gleichwohl aber blieben aus denen benachbarten die Catten alleine mit ihren Hülffs-Völckern aussen; entweder weil sie den Usipeten / als von ihnen verletzten / gram waren / oder die allgemeine Gefahr weder[378] so nahe / noch so groß /oder sie doch alleine sich zu vertheidigen für mächtig genung hielten. Inzwischen kam Drusus nebst den Ubiern und Tencterern den Usipeten mit der gantzen Macht über den Hals / und wurden diese gedrungen mit den Römern zu schlagen. Alldieweil aber die gantze Römische Macht einem kleinen Theile des zwistigen Deutschlandes weit überlegen war / und so wol ein zertheiltes Reich als ein zerbrochenes Schiff zu Grunde gehen muß; zohen die tapfferen Usipeter /wie hertzhaft sie auch ihrem Feinde begegneten / den kürtzern. Ja weil diese selbst wahr nahmen / daß das Verhängnüß und Glücke gleichsam selbst den Römern zum besten die Uneinigkeit unter die Deutschen säete / musten sie mit dem Drusus / so gut sie konten / abkommen / und das Römische Joch übernehmen. Weil nun die Sicambrer aus Ungedult / daß die Catten von der allgemeinen Freyheit und Wohlfarth die Hand abzohen / ihnen selbst eingefallen waren / schlug Drusus in höchster Eil über die Lippe eine Brücke; und nach dem solch Land aller streitbaren Mañschafft entblöst war / durfte es weder Kunst noch Schwerdschlags sich desselbten zu bemächtigen. Massen sie sich alsofort der Gnade eines so starcken Feindes unterwarffen; Drusus auch um sich ihrer so viel mehr zu versichern etliche Festungen auffbaute. Hieran aber ließ sich Drusus nicht ersättigen; sintemahl die Herrschenssucht eben so wie ein Fluß / ie mehr er Bäche in sich schlucket / desto mehr überschwemmet und wegreisset / also brach er durch der Tencterer Landschafft in das Cheruskische Gebiete ein; und zwar so unvermuthet / daß sie zu Deutschburg den jungen Fürsten Herrmann und Flavius der Feldherrn Segimers zwey Söhne mit ihrer Mutter Asblaste des Fürsten Surena aus Parthen Tochter gefangen bekamen. So geringschätzig ist in den Augen der Ehrsucht das Ansehn voriger Freundschafft / welche die Cherusker lange Zeit mit den Römern sorgfältig unterhalten hatten; In dem Gesichte des Glückes aber selbst eigene Gefahr / die ihm Drusus durch so vieler streitbaren Völcker Beleidigung zuzoh / und endlich auf der Wagschale des Krieges das Recht / welches die Römer zu kräncken kein Bedencken hatten / weil die habende Gewalt bey Fürsten ein rechtmäßiges Mittel ist sich mit fremdem Gute zu bereichern. So bald Segimer nun / die mit dem Sicambrischen Hertzoge Melo gegen die Catten zu Felde lag / und sich ehe des Himmel- als Römischen Einfalls versehen hatte /diese bestürtzte Zeitung empfing; machten diese zwey Fürsten mit den Catten einen Stillestand der Waffen; Weil aber die zwey auff der Römer Seite stehenden Obersten der Nervier Senectius und Anectius bey den Catten einen Einfall thäten / und unter dem Scheine einer unentbehrlichen Nothdurfft einen Raub von vielem Vieh in das Römische Läger wegführten / wurden die Catten so erbittert / daß sie alsofort den Stillestand in einen Frieden verwandelten / und mit dem Segimer und Melo sich wider die Römer verbanden. Dieses Bündnüß bestätigten sie in einem heiligen Heyne / schlachteten darbey zwantzig von den Römern gefangene Hauptleute / machten auch mit einander die Eintheilung gehoffter Beute (so viel trauten sie ihrer Tapfferkeit zu) derogestalt / daß die Cherusker die Pferde / die Catten das Gold und Silber / die Sicambrer die Gefangenen haben solten. Kurtz hierauff kriegten diese Bunds-Genossen Nachricht / daß Drusus etliche tausend sich in der Eil zu Beschirmung des Landes zusammen gethane Cherusker bey dem Flusse Arbalon in die Flucht geschlagen / an der Lippe und Alme eine Festung und prächtiges Siegs-Zeichen /welches wir hier gesehen / auffgerichtet hatte / und geraden Fusses auff die Weser zueilte / allwo er allein Ansehen nach überzusetzen gedächte / weil er in dem Deutschburgischen Heyn viel Nachen hätte fertigen lassen und selbte mit sich führte. Segimer /[379] Arpus und Melo wurden hierüber schlüßig dem Feinde seinen Lauff zu lassen / und ihm sodenn den Rückweg an der Weser abzuschneiden; richteten also ihren Weg gerade der Lippe zu. Inzwischen kam Drusus an der Weser an dem Ende der Cassuarier / wo der Dimmel-Strom darein fällt / an / setzte ein Theil seines Volckes in den Nachen über den Strom / um daselbst sich zu verschantzen / wormit er so viel sicherer eine Brücke / ohne die er einem Römischen Feldherrn überzukommen verkleinerlich hielt / schlagen könte. Es waren auch schon etliche Pfäle eingestossen; als ein Schwarm Bienen sich an den einen Römischen Adler legte. Dieser Zufall jagte den Römern und selbst dem Drusus in Erinnerung / daß ihnen / als Hannibal sie bey dem Trasimenischen See geschlagen / und dem Pompejus / als er die Pharsalische Schlacht verlohren / eben diß begegnet war / ein solches Schrecken ein / daß er alsobald zum Abzuge blasen ließ / und ihm für seinem Zurückzuge nicht die Zeit nahm / ein ander Gedächtnüßmaal seiner Anwesenheit an der Weser zu lassen / als etliche grosse Steine; dar ein er graben ließ: Biß hieher kam Drusus / dem das Verhängnüß und seine Vergnügung die Weser dißmal zu einem Zwecke seiner Siege setzten. Denn wie einem grossen Glůcke nichts schädlicher / als unaufhörliches Wachsthum; also ist der gröste Sieg / die Waffen mit Sanfftmuth / die Glückseligkeit mit Gesetzen / die Uberwindung mit Liebe mäßigen. Er war aber kaum eine kleine Tagereise gegen dem Rheine fortgerückt; als die Kundschaffter ihn berichteten / daß alle Rückwege von den Deutschen besetzt wären / welche er in ihrem Vortheil und denen zum Uberfall so beqvemen Wäldern anzugreiffen nicht für rathsam hielt / sondern an einem dienlichen Orte theils auszurasten / theils die eigentliche Verfassung der Feinde zu erforschen / insonderheit aber Anstalt zu machen / daß die bey Arenacum am Rheine stehende Legion mit den Ubiern bey den Catten einfallen / und also die feindliche Macht zertheilen möchte / stille liegen blieb. Zumahl er mit nicht geringem Schrecken erfuhr / daß Hertzog Segimer theils durch Einhaltung wichtiger Ursachen /theils durch Andreuung gäntzlicher Ausrottung der Ubier und Tenckterer Hertzoge zu Abbrechung des Römischen Bündnüsses / und auff die Seite der Deutschen gebracht hätte. Die Deutschen aber liessen sich bey Wahrnehmung dieser Kriegs-List nichts irre machen; sondern bemüheten sich mit der Cherußkischen und Sicambrischen geschwinden Reuterey / in dem das bey den Deutschen am höchsten geschätzte Cattische Fußvolck auf der Hute stehen blieb / dem etwan anfallenden Feinde die Stirne zu bieten / den Römern alle Lebens-Mittel abzuschneiden. Diese Bedrängnüß und der annahende Winter zwang den Drusus sich zu entschlüssen / daß er irgendswo mit Gewalt durchbrechen wolte. Hiermit zoh er bey anbrechender und regenhaffter Nacht aus dem Läger in möglichster Stille auf: also / daß die deutsche Reuterey erst folgenden Tages hiervon Kundschafft erlangte / und es denen dort und dar zertheilten Völckern so bald nicht zu wissen machen konten. Folgenden Tag lag er abermals stille / und wie er vorher gegen die Tenckterer seinen Weg einzurichten geschienen; also lenckte er folgende Nacht recht gegen die Usipeter ab / und traf mit anbrechendem Morgen bey Arfeld auff den Hertzog Arpus; welcher ob er wohl nicht die Helffte so starck war / dennoch die Römer zwischen dem Gehöltze mit unaufhörlichem Scharmützel so aufhielt / daß sie langsam fortkommen konten. Ein paar Stunden darauf kam Hertzog Melo mit 8000. Sicambrern den Catten zu Hülffe / also / daß Drusus nunmehro Stand zu halten / und eine rechte Schlacht zu[380] liefern gedrungen ward. Worzu er sich so viel leichter entschloß / weil er sich noch stärcker / als die Deutschen zu seyn schienen / befand / dieses auch für ihre völlige Macht schätzte. Beyde Theile vergassen nichts /was klugen Feld-Obersten / und tapffern Kriegsleuten oblieget / gleichwol aber musten die wenigen Deutschen nach etlicher Stunden blutigem Gefechte sich ein wenig zurück ziehen / sonderlich da die Römer in einem engen und tieffen Thale standen / da die deutsche Reuterey ihnen wenig Abbruch thun konte. Gegen den Mittag aber kam der Feldherr Segimer /der mit seinen Cherußkern an einem andern Orte dem Feinde aufgewartet hatte / darzu. Worauf sich denn alsofort das Blat wendete; indem den ohne diß schon ermüdeten Römern gegen einem so frischen Feinde das Hertze entfiel / den Catten und Sicambrern aber wuchs; also / daß / wie sehr gleich Drusus die Seinigen mit zusprechen und seinem Beyspiele anfrischte; sie doch anfangs zu weichen / hernach / als Segimer insonderheit den Drusus verwundet / Arpus den Anectius / und Melo den Senectius erlegt hatte / und unterschiedene Kriegshäupter mehr gefallen waren / zu fliehen anfingen. Die Schlacht veränderte sich deßhalben in ein Schlachten / und würde weder Drusus noch sonst ihrer viel aus den Händen der Deutschen entronnen seyn / wenn sie nicht auf der Seite einen Furth gegen der mit Römischem Volcke besetzten Festung Alison / als wohin Drusus sein einiges Absehn gerichtet hatte / gefunden / die anbrechende Nacht aber die Verfolgung der Deutschen gehemmet hätte. Drusus kam zu Alison verwundet und nicht mit der Helffte des Kriegs-Volckes an; das meiste Fußvolck / alles Krieges-Geräthe / 12. Fahnen der Nervier / 8. der Friesen / 20. der Gallier / und ein Römischer Adler /welcher aber in einen Sumpf verborgen worden / blieb im Stiche; und nach dem er selbige Festung starck besetzet / nam er durch das Gebiete der Usipeter und Tenckterer seinen Weg an den Rhein / und befestigte daselbst Antonach. Dieser herrliche Sieg der Deutschen aber ward zu allem Unglücke abermahls durch ihre gewohnte Zwytracht zernichtet; indem die Uberwinder über so reicher Beute uneinig wurden; und also den Feind gäntzlich aus Deutschland zu vertreiben / die Usipeter wieder in Freyheit zu setzen verschlieffen / Drusus aber ward zu einem Siegs-Gepränge nach Rom beruffen / dahin er sich dañ auch mit Antonia seiner Gemahlin / nach welcher er die von ihm am Rheine an der Cattischen Gräntze gebaute Festung Antonach nennte / und denen gefangenen Kindern Hertzog Segimers erhob; daselbst mit grossem Siegsgepränge den Einzug hielt / und auff dem güldenen von vier schneeweissen Pferden gezogenen Wagen für sich Asblosten mit ihren zweyen Kindern sitzen / unter ihnen aber neben den Vorder-Rädern den Werckzeug / wormit die zum Tode verdammeten abgeschlachtet wurden / hengen hatte; zur Anzeigung / daß Siegern über die Gefangenen die Willkühr des Lebens und des Todes zustehe. Der Römische Rath empfing ihn mit grosser Ehrerbietung / und weil seine Stadt-Vogtey zu Ende war / ward er zum Unter-Bürgermeister über Gallien und Deutschland erkläret; den Titel des obersten Feldherrn rief ihm zwar das Kriegsvolck zu; Augustus aber stand an / ihm solchen noch offentlich ertheilen zu lassen. Drusus hingegen hielt dem Käyser zu Ehren kostbare Schauspiele; und an seinem Geburts-Tage auf dem Marckte in Rom eine Jagt von allen nur ersinnlichen Thieren / ließ ihm auch zu Ehren viel Egyptische und andere Sinnbilder fürtragen / davon der Abriß hernach in den vom Sylla zu Preneste erbauten Glücks-Tempel gebracht worden. Rhemetalces brach Adgandestern ein: Erkönte nicht begreiffen / wie die Deutschen wegen der Beute mit einander zerfallen / darüber sie ja vom Anfange mit einander Abkommen getroffen; und wie Drusus nach einer so grossen Niederlage ein Siegs-Gepränge habe halten[381] mögen? Adgandester beantwortete ihn: die reiche Beute / die man bey einem Feinde weiß / ist ja wol ein Sporn / der das Kriegsvolck anfänglich zur Tugend und tapfferem Gefechte aufmuntert. Die Begierde darnach machet / daß man das euserste gedultig ausstehe. Aber wie solcher Uberfluß oft zu ungerechtem Kriege Anlaß giebt; wie denn Crassus deßhalben die Parther überfallen / auch biß zu den Bactrian- und Indianern zu dringen im Schilde führte; und die Hispanischen Reichthümer die Carthaginenser zu sich lockten; Also verursachet selbter in Schlachten meist grosse Unordnung und Gefahr; indem die streitenden bey sich nur wenig ereignendem Vortheile mehr auf die Beute als aufs Treffen bedacht sind /vielmal auch schon umzingelte Könige und Fürsten /als den Triphon und Mithridates / durch Wegwerffung ihres kostbaren Geräthes aus den Händen ihrer Feinde / die sie schon im Sacke gehabt / entrinnen lassen. Endlich gebieret auch die glückliche Uberkommung der Beute zuletzt mehr Schaden als Gewinn. Denn die in Carthago und Corinth eroberte Reichthümer haben alle gute Sitten in Rom verderbet; die itztreichen Gallier waren streitbarer / da sie arm waren / und die von den Deutschen dißmal den Römern abgeschlagene Beute verderbte das gantze Spiel des Krieges. Denn ob sie zwar wegen der Pferde / der Gefangenen / des Goldes und Silbers sich vorher verglichen hatten; so war doch wegen der Waffen / die sie erobern würden /nichts ausgenommen. Worvon die Catten / welche am längsten gefochten / den Sicambrern ein geringes /diese aber den Cherußkern gar kein Theil verstatten; die Cherusker hingegen / als welche die Oberhand und ihren Fürsten zum Feldherrn hatten / nach ihrer Willkühr damit gebahren / und insonderheit Segimer zu Auslösung seiner Gemahlin und Kinder die fürnehmsten Gefangenen haben wolte. Uber dem Siegsgepränge des Drusus aber wundert man sich in allewege billich / wenn man die alten Sitten und Gesetze der Römer für Augen hat; welche solches niemanden verstatteten / der nicht auff einmahl zum minsten 5000. Feinde / und zwar nicht Knechte oder See-Räuber / sondern freye Völcker und ohne sonderbaren Verlust überwunden hatte. Weßwegen selbter auch bey den Einnehmern so wol die Anzahl der erlegten Feinde / als der gebliebenen Bürger eidlich anzeigen muste. Gleichergestalt ward dem Fulvius und Opimius diese Ehre verweigert / weil jener zwar Capua /dieser Fregella wieder erobert / aber mit nichts neuem das Reich vermehret hatte. Zugeschweigen / daß auch Scipio wegen eingenommenen Hispaniens / und Marcellus nach erobertem Syracusa diß entbehren musten / weil sie nur als Bürger und ohne Bekleidung hoher Aempter alles diß ausgerichtet hatten. Gleichergestalt war solche Freude in bürgerlichen Kriegen / indem das eigene Blut mehr zu beweinen ist / nicht erlaubet. Dahero zohe Nasica und Opimius / nach Erlegung der Grachen / Qvintus Catulus / nach Dämpffung des Lepidus / stille in die Stadt. Antonius / als er den Catilina erleget / wischte das Bürgerblut von allen Schwerdtern ab; Und ob gleich Sylla den Marius /Sulpitius / Cumma / Narbanus / Scipio / Telasinus und Lamponius geschlagen hatte; so ließ er doch in seinem Siegs-Gepränge keines dieser / sondern nur Mithridatens und fremder Städte Bilder ihm fürtragen. Ja Fulvius Flaccus / und mehr alte Römer entschlugen sich selbst dieser verdienten Ehre. Nach der Zeit aber / da die Tugend nicht mehr für ihren eigenen Preiß gehalten ward / sondern der Ehrgeitz an statt des Wesens nach einem Schatten zu greiffen / und dem alberen Pöfel einen blauen Dunst für die Augen zu machen anfing; ertichtete man Eroberungen vieler nicht einst gesehener Länder; wenn etwan eine Handvoll Räuber erlegt / oder ein geringes Nest eingenommen war / rühmte man sich grosser Siege über gantze Völcker; und daß man[382] unüberwindliche Festungen bemeistert hätte. Wenn aber die Römer selbst aus dem Felde geschlagen wurden / bekleideten sie ihre Schande mit dem Nahmen einer klugen Zurückziehung /und mit Verdrückung ihres Verlustes. Massen sich denn einige nicht schämten bey des Crassus Parthischer / und des Lollius Deutscher Niederlage / da der fünfften Legion Adler verlohren gieng / sich noch eines Vortheils zu rühmen. Insonderheit wolte ieder hochtrabender Römer der tapfferen Deutschen Meister worden seyn. Dahero bedienten sie sich der zaghafften Uberläuffer / kaufften von allerhand Barbarn großgewachsene Knechte / nöthigten sie / daß sie etliche deutsche Wörter erlernen und nachlallen / ihre Haare nach unserer Art lang wachsen lassen / und röthen musten; kleideten sie in deutsche Tracht / und rüsteten mit diesen blinden Gefangenen ihre Siegs-Gepränge aus. Auf diese Weise gieng es nun auch bey diesem Feld- und Einzüge des Drusus her / und diente die gefangene Aßblaste mit ihren Kindern zu einer glaubhafften Beschönigung.

Rhemetalces setzte bey: Ihn bedünckte / daß Eigenruhm und Verkleinerung anderer Völcker nicht neu /sondern ein altes Laster der Römer / ja der Schein ihre erste Farbe gewesen sey. Des Romulus Geburt und Todes-Art; des Numa Gespräche mit der Göttin Egeria; die Weihung des vom Himmel gefallenen Schildes; die wunderlichen Thaten des Marcus Curtius / des Horatius Cocles / der Clelia / und des Mucius Scevola / wären grossen Theils Gedichte. Von ihren ungemeinen Tugenden schriebe niemand als sie selbst / hingegen würden die Thaten des Porsenna /der Gallier / der Carthaginenser / des Pyrrhus / uñ anderer aufs möglichste verkleinert / den Griechen die Unwahrheit / den Mohren Untreu / den Syrern die Uppigkeit / den Deutschen und Thraciern die Grausamkeit / ja allen Fremden alle die Laster beygemessen; die doch nirgends mehr als zu Rom im Schwange giengen. Wiewol die Römischen Geschichtschreiber sich hin und wieder selbst verreñten / sich des Geitzes schuldig gäben / unrechtmäßiger Gewalt die Vergrösserung ihres Reiches zuschreiben / und / daß der letztere Krieg wider Carthago aus keiner rechtmäßigen Ursache / sondern bloß aus neidischer Mißgunst gegen ein so grosses Reich erhoben / mit zweydeutigem Versprechen die Schiffs-Flotte ihr aus den Händen gewunden / daß der Lusitanische Heerführer Viriat von des Pompilius erkaufften Meuchelmördern erleget / daß vom Aqvilius die Pergamenischen Brunnen zu Austilgung derer dem Aristonicus anhängenden Feinde wider das Recht der Völcker vergiftet /daß vom Sulla mit der Fackel in der Hand sein Vaterland zu erst angezündet worden wären / zustünden.

Malovend fiel hierüber ein: Sonder zweiffel haben alle Völcker ihre Fehler / wie ein iedes Gestirne seine Flecken; nur / daß sie in einem sichtbarer sind als beym andern. Sonst aber ist sich über dem Gepränge und der Hochhaltung des Drusus so sehr nicht zu verwundern. Denn die Heucheley ist so alt als die Welt; welche schon bey den ersten Menschen aus einem Apffel mehr als einem Klumpen Goldes machte. Die Helden-Nahmen waren gemeiner / und der Adel wolfeiler bey der Vorwelt / als itzt. Wenn einer ein wild Schwein erlegte / hieß er ein Hercules. Wegen Erfindung der Phrygischen Buchstaben ist der Phrygische /wegen der Angebung der Purpur-Farbe ist der Tyrische Jupiter zum Halb-Gotte worden. Wenn einer einen Mörder umbrachte / hat man ihn für einen Riesen-Bezwinger / und wenn einer ein Raub-Nest eingenommen / für einen grossen Weltbezwinger gehalten; und durch Gedichte aus einem Floh ein Elefanten gemacht. Es ist wahr / sagte Adgandester / daß nichts minder für Zeiten / als heute zu Tage viel mit Ehren-Kräntzen grossen Ruhms begabt worden / ihrer wenig aber selbte verdienen. Alleine die Zeit entblösset doch[383] endlich ihre Unwürdigkeit; und die Wahrheit ist von solchem Nachdrucke / daß selbte weder Feinde noch Heuchler vertilgen können. Dahero denn auch die Römer selbst wider Willen frey heraus sagen / daß den Ausländern nicht so wol die Herrschafft / als die Laster der Römer unerträglich wären. Also ereignete sich nach obigem Abzuge des Drusus aus Deutschland / daß die Römische Besatzung aus Antonach und Bingium den Catten mit täglichen Raubereyen beschwerlich waren. Wie nun diese nach aller Völker Rechte Gewalt mit Gewalt ablehneten; und mehrmals die Römer den kürtzern zohen; von Drusus / welcher gleich damals nebst dem Qvintius Crispinus Bürgermeister war / Anlaß zum dritten mal sein Heil in Deutschland zu versuchen; sonderlich da die Catten und Eherusker selbst wider einander in Haaren lagen /und Deutschland seine Hände in eigenem Blute wusch. Diese Gelegenheit brauchte Drusus zu einer Schein-Ursache eines neuen Zuges in Deutschland; ungeachtet der Blitz in den Capitolinischen Tempel schlug / und die vom Drusus aufgehenckte Sieges-Zeichen auf den Bodem fielen; Also die Wahrsager ihm wenig gutes andeuteten / der Käyser ihn auch ungerne von sich ließ; wiewohl Drusus viel einen andern Dorn im Fusse stecken hatte; dessen Erzehlung aber vielleicht anzuhören der Versammlung beschwerlich fallen dörffte.

Als nun aber Rhemetalces und die andern Fürsten Adgandestern anlagen / diese Heimligkeit ihnen nicht zu verschweigen; vollführte er seine Erzehlung folgender Gestalt: Der berühmte Marcus Antonius / dessen Geschlechte vom Hercules seinen Uhrsprung haben soll / hat mit Octavien des Käysers Augustus Schwester zwey Töchter erzeuget; derer eine Domitius-Enobarbus heyrathete. Die andere und jüngste Nahmens Antonia / war von der Natur mit fürtreflicher Schönheit begabt / und so wol der einige Trost ihrer Mutter / als ein Schoß-Kind des Käysers. Weil nun die Schönheit / als die Mutter der Anmuth für sich selbst eine geschwinde Jägerin abgiebt / die Augen und Hertzen leicht in ihre Garne bringt / und man auf dasselbe Bild so viel mehr die Augen wirfft /das eine so grosse Sonne bestrahlet; entzündete Antonia viel Hertzen / ehe sie noch selbst wuste / was sie für Feuer in sich selbst stecken hatte. Aber sie erfuhr zeitlich genung / daß nichts anfälliger als die Liebe wäre; und daß kein Licht von dem andern so geschwinde Feuer / als eine zarte Seele diese süsse Empfindligkeit des andern Alters fange. Denn als einsmahls an des Käysers Geburts-Tage der Kern des Römischen Adels sich mit prächtigen Aufzügen /Rennen / und andern Freudenspielen sehen ließ; Gewan ein junger wohlgebildeter Edelmann Lucius Muräna den Preiß / und zugleich das Hertze Antoniens. Seine Gestalt / seine hohe Ankunft / und seine Tapfferkeit schätzte sie anfangs ihres Ruhmes / hernach ihrer Gewogenheit würdig. Diese Blüte der Liebe aber verwandelte sich nach und nach unvermerckt in einen vollkommenen Liebes-Apffel. Nachdem aber das Glücke insgemein der Liebe ein Bein unterzuschlagen gewohnet ist; fühlte Antonia nicht so geschwinde in ihrer Seele diesen anmuthigen Zunder; Als der Käyser und Octavia auff Anstifftung der Livia ihr einen Vorschlag thäten sich mit dem Claudius Drusus zu verheyrathen. Dieser Vortrag war in Antoniens Ohren ein rechter Donnerschlag / und ein rechter Wirbelwind / der ihre Ruhe des Gemüthes in völlige Unruhe versetzte. Wie aber die Liebe eine geschwinde Erfinderin ist; Also war die junge Antonia alsofort so klug / daß sie mit ihrer Jugend und allerley anderm Fürwand ihre Entschlüssung ins weite Feld zu spielen wuste. Inzwischen wuchs ihre Liebe gegen den Muräna von Tag zu Tage / und zwar so viel hefftiger / weil sie Drusus durch seine Liebesbezeugungen zuverdringen suchte: sie aber ihr Hertze gegen keinem Menschen / am[384] wenigsten aber gegen dem Muräna ausschüttẽ / und also ihr Gemüthe erleichtern konte. Denn sie hatte an Octavien eine genaue / an des Drusus Mutter Livia aber eine noch schärffere Aufseherin / für denen sie sich nicht rücken dorfte. Alleine höret / wie die Liebe auch einen hundertäugichten Argus zu verbländen mächtig sey. Mecenas des Käysers vertrautester Freund bat ihn einmal auf sein an dem Flusse Ania gebautes köstliche Lust-Haus / welches so wohl wegen seiner Gelegenheit / in dem man darauf gegen die Sabinische Landschafft /die Pränestinischen / Labicanischen / und Tusculanischen Aecker übersehen konte / als wegen seiner fürtrefflichen Marmel-Säulen / ertztenen Bilder / seltzamen Gewächse / von welchen ein angefüllter Garten das Gebäue an dreyen Ecken umbgab / wegen der im ersten Vorhofe stehender drey herrlicher Spring-Brunnen / und insonderheit wegen der annehmlichen Gesellschafft / indem Mecenas daselbst die gelehrtesten Leute selbiger Zeit unterhielt / für ein irrdisches Paradis von den Römern / und überdiß vom Käyser wegen der liebreitzenden Terentia beliebet ward. In der Gesellschafft des Käysers war seine Gemahlin Livia /ihre Söhne Drusus und Tiberius / Antonia und unter dem Römischen Adel / die den Augustus bedienten /Lucius Muräna. Nebst vielfältigen Kurtzweilen stellte Mecenas in dem daran gelegenen tieffen Thale eine Fischerey an / und es muste iede anwesende Person ihm aus den gefangenen Fischen eine Art auslesen /und zu seinẽ Lobe etwas auf die Bahn bringen. Antonia erwehlte ihr eine grosse Murene / und meldete: Es könte kein Frauenzimmer einiger Art Fische nicht holder seyn als dieser / welche dem weiblichẽ Geschlechte so zugethan wäre / daß auch keine männlichen Geschlechtes wäre. Ihre Schlauigkeit gehe allen Fischen für / und diene zur Lehre dem Frauenzimmer / daß dieses so sehr dem Hamen der Wollüste / als jene dem Garne und Zischen der Fischer zu entgehẽ verschmitzt seyn solle. Cajus Hircius wäre aller Flüche werth / daß er zum erstẽ zwar für die Murenẽ dienende Weiher angerichtet / derer aber auf einmal 6000. zu des Käysers Sieges-Mahle ausgewogen habe. Hingegen habe Hortensius ihre Huld erworben /daß er eine von ihm lange bewahrte und endlich abgestandene beweinet habe. Nichts weniger hätte sie Lucius Crassus geschätzt / als er einer ein Halsband von Edelgesteinen angemacht; welche als seine aufgeputzte Buhlschafft ihn an der Stimme eigentlich erkennet /ihm zugeschwommen wäre / aus seiner Hand Speise genommen / und hierdurch nach ihrem Tode verdienet hätte / daß er umb sie als seine Tochter in der Trauer gegangen wäre. Der Käyser lächelte über der Antonia freymüthigem Vortrage / und verehrte ihr des Hortensius vorhin erkaufftes Vorwerg bey Bajä / das sie mit höchster Dancksagung annahm / und alsofort ihre kostbaren Ohr-Gehäncke ab- und ihrer ausgelesenen Murene anmachte; ja hierauf sich in das geschenckte Vorwerg verfügte / daselbst diese Murene in den Weiher einsetzte / einen absonderlichen Wärter darzu bestellte / umb den Weiher ein kostbares Gesimse von rothem Marmel-Steine fertigen / und darein graben ließ:


Rühmt euern heil'gen Fisch / die ihr durch Zauberey

Und Liebes-Tråncke meynt ein freyes Hertz zu rauben;

Es mag auch Lycien von seinem Fische glauben /

Daß er zukünftig Ding zu melden fähig sey.


Der Indus-Strom erheb' auch seinen langen Fisch /

Der unausleschlich Oel den Persen gibt zum kriegen;

Lucull mag Silber gleich des Scarus Lebern wiegen /

Die Auster mache werth zur Unzeit Crassus Tisch;


Arion streich heraus den willigen Delfin /

Und Bajens See den / der ein Kind trägt auf dem Rücken.

Es mag auch Pollio mit Fischen sich erquicken /

Die er mit Menschen-Fleisch pflegt grimmig zu erziehn.


Betraure deinen Fisch / Orata / wie ein Kind /

Pythagoras verehr ihr angebornes Schweigen.

Es mag sich Syrien fůr zweyen Fischen neigen /

Weil Gatis und ihr Sohn darein verwandelt sind;


[385] Es bet' Egyptenland Hecht' / Aal' und Karpen an;

Die Barben ess' Octav' für Jupiters Gehirne /

Es steig' aus Böthens Pful der Wallfisch ins Gestirne /

Weil er aus seiner Fluth der Venus Kind gewan;


Nehmt ihr zwey gůldnen Fisch' auch's Himmels Thier-Kreiß ein /

Weil Venus und ihr Sohn sich so verstellet haben /

Als sie für Typhons Grimm die Flucht ins Wasser gaben;

Die Purpur-Muschel mag der Wollust Abgott seyn /


Weil sie der Achsel Glantz / dem Halse Perlen gibt;

Es schåtze Julius gemeine Milch-Murenen /

Die ihm muß Hircius zum Sieges-Maale lehnen;

Antonia ist in vernünftige verliebt.


Diese seltzame Liebe zu einem Fische / und die Kirrung dieser Murene / welche Antonia gewehnte daß sie sich auf ihr Zuruffen an das Ufer näherte / und ihr aus den Händen aaß / verursachte viel vorwitzige Römer sich in dieser lustigen Gegend oftmals einzufinden / und mit diesem freundlichen Fische ihre Kurtzweil zu haben. Unter diesen fand sich auch offtmals Lucius Muräna / welchem Antoniens Liebs-Bezeugung bald anfangs nachdencklich vorkommen war. Wie er nun folgends die eingegrabene Schrifft zu Gesichte bekam; überlaß er selbte wohl zehnmal / und insonderheit bedauchte ihn / daß der letzte Reim ihm das völlige Räthsel auflösete / nemlich / daß Antonievs Kurtzweil ein blosses Sinnen-Bild / und die darschwimmende Murene nur das Zeichen / er aber selbst der bezeichnete wäre. Wie er sich nun theils mit diesen süssen Gedancken eine gute Zeit gekützelt / theils auch mit der Beysorge allzu vermessener Einbildung lange geschlagen hatte; sintemal Hoffnung und Furcht an der Spille der Liebe die zwey Wirtel sind / mit denen sich das Gemüthe der Liebhaber herumb drehet / ereignete sich / daß Antonia mit ihrer Mutter Octavia und Mecenas zu dem Weiher kam / und den Muräna daselbst sich auf das Gelender auf lehnende auch gantz ausser sich und unbeweglich antraffen. Er ward ihrer auch ehe nicht gewahr / als biß Antonia die Murene mit dem Munde lockte / und diese aus dem Wasser empor sprang; worauf er mit einig mässiger Veränderung gegen ihnen die gebührende Ehrerbietung bezeugte. Octavia fragte ihn hierauf: Ob die Verwunderung oder die Zuneigung zu diesem Fische ihn so eingenommen / und unempfindlich gemacht hätte? Muräna antwortete: Es habe ihn zugleich beydes übermeistert; denn dem / was eine so schöne Fürstin liebte / könte man ohne ihre Beleidigung nicht gram seyn; zu verwundern aber wäre sich über derselben Leutseligkeit / daß ihre Gunst auch diß nicht verschmähete / was von ihrer Würdigkeit doch so weit entfernet wäre. Antonia versetzte mit einer freundlichen Geberdung: Ihrem Urthel nach hätte er sich so viel weniger über ihrer / als der alldar schwimmenden und ihr so liebkosenden Murene zu verwundern / so viel mehr die Gewalt etwas zu erwehlen und zu unterscheiden dem Menschen für einem unvernünftigen Thiere zukäme. Muräna begegnete ihr: Es wäre aber dem natürlichen Triebe und der Vernunft / derer ersteres die Thiere so gut / das andere aber in weniger Maaß besässen / gemäß / daß das unwürdigere das würdigere / dieses aber nicht eben jenes liebte. Beydes erhärtete der Elefant zu Alexandria des Aristophanes Nebenbuhler / der dem von ihm geliebten Mägdlein mit der Schnautze aufs freundlichste liebkosete / und sie täglich mit Obste beschenkte; der Drache / welcher ein Etolisches Weib täglich besuchte / inbrünstig umbhalsete / und in die Ferne ihr nachzoh; der Stier / welcher in die Lauten-Schlägerin Glauce / und die Gans / die in Egypten in einen Knaben verliebt war; ein Panter-Thier habe des Philinus Vater alle Gewogenheit erzeiget; und ein Drache den Thoas in Arcadien aus den Händen der Räuber errettet; eine Schlange in Egypten eines ihre eigenen Jungen getödtet / weil es ihres Wirthes Sohn umbgebracht; eine Wölffin habe den Romulus und Remus /eine Hindin den Cyrus /[386] viel andere grausame Thiere den vom Hispanischen Könige Gargoris weggeworffenen Habis gesäuget / und die Bienen in Sicilien des Hieroclytus Auswürffling Hiero gespeiset. Insonderheit aber wäre nichts minder den Delfinen und Murenen die Liebe gegen dem Menschen / Als den Pfauen gegen die Tauben / und den Turtel-Tauben gegen die Papegoyen eingepflantzt. Die Delfinen nähmen sich so gar des menschlichen Seufzens an / ergetzten sich über ihrer Stimme / und kämen den Schiffen entgegen geschwommen. Ja ob schon die Berührung der Erde ihr Tod wäre; so folgten sie doch so weit denen lockenden Menschen nach. Und also wäre einer auf dem trockenen Sande erblichen / der einen Knaben aus der Stadt Jassus / Dionysius genennt / für Liebe nicht lassen wollen / welchen hernach der grosse Alexander zum Priester des Neptunus bestellet hätte. Bey eben dieser Stadt Jassus / und bey Naupact habe ein Delfin sich an dem flachen Ufer hingerichtet / weil sie einen auf ihnen reitenden Knaben bey entstandenem Ungewitter abfallen und ertrincken lassen. Und an dem nechst angelegenen Lucriner-See wäre noch das von dem Käyser gebauete Begräbnüß eines für Sehnsucht entseelten Delfins zu sehen / der einen Knaben täglich von Bajä nach Puteoli und zurücke geschiffet / nach des Knabens Tode auch sein ihm verdrüßliches Leben aufgegeben hätte. Aus den Murenen hätten einige den Lucius Philippus / den Hortensius und Hircius hertzlich geliebet / und ein denckwürdiges Beyspiel sehe man alldar für Augen: Also er glauben müste / daß wie die grössesten Thiere / als Elefanten und Cameele / für dem Menschen Furcht trügen / weil die Natur ihren Augen die Eigenschafft eines Vergrösserung-Glases eingesetzt hätte / wormit sie uns für grösser /als wir wahrhaftig wären / ansehen; also habe sie auch gewissen Thieren einen solchen geheimen Trieb / wie das Eisen gegen dem Magnet-Steine oder die Sonnenwende gegen der Sonne hat / eingepflantzt; hingegen aber wäre an Antonien als eine ungewöhnliche Ubermaaß ihrer Güte zu rühmen / daß sie eine unwürdige Murene mit ihrer Gegen-Liebe eben so wie die Sonne die sümpfichten Thäler mit ihren Straalen beseligte. Nach dem auch Antoniens Leutseligkeit ihren Augen keinen sauern Blick zu erlauben fähig ware; betrauerte er / daß die Murene ihre grosse Glückseligkeit nicht genung erkennen könte. Zumal wie sonst alle Murenen vom Essig-Geschmacke rasend / also diese Geliebte von einem einigen unholden Straale verzweifelnd werden würde. Antonia sahe es dem Muräna an den Augen an / daß er einen Blick in die Heimligkeit ihres Hertzens gethan hatte; und weil Octavia sich mit dem Mecenas gleich auf die Seite wendete / warff sie auf ihn einen so anmuthigen Straal / der ihm durch Marck und Adern ging / und vollends den Nebel alles seinen Zweifels zu Boden drückte: Diesen begleitete sie mit folgendem Innhalt: Es hätten ja wohl ehe hohe Häupter an geringeren Thieren /denen sie zu Ehren gantze Städte und prächtige Grabmahle gebauet / Crassus / Hortensius und Hircius an Murenen so gar ihre Erlustigung gehabt / daß sie selbte für unschätzbar gehalten / ja für sie die Klage angelegt hätten. Zu dem wüste niemand als sie von der Würde ihrer vernünftigen Murene zu urtheilen. Uber dieser Erklärung hatte Muräna noch theils seine Seufzer zu verdrücken / theils die Veränderung seines Gemüthes und Gesichtes nickt mercklich zu machen; und daher ward er genöthiget / sein Gespräche mit Höfligkeit abzubrechen. Weil nun Octavia und Mecenas mit einander in einen Lustgang / Antonia alleine sich in einen andern Weg schlugen / erkiesete Muräna / welchen die der anfangenden Liebe anklebende Furcht sich Antonien beyzugesellen nicht erlaubte /den drittern. Und als er einen Scheide-Weg wahrnahm / welchen Antonia nothwendig treffen muste; schrieb er mit dem Stabe daselbst[387] in Sand: Ich liebe. Nachdem nun die scharffsichtige Liebe nicht leicht eine Spur übersihet; fiel diese kurtze Schrifft Antonien alsofort in die Augen / welche / als sie Octavien und den Mecenas ihr von ferne folgen sahe / unter der angenommenen Betrachtung etlicher ausländiser Gewächse die Schrifft hin und wieder tretende mit ihren Fußstapfen ausleschte; hiermit aber die Liebe in dem Hertzen des hierauf merckenden Murena zweyfach anzündete. Octavia / Antonia und Mecenas fuhren hierauf mit einander auf das bey Baje auf einem Berge gelegene Vorwerg des Käysers Julius / das funfzehn Ellen lange Marmel-Bild seines Schutz-Gottes zu schauen / welches Augustus für etlichen Tagen daselbst hatte aufrichten lassen / und in kriegischer Gestalt in der rechten Hand eine Opfer-Schüssel / in der lincken ein Horn des Uberflusses hielt; die Uberschrifft war daran: Dem Schutz-Gotte des Käysers Julius. Von dar verfügten sie sich in das kostbare Vorwerg des Marius / allwo Mecenas wegen daselbst in den warmen Bädern wieder erlangter Gesundheit dem Esculapius aus Ertzt eine Säule aufrichten ließ. Inzwischen aber verfügte sich Lucius Murena nach Puteoli / und ließ daselbst den Weiher der Antonia /als wenn er brennte / und mit den Flammen die darinnen spielende Murene überschüttete / mit in einander versetzten vielfärbichten Steinen abbilden / und in eine weisse Marmel-Taffel darunter graben:


Ihr Motten / die ihr blind in heisse Fackeln flůget /

Die Flügel euch sengt weg / vergleicht euch ja nicht mir.

Weil ihr vom ersten Straal bald eingeäschert lieget;

Mein Brand und Leiden geht dem eurigen weit fůr.

Ich brenn' in dieser Fluth / wormit ich mich offt kühle /

Und meine Liebes-Brunst nur so viel länger fühle.


Ihr Salamander weicht der leuchtenden Murene;

Ihr könnt wohl bestehn in Flammen / weil ihr kalt.

Das Wasser aber / das ich mir nur hier entlehne /

Ist nicht mein Element / Feu'r ist mein Auffenthalt.

Die Glut / die ihr lescht aus / schlägt über mir zusammen /

Die Liebe steckt mein Hertz / ich diese Fluth in Flammen.


Ihr Würmer / die ihr lebt in siedend-helssen Qvellen

Und euch vom Schwefel nährt / die ihr von Kält' erbleicht;

Glaubt: daß der kalte Teich hier Zunder hegt der Höllen /

Daß euer Feuer-Kost weit meiner Speise weicht.

Denn ihr speist nur den Mund mit Schwefel / ich mein Hertze

Mit Liebe / welcher Glut gleicht keine Schwefel-Kertze.


Dieses Bild und Gemählde schickte er nach seiner Verfertigung durch etliche unbekante Leute zu oberwehntem Weiher / und ließ / unter dem Vorwand /daß es Antonia bestellet hätte / solches in dem daran stehenden Spatzier-Saale aufsetzen. Wie nun Octavia / Antonia und Mecenas dahin zurücke kamen / fanden sie diese Neuerung / und Antonia nicht ohne sonderbare Entsetzung. Jedoch weil sie ihr leicht an den Fingern ausrechnen konte / woher dieses Ebentheuer käme / verstellte sie so viel möglich ihre Gemüths-Veränderung / und gab auf Octaviens Befragung für: Sie hätte für etlicher Zeit diese Reime in dem Saale gefunden / und weil sie solche für des Virgilius Maro Gemächte hielte; so hätte sie so wohl ihm zu Ehren /als ihrer Murene zu Liebe / das Bildnüß fertigen lassen. Sie konte sich aber an dieser Schrifft nicht satt lesen / und ie länger sie selbter nachdachte / ie klärer stellte selbte die heftige Liebe / ja so gar den darinnen deutlich ausgedrücktẽ Nahmẽ des Lucius Murena für Augen. Ob nun wohl beyder Liebe täglich zunahm /sonderlich da dieses Feuer im Hertzen so feste verschlossen blieb; so ereignete sich doch keine sichere Gelegenheit solche gegeneinander auszulassen / biß auf den anmuthigen April / da bey Baulis das Fest der Venus von dem Römischen Frauenzimmer begangen ward. Der Käyser Julius hat daselbst der gebährenden Venus als der Mutter der Julier einen so herrlichen Tempel / als der zu Rom ist / gebauet / darinnen ihr ein Wagen über und über mit Britannischen Perlen gestücket / geweihet / und darein ihr künstliches vom Archesilaus gefertigtes Marmel-Bild / welches zweymal die Lebens-Grösse übertrifft / und in der rechten Hand eine Welt-Kugel / in der lincken[388] drey Pomerantzen-Aepfel hält / gesetzet. Alle dahin kommende Frauen sind aufs köstlichste aufgeputzet / tragen Kräntze von Myrten / haben einen Korb voller Rosen an der lincken Seite hencken / welche sie in dem Tempel hin und wieder ausstreuen. Wie nun Antonia sich unter ihnen gleicher gestalt fand; bediente sich Murena der bey diesem Feyer bräuchigen Freyheit / fügte sich Antonien an die Seite / und legte darein einen Zettel / mit Beysatz dieser Worte: Göttliche Antonia /verschmähe nicht dieses Zeugnütz meiner unausleschlichen Liebe. Antonia nahm des Zettels also fort wahr / steckte ihn also unvermerckt in den Busem /und antwortete dem Murena mit einer liebreitzenden Geberdung: Die Antwort wirst du auf den Abend für dem Tempel in dem Rachen des Medeischen Drachen finden. Murena war hierüber für Freuden fast verzücket; verfügte sich also bey anbrechender Nacht zu der aus Ertzt gegossenen und von zwey Drachen gezogenen Medea / die Käyser Julius von der Stadt Cyzicnum umb 1200000. Sestercier gekaufft / und daselbst bey dem Brunnen des Cupido gestanden hatte /welcher denen daraus trinckenden die Liebe vertreiben soll. Er fand auch an dem besti ten Ort einen Zettel / und kehrte darmit mit Freuden-Sprüngen in sein Gemach. Als er ihn aber öffnete / fand er dariñen folgende Zeilen:

Es ist nicht ohne / hi lische Julia / daß der Käyser und die Staats-Klugheit mir eine andere annöthige /und daß Antonia der Liebe nicht unwürdig sey. Aber sie urtheile: Ob die Wahl nicht mehr meiner Seele und dem Verhängnüsse / welche beyde ihr ihre Stimmen geben / gebühre? und ob die Vergnügung frembder oder seiner eigenen Augen Beyfalle folge. Die gantze Welt schätzet uns vergebens glückselig / weil wir uns solches nicht selbst überreden können / und das grössere Licht verdüstert das kleinere. Dahero wird Drusus so lange Antonien nicht erwehlen / so lange ihn Julia nicht verstösset.

Murena war über Lesung dieser Zeilen anfangs hertzlich bekümmert / weil er nicht fand was er gesuchet; dahero er bald unverwandten Fusses zu der Medea kehrte / aber von Antonien das wenigste nicht antraff / und deshalben sich mit zweifelhaften Gedancken schlug: Ob Antonie ihrem Versprechen nicht nachkommen / oder ihre Schrifft in eine frembde Hand verfallen wäre / welches erstere er / wie sehnlich er darnach geseufzet hatte / nunmehro nicht geschehen zu seyn wüntschte. Gleichwohl vergnügte ihn überaus: daß er hinter die geheime Liebe des Drusus und Juliens des Käysers Augustus Tochter / und des Vipsanius Agrippa Wittib / kommen war / und hierdurch Antonien so viel mehr vom Drusus zu entfrembden verhoffte. Diesemnach schrieb er alsofort einen andern Zettel / in Hoffnung / daß sich solchen Antonien zuzubringen Gelegenheit ereignen würde. Der Innhalt war:

Wo nicht ein Zufall der Göttlichen Antonie Hand in frembde Hände geliefert / oder meine Unwürdigkeit die Zurückziehung ihres Versprechens verursacht hat; muß die zauberische Medea selbte in die Beylage verwandelt / oder der Himmel durch Entdeckung solchen Geheimnüsses die Untreu des Drusus entdeckt haben. Die Götter / welche den unter der Schein-Liebe verkleideten Betrug so wunderlich ans Licht bringen /wollen die Augen der unvergleichlichen Antonie eröffnen / daß sie dem möge ins Hertze sehen / der sie biß in Tod lieben / ja solch sein Einäschern mit Vergnügung erdulden wird.

Es war bey nahe Mitternacht / als er diesen Zettel geschrieben hatte / und sich an das Gestade des Lucrinischen See-Busens verfügte / umb Puteoli überzufahren; weil auf den Morgen der vom Calpurnius dem Käyser Augustus zu Ehren gebaute und mit hundert Corinthischen Säulen gezierte Tempel eingeweihet werden solte. Die See war bey grossem Zulauffe des Römischen Volckes / und Anwesenheit des Käysers mit etlich hundert hin und wieder fahrenden[389] Schiffen bedecket / der Himmel aber von dem hellen Lichte des Vollmonds erleuchtet. Muräna war nicht weit vom Ufer abgefahren / als eine von dem Berge Vesuvius auffsteigende schwartze Wolcke den Monden umhüllete / die Lufft stockfinster machte / und einen harten Sturm erregte; also / daß die Schiffleute nicht so geschwinde die Segel einziehen konten / als von diesem grössern Schiffe ein anders übersegelt und umgestürtzt ward. Bey solchem Ungklücke vernahm der oben auff dem Bodeme des Schiffes stehende Muräna unter andern Geschrey eine klägliche Weibs-Stimme / welche rieff: Ach! Antonia! Dieses Wort brachte alsofort den Muräna in die verzweiffelte Entschlüssung / daß er in die See sprang / der gescheiterten Antonia beyzuspringen. Der Himmel selbst schiene diesem rühmlichen Vorsatze die Hand zu reichen /als welcher sich fast selbigen Augenblick ausleuterte; Und das Monden-Licht ließ ihn fast alle in der See schwimmende Menschen unterscheiden. Hiermit ergriff er mit iedem Arme ein Frauenzimmer / und durch seine Geschickligkeit lendete er mit beyden an seinem nunmehr nach abgeworffenen Segeln stillstehenden Schiffe an. Die Boots-Leute halffen auch / daß so wohl beyde auffgefischten Frauenzimmer als Muräna ins Schiff gezohen wurdẽ. Jene erkennte man alsobald für Octavien und Antonien; worüber Muräna so verwirret war / daß er nicht wuste / ob er sich über seiner Hülffe erfreuen / oder / weil beyde mehr todt als lebendig schienen / über solchem Hertzeleide zu tode grämen solte. Nachdem man sie aber vorwerts legte /wormit das Wasser ihnen aus dem Munde wieder abschiessen konte / ihnen auch mit Erwärmung und kräfftigen Labsalen beysprang / erholte sich anfangs Antonia / und hernach auch ihre Mutter. Inzwischen ländeten sie zu Puteoli an / allwo dieser Zufall die Nacht mit Fleiß verschwiegen gehalten ward / wormit weder der Käyser erschrecket / noch dieser zweyer noch matten Frauenzimmer nöthige Ruh verstöret würde. Wie nun aber früh sich eine unglaubliche Menge Volcks bey Einweihung des Tempels einfand /ward alsofort ruchtbar: wie die in die See gestürtzte Octavia und Antonia vom Muräna wäre errettet worden? Dahero suchte nach vollbrachter Einsegnung der Käyser mit der Livia beyde heim / ließ auch den Muräna dahin holen / und bezeugte gegen die Schiffbruch leidenden über ihrer Erhaltung grosse Freude / gegen dem Muräna aber grosse Verbindligkeit. Livia schertzte auch hierbey: weil Antonie zeither einer Murene so viel Annehmligkeit erwiesen / hätten die Götter sie billich durch Muränen aus dem Rachen des Todes gerissen. Octavia / welche allererst spät erfuhr /wer ihrer beyder Lebens-Erhalter gewest wäre / wuste mit Worten gegen ihm ihre Danckbarkeit nicht auszudrücken / Antonia aber muste ihre Empfindligkeit mehr vestellen / und ihre Schuldigkeit nur durch einen und andern annehmlichen Blick oder Seuffzer zu verstehen geben. Nach dem Abschiede des Käysers und der Käyserin nahm Muräna die Gelegenheit wahr /Antonien das überkommene Schreiben des Drusus /und das seinige unvermerckt zuzustecken. Als dieser nun aber ebenfalls zurück kehren wolte / stieg die liebreitzende Julia an der Pforte des Hauses gleich vom Wagen um Antonien zu besuchen. Diese redete den Muräna lächelnde an: Es hätte die Göttin Diana / welcher Stelle sie unter der Zahl der zwölff Götter bey Einweihung des neuen Tempels und Auffnehmung des Augustus vertreten hatte / ihr ihm etwas zuzustellen anvertrauet; reichte ihm hiermit einen Zettel / darinnen er diese Worte fand:

Nachdem es sich nicht geziemet denen Urtheln der Natur zu widerstreben / welche mit ihrer Klugheit alle unsere Spitzfindigkeit übertrifft; so mag ich länger nicht läugnen / daß ich den Muräna mehr / als seinen Nebenbuhler /[390] ja hertzlicher als mich selbst liebe /und daß seine Befehle hinfort werden meine Richtschnur seyn. Mir ist die Eigenschafft des verliebten Frauenzimmers wohl bekannt / daß sie ihren Liebhabern ihr Hertz verschlüssen / und sie zwischen Thür und Angel der Furcht und Hoffnung zu halten pflegen. Solche Unempfindligkeit aber ist eine Tochter der Grausamkeit. Daher soll man seine Liebhaber entweder bald verwerffen / oder seine Bedienung ihm nicht unerträglich machen.

Muräna / ob er wohl die Handschrifft Antoniens nicht kannte / zweiffelte an nichts wenigern / als / daß dieser Zettel (als welchen Julia vielleicht nicht / von wem er käme / verstanden / oder aus Höffligkeit und wegen der am Drusus habenden Vergnügung ihr zugestellet hätte) die Antwort Antoniens / und unter dem Nebenbuhler niemand als Drusus verstanden wäre; zumahl solche sich so wohl auff seine Zuschrifft schickte / die er Antonien in Korb geworffen hatte.

Muräna und die andern Besucher waren von Antonien kaum aus dem Zimmer kommen / als sie Murenens Schreiben mit höchster Vergnügung / des Drusus aber mit solcher Verwunderung durchlaß / daß sie der eintretenden Julia nicht einst inne ward. Weil nun Julia nicht allein mit Antonien in grosser Vertrauligkeit lebte / sondern sie auch eines überaus freyen Gemüthes / und allen Vorwitz mit ihrer Annehmligkeit zu verhüllen geschickt war / fragte diese sie unvermuthet: was ihr Drusus / für dessen Hand sie solches ansehe / für annehmliche Empfehlung zugeschrieben hätte? Antonia war hierüber entröthet / versetzte aber alsofort: Gewißlich / sie ist von solcher Beschaffenheit / daß sich Julia darüber nicht wenig zu erfreuen hat. In alle wege / antwortete Julia / weil Antonie wohl weiß / daß ich als eine einsame Wittib einiger Erfreuungen wohl von nöthen / sonst aber auch Theil an aller ihrer Vergnügung habe. Antonie begegnete ihr: Aber Julia wird mir nach mehr dancken / daß ich keines an gegenwärtiger hoffen darff. Hiermit reichte sie der Julia des Drusus Brieff. Diese laß ihn ohne alle Veränderung durch / und fing hierauff zu Antonien an: Sie erkennte für eine sonderbare Verträuligkeit / daß sie ihr dieses Schreiben nicht hinterhalten wollen. Alleine sie dörffte sich über des Drusus vorhin bekandte Liebes-Erklärung so wenig verwundern /als Antonia mit ihr eifern / sintemahl ihr unverborgen wäre / daß nicht Drusus / sondern die leuchtende Muräne ihr Hertz beherrschete. Antonia thät / als wenn sie es von ihrem Fische verstünde; antwortete diesemnach: In alle wege; und / weil sich niemand vielleicht so sehr in einen Fisch verlieben wird / habe ich mich noch weniger für Eifersucht zu besorgen. Julia lächelte / und hob an: Ich besorge / der Käyser / dem Calpurnius heute den Tempel eingeweihet / dörffte mit ihr eiffern. Denn Antonia habe für Errettung ihres Lebens diesen Fisch mehr zu vergöttern Ursache / als die Egyptier ihren Oxirinchus / oder Calpurnius den Käyser. Antonia färbte sich über dieser Auslegung /und sahe wohl / daß ihre Heimligkeit verrathen war /redete daher Julien an: Sie möchte ihr doch nicht verschweigen / welcher gestalt sie ihr in das innerste ihres Hertzens gesehen hätte. Julia versetzte alsofort: Mir hat es die Zauberin Medea entdecket; zohe auch hiermit Antoniens eigenes Schreiben heraus / dieses Inhalts:

Ich bin zu ohnmächtig dem Verhängnüsse und dem himmlischen Triebe meiner Seele länger zu widerstreben. Deine Tugend hat meiner Freyheit obgesiegt /und ich gestehe / daß meine Lucrinische Murene nur das Vorbild derselben sey / die mein Hertze an dir zeitlicher in geheim angebetet hat. Aber lasse dir zu deiner Vorsicht dienen / daß unsere Flammen so tieffer im Hertzen / als das ewige Feuer in Todten-Grufften verschlossen bleiben müssen / da sie nicht verleschen sollen.[391]

Antonia / als sie sich durch ihre Handschrifft überzeuget sahe / und nunmehr wahrnahm / daß ihre Zettel und des Drusus Schreiben mit einander verwechselt worden waren / meinte sie durch völlige Ausschüttung ihres Hertzens Juliens Gemüthe / als welches sie ohne diß dem Drusus verknüpfft zu seyn hielt / so viel mehr zu gewinnen. Also ließ sie sich heraus: Sie empfinde zwar in ihrer Seele die unergründliche Leitung der Götter zu dem Murena / und das Verhängnis hätte es nicht umsonst geschicket / daß sie dem / den sie vor so inbrünstig geliebet / noch die Erhaltung ihres Lebens dancken / und also auch das Unglücke ein Band zu Befestigung ihrer Liebe weben müste; sie erkennte auch für eine gütige Schickung des Himmels /daß Drusus / welchen die Menschen ihr sonst zueigneten / eine Abneigung für ihr / und sein Hertze ihrer so lieben Freundin gewiedmet hätte / gegen welcher sie seinethalber zu eysern ihr niemahls würde in Sinn kommen lassen / weil sie wohl wüste / daß die Natur zum Hohne der Liebes-Göttin Julien zu einer Gebieterin über aller Männer Hertzen gemacht / und die Macht alle Seelen zu bezaubern / iedoch auch die Gütigkeit iederman wohlzuthun verliehen hätte. Dieses letztere erwartete sie mit Ertheilung eines heilsamen Rathes / nachdem es so grosser Behutsamkeit ihre Liebe für der auffsichtigen Octavie zu verbergen /kluger Anstalt der Livia Absehen zu unterbrechen dörffen würde / weßwegen sie in tausenderley Kummer stünde / und nicht mehr als eine viertel-Sunde den Murena in einer geheimen Unterredung für allerhand Gefährligkeiten zu verwarnigen wünschte. Julia nahm Antoniens Offenhertzigkeit für eine neue Verbindligkeit auff; händigte gegen Empfang des von Drusus an sie gerichteten Schreibens Antonien das ihrige ein / und sprach ihr mit einer sonderbaren Freudigkeit zu / sie möchte ihr hierüber keinen Kummer machen / sondern sich ihr vertrauen / so wolte sie folgenden Tag sich mit dem Muräna zu unterreden ihr eine sonst iederman verschlossene auch unerforschliche Pforte eröffnen. Es wären ja Antonien so wohl der deutschen Botschafft zu Ehren vom Käyser gemachte Anstalt zu den Schau-Spielen / als die Beschaffenheit des grossen Schauplatzes zu Puteoli unverborgen /welchen der Käyser wegen des einsmahls vom Pöfel beschimpfften Rathherrn / dem niemand keinen Raum gemacht / derogestalt gebauet hätte / daß wie iede Person von hoher Ankunfft / also auch sie beyde ihren eigenen abgesonderten Platz und Eingang von aussen / die Sitze ihrer Fenster und Fürhänge / ja unten vielfältige verborgene Zimmer und Gemächer hätten. Wenn nun das Frauenzimmer bey Aufftretung der nackten Fechter und Ringer / da es ohne diß schon insgemein düstern würde / sich zurück zu ziehen pflegte / wolte sie mit ihrer Erlaubnüs durch ihre vertraute Leute schon die Anstalt machen / daß Antonia in den untern verhangenen Zimmern ihren liebsten Murena verträulich würde sprechen / und ohne einigen Verdacht von sich lassen können. Die treuhertzige Antonie umarmte Julien und stellte ihr frey alles nach ihrem Gutbefinden einzurichten / mit Bitte / daß sie selbst auch von ihnen unentfernet seyn wolte. Julia fuhr mit tausend Freuden von Antonien; schickte auch noch selbigen Abend durch einen ihrer Edelknaben an Murena diesen Zettel:

Nach dem seine Getreue sich mit ihm / volkommenster Murena / wegen wichtiger Angelegenheiten zu bereden hat / beliebe er morgen bey angehendem Ringen sich durch meinen Eingang in das untere Zimmer des Schauplatzes zu verfügen / welches er für sich nicht weniger / als das innerste meines ihm gewiedmeten Hertzens offen finden wird.

