XXII. Von Zwergen.

[355] Es erzehlet Andreas Thevetus in seiner Cosmographiâ orientis, cap. 40. p. 143. daß er zu Cayr in Ægypten 5. über die massen kleine Zwerglein gesehen habe / welche durch die Stadt gewandert ihrer Handlung nach. Sie gingen mit kurtzen Schritten / jedoch gar erbar / und wurden von 2. Janitscharen begleiten. Sie waren gekleidet nach der Art des Landes. Das gantze Volck versamlete sich in den Strassen sie zu sehen / und verwunderten sich ihrer Bescheidenheit und Freundligkeit / also / daß die Türcken und Mohren ein sonderlich Gefallen hatten / an ihrer fremden kleinen Gestalt. Wenn sie in Ægypten kommen mit den Indianern / ist es zu verwundern /[355] wie sie ein Hauffen kleine Wahren mitbringen / welche sie außwechseln umb andere Wahren der Orts und fürnehmlich ümb Corallen.

2. Marcus Anton. der Römer / hatte einen Zwerg von 2. Spannen / mit Namen Sisyphus, war ein Mensch fürtrefflichen Verstandes. Grundmann in Geschicht-Schule / p. 402.

3. Churfürst Johann. Sigism. zu Brandenburg hatte einen Zwerg an seinem Hofe / mit Namen Just Bertram, war eines Braunschweigischen Bauren Sohn / an der Grösse nicht länger als 2. Werckschuh / war sehr schön / ohne daß er etliche Runtzeln im Gesichte hatte: Die Glieder des Leibes waren gar förmlich und wohlgestalt / (welches doch bey solchen Zwergen seltzam /) hatte ein aufgemuntertes Gemüth und guten Verstand / feine höffliche Sitten / und war bey 15. Jahren damahls alt / als ihn ein Pferd / dergleichen er sonst etliche / so seiner Länge anständig / zu halten und mit denselben wohl umbzugehen wuste / zu Dantzig abgeworffen / darvon er kurtz vor seinem Herrn / dem Churfürsten gestorben ist. Joh. Cernitius in Histor. X. Elect. Brandb.

4. Es meldet Nicephorus, daß in / Ægypten / bey Regierung Käysers Theodosii, ein kleiner Mann / in der Grösse eines Rebhuns gewesen / der[356] mit gutem Verstande begabet / wohl reden und lieblich singen können. Lib. 12. c. 37.

5. Bey Hertzog Wilhelms in Bäyern unnd Fräuleins Renaten aus Lothringen gehaltenem Beylager zu München im Febr. des 1568. Jahrs ist unter andern Schauessen eine Pastete auffgesetzet worden / darinn des Ertzhertzogs Ferdinandi von Oesterreich Zwerglein in einem gantzen wohlgeputztem Kürisse und Rennfahne verborgen war / der über drey Spannen nicht groß gewesen. Als nun solche Postete auff die Fürstl. Brauttaffel gesetzt und eröffnet worden / ist das Zwerglein heraus gesprungen / auff der Taffel ümbgangen / und gesungen auch denen Fürstl. Personen / mit Höffligkeit die Hand gebothen. In solcher Pasteten sind auch biß in 40. wohlbereitete Speisen gewesen. Zeilerus Cent. 3. Ep. 90.

6. Im Jahr Christi 1551. hat man ein kleines Männlein in einem Kefia / worin man sonst die Psittig pflegt ein zu schliessen / zur Schau herumb geführet /welches nur eines Ellenbogens lang gewesen. Cardanus de Sutil l. 11.

