Fünftes Kapitel.
Die Dorfschenke, oder der gehörnte Siegfried.

[27] Deswegen fange ich auch ein neues Kapitel an.

Es war an einem unvergleichlichen Herbstnachmittage, als Junker Seyfried that, was er vorher niemals, oder doch so außerordentlich selten zu thun pflegte, daß davon auch nicht der Schatten einer Nachricht auf mich gekommen ist: Er gieng spazieren.[27]

Fast ganz an der südlichen Grenze seines Gebietes lag das kleine Lustwäldchen, dessen ich zu Anfang des ersten Kapitels rühmlichst gedacht habe. Dahin begab sich der Edelmann. Er lagerte sich unter einer majestätischen Eiche, und hörte den Vögeln, die um ihn her zwitscherten – nicht zu, hatte auch in der Welt kein Arges draus, daß eine liebliche Quelle zu seinen Füßen mit sanftem Murmeln durch Gebüsch und bunte Blumen sich schlängelte. Er rauchte sein Pfeifchen, freuete sich herzlich, daß es Zirkel gab, wenn er in den Bach spuckte, und schlummerte endlich gar sanft und süß über dem Rauchen ein. Als er erwachte, fand er sich in der schönsten Abenddämmerung, und ehe er noch den Rückweg halb vollendet hatte, war es völlig dunkel.

Der gnädige Herr erreichte sein Dorf, und schlenterte ganz gemächlich durch die Pfützen und über die Misthaufen vorwärts, bis eine laute pathetische Stimme, die in der Stube der Dorfschenke gewaltig deklamirte, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Neugier war sonst des Pommerschen Edelmanns Fehler nicht, aber heute sollte alles bey ihm ungewöhnlich zugehen. Bin doch kurjos zu wissen, was da so gröhlet, sagte er bey sich selbst und kuckte ins Fenster. Da sah er denn am Ende des Tisches den Schulmeister, sitzend in seiner ganzen Gravität, vor ihm zwey Endchen Licht, eins auf dem Leuchter, das andre in den Hals einer Bouteille gesteckt, neben und hinter ihm die Kinder des Wirths mit aufgesperrten Mäulern, und um den Tisch her fünf oder sechs Bauren in ihren weißen Kitteln, die kurzen Stummelchen im Schnabel, aus welchen der Dampf des Brandenburgischen Knasters in dichten wirbelnden Wolken hervorstieg, und die Stube an Qualm und Wohlgeruch vollkommen jenem Abgrund ähnlich[28] machte, der der Hölle zum Schornstein dienet, und in welchen Astolph, reitend auf dem Hippogrifen die Harpyen zu allen Teufeln jagte.1 Der Schulmeister hatte die wahre und wundersame Geschichte des kecken und mannhaften Ritters Siegfried, mit dem Beynamen des Hörnernen, in seiner linken Hand, breitete die rechte in zierlichen Gestikulationen seinem Auditorium entgegen, und las, daß er braun um den Kopf wurde. Er war gerade bey dem unerhörten Ebentheuer, des Ritters wider den scheußlichen Haselwurm. Die Nasenlöcher der Bauren erweiterten sich, die Kinder schmiegten sich an einander, die Wirthin rückte ihren Bettschemel näher an den Tisch und sah von Zeit zu Zeit hinter sich, ob ihr auch etwa ein Drache in die Arrieregarde fiele, und der Junker draußen vor dem Fenster horchte aufmerksam zu, als der Schulmeister las, wie die Hiebe fielen als Hagel, und jeder Hieb 'ne Wunde machte, wie 'n Scheunthor, und wie der Ritter den Lindwurm, deß er kümmerlich Herr werden mogt, braten thät, daß 's Fett raus quoll, und 's Fett Horn ward, als 's gerann, und der Ritter sich damit fest machte wider Hieb und Stich, und 's Fräulin erlöste, und sich zu ihr thät wonniglich – und was des Dings mehr war, welches alles Ihr weiter nachlesen möget, theils im Büchlein selbst, theils auch in der Paraphrase des Ludimagisters, von der ich aber nicht weiß, ob sie gedruckt ist.

Hagel noch mal, sagte der Edelmann, das war'n ganzer Kerl, der Ritter da! – Muß doch mal 'nein gehen, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, hieng sein spanisch Rohr über den Griff des Säbels, nahm die Tobackspfeife in die linke Hand, tappte mit der rechten voraus, um die Nase nicht zu gefährden, und gelangte so ganzglücklich und wohlbehalten bis an die Stubenthür und in die Stube.

Die Gesellschaft sah, Trotz der Atmosphäre von Tobacksqualm, worinn sie gehüllet war, dennoch das Flimmern des reichbesetzten Dolman's, und erkannte an diesem Zeichen, wie auch am Klirren des Säbels und Stockes, wozu die Eisen unter den Stiefeln den Takt gaben, die Gegenwart des gnädigen Herrn. Die Posaune des Schulmeisters verstummte, die Bauren nahmen die Pfeifen aus dem Munde und die schwarzen Pudelmützen herunter, und der Wirth, der nicht aus dem Dorfe, sondern bey Reichenwalde her gebürtig war, auch in jüngern Jahren als Stangenreiter eines Frachtfuhrmanns manche Reise von Frankfurth nach Leipzig gethan, folglich die Welt gesehen und Mores gelernet hatte, machte einen Knickerling mit einem Sequens.