Dem Drusus schickte Julia in ihrem eigenen Nahmen einen Zettel eben dieses Innhalts. Folgenden Tages drang sich alles[392] Volck / was nur zu Puteoli war / in den Schau-Platz / also / daß alle Strassen gantz einsam blieben. Julia foderte auch selbst Antonien ab / und wormit der gemachte Anschlag ihr so viel weniger Verdacht verursachen könte / wenn ja iemand die Enlassung des Murena wahrnehme / erbot sie sich mit ihr die Stellen im Schau-Platze zu verwechseln. Es dienet hieher nicht / sagte Adgandester / die trefflichen Schauspiele zu erzehlen; diß aber kan ich gleichwohl nicht verschweigen / daß Hertzog Segimers Gesandter der Ritter von der Lippe damahls zwey wilde Ochsen mit einem Spieße von seinem Sitze herunter auff einen Wurff getödtet habe. Ungeachtet dieser und anderer vergnügender Begebnisse / machte doch die Gemüths-Unruhe der verliebten Julia und Antonia nicht allein die lustigen Schau-Spiele / sondern auch die annehmliche Gesellschafft mehr vergnügt / als die sonst traurige Einsamkeit verdrüßlich. Das Verlangen machte ihnen ieden Augenblick zum Jahre / und das offtere Auff- und zuziehen der goldgewürckten Fürhänge verrieth gleichsam ihre Ungedult. So bald nun das Ringen angehen solte / trat Antonia von ihrem Fenster wie andere Frauenzimmer ab / fügte sich / der Julien Abrede nach / ins untere Gemach / allwo sie bey schon tunckelem Abende von ihrem eingebildeten Murena auffs freundlichste bewillkommet und umarmet ward. Die Liebe / welche in solchen Begebenheiten eine stumme Rednerin ist / und daß beyde ohne diß laut zu seyn wegen der nahe daran stossenden fremden Zimmer nicht für rathsam achteten / verursachte / daß dieser zweyer gehender Liebhaber Irrthum / oder vielmehr Juliens Arglist länger als eine Viertelstunde verborgen blieb. Ja die keuscheste Antonia ward nach Geniessung unterschiedener Küsse endlich überwunden / daß sie dem / welchem sie sich bereit selbst gewiedmet hatte / auch einen Kuß zu geben unterwand / mit beygefügten Worten: Erkenne hieraus / liebster Murena / zu was für kühner Entschlüssung mich die Hefftigkeit meiner Liebe verleitet. Uber diesen Worten vernahm sie einen tieffen Seuffzer / und fühlte / daß der sie bißher Umfassende die Armen sincken ließ. Antonien kam diese Enteusserung seltzam und verdächtig für; also strich sie den Fürhang / der für einer in der Mauer vertiefften Ampel hieng / auff die Seite / welches Licht ihr den leibhafften Drusus für Augen stellte / beyde aber in ungemeine Bestürtzung setzte. Nach dem sie eine gute Weile wie Marmelbilder gegen einander gestanden /erholte sich endlich Antonia / und fing an: Gehe hin Drusus / ich glaube / daß du / wie ich / nicht aus Vorsatz / sondern aus Irrthum gesündiget hast; Glaube aber / wo du der Unschuld kein Laster auffbürden wilst / daß ausser dir kein Mensch ie Antonien geküsset habe / oder ihr lebtage mehr küssen werde. Sey auch vergewissert / daß meine Seele niemahls über deiner Kaltsinnigkeit empfindlich / noch gegen der göttlichen Julie eiffernd seyn wird. Denn da der Himmel zweyerley Einflüsse verträgt / und ein Stern verliebt / der andere abgeneigt macht; habe ich nicht Ursache mich zu verwundern / daß er wie der Magnet zweyerley Ertzt; also Drusus Antonien verwirfft / und Julien erwehlet. Ja wenn diese zu lieben ein Laster wäre / würde der Hoff gantz Rom verjagen / und sich selbst zur Wüsteney machen müssen. Weil sich dieses allhier begab / umhalsete Muräna in einem andern finstern Zimmer Julien / und sie ihn mit einer solchen Empfindligkeit / als eine so hefftige Liebe verursachen kan. Sie beantwortete des Muräna endliche Anredungen mit nichts als verliebten Seuffzern / und stillschweigenden Küssen. Wie nun aber eine ziemliche Zeit vorbey gegangen war / hob Muräna endlich an: Hat dich denn / liebste Antonie / deine Liebe gantz stumm gemacht? und vermag sie mir die angedeuteten wichtigen Angelegenheiten nicht[393] fürzutragen? Julia fing nach einem tieffen Seuffzer an: Wundere dich nicht / Muräna / daß die / welche dich hundert mahl brünstiger als Antonie liebet / daß die /derer gantze Seele in dir lebet / kein Wort auffbringen könne. Muräna vernahm mit höchster Bestürtzung /wie er verführet sey / zohe damit den Vorhang ebenfalls weg / und sahe / die für Begierde gläntzende Julia vor sich stehen; fragte hierauff mit etlichmaßiger Entrüstung: wie sie darzu käme / daß sie sich an derselben Platz und Recht stellete / die ihn dahin beruffen hätte? Julia antwortete für ihm auff die Knie sinckende: Allerliebster Muräna / übe deinen Zorn über die zu deiner Vergnügung aus / die sonst nichts gesündiget hat / als daß sie ihre Seele dir selbst auff dem Feuer der eussersten Liebe auffopffert; denn diese nimmt auch Wunden für Liebeskosungen auff. Glaube aber / daß du hier eben diese findest / die dich hieher beruffen hat. Ach Muräna! Zürnestu mit mir /daß mein Geburts-Gestirne alle Regungen in mir nach dem Einflusse deiner Vollkommenheit erweckt? Fürchtestu nicht / daß die Liebe mit grösserer Grausamkeit ihre Verachtung rächet / als sonst ihre Kräffte sind? Ach Muräna! bey dir stehet es ja wohl / daß du mich verschmähest; aber so wenig es in meiner Gewalt beruhet / dich nicht zu lieben / so wenig kan auch deine Gramschafft es verhindern. Mit diesen Worten umarmte sie auffs neue Muränen / der ihr aber einbrach: Wenn du mich liebtest / würdest du mich nicht in Untreu zu stürtzen trachten; und wenn du dir nicht selbst unhold wärest / würdestu deine Vergnügung nicht in der Unmögligkeit suchen. Die Liebe ist derselbe Vogel / welcher nicht als von seines gleichen gefangen werden kan / nehmlich der Gegenliebe / welcher du nicht fähig werden kanst / weil sie einer andern verpfändet ist. Julia versetzte: Ist Antoniens Liebe mir zuvor kommen in der Zeit / so überwiegt sie meine im Gewichte / und ist gegen meiner kalt Wasser. Hat Antonie ehe geliebt / so liebe ich hefftiger. Ach Muräna! meinestu / daß uns die Götter hier vergebens zusammen gebracht? meinestu / daß der Käyser und Octavia nicht fürlängst Antonien dem Drusus verlobet? Und wer weiß / ob du nicht noch heute erfährest / daß Antonia den Drusus eher als dich umarmet habe? Arglist wird sicher nicht besser verbergt / als unter dem Fürhange der Einfalt; und die Einbildung setzet die Falschheit bey uns mehrmahls in solch Ansehen / daß man sich auch mit offenen Augen verbländen läst. Was am wenigsten vermuthet wird / verleitet uns am geschwindesten. Ach Muräna! Hiermit erblaßte Julia; und sie wäre ohnmächtig zu Bodem gesuncken / wenn sie nicht Muräna erwischt /und mit Balsamen erqvicket hätte. Wie er sie sich aber wieder erholen sahe / hob er an: Julia überwinde dich / schone meiner / hoffe auff die Zeit / vertraue den Göttern / und gedencke / daß die Wunden der Liebe nicht alle mit dem Eisen geheilet werden / das sie zum ersten gemacht hat. Und hiermit trat er nicht weniger verwirret aus ihrem Zimmer und dem Schau-Platze / als er Julien bestürtzt sitzen ließ.

Ich lasse euch nachdencken / in was für Wellen das Hertze Muränens über so seltzamen Zufalle gewallet haben müsse. Aber es war hiermit bey weitem nicht ausgemacht. Denn als er aus dem Schau-Platze schriet / trat Antonie gleich auff ihre Sänffte; und ob er ihr gleich ins Gesichte fiel / schlug sie doch augenblicks das Antlitz von ihm weg / zohe auch überdiß die Fürhänge für / daß er sie darinnen nicht sehen konte. Wie er auch zu Hause etliche Stunden seinem Kummer nachgehangen hatte / aber weder sein Elend übersehen / noch selbtem abhelffen konte / ward bey ihm ein Freygelassener angesagt / der ihn selbst in Person sprechen wolte. Dieser übergab ohne einiges Wort dem Muräna ein Schreiben / kehrte auch unverwandten Fußes zurück. Muräna öffnete[394] es alsobald / und laaß darinnen nachfolgendes:

Unsere Liebe hat entweder eine seltzame Schickung der Götter / oder eine Boßheit der Menschen entzwey gerissen. Ja / was noch ärger / Antonia hat sich beflecket / also / daß Muräna mit ihr mehr keine Gemeinschafft haben kan. Deñ die einen fremden küsset / ist nicht fähig von einer so reinen Seele mehr Liebe zu geniessen. Heuchele mir nicht / daß ich unschuldig sey. Die Hermelinen seuffzen nach ihrem Tode / wenn sie auch wider Willen sich besudeln; Und nach dem die Vorsicht ein hundertäugichter Wächter der Keuschheit seyn solte / ist der bloße Irrthum bey dem Urthel-Tische der Liebe verda lich /und der von fremder Verleitung herrührende Fehler unausleschlich. Vergnüge dich daran / daß sie dich geliebet / so lange es die Tugend verstattet / und daß sie dich für dem erkieset / den ihr die Ehrsucht fürschlug. Muthe mir aber dißfals ferner nichts zu / wormit weder Antonia nach verletzter Liebe auch die Höffligkeit beleidigen / noch Muräna an vergebener Hoffnung Schiffbruch leiden / und mit Ungedult sich anderwärtiger Beglückseligkeit unwürdig machen müste.

Muräna gerieth über diesem Absagungs-Brieffe Antoniens in halbe Verzweiffelung / nach etlichen ohne Trost in tieffer Einsamkeit hingelegten Tagen und ohne Schlaff verlohrnen Nächten erkühnte er sich bey Hofe einzufinden / um noch etwan aus Antoniens Antlitze / nicht anders als aus seinem Geburts-Gestirne seine Erhaltung oder Untergang zu erkiesen. Aber da ging der Welt wohl dreymahl ihre / dem Muräna aber niemahls seine Sonne auff / und es war von der sonst nicht so einsamen Antonia kein Schatten zu sehen / biß daß der Käyser und der gantze Hoff nach Rom auffbrach / und er Antonien von dem Drusus an der Hand ins Schiff begleiten / für ihm selbst auch nicht undeutlich die Augen niederschlagen sahe. Muränen hätte hierüber das Hertze zerspringen mögen /und er ward genöthiget um seine Schwachheit nicht zu zeigen / sich aus dem Gesichte des Volckes zu entziehen / ja er verlohr sich auch endlich gar für aller Römer Augen.

Unterdessen aber sann Julia / ihren Ausschlag in Rom vollends auszuführen / nach; worzu ihr denn die Natur genugsamen Witz / ihre hefftige Liebe mehr deñ zu viel Kühnheit / ihre ausbündige Schönheit und Anmuth / darmit sie sonst / wen sie nur wolte / bezauberte / satsame Gelegenheit verliehe; Weil sie aber gleichwohl Muränens Meister zu werden nicht getrauete / so lange Antonia entweder bey Leben / oder in der Freyheit-Muränen zu lieben gelassen würde /ihr auch so wohl die Herrschsucht Liviens / als ihr Absehen / daß Drusus Antonien heyrathen solte / unverborgen war; ließ sie einmahls / als sie aus Liviens Zimmer ging / gleich als wenn sie solches ungefehr heraus zöge / das vom Drusus an sie abgelassene Schreiben fallen. Die vorwitzige Livia / die ohne diß auff der wollüstigen Julia Buhlereyen fleißige Kundschafft legte / nahm solches zwar wahr / verschwieg es aber / und hob selbtes / als Julia schon weg war /begierig auff. Sie hatte aber kaum mit eusserster Gemüths-Veränderung ihres Sohnes eigene Handschrifft / und daraus so wol seine gegen Julien ausgelassene Liebe / als die Abneigung gegen der in ihren Augen allzu liebenswürdigen Antonia wahrgenommen; Als sie dem Käyser des Drusus Beginnen fürtrug. Die vorhin zwischen beyden getroffene Abrede / und daß sie allerdinges den Käyser in Händen hatte / brachte unschwer zu wege / daß Augustus mit eigener Hand Livien auff ein Papier schrieb: Es ist mein gemessener Wille / daß Drusus sich alsofort an Antonien vermählen soll / weil es zu Befestigung des Reichs / zum Auffnehmen unsers Hauses / und beyder selbst eigenem Wohlstande gereichet. Denn die kluge Livia meinte / der dem Käyser ohne diß in der Schooß sitzende Drusus habe[395] nicht nöthig seine Hoffnung zum Käyserthume durch Heyrathung der Julia zu befestigen. Weil aber es gefährlich schien / so ein grosses Absehn nur auff zwey leicht verfallende Augen zu stellen / wolte sie ihrem andern Sohne dem Tiberius gleichfals ans Bret helffen / und also arbeitete sie an einer Vermählung des Tiberius mit Julien. Livia machte ihr folgenden Tag eine Lust-Reise auf des Käysers Vorwerg / welches zwischen dem Aricinischen Walde / und dem See / den man den Spiegel Dianens nennet / gelegen ist; nahm dahin aber niemanden als ihren Sohn den Drusus / und Octavien nebst Antonien zu sich. Des Morgens war sie unter dem Scheine der Andacht gar früh auf / und die gantze Gesellschafft muste mit ihr über den See in den gegen über liegenden Tempel fahren / darinnen die Göttin Diana / welche sich in diesem rundten See offt bespiegelt haben soll / insonderheit von denen / die zu heyrathen vorhaben / andächtig verehret wird. Nach verrichtetem Gebete / welches sie mit Fleiß zeitlicher als Octavia und Antonia abbrach / nahm sie ihren Sohn Drusus bey der Hand / und führte ihn in die nahe darbey gelegene Höle der Egeria / sie setzte sich auf das Marmel-Bild des Neptunus / Drusus auf das der Thetys / derer iedes ein starckes Qvell von sich spritzte. Hierauf fing Livia an: Du weist / lieber Sohn / daß die Mutter-Liebe eine der heftigsten Gemüths- Regungen unter allen Müttern / ich aber die sorgfältigste für ihre Kinder sey. Denn du irrest / da du dir einbildest / daß meine Schönheit oder ander Liebreitz den Käyser mir biß auf diese Stunde so unabsetzlich verknüpfet halte / welcher des Servilius Isauricus holdselige Tochter seine Braut noch für der Vermählung nicht aus Staats-Sucht / des Antonius schöne Tochter die junge Fulvia / noch ehe er sie erkennet /nicht wegen Zwytracht mit ihrer unverträglichen Mutter / die fruchtbare Scribonia nicht wegen ihrer Eifersucht / sondern alle drey aus blosser Lüsternheit und Eckel verstossen hat. Glaube hingegen vielmehr / daß ich wegen deiner alle Verdrüßligkeiten verschlucket /alle Verläumbdungen der vom Käyser verstossenen Scribonia verschmertzet / alle Schleen des Unglücks ihm verzuckert / und mich mehrmals zur Magd gemacht habe / umb mich nicht so wohl in der Würde einer Käyserin / als dich in dem Vortheil eines Käyserlichen Sohnes zu erhalten. Der Himmel hat in meine Segel alle gute Winde blasen lassen / also / daß Augustus sich nicht so wohl einen Herrn der Welt /als ich mich eine Beherrscherin des Kaisers zu rühmen habe. Eines fehlet mir nur noch zu meiner vollkommenen Glückseligkeit / nehmlich die Unsterbligkeit / welche mich über die Staffeln alles irrdischen Wohlstandes erhebe. Diese suchet nun zwar die Heucheley in der eitelen Vergötterung / ich und die Wahrheit aber in rühmlichen Nachkommen. Denn wie kan ich mich bey der Welt und Nachwelt scheinbarer verewigen / als wenn ich meine Kinder und Kindes-Kinder auf den Römischen Käyser-Stuhl setze? Diese Würde / hertzliebster Drusus / hänget dir zu / nicht nur vom Verhängnüsse / und meiner Fürsorge / in der ich so gar deinen Bruder Tiberius / welchem das Alter sonst das Vor-Recht zueignet / dir nachgesetzet; sondern schon selbst von der Zueignung des Käysers. Alleine der Grund des Glückes ist so voller Trübsand /daß in selbtem schwerlich ein Ancker haftet; und die Gewohnheit der Fürsten ist so wetterwendig / daß selbte mehr als mit einem Nagel muß angeheftet werden. Du bist mit dem Augustus ja durch mich verknüpfet; aber solte ich das Haupt legen / dörfte so wohl meine Hoffnung als dein Aufnehmen verfallen. Diesemnach habe ich auf eine neue Verbindung mit ihm gesonnen / keine aber ist nachdrücklicher als des Geblütes. Fremde Tugend ist in unsern Augen Zwerges-Art / aus unserer Anverwandten Mittelmässigkeiten aber machen wir Wunderwercke. Schaue dich nun selbst in dem grossen Schau-Platze[396] der Welt umb; ich zweifele / daß weder die Liebe noch die Ehre dir eine vollkommenere Gemahlin auslesen könne / als die der Käyser und ich dir bestimmet / nehmlich die unvergleichliche Antonia. Diese hast du nunmehro ohne fernere Zeitverlierung zu erkiesen / da du den Käyser vergnügen / mich erfreuen / und dein eigenes Glücke befestigen wilst. Drusus fiel nach beschlossener Rede Livien zu Fusse / und fing gegen ihr an: Ich würde /allerliebste Mutter / für ihr erstummen müssen / wenn gleich Kinder andern Müttern ihre Wolthaten verdancken könten. Denn ich erkenne die Ubermaaß ihrer Verdienste / und das Unvermögen meiner Abschuldung. Sie hat mich geleitet zur Tugend / und das Thor aufgeschlossen der Ehren. Ich erkenne ihre wohl-gemeynte Abzielung / und ich werde über ihren Urtheln keinen höhern Richter suchen. Aber nachdem hohe Würden zwar durch Verbindnüsse befestiget / durch die Tugend aber erworben werden müssen / düncket mich / ich würde durch Ubereilung mich selbst stürtzen / da ich nicht den Ansprung von der Tugend nehme. Meine Kriegs-Ubungen sind allererst Erstlinge der Tapferkeit / keine Thaten / die einen Kaiserlichen Stuhl behaupten könten / welcher auf Klugheit und Hertzhaftigkeit gegründet werden muß; welches letztere zwar angebohren / das erstere aber durch Erfahrung erlanget werden muß. Die hierzu nöthigen Ausübungen aber würde Zweifels-frey hindern / wo nicht gar stören eine übereilte Heyrath / als der wahrhafte Stein des Anstossens derer / die auf der Renne-Bahn der Ehren gleich rühmlich einlegen / ja auch einen guten Vorsprung haben. Denn ein sich verheyrathender giebet dem Glücke / welches sonst über die Tugend nichts zu gebieten hat / schon den Zügel in die Hand. Da er vor nichts als Ehre zu gewinnen trachtete / fürchtet er hernach nichts als sein Weib und Kinder einzubüssen / welche ihm bey allen kühnen Unterfangungen für dem Gesichte herumb irren /und nicht anders als traurige Gespenste alles Unglück wahrsagen. Er ist lüstern nach dem Rauche von Ithaca / und verspielet darüber etliche Länder; er seufzet nach seiner Penelope / und vergisset des unsterblichen Nachruhms; er waget keine Schlacht unter dem Vorwand des ermangelnden Befehls von Hofe; er hebet Belägerungen der schon sich zur Ergebung verstehenden Festungen auf / wormit er nur das Bette seines ihn in geheim beruffenden Ehweibes besteigen könne. Er schätzt es für Grausamkeit seinem Hause Abbruch thun / wenn er schon sein Vaterland darüber in Stich setzt. Sein Kummer bestehet in dem / was er seinen Kindern verlassen / und wie er seinen Söhnen die Anwartschafft der Aempter zuwege bringen möge; sie mögen gleich darzu geschickt seyn oder nicht. Antonius ist durch Cleopatren von der höchsten Staffel in Abgrund verfallen; und der grosse Mithridates hat /umb sich selbst den Fesseln und Untergange zu entziehen / seine Sebel in seiner eigenen Gemahlinnen Blute waschen müssen. Ja das Oppische und andere Gesetze hat den Landvögten ihre Ehe-Weiber in die zu Verwaltung anvertrauten Länder mitzunehmen verboten. Sintemal dieses Geschlechte beym Frieden Uppigkeit / beym Kriege Schrecken / beym Aufbruche Unordnung / bey den Männern Mißbrauch der Schatzungen / bey den Unterthanen Schwürigkeit verursacht / und / wie viel Schwachheiten selbtem gleich ankleben / doch bey gutem Glücke sich aus Ehrgeitz des Gebietens anmasset. Nach dem sich denn die dem Vaterlande und denen Seinigen schuldige Liebe so schwer eintheilen läst / zweifele ich nicht / es werde die / von der ich nicht nur das Leben / sondern auch den Reitz zur Tugend erlangt / ihr mehr meine zu rühmlichen Entschlüssungen dienende Freyheit gefallen lassen / als selbten durch frühzeitige Verheyrathung einen Kapzaum anlegen. Livia begegnete dem Drusus: Er thue dem heiligen[397] Ehstande Gewalt und Unrecht an / wenn er wegen etlicher Fehler eine an ihr selbst so gute Sache verdamme. Aus dem besten Weine machte der Mißbrauch den schärffsten Essig /und aus den gesündesten Speisen das schädlichste Gift. Ein tugendhaftes Ehweib verlerne alle weibliche Laster bey Anmassung männlicher Verrichtungen. Es wäre ohne Noth der tapfern Semiramis und der streitbaren Amazonen zu erwehnen. Wie vielmal habe in den Römischen Lägern eine Frau die Stelle des Feldherrn vertreten / die tapfern Kriegsleute aufgemuntert / die Armen begabet / die Krancken gepfleget / die Verwundeten verbunden? Bey den rauhen Deutschen /derer Hertzhaftigkeit er bereits erfahren / schlüsse der Mann sein Weib nicht aus den Schrancken der Tugend / noch aus den Gefährligkeiten des Krieges. Sie wäre eine unabtrennliche Gefertin seiner Bemühung und Ebentheuer / und sie streite neben ihm in den Schlachten; ja sie bringe zu Aufmunterung seiner Hertzhaftigkeit ihm nichts als ein gesatteltes Pferd und eine Rüstung zum Braut-Schatze zu. Man habe für etlicher Zeit erstarret / wie daselbst eine Fürstin im Krieges-Rathe so klüglich vorgesessen / die Heere gemustert / die Lauff-Gräben besichtigt / die Befestigung angegeben / die Stürme angeordnet / ihr Hembde zu Pflastern für geqvetschte Kriegs-Leute zerschnidten / und gewiesen / daß Blitz und Schwerdter nicht allein für die Männer gewiedmet sind. Dencke diesemnach zurücke / mit was für Rechte du den Eh-Stand schiltest / und unserm Geschlechte beymissest / daß es einen Riegel der Tugend fürschübe /und ein Werckzeug Laster sey? Jener hat freylich keine Beschwerden / aber auch seine Gemächligkeiten. Der wahrsagende Apollo gab dem weisen Socrates zur Antwort: Er möchte sich verheyrathen oder nicht /so würde er bereuen / was er thäte. Das Verhängnüß gibet unsern Anschlägen den Ausschlag / nicht unsere Behutsamkeit. Wenn die Stadt Athen gleich die schli sten Rathschläge erwehlte / richtete doch die Minerva alles zum Besten. Dieses heisset dich dein bißheriger Glücks-Stern ebenfalls hoffen. Der Eh-Stand / das Ansehn der Kinder ist mehrmals ein Sporn zur Tugend und tapferen Helden-Thaten. Der grosse Julius hat alle seine Thaten ausgeübet / nach dem er sich mit des Piso Tochter vermählt gehabt. Ich selbst bin mit dem Augustus in die Morgen- und Abend-Länder gereiset. Kan man mich aber beschuldigen / daß ich ihm einigen Verdruß / seinen wichtigsten Reichs-Geschäfftẽ einige Hindernüß verursacht habe? Hingegen wirst du es mit der Zeit erfahrẽ / was eine Frau ihrem aus der Schlacht ko endẽ und ermüdeten Ehmanẽ für eine Erleichterung schaffe. Uberdiß untersucht man zu spät und umbsonst / ob diß thulich sey / was schon der verfüget / dem man schlechter Dinges zu gehorsamen schuldig ist. Mit diesen Worten reichte Livia ihrem Sohne des Käysers Befehl. Drusus färbte sich etliche mal über den wenigen Zeilen; fing hierauf an: Er wäre versichert / daß Augustens Vorsorge zu seinem Besten angezielet sey. Aber nach dem die Wichtigkeit des Werckes Zeit und Nachdencken / Heyrathen einen gantz freyen Willen erforderten; versehe er sich weder einiger Ubereilung noch einigen Zwanges. Livia begegnete ihm: Des Käysers und mein Absehen ist dir heute nicht neu /und es ist seit deiner Wissenschafft mehr Zeit / als drey Heyraths Berathungen erfordern / vestrichen. Die Freyheit nach seinem Belieben zu heyrathen ist ein Vorrecht des Pöfels. Der Adel aber / der in so viel andern den Vorzug hat / muß ihm diesen Kitzel vergehen lassen. Denn wo dem Reiche und der gemeinen Ruhe etwas daran gelegen / bestehet die Wahl der Braut bey dem Fürsten / nicht bey dem Urthel eines lüsternen Auges. Es ist Klugheit / sich so wohl Fürsten / als das Verhängnüß bey der Hand leiten / nicht mit den Haaren ziehen lassen. Die Götter haben[398] dem Käyser das höchste Urthel über alle Dinge gegeben /dem Drusus aber nur die Ehre eines Gehorsams übrig gelassen. Drusus versetzte: Er wüste in alle Wege die neue Art der Dienstbarkeit / daß hohe Häuser aus der Hand der Fürsten ihre Liebsten empfangen müssen /wormit diese entweder ihre Buhlschafften wohl angewehrten / oder vermögende Geschlechter durch Vermählung armer oder niedriger Dirnen / in mittelmässigen Schrancken behielten / oder durch Antrauung ihrer Baasen / welche einen Königlichen Unterhalt erforderten / ihnen ein und andere Schwung-Feder ausraufften. Wiewohl nun alles diß in gegenwärtigem Falle nicht einträffe; iedoch die Gütigkeit des Käysers ihn etwas bedenckliches besorgen / ja sich auch diese Gewalt der Fürsten nicht iegliche Heyrath zu erlauben weder tadeln / noch hintertreiben liesse; so wäre doch noch niemals in Schwung kommen / daß man einem wider Willen zu heyrathen schlechter dings aufbürdete. Denn diese Annöthigung hätte in sich ungleich mehr Dienstbarkeit / als jene Verweigerung. Und die Gesetze erlaubten diesen Zwang auch so gar nicht der väterlichen Gewalt. Livia stund mit Entrüstung auf /und fing an: Drusus / Drusus / kanst du es wohl übers Hertz bringen / einer dich so hertzlich liebenden Mutter Einrathung so verächtlich in Wind zu schlagen? Traust du es wohl zu verantworten / dessen Gewalt der väterlichen nachzusetzen / welchen iedermann für den Vater des Vaterlandes verehret? Drusus antwortete mit tieffster Demütigung: Ich entschlüsse mich zu verehlichen / allerliebste Mutter / wenn sie es ja für gut ansihet. Aber warumb redet sie mir nicht das Wort bey der unvergleichlichen Julia? Und da mir der Käyser so wohl wil; warumb gönnet er mir nicht lieber seine Tochter / als seine Baase? Livia begegnete ihm mit mehrer Heftigkeit: Meynst du / ich wisse nicht / daß hier der Hund begraben liegt / und daß die Gestalt der dich doch verschmähenden Julia dich gefesselt habe? Hiermit zeigte sie ihm den gefundenen Brief. Aber laß dir diese Einbildung nur bey Zeite vergehen / und schlag dir so schädlich und unmöglich Ding alsbald aus dem Sinne. Mache dir aus einer flüchtigen Schönheit keinen Abgott; zünde der in deinem Hertzen keinen Weyrauch an / welche ihren Leib zu einem stinckenden Grabe vieler Uppigkeiten machet. Meynst du bey Julien einen Uberfluß der Annehmligkeit zu finden / welche ihre zwey Männer Marcellus und Agrippa / für längst abgemeyet? Wolte aber Gott! es wäre keine frembde Sichel in ihre Erndte kommen! Aber leider! diese irrdische Sonne hat ihre Straalen iedermann gemein gemacht / in dem aber hat sie es der Sonne nicht nachthun wollen / daß wie diese niemals ohne die Morgen-Röthe aufgehet / also sie sich aus Schamhaftigkeit iemals gefärbet hätte. Hingegen verschmähest du die noch frischen Knospen Antoniens / welcher die Keuschheit selbst aus den Augen siht / und die / welche der Käyser für seine Tochter aufgenommen / weil er Julien solcher Ehre nicht mehr würdig schätzt. Ich bin froh / daß du keine blinde Liebe zu Antonien trägst / weil du sie ehlichen sollst. Denn die unvernünftige Begierde ist ein Leitstern zu einer unglücklichen Heyrath / und verliebt seyn ein wahnsinniger Geferte der Ehleute. Dieser erstes Kind ist die Eifersucht / und das andere Haß. Die Eh soll eine Art der vollkommensten / und also auch der tauerhaftesten Freundschafft seyn. Weil nun aber der Verliebten Trieb ein schneller Feuer ist / als der Blitz / welcher zwar alles einäschert / aber selbst bald verschwindet; hat selbter keine Geschickligkeit den unverzehrlichen Zunder einer so beständigen Vereinbarung lange zu unterhalten. Die unter der Asche glimmenden Kohlen halten länger Feuer / als die in der[399] Glut krachenden Wacholder-Sträuche; und daher dienet die lodernde Julia zwar besser zur Buhlschafft /die laue Antonia aber ist unzehlich mal geschickter zur Gemahlin. Jene darff nur gläntzende Schalen; diese aber muß im Kerne gut seyn. Ist deine gute Vernunft aber nicht geneigt diesen wichtigen Unterscheid zu beobachten / so wird zuversichtlich deine Tugend der Natur Krieg anzubieten nicht gemeynt seyn. Die Natur / sage ich / verbeut dir die Gemeinschafft / wie vielmehr das Ehband mit Julien / nach dem du mich ja zwingest ein Geheimnüß auszuschwätzen / was nur ich und noch eine Seele weiß. Ach! mein Drusus! wie weit irrest du / wenn du dir einbildest / daß du ein Sohn des Tiberius Nero heist. Nein Drusus / weit gefehlt! Erkenne heute den Käyser für deinen Vater. Und daß Livia dem Augustus ehe vermählt gewest /ehe er sie aus dem Hause des Nero in seines genommen hat / daß die schwangere Livia im dritten Monden ihm keinen Stief-Sohn gebohren. Ob nun wohl Livia hier etwas anhielt / sahe sie doch Drusus alleine ohne eintziges Wort groß an / also / daß sie fortfuhr: Erwege nun / liebster Sohn / was der Käyser für Macht über dich habe? was Augustus für Liebe und Sorge für dich trage? und warumb er dir mit Antonien das Käyserthum für deinem älteren Bruder Tiberius /ja die Sonne zuzuneigen entschlossen sey? warumb er dir deine Schwester nicht vermählen könne? Drusus sanck hierauf für Livien abermals nieder / mit beygesetzten Worten: Ich dancke den Göttern und ihr / daß sie mich heute zu einem Sohne eines so grossen Käysers machen. Ich unterwerffe mich schuldigst seinen und ihren Verfügungen. Ich erkläre mich Antonien zu heyrathen. Aber ich sorge / daß Antonie schwerlich mich zu ehlichen belieben werde. Darfür lasse mich sorgen / antwortete Livia / und ging hiermit aus der Höle. Wie sie nun vernahm / daß der Priester der Dianen / welcher allhier gar mit dem Titul eines Königs beehret ward / mit Octavien und Antonien gegen dem Nemorensischen Lust-Walde / in welchem Diana den zerrissenen und wieder zum Leben gebrachten Hippolytus der Egeria anvertrauet haben soll / gegangen wäre; folgte sie ihnen nach / fand sie auch neben einem Brunnen beysammen auf einem vom Wetter niedergeschlagenen Myrten-Baume sitzen. Wie sich Livia nun neben sie verfügt hatte / hob sie an: Liebste Antonia / sie weiß / was der Käyser von Kind auf zu ihr für Zuneigung gehabt / und wie rühmlich er die Stelle ihres unglückseligen Vaters vertreten habe. Ich aber betheure bey der Gottheit / welcher dieser Pusch geweihet ist / und in Beyseyn dieses heiligen Priesters / daß ich mit Octavien eifere / da ihre mütterliche Liebe meine überwiegen solte. In was aber mögen wohl Eltern ihre Fürsorge mehr an Tag geben / als in glücklicher Vermählung ihrer Kinder? Und wen kan Antonia erwüntschter heyrathen / als der mit der Zeit den höchsten Gipfel in der Welt besteigen soll? Sie kan unschwer urtheilen / daß ich den Drusus meyne. Ich mag ihm als Mutter nicht das Wort reden / Rom aber und die Welt redet es. Und der Käyser hat mir in Mund gelegt meine ietzige Ausschüttung des Hertzens. Das Antlitz Octaviens gibt ihr schon ihre Einwilligung zu verstehen. Also erwarte ich nur von ihr eine mir und dem Käyser annehmliche und ihr selbst ersprießliche Erklärung. Antonia röthete sich über diesem unvermutheten Vortrage etliche mal / und nach dem sie ihre Mutter angesehen / auch einen tieffen Seufzer geholet hatte / antwortete sie: Ich bin verbunden diß / was das Verhängnüß beschlossen / der Käyser befiehlet / Livia verlanget / Octavia genehm hat / und Drusus belieben wird / zu vollziehen. Livia umbhalsete mit Freuden Antonien / und machte[400] daß sie sich sämtlich mit einander wieder in Tempel Dianens verfügten; unferne aber darvon für ein glückseliges Zeichen wahrnahmen / daß ihnen zwey Turteltauben entgegen geflogen kamen. Wie nun Drusus auf Liviens Verfügung auch im Tempel erschien / eröfnete sie ihm ihre bey Antonien nach Wunsch verrichtete Werbung; und also musten beyde / Drusus und Antonia / derer iedes auf des andern Unwillen sich verlassen hatte / für dem Altare der Diana ihr Verlöbnüß vollziehen. Und nach dem sie Dianen zwey weisse Ochsen / dem Pilumnus aber auf einem nahen Hügel eine Ziege geopffert hatten / kehrten sie zurück in das Vorwerg des Käysers / und den dritten Tag nach Rom / allwo das Beylager mehr mit Liviens und Juliens /als der vermähleten Freude aufs prächtigste vollzogen ward. Denn die Liebe des Drusus war gegen Julien derogestalt eingewurtzelt / daß er Liviens Vorgeben /als wenn er und Julie der Scribonia Tochter vom Vater Geschwister / und beyde des Augustus Kinder wären / mehr für eine kluge Erfindung / als für Warheit aufnahm. Antonien aber blieb Julie ein steter Dorn in Augen; in dem sie die Zerstörung der Liebe zwischen ihr und dem Lucius Muräna / dessen Verbergung ihr Angedencken nicht ausleschte / der arglistigen Julia alleine zuschrieb.

Hingegen vermochte die Vielheit der Liebhaber Julien derogestalt nicht zu ersättigen / daß sie nicht so wol den Drusus in seiner gegen ihr gefangenen Liebe unterhielt / und wormit sie nicht gar verleschte / nach und nach mehr Zunder verlieh; als nach dem unerforschlichen Muräna Tag und Nacht seufzete. Unter ihren anwesenden Liebhabern aber war bey ihr keiner mehr gesehen / als Julius Antonius / ein Römischer Jüngling hohen Geschlechtes / grossen Vermögens /und ausbündiger Schönheit. Diesen hatte sie mit ihrem Liebes-Reitze derogestalt bezaubert / daß sie ihn mit einem Augenwinck / wie der Mohr den Elefanten / gleich als an einer Schnur leiten konte. Nebst dem war er entweder so verblendet / daß er Juliens Zuhalten mit andern Liebhabern für eine in blosse Höfligkeit eingeschrenckte Freundligkeit ansah; oder die seine Liebe überwiegende Ehrsucht verursachte /daß er zu Juliens Uppigkeiten ein Auge zudrückte; nach dem er ihm nebst Juliens Heyrath von künfftiger Besitzung des Käyserthums was süsses träumen ließ. Julia merckte des Julius Antonius Absehn nicht allein wol / sondern sie wuste auch meisterlich ihn mit dem Winde dieser Eitelkeit zu speisen. Endlich meinte er: Er sässe nicht allein Julien / sondern dem Glücke selbst in der Schooß; Als sie es beym Käyser durch Vorbitte / bey denen vorhergehenden Bürgermeistern /Qvintus Fabius / und Qvintus Elius Tubero durch ihre fast iederman feile Schönheit zu wege brachte / daß Julius Antonius Römischer Bürgermeister ward. Diesem aber schrieb sie zugleich alsobald für / daß er den wiewol abwesenden Lucius Muräna zum Stadtvogte erkiesen / und ihn durch offentliche Ausschreibungen im Römischen Reiche darzu laden muste. Hierdurch ward Muräna / der inzwischen aus Verdruß sich in das Cilybeische Gebürge versteckt / und zu einer freywilligen Einsamkeit verdammt hatte / gezwungen nach Rom sich zu verfügen / und die ihm vom Vaterlande aufgetragene Aempter / derer sich ohne Unehre seines Geschlechtes niemand entbrechen dorfte / aufbürden zu lassen. Muräna war kaum nach Rom kommen / als Julia alle Künste ihres Liebreitzes herfür suchte sein Hertz zu erweichen. Sie verschloß ihre Ohren für aller voriger Liebhaber Anbetungen / und alle Röhren ihrer gewohnten Annehmligkeit gegen gantz Rom / um solche nur über den unerbittlichen Muräna auszuschütten; entweder weil sie noch keinen Menschen so inbrünstig / als diesen / liebgewonnen hatte / oder weil sie es ihr für einen grossen Abbruch hielt / da einigen[401] Menschens Kaltsinnigkeit sich ihres Liebreitzes erwehren solte. Die Magnet-Nadel wendet sich so begierig nicht nach dem Angelsterne; die Sonnenwende nicht nach dem grossen Auge der Welt; als ihre Begierde auf den Muräna gerichtet war. Sie brauchte tausenderley Erfindungen sich in die Versammlungen / wo er befindlich war / einzuspielen; Und wie sehr er sich ihrer zu entschlagen bemühet war / wuste sie ihn doch unterschiedẽne mal so künstlich zu besetzen / daß er ihrer einsamen Beredung sich nicht entbrechen konte. Einsmals kamen sie in den Gärten an der Tyber / welche Käyser Julius dem Römischen Volcke vermacht hatte / zusammen; da sie denn alles euserste ihn zu gewinnen verfuchte. Julia brachte den Muräna gleich zwischen den vom Ascalon nach Rom gebrachten Bilde der gewaffneten Venus / und des Träzenischen Hippolytus zu Stande. Siehest du wol / fing sie an / Muräna / was das Verhängnüß auf beyder Seiten deiner Hartnäckigkeit für heilsame Warnigungen fürstelle? Glaubst du noch /daß die Liebe nur ein nacktes Weib / nicht eine gewaffnete Göttin sey; welche ihre Verschmähungen zu rächen nicht vermöge? Müssen ihr nicht die mächtigsten Götter Beystand leisten / und der kalte Neptun seine Meer-Ochsen leihen / daß sie an dem unholden Hippolytus ihre Rache ausüben? Wenn ich nicht wüste / daß Muräna einsmals ein Gefangener der todten Antonia gewest wäre / müste die lebhaffte Julia sich nur bereden / Muräna hätte von sich selbst eine so grosse Einbildung / daß er sich selbst unter allen Sterblichen nur liebenswerth / die gantze Welt aber für verächtliche Spreu hielte. Wie aber / haben dich seit der Zeit deine Meinungen bezaubert / daß du alle andere zu verwerffen / und allen Liebreitz zu verlachen entschlossen bist? Hältest du es für einen Schandfleck einem Frauenzimmer den geringsten Stand in deinem Hertzen zu enträumen? Oder wilst du die Liebe der brennenden Julie zu einem Sieges-Zeichen deines unempfindlichen Hochmuths aufrichten? Augen / Mund und Brüste leereten alle ihre Köcher der Anmuth aus / um diesen unerbittlichen oder steinernen Menschen zu bemeistern. Daher / wie der härteste Marmel endlich von den Regen-Tropffen abgenützet / und das festeste Ertzt von öfterem Anstreichen eines weicheren Seiles zerkerbet wird; also erweichte endlich entweder die heftige und beständige Liebe so einer irrdischen Göttin / oder die Hofnung künfftiger Dinge / welche alles viel herrlicher fürbildet / wenn das Glücke einem die gehabten aus den Händen reist / fürnehmlich aber die Anwartschaft höchster Ehrenstaffeln / des Muräna steinernes Hertze / daß er Julien anfänglich anzuschauen / hernach zu hören / ferner ihr günstig zu werden / und endlich sie zulieben anfing. Höret aber / wie die Eifersucht auch nach erloschener Begierde und aller verschwundenen Hoffnung noch so scharfsichtig und mißgünstig sey. Die keusche Antonia / welche nunmehr mit ihrem Drusus sich vergnügte / und des Muräna zu genüssen die Unmögligkeit für Augen sahe / war gleich die erste / die Muränens verliebte Veränderung wahrnahm / und das gröste Unvergnügen schöpffte / daß sie Julien mit dem Siegskrantze der Liebe prangen / und aus ihrem unwiederbringlichen Verluste ihre Nebenbuhlerin so bereichert sahe. Nachdem sie nun ihr von der Käyserin Livia unschwer fürbilden konte / daß ihr Absehn mit Julien weit anders wohin / als auf den Lucius Muräna gerichtet war; entschloß sie nach langem zweiffelhafften Nachdencken sich an Julien mit eben dem zu rächen / wormit sie von ihr beleidiget worden war. Muräna hat nach seiner Zurückkunft nach Rom der nunmehr aus des Drusus Armen unabtrennlichen Antonia das von der Julia empfangene Liebes-Schreiben / welches er für Antoniens hielt / zurück gesendet / gleich als wenn er sie dardurch aus sonderbarer Höfligkeit ihres ihm gethanen Verbündnüsses befreyen wolte; Antonia aber allererst hieraus er grübelt /[402] daß durch Julien die Verwechselung im Schau-Platze zu Puteol mit Fleiß angestifftet worden wäre. Diesemnach ereignete sich / daß Muräna und andere junge Römer in denen Servilischen Lustgärten mit Julien und anderm Frauenzimmer sich in allerhand Kurtzweil-Spielen belustigte / und von ieder Person der zu ihrer aller Richterin erkieseten Livia ein Pfand eingeliefert ward; welches sie hernach wiewohl mit verbundenen Augen wieder verwechselte / und von der Person / die es zu sich genommen hatte / nebst einem Sinnspruche zurück empfing. Antonia wolte diese Gelegenheit nicht aus den Händen lassen / und als ihr ungefehr Muränens Handschuch zukam / steckte sie an statt des Sinnspruches der Julia Schreiben darein. Wie nun Livia in denen verwechselten und zurück bekommenen Pfändern die Sinnsprüche / um über ein- oder andern Theiles Scharfsinnigkeit zu urtheilen / eröfnete / und auf Juliens Schreiben kam / verstummte sie eine gute Weile; iedoch verstellte sie ihre Veränderung möglichst; also / daß selbter auser Antonien niemand eigentlich gewahr ward. Gleichwol brach sie kurtz hierauf das Spiel ab / zohe den Käyser auff die Seite / und weiste ihm seiner Tochter Handschrifft; nichts weniger ihr einbildende / als daß Antonia solches ihr zugesteckt / sondern vielmehr / daß es Muräna vergriffen hätte. Augustus / welcher nach der Art grosser Fürsten sich mehr um diß bekümmerte / was in denen entferntesten Welt-Enden als in seinem Hause sich zutrug / ward über Julien heftig erbittert. Denn ober zwar seine Tochter vorher / nachdem ihr erster Ehmann Marcellus auff Liviens Anstifften vom Artzte Antonius Musa durch kalte Bäder getödtet war / dem vom niedrigerm Uhrsprunge herrührenden Agrippa vermählet hatte; so war er doch schon vorher mit dem Käyser beschwägert; in dem er der Octavia Tochter Marcella zur Eh gehabt / seine Siege wider die Gallier / sein Meer-Bau bey Bajä / sein See-Sieg wider den Damochares und Sextus Pompejus / seine hohe Würden / und das mehrmahl verwaltete Bürgermeister-Ampt hatten ihn auch schon auf eine so hohe Staffel erhoben / daß Muräna / wie viel edler er gleich von Geblüte war /sich dem Agrippa nicht gleichen dorfte; ja die Staats-Sucht selbst den Käyser nöthigte ihm entweder seine Tochter / oder ein Glaß voll Gifft zu geben. Zugeschweigen / daß der Käyser auf den Muräna nicht allzuviel traute; weil sein Bruder Varro Muräna sich mit dem Fannius Cäpio wider ihn verschworen hatte. Diesemnach forderte der Käyser Julien in eine Laubhütte für sich / und fragte alsobald /was sie mit dem Lucius Muräna für verträuliches Verständnüß hätte? Diese / welche ihr von nichts weniger / als dem an den Muräna für längst geschriebenen Brieffe träumen ließ / machte ihr die Beschuldigung gantz fremde. Augustus legte ihr aber alsofort ihre eigene Hand für; worüber sie zugleich blaß und stumm ward; alsofort aber dem Käyser zu Fusse fiel / und /daß sie auf Muränen ein Auge gehabt hätte / zugestand. Augustus verbot ihr hierauf bey Straffe des Lebens alle Gemeinschafft mit dem Muräna / verließ also Julien in euserster Bestürtzung / und kehrte zu Livien zurücke um mit ihr zu berathschlagen / wie solcher unzeitigen Liebe Juliens abzuhelffen wäre. Livia / welcher ihre lüsterne Art allzu sehr kundig war / versicherte den Käyser / daß er von Julien noch grössere Schwachheiten zu besorgen hätte; da er ihrer Freyheit nicht einen Rügel fürschieben würde. Denn die sterblichen Menschen wären selten genungsam vorsichtig denen Begierden zu gebieten / welchen das Glücke selbst zu Gebote stünde. Daher wäre ihr Rath: Es solte Augustus sie aufs neue verheyrathen / und also mit einem Hammer so wol ihre unzeitige Liebe straffen / als ihr ihr eigenes Glücke schmieden. Augustus gieng eine gute Weile im Garten voller[403] Nachdencken auf und nieder / kam hierauf wieder zu Livien mit diesen Worten: Es ist niemand Juliens fähig als ihr Sohn Tiberius. Die Käyserin ward hierüber mit einer so unermäßlichen Freude überschüttet / daß wie viel sie gleich wider beyderley Glücke vermochte /dennoch Noth hatte solche zu verstellen. Diese Empfindligkeit aber bekleidete sie mit diesem befremdenden Einwurffe: Mit was Rechte oder Schein könte der Julien ehlichen / dem die so schöne Vipsania Agrippina / die Marcus Agrippa mit des Pomponius Atticus Tochter gezeugt hätte / vermählet wäre? Augustus begegnete ihr: Mit eben dem Rechte / als die Juno Jupitern verlassen / und die Stadt Stymphalus für den Himmel erkieset / als Penelope vom Ulysses sich getrennet und nach Sparta geflüchtet / endlich ich selbst Scribonien verstossen / und sie geheyrathet habe. Dannenhero solte sie ohne einige Zeitverspielung dem Tiberius seine Entschlüssung einhalten / und auf allen Fall zum End-Urthel eröfnen / daß das gemeine Heil einem Bürger viel näher / als sein liebstes Eheweib angetrauet wäre. Livia war zu dem / was sie hertzinniglich verlangte / unschwer zu bereden; denn ob sie wol wuste / daß ihr Sohn Drusus vom Käyser zum Reiche bestimmt war; so gönnte sie doch entweder dem Tiberius diese Würde lieber / oder sie wolte auf den Fall / da die irrdischen Zufälle dem einen den Compaß verrückten / für beyde Söhne den Grund legen / als ihre Hoffnung lieber mir zwey / als einem Ancker befestigen / und für ihr eigenes Glücke eine Zwickmühle behalten. Wie sie nun vernahm / daß Tiberius auf das an dem Albanischen See liegende Vorwerg des Pompejus gereiset war / folgte sie ihm noch selbigen Tag nach / fand ihn aber in dem unferne dar von aufgebauten Tempel der Venus / welcher auf Liviens Nachfrage / was ihn für eine Andacht dahin triebe / antwortete: Sie wüste ja wol / daß seine Gemahlin hohen Leibes gienge / also hätte er der gebährenden Venus daselbst für glückliche Genesung schuldige Opffer gebracht. Livia lächelte und fing an: In Warheit / ich kan dich besser als hiesige Priester versichern / daß die Göttin dich erhöret / und dir mehr /als du verlanget hast / zugedacht habe. Tiberius ward durch diese Rede und Liviens überaus freudige Gebehrdung sein Glücke zu vernehmen begierig; welchem sie denn auch endlich entdeckte / daß ihm der Käyser Julien vermählen wolte. Tiberius nahm es Anfangs für Schertz auf / und fragte: Ob denn der Käyser in Rom mehr als eine Frau zu ehlichen verstatten wolte? Livia versetzte: Zwar dieses ist der Käyser nicht gemeinet; aber unsere Sitten erlauben wohl /und ich selbst diene dir zum Beyspiele / daß man wol eine weg lassen / und eine neue erkiesen möge. Tiberius erschrack über dieser Auslegung / und wie bedachtsam er gleich sonst in seinen Entschlüssen verfuhr; so trieb ihn doch seine Liebe so sehr / daß er in die Worte ausbrach: Die Götter wollen mich in diesen Wanckelmuth nicht einsincken lassen / daß ich meine getreueste Vipsania / die Mutter meiner einigen Hoffnung nehmlich des jungen Drusus / und die itzt wieder in so heiligen Banden gehet / undanckbar verstossen; auch für eine so keusche Gemahlin die geile Julia erkiesen solte! Livia brach ihm ein: Er solte zurück halten von der so verkleinerlich zu sprechen / die des Käysers Tochter und seine unvermeidliche Braut wäre; auch der Wahrheit durch Leichtgläubigkeit eitelen oder verläumdischen Ruffes nicht alsobald Abbruch thun. Tiberius antwortete: Seine Einwendung bestünde nicht auf fremdem Argwohn / sondern auf eigener Erfahrung; indem Julia noch bey Lebzeiten des Agrippa gegen ihm selbst feil gemacht hatte / was eine ehrliche Frau für allen / auser ihrem Ehherrn /verborgen halten solte. Livia begegnete ihm: So viel mehr hastu die Grösse der Liebe / die Julia zu dir trägt / zu ermessen. Aber warum redest du / oder ich mit dir von der Liebe /[404] welche nur der Alberen ihr Leitstern ist? Bist du wol iemahls so einfältig gewest / daß du geglaubt / ich hätte deinen Vater den Nero verlassen / weil ich den Augustus inbrünstiger als ihn geliebet? Die inbrünstigste Liebe verlieret ihr Wesen /und verwandelt sich in eine Chimere / welche mit der Zeit so gar aus dem Gedächtnüsse verschwindet /wenn es um Ehre und Herrschafft zu thun ist. Kanst du sie aber nicht aus dem Hertzen loß werden / so dencke nur / daß auch ich dem Nero nicht gram worden sey / als ich gleich schon in dem Bette des Käysers geschlaffen? Zwischen Liebe und Heyrath ist eine grosse Klufft befestiget. Jene hat freylich ihr Absehn auf Vergnügung / diese aber aufs Aufnehmen. Liebe diesemnach / wie du wilst / deine Vipsania / aber ehliche Julien und mit ihr die Anwartschafft zum Käyserthume. Lasse Vipsania aus deinem Hause /aber nicht aus deinem Gemüthe. Behalt den jungen Drusus und was sie ferner gebähren wird / zu deinem Kinde; wie ich dich und den Drusus behalten habe. Gönne endlich der eine Handvoll verstohlener Wollust / die dir die Herrschafft der Welt zum Braut-Schatze einbringt. Denn in Warheit diese ist wichtiger als der eitele Wind aller verzweiffelten Liebhaber /und hat mehr Nachdruck / als alle scharffsinnige Einwendungen. Der bestürtzte Tiberius versetzte seiner Mutter: wie kan ich mir einige Hoffnung zum Käyserthume träumen lassen / wenn ich durch meine unzeitige Ehscheidung mir gantz Rom gehäßig mache? Was Julius und August bey ihrer schon befestigten Herrschafft gewagt / läst sich von einem Bürger nicht nachthun / der den höchsten Gipffel zwar im Auge / nicht aber in seinem Besitze hat. Die Gesetze und Beyspiele stehen mir im Wege. Romulus erlaubt einem Manne sein Weib nur zu verstossen / wenn sie die Eh gebrochen / den Kindern vergeben / oder falsche Schlüssel gebrauchet. Daher auch viel hundert Jahr zu Rom von keiner Ehscheidung zu hören gewest wäre; biß Spurius Carbilius wegen Unfruchtbarkeit /Publius Sempronius wegen Anschauung der Begräb nüß-Spiele sein Ehweib verstossen. Seine fruchtbare und unschuldige Vipsania aber hätte das minste verbrochen. Bey welcher Beschaffenheit auch Käyser Julius weder durch den Ehrgeitz verleitet / noch durch des Sylla Dräuungen hätte bewegt werden können /seine liebste Cornelia des Cnina Tochter zu verlassen. Und ob wohl freylich unterschiedene mal einige aus liederlichen Ursachen ihre Weiber verstossen / Cato seine aus Freundschafft dem Hortensius abgetreten hätte; wäre doch dieser Mißbrauch vom August selbst allererst nachdrücklich abgestellet worden. Livia lachte nur zu des Tiberius Einwürffen / und fragte: Ob er sich selbst nicht kennte / wer er wäre? Und ob er nicht verstünde / wem die Gesetze geschrieben würden? Tiberius aber antwortete: Es wäre dem Käyser und ihm selbst daran gelegen / daß auch die grossen denen Gesetzen gehorsamten. Denn ein Fürst büste all sein Ansehen ein / wenn er das seinen Befehlen angefügte Unrecht nicht rächen könte. Er zeigte mit nichts mehr seine Schwäche / als wenn er den Verbrechern durch die Finger sehe. Wenn aber die Gesetze zu Spinnweben würden / welche die Wespen und grossen Fliegen zerrissen; kehrte sie der Pöfel hernach gar ab / und trete nicht so wol sie / als den Gesetzgeber selbst mit Füssen. Livia ward hierüber nunmehr unwillig / und fing mit einer ernsthafften Verstellung an: Es ist der Klugheit nicht gemäß über dem zu grübeln / worinnen uns statt der Wahl nur der Gehorsam übrig ist. Der Gesetzgeber der Käyser will es einmahl so haben /dessen Gewalt du kein Maaß setzen must; wo du nicht deine künfftige verkleinerlich einschrencken wilst. Tiberius wuste Livien hierauf nichts als tieffe Seufzer entgegen zu setzen; endlich bat er / ihm so viel Zeit zu erlauben / daß er seiner Vipsania Gemüthe einen so schweren[405] Stoß zu verschmerzen fähig machen möchte. Als diß ihm schwerlich erlaubt ward / trug er es in eben selbigem Tempel seiner Gemahlin mit der empfindlichsten Wehmuth und mit betheuerlicher Versicherung / daß seine Liebe durch keine Zertrennung erleschen würde / für. Vipsania aber nahm diese Verstossung / weil sie die Unvermeidligkeit leicht ermessen konte / mit einer solchen Bezeugung auf / daß man ihr weder einige Kaltsinnigkeit ihrer Liebe / noch einige Kleinmuth bey hartem Unglücke zumessen konte. Als sie aber nach Rom gelangten /und Tiberius von Vipsanien nun Abschied nehmen solte; sintemahl der Käyser inzwischen Julien ohne lange Gewinnung ihres Willens befehlicht hatte sich zu der Vermählung mit dem Tiberius fertig zu halten; Uberwog beyderseitige Wehmuth alle Kräfften der Standhafftigkeit / also / daß sie einander mit nichts als heissen Thränen und stummen Küssen gesegnen konten. Ja als Tiberius und Julia auch schon einander angetraut waren / konte er seiner Vipsania unmöglich vergessen; ihre Gestalt schwebte ihm gleich als einem Gespenste Tag und Nacht für den Augen / er bereuete tausendmahl ihre Verlassung; ja als er sie einmal in dem von ihrem Vater allen Göttern gewiedmetem Tempel nur ungefehr zu Gesichte kriegte / sahe er selbte mit so starren Augen an / daß ihm darvon die Augenlieder aufschwollen; und die solches er erfahrende Livia hierauf sorgfältig verhüten ließ / das Vipsania ihm nicht leicht wieder zu Gesichte kommen solte. Hier entgegen blieb gegen Julien seine sich anfangs anspinnende / und nach dem sie ihm auf der Rückreise aus Pannonien zu Aqvileja einen Sohn gebahr / etwas ergrössernde Liebe dennoch laulicht; endlich / als diß Kind zeitlich starb / ward sie kalt /und verschwand gar / also / daß Tiberius sich ihrer /so viel möglich / entschlug; sonderlich / da er sahe /daß Julia in Rom nichts von ihren gewohnten Uppigkeiten nachließ; und dieses alle Augenblicke mit einer neuen Gemüths-Enderung schwanger gehende Weib zwar alle Farben / niemahls aber die Weisse der Tugend nach Art des Cameleons anzunehmen fähig / und derselben schönen Griechin ähnlich war / welcher man den Zunahmen einer Uhr gab / weil sie sich keinen Liebhaber länger besitzen ließ / als biß die Wasser-Uhr ausgelauffen war. Gleichwol bezeigte sie gegen den Tiberius iederzeit eine so feurige Liebe /daß sie ihm auff den gefährlichsten Reisen in die rauesten Länder / insonderheit zu den Pannoniern / welche nach vernommenem Absterben ihres ersten Uberwünders des Agrippa aufstanden / und nach der von den Deutschen erlittenen Niederlage des Marcus Lollius / darinnen die Römer den Adler der fünfften Legion einbüsten / in Deutschland nachfolgte. Und weil sie bey diesen fremden Völckern so viel Gelegenheit zur Uppigkeit nicht fand / hierdurch den eiversüchtigen Tiberius ein wenig besänfftigte. Denn ob zwar die Eiffersucht insgemein eine Geburt der hefftigsten Liebe / wie die Vermehrung der Galle übermäßig genossener Süßigkeit ist; Tiberius aber Julien nie mit einiger Ader geliebt hatte; so war er doch entweder aus einer angebohrnen Gramschafft / oder aus Einbildung / daß durch Juliens Geilheit seine Ehr und Ansehen anbrüchig würden / oder welches am glaublichsten: weil er keinem Menschen Juliens zu genüssen gönnete / dieser Schwachheit übermäßig unterworffen. Welche neidische Unart / wenn sie mit der Eifersucht sich vermählet / auch mit dem Tode nicht aufhöret; daher jene zwey Römer in ihrem letzten Willen verordneten / daß nach ihrem Absterben ihre zwey schönen Weiber auf dem ersten Fechterspiele einander tödten solten / und Herodes / als er einsmahls zum Käyser reisete / hinterließ einen Befehl seine wunderschöne Mariamne zu ermorden / wenn er nicht zurücke käme. Ja weil Livia dem Tiberius seine Eiversucht weder durch das Beyspiel ihrer eigenen Ubersehung / noch durch angezogene Ursachen[406] ausreden konte / sondern er ihr zu seiner Vertheidigung entgegen setzte: daß die Natur selbst diese Gemüths-Regung billichte / wenn sie die in Mutterleibe noch befindliche Zwillinge zweyerley Geschlechtes absonderlich in eine Haut einhüllete und für einander bewahrte; Livia sich also zu Rom wegen Juliens ärgster Händel / und so gar eine Zerfallung des Tiberius mit dem Käyser besorgte / in dem doch der eiversüchtigen Rache die heftigste und schnelleste ist; und deßhalben das Bild der Nemesis zu Smyrna mit den Flügeln des Liebes-Gottes ausgerüstet war / so veranlast sie den Tiberius / daß als er gleich nach Rom kehrte / und die Last des deutschen Krieges seinem Bruder Drusus überlassen muste /doch Julien unter dem Scheine fordersamster Rückkehr bey dem Altare der Ubier zurück ließ. Julia / ob sie wol euserlich diese Absonderung schmertzlich empfand / verlangte doch im Hertzen ferne von ihm zu seyn; sonderlich / weil des Drusus gegen ihr tief eingewurtzelte Liebe durch diese beqveme Gelegenheit und bey so unverdächtigem zusammen-seyn aufs neue wiederum zum heftigsten entbrannte / und so wol der Eckel für dem gramhaftigen Tiberius / als die ihr allzu sehr versaltzene Genüssung des in Syrien von dem Käyser ihrentwegen entfernten Muräna ihre Liebe gegen dem holdseligen Drusus vergrösserte /und ihre vorige umschweiffende Zuneigungen nunmehr gleichsam in einen Mittelpunct zusammen drang; wo anders nicht auch die gegen Antonien gefassete Rachgier / weil sie nach eingezogener Nachricht vom Muräna ihr die Zerstörung ihrer Liebe beymaß / Julien reitzte ihren Drusus zu lieben / um hierdurch Antonien so viel mehr zu beleidigen. Also wird die so heilsame Liebe mehrmals nicht nur zu einer Larve der Herschsucht / sondern auch zu einem Dolche der Rachgier mißbraucht. Massen denn Antonia dieses Verständnüß zwar merckte / aber weder ihren Eheherrn zu beschimpffen / noch ihrer Nebenbuhlerin Anlaß zu geben / daß sie sich noch mehr über ihrer Verschmehung kützeln könte / vernünftig verstellte. Sintemal die Eifersucht nur eine sinnreiche Erfindung sich selbst zu qvälen / und ein Wetzstein fremder Begierden ist. Hierdurch aber richtete Antonia gleichwol nichts anders aus / als daß Julien gar nicht nach Rom gelüstete / sondern etliche Jahre / und wormit die Ursache so viel weniger mercklich war / auch / wenn Drusus im Winter nach Rom kehrte / in Deutschland verharrete / und in dem Belgischen Gallien nicht weit vom Rheine ihrem Gemahl zu Ehren die Stadt Tiberich / ihr selbst an der Ruhr die Stadt Julich erbaute; Hingegen zohe Julia den lüsternen Drusus stärcker als der Nordstern den Magnet an sich. Dahero er auch als Bürgermeister den dritten Zug / nicht so wol wider die Deutschen / als der unersättlichen Julie zu genüssen /fürnahm / und sich keine widrige Andeutungen / noch des Augustus Widerrathungen abhalten ließ. Welcher den aus dem Deutschen Kriege erwachsenden schlechten Vortheil / aber mercklichen Verlust nunmehr zu überlegen anfing / und daher diesen Krieg der Fischerey mit dem güldenen Hamen vergliech / in der mehr zu verlieren / als zu gewinnen wäre. Sintemal die blinde Liebe so sehr in ihr Verderben / als die Motte in die sie zwar anlockende aber verzehrende Flamme rennet.