7. D. Laurenberg in Acerr. Philol. Cent. 2. c. 52. pag. 115. Welche Freyheit die Poeten / unnd sonderlich die Griechischen / im dichten und lügen gehabt /will ich auch für Augen stellen in Exempeln etlicher magerer Leute / deren in den[357] Griechischen Epigrammatibus gedacht wird. 14. Der erste wird allda Hermon, ist so leicht und daheneben so künstlich gewesen / daß er mit seinen gantzen Leibe hat springen können durch ein Nehenadels Auge / dadurch man den Faden zu ziehen pfleget. 2. Der ander Demas, ging zum Spinnengeweh / daß in der Lufft hieng / sprang nicht allein behende hinauff / sondern tantzte auch darauff gar künstlich / so lange biß die Spinne kam / und ihm einen Faden an den Halß span / dadurch sie ihn in die Lufft zoge / die Kehle zuschnürte / und also den guten Kerl Demas erhenckte und tödtete. 3. Der dritte Sosipator, war so kneulicht und subtil, daß er konte von keinem Menschen gesehen werden / weil er anders nichts war als Geist und Othem. 4. Nun folget einer genant Marculus, der so klein / daß er mit seinem Kopff hat durchlöchern und durchbohren können ein Sonnensteubigen / und mit dem gantzen Leibe dadurch gehen. 5. Cajus ist so leicht gewesen / daß er ist gezwungen zu machen lassen bleyerne Sohlen unter die Schuhe. Denn er ward sonst vom Winde weggenommen / und zerstreuet wie Stoppeln. 6. Ferner / der Archestratus war so leicht / daß / da er von den Feinden ward gefangen weggeführet / und auff eine Wage gelegt / seine Schwere und Gewicht befunden[358] worden ohngefehr als ein halb Gersten-Korn. 7. Menestratus pflag auff einer Ameise zu reiten / wie auff einem Pferde; Es trug sich aber zu / daß er von der Ameise ward abgeworffen / unnd von ihr mit einem Fusse zu tode geschlagen. 8. Proculus wolte einmahl Feuer auffblasen / und flohe zugleich mit dem Rauch zum Schorstein hinaus. 9. Artemidorus lag einmahl bey Demetrio der da schlieff / und da Demetrius etwas starck Othem holete im Schlaff /warff er den Artemidorum mit dem Othem zum Fenster nauß. 10. Cheræmon war so kneulich / daß er nicht dürffte den Leuten zu nahe gehen / auff daß er nicht von ihnen mit der Lufft in die Nase würde gezogen / wenn sie Othen holeten.