Die Bauren fürchteten sich zwar nicht vor dem Edelmanne, denn sie waren überzeugt, daß er der gutmüthigste Junker auf Gottes weiten runden Erdboden sey; aber sie wurden doch ein wenig bestürzt, und wußten nicht gleich, was sie aus dieser unerwarteten und unerhörten Erscheinung machen sollten. Selbst der Schulmeister vermogte von seinen hundert zwey und siebenzig lateinischen Brocken keinen einzigen herauf zu würgen.

»Geht man wieder sitzen, sagte der Edelmann. Der Blix! geht sitzen, Leute, wenn ichs euch sage; habt doch wohl eure Knochen heut müde strapenziret. Hab' den da draußen predigen hören; wollt mal hören, was 's hier giebt, so wollt ich. Hä?«

Der Wirth, an den sich dieses Hä addreßirte, nahm das Wort, und versetzte in seinem Reichenwalder Dialekt: Ih nu, gnädiger Harre, wos werds Wunger synn? De Nochbern do hann den Luhmegester do gebaten...[31]

»Wen?«

Ih nu, gnädger Harre, den Luhmegester do. 'S is der Schullmeester, er sichts adder garne, wenn ma'n Luhmegester tittelirt. Er kann asn schiene lasen, doß 's 'ne Lust is. – –

– Meine Leser, hoff ich, werden mir den Reichenwalder Dialekt fürs künftige erlassen. Er läßt sich so wenig als das Plattdeutsche für Leute, die seiner nicht kundig sind, schreiben, und hat überdem seine eigne Melodie und Accent.

Der Wirth belehrte demnach den Edelmann, daß der Ludimagister, der so schön lesen könnte, den Nachbarn wöchentlich einen Abend vorzulesen pflegte, und dafür von der Gesellschaft frey gehalten würde. Heute Abend sonderlich hätte er 'n schnurriges Ding gelesen von'n Ritter, der gar'n abscheulich gewaltiger Ritter war ....

»Laßts man gut seyn, sagte der Edelmann; hab all'n bischen von gehört. Trinkt mal alle meine Gesundheit, und komm Er morgen früh mal zu mir, Schulmeister, und bring Er's Buch mit, versteht Er. Gute Nacht, Leute!«

Indem er dieses sagte, warf er ein Paar harte Thaler auf den Tisch. – Werde nicht ermangeln aufzuwarten, sagte der Ludimagister; danken Eu'r Gnaden auch sämtlich für die hohe Gnade! Tu das epulis accumbere diuum!

»Oh Schnack!« sprach der Pommersche Edelmann, und gieng weg, immer zum Dorfe hinaus; und voll vom hörnernen Siegfried kam er in seinem Schlosse an.

Wie Seine Gnaden die Schenke verlassen hatte, erhub sich ein Streit zwischen dem Wirthe und seiner Frau. Diese ließ ihren Eheherrn sehr übel an, und behauptete, er habe dem Edelmanne nicht mit der geziemenden Repetenz begegnet. Hättst'n doch 'ne Ehre anthun sollen, und 'n aus unserm gläsernen Kruge mit 'm zinnernen Deckel mal zutrinken sollen,[32] so hättst Du! und Herr Gnaden würde dir Bescheid gethan haben, und hättst denn 'n mal deinen Kindern erzählen können, und wenn 'n Reisender durchs Dorf kommen wäre, daß der gnädge Herr wohl eher aus unserm schönen Kruge getrunken hätte, und hättst den Leuten den Krug weisen können, so hättst Du. Aberst so that er den Herrn Gnaden nicht 'n mal 'n Stuhl anprimisiren, der Schlumpenschleef! –

Seht mir doch die kluge Sabille! ewiederte der Wirth. Meynst auch, daß man en'm Edelmanne nur so zutrinkt, und daß er einem da so gleich Bescheid thut! Da würd er dir Butter dran gethan haben, siehst Du! Wird dir da auch nur so sitzen gehn, ha! Meynst nur, weil du mal in der Stadt gedient und ein Paar vornehme Wörter aufgeschnappt hast! Aber wirst wohl all mein Tage 'ne dumme Jitte bleiben.

Ich 'ne Jitte? sagte die Frau, und die Borsten auf ihrem Haupte empörten sich. – Es würde arg geworden seyn, wenn der Ludimagister sich nicht ins Mittel gelegt hätte. Der sprach pro Rostris, und war der Meynung, sie könne ganz schicklich die Jitte mit dem Schlumpenschleef kamp auf gehen lassen. Die Eintracht ward hergestellt, deß brüstete sich der Schulmeister, und wiederholte wohl zehnmal an diesem Abend die Stelle aus dem Virgil, die er aber nicht aus dem Smetius hatte:

Tum pietate grauem et meritis si forte virum quem Conspexere, silent!

Einen fürwitzigen Bauern, der ihn bat, er mögte ihn doch den Spruch ausdeuten, fertigte er damit ab: das Latein würde zu nichts in der Welt taugen, wenn man dergleichen auf Deutsch sagen wollte. Laßt uns dafür des gnädigen Herrn Gesundheit trinken. Er hats befohlen, und seiner Obrigkeit soll man gehorchen, wie das vierte Gebot sagt.[33]

Recht so! rief der Wirth. Komm her, Frau! keinen kindischen Groll mehr! Da, schenk ein! – Und die Gesellschaft zechte diesen und den folgenden Abend aufs Wohlseyn Seiner Gnaden, bis die zwey Thaler verzehret waren.

1

Orlando furioso, Cant. XXXIII, XXXIV.

Quelle:
Johann Gottfried Müller: Siegfried von Lindenberg. Hamburg 1779, S. 27-34.
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