Wie nun Drusus zu Mäyntz / wo der Mäyn in Rhein fällt / ankam / fand er die nach ihm lechsende Julia schon daselbst auf ihn wartend / welche ihn den Rhein hinab führte / unter dem Schein ihm ihre zwey neuangelegten Städte zu zeigen / in der Warheit aber seiner Liebe viel länger und freyer zu genüssen. Ja er baute zu Gelduba am Rheine denen drey Heldinnen und der Liebe ein Heiligthum / in welches er der Julie Bildnüß setzte / und ihr / unter dem Scheine solcher Gottheiten / nach dem Beyspiele der Spartaner opfferte; welche durch diesen Gottesdienst andeuteten / daß man für Ergreiffung der Waffen alle gütliche Mittel versuchen solte. Drusus brauchte sich dieser wollüstigen[407] Reise gleichfals zu einer Kriegs-List / um vielleicht die alte Meinung und das Gedichte wahr zu ma chen / daß die Liebe die scharfsinnigste Erfinderin unter den Göttern / und Mercur niemals nachdencklicher gewesen sey / als wenn ihr annehmliches Feuer nichts minder seinen Verstand erleuchtet / als sein Hertze entzündet hätte. Denn er stellte sich / als wenn er mit seiner Kriegs-Macht wieder bey den Sicambrern einbrechen wolte; weßwegen die Catten / ungeachtet ihres letztern Zwistes wegen der Beute / ihnen etliche tausend der am besten berittenen Mannschafft / treuhertzig zu Hülffe schickten. Sintemal die sich mit einander beissenden Tauben nicht geschwinder mit einander vereinbaret werden können / als wenn sich ein Habicht / der sie alle zu zerreissen vermag /empor schwingt. Ehe sichs aber die Deutschen versahen / oder Kundschafft erlangen konten / setzte Drusus bey Antonach die Römischen Legionen / und Gallischen Hülfs-Völcker über / und brach bey den Catten mit völliger Macht ein. Hertzog Arpus bot mit seinen versammleten Catten den Römern die Stirne / und wolte weder seine denen Sicambrern zu Hülffe geschickte Völcker / noch auch andern Beystand erwarten / entweder weil er die Römer nicht für so starck /oder sich alleine dem Feinde genungsam gewachsen hielt / und deßwegen in Zurücktreibung der Römer die Ehre alleine einlegen wolte. Also gieng das Treffen beyderseits mit grosser Tapfferkeit an / Hertzog Arpus fochte wie ein Löwe an der Spitze seiner hertzhafften Catten. Aber weil der Römer wohl viermal mehr als der Deutschen waren / wurden sie übermannet / und Arpus mit seinem Heere zurück zu weichen gezwungen; welches wie allhier gegen die Deutschen /also fast allezeit der Römer Vortheil gewest / daß ihre Feinde sich nicht mit einander um die gemeine Erhaltung berathen haben / sondern in dem sie eintzel weise gefochten / alle nach einander überwunden worden. Gleichwol aber hatten dißmal sich die Römer schlechten Vortheils zu rühmen; indem ihrer so viel /wo nicht mehr als der Deutschen geblieben waren /und die Catten an der Lahne wiederum festen Fuß setzten / um des Feindes Uberkunfft zu verwehren. Drusus ward über dem / daß eine Handvoll der Deutschen ihm so viel zu schaffen machten / erbittert; hielt auch die so kostbare Erhaltung des Feldes mehr für Verlust als Sieg; und die Beschirmung dieses kleinen Flusses für eine grosse Schande der Römer. Weßwegen er folgenden Tages seinem in voller Bereitschafft stehenden Heere andeutete: Er wolte in dreyen Stunden Meister beyder Ufer seyn / oder selbst sein Begräbnüß im Flusse haben. Hiermit setzte er an dreyen Orten an / wormit er die schwächere Macht der Feinde so viel mehr zertheilte. Die Gallier als geringgeschätzte Fremdlingen / welche wie die angepflöckten Krähen auch denen Deutschen den ihnen angeschlingten Strick der Dienstbarkeit um den Hals zu werffen bemüht waren / musten den ersten Angriff thun / und weil die Catten mit unglaublicher Gegenwehr keinem einen Fuß aus dem Wasser zu setzen erlaubten /gleichsam mit ihren Leichen den Römern drey Brücken über den Fluß machen / also / daß von viel tausend Galliern wenig übrig blieben / welchen nicht entweder von den Waffen der Deutschen das Licht ausgelescht / oder von dem Wasser verdüstert ward. Als nun aber die Römischen Legionen folgten / und Drusus selbst mit der Reuterey an einem neuen Furthe durchbrechen wolte / gieng die Schlacht allererst mit erbärmlicher Blutstürtzung an. Arpus wolte mit seinen Catten keinen Fuß breit Erde dem Feinde einräumen / und Drusus nicht abziehen / und solte das Römische Heer auch mit Strumpf und Stiel vertilget werden. Er selbst hielt zu Pferde mitten im Strome / umb den Seinigen ein Beyspiel zu seyn; Hertzog Arpus aber gegen ihm am Ufer; ja endlich kamen sie einander so nahe / daß der Catten[408] Hertzog den Drusus in lincken Arm verwundete; Gleichwohl wolte er keinen Fuß breit zurück weichen / weil er wohl wuste / daß ein Feldherr in dem Kriegs-Spiele zwar ein Rechenpfennig von eben dem Ertzte / als andere Kriegsleute sey / aber etliche tausend gemeine Pfennige gelte /und ein demselben begegnender Zufall den seinigen ein unermäßliches Schrecken dem Feinde eine zweyfache Hertzhafftigkeit zuziehe. Nach einem sechsstündigen hartnäckichten Gefechte aber und als die Römer schon an dem Siege verzweiffelten / hatten die den Römern noch um einen wiewohl zweyfachen iedoch schändlichen Sold dienenden und der Orten mehr kundige Ubier wohl eine Meile weges von diesem Schlacht-Platze weg / einen andern gar nicht besetzten Furth gefunden / und den Römischen Hinterhalt an sich gezogen / welcher nunmehr die Catten auff der Seite anfiel. Hertzog Arpus / als er sahe / daß bey solcher Beschaffenheit gegen der grossen Menge der Römer länger zu stehen mehr eine verzweiffelte Unvernunfft / als eine Tapfferkeit wäre / gab seinen Catten ein Zeichen sich nach und nach zurücke in die verhauenẽ Wälder zu ziehen / in welche wegen allzu grossen Verlusts und Abmattung der Römer Drusus sie nicht verfolgen konte / sondern vielmehr des Arpus vorsichtige Zurüchweichung einem mittelmäßigen Siege vorziehen / und für eine He ung seines Einbruchs rühmen muste. Wie denn Drusus in Warheit an dem Lahnstrome stille zu stehen / und aus den Besatzungen noch eine Legion nebst zwölff tausend Galliern zu Hülffe zuruffen gezwungen ward. Mit dieser neuen Verstärckung drang Drusus seinem Feinde nach / welcher inzwischen sich mit etlich tausend Sicambrern und seinen ihnen zu Hülffe geschickten Völckern verstärckt / und an der Eder gesetzt hatte. Allhier kamen sie mit einander das drittemahl zu schlagen. Hertzog Arpus bediente sich abermahl dieses Flusses zum Vortheil. Denn er hatte seine Schlacht-Ordnung gestellet / daß er mit dem lincken Flügel an die Eder stieß / mit dem rechten an die alsbald hinter ihm darein flüssende Fulde etliche Meilen oberhalb der Stadt Stereontium / über welche beyde er etliche Brücken geschlagen hatte / um auff allen Fall darüber sich zurück zu ziehen. Weil nun die Catten derogestalt auff beyden Seiten versichert standen / daß die Feinde nicht einbrechen / noch auch / weil die Stirne der Schlacht-Ordnung nicht allzu breit war; Drusus sich seiner Menge völlig bedienen konte / war diese Schlacht so grimmig / als keine vorher. Drusus und Arpus kamen dreymahl in Person an einander; und so tapffer jener vor seine Siegs-Ehre fochte / so behertzt begegnete ihm Arpus für die Freyheit seines Volckes. Das Blutvergiessen währete vom Auffgange der Sonne biß in Abend / und gleichwohl hatte sich keiner des Sieges zu rühmen. Der Römer waren so viel blieben als der Catten / der Gallier aber ungleich mehr /welche Drusus an die Spitze stellte / und den Feind durch die Eder anzugreiffen befehlicht hatte / und gleichsam aus ihrem Verluste denen Römern einen Gewinn zuzu ziehen vermeinte. Beyde Feldherren waren verwundet / und die Kriegs-Heere blieben nur drey Bogen-Schüsse weit von einander halten / mit beliebtem Stillestande die Nacht über ihre Todten zu beerdigen. Eine solche Gülte hat der Friede in sich /daß auch die Feinde dessen mitten unter dem Geräusche der Waffen nicht entpehren können. Hertzog Arpus aber / weil er seiner Ehren genug gethan zu haben vermeinte / auch wohl sahe / daß seine Völcker grossen theils sehr verwundet / und durchgehends abgemattet / hingegen viel Römer noch nicht einst zum Treffen kommen waren / brauchte sich dieses Stillstandes zu einer neuen Kriegs-List / welcher sich die Persen / weñ sie in der Flucht die sie verfolgende Feinde bekämpffen / bedienen / und dadurch die Scythen die gröste Ehre einzulegen vermeinen / wenn sie andern den Rücken[409] kehren / und ihnen gleichwohl den grösten Abbruch thun. Jedoch ließ er mit dem flüchtigen Demosthenes in der Hoffnung sich künfftig besser zu halten / den Schild nicht im Stiche; sondern die gantze Nacht anfangs alles Kriegs-Geräthe / hernach die Verwundeten und das Fußvolck über den Fluß gehen; und endlich folgte er mit der Reuterey nach /zündete die Brücken hinter sich an / und zohe sich an die Weser. Drusus / welcher ihm einbildete: er hätte den Arpus zwischen diesen zwey Flüssen im Sacke /ward am Morgen allererst bey Abweichung der letzten Hauffen dieser klugen Zurückziehung gewahr; hatte auch Bedencken einem so listigen und tapfferem Feinde zwischen die Flüsse und Wälder tieffer nachzugehen; sonderlich da er vernahm: daß die Catten sich abermahls an einen so vortheilhaften Ort zwischen die Fulde und Weser gesetzt / und am Rücken ebenfals etliche Brücken geschlagen hatten. Diesem nach entschloß sich Drusus auch einmal mit dẽ Hermunduren / welche wie die Catten gleicher gestalt ein Theil der Schwaben waren / anzubinden / und sein Heil zu versuchen; richtete also seinen Zug gegen Mittag und gegen dem Meyn / von dar wendete er sich gegen der Saale; fand auch zu seiner Verwunderung etliche Tagereisen weder einigen Widerstand / noch einige Menschen. Denn in denen Wäldern waren alle Flecken verbrennet. Endlich aber gerieth sein Vortrab nahe biß an den Hermundurischen Saltz-See; aus welchem sie an statt des mangelnden Meer-Wassers das von ihnen so genennte Saltz-Oel schöpffen / solches in einen grossen Hauffen glüender Kolen giessen /und also denn das durch Feuer und Wasser gleichsam zusa en gebackene Saltz von der Asche absondern. Diesen Ort / als welchen die Natur mit einem so herrlichen Schatze begabet / auch mit diesem gesaltzenen einen andern süssen See unmittelbar verbunden hat /halten die Hermundurer für den heiligsten in der Welt / und glauben / daß Gott nirgends wo so geschwinde das Gebet der Sterblichen erhöre; dahero sie auch wegen Besitzung dieses Saltz-Sees und etlicher anderer Saltz-Brunnen mit den Catten und Cheruskern offtmahls Kriege geführet. Nahe hierbey / sage ich /stiessen etliche Hermundurer / so den Feind ausspühren solten / auff des damahligen Bürgermeisters des Qvintus Crispinus Sohn / der den Römischen Vortrab führte. Wie nun er sich dieser wenigen leicht bemächtigte / also zwang er ihnen endlich durch Dräuen und Marter aus: daß der Marckmänner König Marobod zwischen der Saale und dem Saltz-See mit siebentzig tausend außerlesenen Fußknechten und dreißig tausend Reutern wartete. Vannius aber / ein Qvadischer Fürst / welcher durch Marbods Hülffe das Königreich der Qvaden und Schwaben zwischen der Donau / dem Flusse Marus / und dem Reiche der Bojen unlängst erobert hatte / stünde nicht weit darvon / und hätte dieser allen seinen Unterthanen befohlen / sich gegen der Saale zurück zu ziehen. Drusus stutzte nicht allein über dieser Zeitung / sondern ward auch bekümmert /daß er von dieser grossen Macht nicht umgeben und auffgerieben werden möchte. Weil er aber gleichwohl nicht begreiffen konte / warum die Hermundurer /welche eine so grosse Macht an der Hand gehabt / so ferne gewichen wären; fragte: warum sie denn ihr Land selbst so sehr verwüstet hätten? Nostitz / ein gefangener Edelmann / antwortete dem Drusus: Bey den Deutschen wäre es Herkommens / daß ein ieder der gemeinen Wohlfarth zum besten sich ihres Vermögens gerne verlustig machten. Wenn diesem nach ihr Fürst es für vorträglich hielte / steckte ieder Einwohner auff seinen Befehl das Feuer mit Freuden unter sein eigenes Dach / weil sie sich bescheideten: daß ein Fürst eben so wohl als die Sonne manchmahl beschwerlich seyn müste; welche mehrmahls einem Reisenden den Schweiß austriebe / unterdessen die Erndte reiff machte / die Welt beseelte / und tausenderley Nutzen schaffte. Schwere Sachen senckten sich in die Tieffe / als ihrem ordentlichen[410] Ruh-Platze; Gleichwohl erhüben sie sich offt empor / wormit in der Natur nichts leer bliebe; also müsten Unterthanen sich dem gemeinen Wesen zum besten auch zuweilen ihrer süssen Ruh und Wohlstandes enteussern. Am besten aber wäre / daß die Deutschen den Verlust ihrer wenigen Güter leicht wieder schaffen könten. Warum aber dißmahl ihre Fürsten die Flucht und die Einäscherung ihrer Wohnungen verordnet hätten / stünde ihnen nicht zu auszugrübeln. Ausser Zweiffel aber wäre es aus wichtigen Ursachen / und zu ihrem Besten geschehen. Weil diese Aussage dem Drusus noch i er mehr Nachdencken machte / schickte er an den König Marobod / und ließ ihm fürtragen: Weil er wol wüste / wie Käyser August den Marobod / als er in seiner Jugend zu Rom sich auffgehalten / so lieb und werth gehabt / und wie hoch er ihn noch zur Zeit schätzte /wäre er dahin nicht kommen die alte Freundschafft zu verletzen / welche vielmehr die Grösse beyderseitigen Glücks befestigen solte. Augustus habe ihm vielmehr eingebunden das gute Vernehmen zwischen ihnen zu unterhalten. Nachdem aber die Hermundurer so vielmahl in das Gebiete der Römer eingefallen wären /und ihre Bunds-Genossen mit Raub und Brand beschädiget hätten / wäre er genöthiget worden ihrer Vermessenheit zu steuern / und deßhalben in ihre Gräntzen gerücket. Dafern auch dem Marobod hierüber ausführlicher zu handeln eine mündliche Unterredung beliebte / möchte er hierzu Zeit / Ort und Art benennen. Marobod entbot dem Drusus zurücke: Er hätte gegen die Römer sich in Andencken der ihm zu Rom erwiesener Wohlthaten stets also bezeiget / daß er sie niemahls zum Kriege veranlasset. Dafern man sich aber an ihn reiben wolte / hätte er genugsame Macht und Hertze ihnen zu begegnen. Er wolte aber gegen den Mittag an der Bach / welche zwischen beyden Heeren hinflüsse / nur mit hundert Pferden sich einfinden / und daselbst vernehmen / was er an ihn ferner zu bringen hätte? Drusus fand sich ein wenig für der Zeit an dem bestimmten Ort ein; daher König Marbod sich daselbst einzufinden weigerte / weil es ihm verkleinerlich schiene zum Drusus als einem Vornehmern zu kommen. Wiewohl nun Drusus die Hoheit des Römischen Volckes und das Ansehn des Käysers für sich anziehen ließ / entbot ihm doch Marobod zurücke: Er wäre in Deutschland diß und ein mehrers / als Augustus zu Rom. Und da sein Vorfahr König Ariovist zum Käyser Julius zu kommen für verkleinerlich geschätzt; wie viel weniger stünde ihm an zu eines Käysers Feldhauptmanne zu ko en / fürnehmlich aber allhier in Deutschland / da er König /Drusus aber entweder ein Gesandter / oder ein Gast /oder ein Feind wäre. Uber diß hätte er beym Drusus nichts zu suchen; wenn also Drusus bey ihm nichts anzubringen vermeinte / könten sie beyde der Zusammenkunfft gar entpehren. Endlich ward durch Unterhandlung er dahin verglichen: daß Drusus von dem Orte abweichen / und beyde zugleich auff die verglichene Stelle zusammen kommen musten. Ihre Leute liessen sie eines Bogenschusses weit hinter sich / sie aber trennte nichts als die schmale Bach. Drusus fing nach beyderseitiger freundlichen Begrüssung zum ersten an die Gewogenheit des Käysers / die Friedens-Begierde des Römischen Volckes gegen ihn auszustreichen. Weil nun aber die unbändigen Hermundurer leicht einen Zanck-Apffel zwischen sie werffen dörfften / verlangte er einen Vorschlag / wie diese am füglichsten im Zaume gehalten / und aller besorglichen Zwytracht bey zeite vorgekommen werden könte. Marobod antwortete: Es wäre ihm nicht unangenehm die Freundschafft der Römer; Weil aber nechsthin der Römische Landpfleger zu Carmut ihm und seinem Bundsgenossen der Qvaden Könige Vannius / der nicht weit hinter ihm stünde / und der Römischen Macht in Pannonien Abbruch zu thun Kräffte genug hätte / schlechte Bezeugung ihrer Freundschafft gethan / und sich weitaussehender Anschläge verlauten lassen; darzu ihm dieser Einbruch des Drusus[411] nicht unbillich bedencklich fürkäme / thäte Drusus gar wohl / daß er alle Gelegenheit der Uneinigkeit aus dem Wege zu räumen trachtete. Die einmahl zerbrochene Freundschafft wäre hernach unauffhörlichem Mißtrauen unterworffen / liesse sich auch weniger als ein zerfallenes Glaß vollkö lich ergäntzen. Dieselbten hegten mit einander den beständigsten Frieden /die ihre Kräfften noch nicht gegen einander versucht hätten. Der Hermundurer Streiffen lobte er nicht / es wäre aber eine so tieff eingewurtzelte Art dieses streitbaren Volckes / welches schwerlich durch einiges Mittel / am wenigstẽ aber durch die Waffen vertilget werden könte. Nachdem aber die Hermundurer ihn für ihren König angeno en / und er ihren vorigen unruhigen Fürsten vertrieben / wolte er darob seyn / daß der Römer Beschwerden / so viel möglich / würde abgeholffen werden. Drusus nahm diese Erklärung für bekandt an / und bat / daß Marobod den Vannius zu ihnen beruffen möchte. Als diß erfolgte / redete Drusus ihn an: Sein Antlitz und Geberdung bestätigten bey ihm das gute Urthel / welches König Marobod von ihm gefället hätte / da er ihn zum Königreiche der Qvaden wäre beförderlich gewest. Diesemnach erkläre er ihn im Nahmen des Käysers ebenfals für einen König der Qvaden / für einen Freund des Käysers /und treuen Bunds-Genossen der Römer. Hiermit befahl Drusus alsofort / daß so wohl dem Marobod / als dem Vannius ein schönes mit einer goldgestückten Decke / und mit güldenem Zeuge geputztes Pferd / ein mit Edelgesteinen versetzter Degen / eine Lantze /und ein gülden Halsband mit des Käysers Bildniße herbey gebracht ward. Wormit sie also nach gewechselten Versicherungen ihrer Freundschafft von sa enschieden / die Römer aber von ihrem Drusus hierauff ruhmräthig aussprengten / daß er den mächtigen König Marobod zũ Frieden gezwungen / auch den Qvaden und Schwaben einen König für gesetzt hätte.

Diesem nach entschloß sich Drusus / der vermöge des mit dem Marobod getroffenen Abkommens / das Gebiete der Hermundurer räumen muste / seine Rache an den Cheruskern auszuüben / darzu er nimmermehr eine bessere Gelegenheit hoffen konte / als sie ihm itzt die zwischen dem Marobod / und ihnen schwebende Mißhelligkeit an die Hand gab. Also richtete er seinen Zug recht gegen die Weser / welche von aller Besatzung entblösset war / indem der von so vielen innländischen Kriegen abgemergelte Segimer sich mit dem übrigen Kriegsvolcke im Bacenischen Walde / so wohl wegen der Marckmänner / als Römer verhauen hatte / aus Beysorge: Es hätten Marobod und Drusus bey ihrer Zusammenkunfft wider die Cherusker ein Bündniß gemacht / und ihn vor und hinterwerts anzugreiffen mit einander abgeredet. Sintemal die Zusammenkunfft grosser Fürsten nichts minder / als die Vereinbarung grosser Gestirne / nachdrückliche Würckungen nach sich zu ziehen pflegen. Drusus schlug eine Brücke über die Weser / befestigte sie / und ging mit dem gantzen Heere über. Weil er nun alle Flecken leer fand / versuchte er zwar in den Hartzwald ein zu brechen; aber er muste mit Verlust abweichẽ / indem die der heimlichen Wege kundigen Cherusker die Römer bald vor / bald hinterwerts anfielen / und von denen hohen Klippen und schattenreichen Gipffeln der Bäume unversehens verletzten. Hiervon wendete er seinen Zug gegen der Elbe / mit Vorsatz über diesen berühmten Fluß zu setzen / und hierdurch allen für ihm gewesenen Römern / derer keiner noch diesen Strom gesehen hatte / den Preiß abzurennen. Welches ihm deñ auszurichten nicht schwer schien / weil Deutschland zwischen der Weser und der Elbe fast gantz Volckleer war / und sich die Einwohner entweder in den Bacenischen Wald / oder in die Inseln geflüchtet hatten. Alleine wo menschliche Armen zu schwach sind einem ungestümen Glücke die Stirne zu bieten / hauen die Götter selbst einem einen Span ein / wo das Verhängniß seine Deichsel anderwerts hin zu drehen beschlossen hat. Drusus kam zwar ohne einigen feindlichen[412] Anstoß an die Elbe; alleine / als er noch eine Tage-Reise davon entfernet war / und er des Nachts seinen Zug fortsetzte / legte sich ein schwartzes Gespenste in einem Walde ihm über den Weg /also daß das Pferd mit Schäumen zurück prellte / und weder durch Sporn noch Ruthe über solchen Pfad zu bringen war. Nach dem er auch in dem unbesetzten Flusse eine Brücke zu bauen anfing / überschlug sich das Schiff / und ertrancken die meisten / welche den ersten Pfal einstossen wolten. Drusus war hierüber bestürtzt / und nach dem er ihm einbildete / daß der Schutz-Gott dieses Flusses oder Landes ihm zu wider wäre / baute er selbtem am Ufer ein Altar von Rasen und Mooß / verordnete selbtem gewisse Priester /welche ihn durch Wüntsche und Beschwerungen / und insonderheit durch Opferung der am Ufer gewachsenen Disteln geschwinde zu erscheinen nöthigen solten. Drusus selbst streute allerhand wäßrichte Kräuter in das Feuer / strich die Hoheit dieses edlen Stromes hoch heraus / gelobte ihm nicht nur daselbst / sondern auch zu Rom einen Tempel zu bauen / und zu seiner Verehrung grössere Andacht / als die Deutschen ihm iemals gewiedmet hätten / anzurichten. Dieser neue Gottes-Dienst ward des Abends bey der Demmerung verrichtet / weil diese Zeit denen Wasser-Göttern am angenehmsten seyn soll. Wie nun Drusus und die Priester auf eine sonderbare Erscheinung warteten /flohe unversehens dem Drusus eine Nacht-Eule über dem Kopfe weg / von welchen gegläubet wird / daß selbte zwar der unholden Götter Abneigungen und künftiges Unglück ankündigten / zugleich aber als Bilder der Weißheit den Menschen eröffneten / wie sie allen Trauer-Fällen glücklich entkommen solten. Es war aber kaum dieser Unglücks-Vogel fürbey / als an dem andern Ufer der Elbe sich ein die Länge eines Menschen wohl zweyfach übertreffendes Weib empor streckte / und mehr als über die Helfte des Stromes gegen dem Drusus gewatet kam. Sie war fingernackt /die Augen gläntzten wie glüende Kohlen ihr im Kopfe / die Haare hingen ihr gantz verworren über die Brüste und Schultern / und wie sie stehẽ blieb / hob sie ihre rechte Hand gegen dem Drusus dräuende auf /und fing mit einer holen Stimme gegen ihm an: Drusus / Drusus / bilde dir nicht ein / daß der Trieb deiner Ehrsucht stärcker sey / als die Schutz-Götter dieses mächtigen Stromes / noch daß dein Hochmuth das Ziel des Verhängnüsses überflügen könne. Weiche diesemnach alsofort zurücke / denn hier ist das Ende deiner Thaten und deines Lebens. Jedes Wort dieses Geistes war ein Donner-Schlag in den Ohren und dem Hertzen des Drusus.

Rhemetalces brach ein: Es ist unschwer zu glauben / nach dem ich diese Begebnüß selbst nicht ohne Erschüttern anhöre / dafern anders dieser Begebung völliger Glaube beyzumässen ist. Denn die Wunderwercke dörffen wegen offter Verfälschung genauere Prüfung als die Müntze. Ich selbst habe in Egypten mit meinen Augen gesehen / daß die Crocodile etliche sich im Nil badende Knaben an dem Geburts-Tage des Apis verschlungen haben / da doch ihre Priester der gantzen Welt weiß machen wollen / daß sie umb selbige Zeit sieben Tage lang zahmer als die Lämmer wären. Man hat mich zu Rom verlachet / als ich nach dem Orte gefraget: Wo die Vestalische Jungfrau Valeria Maxima zu Bewehrung ihrer Keuschheit aus der Tiber das Wasser geschöpft hätte / welches sie in einem löchrichten Siebe in den Tempel der Götter-Mutter getragen. Ja der sonst glaubhaftesten Geschicht-Schreiber Bücher sind von gantz unglaublichen Dingen / welche auch für Träume zu alber scheinen / angefüllet / also / daß nach dem schon ein Löwe in Peloponnesus / ein Mensch und Ochse anderwerts vom Himmel gefallen seyn soll / wir mit ehstem eine Land-Karte des Monden mit den Gemählden derer darinnen wohnenden Thiere zu erwarten haben. So[413] leichtglaubig sind die Menschen / und wir scheinen in nichts nachdencklicher zu seyn / als wenn wir einander eine Unwahrheit aufbinden wollen; ja unsere Einbildung ist bemühet offt selbst unsere Sinnen zu betrügen / und einen blauen Dunst für die Augen zu mahlen. Adgandester antwortete: Die Wahrheit wäre eine Bürgerin des Himmels / und eine seltzame Gästin auf Erden / also nicht Wunder: daß man sie nicht allezeit und allenthalben antreffe. Auch wüste man /mit was für Aberglauben und Falschheiten die Römer so wohl ihre Unglücks-Fälle als Fehler zu bekleiden pflegten. Nichts desto weniger wäre das erzehlte dem Drusus mehr deñ allzu gewiß begegnet / und könte er ihnẽ etliche noch lebende Deutschen fürstellen / welche an dem andern Ufer der Elbe eben diß mit eigenen Augen gesehen haben. Es ist merckwürdig / hob Rhemetalces an / und eine sichere Bürgschafft der Wahrheit. Sintemal sonst insgemein so wunderbare Erscheinungen nur von einem Menschen gesehen / andern aber / die gleich nahe darbey stehen / die Augen verschlossen werden. Gleich als wenn nur die / welche etwas Göttliches an sich haben / Geister sehen /und mit Göttern sich selbst besprechen könten. Aber soll ich dieses Weib für einen Gott oder für einen Menschen halten? Adgandester versetzte: Diese Frage zu erörtern wäre für ihn zu hoch / und gehörte in die Schule der Geistligkeit; iedoch fiele ihm bey: daß ein derogleichen Weib auch dem Catumandus erschienen wäre / und ihn von Belägerung der Stadt Massilien abgemahnet; er aber solche hernach in dem Tempel für die Göttin der Massilier erkennet / und mit einer güldenen Kette beschencket hätte. Durch diese Entschuldigung war der Priester Libys / der kurtz vorher aus dem Tempel zurück kommen war / und der letztern Erzehlung unvermerckt zugehöret hatte / veranlasset / sich mit diesen Worten herfür zu thun: Seine Begierde so eines tapfern Fürsten Sorgfalt zu vergnügen / nöthigte ihn ihre Unterredung zu stören. Seinem Urthel nach aber wäre dieses Gesichte weder für einen rechten Gott / noch für einen schlechten Menschen zu halten. Rhemetalces umbfing den Priester mit einer ehrerbietigen Höfligkeit / und lag ihm an: daß er durch seine Erklärung ihrer Unwissenheit abhelffen möchte. Libys begegnete ihm hierauf mit einer besondern Annehmligkeit: Zwischen Gott und dem Menschen wäre etwas mitleres / nehmlich die Geister. Denn Gott als der einige Mittel-Punckt / aus welchem der Circkel aller Dinge wie aus einem unerschöpflichen Brunnen grosse Ströme entsprungen wäre / hätte nicht nur den grossen Welt-Cörper als den Schatten und das Bild seiner unsichtbaren Gottheit mit einem obersten Geiste beseelet / welcher die widrigen Glieder derselben gleich als eine von allerhand Art Saiten zubereitete Harffe durch annehmliche Zusammenstimmung in Eintracht erhält / und insgemein die Natur genennet wird; sondern dieser sorgfältige Vater hat iedem Theile und Gliede der Welt zu seiner Erhaltung einen Geist absonderlich zugeeignet. Die tieffsinnigen Egyptier schreiben der verständlichen / der hi lischen und unterirrdischen Welt zwölff Haupt-Geister / ja den Gestirnen alleine acht uñ viertzig oberste Herrscher zu / derer zwölff gute nach Zoroasters Lehre vom Orimazes / zwölff böse aber vom Arimanius zu Beseelung der Welt als eines Eyes erschaffen seyn sollen. Die unterirrdische Welt solle abermals vier Haupt-Geister bewirthen / derer einer Osiris dem Feuer / der andere Isis oder Hertha der Erde / der dritte der Lufft / der vierdte dem Wasser fürstehen solte. Aber hierbey hat es die Güte des unbegreifflichen Gottes nicht bewenden lassen. Jedes Land / ieder Berg / ieder Fluß / iede Stadt / ieder Mensch hat seine gewisse Schutz-Geister. Egypten verehret nicht nur fünf allgemeine / sondern iede Landschafft einen absonderlichen / und zwar ieden in einem absonderen Tempel. Die Persen zünden ihren[414] feurigen Weyrauch an / die Syreropfern ihrem wäßrichten. Und unser Deutschland ist so wenig als Italien oder Thracien seines Schutz-Geistes entblösset. Die Phönicier schauen nicht nur den Berg Carmelus / und die Emessener /die Cappadocier und Dacier ihr Gebürge als ein Antlitz des ewigẽ Schöpfers an / und verehren ihre Geister theils mit Tempeln / theils mit anderer Andacht /weil sie die Berge an sich selbst für die herrlichsten Tempel halten; sondern auch Rom gläubt: der uns hier im Gesichte liegende Meliboch ihre absondere Geister in sich hegen. Ich geschweige der Wälder und Thäler / und berühre nur die sich mehr hieher schickende Brunnen und Flüsse. Gewißlich hätte das Auge des Gemüthes in ihnen nicht absondere Geister wahrgenommen / würden die Egyptier ihrem Nilus nicht so viel Säulen und Tempel gebauet / die Messenier ihrem Pamisus / die Phrygier dem Meander und Marsyas / der grosse Alexander dem Meere geopfert / die Römer den Vater Tiberin nicht verehret haben. Der Brunn Clitumnus würde von Umbriern / ein ander von Samiern / das Qvell Arethusens von Griechen /und die Unsrigen von den Bojen und Catten nicht für heilig gehalten werden. Und die Stadt Puteol würde ihrem grossen Schutz-Gotte kein so prächtiges Gedächtnüß-Mahl mit einer so herrlichen Uberschrifft gestifftet haben. Ich gebe gerne nach / daß viel durch ihre Vergötterung allzuweit gehen / aber das erzehlte Beyspiel unserer Elbe ist ein genungsames Zeugnüß /daß diese Geister nicht zu beleidigen sind / sie auch aus Göttlicher Zulassung eine gewisse Beschirmungs-Macht haben müssen. Auch ist nicht unbekandt / wie die Stadt Apollonia mit dem Schutz-Bilde des Flusses Aäntes / welches ihnen die Epidaurier alleine zu Hülffe verliehen / die Illyrier in die Flucht getrieben habe. Die Thebaner haben wider die Leucrenser einen herrlichen Sieg mit Hülffe ihres so genanten Schutz-Geistes Hercules erfochten; dessen Tempel zu Thebe sich bey angehender Schlacht eröffnet / dessen darinn aufgehenckte Waffen sich verlohren / und also seine Abreise angedeutet / seinen Beystand in der Schlacht aber das ungemeine Schrecken der Feinde bewähret hätte. Daher auch unsere Vorfahren / als sie nach der den Römern bey dem Flusse Allia zugefügten grossen Niederlage die Stadt Rom eroberten / und die Rathsherren auf ihren Stülen unbewegt sitzen fanden / nicht ohne Ursache sich entsetzten / weil sie sie anfangs für die Römischen Schutz-Geister ansahen. Ich geschweige / daß die Griechen den Schutz-Geist der Stadt Troja durch ihre Beschwerungen auf ihre Seite gebracht habẽ sollen. Welchẽ es die Römer / wie ietzt vom Drusus erzehlet worden / nachthun; hingegẽ aber den Nahmẽ und Eigenschafft ihres Schutz-Geistes Romanessus so sorgfältig verbergen; ja ihre geweihtẽ Bilder / als den Ancilischen Schild durch Nachmachung so viel anderer verstecken. Rhemetalces fiel ein: Aber da die Geister einem Orte derogestalt entzogen werden können / warumb hat es dem Drusus so sehr fehl geschlagen? Der Priester antwortete: Wer kan ohne Verblendung der Augen in die Sonne / und ohne Verdüsterung des Gemüthes in das viel hellere Licht des Göttlichen Verhängnüsses sehen? Ich weiß wohl / daß derogleichen Mißrathungen vom Aberglauben einer ungeschickten Verehrung zugerechnet werden. Denn dieser bildet ihm ein: Einem Geiste müste eine Wiedehopfe / einem andern ein Kirbis / insonderheit kein frembdes oder des Geistes Wesen widriges Gewächse / ingleichen alles mit gewisser Geberdung und in seltzamer Tracht geopfert; ja es könte ohn ein Maulwurffs-Hertze keine gewisse Andeutung erbeten; auch müsten die Säulen / in welche die Geister zum Wahrsagen gebannet werden solten /aus gewissem Zeuge bereitet und unterhalten werden. Wordurch König Philipp in Macedonien die Pythia /oder so gar des Apollo Wahrsager-Geist gewonnen haben solle.[415] Aber mir sind diese Thorheiten ein Greuel / und ich glaube / daß unser Schutz-Geist durch keine frembde Künste / wohl aber durch unsere Laster uns entrissen wird / und daß so denn der Göttliche Beystand von uns und unserm Lande Abschied ni t /wenn unsere unreine Hertzen mehr zu keinem Tempel eines reinen Geistes taugen / wenn unsere Flüsse / unsere Berge / als die von der Natur gesetzte Schutzwehren der Länder mit Blute und Unrecht besudelt sind. Diesemnach dañ auch für keine Strengigkeit des gütigẽ Gottes anzuziehẽ ist / wenn er verhänget / daß Städte und Menschẽ nichts minder von einem bösen /als einem guten Geiste begleitet werdẽ / oder: daß vieler Meynung nach / iede Stunde der Woche eines besonderen Geistes bald heilsamer bald schädlicher Herrschafft unterworffen / und daher unser Glück und Thun auch so ofter Veränderung unterworffen seyn solte. Denn der iedem Menschen noch in Mutter-Leibe zugeeignete Schutz-Geist / welcher keinen Augen-Blick sich von ihm entfernet / sondern zu unserer Geburt behülfflich ist / und nicht / nach etlicher Meynung mit uns gebohren / oder aus dem Geburts-Gestirne herunter gelassen / weniger aber von uns sterblichen Menschen geschaffet wird; ja der uns auf den Händen trägt / und biß man die Seele ausbläset /als ein unabtrennlicher Gefärte begleitet; auch wohl gar nach dem Tode / wenn des verstorbenen Boßheit sie nicht selbst verbannet ein Beschirmer des Hauses bleibet / und den unfrigen uns zu Liebe zu Dienste stehen / ist solchen widrigen Geistern nicht nur gewachsen / sondern auch überlegen / wenn selbter nur in schuldigen Ehren gehalten / fürnehmlich aber nur mit einem heiligen Leben versöhnet wird; weswegen unsere Vor-Eltern in ihren Geburts-Tagen ihren Schutz-Geist mit Wein und Blumen beschenckten; massen mir denn auch ein Edelmann aus der Insel Thule / dessen Geschlechte nebst etlichen andern alldort von Gott die Gnade haben sollen / die den Menschen zugeeignete Geister in Gestalt allerhand Thiere mit Augen zu sehen / betheuerlich erzehlet / daß ihnen sonderlich an eines ieden Menschen Geburts-Tage die Augen eröffnet würden. Diese Gabe soll auch Socrates gehabt / und durch Beyhülffe seines Schutz-Geistes viel ihm durch Zeichen oder Träume vorangedeutete Unfälle abgelehnet / ja sein eignes ihm so abgeneigtes Geburts-Gestirne übermeistert haben. Und ist derogestalt irrig / daß iedes Menschen Geist die Eigenschafft seines Sternes haben solle. Denn dieser war bey dem Socrates irrdisch / und zur Uppigkeit geneigt; jener aber feurig / welcher ihn zu Nachsinnung hi lischer Dinge / zu Ausübung der Tugend an- und von allem vergänglichen ableitete. Uber diß deutet unser Schutz-Geist uns mehrmals unser gutes Glücke an / wie dem Curtius Rufus in Africa von seinem in einer schönen Weibes-Gestalt ihm erscheinenden Geiste begegnete; er wecket uns zu einer ersprießlichen Entschlüssung auf; wie dem Käyser Julius geschahe /welchen / als er über den Fluß Rubico zu setzen Bedencken trug / die Schilff-Pfeiffe eines grossen Menschen-Bildes aufmunterte / und ihm über den Strom den Weg zeigte. Daß aber unser Schutz-Geist mit uns nicht verschwinde / sondern auch nach unserm Tode für uns und die Unsrigen wachsam sey / hat die Erfahrung uns mehrmals augenscheinlich erwiesen. In der Marathonischen Schlacht fochte der Schutz-Geist des Theseus mit hellgläntzenden Waffen für die Griechen wider die Persen. In der Philippischen Schlacht der Geist des Käysers Julius wider seinen Mörder den Cassius / und ein anderer Geist erstieg für die furchtsamen Römer den Wall der Brutier und Lucaner. Die Geister des Pollux und Castors brachten auf ihren mit Schweiß und Staub besudelten Pferden die fröliche Botschafft von dem bey dem Viturnischẽ See erhal tenẽ Siege nach Rom. Des in dem Sicilischen Kriege von des Augustus Krieges-Volcke enthaupteten Gabinius[416] Haupt deutete dem Sextus Pompejus an: daß die hi lisch- und unterirrdischen Geister des Pompejus Wehklagen erhört / und er einen gewüntschten Ausschlag zu hoffen hätte. Aus dem todten Leichname des Buplagus mahnete sein Geist die Römer von der Grausamkeit gegen seine Syrier ab. Des von dem rasenden Wolffe gefressenen Publius nur übrig gelassenes Haupt / welches hernach in den neu-erbauten Tempel des Lycischen Apollo gebracht ward / sprach seinen Römern ein Hertz ein / und vermahnete sie zur Tapferkeit. Als die Aetolier ihres verstorbenen Fürsten Polycritus mit seiner Locrensischen Frauen erzeugtes oben männunten weibliches Kind als eine Andeutung eines zwischen beyden Völckern bevorstehenden Krieges zu Versöhnung der Götter verbrennen wolten / kam des Polycritus Geist / redete seinem Kinde das Wort / und warnigte sein unbarmhertziges Vaterland für dem daraus entstehenden Unheil. Ja als er das Volck von seinem Schlusse nicht abwendig machen konte / und er sein Kind / umb es aus ihren blutdürstigen Händen zu reissen / selbst zerrieß und verschlang / redete dieses Kindes Schutz-Geist aus dem nur noch übrigen Kopfe beweglich die Bürger an / daß sie dem blutigen Kriegs-Verderben sich zu entbrechen von dar weg / und auf eine Zeitlang in eine der Pallas heilige Stadt ziehen solten. Der dem Athenodorus mit so viel Ketten sich zeigende Geist konte nicht ruhen / biß sein ermordeter Leichnam ausgegraben / und an einen geweihten Ort geleget ward. Der Tod war nicht mächtig die Liebe der schönen Philinion des Demostrates und der schönen Charito Tochter auszuleschen / sondern ihr Geist beseelte noch die schon begrabene Leiche umb ihren geliebten Machates zu umarmen. Hier entgegen wird unser Schutz-Geist auch noch im Leben durch lasterhaftes oder dem Verhängnüsse widerstrebendes Beginnen von uns verjaget / und schichtern gemacht. Welches alleine /nicht aber einige Zwytracht der guten Geister Ursache seyn kan / daß des Antonius Geist sich für des Augustus Geiste gefürchtet haben solle. Oder wenn wir unsern Schutz-Geist von uns weggestossen / krieget unser feindlicher Luft uns zu betrüben und zu erschrecken; wie dem Brutus zweymal / als er nehmlich aus Asien in Europa mit seinem Heere übersetzen wolte / und den Tag für der Schlacht in den Philippischen Feldern begegnete. Ein solcher Geist brachte den Tarquinius und die Hetrurier in Schrecken und Flucht / als er bey währender Schlacht mit den Römern aus dem Arsischen Walde ruffte: Ein Hetrurier ist mehr als der Römer todt blieben / welche auch den Sieg behalten werden. Und des Dions böser Geist deutete mit seinem Hauskehren ihm sein und seines Sohnes Todt an. Also muthmasse ich / daß das dem Drusus in unserer Elbe begegnete Gesichte entweder sein böser / oder dieses Flusses Schutz-Geist gewesen seyn müsse. Aber fing Rhemetalces abermals an /ward dem Drusus auch wahr / was dieser Geist oder Gespenste ihm angedeutet hatte? In alle wege / antwortete Adgandester. Denn solch sein Schrecknüß ward bald mit mehrern bestärcket. Folgende Nacht umbrennten sein Läger etliche Hauffen grausam-heulender Wölffe; mitten im Läger / darein doch bey Leibes-Straffe kein Weib kommen dorfte / ward ein jämmerliches Winseln von Weibern gehöret / und etliche Luft-Gestirne wurden gesehen / gleich als wenn der Himmel mit solchen Lichtern dem kurtz darauf sterbenden Drusus / wie die Sterblichen ins gemein ihren Leichen mit wächsernen Todten-Fackeln zu Grabe leuchten wolte. Rhemetalces warff ein: Er liesse die Erscheinung des deutschen Schutz-Gottes billich an seinem Orte / an denen andern Begebenheiten stünde er nicht unbillich an / weil er sehe / daß kein grosser Mann iemals gebohren oder gestorben wäre / da nicht entweder die Liebe zu dem Todten / oder der Haß wider die Verdächtigen solche Wunderwercke[417] auf die Bahn gebracht / oder ungefährliche Zufälle dahin abergläubisch ausgedeutet hätte. Des Romulus Empfängnüß und Tod soll durch einer Sonnen-Finsternüß / des Mithridates Geburt und Herrschens-Anfang durch einen Schwantz-Stern / welcher siebentzig Tag und Nächte mit seinen Flammen das vierdte Theil des Himmels bedecket habe / angedeutet seyn. Da doch solche aus dem unveränderlichen Lauffe der Gestirne sich begeben müsten. Der Tempel zu Ephesus solte wegen Abwesenheit der bey des Alexanders Geburt handreichenden Diana verbrennet seyn / da doch die Götter allenthalben gegenwärtig / oder zum minsten auch in die Ferne zu würcken vermögend seyn solten. Als Carneades sich mit Gift hingerichtet / soll der Monde sich verfinstert haben / da doch diß / wenn Carneades gleich noch hundert Jahr gelebt hätte /nicht nachblieben wäre. Anderer Unglück solten frembde Vögel angekündigt / oder andere Thiere beweinet haben; da doch der Mensch alleine nur Thränen vergiessen kan. Alleine / wie dem allem sey /glaube ich / daß die blosse Einbildung des Todes ein Schwantz-Gestirne / welches dem Leibe den Untergang dräuet / der Seele aber ein zur Tugend wegweisender Leit-Stern sey; Drusus auch durch das ihm begegnete Gesichte zu keiner gemeinen Schwermuth /also zu seltzamen Einbild- und furchtsamen Entschlüssungen verleitet worden. Adgandester fuhre fort: Ich wil darüber nicht streiten / ob dem Drusus die erzehlten Dinge begegnet sind / oder geträumet haben. Diß aber ist gewiß / daß Drusus folgenden Tag mit seinem Heere aufbrach / und seinen Rückweg gegen dem Rheine nahm / nach dem er in einen grossen am Ufer aufgerichteten Stein hatte eingraben lassen:

Das Ziel des Claudius Drusus / welches ihm das Verhängnüß setzte / weil sein Feind keines zu machen / seine Tugend aber nicht inne zu halten wuste.

Die Römer kamen biß an die Weser ohn Hindernüß; fanden aber ihre befestigte Brücke abgebrochen /und nichts als die Todten-Knochen von ihrer Besatzung. Welches sie in eine noch grössere Bestürtzung setzte; zumal niemand verhanden war / der ihnen nur die Art so erbärmlicher Niederlage erzehlen konte. Wie sie nun beemsigt warẽ eine neue Brücke über diesen Fluß zu schlagen; fielen umb Mitternacht ein Hauffen von fünff hundert Cheruskischen Edelleuten den Römern ein / erlegten die Wache / rennten alles was ihnen begegnete im Läger zu Bodem / zohen sich auch / als sie das gantze Läger in Lermen gebracht /und etliche hundert Feinde erlegt hatten / ohne einigen Verlust zurücke. Weil nun ein Sieg des andern Werckzeug ist / und dieselben / welchen das Unglück mit seinen Bley-Füssen gleich lange auf dem Rücken herumb getreten hat / wieder aufrichtet / so ermunterte dieser glückliche Streich den Feldherrn Segimer ebenfalls / daß er die Römer beym Ubersetzẽ des Flusses anzugreiffen sich entschloß; sonderlich da er vom Marobod / daß er sein Kriegsheer Sudwerts gezogen hätte / vom Drusus aber / daß bereit das dritte Theil über die Brücke gesetzt wäre / Kundschafft einzog. Diesemnach zohe er sein gantzes Heer aus dem Hartzwalde gegen eben selbigen Strom / und befehlichte etliche Wagehälse / daß sie drey mit Pech / Schwefel /und anderm brennenden Zeuge angefüllte Schiffe des Nachts Strom-ab führen / und darmit die Römische Brücke zernichten solten / mit der Abrede / so bald er das erste ihm mit einer Fackel gegebene Zeichen von einem Berge erblicken würde / wolte er mit gesa ter Macht das Römische Läger anfallen. Der Anschlag ging nach Wuntsch von statten. Denn / weil die Nacht sehr trübe war / die auf den Schiffen sich auch nur den Strom ab[418] treiben liessen / und mit den Rudern kein Geräusche machten / ward der Feind ihrer nicht ehe gewahr / als biß die Deutschen an die Brücke anstiessen / und die Brand-Schiffe anzündeten. Die Römer lieffen hierauf beyderseits der Brücke zu / umb das Feuer zu leschen / als Hertzog Segimer an einem Orte des Lägers Lermen machte / an zwey andern aber mit aller Macht einbrach / also geriethen sie alsobald in Verwirrung / und wusten nicht / an welchem Orte sie zur Gegenwehr eilen solten. Drusus befahl selbst das Läger anzuzünden / umb den Feind von seinem eignen Volcke zu unterscheiden / welches einander hin und wieder selbst verwundete / und zu Bodem rennete. Weil nun aber die Römer mehr auf die Flucht als Gegenwehr bedacht waren / und daher einander selbst in das Wasser drangen / und von der in der mitten brennenden Brücke abstürtzten / drang Drusus mit seiner Leibwache herfür / um durch sein Beyspiel den furchtsamen ein Hertz zu machen. Hingegen war der Feldherr Segimer von seinem Adel nicht zu erhalten /daß er / ungeachtet seiner damals ihm zustossenden Schwachheit sich ebenfalls an die Spitze seines Kriegsvolcks stellte. Rhemetalces fieng hierüber an: Die Feldherrẽ / welche zugleich Häupter und Herren des Krieges wären / vergässen aus Eifer in den Schlachten gemeiniglich das Ambt eines Kriegs-Obersten / und eines Fürsten. Denn da diese / wie Jupiter auf dem Idischen / und Neptun auf dem Samothracischen Gebürge der Trojaner und Griechen Schlacht / oder wie Xerxes auf dem Egaleischen Gipfel dem Salaminischen See-Treffen / von aller Gefahr entfernet zuschauen solten / zückten sie sich unzeitig herfür / vertreten die Stelle gemeiner Kriegs-Leute /und beobachten nicht / daß ein unglücklicher Streich dem Treffen ein böses Ende / und dem Reiche das Garaus machen könne. Es ist nicht ohne / antwortete Adgandester / daß / wenn auf einer Schlacht nicht das Hauptwerck des gantzen Krieges / das Heil oder der Untergang des gantzen Reiches beruhet / und derselbten Ausschlag an einem zweifelhaften Fademe hängt /ein Fürst sich nicht muthwillig in Gefahr stürtzen solle. Sintemal es auch bey Niedrigen eine Unvernunft ist / sich über der Gefahr erfreuen / und nicht erwegen / ob aus selbter uns einiger würdiger Lohn zuwachse. Wenn aber Freyheit und Dienstbarkeit eines Volckes auf der Wag-Schale liegen / und es umb des Fürsten Ehre / die Wolfarth des Vaterlandes zu thun ist / muß kein Fürst einige Gefahr zu groß / keinen Tod zu schrecklich / und sein Blut nicht zu köstlich schätzen; sondern bey verzweifelten Fällen durch seine Verwogenheit der Kleinmuth und dem Unglücke einen Riegel vorschieben. Denn jene würde dardurch beschämet und lebhaft; diß aber scheute sich selbst mit einer verzweifelten Kühnheit anzubinden. Also hätte Sylla sein flüchtiges Heer wider den Orchomenes in Beotien zu Stande / und den Sieg auf seine Seite bracht /als er sich selbst in das Gedränge des Feindes gestürtzet. Hätte Alexander nicht mit seinen Macedoniern die Gefahr getheilet / und das wichtigste auf seine Achsel genommen / würde er nicht biß an das Ufer des Ganges gedrungen / und Cäsars Siegs-Ruhm in der Blüthe verdorben seyn / wenn er bey schon halb verspielter Schlacht nicht einem Hauptmanne den Schild ausgerissen / und dem Nachdrucke der Nervier einen Stillestand geboten hätte. Dahero bey so gefährlichem Zustande der Cherusker / dem Segimer seine wohlbedächtige und wohlausgeschlagene Herfürzückung nicht als ein Fehler ausgelegt / sondern von denen ohne dis die Gefahr liebenden Deutschen für eine Ubermaasse der Tapferkeit ewig gepriesen werden müste. Denn er schlug sich durch des Drusus Leibwache hertzhafft durch / und verwundete des Drusus Pferd mit einem Wurff-Spiesse so sehr / daß er sich mit ihm überschlug / und das rechte Schienbein entzwey brach. Des Drusus Fall brachte die erschrockenen Römer[419] in Verzweifelung / diese aber auch die Furchtsamsten zu Zorn und Kühnheit. Insonderheit meynten sie ihnen ein unausleschliches Brandmaal zuzuziehen / da ihr Feldherr in des Feindes Hände verfallen solte. Und ob wohl hierüber viel der tapfersten Römer ins Gras bissen / liessen sie doch nicht nach / biß sie den Drusus unter dem Pferde herfür und aus dem Gedränge / auch auf einem Nachen über die Weser brachten. Segimer muste hingegen nach einem stündigen Gefechte wegen ihm von seiner empfangenen Wunde zuhängenden Schwachheit aus der Schlacht weichen. Weil nun das Römische Heer ohne diß stärcker als die Deutschen waren /auch bereit zu tagen anfieng / der Tag aber die Schwäche der Cherusker ans Licht bringen würde /rieth er seinem Kriegs-Obersten / daß sie dem Feinde Lufft machen solten sich über die Weser zu ziehen. Denn wenn Drusus seine Kräfften mit Vernunfft brauchen könte / hielten sie ihnen die Waage; wenn er sie aber mit Verzweifelung vergrösserte / würden sie ihnen überlegen seyn. Deshalben solte man einem ins Gedrange gebrachten Feinde lieber eine güldene Brücke bauen / als alle Ausflucht abschneiden. Also zohen die Deutschen sich nach und nach wieder ab; iedoch ließ Segimer dem Drusus durch einen Gefangenen sagen: Er wolte aus Erbarmnüß den Römern erlauben / daß sie selbigen Tag unverhindert vollends über den Fluß setzen möchten; von dem aber / was den folgenden Tag noch betreten werden würde / solte kein Gebeine darvon kommen. Die Römer / ob sie wohl diese verdächtige Güte der Deutschen nicht begreiffen konten / wurden gleichwohl überaus froh /überlegten das abgebrennte Theil der Brücke mit Balcken und Bretern / so gut es die Zeit lidte / wormit das Fußvolck überkommen konte; die Reiterey aber muste meist durch den Fluß setzen; und / wormit die Deutschen sie nicht so bald wieder überfallen möchten / brandten sie selbst vollends die Brücke ab / reiseten auch Tag und Nacht / biß sie den Rhein erreichten / und zu Antonach nach verlohrnem Kerne ihres Heeres wieder ankamen. Unterdessen aber / weil der Schaden des Drusus sich sehr gefährlich anließ / ward dem Tiberius durch rennende Bothen dieses Unglück zu wissen gemacht / welcher nach geendigtem Pannonischen Kriege sich zu Ticin aufhielt. Wormit sie auch so viel eh einander sehen möchten / ließ er sich /wie schwach er von dem nunmehr durch zugeschlagenen kalten Brand unheilbaren Schaden war / nach Meyntz tragen / allwo er den dreissigsten Tag nach der Verwundung / als Tiberius eine Stunde vorher daselbst ankommen / und in Tag und Nacht auf drey Post-Wagen zwey hundert tausend Schritte über die schrecklichen Gebürge und Wildnüsse mit einem einigen Geferten Antabagius gereiset / auch auf des kaum noch athmenden Drusus Befehl von den Legionen als ihr Feldherr bewillko t war / und ihm den letzten Abschieds-Kuß gegeben hatte / mit der Hoffnung noch grösserer Thaten seine Seele ausbließ. Die anwesende Julia drückte ihm die Augen zu / und ihre Augen wuschen seinen Leib mit einem Strome häuffiger Thränen ab. Denn ob zwar sonst die Schamhaftigkeit auch einen rechtmässigen Schmertz verbirget / so zohe doch ihr allzu empfindliches Hertzeleid ihrer Liebe die Larve vom Gesichte / welche nur im Anfange / und so lange ihr kein ungemeiner Zufall aufstöst /fürsichtig ist. Die Leiche ward köstlich eingebalsamt /und nicht nur von den Kriegs-Obersten / und denen Raths-Herren der Städte / worauf sie zukam / nach Rom getragen / sondern Tiberius selbst stützte darbey seine Achseln unter / und ließ sich seiner gegen Julien geschöpften Eifersucht noch gegen dem Drusus allererst sich entspinnenden Verdrusses nicht mercken /umb Livien nicht zu erbittern / noch den Käyser zu beleidigen.[420] Gleichwohl aber / weil mit denen täglichen bey Bewillkomm- und Abschiednehmung gewöhnlichen Küssen / welche die annehmliche Julia /in Meinung / daß vieler Gewohnheit den Lastern ihre Heßligkeit benehme / allererst zu Rom auffbracht hatte / vielerley Geilheit bedecket und entschuldiget ward / lag er dem Käyser in Ohren / daß er diese Aergerniße durch öffentliches Verbot abschaffen möchte. Bey der Stadt Meyntz richtete ihm das Kriegs-Heer ein prächtiges Denckmahl auff. Zu Rom ward seine Leiche auff dem Marckte auff einem hohen Pracht-Bette gewiesen / und daselbst vom Tiberius / auff der Flaminischen Renne-Bahn aber vom Käyser selbst seine Thaten heraus gestrichen / der Leib von den fürnehmsten aus der Römischen Ritterschafft auff das Feld des Mars getragen / daselbst verbrennet / die Asche in das Käyserliche Begräbniß beygesetzt / ihm und seinen Söhnen der Zunahme des Deutschen vom Rathe gegeben; an statt des ihm bestimmten Siegs-Gepränges ein ander Feyer angestellet / dem Römischen Volcke auff dem Capitol ein Gastmahl ausgerichtet / zu Rom und am Rheine köstliche Ehren-Bogen auffzurichten anbefohlen / und Livia die Mutter des Drusus und Tiberius unter die Zahl derselbigen Frauen gezehlet / die drey Kinder gebohren hatten. Unterdessen nahm Hertzog Segimer die von den Römern für unüberwindlich gepriesene Festung Altheim an dem Rheine ein / dreuete auch einen Einfall in Gallien / also daß Käyser August denen Batavern alle abgenommene Länder und Städte an der Maaß vollends abzutreten / den Segimern durch annehmliche Friedens-Vorschläge zu besänfftigen / den Catten allen Schaden zu erstatten / und die Sicambrer von der auffgebürdeten Schatzung zu befreyen gezwungen ward.