Jetzt folget das Urtheil hiervon / wie es Sperlingius vorbringet / lib. 1. p. 257. etc. Aristoteles de hist. Animal. l. 8. c. 12. spricht: Es kommen aus denen Tartarischen Feldern in Egypten an die Sümpffe / da der Fluß Nilus hervor kömpt / viel Kraniche / da die Pygmæi oder Zwerge mit ihnen streiten sollen. Denn solches ist kein Gedichte; Sondern es giebt warlich solche kleine Menschen unnd Pferdelein / wie man saget / und solche wohnen in den Hölen der Erden / daher sie Troglodiitæ genennet werden / das ist / Lochkriecher. Plinius saget so viel lib. 7. c. 2. über[359] diese / in denen äussersten Theilen des Gebirges / sollen Zwerge wohnen / in der Länge von drey Spannen / in einer gesunden Lufft / da es gleichsamb immer Früling ist / unnd zwar auff Bergen / so Norden entgegen liegen. Von diesen hat Homerus vorgegeben / daß sie von den Krannichen angefochten würden. Weiter spricht man / daß sie auff Ziegen unnd Böcken reiten / unnd Waffen in den Händen haben / gegen die Frülings-Zeit / da sie Hauffen-weise nach dem Meere zuziehen / umb deren Vogel ihre Eyer unnd jungen zu nichte zu machen. Unnd solchen Krieges-Zug sollen sie durch drey Monat lang vornehmen / sonsten würden sie nicht bleiben können / wenn die Vögel sollen zunehmen. Ihre Hütten sollen aus Leim-Federn der Vögel unnd Eyerschalen bestehen. Weiter schreibet Weinrichus de monst. cap. 21 pag. 201. Welche heute zu Tage ihre Reisen fortgesetzet haben / die sprechen / daß sie an jenen Oertern dergleichen Leute von ungebräuchlicher kürtze angetroffen haben: Ja sie sollen noch kleiner seyn / als man gedencket / wiewohl die Weiblein dennoch die Männer in der Länge übertreffen. Ferner sollen an einem Orte nicht viel bey einander[360] wohnen / unnd zwar haben sie ihre Gesetze unnd Fürsten / so musten sie auch Schoß geben / unnd gehorchen / wenn sie zusammen kommen sollen: Ihre Nahrung nehmen sie aus den Jagten / unnd haben Büchsen unnd Pfeile / unnd können mit trefflicher Geschwindigkeit das Wildwerck verfolgen / über die höchsten Bäume / da sie wie Eichhörner von einem zum andern springen: Unter sich haben sie zwar kein Recht: Sie trincken das Blut der Beeren mit Wasser vermischt. Sonsten können sie zaubern / unnd so sie von einem verletzet oder sonst außgelachet seynd / unnd solchem was mit Worten andräuen; Solches soll flugs an deren Leiber hafften. Bißhieher Weinrichius. Aber weiter vernimmt man über dieses Wunderding / und das allen Glauben übertrifft / mehr nichts / als daß es gehöret unnd gesaget wird. Wenn nun aber ein Naturkündiger alles vor gut auffnehmen sollte / was dahin geschwatzet wird; Mein / was würde die Physica für ein ungeheures Ding seyn? Ey wie kan das von einem Menschen glaublich seyn / daß er auff Ziegen unnd Böcken reiten sollte / unnd mit bewehrter Hand den Kranichen entgegen kommen / von einem Baum auff den andern wie die Einchhörner springen / unnd was[361] das andere Fabelwerck mehr ist? Es müssen unterschiedliche Grad der vernünfftigen. Seelen auff diese Masse seyn / wie Scaliger spricht: Dergestalt daß die Natur von einem weisen Mann angefangen / unnd das Menschliche Geschlechte durch die Cannibales, Finnmärcker / etc. Zwerge / Affen biß zu den Meer-Leuten fortgesetzet hätte. Unnd ob gleich Weinrichius spricht / daß man denenselbigen Leuten Glauben beymässen solle / welche uns solches verkündiget haben: So (ich rede solches ohne Verletzung seines Namens /) muß er doch wissen / daß solcher leichtlich betrogen werde / wer bald glaubet: Wir müsssen denen glauben / spricht er / welche und dieses beygebracht haben: Ungeachtet / ob ich gleich wohl weiß / daß die jenigen / welche was gereiset haben unnd aus dem Kriege sind kommen / einen schlechten Credit haben; Als wenn dieselbigen allein tapffer lügen könten. Doch gilt das hier nicht / weil es von vornehmen unnd vielen Leuten auff einerley Art unnd Weise vorgebracht wird. (Aber Fama malum etc. Die Leute pflegen von dem ihrigen viel hinzu zu thun / unnd machen aus einer Fliege einen Elephanten: Die Rancker zeugen aus ihrem