Adgandester hatte noch die letzten Worte auff der Zunge / als ein mit verhangenem Zügel Spornstreichs gegen sie auff einem Schlägebäuchenden Pferde rennender Reuter ängstlich nach dem Feldherrn fragte /und endlich dem Fürsten Adgandester vermeldete /die Fürstin Thußnelde wäre nebst ihrer Geferthin aus dem Lustgarten mit Gewalt geraubet und hinweg geführet worden. Diese bestürtzte Zeitung konte Adgandester nicht verschweigen / sondern fügte sich alsofort in den Tempel solches zu berichten. Alle erschracken überaus hefftig / fürnehmlich aber Hertzog Herrmann und Jubil standen / als wenn sie der Blitz gerühret hätte. Denn ob wol die Liebe die lebhaffteste Gemüths-Regung ist / so beraubet doch keine den Menschen geschwinder seiner Sinnen und natürlichen Kräffte / als wenn das Schrecken ihr den Verluft ihres Absehens unversehens fürbildet. Gleichwohl erholeten sie sich alßbald / und verwandelte sich das Erschrecknis bey dem Feldherrn in einen hefftigen Zorn; beym Fürsten Jubil aber in eine Begierde sich beyde der Königin Erato durch ihre Erlösung ihr beliebt zu machen. Was gilt es / fing Herrmann an / und mich werden meine Gedancken nicht betrügen / daß Segesthes der Urheber dieses verrätherischen Raubes sey? Hiermit eilte er aus dem Tempel / setzte sich mit seiner Leib-Wache nicht allein zu Pferde denen Räubern nachzueilen / sondern Hertzog Jubil / Melo / Adgandester / ja auch Rhemetalces und Malovend folgten ihm auch auff der Fersen nach. Denn diese fremde gefangene Fürsten hielten ihrer Schuldigkeit zu seyn /daß sie ihre Tapfferkeit ihrem so wohlthätigen Fürsten zu Liebe sehen liessen. Ausser dem erlaubte diese Eilfertigkeit niemanden bey dem Boten die Umstände des Raubes zu erkundigen; sondern nach dem man ihm ein frisches Pferd gegeben / ward er befehlicht nur den geraden Weg dahin zu zeigen / wohin die Räuber ihre Flucht genommen hatten. Wie sie nun bald nahe an Deutschburg kamen / stiessen nach und nach wohl tausend Pferde zu ihnen / die[421] bey erregtem Geschrey sich fertig gemacht hatten; wiewohl Saloninens Bericht nach die Räuber / welche sie an einem Baum feste angebunden gelassen / ihr auch den Mund verstorfft / den Fürsten Zeno aber tödtlich verwundet hatten / schon etliche Stunden zu ihrem Vorsprunge ihrer Flucht hatten. Gleichwohl aber kamen sie auff die Spur / und behielten selbte wohl vier Stunden lang recht gegen dem Weser-Strome zu / biß sie endlich an einem Scheide-Wege sich nach Anleitung des Huffschlages auch zu theilen genöthiget waren. Der Feldherr mit dem Hertzog Melo und Adgandestern behielt die rechte / Hertzog Jubil mit Rhemetalcen und Malovenden die lincke Hand. Gegen der Sonne Untergang ereilte der Feldherr etliche zwantzig Reuter / welche die Müdigkeit ihrer Pferde ihren Geferthen länger gleiche zu reiten verhindert hatte. Diese vermeinten sich zwar in dem dicken Walde auff die Seite zu verschlagen / weil es wider eine so grosse Menge ihrer Verfolger zu fechten eine verzweiffelte Thorheit schien. Alleine ihre Verfolger umringten sie alsofort /daß die meisten nicht abweichen konten / die übrigen wurden auch vollends aus den Hecken herfür gesucht. Auff geschehene scharffe Rechtfertigung: wer sie wären / und wo das geraubte Frauenzimmer hinkommen? meldeten sie: Sie wären Longobarder / König Marobods Unterthanen und von der Besatzung der an der Elbe liegenden Festung Lauburg. Fünff hundert daselbst liegende Reuter wären befehlicht worden /Tag und Nacht biß an ein in dem Deutschburgischen Walde gelegenes Thal ihren Zug zu nehmen; allwo sie noch nahe drey tausend Pferde / und zwar ihren eigenen König und einen Hertzog der Cassuarier / dessen Nahmen ihnen unwissend / angetroffen hätten; von denen sich kein Mensch ausser dieses rings umher mit einem dicken Walde umgebenen Thales hätte herfür thun dörffen / ungeachtet sie 3. Tage daselbst sich verborgen gehalten; Diesen vierdtẽ Tag aber frühe eine Stunde nach der Sonnen Auffgange wäre ein reñender Bote ko en / und nach dem dieser dem fremden Hertzoge nur drey Worte ins Ohr gesagt /wäre er mit dreißig außerlesenen und am besten berittenen Edelleuten auffgewest; König Marobod hätte mit tausend Reutern / darunter auch sie gewest / ihm gefolget / wäre aber in dem Ende des Waldes gegen Deutschburg verborgen stehen blieben. Ungefehr aber nach einer Stunde wären die dreißig Pferde Spornstreichs in Wald zurücke kommen / und hätten auff zwey Zelter-Pferden zwey weinend- und heulende Frauenzimmer zurücke bracht. Worauff ihr König und alles Kriegs-Volck mit grosser Vergnügung und Eilfertigkeit zurück gekehret wären; also / daß sie mit ihren abgematteten Pferden ihnen nicht länger hätten folgen können. Weil nun fast ieder absonderlich hierüber vernommen ward / und sie allesamt mit einander überein stimmten / etliche sich auch verschnapten /daß König Marobod an dem Furthe der Weser / wo sie alle durchgesetzt / noch sechs tausend Pferde stehen hätte; stellte der Feldherr diesen Gefangenen völligen Glauben zu / schickte auch alsofort einen Edelmann mit Befehl zurücke / daß aus den nächst herum gelegenen Plätzen / in denen das Kriegs-Heer zertheilet lag / alles / was nur in der Eil auffsitzen konte /ihm folgen solte. Er aber ließ sich die vernommene Menge der Feinde nicht schrecken sie zu verfolgen /sonderlich reitzte ihn die Verbitterung wider den Segesthes / an dessen Anstifftung er nicht mehr zweiffelte / nachdem König Marobod selbst diesen Anschlag auszuführen sich erkühnet hatte / welcher bey der Fürstin Thußnelde sein Nebenbuhler allein / und beym Segesthes iederzeit sehr hoch am Brete gewest war. Etliche Stunden in die Nacht kam der Feldherr auff eine schöne mit einer rauschenden Bach zertheilte Wiese / darauff er / wiewohl nicht ohne Unwillen mit seinen Leuten / weil die Pferde nicht mehr recht fort[422] wolten / ein wenig auszurasten gedachte / und umwechselungsweise die Pferde auszäumen zu lassen gezwungen ward. Denn ob es zwar so stockfinster war /daß die Cherusker einander mehrmahls in die Augen griffen / und einander übern Hauffen rennten / und den Weg mit den Händen erkiesen musten; so erleuchtete doch das in dem Hertzen des Feldherrn brennende Feuer der Liebe seine Augen / daß er ihm einbildete nicht weniger / als gewisse Thiere auch im finstern zu sehen. Sintemal so wol diese scharffsichtige Gemüths-Regung / als die Seele selbst in den Augen ihren fürnehmsten Sitz hat. Nach Mitternacht sagte ihm seine Vorwache an / daß sie von ferne ein Gethöne der Waffen / ein Geräusche der Pferde / und Geschrey streitender Leute hörten. Diese Nachricht brachte alsofort iederman zu Pferde / und der Feldherr befahl / daß man alsobald mehr Kühn-Fackeln anzünden / und ieglicher sich hertzhafft zu fechten fertig machen solte; Adgandester muste auch mit seinem Vortrabe alsobald sich gegen solchem Getümmel nähern / welches / weil es nicht vorwerts /sondern auff der lincken Seite zu seyn schien / mit grossem Ungemach geschach / weil sie durch unterschiedene Moräste / und einen dicken Kiefer- und Tannen-Wald sich durcharbeiten musten. Das sich ihnen immer ie länger ie mehr nähernde Gethöne machte sie so vielmehr begieriger ihr Handgemenge darbey zu haben. Endlich erreichten sie bey begiñender Tagung den Kampf-Platz / welches ebenfals eine sumpffichte und zum Treffen ungeschickte Wiese war; daher auch die meisten von den Pferden abgestiegen waren / und zu Fusse kämpfften. Der erste Anblick zeugte alsobald aus der Tracht / daß die Cherusker und ein Theil Catten unter dem Hertzog Jubil /mit denen Marckmännern und langbärtichten Einwohnern der zwischen der Elbe und der Spreu gesessenen Völcker einander in Haaren waren. Dieser ihre Menge war auch jenen wenigern weit überlegen; dahero sie sich auch zu ihrer Gegenwehr nur der vortheilhafftigen Enge an dem Walds bedienen muste. Die Ankunfft des Feldherrn aber änderte alsbald die Beschaffenheit des Treffens / als er und die zwey andern Fürsten mit ihrem Hauffen dem Feinde großmüthig in die Seite fielen. So bald Hertzog Jubil dieser Hülffe wahrnahm / drang er sich zu dem Feldherrn durch /ihm vermeldende: Es wäre nicht rathsam / daß sie insgesamt hier im Gefechte bleiben solten. Denn König Marobod und Segesthes hätten bey verspürter Verfolgung nur diesen verlohrnen Hauffen um sie auffzuhalten / und inzwischen mit ihrer reichen Beute zu entwischen am Rücken gelassen. Also wäre am rathsamsten hier nur so viel Volck / welches dem Feinde an einem so engen Orte zur Noth gewachsen wäre / zu lassen. Sie aber müsten mit dem Kerne ihres Volckes dem Haupt-Feinde in Eisen liegen. Der Feldherr lobte diesen Rath; Befahl daher dem Fürsten Adgandester /daß er nebst Malovenden allhier dem Feinde begegnen solte. Er aber und alle andere Fürsten lenckten mit tausend Pferden rechtwärts / schnitten also diesen feindlichen Hauffen vom Könige Marobod und Segesthes ab. Gegen den Mittag holten sie ihren desthalben gantz unvermutheten Feind ein / welcher auch desthalben / ausser einer mit fünffhundert Pferden bestellter Wache / in einem anmuthigen Thale ausruhete. Der Anfall der Wache brachte alsbald alles feindliche Kriegsvolck in Lermen; allein / weil die Cherusker / um desto grösseres Schrecken zu machen / an vier Orten angriffen / und gegen einem unversehenen Feinde zweyfache Mannschafft nicht zu stehen vermag / konten die Marckmänner und Langbärte sich unmöglich aus ihrer Unordnung verwickeln / und daher hatten die Cherusker mehr zu metzgen als zu fechten. Zumahl die Gerechtigkeit der Sache den für sie kämpffenden noch ein Hertze macht / dem ihm übel bewusten aber die Helffte nimmet. Der Feldherr hatte auch das Glücke von einem Hügel[423] eine Sänffte zu erblicken / in welcher er seine himmlische Thußnelde eingekerckert zu seyn ihm einbildete. Daher machte er mit seinem Schwerdte / als einem unauffhörlichen Blitze durch Niederschlagung alles dessen / was sich gegen ihm setzte / einen Weg dahin; kam auch also nahe / daß er Thußnelden sein einiges Kleinod dieser Welt mit ihren thränenden Augen erblickte. Hierüber gerieth er gantz ausser sich; indem eines Liebenden Seele mehr in dem ist / was sie liebet als was sie beseelet; also / daß ob wohl König Marobod und Segesthes in Person mit fünff hundert auffs beste gewaffneten Edelleuten alldar in Bereitschafft standen / er doch sich für allem seinem Volcke herfür brach / und den Marobod als ein wütender Löw anfiel. Die Schwerdter waren nicht zu zehlen / die über ihn gezückt wurden / welche auch sein Pferd derogestalt verletzten / daß er selbst aus dem Sattel springen / und sich zu Fuße beschirmen muste. Aber was konten zwey Armen gegen tausend ausrichten? Denn ob er schon fast mit iedem Schlage einen Feind seiner rachgierigen Liebe auffopfferte / ward er doch / nach dem die Seinigen ihn gantz aus dem Gesichte verlohren hatten / übermannet / zu Bodem getreten / und auff Marobods Befehl gefangen. Der verda te / und aus Hertzog Herrmanns blosser Gnade nur noch lebende Segesthes ward durch seine Rache auch so ferne verleitet / daß er ihm selbst eine Kette an den Hals warff / und ihn als einen Knecht fortschleppen ließ. Diese Schmach erblickte die vorhin weinende /itzt aber wütende Fürstin Thußnelde; welche von ihrem Herrmann so wenig als die Turtel-Taube von ihren Eyern / kein Auge verwendet / sondern durch ihre Strahlen sein Glücke auszubrüten vermeinet hatte / nunmehr aber alle Feinde mit ihren Augen erstechen wolte. Daher sprang sie als eine ihrer Jungen beraubte Bärin aus der Sänffte / riß einem derer sie verwahrenden Longobarder den Degen aus / und ob sie wohl ungewaffnet / ja mit hinderlichen Frauen-Kleidern angelegt war / versetzte sie doch zweyen Marckmännern von denen / die den Feld-Herrn gebunden hielten / ehe sich iemand dessen versahe / zwey so grimmige Streiche / daß sie todt zur Erden fielen. Die übrigen geriethen hierdurch in Schrecken und Flucht / weil sie Thußnelden mehr für eine Kriegs-Göttin / als ein sterbliches Frauenzimmer ansahen. Hiermit riß sie dem Feldherrn die unwürdige Last der Kette vom Halse / der sich denn Augenblicks mit dem Schilde und Degen eines Erschlagenen waffnete; Und weil er diese Bestrickung für die gröste Schmach seines Lebens hielt / solche mit einem häuffigen Strome feindliches Blutes auszuleschen alle Leibes-Kräfften anwendete. Denn Liebe und Rache hatten ohne diß vorher sein Gemüthe auffs eusserste angestecket. Die großmüthige / und numehr gleichsam aufs neue lebende Thußnelde bemühete sich ihrem gewiedmeten Helden alle Streiche nachzuthun / und schlug auff die bey dem Marobod fechtenden Marckmäñer getrost loß /welche darum so viel mehr ausrichtete / weil Marobod diß wahrnehmende den seinigen bey Leibes-Straffe verbot / sie nur wieder zu fangen / nicht zu verwunden. Es ist unmöglich zu beschreiben / was diese zwey Helden gegen die grosse Menge ihrer Feinde für Thaten ausübten. Inzwischen aber hatte Fürst Rhemetalces und die ihm zugegebenen Cherusker die Gefahr und den Nothstand des Feld-Herrn wahrgenommen /und also ihnen mit Blut und Leichen den Weg zu seiner Errettung gebähnet; Ja endlich drang der Ritter Horn harte an ihn / sprang vom Pferde / wormit sich Hertzog Herrmann dessen bedienen / und dem auff ihn dringenden Marobod begegnen konte. Wie nun diese zwey mit einander hertzhafft anbanden / geriethen Rhemetalces und Segesthes an einander. Beydes Gefechte war würdig von der gantzen Welt gesehen zu werden. Segesthes aber ward an den rechten[424] Ellbogen hefftig verwundet; Daher / und weil er den schlimsten Tod vor Augen sahe / wenn er noch einmal gefangen würde / machte er sich zum ersten aus dem Staube. Der inzwischen auch verwundete König Marobod versuchte zwar alle sein Heil zu siegen / kriegte aber von des Feldherrn Wurffspiesse noch eine Wunde in die Achsel / und also muste er mit verfluchter Verlassung seiner in der Hoffnung schon verschlungenen Thußnelda auch aus dem Gefechte sich zurücke ziehen. Hiermit kriegte der Feldherr Platz die ungewaffnete Thußnelda aus so gefährlichem Gedränge zu bringen. Weil aber die Liebe in gekrönten Häuptern allzu zart und ungedultig / des geliebten Dinges Verlust unerträglich ist / und kein Zorn rasender / als derselbe zu seyn pflegt / welcher eine hefftige Liebe zur Mutter hat; schoß der erboste Marobod bey seiner Zurückweichung einen Pfeil iedoch vergebens nach der schönen Thußnelde. Die Marckmänner fochten hierauf alsobald laulichter / hingegen wuchs den Cheruskern wegen theils wieder erstrittener Beute /und daß etliche neue Hauffen ihnen zu Hülffe kamen /das Hertze; wiewohl die Longobarden mit solcher Hartnäckigkeit stritten / daß sie lieber sterben / als einen Schritt aus ihrem Gliede weichen wolten. Endlich gaben die Marckmänner die Flucht / welche der Feldherr allzuweit zu verfolgen nicht für rathsam hielt / weil er seinen geraubten Schatz dem Feinde wieder abgeschlagen / und von den Gefangenen den grossen Hinterhalt an der kaum drey Meilweges von dar entfernten Weser ausgeforscht hatte / zumal ihm die allzu zeitliche Flucht des sonst so streitbaren Marobods allzu verdächtig fürkam.

Diese Zurückhaltung war auch so viel nöthiger und heilsam / weil der hertzhaffte Jubil inzwischen in euserster Noth badete. Denn dieser war mit seinem in dreyhundert Männern bestehenden Hauffen auf dreyhundert streitbare Marsinger unter ihrem Hertzoge Tapis / dessen Sitz an dem Flusse Guttalus in der Stadt Budorigum ist / und dessen Gebiete sich an solchem Strome von dem Marcomannischen Gebürge biß an die Bartsch erstrecket / gestossen. Ihre Sprache bezeuget / daß sie von Uhrsprunge Schwaben sind. Neben diesen hielten noch fünf hundert Sarmater den Hertzog der Hermundurer warm; welch Volck zwar zu Fusse nichts taugt / zu Pferde aber ist es so schnell / daß wenn es mit seinen über Stock und Stein rennenden Hauffen anfällt / auch die geschlossenste Schlacht-Ordnung zertrennet wird. Diese führte des Sarmatischen Königs Jagelle Sohn / dessen Reich sich von der Weichsel biß an den Fluß Tanais / und vom Baltischen biß an das schwartze Meer / und die Meotische Pfütze erstreckte. Ihre Grausamkeit haben auch die Römer schon unter dem Lucullus im Thracischen Kriege / und noch für weniger Zeit Augustus erfahren / nach dem sie über die gefrorne Donau den Römern oftmals eingefallen / und grossen Schaden gethan / also daß der Käyser ihretwegen den Lentulus mit dreyen Legionen zu Besetzung selbigen Flusses halten müssen / biß endlich durch Vermittelung des Dacischen Königs Cotisan die Römer und Sarmater mit einander einen Frieden gemacht / als jene zu dem Jagello nach Kiov / diese aber zum Käyser biß in Hispanien nach Tarracon eine prächtige Gesandschafft abgehen lassen. Dieses Königs Sohn Boris / ein zwantzig jähriger streitbarer Fürst / hatte sich an des Königs Marobods Hoffe etliche Monat aufgehalten /und um seine schöne Tochter Adelmund geworben; also um ihm durch seine Tapfferkeit Gunst und Ansehn zu erwerben / sich diesem eilfertigen Anschlage des König Marobods zugesellet. Hertzog Jubil und Melo musten bey solcher Beschaffenheit sich auch in zwey Hauffen theilen / und also nahm dieser den Marsingischen Hertzog / jener den über alle andere hervorragenden und mit einer abscheulichen Rüstung alles grausame dräuenden[425] Boris auf sich. Auf beyden Seiten ward alle Tapfferkeit und Kriegs-List herfür gesucht. Nach langem Gefechte ward Hertzog Melo vom Marsingischen Fürsten in die lincke Seite / hernach von dem RitterHohberg an dem rechten Arm verwundet / und mit ihm sein Hauffen für denen an der Menge ihnen weit überlegenen Feinden etwas zurück zu welchen gezwungen. Gleicher gestalt kamen Hertzog Jubil und Boris an einander / welcher auf eine gantz seltsame Art sein um und um mit eisernem Bleche behencktes Pferd mit dem Zügel im Munde lenckte. Anfangs brauchte er an statt der Lantze einen langen an dem Sattel feste gemachten stählernen Pantzerstecher / welchen er mit der rechten Hand in vollen biegen rennende auff seinen Feind richtete; dem aber Hertzog Jubil / weil er diß Gewehre ihm auff die Seite abzulehnen nicht getraute / klüglich auswich. Ob er nun zwar hingegen den Boris mit der Lantze zu erreichen vermeinte / beugte sich doch dieser Sarmate mit einer grossen Geschwindigkeit auf die andere Seite; Hierauf ließ er seinen Schild auf die Seite hängen / ergriff mit beyden Händen eine überaus lange Sebel /und schlug auff den Fürsten der Hermundurer mit grossem Ungestüme loß / also / daß er für diesen Riesenstreichen sich zu beschirmen grosse Müh hatte. Nach vielen vergebenen Streichen kriegte endlich dieses ungeheure Gewehre den Schwung / also / daß es ihm aus den Händen entfuhr. Jubil meinte bey dieser Gelegenheit ihm eines zu versetzen / aber Boris bedeckte mit seinem überaus breiten Schilde seinen gantzen Leib /warf sein Pferd herum / und bückte sich zugleich so tief an Bodem / daß er eine andere daselbst liegende Sebel aufhob / und mit seinem Feinde aufs neue anband. Jubil hingegen suchte alle Meisterstreiche herfür diesem geschwinden Feinde einen Vortheil abzurennen / und insonderheit sein Pferd zu erlegen / weil er wol sahe / daß des Boris Rüstung und Waffen zu einem Fußgefechte ungeschickt waren; Zumal diese List vielen Cheruskern neben ihm wider die Sarmater wohl glückte. Ob nun wohl der abhängende Harnisch viel tapffere Streiche zernichtete; so gerieth ihm doch endlich einer derogestalt / daß er des Boris Pferd an einen Vorder-Schenckel hefftig verwundete / worvon er über und über stürtzte. Hertzog Jubil sprang Augenblicks vom Pferde um seinem Feinde vollends den Rest zu geben; als er ein jämmerliches Geschrey eines Frauenzimmers hinter sich im Walde erblickte / und als er sich umwendete / die Königin Erato mit einem Stocke gegen zwey mit blancken Sebeln sie antastende Sarmater sich beschirmen sahe. Dieser Nothstand machte / daß er des gefallenen Boris vergaß / und der Königin zu Hülffe eilete; für welchem sich ihre Feinde alsofort in die Hecken verbargen. Herentgegen sahe er zwey grausame weisse Bären / welche Boris gezähmet / und gleichsam zu seiner Leibwache abgerichtet / sein Waffenträger aber bey seines Herrn ersehener Stürtzung loß gelassen hatte / auf ihn zurennen / welches ihn nöthigte / sich an einen dicken Baum anzulehnen / wormit er nicht zugleich vor- und rückwärts angegriffen würde. Bey dieser Sorge hatte er noch eine grössere für die sich nahe bey ihm befindende und unbewehrte Königin / welche aber / entweder aus göttlicher Beschirmung / oder weil die Bären dem weiblichen Geschlechte leichte kein Leid thun /zu seiner grossen Vergnügung unangetastet blieb; iedoch von denen zwey vorigen Sarmatern aufs neue überfallen / und in das Gepüsche fort geschlept ward. Wiewohl er nun kein ander Gewehr / als seinen Degen bey der Hand hatte / auch in halbe Verzweiffelung gerieth / daß er die in so grosse Ehren- und Lebens-Noth verfallene Erato nicht retten konte / so hielt er doch die Bären ihm eine gute Zeit vom Leibe / verwundete auch beyde in ihre Mäuler. Dieses aber verursachte bey ihnen keine Furcht / sondern vielmehr ein grausames Wüten;[426] insonderheit da der Hertzog dem einen Bären den Degen tief in die Brust stache. Wie er nun über dem heraus ziehen zerbrach / sprang der andere Bär gleichsam seines Gefärthen Tod zu rächen / ihn so gewaltig an / daß er bereit mit einem Knie zu Bodem fiel. Wie nun dieser auch in der grösten Lebens-Gefahr und bey Ermangelung allen Gewehres gantz unverzagte Held kein ander Mittel sahe diesen grimmigen Klauen zu entkommen / sprang er mit einer unglaublichen Geschwindigkeit dem Bären auf den Hals / hielt sich auch mit Händen / Beinen und Zähnen so fest an / daß sich dieses wilde Thier seiner ungewöhnlichen Last nicht entschütten konte. Weil nun Jubil / nach dem er sich feste genung zu sitzen vermeinte / den Bär mit seinem noch behaltenen Degenstrumpffe möglichst neckte / und zu verwunden trachtete / nahm dieses erboste Thier in sein erstes Vaterland / nehmlich in den dickesten Wald seine Zuflucht / brachte ihn aber aus sonderbarem Verhängnüsse des Himmels eben an selbigen Ort / wo sich die nunmehr kaum noch athmende Königin mit den geilen Sarmatern ärgerte / und in Mangel anderer Waffen mit Zähnen und Nägeln ihre Ehre vertheidigte. Also führet das unerforschliche Verhängnüß seine Schlüsse durch wilde und zahme Thiere aus; und Hertzog Jubil hatte bey nahe diesem wütenden Bäre so viel zu dancken / als Paris dem so gütigen / der ihn auf dem Berge Ida gesäuget; und Arion dem Delfine / der ihn durch das Meer nach Corinth getragen haben soll. Hertzog Jubil konte ihm zwar nichts anders einbilden; als daß der Bär bey seinem Absteigen ihn aufs neue anfallen würde; Gleichwol hielt er für rühmlicher von einem unvernünfftigen Thiere zerfleischet werden / als eine so tugendhaffte Königin in den Klauen dieser die Grausamkeit des Bäres weit übertreffender Raubvögel zu lassen / und hierdurch sich selbst zum Unmenschen machen. Daher griff er mit beyden Händen nach einem vorwärts ersehenem Aste / und ließ den Bär unter sich seine blinde Flucht vollstrecken; welcher denn auch ohne einiges Umsehen nach seinem Reuter den dicksten Hecken zueilte. Hertzog Jubil wuste diese göttliche Hülffe mit keinem angenehmern Opffer seinem Gott abzugelten / als daß er Augenblicks denen sich auf der Erde mit der Königin umweltzenden Sarmatern zueilte / einem auch / ehe er sein inne ward / die Sebel von der Seiten wegrieß / und selbte beyden in den Wanst stieß / worvon sie zugleich ihre tolle Brunst abkühleten / als ihre viehische Seelen den höllischen Rachgeistern ablieferten. Die ihres Hauptes inzwischen entblösten Cherusker zohen nicht wenig den kürtzern / waren auch von dem Hertzoge Tapis und dem wieder zu Pferde gebrachten Fürsten Boris schon in Verwirrung und zum weichen gebracht; als Hertzog Jubil / der in dem Walde zwey aus dem Treffen entlauffene Pferde erwischt / und nebst der Königin sich darauff gesetzt hatte / wieder gleichsam vom Himmel fallende den Seinigen zu Hülffe kam. Sein erster Anblick erneuerte auch der Ermüdesten entfallene Kräfften; Gleichwol aber würden sie von der Menge endlich übermannet worden seyn /nach dem Hertzog Melo sich wegen vieler Wunden hatte müssen wegtragen lassen / Hertzog Jubil auch aus sieben wiewol nicht gefährlichen Wunden seine Kräften ausblutete / ja aus denen Cheruskern nicht einer mehr unbeschädigt blieben war; wenn nicht nach der Flucht König Marobods und des Segesthes Hertzog Herrmann und Rhemetalces mit ihrem Hauffen dem Fürsten der Hermundurer und denen nothleidenden Cheruskern zu Hülffe kommen wären. Dieser Ankunfft verkehrte alsbald das Spiel. Denn Hertzog Tapis und Boris / welche inzwischen mit den ihrigen auch nicht Seide gesponnen hatten / sahen wol / daß diese neue Hülffe ihnen überlegen wäre; machten ihnen auch alsofort die Rechnung / daß Marobod an der andern daselbst[427] zwar unsichtbaren Seite die Flucht gegeben haben müssen. Ja wenn sie auch schon gerne länger gegen die Cherusker gestanden hätten / so konten sie doch nicht mehr das offentliche Ausreissen ihrer Marckmänner und Sarmater / welche sich ohne diß in ihren Kriegen mehrmals der Flucht zu einer Kriegslist brauchen / und also selbte kein mal für Schande halten / verwehren. Dahero musten diese zwey streitbare Helden nur auch zu diesem Erhältnüsse der furchtsamen ihre Zuflucht nehmen / und sich trösten / daß die Klugheit zuweilen auch hertzhafften zu weichen räthet; und bey verzweiffeltem Zustande der Gefahr selbst in die Waffen rennen / eine viehische Hartnäckigkeit / keine Tugend sey. Die Cherusker hingegen waren in ihrer Verfolgung nicht zu hemmen; in Meinung / daß die / die Furcht im Hertzen trügen / auch ein Merckmahl auf den Rücken bekommen müsten. Ob nun wol denen Marckmännern und Sarmatern von dem Hinterhalte Marobods eine starcke Hülffe entgegen kam; so wolten sie doch nicht ihren Verfolgern die Stirne bieten / sondern brachten unter ihre Gehülffen anfangs ein Schrecken / hernach ein gleichmäßiges Fliehen; biß den Cheruskern theils die Müdigkeit ihrer Pferde / theils die einbrechende Nacht endlich auch den Zügel anhielt.

Die nunmehr erledigte Fürstin Thußnelda konte sich nicht enthalten ihren gantz mit Blut besprützten Feldherrn thränende zu umfangen / und für ihre Erlösung Danck zu sagen. Hertzog Herrmann nahm selbte mit unaussprechlichen Hertzens-Freuden an / und ermahnte sie diese mehr göttliche als menschliche Errettung mit Frolocken / nicht mit Thränen zu erkennen. Thußnelda antwortete: ihre Zunge könte freylich ihre Freude der Seele nicht aussprechen / daß sie nicht allein aus den Händen des grausamen Marobods gerissen / sondern auch in den Armen ihres liebsten Herrmanns aufenthalten wäre; aber wie solte sie nicht nur mit Thränen / sondern vielmehr mit Blute beweinen /daß das Geschencke des Lebens als die gröste Wohlthat eines verletzten Menschen ihren Vater Segesthes nicht hätte gewinnen / und von einem so bösen Fürnehmen zurück halten können. Der Feldherr versetzte: Sie solte sich an der Güte des Himmels vergnügen. Wer die göttliche Gewogenheit zur Mutter hätte /könte die Hold eines unbarmhertzigen Vaters leicht entbehren. Auch könte Segesthes ihm nimmermehr so viel Leides anthun; als er ihm ihr zu Liebe vergessen wolte. Ja nach dem er nunmehr Segesthen zweymal überwunden hätte / könte er mit keinem Ruhme sich die Schwachheit des Zornes überwältigen lassen. Freylich wol / begegnete ihm Thußnelda / ist diese Vergessenheit empfangener Beleidigung rühmlicher als das berühmte Gedächtnüß des Cyneas; weil diß eine blosse Gabe der Natur / jene eine edle Würckung der Tugend ist. Auch ist die Rache eben so wol ein Laster / als die Verletzung / nur daß jene es dieser in der Zeit zuvor thut. Jene empfindet nur die Süßigkeit eines Augenblicks / Sanftmuth und Vergebung aber so lange / als das Leben und Andencken tauert. Jene verletzet nur den Leib ihres Feindes / diese aber ihre eigene Seele; ja sie kan seinem Verletzer nichts anders rauben / als was ihm die Zeit ohne diß entziehen wird. Großmüthige Verzeihung hingegen wird durch unsterblichen Nachruhm verewigt. Dieser hat niemanden iemals / jener aber die meisten unzehlich mal gereuet / alle verhast gemacht / und nicht wenig auch einer gleichmäßigen Rache unterworffen. Also ward des Achilles Sohn Neoptolemus / weil er den Priamus dem Jupiter auf seinem Altare abgeschlachtet hatte /vom Orestes nicht unbillich dem Apollo abgethan. So richtet ihr auch die Grausamkeit in ihrem eignen Hertzen eine Folter auf. Denn wie die grimmigen Thiere für einem Schatten / einẽ abschelenden Blate / einem ungemeinen Geruche erschrecken / die Löwen sich auch für einer aufspringenden Mauß erschüttern; also fürchtet sich ein grausamer Fürst für eben so vielẽ /als andere für ihm. Aber stehet es wol in unserer[428] Gewalt ein so grosses Unrecht zu vergessen? Giebet uns nicht so wol unsere eigene Sicherheit / als der natürliche Trieb das Rachschwerd in die Hand / wenn unsere Gütigkeit unsern Feind nicht besänftiget / sondern nach Art der abzugelten unmöglichen Wolthaten / ihn nur noch mehr erbittert? Oder kan die Liebe gegen derselben unversehrt bleiben / wenn ihr Ursprung nichts als Gift und Galle kochet? Und mit was für einer Bach voll Thränen mag Thußnelde ihren eigenen Schimpf abwaschen; nach dem Segesthes sein gantzes Geschlechte mit solcher Untreu besudelt? Keine Flecken sind schwerer zu vertilgen / keine Verbrechen geben einen häßlichern Gestanck von sich / als welche nach Verrätherey rüchen. Der Feldherr umarmte Thußnelden aufs neue / mit beweglicher Bitte: Sie wolte doch ihr und der Tugend kein so ungerechtes Urthel fällen / wenn sie ihr fremde Schuld des Segesthes aufhalsete. Das Licht der Tugend allein hätte nur diesen Vorzug; und begreiffe so viel in sich / daß sie auch andere mit ihrem Glantze betheilte; das Wesen der Laster aber bestünde in Finsternüß / und erstrecke sich ihr Schatten nicht über das Maaß der Verbrecher; Daher könte zwar fremdes Feuer unsere eigenthümliche Güter / aber fremde Schuld nicht unsern eigenen Ruhm verzehren. Uberdiß würde die Grösse ihrer Liebe ihr schwerlich zu glauben verstatten / daß die Seinige durch einigen Zufall der Welt vermindert werden könte. Tugend und ungefälschte Liebe wären in dem / dem Gestirne zu vergleichen / daß kein Nebel noch Unglück ihnen das Licht ausleschen könte; darinnen aber überträffen sie es / daß sie allzeit im Wachsthum blieben. Wie aber könte sein guter Ruhm mehr ins Abnehmen kommen / als weñ er durch Rachgier selbten verfinsterte? Alle Begierden verblendeten zwar die Augen des Gemüths / den Geitzigen machte sein ersehner Vortheil übersichtig / ein Geiler sähe den Frosch für eine Diana / ein Hoffärtiger die Riesen für Zwerge an / ein Heuchler machte aus Kohlen Kreide / ein Verläumder aus Kreide Kohlen; ein Zorn- und Rachgieriger aber sey stock blind / und stürtze sich oft ehe als seinen Todfeind in den erschrecklichsten Abgrund; ja er rechne es ihm für einen grossen Gewinn / wenn er seinen Feind mit seiner eigenen Leiche erdrücken könne.

Bey währender dieser annehmlichen Unterredung wuste die Königin Erato ihre Verbindligkeit gegen dem Hertzoge Jubil nicht genungsam auszudrücken /also daß sie auch ohne einige Bedenckligkeit ihres Geschlechtes in seine Umarmung rennte. Sintemal man sich gegen dem aus Schamhaftigkeit nicht zu zwingen hat / welchem man die Behaltung der Ehre und Scham zu dancken verbunden ist. Sie nennte ihn ihren Schutz-Gott / ihren Erhalter / ihren Vater / ja dem sie so viel mehr verknüpft wäre / so viel sie ihre Ehre höher / als ihr Leben schätzte; weil er mit dem Blute der geilen Sarmater nicht nur ihre viehische Begierde / sondern auch das Andencken ihrer schwartzen Unterfangung ausgewischt hätte. Er habe sein Leben für ihre Keuschheit in die Schantze gesetzt / wormit sie ihr Lebtage nicht für der Welt und ihrem eigenen Andencken schamroth / oder vielmehr ihre Hände in ihrem eigenen Blute hätte waschen dörffen. Denn da diese rasende Unmenschen ihr gleich nach geraubter Ehre den Lebens-Athem übrig gelassen hätten / würde sie selbtem als einer Marter ihrer reinen Seele doch durch eine Wunde auszufahren Luft gemacht haben. Wiewol sie zu den Göttern der Zuversicht gelebt / sie würden ihr ehe den Lebensfadem abgerissen / oder sie der Vernunft und aller Sinnen beraubet / als eine solche Schmach zu erleben und zu empfinden über sie verhangen haben. Hertzog Jubil war über dieser freymüthigen Erkäntnüß derogestalt erfreuet / daß er der Königin Gunst-Bezeigung nicht nur für eine weit überwichtige Vergeltung seiner Wolthaten schätzte /sondern auch seine hieraus geschöpffte Vergnügung aller seiner überstandenen Gefährligkeiten schier vergaß. Er raffte diesemnach itzt alle Kräfften seiner[429] Höfligkeit / wie vorhin seiner Tapfferkeit zusammen /einer so liebreichen Königin annehmlich zu begegnen. Er strich ihre gegen die gewafneten Sarmater erwiesene Hertzhafftigkeit mit so hohen Lobsprüchen / als es ihre herrliche That verdiente / und mit so lebhafften Farben heraus / daß der Feldherr seine Tbußnelda und die andern Fürsten / (welche ihre überstandene Ebentheuer zu vernehmen begierig waren) alles gleichsam noch einmal geschehen sahen. Er verkleinerte seine Verdienste / indem das Glücke ihm in allem Thun die Hand geführet / und einen wilden Bären ihm zum Pferde und Wegweiser gemacht hätte; solte ja aber seine Tapfferkeit etwas darbey gethan haben / wäre ihr unvergleichliches Beyspiel für den Zunder zu halten / welcher seinen Geist zu behertzten Entschlüssungen angesteckt hätte. Dahero wäre seine That nicht so wol aus eigner Würdigkeit / als nur wegen so erfreulichen Ausschlages / da eine so tugendhaffte Königin aus einer so abscheulichen Antastung errettet worden / zu schätzen. Hingegen überstiege ihre zusammen vermählte Tapfferkeit und Keuschheit das Lob aller Sterblichen / zumal die einige Keuschheit ohne diß für eine grössere Hertzhafftigkeit / als aller Welt-Eroberer Helden-Thaten zu achten wäre. Fürst Rhemetalces brach hier ein: Er wäre verwundert über dieser grossen Heldin / und der Neid selbst würde ihrem Ruhme ehe was beysetzen müssen / als einen Gran wegnehmen können. Aber diß könne er nicht begreiffen / wie die Keuschheit die eigenthümliche Tugend des schwächeren Geschlechtes eine grössere Hertzhafftigkeit / als die Tapfferkeit der Helden abgeben solle? Jene hätte ja meist ihre Anfechtung nur von anmuthigem Reitze und zuckernen Worten / ihr Kampff geschehe in wohlrüchenden Zimmern; und die ihr am hefftigsten zusetzten / küsseten ihrem Feinde die Hände / legten sich ihm unter die Füsse /verschmertzten alle Beleidigung / gehorsamten ihrem Augenwinck / opfferten ihm Seuffzen und Thränen /und nicht selten ihre hellodernde Seele auff dem Altar der Verzweiffelung auff. Also hätte die Keuschheit mehr das Ansehn einer gebietenden Käyserin / als einer streitenden Amazone. Sie liesse sich mehrmals die tiefste Demuth nicht erbitten; sie aber gebiete wol über Könige / und lache derer / die alle ihre Kräfften mit eben solchem Vortheil an ihre Unbarmhertzigkeit / als das Meer seine Wellen an eine steile Klippe anschlagen. Hingegen müsse die Helden-Tugend so vielen Todten die Stirne bieten / als es Pfeile in den Köchern der Feinde / und Spitzen an Degen eines versammleten Kriegs-Heeres habe / sie müsse über unwegbare Felsen / durch ungründbare Ströme / auf geharnschte Mauern / wider Feuer und Schwerdter / und den Donner der Geschütze behertzt ansetzen / welche in der Welt grössere Schrecken und Mörde stiffteten /als der natürliche Blitz aus den Wolcken. Diese gewinne Schlachten / erobere Festungen / erwerbe Zepter und Kronen / und zehle ihre Uberwundene nach tausenden. Die holdselige Thußnelda begegnete dem Thracischen Fürsten mit einer durchdringenden Anmuth / daß nicht so wol die Selbstliebe ihres Geschlechtes / als die Warheit sie nöthigte / dem Fürsten Jubil beyzufallen. Denn wenn man die euserliche Bemühung des Leibes / und ansehnliche Geschickligkeit der Glieder / weil die Tugenden ja nicht in Fleisch und Beinen / sondern im Gemüthe ihren Sitz hätten /wegnehme / würde wenig mehr scheinbares für die Helden übrig bleiben / daß ihre Tapfferkeit sich der Hertzhafftigkeit einer keuschen Frauen fürzücken solte. Diese müste zu ihrer Ausübung nicht immer die Gebel in der Hand / Stahl und Feuer über dem Kopffe / blutige Hände und feurige Augen haben / noch auf Leichen und Asche gehen. Jedoch wäre die Keuschheit nicht nur eine Tugend des Krieges / sondern auch des Friedens; und zwar eines so harten / welcher weder einen Stillestand /[430] noch daß man sich auff keine Seite des Feindes schlüge / verstattete / sondern in dem man sein Lebenlang kämpffen / und entweder sterben oder siegen müste. Die Keuschheit hätte zwar zu ihrem Sinnbilde die weichen Lilgen / aber sie müste mit Disteln umgeben seyn. Ja ihrem Bedüncken nach wäre die Rose ihr füglicher zuzueignen / welche nicht nur an ihrer Farbe verschämt / sondern mit so viel Dörnern gewaffnet ist. Unter den Thieren wäre das gröste und zum Kriege geschickteste / nemlich der Elefant / auch das keuscheste / welches von keinem Ehebruche wüste. Die Keuschheit habe so viel Feinde / als das menschliche Gemüthe unziemliche Regungen; und so viel mehr gefährliche / als sich mit Anmuth und Tugend vermummen / und daher weniger kentbar und schwerer zurück zu treiben wären / als welche einen mit Dreuen und Schnauben zum Kampff ausfordern. Also lasse sich der sonst wider den Hammer bestehende Marmel von weichen Regen-Tropffen abnützen; und der allen starcken Thieren so schreckliche Löwe von einer Wespe überwinden. Dahero sey Hercules / nach dem er die Ungeheuer der Welt und der Hölle überwältiget / Alexander und Julius / nach dem sie so viel Völcker bestritten / so viel Reiche zermalmet / von der Liebe untergedrückt worden / und ihr Helden-Geist niedriger gewest / als welchen die Keuschheit von nöthen habe. Ja die Natur schlage sich mit ihrem Triebe / unsere eigene Sinnen mit ihrer Kitzelung auf die Seite dieser so annehmlichen Widersacher; eröfneten ihnen verrätherisch die Pforte des Hertzens; dahero wie die unvermerckte Krafft des Magnets das so schwere und unbewegliche Eisen ohne unsere Gewaltsamkeit an sich zeucht / also werde der Liebreitz auch leicht Meister unsers Willens / und vereinbare sich mit unser Zuneigung. Hin gegen habe die Tapfferkeit keine so schlaue und schleichende / sondern nur einen öffentlichen Feind /nemlich die gewaltsame Antastung; und nebst ihr die Natur selbst zum Beystande; welche für Abwendung aller Beleidigung allezeit Schildwache hält / und das Böse abzulehnen dem Gemüthe einen angebohrnen Trieb / iedem Gliede eine absondere Fähigkeit zu Beschirmung des gantzen Leibes eingepflantzet hat; wenn die Keuschheit von niemanden als der einigen Vernunft ihre Waffen zuentlehnen weiß. Also sey in alle Wege der Tapfferkeit viel leichter einem Riesen die Stange zu bieten / als der Keuschheit die Zuneigungen des Gemüthes zu zwingen / das Verlangen der Seele / den Trieb der Sinnen zu dämpffen / die Vergnügung als ein so scheinbares Gut aus den Händen zu schlagen / ja der Wollust obzusiegen / einer so hartnäckichten und zugleich liebkosenden Feindin /welcher weder die Gewalt der Starcken / noch das Nachdencken der vorsichtigsten etwas leicht anhat /ob sie schon nicht mit Schwerd und Feuer / sondern mit Blumen und Schneeballen angreift. Ich geschweige / daß die Liebe und Wollust insgemein noch viel mächtige Feinde auf den Kampf-Platz bringe; als den Geitz / durch Ausschüttung köstlicher Perlen / unschätzbarer Edelgesteine / und des güldenen Regens /wordurch man auch unzehlbare Schlösser aufsprenget / und zu Danaen durch eiserne Riegel dringet; die Schmach und Schande / wenn man der widerspenstigen Keuschheit grausamste Laster und knechtische Buhlschafft anzutichten dräuet / die Ehrsucht / wenn man ihre ungemeine Würden / Purpur und Anbetungen vieler Völcker verheisset / ja endlich den so grausam aussehenden Tod / wenn ein brüllender Tarqvin einer Lucretia den Dolch ans Hertze setzt; wenn ein Wüterich auf einer Seite sein aus Sammet und Atlas bereitetes Bette / auf der andern Seite der Hencker Rad und glüende Zange fürleget; also die Keuschheit alle annehmliche Eitelkeit großmüthig verachten /alles schreckliche mit einer unbeweglichen Gedult ausstehen / beydes aber durch eine mehr als heldenmäßige Hertzhafftigkeit überwinden / ja mit ihrem eigenen Messer dem Nothzwange toller Brunst zuvor kommen /[431] und ihre Brüste mit reinem Blute beflecken muß; wormit man die Lilgen der Keuschheit unbesudelt in Sarch lege; Massen denn ohne dergleichen Anfechtungen sich keine für keusch zu rühmen / sondern entweder für eine von der Geburtsart her frostige /oder für eine von den Lastern selbst verschmehete zu halten hat. Der Feldherr brach allhier seiner Thußnelden ein: Die Keuschheit dörfe in alle wege ein grosses Hertze / und unverzagte Entschlüssungen; aber diß könne er nimmermehr billichen / daß sie wider sich selbst ihre Rache ausüben / und ein fremdes Laster an ihrem unschuldigen Leibe straffen solte. Denn da das Gemüthe in eines andern Uppigkeit nicht gewilligt habe / wäre durch Zwang weder die Seele besudelt / noch dem guten Nahmen ein solcher Schandfleck angehenckt worden / welcher mit so scharffer Lauge seines eigenen Blutes abgewischt werden müsse. Ihm wäre zwar nicht unbekandt / wie hoch die Römer den Selbstmord ihrer Lucretie heraus strichen; er finde aber daran nichts ruhmwürdiges /als daß sie mit ihrem Messer das Joch der königlichen Tyranney zerkerbet habe; und daß wie aus Aureliens Bauche der Julius und die Römische Dienstbarkeit geschnitten / also aus Lucretiens Wunde die Freyheit des Volckes gebohren worden. Auser dem aber / da sie Tarqvin mit Gewalt verunehret / wäre sie keines Todes schuldig; da sie aber zugleich gesündigt / ihre Reue zu spat / und ihre Verzweiffelung keines Lobes würdig gewest. Die Königin Erato konte sich nicht enthalten / der in ihren Augen so hoch gesehenen Lucretia das Wort zu reden / und nach des Feldherrn gebetener Erlaubnüß entgegen zu setzen: Keuschheit und Lilgen wären von solcher Reinligkeit / daß diese auch in ihrem Stiele / jene in ihrem Leibe keinen Fleck erduldete. Die Lilge streckte ihr Haupt unter den Blumen / die Keuschheit unter den Tugenden am höchsten empor / wormit jene von dem Schlamme der Erden / diese der Laster nicht besudelt würde. Die Lilge habe eine Farbe wie Schnee / einen Geruch über Bisam / eine Krone von Gold; die Keuschheit müsse nicht alleine den Glantz der Unschuld / sondern einen allen Verdachts befreyten Geruch eines guten Namens haben / wenn sie den Krantz der Ehren erwerben wolte. Wie nun aber die Lilge alleine / wenn sie unberührt bleibt / ihren Geruch behielte / durch Betastung aber selbten in Stanck verwandelte; also müsse die Keuschheit auch die Berührung ihrer Glieder von einem geilen Finger verhüten / wo sie ihrer Ehre keinen Abbruch thun wolle; oder da ihre euserste Sorgfalt sie endlich für der Verwelckung nicht länger befreyen / und mit ihrem kräfftigen Geruche die Giftsaugenden Schlangen von dem Genüsse ihres Jungfrauen-Honigs verjagen könte / doch mit ihrem Blute ihr einen neuen Ruhm gebähren / wie die Lilge sich aus ihren abfallenden eigenen Thränen säme und fortpflantze. Die Fürstin Thußnelda fiel der Königin ein: Sie billigte allerdinges ihre Lehre / aber nicht das darzu aufgestellte Beyspiel. Denn sie liesse Lucretien gerne für eine Austreiberin der Tyrannen / für eine Mutter der bürgerlichen Freyheit / nicht aber für ein vollkommenes Muster der Keuschheit gelten. Sintemal sie für ihrer Befleckung den angesetzten Dolch des Tarqvin / nicht aber nach verwundeter Sache ihr Messer in ihren Brüsten hätte empfinden sollen. Weil ja eine mit Schrecken erpreste Beliebung zwar kein freyer / aber gleichwol ein Wille; ein züchtiges Hertze aber ein so durchsichtiges Crystall wäre / welches keinen Schatten gebe / und ein so heller Spiegel / daß er vom Anhauchen / von einem geilẽ Anblicke Flecken bekäme. Diesemnach wäre mit viel reineren Leibern /mit viel keuscheren Seelen nach der vom Marius erlittener Niederlage das deutsche gefangene Frauenzimmer gestorben / da sie in einer Nacht / als sie Marius der Göttin Vesta nicht wiedmen wolte / durch eigenhändigen Tod aller fremden Brunst zuvor kamen. Da aber ja von einem Wüterich der Keuschheit die Hände gebunden würden / könte sie so deñ allererst ein behertzter Tod aller Schande befreyen.[432] Also wäre eine Fürstin ihres Geschlechtes von einem Ungeheuer anfangs in Band und Eisen geschlagen / hernach aber als sie vergebens um durch einen rühmlichen Todt ihrer Schande für zukommen / aus einem hohen Zimmer herab gesprungen / in seinem Bette / worfür sie Pfal und Holtzstoß lieber beschritten hätte / zu ihrer Entweihung angebunden / und aus hierüber geschöpfftem Hertzeleide ihre reine Seele auff dem Grabe ihres vorher ermordeten Ehherrn ausgeblasen worden. Fürst Rhemetalces / nachdem er mit Verwunderung so tugendhafften Geschicht- und Entschlüssungen zugehöret hatte / fing hierauff an: Er und die übrige Welt müsten bey solcher Beschaffenheit nicht nur ihren Meinungen beypflichten / sondern auch ihren Tugenden aus dem Wege treten. Armenien aber / fing Hertzog Jubil an / würde sich nunmehr mit der Heldenthat ihrer Erato auch den Deutschen zu gleichen und andern Völckern für zu zücken haben. In alle wege fuhr der Feldherr fort / denn die Tugend ist an keine Ecke der Welt angepflöcket. Wie unter einem gütigen Himmel und einem glückseligen Gestirne solcher ArtMenschen gebohren werden / die unter dem kalten Angelsterne wohnen; Also werden in dem eyßichten Nord auch solche gezeuget / wie die /so die Sonne über ihrem Würbel haben. Mir ist zwar nicht unbewust / daß die Sternverständigen die Weltkugel in sieben der Breite nach genommene Landstriche abtheilen / den ersten / der durch die Insel Meroe geht / dem Saturnus / und desthalben groben / argwohn- und verrätherischen Leuten / den andern bey der Egyptischen Stadt Siene dem Jupiter / und darum klugen andächtigen und ehrliebenden Einwohnern /den dritten / der Alexandria berührt / dem Mars / und also kriegerischen und unruhigen Menschen zueignen. Uber dem vierdten / unter dem Rhodis und halb Griechenland gelegen / setzen sie die Sonne / darinnen gelehrte / beredsame und zu allen Künsten geschickte Leute wohnten; Den fünfften / welcher Italien begreifft / stellen sie unter den Einfluß der Venus / und machen darinnen Wollust und Uppigkeit zur Herrscherin. Den sechsten / der Gallien in sich hat / soll Mercur unter sich / und also veränderliche und unbeständige / iedoch denen Wissenschafften ergebige Einwohner; Der siebende aber / der uns Deutsche und Britannien erreicht / des Monden Eigenschafft haben /und deßhalben traurige / und nur zur Kauffmannschafft und Gastereyen geneigte Leute bewirthen. Alleine wie ich unschwer enthenge / daß die Würckung der Gestirne über die Beschaffenheit der dort oder dar sich befindlicher Leiber eben so wie über die Erde selbst eine grosse Gewalt ausübe; wiewohl auch diese nach ihrem Unterscheide jener Würckung verhindert; Daher es auch unter dem mittelsten Sonnen-Zirckel nicht allenthalben glüendheiß / sondern recht mittelmäßig / gegen Mitternacht nicht allenthalben unerträglich kalt ist / also ist das edelste Kleinod des Gemüths die Tugend / welche ihren Ursprung nicht aus den Sternen / noch aus den Dünsten der Erden sondern aus einem überirrdischen Saamen / welchen die Göttliche Versehung in Mutterleibe noch in unsere Seelen eingeust / und eine gute Aufferziehung fortpflantzet / nicht in gewisse Winckel des Erdkreißes zu verriegeln. Zwar ists nicht ohne / daß ein Volck tugendhaffter sey als das andere / und daß zu gewisser Zeit gewisse Laster / wie manche Kranckheiten / mehr im Schwunge gehen. Allein es ist kein Ort und keine Zeit so unglückselig / daß eitel Klodier /kein Cato leben solte. Jedes Land hat seine Wunwerwercke und seine Mißgeburten nichts weniger / als seine Tage und seine Nächte. Keines ist /welches nicht seinen Hercules / und seine Lucretia auff die Schaubühne stellen könne. Und wo Sonnen sind / giebt es auch Finsterniße. Ob wir Deutschen nun wohl dem berühmten Armenien eine so köstliche Perle / als ihre Königin Erato ist / nicht mißgönnen /so rechnen wir es doch für[433] ein Glücke Deutschlandes /daß selbte mit einem so herrlichen Strahl ihrer Tugend unser Deutschland beseligt / und ihre Heldenthat zu einem Beyspiele unser Nachkommen fürgebildet habe. Die Königin färbte über diesem Ruhme ihre verschämte Wangen / schrieb ihr Beginnen / da es ja eines Ruhmes würdig wäre / dem Einflusse Deutschlandes / welches so vieler Völcker gemeine Laster auch nicht nur von Nahmen keñte / alles ihr gegebene Lob aber der Hertzhafftigkeit des Fürsten Jubils zu /dessen Tugend nicht nur so viehische Menschen /sondern auch die grausamsten Thiere bezwungen /und den Nahmen eines neuen Hercules verdienet hätte. Die Fürstin Thußnelde fiel ein: Ich weiß sicher nicht / ob ich wilde Thiere oder böse Menschen für grausamer halten solle. Denn ob gleich die Natur diese nicht wie die Bäre mit starcken Tatzen / wie die Löwen mit starcken Klauen / wie die Tiger mit scharffen Nägeln / mit einem Rüssel wie die Elefanten / mit Hörnern wie die Ochsen / mit Zähnen wie die hauenden Schweine / mit Stacheln wie die Bienen ausgerüstet / so hat sie es doch nicht so wohl aus Mißgunst gethan / weil die Vernunfft alle Waffen überwieget /als die Menschen aus Mißtrauen allzu grossen Mißtrauens entwaffnet. Sintemal die Verläumder eine viel gifftigere Zunge als die Nattern / wormit sie auch die reinsten Lilgen begeiffern / die Betrüger viel krümmere Anschläge / als die Hörner der Auer-Ochsen sind /wormit sie auch die Fürsichtigen beschädigen / die Neidischen schädlichere Augen als Basilißken haben /und mit ihren Blicken die Unschuld zu erstechen trachten. Der Athem der Drachen ist nicht so tödtlich als der Heuchler / die Hunds-Zähne nicht so spitzig als der Zornigen / keine Egel so blutdürstig als die Tyrannen. Also sind im Menschen nicht nur aller Ungeheuer Waffen vereinbart / sondern da diese zum höchsten uns nur des Lebens zu entsetzen mächtig sind / so rauben uns diese noch Ehre / Friede / Gut /Vergnügung / das Gewissen / und endlich gar die Seele / durch Lästern / Krieg / Diebstal / Ehbruch /Verführ- und Verzweiffelung. Bey welcher Bewandniß sich nicht zu verwundern ist / daß so viel Weltweise geglaubt: die Menschen hätten nichts überirrdisches an sich / sondern sie wären wie die wilden Thiere von sich selbst aus der Erde gewachsen. Massen denn ein Mensch dem andern offt unähnlicher als einem Affen / und gehäßiger als den Schlangen ist. Daher Socrates mit ihm selbst nicht eins gewest ist: Ob er ein Mensch oder ander Thier wäre / und deßwegen nachdencklich gedichtet / daß er auff dem Vogel-Eylande wegen deß daselbst eingewurtzelten Hasses wider die Menschen / sich habe für einen Affen ausgeben müssen. Ich muß es gestehen / fing Hertzog Jubil an / diese zwey Bären bezeugten allhier gegen einer solchen anbetens-würdigen Göttin mehr Barmhertzigkeit und Ehrerbietung / als die Sarmatischen Unmenschen; ja der eine führte mich so gar zu ihrer Errettung. Und ob sie wohl gegen mich ihre Klauen gewetzet / so ist doch diß nicht so wohl für eine Grausamkeit zu schelten / sondern vielmehr als eine Vertheidigung ihres Herrn / welcher sonst sein Leben dißmahl nicht darvon gebracht hätte / zu loben. Fürst Rhemetalces setzte bey: Es wäre in alle wege die That dieser zwey so wohl abgerichteten und treuen Bären so schlecht nicht anzusehen. In Epiro habe zwar ein Hund den Mörder seines Herrn angegeben / ein ander sich mit seinem Lisimachus verbrennen / Masinissa sich von Hunden bewachen lassen / einander sich mit seinem in die Tiber geschmissenen Herrn ersäuft. Die Colophonier und Castabalenser hätten Hunde in ihren Schlachten an die Spitze gestellet / zwey hundert Hunde hätten einen König der Garamanter durch ihre Tapfferkeit wieder in sein Reich gesetzt. Der grosse Mithridates habe zwar Hunde / ein Pferd / einen wilden Ochsen / und einen Hirsch / Hanno einen Löwen im Läger zu seiner Bewahrung abgerichtet / welches als[434] ein Zeichen angezielter Ober-Herrschafft über Carthago ihn seinen Kopff gekostet / Marcus Antonius habe nach der Pharsalischen Schlacht zur Andeitung / daß die hertzhafftigsten Römer sich einem knechtischen Joche unterwerffen würden / gezähmte Löwen an seinen Wagen gespannet / und sey darmit in Rom gefahren; von denen so wilden Bären aber habe er noch nicht gehöret / daß selbte zur Leibwache wären gebraucht / und zum Kriege abgerichtet worden. Der Feldherr antwortete: Es wäre in denen Nordländern diß nichts ungemeines; massen die Bären alldar zum Tantz und anderer Gauckeley gewehnet würden. Auch hielte er darfür / daß die Bären in Thracien nicht grimmiger seyn müsten / weil in dem benachbarten Phrygien ja des Priamus wegen eines Traumes in das Idische Gebürge verworffener Sohn Alexander von einer Bärin soll gesäuget worden seyn. Rhemetalces versetzte: Ich höre wohl / daß der Feldherr meiner Nachbarschafft mehr als ich selbst kundig sey. Jedoch fällt mir zu Bestärckung obiger Meinung ein / daß es die Menschen den wilden Thieren weit zuvor thun /wie Cyrus von einem Hunde / Pelias von einer Stutte /Egisthus von einer Ziege / Romulus von einer Wölffin / König Habis von einer Hinde / Midas von Ameisen / Hiero und Plato von Bienen / ja Pythagoras gar von einem Aspen-Baume ernehret worden sey; als die unbarmhertzigen Eltern ihnen die Lebens-Mittel entzogen. Es ist zu bejammern / antwortete der Feldherr /daß vernünfftige Menschen wilder als wild sind / daß ein Thier ins gemein nur einer übeln Art / als der Fuchs der Arglist / der Hund der Zwistigkeit / der Esel der Trägheit / der Hase der Furchtsamkeit / der Panther der Grausamkeit / der Mensch hingegen aller Laster fähig sey. Und da kein Unthier ein anders tödtet / wenn es nicht Hunger oder Beleidigung darzu nöthiget / der Mensch alleine das heilige Ebenbild Gottes den andern im Schertz und Kurtzweil in offentlichen Schau-Plätzen mit Lachen und Frolocken der Zuschauer ermordet. Ja weñ man den Abriß deß menschlichen Lebens genau betrachtet / scheinet selbter fast alle zehn Jahr eine neue Gestalt eines Thieres abzubilden / und biß zum zehenden Jahre einen Papagoyen / und ein spielendes Eichhorn / biß zum zwantzigsten einen stoltzen Pfauen / biß zum dreißigsten einen hitzigen Löwen / biß zum viertzigsten ein arbeitsames Kamel / biß zum funffzigsten eine listige Schlange / biß zum sechzigsten einen neidischen Hund abzugeben / und derogestalt biß er wieder zum Kinde wird / sich von Jahre zu Jahre mehr zu verschlimmern / und ie mehr sein Verstand zunimmet /sich seines edlen Schatzes der Vernunfft nur weniger zu gebrauchen / oder kräfftiger zu mißbrauchen. Die tugendsame Thußnelde seufzete hierüber / und zweiffelsfrey über dem Beginnen ihres Vatern Segesthes /und hob an: Wolte Gott! daß der Mensch dieses mehr als hi lische Licht der Natur / welches in uns alle Nebel der Unwissenheit / allen stinckenden Dampff der Laster erleuchten und zertreiben soll / mit Nachhängung seiner bösen Lüste nicht verfinsterte! Wolte Gott! daß er alle sein Thun nach dieser Richtschnur richtete! Denn die Vernunfft ist in Warheit der Probierstein / an dem man alle Begebnüsse streichen /alles Böse und Gute unterscheiden muß. Sie ist die Magnet-Nadel / welche sich allezeit gegen dem Angelsterne der Tugend wendet. Diese ist des Menschen eigenthümliches Gut / das die Natur ihm zuvoraus geschencket hat; Alle andere Gaben besitzen auch andere Thiere. Einen Leib haben auch die Steine / ein Leben auch die Gewächse / die Bewegung auch das Gewürme / eine Schönheit auch die Pfauen / eine Stimme auch die Papagoyen / eine Stärckere der Löw / eine schärffere der Adler / eine lieblichere die Nachtigal. Die Elephanten übertreffen den Menschen an der Stärcke / die Hirschen an Geschwindigkeit / die Affen am Geschmacke / die Spinne am Fühlen / der Geyer am[435] Geruche / der Luchs am Gesichte / das wilde Schwein am Gehöre. Der Mensch aber alle Geschöpffe / auch die Gestirne am Gebrauch der Vernunfft / nehmlich der Tugend.

Uber diesen Worten vernahmen sie ein starckes Geräusche / welches die Fürsten das Frauenzimmer auff die Seite zu bringen / und sich zu Pferde zu setzen verursachte. Bald hierauf sahen sie aus dem Gehöltze eine Menge flüchtiger Marckmänner spornstreichs hervor kommen / welche von denen Cheruskern unter dem Fürsten Adgandester und Malovend verfolgt worden / hier aber ihrem zweyten Feinde in die Hände fielen. Wie nun diese wenige Uberbleibung alsofort umringet ward / und sie keine Ausflucht sahen / warffen sie alle die Waffen von sich / und untergaben sich der Gnade ihrer Uberwinder. Der Feldherr ließ sie nach Kriegsbrauch gefangen nehmen und in Verwahrung halten. Nach dem er auch von Adgandestern verstand / daß nach etlicher Stunden hartnäckichtem Gefechte sie wohl ein paar tausend harte hinter ihnen herziehende Cherusker entsetzet / und den Feind in gegenwärtige Flucht getrieben hätten; ward er mit den andern Fürsten schlüßig den König Marobod vollends zu verfolgen und aus seinem Gebiete zu treiben.

Diesem nach fertigte er zwey tausend Pferde von denen / welche wenig oder gar nicht gefochten hatten /unter etlichen seinen Kriegs-Obersten ab / dem Feinde noch selbige Nacht nachzusetzen. Die Fürsten aber mit denen abgematteten begaben sich in die kaum eine halbe Meile von dar entfernte Stadt Tulisurgium /wohin die Verwundeten zu ihrer Pflegung / die Todten aber zu ehrlicher Beerdigung gebracht wurden.

Es begunte aber kaum ein wenig zu tagen / als der Feldherr mit seinen ausgeruheten Cheruskern schon wieder zu Pferde saß / und biß an den Weser-Strom fortrückte; daselbst aber von einem aus seinem Vortrabe zurück geschickten Edelmanne benachrichtiget ward / daß König Marobod mit seiner geringen Uberbleibung / welche nicht entweder von der Schärffe der Schwerdter gefallen / oder wegen Müdigkeit nicht folgen können / über die Weser gesetzt / und so eilfertig sich geflüchtet hätte / daß er schwerlich zu ereilen seyn würde. Weil nun der Vortrab nach dem Urthel derer / die die flüchtigen Hauffen gesehen hätten /dem Feinde überflüßig gewachsen zu seyn schien /zumal insgemein drey Flüchtige nicht gegen einem aus den Uberwindern stehen / hielt es der Feldherr nicht vor rathsam einem so schwachen Feinde selbst /uñ mit so hohen Häuptern und mehrer Macht nachzusetzen / sondern er schrieb an König Marobod folgenden Inhalts:

Ob zwar das Fürstliche Cheruskische Haus und seine Bundsgenossen von den Marckmännern durch vielerley Beleidigung zu Ergreiffung der Waffen wäre gereitzet worden / habe doch die Liebe des Vaterlands / und die Sorge für die allgemeine Freyheit ihm allezeit die Eintracht gerathen. Sintemal der Degen zwar / wenn man will / ausgezogen / nicht aber eingesteckt werden könne; und sie beyderseits einen solchen Feind an der Seite hätten / der sich der Deutschen Uneinigkeit zu seinem Vortheil meisterlich zu bedienen wüste. Er habe zeither wegen dieses gemeinen Besten unterschiedene Feindseligkeit unerschrocken übernommen / und die ihm von den Römern angebotene güldene Berge verächtlich gehalten / da er nebst ihnen mit dem Marobod brechen wolte. Also befremde ihn nicht wenig gegenwärtiger wider alles Fried- und Kriegs-Recht fürgenommene Einfall / und zwar zu der Zeit / als er und andere recht deutsch gesinnte Fürsten so wohl für seine als ihre eigene Erhaltung zu Felde gelegen / und das schon in fremder Dienstbarkeit schmachtende Deutschland aus den Fesseln gerissen hätten; ja da der Fürst Ingviomer unterwegens wäre ihn aller Freundschafft zu versichern /und ein neues Bündiß fürzuschlagen. Die Entführung seiner mit ihres Vatern Willen ihm verlobten[436] Braut beleidige nicht nur das Recht der Freundschafft / der Völcker und der heiligen Eh / sondern auch die Gottheit / für welcher Altare das Eh-Verlöbniß vollzogen worden / und welche das ihr angefügte Unrecht zu rächen nicht vergesse. Daher mangele ihm nunmehr weder erhebliche Ursache noch Kräften / mit seinen sieghaften Waffen dieser Beleidigung gerechter Rache zu üben; daraus die Sterblichen ins gemein einen grossen Wucher suchten / Gott auch selbst deshalben für uns sorgfältig wäre. Jedoch wolte er noch einmal hierzu ein Auge zudrücken / und glauben / daß Segesthes der Uhrheber / die Heftigkeit seiner Liebe nur der blinde Wegweiser dieses Anschlages gewesen sey; der allgemeine Nachtreter unbedachtsamer Erkühnungen nemlich die Reue ihm aber schon auf den Fersen folge. Daher wolle er das gemeine Heil seinem absondern Unrechte vor- die abgefertigte Botschafft nicht zurücke ziehen; also ihm zum Uberflusse noch die Wahl lassen: Ob er das fürgeschlagene Bündnüß für die Freyheit des Vaterlandes belieben / oder ihm und seinen Bundsgenossen einen verderblichen Krieg abnöthigen wolle? Er möchte aus des vorhergehenden Tages Begebenheit nachdencken / daß man zum Kriege noch anders gefaßt aufziehen müsse / als zu einem Treffen; und daß die Bürger-Kriege die blutigsten und ungerechtesten / als welche ohne schlimme Stücke weder angefangen noch ausgeführet werden könten.

Dieses Schreiben stellte der Feldherr einem Marsingischen Ritter / Zedlitz / zu / umb solches seinem Könige zu überbringen / er ließ auch nebst ihm alle Gefangene / welche er biß an die Marckmännische Gräntze / wo die Saale und Elbe zusammen fleust /durch 500. Pferde begleiten und beschirmen.

Hierauf kehrten sie allerseits mit neuem Siege und unermäßlichen Freuden zurücke / ausser daß die Königin für die Wunden ihres hertzliebsten Zeno grossen Kummer trug / ob sie schon einige zuletzt nachkommende Edelleute versicherten / daß die Beschädigung so gefährlich nicht wäre / als man anfänglich gefürchtet. Denn weil ins gemein böse Botschafften so viel möglich vergeringert werden / finden selbte auch stets nur einen zweifelhaften Glauben. In der zarten Seele der edlen Thußnelde aber war der traurige Kummer noch viel empfindlicher eingewurtzelt / weil sie ihre eigene Ehre durch ihres Vaters Untreue befleckt zu seyn meynte. Daher / ob sie zwar mit ihrem lächelnden Munde ihre iñerliche Gemüths-Vergnügung zu eröffnen / und ihn mit einem Strome der Annehmligkeit zu überschütten sich bemühte / waren doch die ihre Freudigkeit unterbrechenden Seufzer Verräther ihres mit eitel Schwermuth überladenen Hertzens. Ja die Augen selbst vermochten die Qvellen der Traurigkeit nicht zu verstopfen / daß nicht zuweilen die Thränen ihre lachende Wangen befeuchteten. Hertzog Herrmann fühlete diese Schmertzen zweyfach in seiner Seele / weil sie mit Thußneldens durch die heftigste Liebe vereinbaret war. Diesemnach nöthigte ihn sein eigenes Mitleiden Thußnelden Lufft / und sie ihrer gewohnten Größmüthigkeit eindenck zu machen / also ihr einzureden: daß sie durch übermässige Kleinmuth ihrem erhaltenen Tugend-Ruhme keinen so grossen Abbruch / seiner Liebe aber kein so grosses Hertzeleid anthun möchte. Denn es wäre kein ärger Ubel / als kein Ubel vertragen können. Ein Weiser freuete sich auch in einem glüenden Ochsen; das weiche Holtz würde nur wurmstichig / und ein niedriges Gemüthe durch Widerwertigkeit zu Bodem geworffen. Er wüste zwar / daß die Natur in Thußnelden der Welt ein Muster der Vollkommenheit / ihm aber einen Leit-Stern zur Tugend fürstellen wollen; nichts desto weniger würde sie zweifels-frey selbst empfinden / daß wie der Wind die Lufft / die Glut das Ertzt /der Sturm das Meer; also das Unglück die Gemüther von aller Unreinigkeit saubere. Ach![437] sagte Thußnelde / ich weiß und fühle nunmehr allzu sehr meine Schwachheit. Ich lerne / daß das Verhängnüß Anfechtungen habe / welche Riesen Furcht einjagen / und auch marmelnen Säulen Schweiß austreiben können. Es ist nicht ohne / versetzte der Feldherr? Aber zuletzt gereichet alles dem / der alles diß überwindet / zum Vortheil. Beym Blitze werden nur von den Muscheln die Perlen empfangen / die Myrrhen rinnen nur durch die Wunde / welche das Baum-Messer in seiner Mutter-Staude macht; der Wein-Stock wil geschnidten /und gewisse Bäume behauen seyn / wenn sie Früchte tragen sollen. Nicht andere Eigenschafft hätte das unter der Trübsal sich am tapfersten bezeigende Gemüthe des Menschen; und würde man vom Hercules /wenn keine Ungeheuer gewest wären / so viel rühmliches nicht zu sagen wissen. Was ein oder ander Mensch absonderlich ausstünde / gereichte zu Erhaltung des gemeinen Wesens. Die Natur selbst beförderte ihre Geburten durch eine Verderbung vorher gewesener Dinge. Wer nur immer glückselig seyn wolte / verlangte die Welt nur auf einer Seite / das Gelücke nur vorwerts / und die Natur nur halb zu kennen. Er wolte / wenn andere beregneten / keinen Tropfen auf sich fallen lassen / und bey allgemeinem Schiffbruche nur sein Segel in Hafen bringen. Thußnelde röthete sich hierüber / und versetzte: Sie könte ohne Unvernunft sich keines Vorzugs für andern Menschen /noch einer Freyheit von der Botmässigkeit des Gelückes sich anmassen; aber ihr Unstern schiene mit Fleiß dahin ausgerüstet zu seyn / daß er sie in dem Mittel ihres Hertzens / nemlich in dem Behältnüsse der allein unversehrlichen Ehre / verwunden / und bey vermeynter Erlangung ihres höchsten Wohlstandes einäschern wolte. Hertzog Herrmann begegnete ihr mit einem ihm aus den Augen herfürbrechenden Mitleiden: Es wäre zwar eine gemeine Ketzerey der Menschen / daß sie / denen es ein wenig wol ginge / sich für die Schooß-Kinder / die ein wenig unglücklichen aber sich für die Verwürfflinge des Himmels ausruffeten. Den Hoch- und Kleinmuth vertrügen als Riesen und Zwerge keine Mittelgattung im menschlichen Leben. Allein es wäre das Unglück dem Menschen so gemein / als die Schwärtze dem Raben. Weswegen einige Weisen in dem Weinen eine merckwürdigere Eigenschafft und Unterscheidung von andern Thieren bey dem Menschen zu finden vermeynet / als in dem Lachen / oder auch gar in der Vernunft. Denn sie wären ins gemein in Wahrheit denen traurigen Wacholder- und Fichten-Bäumen zu vergleichen / welche keine Blüthen trügen / und also aller Merckmale des freudigen Lentzes beraubt wären. Ihr gantzes Leben /wenn es gleich die Wollust zuweilen verzuckerte /wäre vergället / und sie wüsten von keinẽ Honige; den nicht der Tod durch Aufhebung ihres Elendes verursachte / oder die Tugend aus ihren eigenen Wermuth-Blumen saugte. Dahero der tieffsinnige Democritus den verzweifelnden König Darius beym Verlust seiner schönsten Gemahlin / nach versprochener Lebendigmachung dieses seines todten Abgottes / durch diese nachdenckliche Erinnerung zur Vernunft gebracht: Er solte dreyer niemals unglückseliger Nahmen auf der Verstorbenen Grab einätzen lassen. Welche Darius aber so wenig in seinem grossen Gebiete / als der Himmel iemals unter seinem weiten Dache gehabt hat. Unter dieser allgemeinen Unglückseligkeit machte doch der Himmel die tugendhafte Thußnelda seinem geringschätzigen Urtheil nach / sie aber ihn tausendsach glückselig. Das Verhängnüß machte alle schlimme Anstiftungen ihrer Feinde zu Wasser / und alle zernichtete Fall-Stricke zu Sieges-Zeichen. Sie besässe den / welchen man von ihr zu trennen Himmel und Erde beweget / und die Hölle beschworen hätte. Alle Verfolgung gelangte ihrer Unschuld zur Mitleidung / und ihrem Nahmen zum Ehren-Ruhme.[438] Sintemal auch die nicht ohne Schuld leidenden die Gewogenheit / als wie der verfinsterte Monde die Augen der Menschen an sich zu ziehen / und die Unglückseligsten gegen sich nichts minder eine Verehrung / als Erbarmnüß zu erwecken pflegten. Also wiche man eben so gern einem Blinden / als einem Könige aus dem Wege; und die Alten hätten die von dem Donner berührten Oerter zu Heiligthümern eingeweihet. So würde sie wohl / antwortete Thußnelde /einer der grösten Tempel in Deutschland werden / ungeachtet sie sich für keine Gott zu wiedmen würdige Hecke hielte. Sintemal das Unglück seine äuserste Kräfften an ihr prüfete / und eines alle Tage dem andern die Hand reichte. Massen sie denn ihr Vater Segesthes zeither fast so vielen Götzen zun Füssen geleget / als seine Veränderung ihm neue Anschläge an die Hand gegeben hätte. Der Feldherr begegnete ihr: Gleichwohl hätte er unter diesen ihrer beyder Wuntsch billigen / und dardurch bestärcken müssen /daß / wie vieler absonderlich tödtlichen Gifte Vereinbarung heilsam / also mehrmals ein Ubel des andern Artzney wäre. Wenn auch der Sturmwind und das Unglücke so gar arg rasete / wäre es ein Merckmahl der äuserst angewehrten Kräfften / und daß beyde bald aufhören würden. Die schwärtzeste Wolcke wäre durch die letzthin erhaltene väterliche Einwilligung zu ihrer Heyrath zertrieben; sintemal zwar nicht das Recht der Natur / dennoch der Völcker der Eltern Beyfall zu der Kinder Verehligung erforderte; alle übrigen / welche Arglist oder Verläumbdung erdächten /wären nur unter die so geringschätzigen Verdrüßligkeiten zu rechnen; welche Telemachus und die Egyptischen Weiber durch das Kraut Nepenthes in die Vergessenheit zu vergraben getrauten. Nach dem aber in allen diesen Unfällen das unveränderliche Verhängnüß seine Hand hätte / und unsere Feinde nur Werckzeuge des Göttlichen Zornes wären / stünde es uns ja besser an / uns der unvermeidlichen Noth zu unterwerffen / als ein Sclave unsers verzärtelten und offt der Natur unverträglichen Willens zu seyn. Der Himmel wolte zuweilen unsere Vergnügung durch die Schärffe der Widerwertigkeiten / wie die übermässige Süssigkeit durch eine annehmliche Säure verbessern /ja zuweilen durch einen Sturmwind uns in Hafen der Glückseligkeit treiben. Also pflegten die Aertzte zuweilen selbst ihren Krancken ein Fieber zu machen /umb gefährlichere Schwachheiten abzuleiten. Gleicher gestalt hätten die Rhodier bey Einfallung ihres Colossus aus dem guthertzigen Beytrage ihrer Nachbarn mehr Vortheil / als aus dem Erdbeben Schaden empfunden. Einigen hätte ein in der Schlacht sie verwundender Pfeil ihr Geschwüre eröffnet / welches die Aertzte mit einigem Finger anzurühren sich gefürchtet hätten. Mit einem Worte: Die so süsse Milch hätte ihren Ursprung aus Blute / und der Honig aus bitterem Klee / und die grösseste Ergetzligkeit aus überstandenem Unglücke. Thußneldens Hertze ward nicht so wohl durch die Krafft der angezogenen Gründe /als durch das Ansehen des Redners selbst gerühret /daß sie eine merckliche Gemüths-Beruhigung von sich blicken ließ. Gleichwohl aber giengen ihr die Augen noch über / und sie gab diese Ursache ihrer Wehmuth zu verstehen / daß sie all ihr Unglück zu vergessen verbunden wäre / weil das Verhängnüß sie durch die Liebe des Feldherrn mit tausendfacher Glückseligkeit überschwemmete. Alleine / diß stiege ihr noch allzusehr zum Hertzen / daß ihr Unstern so viel andere Unschuldige mit drückte; oder / daß für die Wiederbringung ihres Heiles andere so viel leiden müsten. Wie denn die holdselige Königin Erato nur deshalben / daß sie sich an sie als einen zerbrechlichen Rohr-Stab gelehnet hätte / in die Gefahr verfallen wäre / Hertzog Hermann / Jubil und Malovend ihr Blut verspritzet / viel andere auch / und vielleicht der großmüthige[439] Zeno ihr Leben gar aufgeopfert hätten. Hertzog Jubil begegnete ihr mit einer freymüthigen Ehrerbietung / und weil die Königin Erato sich ihrer Sänfte näherte / versicherte er sie / daß Hertzog Zeno ausser aller Gefahr / sonst aber mehr Helden für eine so tugendhafte Fürstin zu sterben verbunden wären /als das thörichte Griechenland für eine unkeusche Helena auf die Schlachtbanck in Phrygien geliefert hätten. Hertzog Malovend antwortete: Der den Griechischen Helden zugewachsene Nachruhm machte nichts desto weniger ihre Baare glückselig / und die / welche für die unsterbliche Thußnelde iemals ihren Degen gezücket / würden gleichfalls nimmermehr vergessen werden; zumal sie das Glücke gehabt hätten so viel Zuschauer ihrer Helden-Thaten zu haben. Nach dem aber der gerühmten Tapferkeit des Fürsten Zeno so viel Zuschauer abgegangen wären; würde es zu ihrer allgemeinen Vergnügung / und zum verdienten Preise dieses Helden gereichen / wenn sie der Wisenschafft solcher Begebnüß theilhaftig würden.

Als nun auch die andern Fürsten ihre Begierde den Verläuff des geschehenen Raubes zu vernehmen mercken liessen / erzehlte die liebreiche Thußnelda: Sie wäre früh mit der Königin Erato / dem Fürsten Zeno und Saloninen in den Fürstlichen Lust-Garten bey Deutschburg gefahren / in Meynung von erwehntem Fürsten die vertröstete Erzehlung seiner wundersamen Zufälle zu vernehmen. Wir setzten uns / sagte sie / zu dem Ende auf den Umbgang des letztern Lust-Hauses / theils dem annehmlichen Spring-Brunnen / allwo aus vier ertztenen Wallfischen vier grosse Ströme Wasser in die marmelne von so viel unterbückenden Meer-Göttern gehaltene Schale ausspritzẽ / zu zuschauen / theils auch unsere Augen in die selbige Gegend gleich eines Krantzes umbgebende Hügel und Wälder auszutreiben. Der Fürst hatte nach etlichen andern annehmlichen Unterredungen kaum seine Geschichte berühret / als wir aus Deutschburg einen zu Pferde spornstreichs dem dicksten Walde zurennen sahen / uns aber als von allen Feinden weit entfernet /hierüber das wenigste bedenckliche träumen liessen; wiewohl wir hernach aus dem Ausschlage gemuthmasset / daß durch eben selbten unsere Anwesenheit in dem Lust-Garten verrathen sey worden. Wenige Zeit hernach kamen aus drey unterschiedenen Ecken des Waldes etwan zwölf Pferde gegen Deutschburg Fuß für Fuß geritten / die wir aber ebenfals / zumal sie auf Cheruskische Art bekleidet waren / aus der Acht liessen / und des Fürsten Zeno anmuthiger Erzehlung Sinnen und Gemüthe wiedmeten. Der Feldherr brach ein: Es ist sicher eine höchst vermessene That / aus unserm mit so viel tausend Mann besetztem Fürstlichen Läger bey hellem Tage mit so weniger Mannschafft einzubrechen / und Erlauchte Personen freventlich anzutasten. Aber es gehen keine Anschläge glücklicher von statten / als derer man sich am wenigsten versihet / und der Vernunft am wenigsten ähnlich sind / entweder weil das Glücke seine Oberhand über alle Klugheit hierdurch bezeugen /oder diese uns für aller Unachtsam- und Sicherheit warnigen wil. Thußnelda fuhr fort: Bey dieser letztern verlohren wir sie ein par Gewende lang unter der ziemlich hohen Gartẽ-Mauer aus dem Gesicht und Gedancken / wurden ihrer auch nicht ehe gewahr / als biß derer sechs oben auf der Mauer standen / an einer angehenckten Leiter von Stricken in Garten stiegen /das nahe darbey sich befindende Thor innwendig aufriegelten / und noch wohl zwantzig andern den Eingang öffneten. Wir eilten wider des Fürsten Zeno Vermahnung die Stiege an dem Lusthause herab / in Hoffnung / wir würden dieser Gewalt noch durch die Flucht in den innern Garten entkommen / oder zum minsten durch unser Geschrey iemanden eher als an diesem allzu weit entfernten Theile erruffen können. Allein diese Räuber hatten so gute Kundschafft der sich daselbst[440] befindenden Lust gänge / daß sie uns zuvor kamen / und wir ihnen recht in die Hände lieffen. Fürst Zeno / ob er zwar ohne Schild und Helm /mit seinem blossen Degen bewaffnet war / grieff die Räuber mit einem unverzagten Helden-Muthe an /massen in unserm Beyseyn er zwey den Staub zu küssen zwang / und ihrer wohl fünf verwundete. Alleine weil ihrer wohl zwölff andere ihm den Zutritt zu uns mit Degen und Spiessen verwehrten / banden die an dern der Königin Erato und mir die Hände zusammen / schleppten uns aus dem Garten / und hoben uns mit Gewalt auf zwey Pferde / ungeachtet die Königin in tieffe Ohnmacht sanck / als sie im Zurückschauen den Fürsten Zeno von den Streichen der ihm zusetzenden Meuchel-Mörder zu Bodem sincken / Saloninen aber an einen Baum anbinden sah. Aber / ob schon Erato gantz unbestelet war / und von zweyen neben ihr reitenden Bösewichtern mit Noth auf dem Pferde erhalten werden kunte; waren doch diese Raub-Vögel wie die Steine unempfindlich / und eben so stu . Daher wir allererst in dem Walde die Stifter dieser Entführung erfuhren / als wir den König Marobod und Segesthes in voller Rüstung und Bereitschafft antraffen /dieser aber mir / daß ich jenem als meinem unveränderlichen Bräutigam nur gutwillig folgen; der Königin aber / daß sie die Beherrscherin seiner Seele in so wenigen Tagen worden wäre / und sie unser beyder Heil und Vergnügung am meisten suchten / andeutete. Ich lasse so empfindliche Gemüther / als solche Erlauchte Helden haben müssen / urtheilen / wie mir und der sich den gantzen Tag fast nicht von ihrer Ohnmacht erholenden Königin müsse zu Muthe gewesen seyn /da wir den Fürsten Zeno für todt hielten / Saloninen angebunden / und dardurch allen Trost / daß unser Raub so bald entdeckt / und uns einige Hülffe nachgeschickt werden würde / verschwunden sahen. Gewißlich / setzte Erato darzu / weil ich damals mehr todt als lebendig gewest / habe ich meine Stelen-Angst nicht recht empfunden / sondern sie allererst dazumal recht angegangen / als mich die zwey verda ten Sarmater so schändlich angetastet. Und kan ich betheuern / daß ich selbst nicht weiß / ob sie mich aus den Senfte gerisse / oder wie ich sonst daraus kommẽ oder in ihre Hände verfallen sey. Allem Ansehen nach aber haben sie sich bey anderer hitzigem Gefechte ihres Vortheils bedienen / und ihren Muthwillen an mir gewaltsam ausüben / und sich so denn aus dem Staube machen wollen.

Unter diesen Gesprächen kamen sie / nach zweymal abgewechselten frischen Pferden / wiewohl schon eine Stunde in die Nacht / nahe bey Deutschburg an /allwo sie von denen versa leten Kriegshauffen / und von der Menge des Volcks / welches sich das Hertzogliche Beylager theils zu bedienen / theils zu beschauen / in die Stadt nach und nach eingefunden hatte / mit Jauchzen und Frolocken bewillko t / und mit tausenderley Glückwüntschung über der Erlösung Thußneldens und den neu-erlangten herrlichen Sieg /in die Fürstliche Burg begleitet wurden; darinnen nach vorher eingelauffener guter Zeitung und erschollenem Geschrey / welches nicht selten der Geschichte zuvor ko t / ein herrliches Mahl bereitet worden war / zu welchem alle anwesende Fürstliche Personen und Kriegs-Häupter sich einfunden / ausser Hertzog Melo / welcher wegen seiner empfangenen Wunden erst folgenden Tag auf einer Sänfte nachkam / und der Königin Erato / die bey dem Feldherrn dißmal sich abzusondern / und in dem Zimmer des Fürsten Zeno zu speisen Verlaub erlangte. Den andern Tag früh ließ der Feldherr nach gehaltenem Rathe die Fürsten abermals in dem nechsten Thier-Garten zur Taffel einladen.

Die Fürsten waren schon in dem Speisesaale versa let / als dem Feldherrn angesagt ward / daß ein frembder Fürst nur mit etlichen Post-Pferden ankommen wäre / und bey ihm Verhör[441] zu erlangen suchte. Wie nun Hertzog Herrmann ihn in selbigen Saal zu leiten befahl / und er ihm im Vorgemache entgegen kam / trat sein eigner Bruder Ernst oder Flavius hinein / welcher von dem Feldherrn und denen andern deutschen Fürsten alsobald erkennet / mit grossen Freuden und hertzlicher Umbarmung bewillkommet ward. Weil nun die Speisen allbereit auf der Taffel standen / musten sie beyderseits ihren Freud- und Freundschaffts-Bezeugungen etwas abbrechen / und sich an die Taffeln setzen. Der Feldherr bezeigte sich überaus lustig / und gab zu vernehmen / daß er gegenwärtigen Tag für den andern seiner glückseligsten hielte / indẽ er nicht allein wider einen mächtigẽ König einen so herrlichen Sieg / sondern auch seinen Aug-Apfel die wunderschöne Thußnelda und seinen liebsten Bruder wieder erlanget hätte. Diese Erklärung machte den Fürsten Flavius begierig / den Verlauff selbigen Tages zu vernehmen / welchen denn der Feldherr mit ausführlicher Erzehlung vergnügte / und insonderheit des Fürsten Zeno / Rhemetalces und Malovends Tapferkeit hoch heraus strich / und meldete / daß Hertzog Malovend diesen Tag seinen Fehler /daß er wider sein Vaterland die Hand aufgehoben /getilget / die andern zwey Fürsten aber umb Deutschland verdienet hätten / daß sie für Fürsten ihres Reichs erklärt / und mit dem Rechte und Freyheit der Deutsch-Eingebornen beschencket würden. Massen denn auch nach der andern Fürsten Einstimmung der Feldherr zum Zeichen ihrer Annehmung in den deutschen Fürsten-Stand / iedem eine Fahne / eine Lantze / und ein köstliches Schwerdt überreichte / von ihnen beyderseits auch mit grosser Vergnüg- und Dancksagung angenommen ward. Hierauf gab Hertzog Arpus auch dem Flavius seine Sorgfalt über seiner so unvermutheten Ankunft zu verstehen; iedoch verlangte er mehr nicht / als nur: Ob ihn ein guter oder böser Stern von Rom in sein Vaterland geleitet hätte / zu vernehmẽ / da er die Ursache offentlich zu entdecken Bedencken trüge. Flavius antwortete: Er müste gestehen /daß er aus einer geheimen Ursache ungerne von Rom gewichen wäre. Die ihn aber hierzu genöthiget / wäre denen nicht zu verschweigen / von denen sie selbst herrührte. Arpus ward hierüber noch begiriger; bat daher / weil sie derogestalt zu sagẽ taugte / sie ihnen nicht zu verschweigen. Flavius antwortete: Die zu Rom erschollene Niederlage des Varus habe den Käyser derogestalt erschreckt / daß er alle unter seiner Leibwache / oder auch nur Reisens und Handels wegen zu Rom sich befindende und zu den Waffen geschickte Deutschen auf unterschiedene entlegene Inseln / die unbewehrten aber aus Furcht / daß sie einen Aufstand anstiften möchten / ausser der Stadt Rom geschafft hätte. Ich war auch auf die Insel Dianium gebracht / von dar ich durch Beystand eines Frauenzimmers mich dieses Gefängnüsses entbrochen habe. Arpus fragte: Wenn er denn von Rom weg wäre / und wie es möglich seyn könte / daß bey seiner Anwesenheit in Rom man schon die Niederlage des Varus gewust haben könne? Flavius antwortete: Sie hätten daraus keines weges zu zweifeln / sondern sich zu versichern / daß diese böse Zeitung schon den fünften Tag zu Rom gewest / er aber noch wohl vier Tage hernach aus Rom geschieden sey. Rhemetalces fiel ein: Ob es durch ein Wunderwerck zu Rom so zeitlich kund worden / wie er ihm denn erzehlen lassen / daß die Schlacht in Macedonien / in welcher Paulus den Perses überwunden / und in welcher Marius die Cimbrer geschlagen / zu Rom / und des Taurofthenes Sieg und Krönung zu Egina an eben dem Tage / als solche weit darvon geschehen / von Gespenstern wären angekündigt worden. Gleicher gestalt solle der Griechen Plateischer Sieg in Beotien wider den Mardonius in eben demselben Tage auf dem Vorgebürge Mycale kund worden / und eine Ursache des wider die Persen erlangten See-Gefechtes gewesen seyn. Den[442] Sieg der Lorrer wider die Crotoniaten in Italien sollen eben selbigen Tag die Stadt Corinth / Athen / und Sparta /die Pharsalische Schlacht viele entfernte Oerter / des Käysers August Sicilische Uberwindung Rom erfahren haben. Flavius versetzte: Es hätten zwar unzehlich viel Wunderzeichen ein grosses Unglück zu Rom angedeutet / indem der Blitz in den Tempel des Mars geschlagen / gantze Wolcken voll Heuschrecken in Rom kommen / und von Schwalben aufgezehret worden; in dem Apemnius und Alpen die Gipfel der Berge eingebrochen und gegen einander gefallen /daraus drey Feuer-Säulen aufgefahren / der Himmel etliche mal in vollem Feuer gestanden / etliche Schwantz-Sterne zugleich erschienen wären. Alleine diese Zeitung wäre durch die schnelle Post / welche Käyser August in ordentlichen Stand gebracht hätte /dahin kommen. Denn ob wohl vorhin die Römer auch unterschiedene mahl sich reñender Bothen gebrauchet / in dem Sempronius Grachchus in Griechenland von Amphissa nach Pella den dritten Tag / Vibullius zum weit entfernten Pompejus in kurtzer Zeit / Marcus Cato den fünften Tag von Hydrunt nach Rom / Julius Cäsar den achten von Rom an Rhodan auf abgewechselten Pferden kommen / und ieglichen Tag hundert tausend Schritte gereiset hätten; so wäre doch diese schnelle Post allererst von ietzigem Käyser ordentlich eingeführt / welcher durch gantz Italien / ausserhalb der gemeinen Land-Strassen / absondere schnur-gerade Kriegs-Wege mit breiten Steinen gantz gleiche habe pflastern lassen / also / daß die Post-Wagen gar leichte und fluggeschwinde fortgerollet würden. Rhemetalces antwortete: Es wäre diese Erfindung mit denen schnellen Wagen besser und gemächlicher als des Cyrus darzu auf ieder Tage-Reise bestellte Angar-Pferde und Ställe / auf denen sich die Bothen offt zu Tode rennten / oder die Pferde stürtzten / und zu schanden würden. Uber diß wäre von der Lippe den fünften Tag etwas nach Rom zu bringen eine solche Geschwindigkeit / welche alle vorhin erzehlte und die von den Persen übernommenen übertreffe; ja er könte dieser / weder des Hannibals / der nach verspielter Schlacht gegen den Scipio in zwey Tag- und Nächten drey tausend Stadia weit nach Adrumet / noch auch kaum des Königs Mithridates / welcher in einem Tage tausend Stadia / derer acht eine Römische Meile machen / gereiset soll seyn / vergleichen. Es ist wahr /versetzte Flavius; ledoch meyne ich / daß derselbige Freygelassene / der zu meiner Zeit von Rom in sieben Tagen nach Tarracon zum Käyser in Spanien geritten / und der Philippides / welcher von Marathon nach Athen noch selbigen Tag kommen / und mit diesen Worten: Seyd gegrüßt / wir haben überwunden / seine müde Seele ausgeblasen hat; nicht längsamer / als der in fünf Tagen von der Lippe nach Rom kommen kan /gereiset sey / und so gute Pferde / oder der Persischen Könige Dromedarien / die in einem Tage funfzehnhundert Stadien gerennet haben sollen / gehabt haben müsse. Aber es hätten diese schnelle Post nicht allein die Pferde / sondern guten theils die Stimme der Menschen verrichtet. Denn nach dem die Gallier und Deutschen schon für langer Zeit gewohnt wären in wichtigen Zügen gewisse Menschen / die helle Stimmen hätten / hinter- und so weit von einander / als des andern Ruffen zu vernehmen wäre / zu stellen / da immer einer dem andern die Zeitung zuschreyet / also / daß in des Käysers Julius Kriege diß / was früh bey der Belägerung Genab vorgieng / des Abends in der Averner Gräntze schon vernommen ward; so habe Käyser Augustus eben dieses von dem Rhein an / an allen bergichten Orten / wo man mit den Post-Pferden so geschwinde nicht rennen kan / angeordnet. Rhemetalces bedanckte sich für so gute Nachricht / mit dem Beysatze: Er erinnere sich numehr / daß in Persien für Zeiten auch derogleichen auf die Berge und Hügel gestellte Postschreyer bräuchig gewest[443] wären / und insonderheit sich derselben Eumenes derogestalt bedienet hätte / daß er in einem Tage dreißig Tagereisen weit etwas hätte zu wissen machen können. Und als Xerxes in Griechenland Krieg geführet / hätte er von Athen biß nach Susis derogleichen Ruffer ausgesetzt /durch welche man in acht und viertzig Stunden in Persien erfahren / was in Griechenland geschehen wäre. Peucestes hätte eben des grossen Alexanders Tod in einem Tage dem eussersten Persien zu wissen gemacht. Der Feldherr setzte bey / diese Post-Art wäre wohl die schnellste / aber sehr ungewiß; indem ein widriger Wind selbte auff einmahl vernichtete / die Erfahrung auch öffters mit Schaden gewiesen hätte /daß die darzu bestellten Leute eine Sache gantz unrecht vernommen / und mehrmahls das Widerspiel an den bestimten Ort berichtet worden wäre. Denn eines einigen übeles Gehöre verfälsche aller andern Zungen. So liesse sich auch hierdurch nichts berichten / an dessen Heimligkeit offtmahls so viel gelegen wäre. Noch ungewisser wären die in Sicilien bräuchliche Fackeln / de man sich auch nur des Nachts bedienen könte. Weil sich auch so gleiche Wege zu bereiten /wie Augustus gethan / allzu kostbar / die bergichten Länder aber darzu gar nicht geschickt wären / hielte er es mit den Scythischen und Sarmatischen Pferden /derer sie etliche zwantzig Stück auff der Rennebahn gesehen / welche / wie unansehnlich sie gleich wären /in einem Tage / und zwar wohl zehn Tage hinter einander sonder einige Uberlast hundert Römische / oder fünff und zwantzig deutsche Meilen / auff eussersten Nothfall auch / wenn man sie den Tag vorher nicht überfütterte / noch halb so weit lauffen könten. Rhemetalces wunderte sich hierüber / und sagte / diese Pferde wären mit Golde nicht zu bezahlen / und eines prächtigen Grabmahls besser werth / als die Krähe des Egyptischen Königs Marrha / die er allenthalben hin Brieffe zu tragen abgerichtet hatte. Hertzog Jubil fiel ihm ein: Ich halte diese Pferde weniger wunderns-werth / als den Philippidas / der im Persischen Kriege in zwey Tagen von Athen nach Sparta / zwölff hundert und sechzig Stadia weit / um Hülffe zu bitten; und noch mehr den Euchidas / der in einẽ Tage das heilige Feuer zu holẽ von Athen nach Delphis und wieder zurück also tausend Stadia weit zu Fuße gelauffen. Ja unglaublich scheint / daß des grossen Alexanders Bothe Philonides von Sicyon nach Elis hundert funffzig Römische Meilen in neun Stunden gegangen / und auch alsobald zurücke gekehret sey /also gleichsam die Sonne überlauffen habe. Wiewohl ich darfür halte / daß es neun Sommer-Stunden gewesen / und daß man damahls eben wie itzt die Römer /den langen und kurtzen Tag in zwölff Stunden abgetheilet / und selbte / nach dem der Tag lang oder kurtz ist / verlängert oder verkürtzt habe. Eben so unglaublich scheint / daß Philip ein edler Jüngling den grossen Alexander fünff hundert Stadia weit in voller Rüstung begleitet / und das ihm vom Lysimachus offt angebotene Pferd anzunehmen geweigert habe. Sonsten aber halte ich die Botschafft durch das Geflügel sehr hoch / nützlich / und nicht allein den geschwindesten Pferden / sondern auch denen in den eussersten Nordländern bräuchigen Rennthieren / welche täglich dreißig deutsche Meilen / und also alle Pferde der Welt überlauffen / überlegen zu seyn. Sintemahl sie keinen krümmenden Umweg machen dörffen / auch über Seen und Flüsse fliegen / durch keine Läger /Mauern und Bollwercke auffgehalten werden können. Und wie in Egypten die Taubẽ insgemein zu Briefträgern gebraucht werden / also weiß ich bey denen benachbarten Batavern / wie auch in Syrien eine berühmte Stadt / welche bey ihrer Belägerung sich derselben nützlich bedienet hat. Mir ist aber auch nicht unbekandt / versetzte Rhemetalces / daß eine andere Festung dar durch zur Ubergabe gebracht worden / als eine solche Post-Taube[444] wegen Müdigkeit sich im feindlichen Läger auff eine Fahne nieder gesetzt / mit ihren Hülffs-Brieffen erwischet / ihr andere widrige Brieffe angebunden / und darmit in die Stadt zu fliegen frey gelassen worden. Der Feldherr redete darzwischen: Es wären diese Botschafften freylich wohl eben so zweiffelhafft / als der Hunde / welche mehrmahls durch feindliche Läger mit nützlicher Nachricht durchkommen / zuweilen aber auch zum Schaden erwischt worden wären. Jedoch liessen sie sich sicher gebrauchen / wenn man gezifferte Brieffe schriebe /die niemand / als der sie empfangen solte / lesen könte. Hertzog Flavius fing hierauff an: Er hielte für rathsam / daß ein Fürst alle seine Brieffe / an denen etwas gelegen / und welche in feindliche Hände fallen könten / mit solchen unkenntlichen Buchstaben schreiben solte; wie denn Käyser August seines Wissens dieses Geheimniß mit einem andern / gewisse Kennzeichen abzureden / erfunden; Käyser Julius noch nur / wenn er was Geheimes irgends wohin schreiben wollen / einer andern daselbst ungemeinen Sprache Buchstaben gebraucht hätte. Insonderheit hätte er nach der Niederlage des Lollius iedem Landvogte eine absondere Art Zieffern zu geheimer Brieffwechselung überschicket / auch ihre jährige Verwaltungen durchdringend noch auf ein Jahr verlängert /wormit selbte als der Länder erfahrne / und derer die Völcker schon gewohnt wären / alles so viel leichter in Ruh erhalten könten. Der Feldherr fing hierauff an: Die Tieffsinnigkeit der Menschen ergrübelt nunmehr nicht alleine die Geheimniße der Schrifften / sondern sie erfindet auch Angeln das verborgenste aus denen verschlossensten Hertzen herfür zu ziehen. Er hätte in seiner väterlichen Erbschafft die Kunst in einem Buche verzeichnet gefunden / wie man die gezifferten Brieffe auffschlüssen könte / und wäre der Feldherr Segimer darinnen ein Meister gewest / welchem niemals einiger Brieff zu handen kommen wäre / den er nicht ausgelegt / und dardurch den Nahmen des deutschen Oedipus erworben hätte. Unterdessen wäre gleichwohl die geheime Schreibens-Art in keinerley Weise zu verwerffen / weil in Griechenland selbten mehr als einer gefunden würden / die die Räthsel eines Sphynx auffzulösen wüste. Sonst aber merckte er aus des Flavius Erzehlung / daß der Deutschen Sieg gleichwol zu Rom nicht geringes Schrecken verursacht haben müsse. Flavius antwortete: Er versicherte sie / daß es grösser gewest / als da Hannibal für den Römischen Thoren gestanden. In gantz Italien hätte alles nach Rom geflüchtet / in Rom aber alles gezittert und gebebet / indem die fremden Hülffs-Völcker alle mit drauff gegangen / die Grentz-Festungen des Volcks entblösset / die junge Bürgerschafft zu Rom durch den Pannonischen und Deutschen Krieg gantz erschöpfft wären / ja zu Rom schon die gemeine Rede gegangen / daß die Deutschen geraden Weges gegen Rom anzögen / und schon nahe unter den Alpen stünden / um ihrer Vorfahren Fußstapffen nach zu treten / und die vom Marius empfangene Wunden zu rächen. Ob nun wohl der Keyser zu Besetzung des Gebürges neue Werbungen angestellet / hätte doch fast niemand des rechten Alters wider einen so tapffern Feind sich wollen einschreiben lassen / also daß der Käyser die sich weigernden Bürger zum Loß gezwungen / und aus denen / die noch nicht dreißig Jahr alt / den fünfften / aus denen ältern den zehenden /aller Güter und Ehren entsetzt; ja als auch diß noch nicht geholffen / etliche tödten lassen. Das dem Tiberius wegen des Pannonischen Krieges bestimmte Siegs-Gepränge und andere Schau-Spiele hätten müssen nachbleiben; und es wären in Rom alle Plätze mit starcken Wachten wider allen besorglichen Auffruhr. besetzt worden. Der Käyser selbst / der vorhin bey vielen grossen Unglücksfällen nicht nur ein unverändertes Gesichte behalten / sondern auch um sein unerschrockenes Gemüthe zu zeigen Gefährligkeiten gewünschet / und darbey seine Ehrsucht[445] ausgeübet hätte / wäre gantz verzweiffelt mit dem Kopffe wider die Thür-Pfosten gelauffen / ruffende: Qvintilius Varus /schaffe mir die verlohrnen Legionen wieder. Er hätte drey Tage nie gespeiset / drey Nächte nicht geschlaffen / wider Gewonheit sein Haar und Bart nicht bescheren / den Tag der Niederlage in das schwartze Zeit-Register / wormit man jährlich daran die erzürnten Götter versöhnte / einzeichnen lassen. Dem Jupiter hätte er nebst zugesagten grossen Schauspielen viel andere Gelübde gethan / da er das gemeine Wesen in einen bessern Stand setzen würde. Alle deutsche Fürsten hörten diese Betrübniß ihrer Feinde mit Freuden an; Hertzog Arpus aber fing an: Augustus hat durch diese Zagheit bey mir ein grosses Theil seines Ansehens verlohren / und ich halte diesen Abend wenig von dem / den ich gestern der gantzen Welt Beherrschung würdig schätzte. Denn was mag einem Fürsten unanständiger / seinem Reiche schädlicher seyn / als wenn er ieden Glücks-Wechsel sein Gesichte / und mit iedem Winde seinen Lauff ändert? Wer für Trübsalen die Augen niederschlägt / macht selbte gegen ihn nur behertzter; wer aber selbten mit unverwandten Augen ins Gesichte sihet / machet offtmahls Tod und Hencker stutzend. Die Kleinmüthigkeit reißt keinen aus der Gefahr / wohl aber die Hertzhafftigkeit. Aus den wäßrichten Augen eines Fürsten erkennet das Volck die Grösse bevorstehenden Ubels / wie aus umwölckten Bergen das Ungewitter / verlieret also das Hertze / läst die Hände sincken / und fällt in Verzweiffelung. Hingegen hat ein Fürst mancher Furcht und daraus erwachsender Gefahr dadurch abgeholffen / wenn er seine Wunden verbunden / nicht gewiesen hat. Massen der meisten Reiche und Kriege Befestigung nicht so wol auff der Grösse der Kräfften / als ihrem grossen Nahmen gegründet ist. Hätte Pompejus nach der Pharsalischen Schlacht sich nicht so weibisch und kleinmüthig gebärdet / würde es ihnen an Kräfften nicht gemangelt haben / dem Julius die Wage zu halten. Weniger hätte ein verschnittener Knecht sich gewagt einen so tapffern Held abzuschlachten. Hingegen hätte der gefangene Porus dem grossen. Alexander nicht so unverzagt geantwortet /würde er ein Sclave / kein König blieben seyn. Es ist schimpff- und schädlicher seinen Muth als eine Schlacht verlieren. Dieses kan wegen überlegener Feinde / wegen Vortheilhafftigkeit seines Standes /oder durch Versehung der seinigen geschehen. Ja Staub / Wind und Sonne verdienen offtmahls den Siegs-Krantz / und das Glücke den Nahmen / daß es sey ein Meister aller Ausschläge / und eine Gebieterin über die Schlachten. Der Verlust des Muths aber rühret von unserer eigenen Schuld her. Sintemal weder Glücke noch sonst iemand einige Herrschafft über unser Gemüthe hat. Dieses ist allen Regungen gewachsen / lässet sich nicht wie geschlossene Glieder mit Lantzen / und feste Mauern durch Sturmböcke durchbrechen / es vertreibet alle Furcht und vergeringert alles Ubel / wenn es nur beherzigt / daß nichts als unsere Fehler den Nahmen eines Unglücks verdienen /und daß es rühmlicher sey / ohne sein Versehen etwas verspielen / als durch Laster oder blossen Zufall viel gewinnen. Diesemnach wie ein Fürst sich beym Glücke nicht überheben / noch bey gutem Winde die Hände in die Schoos legen muß / also soll er auch beym Sturme ihm nicht den Compaß verrücken lassen / sondern mit wachsamen Augen / steiffen Händen /unerschrockenem Hertzen seiner vorigen Richtschnur nachgehen / gleich als weñ seine Klugheit diesen Sturm lange vorher gesehen hätte / und kurtz zu sagen / die Noth kleiner machen als sie ist. Freylich wol /versetzte der Feldherr / ist es ein grosser Fehler /wenn ein Fürst ihm zur Unzeit in die Karte sehen läst / was er für ein böse Spiel habe / oder weñ ein Ancker gerissen / das Schiff selbst für verlohren ausrufft /oder wol gar in Grund bohret. Diese Zagheit überfället auch insgemein dieselben / welche allzulanges Glücke / oder allzugrosse Vermessenheit auff seine Kräfften in Sicherheit eingeschläfft /[446] gleich als sie sich mit jenem auff ewig vermählet / oder diese mit dem Feinde nur zu spielen / nicht zu fechten hätten /also ihnen nichts weniger als einen Unfall habe träumen lassen / weniger auff den Fall / da etwas umschlüge / vorsichtige Anstalt gemacht. Dieses stürtzte den Pompejus / welcher in der Pharsalischen Schlacht in seinem Gemüthe sich ehe überwunden gab / als er im Felde angegriffen ward. Es fällte die Spartaner /als die Athenienser ihnen wider vermuthen Pylus und Cythere wegnahmen. Deñ wie soll ein niemahls verwundeter Fechter / ein nie zu Bodem gelegener Ringer / ein Schiffer / der nie keinen Sturm ausgestanden /das erste mahl dafür nicht erschrecken? Und es scheinet / daß die gewohnten Siege der Römer dißmahl das Schrecken über des Varus Niederlage zu Rom freylich vergrössert habe. Allein ich bin gleichwohl der Meinung / daß es in solchen Gefährligkeiten / welche den Staat leicht über einen Hauffen werffen können / oder da das Volck allzu sicher oder zu vermessen ist / es so wenig einem Fürsten rathsam sey ein groß Unglücke /als einem Krancken sein Ubel zu verschweigen. Wenn ein Schiffer den Wellen nicht mehr gewachsen / ruft er ängstiglich alle Schiffende / daß sie entweder mit Hand aus Ruder legen / oder ihre Götter um Hülffe anruffen. Wenn ein Fürst zu allem Unglücke unempfindlich ist / scheints / daß er entweder keine Liebe zu seinem Volcke / oder keine Acht auff sein Reich habe / oder aus dem Blitze der zornigen Götter ein Gelächter mache. Ein treues Haupt eines Landes fühlet alle Wunden der Glieder / und alle Thränen seines Volcks gehen einem Vater des Vaterlandes durchs Hertz. Die Natur hat allen Thieren als ein Mittel ihrer Erhaltung das Fühlen eingepflantzet / die Staats-Klugheit den Fürsten eine Empfindligkeit. Die Krancken sind so denn in eusserster Gefahr / wenn ihnen nichts mehr weh thut / und die Fürsten / wenn ihrem Reichs-Cörper ein Glied nach dem andern ohne Empfindligkeit abgerissen wird. Es giebt Sardanapaln / welche sich mehr um niedliche Speisen / als umbs Läger bekümmern; Die auff Erfindungen sinnen / daß sie das gantze Jahr frische Feigen / alle Monden neue Blumen haben; den Sommer in Spreu / Schnee und Eiß / und drey Jahr die Weintrauben gut behalten / daß sie auff einen Stamm zehnerley Früchte pfropffen / und in einem Apffel Pomerantzen und Granat-Aepffel mit einander vermählen; hingegen sich über einer verlohrne Schlacht kützeln / meinende: Es hätte dem schwürigen Pöfel eine Ader müssen geschlagen werden; Aus dem Verlust einer eingebüsten Stadt noch einen Wucher machen / weil sie als alzuweit entlegen gar zu viel zu erhalten gekostet / die / wenn sie ein fruchtbar Land verspielet / darfür halten daß in den übrigen noch Weitzen genug wachse / wenn des Nachbars Haus brennet / das ihrige noch weit genug entfernet schätzen. Da denn insgemein heuchlerische Diener aus solcher Schlaffsucht eine Großmüthigkeit machen / und diese Blindheit für ein Staats-Geheimniß verkauffen. Denn es hat noch nie ein so schlimmer Fürst gelebt / dem seine Hoffheuchler nicht den Titel eines Helden gegeben / den die Klügern auch eine gute Zeit vertragen und seine Fehler zum bestẽ gedeutet / ungeachtet er nach seinem Tode kaum für ein Mittelding zwischen Mensch und Vieh angesehen worden. Es ist in alle Wege wahr / antwortete der Catten Hertzog /daß ein Fürst seines Reiches Wunden fühlen / sein Unglück nicht gar verstellen / und das gemeine Feuer zu leschen iederman beruffen solle. Daher könte er nicht schelten / daß Augustus über so grossem Verluste seine Empfindligkeit bezeigt / insonderheit aber die Sorgfalt die Reichs-Grentzen zu versichern nicht vergessen hätte. Alleine seine erzehlte Ungeberdung wäre nicht männlich / weniger Fürstlich. Denn ein Fürst solle wie ein kluger Schiffer auch bey dem gefährlichsten Ungewitter nie erblassen / noch die Grösse der Noth mercken lassen / wenn er nicht seine Gehülfen verursacht wolte / daß sie aus Verzweiffelung die Hände sincken lassen / und die Augen mit unnützen[447] Thränen beschäfftigen müssen. Die Furcht wäre die Eigenschafft eines Lasterhafften / und das Schrecken eines Sclavens. Alle andere Ubel hätten ihr Maaß / und das Unglück sein gewisses Ziel. Die Furcht alleine überschritte alle Grentzen / und vertrüge keinen Zaum der Vernunfft. Andere Schwachheiten fühlten nur diß / was sie würcklich und wesentlich beleidigte; die Furcht aber machte das künfftige oder auch nur geträumte Böse gegenwärtig. Sie verwandelte den Schatten von einem Zwerge in einen Riesen; wie die unter gehende Sonne einen Rosen-Strauch in eine Ceder. Sie sehe einen gläntzenden Nachtwurm für ein Irrlicht an; Sie zitterte für ihrer nichtigen Einbildung /wie Pisander für seiner eigenen Seele. Sie benehme dem Gesichte die Farbe / dem Haupte die Vernunfft /dem Leibe das Hertze / dem Munde die Beredsamkeit. Sie machte auch die Treuesten wanckelmüthig / und nöthigte auch den Guten den Irrthum der Bösen auff. Sie unterscheidete nicht die heilsamen Eriñerungen kluger Leute / und die Meinungen des albern Pöfels. Sie zerstörte alle Ruh und Eintracht / und gebe eitelem Ruffe mehr Gehöre als der Warheit. Ja sie erdichtete ihr selbst / was ihr doch zuwider wäre. Sie triebe einem die grauen Haare in einer Nacht heraus; Sie entlieffe wie das grosse Heer des Xerxes für dem furchtsamsten aller Thiere / nemlich einem Hasen; flüchtete sich wie die mächtige Kriegs-Flotte der Insel Samas bey dem Flusse Siris für dem Geräusche etlicher aufffliegender Rebhüner / oder stürbe wohl gar für Aengsten wie die Wasser-Heuschrecke / wenn sie den Meer-Fisch zu sehen kriegt / der von vielen Füssen den Nahmen hat. Ein Fürst aber nehme durch seine einige Zagheit tausend ihm folgenden Löwen das Hertze / und stürtzte sein gantzes Volck mit einer kleinmüthigen Gebehrdung ins Verzweiffeln / wie die verfinsterte Sonne die gantze Welt in Schrecken. Diesem nach müste er alle Furcht von sich verbannen. Denn wer das wenigste davon im Hertz hätte / wäre unfähig solche andern einzujagen. Denn die Crocodile und Feinde lieffen nur für denen sie verfolgenden; hingegen verfolgten sie alle Flüchtigen. Der Feldherr setzte dem Hertzog Arpus entgegen: Er wolte des Augustus Verstellung zwar nicht das Wort reden; aber er könte den Deutschen schwerlich so sehr heucheln /daß der Käyser hierdurch bloß die Verfallung seines Gemüths entdecket / nicht aber vielmehr ein unerforschlich Geheimniß verborgen haben solte. Er kennte den August gar zu gut / August aber so wohl der Römer als Deutschlands Kräfften. Wäre es eine Klugheit sein Unglück verkleinern / so könte desselbten Vergrösserung zuweilen auch wohl ein Streich der Staats-Verständigen seyn. Wie viel Leute würden nur durch eusserste Gefahr vorsichtig gemacht / und durch Donner und Blitz aus dem Schlaffe ihrer Sicherheit auffgeweckt? Die Thoren hielten den nur für einen tapffern Helden / der sich für nichts fürchtete. Daher sein Vorfahr Marcomir / dessen Hertze gewiß keine weibische Zagheit zu beherbergen fähig gewest wäre /über eines Großsprechers Grabschrifft / Krafft welcher er sich niemahls für etwas gefürchtet haben solte / lachte und urtheilte: der Verstorbene müste niemahls ein Licht mit den Fingern geputzt haben. Denn die Steine hätten allein diese Unempfindligkeit; Die Unwissenden schreckte kein Blitz; die Wahnsinnigen lieffen nur wie die thummen Schaafe ins Feuer / und die wilden. Zelten hätten nicht ihre Hertzhafftigkeit /sonder ihre blinde Unvernunfft an Tag gegeben; als sie die unversehrlichen Wellen des sie überschwemmenden Meeres mit ihren Waffen zurück treiben wolten. Man müste dem Glücke und der Natur zuweilen aus dem Wege gehen. Diese hätte in den hertzhaftesten Thieren uns einen Spiegel der Klugheit fürgehalten / wenn sie gemacht / daß der Löwe sich für dem Geschrey eines Hahnes / der Elefant für dem Gruntzen eines Schweines / oder für dem Ansehn eines Widers /der Tiger sich für dem Gethöne einer Paucke / der Wallfisch für Zerstossung der[448] Bonen sich entsetzet. Und bey den Helden wäre mehrmals die Furcht und Hertzhafftigkeit eben so wol / als in den Wolcken Feuer und Kälte vereinbarlich. Aratus Sicyonius hätte durch seine Thaten bey den Griechen den Ruhm eines unvergleichlichen Feld-Hauptmannes erworben /gleichwol hätte ihm bey allen Treffen das Hertze mehr / als dem furchtsamste Kriegsknechte geklopfft; und er hätte offt seine Untergebenen ängstig gefragt: Ob er auch selbst würde treffen müssen? Er wolte einen andern tapfferen Kriegs-Mann nicht nennen / welcher bey angehender Schlacht ärger / als ein Aespenlaub gezittert; diesen Gebrechen der Natur aber einsmals gegen einem / der ihm einen Harnisch anzulegen gerathen / aber derogestalt artlich abgelehnet hätte: Er dörfte keiner solchen Waffen. Denn das Fleisch zitterte und scheute sich nur für dem Gedränge / darein es sein feuriges Hertze einzwängen wolte. Dahero wäre die Meinung nicht durchgehends anzunehmen / daß kein furchtsamer iemahls ein Siegszeichen aufgerichtet / noch das Glücke zum Beystande gehabt hätte. Griechenland glaubte / daß die Furcht denen Göttern selbst anständig wäre; als welche sich für dem Riesen Tiphaus in Egypten geflüchtet / und in wilder Thiere Gestalt versteckt hätten. Das Verhängnüß brauchte das Schrecken bißweilen zu einem bösen Wahrsager /und wenn selbtes eine göttliche Schickung wäre / müsten auch eiserne Hertzen beben / und die Kinder der Götter so wol / als Ajax / Hector und Amphiaraus fliehen. Also hätte Pan bey des Bacchus Heere durch ein blosses Geschrey / und desselben Wiederschall dem Indischen / eine blosse Einbildung dem Xerxischen / und eine unerforschliche Ursache des grossen Alexanders Heere / als es gleich mit dem Darius schlagen sollen / eine über-natürliche Furcht eingejagt / daß sie wie unsinnige Menschen sich geberdet. Gleichwol wäre bey den letzten solche bald mit Weglegung der Waffen verschwunden / und ihr Schrecken mit einem herrlichen Siege gekrönt worden. Dahero wäre die Furcht nicht nur zuweilen unvermeidlich /sondern auch nützlich; und würden auch die tapffersten Leute durch geschwinde Zufälle erschrecket. Denn ob zwar ihre Ubermasse freylich wol alle Weißheit aus dem Gemüthe raubete / und ein ungetreuer Lehrmeister unsers Fürhabens ist; so wäre doch die mäßige eine Mutter der Vorsicht / diese aber der Glückseligkeit / und eine Schwester der Klugheit. Sintemal die furchtsamen insgemein auch die Nachdencklichsten sind. Und wie der Camelion nur /wenn er furchtsam ist / zu seiner nöthigen Erhaltung die Farben veränderte / und die Hindinnen nur / wenn es donnert / trächtig würden; Also lehrete auch nur eine vernünfftige Beysorge für Unglücks-Fällen kluge Anschläge / und vielerley Anstalten zu erfinden; und das gemeine Heil fruchtbar zu machen. Die übermäßige Furcht selbst wäre mehrmals zu was gutem dienlich; indem sie durch die Verzweiffelung unmögliche Dinge ausübete; Und der über seines Vaters Crösus Lebens-Gefahr erschreckende Sohn seine ihm von der Natur gebundene Zunge aufflösete / wormit sein Band der Liebe dem Vater den Lebens-Fadem verlängere. Ja die Furcht wäre mehrmals so heilsam / daß man selbte annehmen müste / wenn man sie am wenigsten hätte. Mit dieser hätte Ventidius den Pacorus mit seinen Persen / diese aber den Antonius überwunden. Die Staats-Klugen brauchten die Furcht oft zum Werckzeuge der Ruhe und Sicherheit. Sie wäre der einige Nagel / welcher die Gesetze hielte / weil die wenigsten aus Liebe der Tugend nicht sündigten. Sie wäre das Siegel der Friedens-Schlüsse und Bündnüsse / ein Kapzaum unbändiger Völcker / welche bey verschwindender Furcht also gleich wieder zu den Waffen griffen / und das gemeinste Band der Unterthanen. Denn man müste alle die mit ihr zwingen /welche durch Wolthat nicht zu[449] gewinnen wären. Dahero die Römer die Furcht für so göttlich gehalten /daß / wie sie in der Welt die erste Andacht gestifftet; also sie ihr selbst Altäre gebaut und geopffert hätten. Mit einem Worte: ein Fürst müste allezeit klug / insgemein hertzhafft / zuweilen furchtsam / aber niemals verzagt seyn. Ich muß es gestehen / fing Flavius an /daß die Furcht mich nichts minder aus der Römer Händen errettet habe / als sie die Hirschen der Grausamkeit der Jäger zu entreissen pfleget. Hertzog Herrmann bat hierauf den Flavius: Er möchte doch / wie er so glücklich von Rom in Deutschland entronnen /kürtzlich entwerffen. Rhemetalces aber setzte bey: Er möchte doch seine auch vorher ihm zu Rom begegnete Zufälle darbey nicht gäntzlich vergessen. Denn er wüste wol / daß wie Africa eine Mutter täglicher Mißgeburten / also Rom seltzamer Zufälle wäre / und insonderheit Fremden. Flavius antwortete: Aus seinen wäre zwar kein Wunderwerck zu machen; iedoch wolte er seine merckwürdigste Begebnüsse ohne Umschweif berühren / um theils der Anwesenden Verlangen zu vergnügen / theils ihre Gedult nicht zu mißbrauchen. Hiermit fing er an: das Verhängnüs machte unsere unglückliche Gefangen schafft dardurch glückselig / daß uns Drusus nicht mit zum Siegs-Gepränge / sondern der Käyser / weil mein Bruder Herrmann ihn bey Mniturne aus dem Wasser errettet / uns neben dem jungen Agrippa und Germanicus in Rom einführte. Ich genoß allenthalben dasselbe mit / was Hertzog Herrmann durch seine Tugend verdiente / worvon ich viel denckwürdige Begebnüsse erzehlen müste / wenn ich mich nicht bescheidete / daß seine Armen wohl grosse Thaten auszuüben geschickt sind / seine Ohren aber ihre Erzehlung nicht vertragen können. Einmal neigte mir ja mehr das Glücke / als meine Geschickligkeit ein Mittel zu / des Käysers Gewogenheit etlicher massen zu erwerben / als ich auf einer vom Drusus angestellten Jagt ein wildes Schwein aufhielt / daß es den fallenden Käyser nicht verletzen konte. Der Käyser war über meiner Auferziehung und Unterweisung in der Bau-Rechen- und Meß-Kunst / wie auch in ritterlichen Ubungen mehrmals so sorgfältig / daß uns ieder Fremder ehe für des Augustus Enckel / als für Gefangene angesehn haben würde. Ich hätte den Käyser vielleicht auch wohl zuweilen in unsern Prüfungen vergnügt / wenn mein Thun nicht allemal von meinem Bruder und dem Germanicus wäre verdüstert worden. Wiewol diese Verdüsterung gleichwol zu meinem Vortheil gereichte; weil mein eingeschlaffener Geist aus Eiffersucht ermuntert / und mein Gemüthe durch zweyer so lebhaffter Fürsten Beyspiel gleichsam rege zu werden gezwungen ward. Sintemal die Laster nicht nur anfällig sind; sondern auch die Tugend / wie des Apollo Leyer / welche einen Stein /an dem sie gehangen / singend gemacht / und des Orpheus Grab / bey welchem die Nachtigaln eine viel süssere Stimme bekommen haben sollen / ihre Gefärthen mit ihrer Köstligkeit betheilet. Auser diesem waren Herrmanns Verdienste so groß / daß die Schätzbarkeit der Römer ihre Gewogenheit nicht gar auf ihn ausschütten konten / sondern wie die Sonne mit ihren Stralen auf unfruchtbare Klippen / mich Unwürdigen damit betheilen musten. In dessen Ansehn ward mir auch Mecenas hold / und der Käyser hieß mich nebst meinem Bruder des verbrennten Drusus Asche in der Julier Begräbnüß tragen. Welche Verrichtung zwar in Deutschland einen Schein der Dienstbarkeit haben kan / in Rom aber eine der grösten Ehren ist / welcher nur die Rathsherren fähig sind. Uber diß ward ich zu allen Gemeinschafften gezogen / in denen sich des Käysers Enckel Lucius und Cajus befanden; und ich hatte das Glücke / daß ich mit diesen unbändigen Jünglingen niemals zerfiel; und weil ich zuweilen mit etwas verhieng; erlangte[450] ich bey ihnen so viel Ansehen / daß mein Wiederrathen sie offt ehe / als des Käysers strenge Dreuungen von ihren wilden Entschlüssungen zurück hielt. Es ist wahr / sagte Hertzog Arpus; Man muß an grossen Höffen allezeit vermummte Antlitzer haben / und das freudig mit machen / darfür man die gröste Abscheu hat. Junge wilde Fürsten muß man auch / wie die Wall fische fangen; denen man das in die Seite eingejagte Seil nachläst / und wenn sie schwach ober müde worden sind / sie allererst zu dem sonst über einen Hauffen gerissenen Schisse ziehen muß. Hertzog Flavius fuhre fort: Ich darff meine über diese zwey Fürsten gewonnene Botmäßigkeit wol nicht meiner Klugheit zueignen / weil ich meiner selbst noch nicht mächtig / und mein Thun ein steter Fehltritt war. Ich meine aber / daß mein Vortheil von einer Verwandschafft unser Gemüther / und von der Eintracht der Neigungen den Uhrsprung hatte / welcher Würckungen offt so seltzam sind / daß sie der Unwissenheit des Pöfels mehrmahls eine Zauberey heisset. Diese Verwandnüs beredet ohne Worte / und bemächtiget sich der Gemüther ohne Verdienste; ohne sie aber ist alle Tugend ohnmächtig / und alle Bemühung vergebene Arbeit. Dieser verborgenen Neigung hilfft nichts mehr auff die Beine als eine Befleissung sich in die zu schicken / mit denen man umgehet. Denn wenn man mit den Wölffen heulet / mit den Affen spielet /mit den Eichhörnern tantzet; wird man nicht nur allenthalben beliebt / sondern diese kluge Verwandlung machet / daß hernach alle andere einem so fertigen Proteus auch was kluges nachthun. Lucius war kaum dreyzehn Jahr alt / als er schon eine hefftige Neigung der Geilheit von sich mercken ließ. Welches mir als einem Deutschen so viel seltzamer vorkam / als welche sehr langsam diesen Trieb der Natur fühlen / und für dem dreißigsten Jahre auch zuläßlicher Liebe pflegen für Schande achten. Welches / als ich es damals auf Anstifften unsers Lehrmeisters Athenodorus dem Lucius erwehnte / so wol ihm als seinen Römischen Gefärthen anfangs unglaublich / hernach ein Gelächter war. Sintemal diese uns Deutschen für halbe Mißgeburten schalten / denen unser gefrorner Himmel mehr Schnee als Blut in die Adern geflöst hätte. Ich aber hing ihnen im lachenden Muthe diesen Schandfleck an / daß ihre unzeitige Lüsternheit ihre Kräfften erschöpffte / ehe sie erstarreten; und im Frühlinge unreiffe und sauere Aepffel abbreche / welche die Deutschen im Sommer in ihrer süssen Vollkommenheit zu genüssen pflegten. Hiervon rührete / daß die sich zur Unzeit abmergelnden Römer gleichsam halbe Zwerge blieben; Hingegen der Baum-langen Deutschen Kinder als halbe Riesen herwüchsen / und sichtbare Beweißthümer der Elterlichen Leibes-Kräften für Augen stellten. Bey solcher Mäßigung hätten die Deutschen auch in der Wollust selbst einen Vortheil. Denn sie behielten biß ins greise Alter das unerschöpfliche Vermögen der Jugend. Dahingegen bey denen / welche durch zu frühe Begierden ihnen und der Natur Gewalt anthun / eben so zeitlich entkräfftet würden / wie gewisse Bäume ehe verdorren / wenn man ihnen die Blüthen abbricht; Als wenn man ihre Aepffel reif werden läst. Insonderheit aber war der bey dem Kayser so sehr beliebte Athenodor von Canaan in Sicilien /theils nach Anleitung seiner Stoischen Weltweißheit /theils wegen Verbindligkeit gegen dem Käyser / für viel genossene Wolthaten beflissen den Lucius von dem Wege der Wollust abzuleiten. Dieser weise Mann ward entweder dem August zu Liebe / oder auch wegen seiner Lehre und tugendhafften Lebens halber für einen halben Gott verehret. Denn ob zwar anfangs die Stoischen Weisen / als Nachfolger des unverschämten Diogenes als hoffärtige / halsstarrige und unruhige Verächter der Obrigkeit gantz verachtet waren; so erlangten sie doch nach[451] und nach durch ihre Mäßigung / und insonderheit / als man ihre Weißheit nicht in Schalen zierlicher Worte / sondern im Kerne der von ihnen stets eingelobten Tugend bestehen sahen / ein so grosses Ansehen / daß man sie unter allen gleichsam nur alleine für Weltweisen / oder sie nur für Männer / die andern Meisen aber für Weiber hielt. Dahero August diesen Athenodor nach Rom /wie vorher der Parthische König den weisen Demetrius von Athen / nach Babylon die Stoische Weißheit daselbst fortzupflantzen holen und unterhalten ließ. Dieser gute Athenodor hatte schier von der Wiege an dem Cajus und Lucius den Grund der vom Zeno und Cleanthes befestigten Lehre eingeredet / daß das höchste Gut des Menschen wäre / den Schlüssen der Vernunfft zu folgen / nach der Richtschnur der Natur /nemlich nach dem Willen Gottes zu leben / mit ihm selbst einträchtig und vergnügt zu seyn / und sich aller hefftigen Gemüths-Regungen / welche in dem Menschen einen bürgerlichen Krieg erregten / zu entschlagen; welche die Vernunfft nicht im Zügel führte und zu Ermunterung der sonst laulichten Tugend angewehrte. Aber beyden war diese Lehre zu schwer auszuüben. Denn der heuchlerische Hoff / und die Stadt / worinnen alle Laster Bürgerrecht gewonnen /wo nicht den Nahmen der Tugend erworben hatten; redeten in einer Stunde ihnen mehr aus / als ihnen Athenodor in zehn Tagen mit genauer Noch beybracht hatte. Als er nun sonderlich den Lucius einen unmäßigen Trieb zur Geilheit haben sahe / befließ er sich die sonst gewohnte Mäßigung seiner uhrsprünglich strengen Lehre bey Seite zu setzen / und die Wollust mit Stahl und Schwefel anzugreiffen. Einen gantzen Monat lang sagte er dem Lucius schier nichts anders für / als was das Frauenzimmer ihm verhast / und bey der Welt kohlschwartz machen konte. Es hieß ihm ein unvollkommenes Thier / eine Mißgeburt der Natur /welches schwerlich für einen Halb-Menschen zu achten wäre. Ein häßlich Weib wäre eine Abscheu der Augen / ein schönes eine helle des Hertzen. Die Liebe machte aus ihr einen Wüterich / die Verachtung einen Todfeind / die Erzürnung eine höllische Unholdin. Ihre Regungen wüsten von nichts mittelmäßigen / und vertrügen über sich keine Vernunfft; ihre Gedancken duldeten keine Beständigkeit / ihre Begierden keinen Zaum / ihr Haß keine Versöhnung. Auch was Tugend an ihnen schiene / wäre ein Blaster / kein Wesen / und ein blosser Fürniß der Laster. Sie wäre niemanden getreu / als aus dringender Noth / keinem Menschen hold / als zu ihrem Vortheil / und nur keusch aus Furcht der Schande oder der Verstossung. Sie betrüge ihren besten Freund mit lachendem Munde / sie versteckte ihr schaden-frohes Gemüthe mit falschen Thränen / die Unwarheit mit glatten Worten / das Gifft ihres neidischen Hertzen mit verzuckertem Liebkosen. Ihre grimmige Augen verwandelten die thörichten Liebhaber in Stein / ihre holden Anblicke bezauberten sie. Ihre Küsse verrückten auch den Weisesten die Vernunfft / und ihre Uppigkeit machte sie zu Unmenschen. Ja die Weißheit hätte mit dem weiblichen Geschlechte eine solche Unverträglichkeit / daß ihre Göttin nicht von einem Weibe / sondern nur aus dem Gehirne Jupiters hätte können gebohren werden. In selbtem kämen alle Laster / wie die Striche in dem Mittel eines Kreisses zusammen; also / daß Plato mit sich Rath gehalten / ober die Weiber nicht für eine Mittelgattung zwischen Mensch und Vieh halten solte. Die aber / welche der Unzucht den Zügel schüssen liessen / wären grimmere und garstigere Thiere /als die / welche vom Raube und eitel Unflate lebten. Denn die Wollust wäre der wahrhaffte Prometheus /welcher zu Fertigung seines Menschen den Grimm des Löwen / die blinde Unart wilder Schweine / die Grausamkeit der Tiger / die Zagheit der Hinde / die Betrügligkeit des[452] Fuchses / und den Wanckelmuth des vielfüßichten Meerfisches genommen hätte. Sie stäche ihr selbst die Augen aus / daß sie weder Schande noch Gefahr sehen / sondern desto blinder und verzweiffelter in den Pful aller Laster rennen könte. Sie liesse sich anbeten als einen Abgott; und würde hernach ein Hencker ihrer eigenen Priester. Sie äscherte Städte und Länder ein / darinnen man sie beherbergt /und auf Gold und Purpur gelegt hätte; Sie besudelte mit Mord und Blut das Ehbette / und die Taffeln der Eltern; und ersteckte wie die Schlangen die Kinder ihres gutthätigen Wirthes. Ihre Augen tödteten wie die Basilisken ohne Verwundung / ihr Athem vergifftete /was er anhauchte; ihre streichelnde Hände hätten Kreile wie die Egyptischen Mäuse / welche mit ihrem Krimmen die Eingeweide zerfleischten. Ihre Armen erwürgten wie die Affen mit ihren Umhalsungen. Ihr Mund bliesse wie jener Wald-Gott kalt und warm heraus; und ihr Hertze nährete / wie gewisse Berge / bald feurige Ströme brünstiger Liebe / bald eusersten Schnee des bittersten Hasses. Sie rotte alle andere Tugenden mit Strumpf und Stiel aus / und brauche die besten Wissenschafften zu einem Richtscheite nach der Kunst zu sündigen / und auch in der Boßheit dem Pöfel überlegen zu seyn. Alles diß / was die hefftige Ungedult dem Athenodor wider die Wollust und das weibliche Geschlechte heraus lockete / merckte Lucius fleißiger auf / als nichts vorher. Hierdurch machte er seinem Lehrmeister keine geringe Hoffnung der in seinem Gemüthe noch gli enden Funcken der Tugend. Alleine Lucius verfügte sich ins geheim fast täglich zu dem weltweisen Aristippus / welcher sich für einen Nachfolger des Epicur ausgab / und dahero vom Mecenas an der Tiber einen Garten geschenckt bekommen; auch an dessen Thüre / eben wie vorhin Epicur / angeschrieben hatte: Hier werden die Gäste wol bewirthet; denn hier ist die Wollust das höchste Gut. In der Warheit aber pflichtete dieser Aristippus dem Aristippus bey / der ein Uhrheber der Cyrenischen Weltweisen war / und die Wollust des Leibes für das höchste Gut hielt; Also von dem Epicur so weit als schwartz und weiß entfernet war. Sintemal diesen alleine die Verleumdung zu einem Freunde der Faulheit / und die zu einem Beschirmer der Uppigkeit machen wollen / welche ihre Laster in der Schoß der Weltweißheit verbergen wollen. Dahingegen Epicur nur dieselbe Wollust billigt / welche man aus der Tugend schöpffet; und daher der Wollust eben diß Gesetze vorschreibt / was Zeno der Tugend. Dahero er auch selbst sein nur mit Wasser und Brod unterhaltenes Leben in der höchsten Mäßigkeit hingebracht /das euserliche Glücke für einen seltenen Gefärthen eines Weisen gehalten / auch zuweilen selbst den Schmertz verlanget hat / wenn er zumal sich besorgt /daß auff die Wollust einige Reue folgen dörffte. Ungeachtet er nun seine verdammte Lehre stets mit den Meinungen des Epicur verhüllete / so schwam ihm der Honig der Wollust doch immer auf der Zunge; also / daß Lucius für dem Athenodor einen hefftigen Eckel / zu dem Aristippus aber eine desto grössere Zuneigung empfing. Diesemnach brachte er den Vermerck der von Athenodor heraus gelassenen Heftigkeiten zu Livien / und verlangte durch sie beym Käyser verbeten zu werden / daß er sich eines so rauchen Lehrers entschlagen / und mit bescheidenern versorgt werden möchte. Livia zohe entweder aus einer weiblichen Schwachheit / oder aus einer vorhin schon wider ihn gefasten Gramschafft des Athenodorus Lehre für eine sie selbst antastende Schmähung an; verklagte ihn beym Käyser / und drang darauf / daß er und alle Stoische Weisen aus Italien gejagt werden solten. Wiewol sie nun diß nicht bey dem Käyser auswürcken konte / sondern er ihr zur Antwort gab: Man müste mit dem Socrates streiten / mit dem[453] Carneades zweiffeln / mit dem Diogenes zuweilen über die Schnur hauen / mit dem Epicur sich beruhigen / mit dem Zeno die Natur überwünden lernen / und also ihm einen ieden Weisen nütze machen; so brachte sie es doch dahin / daß weder Cajus noch Lucius ihn ferner hören dorften. Hingegen / weil ihr und ihrem auff den Tiberius gesetztem Absehen daran gelegen war /daß beyde Käyserliche Enckel in den Lastern ersteckt würden; half sie mit des Mecenas Einrathen dem Aristippus zu der Unterrichtung des Cajus und Lucius /wie auch meiner. Dieser Verführer trug uns anfangs zwar den besten Kern der Epicurischen Weißheit für /und wuste der Tugend meisterlich eine Farbe anzustreichen; Gleichwol aber hing er derselben stets diesen Schandfleck an / daß sie nicht wegen ihr selbst /sondern nur wegen ihrer viel edlern Tochter / nemlich der Wollust zu lieben wäre. Hernach kam er auff natürliche Dinge / und lehrte uns / daß die Welt / nicht nach des Heraclitus Meinung / aus Feuer / nicht / wie Thales lehrte / aus Wasser / noch wie dem Pythagoras träumte / aus Zahlen / sondern aus eitel durcheinander schwermenden Sonnen-Stäublein / ungefehr zusammen gewachsen / am allerwenigsten aber nach des Aristoteles Meinung und Einbildung ewig wäre. Auff diesen Schluß gründete er ferner / daß die Götter sich um die Welt und die Menschen unbekümmert / also die vom Plato gerühmte göttliche Vorsorge und Versehung ein blosser Traum wäre / ja die Götter hätten nicht einmahl den. Sinn der Tugend wol zu thun / weniger Waffen und Macht die Bösen zu beschädigen. Die Seelen der Menschen verrauchten mit dem sterbenden Leibe / und hätten nach dem Tode weder Lust noch Straffe zu erwarten. Dahero wäre die Entschlagung aller Bekümmernüß die Ruhe des Gemüthes das höchste Gut der Sterblichen / wie der Müßiggang der Götter. So viel wagte er sich dem fast unzehlbaren Hauffen seiner sich täglich zu ihm drängenden Lehrlinge fürzutragen. Und wenn iemand über etwas ihm einen Zweifel erregte; wuste er durch spitzige Unterscheidungen seine Sätze so meisterlich herum zu drehen / daß es schien / als wenn er die Götter angebetet / die Menschen allerdings tugendhafft wissen wolte. Als er aber den Cajus und Lucius so gar geneigt zur Wollust sahe; ließ er sie und mich einmal in das innerste Theil seines bewohnten Lusthauses zu absonderer Unterweisung leiten. Wir fanden daselbst an ihm gleichsam einen gantz andern Menschen. An statt des langen Mantels trug er nach Griechischer Art einen seidenen Rock der Edelen. Die Platte seines kahlen Kopffes war mit falschen Haaren bedeckt. An den Armen und Fingern trug er güldene Geschmeide und Ringe mit Edelgesteinen. An den Füssen hatte er gestickte Schuh mit kleinen Monden. Und von der Tracht der Weltweisen war nichts / als der lange Bart übrig; welcher aber mit Fleiß ausgekämmet / und eingebalsamt; die Lippen mit Zinober geschmückt / die Nägel vergüldet / und von seinen itzt Rosenfärbichten Wangen das sonst aufgeschmierete Bleyweiß / welches sie in seiner Schule sonst blaß machte / abgewaschen war. Der Saal / darinnen er lehrte / war mit allem nur ersinnlichen Vorrathe der Verschwendung /insonderheit aber mit denen geilesten Bildern ausgeschmückt. Für dem Unterrichte erqvickte er uns mit denen kräfftigsten Labsaln. Er badete uns mit wohlrüchenden Wassern / salbete uns mit Syrischen Balsamen / und verschwendete allen Vorrath des üppigen Asiens. Hierauf machte er eine weitscheiffige Rede von seiner gegen uns tragenden Gewogenheit / und daß diese ihn nöthigte wiewol mit seiner Gefahr das Geheimnüß der wahren Weltweißheit zu offenbaren. Nach dem er uns nun gleichsam nach diesem verborgenen Schatz seufzen sähe; fing er an / alter Weltweisen Meinungen als Irrthümer zu verdammen / und als Betrügereyen zu verfluchen. Die wahre Weißheit wäre / wissen / daß kein Gott wäre. Socrates[454] hätte zwar zum Scheine zuweilen Gottes / als eines unveränderlichen Lichtes / gedacht; aber / weil er selbst nichts davon gehalten / beygesetzt: Er wäre ein Wesen ohne Leib. Er hätte zwar aller andern Weltweisen Meinungen widerlegt; aber selbst keinen Satz gemacht / sondern sich nur mit seiner Unwissenheit gerühmt; und deßwegen hätte ihn der Wahrsager-Geist Apollo für den weisesten Menschen ausgeruffen. Zwar hätte er oft einer hohen Weißheit / welcher aber der Pöfel nicht fähig noch würdig wäre / erwehnet; diese aber wäre nichts anders gewest / als die oben erwehnte; und hätte er sie nur etlichen hohen Geistern / wie wir wären / eröfnet. Gleichwol aber wäre er verrathen /und wegen Entdeckung eines Geheimnüsses / welches nur herrschende Fürsten wissen solten / vom Rathe zu Athen zum Tode verdammt worden. Plato / und die nach folgenden Weisen wären Heuchler gewest / und hätten aus Furcht gleicher Belohnung die Warheit zu bekennen sich nicht gewagt. Epicur hätte zwar denen scharfsichtigen wieder ein Licht aufgesteckt; und weil er zu Athen nicht sagen dörffen / daß es keine Götter gebe; habe er gelehret: Es wäre keine göttliche Versehung. Gleich als wenn nicht dieses letztere auch das erstere aufhübe. Sintemal ein Gott ohne Versehung weniger als ein Klotz oder Stein den Nahmen eines Gottes verdienet. Alleine Aristippus von Cyrene hätte die vom Socrates gefaste Weißheit allererst recht ans Tagelicht gebracht / und fortgepflantzt; nach dem er der Götter als eines Undinges gar nie erwehnet / und nichts minder durch die Lehre / als durch sein Beyspiel / da er in dem Bette der geilen Lais / und an der Taffel des verschwenderischen Dionysius alleine seine Lust gesucht / alles vergangene vergessen / alles künfftige verachtet / und sich nur des gegenwärtigen erfreuet / allen Klugen die Augen aufgesperret / und durch das Leben auch derer / die ein widriges mit dem Munde lehren / erwiesen / daß die Wollust des Leibes das einige und höchste Gut des Menschen sey. Hierauf trat auf sein gegebenes Zeichen ein überaus schönes / aber fingernacktes Frauenzimmer in den Saal und uns ins Gesichte. Aristippus aber fing an: Sehet ihr nun / ihr Fürsten der Jugend / das schändliche Ungeheuer des wahnsinnigen Athenodorus. Düncket euch diese nackte Lehrerin nicht ein klüger Weiser zu seyn / als der sich für wenig Jahren zu Athen wahnwitzig verbrennende Indianer? oder der thumme Empedocles / der sich in den feurigen Berg Etna stürtzte? Warlich / entweder euch muß der Sauertopf Athenodor oder eure Augen betrügen. Diese aber werden euch zuversichtlich überweisen / daß ein schönes Weib das gröste Wunder der Natur / ein Paradiß der Augen / das würdigste Buch eines Weisen / und ein wesentlicher Begriff himmlischer Ergetzligkeiten /und eine wahrhaffte Gottheit unter den Menschen sey. Ohne sie werden die Männer ihnen selbst feind; von ihnen aber werfen die Kältesten / wie die Erde von der Sonnen / angefeuert / und sie opfern ihre Hertzen keiner Gottheit würdiger / als diesem Geschlechte. Sie sind der unerschöpfliche Brunnen der Fortpflantzung /und die Vollkommenheit der Natur. Deßhalben würde zu Rom Jupiters Priester mit dem Tode seines Eheweibes auch ein Wittiber seines Priesterthums und zu opffern unfähig. Darum darf in dem Heiligthume der Cybele oder der Götter-Mutter kein Thier / welches nicht weiblichen Geschlechtes ist / gebildet seyn. In dem grossen Feyer der Ceres zu Athen wird das weibliche Geburtsglied verehret; weil durch desselbten ersetzende Anschauung Ceres den Verlust ihrer Tochter bergessen hätte. Dieses Sinnenbild aber deutete nichts anders als den unschätzbaren Werth der Wollust an. Ohne sie ist das Leben bittere Wermuth / und die eingebildete Weißheit nur Thorheit. Als er uns dieses seiner Meinung nach feste genung eingedrückt zu haben[455] vermeinte; wie er denn wohl truste / daß kein Schweffel ein so geschwinder Zunder des Feuers / als die Jugend der Laster sey; leitete er uns in ein ander Gemach; darinnen wir zwey marmelne Bilder / des Bacchus und der Venus / derer erstem zwölf wie Wald-Götter / dem andern wie Liebes-Götter geputzte Knaben bald raucherten / bald darum nach einem verborgenen süssen Gethöne tantzten; in der Mitte aber eine Taffel mit den seltzamsten Speisen bedeckt / um selbte acht mit Persischen Teppichten bekleidete Bette antraffen. Wie wir uns nun auf seine Nöthigung auf vier Bette gelehnet hatten / fanden sich so viel gantz nackte Frauenzimmer neben uns auff die noch leeren Bette; und zwölf andere ebenfals nackte Dirnen bedienten uns insgesamt an der Taffel. Nach dem diese aufgehoben war / hegten sie zu uns allerhand geile Täntze mit denen unverschämtesten Stellungen. Cajus und Lucius verlohren sich dann und itzt in die Neben-Gemächer; und ich selbst wuste mich kaum zu besinnen / ob mir träumete / oder ob ich in dem Meer der selbst-ständigen Wollust badete. In dieser Entzückung brachten wir in dem fest verschlossenen Garten den halben Tag und die Helffte der Nacht zu / biß uns Aristippus selbst erinnerte / für dißmahl unsere Lehre zu beschliessen; Bey der Gesegnung aber erinnerte: wir solten nun die eigene Erfahrung als den klügsten Richter urtheilen lassen: Ob des Aristippus höchstes Gut nicht besser als des gramhafften Athenodorus sey? Ob des Crates Tasche / des Antisthenes Kappe /des Diogenes Faß / des Zeno Stab würdiger / als des Epicurus Lustgarten zu achten wäre? Wiewohl alle diese Heuchler nur euserlich wie die Schauspieler sich in den Mantel der Tugend hülleten; im Hertzen aber der Wollust beypflichteten / und in geheim sich mit derselben vermählten. Plato hätte sich dardurch allzu sehr verrathen / da er gelehrt / daß die Weiber allen Männern gemein seyn solten. Als Crates einmal eingeschlaffen / hätte man in seiner Tasche noch tausend güldene Darier gefunden; ungeachtet er all sein Reichthum als Koth weggeworffen zu haben sich rühmete. Dem Antisthenes wären aus seinen zerrissenen Hosen offtmals Würffel und Karten gefallen. Diogenes wäre an Alexanders Hoffe über dem Diebstahle eines güldenen Bechers betreten / und in seinem Schübsacke das Bild der unkeuschen Lais gefunden worden; ungeachtet er nur aus dem Hand-Teller zu trincken / und die Weiber mit dem Stabe von seinem Fasse wegzutreiben pflegen. Euclides wäre in Weibskleidern zu Athen im Hurenhause angetroffen worden; als er unter dem Vorwand den Socrates zu hören von Megara dahin zur Nachtzeit geschlichen. Pythagoras hätte in den Armen seiner Theano / Socrates auff den Brüsten der Aspasia und ihrer Dirnen gelechset / durch welcher feil gehabte Schönheit sie den Peloponnesischen Krieg angezündet hätte. Der scharffe Gesetzgeber Solon hätte nicht nur der sich gemein machenden Venus einen Tempel gebaut / sondern auch mit unkeuschen Weibern Gewerb getrieben. Des Parthaoins für einen Weltweisen gerühmter Sohn wolte eine schöne Täntzerin nicht neben sich niedersitzen lassen; als sie aber hernach feil geboten ward / bot er nicht nur das meiste darfür / sondern raufte sich auch mit andern um sie. Fliehet daher diese Thoren / folget dem viel weisern Epicur / welcher mit seiner holdseligen Leontium den Zucker dieser Welt genoß / und dem Aristippus / welcher auf denselben Brüsten schlief / von welchen alle Mahler zu Corinth das Muster ihrer zu bilden nöthigen Brüste nahmen. Opffert die Blüten eurer kräfftigen Jugend der ergetzenden Wollust / und dencket / daß sie im Alter welck wird; nach dem Tode aber keine mehr übrig sey.[456]