eigenen[362] Leibe Spinnen-Gewebe; Also ertichten auch viel Leute manches Schnackisches Ding aus ihrem Gehirn. Der Wiederhall machet aus einer Stimme wohl zwo / oder drey: Also vermehren es die verdächtigen Menschen nicht minder / was sie gehöret unnd gesehen haben. Dieser hat einen Mann / eines Ellenbogens lang gesehen / im Vogelbauer eines Papageyen herumb führen. Ein ander ein Mägdgen von neun Jahren / das dennoch nur so groß gewesen / als ein Einjähriges. Ein ander hat andere Zwerge oder kleine Menschlein gesehen: Und daher wird aus einer einfachen Warheit / eine zwey / ja dreyfache Lügen. Es ist denckwürdig / was der berühmte Spiegelius saget / in de hum. corp. fab. lib. 1. c. 7. Ich halte es dafür daß es Poetische Mährlein seyn: Wiewohl sie der Aristoteles dafür gar nicht halten kann / sondern eine warhafftige Histori drauß machet / 8. hist. anim. 12. Ich aber / daß ichs nicht gläuben kan / bin darzu veranlasset worden / theils durch des hochgelahrten Strabonis Autorität / 1. Geogr. Theil werde ich noch mehr darzu bewogen / weil zu unser Zeit / kein Theil der Welt unterlassen ist / welches nicht durch die fleissigen Schiffer sollte durchgestanckert worden seyn: Und doch dennoch[363] von solchem Wesen nicht das geringste gesehen oder gehöret worden. Hierzu tritt / daß Franciscus Alvares, ein Portugiese / der die jenigen Oerter selber besichtiget /welche Aristoteles denen Pygmæis selber zu erkennet; Nemblich dadurch der Nilus in Egypten fleust / nirgendwo eine solche Menge der kleinen Leute vermercket hat; Sondern spricht / daß daselbst Mohren wohnen von mittelmässiger Grösse. Unnd also kann ich aus den Pygmæis keine monstra machen / weil sie nicht in rerum Naturâ seyn. Bißhieher jener: Recht so: Er bekömpt ferner eine Krafft unnd Beystand vom Zeilero in Trauer-Geschichten Histor. 7. pag. 213. Ob wohl solches einer auch zu Hause / hinter dem Ofen / aus denen Büchern lesen / unnd aus denen Landtaffeln etlicher massen ersehen kann / so ist es doch viel nützlicher unnd anmuthiger / wenn einer solches alles in der Person sihet unnd erfahret. Denn von hören sagen / und aus den Büchern unnd Tafeln / kann einer nicht allezeit die eigendliche Warheit überkommen: De longas vias, muchas mentiras, von weiten leugt man gerne / sagt das Spanische Sprichwort. Und seynd die Leute also beschaffen / das sie gerne das / was fern entlegen / über die massen erheben /weiln uns entweder unsere[364] Sachen nicht gefallen / oder wenn wir von gemeinen Sachen reden sollten / man unsere weite Reisen für nichts halten würde. Zu dem / so endert unnd verliert sich viel Dings / und dennoch vermeynt einer / der dergleichen bey den Scribenten lieset / es wären solche Sachen noch verhanden / und betreuget dahero offt sich unnd andere damit. Wie ich zum Beweiß allein von Charenton / bey Pariß / sagen muß / von welchem so viel Reisebücher und andere / sonderlich Merula am 370. Blat seiner Cosmographi melden / daß nahe dabey ein Echo, oder Wiederhall 13. mahl die Stimm wiedergebe / da doch solcher / wegen Gebäu eines neuen Carmeliten Closters / nicht mehr allda zu finden. Was nun von einem solchen schlechten Dinge gesaget worden / das finden die / so da reisen / auch in viel wichtigern Sachen. Die Mappen oder Land-Taffeln belangend /weiß jederman / so sich nur ein wenig darauff verstehet / daß solche sehr falsch seynd: Unnd wann ein Obrister sich nach denselben richten wollte / dörffte es ihm / wie dem König Cyro, in dem unbekandten Scythierland / ergehen / etc.

Im übrigen / wer von den Zwergen noch mehr zu lesen begehret / der kann davon nachschlagen[365] ein besondern Tractat des Casp. Bartholini de Pygmæis. Adde Zeilerum Tom. 2. Epist. 422. p.m. 402. ex Olai Magni cap. 9. lib. 2. de Gent. Septentrion. & Epist. 553. p.m. 879. Von denen Gammadæis, Buxtorff in Lexic. Manual. Hebr. p.m. 118.


ENDE.[366]

Quelle:
Praetorius, Johannes: Anthropodemus plutonicus. Das ist eine neue Welt-beschreibung [...] 1–2, Magdeburg 1666/67, S. 355-367.
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