Mit diesem abscheulichen Unterrichte nahmen wir von dem Verführer Aristippus Abschied / und kamen mit Verwunderung des Hofes / daß Cajus und Lucius sich so sehr in die Weltweißheit verliebt hätten / nach Hause. Folgenden Tag fanden wir uns wieder gar zeitlich in des Aristippus Garten / da er denn uns und der verhandenen grossen Menge der Zuhörer fürtrug: Ein Weiser solte in allem / was er thäte / sein Absehn allein auf seine eigene Vergnügung haben. Daher dörffte der / welcher am Müssiggange Ergetzligkeit spürte / sich nicht mit Erlernung schwerer Dinge quälen / ein Geitziger dörffte gegen niemanden freygebig seyn /ein Furchtsamer nicht in Krieg ziehen / ein Unachtsamer sich umb Gott nicht bekümmern. Zuletzt gab er uns ein Zeichen / daß wir uns wieder in seine geheime Schule einfinden solten. Cajus und Lucius waren schon in das Lust-Haus hinein / und ich auf der Schwelle / als ich fühlte / daß mich einer hinterrücks bey dem Kleide zurück zoh. Als ich mich umbwendete / sahe ich einen alten Mann / dessen Antlitz eine sonderbare Andacht / seine Geberden aber eine grosse Bestürtzung andeuteten. Dieser fing mit aufgehobenen Händen an: Tritt zurücke / edelster Flavius / von der Schwelle deines Untergangs. Hiermit ergriff er mich bey der Hand / und führte mich halb gezwungen und halb gutwillig in den düstersten Gang des Gartens /daselbst fiel er mir umb den Hals / küßte und benetzte mich mit einem reichen Strome bitterer Zähren. Hier auf sahe er gegen dem Himmel / und fieng an: Ewiger Gott! lasse nicht zu / daß der Sohn des frommen Fürsten Segimers in den Klauen eines so schändlichen Gottes-Verächters / und seine Seele von diesem Ertzt-Mörder umbkomme! Ich / der ich anfangs gleich über der Kentnüß und hertzhaften Ansprache dieses Greises mich verwunderte / ward nunmehr durch einen geheimen Trieb zu einer absondern Ehrerbietung gegen ihn gereget / und es schien ihm eine überirrdische Lebhaftigkeit aus den Augen zu sehen. Daher ich anfing: Sage mir / Vater / woher du mich kennest / und was mir für ein Unglück vorstehe? Ach! fing er seufzende und zwar nunmehr in deutscher Sprache an: Es ist hier kein Ort dir alles zu offenbaren. Meine Sprache versichert dich / daß ich dein Landsmann / und diese meine Betheuerung / (hiermit legte er seine Hand ihm flach aufs Haupt /) daß ich ein treuer Knecht deines Vaters Segimers / Aristippus aber der verfluchteste Unmensch und euch den höllischen Unholden zu einem fetten Schlacht-Opfer zu liefern vorhabens sey. Hier leidet die Zeit nicht mehr Worte zu machẽ. Wilst du dich aber erhalten wissen / so entferne dich augenblicks aus diesem Garten / und suche mich morgen früh in dem Tempel der Isis / welchen der Käyser unlängst an den Ort / wo vorhin der vom Julius eingerissene gestanden / zu bauen erlaubet hat. Hiermit setzte sich dieser Greiß in einen Kahn auf die Tiber / und fuhr davon; ich aber verfügte mich in die grosse Renne-Bahn / und brachte den Tag mit allerhand Ritterspielen zu / umb mich der von des vorher gehenden Tages seltzamer Begebnüß / oder dieses Alten Erinnerung zuhängenden Traurigkeit zu entschlagen. Umb Mitternacht kam Lucius in mein Zimmer für mein Bette / und wuste mir die beym Aristippus genossene Lust / welcher die erstere nicht das Wasser reichte / nicht genungsam heraus zu streichen. Denn er hätte sie mit eitel jungen Mohren und Mohrinnen bedienet / gegen welcher feurigem Liebes-Reitze des weissen Frauenzimmers Anmuth nur für Schnee zu achten wäre. Ich konte mich über diesem Vortrage nicht enthalten überlaut zu lachen und zu fragen: Was Aristippus für eine Beredsamkeit sie zu bereden gebrauchet / daß die Raben schöner als die Schwanen wären? Sind die Raben nicht schöner / versetzte Lucius / so sind sie doch wahrhaftiger zum Reden / als die Schwanen zum singen geschickt / und also anmuthiger. Warumb aber solte nicht auch[457] Schönheit und Schwärtze bey einander stehen können? Meynest du / weil deine Deutschen / wie auch du / so weiß sind / daß die Mohren in allen Augen so heßlich seyn? Weist du nicht / daß die Venus in Africa eben so aus schwartzem / wie zu Athen von weissem Marmel gebildet wird? Ja die Griechen selbst geben nach / daß diese Mutter der Schönheit und Liebe mit ihrem Vulcan ein Mohren-Kind gezeugt habe. Ich antwortete: Nach dem die Gewohnheit auch etwas abscheulichem eine bessere Farbe anstreicht /und den Augen ihre erste Empfindligkeit beni t; ja die Liebe gar ins gemein verbundene Augen hat / ist mir nichts frembdes / daß die Wald-Götter ihre rauche und Ziegenfüssichte Geferten / und die halbgebratenen Mohren ihre beraucherte Weiber oder vielmehr ausgeleschte Kohlen für schön halten? Ich aber werde mir solche Farbe niemals für schön verkauffen / noch auch michs so gar die nackten und schwartzen Weltweisen in Indien bereden lassen. Mein Auge ist mir dißfalls nicht allein ein unverwerfflicher Richter; sondern die Römischen Frauen sind meine unzehlbare Zeugen / welche durch so viel Künste ihre gelbe Haut in eine lebhafte Schnee-Farbe zu verwandeln / und ihre schwartze Häupter mit den weissen Haaren des Deutschen Frauenzimmers auszuschmücken bemühet sind. Ja / sagte Lucius / iede Farbe hat ihre Vollkommenheit. Was weiß ist / muß sehr weiß seyn / wenn es schön seyn soll. Also ist die Schwärtze auch schön /wenn sie nicht fahl / sondern vollkommen schwartz ist. Der schwartze in Mohrenland und bey denen Landesleuten den Lagionen wachsende Marmel wäre beliebter / als der weisse des Eylands Paros. Auch ich /versetzte ich / halte viel von schwartzen Steinen; und Diamanten selbst sind nicht schön ohn schwartze Folgen und finstere Straalen. Aber unter dem Frauenzimmer halte ich es mit dem weissen. Das Meer hat in sich nichts köstlichers / als die weissen Perlen; der Himmel der Begriff aller Schönheit weiß von keiner schwartzen Farbe. Lucius begegnete mir: Er hat dieser in alle wege zu seiner höchsten Pracht von nöthen. Denn seine Gestirne sind so gar unsichtbar / wenn ihn der Pinsel der Nacht nicht schwartz anstreicht. Ich brach ihm ein: Der Schatten hilfft wohl unserm blöden Gesichte / aber dem Lichte und den Sternen theilt er keine Zierde mit. Die Sonne das schöne Wunderwerck der Natur ist der Schwärtze so feind / daß Nacht und Schatten für ihr in ewiger Flucht seyn müssen. Gleichwohl wird bey den Phöniciern / versetzte Lucius / ein schwartzer Stein als das Ebenbild der Sonnen unter dem Nahmen des Eliogabalus angebetet. Also müssen die Gestirne mit dieser Farbe keine so unleidliche Eigenschafft hegen. Die Indischen und theils Griechischen Götter verlangen ein schwartzes La / oder eine solche Kuh zu ihrem Opfer. Alles diß / antwortete ich / rühret schwerlich von einer beliebten Verwandschafft / vielmehr aber daher / daß ein heßlicher Gegen-Satz der Schwärtze ihrer Zierde einen Firnüß anstreichen soll. Massen denn die Diamante schwartze Schalen / die Perlen tunckele Muscheln / und die Gold-Adern nicht finstere Behältnüsse und düstere Schlacken verschmähen. Ich hingegen versetzte: Das von der Unreinigkeit geläuterte Ertzt und die saubersten Geschöpfe sind am weissesten. Das Licht ist ein Merckmal der Vollkommenheit / und daher auch diß vortrefflicher / was dem Lichte am ähnlichsten ist. Das weisse aber ist nichts anders als ein ruhendes Licht / wie das Licht eine thätige Weisse. Dahero ich / ausser dem Lucius / noch keinen Verliebten von den schönen Kohlen seiner berähmten Buhlschafft / wohl aber von dem Alabaster des Halses / dem Helffenbeine des Leibes / und den Perlen der Brüste Lobsprüche gehört hätte. Vielleicht aber doch / sagte Lucius / von dem schönen Finsternüsse schwartzer[458] Augen / und von dem einẽ kohlschwartzen Pferde / das die nachdencklichen Tichter nicht ohne Ursache vor den Wagen der Soñe gespañt / und vielleicht dardurch angedeutet haben / daß ein Weib ohne schwartze Augen unvollkommen schön sey. Ich antwortete: Schwartze Augen stechen in alle Wege wohl ab / aber nur in einem weissen Antlitze / unsere blauen aber schicken sich in beyde. Da man aber von einem so kleinen Theile des Leibes einer Farbe den Vorzug zueignen wolte / würde die weisse den Obsieg behalten / weil niemand weissere Zähne hätte / als die Mohren / auch an ihnen nichts zierlicher wäre als die Zähne. Ich muß dem Flavius / versetzte Lucius / seine Meynung lassen. Ich aber bin ein Nachkomme des Käysers Julius / welcher nichts minder / als Anton an der braunen Cleopatra / mit welcher er nicht nur biß in Mohrenland gereiset / sondern sie gar nach Rom mitgenommen / mehr als an der Schwanen-weissen Martia Ergetzligkeit genossen / und die Mohrin Euroe der den Schnee beschämenden Servilia fürgezogen. Perseus hatte nicht nur die schwartze Andromede geehlicht; sondern sie wäre so gar in den Himmel unter die Gestirne gesetzt zu werden gewürdiget worden. Massen denn die einander zusagende Abtheilung der Glieder / und wenn iedes an seinem Orte steht / mehr als die blosse Farbe so wohl ein Frauenzimmer / als eine Säule vollkommen machen. Dahero die Griechen zu Abbildung einer vollkommenen Schönheit verlangt hätten / daß Euphranor das Haar / wie seine Juno gehabt / Polygnotus die Augenbrauen und Wangen / wie er der Cassandra zu Delphis zugeeignet / Apelles den übrigen Leib / nach dem Muster seiner Pacata / Aetion die Lippen / wormit seine Roxane pranget / mahlen solte. Hierauf haben die Egyptier Zweifels-ohne gesehen / als sie zu ihrem berühmtesten Memnons-Bilde so schwartzen Stein / als er im Leben gewest /zu nehmen kein Bedencken gehabt. Es muß alles /antwortete ich / beysammen stehen. Denn die Vollkommenheit hat mit keinem Gebrechen Verwandschafft. Diese / versetzte Lucius / ist schwerlich unter der Sonnen zu finden / und theilet die vorsichtige Natur einem dieses / dem andern was anders zu. Massen ich dich denn versichere / daß die zarte Haut der Mohren für weiche Seide / der weissen Weiber aber hingegen für Hanff anzufühlen / diese aber im Lieben wo nicht todt / doch eißkalt / jene hingegen lebhaft / und mit einem Worte Buhlschafften voll Feuer sind. Ich weiß hiervon nicht zu urtheilen / fing ich an / weil ich keine Mohrin nie betastet / auch von der Liebe selbst nicht zu sagen weiß: Ob sie dem Schnee oder dem Feuer verwandt sey? Du wirst beydes morgen prüfen können / antwortete Lucius / wo du dich unser Glückseligkeit nicht wie heute entbrechen wilst. Hiermit sagten wir einander gute Nacht; ich aber konte aus einer ungewöhnlichen Unruh des Gemüthes kein Auge zuthun / stand also mit dem ersten Tagen auf / und eilte in den Tempel der Isis. Dieser war länglicht-rund von eitel rothfleckichtem Egyptischem Marmel gebaut; das in der Mitte stehende Bild der Isis war von Thebe hingebracht / war aus Porphyr / hatte auf dem Haupte einen dreyfachen Thurm / wollichte Haare / am Halse das Zeichen des Krebses und Steinbocks / zwölff Brüste / in der rechten Hand eine Cymbel / in der lincken einen Wasser-Krug / nackte Füsse / darmit sie auf einem Crocodil stand. Die Priester opferten auf dem Altare gleich etliche Gänse. Der mich den Tag vorher bestellende Alte war meiner bald gewahr / winckte mir also / daß ich selbtem durch eine Pforte folgen solte. Dieser leitete mich in einen langen gewölbten Gang / und endlich in ein kleines Heiligthum / darinnen zwar ein Altar /aber kein Bild zu sehen war. In diesem nöthigte mich der Alte auf einen dreyeckichten steinernen Stul niederzusitzen;[459] fing auch alsofort an: Entsetze dich nicht / mein Sohn / daß du in diesem Heiligthume weniger annehmliches / als in des Boßhaften Aristippus Garten zu sehen bekommest / darinnen aber keine Frucht zu finden / die nicht von einem schädlichern Drachen / als welcher die Aepfel der Hesperiden bewacht hat /verwahret / oder vielmehr vergiftet werden. Ich bin Sotion / von Geburt ein Cherusker / von Ursprung ein Cattischer Fürst / von Glauben ein Druys / von Lebens-Art ein Pilgram / ein Knecht des Cheruskischen Hauses / des Libys Bruder / welcher ietzt oberster Priester in dem Tanfanischen Tempel seyn soll. Meine mit Begierde der Weltweißheit vermischte Andacht hat mich schon für geraumen Jahren aus meinem Vaterlande in Thracien gelocket / theils des berühmten Zamolxis von dem Pythagoras gelernete / und zu denen Druyden und biß zu denen Hyperborischen Völckern von ihm gebrachte Weißheit zu begreiffen; theils auch mich umb das Glücke zu bewerben / daß ich durch meine Aufopferung zum Gesandten der Thracier an den Halb-Gott Zamolxis erkieset werden möchte. Das Looß fugte auch meinem Verlangen; weil ich aber ein Ausländer war / ward ich von dem Glücke eines so herrlichen Todes und eines ewigen Nachruhms verdrungen. Ich wendete mich hierauf nach Athen; weil ich aber daselbst die wahre Weißheit / welche der Jude Pherecydes des Pythagoras Lehrer in Griechenland bracht / in die Striche des immer weinenden Democritus / und in die Spitzfindigkeiten des Protagoras verwandelt fand / fuhr ich in Syrien /verrichtete ein gantzes Jahr meine Andacht in dem heiligen Tempel der Juden zu Jerusalem / darein mir aber nicht ehe der Eingang verlaubt ward / als biß ich nach dem Beyspiele des Pythagoras mich beschneiden / und wie jener seine Tochter Sara / also ich mich Moses nennen ließ. Von dar kam ich in Epypten / und nach einer sieben Jahr mit dieses Landes Priestern gepflogenen Verträuligkeit reisete ich nach Cyrene / aus welcher Stadt alleine so viel Welt-Weisen / als aus gantz Griechenland kommen seyn sollen. Daselbst habe ich den Verführer Aristippus angetroffen. Ob nun wohl diese Stadt noch von des alten Aristippus gelehrten Uppigkeiten angesteckt ist / also / daß man daselbst keinen Wein ohne eingemischten Balsam trincket / und auch Mägde sich mit dem köstlichsten Veilgen-Oel und Rosen-Salbe einbisamen; also ihnen Plato einiges Gesetze zu geben sich nicht unbillich geweigert hatte; so waren doch seine Unterfangungen so abscheulich / indem Ehbruch / Blutschande / unnatürliche Brunst die geringsten Laster waren / welche dieser geile Bock und unverschämte Hund der albern Jugend durch seine verda te Lehre und ärgerliches Beyspiel eingeflöst hatte / daß er in Hafft genommen /und als ein Knecht seiner schändlichen Begierden mit seiner von garstigem Unflathe der Unzucht stinckenden Gefertin der Hure Cyrene / welche darinnen zwölff neue Stellungen erfunden zu haben sich rühmte / und ein zauberisches Kraut verkauffte / welches zu siebentzigmaligem Beyschlaf fähig machte / zum Creutze verdammt. Weil aber zu Cyrene die obrigkeitliche Macht denen Lastern nicht gewachsen war /wurden diese zwey Ubelthäter von einem Hauffen verwegener Buben dem Scharffrichter aus den Händen gerissen / und durch ein fertiges Schiff entführet. Ich nahm von Cyrene als einer Spiel-Tonne aller Laster zeitlich meinen Abschied / und bin für acht Monden zu Metapont ankommen / alldar ich in Beschauung des von dem Pythagoras bewohnten / und zu seiner Zeit stets mit sechs hundert Schülern angefüllten Ceres-Tempels / und anderer[460] heiligen Alterthüme zubracht / auch selbst noch unterschiedene geheime Anmerckungen von dem Oenuphis und Souched / die Pythagoras zu Hieropolis gehöret / und von dem Ezechiel / welcher ihn zu Babylon unterwiesen / wie auch von seinen Nachfolgern dem Zelevcus / Charonda /und Archytas zu meinen Händen gebracht habe. Von dar haben mich zwey bekandte Egyptische Priester mit anher nach Rom gebracht / und mir nebst zwey andern hier gefundenen deutschen Druyden / weil sie meinen / daß wir eben wie sie / die Isis anbeten / und ihr Schiff verehren / und von den von mir gerühmten Pythagoras hochhalten / dieses kleine Heiligthum erlaubet haben. Weil nun meine Sorgfalt die Lehren hiesiger Weltweisen zu erforschen mich angetrieben /bin ich auch hinter den Betrug des verführerischen Aristippus kommen / und weil mir deine Gestalt etwas Deutsches zu seyn geschienen / man mir auch ehegestern gesagt / daß du ein Sohn des deutschen Feldherrn Segimers wärest / hat mein hertzliches Mitleiden mich so kühn gemacht / daß ich auch mit meiner Gefahr dich aus dem Abgrunde des Verderbens zu reissen entschlossen. Hiermit fing er an: Das wahre Wesen / die väterliche Vorsorge und Versehung Gottes / die Unsterbligkeit der Seelen / die Bestraffung der Bösen / die Belohnung der Frommen / die Schätzbarkeit der Tugend / die Freudigkeit eines guten / die Qvaal eines lasterhafften Gewissens aus unumstoßlichen Gründen wider des Epicurus und Aristippus verdammte Lehre auszuführen; ja diesen Betrüger selbst aus des Epicurus eigenen Sätzen zu widerlegen; iedoch um vielleicht der Schwachheit meiner Jugend zu helffen / der Wollust so ferne das Wort zu reden / daß ihr mäßiger Genieß mit der Tugend keine Todfeindschafft hegte / jene aber wie die Ehefrau zu lieben /diese wie ihre Magd zu dulten wäre. Nach diesem Beschluß dieser seiner heilsamen Lehre umarmte mich Sotion auffs neue / und beschwur mich bey denselbigen Geistern meiner frommen Ahnen / daß ich von ihrem heiligen Gottesdienste / von den heilsamen Sitten meines Vaterlandes / und von dem Pfade der Tugend keinen Fußbreitt absetzen / und den Aristippus furchtsamer als Schlangen und Nattern fliehen solte; wo ich mich nicht in eine ewige Pein gestürtzet / und mein altes Geschlechte erloschen wissen wolte.

Das Hertze schlug mir bey währender Rede wie die Unruh in einer Uhr; das innerste meiner Seele ward gereget / und mich bedünckte nicht so wohl einen Menschen / als einen Gott zu hören. Daher verfluchte ich den Aristippus / und verschwur seine Schwelle ni ermehr zu betreten. Die andern zwey Druyden kamen immittelst auch darzu / liebkoseten mir auffs freundlichste / und waren bemühet mich mit tausend guten Lehren wider die Versuchungen der Wollust auszurüsten. Worüber ich mich derogestalt vergnügt befand / daß ich mit ihnen das ohne Auffsetzung einigen Fleisches aus lautern Kräutern und Gesäme bereitetes Mittags-Mahl einnahm. Uber dieser Mahlzeit reitzte mich mein Vorwitz zu fragen: Ob alle Druyden sich des Fleisch-Essens enthielten / und ob sie es aus der vom Pythagoras herrührenden Meinung thäten /daß der Verstorbene Seelen in den Thieren wohneten? Der eine Druys / von Geburt ein Celte / verjahete /daß sich alle erleuchtete Druyden des Fleisches enthielten / iedoch nicht aus angezogener und vielen noch zweiffelhafften Ursache. Wiewohl diese Meinung längst für dem Pythagoras von denen Nord-Völckern angenommen / und insonderheit vom Zamolxis fortgepflantzet worden. Wenn diß zweiffelhafft ist /wundere ich mich / daß sich die Druyden des Fleisches enthalten / da doch die sonst so strengen Stoischen Weltweisen solches essen / und Diogenes so gar rohe Fische zu essen sich nicht gescheuet hat. Sotion fiel ein: Bey mir hat die Wanderung der Seelen in Thiere keinen Zweiffel.[461] Aber auch ausser dem halte ich für mehr wunderns-werth / daß iemahls ein Mensch eines Thieres Aaß nur anzurühren / ja gar ihrer tödtlichen Wunden Eyter / oder der Gebeine Marck auszusaugen und das Blut ihrer Adern zu essen sich erkühnet habe? Welches ich nichts anderm als dem Mangel des Getreydes in der sich mit Eicheln speisenden ersten Welt zuschreiben kan; Weil ich angemerckt: was viel Menschen für einen Eckel für noch nie gesehenen Krebsen / Schild-Kroten / Meer-Spinnen und Austern gehabt / welche doch der kostbaren Taffeln niedlichste Speisen sind. Sonder Zweiffel haben auch die / welche zum ersten ihre Schwerdter in Menschen-Blut getauchet / mit Tödtung der Thiere /und zwar anfangs grimmiger Tyger / wilder Schweine / schädlicher Bären den Anfang gemacht / biß die der Grausamkeit gewohnte Menschen / nach Art der Athenienser / welche zum ersten den Verleumder Epitideus getödtet / hierdurch aber den tapfern Theramenes und weisen Polemarchus zu tödten gelernet haben / auch zu den frommen Lämmern und nützlichen Rindern kommen sind. Dahero auch Empedocles den Griechen / und der Römische Rath Ochsen und Küh zu schlachten / ja auch den Göttern zu opffern ihrer Nutzbarkeit halber vor Alters verboten hat. Mich bedüncket auch / ja meine Natur sagt mirs gleichsam /daß sie nicht nur unter den Menschen ein Band der Liebe / sondern auch zwischen Menschen und Vieh zum minsten eines des Friedens und des Mitleidens gestifftet habe. Die Elephanten lassen von sich keine geringe und schlechte Merckmahle der mit uns gemein habender Vernunfft blicken. Die Papagoyen und Schalastern thun uns so gar die Sprache nach; Zwischen uns und den Affen ist eine ziemliche Aehnligkeit. Weßwegen zu Athen auch auff eine Straffe gesetzt war / die nur einem lebenden Widder die Haut abzohen. Ich brach hier ein: Fressen doch aber Löwen / Bären / Wölffe und Crocodile die Menschen / und zerreissen also dieses vermeinte Bündniß der Natur. Sotion antwortete: Vermuthlich haben es ehe die Thiere von denen einander selbst fressenden / und also grimmigern Menschen / als diese von jenen gelernet; Wiewohl die Menschen die Vernunfft von dem abhalten solte / was die unvernünfftigen Thiere aus grossem Mangel oder aus Rache zu thun genöthiget werden. Zudem tödten wir mehr zahmes als wildes Vieh. Wir essen keine Drachen / Löwen / keine Tiger noch Wölffe; hingegen verschwenden wir tausend Lerchen auf einer gethürmten Schüssel; Wir erwürgen auf ein Gastmahl die Fasanen zu hunderten / und können ohne unzehlbare Leichen nicht so wohl unsere grimmige Magen / als unsere unbarmhertzige Augen sättigen; und lassen uns weder der Vögel Blumen und Tapezerey wegstechende Schönheit / noch ihre und der Schaffe umb Erbarmniß bittende Sti e von unser Blutbegierde abwendig machen / sondern ermorden die edlen Phönicopter / die wunderschönen Pfauen /daß wir nur von jener hunderten einen einigen Bissen niedlicher Zungen / von diesen eine Schale Gehirne haben; Von dem Scarus-Fische und Hechten essen wir nur die Lebern / von den Murenen nur die Milch / und in einem Löffel verschlingen wir hundert Seelen mit hundert Sonnen-Fischen; welche wir nur deßwegen nicht grösser wachsen lassen / wormit unsere Verschwendung nicht zu wenigen Thieren das Leben und Licht auslösche; da doch ein iedes unter diesen / ja auch eine Fliege ihrer fühlenden Seele halber edler /als die Sonne ist. Wer wolte sich aber erkühnen den allerkleinesten Stern auszulöschen / wenn es schon in seinem Vermögen stünde? Ja wir mästen nicht nur die unschuldigen Thiere zu ihrem Tode / wormit wir selbte nicht aus einem Eyfer / sondern mit gar gutem Vorbedacht zu schlachten scheinen. Wir kappen oder entmannen sie auch /[462] wormit sie selbst unserer Lüsternheit so wohl feister werden / als ihre ausgeschnittene Glieder uns zum Zunder der Geilheit dienen; da doch unser enger Mund keinen scharffen Schnabel / noch einen weiten Rachen; keine lange Zähne / die Nägel keine spitzige Kreilen / der Leib keine so grosse Stärcke / und der Magen keine so kräfftige Verdäuung hat / daß wir zu Umbring- und Verzehrung des Viehes geschickt wären. Daher nicht nur solch Fleisch gesotten / gebraten / mit Eßig gebeitzt / sondern auch nicht anders / als eine zu begraben nöthige Leiche mit Morgenländischem Pfeffer / Zimmet und Muscaten eingewürtzet / und unserm Magen verdäulich gemacht werden muß. Wiewol auch das auffs beste zugerichtete Fleisch eben so wohl als der Wein zwar den Leib stärckte / das Gemüthe aber entkräfftete; Also / daß dieses wie ein angefülltes Ertzt-Geschirre nicht klingen / wie ein mit Feuchtigkeit überschwemmtes Auge nicht sehen / und die umwölckte Sonne nicht leuchten könte. Wie viel mehr Abbruch muß nun die Seele und der Verstand leiden; da man wie alle andere also auch diese Speise nicht zur Nahrung / sondern zu Erregung kützelnder Begierden zurichtet. Die fremden Fische ersäufft man im Cretischen Weine; die Indianischen Hüner ersteckt man in ihrem eigenen Geblüte; die Schweine tödtet man mit glüenden Eisen / daß man zugleich ihres Fleisches und Blutes genüsse; ja daß man mit beyden auch die vermischte Milch und den Safft unzeitiger Früchte schmecke / tritt man denen trächtigen Bär-Müttern auff ihre Eiter und tödtet sie. Zu geschweigen / daß diese Fleisch-Begierde ein Wegweiser gewesen / daß nicht nur etliche wilde Völcker ihre verstorbene Eltern und Freunde verzehret haben / sondern auch noch etliche ihre Gefangenen schlachten und essen. Hingegen haben nicht nur viel Weisen / sondern gantze Völcker eine eingepflantzte Abscheu für vielerley Fleische bey sich empfunden; massen die Juden keine Schweine und Hasen / die Egyptier keinen Ibis / die Indier keine Kuh / die Syrier keine Fische und Tauben essen / und allhier zu Rom Jupiters Priester kein rohes Fleisch nur anrühren darff.

Mit diesen und andern Gesprächen brachten wir die Zeit biß auf den Abend zu / da ich denn allererst mit vertrösteter Wiederkehr Abschied nam; auf dem Morgen aber vom Lucius verlacht ward / daß ich des vorigen Tages Lust / welcher bloße Erzehlung mir eine grosse Abscheu für so viel unnatürlichen Uppigkeiten erregten / versäumet hätte. Dieser lag mir hernach beweglich an / daß ich folgenden Abend sie zu dem Aristippus vergesellschafften möchte / welcher allbereit hundert edle Römische Jünglinge in sein geheimes Heiligthum auffgenommen hätte / und sie selbige Nacht dem Bacchus und der Venus einsegnen wolte. Ich mühete mich möglichst / den Lucius von fernerer Besuchung des Aristippus / insonderheit aber von der vorhabenden Einweihung abzuhalten. Alleine / weil die Wollust zwar einen schlüpffrigen Eingang / aber einen mit zähem Leime beworffenen Ausgang hat /oder ihr Gifft die Vernunfft gantz einschläffet / wolte Lucius ihm weder eines noch das andere erwehren lassen / sondern schützte sich sonderlich damit / daß der Käyser August zu Athen sich der viel verdächtigern Ceres einsegnen zu lassen kein Bedencken gehabt hätte; ja derogleichen Einsegnungẽ / ob sich schon selbte mit der Wollust vermählten / doch Beweißthümer der Unschuld / und den Göttern angenehm wären. Also verfügten sich Cajus und Lucius zum Aristippus / ich aber noch vorher mit einer hefftigen Empfindligkeit zu meinem Sotion / welcher mir meinen Unmuth alsofort ansahe / und um die Ursache fragte. Weil ich nun einem so heiligen Manne nichts zu verschweigen getraute / eröffnete ich ihm mein Mitleiden über das Verderben der zweyen jungen Fürsten Cajus / Lucius / und hundert anderer edlen Jünglinge. Sotion erstarrte[463] über dieser Zeitung / und über eine Weile fing er erst an: Ist es nicht einerley Missethat einen ersäuffen /oder einen Ersauffenden / wenn man kan / nicht aus dem Wasser ziehen? Ich finde mich in meinem Gewissen verpflichtet der Obrigkeit des Aristippus schreckliche Einweihung zu entdecken / welche nicht ohne grausame der Natur selbst widerstehende Laster geschehen kan. Ob nun zwar ich und beyde andere Druyden hierbey allerhand Bedencken hatten; war doch Sotion nicht zu erhalten / sondern eilte zum Bürgermeister Lucius Cornelius / erzehlte ihm des Aristippus gantzes Leben / und sein Fürhaben; iedoch verschwieg er / daß unter der Römischen Jugend /welche er selbige Nacht der Hölle verloben wolte /des Käysers Enckel wären. Cornelius wolte anfänglich dem fremden Sotion wenig Glauben beymessen /die fürstehende Gefahr aber und Sotions unerschrockene Betheurung überredete ihn endlich / daß er zwar den Sotion in Verwahrung behalten ließ / er selbst aber zum Käyser sich verfügte und ihm fürtrug: Es wäre ein ärgerer Ausländer in Rom / als derselbe Grieche / welcher für hundert und zwey und achzig Jahren in Hetrurien / hernach in die Stadt eingeschlichen wäre / das schändliche Feyer des Bacchus ins geheim eingeführt / den Minius und Herenius Cerrinius zu Priestern / die Puculla Minia zur Priesterin eingeweyhet / und biß sieben tausend Männer und Weiber durch Unzucht / Mord / Gifft und tausend schreckliche Laster dem Bacchus verlobet hätte. Weil nun auff damahlige Anzeigung der Freygelassenen Hispala und des jungen von seiner eigenen Mutter Duronia der Hölle gewiedmeten Ebutius wider alle Verschwornen mit Schwerdt und Feuer verfahren worden wäre; wäre kein Augenblick zu verspielen / wormit diesem noch abscheulicherm Ubel vorgebeuget würde. Augustus billichte des Bürgermeisters Gutachten / und befahl dreyen Hauptleuten / daß sie mit einem Theile der Leibwache des Aristippus Garten in aller Stille besetzen / von der Seite der Tiber selbten ersteigen / die Gebäue auffbrechen / das Fürhaben der darinnen Betretenen erforschen / und selbte / insonderheit aber den Aristippus in Hafft nehmem solten. Dieser Befehl ward wegen des in dem Lusthause mit Paucken und Hörnern verübten Getümmels so unvermerckt volbracht / daß die Wache ohne einigen Menschens Warnehmung in den grossen Saal kam / darinnen ein Auffzug des Bacchus uñ der Venus von eitel nackten Jünglingen und Weibern mit abscheulich-garstigen Unzuchts-Bildungen gehalten ward / Aristippus aber /dessen Leib keinen Finger breit / ausser das Haupt mit einem Reben- und Myrten-Laubenen Krantze bedeckt war / einen auff dem Altare stehenden Priapus mit Weine bespritzte / und zu seiner teufflischen Einsegnung den Anfang machte. Cajus selbst bildete den Bacchus / die geile Cyrene die Venus / und Lucius den Cupido ab. Es ist leicht zu ermessen / was die Leib-Wache über Erblickung dieser beyden Fürsten /diese Versammlung aber über dem Eintreten der Wache für Schrecken überfallen habe. Cajus und Lucius wolten durch ihr hohes Ansehn / die andern durch Herfürsuchung der Waffen die Wache abweisen; aber der angedeutete Käyserliche Befehl / und die für Augen stehende Macht schlug aller Hertzen zu Bodem; wo anders wollüstige Leute noch eins in ihrem Busem haben. Sintemal kein Messer so sehr /als Geilheit einen Menschen zu entmannen fähig ist. Dem Cajus und Lucius wurden allein ihre Kleider gereicht / und auff einem Wagen nach Hofe gebracht. Aristippus aber ward mit drey hundert andern beyderley Geschlechtes so / wie sie betreten wurden / fortgeschlept / und eintzelich in die Gefängnisse gesperret. August erschrack über seiner Enckel Verbrechen so sehr / daß er etliche Nächte nicht schlaffen konte / und etliche Tage keinen Menschen / als Livien vor sich ließ / welche sich über[464] des Cajus und Lucius Verfallung im Hertzen erfreuete. So boßhafft ist die Ehrsucht / daß sie mit eigner Boßheit sich empor zu schwingen, andere aber mit ihrer in Abgrund zu drücken vor hat. Der Käyser befahl endlich nach langem Nachdencken: Man solte den Aristippus / Cyrenen und alle ihre Gefährten / wie auch die Mohrischen Weiber und Knaben im Kercker erwürgen / ihnen Steine an Hals hencken / und sie des Nachts in die Tiber werffen. Nachdem auch August selbst dem Cajus und Lucius das Gesetze geschärfft / und ihnen bey nachbleibender Besserung die Verweisung in das ungesunde Sardinien angedräuet hatte / wurden sie /und zwar / wormit das Verbrechen nicht einem Ubersehen an dem andern gestrafft zu werden schiene / alle Römische Gefangene loß gelassen. Alle Epicurische Weltweisen wurden aus Rom und Italien verbannet. Sotion hingegen kam bey den Römern in grosses Ansehen / und beym Käyser in solche Gnade / daß er die Weißheit öffentlich lehren / die Druyden auch den halbzerstörten Tempel der Bellona / weil man darinnen viel mit Menschenfleische gefüllte Töpffe gefunden hatte / ergäntzen / und für sich und andere Ausländer ihren gewohnten Gottesdienst üben dorfften. Denn den Römischen Bürgern wolte der Staatskluge August weder diesen noch einigen andern fremden zulassen. Cajus und Lucius faßten mich zwar in Verdacht / als wenn von mir Aristippus und sein böses Beginnen angegeben worden wäre / aber der Käyser hatte dißfals selbst Sorgfalt für mich; indem er durch einen mir in ihrer Anwesenheit gegebenen empfindlichen Verweiß / daß ich auch des Aristippus Verleitung gefolget hätte / mich aus dem gefaßten Argwohne klüglich versetzte.

Cajus und Lucius wurden durch diese Begebniß genöthiget ihre Unart zwar zu verbergen / aber nicht mächtig sich selbter zu entäussern. Denn die in dem Hertzen eingewurtzelten Laster sind schwerer als Unkraut aus geilem Erdreiche auszurotten. Ja die Menschen haben durchgehend mehr den Firniß / als das Wesen der Tugend an sich. Dahero denn beyde junge Fürsten / als der Eyfer des Käysers verrauchte / und seine gewohnte Leutseligkeit zu ein und anderm Fehler ein Auge zudrückte; insonderheit aber das Beyspiel des Hofes und die kuplerische Heucheley sie wieder auff die alten Wege verleitete / sie dem Athenodor zwar ihre Ohren; aber denen Wollüsten ihre Hertzen verliehen. Wormit aber meine Zunge nicht scheine ein Register fremder Schwachheiten zu seyn /und daß ich mich mit anderer Kohlen weiß brennen wolte / will ich alleine diß / worvon zugleich mein Glücks-Fadem gehangen / berühren. Lucius war durch des Aristippus Verleitung so verwehnt / daß er gleichsam für allem weissen Frauenzimmer eine Abscheu / zu denen Morischen aber einen hefftigen Zug hatte. Daher er ihm etliche schwartze Sclavinnen kauffte / selbte in einem Garten unterhielt / und sich diesen Mägden zum Knechte machte. Es trug sich aber zu / daß König Juba / welchem August die junge Cleopatra vermählt / und das Königreich Numidien wegen seines Vaters Juba ihm geleisteten treuen Beystandes eingeräumet hatte / seine Tochter Dido nach Rom schickte / um die Römischen Sitten zu fassen /und bey dem Käyserlichen Hause sich beliebt zu machen. Diese war eine Fürstin von sechzehn Jahren; aber von reiffem Verstande. Sintemal die Einwohner der heißen Länder ohne diß tieffsinniger / als kalte Völcker / diese hingegen hertzhaffter / als jene seyn sollen. Sie war zwar ihrer Numidischen Landes-Art nach schwartz; aber die Anmuth leuchtete ihr aus den Augen / die Freundligkeit lachte auff ihrem Munde; dessen Lippen nicht nach Morischer Art auffgeworffen / sondern wie alle andere Glieder ihr rechtes Maaß und ihre vollkommene Eintheilung hatten. Lucius hatte diese Fürstin so geschwinde nicht gesehen /als die Kohlen ihres[465] Leibes seine Seele in Brand und Flamme versetzten. Diesemnach er sich aller andern Vergnügungen entschlug / und seine vorhin auff tausend Gegenwürffe zerstreuete Neigungen gegen der Dido als in einen Mittelpunct zusa en zoh; also ihr anfangs durch Höfligkeit seine Freundschafft / hernach durch Seufzer und andere stumme Beredsamkeiten seine Liebe zu verstehen gab; endlich durch ersinnlichste Auffwartungen ihre Gewogenheit zu erwerben bemühet war. Unter andern fugte ihm das Glücke / daß als der Hoff der Käyserin Livia Geburts-Tag feyerte; ihm die Dido zu bedienen durchs Loß zufiel. Der Auffzug geschahe des Abends auff der Tiber. Des Käysers Schiff war gebildet wie ein Ochse / welcher von denen verborgenen Rudern unter dem Wasser derogestalt beweget ward / gleich als er durchs Wasser schwimme. Livia saß in Phönicischer Tracht oben an dem Halse wie eine Königin in Purpur gekleidet / und mit vielen tausend Diamanten gekrönet. Sie hielt sich an eines seiner güldenen Hörner an /welche mit vielem Blumwercke umkräntzt waren. August stellte den Jupiter für / Mecenas den Apollo / Terentia die Venus / und andere Römische Raths-Herren und Frauen die andern Götter / welche auff allerhand Art Livien bedienten. Die Heldinnen aber preiseten durch allerhand Lob-Gesänge die von Jupiter auff einem eben so gebildeten Schiffe geraubete Europa /und verblümeten hierunter / wie August auch dem Tiberius Nero Livien / und zwar noch schwanger / aus seinem Bette genommen habe. Cajus führte die junge Livia des Drusus Tochter auff einer Muschel / er selbst bildete die Sonne für / welche mit ihren Stralen sie schwängerte / und Livia die Venus / welche gleich gebohren und von denen um sie herumschwimmenden Meer-Göttinnen fortgestossen / von denen geschwäntzten Sirenen aber ihre Schönheit und Lust singende gerühmet ward. Lucius aber stellte den Wein-Gott / und Dido eine schwartze Venus / oder vielmehr die Schiffarth des Antonius / und ihrer Großmutter Cleopatra nach Cilicien für. Denn seines Schiffes Vordertheil war auffs zierlichste gemahlet /das Hintere gantz vergüldet / die Segel aus Purpur /die Ruder versilbert / welche von eitel Satyren nach dem Falle der von zwölff Heldinnen gespieleten Lauten und andern lieblichem Gethöne bewegt wurden. Auff dem Schiffe war um den Mast herum ein Gold-gestecktes Zelt auffgespannt / die Seiten aber unten entblösset / daß man darunter die Fürstin Dido in Gestalt der schwartzen Arcadischen Venus / welcher zwölff kohlschwartze Liebes-Götter mit Pfauen-Schwäntzen Lufft zufachten / und den Fürsten Lucius in Gestalt des gekrönten / und auff einem zweyerley Wein von sich spritzenden Fasse sitzenden Bacchus /welchen zwölff Bachen mit Schalen bedienten / sehen konte. Zwölff andere Mohren sassen und streuten in die mit glüenden Kolen gefüllten Rauchfässer Weyrauch; zwölff Mohren-Weiber aber spritzten allerhand wohlrüchende Wasser und Balsame umb sich. Das Schiff war mit etlich tausenden allerhand Bildungen fürstellenden Wachs-Lichtern besteckt / und an der Spitze des Mastbaumes waren mit eitel Flammen die Nahmen Lucius und Dido / an dem Hintertheile des Schiffes / Bacchus und Venus / an dem Vordern / Antonius und Cleopatra ausgedrückt. Mit einem Worte: Gantz Rom hielt des Lucius Auffzug für den allerprächtigsten. Bey diesem nun hatte Lucius überflüßige Gelegenheit der Dido seine Liebe fürzutragen / und um die ihrige sich zu bewerben / weil er / wenn schon etwas von ihr für eine zu kühne Freyheit auffgenommen werden möchte / alles mit dem übernommenen Schau-Spiele entschuldigt werden konte. Dido muste dem Käyser zu gefallen / und diesen Auffzug nicht zu verstellen /[466] umb mehr / als sie vielleicht im Hertzen gemeint war / dem Lucius liebkosen. Wiewohl auch die Ehrsucht ihm das Wort redete; indem Dido sich niemahls höher / als an diesen vermutheten Erben des Käysers / und des halben Römischen Reichs / hätte vermählen / oder zum minsten ihre väterliche Krone Numidiens in Africa ansehnlich vergrössern können. Zu dieser Hoffnung schien ihr nicht wenig zu dienen die Heucheley des an dem Ufer der Tiber als Mauern stehenden Volckes / welches dem Lucius und der Dido tausend Lob-Sprüche und Glück-Wünsche zuruffte. Folgende Tage war der Dido Gebehrdung gegen ihn zwar viel laulichter; nichts destoweniger unterhielt sie ihn mit möglichster Höffligkeit / also /daß solcher Nachlaß mehr einer behutsamen Klugheit / als einer kalten Ungewogenheit ähnlich zu seyn schien. Daher sich Lucius unschwer selbst gar bald beredete / daß der Dido Hertze gegen ihn nicht weniger Feuer / als seines gegen ihr hegete. Denn ob wohl sonst das Frauenzimmer hierinnen leichtgläubiger /die Männer aber mißträulicher sind; sintemahl diese die Klugheit warniget / jenes aber das grosse Vertrauen auff ihre Schönheit / und die gewohnte Anbetung auch derer / die sie zu lieben ihnen nie träumen lassen / verleitet; so bildete ihm Lucius dißmahl aus einer Schwachheit des noch unreiffen Verstandes / oder in Meinung / daß alle Weiber der Welt zu Sclavinnen eines jungen Käysers gebohren / oder er vollkommener / als niemand in Rom wäre / diß festiglich ein /ohn welches er sich nicht glückselig schätzen konte. Alldieweil denn Liebe eine so gewaltsame Regung ist / daß sie die Seele peinigt / das Hertze ängstigt / die Vernunfft verwirret / des Willens sich bemächtigt /und also den Menschen auser sich selbst versetzt und in ihm nichts minder feind als unvorsichtig macht; konte ich und andere / insonderheit die schlaue Livia dem Lucius die Heimligkeit seines Gemüths gar leicht an der Stirne ansehen / und in seinem Gesichte lesen. Denn die Bläße des Gesichtes / die Seuffzer des Hertzens / die verworrene Umbschweiffung der Augen sind allzu geschwinde Verräther der Verliebten. Livia / welche nichts lieber wünschte / als daß Lucius und Cajus durch seltzame Vergehungen des Käysers unmäßige Gewogenheit verspielen / und des Römischen Volcks Haß auff sich laden möchte / goß sie / so viel an ihr war / Oel in diß Feuer / und that des Lucius wahnsinniger Liebe allen Vorschub. Dido wuste hingegen meisterlich eine angebehrdete Liebhaberin gegen dem Lucius fürzustellen. Denn ob es zwar sonst leichter ist / aus etwas nichts / als aus nichts etwas zu machen / so ist es doch theils der Boßheit /theils der Klugheit nicht so schwer / eine falsche Liebe zu richten / als eine wahrhaffte zu verbergen. Massen auch der Leib schwerer eine schmertzhaffte Wunde verbeisset / als er sich verwundet zu seyn stellen kan. Unterdessen ward doch ich / weil mich Lucius insgemein mit zu seiner geliebten Dido nahm / ich weiß aber nicht / aus was vor Anlasse so scharffsichtig / daß mir Didons Bezeigungen gegen dem Lucius eine blosse Larve der Liebe zu seyn schien. Hierinnen ward ich von Tage zu Tage immer mehr gestärckt / weil ich sahe / daß Dido in seiner Anwesenheit mir nicht viel kältere / in seinem Abseyn aber viel nachdrücklichere Bezeugungen that. Weßwegen mich auch meine Einfalt verleitete / daß ich dem Lucius meine Muthmassung offenhertzig entdeckte / und ihn von so heisser Brunst gegen einen so schwatzen Schatz abwendig zu machen mich erkühnte. Lucius aber verlachte mich als einen / der in Ergründung der Liebe ein Kind / und ein unfähiger Richter über die Schönheit wäre. Wenn mein Hertze von jener / und meine Augen von dieser etwas verstünden / würde ich bekennen / daß die eine wahrhaffte Enckelin derselben[467] Cleopatra wäre / welcher ihrer viel ihr Leben willig auffgeopffert hätten / um nur eine einige Nacht ihrer Liebe zu geniessen. Und ihm solte seines eben so wenig gereuen / wenn er bey der Dido gleicher Glückseligkeit fähig würde. Ich versetzte zwar: Rom würde solcher Gestalt bald öde / und die Welt Männerarm werden / wenn so schwartze Gottheiten Menschen-Opffer verdienten. Denn die Schöneren würden so denn zu ihrer Versöhnung gantze Städte zu ihrer Abschlachtung verlangen. Er wüste zwar / daß nichts Schönes so schön / als diß / was man liebte / wäre; weil die Einbildung Apellens Pinsel beschämte / und die Gewonheit selbst das Urtheil der Natur verdammte. Daher auch von Hiberniern die Sprenckeln / von Thraciern die Mahle / von Mohren die pletschichten Nasen und von den Einwohnern der Insel Taprobana die langen durchlöcherten Ohren für einen Ausbund der Schönheit gehalten würden. Alleine diese Einbildung könte der wahren Schönheit so wenig / als die nächtliche Finsterniß der Klarheit der Sternen Abbruch thun. Weniger Menschen seltzames Urthel könte die Schwärtze so wenig zu einer Vollkommenheit / als ein Bildhauer einen Stein oder Baum zum Gotte machen. Es würde aber besorglich in kurtzer Zeit dem Lucius mit seiner Mohrin / wie der etwas verlebten Helene mit ihrem Spiegel gehen /welche mit heissen Thränen beweinte / daß er ihr Antlitz nicht so schön wie vor zehn Jahren abbildete. Denn wie die neidische Zeit Helenen gleichsam selbst der Helene raubte; also wird eine andere Schönheit und ein reifferes Urthel der Dido in den Augen des Lucius bald eine andere Farbe anstreichen. Mit diesem Zwiste brachtẽ nicht nur wir beyde offtmahls viel Zeit zu / sondern Cajus schlug sich auch zu mir / welcher sich inzwischen in eine schöne Cimbrische Sclavin verliebt hatte / und selbte seine schöne Clytemnestra hieß / weil sie so schneeweiß war / als wenn sie ebenfalls / wie jene und Helena aus einem von der Leda gelegtem Ey geschälet worden wäre. Insonderheit verfielen sie einmahl in Servilischen Gärten mit einander in diesen Wort-Streit / allwo in einem Gange die Andromeda aus schwartzem / und Helena aus weissem Marmel einander gegen über standen. Da denn Cajus für die Farbe seiner Buhlschaft anführte / daß selbte die Leib-Farbe nichts minder der Hoheit / als Schönheit wäre. Daher sie die Alten der Soñe gewiedmet; Pythagoras seinem Gotte ein schneeweisses Gewand zugeeignet / der grosse Alexander nur eine weiße Krone getragen / die Indianer aber solche Fahnen für ein Kennzeichen der Freundschafft / und fast alle Völcker für ein Merckmal des Friedens erkieset hätten. Die weiße Farbe verdiente auch nur alleine den Nahmen einer Farbe / oder weil alle andere von ihr den Ursprung nehmen / zum minsten den Ruhm /daß sie aller Farben Mutter wäre / als welche aus Vermischung des Lichtes und des Schattens ihren unzehlbaren Unterscheid bekämen. Hingegen wäre die Schwärtze die abscheuliche Leichen und Todten-Farbe / ja sie verdiente nicht einst diesen Nahmen; denn sie wäre an sich selbst nichts wesentliches / sondern wie die Finsterniß der Nacht ein blosser Mangel des Lichtes / oder vielmehr der Tod aller andern Farben / ein Schatten der Hölle / und daher eine Andeutung des Unglücks. Weswegen die Scythischen Könige nicht erlaubten / daß ihnen einiger schwartzgekleideter ins Gesichte ko en dörffte. Lucius setzte ihm entgegen / die weisse Farbe wäre aller Völcker in Indien Trauerkleid / und eine Schwachheit der Natur. Massen denn alle weißen Thiere viel ohnmächtiger wären als die schwartzen. Der Elefant würde von der ihn blendenden weissen Farbe wilde und wütend; und in Mohrenland mahlte man die bösen Geister nur weiß. Die in dem Schnee wachsenden Kräuter blieben alle bitter / hingegen wäre das schwartze Erdreich das fruchtbarste. In den kaltẽ Nordländern / darein die Natur nichts[468] minder Unfruchtbarkeit / als die Finsternüß verbannt hätte /wären die Bären / die Feldhüner / die Falcken / die Hasen / ja selbst die Raben weiß. Also klebete an allem weissen eine Unvollkommenheit / insonderheit aber ein kalter Geist in weissen Weibern. Dahero sie nur / wie Galathea von einem einäugichten Polyphemus / welcher sein Lebtage nichts schöners als Milch und Käse gesehn und geschmeckt hätte / geliebt zu werden verdienten. Also wunderte er sich nicht / daß in Africa die Bräute noch ihre Hände und Füsse über ihre natürliche Farbe / ja so gar viel Frauenzimmer ihre weisse Zähne / und die Sarmatischen ihre Nägel an Händ und Füssen schwärtzten. Ich ward hierüber gezwungen mich meines Vaterlands und unsers weissen Frauenzimmers anzumassen / und so wohl für jenes Fruchtbarkeit / als dieser Schönheit zu fechten. Als ich nun gleich mit diesen Worten schloß: Weisses Frauenzimmer wäre so ferne dem schwartzen / als der Tag den Nächten / und ein leuchtendes einem verfinsterten Gestirne vorzuziehen; kam eine weisse Taube geflogen / und setzte sich auf das schwartze Bild Andromedens. Welches ich und Cajus / daß die Göttin der Liebe mit diesem ihr heiligem Vogel den Obsieg der weissen Farbe über der schwartzen andeutete; Lucius aber dahin auslegte / daß sie durch ihre dahin befehlichte Taube der schwartzen beypflichtete. Uber diesem unserm Streite streckten die Fürstin Dido und Servilia ihre Häupter hinter dem in selbigem Gange zusammen geflochtenen Laubwercke herfür / allwo sie ihrem Farben-Kampfe zugehöret hatten. Massen denn Dido so wohl mir / als dem Cajus / als so offenbaren Feinden ihrer Leib-Farbe einen gerechten Krieg anzukündigen berechtigt zu seyn sich heraus ließ /wenn ihr eigenes Hertze nicht wider sie einen Aufstand erregt / und der weissen Farbe beygefallen wäre. Mit derogleichen Schertz vertrieben wir die Uberbleibung selbigen Tages. Worbey ich denn aus einigen Geberdungen wahrnahm / daß diß / was Dido zwar schertzweise und mit lachendem Munde wider den Lucius für den Ruhm der weissen Farbe fürbrachte /als meist gar nachdencklich / was ernsthaftes hinter sich verborgen hatte. Wie wir auch von einander Abschied nahmen / und mir Servilia selbst die Hand reckte sie zum Wagen zu führen; sagte sie gemählich zu mir: Flavius ist heute glückselig / daß er mit seiner Schönheit einer Königin Hertz bemeistert / und es ihr zu einem Feinde ihm aber zur Sclavin gemacht hat. Ich konte mich nicht enthalten mich darüber zu röthen; da sie denn fortfuhr: Ich sehe wol / seine weisse Farbe vermähle sich mit einer mitlern / wormit er mit Didons schwartzer so viel leichter zum Vergleich komme. Ich wolte ihr antworten; alleine sie wendete sich mit Fleiß zum Cajus / und verließ mich also in ein weniger Verwirrung. Nach etlichen Tagen stellte Lucius einen Tantz an / darinnen die Farben umb den Vorzug stritten. Ich muste darinnen die weisse vorstellen / er aber vertrat seine beliebte schwartze; welcher auch von dem zum Richter erkieseten Hercules Melampyges / den Marcus Lollius übernahm / ein aus eitel schwärtzlichten Blumen geflochtener Krantz zuerkennt und aufgesetzt / und von denen neun Musen ihr oder eigentlicher der Fürstin Dido ein Ruhms-Lied gesungen ward. Wenige Tage hernach stellte Cajus einen gleichmässigen Farben-Tantz an / welche alle wie Wasser-Nymphen und Meer-Götter aufgeputzt waren; da er mich denn abermals zur weissen / und das Looß die Dido zum Richter der schwartzen Farbe erkiesete / und in der Fürbildung der Cassiopea mir einen von weissen Lilgen gemachten Krantz aufzusetzen gezwungen ward. Hiervon habe ich zu Rom / und folgends so gar in meinem Vaterlande den Nahmen Flavius bekommen / und ist mein wahrer Nahme Ernst dardurch gleichsam gar erloschen. Denn nicht nur Cajus und Lucius kleideten sich und ihre Hofe-Leute nach der Gewogenheit / die jener zur weissen /dieser[469] zur schwartzen Farbe trug; sondern das Römische Volck spaltete sich ihnẽ zu Liebe gleichsam in 2. 3. widrige Farbenbuhler / also / daß in denen Schau-Plätzen mehrmals / insonderheit wenn Cajus und Lucius den Spielen beywohnten / sich hierüber Zwist ereignete / und ein Theil dieser / das ander Theil der andern Farbe so wohl mit ihren Kleidern als Ruhmsprüchen beypflichtete. Diesemnach der Käyser selbst dieser weit aussehenden Uneinigkeit zu begegnen kein klüger Mittel wuste / als andere Farben ans Bret / und in Ansehn zu bringen / und dardurch dem Pöfel entweder seine Eitelkeit zu zeigen / und zu bestillen /oder doch die mehrere Verwirrungen / wie die schwermenden Bienen durch den Rauch zu beruhigen. Er stellte diesemnach Livien an / daß sie einen solchen Tantz hielt / in welchem sie die Farben als Schäferinnen aber mit eitel Sclavinnen aufführte / darunter sie selbst als eine Blumen-Göttin der grünen den Siegs-Krantz aufsetzte. Zuletzt aber folgte ein Tantz von zwölff grün-gekleideten Närrinnen / dardurch sie die Erwehlung einer gewissen Farbe gleichsam als eine Thorheit durchzoh; diß aber darmit vorsichtig verblümet ward / daß zwar die grüne Farbe mit allen andern eine Verwandnüß habe / und also hochschätzbar / ja gleichsam der fruchtbaren Natur allgemeine Leib-Farbe sey / aber doch von der Gewohnheit zum Aufzuge der Narren gebrauchet werde. Servilia hielt auf des Käysers Befehl einen Tantz / darinnen vier und zwantzig Zwerge so viel Farben in Gestalt der Gestirne aufführeten / und nach dem Stande der zwölff hi lischen Zeichen künstliche Stellungen machten. Sie krönete selbst in Gestalt der Juno die blaue Himmel-Farbe mit einem Hyacinthen-Krantze. Zuletzt aber erschienen so viel Todten-Gerippe / welche anfangs die Eitelkeit der ängstlichen Sterbligkeit durch seltsame Geberden abbildeten / hernach aber / welches die zum Tode und Trauren geschickteste Farbe wäre / sich miteinander zancktẽ / endlich die blaue Farbe darzu erwehleten / als welche ohn diß bey den meisten Morgẽ-Ländern die Kleidung der Leidtragenden wäre. Livia / des Drusus Tochter / folgte mit einem Tantze /darinnen sieben Laster sieben Farben fürstellten. Die Heucheley war weiß / die Grausamkeit roth / die Hoffart grün / der Neid blau / der Haß schwartz / die Ehrsucht braun / die Eifersucht gelbe geputzt / und diese ward von dreyen Unholdin zur Königin erwehlet / und ihr Haupt mit gelben Blumen geschmückt. Endlich beschloß Lollia mit einem von zwölff Heldinnen und so viel Liebes-Göttern gehegtem Tantze / darinnen sie nicht so wohl als eine angeberdete als wesentliche Venus / die rothe Liebes- und Herrschaffts-Farbe mit einem Rosen-Krantz beschenckte / welchen aber der Neid / der Haß / die Eifersucht / die Unfruchtbarkeit /als die Tod-Feinde dieser süssen Regung ihr abrissen / und ihr einen Dornen-Krantz aufsetzten.

Bey diesen öftern Versa lungen ließ Dido gegen mir allezeit meiner Einbildung nach etwas blickẽ /welches mich einiger gegen mich tragenden Gewogenheit zu versichern schien / und mir Terentiens Räthsel auslegte. Ich aber / der ich einige Empfindligkeit der Liebe noch nie gefühlet hatte / mich auch nicht des Lucius Eifersucht zu erregen sehr behutsam anstellen muste / begegnete ihr mit einer ziemlich kaltsinnigen Höfligkeit. Den Morgen nach dem letzten Tantze brachte mir ein unbekandter Knabe auf dem Reit-Platze einen Püschel weisser Blumen / daraus ich nach derselben genauer Beschauung folgende Zeilen laß:

Weil der weisse Flavius nichts minder ein Hertze /als ein Vaterland voller Schnee hat; bin ich genau zu glauben veranlaßt worden / daß alles weisse nicht nur unempfindlich / sondern auch ohne Seele sey. Nach dem mir aber diese Blumen den letzten Irrthum benommen / habe ich mich verbunden geachtet ihn durch dieser Lebhaftigkeit zu erinnern / daß nicht alles / was weiß ist / Schnee seyn müsse.[470]

Dieses seltsame Schreiben veranlaßte mich nach dem Uberbringer mich umzusehen / aber er war unvermerckt verschwunden / welches mir so viel mehr Nachdenken machte. Servilia und Didons Augen aber hatten mir bereit einen gar zu guten Vorschmack von Didons Zuneigung gegeben / also / daß ich mir gar geschwinde eine vortheilhaftige Auslegung von der Fürstin Dido Liebe machte. Unterdessen gelüstete mich diese Schrifft wohl zehnmal zu lesen / iedes Wort liebkosete mir in Gedancken / und redete mir gleichsam ein / daß es eine unverantwortliche Unhöfligkeit wäre / einer so annehmlichen Liebes-Erklärung keine geneigte Erwiederũg abzustatten. Ich brachte den Tag in verwirrter Einsamkeit / die Nacht in Unruh zu. Auf den folgenden begegnete mir Dido / als sie mit Livien in den allen Göttern zu Ehren gebauten Tempel fuhr / da sie mir denn noch einmal so schön /und vielmal so liebreitzend / als andere mal fürkam /also daß ich durch einẽ geheimẽ Trieb mich genöthigt befand ihr dahin zu folgen. Sie kniete für dem Bilde der hi lischen Venus / und ließ selbter etliche weisse Tauben aufopfern. Meine Anwesenheit aber stahl der Göttin von Didons Augen mehr annehmliche Blicke ab / als sie derselben oder andere Andacht ihrem Bilde lieferte. Als Livia auch für dem Altare des guten Glückes aufstand / und der Dido ein Zeichen gab ihr zu folgen / sagte diese im vorbeygehen lächelnde zu mir: Sie hätte der Liebe die weisse Taube /welche auf der schwartzen Andromeda Haupte gesessen / geopfert / daß sie mein Hertze von dem Hasse der Schwärtze abwendig machen möchte. Diese Worte begleitete sie mit einer so durchdringenden Anmuth / daß sich meine Seele gleichsam durch eine Zauberey gantz und gar verändert befand. Des Nachts stellten mir die Träume / des Tages mein Verlangen unaufhörlich das Bild der Dido / als einen Anbetens-würdigen Abgott für. Hatte ich sie einen Tag nicht gesehen / dorffte ich mich folgende Nacht keines Schlafes getrösten; hatte sie mich aber ihres Anblicks gewürdigt / so wuste ich meine Freude nicht zu begreiffen. Derogestalt ward mein Leben eine beständige Unruh. Mit einem Worte: Ich war verliebet / und mir lag ein schwerer Stein auf dem Hertzen / welchen ich durch eine der Fürstin Dido auf des Mecenas Vorwerge geschehende Bekäntnüß abzuweltzen vermeynte. Aber der nichts minder brennenden Dido mir statt der Antwort auf meine Stimme gegebener Kuß verwirrete mir vollends alle Vernunft / daß ich noch nicht weiß /was ich damals für Abschied von ihr genommen habe. Meine und ihre Flamme ward in beyden Hertzen immer grösser / also / daß wir sie für dem nichts minder angesteckten Lucius zu verbergen alle möglichste Sorgfalt / und dardurch unser Vergnügung ein grosses abbrechen musten / wo anders die Heimligkeit nicht minder eine Verzuckerung / als ein Zunder der Liebe ist.

Alleine / ist es wohl möglich die Liebe zu verstecken / da das gemeine Feuer durch die festesten Steinklüffte mit ausgespienem Schwefel und Hartzt; ja durch die unergründlichen Meere herfür bricht /und seine Fluthen siedend macht? Lucius / welcher sich umb der Dido Liebe so gar durch verzweifelte Mittel bewarb / kriegte von einer Zauberin die Nachricht / daß einer / welcher seiner Buhlschafft am unähnlichsten wäre / seinem Absehn allein im Wege stünde. Der ohne diß gegen mich argwöhnische Lucius machte ihm hieraus alsofort einen unzweifelten Schluß / daß ich und Dido einander liebeten. Dieser Verdacht machte ihn zum genauesten Aufmercker unser Geberdungen / und hiermit auch zum Ausspürer unser Hertzen. Weil nun die Heftigkeit meines Gemüthes keine mittelmässige Entschlüssungen vertrug /setzte er ihm für / mir das Licht des Lebens auszuleschen / und ihm den Schatten / welcher seiner Vergnügung am Lichte stünde / aus dem Wege zu räumen. Weil er aber wohl wuste / daß der Käyser mir geneigt war / wolte er vor bey der Dido das äuserste versuchen. Diesemnach setzte er als ein Eifersichtiger[471] an sie mit höchster Ungestüm / sagte ihr unter Augen / wie thöricht sie einen frembden Sclaven für einen Römischen Fürsten und besti ten Nachfolger des Käysers liebte / wolte auch ein für alle mal ihre endliche Entschlüssung wissen. Worbey er sich nicht hemmen konte / so wohl Flüche auf mich / als Bedräuungen wider ihren Vater Juba unvernünftig heraus zu stossen. Dido sahe wohl / daß weder Höfligkeit noch bescheidene Antwort diesen verzweifelten Liebhaber beruhigen würde; und weil sie meinethalben am meisten bekümmert war / mühte sie sich nur ihm meine Liebe auszureden / und von mir die besorgliche Gefahr abzulehnen / und für sich alleine Zeit zu gewinnen / sagte ihm also: daß wenn er Bürgermeister zu Rom seyn würde / wolte sie anfangen ihn zu lieben. Denn ehe stünde es ihr als einer Königs-Tochter nicht an. Lucius war mit diesem Versprechen zu frieden /und also bemüht / diese Würde ie ehe ie besser zu erlangen. Also stiftete er an / daß Cajus und er / wiewohl ohne Zulassung des Käufers / in den grossen Schau-Platz kamen / das heuchelnde Volck beyden mit grossem Frolocken und Lob-Sprüchen empfing /auch den Käyser anflehete / daß er diese mit ihrer Tugend den Mangel der Jahre ausgleichende Fürsten aller Würden fähig erkennen möchte. Sintemal August selbst im zwantzigsten / Marius im achtzehenden Jahre Burgermeister worden / Cajus aber beynahe so alt / und Lucius wenig jünger wäre. Hierüber ward Lucius so verwegen / daß er den Käyser offentlich ansprach: Er möchte seinen Bruder Cajus zum Burgermeister erklären; in Hoffnung / daß das Volck ihn so denn zu des Cajus Geferten begehren würde. Der Käyser schöpfte zwar hierüber nicht geringen Unwillen / und sagte: Marius wäre durch Gewalt / er aber aus Noth zu dieser Würde kommen / welche die Väter für dem drey und viertzigsten Jahr iemanden anzuvertrauen verboten hätten; gleichwohl aber machte er den Cajus zum Priester / und dem Lucius erlaubte er zugleich / daß er in den Rath / in die grossen Schauspiele / und in die Gastmahle der Burgermeister mit erscheinen dorfte. Hiermit meynte Lucius der Dido Bedingung schon ein Genügen gethan zu haben. Wie nun der Käyser mit den Fürnehmsten des Hofes sich auf des Lucullus Vorwerge befand / nahm Lucius in dem Garten bey dem grossen Spring-Brunnen Gelegenheit die Fürstin Dido umb ein Merckmal ihrer Liebe anzusprechen; ihr zum Beyspiel fürhaltende /daß sie doch nicht unempfindlicher / als die aus todtem Marmel gehauenen Bilder seyn möchte / welche mit so grossem Uberflusse gesunden Wassers nicht nur die durstigen Menschen labten / sondern auch Blumen und Kräuter erquickten. Die verschmitzte Dido hingegen wolte des Lucius damalige Beschaffenheit für keine Würde eines Römischen Bürgermeisters gelten lassen / sondern wiese ihm eine Marmel-Taffel an dem Umbschrote des Brunnens / darinnen Penelope mit nächtlicher Zurückwebung ihrer Tages-Arbeit / und andern Entschuldigungen ihre Buhler biß ins zwantzigste Jahr aufhielt; Welches den ungeduldigen Lucius derogestalt beleidigte / daß er sich ihr mit heftigster Entrüstung entbrach. Sintemal er mit der ihm vom Käyser erlaubten Freyheit ihm schon die Herrschafft über alles Frauenzimmers Seelen eingeraumt zu seyn einbildete. Zu allem Unglücke begegnete ich ihm ungefehr etliche wenige Schritte von dem Brunnen / da er deñ mir / der ich mich des geringsten Unwillens nicht versah / einen unvermerckt herfür gezückten Dolch in die Seite stach / worvon ich für todt zu Bodem fiel. Dido / welche diß wahrnahm / sprang gantz verzweifelt herzu / riß den Dolch mir aus der Wunde / und gab darmit dem Lucius einen Stich in Hals. Wie nun sie hierauf mich / oder vielmehr meine vermeynte Leiche mit vielen Thränen auf dem Erdboden umbarmte; der junge Agrippa aber den Lucius in der Nähe gurgeln hörte / oder auch wohl den von der Dido dem Lucius gegebenen Stich gesehen hatte /sprang er herzu / zohe dem auf der Erde zappelnden[472] Lucius den Dolch aus der Wunde / und stach ihn der Dido zwischen das Schulterblat hinein. Micipsa / ein die Dido bedienender Edelknabe / ward dessen gewahr; ergrief also seinen Bogen / und verwundete mit einem Pfeile Agrippen in Bein. Hierüber entstand ein grosser Lermen / und kamen alle im Garten Anwesende / ja der Käyser selbst mit Livien herbey; welcher über denen auf der Erden für todt ausgestreckten / und häuffiges Blut von sich lassenden vier Verwundeten aufs euserste bestürtzt war. Die Sorge für ihr Leben verschob die Untersuchung dieser Begebnüs. Gleichwohl wurden alle Deutschen und Mohren gefänglich eingezogen. Agrippens und der Dido Verletzung ward für nicht so sehr gefährlich; meine und des Lucius aber für tödtlich befunden. Agrippa kam derogestalt bald zu rechte; Dido aber / als sie meinen Zustand vernahm / riß ihr selbst die Pflaster von der Wunde /und sagte offentlich / daß sie mich nicht zu überleben begehrte: Inzwischen schöpfften die Wund-Aertzte auch von des Lucius Genesung einige Hofnung; worüber Dido fast unsinnig ward / und in ihrer Raserey tausend Flüche und Dräuungen auff den Lucius ausschüttete; welcher inmittelst mit einem Wundfeber überfallen / und sein Aufkommen sehr zweiffelhafft gemacht ward. Endlich gab sich ein Britannischer Artzt beym Käyser / an / der uns beyde in kurtzer Zeit zu heilen bey Verlust seines Kopffes versprach. Weil uns nun die Aertzte gantz verlohren gaben; ließ uns der Käyser dieses gefangenen Britanniers Willkühr übergeben / ihm auch nebst seiner Freyheit ansehnliche Belohnung versprechen. Dieser riß so wol dem Lucius als mir alle Pflaster ab / und wusch unsere Wunden mit einem gewissen Weine aus. Hernach forderte er den Dolch / von welchem wir waren beschädigt worden; sauberte selbten aufs fleißigste / salbete ihn ein und verband ihn mit einem genetzten Tuche; unsere Wunden aber verhüllete er nur mit einem trockenen. In wenig Stunden vergieng nicht nur mir und dem Lucius / sondern auch der Dido / welche durch ihr Pflaster-abreissen ihren Schaden wiederum sehr verärgert hatte / alle bißherige Hitze. Nach dem dieser Artzt dreymal unser Wunden ausgewaschen / und so viel mal den Dolch mit einem gewissen Staube bestreut und verbunden hatte / wurden mir nicht nur der Schwulst / sondern auch der Schmertzen erledigt. Als dieses Lucius wahrnahm; fragte er den Britannier: Ob denn die Verbindung des Beleidigung-Waffens der Wunde durch natürliche Würckung zu statten käme? Als der Artzt diß verjahete / und daß diese Heilung vermittelst einer geheimen Verwandnüß gewisser Dinge geschehe; ja dessen Warheit dardurch bewährete / daß wenn er den verbundenen Dolch über das Kohlfeuer hielt / den Lucius seine Wunde hitzte; Bey dessen Annetzung aber wieder schmertzloß ward; fragte Lucius ferner: Ob alle mit diesem Dolche gemachte Wunden zugleich heileten? und wie der Britannier abermals diß bestätigte / fuhr er fort: Ob er denn nicht machen könte / daß nur seine darvon heil /des Flavius aber ärger würde; verneinte es der Artzt und meldete: Er hätte an diese unbarmhertzige Kunst noch nie gedacht. Uber diesem Bescheide fuhr Lucius auf / rieß dem Artzte den Dolch aus der Faust / und stach ihn selbst dem Artzte in Bauch / mit Versetzung dieser verzweiffelten Worte: Ich will lieber mit meinem Feinde sterben / als ihn mit mir genesen sehen. Alle Umstehenden erschracken hierüber euserst; der Britannier aber zohe ihm unerschrocken den Dolch aus dem Leibe / wischte selbten ab / und verband ihn aufs neue. Ich und Dido empfanden um selbige Zeit unglaubliche Schmertzen / nicht anders / als wenn wir in unsere alte Wunde einen neuen Stich bekämen. August schöpffte über des Lucius erfahrnen Grausamkeit einen hefftigen Unwillen; ließ also den Lucius nicht allein bewachen / sondern auch binden; wormit er nicht in[473] mehrere Verzweiffelung gerathen möchte. Inzwischen ward es mit mir / und weil Dido hiervon Nachricht kriegte / mercklich besser; ja wir geneseten beyde eher als Lucius. Diesemnach denn der Käyser nicht für rathsam hielt / mich länger in Rom zu lassen; wormit er so wol meiner Sicherheit rathen / als auch dem unbändigen Lucius keinen Stein fernern Anstosses am Wege liegen lassen möchte. Weil nun mein Bruder Hertzog Herrmann in Asien sich so verdient machte; gleichwol aber er mich in Deutschland ziehen zu lassen Bedencken trug; stellte er mir frey /wohin ich unter dem Römischen Gebiete mein Kriegs-Glücke versuchen wolte. Es machten dazumal gleich die Cantabrer in Hispanien wider die Römer /und in Africa die Getulier wider den König Juba einen Aufstand. Ich erkiesete ohn einiges Bedencken dem Könige Juba zu dienen / und der vom Käyser ihm zur Hülffe erkiesete Cornelius Cossus bat mich selbst aus / daß ich unter ihm die Waffen führen möchte. Dido / welche bey ihr fest beschlossen hatte /aus Hasse gegen dem Lucius nicht in Rom zu bleiben / und bereit an ihren Vater Juba um Erlaubnüß nach Hause zukehren geschrieben hatte / ward über dieser Entschlüssung höchst erfreuet / und versicherte mich /daß sie sich nichts in der Welt aufhalten lassen wolte mich in Numidien zu umarmen. Nach dreyen Tagen nahm ich von Rom und der mich mit viel Thränen gesegnenden Dido Abschied / wir wurden aber / als wir kaum das Lylibeische Gebürge aus dem Gesichte gebracht / mit einem heftigen Sturme befallen / etliche Schiffe auff denen Aegatischen Steinklippen zerschmettert / ich selbst strandete auf dem Eylande Terapsa / wiewol biß auff fünf Personen alle Leute gerettet wurden. Derogestalt kam ich wol zehn Tage längsamer als Cornelius Cossus in Numidien an / welcher mich bereit gantz für verlohren geschätzt hatte. Das übrige Römische Heer / und darunter fünfhundert mir unter gebene Deutschen und Gallier waren inzwischen in dem Olcachitischem Seebusem angelendet. Cornelius Cossus und die obersten Befehlhaber / darunter auch ich war / reiseten hierauf nach Cirtha voran /allwo wir in Abwesenheit des Königs Juba von der Königin Cleopatra wol bewillkommt wurden. Nach dreyer Tage Ausruhung / folgten wir dem nach Getulien auff dem Flusse Pagyda eilenden Heere. Welch Land aus keiner andern Ursache / als aus Andencken der alten Freyheit / vom Juba abgefallen war / und noch darzu die Lybier über dem Gebürge Thambes und Mampsarus an sich gezogen hatten. Sintemal für Zeiten beyde Völcker keinem Gesetze noch Botmäßigkeit unterworffen waren. Wiewol nun Juba aus dem unfruchtbaren Getulien wenig Einkünsten zoh; ja ihnen die Besetzung der Gräntzfestungen / und er zu denen Wartegeldern / welche er denen zu seinen Kriegsdiensten bestellten Getuliern jährlich reichte /noch zubüssen muste; wolte er doch ehe sein euserstes dran setzen / als einen Fußbreit sandichter Erde verlieren. Also vermindert die Armuth eines Landes gar nicht die Begierde zu herrschen / als welche ein Brut der Ehren / nicht des Geitzes ist. Unterwegens erfuhren wir / daß Juba mit seinem gantzen Heere in die Flucht geschlagen worden / und er selbst in der Stadt Vegesela belägert wäre. Dahero eilten wir so viel mehr gegen den Feind; welcher aber bey unser vernommener Ankunfft zurücke gegen Uciby und von dar zwischen das Gebürge Audus wich. Juba versammlete zwar so denn seine zerstreuten Numidier grossen Theils wieder zusammen; aber die flüchtigen Getulier / welche ohnediß auser wenigen Festungen keine beständige Wohnungen hatten / waren nicht gemeinet gegen die Römer stand zu halten / sondern uns nur müde zu machen. Wie sie denn auch uns gantzer sechs Monate derogestalt umtrieben und abmatteten /daß wir nicht länger in Getulien stehen konten / sondern uns in Numidien zurück ziehen musten. Alleine der Feind lag uns Tag[474] und Nacht in Eisen / und thät uns durch Einfälle mehrmals Schaden. Endlich hatte ich mit meiner deutschen Reiterey das Glücke ihnen einen Streich zu versetzen / und ihres neu aufgeworffenen Fürsten Hiempsals Brudern Himilco / welche beyde sich des Jugurtha Enckel rühmeten / bey der Stadt Lampesa gefangen zu bekommen. Wie wir nun nach einer zwey monatlichen Ruh wieder ins Feld zohen / und gegen Sitiphis einbrachen / die Getulier uns aber wieder wie vormals äffeten / zwang Juba dem Himilco durch Umgebung eines glüenden Mantels zu offenbaren / wohin die Getulier ihre Lebensmittel versteckten. Sintemahl wir nirgends keinen Vorrath fanden / der Feind aber niemals keinen Mangel hatte. Hiermit erforschten wir eine grosse Mänge Sandgruben und Hölen / darin Hiempsal viel Weitzen / Datteln / Granat-Aepffel und Wein verborgen hatte /worvon doch niemand als Hiempsal und seine Fürnehmsten wusten. Wie nun dieser Vorrath zu einem grossen Vortheil des Römischen und Numidischen Kriegsvolckes diente; also geriethen die Getulier hierüber in grosse Noth; also / daß sie meist nur von Heuschrecken und dürren Kräutern leben musten. Juba und Cornelius wurden derogestalt schlüßig die Stadt Azama zu belägern. Hiempsals ander Bruder Hiarba war darinnen oberster Befehlhaber. Diesem ließ Juba andeuten / daß er auf den Fall seiner verweigerten Ergebung den gefangenen Himilco in seinem Gesichte abschlachten wolte. Hiarba aber ließ dem Juba zur Antwort wissen: Er könte ihm und dem Hiempsal keinen grössern Gefallen thun. Denn weil Himilco sich als ein furchtsames Weib fangen lassen; hätte er den Spieß zum Lohne seiner Zagheit wol verdienet. Weil er aber ehrsüchtig gewest / wäre Hiempsal einer grossen Sorge entübrigt / und er Hiarba als der jüngste hätte so denn eine Staffel näher zur Herrschafft. Juba /welcher nicht mit einem rechtschaffenen Feinde / sondern mit aufrührischen Unterthanen zu kriegen vermeinte / ließ auf einen Hügel gegen der Stadt Antabele über / ein Gerüste bauen / und dem Himilco den Kopf abschlagen. Diesen schickte er dem Hiarba mit einem Zettel / welcher ihm ein gleichmäßiges Verfahren andräuete. Hiarba hingegen ließ 100. gefangene Numidier enthaupten / gab die Köpffe dem Boten und ließ ihm melden: Er müste eines so grossen Königs Freygebigkeit mit Wucher vergelten / und weil bey den Numidiern bräuchlich wäre / daß ihre Fürsten 100. Löwen auf einmal opfferten; könte er auch den Juba mit nicht weniger Köpffen verehren. Hieraus erwuchs eine verzweiffelte Verbitterung / eine ernste Belägerung / und eine euserste Gegenwehr. Juba und Cornelius unter gaben mir die gantze Reuterey / um das Numidische Läger mit nöthiger Zufuhre zu versorgen / und alle Einfälle zu verhüten. Als ich nun einsmals 400. mit Weitzen und Mehl beladene Kamele ins Läger zu führen bemüht war; erlangte ich Kundschaft / daß die Getulier mich allenthalben umsetzt hätten. Ich war bekümmert nicht so wol zu entkommen / als diesen Vorrath zu retten. Alle Numidier riethen den Wein und den Weitzen in Sand lauffen zu lassen / die Kamele zu erstechen / und uns an einem Orte durchzuschlagen. Alleine ich sahe zu allem Glücke daselbst viel Alraun-Wurtzel wachsen. Dahero befahl ich alsobald selbte auszurauffen / und so gut man konte auszupressen. Diesen Saft ließ ich mit dem grösten Theile des Weines vermischen / aber die Lagen / Blasen und andere Behältnüsse zeichnen. Wir waren mit unser Arbeit kaum fertig / als die Getulier sich an dreyen Orten herfür thäten. Ich ließ zwar etliche Geschwader leichte Reuter mit den ersten Hauffen treffen; befahl aber nirgends Fuß zu halten / und als die Getulier mit voller Macht anstachen / ließ ich den gantzen Vorrath im Stiche. Des Feindes grosser Mangel an Lebens-Mitteln / und die Eroberung der reichen Beute machte / daß ich wenig oder gar nicht verfolget ward; also mich etliche Meilen darvon in einem Palmen-Pusche[475] sicher setzen konte. Um Mitternacht als ich meinte / daß der mit der Alraun-Wurtzel vermischte Wein / welcher auch / wenn er nur neben ihr wächst / zwar nicht giftig wird / aber eine heftige Einschläffungs-Krafft bekommt / seine Würckung gethan haben würde; machte ich mich in aller Stille auf / und kam an den Ort meines Verlustes: Daselbst fand ich etliche theils leere / theils belastete Kamele / umirren; welches mir ein gewünschter Vorbote eines sonderbaren Vortheils war. Ich rückte nur zwey Stadien der Spure nach fort / da fand ich die Getulier in einem Palmen-Gepüsche ohne einige Wache theils schwermend / meist aber schlaffend. Diesemnach ließ ich die Helffte meiner Reuterey in zweyen Theilen auf allen Nothfall fertig stehen; die andere Helffte aber theilte ich wol in zwölf Hauffen / welche auf die noch wachenden loß giengen. Es ist ohne Noth hiervon viel Ruhmes zu machen. Denn es waren wenige / die an die Gegenwehr gedachten / sondern nur die Flucht ergrieffen. Also schlachteten wir zwölftausend Getulier ohne Verlust eines einigen Mannes ab. Etliche zwantzig von meinem Volcke waren alleine verwundet. Drey tausend schlaffenden nahmen wir nur aus Kurtzweil ihre Pferde und Waffen von der Seite / welche auff den Morgen bey ihrer Erwachung fußfällig um ihr Leben bitten musten. Den grösten ab genommenen Raub / nebst funfzehn tausend meist Lybischen Pferden eroberten wir wieder; also / daß ich bey meiner Annäherung zu unserm für Antotale stehendem Heere anfangs ein grosses Schrecken / hernach aber eine viel grössere Freude erweckte. Massen mich denn Juba mit beyden Armen umschloß / mich seinen Bruder nennte / und mit kostbaren Waffen beschenckte; wiewol ich den Titel des Bruders in eine väterliche Gewogenheit zu verwandeln bat und erlangte. Weil nun meine Deutschen der Getulier Köpffe an die Pferde gebunden / die Numidier aber sie auf die wieder eroberten Kamele gepackt / und ins Läger gebracht hatten; ließ Juba gegen Antotale einen grossen Berg von der Erschlagenen Köpffen aufbauen / durch etliche Gefangene aber den Belägerten die böse Zeitung des grossen Verlustes zubringen. Aber Hiarba steckte auch Mauern und Thürme voll von denen Köpffen der erwürgten Römischen und Numidischen Gefangenen. Juba ließ hingegen die gefangenen Getulier zehn und zehn zusa en schmieden / und brauchte sie im Stürmen zu der Seinigen Vormauer. Gleichwol verzog sich die mit allen ersinnlichen Kriegs-Streichen eifrigst fortgesetzte Belägerung biß in sechsten Monat /in welchem endlich die hartnäckichten Feinde überwältiget / und alle lebende Seelen in Antotale durch die Schärffe der Schwerdter vertilget wurden. Die Stadt Thubutis und Aegea giengen hierauf gleicher gestalt über. Hiempsal muste hierüber gegen dem Flusse Ampsa weichen; ich brachte ihn aber an selbtem unter der Stadt Tumarra wieder zu Stande / und nach einem verzweiffelten Gefechte in die Flucht. Die Getulier setzten wol durch den Strom / weil aber die Deutschen geschickter als sie waren durch die Flüsse zu schwämmen / wurden ihrer viel theils im Wasser /theils auf dem Ufer erschlagen. Hiempsal ward selbst verwundet / und konte mit genauer Noth nebst wenigen auf das Buzarische Gebürge entrinnen. Juba folgte mit dem Groß seines Heeres nach / kam aber zum Siege zu spät / iedoch fand er sich so vergnügt / daß er die Stadt / bey welcher ich diß Glücke gehabt / den Deutschen zu Ehren Germana heissen ließ. Mit diesem Siege ward zwar Juba des flachen Getuliens Meister / aber die in und über dem Buzarischen / Thambischen und Atlantischen Gebürge wohnenden Phorusier / Siranger / Nisibes / schwartzen Getulier und Natembres stellten sich gegen dem Juba in möglichste Verfassung / und versahen Hiempsaln mit einem neuen Heere. Nach etlicher Monate Ruh drangen wir /wie wol nicht ohne Verlust vielen edlen Blutes / ins Gebürge ein. Unter andern[476] zeichneten drey hundert Deutschen mit ihrem Blute einen Felsen / auf welchem Juba den ersten festen Fuß setzte. Nach eines gantzen halben Jahres gleichsam wechselweise ausschlagenden Treffen brachten wir an dem Flusse Ghir den Hiempsal mit seinem Heer ins Gedränge; nach einer sehr blutigen Schlacht aber in die Flucht. Weil ich nun wahrnahm / daß Hiempsal abermals durch den Strom entrinnen wolte / kam ich ihm zuvor / verbeugte ihm den Weg; da ich denn das Glücke hatte /daß er mir selbst in die Hände lief. Alleine ungeachtet er schon gantz von Blute trof / wolte er sich doch nicht ergeben / sondern wehrte sich so lange / biß er von Pfeilen und Schwerdtern gantz zerfleischet mit seinem Pferde zu Bodem fiel / und beyde mit einander den Geist ausbliessen. Mit dem Falle dieses Hauptes entgiengen allen Kriegs-Gliedern ihre Kräfften. Die Getulier / welche unter dem Marius zum ersten / nunmehr auch zum andern mal die Römischen Kräfften gefühlet hatten / wurden verzagt / öfneten ihr Land vollends dem Uberwünder / erlangten auch gegen Versprechung / daß sie alle Jahr zehn tausend Pferde und eine grosse Menge weissen Saltzes / dessen sie viel mit denen gar schwartzen Mohren in gleichem Gewichte und Gold verwechseln / nach Cirtha liefern wolten / völlige Gnade. Hiermit kehrte König Juba siegreich nach Cirtha. Für der Pforten ward er von der Königin und vielen Priestern bewillkommt / und von ihnen nebst uns in den Tempel geführet / welcher seinem vergötterten Vater Juba zu Ehren gebanet war; der so getreu dem Scipio wider den Käyser Julius beystand / und / um nicht in des obsiegenden Feindes Hände zu fallen / von seinem Freunde Petrejus in einem Gefechte zu sterben erwehlte. Bey dem darinnen gehaltenen grossen Sieges-Gepränge hatte Cleopatra das Bild des vergötterten Juba mitten in Tempel stellen / und durch verborgenes Zugwerck bereiten lassen / daß als der lebende Juba bey selbtem vorbey gieng / das Bild seine mit Lorbern durchflochtene Krone von seinem Haupte nahm / und dem Könige aufsetzte. Auf beyden Seiten standen zwey andere Bilder nehmlich der Luft und des Feuers / welche von den Africanern ebenfals göttlich geehret werden. Das erste setzte dem Cornelius Cossus einen mit Diamanten / das andere mir einen mit Rubinen gezierten Lorber-Krantz auf. Wie ich nun nach vollbrachtem Feyer in meinem Zimmer den Lorber-Krantz abnahm /und betrachtete / ward ich darinnen eines Zettels gewahr / darinnen ich folgende Zeilen laß:

Die / welche tausend mal geseufzet dem unvergleichlichen Flavius einen Myrthen-Krantz aufzusetzen / hat bey ihrer Verdamnüß noch den Trost für ihrer eusersten Verzweiffelung demselben / welcher ihre Seele vorlängst überwunden gehabt / diesen Siegs-Krantz aufzuwinden. Ein Unstern / oder ich weiß nicht / ob der Menschen oder der Götter Grausamkeit hat sie zu einer blutigen Priesterin einer so wilden Gottheit gemacht / daß / wo mein einiger Abgott Flavius sich nicht diesem Ungeheuer sie zu entreissen erbitten läst / sie sich selbst zwar nicht der Getulischen Diana / wol aber dem unsterblichen Flavius eigenhändig aufzuopffern / und mit ihrer Uhr-Anfrau Dido auf einem von Liebe angezündeten Holtzstosse einzuäschern entschlossen ist.

Ich / sagte Flavius / laß diese Zeilen wol zehn mal; und ob ich wol auf die Numidische Fürstin Dido muthmaste; wuste ich mir doch auf die darinnen begriffene Geheimnüsse keine sichere Auslegung zu machen. Sintemal ich in der Meinung war / daß / weil kurtz nach meiner Abreise Lucius vom Käyser nach Spanien geschickt worden / unterwegens aber zu Maßilien gestorben war / Dido sich noch in Rom aufhielte. Ich schlug mich die gantze Nacht mit unruhigen Gedancken / der Morgen aber steckte mir etlicher massen ein Licht auf; indem König Juba mich in meinem Zimmer besuchte / und erkundigte:[477] Ob ich nicht der Gottesdienste der Getulischen Diana beywohnen wolte. Auf meine Befragung unterrichtete er mich: Es hätte Jugurtha / als er wider den Marius Krieg geführt / und die Getulier ihm so treulich beygestanden / der von den Getuliern zu ehren gewohnten Diana einen herrlichen Tempel aus rothem Marmel zu bauen angefängen; Hiempsal / welchen Marius nach überwundenem Jugurtha zum Könige in Numidien und Getulien gemacht / weil er ihm in seiner Flucht Auffenthalt in Africa gegeben / hätte auch etwas daran gebauet / wie auch nach dessen geschwindem Tode sein Sohn Hiarbas; alleine / weil dieser als ein Gemächte des Marius / auf des Sylla Befehl vom grossen Pompejus bekriegt und gefangen; Hingegen sein Großvater Hiempsal /als der noch einige Zweig von Masanissens Stamme /mit beyden Kronen Numidiens und Getuliens beschenckt ward / hätte die Ehre gehabt / diesen köstlichen Tempel auszubauen. Weil er nun die Getulier als ein wildes und meist rohes Fleisch mehr mit Andacht / als durch einigen andern Kapzaum ihm zu verbinden nöthig hielt / diese aber der Diana ihre selbst eigene Kinder auf dem Berge Atlas zu opffern pflegen; ließ er die in Gestalt eines Löwen gemachte / und von den Getuliern als ihr einiges Heil- und Schutzbild mit unglaublicher Andacht angebetete Diana von dem Atlantischen Gebürge auff einem mit zwölf Löwen bespannten Wagen in Begleitung halb Getuliens anher nach Cirtha bringen / und um die Getulische Grausamkeit theils zu miltern / theils ihnen nicht gar zu abzulegen / führte er einen solchen Gottesdienst ein /wie die Griechen selbten für Alters der Taurischen und Brauronischen Diana hielten / die sich nur mit der Feinde Blut vergnügte. Hiempsal hätte zwar gerne /wie Lycurgus / selbten dahin eingerichtet / daß an statt der Abschlachtung die Menschen nur gegeisselt und die Göttin mit dem ausrinnenden Blute versohnet werden möchte. Alleine die Getulier setzten sich hartnäckicht darwider / vorgebende: da die Taurische Diana / wenn man ihr nicht von genungsam edlen und schönen Knaben Blut geopffert / sich zum Zeichen ihrer Ungnade so schwer und unbeweglich gemacht hätte / daß sie die Priesterin nicht hätte von der Stelle heben können; würde die viel mächtigere Getulische Diana mit so geringschätzigen Opffern so viel mehr unvergnügt und ergrimmet seyn. Also hätte es Hiempsal und Juba sein Vater nur darbey bewenden lassen müssen; ob wol die Römer mehrmals wider diese Menschen-Opfferung gemurret. Diesemnach denn auch er / da er die Getulier nicht anders wieder zu einem Aufstande veranlassen wolte / heute aus den Getuliern selbst die Erstlinge der Gefangenen aufopffern müste. Weil nun bey den Deutschen gleichmässige Opfer wären; zweiffelte er nicht / daß ich solchem beyzuwohnen Belieben tragen würde. Ungeachtet ich nun zwar ein und anderes Bedencken hätte haben können / reitzte mich doch die Begierde meines Räthsels Auslegung zu erfahren / daß ich mit dem Könige Juba selbigen Tag mich in den Tempel de Getulischen Diana verfügte. Denn die Opfferung darff nur des Nachts geschehen. So bald wir in den Tempel traten /erhob sich ein grausames Gethöne von Paucken und Jagthörnern. Der oberste Priester besprengte uns daselbst mit Wasser / welches aus dem Atlantischen Gebürge dahin gebracht werden muß / und leitete uns zu dem in der mitte stehenden Altare; bey welchem wir uns auff den stachen Erdbodem niedersetzen musten. Die oberste Priesterin stand wie eine Diana bekleidet auf dem Fusse des Opffer-Tisches für einer grossen ertztenen Wanne / über welcher denen hundert in grüne Seide gekleideten Gefangenen die Gurgeln abgeschnitten werden solten. Die Menge der brennenden Fackeln entdeckten mir im ersten Anblicke meine geliebte Dido. Nach wenigen Augenblicken ward auch sie meiner gewahr / und sahe sie mich eine gute weile[478] mit unverwendeten Augen an. Bald aber darauf ließ sie das Schlacht-Messer aus der Hand fallen / fing an ihre Geberden und Antlitz zu verstellen. Endlich fiel sie gar zu Bodem / und in Ohnmacht. Juba und alles Volck erschrack über diesem Zufalle so viel mehr /weil die Menschen-Opfferung an sich selbst schrecklich genung ist. Die Getulischen Priester aber / um ihren Gottesdienst nicht verhast zu machen / legten es für eine göttliche Entzückung aus. Gleichwol trugen sie sie von dem Altare weg / und kleideten in möglichster Eil eine andere Priesterin zu solchem Opffer aus / welches mit jämmerlichem Winseln der Sterbenden / mit grosser Verwirrung des Volckes / und mit so hefftiger Bestürtzung des Königs geschah / daß er unerwartet des Ausgangs sich desselbten entbrach / und nach der Halle / in welcher Dido lag / leiten ließ. Ich folgte über eine Weile dem Juba nach / und sahe / daß sie sie durch reiben und Balsame wieder ein wenig zu rechte gebracht hatten. So bald sie mich aber nur wieder erblickte / fiel sie nicht alleine wieder in die ersten Ungebehrdung / sondern über eine Weile rief sie bey ihrer Entzückung: Flavius / Flavius! Jederman sahe mich hierüber an / und ich selbst hatte keine solche Botmässigkeit über mein Antlitz / daß selbtes hätte meine Liebes- und Mitleidens-Regung verbergen können. Juba / welcher hierunter ein gewisses Geheimnüß verborgen zu seyn muthmaste / befahl der Dido in einem geheimern Zimmer des Tempels wahrzunehmen / mich aber nahm er bey der Hand / leitete mich aus dem Tempel / und führte mich mit sich nach Hoffe in sein innerstes Gemach. Daselbst beschwur er mich bey der Redligkeit / worvon alle Völcker die Deutschen rühmten / daß ich ihm die Ursache der mit seiner Tochter sich ereignenden Zufälle eröfnen solte; weil nicht nur meine selbst eigene Veränderung meine Wissenschafft verrathen / sondern der Dido Mund mich selbst für den Ausleger erklärt hätte. Diese Beschwerung nöthigte mich ihm rund heraus meine und ihre Liebe zu bekennen; auch alles zuerzehlen / was sich zwischen uns und dem Lucius in Rom zugetragen hatte / mit dem Schlusse / daß mich nichts minder vergnügt und glückselig / als seine Tochter gesund machen würde / wenn er sich mich für seinen Eydam anzunehmen würdigen wolte. Juba hörte mich mit Gedult und genauer Aufmerckung an; an statt der Antwort aber holete er aus der innersten Seele einen tieffen Seufzer. Endlich fing er an: Er höre wol / daß ich von den letzten Begebnüssen der Dido und denen Getulischen Gesetzen keine Nachricht hätte. Daher /wolte er auf den Morgen / wo möglich / mir hiervon nöthige Wissenschafft zu wege bringen. Wir nahmen hierauf von einander Abschied; aber die Nacht ward meinen Gedancken zu einem rechten Zirckel der Unruh; wiewol ich daraus nicht wenig Hoffnung schöpffte / daß Juba meine Erklärung so gar gütig auffgenommen hatte. Auff den Morgen sehr früh fügte sich Juba in den Tempel der Dianen / guter fünf Stunden darnach ließ er mich auch dahin beruffen. Man leitete mich durch selbten in ein unterirrdisches /gleichwol aber durch ein oben in der mitte des Gewölbes einfallendes Licht ziemlich erleuchtetes Gemach /in dessen Mitte eine aus Egyptischem Porphyr gebildete Diana aus den Brüsten in eine weite Marmel-Schale Eißkaltes Wasser spritzte / und den Ort aufs annehmlichste erfrischte. Darinnen fand ich zwischen dem Könige und dem obersten Priester meine Dido sitzen. Die Traurigkeit sahe ihr aus den Augen / und machte sie nicht nur stumm / sondern gar unbeweglich. Der Priester bewillko te mich freundlich / fing aber alsbald an: die grosse Bestürtzung der Priesterin / uñ die unabläßliche Bitte des Königs hätte mir den sonst iederman verschlossenẽ Eingang in diß Heiligthum nur zu dem Ende zu wege gebracht / daß ich darinnen die erheblichen Ursachen vernehmen möchte / warum ich den Zunder meiner Liebe in meinen Hertzen gäntzlich zu vertilgen[479] bedacht seyn; übrigens aber derogestalt an mich halten solte / daß die nichts minder rachgierige als alles sehende Diana ihren Grimm über mich auszuschütten / wie auch die Priester mich nach ihren heiligen aber scharffen Gesetzen zu straffen nicht gezwungen würden. Als ich dem Priester mit Ehrerbietung gedanckt / sing die beängstigte Dido an: Verzeihe mir / Flavius / daß mein itziger Zustand den / welchen ich mehr als mich selbst geliebt / so kaltsinnig willkommen heist. Dämpffe in deinem Hertzen die vor süssen / nunmehr aber nur mir eitele Pein gebährende Flammen. Denn die Unmögligkeit stehet unser Liebe selbst im Lichten / und die Göttin dieses Ortes befiehlet in selbte mehr und kälteres Wasser zu giessen / als diß Bild allhier ausspritzet. Dieses redete sie mit einer solchen Empfindligkeit / daß ich nicht wuste / ob in mir die Liebe oder das Mitleiden heftiger wäre. Gleichwol konte ich mich nicht bereden lassen / daß es Didons gantzer Ernst wäre mir die Liebe gantz auszureden; weil mir ein gantz widriges die in dem Lorberkrantze gefundene Schrifft andeutete / und so wohl der Ort / als die Anwesenheit des Priesters mir diesen Vortrag verdächtig machte / daß Dido mit gebundener Zunge redete. Daher fing ich an: Unvergleichliche Dido / machet mich denn ihre Verstossung / oder die Mißgunst einer Göttin so unglückselig? Ich kan wol dencken / daß du nicht ohne Gelübde der Diane Priesterin worden bist. Aber hast du mir nicht ehe / als ihr eines gethan / nemlich mich ewig zu lieben? Müssen mir also die Götter dieses Ortes / wo sie anders gerecht sind / nicht selbst das Vorrecht über dich zuerkennen? Der Priester entrüstete sich über diesen Worten / gebot mir zu schweigen / und fing an: Wilst du thörichter an der Gerechtigkeit Dianens zweiffeln / welche am gerechtesten ist / wenn es die alberen Menschen am wenigsten glauben? Wilst du ohnmächtiger Mensch mit den Göttern ums Vorrecht kämpffen / welche über dich die Gewalt des Lebens und des Todes / als über ihren Leibeigenen haben? Ich entschuldigte meinen Irrthum mit tieffer Demüthigung / so gut ich konte / und bat nur / daß mir Dido doch nur zu meinem Troste erzehlen möchte / wie sie zu Vergessung des mir / und zu Beschlüssung des der Diane angelobten Gelübdes käme. Als der Priester diß durch ein Zeichen willigte / fing Dido an: Wenige Zeit nach seinem Abschiede von Rom erhielt ich die traurige aber nun leider zu spat falsch erscheinende Zeitung / daß Flavius mit seinem Schiffe / und allen Menschen darauf / zu Grunde gegangen wäre. Dieses Schrecknüß setzte alle meine Vernunft aus ihren Angeln; also / daß ich weiter weder um mich einige Bekümmernüß zu führen vergaß / ob mir schon von meinem Herrn Vater die Erlaubnüß von Rom zu verreisen und wieder nach Africa zu kehren einlief. Als aber Lucius mich mit neuen Versuchungen beunruhigte /fing ich an wieder an meine Heimreise zu gedencken /schickte mich auch derogestalt darzu / daß ich den siebenden Tag von Ostia abzusegeln gedachte. Ich hatte kaum an drey oder vier Orten Abschied genommen / als unvermuthet heraus brach / daß in zweyen Tagen Lucius mit dreyen Schiffen in Spanien segeln /und das Römische Krieges-Heer wider die Cantabrer führen solte / welche wider die Römer mit einer verzweiffelten Verbitterung die Waffen ergriffen hatten /weil ihre Gesandten zu Rom lange Zeit mit Bestätigung ihrer Freyheit geäffet / hernach von einander in gewisse Städte abgesondert / und endlich so schimpflich gehandelt worden waren / daß sie ihnen selbst aus Verdruß vom Leben geholffen hatten. Des Lucius Reise erreichte auch den dritten Tag ihren Fortgang /und ließ er bey mir noch alle mir zugezogene Verdrüßligkeiten entschuldigen. Den 3. Tag darauf schied ich in Begleitung vieler edlen Frauen von Rom biß nach Ostia / den 4. aber fuhr ich von dar an der Thußkischen und Ligustischen Küste hin biß nach Massilien; theils weil ich die weltberühmte Anmuth[480] desselbigen Ufers genüssen / theils diese von den Römern selbst so beliebte / und für einen kurtzen Begrieff gantz Griechenlands gerühmte Stadt zu besehen lüstern war. Massen mich denn auch die Reichthümer ihrer fernen Handlung nicht in geringe Verwunderung zohen / die Reinligkeit der Griechischen Sprache / welche sie von dem Alter ihrer unter dem Tarquinius geschehenen Erbauung zwischen eitel Galliern gantz rein behalten hatten / und die Menge ihrer Weltweisen nebst der lustigen Gegend überaus erquickten. Aber diese Lust ward mir in wenigen Tagen durch eine Nachricht zeitlich versaltzen / daß Lucius / welcher bey Aphrodisium mit seinen Schiffen mir vergebens vorgewartet hätte / endlich auf meine Spur / und gleichfalls in Massilien ankommen wäre. Ich mag hier nicht die Umbstände meiner Bekümmernüsse und des Lucius Anfechtungen erzehlen. Genung ist es zu wissen / daß Lucius zu Massilien wie der Käyser selbst angebetet ward / und ihm alles zu Gebote stand. Daher es ihm unschwer fiel mir und meinem Schiffe die Ausfarth aus dem Hafen zu verwehren. Nach dem er meiner Keuschheit durch die allerglattesten Liebkosungen und Versprechung güldener Berge vergebens zugesetzt hatte / verfiel dieser geile Hengst in die Raserey / daß er in einem Lusthause Gewalt an mich legen wolte / wordurch ich genöthigt ward von selbtem einen kühnen aber glücklichen Sprung zu thun. Denn ich kam durch Hülffe meiner auf mein Geschrey sich nähernden Leute aus dem Garten. Weil ich mich aber nirgends sicher wuste /nahm ich meine Zuflucht in den nah von dem Uhrheber selbiger Stadt / nemlich dem Peranus / gebauten Tempel der Dianẽ / darinnen alleine 300. Griechische Jungfrauen unterhalten; aber / weil die Massilier unter dem Scheine der Gottesfurcht niemanden einigen Müssiggang enträumen / in der Weltweißheit und denen Geheimnüssen des Gottes-Dienstes aufs sorgfältigste geübet werden. Sie nahmen mich willig in den Vorhof / und nachdem ich mich gebadet / und mit gantz neuen Kleidern angethan hatte / in den Tempel auf; sintemal so wohl allhier als zu Tarent niemand sonst diß Heiligthum beschreiten darff. Lucius begehrte mich zwar als seine Verlobte mit grossem Ungestüm und Dräuen heraus; nach dem ich aber die Ober-Priesterin eines widrigen betheuerlich versicherte / schlug sie ihm meine / als ihrer Freyheit verletzende Ausfolgung rund ab. Als er auch ihr mit mehr schimpflichen Worten zusetzte / sagte sie dem Lucius in die Augen: Es wäre diß ein Tempel der keuschen und glimpflichen Diane. Dahero möchte er mit seinem geilen Ansinnen sich nach Athen zu dem Tempel der Unverschämigkeit / und mit seinen Schelt-Worten zu dem Heiligthume der Verachtung verfügen. Hiermit ließ sie den Tempel für ihm zuschlagen; der wütende Lucius aber denen drey Obersten unter denen sechshundert Tumuchen oder Rathherren anbefehlen: Sie solten der Ober-Priesterin das auf dem Rathhause verwahrte Gift zu ihrem verdienten Eigen-Morde schicken / und mich aus dem Tempel schaffen. Der Rath entschuldigte sich aufs beste / daß solch Gift nur dem / welcher es selbst verlangte / und genungsame Ursache zu sterben andeutete / gegeben würde; an dem Tempel aber dörfften sie sich ohne ihren ungezweifelten Untergang nicht vergreiffen / dessen Schatten auch die Verächter selbiger Gottheit tödtete. Lucius lachte über diesem Vortrage / und sagte: Es wäre dieser Aberglaube vielleicht so wahr / als daß derselbẽ Leiber / welche einmal in den Arcadischen Tempel des Jupiters einen Fuß gesetzt hätten / so verklärt würden / daß sie hernach an der Sonne keinen Schatten mehr von sich würffen. Wie er denn auch ferner hönisch fragete: Ob solcher Tempel auch nicht / wie von dem unbedeckten Heiligthume der Cyndigdischen Diane getichtet würde / nicht beregnete und beschneyete? Und derogestalt beharrete er halsstarrig auf seinem Verlangen. Der Rath[481] umb den Lucius etwas zu besänftigen schickte das Gift der obersten Priesterin; worüber die geweiheten Jungfrauen in höchste Bekümmernüß / ich aber in gröste Verwirrung gerieth / und die Priesterin aufs beweglichste ersuchte: Sie möchte das Gift mir zu trincken gebẽ / und hierdurch auf einmal so wohl ihrem /als meinẽ Kummer abhelffẽ. Aber sie war unerbittlich / sondern sie tranck das Gift selbst aus / und fing an: Ich weiß gewiß / daß es die Aertztin Diana mir nicht wird schaden lassen / und durch diß Wunderwerck dem Gottes-Verächter Lucius eine ewige Hertzens-Angst einjagen. Wir erstarreten alle über diesem Beginnen und Glauben / noch mehr aber über dem wunderwürdigen Ausschlage / in dem die Priesterin die geringste Veränderung nicht davon empfand. Lucius ward hiervon zwar benachrichtigt / aber er antwortete nichts anders / als daß die Massilier ihn viel zu alber ansehen / wenn sie ihren Betrug ihm unter einem thörichten Aberglauben aufzubinden vermeynten. Dahero solten sie mich ihm gestellen / oder er wolte selber den Tempel stürmen. Diese Entschlüssung versetzte die gantze Stadt / insonderheit aber die geistlichen Jungfrauen in kein geringes Schrecken / und mich in Furcht / man würde mich bey äuserster Gefahr aus dem Tempel stossen. Dahero ließ ich mich nach abgelegtem Gelübde ewiger Jungfrauschafft zu einer Priesterin einweihen / umb der besorglichen Verstossung /und des Lucius toller Brunst vorzukommen. Hilff Himmel / rieff ich / sagte Flavius von sich! Hat gleichwohl der üppige Nebenbuhler Lucius das Glücke gehabt / daß er durch Verursachung dieses Gelübdes mich auf mein Lebtage unglückselig gemacht? Nach meinem mit gleichsam tauben Ohren angehörten Wehklagen / erzehlte mir Dido ferner: Der Rath und zwey Priester des Jupiters liessen den zu Stürmung des Tempels sich rüstenden Lucius beweglich abmahnen. Der Rath hielt ihm ein: Daß Lucius hierdurch ihre Götter erzürnte / die alte Freũdschaft beyder Völcker beleidigte. Sintemal Massilien mehr für eine Schwester / als eine Magd der Stadt Rom zu halten wäre. Denn sie hätte bey ihrem Ursprunge mit den Römern ein ewiges Bündnüß gemacht / selbtes nie versehret / und in Glück und Unglück sich ihre treueste Freundin bezeigt. Sie wäre / als Brennus sie verbrennet / umb Rom im Leide gegangen / hätte alles Gold zum Lösegelde des Capitolium vorgeschossen /und sie hätten zu Rom auf den Schauspielen unter den Raths-Herren ihren gleichen Sitz. Dahero die Stadt nicht nur zu Beschirmung ihrer Heiligthümer in Aufruhr gerathen / sondern der Käyser selbst diese Gewalt-That ungnädig empfinden würde. Die Priester aber dreuten ihm die unnachbleibliche Rache der Götter an / und machten ihm eingedenck: Wie Brennus die Stürmung des Delphischen Tempels und den Raub des Goldes daraus so schrecklich gebüsset hätte. Proserpina hätte am Pyrrhus die Entweihung ihres Sicilischen Heiligthums mit Umbschlagung alles Glückes und seinem Untergange ernstlich gerächet. Ihre Diana aber wäre nichts anders als Cynthia im Himmel / und Proserpina in der Hölle. Die Persen wären in der Potideischen Belägerung durchs Wasser erbärmlich umbkommen / weil sie einen Tempel des Neptun verunehret / und Amilcar hätte nach Beraubung der Erycinischen Venus weder Stern noch Glücke mehr gehabt. Den Göttern und ihrer Rache wären aber auch die Römer unterwürffig. Diese wären durch einen gewaltsamen Sturm beschädigt worden / als sie sich erkühnet nur etliche heilige Bilder von Delphis nach Rom zu führen. Die geweiheten Jungfrauen aber wären lebhaftere und also heiligere Bilder der Götter /als die Marmel- und güldenen. Clodius wäre gar recht an der Pforte des der Cybele gewiedmeten Hauses erschlagen worden / weil er zu Rom in ihren Tempel vermessentlich gegangen. Griechen und[482] Egyptier wüsten: Daß wer nur sich die Geheimnüsse der Isis zu schauen gelüsten liesse / alsbald stürbe / und Appius /welcher nur die Freygelassenen zu des Hercules Gottes-Dienste zugelassen / wäre blind worden. Wie viel ärgere Straffe würde nun seine Gewalt-That und Jungfrauen-Raub ihm auf den Hals ziehen? Zumal der Römer / welcher bey Eroberung der Stadt Carthago dem Apollo nur den Mantel abgenommen / die Hand /und Flavius Flaccus / weil er die von der Lacinischen Juno Tempel abgerissene Zügel auf das Heiligthum des reitendẽ Glückes decken lassen / beyde Söhne und sein Leben eingebüsset. Lucius lachte zwar nur zu allem dem / sagte dem Rathe / daß sie dem Kayser Julius als Uberwundene sich ergeben / und aus Geferten zu Unterthanen gemacht hätten. Die Priester höhnete er mit dem Beyspiele des Dionysius / welcher mit dem Raube der Locrischen Proserpina glücklich nach Hause geschifft wäre / des Olympischen Jupiters göldenẽ Mantel mit grossem Wucher um einẽ wöllenen eingetauscht / und zu Epidaur den Esculapius seines göldenen Bartes beraubet hätte. Die Priester seufzeten hierüber / und nahmen mit diesen Worten ihren Abschied: Gott ersetze mit der Grösse die Langsamkeit seiner Rache! Welche Worte doch beym Lucius einẽ solchẽ Nachdruck hattẽ / daß er 3. Tage sich gantz stille hielt / und iedermann nun das Ungewitter vorbey gegangẽ zu seyn glaubte. Alldieweil aber die Furcht für Gott / wo sie nicht eine andächtige Liebe zum Grunde hat / als eine seichte Pfütze von der Hitze böser Begierden leicht ausgetrocknet wird; unterstand er sich in der vierdten Nacht mit dreyhundert reichlich beschenckten Römischen Kriegs-Knechten der Dianen Tempel heimlich zu ersteigen. Weil aber alle Nacht hundert Jungfrauen in selbtem / und hundert Hunde in dem Vorhofe wachen / entstund alsofort ein heftiger Lermen im Tempel / und die Priesterin befahl von den Zinnen Steine und brennende Fackeln auf die Stürmenden zu werffen. Lucius ward hiervon selbst getroffen / stürtzte also von einer hohen Leiter hinab /und brach neben noch zwölffen den Hals. Die übrigen wurden mit solchem Schrecken befallen / daß sie ihre todte Geferten im Stiche liessen / und nur alleine die Leiche des Lucius mit sich nahmen. Etliche erzehlten hernach / daß sie auf der Spitze des Tempels die mit Schwefel und Pech wider sie kämpfende Diana gesehen hätten. Welches / ob es wahr gewest / oder aus Furcht geglaubet worden / ich nicht zu erörtern weiß. Ob nun zwar der Rath zu Massilien / umb den Käyser nicht zu erbittern / die Todten in aller Stille auf die Seite bringen ließ / und der Römer Vorwand / daß Lucius an einem Schlagflusse gestorben wäre / möglichst bestärckte; so machten doch die Massilier ein grosses Wunderwerck daraus / zohen selbtes auch demselben weit für / da ihre Minerva dem Könige Catumand im Traume erschienen war / und ihn die Belägerung der Stadt Massilien aufzuheben gezwungen hatte. Ich selbst ward dardurch in meinem Gelübde nicht wenig bestärcket / und blieb daselbst / biß mein Herr Vater auf erlangte Nachricht von meinem Geistlichen Stande mich von der Ober-Priesterin zu einer Priesterin unser Getulischen Diana ausbitten / und anher abholen ließ. Dido beschloß hiermit und einem Beysatze vieler tausend Thränen ihre Erzehlung / welche verursachten / daß mein Hertz inwendig blutete /und ich im Eifer heraus brach: Der Dido Gelübde und Priesterthum ist von keiner Giltigkeit / weil es den Irrthum zum Vater / und die Furcht zur Mutter gehabt. Sintemal sie das von meinem Tode falsch erschollene Gerüchte darzu verleitet / und die Furcht für dem wütenden Lucius ihr ihr Angelöbnüß abgezwungen hat. Der Priester widersprach mir / und sagte: Die den Göttern geschehende Versprechungen wären nicht nach den Handlungen der Menschen zu urtheilen. Sie blieben unauflößlich / denn sie gereichten allezeit den Menschen zum Besten. Daher[483] könten sich diese niemals über einige Bevortheilung beschweren. Also solte Dido nur ihre Vergnügung in der Andacht suchen. Dido wäre einmal Priesterin / diß müste sie sterben. Also müste ich mir das Andencken dessen / was sie vorhin gewest / und meine Liebe mir nur aus dem Sinne schlagen. Denn ausser der Vergeßligkeit hätten die Sterblichen kein Recht über geschehene Dinge /und vergangene Sachen. Hiermit gab er so wohl dem Könige als mir ein Zeichen zu unserer Entfernung. Dido aber begleitete mich mit so wehmüthiger Geberdung / daß ich mich länger der Thränen nicht enthalten konte. Ihr stummer Mund flehete mich beweglichst umb Errettung an / und meine Augen bemüheten sich ihr selbte stillschweigende zu versprechen. Nach dem ich mit dem Juba auf sein Gemach kam /ließ er auch seine Gemahlin Cleopatra kommen / erzehlete mir die grosse Müh / welche er und der Priester gehabt seine Tochter von hundert verzweifelten Entschlüssungen zurücke zu halten. Er betrauerte /daß es mit der Dido so weit kommen wäre / und so wohl er als Cleopatra betheuerten / daß / wenn die Götter hierinnen ein Mittel schickten / sie für gröstes Glücke schätzen wolten / wenn ich ihre Tochter zu einer Gemahlin würdigte. Diese Zuneigung und andere Höfligkeiten hielten mich zu Cirtha zurücke / als gleich Cornelius Cossus mit der meisten Römischen Macht wieder nach Rom zoh / allwo man seine Verrichtung so hoch hielt / daß ihm der Käyser / wie vorher dem Statilius Taurus / dem Lucius Antronius /und Cornelius Balbus ein Africanisches Siegs-Gepränge und des Getulischen Zunahmen verstattete.


Ich / fuhr Flavius fort / brachte bey nahe ein gantzes Jahr an des Juba Hofe / und zwar die Tage mit allerhand Mohrischen Kriegs-Ubungen / die Nächte aber mit stetem Nachdencken zu / die unter dem Scheine einer heiligen Würde angefässelte Dido zu erlösen. Drey mal hatte ich / das Glücke sie auf gewissen Fest-Tagen zu sehen und einmal auch so wohl von ihr einen geheimen Zettel zu bekommen / als ihr einen zuzustecken / darinnen ich alles äuserste für sie zu thun angelobte. Inzwischen machten die Getulier auf Anstiftung der Garamanten und Marmarider einen neuen Aufstand. Die letzten ergriffen deshalben wider die Römer die Waffen / weil August in gantz Lybien des Ammonischen Jupiters Gottes-Dienst deshalben verbieten ließ / daß er durch seine denen kringlichtẽ Hörnern insgemein gleiche Wahrsagung seinen Enckel Cajus in Armenien zu schickẽ / und darüber einzubüssen verleitet hatte. Auch hätte der Landvogt im Befehl aus dem uhralten noch von dem Bacchus erbauten Tempel den kostbaren Widder nach Rom zu schicken / welcher mit eitel gelben Edelgesteinen übersetzt ist / die die Egyptier die heiligen Widder-Hörner heissen / und Göttliche Träume verursachen soll. Die Lybier schlugen die Römer aus der Stadt Ammon und Mareobis / und die Priester versicherten sie / daß ihr Hammon sie so wohl von den Römern erretten würde / als er dem ihn zu vertilgen anziehenden Cambyses funfzig tausend Persen mit Sande bedeckt hätte. Durch diese eifernde Andacht kamen auch die Garamanten mit ins Spiel / und Micipsa der zu ihnen geflohene Sohn des von dem Juba erschlagenen Hiarba reitzte auch die Getulier auf / welche wegen der ihnen geraubten und nunmehr schlecht verehrten Diana wider die Numidier grössere Ursache des Krieges hätten / als die Marmarider wider die Römer. Der dem Cajus zur Aufsicht mitgegebene Publius Quirinius / welcher zwar von schlechter Ankunft zu Lavinium entsprossen / aber zu dem grösten Krieges-Ruhme / und so gar zur Würde des Römischen Bürgermeister-Ampts gestiegẽ war / auch wegen der in Ciliciẽ eroberten Hamonadensischẽ Schlösser zum Siegs-Gepränge gelassen worden war / kam nach des Cajus Tode und dem Parthischen[484] Frieden aus Asien nach Paratonium an / schlug unter dem Gebürge Aspis die Lybier / eroberte Mareotis und A on wieder. König Juba aber und ich brachen mit leichter Müh / weil alle vortheilhaftige Oerter mit Numidiern besetzt waren /in Getulien ein. Nach dreyen leichten Treffen wiech Micipsa zu den Garamanten / welche wir an dem Flusse Garama zum stehen zwangen / und sie mit Erlegung etlicher zwantzig tausend in die Flucht schlugen / und die vormals vom Cornelius Balbus eroberte Haupt-Stadt Garaman eroberten. Unterdessen hatte Quirinius die Marmarider völlig zum Gehorsam bracht. Daher führte er auf dem Flusse Ciayphus sein Kriegsvolck auf dreyhundert seichten Schiffen in die schönste und fruchtbarste Landschafft des gantzen Africa Cieyps / und über das so lustige Gebürge / die Hügel der Chariten genennet / vollends in das Reich der Garamanten. Diese sahen sich nun auf beyden von einem mächtigen Feinde umbzüngelt / und derogestalt in höchsten Aengsten / sonderlich weil die Römer wegen der betrüglich ermordeten Römischen Besatzungen keinen Garamanter leben liessen. Nach dem sie sich nun die Brunnen des Landes mit Sande zu bedecken bemühten / weil zu uns täglich Landes-kündige Uberläuffer kamen / ergaben sich in einem halben Jahre die Städte Negligemela / Rapsa / Thube / Tabidium / Nathabut / Nitibrum / Tapsagum / Pege und Boin / und hiermit das halbe Königreich. Quirinius nahm Matelge / Zazama / Baracum / Baluba und Balsa mit Sturm ein / und endlich belägerten wir den Garamanten-König Asdrubal / und den Micipsa in der Stadt Debris. Diese unterliessen nichts / was zu einer Gegenwehr gehöret. Es kamen aber meine durstige Deutschen / welche an vielen Orten Brunnen zu finden gruben / auf eine unter der Erde von eitel Porphyr gemauerte Wasserleitung / welche wir alsofort den Belägerten abschnidten / und zu grosser Erquickung unsers Heeres verbrauchten. In weniger Zeit lidten jene grosse Noth vom Wasser. Denn ob wohl sie in der Festung einen Brunn hatten / so diente doch das von Mittag biß zu Mitternacht heiß hervor quellende Wasser zu keiner Durstleschung. Das von Mitternacht biß zu Mittag rinnende kalte war für eine so grosse Menge Volck und Pferde nicht zulänglich / auch wegen seines vielen Schwefels ungesund; daher auch so wohl Menschen als Vieh häuffig zu sterben anfingen / und in unserm Läger sich viel Uberläuffer einfanden. Diese berichteten uns / daß folgende Nacht alles / was Waffen tragen könte / auszufallen / und sich durchzuschlagen entschlossen wäre. Daher zoh ich an dem besti ten Orte alle Wachen zurücke / öfnete die Verbauungẽ der Wege / umb dem verzweifelten Feind Lufft zur Flucht zu machen. Ich versteckte aber zweyerley starcke Hinterhalte / derer einer bey erfolgendem Ausfall alsbald in die Stadt drang / der andere den Flüchtigen in Eisen lag. Diesen letzten führte ich selbst / und hatte das Glücke den Micipsa eigenhändig zu tödten / den König Amilcar gefangen zu kriegen. Der Ritter Gleichen / Oberster über die Deutschen / bemächtigte sich aber des Thores. Und hiermit ward auch diesem Kriege in zweyen Jahren ein Ende gemacht; Sintemal die übrigen Städte uns vollends die Schlüssel schickten. Wir betrachteten alle mit einander den seltzamen Sonnen-Brunn / welchen die Garamanten Göttlich verehren / auch über selbten einen rundten Tempel ohne Dach / der Sonnen zu Ehren von rothem Marmel gebauet haben. Jedoch gestehen die Garamanter selbst / daß der Troglodytische Sonnen-Brunn noch wunderbarer sey / weil er am Mittage eiß-kalt und süsse / umb Mitternacht brühheiß und bitter ist. Die Griechen aber meynen ihren des Mittags verseigenden und stets kalten Jupiters-Brunn beyden weit vorzuziehen / weil er die angezündeten Fackeln auslescht / die ausgeleschten aber anzündet.[485] Qvirinius und Juba theilten das Garamantische Reich mit einander / und schafften diesem halb viehischem Volcke die Gemeinschafft der Weiber und andere wilde Unarten bey Lebens-Straffe ab. Jener zohe sieghafft / und mit zweyfachem Ruhme nach Rom / weil er das ihm verlaubte Siegs-Gepränge unterließ / und sich des gegebenen Zunahmens Marmaricus und Garamanticus nicht gebrauchen wolte. Ich kam mit dem Juba gleichfals wieder in Numidien /welcher mich neben ihm auff einem mit sechs Elefanten bespannten güldenen Siegs-Wagen zu Cirtha einzufahren nöthigte. Aber diese Freude war viel zu schlecht meinem nun wieder auffwachendem Liebes-Kummer abzuhelffen / denn die steten Kriegs-Geschäffte nur ein wenig eingeschläfft hatten. Insonderheit goß die der Diana in meinem Ansehen opffernde Dido abermahls mehr Oel in das Feuer meines Hertzens als sie Weyrauch in die glüenden Kohlen des Opffer-Tisches streuete. Dahero Juba und Cleopatra so wohl mit mir / als ihrer nichts minder verliebten und mit Unwillen opffernden Tochter Mitleiden hattẽ / mir auch alles eusserste zu versuchen anboten / was zu meiner Vergnügung gereichen möchte. Hierauff fügten sie sich fast täglich in den Tempel / und ward einen gantzen Monat lang mit den Priestern über der Dido Befreyung Rath gehalten. Nach solcher Zeit kamen Juba / Dido / und der oberste Priester des Morgens früh bey auffgehender Sonnen voller Freuden in mein Schlaffgemach / weckten mich auff / weil mir gleich träumte: Wie ein Falcke mir eine an dem Meer-Ufer gefundene herrliche Perlen-Muschel aus den Händen riße / selbte empor führte / und nachdem er die darinnen gewesene köstliche Perle verschlungen /sie wieder in meine Schoos fallen liesse. Uber dieser Begebung erwachte ich / und vernahm mit grosser Vergnügung die gewünschte Zeitung / welche mich meines Traumes und aller Sorgen vergessen ließ. Wie mir denn auch die grosse Hoffnung den Beysatz nicht verdrüßlich machte / daß unser Beylager noch drey Monat verschoben werden müste. Den dritten Tag ward ein grosses Feyer in dem Dianischen Tempel gehalten. Der Diana wurden hundert Löwen geopffert /hundert zehnjährige edle Mägdlein auff Atheniensische Art eingeweyhet / und selbte auff zehn mit Bären bespannten Wagen in Tempel geführet. Die den Tempel ringsum bewachenden drey hundert Löwen wurden nach Getulien geschickt / uñ in der Wüsteney frey gelassen. Den vierdten Tag ward Dido auff einem prächtigen Siegs-wagen nach Aphrodisium in den an dem Meer-Strande stehenden Tempel der Aphroditischen Venus geführet / welcher sie daselbst auf gewisse Zeit eingeweyhet werden solte. Mir kam zwar nachdencklich für / daß ich bey solchem Aufzuge der Fürstin Dido Haupt mit fremden Haaren bedeckt; und über diß / daß die Abschneidung der Haare ein Zeichen des Traurens / und ein Opffer der Schiffbruch-leidenden ist / sie noch in der traurigsten Bestürtzung sahe; meine Liebe aber / welche insgemein zwar argwöhnisch / aber auch leichtgläubig ist / ließ sich leicht durch den Vorwand beruhigen / daß die Traurigkeit zweifelsfrey nur aus einer verliebten Ungedult wegen verschobener Hochzeit herrührte / ihre Haare aber hätte sie an statt ihrer Jungfrauschafft Dianen zur Beute lassen / wie bey denen Trözeniern die Heyrathenden ihre dem Hippolytus / und bey den Assyriern der Derceto wiedmeten. Also hätte schon Orestes auf Befehl der Götter der Taurischen Diana einen Tempel bauen / und seine abgeschnittene Haare darein lieffern müssen. Man überredete mich zwar auch / daß Dido in selbigem Tempel drey Monat ihre Andacht verrichten müßte; ein ins geheim dahin abgeschickter Deutscher aber brachte mir die Nachricht / daß sie bald die andere Nacht von Aphrodisium weg gesegelt wäre; Welches mich so unruhig machte / daß / als Cleopatra von mir die Ursache meiner ungewohnten Ungedult zu wissen[486] verlangte / ich ihr diß / und meine deßhalben geschöpffte Bekümmerniß rund heraus entdeckte. Sie aber gab mir lächelnde diese scheinbare Antwort: Es wäre wahr / daß sie eine Wallfarth in den Lyceischen Tempel bey der Stadt Trözen verrichten / und daselbst ihr Gelübde abstatten müste. Sie würde aber auff bestimmte Zeit unfehlbar zu Cirtha seyn. Und hätte man wegen der ohne diß bey mir verspürten Traurigkeit nur diese Entfernung verhölet. Ich war hiermit abermahls vergnügt; ungeachtet ich mehrmahls fürhatte / ihr in Griechenland zu folgen. Juba unterhielt mich inzwischen mit allen nur ersinnlichen Ergetzligkeiten / mit Jagten auff die Löwen und Elefanten / wie auch mit Mohrischen Ritterspielen auff. Die drey Monat waren noch nicht gar verflossen / als Dido wieder zu Aphrodisium anländete; dahin ich denn sie zu bewillkommen selbst eilete. Sie war zwar in dem Tempel noch verwahret / iedoch kriegte ich Erlaubniß sie darinnen in Anwesenheit der Priesterin zu sprechen. Die Traurigkeit war bey ihr noch nicht verschwunden / ihr gantzes Thun war vermischt von Kaltsinnigkeit und Liebes-Bezeugungen / welche aber immer wider ihre vorhin gewohnte Freyheit und Freudigkeit etwas gezwungenes an sich hatten. Als ich das dritte mahl mit ihr sprach / und die Priesterin anderwerts hin Augen und Gemüth wendete / steckte sie mir ein Schreiben mit einer solchen Empfindligkeit zu / daß an statt der ihr auff der zitternden Zunge ersterbenden Wörter sie ihre Wehmuth mit einem Zeugnisse etlicher hundert Thränen erhärtete. Nachdem ich wieder in mein Zimmer kam / erstarrte ich mehr deñ der in Stein verwandelte Atlas / als ich darinnen folgende Zeilen laß:

Wenn ich dich / edler Flavius nicht so sehr liebte /würde ich mich deiner Liebe nicht berauben. Nim also diese meine selbsteigene Verunglückseligung für ein unverfälschtes Zeugniß auf / daß ich lieber gehasst und verstossen seyn wil / als meine Liebe mit einiger Unreinigkeit besudeln. Ach leider! aber / ist gleich mein Leib / so ist doch meine Seele nicht beflecket. Der Wahn des Aberglaubens / und der Zwang meiner verleiteten Eltern hat mich mir selbst zu einem Greuel / und dir zu einer unwürdigen Anbeterin gemacht. Denn ich habe die dir gewiedmete Jungfrauschafft einem geilen Priester der zu Cirtha so unzüchtigen Diane opffern müssen. Alleine dieser Verlust war noch zu wenig. Man spottete noch der Geschändeten /und machte sie aus einer Verunehrten zu einer Närrin. Denn man schickte mich in Argia / badete mich bey der Stadt Nauplia in dem Brunnen Canathus / in welchem alle Jahr Juno ihre Jungfrauschafft wieder bekommen soll. O des abscheulichen Aberglaubens! daß auch die Götter den Schwachheiten der Begierden unterworffen / und des Abbruchs ihrer Vollkommenheit fähig seyn sollen! O des albern Wahnwitzes! daß das Wasser / welches ja zuweilen einigen Schwachheiten des Leibes abhilfft / den Verlust dessen / was die Natur und die Götter nicht ergäntzen können / erstatten solle! Höre mich diesemnach auff zu lieben / Flavius; wormit du von mir geliebt zu seyn nicht allzu würdig bleibest. Verstoß mich Flavius / und enteussere dich einer solchen Braut / welche mit Ehren weder einer keuschen Gottheit Priesterin bleiben / noch eine Ehefrau werden kan. Erlaube mir aber nur aus Erbarmniß / daß die / welche du einsmahls die Beherrscherin deiner Seele zu nennen würdigtest / deine Magd und Leibeigene sterben möge.

Ich ward / sagte Flavius / über dieser Greuel-That des Priesters beynahe rasend. Bald verfluchte ich den abscheulichen Priester / bald schalt ich die wahnwitzige Dido; bald verwandelte sich mein Grimm in das wehmüthigste Mitleiden. Also brachte ich gantzer zwey Tage und Nächte zu. Endlich überwand die Begierde mich an dem Priester zu rächen meine andere Gemüths-Regungen.[487] Ich sann nunmehr auff Mittel und Wege meinen Grimm an ihm auszuüben; als ein deutscher Edelmann mir wissend machte / daß der Diana oberster Priester mit noch sechs andern nach Aphrodisium ankommen wäre / daselbst der Diana zum Danckmal ein Heiligthum einzuweihen / und die Fürstin Dido nach Cirtha zu begleiten. Keine erwünschtere Zeitung konte mir damahls zu Ohren kommen. Ich verstellte daher möglichst meinen Schmertz und meinen Eiver / veranlaßte auch die Dido / daß sie zur See und auff dem Fluße Pagyda nach Cirtha zu kehren schlüssig ward. Weil nun ohne diß mir weder die Landes-Gewonheit / noch Höffligkeit zuließ meinen Auffenthalt auff dem die Dido führenden Schiffe zu haben / nahm ich die sieben Priester auff mein meist mit lauter Deutschen besetztes Schiff. Meinen Vorsatz zu vollziehen schien mir Himmel und Wind gleichsam seine Hülffe anzubieten. Denn dieser beunruhigte ein wenig das Meer / daß die Schiffe von einander etwas entfernet wurden / und die Wolcken umhülleten des Nachts den Monden / daß sie einander aus dem Gesichte kamen. Hiermit befahl ich mit meinem Schiffe an der gantz nahen Insel Calathe anzuländen. Daselbst trat ich mit etlichen meiner Getreuesten aus / und ließ die Priester auch dahin leiten. Ich hieß aber ausser dem Obersten sich alle andere entfernen / und fragte ihn mit ernsthafftem Gesichte: Durch was für ein Mittel sich Dido von ihrem Gelübde befreyet hätte? Er erblaßte und verstummte zugleich; endlich aber fing er an: Es liesse sich dieses Geheimnis niemanden offenbahren. Aber / versetzte ich / die offenbaren Laster wohl bestraffen. Du unheiliger Mensch! hat dir nicht gegrauset deine tolle Brunst mit der Andacht einer keuschen Göttin zu verlarven? Hastu dich nicht entröthet eine so reine Fürstin mit dem Unflathe deiner Unzucht zu besudeln / und die mir gewiedmete Myrthen in so traurige Cypressen zu verwandeln? Der Priester stand nicht anders / als wenn er vom Blitz gerühret wäre; gleichwol erholete er sich und sing an: Was er gethan / wäre aus keiner Geilheit / sondern nach dem Willen Dianens / nach der Stifftung des Alterthums / nach den Sitten der meisten Morgenländer / und mir selbst zu Gefallen geschehen. Die Jungfrauschafft bestünde ohne diß mehr in einer einfältigen Einbildung / als in einem wahrhafften Wesen der Natur. Ja in Africa und Indien hielte man sie mehr für einen Fehler / als für was schätzbares. Dido hätte sie auch nicht ihm / sondern nur durch ihn / als ein Werckzeug Dianen auffgeopffert / und er hiervon nicht die wenigste Lust / wohl aber die Göttin ihre Vergnügung geschöpffet. Diese hätte ihn / er aber die Dido so heilig überschattet /daß ihre Reinigkeit so wenig hätte Flecken / als der Amianthen-Stein in der Flamme Rauch oder Versehrung fangen können. Er glaubte nicht / daß ich die ihrer Dianen geschehene Opfferung der Jungfrauschafft scheltbarer als der Indianischen Götter / und wie sie auff den Eleysinischen Feyern durch höltzerne Götzen geschehe / halten würde. Ja zu allem Uberflusse hätte das heilige Wasser des Brunnen Canathus alles unreine abgewaschen. Woran so viel weniger zu zweiffeln wäre / weil die Egyptier durch das Bad der Isis / die Perser durch das des Mithra / die Griechen durch die Apollinar- und Eleusinischen Besprengungen / und insonderheit durch das Wasser des Flusses Ilissus so wohl alle Seelen- als Leibes-Flecken abwischen. Ich ward verdrüßlich diese scheinheilige Thorheiten anzuhören / unterbrach sie also und sagte ihm: Er solte seine thörichte Wasser-Würckungen nur die überreden / die aus dem Paphlagonischen Brunnen sich vollgetruncken hätten / und deutete ihm an: Weil er ja so eine heilige Sünde begangen zu haben vermeinte / wolte ich keine Straffe an ihm ausüben / als die ihre Götter selbst vollzogen hätten. Weil sich Attis gelüsten lassen[488] des Midas Tochter der in ihn verliebten Cybele vorzuziehen / wäre er von dieser eyversichtigen Göttin gezwungen worden / ihm unter einem Fichten-Baume mit einem geschärfften Kieselsteine sein Geburts-Glied abzuschneiden. Hiermit legte ich ihm Stein und Messer für / eben diß an ihm zu vollbringen / wormit er ein desto keuscher Priester seiner Diane / aber ein nicht so schädlicher Räuber der für ihn nicht gewiedmeten Jungfrauschafften seyn möchte. Der Priester machte hierüber zwar tausend Schwürigkeiten; aber meine Andräuung grausamern Verfahrens nöthigte ihn sich der Schärffe meines ihm gegebenen Gesetzes würcklich zu unterwerffen. Gleichwohl ließ ich durch meine Wundärtzte ihn sorgfältig verbinden / forderte die andern sechs Priester vor mich / verwieß ihnen ihren abscheulichen Gottesdienst / und sie zur Nachfolge an das Beyspiel des getreuen Combabus; welcher für der ihm anvertrauten Begleitung der Königin Stratonice / sich selbst entmannete / und diese in Honig / Myrrhen und ander Gewürtze verwahrete Wahre dem Könige Selevcus unter seinem Siegel anvertraute / daß sie ihm konte hernach ein Zeugniß seiner Treue und Keuschheit / eine Widerlegung der Verläumder / und für des Selevcus Eyfersucht eine sattsame Beschirmung seyn. An den König Juba schrieb ich:

Nach dem die Deutschen für Aberglaube und Unehre einen Eckel hätten / könte er seine geschändete Tochter nicht in ein Fürstliches Ehbette erheben. Er entschuldigte des Juba Leichtgläubigkeit / und hätte Mitleiden mit dem Unglücke der zu beweinen würdigen Dido. Seine an dem Priester verübte Rache würde er nicht für übermäßig schelten / weil er nur diß gestrafft / wormit er gesündigt / und ihn nichts mehr /als das Vermögen mehr zu verbrechen / selbst von sich zu thun / angehalten hätte. Diß sein Beyspiel solte dem Juba ein Wegweiser seyn / wie er künfftiger Zeit für so schnöden Verleitungen seiner unzüchtigen Priester sicher seyn konte. Hätte Cybele zum Gedächtniße ihres geliebten Attis ein Gesetze machen können / daß alle ihr dienende Priester bey Trompeten-Schall entmannet werden müsten; so hätte er seiner mehr liebwerthen Tochter halber mehr Ursache alle Numidische auff gleiche Art zum Dienste der keuschen Diana fähiger zu machen.

Diesen Brieff gab ich denen aus dem Schiffe gesetzten Numidiern / hinterließ sie mit den Priestern auff dem Eylande Calathe; ich aber segelte mit mei nen übrigen Deutschen gerade nach Drexena in Sicilien. Nachdem ich nun so wohl hierinnen / als in Campanien alles Merckwürdige besehẽ hatte / kam ich wieder nach Rom: da mich deñ so wol der Käyser als der inzwischen ans höchste Bret gestiegene Tiberius sehr wohl auffnahmen; weil nicht nur Cornelius Cossus / sondern auch der beym Tiberius sehr hoch gesehene Qvirinius von mir viel gutes berichtet / und meine Dienste im Africanischen Kriege aus Gewogenheit mercklich vergrössert hatten. Ich kam gleich nach Rom / als Tiberius kurtz vorher aus Deutschland kommen war / und nebst dem Sentius Saturninus sich mit diesen Völckern verglichen hatte. Dieses halff mir / daß der Käyser mich zum Haupte über die zu seiner Leib-Wache erkieseter Batavischen Reiterey setzte. Weil aber sich wenige Zeit der hefftige Krieg in Dalmatien anspann / und Tiberius dieses gefährliche Feuer zu leschen dahin bestimmet war / muste ich mit denen in Römischen Kriegsdiensten befindlichen Deutschen nur auch dahin. Batto hatte gleich bey Certissa an der Sau die Römer aus dem Felde geschlagen / die Breuzen und Teraunizer / zwey Pannonische Völcker ihm beyfällig gemacht / und nach Eroberung der Städte Citalis und Budalia die an dem Flusse Bucantius gelegene Haupt-Stadt Sirmium belägert; ja Bato Dysidiatus hatte mit seinen Dalmatiern alles zwischen dem Flusse[489] Tedarius und Tillurus biß an Apollonia und das Eyland Pitica entweder erobert oder verwüstet / und die einige noch übrige Stadt Salona belägert; aber wegen einer von einem Wurff-Steine empfangener hefftigen Wunde dafür abziehen müssen / iedoch die Römer zweymahl geschlagen; ja er gleichsam als ein Blitz biß an die Grentzen Italiens gedrungen / hatte die Städte Nauport / und Tergestis /als zwey Schlüssel nach Rom in seinen Händen / welches für Schrecken zitterte / sonderlich als der Käyser selbst im Rathe meldete: der Feind könte in zehn Tagen für Rom stehen. Also stand es in Dalmatien und Pannonien; und in Macedonien wütete Pinnes /als der Landvogt in Illyris / auch nach seinem Gefallen / als Meßalinus mit der zwanzigsten Legion und vier tausend Galliern dem Dysidiat entgegen eilete /uñ ich ihm mit tausend Deutschen / Tiberius aber mit einem grössern Heere folgte. Messalinus traff den Feind bey dem Tempel des Diomedes für sich; und weil er entweder zu hitzig war / oder die Ehre des Sieges alleine davon tragen wolte / ward er von dem zwar noch verwundeten / aber die Dalmatier hefftig anführenden Dysidiat zurück getrieben / daß er mit ziemlichem Verlust über den Fluß Natiso weichen muste. Ich kam folgenden Tag zum Messalinus / und nach dem wir erfuhren / daß die Dalmatier auch übersetzten / stellten wir uns in einen vortheilhafftigen Ort / lockten den Feind zu einem neuen Treffen / und hatten das Glücke den Dysidiat auffs Haupt zu schlagen /welcher nach Verlust mehr als zwölff tausend Mann /weil wir ihm stets in Eisen lagen / biß über den Sau-Strom zu weichen gezwungen ward. Weil nun inzwischen der Mysische Landvogt Cäcina Severus den Bato auch die Belägerung für Sirmium auffzuheben genöthigt hatte / stiessen beyde Bato zusammen; und nach dem so wohl Tiberius als Rhemetalces mit einem neuen Heere sie gleichsam umringte / zohen sie sich zwischen das Almische von den Römern so genennte Claudische Gebürge. Rhemetalces lockte zwar ein Theil des Pannonischen Heeres auff die Fläche /und versetzte selbtem einen ziemlichen Streich; nachdem aber er und Severus mit seinem gantzen Heere seinem Mysien / in welches die Dacier und Sarmaten eingefallen / Ariopolis erobert / und viel offene Oerter angezündet hatten / zueilen muste / Tiberius mit dem Messalin zu Sescia zwischen der Sau und dem Flusse Colapis überwinterte / kriegte der Feind Lufft / spielte zwischen der Sau / der Drave und Ister allenthalben den Meister / und brachte fast gantz Pannonien auff seine Seite. Unterdessen gewanen Rhemetalces und Rasciporis mit ihren Thraciern zwar in Macedonien dem Pinnes eine Schlacht ab / alleine er verstärckte sich mit seinen Dalmatiern auff dem Skandischen Gebürge und an dem Flusse Drilon; aus welchen sichern Behältnißen sie denn Macedonien mit unauffhörlichen Einfällen beunruhigten. Ich ward wohl befehlicht denen Pannoniern mit der Deutschen und Gallischen Reuterey möglichsten Abbruch zu thun; und ich traff auch etliche mahl mit ziemlichem Vortheil. Weil aber die Feinde mir an Macht weit überlegen / auch so flüchtig als die Deutschen waren / hingegen tausend Schlipplöcher zum Uberfall und Entkommen wusten /war unmöglich was hauptsächliches auszurichten. Aulus Cäcina und Silvanus Plautius setzten zwar aus Asien fünff frische Legionen zu Lissus aus / und der König in Thracien stieß mit zehn tausend Reutern zu ihnen / aber Pinnes und Bato boten ihnen an dem Flusse Clausula die Stirne / schlugen die Thracier zum ersten in die Flucht / erschlugen fast alle Hülffs-Völcker / zertrennten drey Römische Legionen / erlegten viel Obersten / eroberten viel Fahnen / und trieben das übrige Heer biß nach Lissus. Weil nun Tiberius und Meßalin bey Sescia gleichsam unbeweglich lagen / und[490] schier alle Anschläge Krebsgängig wurden / verfiel Tiberius beym Käyser in Verdacht: daß er / um die Waffen stets in seinen Händen zu behalten / diesen Krieg mit Fleiß verzögerte. Daher entschloß er sich den jungen Agrippa in Dalmatien zu schicken; Aber Liviens Arglist wendete alle Künste an / den Tiberius einer solchen Neben-Sonne zu entübrigen /brachte es auch so weit / daß nicht allein statt des Agrippa der vom Tiberius für einen Sohn angenommene Germanicus in Pannonien geschickt / sondern auch Agrippa / weil er wegen dieser Ubergehung Livien ihre Stieffmütterliche Feindschafft / dem Käyser aber die Vorenthaltung seiner väterlichen Güter fürrückte / auff das Eyland Pcanasia verwiesen ward. Germanicus kam mit einem mächtigen Heere in Pannonien / denn der Käyser hatte nicht nur Freygebohrne darzu geworben / sondern auch bey damahliger Theurung viel tausend Freygelassene um Getreyde zu Kriegs-Diensten erhandelt. Dalmatien und Pannonien ward von so viel Römischen Heeren zwar gleichsam überschwemmet / sintemahl zehn Römische Legionen / siebentzig Fahnen Hülffs-Völcker / vierzehn Flügel Reuterey / ohne viel tausend Freywillige zusammen kamen / welche aber wider die tapffern Pannonier wenig denckwürdiges ausrichteten / als daß sie weit und breit Pannonien einäscherten / um die / welche sie mit Waffen zu überwinden nicht getraueten / durch Hunger zu zähmen. Severus rückte zu dieser Zeit /nachdem die Dacier und Sarmater wieder über die Ister in das bergichte Dacien gewichen waren / aus Mysien zwischen dem Flusse Pathissus und Ister durch das Gebiete der Metanaster und Jazyger den Pannoniern auff den Hals / setzte bey Salinum über den Ister / bey Cäsarea über den Fluß Urpan / schlug sein Läger an dem Volceischen See auff / kam also dem Bato recht in Rücken. Dieser aber zohe in Eil den Dysidiat an sich / übersiel gantz unversehens des Severus umb Triccana Barbis / und Serbium in aller Sicherheit sich erfrischendes Heer / und trieb es biß unter den Wall. Weil aber von Flexum den Tag zuvor die vierzehende Legion ins Läger ankommen war /welche den Flüchtigen mit der alten Besatzung zu Hülffe kam / musten die Pannonier sich zurück ziehen. Germanicus und ich hatten zu selbiger Zeit mit einem Theile unsers Heeres gegen die Dalmatier zu schaffen / und das Glücke / daß wir die Maceer und Dindarier unter dem Gebürge Carvancas aus dem Felde schlugen: welchen Sieg Germanicus selbst der Deutschen Tapfferkeit zueignete. Gleicher gestalt ging die feste Stadt Lopsica / darein der Feind fast allen Vorrath des Landes gebracht hatte / durch die Stärcke eines Hermundurischen Ritters Polentz / oder Pulio über. Hiermit geriethen die Dalmatier und Pannonier in eusserste Noth der Lebens-Mittel / und von denen gegessenen rohen Kräutern und Wurtzeln rissen viel schädliche Seuchen / wie nichts minder die Zwytracht bey ihnen ein. Denn Bato der Breutzer Fürst liefferte gegen empfangenes Versprechen / daß er selbiges und das Skordiskische Fürstenthum bekommen solte / den Fürsten Pinnes und die Festung Aleta in des Tiberius Hände. Welches den Dysidiat nöthigte dem Tiberius Frieden anzubiethen / welcher denn auch von ihm zu einer Unterredung ein frey Geleite bekam / und dem Tiberius auff die Frage: Warum sie wider die Römer auffgestanden wären? antwortete: Weil sie ihre Heerden zu bewahren nicht Hirten und Hunde / sondern Wölffe brauchten. Dysidiat schloß also einen für die Dalmatier und Pannonier ziemlich erträglichen Frieden. Tiberius und Germanicus zohen mit grossem Siegs-Gepränge / und der Käyser / welcher / umb dem Kriege desto näher zu seyn / unterdessen sich zu Arminium auffgehalten hatte / mit grossen[491] Freuden nach Rom; allda er auch mich mit einem Siegs-Krantze beschenckte. Inzwischen konte Dysidiat dem Bato seine Verrätherey nicht vergessen / daher belägerte er ihn mit denen ihm ebenfalls gramen Breutzen in der Festung Serota /verdammte ihn nach derselben Eroberung zum Tode /und ließ ihn als einen Verräther in Spieß stecken. Der Pannonische Landvogt nahm diß für einen neuen Friede-Bruch auff / überzohe die Breutzer / und zwang sie mehr durch Feuer als durchs Schwerdt auffs neue um Frieden zu bitten; den Dysidiat aber nach Arduba in Dalmatien zu weichen. Alldieweil aber beyde Völcker von den Römern ärger als iemahls vorher gedrückt und ausgesogen wurden; fleheten sie den Fürsten Dysidiat abermahls umb Beschirmung ihrer Freyheit an /überfielen die Römischen Besatzungen / und brachten den Silan bey Velcera ziemlich ins Gedrange. Germanicus eilte mit frischen Völckern in Dalmatien / büssete aber in der Stadt Rhetium / darein ihn die flüchtigen Dalmatier arglistig lockten / durchs Feuer etliche tausend Mann ein. Diese aber ersetzte er kurtz hernach mit Eroberung der vormahls vom Tiberius vergebens belägerten Stadt Seretium. Weil aber Dysidiat sich täglich verstärckte / und mit vier Heeren gegen die Römer kriegte / schickte der Käyser noch drey Kriegs-Heere unter dem Tiberius dem Silan und Lepidus in Pannonien; Er selbst aber und darunter ich schlugen sich zum Germanicus. Silanus kriegte an dem Flusse Arrabo / Silan an der Drave mit ihren Feinden zu schaffen / und wurden nach etlichen Treffen bey Carrodum / Bolentium und Limusa Meister. Tiberius und Germanicus drangen mit dem Käyser durch der Flanater / Japüder und Mazoer Gebiete dem Dysidiat biß ins Hertze Dalmatiens / und ward er selbst in der fast unüberwindlichen Festung Anderium an dem Flusse Jader belägert. Der Käyser ruhete bey dieser Belägerung in der Nähe zu Salona aus. Ich will hier nicht die Künste des schlauen Tiberius erzehlen; genug ist es / daß er den Dysidiat / als er seine Dalmatier vergebens zu einem neuen Frieden zu bewegen bemühet war / dahin brachte / daß er sich heimlich aus der Festung stahl / und die Seinigen verließ; auch nach eusserster Gegenwehr den Feind endlich zur Ergebung zwang. Unterdessen schlug Germanicus nebst mir etliche mahl den Feind / und nahm das gantze Gebiete der Epetiner / Phryger und Karier biß auff die Haupt-Stadt Arduba ein. Diese Belägerung setzte Germanicus mit so viel hertzhafftigerm Eyfer fort / als er dem Tiberius in der Belägerung der Stadt Anderium / von welcher dieser jenen mit Fleiß entfernet hatte / nichts nachzugeben begierig war. Die Stadt Arduba war fast umb und umb von dem überaus strengen Strohme Tillurus umgeben; in welchem die Römer mit ihren sonst bräuchigen Schiff-Flössen /oder an die Schenckel gebundenen und auffgeblasenen Ochsen-Blasen und Ziegen-Häuten über zu kommen vergebens versuchten. Germanicus wuste ihm hierinnen weder Hülffe noch Rath / und also foderte er von mir ein Gutachten. Ich aber / weil ich bereit wahrgenommen hatte / daß der Strohm nicht allenthalben an die Stadtmauern striche / sondern an etlichen Orten ein ziemlicher Platz Erde unbewässert an den Mauern hinge / erbot mich folgende Nacht unter der Stadt-Mauer mit meinen Deutschen festen Fuß zu setzen. Dieses bewerckstelligte ich auch glücklich. Deñ ich laß mir 200. des Schwi ens erfahrne Deutschen aus; iedem gab ich ein Grabscheit / ein Holtz oder Bret /welches sie mit über den Fluß zu bringen getrauten. Mein Vorgang / die trübe Nacht / und das grosse Geräusche des Stromes machte / daß wir unvermerckt[492] überkamen / vorwerts uns mit einer für uns aufgeworffener Brustwehre / über uns mit einem von Bretern gemachten / und für den Brand mit Erde beschüttetem Dache / wider alle Gewalt verwahrten. Worüber die Belägerten derogestalt bey der Tagung erstauneten / daß sie sich zu ergeben schlüssig waren. Weil aber mehr als tausend Uberläuffer in der Stadt waren / welche an aller Gnade verzweifelten / und also alles äuserste auszustehen vorhatten / entstand in der Stadt ein Aufruhr. Jedoch schlugen sich die mehr männlichen Weiber zu den letzten / und fielen ihren eigenen Männern / Brüdern und Söhnen in die Haare. So bald ich der innern Unruh innen ward / ließ ich durch meine schwimmende Deutschen etliche Seile über den Strom ziehen / an welchen nicht nur meine übrige Landsleute / und ein paar tausend Römer / sondern auch der benöthigte Sturm-Zeug übergebracht werden / und wir schier ohne allen Widerstand die Stadt Arduba ersteigen konten. Die Dalmatischen Weiber liessen nunmehr von ihren eigenen Anverwandten ab /und fielen uns wie wütende Unholden an; nachdem sie aber ihrer Ohnmacht gegen unsere Waffen gewahr wurdẽ / stürtzten sie sich meist alle mit ihren in der Eil erwischten Kindern / theils in die von ihnen selbst angezündeten Häuser / theils über die Mauern und in den Fluß Tellurus. Sintemal ihnen erträglicher schien alles / als das edle Kleinod der Freyheit zu verlierẽ. Also ging diese für unüberwindlich gerühmte Festung schier ohne Verlust über; und mit ihr entfiel fast allen Dalmatiern vollends das Hertze / also / daß sie entweder sich selbst willig ergaben / oder vom Vibius Posthumius vollends unschwer bezwungen worden. Die Pannonier aber wurden aufs neue von Daciern und Sarmatern durch eine Hülffe von 40000. Mann aufgefrischt / welche die berühmte Stadt an dem Ister zu den Colossischen Säulen genannt / mit einer grossen Niederlage der Römer dem Severus abgewannen / und biß an die Mansvetinische Brücke an der Drave alles unter ihre Gewalt brachten. Dieser neue Feind ermunterte auch die zwischen dem Gebürge Ardius und dem Flusse Drinus überaus vortheilhaftig gelegene und so wohl ihrer Kriegs-Wissenschafft als Harnäckigkeit halber beruffene Daoriser / wie auch die streitbarẽ Disitiates / daß sie unter dem jungen Pinnes wider die Römer die Waffen ergriffen. Wider diese letztern ward der neu-erwehlte Dalmatische Landvogt Vibius Posthumius / Lepidus und Junius Blesus geschickt /welche fast mit gäntzlicher Vertilgung dieser Völcker dem Kriege ein Ende machten. Mich aber schickte der Käyser mit dem Licinius Nerva Silianus wider die Dacier und Sarmater / weil die Deutschẽ / des Augustus Urtheil nach / diesen geschwinden Feinden am besten zu begegnen wüsten. Ich setzte bey Leucomũ über die Sau / bey Anciana über die Drave / in Meynung bey Varronianum auch über den Ister zu kommen / und nicht nur dem sich aus Dacien täglich vermehrenden Feinde alle fernere Hülffe / sondern auch die Rückwege über den Ister abzuschneiden. Es setzten sich aber die Pannonier und zehntausend Dacier bey Animascia uns in Weg; also / daß ich mit meinẽ Vorzuge gezwungen ward zu schlagen. Ich gebrauchte mich aber des von dem Ventidius gegen die Parther so glücklich angewehrten Vortheils / daß ich mit meinem Kriegs-Volcke einen Hügel besetzte / von dem ich die mich angreiffenden Feinde Spornstreichs und mit verhengtem Ziegel als ein Blitz anfiel; also nicht allein die viel tausend abgeschossenen Pfeile der Dacier überhin gehen ließ / sondern auch die fördersten Feinde über einen Hauffen rennte / und durch die Tapferkeit der einigen Deutschen in kurtzer Zeit die Dacier und Pannonier in Unordnung und in die Flucht brachte. Wie wir aber vernahmen / daß der Feind zu Varronianum und Mursella sich[493] starck verschantzt hatte /wurden Silvan und ich schlüssig zu Mursa zurück über die Drave / und zu Korbach über den Ister zu gehen. Dieses verrichteten wir ohne einigen Widerstand. Weil aber der Feind nunmehr inne ward / daß wir ihm in Rücken zu kommen vermeynten / hielt er für nothwendig / ehe als wir uns einigen festen Ortes bemächtigten / zu Varronian ebenfalls über den Ister zu setzen / und uns mit gantzer Macht auff den Leib zu gehen. Dieser kam uns den dritten Tag mit 60000. Mann ins Gesichte. Daher Silan und ich uns harte an den Ister-Strom recht gegen über / wo die Drave in den Ister fällt / in Schlacht-Ordnung stellten / wormit die starcke feindliche Reiterey die Sarmater das Römische Fußvolck nicht umbgebẽ und an beydẽ Seiten anfallen könte. Wie wir auch wahrnahmen / daß die Pannonier den rechten / die Dacier den lincken Flügel erwehltẽ / der Sarmater aber beyde Flügel auf der Seite deckten; also ich die Helffte unser Reiterey denen an dem Ister vergebens gestellten Sarmatern an ihrem lincken Flügel genungsam zu seyn meynte; setzte ich alle Stall-Buben zu Pferde / und stellte die Helffte derselben bey unserm lincken Flügel / allwo Silan mit der vierzehenden Legion am Ister gegen den Feind genungsam feste stehen konte. Die Helfte der Deutschẽ und Gallier Reiterey aber / wie auch 2000. unnützes Gesindlein stellte ich hinter einen auf der rechten Hand gelegenen Berg. Wir traffen mit unserm lincken Flügel wegen Vortheilhaftigkeit des Ortes mit Fleiß zum ersten. Da denn unser Anschlag bald gewüntscht ausschlug / indem / als die Römische Legion mit fest geschlossenen Gliedern gegen die Pannonier andrang / die Sarmatische Reiterey derogestalt ins Gedrange kam / daß sie sich nicht rühren konte /auch die Ordnung der Pannonier selbst dort und dar verwirrte. Daher entschloß sich zwar ihr Führer Fürst Popel in den Strom zu setzen / in Meynung in selbtem herunter zu schwe en / und unserm lincken Flügel in Rücken zu kommen; Aber es hinderte diß theils das hohe Ufer / theils / weil ich derogleichen vorgesehẽ /meine Anstalt / in dem ich an dem seichten Ufer in der Eil hatte Grabẽ aufwerffen / oder höltzerne Schläge fürmachen lassen. Inzwischen kam auch unser rechter / und des Feindes lincker Flügel ins Gefechte. Unsere an die Spitze gestellten Griechen und Asiatischen Hülffs-Völcker lidten zwar von den hartnäckichten Daciern etwas Abbruch / iedoch ließ ich bald Deutsche / bald Römer an die Lücke tretẽ / und erhielt also die Schlacht-Ordnung feste / daß die Dacier müde worden / ehe die dritte Legion / welche dem Lucius Apronius vertrauet war / recht zum Fechten kam. Die Reiterey der Gallier und Thracier lidt zwar auch von den geschwinden Sarmatern Noth; wenn aber die Deutschen auf sie traffen / räumten sie Augenblicks den vorhin erlangten Vorthel. Als nun derogestalt beyde Heere miteinander im heftigsten Treffen waren /kamen 50. mit Pannoniern geladene Schiffe den Strom herab / welche theils des Silans Legion und unsern gantzen lincken Flügel in der Seite mit allerhand Geschoß angriffen / theils auch unterwerts Volck mit Aexten aussetzten / die die Graben fülleten / die Schlag-Bäume zerhieben / und also der Sarmatischen Reiterey am Ufer auszusetzen / und unsern lincken Flügel hinterwerts anzufallen Gelegenheit machten. Silan wendete zwar / als unsere blinde Reiterey nemlich die Stallbuben die Flucht nahmen / ein Theil des lincken Flügels umb und gegen die Sarmater; aber weil er von dreyen Seiten bestritten ja er auch selbst von denen eindringenden Sarmatern mit einer Sebel im Haupte heftig verwundet ward / gerieth der gantze lincke Flügel in Unordnung. Mein rechter hatte für sich selbst genung zu thun; also befahl ich / daß unsere hinter einem Hügel stehende Reiterey dem lincken Flügel zu Hülffe eilen / die gantze blinde Reiterey aber umb den Berg herumb gehen / und denen gegen mich fechtenden Daciern in Rücken[494] einzufallen dräuen solte. Der Ritter Zimbern führte die deutsche Reiterey mit unvergleichlicher Hertzhaftigkeit an / und zwang die Sarmater / daß sie über Hals und Kopf in Ister sprengen musten. Ich kam auch selbst dem lincken Flügel zu Hülffe / und vertraute dem Apronius den rechten / setzte denen schiffenden Pannoniern 500. Thracische und Cretische Schützẽ entgegen /brachte also den lincken Flügel wieder in Stand. Hingegen wurden die Dacier und Sarmater in ihrem lincken Flügel von unser sich hervorthuenden blinden Reiterey derogestalt geschreckt / daß diese die offentliche Flucht zu ergreiffen / jene aber in Verwirrung zu gerathen anfingen. Ritter Pappenheim hielt nicht für rathsam die flüchtigen Sarmater zu verfolgen / sondern ging dem Dacischen Fußvolck in die Seite / Apronius drang ihnen vorwerts auf den Hals; und also ging der gantze lincke Flügel über einen Hauffen /zumal der Dacische Fürst Deldo selbst todt blieb. Die Pannonier im rechten Flügel verlohren hiermit ihren vorigen Vortheil / das Hertze und das Feld. Das Gefechte ward nunmehr in ein Würgen verwandelt. Von dem Feinde blieben 18000. ohne die sich in den Ister stürtzten / auf der Wallstadt todt / 10000. wurden gefangen. Dysidiat entran zwar auf einem Nachen / iedoch ließ er uns seinen Gehorsam / und seinen Sohn Sceva zur Geissel anbiethen. Ich aber / weil der tapfere Silan folgenden Tag von den empfangenẽ Wunden sein Leben auf dem Bette der Ehren beschloß /verwieß ich ihn an den zu Segesthe des Ausschlags erwartenden Tiberius / welcher anfangs den Sceva /hernach den ihm zu Fusse fallenden Dysidiat / welcher sein verwürcktes Haupt zur Abschneidung willig darreichte / zu Gnaden annahm. Gantz Illyris / Dalmatien und Pannonien kam hiermit zu völligem Gehorsam / Dacien und die Sarmater in Schrecken. Germanicus brachte dem Käyser selbst die fröliche Zeitung / welcher mit dem Tiberius zu Rom im Siegs-Gepränge einzuziehen kostbare Anstalt machte / den Germanicus mit einem Lorber-Krantze / und mit der Würde der Stadt-Vogtey / mit der Fähigkeit nunmehr Bürgermeister zu werden / und nach den Bürgermeistern im Rathe seine Meynung zu sagen beschenckte; mir und dem Silan aber zwey Sieges-Bogen in Pannonien aufführen / ja auf die Wallstatt eine Stadt zu bauen / und sie den Deutschen zu Ehren Deutschburg zu nennen befahl.

Ich kam derogestalt vergnügt nach Rom / und ward allenthalben nunmehr nicht so wohl für einen Deutschen / als für einen Römer gehalten. Nach dem aber den fünften Tag nach des Käysers Ankunft die traurige Zeitung von der grossen Niederlage des Varus /und daß mein Bruder Uhrheber dieses grossen Verlustes wäre / nach Rom kam; also die deutsche Leibwache abgeschafft / alle andere Deutschen entweder vom Pöfel erschlagen / oder aufs Käysers Befehl in Hafft genommen wurden / verrauchten auch in einem Augenblicke alle meine Verdienste. Man brachte mich noch selbigen Tag nach Ostia / setzte mich auf ein Schiff / und segelte mit mir nach dem Eylande Dianium. Der Käyser ließ mir zwar andeuten / daß es zu meiner selbsteigenen Sicherheit / und nur biß der schwirige Pöfel sich wieder beruhiget habẽ würde /geschehe; alleine ich hielt es für ein einsames Gefängnüß. Den andern Tag nach meiner Dahinkunft ging ich an dem Meer-Ufer in traurigen Gedancken / als ich unversehns zwey frembde Schiffe anländen sah. Bald darauf ward ich in einen Stein verwandelt / als die Numidische Fürstin Dido ans Land trat. Diese ward mein so bald als ich kaum ihr gewahr / iedoch war ihre Veränderung nicht so heftig; daher sie sich mir näherte / mich aufs holdeste grüßte / und nach dem sie allen ihren Leuten sich zu entfernen einen Winck gegeben hatte / umb meinen Zustand fragte. Ich ward schamroth über derselben Freundligkeit / die ich durch meine Verschmähung beleidigt zu haben vermeynte; gleichwohl begegnete ich ihr mit[495] möglichster Höfligkeit / und entdeckte ihr meine Beschaffenheit aufs kürtzeste. Nach einem tieffen Seufzer fing sie an: Unvergleichlicher Flavius / glaube / daß ich dein Unglück mehr als du selbst empfindest / und daß ich dich als eine irrdische Gottheit verehre / weil ich dich zu lieben unwürdig bin. Meine bißherige Zufälle verdienen nicht dein Gehöre; tröste aber deine Rache /daß Juba den obersten Priester auf dein Zuschreiben habe die Löwen zerreissen / und die andern Priester der Diane sä tlich entmannen lassen. Ich bin aus erheblichen Ursachen auf der Reise nach Rom begriffen / hier aber angefahren / umb in dem hiesigen Heiligthume Dianen ein Gelübde abzustatten. Wormit du aber glaubest / daß ich deine Magd im Wercke sterben wolle / so trete ich dir das andere Schiff zu deiner Flucht ab. Erwehle selbst einen Ort / wo du hin wilst. Ich verlange selbten nicht zu wissen. Mache hierüber keine Schwerigkeit / und lasse allen Kummer mir zurücke. Ich ward hierdurch derogestalt gerühret / gleich als ich eine Göttin für mir reden hörte. Die Thränen fielen mir aus den Augen / welche ich statt einer Dancksagung ihr zurücke ließ / und mit meinen zwey deutschen Edelleuten / die man mir ja noch gelassen hatte / das Schiff betrat. Dido befahl dem Schiffer mir nicht anders als ihr selbst zu gehorsamen. Nachdem ich von ferne noch einst den traurigsten Abschied von ihr genommen hatte / erwehlte ich nach Massilien zu fahren / da ich auch den andern Tag anländete / und von dar auf verwechselten Pferden durch Gallien nunmehr so glücklich allhier ankommen bin.


Hertzog Herrmann schöpften über dieser Erzehlung überaus grosse Freude / die andern Fürsten aber nicht geringe Verwunderung. Der Tag war hierüber grossen Theils verstrichen: und weil Hertzog Flavius Erlaubnüß bat der Fürstin Thußnelde und Ismene / wie auch dem Fürstlichen Cattischen Frauenzimmer die Hände zu küssen / schied diese fürnehme Versa lung mit höchster Vergnügung von einander.

Quelle:
Daniel Caspar von Lohenstein: Großmütiger Feldherr Arminius, Erster Theil, Leipzig 1689, S. 335-496.
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